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Die Ritter der Tafelrunde

Chapter Text

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“Ach, was ist mit mir geschehen
Seit mein Auge dich gesehen
Alle Zeit verfluch ich jede volle Stunde

Sag, warum bin ich so allein bei Tag und bei Nacht
Such den einen, der mich befreit
Mich verehrt aus seinem tiefsten Herzensgrunde
Und mit Minne mich begehrt zu jeder Stunde”

Minne Duett – Faun, Subway to Sally

 

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Percival zog sich die Rüstung aus.
“Gute Arbeit”, hörte er jemanden hinter sich sagen und wandte sich nur halb herum.
“Du auch”, antwortete er, während er von weiter weg noch das ferne Rauschen des Applauses hörte.
Er war ein wenig erschöpft. Es war ein langer Tag gewesen, mit drei Aufführungen und die letzte hatte erst jetzt, kurz nach Mitternacht, geendet. Nun, wenigstens konnte er sich nicht über die Bezahlung beschweren.
Mit einem letzten Blick durch den Backstage Bereich verschwand er in seiner Garderobe. An der Tür stand groß sein Name. Das war schon seit einigen Jahren sein Raum und er war recht stolz darauf, es so weit gebracht zu haben.
Percival stellte sein Kostüm an den ihm angestammten Platz und zog sich dann seine eigene Kleidung an. Er würde erst zu Hause duschen.
Als er seine Ankleide wieder verließ, war kaum noch jemand da. Alle brannten darauf, nun endlich nach Hause zu kommen.
Andererseits, dachte er bei sich, während er in seinen schicken Sportwagen stieg und vom Hof fuhr, durften sie sich nicht beschweren. Die Show lief gut. Seit Jahre schon. Percival war vorher schon eine kleine Berühmtheit gewesen aber dieses Theaterstück hatte ihm zu noch größerem Ruhm verholfen. Nicht zuletzt, weil sein Name das Indiz für die ideale Besetzung gewesen war, auch, wenn er nicht den berühmten Parzival spielte.
Mittlerweile war er eher genervt davon, wenn jemand ihn darauf hinwies. Er hatte schon jeden Spruch darüber gehört und über jeden Witz höflich gelacht.
Es war sein Job. Und mit etwas Glück würde er noch sehr lang in dieser Rolle bleiben, die ihn mittlerweile in eine sehr komfortable Lage brachte. Er kannte den Text im Schlaf, wusste jede Geste und jede Regung seines Gesichts gekonnt einzusetzen und ruhte sich allmählich auf dem, was er tagtäglich tat, aus. Es war einfach zu angenehm, nach all den Jahren der befristeten Verträge und verzweifelten Vorsprechen, endlich an einem Ort angekommen zu sein, an dem etwas wie vertraute Gewohnheit eintrat.
Zufrieden parkte Percival seinen Wagen in der Garage und fuhr dann mit dem Fahrstuhl in die Penthousewohnung.
Er würde diesen Abend noch entspannt ausklingen lassen und sich dann auf den morgigen Tag freuen, der versprach, ebenso in ereignislosem Wohlklang zu verlaufen, wie die letzten.

Dass Percival sich in seinen Erwartungen geirrt hatte, wurde ihm erst klar, als er am nächsten Tag zur frühen Mittagszeit im Meeting mit den anderen Schauspielern, den Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseuren saß und man große Veränderungen ankündigte. Veränderungen, die beinhalteten, dass der derzeitige Schauspieler des jungen Artus die Runde verließ, um sich anderen Projekten außerhalb des Theaters zu widmen. Man sei glücklich, einen Nachfolger gefunden zu haben, der die Rolle nicht nur annehmen, sondern auch neuen Ruhm bringen würde.
Percival biss die Zähne zusammen, als besagter Nachfolger den Raum betrat.
Er hatte bisher nur von ihm gehört, aber er hatte nicht geglaubt, dass er ihm tatsächlich auf seinem eigenen Revier über den Weg laufen würde.
Es war ein Junge, gerade dreiundzwanzig geworden und überaus talentiert, so sagte man. Er hätte die Schauspielschule mit Bravour abgeschlossen und schon währenddessen die eine oder andere bedeutende Rolle gespielt, etwa den viel umkämpften Hamlet oder Romeo in Romeo und Julia.
Ein Überflieger, wie er im Buche stand. Eine Konkurrenz, die Percival und sein Image des Prestigeträgers bedrohte.
Sein Name war Credence. Er war von eher zierlicher Statur, mit beinahe femininen Gesichtszügen, die wohl hübsch wirken konnten, wenn man diese Art Aussehen mochte. Percival beruhigte sich mit dem Gedanken, dass seine (weiblichen) Fans ihn wegen seines offensichtlich maskulinen Auftretens schätzten und dass seine Rolle des Lancelot ihm wegen der damit verknüpften Liebesgeschichte seit jeher die Sympathien sicherte. Sie würden nicht überlaufen zu einem, der ihr Sohn sein konnte. Einem, den man auch in ein Frauenkostüm stecken könne, wenn man es wöllte und der darin vermutlich sogar eine gute Figur machte.
Percival schloss sich missmutig den Glückwünschen an, mit denen seine Kollegen den Neuen willkommen hießen und war dann, als das Meeting vorbei war, froh, dass er Abstand gewinnen konnte. Er verschanzte sich in seiner Garderobe und versuchte, sich einzureden, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab. Aber frisches Blut bedeutete immer Ärger, vor allem, wenn ihm solch ein Ruf voraus ging. Percival wusste, wovon er sprach: Er selbst war lange Zeit dieses frische Blut gewesen. Und er hatte skrupellos dafür gesorgt, dass die Leute gehen mussten, deren Rollen er hatte haben wollen.
Nun wäre er in der Besetzung von ‘Artus und die Ritter der Tafelrunde’ nicht mehr der einzige feste Stargast. Und der Junge hatte auch noch die Hauptrolle ergattert!
Zugegeben, sie passte besser auf sein jugendliches Aussehen, da er den jungen Artus spielen würde, der nach der Pause wegen des Zeitsprungs üblicherweise von einem älteren Schauspieler abgelöst wurde. Aber Percival fühlte sich in seinem Ruhm bedroht. Er machte sich keine Sorgen um seine Rolle, vielmehr um das Rampenlicht, das er zu teilen nicht bereit war.

In den nächsten Tagen hatten sie, je nach Programm, mal mehr und mal weniger Vorführungen des Stücks. Wenn sie freie Zeitfenster hatten, probten sie. Der vorherige Schauspieler des jungen Artus und sein älterer Kollege, der den gesetzteren Artus spielte, nahmen Credence unter ihre Fittiche und übten mit ihm, aber auch die anderen probten die Dialoge und spielten sie mit ihm durch.
Percival konnte dem neuen Stern am Theaterhimmel nicht für ewig aus dem Weg gehen. Und als sie das erste Mal eine Szene gemeinsam übten, musste er zähneknirschend anerkennen, dass Credence in dem, was er tat, tatsächlich überragend war. Er hatte irgendwie gehofft, dass sein Ruf größer war als das, was er vorführen würde. Es war eine leise Hoffnung gewesen, an die er sich geklammert hatte. Nun aber gestand er Credence etwas wie Talent zu – und das verbesserte seine Laune nicht gerade. Percival hatte sich noch nie so alt gefühlt. Oder so ersetzbar. Wie lange würde es dauern, bis man ihn gegen eine jüngere Version austauschte? Gegen jemanden, der noch besser war? Noch kreativer, ausdrucksstärker, leistungsfähiger und mit mehr Charisma?
Percival war wütend, weil Neid und Selbstzweifeln ihm die Stimmung verdarben. Seine Tage waren zuvor so entspannt und einfach gewesen und nun musste er um sein Ansehen und seine Zukunft als erfolgreicher Schauspieler fürchten.
Es half ihm nicht sonderlich, als Credence ihm nach einer erfolgreichen Probe unter vier Augen erzählte, dass er hin und wieder eine von Percivals Aufführungen gesehen hatte, als er ein Kind war. Dass er nur so gut war, weil er gemerkt hatte, dass er auch dort oben stehen wollte, wo Percival stand. Wo all die anderen standen, die Menschen mit ihren Geschichten begeisterten.
Im Gegenteil, es führte nur dazu, dass sich Percival NOCH älter fühlte. Und sich noch mehr sorgte, dass andere ihm ebenfalls nach seiner Rolle oder seinem Platz auf der Bühne trachteten.
Eigentlich hätte sich Percival freuen sollen, dass er mit seinen Fähigkeiten so viele junge Menschen erreichte und man ihm nacheiferte. Aber das hier war zu viel des Guten und aus seinem ehemaligen Zuschauer war nun sein härtester Konkurrent um die Aufmerksamkeit des Publikums geworden. Wenn auch nicht sofort, aber doch auf absehbare Zeit. Und Percival fürchtete sich davor.

Credence trat noch nicht mit dem Ensemble auf. Der andere junge Artus hatte zum Ende des Jahres gekündigt. Bis dahin waren es noch zwei Monate. Zwei Monate, in denen sich Credence mehr und mehr einfand und seine Leistung während der Proben sogar noch steigerte. Jeder sprach in den höchsten Tönen von ihm. Die Presse, die seinen Werdegang bereits beobachtet hatte, erhoffte sich von seinem Start einen weiteren Aufschwung des Theaterstücks. Alle waren guter Dinge. Nun, alle bis auf Percival.

Die Euphorie wurde eines Tages herb gedämpft durch die Krankmeldung der Schauspielerin, die Guinevere spielte. Sie hatte eine Mandelentzündung, brachte kein einziges Wort heraus, war für das Stück aber überaus entscheidend. Guinevere war die Ehefrau von König Artus. Ihre Zweitbesetzung fiel ebenfalls aus und außer den beiden konnte niemand die Texte.
Zumindest dachte man das.
Bis Credence sich während des Krisenmeetings zu Wort meldete und verkündete, dass er auch ihre Dialoge auswendig könne.
Im ersten Moment herrschte Überraschung und Verwirrung, doch dann, aus Mangel an Alternativen, steckte man ihn in das Kostüm der Guinevere und begann das Probetraining.
Obwohl eine Menge daran hing, dass Credence seine Sache gut machte, hoffte Percival inständig, dass er sich zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte und sich bis auf die Knochen blamierte. Eine Gelegenheit zu haben, ihn geschwächt zu sehen, kam Percival gerade recht. Er vergaß in seinem Neid und seiner Missgunst schon fast, dass es auch für ihn ein herber Schlag wäre, wenn es ihnen nicht gelang, das Stück heute aufzuführen. Und die nächsten Tage. Die echte Guinevere war ernsthaft krank. Es könnte Wochen dauern, bis sie wieder auf den Beinen war und ein Ersatz wäre nicht so schnell beschafft.
Zu Percivals Enttäuschung war das nicht notwendig.
Credence beherrschte die Zeilen aus dem Effeff und die Begeisterung der Gruppe gab ihnen neuen Mut. Er übte mit dem jungen König Artus. Später mit dem Älteren. Und dann kam die Reihe an Percival, dem die Aufgabe zuteilwurde, sich als Lancelot in die Königin zu verlieben und mit ihr Ehebruch zu begehen. Danach würde er sie gegen den König verteidigen, zwei Ritter der Tafelrunde töten, Guinevere vor dem Scheiterhaufen bewahren und mit ihr in den Sonnenuntergang reiten. Es war kitschig genug, damit Percival bei jedem Auftritt die Herzen nur so zuflogen und bisher war ihm das mehr als recht gewesen.
Was er in den ersten Tagen bereits vermutet hatte, bestätigte sich nun, da er ihm in dieser Aufmachung gegenüberstand: Credence hatte feminine Züge. Das Kleid schmeichelte seiner schlanken Taille, das Makeup und die Frisur ließen ihn weiblich aussehen und beinahe würde Percival bemerken, dass er sehr hübsch war. Aber nur beinahe.
Stattdessen nahm er grummelnd zur Kenntnis, dass Credence auch in ihren gemeinsamen Szenen jedes Wort richtig sprach und das sogar mit Gefühl. Mit so viel Gefühl, dass selbst Percival gerührt war von den Liebesbekundungen. Es wurmte ihn, wie überzeugend seine junge Konkurrenz war. Gab es eigentlich irgendetwas, das er nicht konnte?
Percival bemühte sich, die Szenen zu Ende zu bringen und genoss es mehr, als er zugegeben hätte. Credences Fähigkeiten und seine einnehmende Art hatten eine Wirkung auf ihn, die er sich niemals eingestanden hätte. Jeder mochte den Jungen, jeder wollte in seiner Nähe sein. Percival weigerte sich entschieden, in die gleiche Begeisterung zu verfallen.

Es war unnötig zu sagen, dass das Publikum Credence liebte. Sein erster Auftritt in diesem Stück hätte erst in einigen Wochen sein sollen und doch stand er nun in einer Rolle, die nicht für ihn vorgesehen gewesen war, auf der Bühne und verkörperte Königin Guinevere, als wäre er für diese Rolle geboren. Natürlich war der Schauspielerwechsel vorher angekündigt worden, um Verwirrungen im Publikum zu vermeiden. Und sie nahmen ihn so wohlwollend und entgegenkommend auf, dass kein Zweifel daran aufkam, dass Credences natürliche Ausstrahlung sie ab der ersten Sekunde in ihren Bann geschlagen hatte.
Auch Percival wurde geblendet von Credences positiver Aura. Es war, als hätte er in den Proben nur auf Sparflamme gespielt. Wenn das überhaupt möglich war, war er nun noch eindrucksvoller. Als er Percival in seiner Rolle ansprach, bekam Percival mehr und mehr das Gefühl, die wahre Guinevere würde zu ihm sprechen. Würde an seinen Lancelot appellieren. Er fühlte ein Ziehen in seiner Brust, fühlte die Chemie, die sich zwischen ihnen aufbaute und die Spannung, die entstand. Er spürte, dass die Bühne und das Publikum, die Atmosphäre, die Stimmung und das Bühnenlicht etwas mit ihnen machten. Plötzlich gab es nur noch sie beide auf dieser Bühne. Plötzlich war da nur noch die Königin, die er mehr begehrte als alles andere auf der Welt. So sehr, dass er keine Strafe fürchtete und bereit war, sie seinem König zu stehlen. Er nahm sie mit sich, weit weg von Artus, durchlebte mit ihr all die schmachtenden Szenen unglücklicher Liebe, die zueinanderstrebte und gewann sie am Ende ganz für sich. Der Triumph schmeckte ihm ungleich süßer. Und als das Publikum nach der letzten Szene in tosenden Beifall verfiel und die Standing Ovations begannen, erwachte Percival erst langsam wieder aus der Trance, die ihn bis dahin in ihren Bann geschlagen hatte.
Er stand neben Credence, der einen eleganten Knicks vollführte und verbeugte sich, während die anderen Schauspieler neben sie traten, ehe sie sich gemeinsam noch einmal verbeugten. Dann noch einmal. Und schließlich ebbte der Beifall ab.
Percival verließ mit den anderen die Bühne und versuchte noch zu begreifen, was er da eben erlebt hatte. Er wurde nicht schlau daraus.
Alles, was danach geschah, nahm er kaum war, ging geistesabwesend in seine Garderobe, zog sich um und fuhr nach Hause.
Was war das gewesen? Woher war diese endlose Energie gekommen, diese Faszination, diese ehrlichen, aufrichtigen Gefühle? Fast hätte er glauben können, tatsächlich etwas gespürt zu haben. Schwach wehrte er sich gegen diese Vorstellung. Das war absurd.

Er bekam das Bild von Credence als Königin Guinevere den ganzen Abend lang nicht aus dem Kopf und auch in der Nacht beschäftigte es ihn so sehr, dass ihm träumte, er würde ihn vor seinem Ehemann retten und mit ihm durchbrennen. Ganz so, als hätte sich all das tatsächlich so zugetragen und sei nicht nur eine Sage, deren Hergang er jeden Abend einem Publikum vorführte. Im Traum fühlte er erneut tiefe Gefühle der Verbundenheit für dieses zierliche Geschöpf. Das Wissen um eine vertrauensvolle Partnerschaft und der Wunsch, gemeinsam allen Gefahren zu trotzen, schwangen noch in seiner Brust, als er am nächsten Morgen erwachte.
Den ganzen Tag über wurde er diese Gefühle nicht los und weil Credence auch heute Guinevere spielte, vertieften sie sich sogar noch.
Percival sprach wenig mit Credence, beschränkte sich auf das Nötigste, wie er es schon zuvor gehandhabt hatte und war zugleich so verwirrt von seinem eigenen inneren Chaos, dass er nicht bei der Sache war. Wieder und wieder kam er während der Probe aus dem Text und am Ende hatte er einen Blackout, der ihn all seine Szenen vergessen ließ. Man schickte ihn in eine Pause, schob es auf den Stress der letzten Tage und er verließ das Theater einige Stunden vor der ersten Aufführung.
Um die Ecke gab es ein kleines Café, das sich ‘Theatercafé’ nannte. Er war selten hier, weil er für gewöhnlich keine Pausen benötigte, aber nun wusste er nicht, wo er sich sonst die Zeit vertreiben sollte.
Percival bestellte sich einen Kaffee, setzte sich in einen der gemütlichen Sessel an einem kleinen runden Tisch und starrte in die Tasse, ohne sie richtig zu sehen.
Vielleicht hatten seine Kollegen recht. Vielleicht war er einfach überarbeitet und deshalb so aufgewühlt. Es konnte ja wohl kaum daran liegen, dass dieser Jungspund aufgetaucht war. Percival war besser als das. Auch Credence würde ihm nicht das Wasser reichen können, egal, wie sehr ihm sein Ruf vorauseilte. Früher oder später würde seine anfängliche Euphorie verebben, so wie es bei allen war und dann würde er Fehler machen... und irgendwann würde sich wieder alles um Percival drehen. Percival redete sich das ein, doch zugleich fürchtete er, dass er damit falsch lag. Der Junge hatte Talent, dagegen konnte er nichts sagen, und vielleicht war das tatsächlich Percivals Untergang? Was sollte er tun, wenn sich das Publikum von ihm abwandte? Wenn seine Berühmtheit hinter der von Credence zurückblieb? Wenn Credences Aufstieg mit diesem Stück seinen Untergang bedeutete?
Er nahm einen Schluck Kaffee und bereute es augenblicklich, weil das Gebräu ihm die Zunge verbrannte. Der kurze Schmerz riss ihn aus seinem Gedankenkarussell – gerade rechtzeitig, um Credence durch die Tür kommen zu sehen. Der junge Mann erspähte ihn und anstatt sich mit dem Kauf eines Getränks aufzuhalten, kam er zu ihm und stellte sich an den freien Sessel neben Percival.
“Darf ich?”, fragte er.
Percival presste die Lippen aufeinander. Der Junge hatte ihm gerade noch gefehlt. Er hatte schon genug Chaos gebracht. Hatte Percival nicht einmal hier seine Ruhe? Er gab ein unbestimmtes Brummen von sich und zuckte mit den Schultern.
Credence, der es als Zustimmung zu nehmen schien, ließ sich in den freien Sessel sinken.
“Viel Stress in letzter Zeit?”, begann er rücksichtsvoll das Gespräch.
Percival zog die Augenbrauen zusammen. “Nein”, knurrte er, ohne Credence eines Blickes zu würdigen. Er schaute weiter in seinen Kaffee.
Credence schwieg einen Moment und Percival ahnte, dass sein Ton ihn abgeschreckt hatte. Das sollte Percival nur recht sein. Es hatte ihm gerade noch gefehlt, dass ihn derjenige in einem schwachen Moment erlebte, der der Grund für seinen Untergang sein würde.
“Was ist es dann?”, hakte Credence leise nach, als würde er mit einem verwundeten Kätzchen sprechen. Percival hasste es, wie sanft er mit ihm sprach. War er bereits so alt und senil, dass man ihn als geschwächt und schützenswert einschätzte? Percival war immer stolz auf seine Stärke gewesen.
Er schüttelte den Kopf. “Ich glaube, es wird Zeit, dass die echte Guinevere wiederkommt”, murrte er nur. Mit ihr hatte er nie das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren oder dass er den Weitblick in einer Situation verlor. Diese Fokussierung auf einen einzigen Menschen strengte ihn an. Mit Credence zu spielen, war kräftezehrend.
Seine Worte hatten die gewünschte Wirkung. Credence zog sich ein wenig zurück, offensichtlich getroffen. “Ich... Entschuldige, wenn ich...” Dann hielt er inne und straffte die Schultern. “Ich versuche nur, das Beste daraus zu machen. Würde ich die Rolle nicht spielen, könnten wir nicht auftreten.”
Percival schnaubte bitter. “Ja...”, sagte er gedehnt, “... aber es ist natürlich nicht dasselbe, wie es mit einer Frau zu spielen, oder? Ich verstehe wirklich nicht, was man sich dabei gedacht hat. Das Publikum muss uns für vollkommen verrückt halten.” Er wusste, wie hässlich er sich verhielt, aber es war ihm gleich. Je mehr Zeit er mit Credence verbrachte, desto mehr geriet seine Welt aus den Fugen und er mochte das nicht. Er wollte sie wieder so geordnet, wie sie vorher gewesen war.
Credence schien seine Worte persönlich zu nehmen. “Geschlechterrollen zu wechseln ist heutzutage kein Problem mehr”, erwiderte er mit zitternder Stimme, als müsste er sich verteidigen – obwohl Percival sehr wohl bewusst war, dass er nichts falsch gemacht hatte. Er hatte ihnen allen aus der Patsche geholfen. “Ich finde, es fügt einen interessanten Twist hinzu, der durchaus modern ist”, fügte er tapfer hinzu.
Percival zuckte mit den Schultern. “So war das Stück aber nicht gedacht”, brummte er missmutig und er wusste, dass er sich kleinlich auf Details stürzte, die nichts zu Sache taten. Er war nur so unheimlich frustriert darüber, wie alles lief seit einiger Zeit. Seit Credence hier war. Percival gab ihm die Schuld für sein Gefühlschaos. Wer sonst sollte der Auslöser sein?
“Es war eigentlich überhaupt nicht angedacht, dass wir Artus austauschen”, knurrte er feindselig, “Du bist nur hier, weil unser aktueller Artus Junior gekündigt hat.”
Credence schwieg. Aus den Augenwinkeln konnte Percival sehen, dass seine Schultern bebten. Er bekam ein schlechtes Gewissen, weil er sich so garstig verhielt, doch seine Wut darauf, wie sehr sich sein eigenes Blatt gewendet hatte, übertünchte es.
“Stört es dich so sehr, dass ich hier bin?”, fragte Credence und seine Stimme brach.
Percival zwang sich, sich davon nicht erweichen zu lassen. “Ich kann mir meine Kollegen nicht aussuchen”, sagte er kühl.
“Also geht es nicht um Guinevere?”, hakte Credence leise nach, “Du hast ein Problem mit MIR?”
Percival zuckte mit den Schultern. “Sieht so aus”, sagte er in einem eklig selbstgefälligen Ton.
Dass er so kalt war, schien Credence zuzusetzen. Percival verbot sich jegliches Mitleid, auch, als Credence in fassungslosem Ton fragte: “Was habe ich dir getan? Ich... ich verhalte mich dir gegenüber genauso wie allen anderen. Habe ich etwas Falsches gesagt? Oder irgendetwas getan, das dir nicht gefällt?”
Percival schwieg. Er konnte nichts vorweisen, das seinen Unmut rechtfertigte, außer seinen eigenen Neid. Aber er würde den Teufel tun und Credence unter die Nase binden, dass er sich von ihm bedroht fühlte.
“Kannst du mir nicht wenigstens sagen, was es ist?”, fragte Credence leise.
Percival seufzte und besah sich seine Fingernägel. “Ich wüsste nicht, was das bringen soll.”
Auf seine Worte stieß Credence mit einem fassungslosen Schnauben die Luft aus. “Weißt du, in all den Jahren, die ich dir beim Spielen zugesehen habe, habe ich dich nicht für so ein überhebliches Arschloch gehalten”, sagte er bitter.
“Was weißt du schon von mir?”, fauchte Percival kalt, “Du kennst mich nicht.”
“Ich kenne dich besser, als du denkst!”, platzte es aus Credence heraus und seine Worte waren so überraschend, dass Percival endlich den Kopf hob und ihn verwundert ansah. Credences Wangen waren rot angelaufen. Er wirkte ganz so, als hätte er das eigentlich nicht sagen wollen.
Percival zwang sich, die Tränen nicht zu sehen, in denen seine Augen schwammen. Er hob spöttisch eine Augenbraue. “Was, bist du in Wahrheit ein Stalker?”
“Das bin ich nicht!”, insistierte Credence entrüstet, doch das Rot seiner Wangen vertiefte sich. “Ich habe nur ein paar deiner Vorführungen gesehen.”
“So und jetzt bist du nur hierhergekommen, um mir mein Leben schwerzumachen?”, fragte Percival unbarmherzig, “Ist das ein langgehegter Groll aus deiner Kindheit?”
“Ich habe dir gesagt, dass du der Grund warst, weshalb ich schauspielern wollte”, erwiderte Credence.
Percival schüttelte ungläubig den Kopf. Das war ihm neu. Er hatte geglaubt, er sei nur einer von vielen gewesen. Er gab sich Mühe, sich von der Aussage nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. “Und deshalb glaubst du, mich zu kennen?”, fragte er und nutzte die Schwäche, die Credence ihm eben gestanden hatte, zu seinem Vorteil und für den nächsten verbalen Schlag: “Besessenheit ist nicht gesund, mein Junge.”
Er konnte in Credences Augen sehen, dass er ihn dort verletzt hatte, wo es wehtat. “Weißt du was?”, sagte er bitter und stand auf, “Vergiss es! Ich hatte mich erkundigen wollen, wie es dir geht, aber offensichtlich kommst du ja allein bestens zurecht. Entschuldige, dass ich dich belästigt habe.”
Er lief zur Tür und eine Sekunde später war er verschwunden.
Percival schaute ihm hinterher, mit einem seltsamen Gefühl in der Brust, einer Mischung aus schlechtem Gewissen, Ekel vor sich selbst und Mitleid. Aber auch Zorn auf Credence und die Umstände. Er trank einen großen Schluck Kaffee, versuchte, sich zu beruhigen und schaute wieder hinunter zur Tischplatte.
Aus den Augenwinkeln zog etwas seine Aufmerksamkeit auf sich: Ein Foto lag vor Percivals Füßen. Es musste Credence aus der Hosentasche oder dem Mantel gefallen sein, als er davon gestürmt war.
Percival zögerte, doch dann hob er es auf. Es war schwarz-weiß und zeigte Percival in seinen Anfängen. Er trug ein Kostüm. Seine erste große Rolle. Er erinnerte sich daran. Das, was er für ein Foto gehalten hatte, war eigentlich eine Autogrammkarte. Er hatte darauf unterschrieben, vor vielen Jahren. Credence musste es lange mit sich herumgetragen haben. Die Ränder waren ausgefranzt und eingerissen und es wies so viele Knicke auf, dass Percivals junges Gesicht einige seltsame Falten hatte.
Das Bild zu sehen, machte Percival sonderbar betroffen. Er hatte bis eben nicht gewusst, dass er allein der Auslöser gewesen war, dass Credence nun spielte. Verwirrt wusste er nicht, wie er diese Information einordnen sollte. Er wusste nur, dass er allen Grund hatte, Credence zu fürchten. Allein schon, weil er Talent erkannte, wenn er es sah. Aber welches Recht hatte er, dem Jungen seinen Ruhm verweigern zu wollen? Percival hatte seine Chancen stets genutzt und wären einige Leute nicht wohlwollend mit ihm umgesprungen, wäre er nun nicht dort, wo er heute war. Er sollte dasselbe tun, seinen jungen Kollegen unterstützen und sich nicht aufführen, als wäre dort oben nur Platz für einen einzigen berühmten Schauspieler.
Percival leerte seinen Kaffee und steckte das Foto ein. Er würde es Credence zurückgeben. Und er würde sich für sein Verhalten von eben entschuldigen, obwohl es ihn noch immer Überwindung kostete, den Platz im Rampenlicht abzutreten. Und sei es auch nur ein wenig.
Percival blieb noch eine Weile in dem Café sitzen und sammelte sich. Er konnte seinen Text in- und auswendig. Ein weiterer Blackout würde ihm nicht unterlaufen, nun, da er sich all seinen Frust von der Seele geredet (oder eher, ihn Credence entgegengeschleudert) hatte.
Doch als die Zeit reif war, sich in sein Kostüm zu zwängen und sich in die Maske zu begeben, stand er auf und verließ das Café.

Percival war innerlich angespannt, als er an diesem Abend spielte. Lancelot ging ihm nicht so leicht von der Hand wie üblich. Dass Credence nur wegen ihm Schauspieler geworden war und Percival sich zum Dank von seiner hässlichsten Seite gezeigt hatte, setzte ihm mehr zu, als er erwartet hatte.
Auch Credence schien in seinem Glanz getrübt. Es war kein Vergleich zu ihren vorherigen Auftritten, bei denen sich die Chemie zwischen ihnen so stark aufgebaut hatte, dass das Publikum jeder noch so kleinen Regung gefolgt war und große Gefühle gespürt hatte.
Heute war es vielmehr ein gegenseitiges Herantasten, stets unter Wahrung eines respektvollen Abstands. Besonders in den intimen Szenen, in denen Percival einen Kniefall vollführte und Guineveres Hand küsste oder sie in seinen Armen trug und auf ein Pferd hob, wollte der Funke zwischen ihnen nicht überspringen. Zwar fühlte sich Percival auf der Bühne wieder so wie vor Credences Auftritten mit ihm, aber es fühlte sich seltsam an. Als hätte jemand die Gefühle abgestellt. So sehr er es auch versuchte, er konnte sie nicht so gut heraufbeschwören wie sonst. Er glaubte sie sich selbst nicht.

Das Feedback folgte im Theater immer sofort. Heute war der Beifall deutlich verhaltener.
Es drückte Percivals ohnehin bereits angeschlagene Stimmung noch weiter.
Niemand sagte etwas zu ihm, als er den Weg zu seiner Garderobe einschlug. Wahrscheinlich waren sie froh, dass alles nach Plan gelaufen war und er sich keinen textlichen Patzer geleistet hatte wie in der Probe.
Er ging in seinen Raum. Als er zu seinem Tisch herantrat, sah er die Autogrammkarte dort liegen, die er fast schon wieder vergessen hatte. Da gab es noch etwas zu erledigen. Er griff nach der Karte, anstatt sich die Zeit zu nehmen, sich umzuziehen, und verließ seine Garderobe. Am anderen Ende des Flurs war Credences abgetrennter Bereich.
Er klopfte und als von drinnen ein ‘Herein’ ertönte, öffnete Percival und trat ein. Erst, als er die Tür schon hinter sich geschlossen hatte, sah er, dass Credence sich gerade das Kleid öffnete. Die Perücke mit den langen braunen Locken saß noch auf seinem Kopf. Sie flossen ihm über die Schultern und umschmeichelten sein feminines Gesicht. Im Spiegel begegneten sich ihre Blicke. Credence verharrte in der Bewegung. “P-Percival”, sagte er mit kratziger Stimme, ehe er sich räusperte. Es war offensichtlich, dass er nicht mit ihm gerechnet hatte. Seine Augen flackerten nervös, schon fast erschreckt, als fürchtete er eine Wiederholung des hässlichen Gesprächs.
Percival hob die Hände in einer Geste der Friedfertigkeit. “Ich möchte nicht lange stören”, sagte er ruhig und versuchte, zu ignorieren, wie Credences Kleid ihm bereits über die Schultern glitt. Zwar rührte er sich nicht, doch die Schwerkraft hatte ihren Tribut gefordert. Es sank ihm bis zur Hüfte und entblößte seine zierliche Gestalt, während die langen Stoffbahnen bis zu den Füßen flossen.
Percival fühlte sich sonderbar, als würde er jemanden in einem intimen Moment beobachten. Zögernd trat er einen Schritt vor. “Du hast vorhin im Café etwas verloren”, sagte er und legte das Foto neben Credence auf den Schminktisch, an dessen Spiegel die Lampen so warm leuchteten, dass sie Credences helle Haut in goldenes Licht hüllten. Percival fühlte seinen Mund trocken werden, obwohl er sich Mühe gab, nicht hinzusehen.
Credences Augen weiteten sich, als er das Bild erkannte. Seine Wangen wurden wieder so rot wie vorhin. Percival konnte es sogar trotz des Make-Ups erkennen, das sein Gesicht noch heller gefärbt hatte. “D-Danke”, murmelte er leise.
Percival trat einen Schritt zurück. “Keine Ursache”, sagte er und in dem betretenen Schweigen, das zwischen ihnen eintrat, fuhr er tapfer fort: “Credence ich möchte mich entschuldigen. Ich habe mich vorhin nicht sehr freundlich verhalten und du hast es nicht verdient, dass jemand so mit dir spricht. Du leistest großartige Arbeit. Jeder hier weiß das. Wir können sehr froh sein, dass du da bist.”
Es kostete ihn große Überwindung, all das zuzugeben. Damit gestand er ein, dass er nicht die einzige talentierte, berühmte Person in diesem Theater war. Das war neu für ihn.
Seine Worte wurden mit einem schüchternen Lächeln belohnt.
“Danke”, wiederholte Credence.
“Und es...”, begann Percival, der schon bei der Tür angekommen war, aber sichergehen wollte, dass Credence sich wegen ihm nicht unwillkommen hier fühlte, “...es ehrt mich, dass du mich als dein Vorbild ausgewählt hast. Es ist gut, Vorbilder zu haben. Man glaubt dann stärker an das, was man erreichen will.” Er nickte Credence noch einmal zu, der still geworden war und zu Boden blickte. Percival ahnte, dass er seine Besucherzeit sehr überstrapazierte. Credence hatte genauso einen langen Tag gehabt, wie er selbst, war müde und erschöpft und stand in einem Kleid hier, das er offensichtlich gern ausziehen würde. “Also”, sagte er und drückte die Klinke hinunter, “Gute Arbeit und bis... bis später dann.”
“Bis später”, hörte er Credence antworten, dann schloss sich zwischen ihnen die Tür und Percival, der bemerkte, dass sein Herz nervös schneller schlug, atmete tief durch. Vielleicht war er wirklich gestresst. In letzter Zeit fühlte er sich weniger selbstsicher, weniger von sich überzeugt. Das musste wohl an seinen Nerven zehren.
Er beschloss, das Gespräch nicht zu bewerten oder sich zu fragen, ob seine Entschuldigung angenommen worden war. Er konnte sich auch später noch den Kopf über solche Dinge zerbrechen.
Stattdessen ging Percival in seine Garderobe, entkleidete sich, zog sich seine eigenen Sachen an und verschwand, müde und abgekämpft, aus dem Theater.