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Das Amulett des Wolfes

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Glücklicherweise ließ Dumbledore ihn nicht allzu lang darüber grübeln, was er noch glauben konnte und was nicht. Er begann zu erklären: “Es ist ein Amulett aus dem frühen Mittelalter, als es Eltern schwerfiel, einen angemessenen Partner für ihre Töchter zu finden. Es ist ein Schutzpatron für die Frauen, der ihnen hilft, einen starken Partner zu finden, der aufrichtig ist und bei dem sie gut aufgehoben wären.”
Newts Augen weiteten sich und er riss den Kopf hoch, während er den Mund öffnete, um Dumbledore zu widersprechen. Das war vollkommen abwegig, selbst, wenn man es so ruhig sagte wie Dumbledore. Aber Newt war zu überrascht von dieser Erklärung, als dass er die richtigen Worte finden konnte. Während er den Mund wieder schloss, versuchte er, sich mit dieser Information anzufreunden. Sie wollte ihm nicht in den Kopf. Seine Mutter hatte diese Kette ab und an getragen und hatte Newt schon früh erklärt, dass der Wolf, der darin wohnte, sie und ihre Familie beschützte.
“Ich hätte nicht geglaubt, dass es auch bei Männern funktioniert”, sann Dumbledore weiter, der von den Gedanken nichts ahnte. Seine Worte brachten Newt zurück in das Hier und Jetzt, in dem sein ehemaliger Lehrer ihm erklären wollte, dass er ein Verkupplungsamulett um den Hals trug. Das war vollkommen unmöglich. Er fühlte sich nicht verkuppelt. Aber wenn Dumbledore Recht hatte, dann ...
“Nun, immerhin meint es der Wolf sehr gut mit dir”, sprach Dumbledore mit einem leisen Lachen weiter und sagte dann das, was Newt eben gedacht hatte: “Er hat dir den stärksten Zauberer gesucht, den es auf dieser Insel gibt. Zumindest meiner bescheidenen Meinung nach”, setzte er mit einem wohlwollenden Schmunzeln hinzu.
Newt erwiderte das Lächeln schüchtern und widerstand erneut dem Versuch, Dumbledore zu widersprechen – wenn auch dieses Mal aus einem anderen Grund. Wenn der Wolf Dumbledore gerufen hatte, dann nicht wegen seiner Stärke, sondern wegen Newts langjährigen Gefühlen für ihn. Aber er hatte sich schon früher nicht dazu durchringen können, sie seinem ehemaligen Lehrer zu eröffnen. Er würde es auch nun nicht tun.
Ihm kam der erschreckende Verdacht, dass der Wolf, der in der Kette so lang in der Truhe gehaust hatte, die Gefühle aufgenommen hatte, die aus dem Liebesbrief sprachen, der jahrelang darübergelegen hatte. Wenn Dumbledores Vermutung stimmte und die Kette ihm den passenden Partner aussuchte, hatte es sich der Wolf sehr einfach gemacht und denjenigen genommen, nach dem sich der jüngere Newt so lang verzehrt hatte. Vielleicht auch den Stärksten, aber Newt ahnte, dass das nicht der Hauptgrund war.
“Eins verstehe ich trotzdem nicht”, murmelte Newt schließlich, weil ihn mehr beschäftigte als die Wolfserscheinung. “Diese... Diese Hitze. Wieso war ich so... wieso waren Sie so...?” Newt errötete tiefer, wich Dumbledores Blick aus und machte weitschweifende Gesten, die seine halbgesprochenen Sätze füllen sollten.
“Das ist der Paarungszauber, der auf dem Amulett liegt”, erklärte Dumbledore mit einem vielsagenden Nicken in Richtung der Kette. “Er versetzt die Trägerin - oder in deinem Fall den Träger - des Amuletts und den Auserwählten in einen Zustand, in dem sie ihre Nähe zueinander ausprobieren können, ohne Schuldgefühle.”
“Ohne Schuldgefühle?”, hakte Newt nach, bevor er sich zusammenreißen konnte. Er wusste ja nicht, wie es Dumbledore ging, aber er selbst fühlte sich mehr als schuldig. So, wie es klang, hatte sein Amulett Dumbledore dazu gezwungen, Sex mit ihm haben zu wollen. Newt wusste nicht, ob er es mit seinem Gewissen vereinbaren konnte.
Dumbledore nickte nur. “Der Zauber ruft das Weibliche, sich Ergebende, Nehmende in dem einen Part hervor und das Männliche, Gebende, Dominierende in dem anderen Part. Es wird jeweils angezogen von seinem Gegenstück. Deshalb erschien dir der Wolf und mir...”
“Ein Reh...”, schloss Newt matt. Ihm gingen langsam die Argumente aus, die gegen Dumbledores Theorie sprachen. Es klang erschreckend schlüssig. Nur, was machte er jetzt mit diesen Informationen? Was machte er mit diesen Erfahrungen?
Nervös und mit dem sonderbaren Gefühl in der Brust, dass das Amulett ihn belogen hatte, zog er sich die Kette vom Kopf und machte sich dann daran, sein Hemd zuzuknöpfen. Nun, da die Hitze mehr und mehr aus ihm schwand, fröstelte er allmählich und obwohl er sein erstes und einziges Mal mit Dumbledore vermutlich nie vergessen würde, hatte er nun doch den Drang, sich zu bedecken.
“Keiner von uns war in der Lage, sich dem Reizen der anderen Seite zu entziehen”, schloss Dumbledore mit einem nachsichtigen Unterton in der Stimme, als ahnte er, wie sehr Newt mit seinem Gewissen haderte. Ja, Newt ging gern Risiken ein und probierte Dinge aus, anstatt sie von vornherein zu fürchten. Aber das... war etwas anderes und überstieg seine Vorstellungen bei weitem. Wie sollte er Dumbledore nur je wieder in die Augen sehen?
“Du solltest nur vielleicht...”, sagte Dumbledore langsam, weil Newt nicht antwortete, “... das Amulett erst wieder herausholen, wenn du eine Tochter hast, die verheiratet werden soll.”
Newt hörte das Schmunzeln in Dumbledores Stimme, doch ihm war nicht nach Lachen zumute. Im Gegenteil, die Worte hatten den Knoten, der sich in seinen Eingeweiden gebildet hatte, nur verstärkt. Trotzdem nickte er und presste die Lippen aufeinander, während er seine Hose hochzog, auf die Knie kam und sie zuknöpfte. Er schaute Dumbledore nicht an, der keine Eile zu haben schien, sich selbst wieder vorzeigbar zu machen.
Dass er weiterhin schwieg, war wohl ungewöhnlich genug, damit Dumbledore fragte: “Habe ich dir wehgetan? Ich erinnere mich daran, ziemlich grob gewesen zu sein.” Er seufzte leise. “Das tut mir leid.”
Newt presste die Lippen fester aufeinander und schüttelte den Kopf. “Nein, haben Sie nicht”, murmelte er und es gelang ihm, seine Stimme so weit zu kontrollieren, dass sie fest und nüchtern klang. Er konnte nicht sagen, was ihn da emotional gerade so sehr aufwühlte. Die Endgültigkeit? Die Tatsache, dass es nun vorbei war und sie es einfach als Erlebnis abhaken würden? Newt hatte nicht darum gebeten, dass seine Hoffnung weiter geschürt wurde und er war wütend auf sich, weil er Dumbledore Vorwürfe machen wollte. Dumbledore war der Letzte, den eine Schuld traf. Er war sogar so nett, ihn zu fragen, ob er ihn verletzt hatte. Warum musste Newt dann so mühsam die Tränen zurückhalten? Er schluckte und bemerkte, dass sich seine Kehle zusammengezogen hatte.
Neben ihm kam Dumbledore wohl zu dem Schluss, dass es besser war, nicht weiter zu drängen. Ein Schlenker seines Zauberstabs und er war wieder vollkommen bekleidet, ordentlich und faltenfrei, als hätte er nicht gerade wilden Sex auf einer Decke im verschneiten Wald gehabt. Newt warf ihm einen neidischen Blick zu. Er war in der Tat mächtig.
“Nun, ich nehme an, du bist ziemlich erschöpft von dem, was geschehen ist”, sagte Dumbledore entgegenkommend und gab Newts Schweigen damit eine höfliche Daseinsberechtigung.
Newt wünschte, es würde sich nicht wie ein Abschied anfühlen. Er wünschte, sie könnten darüber reden. Könnten Zeit miteinander verbringen. Er wusste, dass es nicht an dem Amulett lag, denn dieses Verlangen hatte er bereits seit Jahren.
Stattdessen schien Dumbledore sein Verhalten nun als den Wunsch nach Einsamkeit zu interpretieren – oder suchte nur elegant nach einem Grund, zu verschwinden.
Nachdem er sich ebenfalls erhoben hatte und die Decke verschwunden war, wirkte es ganz so, als würde er jeden Moment apparieren wollen.
“Warten Sie”, platzte es aus Newt heraus, weil er fürchtete, es wäre sonst zu spät. “Bitte... gehen Sie noch nicht.”
Dumbledore wirkte ehrlich überrascht. “Nicht?”, fragte er.
Dass er Newt nun plötzlich wieder seine volle Aufmerksamkeit zuwandte, half nicht, damit Newt sich entspannte. Tapfer sagte er: “Ich... ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht... einen Tee wollen?”
Seine Frage schwebte einen Moment zwischen ihnen in der Luft. Einen unerträglichen Moment lang, in dem Newt sich fragte, was nur in ihn gefahren war!
Doch zu seiner Überraschung lächelte Dumbledore freundlich. “Sehr gern.”

Als sie in das Herrenhaus zurückgekehrt waren, hatte Newt beinahe damit gerechnet, Theseus über den Weg zu laufen, doch dieser schien so in die Arbeit vertieft, die er nicht einmal in der Weihnachtszeit liegenlassen konnte, dass er sich nicht zeigte.
Sie hatten sich in den Salon gesetzt, auf das breite gepolsterte Sofa, nachdem Newt ihnen einen Tee gemacht und Dumbledore seine Tasse gereicht hatte.
Die ganze Zeit über hatte eine sonderbare Stimmung zwischen ihnen geherrscht. Newt, der sich mehr als einmal gefragt hatte, ob es nicht unter den gegebenen Umständen doch passend war, dem Älteren seine Gefühle zu gestehen, hatte jedes Mal, wenn es ihm auf der Zunge gelegen hatte, schnell ein anderes, unverfänglicheres Thema angeschnitten. Sein Herz hatte ihm nervös bis zum Hals geschlagen und er hatte deutlich bemerkt, wie heiß sein Gesicht die ganze Zeit über gewesen war.
Und als sich ihre Tassen lange geleert hatten und es keinen weiteren Grund gab, Dumbledore festzuhalten, musste Newt sich eingestehen, dass er nicht so mutig war, wie er manchmal glaubte.
Resignierend und mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass es das Beste so war, stellte Newt seine leere Tasse ab, nachdem Dumbledore das Gleiche getan hatte.
“Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Dumbledore”, sagte er höflich, denn er erkannte, wann sich ein Abschied nicht länger hinauszögern ließ und er wollte Dumbledore nicht noch länger aufhalten. Der Mann war schließlich vielbeschäftigt und Newt hatte schon zu viel seiner Zeit beansprucht.
“Bitte, Newt, es war mir ein Vergnügen”, beteuerte Dumbledore mit seiner gewohnten Höflichkeit und einem freundlichen Lächeln, “Wir hatten schon lange nicht mehr die Zeit, in Ruhe zu sprechen.”
Er machte sich daran, aufzustehen.
Newt, der zwar die Idee endgültig begraben hatte, etwas so Unheuerliches wie ein Liebesgeständnis verlauten zu lassen, brannte dennoch eine Frage auf der Zunge, die ihn nicht losließ. Und er hoffte sehr, dass Dumbledore nicht allzu viel hineininterpretierte, wenn er sie stellte. “Professor, ich... ich habe noch eine Frage”, sagte er.
“Ja?”, fragte Dumbledore und sank wieder zurück ins Sofa. Er schaute Newt aufmerksam an.
“Sie sagten, das Amulett sucht einen Partner für den Träger aus”, begann Newt.
Dumbledore nickte langsam.
“Meinen Sie, es geht dabei nur um Stärke?”, wollte Newt wissen. Für ihn hatte es sich mehr so angefühlt, als würde es sein Herz berücksichtigen.
“Nun, sicherlich nicht”, sinnierte Dumbledore und schaute nachdenklich zur Schrankwand gegenüber, deren Regale mit Büchern gefüllt waren. “Räumliche Nähe, Ungebundenheit, Potenz und gegenseitige Anziehung spielen mit Sicherheit auch eine Rolle.”
Newt errötete tief. Räumliche Nähe konnte er ausschließen, dafür war Dumbledore zuvor zu weit weg gewesen. Aber von seiner Potenz hatte er sich mehr als deutlich überzeugen können und die Anziehung war zumindest seinerseits eindeutig gegeben.
Es gab immer weniger Zweifel, dass Dumbledore von dem Amulett nicht zufällig ausgesucht worden war.
“Wieso fragst du?”, hakte Dumbledore nach und Newt, der es eigentlich dabei hatte bewenden lassen wollen, wich seinem Blick aus.
“Es... es ist nicht so einfach zu …”, begann er und seine Finger verwoben sich fahrig ineinander. “Ich... ich hoffe, Sie denken nicht schlecht von mir, aber...” Merlin, so weit hatte er nicht gehen wollen. Aber nun, da es so offensichtlich schien, was machte es für einen Sinn, es weiter zu verheimlichen?
“Was ist es, Newt?”, fragte Dumbledore mit sanfter Geduld.
“W-wissen Sie, ich... ich habe früher schon...”, stammelte Newt und sein Herz schlug ihm so schnell in der Brust, dass er es deutlich gegen den Brustkorb schlagen spürte. Seine Atmung wurde flach und ihm wurde leicht schwindelig.
“Ja?”, fragte Dumbledore sanft. Er schien von Newts innerem Tumult nichts mitzubekommen.
“Das Amulett, also ich... Es hat mich...” Newt verstummte und presste die Lippen aufeinander. Er konnte es nicht. Er brachte es einfach nicht über sich, sein bestgehütetstes Geheimnis dem Mann anzuvertrauen, den es betraf. Newt schloss voll Scham die Augen, während er sich wünschte, er könnte im Erdboden versinken.
“Du hast es schon einmal getragen?”, fragte Dumbledore, seinen Lückentext vollständig missverstehend. Und klang er eine Spur enttäuscht oder bildete Newt sich das ein? Sein Herz raste in seiner Brust und er war nicht mehr zurechnungsfähig, woher sollte er wissen, was Dumbledore dachte oder andeutete?
Weil er sich nun einmal einen Ruck gegeben hatte und es ihm zu sehr auf der Seele brannte, schwang Newt den Zauberstab und der Brief aus der Truhe erschien in seiner Hand. Mit hochrotem Kopf und den Blick nach unten aufs Sofa gerichtet, hielt er ihn Dumbledore hin, bevor er es sich anders überlegen konnte.
Der nahm ihn stumm und offensichtlich milde überrascht an, zog das Pergament aus dem Umschlag und begann zu lesen.
Newt wartete. Und wartete. Die Sekunden verstrichen quälend langsam, während die Panik sich in ihm breit machte. Dumbledore erfuhr, wie er seit Jahren fühlte und Newt musste mit dem Schlimmsten rechnen. Mit einer Abfuhr, einem Korb, einem Aufkündigen ihrer Freundschaft. Versehentlicher Sex war ja noch verzeihbar. Den konnte man totschweigen und so tun, als wäre er nie geschehen – immerhin hat keiner von ihnen absichtlich gehandelt.
Aber das... das war eine Nummer größer. Es war echt und aufrichtig und Newt war ein Idiot, weil er so offen mit seinen Gefühlen hausieren ging. Was dachte er sich nur dabei?
Verstohlen und mit dem Rauschen seines Blutes deutlich in den Ohren schaute Newt durch seine Locken zu Dumbledore auf, der die Zeilen las, ohne sich eine Emotion anmerken zu lassen. Dann, als er am Ende angekommen war, faltete er den Brief wieder zusammen und schob ihn in den Umschlag, ohne etwas zu sagen. Er wirkte ebenso ruhig wie zuvor. Keine Regung zeigte sich auf seinem Gesicht. Dumbledore schaute einen Moment auf den Umschlag in seinen Händen, während Newt es nicht ertrug, ihm dabei zuzusehen und sein Urteil abzuwarten. Sollte er sich entschuldigen? Es als Witz abtun? Die Panik schrie in seinem Kopf. Irgendetwas musste er tun, um das Schlimmste zu verhindern! Er musste irgendetwas tun!
“Newt”, sagte Dumbledore leise, ohne Newt anzusehen. Das Wort genügte, damit Newts innerer Aufruhr einen Moment innehielt und panisch gefror.
Nervös und ängstlich hob Newt den Kopf und schaute Dumbledore nun offen an.
Der Ältere wandte sich zu ihm um und selbst, als ihre Blicke sich begegneten, erkannte Newt nicht, was Dumbledore von all dem dachte. Er konnte den Blick aus blauen Augen nicht deuten.
Dumbledore reichte ihm den Brief zurück und Newt sank das Herz in die Hose.
“Wieso...?”, begann Dumbledore leise und weil er den Blick aufrecht hielt, hielt Newt ihm tapfer stand. “Wieso erfahre ich davon erst jetzt?”
Newts Herz schlug einen Moment schneller. Fahrig senkte er den Kopf und zuckte die Schultern. “Ich... Ich weiß nicht, ich... Das Amulett hat... Es war alles so plötzlich und ungeplant und...”, versuchte er, sich herauszureden, weil er selbst nicht wusste, warum er es ausgerechnet jetzt gestand.
“Wäre das Amulett nicht gewesen, hättest du mir nichts davon gesagt?”, hakte Dumbledore ruhig nach.
Newt schüttelte den Kopf, ohne Dumbledore anzusehen.
“Es braucht Pheromone, damit du dich öffnest?”, fragte Dumbledore weiter.
Newt verzog unangenehm berührt den Mund. “Ohne... Ohne das Amulett hätten Sie doch gar nicht...”
“Du hast mir vorhin nicht zugehört”, sagte Dumbledore mit einem sanften Lächeln, “Gegenseitige Sympathie ist einer der Faktoren. Selbst, wenn es bei dem ausgewählten Partner unter normalen Bedingungen nicht für Liebe reichen sollte, ist eine gewisse Sympathie vorhanden.” Er seufzte und es schien, als würde ein wenig Anspannung von ihm abfallen. “Newt, wir kennen uns so lange und du wolltest es mir nicht sagen?”
Newt schüttelte den Kopf. “Es hätte alles verkompliziert”, murmelte er.
Dumbledore nickte verstehend. “Das ist richtig”, sagte er, “Aber, wenn du mir die Bemerkung gestattest, es hätte dir auch einige schöne Erfahrungen beschert.” Er lächelte. “Wie die vorhin”, setzte er hinzu, “Es sei denn, du sagst mir, dass das vorhin nicht nach deinem Geschmack war.”
Newt konnte Dumbledore nicht länger ins Gesicht sehen. Er drehte das Gesicht zur Seite und schwieg einen Moment, ehe er einlenkte. “Das habe ich nicht gesagt. Aber darum geht es nicht”, erinnerte er sie beide, “Es geht nicht um mich. Ich habe diesen Zauber nicht absichtlich ausgelöst und trotzdem bin ich schuld daran, dass er Sie gezwungen hat...”
“Sprich nicht von Schuld, wenn es nichts zu entschuldigen gibt, Newt”, unterbrach Dumbledore ihn sanft.
Seine geduldige Art gab Newt nun das Gefühl, dass der Ältere die Tragweite dessen nicht verstand. Es war immerhin gegen seinen Willen geschehen! “Aber es hat Sie einfach...”
"Newt, glaubst du, ich laufe jeder Hirschkuh hinterher, die sich in mein Büro verirrt?”, fragte Dumbledore und bei der Art, wie er es sagte, schaute Newt zögerlich zu ihm hin.
Während er sich am Rande fragte, wie oft in Dumbledores Büro Tiere erschienen, bemerkte er, dass dessen Augen wärmer geworden waren. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn dann aber wieder, weil ihm nicht die richtigen Worte einfallen wollten.
“Sie...”, sagte er schließlich mit belegter Stimme, “... Sie sagten selbst, dass es zu betörend gewesen war, um sich zu entziehen. Dass Sie nicht anders konnten.”
Dumbledore nickte und beinahe kam es Newt so vor, als würde er sich ein wenig zu ihm hin lehnen. Aber sicher bildete Newt sich das nur ein.
“Ich gebe zu, ich hatte so etwas nie in Erwägung gezogen”, sagte Dumbledore und seine Stimme war ein leises Raunen geworden. Er beugte sich ein wenig weiter vor und Newt, dessen Wangen so feuerten, dass er daran ein Streichholz entzünden könnte, wich scheu vor ihm zurück.
“Aber was hältst du davon, es zuzulassen?”
“Es zuzulassen?”, fragte Newt, den Dumbledores Nähe bereits wieder so sehr benebelt hatte, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte.
“Deine Gefühle, Newt”, erinnerte Dumbledore ihn mit einem Schmunzeln. “Was, wenn wir ihnen nachgehen würden?”
Ein leichtes Ziehen in Newts Herz ließ ihn ungläubig den Kopf schütteln. “Wieso sollten Sie das tun?”, hauchte er. Er war schließlich nur Newt, der Junge, den man aus Hogwarts geschmissen hatte. Der Mann, der keinen normalen Job annehmen konnte, weil er nichts anderes konnte als mit Tieren zu sprechen. Der vollkommen unfähig in jeder Form menschlichen Kontakts war. Und Dumbledore war... so kompetent. So einflussreich, mächtig und mutig. Womit hätte Newt seine Aufmerksamkeit verdient?
Zu seiner Überraschung schmunzelte Dumbledore auf die Frage nur breiter. “Weil ich es vorhin durchaus genossen habe”, begann er aufzuzählen, “Weil ich dich mag. Und weil ich mir vorstellen kann, dich auch auf diese Art zu mögen.”
Newt fand es zu gut um wahr zu sein. Er schüttelte sacht den Kopf, misstrauisch und seinem Glück nicht trauend. “Und woher wollen Sie wissen, dass es nicht der Zauber ist, der noch immer aus Ihnen spricht?”, fragte er.
“Ich für meinen Teil bin mir sehr sicher, klar im Kopf zu sein”, antwortete Dumbledore charmant, “Aber wenn du einen Beweis willst... Was hast du zu Silvester vor?”
Die plötzliche Frage brachte Newt nun deutlicher aus dem Konzept. “Ich... ? Ehm... nichts...”, stammelte er.
“Möchtest du es mit mir verbringen?”, hakte Dumbledore nach und seine Entschlossenheit führte dazu, dass Newt sich unwohl unter seinem Blick wand.
“Ich … ich denke nicht, dass...”, murmelte er, den Blick auf seine Knie geheftet.
Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Dumbledore ein Stück zurückwich. “Newt, ich bin dir dankbar für deine Offenheit”, sagte er höflich, “Aber wenn du dich zu sehr bedrängt fühlst, dann entschuldige bitte mein forsches Verhalten. Ich hatte es für eine gute Idee gehalten.”
Nun, da die Nähe zu Dumbledore wieder abnahm, fühlte Newt die Enttäuschung über die Distanz. “Ich.. Ich auch...”, murmelte er leise. So leise, dass er sich sicher war, dass Dumbledore ihn nicht gehört hatte.
Doch der lächelte. “Dann lass es uns versuchen.”
“Was, wenn es nicht funktioniert?”, fragte Newt besorgt und schaute zaghaft zu Dumbledore auf.
“Das Risiko geht man immer ein, oder nicht?”, erwiderte Dumbledore sanft.
“Aber nicht... nicht mit Ihnen...”, murmelte Newt. Denn er ahnte, wenn jemand merken würde, dass es nicht funktionierte, dann nicht er. Und er wusste nicht, ob er die Vorstellung ertrug, von Dumbledore fortgestoßen zu werden.
Auch Dumbledore schien zu begreifen, worauf Newt hinauswollte. Er runzelte sacht die Stirn. “Du glaubst, dass ich mit dir spiele?”
Betreten das Gesicht verziehend zuckte Newt mit den Schultern. “Es gibt einfach keinen Grund, warum Sie sich mit mir abgeben sollten...”, murmelte er, “Außer aus einer Laune heraus.”
Seine Worte schienen Dumbledore nachdenklich zu stimmen. Er sagte lange nichts und Newt fürchtete schon, dass er ihn davon überzeugt hatte, dass es eine dumme Idee war. Er wusste selbst, dass es besser war, es nicht zu versuchen, aber andererseits war er zugleich enttäuscht.
“Es schmerzt mich, dass du das so siehst”, sagte Dumbledore endlich, “Weil du damit nicht nur in Frage stellst, welche Menschenkenntnis ich besitze, sondern auch, wie großartig dein eigener Charakter ist.”
Newts Herz schlug ein wenig höher. Dumbledore hielt seinen Charakter für großartig?
“Ich ahne, dass es dir nach all den Jahren schwerfällt, dir vorzustellen, dass dein Brief in Erfüllung geht, aber... möchtest du es nicht trotzdem versuchen?”
Newt schwieg. Er bemerkte einmal mehr, wie wertvoll dieser Mann war. Trotz allem, was Newt ihm entgegen zu setzen hatte, ließ er nicht locker. Es wärmte Newt die Brust. Er fragte sich, ob er es wirklich wagen durfte, ihm auf diese Art nahezukommen. “W-werden Sie mir sagen, wenn Sie merken, dass es nicht...”, begann Newt leise, “...nicht in die Richtung geht, die für Sie...” Seine Worte verloren sich.
Dumbledore nickte aufrichtig.
“Nun, dann...”, sagte Newt, dem keine weiteren Argumente dagegen einfielen. Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er zu Dumbledore aufschaute. “Okay”, sagte er.
Und er sah an der Art, wie Dumbledore das Lächeln erwiderte, dass es gut war, zuzustimmen.
Dieser Winter würde angenehmer werden als erwartet.