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Der Survival Kurs

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Credence wusste nicht wirklich, wieso er zugestimmt hatte. Es war eine total verrückte Idee und er hätte den Gutschein lieber gegen einen anderen eintauschen sollen. Nun stand er neben Newt und wartete darauf, dass der Kurs begann, den ihm seine Freunde zum Geburtstag geschenkt hatten. Sie hatten alle zusammengelegt. Aber Credence ahnte, dass Newt derjenige gewesen war, der die Idee ursprünglich gehabt hatte.
“Aufgeregt?”, fragte der Rotschopf, der eben seinen Schlafsack aus dem Kofferraum seines Geländewagens nahm.
Credence, der sich im hohen Gras neben dem Auto einen Schuh zuband, nickte. “Schon”, sagte er und beobachtete dann, wie ein weiteres Auto auf die Lichtung fuhr und neben Newts Wagen hielt.
Auch, wenn ‘aufgeregt’ bei ihm eher ‘nervös’ bedeutete und nicht, wie bei Newt, ‘freudig erregt’.
“Da kommen die anderen”, sagte Newt überflüssigerweise, als noch mehr Autos auf der Lichtung hielten. Die anderen Kursteilnehmer. Sie alle waren in Zweiergruppen aufgetaucht. Alles Männer. Das überraschte Credence nicht. Es hatte zwar auf der Internetseite nirgendwo gestanden, aber dass es keine Veranstaltung war, die Frauen besonders für sich einnehmen konnte, musste man ihm nicht erzählen.
Credence kannte keinen von ihnen – mit Ausnahme von dem letzten Paar: Newts Bruder Theseus und ihrem gemeinsamen Freund Jacob, die beide ebenfalls am Kurs teilnahmen. Nun, immerhin musste er durch all das nicht allein durch. Das war ja schon mal tröstend, wenn es schon 48 Stunden gehen sollte. 48 Stunden waren eine Zeit, die er aushalten konnte, sagte er sich zuversichtlich.
Die Gruppe stellte sich in einen kleinen Halbkreis. Am Ende waren sie ein Dutzend. Jeder holte seine Schlafsäcke, Autoplanen, Taschenmesser und die anderen Dinge, die auf der Liste gestanden hatten, aus den Autos.
Und, als die letzten sich vorgestellt hatten und jeder damit begann, Smalltalk zu betreiben, fragte sich Credence schon, wann es losgehen würde.
Sie mussten nicht lange warten. Von der anderen Seite der Lichtung, vom Waldrand her, kamen zwei Gestalten auf sie zu. Sie wateten durch das kniehohe Gras, das hier, mitten in der Wildnis, nicht geschnitten worden war. Und dabei machten sie eine weitaus elegantere Figur als Credence es vermocht hätte.
Er fühlte, wie ihm Newt den Ellbogen in die Seite stieß. “Das ist er”, sagte er vielsagend und nickte zu dem Größeren der beiden hin. Einem breitschultrigen Mann mit festem, entschlossenem Gang, der den jüngeren Mann hinter sich zurückfallen ließ.
Credence nickte und sein Mund wurde trocken. Dass ihr Kursanführer umwerfend gut aussah, wurde mit jedem Schritt, der ihre Distanz verringerte, deutlicher. So umwerfend, dass Credence sich dagegen gar nicht wappnen konnte. Er fühlte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, während der Mann auf sie zuging und den ersten zunickte. Je näher er kam, desto deutlicher konnte Credence die Attribute ausmachen, die ihn als attraktiv einstuften: Breite Brustmuskeln, die sich unter seinem enganliegenden T-Shirt deutlich abzeichneten. Schwarzes Haar, das an den Seiten kurzgeschnitten und silbern meliert war. Beeindruckender Bizeps. Eine Hose, die sein Gesäß verboten gut in Szene setzte. Credence riss den Blick fort, um nicht zu sabbern. Himmel, was sollte das werden, wenn ihr Trainer so deutliche Alphawellen ausstrahlte? Gegen ihn wirkten selbst die trainierteren Kursteilnehmer, die neben ihm standen, wie hemdsärmelige, pickelige Schuljungen.
“Guten Morgen”, grüßte der Mann mit tiefem Bariton in der Stimme, der gleich mit den ersten Worten deutlich machte, dass er es gewohnt war, autoritär aufzutreten.
“Guten Morgen”, grüßte die Gruppe zurück.
Er ließ den Blick über sie alle schweifen. “Scheint, als wären wir vollzählig”, sagte er und nickte dann dem jungen Mann zu, der ihm über die Lichtung gefolgt war. Der Mann hielt ein Klemmbrett und vermerkte eilig etwas darauf.
“Dann können wir direkt anfangen”, fuhr der Trainer fort und seine Augen schauten jeden einzeln an. Er hielt den Blick jeweils einen Moment aufrecht, ehe er sich dem Nächsten zuwandte. Credence stellten sich die Nackenhaare auf, als er an der Reihe war. Die Augen waren dunkel, tief wie schwarze Seen und hatten einen animalischen Zug an sich, bei dem Credence ein Schauer über den Rücken lief. “Mein Name ist Percival Graves”, stellte sich der Trainer vor, “Ich biete diesen Kurs seit einigen Jahren an, nachdem ich … in meiner Jugend am eigenen Leib die Erfahrung gemacht habe, was es bedeutet, plötzlich allein und ohne Hilfe in der Wildnis zu sein.”
Auf diese Worte hin hoben einige der jungen Männer die Hände. Percival gab ihnen mit seiner eigenen zu verstehen, dass sie schweigen sollten. “Stellt eure Fragen, wenn ich fertig bin”, sagte er entschieden und fuhr dann fort: “Ich werde mit euch die nächsten Stunden verbringen und ich sage es gleich: Das kann nur funktionieren, wenn ihr euch an meine Regeln haltet. Mein Wald, meine Regeln.” Er warf einen finsteren Blick in die Runde. Keiner der anderen schien ihm widersprechen zu wollen.
Percival sprach in seiner tiefen, entschlossenen Stimme weiter: “Ihr werdet euch in den nächsten zwei Tagen an meine Anweisungen halten. Wer mir widerspricht, kann direkt gehen.” Er wies auf die Straße an der Lichtung, von der sie alle gekommen waren. “In der Wildnis überlebte die Menschheit bisher nur, weil sie sich in Rudel zusammenschloss, die sich an dem Stärksten unter ihnen orientierten. Und ich möchte euch nicht zu nahetreten, aber das bin in dem Fall ich.”
Er legte eine neue Kunstpause ein, um den Teilnehmern die Gelegenheit zu geben, ihn herauszufordern. Niemand ergriff diese Chance.
"Testosterongeladendes Gehabe können wir hier nicht gebrauchen”, sagte Percival und wies mit dem Kopf zum Boden hin, wo die Dinge lagen, die jeder mitgebracht hatte. “Ihr benutzt euer Messer nur, wenn ihr dazu aufgefordert werdet. Und ihr lauft damit nicht durch die Gegend. Der nächste Arzt ist einige Kilometer entfernt und ich habe keine große Lust, dass euer Blut die Wölfe anlockt.”
Eine neue Pause. Betreten schwieg die Gruppe.
“Fragen?”, hakte Percival nach.
Keiner meldete sich zu Wort.
“Das hier ist Abernathy”, sagte Percival und deutete auf den jungen Mann neben sich, der etwa in Credences Alter war. “Er hat das Überlebenstraining vor einigen Jahren abgeschlossen und war seither das eine oder andere Mal mit mir in der Wildnis. Er wird euch bei den Übungen unterstützen.”
Die Gruppe nickte Abernathy freundlich zu.
“Also dann”, sagte Percival und richtete seinen Blick auf die Dinge, die vor den Männern auf der Wiese lagen. “Ich möchte euch daran erinnern, dass ihr in den Wald nur mitnehmen könnt, was auf der Liste stand.” Dann hob er die Hand und zählte auf: “Schlafsack, Autoplane, Taschenmesser, Tasse und Löffel. Kein Handy, kein Geld. Das braucht ihr alles nicht.”
“Was ist mit Feuerzeug?”, fragte Theseus, der neben Newt stand.
Percival schüttelte den Kopf. “Ihr werdet lernen, ohne Feuerzeug ein Feuer zu entfachen.”
“Taschenlampe?”, fragte Jacob.
Percival schmunzelte. “Das Feuer wird ausreichen”, versicherte er ihm amüsiert, “Und wenn es richtig Nacht wird, haben wir immer noch das Licht der Sterne.”
Sein Blick wanderte von Jacob zu Credence, der zwischen seinen Freunden stand, und dann über seine zierliche Statur. Credence, dem der prüfende Blick unangenehm war, errötete. Er ahnte, was der Mann dachte: Dass er zu schwach war, um zu bestehen.
“Eine Sache möchte ich noch loswerden”, sagte Percival mit ehrfurchtheischender Stimme, damit die, die bereits geschäftig ihre Sachen zusammengekramt hatten, ihm zuhörten. Doch er hörte nicht auf, Credence anzusehen. “Ich werde euch alle gleich behandeln. Ohne Ausnahme. Ihr habt euch bewust für dieses Überlebenstraining entschieden, also seid ihr alle vom gleichen Rang.”
Endlich nahm Percival seinen Blick fort und schaute in die Runde. “Ihr werdet niemandem helfen, nur, weil ihr das Gefühl habt, dass er schwächer ist als ihr. Diese Ego-Streichel-Tour gibt es bei mir nicht. Jeder ist stark genug, das hier allein zu schaffen. Ihr braucht euch nicht aufzuplustern, weil ihr meint, stärker zu sein als jemand anders und ihm das unter die Nase reiben wollt.”
Seine Worte hatten einen sonderbaren Effekt auf Credence. Er hatte bis eben selbst nicht daran geglaubt, dass er diese zwei Tage allein und ohne Hilfe überstehen würde. Nun schien es, als würde Percivals Selbstsicherheit auf ihn überspringen. Vielleicht konnte er es tatsächlich schaffen? Ein zaghaftes Gefühl von Mut durchströmte ihn.
Doch seine Zuversicht geriet in ein nervöses Stocken, als Percival ihn erneut ansah. “Wenn ihr Hilfe benötigt, wendet ihr euch direkt an mich”, sagte er und obwohl er zur ganzen Gruppe sprach, beschlich Credence das Gefühl, dass er ihn persönlich meinte. “Es ist keine Schande, zu bemerken, dass man an einer Stelle nicht weiterkommt. Sprecht mich an, dann helfe ich euch.”
Credence, dessen Hals schon wieder wie ausgetrocknet war, nickte wie hypnotisiert. Er konnte sich von diesen Augen nicht losreißen. Sie hielten ihn gefangen.
Zu seinem Bedauern nahm Percival aber den Blick schließlich fort. Er ging von Teilnehmer zu Teilnehmer, besah sich die Dinge, die sie vor sich ausgebreitet hatten und nickte zufrieden. Dann erklärte er ihnen, wie sie aus den Autoplanen einen Rucksack falten konnten, in dem all die anderen Dinge Platz hatten und ging schließlich, als jeder seinen behelfsmäßigen Rucksack auf dem Rücken trug, über die Lichtung auf den Wald zu.
Er führte sie einige Meter in den Wald hinein, an eine Stelle, die ihm offensichtlich schon bei vorherigen Kursen als Lager gedient hatte. Eine Feuerstelle befand sich in der Mitte, überspannt von einer großen Plane. Größere und kleinere Holzhaufen lagen überall im Wald verteilt, als hätte jemand das Gelände noch einmal aufgeräumt und das morsche Holz zusammengekehrt. Credence vermutete eher, dass die dicken Stämme und langen Äste für Übungen gedacht waren. Er folgte der Gruppe zur Feuerstelle, in der im Moment kein Feuer brannte, und stellte sich mit ihnen in einem Kreis auf. In einiger Entfernung sah er einen Bulli stehen, dessen Fenster von innen mit schlichten Gardinen behangen waren. Credence ahnte, dass der Kursleiter selbst nicht auf der Erde schlafen würde, doch er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn Percival begann, zu erklären. Er sagte ihnen, dass sie sich als erstes ihr Lager aufschlagen mussten. Es war ein warmer, trockener Sommertag, von Regen keine Spur. Aber sie hätten viel vor und Percival erklärte, dass ein Nachtlager eines der wichtigsten Dinge war.
Credence verteilte sich mit den anderen im Wald – einige Minuten Fußweg von der Feuerstelle entfernt – und bettete seinen Schlafsack auf einer Matratze aus Reisig, Laub und weichen Ästen, ehe er die Plane als Regen- und Windschutz darüber spannte.
Er war so in die Arbeit vertieft, dass er erst bemerkte, dass etwas nicht stimmte, als um ihn herum die anderen lauter und hektischer miteinander sprachen.
Credence blickte auf und sah sie aus dem Wald laufen, auf das Lager zu. Sie wirkten panisch und nun bemerkte er das stete Summen in der Luft und beobachtete, wie einige von ihnen nach etwas schlugen, das er auf die Entfernung nicht sehen konnte. Credence schluckte. Es schien, als hätten sie irgendwo Bienen oder Wespen aufgeschreckt.
Eilig, um nicht ebenfalls Ziel der stechenden Insekten zu werden, folgte Credence den anderen. Er hatte Glück. Als er an der Feuerstelle ankam, war er unversehrt. Anders als andere, die sich die großen Stiche an Armen und Hals rieben. Einige hatten sogar Stiche im Gesicht.
“Wir verschwinden hier”, sagte Percival mit erhobener Stimme, “Lasst alles zurück. Wir müssen tiefer in den Wald, fort von ihrem Revier.”
Die Gruppe ließ sich das nicht zwei Mal sagen. Man folgte ihm zügig durch den Wald, das stete Brummen noch immer in den Ohren, und als sie sich nach einigen hundert Metern endlich an einem kleinen Bach niederließen, konnten sie durchatmen.
Percival aber hielt den Blick wachsam in den Wald gerichtet. “Sie können uns riechen”, sagte er, “Erdwespen sind sehr aggressiv, wenn sie eine Gefahr einmal definiert haben. Und aktuell steht Mensch auf ihrer Abschusssliste, dank des kleinen Unfalls.”
Er blickte zu Jacob hin, der schuldbewusst aussah, Gesicht und Arme voller Stiche.
“Geht es dir gut?”, fragte Percival.
Jacob nickte. “Ich hatte sie nicht gesehen”, erklärte er entmutigt. “Ihr Nest war genau dort, wo ich mein Lager aufschlagen wollte.”
Percival nickte. “Zieh dein T-Shirt aus”, verlangte er, “Sie riechen die Stellen, an denen ihre Artgenossen dich gestochen haben. Wenn sie hier vorbeikommen, werden sie wieder auf dich losgehen. Du musst im Bach den Lockstoff abwaschen.”
“Ich habe nur dieses eine T-Shirt", erwiderte Jacob und nun klang er milde verzweifelt.
Percival zögerte nicht. “Hier”, sagte er, zog sein eigenes T-Shirt aus und hielt es Jacob hin. “Du kannst meins so lange tragen. Ich habe im Lager ein weiteres.”
Jacob nahm das T-Shirt zögernd entgegen und wandte eilig den Blick ab.
Credence verstand, wieso: Percival war so durchtrainiert, dass sein Körper direkt reagierte, bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte. Seinen flachen Bauch zierte ein Sixpack und die Muskeln, die bereits unter dem T-Shirt deutlich hervorgetreten waren, setzten sich nackt noch deutlicher in Szene. Credence hielt ein sehnsüchtiges Wimmern zurück. Himmel, er wusste ja, dass er schwul war, aber so schwul? Seinem Kursleiter, den er gerade ein paar Stunden kannte, derart hinterher zu hecheln, war ja schon peinlich.
Während er noch den Blick fortreißen wollte, schlug Percival auf seinen Oberarm und fluchte dann. Er besah sich die Stelle und hob dann den Kopf, sodass er Credences Blick direkt erwiderte. “Ich brauche deine Hilfe”, sagte er und der vertrauensvolle Tonfall, mit dem er zu ihm sprach, ließ Credences Knie weich werden.
Folgsam trat Credence näher.
Percival deutete auf seinen Oberarm. “Steckt der Stachel noch drin?”, fragte er.
Credence beugte sich vor, versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn die Nähe zu dem halbnackten Mann erregte und ignorierte, so gut er konnte, den warmen, maskulinen Duft, der ihm entgegenschlug. Er nickte. “Ich kann ihn sehen”, bestätigte er und versuchte, seine Stimme ruhig zu halten.
“Kannst du ihn herausziehen?”, fragte Percival.
Credence schluckte. Nun sollte er ihn auch noch berühren?
Zögernd und mit spitzen Fingern näherte er sich der Einstichstelle.
“Keine Angst”, beruhigte Percival ihn sachlich und konzentriert, “Du kannst es nicht schlimmer machen.”
Nun, das war ja aufbauend. Credence nickte verbissen, versuchte dann, den Stachel zwischen die Fingernägel zu bekommen und war dann nach einigen Versuchen froh, dass Percival aus einer der vielen Taschen seiner Hose eine Pinzette hervorholte. Damit ging es leicht. Schon war der Stachel draußen und Credence trat scheu wieder zurück, um gebührlichen Abstand zu halten.
“Danke”, sagte Percival aufrichtig und wieder kam es Credence so vor, als würde sein Blick länger auf ihm liegen als auf den anderen.
“Keine Ursache”, antwortete Credence leise.
Und bevor er den Boden vollends unter den Füßen verlieren konnte, wandte Percival sich ab und versammelte die Gruppe. “Nun, da wir hier sind, können wir die Gelegenheit gleich nutzen, um Feuer zu machen.”
Und er erlaubte ihnen, sich auf den Boden zu setzen.

Credence und die anderen verfolgten, wie er Feuer erst mit Stöcken machte, die er gegen Muscheln drehte. Dann mit Feuersteinen, die er aneinanderschlug. Und mit Glimmwolle und den Resten eines Feuerzeugs. Nachdem er es vorgeführt hatte, taten sie es ihm jedes Mal nach. Reihum wurden die Utensilien herumgereicht. Jeder versuchte es so lang, bis es ihm gelang.
Schließlich hatten sie eine letzte Übung vor sich, in der sie ein Streichholz so sparsam wie möglich entzünden und nutzen sollten. Percival führte ihnen die Handbewegung vor, die sie einhalten mussten und als es dieses Mal die Reihe herum ging, war Credence der erste, der es nicht hinbekam. Er fühlte sich ungelenk, aber er ahnte, dass er die Finger nur nicht im richtigen Winkel hielt. Das Streichholz wollte sich einfach nicht entzünden und wenn es brannte, erlosch es einfach wieder.
Percival, der ihn, wie alle anderen, beobachtet hatte, kam zu ihm. “Darf ich?”, fragte er und Credence, der nicht verstand, was genau er meinte, nickte.
Percival ging hinter ihm in die Hocke und führte die starken Arme an ihm vorbei. Credence blieb einen Moment das Herz stehen. Er versuchte, sich davon nichts anmerken zu lassen, aber das war nicht so leicht. Der Geruch stieg ihm wieder in die Nase und zu wissen, dass sich Percivals nackte Brust in seinen Rücken presste, machte es nicht gerade einfacher. Er erschauderte, als Percival seine Hände griff und die Finger so führte, wie sie gehalten werden mussten.
“Zwischen Daumen und Zeigefinger”, raunte er ihm ins Ohr, während er das Streichholz mit Credences Fingern an der Streichholzbox entlangführte und das Feuer sich entzündete. “Sehr gut und jetzt halte es fest.”
Credence nickte eilig. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Er konnte sich nicht erinnern, einem fremden Mann schon einmal so nahe gekommen zu sein. Und dazu auch noch einem so gutaussehenden.
Er hielt den Atem an, bis der Moment vorbei war und Percival sich wieder von ihm entfernte. Der Kursleiter erhob sich und Credence bemerkte, dass es kühl in seinem Rücken wurde. Er vermisste die Wärme jetzt schon.

Als sie für die nächste Übung ein Stück den Weg zurückgingen, den sie gekommen waren, beschlich Credence der leise Verdacht, dass er nicht der Einzige war, der jemanden besonders im Auge behielt. Vermutlich bildete er es sich nur ein, aber Percival hatte nur bei ihm die Fingerstellung korrigiert, obwohl auch andere Probleme gehabt hatten. Er hatte IHN gebeten, ihm mit dem Wespenstich zu helfen. Und nun stellte er ihm die kräftigsten Männer zur Seite, als sie für die neue Übung in Dreiergruppen einen Unterstand aus Ästen bauen sollten. Und als er verkündete, dass jemand ihm beim Kochen helfen sollte, während die anderen eine Kaninchenfalle bauten, fiel seine Wahl sehr schnell auf Credence.
Credence fragte sich, ob es daran lag, dass er mit Abstand der schlankste und schwächlichste der Teilnehmer war. Aber etwas ließ ihn an dem Gedanken zweifeln: Die Art, wie Percival ihn ansah. Wie sein Blick ihm folgte. Wie er mit ihm sprach. Sein Ton wurde sanft, wenn er das Wort an Credence richtete, als würde er mit einem verletzten Kätzchen sprechen. Die anderen behandelte er alle gleich, forderte sachlich die nächsten Schritte und erinnerte sie daran, wo ihr Platz war.
Aber je länger Credence sich Percivals Aufmerksamkeit bewusst wurde, desto mehr hatte er das Gefühl, dass Percival in ihm nicht einen gewöhnlichen Kursteilnehmer sah.
Während sie kochten, unterhielten sie sich. Percival berichtete von seiner Schwester und ihrer Familie. Er erzählte von seinen letzten Jahren und wie er sich all das hier aufgebaut hatte. Er erzählte Geschichten von den Überlebenstrainings, die er auf eigene Faust in der Wildnis durchgeführt hatte. Je mehr er sprach, desto mehr beschlich Credence das Gefühl, dass er versuchte, ihn zu beeindrucken. Und wenn Credence versuchte, sachlich an alles heranzugehen, dann meinte er, das Balzverhalten zu erkennen: Der Wunsch nach Nähe und Berührung unter dem Vorwand eines Wespenstichs oder einer Feuer-Übung. Die permanente Aufmerksamkeit, die auf Credence lag. Der weiche Ton und die offenen Gespräche, die signalisierten, dass Percival ihm sein Vertrauen entgegenbringen wollte. Die Geschichten, die seine Männlichkeit unterstreichen sollten. Die Art, wie er mit dem Messer umging, während sie kochten, als wollte er demonstrieren, wie gut er Waffen handhaben konnte. Die Gelegenheit, die er bewusst ausnutzte, um mit Credence allein zu sein.
Credence konnte es nicht fassen, doch je mehr er es beobachtete, desto weniger kamen Zweifel darin auf, dass Percival ihn ebenso interessant fand, wie er ihn.
Und als er das erkannt hatte, wurde ihm ganz warm ums Herz und sein Puls beschleunigte sich abermals. Percival hatte einen Raum geschaffen, in dem er mit ihm allein sein konnte, während die anderen weit entfernt mit dem Bau der Fallen beschäftigt waren. Und er demonstrierte sein gesamtes animalisches Alphaverhalten.
Er lieh Credence sogar seinen Löffel, um das Essen abzuschmecken (obwohl er früher am Tag betont hatte, dass seine Dinge SEIN Eigentum waren und sich niemand wagen sollte, sie zu nehmen) und lobte dann, nachdem er selbst gekostet hatte, seine Kochkünste.
Als die Gruppe wieder zu ihnen stieß, verkündete er, welch großartige Arbeit Credence hier geleistet hatte, bis es Credence ganz peinlich war, und als sie wieder unter sich waren, weil die anderen ihr Geschirr im nahegelegenen Bach wuschen, raunte er ihm mit einem Schmunzeln zu: “Du glaubst nicht, wie schwer es hier draußen an manchen Tagen ist, seine Hormone unter Kontrolle zu halten.”
Credence, der eben hatte einatmen wollen, verschluckte sich überrascht an der Luft und warf Percival dann einen überforderten Blick zu. Doch der Ältere entließ ihn fürs erste aus seiner Aufmerksamkeit, ging nun selbst zum Bach und wusch sein Geschirr.
Zurück blieb Credence, der ihm nachsah und nicht fassen konnte, dass das hier tatsächlich geschah.