Actions

Work Header

Begegnung auf dem Eis

Chapter Text

Er war eine feenhafte Erscheinung. Eine zierliche Gestalt, die ätherisch ihre Bahnen über den zugefrorenen See zog, als würde sie darüber schweben. Er vollführte Pirouetten und Sprünge, landete zielsicher auf seinen Füßen, als wäre er dafür geboren und bog sich zu den Klängen einer Melodie, die nur er zu hören vermochte, in anmutige Figuren. Seine langen Finger streckte er von sich, das Kinn hob er hinauf und die Brust bog er durch, während er dahinglitt. Ein Zauber lag in jeder Geste, jedem Augenaufschlag, jedem zielsicheren Absetzen seiner schlanken Füße auf dem Eis.

Percival beobachtete ihn von seinem Versteck hinter der Weide, die nah am Ufer des Sees stand.
Er war vor einigen Tagen wegen einer beruflichen Sache hierhergekommen und hatte ihn zufällig laufen gesehen. Es hatte ihn so sehr in seinen Bann geschlagen, dass er wiedergekommen war, hoffend, dass er ihm erneut zusehen durfte. Das hübsche Geschöpf war zurückgekommen und am Tag darauf ebenfalls.
Immer dann, wenn die Dämmerung über den Central Park hereinbrach, war Percival hier gewesen. Und im schwachen Licht der Stadt, das kaum bis hierher reichte, hatte er ihm beim Laufen zugesehen, bis es so dunkel war, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Dann war das Geschöpf verschwunden.
Percival fragte sich nach jeder heimlichen Beobachtung, ob es tatsächlich ein Mensch war, dem er zusah. Es schien ihm beinahe zu unglaublich. Dieses Wesen verstand es, sich auf eine derart elegante und anmutige Weise zu strecken und zu biegen, so etwas hatte er noch bei keinem Menschen gesehen. Die Art, wie es seine Kreise drehte, in hypnotisierenden kleinen Drehungen und Wendungen, und dabei so vollkommen im Moment aufzugehen schien, wie in Trance.
Percival wusste, dass es magische Geschöpfe gab, die Illusionen wie diese hervorrufen konnten. Aber er spürte keine Magie in der Nähe des Wesens.
Das bedeutete nichts. Vielleicht war es einfach sehr gut darin, sich zu verstecken.

Er bedauerte, dass es bereits dunkler wurde. Das Geschöpf schwebte an ihm vorbei übers Eis und er sah es immer weniger deutlich, während es den See entlangflog, so weit fort, dass es in der dunkler werdenden Dämmerung und dem Nebel, der sich über den Park gelegt hatte, verschwand.
Percival seufzte. Die Zeit war wieder viel zu schnell vergangen.
Sicher, etwas in ihm zog in Erwägung, es anzusprechen. Sich bemerkbar zu machen, anstatt sich seit Tagen wie ein Triebtäter hinter einer Weide zu verstecken.
Aber etwas hatte ihn bisher zurückgehalten. Vielleicht die Vermutung, dass das, was er sah, zu schön war, um echt zu sein. Die Angst, dass es vorbei war, wenn er einschritt. Es wäre ein Jammer. Deshalb konnte er sich nicht dazu durchringen.
Und wenn es tatsächlich ein Mensch war, dann höchstwahrscheinlich ein NoMaj... Und von denen hielt man sich besser fern. Der Kontakt bereitete nur Probleme, beinhaltete Papierkram, Vergessenszauber und Rechtfertigungen. Darauf konnte Percival gut verzichten.
Er wandte sich von dem See ab, weil das Wesen nicht zurückkam und bereitete sich bereits mental darauf vor, morgen Nachmittag wiederzukommen.
Als er sich herumdrehte, bemerkte er, dass jemand hinter ihm stand. Es erschreckte ihn so sehr, dass er zusammenzuckte, zurücksprang und einen magischen Schild zwischen sie beschwor, der ihn in einem bläulichen Halbkreis verdeckte.
“H-hi”, sagte der junge Mann, der ihm gegenüberstand und seine Augen wanderten voll Verwunderung und Faszination über den Schild. “Wow”, hauchte er und schaute zu Percival zurück. “Wie haben Sie das gemacht?”
Percival atmete tief durch und biss sich auf die Innenseite seiner Wange. Er ließ den Schild verschwinden. Sein Gegenüber hatte starke Ähnlichkeit mit dem Wesen, das er beobachtet hatte. Er antwortete nicht, weil ihm auf die Schnelle keine NoMaj-gerechte Antwort einfiel. Innerlich verfluchte Percival sich. Er hatte doch keine Aufmerksamkeit erregen wollen!
“Eine neue Erfindung”, murmelte er schließlich und hoffte, dass der NoMaj sich damit zufriedengeben würde. Die meisten Lichter konnte man ihnen damit glaubhaft erklären, ohne, dass sie skeptisch wurden.
Der junge Mann schien es dabei bewenden zu lassen. Er nickte langsam.
“Sie beobachten mich”, sagte er und trat auf ihn zu. Er warf Percival einen unsicheren Blick zu.
“Das ist richtig”, antwortete Percival mit kratziger Stimme und räusperte sich. Es abzustreiten, führte zu nichts. Mit wachsender Nervosität beobachtete er, wie der NoMaj immer näherkam, bis nur noch eine Handbreit Platz zwischen ihnen war.
Der junge Mann warf ihm von unten einen Blick zu. “Gefällt Ihnen, was Sie sehen?”, fragte er mit melodischer Stimme, die zu seiner anmutigen Erscheinung passte.
“Sehr”, antwortete er mit rauer Stimme und räusperte sich.
Das schien seinem Gegenüber zu gefallen. Er schenkte Percival ein schüchternes Lächeln. “Wie heißen Sie?”, fragte er.
“Per-Percival Graves”, sagte Percival wortkarg und bemerkte, dass er stammelte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er wurde selten so... bedrängt war nicht das richtige Wort. Zumal er es gewesen war, der sich zu nah herangewagt hatte. Aber nun derjenige zu sein, der im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, war unerwartet.
“Mr. Graves”, wiederholte der junge Mann mit einem hinreißenden Augenaufschlag, mit dem er Percival einmal mehr um den Finger wickelte. Einen Moment fragte sich Percival, ob er Veelablut in den Adern hatte. “Sind Sie jemand, vor dem man sich lieber fernhalten sollte?”
Percival räusperte sich. “Vermutlich”, gestand er mit einem schwachen Nicken ein. NoMajs sollten sich tatsächlich von ihm fernhalten. Er vermutete, dass das ausreichte, damit das hübsche Ding sich von ihm abwand.
Stattdessen kicherte der junge Mann. “Sind Sie gefährlich?”, hakte er nach und seine schwarzen Augen glitzerten in der Dunkelheit, als würde ihn die Vorstellung vielmehr faszinieren, als ihm Angst zu machen.
“I-in gewisser Weise”, gab Percival zu. Dem einen oder anderen konnte er durchaus gefährlich werden.
Der junge Mann kicherte erneut. “Sie wirken nicht gefährlich”, stellte er schmunzelnd fest.
“Man sollte nicht auf das vertrauen, was man an der Oberfläche findet”, erwiderte Percival ruhig.
Seine Worte schienen etwas hervorzurufen. Sein Gegenüber nickte und sein Lächeln wurde verschmitzt. “In der Tat”, sagte er leise. Es klang wie ein Schnurren.
Percival zuckte nicht zurück, obwohl ihm danach war. Für einen kurzen Moment, als er in die glitzernden Augen gesehen hatte, hatte er gemeint, etwas darin zu sehen. Etwas bedrohliches. Ein kurzes Gefühl heftiger Magie hatte diesen Bruchteil einer Sekunde begleitet, doch es war so schnell verschwunden, dass er sich nicht sicher war, ob es tatsächlich geschehen war.
“Sie sind interessant”, stellte der Junge fest und kam noch näher, bis sich ihre Mäntel gegeneinanderdrückten.
“Vielen Dank”, antwortete Percival mit kratziger Stimme und drückte sich mit dem Rücken gegen den Stamm der Weide. Über die plötzliche Nähe vergaß er den seltsamen Augenblick von eben.
Denn der junge Mann schob den Kopf vor und raunte ihm zu: “Ich habe das Gefühl, dass wir uns küssen sollten.”
Percival schluckte. “Ist-ist das ein gutes oder ein schlechtes Gefühl?”, fragte er atemlos.
Das Lächeln des jungen Mannes glomm verführerisch in der Dunkelheit, während er sacht die Hände auf Percivals Brust legte. “Was meinen Sie, Mr. Graves?”, flüsterte er verführerisch.
Percival wusste, dass es keine gute Idee war. Er wusste gar nicht, wo er anfangen sollte, die Gründe aufzuzählen, die dagegen sprachen: Einen NoMaj zu küssen, einen völlig Fremden zu küssen, einen Jungen zu küssen, von dem er sich nicht sicher war, ob er überhaupt schon volljährig war... Nun, er wirkte, als wäre er um die zwanzig, aber die jungen Leute heutzutage waren schon so schnell reif, wer konnte das genau sagen?
Percivals Gedanken verloren sich irgendwo, verstrickten sich ineinander und stolperten. Percival hörte ihnen nicht mehr zu. Seine Sorgen wurden überwältigt von dem faszinierten Blick, mit dem der junge Mann ihn ansah und den vollen Lippen, die den seinen näher kamen. Merlin, er wollte ihn küssen. Und wenn er es schon anbot... was war gegen einen kleinen Kuss einzuwenden? Niemand musste es erfahren.
Percival legte dem jungen Mann ehrfürchtig eine Hand auf die Wange und sein Herz schmolz ein Stück, als sich das hübsche Gesicht in seine Berührung schmiegte und dann erwartungsvoll zu ihm aufschaute. Er musste einsehen, dass er keine Chance hatte. Er hatte sie schon nicht mehr gehabt, als er den Jungen zum ersten Mal hatte laufen sehen. Seit er in seinem Bann stand, war er hoffnungslos verloren. Also beugte er sich vor und fühlte, wie der Atem des jungen Mannes warm und lockend sein Gesicht streichelte, ehe er den Mund auf die halbgeöffneten Lippen legte, die ihn erfreut willkommen hießen.
Der junge Mann schmeckte wie er lief: Verführerisch, zart und anmutig.
Percival bemerkte, dass die süße Versuchung ihn scheinbar unauffällig um den Finger wickelte, doch als er sich lösen wollte, machte sie es ihm so schwer, dass er es nicht konnte. Er vertiefte den Kuss – offensichtlich sehr zur Freude des Geküssten - legte ihm eine Hand in den unteren Rücken und drückte ihn näher. Schlanke Arme schlangen sich um seinen Nacken und als Percival den jungen Mann nach hinten bog, sank dieser elegant und sich ergebend in seine Arme.
So süß und unschuldig, wie dieser Kuss begonnen hatte, so verrucht wurde er. Percival spürte seinen Hunger wachsen und eine Gier bemächtigte sich seiner, die er bis eben nicht gefühlt hatte. Er wurde ungeduldig, aber es wäre vermessen, den Jungen zu irgendetwas zu drängen. Bevor er sich also ganz vergessen konnte, löste er mit aller Beherrschung, die er aufbringen konnte, den Kuss und schaute den Fremden an. “Darf ich dich zum Essen einladen?”, fragte er mit rauer Stimme, sich an seine gute Erziehung erinnernd.
Sein Gegenüber kicherte. Ihn schien dieser Vorschlag zu amüsieren. “Gern”, sagte er.
Dann löste er die Arme von Percivals Nacken und trat einen Schritt zurück. “Wollen wir?”, fragte er.
Percival nickte. Er ahnte, dass das, was er tat, nicht seine beste Entscheidung war. Aber für einen kurzen Moment war ihm das egal.
Und er verdrängte den Gedanken daran, dass er den Jungen würde obliviieren müssen, sobald die Nacht vorbei war. Die Schwermut, die bei diesem Gedanken mitschwang, schob er ebenso eilig von sich. Er wollte es wenigstens genießen - wenn es schon nicht von langer Dauer war.