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Wie Feuer und Wasser

Chapter Text

Gabriel warf einen Blick auf die 'Armbanduhr', die Sandalphon ihm geliehen hatte und die die Zeit auf der Erde anzeigen sollte. Hier war es 4 Uhr nachmittags. Zumindest gleich. Wenn der lange Zeiger noch zwei Striche hinter sich ließ und die Stunde voll war. Gabriel war stolz auf sich. Menschenerfindungen waren gar nicht so schwer zu verstehen.
Er ließ den Blick durch das Café wandern, in dem er saß. Er hatte sich extra ans Fenster gesetzt, um den Park und die Straße im Blick zu haben und seine Verabredung gleich zu erkennen.
Um nicht aufzufallen, hatte er sich ein großes Stück 'Sahnetorte' und eine Tasse mit einer schwarzen Flüssigkeit namens 'Espresso' bestellt. Beides stand nun seit einiger Zeit unangetastet vor ihm. Er würde nie, in Gottes Namen, etwas menschengemachtes essen. Die Scharade musste so ausreichen.
Gabriel war angespannt. Seit der Apokalypse, die schiefgelaufen war, und dem gescheiterten Versuch, Aziraphale dafür zu bestrafen, hatte er kaum Kontakt zur Hölle gehabt. Der Krieg war abgesagt worden. Seine Engel haben es mehr oder minder gemäßigt aufgenommen. Verständlich, er war selbst wütend darüber, wie die Dinge gelaufen sind. Aber noch mehr fragte er sich, was er übersehen hatte. Wenigstens den Verräter ein Exempel statuieren zu lassen, hätte funktionieren sollen. Wie stand er denn nun da? Wie stand sein Ruf da? Er musste den Engel laufenlassen, aus Angst, dass Aziraphale den Himmel mit Fegefeuer in Brand setzte. Und seither beschäftigte Gabriel die EINE Frage: Wie hatte er das gemacht? Wie war er immun geworden, ohne zu fallen?

Als um Punkt 4 plötzlich der Dämon, den er eingeladen hatte, ihm gegenüber auf einen Stuhl sank, durchlief Gabriel ein Schauder.
"Hallo, Beelzebub", grüßte er mit einem falschen strahlenden Lächeln und ließ sich sein Unwohlsein nicht anmerken. Direkt mit jemandem aus der Hölle zu sprechen, gehörte hin und wieder zu seinen täglichen Aufgaben, aber das bedeutete nicht, dass er das sonderlich mochte oder sich daran gewöhnt hatte.
Er ließ seinen Blick über Beelzebubs Haltung wandern. Die Arme hatte er vor der Brust verschränkt. Er wirkte unzufrieden, fast schon zornig. Gabriel ahnte, wieso. Für die Hölle waren die Verräter ein ähnliches Desaster gewesen. Er hatte die Berichte von Michael gehört.
„Du wolltest reden", fragte Beelzebub gedehnt und mit einem abwartenden, desinteressierten Blick.
Gabriel nickte und wurde ernst. "Es geht um...", er blickte nach links und rechts und senkte verschwörerisch die Stimme, während er sich ein wenig vorbeugte, "... die Verräter."
Bei den Worten sah er Beelzebubs rechtes Augenlid zucken. Das Thema war für sie beide ein wunder Punkt. "Was ist mit ihnen?", gab er knurrend von sich.
Diese Gleichgültigkeit und Resignation überraschte Gabriel. Ihm fiel eine Menge ein, was mit ihnen war. "Sie sind immun!", echauffierte er sich und, weil es ihm lauter über die Lippen gekommen war, als beabsichtigt, fuhr er leiser fort: "Ich meine, ich weiß, dass Aziraphale dem Fegefeuer widerstanden hat. Und Michael erzählte mir, dass dem Dämon Crowley das Weihwasser nichts anhaben konnte. Das... das können wir doch nicht einfach so hinnehmen!"
Seine Stimme war gegen Ende wieder lauter geworden und er senkte eilig den Blick, als die Bedienung zu ihnen herüberschaute.
Beelzebubs Gesichtsausdruck noch kühler. "So viel ist mir auch bekannt", antwortete er in genervtem Ton. "Sofern der Himmel", er betonte das letzte Wort abfällig, "allerdings keine neuen Informationen hat, wie man die beiden ausschalten könnte, wüsste ich nicht, was uns außer Akzeptanz übrigbliebe."
Gabriel hatte geahnt, dass es nicht einfach werden würde. Aber er hatte geglaubt, dass er mit den Provokationen der Hölle besser umgehen konnte. Mit all dem Desinteresse, dem Unmut und der versteckten Feindlichkeit, die durch Beelzebubs Worte drang. Nun stellte sich heraus, dass seine Nerven schnell überspannt waren. Er rang mit sich, um sich nicht zu vergessen und dem Dämonen an die Gurgel zu springen.
Ein Räuspern neben ihm ließ ihn zusammenfahren und seine Wut einen Moment vergessen.
Gabriel erstarrte, als die Bedienung mit einem gezwungenen Lächeln neben ihnen auftauchte.
"Alles in Ordnung bei Ihnen?", fragte sie und als Gabriel sich schon eine Antwort zurechtlegen wollte, die etwas in dem Sinne 'Streit unter Freunden' und 'wir vertragen uns gleich wieder' enthielt, deutete sie auf den Kuchen. "Oder schmeckt es Ihnen nicht?", fragte sie.
Gabriels Eingeweide gefroren. "D-doch", sagte er und nahm tapfer eine Gabel von der Sahnetorte. Sein ätherischer Magen rebellierte bereits, als er sie in seinen Mund schob und der fettige Geschmack ihm die Zunge verklebte. Gabriel unterdrückte ein Würgen und schluckte den Sahneberg tapfer hinunter.
"Doch, es ist köstlich", behauptete er mit einem schwachen Lächeln.
"Und Ihr Espresso?", hakte die Bedienung nach, "Sicher ist er mittlerweile kalt. Wollen Sie einen neuen?"
"Nein!", rief Gabriel erschrocken. Bei der Aussicht darauf, auch noch Kaffee trinken zu müssen, wurde ihm beinahe schwindelig. Er riss sich zusammen. "Nein", setzte er sanfter und mit einem charmanten Lächeln hinzu. "Der Espressooo ist nicht so mein Fall", sagte er und merkte, dass er Schwierigkeiten hatte, das Wort auszusprechen, "Bitte, nehmen Sie ihn mit."
"Gern", sagte die Bedienung und ihr neues Lächeln war ehrlicher. Ihre Wangen hatten sich gerötet. Gabriel nahm das als gutes Zeichen.
Er beobachtete, wie sie die Tasse vom Tisch nahm und zurück zum Tresen ging.
Als er sie außer Hörweite wähnte, wandte er sich wieder Beelzebub zu. "Darum geht es ja gerade", insistierte er, als wären sie nie unterbrochen worden. Er seufzte und setzte ein neues falsches Lächeln auf. "Beelzebub", sagte er und legte die Handflächen vor seiner Brust aneinander, "Keiner weiß, woher die beiden diese plötzliche Macht ziehen. Solange wir dem nicht dahintergekommen sind, sind sie eine Gefahr für beide Seiten. Ich fürchte, wir müssen uns zusammentun, wenn wir nicht noch eine Szene wie die letzte erleben wollen." Er seufzte theatralisch. "Wollt ihr etwa keinen Krieg mehr? Nehmt ihr die Unterbrechung einfach als endgültig hin?"
Zu seinem Ärger grinste Beelzebub nur hämisch. „Soweit ich weiß, hat dieser Aziraphale eine Schwäche für menschliches Essen", sagte er, „Vielleicht solltest du damit experimentieren und schauen ob es etwas mit der Immunität gegen Höllenfeuer zu tun hat", schlug er vor, während er zu der Sahnetorte deutete.
Gabriel wusste es besser als die frechen Kommentare des Dämons für bare Münze zu nehmen.
Er wurde sehr ernst und seine Miene machte deutlich, dass er das nicht witzig fand. "Jetzt hör mir mal zu", sagte er eindringlich, "Ich habe dir eine Zusammenarbeit angeboten, weil ich glaube, dass Himmel und Hölle sich bei der Beantwortung dieser Frage unterstützen können. Und wenn wir die Antwort haben, vernichten wir erst die beiden. Und danach können wir unseren Krieg haben." Mit drohendem Unterton fuhr er fort: "Wir können es aber auch genauso gut ohne euch erforschen. Und wenn ich den Trick raushabe, werde ich den gesamten Himmel immun gegen Fegefeuer machen und dann habt ihr eure wichtigste Waffe gegen uns verloren. Aber wir haben immer noch das Weihwasser. Das wäre unschön, nicht wahr?" Ein letztes falsches Lächeln, das ihm besondere Freude machte, zierte Gabriels Lippen.
Beelzebub warf ihm einen wütenden Blick zu, verkniff sich aber jeden weiteren Kommentar, der ihm offensichtlich auf der Zunge lag. "Ich habe eine Zusammenarbeit nicht abgelehnt", murrte er schließlich, "Ich sehe nur noch nicht, wie diese Zusammenarbeit aussehen soll. Was ist dein Plan?"
Die Frage besänftigte Gabriels aufkeimende Wut. Er schöpfte neue Hoffnung, nun, da Beelzebub nicht mehr nur Abneigung zeigte. Sicher hatte auch die Hölle Wissen über Crowley und Aziraphale gesammelt. Es würde helfen, Einblicke darin zu erhalten.
"Irgendwie haben sie es in den letzten tausenden Jahren geschafft, sich mehr und mehr von Himmel und Hölle loszusagen", sagte Gabriel langsam, "und ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass sie die Zeit hier auf der Erde verbracht haben. Die Lösung muss also irgendwie hier liegen. Ich schlage vor, dass wir zuerst unsere Beobachtungen zu ihren Lebensstilen vergleichen. Vielleicht lassen sich da bereits Gemeinsamkeiten ableiten. Und, wenn das getan ist, sollten wir Feldstudien betreiben, um zu schauen, ob es auch bei uns funktioniert."
Gabriel verzog den Mund, als er hörte, wie das klang. Deshalb setzte er eilig hinzu: "Das ist eine Zwei-Mann-Show. Ein Mann aus dem Himmel, einer aus der Hölle. Wenn wir auf die Lösung kommen, ist jeder nur um einen Immunen stärker." ... und nicht um eine ganze Armee.
Beelzebub neigte den Kopf nachdenklich zur Seite. Nun, immerhin schien Gabriel damit endlich sein Interesse geweckt zu haben. "Die Zusammenarbeit zwischen... Himmel und Hölle soll also auf zwei Mann begrenzt bleiben und diskret verlaufen?", hakte er nach.
"Richtig", bestätigte Gabriel mit einem vielsagenden Blick. Er ahnte, dass Beelzebub verstand, was er meinte, dennoch setzte er hinzu: "Ich kann es mir nicht leisten, eine Horde Dämonen mit einem geglückten Experiment gegen Weihwasser immun zu machen. Und ich denke, anders herum gefällt dir der Gedanke eben so wenig." Nun, da er das Gefühl hatte, dass Beelzebub tatsächlich darüber nachdachte, einer Zusammenarbeit zuzustimmen, setzte er eindringlich hinzu: "Wenn wir die Fähigkeiten erlangen sollten, die Aziraphale und Crowley erlangt haben, dann werden wir sie ausschließlich gegen die beiden einsetzen. Nicht gegeneinander. Das Geheimnis darüber, wie wir an die Immunität gelangt sind, werden wir niemandem anvertrauen." Das war es zumindest, was er sagte. Was er dachte, war, dass er, sobald er die Geheimformel, den Zauber, oder was auch immer, kannte, so viele Engel immun machen würde, wie er konnte. Und das noch vor dem großen Krieg.
Er sah Beelzebub über seine Worte nachdenken. Dann fragte er kühl: „Was gibt mir die Sicherheit, dass du mir nicht in den Rücken fällst, sobald wir Erfolg damit hätten?"
Gabriel hatte befürchtet, dass der Dämon misstrauisch sein würde. Er stutzte einen Moment gespielt überrascht, ehe sich ein leutseliges Lächeln auf seinen Lippen bildete, das schon tausende Engel vor ihm verwendet haben. "Das würde ich nie tun", sagte er, "Du kannst mir vertrauen. Ich bin ein Engel."
Bei seinen Worten schnaubte Beelzebub ungläubig, doch er kommentierte es nicht. "Angenommen ich kaufe dir deine Scheinheiligkeit ab", begann er, stützte sein Kinn auf seiner Hand ab und betrachtete Gabriel fast ein wenig überlegend. "Was gibt DIR die Sicherheit, dass ich dir nicht in den Rücken falle, Engel?"
Gabriels Lächeln wurde breiter. "Gut, dass du es ansprichst", sagte er und holte eine Schatulle raus. Er ließ sie aufschnappen und hielt sie Beelzebub hin. Ein Ring steckte darin und ohne sich der Geste, die sie für Menschen bedeutete, bewusst zu sein, sagte er: "Ein Pakt-Ring. Du wirst ihn ab sofort tragen. Verrätst du mich, werde ich es erfahren." Sein Lächeln wurde gefährlicher. "Und das willst du nicht erleben."
Beelzebubs Augen weiteten sich etwas. "Ich werde ihn also tragen?" fragte er langsam nach, während er Gabriel ansah. Dann zuckte er die Schultern. "Solange du bereit bist ebenfalls einen zu tragen?"
Gabriel hob eine Augenbraue. "Das wird wohl kaum nötig sein", erwiderte er mit milder Arroganz in der Stimme, "Schließlich sagte ich dir bereits, dass du mir bei diesem Pakt vertrauen kannst. Und als Engel halte ich meine Versprechen."
Beelzebub hob die Augenbrauen und schüttelte den Kopf. "Ich entscheide immer noch selbst, was für eine Zusicherung nötig ist, damit ich mich darauf einlasse", erwiderte Beelzebub mit einem kühlen Blick, während er erneut abweisend die Arme verschränkte und sich zurück lehnte.
Gabriel musste einsehen, dass seine Überzeugungskraft bei dem Dämonen nicht so gut funktionierte. Er seufzte theatralisch und ließ dabei den Kopf nach vorn fallen. "Na schön", lenkte er ein und hob den Kopf wieder, "Wenn du darauf bestehst? Dann bekommt eben jeder einen Ring. Zufrieden?"
Beelzebubs Blick durchbohrte ihn. "Einen Paktring, den ich stelle", verlangte er.
"Einen Paktring, den du stellst und der nichts weiter beinhaltet als einen Pakt", setzte Gabriel mit gerunzelter Stirn hinzu, "Kein Versuch der Gedankenmanipulation durch irgendwelche Zauber oder Flüche. Das Gleiche garantiere ich im Gegenzug auch für den Ring, den du tragen wirst."
Beelzebub schwieg. Sein Blick glitt erneut auf den Ring hinunter, dann wieder zu Gabriel hinauf.
Er schien abzuwägen.
Stumm wartete Gabriel darauf, dass er etwas sagte.
Dann, als er eine Entscheidung getroffen zu haben schien, nickte Beelzebub endlich. „Deal", sagte er.
Gabriel schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, das deutlich zeigte, wie zufrieden er mit dem Ausgang ihrer Verhandlungen war. "Wunderbar", sagte er fröhlich, doch dann sah er eine Bewegung aus den Augenwinkeln, die sein Lächeln erstarren ließ.
Die Bedienung kam geradewegs auf sie zugelaufen, mit einer Sektflasche in der Hand und zwei Gläsern in der anderen. Sie blickte ihn so entschlossen an, dass er sich fragte, welche Zeichen er gesendet hatte, um von dem Menschen schon wieder so viel Beachtung zu bekommen ... nun, abgesehen von seinem himmlisch guten Aussehen.
Als würde sie ihn dann nicht mehr sehen, bewegte sich Gabriel keinen Zentimeter mehr.
Es schien nicht zu helfen, denn sie blieb mit einem Strahlelächeln neben ihnen stehen und rief "Herzlichen Glückwunsch!" und ließ den Korken knallen.
Während Gabriel sich noch fragte, was ein Mensch an dieser Szenerie zum Feiern fand, schenkte sie ihnen zwei Gläser ein und stellte sie vor ihnen hin. "Die geht aufs Haus", sagte sie mit einem glücklichen Funkeln in den Augen, "Ich wünsche Ihnen beiden alles Glück der Welt."
"Ehm... danke", sagte Gabriel und räusperte sich. Das Glück der Welt... ob ihm das half?
Sie nickte und verschwand wieder und Gabriels Blick wanderte von ihrer sich fortbewegenden Gestalt zu den Sektgläsern hin, von denen sie offensichtlich erwartete, dass sie sie ... austranken. Er erschauderte und befreite sich aus der starren Haltung, in der er den Ring in der Schatulle Beelzebub hingehalten hatte. Er stellte die kleine Box auf den Tisch zwischen sie und schaute Beelzebub an, als könnte ihm der erklären, was hier vor sich ging.
Der Dämon erwiderte seinen Blick mit einem säuerlichen Lächeln. "Es scheint..." sagte er milde angewidert, "Als denken die Menschen, du hättest mir gerade einen Antrag gemacht, Engel."
Gabriel runzelte die Stirn in einem sehr stark gefilterten Ausdruck der Dinge, die ihm bei diesen Worten durch den Kopf gingen. "Tatsächlich?", fragte er geschäftig und entschied sich für eine neutrale Reaktion. Er würde dieses Vorkommnis totschweigen und wieder zum Wesentlichen zurück kehren. "Nun, da jetzt alles geklärt ist und ich nicht annehme, dass du den Ring willst, ehe ich nicht deinen habe...", sagte Gabriel, griff die Schatulle und steckte sie in die Innenseite seines Mantels,
", schlage ich vor, wir treffen uns erneut, sobald dein entsprechendes Pendant existiert."
Beelzebubs säuerliches Lächeln wurde verschlagen. "Sicher. Allerdings finde ich, wir sollten darauf anstoßen."
Gabriel schenkte Beelzebub ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. Dass der Dämon ihn mit seinem Grundsatz, kein irdisches Essen aufzunehmen, aufzog, überraschte ihn nicht. "Nein", sagte er und nach einer Kunstpause klatschte er in die Hände. "Also", sagte, er "Ich habe noch ein paar andere Dinge zu tun. Wenn du mich also entschuldigen würdest..."
Beelzebubs Lächeln flaute ab. "Sehr unhöflich es abzulehnen nach einem Geschäft anzustoßen", kommentierte er.
Gabriels Lächeln verschwand ebenso schnell bei den Worten. "Nun, ich will mir nicht ausmalen, wie die Hölle den Umgang mit Alkohol handhabt ", sagte er trocken und mit erhobener Augenbraue, "aber eins steht fest: Der Himmel duldet keine Völlerei oder Trunkenheit." Er erhob sich und rückte seinen Stuhl zurecht. "Dass ein Dämon versucht, einen Engel dazu zu verführen, überrascht mich allerdings nicht. Es wird dich daher ebenso wenig überraschen, wenn ich mich in Enthaltsamkeit übe."
Beelzebub zuckte die Schultern, griff nach seinem Glas und leerte es in seinem Zug. "Oh, keine Sorge", sagte er. „Ich habe meine Standards in Sachen Verführung und du wärst definitiv nicht auf Platz eins, wenn mir nach einem Engel stünde", kommentierte er herablassend und winkte ab, ehe er ebenfalls aufstand.
Gabriel verkniff sich ein 'da bin ich beruhigt'. Innerlich schüttelte es ihn bei der Vorstellung, dass Beelzebub ernsthaft Verführung versuchen könnte. Nie im Leben würde ihm das bei irgendeinem Engel gelingen. Dafür war er zu... dämonisch. Sowas stieß im Allgemeinen ab (wenn man mal von einer Ausnahme absah).
"Ich lasse dir eine Nachricht zukommen, wann ich Zeit habe", verkündete Beelzebub.
"Sehr gut", sagte Gabriel mit grimmiger Zufriedenheit. Sollte er ihm doch die kleine Entscheidung zugestehen, solange alles andere nach seinem – und dem göttlichen - Plan verlief.
Er nickte dem Dämonen noch einmal zu, dann wunderte er ausreichend Geld auf den Tisch, um die Bedienung zufrieden zu stellen und verließ ohne ein weiteres Wort den Laden.

Chapter Text

Seit ihrem ersten Treffen war eine Woche vergangen. Beelzebub hatte sich in dieser Zeit um einen passenden Paktring für Gabriel gekümmert und sogar darauf geachtet, dass er nicht zu auffällig war, sondern simpel und elegant genug, um zu der Erscheinung des Engels zu passen. Nicht, weil ihm Gabriels Erscheinungsbild wichtig war, sondern weil das alles schließlich diskret laufen sollte und ein höllischer Ring am Finger eines Erzengels nicht diskret wäre.
Sie tauschten die Ringe aus und beschlossen dann, dass sie damit beginnen würden, die beiden Verräter selbst zu observieren. Vielleicht würden sie im Alltag der beiden etwas finden, was ihnen Hinweise darauf gab, wie sie die Immunität erreicht hatten.
Ihre Beschattung führte sie zu einem großen Platz, auf dem unzählige kleine Stände aufgebaut waren, an denen Menschen etwas verkauften. 'Flohmarkt' stand auf einem Schild und Beelzebub stand etwas unschlüssig neben Gabriel am Eingang.
“Sehr gut”, sagte der Engel, als hätten sie bereits eine große Leistung vollbracht, und rieb sich grinsend die Hände. “Nun, ich schätze, wir sollten hinein gehen, nicht? Und sehen, was es ist, das diese Menschen hier aufgestellt haben.” Er warf Beelzebub euphorisch einen Blick zu.
"Mhm", gab Beelzebub nur von sich und zuckte mit den Schultern, ehe er selbstsicher voranschritt und über die Sachen am ersten Stand schaute.
Vieles davon wirkte zusammengewürfelt und nutzlos. Zumindest das, was er zuordnen konnte.

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Gabriel sah Beelzebub hinterher, ehe er bemerkte, dass der Dämon leicht in der Menge verschwand, wenn er nicht bei ihm blieb. Eilig holte er zu ihm auf, damit er jemanden hatte, dem er vorgaukeln konnte, all das hier zu kennen. Das würde ihm mehr Sicherheit in dieser ungewohnten Situation geben.
"Oh", sagte er kennerhaft, als sie an einigen dicken, schweren Pergamentstreifen vorbeikamen, die eng aneinandergeklebt waren. Er erinnerte sich daran, dass Sandalphon sie einst als ‘Buch’ bezeichnet hatte. Um ein wenig mit seinem Menschenwissen anzugeben, zeigte Gabriel strahlend darauf und sagte: "Das ist Pornographie."
Er ignorierte den verwirrten Blick des Menschen hinter dem Tisch, auf dem die Bücher aufgereiht waren.
Beelzebub, der das nicht zu wissen schien, hob fragen die Augenbrauen. "Pornographie?", hakte er nach.
Gabriel nickte neunmalklug. „Ja, Aziraphale hat solche auch in seinem Buchladen. Sie werden weiter hinten verkauft, wo man ‚diskret‘ sein kann. Das ist wohl wichtig für die Menschen, bei ihrer… ihrer… Pornographie.“ Er nahm einen der dicken Wälzer in die Hand. „Vielleicht ist das schon der erste Hinweis?“, sagte er euphorisch und vollkommen überzeugt von seiner Sicht der Dinge.
Beelzebub, der absolut keine Ahnung zu haben schien, fragte neugierig: "Oh...? Und woran erkennt man das?"
„Na… na… na an der Schrift“, stammelte Gabriel, hielt die Überzeugung jedoch aufrecht. Er musste sich eingestehen, dass er nicht wusste, woran man das erkannte. Er wusste nur, dass dieses Buch ebenso aussah wie das, welches Sandalphon als Pornographie bezeichnet hatte. „Und das Buch ist dick und schwer und es hat einen schweren Ledereinband und sicher… sind dort auch Bilder drin von irgendetwas. Von nackten Knöcheln und freigelegten Hälsen und allem.“ Sein letztes Argument rettete ihn. Es war das sündigste, das er sich vorstellen konnte. Sein Wissen würde den Dämonen sicher beeindrucken. Mit einem überheblichen Grinsen schaute er zu Beelzebub herunter. „Ganz eindeutig Pornographie.“
Der Mann hinter dem Tisch schüttelte den Kopf, aber Gabriel ignorierte ihn weiterhin.
Beelzebub wirkte fassungslos. "Nein, wirklich? Nackte Knöchel und freigelegte Hälse?", fragte er entsetzt, schaute zum Verkäufer und sagte: "Und so etwas hier zu verkaufen, wo doch sogar Kinder hier herumlaufen.“ Er schüttelte den Kopf in übertriebener Empörung und so langsam beschlich Gabriel das Gefühl, dass er nicht ernsthaft fassungslos war, sondern ihn an der Nase herumführte.
Der Verkäufer hob abwehrend die Hände. „Es ist keine Pornographie“, beeilte er sich zu sagen, weil ihn die Standbesitzer links und rechts neben ihm schon ein wenig seltsam ansahen, „Das sind ‚die Weissagungen des Nostradamus‘ und ‚David Copperfield‘. Das steht doch auf den Einbänden.“
Gabriel blickte irritiert vom Verkäufer zu Beelzebub und wieder zurück. Der Mann schien aufrichtig zu sein. Oh.
Gabriel ließ das Buch sinken. Er legte es auf den Tisch. „Nun, wie dem auch sei“, sagte er (und wenn er eins konnte, dann von peinlichen Umständen ablenken), schritt weiter und blieb am nächsten Stand stehen, wo einige eigenartige Messinggegenstände standen. „Wie sieht es denn hiermit aus?“, tönte er ganz selbstgefällig und deutete auf ein altes Teleskop, „Sicher benutzen sie das ständig, die Menschen.“
Beelzebub, der ihm gefolgt war, nickte gelangweilt. „Sicher“, sagte er.
„Was ist hiermit?“, fragte Gabriel und deutete auf den Kronleuchter, der daneben lag.
Beelzebub zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich“, antwortete er gedehnt.
Gabriel deutete noch auf eine Statue aus Messing und einen Spiegel, bis er genug davon hatte, wie unmotiviert Beelzebub neben ihm stand. „Beelzebub, mein Freund“, sagte er schmierig und mit einem aufgesetzten Lächeln, „Darf ich dich daran erinnern, dass wir eine Aufgabe verfolgen? Unser oberstes Ziel ist es, das zu finden, was die Verräter immun gemacht hat. Alles, was dabei hilft, ist richtig. Wenn du also auch ein paar Vorschläge machen könntest, was von all dem Zeug hier etwas taugt, wäre ich dir unheimlich verbunden.“
Beelzebub zog eine Augenbraue nach oben und zuckte dann mit den Schultern.
"Ich kenne mich nicht wirklich mit Menschenkram aus und das, was ich von dem Plunder hier kenne, scheint mir keinen Zusammenhang mit der Immunität zu haben", murrte er, während er seinen Blick desinteressiert über die Waren des Stands gleiten ließ.
Gabriel wollte ihn zurechtweisen wegen seiner mangelnden Motivation, doch er kam nicht dazu.
„Wenn ich es dir doch sage, Engel“, ertönte eine Stimme ein paar Meter vor ihnen in der Menschenmenge. Gabriel gefror. Diese Stimme hatte er selten selbst gehört, aber er würde sie überall wiedererkennen. Und sie schien näher zu kommen. Bevor sie entdeckt werden konnten, griff er Beelzebub, der noch immer desinteressiert über das Zeug schaute, beim Arm und warf sich mit ihm zwischen eine Lücke der Stände hindurch. Sie fielen und landeten unsanft, mehr oder minder aufeinander. Aber wenigstens – hoffentlich! – außer Sichtweite.
Nachdem der erste Schreckmoment vorbei war, bemerkte Gabriel, dass er auf Beelzebub gelandet war, der mit dem Rücken auf dem Boden lag. Sein irdischer Körper drückte dem kleinen Dämonen die Luft aus den Lungen. Einen Moment hatte er Mitleid mit ihm, während er sich aufrichtete. Beelzebub hatte eine so zierliche, kleine Gestalt, dass er auf dieser Erde leichter zum Spielball werden konnte.

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Im ersten Moment wollte Beelzebub dem Engel die Fingernägel in die Augenhöhlen drücken, um sich zu befreien, doch er hielt sich mühsam zurück. Das hier war schließlich kein Angriff, nur ein Unfall.
Während er nach Luft rang und wartete, dass dieser Klotz endlich von ihm runterstieg, bemerkte er eine feine Duftnote, die seine Nase umschmeichelte, ein Hauch von Bergamotte und Salbei. Es musste der Geruch des Engels sein. Beelzebub musste zugeben, dass er ihm nicht unangenehm war, eher im Gegenteil. Er mochte es, wie Gabriel roch. Ob das sein Eigengeruch war oder ob er wohl solche irdischen Dinge wie Aftershave nutzte? Arrogant und selbstverliebt, wie er war, wäre das nicht undenkbar.
Beelzebub beobachtete, wie Gabriel sich aufrichtete und ihn mit einem seltsamen Blick bedachte. Bei diesem Blick spannte Beelzebub sich unwillkürlich an und sein Puls beschleunigte sich aufgeregt.
Er war in seiner irdischen Form sowieso kleiner und zierlicher als der Engel, doch mit Gabriels Körper, der ihn halb zu Boden drückte und über ihm thronte, wurde ihm dies noch überdeutlicher.
Als Gabriel endlich von ihm stieg, fühlte sich Beelzebub gleichermaßen erleichtert, als auch enttäuscht, da er dieses ungewohnte Gefühl gerne noch etwas länger analysiert und für sich eingeordnet hätte.
Dennoch rutschte er Gabriel hinterher, als dieser sich umwandte und in der Hocke zwischen den Ständen hindurch spähte. Aziraphales und Crowleys Stimmen waren nun deutlicher zu hören. Vorsichtig versuchte er ebenfalls, aus seiner knieenden Position etwas zu erkennen bzw. dem Gespräch der beiden Verräter zu folgen.
Als sie aus der Menge auftauchten und direkt an dem Stand mit den Büchern stehen blieben, duckte er sich unvermittelt – ebenso wie Gabriel. Die beiden waren so fokussiert auf ihr Gespräch und die Dinge, die sie sich ansahen, dass sie glücklicherweise nicht nach links oder rechts schauten und Gabriel und ihn nicht zwischen den Ständen sitzen sahen.
Als hätte er sich zu früh gefreut, hob Crowley den Kopf und ließ den Blick wachsam durch die Menge wandern. Beelzebub betete zu Satan, dass er ihn nicht sah – nur drei Meter von ihm entfernt hinter einem Tisch hockend.
Glücklicherweise schienen sie unbemerkt zu bleiben. Während Aziraphale sich über die ‚Weissagungen des Nostradamus‘ freute und sich mit dem Menschen hinter dem Tisch darüber unterhielt, ob er noch andere Wahrsagebücher hätte, seufzte Beelzebub innerlich. Was taten sie hier eigentlich? Die beiden waren nur wegen Büchern hier. Das hätte Gabriel sich eigentlich auch denken können, schließlich kannte er Aziraphale doch sicher ein wenig. Er seufzte leise, während er weiter beobachtete. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass das immun machte…
Als die Verräter endlich gegangen waren, kam Beelzebub wieder auf die Füße. Gabriel folgte und während Beelzebub schon auf den Ausgang zulief, blieb Gabriel noch einmal bei den Büchern stehen.
„Was ist?“, fragte Beelzebub genervt. Er hatte das Gefühl, seine Zeit verschwendet zu haben. Das frustrierte ihn. Er wollte zurück in die Hölle und seine Ruhe haben.
Gabriel schüttelte nachdenklich den Kopf, während er über die Bücher schaute. „Vielleicht ist das das Geheimnis?“, fragte er und schaute zu Beelzebub auf.
Der Dämon hob gelangweilt eine Augenbraue. „Was?“, fragte er lustlos.
„Bücher“, sagte Gabriel, „Aziraphale lebt seit Jahrzehnten in einem Buchladen. Vielleicht ist es das.“
Beelzebub verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Das erschien ihm weit hergeholt.
„Kommst du jetzt?“, fragte er.
„Gleich“, antwortete Gabriel, wandte sich an den Verkäufer, der ihn misstrauisch beäugte und setzte sein schmieriges Strahlelächeln auf. „Guter Mann“, sagte er in etwas, das wohl ein vertrauenserweckender Ton sein sollte, „Ich möchte Ihre Bücher käuflich erwerben.“
Der Mann runzelte die Stirn, während Beelzebub die Augenbrauen hob.
„Welche“, fragte der Verkäufer.
„Alle“, sagte Gabriel und sein Strahlen wurde breiter.
Beelzebub seufzte und wandte sich herum. Auf dem Weg zum Ausgang fragte er sich, ob Gabriel einfach nur ein Idiot war, oder ob er es eigentlich richtig anging. Immerhin ließ er keine Chance ungenutzt.
Weil er langsam ging, holte Gabriel schnell zu ihm auf. Die Hände voller Taschen, in denen sich die Bücher stapelten, ging er federnden Schrittes neben ihm her. Er wirkte unangemessen zufrieden mit seiner Errungenschaft. „Weitere Ideen?“, fragte er, „Oder möchtest du die Hälfte der Bücher haben?“
Mit den Händen in den Hosentaschen schüttelte Beelzebub den Kopf. „Nein, danke“, sagte er und dachte noch darüber nach, was ihm eher erfolgsversprechend erschien. „Laut den Aufzeichnungen meiner Leute gehen die beiden ständig in irgendwelche Restaurants", merkte er an.
Gabriel erschauderte. „Restaurants?“, wiederholte er, „Zum… Essen?“
Es war offensichtlich, dass ihm dieser Gedanke ganz und gar nicht gefiel. „Ich habe nicht vor, meinen himmlischen Körper mit roher Materie zu verunreinigen“, sagte er entschieden.
„Und wenn es genau das ist, was sie immun gemacht hat?" fragte Beelzebub mit hochgezogener Augenbraue. "Aber gut, wenn du dieses Opfer nicht bringen kannst...", sagte er mit einem Schulterzucken.
Gabriel schwieg und presste die Zähne aufeinander, sodass die Kiefermuskeln deutlich hervortraten. Eine Weile schien er mit sich zu ringen, dann brummte er schließlich: „Na schön. Und wo gehen sie essen?“
Beelzebub lächelte zuckersüß. Nun, da er den Engel so weit hatte, konnte er ihn auch ein wenig reizen. Ihm hatte zuerst das Rizz vorgeschwebt, aber dann war ihm ein anderer Gedanke gekommen, der ihm weitaus besser gefiel. „Das Restaurant ist etwas außerhalb“, sagte er, „Am besten wir nehmen ein Taxi." Ohne auf eine Antwort zu warten, schnippte er mit den Fingern und kurz darauf bog bereits eines um die Ecke. Er stieg ein. „Kommst du?"
Gabriel nickte, folgte Beelzebub mit all seinen Tüten ins Taxi und wunderte sie dann fort.
„Welches Restaurant ist es?“, fragte er.
„Das Gomorrha“, antwortete Beelzebub ruhig und beobachtete interessiert Gabriels Reaktion.
Der Engel blinzelte, dann weiteten sich seine Augen und seine Nasenflügel bebten. Beelzebubs Mundwinkel zuckten. Er ahnte, dass er an die Stadt dachte, die einst in Flammen aufgegangen war. Gabriel war dort gewesen, erinnerte er sich, kurz bevor der Zorn Gottes sie getroffen hatte.
Ein Sündenpfuhl, nach dem dieses Restaurant benannt wurde. Es war offensichtlich, dass dem Engel die Vorstellung, dort zu essen, ganz und gar nicht behagte.
„G-gibt es keine Alternative?“, fragte er.
Beelzebub gab sich überrascht. „Wieso?“, fragte er betont unwissend, „Warst du schon einmal dort?“
„In Gomorrha?“, fragte Gabriel finster und nickte. „In der Tat. Einmal hat mir gereicht. Wie sollte ein Besuch in einem Sündenpfuhl mir helfen, immun zu werden? Es würde eher helfen, damit ich falle.“ Er warf einen drohenden Blick zu Beelzebub. „Und ich hoffe für dich, dass das nicht dein Plan war.“
Beelzebub zog eine Augenbraue nach oben. „Entspann dich, Engel. Es ist nur der Name des Restaurants." Er zuckte mit den Schultern. „Abgesehen davon fällt doch wohl nur, wer der Verführung nachgibt oder nicht?", sinnierte er schmunzelnd. „Und du bist doch sicher stark genug, um jeder Verführung und Sünde zu trotzen?"
Gabriel verschränkte die Arme vor der Brust. „Natürlich“, sagte er und blickte dann aus dem Fenster.
Beelzebub schmunzelte bei Gabriels Reaktion. „Hast du eigentlich jemals etwas gegessen?" fragte er, „Außer die Gabel Torte neulich?"
„Nein“, sagte Gabriel schlicht, „Und bis heute wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen, dass so etwas notwendig ist.“ Er blickte zu Beelzebub hin. „Im Himmel gibt es kein materielles Essen. Ist das in der Hölle anders?“
„Nein", antwortete Beelzebub und ließ sich etwas mehr in die Sitzpolster sinken. „Aber ich glaube, es gibt keinen Dämonen, der es nicht zumindest einmal auf der Erde probiert hätte." Er zuckte mit den Schultern und blickte Gabriel direkt an. „Viele finden Freude an irdischen Dingen wie Essen."

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Gabriel rümpfte unwillkürlich die Nase. Das konnte er sich nicht vorstellen. Was sollte so großartig daran sein, seinen überirdischen Organismus mit roher Materie durcheinander zu bringen? Ihm selbst hatte das Stück Torte ein seltsames Grummeln im Magen bereitet und der übertrieben buttrige Geschmack war zu viel für seine feine Zunge gewesen. Allerdings… waren es Dämonen. Sie waren gänzlich anders als Engel. Vermutlich sollte es einfach so sein.
„Nun, mag sein“, sagte er einlenkend, denn woher sollte er wissen, was Dämonen mochten. „Ich persönlich bin kein großer Freund davon.“
Beelzebub zuckte mit den Schultern. „Wenn du meinst. Ich werde niemanden zu seinem Glück zwingen." Und damit ließ er es endlich dabei bewenden.
Schweigend saßen sie nebeneinander und schauten aus den Fenstern, während die Stadt an ihnen vorüberzog.
Schließlich, einige Minuten später, hielten sie vor besagtem Restaurant, über dessen Eingang in roten, geschwungenen, leuchtenden Buchstaben 'Gomorra' stand.
Sie stiegen aus und gingen auf den Eingang zu. Gabriel ignorierte das erneute Schaudern, das ihn durchlief. Das konnte dem Dämon so passen, dass er diese Möglichkeit, immun gegen Fegefeuer zu werden, einfach so ziehen ließ.
Seine Eingeweide verkrampften sich, als sich die Türen öffneten, und ihnen ein schwerer süßer Duft nach Granatapfel und orientalischen Blüten entgegenwehte. Vom Boden stieg Nebel auf, der die Sicht erschwerte. Zwei Damen in sehr knapper Bekleidung, die an Bauchtänzerinnen-Kostüme erinnerte, begrüßten sie und führten sie dann durch das schummrige Licht zu einem Tisch. Einem runden Tisch, der in einer Vertiefung in der Wand lag. Alle Tische waren so angebracht. Diskret voneinander getrennt, damit man für sich sein konnte.
Gabriel fühlte sich mit jedem Schritt, den er tiefer in diese Lasterhöhle tat, unwohler. Kein Wunder, dass Beelzebub diesen Ort kannte. Er stank ja förmlich nach Sünden. Unzucht, Völlerei, Trägheit, Habgier… Gabriel musste nur in die Ecken schauen, in denen die anderen Gäste saßen und im Dämmerlicht weit mehr taten, als zu essen, um die Todsünden aufzuzählen. Er bezweifelte, dass sie alle den heiligen Bund der Ehe geschlossen hatten, ehe sie sich hier zum Essen und zu … mehr … niedergelassen hatten.
Eilig wandte er den Blick ab und folgte Beelzebub und der spärlich bekleideten Dame zum Tisch.
„Entspann dich, Engel“, hörte er Beelzebub murren, während sie sich am Tisch niederließen und er noch immer voll Unwohlsein den Blick durch den Raum wandern ließ, „Aziraphale war auch hier und wer weiß, was er hier getan hat, außer zu schlemmen. Seine Flügel sind immer noch weiß. Du wirst schon nicht fallen, nur, weil du ein paar Dinge ausprobierst." Beelzebub griff sich die Karte und schien sie aufmerksam zu studieren, während Gabriel ihm einen finsteren Blick zuwarf.
Daran erinnert zu werden, was der Verräter hier getan hatte, half nur bedingt. Aber immerhin half es, sich erneut auf die Aufgabe zu fokussieren, also nickte Gabriel und griff ebenfalls zur Karte. Er konnte mit all dem nichts anfangen. Er hatte keine Ahnung, wie Schokoladenkuchen schmeckte oder Pfirsiche. Nichts davon deutete darauf hin, dass es gegen Weihwasser oder Fegefeuer half….
„Oh, das sieht doch gut aus“, hörte er Beelzebub murmeln und wünschte, er könnte die Speisen ebenso eindeutig beurteilen.
Während Gabriel sich noch fragte, welche Geschmacksexplosion seiner Zunge noch am ehesten zugetraut werden konnte, winkte Beelzebub bereits die Kellnerin zu sich heran.
Er bestellte alle Gerichte der Karte und einen Rotwein – ohne mit der Wimper zu zucken.
Gabriel blickte überrascht zu Beelzebub hin. Er hatte bei ihrem ersten Treffen im Café angenommen, dass Menschen sich immer nur ein Essen und ein Getränk bestellten. Offensichtlich lief das hier anders. Weil Beelzebub aussah, als sei er hier zu Hause und es Gabriel ärgerte, dass er mehr zu wissen schien, wie das alles funktionierte, schloss er geräuschvoll seine Karte, blickte die Bedienung an und sagte: „Für mich das Gleiche.“
„Ehm…“, sagte die Bedienung leicht überfordert, „Also auch einmal die gesamte Karte?“
„Die gesamte Karte. Genau.“
„Und eine Flasche Rotwein?“
„Und das, genau.“
„O…kay…“ und sie verschwand und blickte die beiden über die Schulter noch einmal irritiert an.
Gabriel runzelte die Stirn. Vielleicht war das doch nicht so üblich und der Dämon hatte tatsächlich noch weniger Ahnung wie er selbst. Er machte sich im Geiste eine Notiz, wieder seine eigenen Entscheidungen zu treffen.
Gabriel warf Beelzebub einen Seitenblick zu, als er merkte, dass der Dämon ihn ansah. Er wirkte unverschämt entspannt, hatte sich zurückgelehnt und beobachtete ihn. Gabriel selbst war nicht halb so entspannt.
„Also“, sagte Gabriel und überspielte seine Anspannung vor dem Essen und die Nervosität unter Beelzebubs Blick mit einem breiten Lächeln, „Bisher läuft es doch großartig, nicht wahr?“ Sein Lächeln wurde eine Spur salbungsvoll. „Wenn die Vermutungen stimmen, dann reichen Essen und Bücher vielleicht sogar schon aus.“ Trotz der Aussicht auf Essen, zu dem er sich zwingen musste, blieb sein Lächeln aufrecht. „Wer hätte gedacht, dass es so einfach wird?“
„Engel", sagte Beelzebub entnervt und es klang aus seinem Mund wie ein Schimpfwort. „Wenn es wirklich so einfach wäre, dann hätten die Verräter nicht sechstausend Jahre dafür benötigt.“
Gabriels Grinsen fiel von ihm ab. Er hoffte doch sehr, dass es nicht so lang dauern würde. „Wir werden sehen“, sagte er, nun weniger euphorisch. Sechstausend Jahre, die er mit einem Dämon verbringen sollte… Das wäre ein zu hohes Opfer für das, was sie bekämen.
Noch während er darüber nachdachte, kam die Bedienung mit zwei Flaschen Rotwein und den Gläsern. Beelzebub öffnete die erste Flasche. Gabriel schaute zu, wie er sich einschenkte und war dann sehr überrascht, dass er auch Gabriels Glas füllte. Fast hätte er auf etwas wie freundliches Entgegenkommen oder Höflichkeit spekuliert, dann fiel ihm ein, dass er mit einem Dämon hier saß und, wenn es einen Grund gab, ihm einzuschenken, dann wohl nur, damit Gabriel gezwungen war, etwas zu trinken. Und Beelzebub durfte mittlerweile verstanden haben, wie wenig ihm das behagte. Es konnte fast eine Unverschämtheit sein… Allerdings besann er sich, bevor er dem Dämon das unterstellen konnte. Schließlich waren sie Partner in der gleichen Sache: Immunität. Die hoffentlich nicht sechstausend Jahre auf sich warten lassen würde.
Es war also durchaus eine edle Geste, ihm das Gleiche zu geben, das er selbst trank.
„Danke“, sagte Gabriel also höflich und nahm sein Glas entgegen. Er schwenkte die rote Flüssigkeit, deren Farbe ihn an Blut erinnerte, und roch dann zögerlich daran. Es roch säuerlich, gärend und fruchtig. Vermutlich genau so wie es riechen sollte. Vorsichtig nahm er einen kleinen Schluck, der seine Zunge kaum benetzte. Es war sauer. Mehr noch als er erwartet hatte. Der Geschmack war schwer und fruchtig, aber auch würzig. Es wärmte Gabriel angenehm den Magen, als er schluckte. Interessiert nahm er einen größeren Schluck und ließ ihn prüfend durch den Mund wandern. Das war überraschend gut.
„Eigentlich stößt man vorher an, Engel“, vernahm er die gedehnte Stimme des Dämons, der ihm mit tadelndem Blick das Glas hinhielt.
Gabriel, den die ungewohnten Gepflogenheiten unangenehm nervös machten, wollte bissig erwidern, dass das für die Immunität wohl kaum wichtig war, doch er besann sich auf das vorherige Zeichen der Partnerschaft und beschloss, den Gefallen zu erwidern.
„Nun, wenn das so ist…“, sagte er, hob sein Glas und stieß es gegen Beelzebubs.
Es zerbarst. Der Wein floss daraus hervor. Gabriel runzelte die Stirn. Nein, das konnte nicht richtig sein… Fragend blickte er Beelzebub an.
Offensichtlich war das nicht richtig gewesen, denn mit einem Seufzen schnippte Beelzebub mit dem Finger und das Glas war wieder ganz. Er legte eine Hand auf Gabriels, um ihn vorsichtig zu sich zu führen und stieß dann deutlich sachter die Gläser aneinander. Gabriel bemerkte, dass Beelzebub überraschend weiche, warme Hände hatte. Gabriel hatte sich die Berührung eines Dämons immer kalt, glitschig oder ätzend vorgestellt.
„Mit etwas weniger Kraft." erklärte Beelzebub, ehe er einen Schluck trank. Dann fügte er spöttisch hinzu: „Oh, und immer in die Augen schauen beim Anstoßen. Sonst gibt es sieben Jahre schlechten Sex."
Gabriel schnaubte abfällig und zog das Glas aus Beelzebubs Griff an seine Lippen. Ihm war relativ egal, wie schlecht Sex war. Er war ein Engel. Er hatte keinen Sex. Dafür müsste er ja so etwas wie Geschlechtsteile entwickeln. Es schüttelte ihn bei der Vorstellung, seinen perfekten wunderschönen Körper mit etwas derart Menschlichem zu verunstalten.
Er war froh, dass die Bedienung endlich mit den ersten Tellern kam. Die Speisen zu erblicken, lenkte ihn ab und als ihm klar wurde, dass er im Begriff war, sie zu essen, wurde ihm flau im Magen und seine Stimmung wurde schlechter. Seine Eingeweide verkrampften sich und sein Nacken wurde wärmer, während ihm Schauer über den Rücken liefen. Es war ein allgemeines Unwohlsein, erkannte er. Diese sündige Umgebung, der Name des Lokals, das viele Essen, die Dunkelheit... Er mochte nichts davon, fühlte sich hier nicht wohl und wollte lieber wieder gehen. Natürlich wusste Gabriel, dass das keine Option war. Wenn Aziraphale den Blick zur Sünde gewagt und ihn das stärker gemacht hatte, dann musste Gabriel sich überwinden und sich zusammenreißen.
Er hörte Beelzebub genießend aufseufzen, als dieser aß, und blickte verstohlen zu ihm herüber. Der Dämon schien zu wissen, wie man diese Sache anging. Es sah nicht einmal unangenehm aus, eher wie etwas Erstrebenswertes. Dann würde Gabriel es erst recht schaffen!
Er besah sich die Teller, die vor ihm standen. Weil er keine Ahnung von den Dingen hatte, erkannte er sie nicht alle.
Gabriel nahm vorsichtig einen Löffel von diesen kleinen Kügelchen, an deren Schale ein Schild mit der Aufschrift ‘Forellenkaviar’ klebte. Zögernd nahm er sie in den Mund und verzog augenblicklich das Gesicht. Die Masse war kalt, salzig und glitschig. Mühsam schluckte er sie hinunter und probierte dann tapfer eine dunkle Flüssigkeit mit der Aufschrift "Chili-Schokolade". Sie war heiß, bitter und scharf. Nach dem glitschigen kalten Gefühl von eben wärmte sie ihm nun angenehm den Magen. Er musste zugeben, dass sie schmeckte.
Ein leises genießendes Stöhnen neben ihm lenkte ihn ab. Er wandte den Kopf und beobachtete unabsichtlich Beelzebub dabei, wie dieser eine Feige mit Honig in den Mund schob und erneut mit geschlossenen Augen seufzte. „Die sind wirklich gut“, sagte er so leise, als würde er mit sich selbst sprechen. Dann, als hätte er bemerkt, dass Gabriel ihn anstarrte, öffnete er die Augen und grinste verschlagen. „Scheint, als würden dir Getränke zusagen, Engel."
Statt sich zu echauffieren, dass Beelzebub diese sündigen Geräusche von sich gab (er würde einen Dämon ohnehin nicht davon abhalten können), griff Gabriel neugierig ebenfalls nach einer Feige in Honig. Auf Beelzebubs Worte hin zuckte er nur mit den Schultern. Ihm sagte gar nichts hiervon zu. Oder zumindest redete er sich das ein. Auch, als der süßherbe würzige Geschmack der Feige seine Zunge traf. Himmel, sie war wirklich lecker. „Das ist köstlich“, entwich es ihm und augenblicklich fühlte er sich schlecht, weil ihm dieses Essen gefiel.
Sein Zugeständnis wandelte das verschlagene Grinsen des Dämonen für einen Moment in einen überraschten Gesichtsausdruck, als hätte er etwas Unengelhaftes gesagt. Gabriel beeilte sich, sein Image wiederherzustellen und setzte eilig hinzu: „Ich meine natürlich, so weit, wie rohe Materie köstlich sein kann“, ruderte er zurück und bemühte sich, seine selbstgefällige Fassade wiederaufzubauen. „Ich meine…“, begann er mit einem falschen Lachen, „… es ist immer noch furchtbar eklig.“ Er betonte die letzten Worte überdeutlich. „Aber wenn das der Weg ist, stärker zu werden, dann ist er nicht so schlimm, wie ich dachte.“ Verstohlen schob er sich die restliche Feige in den Mund. Ihr Geschmack strafte ihn Lügen.
Doch Beelzebub schien sich damit zufriedenzugeben. Er zuckte mit den Schultern, griff nach seinem Weinglas und sagte leichthin: „Der Fluch unserer Positionen. Wir müssen Opfer bringen für das Wohl der anderen."
„Wohl wahr“, sagte Gabriel mit einem theatralischen Seufzen und war froh, dass Beelzebub ihm seine Worte so schnell abkaufte. Er hatte schließlich einen Ruf und eine Position zu vertreten, auch in dieser Zusammenarbeit. Niemand durfte auch nur den kleinsten Grund zur Annahme haben, dass ihm irgendetwas an der Erde gefiel. Das konnte ihm ernsthaft gefährlich werden.
Nachdem einige Sekunden in Schweigen vergangen waren, versuchte sich Gabriel an dem Spargel. Er konnte die Feige nicht toppen, aber Gabriel stellte fest, dass auch der Geschmack ihm gefiel. Bei weitem besser als die Auster, die er danach probierte. Sie war eklig kalt und glitschig wie der Kaviar, wenn auch nicht ganz so furchtbar.
Seine Gedanken zu dem Essen behielt er lieber für sich. Es war ein Opfer, erinnerte er sich. Dieses Gefühl von Spaß und freudiger Erregung, das sich mit jeder neuen Geschmacksexplosion verstärkte, ignorierte er.
Anders als er selbst schien Beelzebub diesen Besuch sehr zu genießen. Er schob sich einen Löffel Lavakuchen in den Mund und sagte nach einem genießenden Stöhnen entgegenkommend: „Bei dir sehe ich wenigstens genügend Chance auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit, um dich nicht sofort zu erwürgen."
Gabriel lief ein unwohler Schauer über den Rücken bei dem Stöhnen, doch das Kompliment freute ihn und lenkte ihn erfolgreich davon ab. „Danke“, sagte er mit einem breiten Lächeln, während die Worte runtergingen wie Öl.
Als Beelzebub noch einen Löffel nahm und hingebungsvoller seufzte als zuvor, erstarrte Gabriels Lächeln einen Moment. Diese Geräusche sollten verboten werden… Obwohl, dann würden sie einem Dämonen noch öfter über die Lippen kommen, also besser nicht.
Trotzdem hatte das, was Beelzebub hatte seufzen lassen, Gabriel neugierig gemacht. Er nahm einen Löffeln seines eigenen Lavakuchens und plötzlich verstand er das Seufzen. Herber, kräftiger Schokoladengeschmack flutete seine Zunge, weich und warm und wunderbar.
Er wollte schon stolz einen Kommentar über seine eigene Unerschrockenheit loswerden, als er sah, wie sich Beelzebub Schokolade von den Fingern leckte, die wohl vom Löffel heruntergelaufen war.
Gabriel fühlte ein sonderbares Kribbeln in seinem Magen, als er Beelzebub verstohlen beobachtete. Es sollte ihm eigentlich egal sein – ihn vielleicht sogar anwidern – wenn jemand sich etwas von der Haut leckte wie ein Tier.
Aber bei Beelzebub sah es… faszinierend aus. Gabriel spürte, dass sein Herz schneller schlug und eine unerwartete Unruhe von ihm Besitz ergriff. Eilig wandte er den Blick wieder ab und nahm stattdessen noch einen Löffel Lavakuchen. Dieses Mal verkniff er sich jegliches Geräusch. Die gesamten Umstände, in die er hier geraten war, verwirrten ihn und er konnte sie nicht verarbeiten.
Das ganze restliche Essen über war Gabriel still und in sich gekehrt. Etwas ging in ihm vor. Etwas, das er nicht von sich kannte. In den tausenden Jahren seiner Existenz hatte er noch nichts Vergleichbares gefühlt. Es ging ihm durch die Adern wie tausende Ameisen, machte ihn hibbelig und nervös.
Jedes Mal, wenn Beelzebub ihn ansah, aufseufzte oder sich genießend einen Löffel Essen in den Mund schob, fühlte Gabriel seinen Kopf warm werden. Und er verstand es nicht.

Als das Essen endlich zu Ende war, sie das Restaurant verlassen hatten und Gabriel wie gewohnt Einlass in den Himmel bekommen hatte, dankte er Gott. Er hatte sich seltsam gefühlt in den letzten Stunden und hatte schon gefürchtet, dass es Anzeichen vom ‚Fallen‘ waren. Doch seine Flügel waren unverändert weiß und nach einiger Anwesenheit im Himmel verflüchtigte sich jedes sonderbar fremde Gefühl.

Chapter Text

Unglücklicherweise kehrte dieses sonderbare Gefühl, das Kribbeln und die leichte Unruhe, bei seinem nächsten Treffen mit Beelzebub zurück. Und beim nächsten. Und dem darauf.
Es war ein kleines, unscheinbares Gefühl, das Gabriel noch immer nicht benennen konnte. Es hielt sich im Hintergrund, sodass er es hartnäckig ignorierte. Doch es verschwand nicht.
Wochen zogen ins Land, in denen sie sich zum Essen trafen, Enten fütterten, Bücher lasen oder seltsame Orte wie diesen ‚Flohmarkt‘ besuchten. Das Gefühl wurde in Beelzebubs Anwesenheit stärker.
Aber der Dämon war so kaltschnäuzig wie eh und je und Gabriels einzige Antwort auf sein Problem – dass er versuchte, ihn zu verführen und dafür irgendeinen krummen Zauber anwandte – war damit hinfällig. Dafür interessierte sich Beelzebub zu wenig für ihn. Und das war auch gut so.

Als drei Monate ins Land gezogen waren und sie gemeinsam im Kino saßen und Popcorn aßen, während sie die Verräter beobachteten, die einige Reihen vor ihnen Platz genommen hatten, fragte sich Gabriel allmählich ernsthaft, ob er krank wurde.
Sie sahen einen historischen Liebesfilm (garantiert Aziraphales Wahl) und während der ganzen Zeit, die Gabriel im Dunkeln saß und auf die Leinwand starrte, merkte er die Anzeichen des Gefühls nur deutlicher:
Sein Herz schlug ihm schnell in der Brust wie ein kleiner Vogel. Seine Wangen waren heiß, seine Finger zittrig und eine ungewohnte Wärme hatte sich in seinen Magen gelegt. Sein Blick ging aus den Augenwinkeln ständig zu Beelzebub hin, der neben ihm saß und Popcorn aß. Überhaupt konnte er in letzter Zeit nicht den Blick von ihm abwenden, was vollkommen absurd war. Es gab nichts Faszinierendes zu sehen. Beelzebubs zierliche, zerbrechliche Gestalt war schon fast peinlich, wenn man bedachte, dass er ein großer Anführer in der Hierarchie der Hölle war. Sein schwarzes Haar viel zu seidig für einen Dämonen. Die schwarzen Augen gefühlvoll, wenn er glaubte, dass niemand es sah. So wie jetzt, als sich das Paar auf der Leinwand verzweifelt küsste und ein sehnender Glanz in den Augen erschien, den mit Sicherheit sonst niemand zu sehen bekam. Sein Geruch war weich und süß, als wäre er in einen Erdbeerkuchen gefallen. Wenn man bedachte, wie viel Süßkram der Dämon während ihrer Treffen in sich hineinstopfte, war das wohl kein Wunder.
Gabriel rümpfte die Nase über den schwachen Dämon, mit dem er sich auf den Pakt geeinigt hatte. Nein, er konnte Gabriel definitiv nicht das Wasser reichen.
Und trotzdem fühlte der Engel ein neues sehnendes Kribbeln in seiner Brust, als sich Beelzebub den Zucker von den Fingerspitzen leckte. Das Kribbeln sank tiefer. Unruhig rutschte Gabriel auf seinem Sitz herum und zwang sich, zurück zur Leinwand zu sehen.
Der Film war schrecklich schnulzig. Ja, Gabriel konnte Liebe fühlen und all die Dinge, aber er war kein richtiger ‚Fan‘ davon. Liebe war immer der Bereich gewesen, der ihn am wenigsten interessiert hatte in seiner Arbeit für Gott. Und dass von den beiden Verrätern einige Reihen vor ihnen die Liebeswellen bis hierher strahlten, lenkte ihn deutlich von seinen eigenen Problemen ab und ließ ihn angewidert den Mund verziehen. Dass Aziraphale sich nicht schämte, mit einem Dämon… Warum ausgerechnet ein Dämon? Was hatte er davon?
Ihm kam ein seltsamer Gedanke. Aber das war vollkommen absurd. Und trotzdem ließ es sein Herz höherschlagen – er vermutete, weil er endlich einen kleinen Erfolg erahnte.
Was, wenn es die Liebe war, die die beiden so stark gemacht hatte? Sie hingen aneinander wie Pech und Schwefel und wenn er so darüber nachdachte, war das schon seit Jahrhunderten so. Michaels Nachforschungen hatten es eindeutig bestätigt. Sicher, Gabriel war dabei von Verbrüderung ausgegangen, nicht von Liebe. Aber eine Verbrüderung machte nicht stärker.
Liebe dagegen… Nun, Gott war sicher der Ansicht, dass sie jemanden weiterentwickelte.
Gabriel biss sich auf die Innenseite seiner Wange. Das war vollkommen absurd.
Oder… war es das?

Den ganzen Film über bekam Gabriel diesen Gedanken nicht aus dem Kopf. Er wollte ihn von sich schieben, weil er Unsinn war. Aber irgendetwas daran ließ ihn nicht los.
Gabriel schwieg, als sie aus dem Kino gingen (in einigem Abstand, damit die Verräter sie nicht sahen) und auch dann noch, als Beelzebub und er auf die Straße traten. Jetzt würden sie eigentlich ihr nächstes Treffen besprechen. Doch er hatte keine geistigen Kapazitäten dafür frei.
"Wann und wo das nächste Mal?", hörte er Beelzebub gelangweilt fragen. Seine Stimme riss Gabriel aus den Gedanken, die sich in ihm drehten. Gabriel blinzelte und zwang sich, sich zu konzentrieren. Er war an der Reihe, den Zeitpunkt und den Ort ihres nächsten Treffens zu bestimmen. Irgendwie war es zu einem unausgesprochenen Ritual geworden, dass sie abwechselnd entschieden.
Gabriel schwieg noch einen Augenblick. Er bemühte sich, auf die Frage eine sinnvolle Antwort zu geben. „Das Globe Theatre“, sagte er schließlich, nachdem er sich halbherzig darauf konzentriert hatte, „Dort wollen sie am Wochenende Hamlet sehen. Das machen sie schon seit Shakespeare gelebt hatte, regelmäßig. Vielleicht ist das das Ritual, das alles erklärt.“
Sein Blick streifte Beelzebub und fast fühlte er sich ertappt, als der Dämon seinen Blick erwiderte. Hoffentlich erriet er nicht, welche Gedanken sich Gabriel gerade machte. Und was das für ihre Zusammenarbeit bedeutete.
Auch, wenn er seine Gedanken nicht lesen konnte, schien Beelzebub zu merken, dass etwas nicht stimmte. Er legte den Kopf zur Seite. “Alles okay?”, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja. Natürlich“, sagte Gabriel und zwang sich halbherzig zu einem Lächeln. „Also dann Samstag am Globe Theatre? Es beginnt um 18 Uhr.”
“Klingt gut”, antwortete Beelzebub nickend und wandte sich bereits ab. Gabriel atmete auf. Er wusste nicht, wie lang er die Scharade unter dem prüfenden Blick dieses Mal aufrecht hätte erhalten können.
“Gut”, sagte Gabriel und merkte, dass sein krampfhaftes Lächeln seine Mundwinkel anstrengte. Er ahnte, dass er sich seltsam verhielt, weil er wortkarger war als üblich. Also beschloss er, schnellstmöglich zu verschwinden. “Also dann, wir sehen uns.“ Und, weil er es nicht erwarten konnte, von Beelzebub fort zu kommen, verschwand er in einer Lichtkugel.

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Beelzebub fielen die Treffen auf der Erde deutlich leichter als Gabriel. Schließlich konnte er sich so vielen irdischen 'Versuchungen' hingeben, wie er wollte.
Das Einzige, was ihm etwas zu schaffen machte, war der Umstand, wie sehr er es genoss.
Und so langsam kam ihm die Befürchtung, dass es nicht nur an den Dingen lag, die sie taten, sondern vielleicht auch an der Gesellschaft... Er verzog das Gesicht bei diesem Gedanken.
Oder er war einfach nur überarbeitet. Ja, das klang definitiv besser. Wieso sollte er auch die Gesellschaft von irgendjemandem genießen oder benötigen um sich gut zu fühlen? Und dann auch noch von einem Engel? Von Erzengel Fucking Gabriel?!
Nein, danke.
Dennoch spürte er, wie er sich oftmals in der Gegenwart des Engels unbewusst entspannte. Es schien absurd, was sie taten. Spazieren, über Flohmärkte schlendern, Enten füttern, Bücher lesen, gemeinsam Essen gehen, Kinobesuche... Es waren simple Dinge, vielleicht gefielen sie ihm deswegen so gut. Der Frust darüber, dass sie immer noch keine richtigen 'Fortschritte' gemacht hatten, rückte ungewöhnlich in den Hintergrund.
Und dann waren da gelegentlich diese Blicke von Gabriel, die Beelzebub nicht einzuordnen wusste.
Er spürte, wie der Andere ihn manchmal intensiv beobachtete, wenn er glaubte, dass Beelzebub es nicht bemerkte. Es war ein seltsames Gefühl, es machte ihn nervös und es gefiel ihm nicht. Nicht, weil er ein Problem damit hätte, dass die Aufmerksamkeit des Engels auf ihm lag. Vielmehr, weil er nicht wusste, weswegen.
Beelzebub versuchte nach diesem Abend, nicht allzu sehr darüber nachzudenken. Doch tat er es nicht, dachte er an den Film und an das Pärchen, das sich darin verliebt hatte. Er musste zugeben, dass er die Geschichte gemocht hatte, die da über die Leinwand geflimmert war. Als sich das Pärchen leidenschaftlich geküsst hatte, hatte auch er gespürt, wie sein Herz schneller geschlagen hatte. Liebe, oder zumindest das, was die Menschen darunter verstanden, war etwas, was ihn schon immer fasziniert hatte. Vielleicht sogar etwas zu sehr für einen Dämonen.
Er machte sich dabei nichts vor, wusste, dass die Liebe unter Menschen selten so rein und langanhaltend war, wie sie es gerne darstellten. Doch auch, wenn sie nicht perfekt war, sie schien die Menschen so unglaublich glücklich zu machen, wie nichts anderes.
Sie ging Beelzebub nicht aus dem Kopf. Ebenso wie die Frage, wieso sich Gabriel bei ihrem letzten Treffen so eigenartig verhalten hatte. Er fand keine Antwort darauf und das machte ihn so wahnsinnig, dass er fast mit dem Gedanken spielte, den Engel zu fragen.
Er verwarf die Idee eilig wieder. Wenn Gabriel ahnte, wie oft er dieser Tage an ihn dachte und sein Verhalten analysierte, würde er nur einen abfälligen Kommentar abgeben und seine Stärke als Prinz der Hölle anzweifeln. Und dass ein Erzengel glaubte, dass er schwach war, hatte Beelzebub gerade noch gefehlt.

So versiegelte er also alle offenen Fragen und rührseligen Gedanken in sich, die seine Besuche auf der Erde herausgekitzelt hatten, und fand sich am besagten Abend vor dem Globe Theatre ein. Er trug für diesen Anlass einen eng sitzenden, maßgeschneiderten, schwarzen Anzug und schaute sich wachsam um, um nicht in Crowley und Aziraphale hinein zu laufen.
Er hatte Glück. Nicht die Verräter standen wenig später vor ihm, sondern Gabriel, wie gewohnt im silbergrauen Anzug und mit einem künstlichen Strahlelächeln, bei dem es Beelzebub in den Fingern juckte, es aus seinem Gesicht zu schlagen. Es war faszinierend, wie sehr der Erzengel ihn reizen konnte. Wie schnell Beelzebub dazu tendierte, die Beherrschung zu verlieren, sobald Gabriel vor ihm stand. Was hatte er sich nur gedacht, zu glauben, er wäre in der Nähe des Engels entspannt? Bei dem scheinheiligen Lächeln wurde einem ja schlecht!
Trotzdem war es irgendwie beruhigend, dass wieder alles beim Alten zu sein schien. Gabriel so schmierig zu sehen, war gewohnt. Es war nicht so seltsam, wie sein interessiertes Starren.
“Guten Abend”, grüßte Gabriel mit euphorischer Stimme.
Beelzebub schnalzte mit der Zunge. “Abend”, antwortete er knapp und minimal höflich. “Hast du Karten besorgt?"
Gabriel hob die Hand, in der zwei Karten erschienen. Er reichte Beelzebub eine davon. "Und?", begann er das Gespräch neutral, "Irgendwelche Auffälligkeiten nach dem Kinobesuch? Der plötzliche Wunsch, in Weihwasser zu baden?"
Beelzebub nahm eine der Karten entgegen und schaute auf die Nummern. Natürlich die besten Plätze. Fragend schaute er zu Gabriel auf und seine Mundwinkel zuckten bei der Formulierung. "Nein”, sagte er gedehnt, während sie sich zum Eingang umwandten, “Und bei dir? Plötzlicher Schüttelfrost, der nach einem ordentlich knisternden Höllenfeuer schreit?"
Gabriel verzog angewidert den Mund. "Nein", sagte er und fügte bekräftigend hinzu: "Ganz und gar nicht."
Sie traten ins Theater ein, schoben sich durch den gut gefüllten Eingangsraum und liefen dann zur oberen Etage, von wo aus man in die separaten, voneinander abgetrennten, Balkons kam. Beelzebub gefiel Gabriels Platzwahl. Er saß ungern eingepfercht zwischen Menschen und hier hatten sie diskret ihre Ruhe vor neugierigen Blicken und konnten das Stück ohne Störungen genießen.
Aber kaum, dass Beelzebub sich auf seinem bequemen, gepolsterten Sessel niedergelassen hatte, sprach Gabriel neben ihm: "Sag mal, Beelzebub... Hast du nicht auch das Gefühl, dass uns all diese Dinge, zu denen wir uns treffen, nicht weiterbringen?"
Beelzebub schaute fragend zu ihm herüber. Irgendwie klang das so, als steckte mehr hinter der Frage des Engels. War Gabriel vielleicht frustriert, weil sie noch keinen Fortschritt erzielt hatten und wollte ihre Zusammenarbeit beenden? Er spürte einen feinen Stich der Enttäuschung bei diesem Gedanken, gab sich aber nach außen ungerührt.
"Nun...”, begann er langsam, während er sich seine Antwort zurechtlegte. Es widerstrebte ihm, es zuzugeben, aber auch ihm erschien es so, als würden sie nicht vorwärtskommen. Nur wollte er deshalb nicht damit aufhören, mit Gabriel die verschiedensten irdischen Dinge auszuprobieren. Sie waren eine so willkommene Abwechselung von seinem Alltag in der Hölle. “Wir haben offenbar noch nicht das richtige Mittel gefunden, das uns immun machen könnte", antwortete er und zuckte mit den Schultern.
Gabriel nickte. "Das sehe ich auch so", sagte er ernst und schien seine nächsten Worte mit Bedacht zu wählen. "Ich habe mich nur gefragt, ob wir es falsch angehen. Wir sind an all diesen Orten und sehen sie uns an, aber die bloße Anwesenheit auf der Erde scheint nicht das Geheimnis zu sein."
Beelzebubs Augenbraue wanderte nach oben, während er sich fragte, worauf Gabriel hinauswollte.
"Und was schlägst du stattdessen vor?", fragte er milde interessiert und hoffte, dass Gabriel eine bessere Idee hatte und nicht einfach aufgeben wollte. Das wäre auf so viele Weisen enttäuschend. Ein wenig Immunität hätte Beelzebub sicher gut zu Gesicht gestanden.

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Gabriel hatte in den letzten Tagen ausreichend Zeit gefunden, über seine Vermutung nachzudenken, doch die Konsequenzen wollte er sich nicht ausmalen. Andererseits... Wie viele andere Engel konnten schon behaupten, dass sie für solche Gelegenheiten einen Dämonen kannten?
Er musste es einfach hinter sich bringen. Es aushalten bis die Immunität einsetzte.
Trotz dieses sehr praktisch orientierten Gedanken war er nervös. Wie würde der Dämon reagieren, wenn Gabriel ihm diese Sache vorschlug? Und wieso fühlte es sich so an, als würde es, wenn er es aussprach, um mehr gehen als um eine simple Notwendigkeit, die zu erfüllen ihn weiterbrachte?
Seine Hände waren ganz schwitzig und sein Nacken heiß vor Aufregung, als er daran dachte, seine Gedanken jetzt endlich mit Beelzebub zu teilen.
"Nun...", begann Gabriel und war froh, als das Stück anfing, weil er dann einen Grund hatte, auf die Bühne zu starren. "Die Verräter haben sich nicht nur verbündet oder verbrüdert. Es verbindet sie etwas weitaus Stärkeres." Und er schaute zu Beelzebub hin. "Sie lieben sich. Man fühlt es in ihrer Anwesenheit ganz deutlich. Vielleicht ist DAS das ganze Geheimnis?"
Nervös schlug Gabriel das Herz bis zum Hals. Er ahnte, dass Beelzebub ihn wegen dieser Vermutung auslachen würde.
Doch statt eines Lachens sah er, dass Beelzebubs Augen sich weiteten. Er starrte Gabriel sprachlos an. "Das...”, begann er leise und er klang sonderbar gebrochen, sodass Gabriel einen schwachen Funken Mitleid fühlte, der in seiner Brust aufglomm, ohne, dass er sagen konnte, wieso.
“Das würde heißen, wir hätten keine Chance, jemals immun zu werden”, murmelte Beelzebub und schaute mit eigentümlich leerem Blick zurück auf die Bühne.
Gabriel fühlte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Er leckte sich kurz über die trockenen Lippen. "Vermutlich", antwortete er betroffen, doch er konnte es nicht dabei bewenden lassen. Eine Weile schwieg er, dann fragte er, leiser als gewöhnlich: "Was, wenn wir es versuchen würden?"
Seine Worte schürten ein Gefühl in seiner Brust. Hoffnung, erkannte er. Aber es war vollkommen ausgeschlossen, dass er Beelzebub tatsächlich liebte oder jemals lieben konnte. Dafür war er zu... zu... Seine Gedanken verloren sich, während er den Atem anhielt und auf die Antwort des Dämons wartete.
Beelzebub starrte weiterhin nach vorn und dann, einen quälend langen Moment später, drehte er Gabriel langsam wieder den Kopf zu. Er sah verletzlich aus aber auch bedrohlich. Gabriel fröstelte, während er versuchte, zu ignorieren, dass er dem Prinzen der Hölle gegenübersaß. Wieso wirkte Beelzebubs Erscheinung mit einmal auf diese deprimierende Art furchteinflößend? Und wieso hatte es eine Wirkung auf Gabriel? Er war ein Erzengel, bei Gott!
“Wenn wir was versuchen?”, hakte Beelzebub mit kalter Stimme nach.
Gabriel lächelte tapfer durch Beelzebubs hoffnungslose Ausstrahlung hindurch. "Dieses Liebesding", sagte er schwammig und fügte dann hinzu: "Da wir uns dieser Herausforderung als Partner stellen wollten, würde es nur Sinn machen, es gemeinsam zu probieren." Einen Moment schwieg er, ehe er nachdenklich hinzufügte: "Ich würde es nicht vorschlagen, wenn es von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Es heißt, dass Dämonen nicht lieben können. Aber der Verräter Crowley kann es. Also können es vielleicht auch andere?"
Er gab seiner Stimme einen sachlichen Klang bloßer Überlegung. Gabriel konnte sich nicht leisten, dass Beelzebub auch nur erahnte, dass er eine Schwäche für ihn zu entwickeln schien - wenn auch unabsichtlich. Vor allem JETZT sollte Beelzebub das nicht herausfinden. Er war ohnehin in einer befremdlichen Stimmung.
Beelzebubs Augen wurden immer größer und er öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn dann unverrichteter Dinge. “Das...", begann er, ehe er den Kopf schüttelte, als sei es eine vollkommen haarsträubende Idee. Das musste Gabriel niemand sagen. Er wusste es selbst.
“Wie willst du denn Liebe ausprobieren?”, brach es dann plötzlich aus Beelzebub heraus und die deprimierende Aura wich überforderter Entrüstung. “Für gewöhnlich liebt man einfach etwas und entscheidet sich nicht aktiv dafür." Er sah Gabriel immer noch ungläubig an. "Oder ist Liebe ein Synonym für Sex bei dir?"
Gabriel blinzelte irritiert. "Was? Nein!", echauffierte er sich und errötete über die bloße Erwähnung von etwas so sündigem wie Sex, "Ich bin ein Engel, zum Teu- zum Himmel. Sex ist doch eher euer Thema." Er schnaufte beleidigt. "Dann vergiss es", murrte er und verschränkte die Arme vor der Brust, während er stur geradeaus schaute. "Lass uns einfach weiter das tausendste Theaterstück betrachten, in der Hoffnung, dass uns das irgendwie weiterbringt."
Beelzebub gab ein abfälliges Schnauben von sich. “Ich glaube nicht, dass die beiden eine platonische, sündenfreie Liebe verbindet, Engel. Ganz im Gegenteil sogar. Davon abgesehen scheitert dein Plan bereits an den Grundlagen. Oder willst du mir erzählen, du bist der Meinung, du könntest einen Dämon lieben?"
Gabriel runzelte die Stirn, während Wut in ihm hochkochte. "Ich wiederhole mich ja nur ungern, aber ich bin ein Engel. Ich liebe alle Wesen gleich stark, das liegt in meiner Natur." Er seufzte. "Und es war kein PLAN. Es war eine Idee. Ich bin nicht dein Feind, Beelzebub. Zumindest nicht im Augenblick. Aber wenn dir das von vornherein die Sache nicht wert ist, dann lassen wir es. Nur eins ist klar: Das hier ist Zeitverschwendung." Er erhob sich. "Sag Bescheid, wenn du eine bessere Idee hast."

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Beelzebub presste bei Gabriels Worten sichtbar den Kiefer zusammen. Als der Engel sich erhob, verschränkte er die Arme und ließ sich etwas tiefer in den Sitz sinken. “Ich habe nicht gesagt, dass es mir das nicht wert wäre”, brummte er. Er zog die Augenbrauen ein wenig zusammen und starrte stur zur Bühne hin, wodurch er alles in allem ein wenig wie ein schmollendes Kind wirkte. "Ich habe nur Probleme aufgelistet, die sich dabei stellen könnten”, setzte er grummelig hinzu.
Gabriel blieb stehen und schaute zu Beelzebub herunter. "Wirkungsvolle Taktik um eine Idee in der ersten Sekunde zu zerstören", sagte er kühl.
Beelzebub biss sich auf die Unterlippe. Wenn es um Liebe ging, dann hätte er keine Chance. Er war ein Dämon und er hatte sich bereits lange von dem Konzept der Liebe verabschiedet. Außerdem, wenn es Liebe war, hieß das, er müsste jemanden lieben oder müsste er auch zurückgeliebt werden? Und musste es wohl unbedingt eine Engel-Dämonen-Kombination sein? Es waren zu viele ungeklärte Fragen und jede einzelne ließ ihn pessimistischer werden.
Da hatte Gabriel bessere Erfolgsaussichten. Er war ein Engel. Liebe war für ihn ein natürliches Gefühl, es lag in seiner Natur. Er sollte weder Probleme haben jemanden zu lieben, noch jemanden zu finden, der ihn ebenfalls liebte.
Aber Gabriel hatte sich dafür entschieden, IHN zu fragen. Das allein ließ etwas wie Hoffnung in Beelzebubs Brust aufflammen und er hasste sich für seine Naivität. Aber die Hoffnung war ein trügerisches Ding, sie klammerte sich an ihn und am Ende kam er zu dem Schluss, dass der Engel vielleicht nicht ganz unrecht hatte.
Trotzdem hatte Beelzebub Zweifel. Er war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt noch lieben konnte. Er fühlte diese natürlich Liebe gegenüber allen Dingen nicht mehr seit er gefallen war und hatte auch sonst seither keine Person mehr geliebt. Was, wenn das bedeutete, dass er gar nicht mehr dazu fähig war?
Sein Blick wanderte hinunter zu den beiden Verrätern, die inmitten des Publikums saßen.
"Bist du sicher, dass Crowley ihn ebenfalls liebt und es nicht nur von dem Engel ausgeht...?" fragte er leise, da Gabriel immerhin Liebe spüren konnte.
Gabriel nickte wortlos.
Beelzebub schwieg. Er war hin- und hergerissen. Wenn Crowley es konnte, dann sollte es generell möglich sein... Damit hatte Beelzebub keinen Grund mehr, es nicht zu versuchen.
Außer, dass er sich selbst nicht sicher war, ob er es versuchen wollte. Das hatte nicht einmal etwas mit Gabriel an sich zu tun. Er erinnerte sich dunkel an die Zeit, in der er noch Liebe verspürt und an sie geglaubt hatte.
Doch sie hatte ihn verletzt. So tief, dass er meinte, die Wunden sogar heute noch in sich brennen zu fühlen. Wollte er so etwas noch einmal probieren? Und davon abgesehen, brachte es ihn, wenn es jemand herausfinden sollte, in eine noch kritischere Lage, als die ohnehin schon heikle Zusammenarbeit mit einem Engel.
Er wandte seinen Blick zögerlich zu Gabriel und schaute zu diesem hinauf.
Der Engel hielt seinem Blick ruhig stand.
Gabriel hatte dasselbe zu verlieren, stellte Beelzebub fest. Und wenn der Engel sogar bereit war, etwas Derartiges auszuprobieren, wer wäre er dann, wenn er nun davor den Schwanz einzog?
Nein, das konnte er sich als Beelzebub, Prinz der Hölle, definitiv nicht bieten lassen.
"Gut...", sagte er schließlich langsam. "Probieren wir es aus."
Gabriels Augen weiteten sich in aufrichtiger Verblüffung. Nach all dem Schweigen hatte er offensichtlich nicht mehr damit gerechnet, dass Beelzebub doch einlenkte. „Tatsächlich?“, fragte er. Ungläubig schaute er Beelzebub an, lief langsam zu seinem Sitz zurück und ließ sich nieder.
Sein Starren war Beelzebub unangenehm. Nun, da er bereit war, es zu wagen, stieg Nervosität in ihm auf. Fahrig wandte er den Blick ab, während er versuchte, sich nicht auszumalen, was sie in den nächsten Wochen alles tun würden. Sicher, als Dämon sollte es ihm nichts ausmachen. Immerhin würde es sich vermutlich auf das Körperliche beschränken. Aber mit Gabriel war es irgendwie etwas anderes... ohne, dass Beelzebub sagen konnte, wieso. "Also”, sagte er, weil ihn das Schweigen nervös machte, “Wie machen wir das alles?”
"Nun, ich schätze...", begann Gabriel nachdenklich, "... Ich schätze, wir sollten uns informieren, was typisch ist bei dieser Form der Liebe. Beobachten, was die Menschen tun und es dann nachmachen." Beelzebub atmete tief durch. "Okay", murmelte er, ehe er sich etwas aufrechter hinsetzte und Gabriel entschlossen ansah. "Wann fangen wir an?"
"Beim nächsten Treffen?", schlug Gabriel vor. "Bis dahin können wir einige erste Ideen sammeln."
Beelzebub dachte einen Moment über den Vorschlag nach, dann sagte er ruhig: "Wieso nicht gleich?"

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Gabriel schluckte. Er hatte mit mehr Zeit gerechnet. Dieser direkte Vorschlag setzte ihn unter Druck und er fühlte seine selbstsichere Fassade schwinden. „Sicher“, sagte er, weil ihm keine Argumente dagegen einfielen und er nicht den Anschein erwecken wollte, als würde es ihm bereits über den Kopf wachsen. „Und womit beginnen wir?“
"Nun..." Beelzebub schaute ein wenig nachdenklich, ehe ihm eine Idee zu kommen schien. "Wir suchen uns ein Pärchen", schlug er vor, "Es ist Samstagabend. Da sind sicher viele unterwegs. Und Menschen zeigen Zuneigung heutzutage sehr offen."
Gabriel nickte langsam. “Das ist eine gute Idee“, sagte er und erhob sich. “Also ein Restaurant? Eine Bar?“
Beelzebub schüttelte den Kopf. "Nein, dort halten sich die meisten Menschen zurück." Er schwieg einen Moment. "Ein Park", schlug Beelzebub schließlich vor.
“In Ordnung“, sagte Gabriel bereitwillig. Er hatte selbst keine Idee, wo sie anfangen sollten. Das alles war sonst wirklich nicht sein Bereich. Er hatte es bis vor Kurzem stets vermieden, sich der Erde allzu sehr zu nähern. Da war es ihm nun gleich, wo sie anfingen.

Sie verließen das Theater und gingen in den nächstgelegenen Park. Beelzebubs Idee schien nicht von schlechten Eltern. Neben Familien mit herumtollenden Kindern und einzelnen Spaziergängern schlenderte auch das eine oder andere Pärchen die säuberlich angelegten Wege entlang.
Gabriel ließ den Blick schweifen und verlor sich für einen Moment in der Wirkung des Parks. Er fühlte die Liebe. Dieser Ort wurde geliebt. Er verstand, wieso: Ein Garten war schon von jeher etwas sehr Schönes gewesen.
Eine dämonische Präsenz, die sich zu ihm herüber lehnte, lenkte ihn ab. "Von welchem Pärchen geht am meisten Liebe aus?", raunte Beelzebub ihm verschwörerisch zu.
Gabriel lief ein Schauer über den Rücken. Er versuchte, sich auf die Frage zu konzentrieren und räusperte sich. “Schwer zu sagen“, sagte er, “Das Liebeslevel ist hier im Allgemeinen sehr hoch. Ich muss näher an die einzelnen Pärchen heran, um den Unterschied zu bemerken.“ Unvermittelt blieb er stehen und tat so, als würde er einem kleinen Jungen beim Entenfüttern zusehen. Ein Pärchen lief an ihnen vorbei. Die Liebe, die sie aussandten, lag unter dem hier vorherrschenden allgemeinen Niveau. “Die schon mal nicht“, raunte er Beelzebub leise zu.
"Mmh...", machte Beelzebub, blieb neben Gabriel stehen und nickte, während er sich umsah. Er beobachtete die Menschen, die im Park herumschlenderten.
Ein weiteres Pärchen schlenderte an ihnen vorüber. Sie lachten. Eine Welle der Liebe rollte auf Gabriel zu, die ihn beinahe erschlug. Gabriel stupste Beelzebub an und deutete auf sie, als er seine Aufmerksamkeit hatte. „Die dort“, sagte er leise und schaute ihnen zu, wie sie mit ineinander verschränkten Händen zu einer Bank schlenderten und sich darauf niederließen. Küsse und Komplimente wurden ausgetauscht. Gabriel schluckte. Es war eine Sache, jederzeit Liebe zu empfinden und zu fühlen. Aber die Vorstellung, solche Dinge auch selbst zu tun, ließ ihn nervös werden.
“Ihre Liebe ist so groß, dass sie weitaus heller strahlt als die der anderen hier”, sagte Gabriel, fast wie zu sich selbst. Er sah so etwas selten. Es war faszinierend.
Beelzebub folgte Gabriels Blick zu besagtem Pärchen. "Okay?”, sagte er unschlüssig und es klang wie eine Frage. “Und nehmen wir sie oder sollen wir mit etwas weniger Liebe anfangen?"
Gabriel schluckte. Er wollte gern sagen, dass er keine Ahnung hatte. Dass er nicht wusste, ob er all das konnte. Aber dafür war er zu stolz. Stattdessen nickte er. “Wir nehmen sie“, sagte er und schützte Entschlossenheit vor, “Warum sich mit weniger zufrieden geben? Schließlich wollen wir zeitnah Erfolge sehen.“
"Richtig", stimmte Beelzebub zu, blieb aber dennoch an Ort und Stelle stehen und rührte sich nicht.
Unschlüssig blieb auch Gabriel stehen. ‚Wir nehmen sie‘ bedeutete, dass sie sie beobachten würden. Aber dafür konnten sie nicht hierbleiben und starren. Andererseits bekamen sie mehr Eindrücke aus nächster Nähe mit. Gabriel schnipste und Beelzebub und er verschwanden für das menschliche Auge.
“Also“, sagte er und grinste Beelzebub mit falscher Zuversichtlichkeit an. “Wollen wir näher ran und uns Notizen machen?“
Beelzebub nickte. Dann schritt er hinüber zu der Bank, auf der das Pärchen saß.
Gabriel folgte. Er fühlte sich ein wenig unwohl dabei, auf das Pärchen zuzugehen. Besonders, da sie nun begonnen hatten, sich zu küssen und damit nicht aufzuhören schienen. Es war intim und er war viel zu nah dran. Das war so ungewohnt für ihn. Er hatte bisher den Kontakt zu Menschen weitestgehend vermieden. Dafür gab es andere, die das übernahmen.
Nun trat er direkt vor die beiden und schaute ihnen zu. Sie machten Schmatzgeräusche. Das war vermutlich nicht anders möglich.
„Siehst du, wie sie aufeinander reagieren?“, fragte er Beelzebub und deutete auf die feinen Wellen, die vom einen zu dem anderen hin schwebten. Ihre physischen Körper bogen sich einander entgegen, während er sehen konnte, wie ihre ätherischen Körper miteinander verschmolzen. „Das ist die Chemie“, sagte er altklug, weil er das einmal irgendwo aufgeschnappt hatte, „Sie können quasi gar nicht anders.“
Die Hand des Mannes strich über den Nacken der Frau und dann ihren Rücken hinab, bis sie in der Taille liegen blieb. Gabriel beobachtete, wie sie ihre Köpfe drehten, um den Kuss zu variieren. Sie bewegten die Lippen unabdingbar und nahmen hin und wieder ihre Zunge dazu. Wozu sollte das gut sein? Das Streifen der Hände über den Körper des Anderen konnte er noch eher nachvollziehen. Er nahm jedes Detail in sich auf.
"Widerspricht das nicht dem freien Willen, der die Menschen von den Tieren unterscheidet?", fragte Beelzebub.
Gabriel fühlte seine Überzeugung einen Moment wanken. Er war es nicht gewohnt, dass jemand seine Aussagen hinterfragte. Diese rebellischen, selbstdenkenden Dämonen!
“Nein“, erwiderte er und überlegte dann krampfhaft, wie er es drehen konnte, damit er am Ende Recht hatte. “Die Chemie ist ihnen gegeben. Ob sie danach handeln, ist ihnen selbst überlassen. Mit ‚sie können gar nicht anders‘ meine ich, dass sie die Anziehung fühlen, egal, wie sie sich entscheiden. Handeln sie dagegen, dann werden sie ein wenig leiden. Aber manchmal ist das das Opfer, das man bringt, um nach Gottes Vorgaben zu leben.“
"Wenn du meinst", antwortete Beelzebub nur und fasste dann schließlich zusammen: "Also offenbar gehört viel körperlicher Kontakt dazu.” Er schaute neugierig zu Gabriel auf. "Ist körperlicher Kontakt nun Auslöser oder Ergebnis von Liebe?" fragte er.
Gabriel presste die Lippen zusammen. Woher sollte er das wissen? Er zuckte mit den Schultern, weil er auf die Schnelle keine Antwort parat hatte. “Das kann ich dir nicht sagen“, gestand er ein und gab sich Mühe, trotz allem souverän zu wirken. “Wir sollten uns diese Frage merken und es später herausfinden.“
"Mhm", murmelte Beelzebub zustimmend, während er wieder zu dem Pärchen schaute, das aufgehört hatte sich zu küssen und sich stattdessen süße, liebevolle Worte zuflüsterte.
"Hast du so etwas schon mal gemacht?", fragte er.
“Nein“, sagte Gabriel mit belegter Stimme. Bei der doch so nahen Beobachtung des intimen Moments war sein Hals vor Nervosität trocken geworden. Er konnte sich nicht vorstellen, an der Stelle dieses Pärchens zu sitzen. Das war anders als alles, was er bisher getan hatte. “Ich denke, wir sollten es einfach versuchen und schauen, wo es hinführt?“, fragte er halbherzig mit einem Blick auf Beelzebub.
Der Dämon nickte auf diesen Vorschlag. “Ich halte das hier aber für keinen guten Ort, um es auszuprobieren."
“Da gebe ich dir Recht“, stimmte Gabriel zu. Ihm fielen im Allgemein wenige Orte ein, an denen sich das eignen würde. Er konnte gut darauf verzichten, dabei beobachtet zu werden und auch, wenn die Menschen sie aktuell nicht sahen, würde er doch das Gefühl haben, dass sie es könnten, wenn sie in der Nähe waren. „Wir könnten in meine Wohnung gehen“, schlug er nach einigen Sekunden des Haderns und Schweigens vor. Er bereute den Vorschlag sofort. Es hatte etwas allzu Vertrauensvolles, den Dämon direkt in die Räume zu lassen, die er aktuell bewohnte, wenn er auf der Erde war. Aber ihm fiel nichts Besseres ein, um tatsächlich ungestört zu sein. Und außerdem, sagte er sich, um seine Nerven zu beruhigen, war es ohnehin nur eine zeitweilige Bleibe.
“Du hast eine Wohnung?", fragte Beelzebub mit hochgezogenen Augenbrauen.
Gabriel war sich nicht sicher, ob er ihn dafür verspottete oder es tatsächlich beeindruckend fand. Vermutlich zweiteres. Immerhin waren Gabriels Ideen meist sehr gut.
„Ja“, sagte Gabriel also stolz. „Ich dachte, eine Wohnung würde mir helfen, die Menschen besser zu verstehen.“
“Na dann... Wieso nicht?", stimmte Beelzebub mit einem Schulterzucken zu.
Gemeinsam schlenderten sie zum Parkausgang. Draußen rief Gabriel mit einem kleinen Wunder ein Taxi. Sie stiegen ein und fuhren einen Stadtteil weiter, wo sie das Taxi verließen. Gabriel bezahlte, öffnete dann die Haus- und später die Wohnungstür. Er ließ Beelzebub herein. Seine Wohnung war geräumig, hatte große Fenster und war leer und sauber. Ein wenig dunkler als der Himmel, aber daran gewöhnte er sich allmählich. Nur die nötigsten Dinge befanden sich darin – Oder zumindest die Dinge, von denen Gabriel meinte, dass sie für einen Menschen nötig wären. Seine überschaubare Zwei-Zimmer-Wohnung hatte ein kleines Bad (das er nie nutzte), eine eingebaute Küche (die er ebenfalls nie nutzte), ein King-Size-Bett (auch das war unbenutzt), ein Sofa und einen Fernseher. Im Wohnzimmer standen außerdem viele Regale voller Bücher, die er in den letzten Wochen gekauft hatte, weil er geglaubt hatte, Bücher zu besitzen würde bei der Immunität helfen. Er hatte keines davon gelesen.
Beelzebub schaute sich aufmerksam um. "Nett", kommentierte er höflich, während er vor dem Bücherregal stehenblieb und die riesige, durchgemischte Auswahl an Büchern überflog.
Gabriel zuckte mit den Schultern. Er brauchte keine Bestätigung für seine Wohnung. Sie war für ihn von praktischem Nutzen, nichts weiter.
Aber in seiner Zeit hier auf der Erde hatte er bereits ein paar Dinge aufgeschnappt, also fragte er, ganz im Stil menschlicher Gepflogenheiten: "Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?"

Chapter Text

Beelzebub schaute über die Schulter zu Gabriel.
"Rotwein", antwortete er und warf dem Engel einen auffordernden Blick zu. Gabriel nickte und verschwand in einem anderen Raum, der, wie Beelzebub vermutete, die Küche beinhaltete.
Dort hörte er Gabriel mit Gläsern klirren und wenig später kam der Engel mit dem Rotwein zurück und drückte ihm ein Glas in die Hand.
“Setz dich”, forderte Gabriel ihn auf und wies auf das weiße Ledersofa.
Es sollte vermutlich höflich klingen, aber Beelzebub vertrug Befehle nicht sonderlich gut. Er hob amüsiert eine Augenbraue.
“Bitte”, setzte Gabriel hinzu und Beelzebub schaute interessiert dabei zu, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten. Er ließ sich mit einem süßlichen, falschen Lächeln auf dem Sofa nieder, prostete dem Engel mit einem beiläufigen “Cheers” zu und nahm einen großen Schluck Wein. Er hätte es niemals zugegeben, aber der Wein half ihm, seine Nervosität zu überwinden.
Gabriel, der sich neben Beelzebub gesetzt hatte, von seiner inneren Unruhe offensichtlich nichts ahnend, trank ebenfalls einen großen Schluck. Dann fragte er: "Womit beginnen wir?"
Beelzebub schaute einen Moment in sein Weinglas. Es war nicht so, als hätte er gar keine Ahnung von Liebe. Doch seine Erfahrung schien mittlerweile so unglaublich lange her und weit entfernt von dem, was er jetzt war.
Er seufzte leise und versuchte, sich die Dinge ins Gedächtnis zu rufen, an die er damals geglaubt hatte und von denen er überzeugt gewesen war.
Liebe war nie einfach nur eine körperliche Handlung. Es steckte mehr dahinter. Es ging darum, was man an einer individuellen Person bewunderte und schätzte, dass man sich respektierte und... so viele Dinge, die schwer waren zu erfassen und zu beschreiben.
Es geschah nicht jeden Tag, dass er Anstalten machte, die Liebe zu jemandem aufzubauen. Verführung war doch etwas deutlich anderes, darauf konnte er nicht zurückgreifen. Wahre Gefühle waren schwerer, vor allem, wenn er sie selbst haben sollte.
"Vielleicht...”, begann er leiser als es sonst seine Art war, “... sollten wir damit anfangen uns zu sagen, was wir aneinander gut finden?"
Gabriel stutzte, als schien er mit dieser Idee nicht gerechnet zu haben. “In Ordnung”, sagte er trotzdem entschlossen und machte dann den Anfang, indem er langsam und konzentriert sagte: "Ich......ich mag..."
Beelzebub schwieg. Ein böser kleiner Teil in ihm dachte bei sich, dass Gabriels Engelshirn einfach zu klein war, um derart über den Tellerrand zu blicken. Die Aufgabe war zu groß für den tollen Erzengel. Er lächelte säuerlich, doch dann wurde sein Gesichtsausdruck bitter. Vielleicht lag es nicht an Gabriel. Vermutlich war es kein Wunder, dass er kein ordentliches Wort herausbrachte. Was sollte er schon finden, was er an Beelzebub mochte? Sie waren nur Geschäftspartner wider Willen und mangels besserer Alternativen. Er konnte nicht erwarten, dass Gabriel die Zusammenarbeit so sehr schätzte wie...
Beelzebubs Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Gabriel schließlich sagte: "Ich mag deine Direktheit." Er grinste selbstzufrieden, als hätte er eine große Leistung vollbracht und Beelzebub dachte bei sich, dass das vermutlich sogar stimmte. “Sie macht die Zusammenarbeit einfacher", setzte Gabriel hinzu, nachdem sein ekliges Grinsen verschwunden war. Diese Worte wirkten unerwartet ehrlich.
Beelzebub bedachte Gabriel mit einem misstrauischen Blick. Doch seine Dämonensinne konnten weder einen Täuschungsversuch noch sonstige Boshaftigkeit bei ihm spüren... Er räusperte sich kurz und ließ sich tiefer in die Polster sinken, während er sich halb hinter seinem Weinglas versteckte. Nun war er wohl an der Reihe. "Ich mag...", begann er und merkte nun selbst erst, wie schwer diese simple Aufgabe eigentlich war. Er atmete tief durch und versuchte, sich etwas vor Augen zu führen, dass er WIRKLICH an Gabriel mochte. Ohne, dass es ihn zu schwach machte, wenn er es zugab.
"... dass du bereit bist, Dinge auszuprobieren, die dir widerstreben”, sagte er schließlich. “Das ist... mutig für einen Engel.”
Gabriel schmunzelte. Diese Seite des Experiments gefiel ihm offensichtlich. Er hörte gern, wie großartig er war, das wusste Beelzebub. “Danke“, sagte er und bevor Beelzebub sich wappnen konnte, fuhr er eifrig wie ein strebsamer Schüler fort: “Ich bin beeindruckt davon, wie viel du von den Menschen weißt.“
Als Beelzebubs Augen sich überrascht weiteten, weil Gabriel damit zugab, dass er selbst wenig Ahnung von den Menschen hatte (etwas, das er sonst stets leugnete), fuhr Gabriel leiser fort: “Du kannst dich ihnen besser anpassen als ich. Das finde ich bewundernswert.“
Und, als hätte er zu viel gesagt, trank er eilig noch einen großen Schluck Rotwein.
Beelzebub merkte, wie sich eine Wärme in seinem Inneren ausbreitete, die ihm in die Wangen stieg.
Komplimente waren nicht unbedingt etwas, was er gewohnt war und es fühlte sich irgendwie... unangenehm an, als müsse er es abstreiten und dem Engel aufzeigen, wie falsch er damit lag. Das Problem war nur, dass es irgendwie schon stimmte, was er sagte und er gar nicht groß dagegen argumentieren konnte.
Etwas unruhig rutschte Beelzebub auf seinem Platz herum. "Du... hast keinen schlechten Kleidungsstil...", meinte er schließlich und sagte die Worte gedehnt, weil er sich angreifbar fühlte und sich hinter der Fassade der Gleichgültigkeit verstecken wollte.
Gabriel lachte leise. “‘Keinen schlechten Kleidungsstil‘?“, fragte er amüsiert. “Ich sehe umwerfend aus in Anzügen“, erwiderte er mit einem breiten Grinsen.
Beelzebub seufzte entnervt und schüttelte den Kopf, weil er nicht zugeben wollte, dass es stimmte.
Als Gabriel dann aber sagte: “Ich mag deine Augen“, fiel es Beelzebub wirklich schwer, die emotionslose Maske aufrecht zu erhalten. Er fühlte sein Herz schneller schlagen und sein Mund wurde trocken.
Es machte es nicht besser, als Gabriel mit einem ehrlichen Schmunzeln und einem unerträglich warmen Blick hinzufügte: “Sie sind sehr ausdrucksstark.“
Beelzebub starrte ihn an. Sicher, sie sollten sich diese Dinge sagen, damit sie sich mehr mochten. Aber warum musste er damit anfangen, sich emotional so verwundbar zu fühlen? Seine Wangen waren heiß und seine Hände wurden schwitzig. “Ich habe ganz normale Augen”, fauchte er trotzig und versuchte, das rote Gesicht im Weinglas zu verstecken, während er noch einen großen Schluck trank.
Gabriels Blick war schon wieder so seltsam. Beelzebub konnte ihn nicht einordnen. Ein Funkeln lag darin und als Gabriel den Kopf schüttelte, schien er aufrichtig. “Das sehe ich nicht so“, widersprach er ruhig, “Sie sind groß und emotional und zeigen, was du fühlst, selbst, wenn du versuchst, es zu verstecken.“ Er schenkte Beelzebub ein friedfertiges Lächeln. “Du hast ungewöhnlich schöne Augen für einen Dämonen“, sagte er freundlich.
Beelzebub setzte sich ruckartig auf, öffnete den Mund... und schloss ihn dann doch wieder, während er dem Engel einen giftigen Blick zuwarf, was durch seine roten Wangen nicht besonders giftig herüberkam. "Du hast offenbar eine gestörte Wahrnehmung, Engel", knurrte er schließlich und ließ sich wieder zurück in die Polster sinken, während er sein Glas exte.
Gabriel schien seine Reaktion zu überraschen. Er hob die Augenbrauen. “Hör mal zu, Sonnenschein“, sagte er mit sanfter Strenge. “Wenn du solche Ansätze vorschlägst, dann musst du auch damit leben, dass du diese Dinge hörst. Ich sage nur die Wahrheit.“
Beelzebub warf ihm einen weiteren finsteren Blick zu. Er schwieg verbissen, presste den Kiefer aufeinander und versuchte, sich zu beruhigen. Beelzebub wusste, dass Gabriel Recht hatte. Er wusste, dass er sich grundlos aufregte. Sie waren nicht in der Hölle, wo jeder, der ein falsches Wort zu ihm sagte, es augenblicklich bereute. Und sie waren nicht im Himmel, wo er fürchten musste, verlacht und verspottet zu werden.
Nein, sie befanden sich auf der Erde, beide in einer extrem empfindlichen Situation, und versuchten etwas zu bewerkstelligen, von dem sie nicht wussten, ob es funktionierte.
Er musste seine Angst davor, verhöhnt und verletzt zu werden, hintenanstellen – ebenso wie die Furcht davon, dass Gabriel ihn für schwach und sensibel hielt. Was sollte der Engel ihm schon tun? Schöne Worte konnten Beelzebub nicht verletzen, er war schließlich nicht aus Zucker!
Tapfer redete er sich Mut zu, atmete noch einmal tief durch und sagte dann schließlich, um die Stimmung, die nun deutlich angespannter war, wieder ein wenig aufzulockern: "Ich mag die Tatsache, dass dir Wein schmeckt, weil ich sonst allein trinken müsste."

*******

 

Gabriels Mundwinkel zuckten trotz der kurzen Empörung. Er stellte fest, dass Beelzebub mit roten Wangen und bockig recht faszinierend aussah. Er hatte etwas an sich, das Gabriel nicht benennen konnte. Doch das würde er ihm lieber nicht sagen, wenn bereits ein Wort zu seinen Augen zu viel für den Dämonen war. Also lieber etwas Seichteres. “Ich mag es, dass du mich zum Essen animiert hast“, sagte er, denn in den letzten Wochen hatte er angefangen, die eine oder andere Köstlichkeit durchaus zu schätzen zu wissen. Und, da er trotz allem regelmäßig Sport trieb, schien sein Körper dadurch nicht den Schaden zu nehmen, den er befürchtet hatte. “Du hast mir gezeigt, dass menschliches Essen durchaus seine Vorzüge hat.“
Seine Worte brachten Beelzebub immerhin dazu, ein wenig zu lächeln. Es war ein so kleines Lächeln, dass man es kaum sehen konnte, aber Gabriel wusste, dass es da war. "Ich verführe andere gern zum Essen”, antwortete er frech und auf Gabriels gerunzelte Stirn fuhr er beschwichtigend fort: “Und ich mag es dir dabei zuzusehen, weil ich merke ob dir etwas schmeckt oder nicht."
Gabriels kurze Irritation wandelte sich in Belustigung. „Du beobachtest mich also beim Essen?“, fragte er amüsiert. „Ist das so interessant?“
Diese Unterhaltung machte etwas mit ihm, bemerkte er am Rande. Er hatte sich nicht für so offen und sentimental gehalten. Das war sonst nicht seine Art. Vielleicht war es der Wein, mutmaßte er. Er hatte schon in den letzten Wochen gemerkt, dass Wein die Eigenschaft hatte, die Zunge zu lockern. Nur hatten sie dann nie über solche Dinge gesprochen. Er war in zu entspannter Stimmung, um sich darüber Sorgen zu machen. Und wenn Beelzebub dann auch noch solche Dinge sagte...
"Ist es", bestätigte Beelzebub schlicht und fügte dann eilig hinzu, wie, um von sich abzulenken: "Ich mag deine Augen auch. Die Farbe ist schön und ungewöhnlich."
Gabriel schmunzelte, doch er sagte nichts darauf. Es war offensichtlich, dass das Kompliment von dem vorherigen Thema ablenken sollte. Doch er hakte nicht weiter nach. Stattdessen dachte er eine Weile darüber nach, was er an Komplimenten erwidern könnte. “Ich mag die Zusammenarbeit mit dir“, gab er schließlich zu.
Beelzebub kommentierte es mit einem Schulterzucken, während seine Augen Gabriels Blick auswichen. Es fiel ihm anscheinend schwerer als Gabriel, solche Komplimente anzunehmen. Gabriel dachte kurz darüber nach, dieses Wissen in Zukunft für sich zu nutzen. Wenn er den Dämon ärgern wollte, könnte er ihm einfach Komplimente machen.
Anstatt auf seine Worte einzugehen, hob Beelzebub ihm sein leeres Glas entgegen. "Ich mag, dass du ein Gentleman bist", sagte er, mit einem Zwinkern, dass seine offensichtliche Nervosität kaschieren sollte.
Gabriel grinste über die Unverfrorenheit. Er konnte Beelzebub nicht böse sein, wo die Aufforderung doch direkt mit einem Kompliment gepaart war. Da sein eigenes Glas ebenfalls beinahe leer war, trank er den letzten Schluck, erhob sich und ging in die Küche. Er griff die Weinflasche, kehrte zurück und schenkte Beelzebub Wein ein, ehe er sein eigenes Glas füllte. “Mir gehen die einfachen Gründe aus“, gab er mit einem Lächeln zu, während er die Flasche abstellte und sich wieder setzte, „Wie viel davon müssen wir noch sagen?“
Beelzebub nahm das gefüllte Weinglas entgegen, schaute dann aber etwas fragend.
"Die 'einfachen' Gründe?", fragte er irritiert.
„Nun, die offensichtlichen. Die, die schnell gefunden werden“, erklärte Gabriel seine Gedanken. Obwohl es wohl kaum eine Erklärung war, viel mehr eine Untertreibung. Er hatte endlos viele Punkte im Kopf, die er an Beelzebub mochte, aber er war noch nicht bereit, sie in Worte zu fassen. Und so, wie der Dämon auf die letzten Dinge reagiert hatte, die ihm über die Lippen gekommen waren, war er noch nicht bereit, sie zu hören.
Aber weil Beelzebub seiner milden Andeutung wohl nicht folgen konnte, legte Gabriel den Kopf schief und schmunzelte. „Oder geht es nur mir so? Dann lass hören. Was magst du an mir?“
Beelzebub schien über die Frage zu amüsiert, als dass sie ihn aus der Fassung bringen konnte. "Ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist, wenn du eine Runde aussetzt, Engel”, sagte er hochmütig und überschlug die Beine, “Zu viele Komplimente fördern angeblich Eitelkeit" Er schwenkte das Glas Wein, sodass die rote Flüssigkeit darin in hypnotisierenden Wellen zu tanzen begann und ließ den Blick durch den Raum wandern. Obwohl er die Bedenken geäußert hatte, schien er über weitere Worte nachzudenken, also schwieg Gabriel. Er vermutete, dass Beelzebub nach einem weiteren lapidaren Grund suchte, ihn zu mögen, der unpersönlich und unemotional genug war, um darüber nicht zu erröten.
Beelzebub überraschte ihn stattdessen mit einem kühlen: "Ich mag, dass du deinen Körper fit hältst”, das er so klingen ließ, als wäre es ihm eigentlich egal.
Gabriel schmunzelte. Wer hätte das gedacht?
Wenn er ihn schon so provozierte, musste er mit einer vergleichbaren Antwort leben können - auch, wenn Gabriel damit erneut riskierte, zu weit zu gehen. „Ich mag deine schlanke, zierliche Statur“, gab er das Kompliment galant zurück.
Seine Sorgen waren unbegründet. Beelzebub schien zu überrascht, um abwehrend zu reagieren. “Das gefällt dir?”, fragte er tonlos und schüttelte dann ungläubig den Kopf. “Aber du siehst selbst so... anders aus.” Er gestikulierte mit der freien Hand zu Gabriels breiter Brust.
Gabriel schmunzelte. „Es gibt vielerlei Formen und Gestalten, die mir gefallen“, behauptete er und trank einen großen Schluck Rotwein. Er lächelte in dem Versuch, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihm sein Kompliment von eben peinlich war. „Ich kann mir nur nicht ständig einen neuen Körper wünschen. Zu viel Papierkram.“
Beelzebub ließ ein leises Kichern vernehmen.
Gabriels Herz setzte einen Schlag aus. Er starrte den Dämon an, weil er nicht anders konnte.
Sie hatten bereits so viel Zeit miteinander verbracht, aber er hatte Beelzebub noch nie kichern hören. Es war hinreißend. Wieso war es so verdammt hinreißend?
"Welche menschlichen Formen und Gestalten gefallen dir denn noch so?", fragte Beelzebub, der nicht zu bemerken schien, was sein kleines Lachen in Gabriel ausgelöst hatte. Er schaute interessiert zu ihm auf.
Und, damit Beelzebub nicht merkte, was für seltsame Gefühle gerade in Gabriel um Aufmerksamkeit rangen, konzentrierte er sich eilig auf seinen Wein, trank einen großen Schluck und wich dabei wirkungsvoll Beelzebubs Blick aus. Er ließ sich Zeit mit der Antwort, denn die Frage war, als er darüber nachdachte, ebenso verfänglich. „Das kann ich nicht so genau sagen“, sagte er und redete sich dann heraus: „Aber ich mag die Form von Eisbären. Eine sehr schöne Schöpfung. Und Eulen.“
Nun, seine Ablenkung vom Thema war vielleicht nicht allzu geschickt gewesen - dafür schaute Beelzebub nun zu überrascht drein.
Aber als er dann lachte, atmete Gabriel auf – und konzentrierte sich bewusst auf etwas anderes als auf das amüsierte Funkeln in den Augen des Dämons.
Er trank seinen Wein, um Beherrschung und engelhaftes Verhalten bemüht und fand zu seiner eigentlichen Haltung zurück, während Beelzebubs Lachen allmählich verebbte und er ebenso nachdenklich wurde.
Sie tranken beide einige Zeit in Schweigen, jeder in seine Gedanken versunken, und Gabriel fragte sich, ob die Wärme in seiner Brust dem Alkohol zuzuschreiben war oder der Gesellschaft. Beides war herzerwärmender, als er noch vor einigen Monaten erwartet hatte.
“Bist du...”, begann Beelzebub leise und Gabriel schaute auf. Der Dämon starrte in sein Glas. Er schien mit sich zu ringen, doch schließlich brachte er die Frage ganz über die Lippen: “Bist du sicher, dass dich mein Körper nicht abstößt? Oder... der Gedanke, dass ich ein Dämon bin?”
Gabriel presste die Lippen aufeinander. Himmel, natürlich war das ein Problem. Wenn er eine Wahl hätte, würde er das Experiment mit jemandem versuchen, der kein Teufel war. Aber andererseits, wen sollte er dafür gewinnen? Die Engel würden ihn nicht verstehen. Die Menschen waren nicht in der gleichen Lage. Und er hatte mit Beelzebub diesen Pakt geschlossen, weil sie beide Fähigkeiten und Stärken hatten, die dem anderen helfen konnten. Einblicke von ihrem eigenen Verräter, die sie miteinander teilen konnten.
Andererseits war er zwar gut darin, andere zu belügen... merkte aber selbst eindeutig, dass Beelzebub ihm ans Herz wuchs. Und dass er ihn – Himmel vergib – in einigen Momenten sogar liebenswert fand. So wie vorhin, als er lachte. Gabriel konnte sich nicht daran erinnern, seit seiner Schöpfung jemals ein Dämon lachen gesehen zu haben. Er hatte gar nicht gedacht, dass das möglich war.
Was das Körperliche anging... Nun, Gabriel hatte keine Erfahrung. Für ihn wäre jeder Körper seltsam, dem er sich nähern musste. Und Beelzebub sah außerhalb der Hölle nicht so ungepflegt aus. Im Gegenteil. Er hatte ein hübsches Gesicht, eine schlanke Taille und, was das Beste war: Keine Fliegen, die ihm um den Kopf schwirrten.
Natürlich war dieses Experiment für ihn ein Sprung in den Kaninchenbau. Aber das war bisher jedes Treffen mit Beelzebub gewesen und er hatte ihre Zusammenarbeit noch nicht bereut.
Obwohl er nicht wusste, was auf ihn zukommen würde, wollte er es wagen.
„Nein“, sagte Gabriel schlicht, „Ich finde dich nicht abstoßend. Nun… zumindest nicht abstoßender als irgendeinen anderen deiner Art…“
Dann zuckte er mit den Schultern. „Und für einen Dämon entpuppst du dich als überraschend angenehme und kompetente Gesellschaft und das ist, unter uns gesprochen, eine Seltenheit. Ich denke, wenn das Ganze mit jemandem funktionieren kann, dann mit dir.“
Beelzebubs Mundwinkel zuckten bei Gabriels ehrlichen Worten. "Das klingt nach keinen allzu schlechten Voraussetzungen", stimmte er zu. Er trank sein Glas in einem Zug aus, stellte es zur Seite und wandte sich Gabriel zu. "Also...”, begann er mit sachlicher Geschäftigkeit, “Anscheinend halten Pärchen gerne ihre Hände, umarmen sich, streicheln sich und küssen sich."
Er schaute Gabriel so ruhig an, als würde ihm all das gar nichts ausmachen. "Womit sollen wir anfangen?", fragte er.
Gabriel schluckte. Seine Worte waren groß gewesen, aber nun, da er tatsächlich etwas TUN sollte, wurde er nervös. Er sandte ein stummes Gebet gen Himmel, dass Gott ihn nicht strafte wegen des Weges, den er eingeschlagen hatte. Das war alles Teil des großen Plans. Es konnte gar nicht anders sein. Gott konnte unmöglich zwei unbeaufsichtigte immune Verräter auf der Erde herumspazieren lassen wollen. Er hat Beelzebub und Gabriel dafür zusammengebracht, damit sie die beiden auf lange Sicht aufhielten.
Also trank er ebenfalls seinen Wein aus und stellte das Glas beiseite.
„La-lass uns mit den Händen anfangen“, schlug er vor. Das schien ihm am harmlosesten.
Langsam schob er seine Hand auf dem Sofa zwischen sie, sodass er Beelzebub auf halber Strecke entgegenkam.
Nervös schaute er dabei zu, wie der Dämon seinerseits seine Hand hob. Gabriel hielt einen Moment den Atem an, als sich Beelzebubs Hand auf seine legte. Sie hatten sich vorher selten berührt. Wenn, dann nur zufällig und dann nie direkt Haut auf Haut. Er war sich nicht sicher, was er erwartet hatte. Beelzebubs Hand war überraschend weich und kühl.
Dann hörte er in sich hinein. Es fühlte sich nicht unangenehm an, eher im Gegenteil. Das Gefühl von weicher Haut auf seiner hatte etwas beruhigendes, schönes. Gabriel war verwundert darüber, dass es ihn entspannte, anstatt dass er Abneigung fühlte oder große Überwindung.
Um der Empfindung auf den Grund zu gehen, drehte Gabriel seine Hand auf den Rücken und strich mit den Fingern über Beelzebubs Handinnenfläche.

*******

 

Dass Gabriel ihn nicht völlig abstoßend fand, war unvorhergesehen gewesen, allerdings mit Sicherheit auch von Vorteil für das, was sie vorhatten. Dennoch war Beelzebub sich nicht so recht sicher, ob der Engel wusste, worauf er sich da einließ. Gabriel hatte noch keine Erfahrungen mit so etwas und wer wusste schon, ob es ihm nicht doch zu intim wäre, wenn sie solche 'Pärchendinge' ausprobierten.
Beelzebub hörte die leise bissige Stimme in seinem Hinterkopf, die ihn fragte, warum ihn das scherte. Wie es dem Engel ging, war nicht sein Problem. Aber sie lag falsch. Wenn der Engel sich nicht wohlfühlte, würde es nicht zu Liebe kommen und damit nicht zur Immunität. Das war ein gutes Argument dafür, weiterhin geduldig und nachsichtig zu sein – auch, wenn das etwas war, das Beelzebub für gewöhnlich nicht gut konnte. Gerade jetzt, da es um Körperkontakt ging. Er war es gewohnt, jemandem zu befehlen, wie er ihn zu berühren hatte, wenn er sich entschloss, intim zu werden. Oder er verführte einen Menschen – und die hatten alle schon Erfahrung. Bei dem Engel war das anders.
Beelzebub beobachtete Gabriels Reaktion genau. Er schien ein wenig überrascht und der Dämon fragte sich, weswegen. Als die Hand des Engels sich dann unter seiner drehte und hauchzart mit den Fingerspitzen über seine Handinnenfläche strich, zuckte er ein wenig zusammen und blickte hinunter auf ihre Hände. Seine Haut kribbelte, wo die Fingerspitzen Gabriels über sie streiften.
Es fühlte sich seltsam an, aber nicht unangenehm und Beelzebub wurde zum ersten Mal bewusst, wie lange ihn niemand mehr aus freien Stücken und mit einer solchen Umsicht berührt hatte. Er schluckte, weil sich ein Kloß in seinem Hals gebildet hatte. Seine Brust wurde eng. Er legte die freie Hand darauf, um sein Herz zu beruhigen, das sich anfühlte, als wäre es in einem zu kleinen Käfig.
Dann spürte er Gabriels Blick auf sich und der Engel hielt in seinen Erkundungen inne. „Alles okay?“, fragte er, während seine Hand nun ruhig unter Beelzebubs lag.
Vermaledeite Engelsinne. Selbst ein ignoranter Erzengel wie Gabriel war noch sensibel genug, emotionale Schwingungen zu empfangen, wenn man sie aus Versehen aussandte. Beelzebub hob hastig den Kopf und nickte fahrig. “Natürlich”, sagte er, doch seine Stimme bebte ein wenig. Er raffte sich zu einem Lächeln auf. “Es ist nur ungewohnt.”
Gabriel nickte ernst. Ausnahmsweise verzichtete er mal auf sein übertriebenes, großspuriges Verhalten. Er fasste Beelzebubs Hand ein wenig fester, um sie tatsächlich zu halten und warf Beelzebub noch einmal einen Blick zu, als wollte er sehen, wie es ihm ging.
Beelzebub knirschte mit den Zähnen. Er brauchte kein Mitleid wegen eines dummen rührseligen Moments. Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange, damit der feine Schmerz ihn wieder zur Besinnung brachte, und atmete tief durch. Das beengende Gefühl in seiner Brust verschwand allmählich.
Dafür schienen sich seine Sinne nun deutlich mehr auf Gabriel zu konzentrieren. Dessen Hand fühlte sich warm und weich an. Sie war um Einiges größer, aber trotzdem keineswegs plump. Eher im Gegenteil. Gabriels Hände wirkten elegant. Sie passten perfekt zum Rest.
Etwas mutiger geworden zog Beelzebub seine Hand ein wenig zurück, um nun ebenfalls Gabriels Handinnenfläche von den Fingerspitzen hinunter zum Handgelenk zu streichen. Er beobachtete, wie sich auf Gabriels Handrücken eine Gänsehaut ausbreitete, die das Handgelenk hinaufwanderte und unter dem Ärmel des Jacketts verschwand. Fasziniert strich er erneut vom Handgelenk hinauf zu Gabriels Fingern, legte seine Hand dann flach auf die des Engels, sodass seine Fingerspitzen Gabriels Handgelenk berührten und betrachtete das Bild, das sich dadurch ergab.
“Ich kann verstehen, dass Menschen das gern machen“, sagte Gabriel leise. Es klang nachdenklich, als hätte er es mehr zu sich selbst gesagt.
Ein dümmliches Lächeln wanderte auf Beelzebubs Lippen. Er fühlte sich sonderbar angenommen. Bevor Gabriel seine Rührseligkeit bemerken konnte, zwang er seinen Mund in eine neutrale Haltung und straffte die Schultern. “Willst du weiter machen...?", fragte er.
Gabriel nickte, auch, wenn er planlos wirkte. Das war eine neue Seite an ihm, die Beelzebub selten sah. Der Engel hatte immer einen Plan – oder tat zumindest sehr eindrucksvoll so. “Womit?“, fragte er.
Beelzebub schwieg unangenehm berührt bei der Frage. Es war seltsam, darüber zu sprechen. War bei Menschen das erste Mal auch so unbeholfen? "Ich... weiß nicht", gab er zögerlich zu, da ihm alle anderen Punkte doch deutlich intimer schienen als Händchenhalten und er nicht sicher war, ob er das aushielt. Er würde natürlich nie zugeben, aber er fühlte seine Fassade mehr und mehr bröckeln. Sicher war das der Plan. Für Liebe musste man sich öffnen. Aber Beelzebub hielt es tief in sich drin für zu unwahrscheinlich, dass ihm dieses Experiment der Liebe gelingen würde und er war es darüber hinaus nicht gewohnt, sich jemandem ohne Maske zu zeigen. Sich auf Gefühle einzulassen.
Er erschauderte.
Dass er dabei Gabriels Blick auf sich fühlte, machte es nicht gerade besser.
“Eine Umarmung?“, schlug der Engel vor.
Beelzebub schaute unschlüssig zum Engel und ließ seinen Blick noch einmal über dessen Körper wandern. Er war sich nicht sicher, ob er unbedingt mit einer Umarmung weitermachen wollte. Eine Umarmung würde ihn einengen, als würde man versuchen ihn festzuhalten. Besonders, da Gabriel deutlich größer und breiter war als er.
Doch er konnte nicht jetzt schon aufgeben. Sonst machte ihm so etwas doch auch nichts aus! Es war ja nicht so, als hätte er sich in den letzten tausenden von Jahren nicht den einen oder anderen Liebhaber gehalten. Sicher, damals war es um die reine sexuelle Befriedigung gegangen, aber warum er jemanden umarmte, konnte ihm doch egal sein!
Allerdings... sich freiwillig so nah an einen Erzengel heranzuwagen, machte ihn nervös. Nicht nur, weil die breite Brust überaus einladend aussah. Auch, weil Gabriel ihn dem Erdboden gleich machen könnte, wenn er wöllte. Er müsste nur mit den Fingern schnippen.
Beelzebub holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Das würde der Engel nicht tun. Hinterhältigkeit war unter seiner Würde. Sein Interesse daran, Liebe hervorzurufen, war so groß und eindeutig, dass Beelzebub daran gar nicht zweifeln konnte. Außerdem verhielt sich sein Paktring unauffällig.
Also blieb nur noch das Problem mit dem ‘sich darauf einlassen’. Er biss sich kurz auf die Zunge, ehe er schließlich zögerlich nickte. "Nur kurz", sagte er entschieden.
“Natürlich“, stimmte Gabriel zu, als wäre alles andere undenkbar. Er hielt die Hand fest, die noch immer in seiner lag und zog Beelzebub daran vorsichtig zu sich, während er sich zu ihm vorbeugte.
Beelzebub ließ sich widerwillig ein wenig näherziehen. Es war nicht so, dass er gar nicht wollte. Ehrlich gesagt war da sogar ein wenig Neugier. Er verfolgte jede von Gabriels Bewegungen wachsam, während dieser die Hände auf seine Schultern legte und sich vorbeugte.
Irgendwie... fühlte sich das nicht ganz richtig an. Es war unbequem und sie saßen seltsam steif voreinander. Beelzebub hatte mit Umarmungen direkt kaum Erfahrungen. Sie waren für Sex nicht notwendig. Er versuchte sich daran zu erinnern wie die Pärchen im Park das getan hatten.
"Ich glaube, wir müssen unsere Arme umeinander legen", murmelte er und blickte unschlüssig zu Gabriel auf, der sich so nah zu ihm beugte, dass ihm der vertraute Geruch nach Bergamotte und Frühlingstau in die Nase stieg, an den er sich mittlerweile so gewöhnt hatte. Beelzebub errötete, als Gabriel seinen Blick erwiderte und senkte eilig den Kopf.
Er fühlte, wie Gabriel die Arme vorsichtig um ihn legte und seine Hände auf Beelzebubs Rücken platzierte, während er, aufgrund der Nähe, den Kopf an Beelzebubs Schulter legte, damit ihre Köpfe sich nicht in die Quere kamen. „So?“, fragte er.
Beelzebub verspannte sich ein wenig. Wie zu erwarten, war es seltsam, sich von einem Engel umarmen zu lassen. Er fühlte sich eingeengt – aber zumindest übertrieb Gabriel es mit der Umarmung nicht. Vermutlich war er damit sogar noch sehr zurückhaltend, wenn Beelzebub ihre Haltung mit der des Pärchens verglich. "Ich denke schon”, murmelte er und saß einen Moment stocksteif so da, ehe er sich schließlich dazu mahnte, sich zu entspannen und seine eigenen Arme zögerlich um Gabriels Taille legte. Er konnte durch ihre Kleidung die Wärme spüren, die von dem Körper des Engels ausging. Wärme war schon immer etwas gewesen, das er gemocht hatte. Besonders wenn man bedachte, wie furchtbar kalt und nass die Hölle in den höheren Kreisen werden konnte, in denen er sich oft aufhalten musste. Von der Wärme angezogen, lehnte sich Beelzebub ein wenig mehr in die Umarmung. Dabei sank er, aufgrund des Größenunterschieds und auf der Suche nach mehr Bequemlichkeit, tiefer, bis sein Kopf an Gabriels Brust lag. Er konnte den Herzschlag des Engels hören. Das löste ein seltsames Gefühl in ihm aus. Beelzebub schloss einen Moment die Augen und hörte zu.

*******

 

Gabriel schien etwas richtig zu machen, denn anders als erwartet, kratzte Bezebub ihm nicht die Augen aus, obwohl sie sich so nah waren. Er bemerkte, dass sich der Dämon in seinen Armen entspannte. Es half ihm, selbst nicht mehr ganz so steif dazusitzen.
Beelzebubs Körper war warm. Gabriel mochte das Gefühl und fühlte sich zugleich augenblicklich schuldig. Er sollte das hier nicht mögen. Weil es körperlich war. Und weil Beelzebub ein Dämon war.
Gabriel hatte es eigentlich einfach hinter sich bringen wollen, um zum nächsten Punkt überzugehen, den er dann ebenso fachmännisch abgehandelt hätte.
Nur noch einen Moment länger...
Er schielte zu Beelzebub hinunter, der mit dem Kopf an seiner Brust lag und ihn überkam das ungewohnte Verlangen, dem Dämon übers Haar streichen zu wollen. Er hielt sich erst zurück, doch dann erinnerte Gabriel sich daran, dass sie das hier ernstnehmen und mit ebenso viel Einsatz ausprobieren sollten wie die anderen Dinge. Also strich eine seiner Hände langsam Beelzebubs Rücken hinauf und über den Nacken, bis seine Finger durch das seidige schwarze Haar glitten.
Einen Moment lang versteifte sich Beelzebub spürbar in seiner Umarmung, dann entspannte er sich wieder und Gabriel hörte ihn unerwartet seufzen. Ein angenehmes Kribbeln wanderte durch seinen Magen bei dem Geräusch und seine Brust wurde warm. Er fühlte sich bestätigt. Das war, angesichts dieser ungewohnten Situation, überaus beruhigend.
Weil Beelzebub zu gefallen schien, was er tat, und Gabriel von dem Drang erfüllt war, weitere Bestätigung zu erhalten, wurde seine vorsichtige Berührung ein bisschen intensiver. Er strich Beelzebub mit den Fingerspitzen über die Kopfhaut, in kleinen Kreisen, bei denen sich die Haare in seiner Hand verfingen. Gabriel achtete darauf, nicht aus Versehen zu ziehen.
Sein Vorstoß schien kein Anlass für Beelzebub zu sein, alles abzubrechen.
Im Gegenteil, erst ließ er ihn gewähren, dann wanderten seine eigenen kleinen Hände erkundend über Gabriels Rücken. Er wunderte sich, wie anschmiegsam Beelzebub durch die Berührung wurde. Der Dämon erinnerte ihn an eine schwarze Katze. Eine Katze, die viel zu wenig Streicheleinheiten erhielt. Gabriel bekam beinahe Mitleid mit ihm, bis er sich daran erinnerte, dass Beelzebub ein Dämon war. Auch, wenn er noch so liebesbedürftig wirkte, konnte das alles gespielt sein, um den Erfolg ihres Versuchs zu garantieren. Das erschien ihm wahrscheinlicher als der Gedanke, dass Dämonen sich nach liebevollen Gesten verzehrten.
Er schüttelte innerlich den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben, und fuhr damit fort, Beelzebub zu kraulen, während er ihn instinktiv ein wenig näher drückte. Er musste zugeben, dass es ihm gefiel, wie warm seine Brust wurde, weil er Beelzebub im Arm hielt.
„Keine Ahnung, ob das funktioniert“, sagte er leise, mehr zu sich selbst, „Aber es fühlt sich gut an.“
Auf seine Worte hin kam Bewegung in den Dämon. Er lehnte sich zurück und brachte Abstand zwischen sie.
Gabriel ahnte, dass er zu rührselig geworden war und Beelzebub ihm gleich einen bissigen Kommentar entgegenwerfen würde. Er war überrascht zu sehen, dass Beelzebub stattdessen gedankenversunken die Hände von Gabriels Rücken nahm und über seine Brust strich. Sein Blick war fragend, aber Gabriel war ebenso unschlüssig, weil er nicht wusste, was der Dämon vorhatte. Er selbst hatte seine Arme sinken lassen, als Beelzebub sich von ihm geschoben hatte, und nun war es keine wirkliche Umarmung mehr. Doch am Ende schienen sie auch noch nicht zu sein. Abwartend und ein wenig nervös beobachtete Gabriel, was Beelzebub tat.
Der Dämon ließ seine Hände über Gabriels Brust streichen. Mehr tat er nicht als das. Wozu das gut war, war Gabriel nicht klar. Er vermutete, dass es eines dieser Dinge war, die er selbst nicht kannte. Also beschloss er, zu lernen, und schaute Beelzebub dabei zu. Er wollte ihn nicht unterbrechen. Dort, wo die Finger des Dämons über seine Kleidung strichen, wurde seine Haut angenehm warm.
Als einige Momente in Schweigen vergangen waren, hob Beelzebub schließlich den Blick und schaute Gabriel an. “Das Küssen fehlt noch”, sagte er leise.

Chapter Text

Gabriels Herz setzte einen Schlag aus bei den Worten. Er befand das nicht für den richtigen Moment, dunkelrot anzulaufen. Sein Körper sah das offensichtlich anders, denn sein Gesicht wurde heiß.
Er presste die Lippen aufeinander, weil er Adrenalin in den Adern fühlte und alles, was er sagen würde, würde gestammelt über seine Lippen kommen.
Einen Moment versuchte er sich zu sammeln. Gabriel atmete tief ein und ließ die Spannung los, so gut es ging. "O-Okay", antwortete er leise und mit rauer Stimme. "Ha-Hast du... Hast du so etwas schon mal gemacht?"
Der Dämon nickte. Natürlich. Dann fragte er zu allem Überfluss: “Und du?”
Gabriel presste den Kiefer zusammen und schüttelte den Kopf, ohne Beelzebub anzusehen.
"Also?”, fragte Beelzebub und eine Spur seines herrisch auffordernden Tones schwang darin mit, der an Gabriel abperlte.
Er schwieg noch einen Moment länger und als ihm klarwurde, dass sie das nächste Treffen dort beginnen würden, wo sie heute aufhörten, überwand er sich. Er wollte das nächste Mal nicht gleich mit etwas so Herausforderndem wie einem Kuss beginnen. Also suchte er seinen Mut zusammen und blickte Beelzebub entschlossen in die Augen. "Ich möchte es jetzt ausprobieren", sagte er. "Das ist in Ordnung, nicht?", fragte er mit falscher Selbstsicherheit.
Beelzebub, der eben noch ungeduldig schien, schluckte nun sichtbar, ehe er finster dreinblickte, als wäre er sauer, dass Gabriel ihn in diese Lage brachte. Dann atmete er tief durch, seine Gesichtszüge glätteten sich und er beugte sich vor. Wie, als wollte er es hinter sich bringen, beugte er sich zu Gabriel vor und küsste ihn beinahe scheu auf die Lippen.
Es war eine kurze Berührung. Kaum nennenswert oder als könnte sie in irgendeiner Form etwas auslösen. Gabriel war… nicht enttäuscht, aber… nun, er hatte sich ein ähnlich intensives Gefühl erhofft wie bei der Umarmung. Selbst Händchenhalten war emotionaler gewesen als dieser kurze Augenblick. Er war sich nicht sicher, ob ihm Küssen so gut gefiel. Darüber hinaus fühlte es sich komisch an, den Mund eines anderen direkt an seinem eigenen zu haben.
Beelzebub, der sich bereits wieder ein Stück zurückgezogen hatte, warf ihm einen Blick zu, den Gabriel nicht einordnen konnte. “Und?”, fragte er. Gabriel war sich nicht sicher, aber er meinte, durch die leicht grantige Art des Dämons etwas wie nervöse Unsicherheit durchscheinen zu sehen.
Gabriel schwieg eine Weile, weil er überlegte, wie er es in Worte fassen sollte. “Ungewohnt“, sagte er schließlich, “und… wenig.“ Irgendwie beschlich ihn das Gefühl, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Da musste es noch mehr geben. Das Pärchen auf der Bank hatte viel mehr getan als nur die Münder aufeinander zu drücken. Seine Augen wanderten zu Beelzebubs geschwungenen Lippen.
“Vielleicht, wenn ich…“, begann er, hob die Hand und legte sie in Beelzebubs Nacken. Er zog ihn erneut zu sich heran und drehte seinen Kopf dabei ein wenig, damit sie an den Nasen nicht gegeneinanderstießen. Dann trafen sich ihre Lippen. Doch anstatt direkt wieder Abstand zu suchen, wie der Beelzebub es eben getan hatte, ließ Gabriel seinen Mund auf Beelzebubs und begann, ein wenig unbeholfen, die Lippen zu bewegen. Er fürchtete ihn nicht. Und auch, wenn der Dämon anfangs steif und abweisend wirkte, fuhr er zuversichtlich fort, bis Beelzebub zaghaft die Hände auf seine Schultern legte und so weit in den Kuss einstieg, dass Gabriel deutlich fühlte, wie erfahren er im Gegensatz zu ihm selbst bereits war. Gabriel imitierte die Bewegung so gut es ging. Und jetzt merkte er auch, dass es durchaus einen Effekt hatte. Seine Lippen schienen sehr empfindlich zu sein. Sie kribbelten nach kurzer Zeit bereits und das Kribbeln wanderte durch seinen Körper. Seine Brust wurde warm und sein Herz schlug schneller. Es setzte sogar einen Sprung aus, als Beelzebub unerwartet an seiner Unterlippe saugte und dann darüber leckte. Gabriel durchlief ein wohliger Schauer. Ihm entwich ein unvorhergesehenes Keuchen, das ihn selbst überraschte. Trotzdem unterbrach er den Kuss nicht. Das hier gefiel ihm zu gut – um ehrlich zu sein, immer besser, nun, da er an Selbstsicherheit gewann. Er erwiderte die Geste und leckte langsam Beelzebubs Unterlippe entlang, ehe er die Zähne hinein grub und vorsichtig daran zog.
Seine Bemühungen wurden von einem sehnsüchtigen Seufzen beantwortet, das das wohlige Kribbeln in ihm verstärkte und seinem Ego guttat. Und als sich schlanke Hände in seinen Nacken verirrten und ihm durchs Haar strichen, bemerkte Gabriel, dass ihm wirklich warm wurde. Eine angenehme Gänsehaut breitete sich auf seinem Nacken aus.
Er schob seine eigene Hand in Beelzebubs unteren Rücken und widerstand dem Drang, ihn näher zu ziehen. Aber der Dämon musste seinen unausgesprochenen Wunsch gehört haben, denn er setzte sich in Bewegung und ehe er es sich versah, hatte Gabriel zwei Hände voll Dämon auf dem Schoß. Sein Atem geriet ins Stottern, während Beelzebub gegen seine Lippen raunte: "So ist es bequemer."
Gabriel wollte intervenieren, wollte eine Grenze ziehen und den geschäftlichen, professionellen Abstand wieder herstellen… aber dafür war es zu spät. Und ein Teil von ihm war süchtig nach mehr. Einen kurzen Gedanken verschwendete er an die Sorge, ob ihn bereits diese Handlung zu Fall bringen würde, da küsste Beelzebub ihn erneut und die Gedanken flogen ihm fort. Ein zufriedenes Brummen entwich Gabriel, während er die Hände auf Beelzebubs Taille legte und langsam darüberstrich. Der Dämon war warm und weich und in dieser Position merkte er noch eher jede kleine Regung und Bewegung, als vorhin in der Umarmung.
Das Kribbeln in seinem Körper wurde stärker. Gabriel fühlte seinen Atem flach werden und seine Hände wurden fahrig. Er krallte die Finger in Beelzebubs Jackett, während er erneut fordernd mit der Zunge über die Unterlippe leckte und daran saugte.
Er provozierte damit immerhin ein kleines Keuchen, bevor Beelzebubs Zunge sich hervorwagte und die seine anstupste. Gabriel zuckte zurück. Schon wieder ein ungewohntes Gefühl. Doch nach der ersten Überraschung kam er Beelzebub wieder entgegen. Er wollte es ausprobieren, ehe er beurteilte, ob ihm das gefiel. Beelzebub öffnete den Mund weiter, seine Zunge lockte Gabriel hinein und Gabriel folgte. Er plünderte Beelzebubs Mundhöhle und nahm seinen Geschmack auf.
Gabriel wusste nicht, was er erwartet hatte, wie das Innere eines Dämons schmeckte. In jedem Fall hatte er nicht mit dieser süßlichen, berauschenden Note gerechnet… eher mit etwas abstoßendem.
Doch das hier gefiel ihm ausgesprochen gut. Er drängte Beelzebub näher, weil er ihn plötzlich noch stärker fühlen wollte, und spürte, dass die Wärme in ihm sich allmählich in Hitze verwandelte.
Beelzebub blieb selbst nicht untätig. Seine Hände strichen über Gabriels Schultern, seine Brust und dann den flachen Bauch. Gabriel mochte die Streicheleien. Er hielt sonst stets Abstand zu jedem anderen Wesen und war Berührungen nicht gewohnt. Nun, da er sie so zahlreich erlebte, wollte er sie nicht mehr missen. Um den Gefallen zu erwidern – denn er fühlte sich recht großzügig im Moment – strichen seine Hände von Beelzebubs Seiten nach hinten und in kleinen Kreisen über seinen unteren Rücken. Er erkundete die schmale Statur und, als er sich eine Weile damit zufriedengegeben hatte, ließ er die Hände nach vorn wandern, schob sie unter Beelzebubs Jackett und dann unter dem Jackett wieder in den Rücken. In all der Zeit hielt er den Kuss aufrecht. Er musste solche Dinge schließlich üben. Mittlerweile kam er mit seiner Zunge und den Lippen besser zurecht.
Sein Hochgefühl erhielt einen weiteren Dämpfer der Nervosität, als Beelzebub auch diese Geste erwiderte und seine Hände unter Gabriels Pullover wanderten. Sie strichen zart über seine Haut. Unvermittelt spannte Gabriel die Bauchmuskeln an. Aber nach der ersten Überraschung breitete sich eine angenehme Gänsehaut auf seinem Bauch aus und ein Ziehen durchwanderte seinen Körper. Er konnte es nicht direkt einordnen. Es war mehr als das Verlangen danach, näher zu sein. Es war eine Art… Gier. Heiß und wild und ganz unpassend für sein sonst so reserviertes Verhalten. Bilder schossen ihm durch den Kopf, die er, Gott weiß, noch nie gehabt hatte: Beelzebub, der mit nacktem Oberkörper auf ihn saß, damit Gabriel ihn betrachten und berühren konnte. Vielleicht sogar mit den Lippen feine Spuren über die zarte Haut fuhr.
Gabriel erschauderte. Diese Bilder brachten ihn durcheinander und überforderten ihn. Gabriel kannte sich so nicht. Diese Empfindungen waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er zog den Kopf zurück und sah Beelzebub heftig atmend an. Ein Fluchtgedanke blitzte in seinem berauschten Geist auf. Gabriel ließ die Hände sinken.
“I-ich…“, begann er mit rauer, trockener Stimme und räusperte sich. Er versuchte, den Kopf wieder klar zu bekommen. “Ich… ich denke…“, fuhr er schwer atmend fort, obwohl es gelogen war. Er konnte nicht in geraden Bahnen denken. Das Verlangen nach mehr und sein Wunsch, vor dieser ungewohnten, fremden Situation und seiner erschreckenden Reaktion darauf, zu fliehen, rangen miteinander. Der Fluchtgedanke wurde stärker. “Ich denke, das reicht fürs Erste“, sagte er schnaufend und blinzelte ein paar Mal, als könnte sich so der süße verführerische Schleier lichten, der ihn umgab.
Beelzebub, der sofort innehielt, ließ von ihm ab und stieg von seinem Schoß. “In Ordnung”, sagte er, als wäre es ihm egal, ob sie es weiterführen würden oder nicht. Anders als Gabriel schien er selbst kaum von dem berührt zu sein, was sie getan hatten. Kein Wunder, er war ein Dämon. Er machte solche Dinge sicher täglich.
Trotzdem wunderte es Gabriel, dass er gar keinen spöttischen Kommentar von sich gab.
Aber darauf konnte er sich jetzt ohnehin nicht konzentrieren. Er fühlte sich schlecht, wegen des Chaos in ihm. Er brauchte dringend ein wenig Ruhe und Zeit für sich.
Sein Kopf fühlte sich heiß an und sein Inneres war ganz aufgeregt. Gabriel holte tief Luft, um sich zu beruhigen.
“Nun, für einen ersten Versuch…“, begann er und raffte sich zu einem Grinsen auf, doch er hatte keine Kraft mehr dafür und sein Grinsen fiel schneller in sich zusammen, als er es aufgebaut hatte. “… war es lehrreich“, beendete Gabriel ernst. Er warf Beelzebub einen Blick zu. “Ich brauche einen Moment“, sagte er, “Einen längeren. Ich würde dieses Treffen gern auflösen.“ Er erhob sich, in einer eindeutigen Geste und Beelzebub folgte seinem Beispiel glücklicherweise.
“Ich kontaktiere dich“, versprach Gabriel, als er ihn zur Tür begleitete.
Dann war Beelzebub fort.
Und Gabriel war mit seinen Gedanken allein.
Sie erschlugen ihn.
Er sehnte sich nach etwas vertrautem. Also suchte er den Himmel auf.

*

 

Im Himmel war es leer und hell und gewohnt. Seine Heimat. Der Ort, an dem diese Dinge, die er getan hatte, unaussprechlich waren. Menschen taten diese Dinge, nicht Engel.
Mit einem Mal fühlte er sich schmutzig. Er ging in seine privaten Räume und verriegelte die Tür.
Es dauerte vier Wochen in Menschenzeit, bis er seinen Bereich wieder verließ.
Gott hatte ihn nicht verstoßen, wie er es phasenweise befürchtet hatte.
Dahingehend war alles beim Alten.
Doch, in den Tagen und Nächten, in denen er in seinen Räumen gestanden und auf die Welt hinuntergeschaut hatte, waren ihm Dinge klargeworden, die er nicht hatte wahrhaben wollen:
Es hatte ihm gefallen, was Beelzebub getan hatte. Mehr als es hätte sollen.
Gabriel war eigentlich damals davon ausgegangen, diese Aufgabe ähnlich wie alle anderen mit kühler Berechnung meistern zu können. Nun hatte er sich emotional und losgelöst erlebt, ohne seine üblichen Prinzipien und strikten Vorstellungen.
Es hatte ja bereits mit all den Eskapaden begonnen. Dem Essen, Kinogänge, Alkohol… Gabriel erkannte sich nicht wieder. Es brauchte einige Zeit, bis er sich annehmen konnte, wie er nun war: Ein wenig mehr menschlich. Ein wenig aufrichtiger in seiner Liebe.
Und am Ende kam er zu dem Schluss, dass das ein gutes Zeichen war. Schließlich waren auch Aziraphale und Crowley menschlich geworden und es hatte ihnen genützt. So konnte er das, was er empfand, immerhin mit seinem Gewissen vereinbaren.
Aber Gabriel hatte nicht nur darüber nachgedacht, was er tat. Er hatte auch bemerkt, dass er Verbundenheit gefühlt hatte. Echte, aufrichtige Verbundenheit zu einem anderen Individuum. Kein Engel fühlte solche Dinge. Alle Wesen waren gleich in den Augen Gottes. Sich mit etwas besonders verbunden zu fühlen, war unüblich.
Und die Erkenntnis, dass all seine verstohlenen Blicke die Wochen zuvor seinem Sehnen entsprungen waren, welches Beelzebub nun zugleich gelindert und weiter entfacht hatte, brach sein Bild von sich selbst nur noch mehr. Er hatte Gefühle für einen Dämonen entwickelt. Niedere, schmachtende Gefühle. Mehr als einmal fantasierte er darüber, ihn nackt zu sehen. Ihn überall berühren zu können, Haut auf Haut. Gedanken, die ihm so fremd gewesen waren, wurden nun seine ständigen Begleiter.
Irgendwann war Gabriel an dem Punkt der Resignation angekommen. Er hatte sich damit abgefunden, dass sich alles in ihm geändert hatte. Sein Denken. Seine Empfindungen. Und hatte sich informiert, wie Menschen für gewöhnlich mit diesen Dingen umgingen.
Er bemerkte, dass ihm eine entscheidende Sache fehlte, um das in die Richtung weiterzutreiben, die sich sein Sehnen gierig erhoffte: Ein Geschlechtsorgan.
Es war ihm einfach nie notwendig erschienen, aber nun wollte er es. Er wollte mit Beelzebub so weit gehen, wie es möglich war. Also legte er sich eines zu, in Proportion passend zum Rest seines Körpers. Es war ungewohnt und machte Anzughosen ein wenig unbequemer, aber er würde sich daran gewöhnen.
Und, weil er in all der Zeit Beelzebub vermisst und sich dafür gehasst hatte, zögerte er nun nicht länger. Er hatte seinem inneren Drängen nachgegeben. Er würde sich so akzeptieren, wie er nun war. Gott behielt ihn unter seinen Engeln. Dann würde er sich deshalb nicht schlecht fühlen.
Gabriel kontaktierte Beelzebub und bat ihn um ein weiteres Treffen.
Und, weil ihm wage bewusstwurde, dass er sich einen Monat lang nicht gemeldet hatte, orientierte er sich erneut an den menschlichen Gepflogenheiten und lud Beelzebub zum Essen ein. Ins Gomorra, weil dem Dämon das Essen dort so gut gefallen hatte.

*

 

Für Beelzebub waren die letzten Wochen recht nervenaufreibend gewesen. Wann auch immer es seine Zeit erlaubte und er alleine war, drifteten seine Gedanken zu dem Engel und dem was vorgefallen war. Öfter als ihm lieb war.
Anfangs hatte er sich noch gesagt, dass es keinen Grund für seine innere Unruhe gab. Er hatte sozusagen einen Engel verführt. Das war nichts 'schlechtes' für einen Dämon. Man könnte ihm dafür sogar einen Orden verleihen.
Doch das Problem war, dass sich die Gedanken einfach nicht richtig anfühlten.
Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf sagte ihm immer wieder, dass es ihm nicht deswegen gefallen hatte. Er versuchte, sie aus seinem Kopf zu verbannen. Doch je mehr Zeit verging, umso lauter wurde sie. Na schön, es hatte ihm gefallen, aber wieso sollte es auch nicht? Wenn schon einen Engel verführen, warum nicht dabei auch etwas Lust und Spaß haben?
Seine Gedanken wanderten zurück zu dem Abend, zu der Umarmung, die sich so warm und... sicher angefühlt hatte. Und dem Kuss, Gabriels Geschmack auf seiner Zunge, die warme Haut unter seinen Fingerspitzen, die violetten Augen, die ihn mit ungewohnt feurigem Ausdruck ansahen.
Beelzebub vergrub sein Gesicht schwer seufzend in seinen Händen.
Genoss er es zu sehr? Ging es ihm um mehr als ihr eigentliches Ziel? Er ein Dämon, verdammt nochmal! Was sollte da bitte mehr sein? Ganz sicher keine schwachsinnigen Gefühle wie Liebe. Das war nicht möglich.
Die Stimme in seinem Kopf erinnerte ihn an Crowley und dass es durchaus möglich war. Er knurrte frustriert, während er seine Hände zu Fäusten ballte. Crowley war ein Idiot und ein Verräter. Mochte sein, dass es bei ihm möglich war, aber Beelzebub war anders!
Er fühlte keine Liebe mehr seit seinem Fall und er wollte sie auch nicht mehr fühlen! Schon gar nicht für einen verdammten, ignoranten, aufgeplusterten Erzengel!
Nein, er würde sich nicht auf solche Gefühlsverwirrungen einlassen. Das war eine Geschäftsbeziehung und mehr nicht. Wer wusste schon, ob es wirklich an der Liebe zwischen den Verrätern lag, dass sie immun waren? Es bestand keine Notwendigkeit für Liebe. Er würde einfach aus diesem Bündnis mitnehmen, was möglich war. Und wenn es eine gute Runde Sex war, warum nicht? Aber definitiv keine Gefühlsduselei oder Umarmungen und dergleichen!
Just in diesem Moment kam Gabriels Nachricht.
Er las die Nachricht zweimal und starrte eine Weile auf die geschwungene Handschrift des Engels, ehe er schließlich antwortete und dem Treffen zustimmte. Die Nachricht ließ er daraufhin in Flammen aufgehen und vergrub sein Gesicht erneut seufzend in seinen Händen.
Gottverdammte Engel...

*

 

Gabriel war nervös vor ihrem nächsten Treffen – mehr noch als die letzten Male. Nun, da ihm klar war, was er fühlte und die Erinnerungen an das, was sie bereits getan hatten, noch recht frisch waren, freute er sich und scheute das Zusammentreffen zugleich.
Er kleidete sich bewusst in seinen besten silbergrauen Anzug und überprüfte seine Frisur noch einmal, doch es half nicht, ihn zu beruhigen.
Irgendwann, als er fürchtete, wegen Eitelkeit zu fallen, brach er sein nervöses Verhalten ab und machte sich auf den Weg.
Sie würden sich vor dem Gomorrha treffen. Also erschien er in einer Seitengasse und lief dann auf den Eingang zu.
Beelzebub wartete bereits vor dem Eingang des Gomorrhas auf ihn. "Hallo", grüßte er schlicht. Seine Miene ließ nicht erkennen, wie es ihm ging. Gabriel schluckte und nickte. Beelzebub wiederzusehen, rief all die zuletzt gemachten Erinnerungen mit einmal wieder in sein Gedächtnis. In ihm begann es zu kribbeln. “Guten Abend“, sagte er um den Kloß herum, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Er versuchte ein Lächeln, doch er ließ es schnell wieder, weil er fürchtete, dass es gezwungen und schief aussah. Gabriel griff nach der Tür zum Restaurant und öffnete sie für Beelzebub, ehe er selbst hinein folgte. Man brachte sie an ihren Tisch.
Während Beelzebub ihnen Wein bestellte, überflog Gabriel bereits die Karte, um sich auf etwas anderes als auf ihn zu konzentrieren.
“Weißt du schon, was du nimmst?”, hörte er den Dämon fragen, als die Bedienung gegangen war.
"Ich denke schon", antwortete er, "Auf jeden Fall den Spargel in Trüffelsoße und die Feigen in Honig. Vermutlich auch den Lavakuchen. Und du?"
"Die Austern", verkündete Beelzebub während er die Karte überflog, "Die Pfirsiche in Sekt und die Erdbeeren mit Schokosoße."
Gabriel nickte. Er wagte es nicht, den Blick von der Karte zu heben. Sie erschien ihm mit einem Mal ungeheuer interessant und sein beschleunigter Puls erinnerte ihn daran, dass es keine gute Idee war, Beelzebub direkt anzusehen. Es würde die Symptome seines menschlichen Körpers nur verschlimmern.
"Viel zu tun gehabt die letzten Wochen?", hörte er Beelzebub fragen.
Nun konnte er es nicht länger aufschieben, ohne unhöflich zu sein. Gabriel schloss die Karte und nickte. “Ja“, sagte er. Es war nicht gelogen. Er hatte viel durchlebt in dieser Zeit. “Es war … aufreibend.“
Gabriel suchte Beelzebubs Blick und als er ihn fand, schlug sein Herz einen Moment stärker in seiner Brust. Die schwarzen Augen funkelten im dämmrigen Licht des Restaurants. Himmel vergib, dass Gabriel derart fasziniert von diesem gefallenen Geschöpf war. “Und selbst?“, fragte er mit belegter Stimme und räusperte sich.
Beelzebub zuckte mit den Schultern und lehnte sich etwas bequemer zurück. "Der übliche, bürokratische Wahnsinn. Nichts außergewöhnliches”, antwortete er eher gelangweilt. Er deutete kurz auf Gabriels Brust. "Netter Anzug. Ich glaube, den kenne ich noch nicht."
Gabriel blickte an sich herunter. “Danke“, sagte er mit einem ehrlichen Lächeln, als er wieder aufsah, “Er ist neu.“ In der Dunkelheit war er froh, dass seine Errötung darüber, dass es Beelzebub aufgefallen war, nicht bemerkt werden konnte.
Um sich nicht vollkommen zum schweigenden, kurzangebundenen Idioten zu machen, wechselte Gabriel das Gespräch auf geschäftigere Themen, die seinen Kopf ein wenig freimachten. „Und, ist dir nach unserem letzten Treffen eine Veränderung aufgefallen? Fühlst du dich stärker? Immuner?“
Er fragte es sachlich und zwang mit aller Mühe jegliche Emotionen in den Hintergrund.
"Nein”, antwortete Beelzebub ruhig und neigte den Kopf überlegend zur Seite. "Allerdings haben wir ja auch nicht alles ausprobiert." Er schenkte Gabriel ein dämonisches Lächeln, das in dem schwachen Licht des Restaurants umso gefährlicher wirkte.
Gabriel wich eilig seinem Blick aus. Beelzebub war ein Dämon, erinnerte Gabriel sich. Wenn er solche Worte mit einem Lächeln sagte, dann mit Hintergedanken. Gabriel biss sich auf die Innenseite seiner Wange, während er sich klarmachte, dass eine Zusammenarbeit mit Beelzebub ein Spiel mit dem Höllenfeuer war – auch jetzt noch, nach ihrem letzten Treffen. Er durfte seine Wachsamkeit nicht verlieren. Sonst würde Beelzebub seine Schwäche nutzen und ihn zu Fall bringen.
Der Gedanke tat weh. Aber Gabriel war nicht naiv. Und ein wenig Vorsicht änderte nichts an seiner Zuneigung für den Dämonen. Es bestärkte ihn nur in dem Entschluss, seine Gefühle Beelzebub nicht unter die Nase zu reiben.
“Aber ziemlich viel“, erwiderte er und hob den Blick erneut - Sachlich, wie er hoffte. “Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Immunität an diesem einen letzten Akt hängt.“ Es wäre schön. Aber obwohl er Beelzebub wollte und bereit dafür war, wollte er sich nicht für diese Sache opfern. Ja, sie hatten beide bereits Opfer gebracht. Doch es gab Grenzen.
Beelzebub zuckte nur mit den Schultern. “Im Endeffekt ist es nur wichtig, dass wir einander lieben, oder?”, fragte er leichthin, als wäre es das Einfachste der Welt. Dann setzte er allerdings hinzu: “Ich habe keine Ahnung, was es braucht, damit sich ein Engel verliebt. Darum bin ich für alles offen, das dazu beitragen könnte."
Gabriel schluckte. Richtig. Sie taten es nicht nur für die einzelnen Handlungen an sich. Sie wollten bewusst Liebe initiieren. „Was ist mit dir?“, fragte er, nachdem die Kellnerin ihnen den Wein gebracht hatte. Er stieß mit Beelzebub an (mittlerweile hatte er den Dreh raus). „Was braucht es, damit ein Dämon Liebe entwickeln kann?“
Beelzebub trank einen Schluck, dann zuckte er mit den Schultern. "Keine Ahnung”, sagte er eine Spur abweisender, “Liebe liegt nicht in meiner Natur. Ich kann nur hoffen und Mutmaßungen anstellen."
Gabriel nickte. Er bemerkte, wie verzwickt ihre Lage war. Menschen hatten es da einfacher. Sie verliebten sich einfach. Aber ein Engel, der permanent Liebe fühlte und ein Dämon, der nie Liebe spürte, mussten sich nun von zwei Seiten diesem Thema nähern. Und keine Seite sah einfach aus. Woran erkannte man, dass man jemanden mehr liebte als andere?
„Liebe liegt zwar in meiner Natur“, sagte er langsam und war froh, als er die Dame mit dem Essen herannahen sah. Sie stellte den Spargel vor ihm ab und vor Beelzebub die Austern. Als sie ging, fuhr Gabriel mit gedämpfter Stimme fort: „… aber das ist etwas anderes. Wenn es so einfach wäre, dann hätte ich meinen Teil des Ziels bereits erreicht.“ Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke, diese Liebe muss eine andere sein.“ Und mehr sagte er nicht. Obwohl er den Unterschied bereits fühlte. Er würde Beelzebub nicht seine Gefühle gestehen, bis der Dämon sie nicht seinerseits offenbarte. Sich einem Dämon derart zu öffnen, sodass er einen in der Hand hatte, konnte böse enden. Er hatte einfach… Angst. Angst, dass Beelzebub es ausnutzen würde. Zwar ging es um Liebe (und das allein war schon unbekanntes Gebiet für ihn), aber das, worauf sie zusteuerten, war körperlich. Es war verrucht und sinnlich und damit eindeutig eher das Gebiet eines Dämons. Gabriel wäre im Nachteil, je weiter sie gingen. Und obwohl er es wollte, fürchtete er es auch. Er fürchtete die dämonische Natur Beelzebubs. Vielleicht konnte dieser gar nicht anders als ihn zu verführen und zu Fall zu bringen?
Gabriel griff nach dem Besteck und begann zu essen, während er seine sich überschlagenen Gedanken zur Ruhe mahnte.
Beelzebub nahm eine Auster. "Vielleicht entwickelt es sich einfach mit der Zeit”, mutmaßte er, "Die beiden Verräter hatten schließlich 6000 Jahre dafür Zeit."
Gabriel nickte. Aktuell war kein weiterer Versuch geplant, die Erde zu zerstören. Und selbst, wenn… Himmel und Hölle hatten nun einen gemeinsamen Feind und deshalb stand ein Krieg gegeneinander nicht mehr ganz oben auf der Prioritäten-Liste. Vielmehr auf Platz 2. Vielleicht blieben ihnen noch einige tausend Jahre… Bis Gabriel immun war, es den Engeln beibringen konnte und sie die kommende Schlacht gewinnen würden.
Der Gedanke fühlte sich falsch an und Gabriel mochte sich ein Stück weniger.
Erstens, weil er die Zusammenarbeit nicht auf diese Art hintergehen wollte. Er würde Beelzebub verraten. Das würde er nur tun, wenn der Dämon ihm einen Grund dafür lieferte, sonst würde er es nicht über sich bringen können.
Zweitens, weil, wenn ihre aktuelle Theorie stimmte, die Immunität durch individuelle Liebe erreicht wurde. Eine Armee Engel dazu zu bringen, neben der bedingungslosen Liebe für alle Wesen nun plötzlich zusätzlich ein einzelnes Individuum auf besondere Art zu lieben, würde sich als schwierig gestalten.
Bevor Gabriel ganz in seinen Gedanken versinken konnte, sagte er: „Sie haben sich anfangs kaum gesehen. Wir können es sicher in weniger Zeit schaffen, weil wir uns regelmäßig treffen und uns darauf konzentrieren.“
"Das stimmt wohl", murmelte Beelzebub. “Hältst du es denn für sinnvoll, das … Romantische... weiter zu versuchen?” Er schüttelte sich bei dem Wort und Gabriel schmunzelte über sein Unbehagen und zuckte mit den Schultern.
“Ich weiß nicht, ob es funktioniert”, antwortete Gabriel, “Ob das wirklich das ganze Geheimnis ist. Solange wir das nicht wissen, sollten wir diese Strategie nicht aufgeben, schätze ich.“ Er trank einen Schluck Wein. “Das heißt, bis uns etwas Besseres einfällt, natürlich.“

*

 

Beelzebub neigte den Kopf zur Seite und betrachtete Gabriel eingehend. “Klingt gut”, sagte er nüchtern, “Und hattest du in der Zwischenzeit Zeit zu üben?"
Zu seinem Amüsement verschluckte sich Gabriel bei der Frage an seinem nächsten Schluck Rotwein. „Ich lebe im Himmel“, erinnerte er Beelzebub nach einem kurzen Husten und warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Glaubst du wirklich, dass ich jemanden dazu überreden würde, das zu üben?“
Beelzebub konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Es machte einfach Spaß, Gabriel zu ärgern. "Stimmt”, sagte er und fuhr mit einem vielsagenden Lächeln fort: “Dann wird es wohl höchste Zeit, dass wir die 'Übungen' auffrischen."
Gabriel, der seit dem Beginn ihres Treffens schon sehr verschlossen wirkte, straffte die Schultern und sagte nur: “Vermutlich.” Er sah Beelzebub nicht einmal an.
Beelzebub hob eine Augenbraue. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. Aber andererseits hatte er es auch nicht eilig damit, sagte er sich. Es war ja nicht so, als hätten ihm ihre letzten Erfahrungen überdurchschnittlich gefallen oder als wären sie für ihn irgendwie etwas Besonderes gewesen. Natürlich nicht! Das wäre ja noch schöner.
Also gab sich Beelzebub als wäre alles in bester Ordnung, wurde so mürrisch, wie man ihn kannte, und aß. Zugleich fragte er sich, ob es wohl allein beim Abendessen bleiben würde.
Er würde dem Engel durchaus zutrauen, ihn nur zum Abendessen einzuladen und dann einen gesonderten Termin für die 'Übungen' auszumachen. Alles ganz professionell.
Als er nach dem Essen in Schweigen also das Glas Wein griff und sich zurücklehnte, ließ er den Blick teilnahmslos durch den Raum schweifen, auf alles gefasst.
Er war milde überrascht, als Gabriel ihn schließlich tatsächlich fragte: “Also, wo wollen wir üben? In meiner Wohnung?”
Beelzebub hob eine Augenbraue. “Würdest du es woanders überhaupt zulassen?”, fragte er skeptisch.
Gabriels engelhaftes Strahlelächeln verlor ein paar Watt. „Kommt darauf an“, sagte er vorsichtig, „Welche Alternative wäre dir denn lieber?“
Beelzebub, provoziert von der empfundenen Zurückweisung von vorhin, schaute ihn herausfordernd an. "Küss mich hier”, verlangte er.
Mit finsterer Genugtuung beobachtete er, wie Gabriel den Kopf hochriss und ihn fassungslos ansah. “Hier?”, fragte er und die Vorstellung schien so absurd für ihn, dass er die Frage lediglich atemlos hauchte.
Beelzebub machte sich bereit, etwas Bissiges zu antworten, doch dann funkelte etwas in Gabriels Augen auf, das ihm einen Schauer über den Rücken jagte. Gabriel ließ ihn nicht einmal dazu kommen, zu antworten, legte ihm eine Hand in den Nacken, während er sich vorbeugte und Beelzebubs Lippen mit einem Kuss verschloss. Ihre Lippen verschmolzen miteinander.
Beelzebubs Augen fielen zu und er seufzte auf, während er seine Lippen ein Stück öffnete, um Gabriel einzulassen. Der Engel verstand die Einladung, leckte über Beelzebubs Unterlippe und schob dann seine Zungenspitze vor. Es war besser als er es in Erinnerung hatte. Beelzebub krallte seine Finger in Gabriels Schultern und zog ihn daran näher zu sich. Gabriel vertiefte den Kuss und brachte Beelzebub dazu, überwältigt aufzukeuchen.
"Sicher...”, begann er atemlos zwischen ihren Küssen, "... dass du nicht geübt hast?"
"Vielleicht in Gedanken", keuchte Gabriel erhitzt, ehe er den Kuss hungrig fortführte. "...mit dir..."
Beelzebub lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Das war ja ein unerwartetes Zugeständnis. Es schmeichelte ihm mehr als er zugeben wollte. "Ich war in deinen Gedanken?", hauchte er, während eine Hand in Gabriels Nacken und dann in seine Haare wanderte. Gleichzeitig strich er mit der anderen die breite Brust hinab.
Gabriel gab ein zustimmendes Brummen von sich. "Das eine oder andere Mal", raunte er, bevor er einen kleinen Kuss auf Beelzebubs Wange setzte. Er setzte einen weiteren Kuss auf die Kante von Beelzebubs Kiefer und küsste sich bis unters Ohr. Seine Küsse wurden heißer, während er den Hals hinab wanderte. Beelzebub schloss lächelnd die Augen und neigte seinen Kopf zur Seite um Gabriel mehr Platz zu bieten.
"Sagst du mir, was genau?", flüsterte er mit bebender Stimme, während er die Schauer genoss, die Gabriels heiße Küsse durch seinen Körper jagten.
Der Engel schwieg. Seine Hand in seinem Nacken drückte Beelzebub näher, während Gabriel ihm einen heißen Kuss auf den Adamsapfel setzte, bei dem es Beelzebub schwerfiel, nicht genießend aufzuseufzen.
„Vor allem Erinnerungen“, raunte Gabriel schließlich und seine Lippen wanderten den Hals wieder hinauf. „an unser letztes Treffen.“ Sein Mund kam bei Beelzebubs an und der Dämon wollte nichts sehnlicher, als besinnungslos geküsst werden. Doch Gabriel hielt ihn auf Abstand, suchte seinen Blick und stellte dann die Frage, die Beelzebub schwer schlucken ließ: „Und du?“, fragte er, „Hast du an mich gedacht?“
Beelzebub schwieg betroffen. Er sah in die violetten Augen, die ihn mit dem wachen Blick geradezu zu durchdringen schienen und er war sich fast sicher, dass der Engel ihn durchschauen würde, wenn er ihn anlog - und dementsprechend auch bemerken würde, wenn er die Wahrheit aussprach, was ihn fast noch mehr ängstigte.
Nach einem Moment Schweigen, der sich viel zu lange hinzuziehen schien, brachte Beelzebub schließlich ein leises, atemloses "Vielleicht..." heraus, während sein Blick hinunter zu Gabriels Lippen glitt.
„Vielleicht?“, fragte Gabriel nach und er zog den Kopf ein Stück zurück. „Komm schon, Beelzebub“, sagte er schmunzelnd, „Ich war aufrichtig zu dir. Mich mit einem Vielleicht abzuspeisen, ist nicht fair.“
Auch Beelzebubs Mundwinkel zuckten. "Seit wann sind Dämonen fair?", konterte er, während er weiter über Gabriels Brust strich und seine eigene Hand mit den Augen verfolgte, um dem Blick des Engels nicht begegnen zu müssen. "Vielleicht ab und an", setzte er schließlich murrend hinzu, “Wenn ich allein war."
Gabriel schob den Kopf wieder ein Stück vor. Seine Lippen strichen hauchzart über Beelzebubs, in einer kaum wahrnehmbaren Berührung. „Woran genau hast du gedacht?“, fragte er mit tiefer Stimme. „Was muss ich tun, damit du mir sagst, was du gedacht hast?“
Beelzebub lächelte den Engel verschlagen an. “Nun, für den Anfang...", begann er, während er mit seinen Fingern verspielte Muster über Gabriels Brust malte. "...will ich auf deinen Schoß.”
Wie zu erwarten, verfinsterte sich Gabriels Miene einen Moment. “Wir sind an einem öffentlichen Ort, an dem Menschen uns sehen können.”
Beelzebub schenkte ihm ein spöttisches Lächeln. “Oh, bitte”, sagte er, schnippte mit den Fingern und wunderte sie beide so unscheinbar, wie Gabriel es einst im Park getan hatte.
Nun, da er seinem Einwand beraubt war, seufzte Gabriel, als gebe er sich geschlagen. „Ich würde dich ja versprechen lassen, dass du es mir dann sagst, wenn ich das zulasse“, begann Gabriel. „Aber wie du selbst sagst, du bist ein Dämon. Und es gibt keine Garantie, dass du deine Versprechen hältst.“ Er warf Beelzebub einen nachdenklichen Blick zu.
Beelzebub lachte leise und schlang seine Arme locker um Gabriels Hals. "Nun, das Risiko wirst du eingehen müssen, wenn du es herausfinden möchtest, Engel", entgegnete er mit einem verschlagenen Lächeln.
Als sich auf Gabriels Lippen ein ebenso wölfisches Grinsen ausbreitete, lief ihm ein Schauer über den Rücken.
“Worauf wartest du noch?”, knurrte er finster und Beelzebubs Herz schlug tatsächlich einen Moment schneller. Ja, worauf wartete er noch?