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Crimson Green

Chapter Text

Carson

“Ich bin Arzt. Ich kann helfen.“ Bat Carson zögerlich an. Die große, grüne Kreatur in der Alien Maschine wirkte beängstigend. Gefährlich. Nichtsdestotrotz sah Carson deutlich den Schmerz in den Augen des Wesens. Verdammte Axt, er war Arzt! Wie konnte er so tief sinken mit einer geladenen Waffe auf einen Verletzten zu zielen?! Hatte er nicht geschworen niemals einem Lebenden Wesen etwas anzutun? Sehr langsam, auf jede Bewegung des Wraiths achtend, trat er vorsichtig näher. „Lassen sie mich Ihnen helfen. Bitte.“ Zum Zeichen des Vertrauens verstaute der Doktor seine Waffe in seinem Waffengürtel, und hob beschwichtigend die Hände.

Bevor er jedoch einen weiteren schritt auf den Wraith zugehen konnte, ließ ein lautes Fauchen aus dessen kehle ihn zusammenzucken und innehalten. Der Wraith wirkte angespannt, die Zähne gefletscht, der Blick wild – wie ein Raubtier, das kurz vor dem Angriff stand. Carson sollte eigentlich Todesängste durchleben – ein Teil von ihm tat das auch, doch etwas an dem Wraith sagte ihm, dass dessen Feindseligkeit nicht auf Carson gerichtet war. Begreifend wirbelte der Doktor herum und suchte die Gegend mit Blicken ab. Dann sah er sie: Colonel Sheppard und seine Marines traten aus dem Wald hervor – die Maschinengewähre angehoben, die Finger am Abzug. Carson reagierte blitzschnell und sprang, ohne nachzudenken in die Schussbahn zwischen Sheppard und den Wraith. „STOPP! Er ist verletzt!“ rief er den Soldaten zu. Sheppard hielt tatsächlich inne, senkte aber nicht seine Waffen. „Treten sie zur Seite, Doktor. Er ist eine Gefahr für uns alle!“ „Im Moment sind Wir die einzige Gefahr hier! Ich werde nicht erlauben, dass sie auf einen meiner Patienten schießen!“ Carsons Stimme klang fest und entschlossen. In Überraschung verschluckte Colonel Sheppard sich, und hustete auf. „Habe ich mich gerade verhört? Patient? Carson, pfuscht das Ding in ihrem Kopf herum? Er ist ein Wraith!“ Was der Colonel sagte, gefiel Carson gar nicht, der abfällige Ton machte ihn beinahe wüten. Dennoch wurde ihm plötzlich sehr bewusst, dass er mit dem Rücken zugewandt in unmittelbarer Reichweite eines verletzten, vermutlich sehr hungrigen Wraith stand…

‚Reiß dich zusammen! du bist Arzt, du Idiot! Genau das ist es, was du geschworen hast zu tun!‘ ermahnte er sich in Gedanken selbst ehe er beschloss, dass ihm dieses Risiko egal war. „Ich bin vollkommen bei Sinnen und der Einzige, der in meinem Kopf herumpfuscht. Sehen sie ihn sich an! Er ist kaum in der Lage sich in seinem Sitz zu halten! Glauben sie wirklich in DIESEM zustand wäre er in der Lage meine Gedanken zu kontrollieren? Jetzt stecken sie ihre verdammten Waffen weg! Es sei denn sie wollen mich mit ein paar Kugeln durchlöchern. Eine andere Möglichkeit den Wraith zu treffen, werde ich ihnen nämlich nicht geben.“ „Das ist exakt das, was ein Wraith, der in ihren Gedanken herumpfuscht sie sagen lassen würde!“ Antwortete der Colonel unbeeindruckt. Dennoch senkte er vorsichtig seine Pistole und wies seinen Marines an dasselbe zu tun. Erleichtert atmete Carson aus. Ihm war klar, dass John ihn niemals mutwillig verletzen würde. Doch wenn er dies als Notsituation eingestuft hätte, hätte er sicherlich ein paar Wahnschüsse abgegeben, um Carson aus dem Weg zu bekommen. Zum Glück hat er das nicht getan. Stattdessen wies er nun seine Soldaten an, den Jäger und seinen Piloten zu umstellen, und jeden Atemzug des Wraiths zu beobachten. Sollten sie nur machen, solange sie Carson bei der Behandlung nicht in die Quere kamen.

Als Carson sich umdrehte, um endlich die Verletzungen des Aliens zu untersuchen, bemerkte er, dass er wohl unbewusst immer weiter vor Sheppard zurückgetreten ist, und nun direkt vor dem Wraith stand.  Der uralte Alien Krieger hätte ihn mit Leichtigkeit überwältigen und sich an ihn nähren können. Zum glück hatte er davon abgesehen. Stattdessen betrachtete er den Hilfsbereiten Menschen jedoch nur. In seinem Blick erkannte Carson unterdrückten Schmerz und… Neugier?

 

Crimson

Seine Ganze Welt war Schmerz. Crimson hatte sich seit Wochen nicht genährt. Er konzentrierte seine verbliebende Kraft darauf, die bedrohlichsten Verletzungen zu heilen. Der Absturz hat jedoch schwer gewesen. Er fühlte zahlreiche innere Blutungen, eine Rippe hatte sich in seine Lunge gebohrt, außerdem blutete er aus zahlreichen Mal mehr, mal weniger tiefen Wunden über seinen ganzen Körper verteilt. Wraith konnten eine Menge überleben… Aber es gab grenzen…

Er fühlte die Mentale Verbindung zu seinen Brüdern. Sie trauerten um ihn… Hunderte von Stimmen, Gefühlen und Gedanken… Einer war besonders stark – eine Weibliche Präsenz. Seine Königin.

‚Es gibt keine Möglichkeit dich rechtzeitig zu erreichen, um Kraft mit dir zu teilen… Du hast mur und unserem Schiff gut gedient, Crimson. Du verlässt uns voller Ehre und in dem Wissen, dass all deine Brüder und deine Königin dich niemals vergessen werden‘

Crimson erzitterte, als er die sanfte Gedankenstimme seiner Königin wahrnahm. Es war also wirklich hoffnungslos. Furcht und Bedauern fluteten seinen Körper… Er war noch jung, noch nicht einmal seine ersten fünfhundert Jahre hat er durchlebt. Crimson wollte noch nicht sterben… Doch er würde es bald. Seine Brüder spürten es. Auch Crimson nahm wahr – seine Kräfte verließen ihn und seine Sicht verschwamm… traurig öffnete er die Kapsel seines Jägers. Er wollte wenigstens noch einmal ungefilterte Luft atmen und den Himmel sehen, bevor ins Jenseits hinüber ging. Vielleicht konnte er ja noch ein letztes Mal den Schatten seines Basisschiffes, auf dem er fast sein ganzes Leben verbracht hatte, in der Atmosphäre schweben sehen…

Das erste, was er sah, als er hinausblickte, war jedoch ein verängstigter Mensch, der eine Waffe auf ihn richtete. Die verzweifelte Hoffnung, dass er sich doch noch nähren konnte, bevor seine Zeit um war regte sich in Crimson. Es sah einfach aus. Die Waffe war nicht sonderlich groß und die Hand des Menschen zitterte. Er wäre leicht zu überwältigen. Seine letzte Kraft realisierend versuchte der Wraith sich aus seinem Sitz hochzustemmen und auf die Beine zu kommen…

Doch er schaffte es nicht einmal sich von der Lehne zu lösen, geschweige denn seine Beine zu benutzen, …

Crimson musste einen erbärmlichen Anblick abgeben, wie er da mit seinem Sitz kämpfte… Die Nahrung war so nah, und doch unerreichbar… Für eine Sekunde wünschte er sich, der Mensch würde ihn mit seiner kleinen Waffe doch endlich erlösen… Doch das tat er nicht. Im Gegenteil, er senkte sie und steckte sie weg.

„Ich bin Arzt. Ich kann helfen.!

Beinahe lachte Crimson. Der Mensch würde ihn nur einsperren und Experimente an ihm durchführen, so wie Alle Menschen es tun würden. Niemals. Crimson bevorzugte den Tod.
Noch einmal bemühte Crimson sich, sich von seiner Lehne abzustützen. Diesmal jedoch um das Kontrollpult zu erreichen, und die Selbstzerstörung seines Jägers zu aktivieren. Mitten in der Bewegung hielt er jedoch inne. Seine Sinne alarmierten ihn. Mehr Menschen. Er hörte sie kommen. Aufmerksam sondierte er die Umgebung. Dann sah er sie Kommen: Sechs Männer mit großen Waffen. Ganz anders als dieser sogenannte ‚Arzt‘ Wirkten diese Männer, als wüssten sie ihre Waffen zu benutzen. Sie würden Crimson erschießen, bevor er die Kontrollen aktivieren konnte. Was dann geschah hätte Crimson niemals erwartet. Der Arzt sprang vor ihn und beschützte ihn mit dem eigenen Körper., während er energisch auf die anderen Menschen einredete. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt für den Wraith die Selbstzerstörung zu aktivieren. Die Explosion würde sie alle mit in den Tod reißen. Doch er tat es nicht. Die Szene, die sich ihm bot, war viel zu absurd und weckten Crimsons Neugier. Was dachte der Mensch, was er da tat? Sein Leben verschonen, um Crimson doch noch gefangen zu nehmen? Naja, lange hätten sie nichts von ihm, die Verletzungen rissen ihn nach und nach immer weiter aus seinem Leben heraus.
Dennoch, etwas in dem Wraith wollte durchhalten, sich an jede Hoffnung klammern und überleben.
Jeder Wraith würde einen Tod in Ehre einem Leben in Gefangenschaft vorziehen. Doch Crimson war jung und naiv – alles, was er wollte, war leben!

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf kappte er seine Mentale Verbindung zu seinem Basisschiff, seine Brüder in dem Glauben lassend, er sei Tod, und ergab sich seiner Schwäche…

 

Als Crimson das nächste Mal die Augen öffnete, lag er auf kaltem, steinigem Boden. Seine Brust war entblößt und etwas brannte entsetzlich in seinen wunden. Jede Berührung sandte Schockwellen durch seinen ganzen Körper. Entfernt nahm er das leise Summen eines Kraftfeldes und kalte, angespannte Befehle die streng gerufen wurden wahr. Er blinzelte – zumindest glaubte er das, denn er befand sich plötzlich auf einer trage und war in Bewegung. Dann wieder – er lag auf etwas kaltem, metallenem, um ihn herum strahlten helle lichter und ein scharfer stich bohrte sich seinen arm und injizierte etwas in seine adern. Danach verließ ihn vollends das Bewusstsein.

 

__________________

 

Langsam kamen seine Empfindungen zu ihm zurück. Zuerst ein leises Summen, dann die kalte Luft, die ihn umgab, und schließlich wie ein eiserner Faustschlag der schmerz in seinem ganzen Körper. Ein gequältes Keuchen entkam seinen Lippen als er sich in Agonie auf dem Boden krümmte. Minuten vergingen. Stunden. Tage? Crimson hat jedes Gefühl für zeit verloren. Jede Sekunde der Pein kam ihm wie Jahre vor.

Plötzlich hörte er stimmen. Der junge Wraith war nicht mehr allein. Mit aller macht biss er die zähne zusammen, setzte sich auf, und bemühte sich jedes Anzeichen von Schmerz auf seinen Zügen zu verbergen. Er war ein Wraith. Er zeigte sich anderen nicht leidend. Tief einatmend schloss er die Augen und zwang sich, sich zu beruhigen. Als die schere Eisentür ihm gegenüber sich öffnete, hockte er an der Wand, einen entschlossenen Ausdruck im Gesicht, bereit jederzeit aufzuspringen und sich zu verteidigen. Was ihn erwartete waren allerdings keine bewaffneten Soldaten, bereit ihn zu foltern und zu töten. Naja, bewaffnet waren die Soldaten schon, und wenn er ihre Blicke richtig beurteilte, waren sie mehr als bereit ihm alles Mögliche anzutun. Jedoch wurden sie geführt von einem aufgebracht meckernden Mann, der seine Wut auf sie – nicht auf den Wraith vor ihm richtete. Nach einigen Momenten erkannte Crimson den ‚Doktor‘, der ihm nach seinem Absturz begegnet war.

„Wraith, Wraith, Ja verdammt, ich weiß, dass er ein Wraith ist. Und ja mir ist bewusst, dass seinesgleichen uns, ohne mit der Wimper zu zucken ausweiden und verspeisen würden. Aber das heißt verdammt nochmal nicht, dass wir genauso handeln müssen! Nicht zu glauben, diese sturen marines und ihre Intoleranz…“ Die letzten Worte murmelte der Doktor eher zu sich selbst als zu irgendjemandem im Raum, ehe er wütend die Hand erhob und mit genervter stimme befahl: „Jetzt deaktiviert das verdammte Kraftfeld. Nur weil sie ihn nicht in meiner Krankenstation erlauben, heißt das nicht, dass ich seine wunden nicht untersuche, nachdem sie ihn hier so gefühlskalt in den Dreck geschmissen haben.“

Trotz höllischer Schmerzen musste der junge Wraith ein Schmunzeln unterdrücken. Seine Situation war alles andere als optimal, aber der Zwiespalt dieser Menschen, die eigentlich auf derselben Seite standen amüsierte ihn.

Das Lachen verging ihm allerdings ganz schnell wieder, als das Kraftfeld, das ihn in seiner Zelle hielt, deaktiviert wurde und er beinahe in derselben Sekunde von einem betäubungsstrahl getroffen wurde. Wütend knurrte der junge Wraith auf, als sein Körper paralysiert zu Boden fiel, und der harte Aufprall neue wellen der Agonie durch seine Adern jagte…

„OI! Habe ich euch erlaubt meinen Patienten zu betäuben? Jetzt reißt euch zusammen, sonst erkläre ich euch als Leiter der medizinischen Abteilung für arbeitsunfähig!“ Ich drohte der Doktor wütend, ehe er an Crimsons Seite in die Knie ging.

„Sie sollten Ihren Soldaten Danken ‚Doktor‘“ Das letzte Wort sprach Crimson mit einem spöttischen Ton aus. „Ich würde Ihnen sofort, ohne zu zögern das Leben aus dem Leib reißen und dann jedem einzelnen ihrer Freunde den Hals umdrehen.“

Herausfordernd blickte er dem Menschendoktor in die Augen. Dieser lächelte nur traurig und nickte. „Ich weiß“ antwortete er, ehe er einen Koffer neben sich abstellte und öffnete. Crimson spürte, wie sein Hemd geöffnet wurde und klebende Stoffstreifen von seinen Wunden entfernt wurden. Oh, wie gerne würde Crimson dem Mann alle Knochen brechen… Er hasste es hilflos zu sein!

 

Carson

Es war eine einzige Tortur. Seid Carson ihren außerirdischen Gast nach Atlantis gebracht hat, musste er ständig aufpassen, dass keinem der schießwütigen Marines der Finger am Abzug ausrutschte. Und wäre das nicht schon schlimm genug, hingen ihm diese Bürokraten von der Erde an den Fersen und verlangten eine Rechtfertigung für das, was er tat. Verdammt, war er denn wirklich der einzige Mensch in der Galaxie, der auch nur ein bisschen Vernunft und Mitgefühl in den Knochen hatte?

Ja, dieser Wraith würde sie, ohne mit der Wimper zu zucken alle Töten, wenn er könnte. Aber so, wie sich seine Kollegen verhielten, konnte Carson ihm das nicht einmal richtig übelnehmen.

Als er neben dem betäubten Wraith in die Knie gegangen ist, bereitete er seine medizinische Ausrüstung vor, und zog sich ein paar sterile Handschuhe über, bevor er seinen Patienten berührte. Vor fast einer Woche hatte er den Wraith operiert, als sie ihn hierhergebracht haben. Carson kannte sich nicht besonders mit Wraith Biologie aus, aber gebrochene Knochen waren bei jedem Wesen Gleich. Und wenn zerbrochene Rippenbögen Organe durchstießen, mussten diese gerichtet, und die Verletzungen genäht werden. Carson musste zugeben, dass diese Operation ihm ein paar interessante Einblicke gewährt hatte und er vieles über die fremde Rasse gelernt hatte. Dennoch war sein einziges Ziel den Wraith am Leben zu halten.

Colonel Sheppard and Elizabeth hatten ihm nicht erlaubt den Wraith zur Beobachtung auf der Krankenstation zur Beobachtung zu behalten. Noch bevor die Anästhetika den Blutkreis des Aliens verlassen hatten, wurde er in die Katakomben der Stadt in eine Zelle befördert. Zu seinem Glück hat er heute das erste Mal das Bewusstsein wieder erlangt - Dieser arme Wraith musste Höllenqualen leiden. Keine Schmerzmittel, keine Nahrung, keine Sterile Umgebung, nicht mal seine eigene Kleidung wurde dem Alien gelassen. Nur eine Dunkle, kalte Zelle.

„Das wird jetzt brennen und höllisch weh tun. Es hätte sich vermeiden lassen, hätten sie mir früher erlaubt dich zu besuchen. Es tut mir leid.“ Seufzte Carson, als er das viel zu luftige leinen Hemd des Wraith geöffnet hatte, und die Kompressen von seinen wunden entfernt hatte.

Einige der wunden hatten sich entzündet und sonderten eine Flüssigkeit ab, die wohl mit Eiter zu vergleichen war. Carson hatte es nicht geschafft diese schon bei der Operation zu behandeln, da die Soldaten ihm seinen Patienten vom Tisch geschnappt hatten, kaum dass er die gefährlichsten Verletzungen behandelt und ihn zugenäht hatte. Was er jetzt tat, würde dem armen Wraith weit mehr Schmerzen bereiten, als es sein müssten. Vorsichtig begann er mit Watte Stäbchen und kompressen die zahlreichen Wunden am Körper des Gefangenen zu säubern. Der Wraith gab dabei keinen Ton von sich – dank der Betäubungswaffe konnte er nicht zucken und Carson den Prozess erschweren, aber er wusste, dass sein Patient höllische Qualen mit jeder Berührung des brennenden Desinfektionsmittels leiden musste.  Einige der Verletzungen konnte er nähen, andere mussten offenbleiben, damit er sie täglich reinigen konnte. Vorerst bedeckte er aber alles mit frischen, sauberen binden, und knotete das Leinen Hemd, das man dem Wraith angezogen hatte, wieder zu. Carson nahm sich vor herauszufinden, wo man die Kleidung des Aliens hingebracht hatte, oder ihm wenigstens ein paar andere, angemessenere Kleider zu besorgen, die ihm passen. Feind oder nicht, wenigstens seine Würde könnte man ihm doch lassen…

„Ich werde morgen wiederkommen. Ihre Wunden müssen versorgt werden. Ich weiß, Sie wollen sich von keinem von uns etwas sagen lassen, aber… versuchen Sie sich etwas auszuruhen. Und halten Sie die wunden Sauber.“ Der Wraith würdigte ihm keines weiteren Blickes. Er konnte nur hoffen, dass ihr ‚Gast‘ sich an seine Empfehlungen hielt. Für ihn hieß es nun allerdings erstmal zurück in Elizabeths Büro und die Diskussionen ob er den Wraith besuchen durfte oder nicht erneut starten…

 

Crimson

Nachdem das Kraftfeld wieder aktiviert wurde, und die Wachen den Raum verlassen hatten, erlaubte Crimson es sich endlich schmerzlich aufzuatmen. Er schmeckte Blut, da er sich während der Behandlung auf die eigene Zunge gebissen hat. Bewegen konnte er sich noch immer nicht. Sosehr er es jedoch hasste es zugeben zu müssen, seine Wunden brannten weit weniger, nachdem der Arzt sie mit seinen Techniken – seien sie noch so archaisch und primitiv – gesäubert und geschlossen hatte.

Lediglich sein Hunger brannte unverändert unter seiner Haut wie Feuer durch seine Adern. Es forderte all seine Konzentration nicht verrückt zu werden. Aber er lebte. Und er würde hier rauskommen. Vielleicht noch nicht heute oder morgen, aber wenn eins sicher war, dann dass die Wraith eine Geduldige Rasse waren. Seine zeit würde kommen.

 

Wie angekündigt besuchte der Doktor ihn am nächsten Tag wieder. Trotz lautstarkem Widerspruch des Menschen, schossen die Wachen erneut einen Betäubungsstrahl auf ihn. Verdammt, das war vielleicht ein unangenehmes Gefühl… Aber er wehrte sich ein bisschen weniger, als am Vortag gegen diesen Zustand, da er wusste, dass die Behandlung ihm zumindest die Pein seiner Verletzungen lindern würde.

Die Tage vergingen, und der gleiche Ablauf widerholte sich jeden Abend. Oder war es Mittag? Crimson hatte lange jedes Zeitgefühl verloren. Die ganze Zeit über sprach er kaum ein Wort. Zuerst aus Trotz und Widerwillen, dann aber mehr und mehr aus Schwäche. Seine Wunden heilten nicht, auch nicht nach Wochen der Behandlungen. Diese Prozedur half vielleicht Menschen, aber sein eigener Körper funktionierte anders. Er brauchte Nahrung, musste den Heilungsprozess bewusst antreiben, vorher würde sich keine Zelle regenerieren. Dank des Doktors verschlimmerten sich die Verletzungen in dieser Kalten, schmutzigen Zelle aber auch nicht.

An einem Abend kam der Doktor plötzlich ein zweites Mal zu ihm in die Zelle. Heimlich diesmal, ohne bewaffnete Begleitung. In der Hand ein Schwarzes Bündel, dessen Beschaffenheit ihm bekannt vorkam.

„Hör zu, wenn es nach meinen Vorgesetzten ginge, wären Sie schon längst Tod und für Wissenschaftliche Untersuchungen freigegeben. Ich will Sie nicht bedrohen. Nur daran erinnern, dass Ich der einzige auf dieser Station bin, der zwischen Ihnen und dem Obduktionstisch Steht, bevor ich reinkommen.“
Die Stimme des Menschen klang unsicher und zitterig. Das weckte Neugier in Crimson. Tatsächlich tippte der Mensch etwas in eine Schaltfläche vor seiner Zelle ein, und das leise Surren des Kraftfeldes verstimmte. Crimson war sich nicht sicher ob dieser Mensch nun dumm oder mutig war. Seine Hand zuckte an seiner Seite. Das Nährorgan öffnete sich verkrampft und sandte schmerzliche Schockwellen durch seinen Körper. Doch Crimson ballte die Hand zur Faust und trat einen schritt zurück. Der Mensch hatte Recht. Stände er nicht zwischen ihm und den Soldaten, hätte man ihn schon längst getötet. Crimson beschloss zumindest diesem Exemplar vorerst nichts zu tun, sosehr sich sein Körper auch dagegen sträubte.

Entgegen jeder Vernunft kam der Mensch näher. „Es hat eine Weile gedauert, aber ich habe sie gefunden. Ich habe mir die Freiheit genommen das Blut heraus zu waschen.“ Verkündete wachsam, während er Crimson das Bündel hinhielt. Als er hinunter schaute erkannte er plötzlich – feinstes Zinoa Leder – seine Kriegeruniform. Er hatte sich schon gefragt, ob er in diesem würdelosen Fetzen der Menschen sterben würde. Mindestens genauso achtsam und misstrauisch wie der Mensch vor ihm, streckte er seine linke aus, und ergriff die Kleidung.
„Warum tun Sie das?“ entglitt ihm die Frage, noch bevor er sich beherrschen konnte.

„Das hat viele Gründe.“ Ich antwortete der Mensch ernst. „Ich bin Arzt. Ich will das beste für meine Patienten. In diesem Fetzen sind Ihre Verletzungen nur unzureichend geschützt. Außerdem bin ich der festen Meinung, dass Jeder – auch gefangene – das Recht auf ein bisschen Würde haben.  Was sagt es über uns Menschen aus, ein Wesen so leiden zu sehen, und dabei Freude zu empfinden. Ich stimme dem allen hier“ der Arzt machte eine umfassende Geste durch den Raum „kein Stück zu. Sie hätten Sie nach der Behandlung zurück zu Ihrem Jäger bringen sollen. Oder mir erlauben sollen Ihnen direkt vor Ort zu helfen, und dann wieder unserer Wege zu gehen. Ich hätte nie gedacht, dass aus Atlantis ein korruptes Gefängnis wird.“ Die letzten worte sprach er mit Abscheu aus, die Angst vor ihm für einen Moment komplett aus seinen Zügen verschwunden.

Einen Moment später schüttelte er jedoch den Kopf, und sah ihm direkt in die Augen.
„Wie auch immer, man wird merken, dass ich hier war. Es wird wohl auffallen, dass der Gefangene plötzlich andere Kleidung trägt. Ich gehe davon aus, dass das ärger und Diskussionen für mich bedeutet – die nächsten Tage werde ich deshalb vermutlich nicht vorbeikommen, um Ihre Wunden zu versorgen.“
Der Doktor Griff in die Taschen seines Kittels und zog eine kleine Plastikflasche sowie Stoffklebestreifen hervor.

„Ich habe Ihnen Desinfektionsgel, frische binden mitgebracht. Versuchen sie ihre wunden rein zu halten. Und das hier…“ der Doktor hielt einige der stoffstreifen extra hoch“ Sind Fentanylpflaster. Sie sind mit einem starken Schmerzmittel bestrichen, das über die Haut aufgenommen wird. Wenn der schmerz unerträglich wird, kleben sie sich eines davon auf den Oberarm. Ich bin mir nicht sicher, welche Dosierung für Wraith empfohlen wird“ ein beinahe belustigter Ton schlich sich in die Stimme des Menschen „Aber versuchen sie nicht mehr als eines dieser Pflaster alle 2-3 Tage zu benutzen. Die Wirkung hält lange an.“

Mit diesen Worten drückte der Doktor ihm die Materialien in die Hände – leider in beide Hände, ein zucken durchfuhr Crimsons Körper, als sein Nährorgan die fremden Materialien berührte - und wandte sich zur Tür um. Enttäuscht beobachtete er, dass der Mensch das Kraftfeld wieder aktivierte bevor er ging. Aber wirkliche Hoffnung auf einen Ausbruch hatte er sich ohnehin nicht gemacht. „Warten sie!“ rief Crimson, überrascht über sich selbst, dem Menschen hinterher. Dieser drehte sich ebenso erstaunt um, und blickte Crimson fragend an. „Verraten sie mir ihren Namen.“ Er sprach es eher wie eine Frage als wie eine Forderung aus. Der Mensch lächelte flüchtig. „Carson Becket.“

Seine folgenden Worte überraschten ihn noch mehr, aber Crimson entschied sich bewusst sie auszusprechen. Es kam ihm in diesem Moment einfach richtig vor: „Danke… Carson Beckett.“

 

Carson

Es dauerte nicht lange, bis Carson auf der Krankenstation besuch bekam. Er war darauf vorbereitet und er ließ sich nicht einschüchtern, als Elizabeth Weir mit vor Wut sprühendem blick in sein Büro platzte.

„Carson, was haben sie sich dabei gedacht? Schlimm genug, dass sie dieses Ding verarzten, jetzt brechen sie auch noch das Protokoll und statten ihm unberechtigte Besuche ab?“

Carson zuckte mit keiner Wimper, als die kleinere Frau immer näher an ihn herantrat, und ihn fest in die Augen sah. Carson erwiderte den Blick mit gewollter Lässigkeit und unbeeindruckter Ruhe.

„Gerade von Ihnen hätte ich erwartet, dass sie die Meinung des Militärs nicht teilen, Doktor Weir.“ Carson stritt sich in letzter Zeit oft, beinahe täglich mit seiner Vorgesetzten wegen ihres ungewollten Gastes. Aber diesmal schwang zum ersten Mal eine tiefe Enttäuschung und Traurigkeit in der Stimme des Doktors mit. „Ja, er ist ein Wraith. Ja, er hat schreckliches in seiner Vergangenheit vollbracht. Aber er hat keine andere Wahl? Er MUSS sich nähren. Das gibt uns lange nicht das Recht unsere Menschlichkeit zu begraben, und ihn wie ein Tier zu behandeln. Nein, streichen sie das. Tiere behandeln wir besser. Keiner nimmt es dem Löwen übel, wenn er die Antilope frisst. Wir respektieren ihn sogar dafür.“ Redete Carson sich in Rage. Diese Diskussion hatten sie unzählige Male geführt. Wie so oft, fiel Doktor Weir ihm ins Wort bevor er ausgesprochen hat. „Doktor Becket. Ihr Mitgefühl in allen Ehren, sie haben einen Direkten Befehl von mir missachtet und Atlantis in Gefahr gebracht! Ihr Verhalten ist untragbar. Haben sie denn gar keine Auen im Kopf? Die Wraith ernähren sich von uns. Kein Anzeichen des Mitgefühls. Die einzige Reue, die sie spüren ist die, dass sie sie alle paar Dekaden in Kryostasis versetzen müssen, damit ihre Beute sich wieder ernähren kann! Ja, sie sind weiterentwickelt als wir. Aber nutzen sie auch nur einen Funken ihrer Intelligenz dazu an einer anderen Lösung für ihr Nährverhalten zu suchen?“ „Bei Allem Respekt, das können sie nicht wissen, Doktor Weir. Bis vor einem Monat wussten wir noch nicht einmal, dass sie unsere Sprache beherrschen, woher wollen wir wissen, ob sie nicht an einer Lösung für ihren Hunger forschen?
Und überhaupt, haben sie jemals ein Schlechtes Gewissen der Kuh gegenüber verspürt, während sie in ihren Burger gebissen haben? Fühlen sie sich schlecht, dass die armen Tiere nach der Schwangerschaft ihrer jungen beraubt werden und an Maschinen angeschlossen werden, damit sie ihre Muttermilch trinken können? Sagen sie jetzt nicht schonwieder, dass das was anderes ist, da Kühe nicht intelligent sind. Im vergleich mit den Wraith sind unsere Hirnkapazitäten weit unter derer von Kühen.“ Stille legte sich über den Raum. Nur ihrer beider aufgeregter Atemgeräusche und die regelmäßigen Geräusche der Maschinen im Hintergrund waren zu hören. Oh ja, sie hatten diese Diskussion oft geführt. Und sie waren immer wieder in derselben Sackgasse gelandet. Carson hatte Recht. Aber Elizabeth hatte die befehlsgewallt.

„Ich dachte einen Zivilisten als Leiter der Atlantis Expedition einzusetzen wäre ein Segen. Aber sie setzen dem Militär nichts entgegen. Weil sie Angst haben, unterstützen sie die Kriegshandlungen der anderen. Aber sie vergessen: Wir sind Wissenschaftler. Keine Krieger.“ Damit wandte der Arzt sich von Elizabeth ab, und wandte sich wieder seinen Forschungen zu. Seine Vorgesetzte würdigte ihn keines weiteren Wortes mehr. Auch sie wandte sich um und ging auf die Tür der Krankenstation zu. Im Tür Ramen stand seit einigen Minuten Colonel Sheppard, der seine Nase mal wieder in fremde Angelegenheiten gesteckt hat, und sie scheinbar beobachtet hatte. „John, bitte sorgen sie dafür, dass Doktor Becket unter ständiger Beobachtung steht. Wenn er sich dem Gefangenen noch einmal nähert, setzen sie ihn unter Hausarrest.“

Carson knirschte mit den Zähnen. Genau das hatte er erwartet. Er hatte gehofft, dass seine Vorgesetzte zur Vernunft kam, aber sie enttäuschte ihn. Wenigstens hatte er den Wraith für die nächsten Tage versorgt. Carson hatte einen Plan. Er würde sich Still verhalten und auf seine Forschungen konzentrieren. So sehr ihn die ewigen Streitigkeiten mit seiner eigentlich guten Freundin und Vorgesetzten Elizabeth mitnahmen, so hatte sie ihn doch auf eine Idee gebracht. Seit einigen Wochen hatte Carson es sich zum persönlichen Ziel gesetzt den Hunger des Wraith zu stillen. Nicht auf die Herkömmliche Art und Weise. Nein, er war drauf und dran eine Formel zu entwickeln, mit der er einen Nahrungsersatz für den Wraith entwickeln konnte. Noch endeten die simulierten Tests, die er durchführte, unbefriedigend, aber Carson spürte, dass er seinem Ziel näher kam…

So verbrachte der Doktor die nächsten Tage konzentriert über seiner Arbeit. Hin und wieder kamen Patienten rein, die er behandeln musste, aber das dauerte in der Regel nie länger als 30 Minuten. Das Marines hatten ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den gefangenen Wraith gelenkt, weshalb es weniger Außeneinsetze gab und dementsprechend weit weniger Arbeit auf der Krankenstation.

Es dauerte fast eine Woche, bis Carson auf die Idee kam, die Zusammensetzung des Wraithenzymes zu verwenden! Natürlich, das war der entscheidende Faktor, der fehlte! Das Enzym war bei jedem Nährvorgang dominant und veränderte die Biomasse die Aufgenommen wurde! Für einen Moment überlegte Carson ihrem Gast einen Besuch abzustatten, und um eine frische Probe zu bitten. Dank Sheppards Männern, die ihn keine Sekunde aus den Augen ließen, konnte er diesen Plan jedoch schnell wieder verwerfen. Carson musste sich wohl mit den alten proben zufriedengeben. Hoffentlich verfälschte die beginnende Verwesung der abgetrennten Wraith Hand die Ergebnisse nicht… Sie hatten schnell gehandelt, sobald Carson einen Zellverfall feststellen konnte, haben sie das Körperteil eingefroren. Dennoch war das Gewebe bereits angegriffen.

Mit äußerster Vorsicht entnahm Carson das Exemplar, öffnete die Futteröffnung in der Handfläche mit einem Spreizer, und schabte mit einem Skalpell vorsichtig einige Gewebeproben aus der inneren von der Schleimhaut ab. Carson war bewusst, dass eigentlich Stimulation von Nöten war, damit das Wraithorgan das Enzym produzierte. Doch er hoffte, dass sich noch genügend Rückstände in den Proben befand, damit er ihre Eigenschaften entschlüsseln und verarbeiten konnte. Sorgfältig verteilte er die Proben auf mit Immersionsöl bestrichene Objektträger, und ließ den Computer sie analysieren…

 

Crimson

Es verging über einen Monat. Die wachen wechselten sich alle 3 Stunden ab. 5 Mal am Tag, 5 Mal in der Nacht. 70-mal in der Woche. 280-mal im Monat. Crimson konnte die einzelnen Wachmänner mittlerweile an ihrer Gangart unterscheiden. Die ganze zeit über hatte der Wraith kein Wort gesprochen. Hin und wieder spuckte man ihm Beleidigungen entgegen oder warf mit Gegenständen gegen sein Kraftfeld, um ihn zu provozieren. Doch Crimson wandte sich nicht einmal zu seinen Gefängniswärtern um. Mit dem Rücken zum Eingang saß er in einer meditativen Haltung auf den Boden. Seiner Umgebung war sich der Junge Wraith die ganze Zeit über bewusst. Er erlaubte es sich nicht das feindliche Territorium auch nur eine Sekunde aus dem Auge zu lassen. Die einzigen Ausnahmen, die er sich erlaubte, waren einige Minuten alle paar Tage, in denen er seinen Geist in eine echte, schlafähnliche Meditation sinken ließ. Frisch genährte Wraith konnten Wochen ohne Schlaf auskommen. Er jedoch hielt es kaum drei Tage aus, ehe sein Körper ihn drängte in eine Hibernation zu verfallen. Das letzte, was Crimson sich jetzt leisten konnte, war in einen jahrelangen schlaf zu versinken, deshalb erlaubte er sich diese kleinen ‚Nickerchen‘ um seinem Körper vorzugaukeln er hätte sich ausgeruht.
Die Schmerzen seines Hungers waren mittlerweile so ausgeprägt und allgegenwärtig, dass er seinen Körper kaum noch spüren konnte. Der Schmerz war sein Körper. Vor einigen Wochen war er bereits so schlimm, dass Crimson sich auf dem Boden wälzen und schreien wollte. Mittlerweile war er zum Schreien viel zu schwach. Crimson bemühte sich angestrengt zu verbergen, dass er im Moment nicht die geringste Gefahr für die Menschen darstellte. Selbst wenn sich jetzt einer von Ihnen unter seine Hand legen und sich anbieten würde, so war der Wraith viel zu erschöpft und geschwächt, um mit seinem Nährorgan die haut der Menschen zu durchstoßen.

Die Schmerzmittel, die der Doktor ihm besorgt hatte, waren schon längst zur Neige gegangen. Am Anfang hatten sie geholfen – sie hatten den ewigen Schmerz des Hungers betäubt. Aber entgegen der Vermutungen des Doktors, wirkten sie kaum einen ganzen Tag, ehe die Pein zurückkam. Dementsprechend schnell hatte er alle Vorräte aufgebraucht. Seine Wunden reinigte der Wraith auch schon seit Tagen nicht mehr. Er hatte kaum noch die Kraft überhaupt aufrecht sitzen zu bleiben, er schaffte es nicht mehr seinen Mantel auszuziehen und sich selbst zu versorgen. Aber das war mittlerweile auch zur Nebensache geworden. Der Hunger war so alleseinnehmend, Crimson spürte seine Verletzungen überhaupt nicht mehr. Crimson fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis sein Körper endgültig aufgeben würde und in den ewigen Schlaf verfiel...

In dieser Nacht jedoch nahm er etwas seltsames wahr. Die Wache – Major Lorne, wie er in den letzten Wochen gelernt hatte – beendete ihren Dienst, aber es kam keine Neue Wache. Jedenfalls keine ihm bekannte. Ein Mensch mit ihm unbekannten Schrittgeräuschen nahm vor seiner Tür Stellung. Für einen Moment öffnete Crimson verwirrt die Augen. Was geschah dort draußen? Dann schloss er sie allerdings schnell wieder. Das licht tat ihm in seinen Augen weh, und Menschen waren zerbrechliche Wesen. Vermutlich hatte die eigentliche Wache sich verletzt oder war erkrankt, und musste jetzt von einem ihm unbekannten Kollegen vertreten werden. Gleich würde der Neuling reinkommen, ihn anstarren wie eine Attraktion im Zoo, und versuchen ihn zu Provozieren und zu beleidigen. Jedoch geschah nichts. Für einen Moment musste der Mensch ihn scheinbar einfach nur still anstarren. Sollte er doch machen, was er wollte. Crimson würde sich nicht zu ihm umdrehen. Dann jedoch hörte er flinke Finger über das Display vor seinem Kraftfeld huschen und ein ihm allzu bekannter Geruch wehte ihm in die Nase „Carson…!“ seine stimme klang leise, heiser, kaum ein krankes Flüstern, während er sich ruckartig umdrehte. Naja, ruckartig fühlte es sich zumindest für ihn an. In Wirklichkeit bewegte sein Körper sich nur langsam. In der Bewegung verlor er das Gleichgewicht und kippte ohne jegliche Schutz Reflexe schmerzhaft vorwärts auf dem Boden.
Im fall hatte er einen kurzen Blick auf den Arzt erhaschen können. Er sah blass und geschockt aus. Er konnte sich aber auch irren.
Es verging kaum ein Augenblick ehe der Mensch an seiner Seite war. Warme arme schlangen sich um seine Taille und richteten ihn unglaublich vorsichtig wieder in eine sitzende Position auf. Crimson ließ es sich kommentarlos gefallen. Er würde eh nichts bewirken können. Etwas in ihm verwehrte allerdings auch jede Gegenwehr, weil dieser Mensch der einzige war, der ihn immer mit Respekt und Würde behandelt hatte. Etwas in ihm wusste, dass Carson Beckett ihm nichts antun würde.

Erschöpft von diesem Sturz gelang es Crimson nicht mehr selbst sein Gleichgewicht wieder zu finden. Würde der Mensch ihn loslassen, würde er direkt wieder fallen. Zur Hölle, wie weit war es nur mit ihm gekommen…
Der Mensch schien sich seiner Unfähigkeit ebenfalls bewusst zu sein, denn er ließ Crimson nicht mehr los. Im Gegenteil, er konnte spüren, wie Carson sich hinter ihm zu Boden setzte, und den Wraith an sich lehnte. Für einen Moment überstrahlte die Körperwärme des Menschen Crimsons unbändigen Hunger. So lange hatte er niemanden mehr berührt, so lange war das einzige, wozu er Kontakt hatte der kalte Steinboden unter sich… Lange hielt dieser Zustand der Erlösung leider nicht an. Sein Körper realisierte wie nah seine Nahrungsquelle war, seine Muskeln verkrampften sich, sein Blickfeld flimmerte. Ein Arm löste sich von seiner Taille, der andere umfing ihn fester. Der Mensch sagte etwas, Crimson verstand jedoch kein Wort, da war nur noch der Hunger. Der Wunsch zu sterben, oder wenigstens das Bewusstsein zu verlieren drängte sich ihm das erste Mal auf. Er brannte, jede Zelle in seinem Körper schrie vor Verzweiflung. Er würde zerbrechen. Das hielt er keinen weiteren Augenblick aus, Schmerz, Verzweiflung, wortloses Flehen, dann…

„Rrraghhh“

Ein Schrei – halb animalisches Knurren, halb verzweifeltes Stöhnen verließ seine Kehle. Etwas stülpte sich über Crimsons Hand. Erst fühlte es sich kalt an, dann umfing eine Flüssigkeit seine Handfläche, brachte sein Organ dazu sich ruckartig so weit zu öffnen, dass seine Haut in den winkeln beinahe einriss, und schließlich strömte süße Erlösung über ihn ein…

Gierig, beinahe gewaltsam verschlang er die delikate Flüssigkeit. Sie schmeckte künstlich, anders als alles, was er je geschmeckt hat. Aber sie stillte seinen Hunger, streichelte seine gequälten Eingeweide und beruhigte sein Geist. Himmel, das war das köstlichste, was er je geschmeckt hatte!

Seine Muskeln begannen sich zu entspannen, die Beine, die seit Wochen nur die Position des Schneidersitzes innehatten, streckten sich aus und sein Kopf sank nach hinten auf die Schulter des Menschen. Crimson konnte seinen Körper wieder spüren! Nicht nur das, er nahm deutlich wahr, dass sich die Wunden, die ihn so lange gequält hatten, endlich schlossen.

Schweigend verweilte Crimson in seiner derzeitigen Position. Noch Minuten, nachdem der letzte tropfen dieser göttlichen Flüssigkeit versiegt und von ihm verschlungen war. Sein Atem ging schwer, doch sein Körper war zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten schmerzlos…