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Am Ende wird alles gut

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Messerscharfe Klauen kratzen über kalten Stein. Suchen mit flatterigen Bewegungen nach einem Riss oder Spalt, einem Angriffspunkt in dem grauen Mineral. Die Bewegungen werden ungeduldiger - aggressiver. Schließlich erklingt frustriertes Fauchen in der Dunkelheit und die tastenden Bewegungen gehen in kräftige Schläge über, trommeln auf dem Stein und zerschmettern ihn allmählich. Es scheint wie eine Ewigkeit, dann zerbirst die schwere Steinplatte und fällt knirschend in sich zusammen. Grelles Licht dringt in den gewaltigen Steinsarg ein, verdrängt schmerzhaft die gewohnte Finsternis. Hektisch werden die Klauen nach oben gerissen, um Augen, wie schwarze Käfer glänzend, zu schützen, die so lange Zeit vor der Sonne verborgen waren.

Sodann regte sich etwas unter den Einzelteilen der Steinplatte, bemüht sich herauszuwinden und beschwerlich aus dem einstigen Gefängnis zu befreien. Wie gewaltig wirkt die Anstrengung, den Sarg zu verlassen, nachdem der schwere Stein mit so wenig Mühe zerstört ward.

Mühselige Minuten vergehen voller ächzendem Stöhnen und rieselnden Steinen, doch letztendlich ist es vollbracht. Klauenbewerte Hände stützen sich ab, richten den Körper auf und streichen hernach zögernd die nun aufrechten Gestalt entlang.
Scheinbar zufrieden mit dem Ergebnis, richtet sich der Körper weiter auf, strafft die Schultern und zieht tief und langsam die Luft ein. Derweil der Atem kurz darauf ebenso langsam wieder ausgestoßen wird, öffnen sich die empfindlichen Augen abermals und verärgertes Knurren erklingt, als das Licht des Tages erneut schmerzhaft auf sie trifft. Es folgt Blinzeln, schnell und feucht und allmählich wird es erträglich.

Unsicher erfolgt der erste zaghafte Schritt, dann noch einer und schließlich immer mehr. Ein langsames, aber stetiges Tempo stellte sich, lässt den Ort der langen Gefangenschaft hinter sich zurück. Die Richtung der Schritte, bleibt keineswegs willkürlich, der Wind trägt deutlich den süßen Geruch menschlichen Blutes, deutet unfehlbar den Weg zur nahen Siedlung.

Zugleich beschleunigen sich die nun sicheren Schritte, die Bewegungen, vorher abgehakt, werden fließender - wirken menschlicher. Die Klauen verschwinden, was bleibt, sind trügerisch harmlose, schlanke Finger.

Die Geräusche der Menschen mischen sich beim Nähern mit ihrem süßen, verlockenden Geruch. Am Rand der Siedlung stoppen die Schritte für einen Augenblick.
Glitzernde schwarze Augen beobachten die Menschen, die ihrerseits voll unverhohlener Neugierde starren. Ihn betrachten - den unbekannten Mann mit dunklem Haar, edlen Gesichtszügen und schmutziger, altmodischer Kleidung.

Emiel Regis holte noch einmal tief Luft, bevor er den letzten Schritt tat. Den, der ihn offiziell in die Stadtgrenze von Dillingen brachte. Heute ist der erste Tag, dachte er, während er das Verlangen unterdrückte seine Zähne im Vorbeigehen in einen staunenden kleinen Jungen zu schlagen.
Der erste Tag von meinem neuen Leben.

 

Chapter Text

Die Sonne von Toussaint bewegte sich wie an jedem Abend unbeirrt dem Horizont entgegen und wechselte auf ihrem Weg zuverlässig die Farbe von grellem Gelb, über glühendes Orange zu schwerem Rot. Die Veränderung, die das Land dadurch erfuhr, war nicht unerwartet, doch wie immer spektakulär.

Seufzend lehnte sich Geralt von Riva auf seinem Stuhl, mit dem unverschämt luxuriösen Kissen zurück und beobachtete wie seine Weinstöcke und Olivenbäume in flammenlosem Feuer erstrahlten. Er lauschte den Geräuschen der herannahenden Nacht und stellte betrübt fest, dass er neben den unerschütterlichen Gesängen der Pirole und anderer Singvögel, auch an diesem Abend wieder nicht das verräterische Krächzen von Raben ausmachen konnte.
Während die Sonne ihren Weg fortsetzte und die ersten Sterne über Corvo Bianco erwachten, seufzte Geralt ein weiteres Mal und griff nach der Weinflasche, die auf dem kleinen Tisch neben ihm stand. Die drei Gläser, die sein Haushofmeister zusammen mit der Flasche gebracht hatte, waren ein deutlicher Hinweis darauf, dass er sich in Kürze zu ihm gesellen würde und auch Marlene die Absicht hatte, sich ihnen anzuschließen, sobald sie ihre Vorbereitungen für das, wie üblich üppige, Essen am nächsten Tag abgeschlossen haben würde. Der Umstand, dass Barnabas-Basilius nun endlich auch ohne explizite Aufforderung bereit war, sich dem Herrn des Hauses nach dem Tagewerk anzuschließen, brachte Geralt zum Schmunzeln. Der gewissenhafte und beinahe übertrieben würdevolle Haushofmeister war nur schwer, davon zu überzeugen sich mit Geralt auf Augenhöhe zu bewegen. Letztendlich hatte er jedoch resigniert und eingesehen, dass sein neuer Herr kameradschaftliches Verhalten, dem steifen und sterilen Umgang, den die Etikette vorgeschrieben hätte, vorzog.

Geralt füllte sein Glas mit dem schweren, würzigen Rotwein und wollte die Flasche grade zur Seite stellen, als Barnabas-Basilius aus dem Haus trat und zielstrebig auf ihn zuging.
Er griff ein weiteres Glas, füllte auch dieses und reichte es seinem Haushofmeister. Mit einer kleinen würdevollen Verbeugung bedankte sich der Mann, nahm den Wein entgegen und setze sich wortlos auf den Stuhl neben Geralt. Für einige Minuten verharrten beide schweigend und beobachteten, wie sich die Nacht über Toussaint legte.
Schließlich seufzte Geralt ein drittes Mal und drehte sich zu dem anderen Mann um. »Kann sich Marlene wieder nicht von ihren Bratpfannen lösen?«, fragte er. Ein leichtes Zucken huschte über die Mundwinkel und Geralt kannte den Mann inzwischen gut genug, um das Äquivalent eines Lächelns darin zu erkennen. »Soweit ich das beurteilen kann, strebt Marlene mit ihren Vorbereitungen an, die Tafel der Herzogin sowohl in Qualität der Gerichte als auch in ihrer Üppigkeit zu übertreffen.«
Geralt lachte leise auf. »Ich muss wohl in Zukunft mehr Leute zum Essen einladen. Wenn ich versuche, ihre Mahlzeiten auch weiterhin hauptsächlich allein zu bewältigen, werde ich als erster Hexer in die Geschichte eingehen, der in einem Bett an Völlerei starb.« Barnabas-Basilius nickte lediglich als Antwort und nippte weiterhin würdevoll an seinem Wein.

Schmunzelnd drehte sich Geralt wieder zurück, um weiter den Anblick seiner Ländereien zu genießen. Als er mit seinem Blick jedoch den Eingang des Weinkellers streifte, verspürte er einen jähen Stich in der Brust. Seine Miene verhärtete sich und er nahm einen großen Schluck Wein, um den bitteren Geschmack zu vertreiben, der sich plötzlich in seiner Kehle bemerkbar machte.
An ruhigen Abenden wie diesem dämpfte der Anblick des Kellers stets seine Laune. Der Ursprung dieser Reaktion fand sich wie immer im verborgenen Alchemielabor.

In einer dunklen Ecke standen schwere Holztruhen und staubten allmählich ein. Große Truhen voller alter, ledergebundener und bunt zusammengewürfelter Bücher. Regis‘ Bücher.
Geralt ließ den Kopf hängen und dachte zurück, an die Nacht vor über zwei Jahren, in der er Barnabas-Basilius auftrug, einen Wagen anspannen zu lassen und sich mit ihm nach Einbruch der Nacht in Mère-Lachaiselongue zu treffen.
Das Massaker welches die Vampire dank Dettlaff in Beauclair angerichtet hatten, ließ die Friedhöfe des Herzogtums überquellen. Als schließlich verstärkt Bestattungen in der Nähe von Regis‘ verlassenem Unterschlupf stattfanden, sah sich der Hexer gezwungen das Eigentum seines Freundes, welches dieser bei seinem hastigen Aufbruch zurücklassen musste, in Sicherheit zu bringen.

Sein Haushofmeister fragte nicht, warum sie sich nachts auf einem alten Friedhof trafen. Er stellte auch keine Fragen, während sie gemeinsam unzählige Bücher aus einer Gruft holten die mit ein wenig Fantasie, wie ein verstaubtes Wohnzimmer aussah. Er schwieg auf dem Rückweg nach Corvo Bianco und auch nach ihrer Rückkehr wollte er lediglich wissen, wohin er die Bücher verstauen sollte.
Mit schwerem Herzen wies Geralt ihn an die Bücher sicher zu verpacken und in einer Ecke des Alchemielabors unterzubringen. Sein erster Impuls war es Regis‘ Habseligkeiten in das Gästezimmer bringen zu lassen, aber tief in seinem Inneren wusste Geralt, dass er seinen alten Freund, sobald nicht wiedersehen würde. Vielleicht, so musste er sich eingestehen, würde er ihn niemals wiedersehen.

Der Hexer unterdrückte das Verlangen erneut zu seufzen und nahm stattdessen einen weiteren Schluck aus seinem Glas. Sein Blick wanderte vom Boden in den klaren Himmel der nun von unzähligen schimmernden Sternen gesprenkelt und vom vollen Mond erhellt wurde.
In den letzten zwei Jahren hatte sich Geralts Leben grundsätzlich geändert. Nachdem er aus dem Gefängnis freikam und Regis sich für seine Suche nach Dettlaff ins Ungewisse davonmachte, hatte er beschlossen, sich dauerhaft in Corvo Bianco niederzulassen. Er verbrachte seine Tage nun mit der Pflege von Weinstöcken, dem Keltern seines eigenen Weins und dem Trinken desselben. Nur gelegentlich kam noch jemand mit der Bitte nach seinen Hexerfertigkeiten auf ihn zu und er nutzte diese Gelegenheiten, mehr aus Gewohnheit denn als Notwendigkeit, seine Schwerter wieder in die Hand zu nehmen. Insgesamt betrachtete sich Geralt als offiziell im Ruhestand und er war zufrieden. Fast.

Er hatte seinen Entschluss, die Bindung zu Yennefer durch den Djinn trennen zu lassen, niemals bedauert. Auch seine Entscheidung, Triss nicht nach Kovir zu folgen, bereute er nicht im Mindesten. Seine Bediensteten schätzten ihn für seine Großzügigkeit und die Bewohner von Toussaint begegnetem ihm, mit Ausnahme der Herzogin und ihrem Schoßhund Damien de la Tour, mit mehr Akzeptanz und Wohlwollen als er es jemals für möglich hätte halten können. Ciri, Rittersporn, Zoltan, Lambert und Eskel besuchten ihn regelmäßig und blieben stets lange. Im Fall von Rittersporn manchmal auch öfter und länger als wünschenswert. In Barnabas-Basilius und Marlene hatte er täglich angenehme Gesellschaft und beide legten größten Wert darauf ihm jede nur erdenkliche Annehmlichkeit zukommen zu lassen. Verglichen mit seinem früheren Leben mit abfälligen Bemerkungen, altbackenem Brot und kurzen Nächten auf dem kalten Boden, war dies das Paradies. Wenn da nicht diese stechende Einsamkeit wäre, die ihn quälte.

Eine Einsamkeit, die auch durch die Gesellschaft seiner alten und neuen Freunde nicht geheilt werden konnte. Jedoch machte sich Geralt keine Illusionen über die Ursache seiner Einsamkeit. Er vermisste Regis. Schmerzlich.
Als er nach den Ereignissen in Stygga, den vermeintlichen Verlust seines Freundes bewältigen musste, konnte er sich mit dem hektischen Hexerdasein ablenken. Die Ereignisse schienen sich damals ständig zu überschlagen und ließen ihm nicht die Ruhe über vergangenes nachzudenken oder zu trauern.
Seine Freude über das Wiedersehen mit Regis war groß, aber nun wo Geralt zum ersten Mal in seinem Leben zur Ruhe kam, war der Schmerz über den erneuten Verlust nur noch größer. Er fühlte in Nächten wie dieser, das starke Verlangen nach einem Gefährten, der die Welt wie er selbst sah. Einen Vertrauten der den Weg den Geralt gegangen und die Entscheidungen, die er getroffen hatte, verstand und akzeptierte. Er wünschte sich jemanden, der ihm einfach nicht das Gefühl gab so verdammt alt zu sein.

Schwerer Duft nach süßem Gebäck kündigte Marlenes Eintreffen noch vor dem Klang ihrer Schritte an und riss Geralt aus seinen schwermütigen Gedanken. Schnell trank er sein Glas aus und griff nach der Weinflasche, um der guten Seele seines Hauses einzuschenken und auch sein eigenes Glas wieder aufzufüllen. Er deutete mit der Flasche auf seinen Haushofmeister, der jedoch nur mit dem Kopf schüttelte und sich erhob. Der Anblick der gutmütigen alten Frau mit dem riesigen Teller voller Backwerk und Barnabas-Basilius der sich beeilte, ihn ihr abzunehmen, zauberte wieder ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht.
Während die beiden sich zu ihm setzen und ihm mit den vollen Gläsern zuprosteten, straffte Geralt die Schultern und zwang seinen Geist ins hier und jetzt zurück. Sein Leben war nun das Paradies und er hatte jeden Grund zufrieden zu sein. …Fast.

 

 

Träge schlenderte Geralt durch die bunten Straßen von Beauclair. Die Richtung, die er dabei einschlug, spielte für ihn keine Rolle, solange am Ende des Weges ein Gasthaus stehen würde und dessen konnte man sich in Toussaint sicher sein.
Sein Haushofmeister hatte trotz energischer Weigerung darauf bestanden, dass er ihn in die Stadt begleitete, um einige Bedarfsgüter und weitere Einrichtungsgegenstände zu besorgen. Aber letztendlich bedeutete dieser Umstand für Geralt nur, dass er zwei Schritte hinter Barnabas-Basilius stand und ihm zusah, wie er mit eiserner Stimme über den Preis feilschte und den Händler die Verzweiflung ins Gesicht trieb. Bisweilen hatte sich der Mann mit verschiedensten Waren in der Hand zu ihm umgedreht, um das Einverständnis zum Erwerb einzuholen und erweiterte seine Tätigkeit somit um ein gelegentliches, stumpfes Kopfnicken. Erst als sich Geralts Magen mit lautstarkem Knurren bemerkbar machte, zeigte Barnabas-Basilius Gnade und erklärte, dass er die letzten Einkäufe auch ohne die Anwesenheit seines Herrn tätigen könne. Seine Reaktion, als der Hexer sich nach dieser Erklärung prompt umdrehte und aus dem muffigen Laden floh, blieb würdevoll wie gewohnt. Aber Geralt amüsierte sich stumm, als er die leicht gehobene Augenbraue in der Spiegelung des Fensters bemerkte. Mensch, B.B. du solltest mich doch inzwischen kennen, dachte er grinsend.

Eine hübsche junge Frau mit langem, kunstvoll geflochtenem Haar tänzelte am Arm eines elegant gekleideten Mannes mit arroganter Körperhaltung an Geralt vorbei und machte dem Hexer dabei auffällig schöne Augen. Grinsend nahm er ihre Aufmerksamkeit zur Kenntnis und zwinkerte der Frau zu, die sofort zu kichern begann und ihr errötendes Gesicht hinter einem bunten Fächer versteckte. Der schnöselige Adlige bemühte sich so angestrengt, die anderen Passanten zu ignorieren, dass ihm das Verhalten seiner Begleiterin entging. Das breite Grinsen hielt sich auch noch auf seinem Gesicht fest, nachdem er die beiden hinter sich gelassen hatte und nun etwas zielgerichteter auf den großen Platz zuging.
Die Gewohnheit trieb ihn noch bei jedem Besuch einer Stadt oder eines Dorfes zur Anschlagtafel, um die aktuellen Gesuche durchzusehen. Die letzten Wochen waren sehr ruhig gewesen und es juckte Geralt in den Fingern, seine Schwerter wieder einmal für etwas anderes als Kampfübungen auszupacken.
Vielleicht würde er heute ja einen interessanten und nicht allzu schmutzigen Auftrag finden können.

Während Geralt sich der Tafel näherte, drifteten seine Gedanken zu seinem baldigen Mittagessen ab und er beschränkte sich bei der Betrachtung seiner Umgebung auf die Wahrnehmung von direkten Hindernissen in seinem Weg. Derart unaufmerksam, bemerkte er den Mann der mit in die Seiten gestemmten Armen, schief gelegtem Kopf und wippendem Fuß, vor der Anschlagtafel stand und die Gesuche und Bekanntmachungen durchsah, erst als er kaum mehr als eine Armlänge von ihm entfernt war.
Abrupt kam Geralt zum Stehen und starrte den Mann erstaunt an. Die Tatsache, dass er vor der Tafel stand, hatte an sich ja noch nichts Ungewöhnliches, aber die zwei Schwerter, eines aus Stahl und eines aus Silber, die an seinem Rücken hingen, verliehen dem Umstand eine sehr interessante Note.

Geralts plötzliche Bewegungen blieb nicht unbemerkt und der Fremde ließ seine Arme sinken und drehte sich zu ihm um. Für einen Moment starrte der unbekannte Mann ihn nur verwundert aus gelben Katzenaugen an, dann machte sich ein Lächeln auf dem jungenhaften Gesicht breit, das mit der Sonne Toussaints um die Wette strahlte.
Geralts bewusste Reaktion beschränkte sich zunächst darauf den verwunderten Gesichtsausdruck durch einen etwas neutraleren zu ersetzen und die Brust des fremden Hexers nach dem obligatorischen Amulett zu untersuchen. Der schlichte, stark gefütterte braune Wams des Mannes bot einen starken Kontrast zu dem silbernen Medaillon, welches ihn als Hexer der Bärenschule auswies.
Bevor Geralt zu einer weitergehenden Handlung überhaupt nur in der Lage gewesen wäre, hatte sein strahlend lächelndes Gegenüber die Distanz zwischen ihnen beiden überwunden und den verdutzten Geralt in eine kurze, feste Umarmung genommen. Nach einigen Augenblicken ließ er wieder von ihm an und trat einen Schritt zurück.
Geralt guckte noch ein bisschen verdutzter aus der Wäsche.

»Ich bin Veit«, stellte der fremde Hexer sich gut gelaunt vor. »Von der Bärenschule«, fuhr er anschließend nach einer kurzen Pause fort. »Nach deinem Namen muss ich ja nicht extra Fragen, weißer Wolf«, ergänzte er und deutete mit einem Finger auf Geralts Kopf. »Ich freue mich wirklich, ein paar vertraute Augen hier zu treffen. Hexer sind ja doch ein ziemlich seltener Anblick geworden.«

 

 

Grinsend pustete Geralt den Schaum von seinem Bier und prostete Veit zu, der die Geste nicht weniger fröhlich erwiderte und beide nahmen einen tiefen Zug des kühlen Getränks. Zufrieden stellte Geralt den Krug vor sich auf den Tisch und ließ flüchtig, den Blick durch den gut gefüllten Schankraum gleiten, ehe er ihn wieder auf seine neue Bekanntschaft richtete. Veit war hochgewachsen und von schlanker, aber kräftiger Statur. Seine dunkelbraunen Haare trug er auf ganz ähnliche Art wie Geralt, mit hoch ausrasierten Seiten, jedoch einem auffällig langen, geflochtenen Zopf. Draußen im direkten Sonnenlicht, sowie im Schein der Kerzen bekamen sie einen goldenen Schimmer und wirkten im Schatten beinahe schwarz. Sein Gesicht wirkte jugendlich, doch als der erste Anschein verblasste, kam Geralt nicht umhin zu bemerken, dass sein Gegenüber mindestens so alt sein musste wie er selbst, wenn nicht gar älter. Seine Züge waren angenehm, beinahe edel und hatten etwas Vertrautes, dass Geralt nicht einordnen konnte. Zumal er sich sicher war, diesem Mann noch nie zuvor begegnet zu sein. Auch irritierten ihn die liebenswürdigen Umgangsformen und die überschwängliche Persönlichkeit des Hexers.
Im Vergleich zu seinen anderen Hexerfreunden wirkte Veit wie ein Quell unbändiger Lebensfreude. Gut, dachte Gerald, im Vergleich zu Lambert quillt auch Hefeteig vor Lebensfreude über.

 

~

 

Nachdem Geralt seine Verwunderung über das Auftauchen eines weiteren Hexers und dessen untypische Begrüßung überwinden konnte, lud er Veit ein, mit ihm zu essen. Der Mann nahm dankbar an und Geralt freute sich aufrichtig über die Gelegenheit, die sich ihm bot.
Es war schon Monate her, seit er das letzte Mal mit einem anderen Hexer gesprochen hatte und zu seinem Leidwesen konnte Eskel nicht viel Neues berichten und er hatte seinen Aufenthalt wie üblich sehr kurzgehalten.
Leider gab es fern von runden Hinterteilen und prallen Brüsten nicht viel, dass ihn so gut unterhielt wie eine Anekdote über die Tücken der Hexerarbeit.

»Also, was führt Geralt von Riva nach Beauclair?«, fragte Veit neugierig auf sein Gegenüber und stellte ebenfalls sein Bier ab. »Bei deinem Ruf müssen mindestens zwei umwerfend schöne Zauberinnen, ein mittelgroßer politischer Skandal und ein goldener Drache involviert sein.«
Geralt verzog das Gesicht bei dieser Aufzählung und beschloss, bei nächster Gelegenheit Rittersporn wieder einmal nahezulegen sich doch ein anderes Opfer für seine Inspiration zu suchen. Er strengte sich an seiner Stimme einen bewusst gelangweilten Ton zu geben, während er antwortete. »Meine Zeit der politischen Skandale und goldener Drachen ist vorbei. Meine Schwerter hängen jetzt dauerhaft über dem Kamin in meinem Haus und werden nur abgenommen, um den Rost von ihnen und meinen Muskeln abzuschütteln.« Amüsiert beobachtete Geralt, wie seine Antwort auf den Hexer wirkte. Veit war mitten in der Bewegung, den Bierkrug wieder zum Mund zu führen, erstarrt und formte mehrfach mit fassungslosem Blick, tonlos das Wort Haus. Einen Augenblick später stellte Veit den Krug so abrupt auf den Tisch, dass das Bier spritzte. »Du… machst Scherze?«, fragte er skeptisch.

Grinsend schüttelte Geralt den Kopf. Er verstand nur zu gut, wie ungewöhnlich sein jetziger Lebensstil auf einen anderen Hexer wirken musste. Noch vor zwei Jahren hätte er, genau wie Veit reagiert, hätte ihm ein Hexer erklärt, sesshaft geworden zu sein.
»Und ich kann davon ausgehen, dass zu Hause deine Frau und die sechs Kinder warten?«, fragte Veit noch immer skeptisch, wenn auch mit leicht belustigtem Unterton.
»Ist nicht mein Ding«, antwortete Geralt kopfschüttelnd. »Dann also ein Mann?«
Geralt, der grade wieder ein Schluck von seinem Bier trinken wollte, verschluckte sich und begann zu husten. Als er sich schließlich wieder beruhigt hatte, warf er dem Hexer einen schiefen Blick zu, bemerkte dann aber, dass sein Gegenüber eine auffällig unschuldige Miene aufgesetzt hatte, die langsam zu bröckeln anfing und er gleich darauf in Gelächter ausbrach. Er sparte sich die Erwiderung und schüttelte nur den Kopf über das alberne Verhalten des anderen Hexers.

Veit schmunzelte noch einen Moment über die Reaktion und verfiel dann kurzzeitig in nachdenkliches Schweigen, bevor er wieder grinsend das Wort ergriff. »Ich habe auch schon einmal darüber nachgedacht, mich niederzulassen. Tatsächlich war das sogar bei meinem letzten Aufenthalt hier in Toussaint.« »Woran ist es gescheitert?«, fragte Geralt. »Bindungsängste«, antwortete er und tat gespielt betroffen. »Ich traf hier einen weiblichen Felsentroll. Reizendes Wesen. Sehr leidenschaftlich. Sie schwor mir ewige Treue und versicherte mir, ich wäre ihre einzig wahre Liebe«, erzählte Veit mit todernstem Gesicht und nur leicht zuckenden Mundwinkeln. »Aber ich war einfach noch nicht bereit dafür.«
Geralt lachte laut auf. »Ich fürchte, daraus wird wohl auch leider nichts mehr.« Er grübelte einen Moment. »Ich denke, ich bin der Trolldame vor ein paar Jahren begegnet. Ich muss dir leider mitteilen, dass sie einen neuen Liebsten gefunden hat. Dummerweise ist der arme Tropf von ihr in einen Käfig gesperrt worden und dort verhungert. Hat mich leider gezwungen sie einen Kopf kürzer zu machen.«
Veit griff sich mit gespielter Empörung an die Brust. »Oh grausame Welt. Ist denn der Schwur von wahrer Liebe nichts mehr wert?« Sie lachten beide laut und zogen damit die neugierigen Blicke von den Nebentischen auf sich.

»Aber ich habe den Verdacht, dass hinter deinem Haus eine lange Geschichte steckt, die es sehr wert ist, gehört zu werden«, meinte Veit schließlich, als er sich wieder etwas beruhigt hatte und lehnte sich entspannt auf der Bank zurück.
Geralt nickte und grinste. »Ich werde sie dir gern erzählen, aber erst, wenn ich mein Mittagessen verdaue. Ich verhungere. Bis dahin würde es mich aber interessieren, was dich in die Gegend treibt? Ein Überschwang an Aufträgen kann es nicht sein. Seit Monaten scheint jeder Nekker, Wyvern und Kikimora in diesem Land handzahm geworden zu sein. Mein letzter Auftrag war eine einzelne mickrige Archespore, die in einem ungenutzten Weinkeller ihr Unwesen trieb und kurz davor stand von selbst einzugehen.«
Veit nickte zustimmend und kratzte sich dann mit einem verlegenen Gesichtsausdruck am Kopf. »Nein, ein Auftrag war es wirklich nicht.« Er machte eine kurze Pause. »Um ehrlich zu sein, es war eher das Wetter, das mich hergeführt hat.« Geralt zog fragend beide Augenbrauen hoch.
»Ich habe seit Ende des Winters praktisch in jedem Sumpfloch Nilfgaards gestanden und es ist kaum ein Tag vergangen, an dem es nicht mindestens eine Stunde geregnet hat. Noch einen Tag länger und aus meinen Stiefeln wären Pilze gewachsen.«

Das Schankweib unterbrach ihr Gespräch, indem sie ganz unzeremoniell eine riesige Platte mit gebratenen Fleischstücken, gutem Käse und frischem Brot zwischen ihnen auf den Tisch fallen ließ. Sie wurde rot und strich sich verlegen eine Haarsträhne hinter das Ohr, als Veit ihr, trotz ihres ruppigen Verhaltens, eindeutig zuzwinkerte und floh dann ohne ein Wort zurück an ihren Platz hinter dem Tresen, wo bereits der nächste hungrige Gast auf sie wartete.
Veit sah ihr noch einen Moment nach und richtete anschließend seine Aufmerksamkeit auf das üppige Mahl.
Mit Erstaunen betrachtete er die gewaltige Menge an köstlichem Essen. Er zögerte zunächst. Unsicher, ob er tatsächlich zugreifen durfte, besann sich aber schnell und griff hungrig nach einem Stück Fleisch, als Geralt ihn mit einem Wink dazu aufforderte.
»Ich brauchte einfach mal eine Klimaveränderung«, nahm Veit den Gesprächsfaden mit vollem Mund wieder auf. »Ich habe gehofft, ein paar Aufträge zu finden. Lukrativ genug damit ich mich bis zum Winter hier aufhalten kann.« Er verzog das Gesicht und griff nach einem Stück Käse. »Aber bisher hatte ich noch kein Glück. Es sei denn natürlich ich zähle das alte Weib, das mich bezahlt hat, um ihre ausgerissenen Hühner wieder einzufangen, als Auftrag.«
»Kommt darauf an«, meinte Geralt amüsiert »War sie eine Hexe und die Hühner dämonisch?«
»Ich fürchte nicht. Sie sah mehr wie eine in Lumpen gewickelte Rosine und die Vögel halb tot aus«, erwiderte Veit grinsend und entlockte Geralt damit wieder ein lautes Lachen.
Geralt ignorierte die beiden Männer am Nebentisch die von der lauten Unterhaltung aufgescheucht, verächtlich über ihre Langustensuppe hinweg in ihre Richtung starrten und griff wieder zu seinem Bierkrug, um den Lammbraten hinunterzuspülen. „Und was hast du jetzt vor?“ Nachdenklich zuckte Veit mit dem Schultern. »Ich habe nicht viele Optionen. Wenn ich keine Arbeit finde, dann bleibt mir nichts übrig, als zurück nach Nilfgaard zu gehen. Dort findet sich immer irgendwo ein Nekker in einem Sumpfloch oder ein Ertrunkener in einem See.« Geralt nickte verständnisvoll.

Sie setzten ihre Mahlzeit gut gelaunt fort und gaben Anekdoten ihrer spannendsten Aufträge zum Besten, bis Barnabas-Basilius das Gasthaus betrat, mit sorgsam abgemessenen Schritten an den Tisch kam, wo er sich leicht verbeugte. Geralt wischte sich den Mund an einer Serviette ab und deutete dann auf einen freien Platz am Tisch. »Willst du dich zu uns setzen B.B.?«
Der Haushofmeister schüttelte den Kopf und führte eine weitere kleine Verbeugung aus. »Ich habe alle Einkäufe getätigt und werde nun nach Corvo Bianco zurückkehren.« Er machte eine kurze Sprechpause. »Gehe ich recht davon aus, dass ihr mich nicht zu begleiten wünscht und später nachkommen werdet?« Nachdem er ein bestätigendes Nicken erhalten hatte, fuhr er fort: »Habt ihr besondere Wünsche für den Abend, Herr?«
Es entgingt Geralt keineswegs, dass Veits Gesichtsausdruck von Erstaunen in Belustigung überging, während er sein Abendessen und ein späteres Bad in Auftrag gab. Es war ihm sogar fast ein bisschen peinlich, als ihm bewusst wurde, wie bequem sein Leben inzwischen geworden war. Aber andererseits hatte er sich schon viel zu sehr daran gewöhnt um sich seine, wie er fand, sauer verdienten Annehmlichkeiten entgehen zu lassen.
Er wollte Barnabas-Basilius bereits entlassen, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. Er betrachtete sein Gegenüber nachdenklich, ignorierte aber zunächst Veits fragenden Ausdruck und wandte sich stattdessen noch einmal seinem Haushofmeister zu. »Und mach‘ doch das Gästezimmer fertig. Wir werden eine Weile einen Gast haben.« Dann schließlich wandte er sich wieder dem anderen Hexer zu. »Natürlich nur, wenn du einverstanden bist.«
Veit starrte Geralt perplex an. Dann fasste er sich wieder etwas und stotterte verlegen: »das ist sehr Großzügig… ich... .« Er stoppte kurz und besann sich. »Vielen Dank, sehr gern«, sagte er schließlich mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen.
Barnabas-Basilius verneigte sich erneut und ließ die beiden Hexer wieder allein. Geralt freute sich über den zutiefst dankbaren Ausdruck in Veits Augen. Er wusste selbst nur zu gut, wie schnell das Geld knapp werden konnte und wie wenig Freundlichkeit Hexer im Allgemeinen bekamen. Die Möglichkeit einem anderen Hexer ein paar Annehmlichkeiten bieten zu können, war sehr erfreulich.

Veit schob gesättigt den Teller von sich weg und lehnte sich noch immer glückselig lächelnd Geralt entgegen. »Du wolltest mir noch eine Geschichte erzählen.« Schmunzelnd gab Geralt der Wirtin ein Zeichen.
Sie würden auf jeden Fall noch mehr Bier brauchen.

 

 

Frustriert trat Regis aus dem tiefen Höhlensystem am Rande von Nazair. Er hatte trotz seiner Vermutung, dass Dettlaff in seine alte Heimat zurückgekehrt war, Monate gebraucht, um den Vampir zu finden. Und es dauerte noch weitere, bis dieser bereit war, mit ihm zu reden.
Regis hatte zwar durchaus Verständnis für die zutiefst verletzten Gefühle seines Freundes, aber inzwischen kam er nicht umhin, dessen Verhalten vielmehr als kindisches Schmollen zu betrachten. Seufzend zog der Vampir seinen Mantel fester um sich. Die Kälte tat seinem Körper keinen Schaden an, aber sein Geist störte sich inzwischen arg daran. Die letzten Monate waren angefüllt von frustrierend nutzlosen Ansprachen und dem bitteren Nachgeschmack von den mürrischen Antworten, die er dazu erhielt. Das trübe Wetter tat sein Übriges um in ihm den Wunsch nach einer gemütlichen Unterkunft, einem Feuer und einem großen Becher warmen Alraunenschnaps zu wecken.
Feuer war zwar durchaus für ihn im Bereich des Möglichen, doch insbesondere das Verlangen nach seinem geliebten Schnaps musste unerfüllt bleiben. Die wenigen Flaschen, die er mitgebracht hatte, waren längst geleert und hier hatte er weder die nötigen Rohstoffe noch die Möglichkeit neuen herzustellen. Er ließ die Schultern kreisen und warf einen Blick zurück in die wenig einladende Höhle. Seine Schuld Dettlaff gegenüber lastete immer noch schwer auf ihm. Doch allmählich fragte sich Regis, ob es nicht sinnvoller wäre, den Vampir für ein paar Jahre seinen trüben Gedanken und der Gesellschaft seiner geliebten Bruxaen zu überlassen. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass Dettlaff sich demnächst wieder unter Menschen mischen und somit auch keinen Grund zu fürchten, dass er seinen Frust erneut in einem Blutbad entladen würde.

Als es nieselnd zu regnen begann, seufzte Regis leise. Zum wiederholten Male wanderten seine Gedanken zurück nach Toussaint und zu den wohligen Erinnerungen an angenehme Abende in der Gesellschaft seines Hexerfreundes. Er vermisste Geralt und der starke Kontrast den Dettlaff zu ihm darstellte, ließ ihn seine Abwesenheit nur noch stärker bedauern.
Er rief einen in der Nähe sitzenden Raben heran, der begeistert an den Überresten einer toten Maus zupfte. Der schlaue Vogel zögerte einen Moment und starrte unentschlossen zwischen dem Vampir und seiner Mahlzeit hin und her, dann hüpfte er etwas näher und flatterte schließlich auf seine Hand.
Leise flüsterte der Vampir ein paar Worte in einer unheimlichen Sprache. Der Rabe krächzte zustimmend und stieß sich dann von seiner Hand ab.
Für einen Moment sah Regis dem Vogel wehmütig nach, wie er in Richtung Toussaint davonflog. Dann drehte er sich um und betrat erneut die ungemütliche Höhle.
Es galt eine Pflicht zu erfüllen.

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»Sind wir uns eigentlich früher schon mal begegnet?«, fragte Gerald keuchend, während er einen schnellen Schlag parierte. Die Frage brannte ihm nun schon seit ihrem ersten gemeinsamen Mittagessen unter den Nägeln. »Ich kann mich nicht erinnern und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dich schon einmal gesehen zu haben.« Veit zog sein Schwert zurück und machte eine anmutige Halbdrehung, die seinen langen Zopf durch die Luft schleudern ließ, um sich aus der Reichweite seines Sparringpartners zu bringen. Er legte den Kopf schief und überlegte einen Moment. Dann zuckte er mit den Schultern und stürzte sich erneut auf Geralt. »Nicht das ich wüsste«, erwiderte er atemlos, als ihre Schwerter klirrend zusammentrafen. Geralt machte einen Ausfallschritt nach hinten, um die Wucht des Schlages auszugleichen. »Ich habe früher öfter mal Kaer Morhen besucht und war dabei auch ein paar Mal in der Bastion. An Vesemir führt einfach kein Weg vorbei«, erklärte Veit grübelnd, bevor er unvermittelt sein Schwert von der rechten in die linke Hand wechselte und einen Satz nach vorne machte. Geralt reagierte prompt und sprang zurück, dabei verhedderte er sich mit dem Fuß in einer der rankenden Blühpflanzen, die vor seinem Haus wuchsen. Der Widerstand durch die Pflanze bremste seinen Rückzug gerade soweit ab, dass er hilflos einen schmerzhaften Treffer am Oberarm akzeptieren musste. Der andere Hexer hatte jedoch bereits reagiert und sein Handgelenk gedreht, sodass der Schlag mit dem Blatt und nicht der Schneide erfolgte. Einen unangenehmen Bluterguss würde es aber auch so zweifellos geben.

Der dunkelhaarige Hexer senkte sein Schwert und sah zu, wie Geralt seinen schmerzenden Arm massierte. »Vielleicht hast du mich mal während einer dieser Besuche gesehen? Ich kann mich auf jeden Fall auch nicht erinnern, dich vorher schon einmal getroffen zu haben und ich bin sicher, dass ich mich daran erinnern würde«, beantwortete Veit schließlich die offene Frage und zeigte, noch immer lächelnd, seine weißen Zähne.

Geralt streckte ein paarmal prüfend seinen Arm aus und zog ihn wieder an, um den Schmerz im getroffenen Muskel abschätzen zu können. Er brummte zustimmend. Die Antwort war zwar nicht besonders befriedigend, aber Veits Theorie klang plausibel genug für ihn.
Er wollte schon einen neuen Angriff starten, als ihm plötzlich noch etwas einfiel. »Vesemir ist tot«, informierte er den anderen Hexer. »Vor ein paar Jahren kämpften wir gegen die wilde Jagd. Er kämpfte tapfer, aber… .« Geralt brach den Satz ab. Obwohl das Ereignis nun schon länger zurücklag, war es doch immer noch schmerzhaft für ihn an den Verlust des alten Hexers zu denken.
Veit schwieg einen Moment bestürzt, dann sagte er mit leiser Stimme: »es gibt wahrscheinlich weitaus weniger glorreiche Tode für einen Hexer zu sterben als diesen.« Geralt stimmte ihn nickend zu, dann beendete er das bedrückende Thema, indem er sich blitzschnell um die eigene Achse drehte und einen tiefen Schlag gegen Veits Beine ausführte. Dieser konnte nur Ausweichen, indem er überrumpelt einen ziemlich uneleganten Hopser rückwärts ausführte. Doch nur einen Sekundenbruchteil später hatte Veit sich wieder gefasst und ging mit wildem Lachen auf Geralt los.

 

~

 

Einige Zeit später gab Geralt seinem Partner mit einem Handzeichen den Hinweis zu stoppen. Er war sichtlich erschöpft, der Schweiß rann ihm in die Augen und tränkte das schlichte weiße Leinenhemd. Veit stellte seinen Angriff sofort dankbar ein. Er war nicht weniger durch die Anstrengung gezeichnet und atmete schwer.
»Ich hatte schon lange keinen so harten Übungskampf. Du weißt wirklich mit dem Schwert umzugehen«, erklärte Geralt beeindruckt. Er drückte mit gekrümmten Rücken eine Hand an seine Niere und atmete tief aus, in der Hoffnung das Seitenstechen zu lindern. Veit verneigte sich lächelnd als Reaktion auf das Kompliment. »Ich muss sagen, die Geschichten über dich sind auch nicht übertrieben. Du bist ein sehr würdiger Gegner, weißer Wolf.«
Allmählich verging der stechende Schmerz und Geralt richtete sich wieder auf. »Wenn du mal einen wirklich beeindruckenden Gegner haben willst, dann solltest du nach einem anderen Hexer aus meiner Schule suchen - Eskel. Ich kenne keinen besseren Schwertkämpfer.«
Veit wollte grade etwas erwidern, als Marlene aus der Tür trat und zielstrebig auf die beiden Hexer zuging. Sofort weitete sich das warme Lächeln auf dem Gesicht des Mannes.

Als er vor drei Tagen das erste Mal durch das Tor von Corvo Bianco geritten kam, hatte er die alte Dame praktisch sofort ins Herz geschlossen. Geralt vermutete, dass der warme Kirschkuchen, den sie ihm zur Begrüßung gereicht hatte, nicht ganz unschuldig daran war. Aber das Ausmaß an Fürsorge das Marlene dem dunkelhaarigen Hexer angedeihen ließ, legten die Vermutung nahe, dass sie ihn nicht weniger mochte. Insgesamt schien keiner von Geralts Bediensteten auch nur im Entferntesten durch die Anwesenheit eines weiteren Hexers gestört oder beunruhigt zu sein. Veit war immer gut gelaunt, verhielt sich stets freundlich und flirtete mit Begeisterung, wobei er weder auf Alter noch Geschlecht Rücksicht nahm.
Und selbst Barnabas-Basilius schien sehr erfreut über seine Anwesenheit und genoss die Herausforderung, die ein weiterer Gwintspieler bot.

Marlene blieb schließlich ein paar Schritte vor den beiden stehen und betrachtete sie zwar lächelnd, aber mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Das Mittagessen ist bald fertig«, ließ sie die Hexer wissen. »Wenn es euch recht ist, dann werde ich es euch hier draußen servieren. Das Wetter ist wieder herrlich heute.« Geralt und Veit nickten zustimmend.
Marlene schickte sich an, wieder zurück ins Haus zu gehen, entschied sich dann aber anders und hüstelte verlegen. »Ich würde empfehlen, dass ihr die Zeit, bis ich aufgetragen habe, nutzt und ein Bad nehmt. Soweit ich weiß, hat Barnabas-Basilius das Wasser im Badehaus bereits wieder angeheizt.« Die beiden Hexer blickten verlegen an sich herunter. Marlenes Vorschlag war wohl nicht von der Hand zu weisen.

 

~

 

Geralt hielt die Tür des Badehauses auf, damit Veit nach ihm eintreten konnte. Während der dunkelhaarige Hexer sich zum wiederholten Male staunend umsah, legte Geralt sein Schwert auf eines der Regale und zog sein Hemd aus.
Als er nach dem Eimer griff, um sich abzuspülen, erklang hinter ihm ein anerkennendes Pfeifen. Verwirrt drehte sich Geralt um und sah Veit mit verschränkten Armen an der Wand lehnen. Der Hexer machte keine Anstalten sich selbst auszuziehen, dafür bedachte er Geralt mit ziemlich verschmitzten und ungeniert lüsternen Blicken. Geralt verzog das Gesicht und griff den nassen Schwamm aus dem Eimer.
Veit lachte laut auf, als er dem Schwamm auswich, drehte sich dann aber widerstandslos um und zog sein eigenes verschwitztes Hemd aus. Als er kurz darauf neben Geralt trat, um sich ebenfalls abzuspülen, zog er seinerseits ungenierte Blicke auf sich.

Geralt erstarrte fassungslos und ließ seine Augen mit offenem Mund über jeden sichtbaren Zentimeter freie Haut, gleiten. Als Veit sein Starren bemerkte, drehte er sich provokant weiter in seine Richtung, warf sich in Pose und schmunzelte. »Also, wenn du mich weiter mit diesem Blick ansiehst, dann weiß ich aber nicht, was ich tun werde«, scherzte er.

Geralt hob kurz seinen Kopf, um ihm einen schnellen empörten Blick zuzuwerfen, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Brust seines Gegenübers. Veits Körperbau war zweifellos beeindruckend, wie es für einen Kämpfer kaum anders zu erwarten war, aber Geralt hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass Veit absolut bewusst war, welcher Umstand ihn so fesselte.
Er musste sich zusammenreißen, um nicht seine Hand auszustrecken und über den Bauch des anderen Mannes zu streichen. Die makellose, blasse Haut des Hexers wirkte so merkwürdig fremd, dass Geralt sich beinahe vergaß. Nicht eine Narbe war zu erkennen.
Während er starrte, verblasste nach und nach das Grinsen auf Veits Gesicht und er begann sich sichtlich unwohl unter den Blicken zu winden.
»Wie?«, fragte Geralt wenig eloquent und deutete dabei verwirrt auf seine eigene narbenübersäte Brust.

Der dunkelhaarige Hexer schnitt eine Grimasse und spielte dann verlegen mit dem Ende seines Zopfes. »Das hat wohl mehrere Gründe« begann er schließlich zu erklären. »Zum einen trage ich normalerweise deutlich schwerere Rüstung als du«, zählte er auf und deutete dabei auf das Bärenschulenmedaillon auf seiner Brust. »Und zum anderen muss ich gestehen, dass ich fast mein ganzes Leben lang immer mit mindestens einem weiteren Hexer gemeinsam gekämpft habe. Die Aufträge, die ich allein durchgeführt habe, kann ich an einer Hand abzählen.« Er machte eine kurze Pause. »Und dann darf man wohl auch nicht außer Acht lassen, dass ich bisher verteufeltes Glück hatte.«
Bevor Geralt weiter nachfragen konnte, warf sich Veit den Zopf über die Schulter und fuhr mit stockender Stimme fort: »Ich hatte als Jugendlicher ziemlich… Probleme… mich in die Strukturen einzufügen. Ständig war ich in Streitereien mit Menschen und auch anderen Hexern verstrickt. Ich zeigte wenig Respekt für meine Ausbilder und um ehrlich zu sein haben sie in mir wohl auch nur einen hoffnungslosen Fall, ein unliebsames Ärgernis gesehen. Glücklicherweise gab es auch jemanden, der an mich glaubte und… tja, uns gab es dann meistens nur im Doppelpack. Selbst als ich meine… Sturm- und Drangzeit endlich hinter mir gelassen hatte, ging ich meinen Weg nicht allein.«
Das Thema war ihm sichtlich unangenehm und er schüttelte sich verlegen.

Verblüfft lauschte Geralt seinen Worten. Dass was Veit ihm soeben erzählt hatte, erinnerte ihn sehr an ein Geständnis, welches Regis ihm gegenüber gemacht hatte. Und wie auch bei dem Vampir fiel es ihm schwer zu glauben, dass der liebenswürdige und offensichtlich kampferprobte Hexer irgendwann einmal etwas anderes als allseits beliebt war.

»Regis?«, fragte Veit plötzlich. Geralt verspürte sofort einen schmerzhaften Stich.
Er musste den Namen wohl gedankenverloren gemurmelt haben. Bisher hatte er ihn Veit gegenüber nicht erwähnt und auch bei seiner Erklärung, wie er in den Besitz von Corvo Bianco gekommen war, war es ihm gelungen, seine Rolle auszulassen.
»Ein alter und sehr guter… Freund«, erklärte er schließlich zögerlich. »Er musste leider vor einiger Zeit verreisen und ich habe leider keine Ahnung, wann er zurückkommt. - Ob er zurückkommt«, ergänzte er leise.
Geralts Schmerz darüber war so offensichtlich, dass Veit es vorzog, nicht weiter nachzufragen und stattdessen einfach nur mitfühlend nickte.
Dankbar lächelte Geralt ihn an und als sein Blick wieder auf die makellose Brust seines Gegenübers fiel, beschloss er ihm die gleiche Höflichkeit zu erweisen und das Thema fallen zu lassen. »Komm, beeilen wir uns. Marlene dürfte längst alles vorbereitet haben.«

 

 

In den darauffolgenden Tagen stellte sich für Geralt eine neue Routine ein.
Veit nahm einen wesentlichen Platz bei der Gestaltung seines Tagesablaufs ein. Mit Ausnahme der wenigen Stunden, die er Corvo Bianco verließ, um die Umgebung nach möglichen Aufträgen zu durchforsten, blieb er immer in Geralts nähe. Sie trainierten täglich miteinander, nahmen jede Mahlzeit gemeinsam ein und abends saßen sie zusammen mit Marlene und Barnabas-Basilius draußen, tranken Wein und beobachteten, wie die Sonne Toussaints gemächlich hinter dem Horizont verschwand. Wann immer Geralt von seinen Pflichten auf seinem Weingut eingespannt wurde, begleitete der andere Mann ihn entweder und legte selbst Hand mit an oder er verbrachte die Zeit in der Küche und machte sich nützlich, indem er für Marlene riesige Berge an Kartoffeln schälte oder Unmengen an Brotteig knetete.
Nach nur drei Wochen hatte sich der dunkelhaarige Hexer so nahtlos in Geralts Leben und dem Treiben auf dem Gut eingefügt, als wäre er schon immer dort gewesen.

 

~

 

An einem besonders warmen Abend ließ Veit ihn für ein paar Minuten allein zurück, um auszutreten und Geralt beobachtete in der Zeit einen Raben, der übermütig über den Hof hüpfte und eine der halbwilden Katzen ärgerte. Der Anblick machte ihn auf einmal darauf aufmerksam, dass er schon seit Tagen nicht mehr an Regis gedacht hatte und Schuldgefühle machten sich in seinem Magen breit. Beschämt starrte Geralt auf den Boden vor seinen Füßen. Es war nicht richtig einen alten Freund zugunsten eines Neuen zu vergessen.
Der Gedanke war ihm kaum gekommen, als sich auch schon der vertraute Schmerz wieder einstellte. Er legte sich eine Hand über den Mund und schüttelte sacht den Kopf. Regis wäre die letzte Person auf dieser Welt, die beleidigt wäre, wenn er seine Zeit mit angenehmen Dingen, statt dem Brüten über unabänderlichen Tatsachen verbrachte. Und Tatsache war nun einmal, dass Regis nicht hier war, dafür aber Veit und dieser entpuppte sich als ausgezeichnete Gesellschaft. Ein sanftes Lächeln legte sich nun auf Geralts Lippen. Ja, er war ihm wirklich ein guter Freund geworden, dachte er.

Leise Schritte kündigten Veits Rückkehr an und rissen Geralt aus seinen Gedanken. Er hob den Kopf und lächelte den anderen Hexer an, der triumphierend eine neue Flasche Wein vor seinem Gesicht hin und her schwenkte. Er bemerkte nicht mehr wie der Rabe, der sich inzwischen etwas abseits auf eine große Vase gesetzt hatte, den Kopf schief legte, sie einen Moment beobachtete und dann mit leisem Krächzen davonflog.

 

 

Veit hatte seinen Kopf auf einer Hand abgestützt und stocherte missmutig in seinem Frühstück herum. Die Mahlzeit sah köstlich aus, aber ihn beschäftigte seit einiger Zeit ein Thema, das mit jedem Tag, der verging, immer dringlicher wurde und ihm den Appetit raubte.
Während Geralt ausgehungert zu sehr damit beschäftigt war, sein Frühstück zu vertilgen, war es Marlene nicht entgangen, dass etwas ihren neuen Liebling bedrückte. Sie hatte schon zweimal den Kopf durch die Küchentür gesteckt und mit Besorgnis festgestellt, dass sich sein Teller nicht leerte.
Als er den Teller schließlich quietschend von sich wegschob, ohne kaum etwas gegessen zu haben, öffnete sich wie aufs Stichwort die Tür ein drittes Mal und Marlene kam zum Tisch.
Ihre Anwesenheit zog nun auch die Aufmerksamkeit von Geralt auf sich. Er sah, dass ihr ganzes Augenmerk auf Veit gerichtet war, folgte ihrem Blick und stellte mit Verwunderung fest, dass der Hexer mit verschränkten Armen, zurückgelehnt auf seinem Stuhl und mit für ihn absolut untypischem grimmigen Gesichtsausdruck durch ein Fenster ins Nichts starrte. Ein Blick auf seinen Teller ließ Geralt auch sofort den Grund für Marlenes Alarmierung erkennen, allerdings waren es die zusammengezogenen Augenbrauen, die ihn weitaus mehr beunruhigten.

Als Veit schließlich ein tiefes Seufzen ausstieß, sah sich Marlene gezwungen zu handeln. »Schätzchen, ist alles in Ordnung mit dir? Fühlst du dich nicht wohl?«, fragte sie besorgt.
Der Hexer brauchte einen Augenblick, um zu bemerken, dass sie mit ihm sprach. Er löste rasch seine Arme und setzte sich wieder ganz aufrecht auf seinen Stuhl. Ein kleines Lächeln huschte über seine Lippen, wirkte aber so gezwungen, dass das selbst Geralt sofort klar war. »Entschuldige bitte, Marlene. Es ist wirklich köstlich, aber ich habe einfach keinen Hunger.«

Die alte Dame war keineswegs zufriedengestellt und tippte sich grübelnd mit einem Finger an die Wange. »Ihr beide trainiert schrecklich viel. Vermutlich bist du erschöpft. Du solltest dich heute wirklich ausruhen, sonst wirst du am Ende noch ernstlich krank.«
Geralt schmunzelte leicht, verkniff sich aber einen Kommentar, um Marlene über die Konstitution von Hexern aufzuklären. Es würde sie ohnehin nicht davon abhalten, Veit nun noch stärker zu betüddeln und zu verwöhnen, als sie es ohnehin schon tat.
Veit musste ähnliche Gedanken haben, denn er lächelte sie sanft an und nickte dann zustimmend. »Ich werde mich heute etwas schonen. Versprochen.«

Zufrieden klatschte Marlene in die Hände. »Ich werde euch Tee machen. Ich habe erst vorgestern eine ganz ausgezeichnete neue Mischung bekommen«, erklärte sie, schon auf dem halben Weg zurück in die Küche. »Und dann packe ich euch einen großen Picknickkorb. Frische Luft tut immer gut und zusammen mit einer anständigen Mahlzeit ist das die beste Medizin, die man bekommen kann.« Mit dieser Ankündigung fiel die Tür zur Küche hinter ihr zu und ließ die beiden Hexer allein zurück.
Geralt schüttelte amüsiert den Kopf und starrte seiner Köchin hinterher. Ihre Leidenschaft für Essen und dem Füttern anderer Leute war zwar unter Berücksichtigung ihres früheren Schicksals verständlich, aber trotz allem immer wieder kaum zu fassen.

Das Scharren von Stein auf Holz richtete seine Aufmerksamkeit schließlich wieder auf Veit, der seinen Teller wieder zu sich herangezogen hatte und eine einzelne Beere zwischen seine Finger nahm. Geralt beobachtete einen Moment, wie sein Gegenüber mit der Frucht spielte und sie dann in den Mund steckte. Diese einfache Tätigkeit wirkte derart übertrieben aufgebauscht, dass Geralt sich ziemlich sicher war, dass Veit nur einen Weg suchte, um ihn nicht direkt ansehen zu müssen.
Beunruhigt lehnte Geralt sich in seinem Stuhl zurück. »Okay, was ist mit dir los?«
Veit zuckte zusammen und legte die neue Beere, die er sich grade genommen hatte, zurück auf den Tisch und schubste sie dann verlegen mit den Fingern um seinen Teller herum.
Geralt wartete geduldig darauf, dass der Mann bereit war zu antworten.

Schließlich seufzte Veit wieder und sah Geralt grade in die Augen. »Drei Wochen.«
Das war zunächst alles, was er sagte und löste somit erst mal nur Unverständnis in Geralt aus.
»Ich bin jetzt seit drei Wochen in deinem Haus. Plündere deine Speisekammer, trinke deinen Wein. Deine Bediensteten waschen sogar meine Wäsche!«, fuhr er schließlich mit frustriertem Unterton etwas ausführlicher fort. »Ich habe gesagt, ich würde weiter nach Arbeit suchen, aber ich finde einfach nichts. In drei Wochen habe ich nichts als eine kleine Jagd auf ein paar Barghesten gemacht, die letztendlich gerade genug eingebracht haben, um die Zutaten für das Geisteröl zu ersetzen.« Veit stockte und sah Geralt beklommen an. »Ich liege dir auf der Tasche.«

Geralt starrte den anderen Mann fassungslos an und versuchte verzweifelt einen Satz an seiner Empörung vorbei zu artikulieren. Er gab nach einigen nutzlosen Versuchen auf und starrte weiter sprachlos sein Gegenüber an, der nach seinem dunklen Zopf griff und nervös daran herumspielte. Schließlich ergriff Veit noch einmal leise das Wort.
»Versteh mich bitte richtig, mein Freund. Ich genieße es unglaublich, bei dir zu sein. Du bist für mich die angenehmste Gesellschaft die ich lange Zeit - ach was rede ich -, die ich je hatte. Ich habe wahrscheinlich noch nie so viele Tage am Stück regelmäßige Mahlzeiten bekommen und von dem Bett will ich gar nicht erst anfangen. Ich…«, er stockte wieder kurz. »Es war großartig so lange wie es dauerte, aber ich möchte gehen - bevor du mich rausschmeißt.«
Geralt schüttelte mit offenem Mund den Kopf. Sein Verstand versuchte das scheußliche Gewirr an Entsetzen, Verzückung und weiteren nicht näher zu identifizierenden Emotionen, die ihn scheinbar sinnlos durchfuhren, zu entknoten.
Für mehrere Minuten sagte oder regte sich Geralt überhaupt nicht. Veit dröhnte die Stille in den Ohren und er rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. Er wusste, dass es unangenehm werden würde dieses Thema anzusprechen und hatte es so lange hinausgezögert, wie er es für vertretbar hielt. Er war zwar froh, es hinter sich zu haben, aber Geralts Gesicht wechselte mit jedem Augenzwinkern den Ausdruck und wurde somit unerfreulich unleserlich. Veit überkam das beklommene Gefühl, dass er sich sowohl mit seinem Timing als auch seinem Ausdruck gehörig vertan hatte und auf Geralt undankbar oder unzufrieden wirkte.

Die unangenehme Stille wurde unterbrochen, als pochen und klackern, an einem der kleinen Fenster erklang. Veit wollte das Geräusch eigentlich ignorieren, aber als er sah das Geralt sich seinem Ursprung entgegen drehte, folgte er seinem Blick.
Vor dem Fenster saß ein großer Rabe, das Gefieder mit vereinzelten grauen Federn durchsetzt und pochte mit seinem Schnabel gegen die Scheibe und den Sturz. Als der Vogel die Aufmerksamkeit der beiden Männer auf sich gezogen hatte, schlug er ein paar Mal mit den Flügeln und verschwand aus ihrem Sichtfeld. Sehr zu Veits Überraschung sprang Geralt auf und lief zum Fenster, wo er mit tief bestürztem Gesichtsausdruck dem Vogel nachsah.

Irritiert erhob Veit sich nun ebenfalls aus seinem Stuhl. Geralts Reaktion auf seine Ankündigung oder besser die Abwesenheit einer solchen, wühlten ihn zutiefst auf. Unsicher strich er sein Hemd glatt und traf dann mit holpriger Stimme eine Entscheidung. »Ich… gehe dann jetzt meine Sachen packen.«
Er war noch keine zwei Schritte gegangen, als Geralt unvermittelt neben ihm auftauchte und ihn fest am Unterarm packte. Sein Gesicht war leer, als er ihn mit fester Stimme ansprach. »Willst du gehen?«
Verwundert blickte Veit ihm in die ausdruckslosen Katzenaugen. »Geralt, ich kann… .« Weiter kam er nicht, da er plötzlich seinen Arm noch etwas fester drückte und seine Frage bestimmter wiederholte. »WILLST du gehen?« Veit musste schlucken und straffte die Schulter, ehe er antworte. »Nein.«
»Dann bleib.«

Veit verschlug es für den Moment die Sprache. Es war nicht schwer zu erkennen, dass Geralt ein überaus großzügiger Mann war, dem es zudem auch viel Freude bereitete, Menschen die weniger hatten, wie auch immer geartete Unterstützung zukommen zu lassen. Aber das Durchfüttern eines Hexers, der außer dem Schleppen von schweren Dingen und dem Putzen von Gemüse nichts als Gegenleistung bieten konnte, war schon außerordentlich großherzig.
Er musste nicht lange überlegen, um seine Haltung dazu zu erkennen. Er mochte Geralt sehr und es wäre ihm schwergefallen nicht sofort freudig zuzustimmen, wenn sein Gewissen nicht unablässig Schuldgefühle über ihn einprasseln lassen würde. Bevor er jedoch etwas erwidern konnte, wanderte Geralts Hand von seinem Unterarm an seine Schulter und drückte sie sanft.
»In der kurzen Zeit, die wir uns kennen bist du mir ein sehr guter Freund geworden und ich würde es bedauern, wenn du dich jetzt entschließt zu gehen nur, weil du dich nutzlos fühlst. Du bist willkommen, solange du es zeitlich vertreten kannst. Du kannst dich darauf verlassen, dass deine Gesellschaft mir jedes Glas Wein und jeden Bissen Fleisch Wert ist.«

Veit ließ Geralts schmeichelhafte Ansprache kurz auf sich wirken. Er suchte nach passenden Worten, aber außer einem strahlenden Lächeln konnte er nichts über die Lippen bringen.
»Wirst du bleiben?«, fragte Geralt dann vorsichtig und fing dann ebenfalls an zu lächeln, als Veit zustimmend nickte. »Ich bleibe.«

Für einen Moment standen die beiden Männer stumm zusammen und strahlten sich glücklich an, dann legte Veit den Kopf zur Seite, zwinkerte Geralt verschmitzt zu und sagte frech: »Dann hast du also doch was für mich übrig.«
Geralt versetzte dem anderen Hexer einen Stoß mit der Hand, die noch immer an seiner Schulter lag und zwang ihn somit zu einem Ausfallschritt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er schüttelte mit dem Kopf, stimmte aber in Veits Gelächter ein. »Du bist einfach unmöglich.«
Der dunkelhaarige Hexer schmunzelte noch einen Moment, wurde dann aber wieder ernst. »Hm, sag mal…, was hat das eigentlich mit dem schwarzen Geflügel auf sich?«, fragte er neugierig. Geralts Gesicht wurde erst finster, dann zuckte ein trauriges Lächeln darüber. »Der Rabe hat mich daran erinnert, wie schwer es ist einen guten Freund gehen zu lassen.«
Veit stellte keine Fragen mehr.

 

~

 

Barnabas-Basilius nahm die Brille ab, schüttelte die Tropfen von den Gläsern und steckte sie in den Kragen seines akkuraten Hemdes. Die Windböen, die ihm die Regentropfen des Gewitters ins Gesicht bliesen, machten sie ohnehin nutzlos und die Dunkelheit der späten Nacht tat ihr übriges.
Der Haushofmeister stand am Eingang von Corvo Bianco und starrte auf den leuchtenden Fleck in der Ferne, der sich mit dem Wind verzerrte und langsam immer größer wurde. Die stürmischen Böen hatten ihn veranlasst, sich noch einmal aus der Behaglichkeit seines Bettes nach draußen zu begeben und die Fensterläden am Haus seines Herrn zu schließen. Auf dem Rückweg in seine eigenen vier Wände, war ihm dann die sich nähernde Fackel aufgefallen. Pflichtbewusst wartete er am Tor, um den Gast zu empfangen und sein Begehr zu erfahren.

Es dauerte noch etliche Minuten, in denen er vom Regen durchweichte, bis der Reiter samt Pferd unter der Fackel sichtbar wurde. Als der erste Huf des Tieres klackernd auf den gepflasterten Boden trat, ging der Haushofmeister dem Neuankömmling entgegen und griff nach den Zügeln. Der Reiter leistete keinen Widerstand und schwang sich prompt vom Pferd.
Barnabas-Basilius wollte nach dem Namen des Herrn fragen, der sich tief in den Falten eines dicken Reisemantels verbarg, als dieser seine Kapuze von sich aus schwungvoll zurückwarf und ein fein geschnittenes Gesicht unter einem schrillen und mit jedem Regentropfen trauriger aussehendem Barett, offenbarte.

»Meister Rittersporn«, begrüßte er ihn mit einer eleganten Verbeugung. »Es ist eine Freude, sie wieder hier begrüßen zu können. Aber darf ich Fragen warum sie den Weg bei so einem Unwetter auf sich nehmen?«
Rittersporn klopfte dem Mann kameradschaftlich auf die Schulter und verzog dann dramatisch das Gesicht. »Ich muss unverzüglich mit Geralt sprechen. Es geht um Leben und Tod.«

 

 

Veit rollte sich behaglich auf den Rücken, sorgsam darauf bedacht nichts von seinem Wein in Geralts opulentem Bett zu verschütten.
Die beiden Männer hatten bis zum späten Abend Gwint in der Halle gespielt und wurden dann von einem Hausmädchen, das erbarmungslos darauf Bestand den Fußboden zu wischen, vertrieben. Da keiner von ihnen schon das Bedürfnis verspürt hatte, schlafen zu gehen, waren sie einfach kurzerhand mit der Weinflasche in Geralts Schlafzimmer umgezogen und vertrieben sich die Zeit mit Trinken und dem Austauschen von amüsanten Geschichten.

Geralt hatte sich vor ein paar Minuten aufgemacht, um neuen Wein zu organisieren und dem Abort einen Besuch abzustatten und ließ Veit somit für den Moment allein. Als der dunkelhaarige Hexer grade begann sich zu fragen, ob Geralt im Sturm womöglich verloren gegangen war, wurde die Tür brutal aufgerissen und ein Mann kam hereingestürmt. Zu seiner Verwunderung musste er jedoch feststellen, dass es sich bei dem Mann nicht um den überfälligen Hexer handelte.
Es war offensichtlich, dass der pompös gekleidete Mann erwartet hatte Geralt in seinem Schlafzimmer anzutreffen und als sein Blick stattdessen auf Veit viel, erstarrte er.
Da der Neuankömmling keine Anstalten machte irgendetwas von sich zu geben und weiterhin nur mit großen Augen starrte, legte sich ein schelmisches Grinsen auf Veits Gesicht. Er rekelte sich genüsslich auf dem Bett und war sich ziemlich bewusst, welches Bild er gerade abgeben musste, zumal hinter ihm an der Wand das lächerliche, anzügliche Portrait von Geralt hing und die Situation somit stilvoll abrundete.

Genau in diesem Augenblick entschloss sich Geralt wieder in den Raum zu treten. Er blieb mit der Weinflasche in der Hand verwundert stehen und starrte auf den anderen Mann. »Rittersporn. Was machst du hier?«
Rittersporn drehte sich langsam zu Geralt, blieb aber mit seinem Blick zäh an Veit kleben. Es dauerte einen Moment bis er seine Augen, mit einem fast hörbaren plopp, von ihm lösen und auf den anderen Hexer richten konnte. »Da liegt ein Mann in deinem Bett«, sagte er statt Begrüßung oder einer Antwort.
Geralt zog die Augenbrauen hoch und als ob das alles erklären würde, sagte er trocken: »Das ist Veit.«

 

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Nachdem Rittersporn seine erste Empörung überwunden hatte, saß er zusammen mit den beiden Hexern in der nun blitzblanken Halle und tat sich an Brot und Käse aus Geralts Speisekammer gütlich. Es war offensichtlich, dass er dem fremden Hexer noch nicht so recht trauen wollte und trotz seiner anfänglichen Dringlichkeit nun nur zögerlich sein Erscheinen erklärte.

»Du musst jetzt unbedingt mit mir zurückkommen, mein Freund«, begann er schließlich wenig hilfreich.
»Und verrätst du mir auch, was ich in Novigrad diesmal für dich tun soll?«, erwiderte Geralt offenkundig genervt.
»Du sollst mich nicht nach Novigrad begleiten. Wir gehen nach Velen und du tust auch nichts für mich, sondern für die braven Leute dort.« Verwundert schüttelte Rittersporn den Kopf. »Willst du mir denn allen Ernstes weiß machen, dass du wirklich keine Ahnung hast, was vor sich geht?«
Geralt zog nun verwundert die Augenbrauen zusammen. Er hatte wirklich keine Ahnung, was Rittersporn meinen könnte. Ein Blick auf Veit, der nur verwirrt mit den Schultern zuckte, verriet ihm, dass auch der andere Hexer ahnungslos war. Schließlich schüttelte Geralt stumm mit dem Kopf und wartete auf eine Erklärung.

Rittersporn presste sich für einen Moment theatralisch die Hand vor den Mund, dann antwortete er. »Vampire, Geralt. Sie ziehen von Dorf zu Dorf und hinterlassen Dutzende Tote. Seit Monaten lebt ganz Velen in Angst und Schrecken.«

 

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Geralt zerpflückte nachdenklich ein Stück Brot und versuchte, die Information von Rittersporn zu verdauen. Ihm kam ein Gedanke, doch bevor er ihn äußern konnte, kam ihm Veit zuvor. »Wieso ist man sich so sicher, dass es sich um Vampire handelt?«, fragte er und sprach damit auch Geralts Überlegung aus.
»Sie wurden gesehen.« Rittersporn machte erst eine Handbewegung in Richtung seines alten Freundes, dann fuhr er sich mit dem Finger an der Wange entlang. »Dein Hexerkompane, der mit der Narbe… .« »Eskel«, ergänzte Geralt nickend. »Genau«, meinte Rittersporn und fuhr fort. »Eskel hat das Rudel als erster aufgespürt, bevor irgendjemand wusste, um was es sich handelt. Er hat wohl einen von denen erledigt und hat sich dann gerade noch rechtzeitig aus dem Staub machen können. Er sagte, es wäre ein riesiges Rudel von verschiedenen kleinen Vampiren.«
»Niedere Vampire«, berichtigte Veit ihn gedankenverloren.

Geralt biss sich auf die Lippe und brütete über die Information. Nach Rittersporns Auftritt hatte er eigentlich erwartet, dass sein Freund wieder mal auf der Flucht vor einem gehörnten Ehemann war. Mit so einer Wendung der Ereignisse hatte er jedoch ganz sicher nicht gerechnet.
»Du sagst, Eskel ist an der Sache dran?«, fragte er schließlich. Rittersporn nickte bestätigend. »Knapp eine Woche nach den ersten Toten wurde eine Belohnung ausgesetzt. Nach zwei weiteren Wochen und sehr viel mehr Toten wurde die Belohnung verdoppelt. Vermutlich hat inzwischen ganz Velen zusammengelegt, um das Problem beseitigen zu lassen. Jedenfalls ist dein Hexerfreund kurz darauf aufgetaucht, hat den Auftrag angenommen und ist dann losgezogen. Ein paar Tage später stand er vollkommen zerlumpt in der Taverne, in der ich saß und ließ sich volllaufen. Ich habe mich erinnert, dass er ein Freund von dir ist und wollte wissen, was ihm passiert ist. Nachdem er mir erzählte, was vorgefallen war, bin ich sofort los, um dich zu holen. …Und hier bin ich«, beendete er seinen Vortrag.
»Und was genau hattest du ihn Velen verloren?«, wollte Geralt wissen. Rittersporn straffte die Schultern. »Ich habe einen alten Bekannten besucht.«
 »Blond oder brünett?«, fragte der Hexer mit schiefem Grinsen. »Schwarz, der Bart ebenfalls«, erwiderte der Barde leicht verärgert. »Er ist Schmied. Goldschmied, um genau zu sein.« Rittersporn zögerte kurz. »Ich habe einige Schmuckstücke für Priscilla in Auftrag gegeben, unter anderem einen sehr kostspieligen Ring.«
Geralt riss verdutzt die Augen auf. »Rittersporn, du willst mir doch nicht erzählen, dass du vor hast… .« Rittersporn unterbrach ihn mit einer hektischen Handbewegung. »Du kennst mich halt doch nicht so gut wie du denkst, mein Freund. Mich würde jetzt aber interessieren, wann wir endlich aufbrechen können?«

Geralt ignorierte die Tatsache, dass sein alter Freund einfach ungefragt davon ausging, dass er ihn begleiten würde und dachte stattdessen nach. Eskel war ein begnadeter Kämpfer und hatte durchaus Erfahrung in der Jagd auf niedere Vampire. Wenn er sich der Situation nicht gewachsen sah, dann musste es ernst sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich von den wenigen verbliebenen Hexern einer zufällig nach Velen verirren würde, war zudem gering. Die Leute dort waren in der Regel einfach zu arm, um sich Hexer leisten zu können. Es gab weitaus lukrativere Gebiete für seine Leute. Eskel war also auf seine Unterstützung angewiesen, wenn er denn den Auftrag beenden wollte, wovon auszugehen war, sollten die Konsequenzen für die Einwohner tatsächlich so verheerend sein, wie Rittersporn sie beschrieb.

Fragend blickte er zu Veit, der sofort verstand. »Ich komme natürlich mit dir.« Geralt nickte lächelnd und wandte sich wieder an Rittersporn, der ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte. »Ich muss noch ein bisschen was für meine Abwesenheit vorbereiten und wir brauchen Proviant für die Reise. Wir brechen morgen Vormittag auf.« Rittersporn nickte zufrieden. »Eskel erwartet uns in Lindental.«
Veit hob die Arme über den Kopf und gähnte herzhaft. »Ich werde mich dann jetzt lieber mal aufs Ohr hauen.« Die anderen stimmten ihm zu und der Hexer drehte sich zur Treppe, als eine Bewegung vor dem Fenster seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Er konzentrierte sich einen Moment auf die Umgebung hinter der Scheibe, konnte aber nichts mehr erkennen. Schließlich zuckte er mit den Schultern und ging federnd die Treppe hinauf.

 

 

Nach vielen Stunden und etlichen zurückgelegten Meilen, erreichte der Rabe wieder den Aufenthaltsort seines Auftraggebers. Zu erschöpft, um richtig zu landen, plumpste der Vogel mit einem dumpfen Ton, hart auf den steinigen Boden. Nur einen Moment später wurde er von langen Fingern, die ungewöhnlich scharfe Nägel zierten, sanft aufgehoben.

Zärtlich strich Regis über das Gefieder seines kleinen Spions. Er wartete geduldig, bis der Vogel in der Lage war ihm Bericht zu erstatten und lauschte dann gespannt mit geschlossenen Augen und geneigtem Kopf. Nachdem der Rabe ihm alles berichtet hatte, schüttelte der Vampir energisch den Kopf. »Mein Freund, du beweist doch immer wieder erstaunliches Geschick darin dich in Schwierigkeiten zu bringen.«

Er zog einige Walnüsse aus seiner Tasche und zerdrückte die harte Schale, damit sein Rabe sich stärken konnte. Anschließend legte er eine Hand an sein Kinn und dachte nach.
Rudel von niederen Vampiren waren nicht sonderlich ungewöhnlich. Aber ein Rudel, das aus mehreren unterschiedlichen Unterarten seiner fernen Verwandten bestand, war keineswegs natürlich.

Nachdenklich blickte Regis in die Höhle. Er kam mit Dettlaff einfach nicht voran und es wäre ihm weitaus lieber, in Geralts Nähe zu sein, anstatt einfach nur seine befiederten Helfer nach ihm auszuschicken, wenn dieser sich wieder mit Vampiren anlegte.
Seufzend traf der Vampir eine Entscheidung. Er legte den Raben sacht auf einen kleinen Felsen und flüsterte ihm seinen Dank zu. Der Rabe krächzte, glücklich erst einmal nicht fliegen zu müssen und verschlang eine weitere Nuss.
Schließlich warf Regis einen letzten Blick zur Höhle, verabschiedete sich in Gedanken von seinem Vampirbruder und verwandelte sich in grauen Nebel. »Wir sehen uns in Lindental, mein Freund.«

Chapter Text

Unbarmherzig trieb Geralt sein Pferd weiter voran.
Plötzes Unmut über die grobe Behandlung war deutlich spürbar, sie wehrte sich schnaubend gegen die Zügel und warf den großen Kopf hin und her. Gewöhnlich hätte der Hexer jetzt nachgegeben und seiner sturen Stute eine Rast gegönnt.
An diesem Tag aber war wenig gewöhnlich und Geralt wollte so schnell wie möglich eine Taverne erreichen. Auf jeden Fall aber rechtzeitig, um nicht noch eine weitere Nacht auf der Straße übernachten zu müssen.

Rittersporn, Veit und Geralt waren vor drei Tagen in den frühen Mittagsstunden von Corvo Bianco aus in Richtung Velen aufgebrochen. Das Wetter blieb bisher angenehm, vielleicht nur ein wenig zu kühl. Ihre Verpflegung war dank Marlene einer Königstafel würdig und sie kamen gut voran. Dennoch war Geralt höchst unzufrieden. Der Hexer versuchte zwar, sich einzureden, dass er die Bequemlichkeit seines Hauses vermisste, wusste aber in seinem Innersten, dass eigentlich etwas ganz anderes an ihm nagte.
Bereits seit dem frühen Morgen beteiligte er sich nicht mehr an dem fröhlichen Geplauder seiner Begleiter und brütete stattdessen stumm vor sich hin. Rittersporn ignorierte das launige Verhalten seines alten Freundes und nutzte die Gelegenheit seine Geschichten und Lieder einem dankbareren und unverbrauchten Zuhörer vortragen zu können. Denn nach den anfänglichen Berührungsängsten konnte auch der Barde dem jungenhaften Charme des anderen Hexers nicht länger widerstehen und akzeptierte ihn schließlich begeistert.
Veit hatte hingegen Schwierigkeiten, sein sonst so leichtgängiges Lächeln auf sein Gesicht zu legen. Er genoss durchaus die Unterhaltung mit dem schrillen Barden und unter anderen Umständen hätte er sich sehr über ihr Gespräch gefreut, doch jedes Mal, wenn sein Blick auf Geralt fiel, der mit etwas Abstand vor ihnen ritt, spürte er, wie sich sein Magen zu einem Knäuel ballte und er musste beklommen seinen Blick abwenden. Er wusste, dass der Hexer nicht auf ihn, sondern auf sich selbst wütend war, fühlte sich für die Situation aber durchaus verantwortlich.

 

~

 

Geralt zog an den Zügeln, um der Biegung der Straße zu folgen. Er hatte kaum die Kurve passiert, als er in einiger Entfernung eine Reihe von Gebäuden ausmachen konnte. Er lächelte grimmig und freute sich, dass seine Erinnerungen ihn sicher nach Erzdorf zurückgeführt hatten.
Geralt drehte sich zu seinen Begleitern um und stellte zufrieden fest, dass sie ihm unmittelbar folgten. Er schnalzte mit der Zunge und drückte seiner Stute die Fersen in die Seiten. Plötze wechselte missmutig in einen leichten Galopp und sie überbrückten zügig die Distanz zum Dorf.
Als sie das erste Gebäude passierten, straffte Geralt die Zügel, bis das Pferd nur noch langsam trottete. Er folgte der Straße und erreichte bald ein großes Haus mit einem auffälligen Schild, dass zu Geralts Zufriedenheit einen gut gefüllten Bierhumpen zeigte.

Er stieg vom Pferd und nickte dem strohblonden, lumpigen Burschen, der sofort auf ihn zu gestolpert kam grüßend zu.
»Herr, wünscht ihr, euer Pferd im Stall unterzubringen?«, fragte der Junge hoffnungsvoll. Geralt nickte erneut, diesmal zur Bestätigung. Anschließend zeigte er auf seine Begleiter, die nun ebenfalls vor der Taverne angekommen waren und abstiegen. »Die beiden Pferde müssen ebenfalls versorgt werden. Wir brechen morgen früh gleich wieder auf«, erklärte er und drückte dem Jungen einen Stapel Kronen in die Hand. »Ich erwarte, dass die Pferde tadellos versorgt werden.«
Die Augen des Jungen begannen zu leuchten und er nickte Geralt überschwänglich zu. Eifrig ergriff er die Zügel der Pferde und führte sie so geschwind in Richtung Stall davon, dass Veit nur noch mit Mühe seine Schwerter von Lapis Sattel lösen konnte, bevor das Pferd aus seiner Reichweite verschwand. Geralt lachte leise über den Eifer des Burschen, auch wenn ihm sein Ursprung nur zu offensichtlich war. Er hatte dem Jungen vermutlich mehr Geld gegeben, als dessen Vater in einem Jahr verdienen könnte.

»Können wir?«, fragte er seine Begleiter über die Schulter hinweg. Als beide zustimmend brummten, ging Geralt zur Tür des Gasthauses und öffnete sie schwungvoll. Sofort kam ihm ein Schwall warmer, abgestandener Luft, mit den unterschiedlichen Geruchsnuancen von bäuerlichen Mahlzeiten, dünnem Bier und hart arbeitenden Menschen entgegen. Er ließ sich davon nicht aufhalten und trat selbstsicher in den Schankraum. Wie er bereits erwartet hatte, war fast das ganze Dorf hier versammelt, um gemeinsam den Tag ausklingen zu lassen.
Geralt ignorierte die skeptischen Blicke, die ihm zugeworfen wurden, vertraute darauf, dass Veit und Rittersporn ihm folgten und ging schnurstracks auf die Schanktheke zu, hinter der er den Wirt sah, wie er mit einem schmutzigen Tuch Gläser polierte.
Er war bereits fast an der Theke angekommen, als sein Blick plötzlich auf eine junge Frau gelenkt wurde, die mit einem Reisigbesen emsig den Boden kehrte. Er vermutete, dass es sich um die Tochter des Wirts handelte.
Sie hob den Kopf, als ob sie seinen Blick spürte und sah dem Hexer direkt in die Augen. Geralt stellte fest, dass sie recht hübsch war und jung genug, um noch unverheiratet zu sein. Er zwinkerte ihr lächelnd zu. Sofort wurde die junge Frau puterrot und wandte ihren Blick verschämt ab. Geralt lächelte noch etwas breiter und bekam allmählich eine Vorstellung, wie er seinen Abend gestalten könnte.

Er überbrückte die letzten Schritte zum Wirt und ließ seinen Arm schwer auf den Tresen fallen, um die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich zu lenken. Der Mann hob träge seinen dicken Kopf, starrte erst Geralt und anschließend Veit skeptisch an. Nachdem er die beiden Hexer ausgiebig gemustert hatte, folgte noch die Inspektion von Rittersporn. »Was braucht ihr?«, fragte der Mann dann schließlich durch seinen bauschigen Schnurrbart, der seinen Mund fast vollständig bedeckte und beim Sprechen zitterte.
»Hast du drei Betten frei?«, antwortete Geralt seinerseits mit einer Frage. Der Wirt nickte. »Dann die Betten für eine Nacht, drei Portionen was-auch-immer-da-kocht und reichlich Bier, um es herunterzuspülen.« Der Wirt holte Luft, um eine weitere Frage zu stellen, aber Geralt kam ihm zuvor, indem er eine weitere Handvoll Kronen auf den Tresen legte.
Die Reaktion des Mannes war nicht ganz so überschwänglich, wie die des Burschen, aber er drehte sich sofort um und brüllte in eine etwas abgewinkelte und schwer einsehbare Ecke des Schankraums: »Lisel, mach‘ drei Teller Grütze fertig und dass du mir nicht mit dem Fleisch sparst.« Er zögerte kurz. »Und dann geh in den Keller und hol‘ das gute Bier. Hörst du, Weib?« Irgendwo aus der Ecke ertönte das zustimmende Brummen einer entnervten Frauenstimme und Geralt wandte sich zufrieden seinen Begleitern zu. »Suchen wir uns einen Tisch.«

 

~

 

Ein warmer Körper schmiegte sich angenehm an ihn und erzeugte ein Gefühl von Behaglichkeit. Sanft strich Atem über seine Lippen und gelbe Katzenaugen trafen auf die seinen.

Geralt schüttelte energisch den Kopf, als ob er so die Bilder aus seinem Kopf vertreiben könnte, die ihn schon den ganzen Tag verfolgten. Er verlagerte sein Gewicht mehr auf das rechte Knie und stellte den linken Fuß auf die knisternde Matratze. Dann packte er mit beiden Händen die Hüfte der sommersprossigen Frau, zog sie noch etwas näher heran und stieß noch härter und schneller zu. Die Tochter des Schankwirts keuchte erschrocken auf und verfiel dann wieder in kurzatmiges Stöhnen, in dem gleichen Rhythmus, indem Geralt sie fickte.
Ihr Gesicht war gerötet, was ihre Sommersprossen nur noch dunkler erscheinen ließ und ihre rotblonden Haare lösten sich teilweise aus ihrer Flechtfrisur und klebten feucht an ihrem Gesicht.
Als ihre Atmung sich weiter beschleunigte, beugte Geralt sich tiefer über ihren schlanken Körper, um bei jedem Stoß noch weiter in sie einzudringen zu können.  Er rollte seine Hüfte noch ein paar Mal und die junge Frau erreichte mit einem leisen Aufschrei ihren Höhepunkt.
Er wartete, bis das Beben ihres Körpers nachgelassen hatte, dann zog er sich schnell aus ihr zurück und stand vom Bett auf, um sich zu reinigen und wieder anzuziehen.
Er hatte die Matratze grade verlassen, als sie ihre, vom Orgasmus noch immer glasigen Augen auf ihn richtete und eine Hand nach ihm ausstreckte. Da sie ihn nicht erreichen konnte, streckte sie ihm gleich darauf auch den zweiten Arm wie eine Einladung entgegen. »Willst du nicht bleiben?«, fragte sie und versuchte die Schüchternheit in ihrer Stimme zu verbergen.
Geralt drehte sich nicht zu ihr um, schüttelte aber den Kopf, während er in seine Hose stieg. »Ich breche morgen früh wieder auf und brauche schlaf.« Er wusste, dass die Ausrede so billig klang, wie sie ja letztendlich auch war, aber im Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als so schnell wie möglich aus diesem Zimmer zu verschwinden und die Frau nie wieder ansehen zu müssen. Er warf sich sein Hemd über und ohne sich die Zeit zu nehmen es zu schließen, drehte er sich ein letztes Mal zu der Wirtstochter um.
Ihm wurde plötzlich klar, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, nach ihrem Namen zu fragen. Nun sah er aber auch keinen Grund mehr dafür. »Schlaf gut«, verabschiedete er sich ziemlich ruppig und stürmte aus dem winzigen Zimmer, ohne ihr enttäuschtes nicken überhaupt wahrzunehmen.

Eigentlich wollte Geralt sofort in den Raum, indem Veit und Rittersporn bereits friedlich schliefen, doch er fühlte sich noch nicht wieder bereit, sich den anderen anzuschließen. Also ging er stattdessen mit leisen Schritten durch den finsteren Flur und den inzwischen leeren Schankraum, bis er durch die Tür nach draußen, in die kalte und feuchte Nachtluft kam.
Seufzend ließ der Hexer die Tür hinter sich zufallen, trat einen Schritt zur Seite und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, während er sein Gesicht frustriert in den Händen verbarg. Das Hochgefühl, das er normalerweise nach dem Sex hatte, wollte sich nicht einstellen. Stattdessen machte sich eher eine leichte Übelkeit in seinem Magen breit.
Er bedauerte, dass er so ablehnend zu der Frau gewesen war, aber er konnte ihre Nähe einfach nicht mehr ertragen.

Langsam rutschte Geralt an der Wand herunter, bis er zusammengekauert auf dem schmutzigen Boden saß. Als er am frühen Abend die Taverne betreten hatte und sein Blick auf die Frau fiel, überkam ihn die Hoffnung sich damit etwas abzulenken, wenn er mit ihr das Bett hüpfen ließe. Zufrieden stellte er auch schnell fest, dass sie ihm keineswegs abgeneigt war und sich nicht lange bitten lassen musste. Umso frustrierender war es für Geralt, als er dann sehr schnell zu der Erkenntnis gelangte, dass sie ihm keine Freude bereiten konnte.
Er war rasch dazu übergegangen sie einfach mechanisch zu ficken und konnte nur dankbar dafür sein, dass sie recht schnell gekommen war. Seine driftenden Gedanken verstörten ihn und er wollte die Sache beenden, ohne Rücksicht auf seinen eigenen Orgasmus zu nehmen.

Geralt holte tief Luft, hielt den Atem kurz an und stieß ihn kräftig aus, während er seine Beine ausstreckte und die Fäuste ballte. Die Unzufriedenheit, die er den ganzen Tag über gespürt hatte, machte sich wieder bemerkbar. Geralt seufzte stumm und dachte zurück an die Ereignisse der letzten Nacht.

 

 

Mit Einbruch der Dunkelheit hatten sie die äußerste Region im südlichen Velen erreicht. Da die nächsten Siedlungen, die eine Möglichkeit zum komfortablen Übernachten boten, sich immer mindestens eine Tagesreise in jeder Richtung entfernt befanden, hatten sie sich entschlossen, die Nacht auf der Straße zu verbringen.
Veit war ein kleiner natürlicher Erker aus Bäumen, Felsen und Gestrüpp aufgefallen, der ihnen etwas Schutz bieten konnte und die drei Männer bezogen dort ihr Nachtquartier. Trotz Windschutz und dem kleinen Feuer, an dem sie ihre letzte Mahlzeit des Tages aufgewärmt und verzehrt hatten, wurde es schnell bitterkalt. Die feuchte Luft kroch in ihre Kleidung, legte sich auf ihre Haut und die Männer wickelten sich eng in ihre Decken bevor sie sich, in der Hoffnung schnell schlaf zu finden, dicht nebeneinanderlegten.
Als die Nacht von den ersten Strahlen der Sonne und dem übermütigen Gezwitscher der Vögel vertrieben wurde, erwachte Geralt langsam. Seine Augen waren noch geschlossen und er fühlte sich behaglich und trotz der frühen Morgenstunden, angenehm warm. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis ihm klar wurde, dass die Wärme von dem Körper herrührte, der sich dicht an ihn presste und über den er selbst im Schlaf einen Arm gelegt hatte.
Der Hexer war in seinem Leben so häufig gezwungen in der kalten Nacht auf der Straße zu schlafen, dass er wusste, dass man instinktiv nach einer Möglichkeit suchte sich zu wärmen. Da er bei verschiedenen Gelegenheiten, mit anderen reiste, war ihm diese Situation nicht allzu fremd und beunruhigte ihn nicht.
Zumindest beunruhigte sie ihn nicht, bis er seine Augen langsam öffnete und er in das entspannte Gesicht von Veit sah, der sich schlafend an ihn kuschelte.
Er erstarrte, während der warme Atem des Mannes sanft über sein Gesicht strich und ein prickeln auf seinen Lippen hinterließ. Er beobachtete mit angehaltenem Atem, wie die Augenlider des Mannes erst flatterten und sich dann langsam öffneten. In dem Moment, indem ihre Augen sich trafen, hatte Geralt das Gefühl, dass eine unsichtbare Hand seinen Magen ergriff und ihn ohnmächtig in die Tiefe zog.
Er atmete keuchend aus, als wäre jemand auf seinen Brustkorb gesprungen und ihm wurde schwindelig, während ihn eine Welle von euphorischem Hochgefühl, ausgehend von seiner Körpermitte, pulsierend durchfuhr. Das Kribbeln, welches dieser Welle folgte, setzte sich von seinen Armen und Beinen bis in seine Fingerspitzen und Zehen fort, wo es einen Moment verharrte und dann ganz gemächlich verblasste. Veits Lippen übten auf einmal eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, sie öffneten sich leicht und zwangen ihn sich mit seinen eigenen langsam zu nähern.
»VERDAMMTE KÄLTE!«

Geralt rutschte abrupt von Veit weg und sprang auf die Beine, um so schnell wie möglich Distanz zwischen sich und dem anderen Mann zu bringen. Rittersporns Fluchen und Schnauben hatte den Zauber ziemlich plötzlich gebrochen und ihn realisieren lassen, was er gerade zu tun gedachte.
Er ignorierte das Gejammer des Barden, der in seinem Deckenhaufen saß und sich bemühte noch tiefer darin zu verkriechen, dann ging er mit zitternden Knien in Richtung des kleinen Baches davon.
Nach ein paar Schritten blieb Geralt noch einmal stehen und drehte sich mit eckigen Bewegungen zu Veit um. Der dunkelhaarige Hexer lag noch immer auf dem Boden, hatte aber seinen Oberkörper etwas angehoben, indem er sich auf die Ellenbogen stützte. Er sah Geralt mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Verwirrung und einem winzigen, fast unsichtbaren Lächeln direkt an. Irritiert drehte Geralt sich wieder um und setzte fast hysterisch seinen Weg zum Bach fort.
Dort angekommen entledigte er sich rasch seiner Rüstung, riss sich das Hemd vom Körper und tauchte mit dem Kopf voran bis zum Bauch in das eiskalte Wasser.
Er blieb dort ein paar Sekunden, ließ die Kälte in sich eindringen und richtete sich erst dann wieder auf.
Ein kalter Windstoß ließ ihn Schaudern, aber er ignorierte diese Empfindung. Sein Kopf wurde allmählich wieder klar, seine Gedanken ordneten sich und nach einigen Minuten hatte Geralt sich so weit gefasst, dass er das vorangegangene Ereignis nüchtern betrachten konnte. Er verzichtete darauf, sich allzu genau die Situation ins Gedächtnis zu rufen, da sich sofort wieder ein beklommenes Gefühl in seinem Magen bemerkbar machte. Stattdessen ging er also direkt dazu über, Erklärungen zu finden.
Die plausibelste, wenn auch nicht befriedigendste Erklärung fand Geralt in der unglücklichen Mischung aus der kalten Nacht, seiner langen Abstinenz, Veits ständigen flirtversuchen und der Tatsache, dass er in dem Moment ja praktisch noch am Schlafen war.
Er betete nur, dass Rittersporn nichts davon mitbekommen hatte. Womöglich hätte er die Situation falsch interpretiert und in Kürze würde von Novigrads Bühnen eine weitere verdrehte und viel zu private Ballade über ihn schallen.

Er ging ein weiteres Mal auf die Knie und tauchte wieder in den Bach ein, dann drückte er das Wasser aus seinen Haaren und strich sich möglichst viel davon von seiner Haut, bevor er wieder in sein Hemd schlüpfte.
Als er einige Zeit später wieder in ihr Lager zurückkehrte, war inzwischen auch der Barde auf den Beinen und befestigte missmutig eine Decke an Pegasus Sattel.
Veit hockte vor dem Feuer und zerbrach kleine Zweige, um es wieder anzufachen. Er blickte auf und schenkte Geralt ein Lächeln, das sehr schnell unsicher wurde und dann ganz verschwand, als der Hexer ohne ein Wort an ihm vorbeiging, um etwas Brot und Käse aus Plötzes Satteltaschen zu nehmen.
Er schwieg weiter, als er beiden Männern etwas von der Mahlzeit in die Hand drückte und sich abgewandt auf einen kleinen Felsen setzte, um zu essen.

Erst als Veit einige Minuten später aufstand, um sein eigenes Pferd zu satteln, erlaubte er sich wieder, den Mann zu betrachten. Während der Hexer mit den Lederriemen hantierte, konnte Geralt hin und wieder unbemerkt sein Gesicht betrachten.

Kurze Zeit darauf folgten die drei Männer wieder der schlammigen Straße. Rittersporn plauderte fröhlich, doch in Geralts Kopf war für nichts Platz, als der hartnäckigen Erinnerung an ein Paar trauriger, gelber Katzenaugen.
Unzufriedenheit machte sich in ihm breit, während er vor sich hin brütete und sie verstärkte sich mit jedem weiteren Gedanken daran. Missmutig zerrte Geralt an den Zügeln, um Plötze wieder in die Mitte der Straße zu lenken und hoffte inständig, dass sie vor Einbruch der Nacht Erzdorf erreichen würden. Er brauchte Bier. Bier und eine Frau.

 

 

Eine Eule flog über die Taverne und riss Geralt mit einem leisen huhuuu aus seinen Gedanken. Der Boden und die Luft waren kalt und feucht und ließen ihn unbehaglich fühlen. Er regte sich sacht und mit einem scharfen Schmerz, der sein Bein durchfuhr, machte sich seine alte Knieverletzung wieder bemerkbar.
Missmutig rappelte Geralt sich auf und öffnete die Tür zum Schankraum. Es war an der Zeit endlich schlafen zu gehen und er nahm sich vor am nächsten Tag nicht mehr über diese und die vorangegangene Nacht nachzudenken. Rittersporn war mit einem ernsten Anliegen an ihn herangetreten und verdiente seine Aufmerksamkeit. Dazu kam, dass ihn Veit, der ihm ein so guter Freund geworden war, aus purem Altruismus begleitete und nun unter seinem kindischen Verhalten zu leiden hatte. Geralt kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass er nicht zum ersten Mal aufgrund emotionaler Unsicherheit in reflexartiges Schmollen verfiel. Und unabhängig von allem, was Veit sagte oder tat, gab es wirklich keinen Grund sich an dem Hexer abzureagieren.

Geralt zog die Tür leise hinter sich ins Schloss und wollte sich auf den Weg zu seinem Bett machen, als er aus den Augenwinkeln eine kleine Bewegung in der Dunkelheit bemerkte. Er griff nach seinem Stahlschwert, während er herumwirbelte, stellte aber fluchend fest, dass seine Hand nur die Luft durchschnitt. Ihm fiel siedend heiß ein, dass seine Schwerter bereits auf seiner schmalen Bettstatt lagen.
Nur einen Moment später entspannte er sich aber wieder, als er die Ursache für die Bewegung erkannte. Veit lehnte mit überkreuzten Beinen und überschlagenen Armen an einer Wand und beobachtete ihn stumm.

Die beiden Männer starrten sich einige Augenblicke an und Geralt fühlte sich mit jeder Sekunde, die verstrich immer unwohler. »Ich dachte, du schläfst schon«, durchbrach er schließlich die unangenehme Stille.
»Ich war abgelenkt«, antwortete Veit einsilbig und stieß sich von der Wand ab. Geralt musste den Drang unterdrücken rückwärts auszuweichen, als der Hexer auf ihn zukam. Veit blieb erst stehen, als er sich direkt vor ihm befand und bedachte ihn mit einem durchdringenden, aber unleserlichen Ausdruck. Geralt überkam das unangenehme Gefühl, dass er unter seinem Blick immer weiter schrumpfte. Er wusste nicht, was genau der Auslöser für seine ungewohnte Reaktion war, aber er kam sich auf beängstigende Weise ausgeliefert vor. Dann aber sackte Veit plötzlich ein bisschen in sich zusammen und sein Ausdruck wurde wieder weicher und bekam dieselbe traurige Note, die er schon am Morgen gezeigt hatte.
»Hat es geholfen?«, fragte er unvermittelt. Geralt zog verdutzt die Augenbrauen zusammen und blickte ihn fragend an. »Hat es geholfen?«, wiederholte Veit noch einmal. »Fühlst du dich jetzt besser?«, ergänzte er. Geralt überlegte, worauf der andere Hexer anspielte, fand aber keine Antwort. »Was genau meinst du?«, fragte er schließlich. Er konnte sehen, dass Veit kräftig die Zähne zusammenbiss und die Muskeln an seinem Kiefer spannten sich an. Es schien ihn einiges an Überwindung zu kosten, weiterzusprechen. »Ich will wissen, ob du dich jetzt besser fühlst, nachdem du die Wirtstochter gefickt hast.«
Geralt zuckte zusammen, als wäre er geschlagen worden und ihm stieg die Röte ins Gesicht. Seine Abenteuer waren ihm in der Vergangenheit nie unangenehm, aber aus irgendeinem Grund schämte er sich dafür, dass Veit sein Tête-à-Tête mitbekommen hatte. Er verlagerte sein Gewicht auf den anderen Fuß, um seine Unbehaglichkeit zu überspielen, während er nachdachte.

Er dachte daran, dass er sich erst vor einem Moment vorgenommen hatte, die Ereignisse hinter sich zu lassen und wieder er selbst zu sein. Also nickte Geralt leicht und wollte Veit seine ziemlich direkte Frage bestätigen, um das Thema abzuhaken. Aber als er in die Augen des Mannes sah, geriet er ins Stocken. »Nein«, flüsterte er stattdessen leise, ohne wirklich zu wissen, was er tat. »Es war furchtbar.«

Veit schloss die Augen, atmete tief durch und lehnte sich etwas zurück.
Langsam öffnete er die Augen wieder und sah ihn wehmütig an. Schließlich hob er eine Hand und legte sie sanft an Geralts stoppelige Wange. Mit seinem Daumen streichelte er das Gesicht des Hexers, während er sich langsam vorbeugte. Geralt wusste, dass der Mann ihm Gelegenheit geben wollte, sich zurückzuziehen, aber sein Körper gehorchte nicht und ihm blieb nichts, als abzuwarten bis ihre Lippen sich trafen.

Die Berührung war süß, zärtlich und beinahe unschuldig und löste ein Gewitter von unterschiedlichsten Emotionen aus, die in so schneller Folge wechselten, dass sein Gehirn aus Selbstschutz einfach den Dienst einstellte.
Er wusste, dass er ihn eigentlich wegstoßen und sich über diese Geste empören sollte, aber das warme Gefühl in seinem Magen ließ ihn wieder schwindelig werden und sein Kopf füllte sich mit einem Nebel, der jede Logik verdrängte.
Als sie sich nach einer Ewigkeit, die viel zu schnell vergangen war, voneinander lösten, hatte Geralt Mühe sich auf den Beinen zu halten. Sein Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren und er musste sich zwingen regelmäßig zu atmen.
Seufzend trat Veit einen Schritt zurück, um Distanz zwischen ihnen zu schaffen und lächelte Geralt traurig an. »Sag mir einfach, wenn du dafür bereit bist. Ich werde warten.«

Es dauerte etwas, bis Geralts Verstand die Ereignisse aufgeholt hatte und ihn zumindest ansatzweise ins Hier und Jetzt zurückholte. Als es so weit war, stellte er verdutzt fest, dass Veit nicht mehr vor ihm stand.
Mechanisch setzte er sich in Bewegung und seine Beine trugen ihn in den Gästeraum. Er schlängelte sich zwischen den anderen Betten hindurch, bis er zu seinem eigenen kam. Seine Hände übernahmen selbstständig das Entfernen seiner Kleidung und er legte sich unter die kratzige Decke.
Sein ganzer Körper fühlte sich taub an, sein Kopf war wie in Watte gepackt. Die ganze Welt war irgendwie verrückt und alles um mindestens einen Meter verschoben.
Langsam strich sich Geralt mit den Fingern über seine Lippen. Er drehte seinen Kopf zur Seite und spähte in die Dunkelheit, wo er in einiger Entfernung Veit auf seiner Bettstatt liegen sehen konnte.
Der Hexer atmete ruhig und gleichmäßig, aber das Leuchten seiner Augen verrieten, dass er Geralt seinerseits beobachtete. Geralt drehte den Kopf zurück und starrte an die Decke. Er hatte nicht mehr die Kraft, über die Geschehnisse nachzudenken, stattdessen konzentrierte er sich auf die Atemgeräusche und das leise Schnarchen von Rittersporn.
Es würde eine verdammt lange Nacht werden.

 

~

 

Rittersporn erwachte, als die Frau des Wirtes geräuschvoll die Tür aufriss, um sie zu informieren, dass das Frühstück fertig ist. Die Tatsache, dass Lindental nun in greifbarer Nähe lag und auch das Knurren seines Magens ließen ihn ausnahmsweise vergessen, wie sehr er frühes Aufstehen hasste. Er warf die Decke ab und schwang die Beine vom Bett.
Ein stechender Schmerz in der Schulter verriet ihm, wie durchgelegen und billig die Matratze war, auf der er genächtigt hatte. Er legte sich eine Hand auf die Schulter und ließ seinen Arm kreisen, dabei fiel sein Blick auf Geralt, der sehr zu Rittersporn Verwunderung immer noch schlief. Er stand auf und ging zu dem Hexer hin. Als er ihn sanft an der Schulter berührte, zuckte der Mann so stark zusammen, dass Rittersporn erschrocken einen Satz nach hinten machte. »Ist alles in Ordnung?«, fragte der Barde mit gerunzelter Stirn.
Geralt starrte ihn benommen an, dann warf er einen Blick auf Veit, der sich gerade seine Stiefel anzog und ihnen den Rücken zukehrte. Der Hexer seufzte und strich sich fahrig mit der Hand durch das Gesicht. »Schlecht geschlafen«, brummte er schließlich. Rittersporn zuckte mit den Schultern und schluckte einen Spruch über Geralts Alter herunter. Sein Freund sah im Moment nicht aus, als ob sein Sinn für Humor mit ihm aufgewacht war.
Der Barde griff nach seinem Wams. »Los, beeilen wir uns. Wenn wir uns ranhalten, schaffen wir es bis zum Nachmittag nach Lindental.«

 

 

Das Frühstück verlief in jeder Hinsicht ereignislos. Der Getreidebrei war genießbar, wenn auch nichts, was Marlene jemals einem Gast zugemutet hätte und die Atmosphäre war ruhig. Außer den drei Männern war nur der Wirt und seine Frau anwesend, seine Tochter ließ sich nicht blicken und war vermutlich irgendwo mit dem Waschen von Wäsche oder dem Putzen von Gemüse beschäftigt.

Zu Rittersporns Zufriedenheit, bemerkte er, dass Geralt, trotz seiner offensichtlichen Übermüdung wieder etwas lebhafter war und er die Brüterei des vergangenen Tages eingestellt hatte. Es kam ihm jedoch ein paar Mal so vor, als würde Geralt dem Blick des anderen Hexers ausweichen, aber der Barde tat dies als Einbildung ab, als Geralt, nachdem sie ihre Schüsseln geleert hatten, aufstand und ihnen mit einem freundschaftlichen Schulterklaps den Aufbruch signalisierte.

Veit nickte ihm zu und verließ direkt den Gasthof, um die Pferde zu holen.
Geralt hatte bereits sein Gepäck gegriffen, ging aber noch einmal auf den Wirt zu, der wieder den angestammten Platz hinter der Theke eingenommen hatte. »Gab es in den letzten Tagen eigentlich irgendwelche Angriffe hier in der Gegend?«, wollte Geralt von dem Mann wissen. Rittersporn legte den Kopf schief und lauschte gespannt auf die Antwort. Der Wirt räusperte sich geräuschvoll. »Meine Schwester wohnte mit ihrem Mann weiter nördlich. Knapp eine Tagesreise von hier entfernt. Vor zwei Tagen sind sie hier durchgekommen. Wollen raus aus Velen. Sie sagte, die Monster hätten weiter im Westen wieder ein paar Familien gemeuchelt.« Er machte kurz Pause und dachte nach. »Ihr habt Glück, dass ihr jetzt hierhergekommen seid. Mein Weib liegt mir seit Tagen in den Ohren, dass sie auch weg möchte.« Er seufzte. »Aber wohin sollen wir den fliehen?«, fügte er bitter an.
Geralt nickte verständnisvoll. Er zog noch eine Münze aus der Tasche und drückte sie dem Mann kommentarlos in die Hand. Dann gab er Rittersporn einen Wink und schickte sich an den Gasthof zu verlassen. Kurz bevor er die Tür erreicht hatte, sprach ihn der Mann noch mal an. »Sag mal Hexer, seid ihr eigentlich hier, um die Monster zu erledigen?«, wollte er wissen und in seiner Stimme schwang ein Hauch von Hoffnung mit.
»Wir wollen es zumindest versuchen«, entgegnete Geralt und verschwand durch die Tür.

 

 

Das Wetter war für Velener Verhältnisse recht angenehm, die Pferde sichtlich erfreut über die Pause in einem Stall und sie kamen auch weiterhin gut voran. Rittersporn hatte seine Laute ausgepackt und zupfte sanft an den Seiten, während sie miteinander scherzten. Nur gelegentlich wurde ihre Stimmung getrübt, wenn ein einzelner ausgemergelter Wanderer oder eine zerlumpte Familie, die Handkarren hinter sich herzogen, an ihnen vorbeiging und ihnen verängstigte Blicke zuwarfen.
Ein paar Mal hatte Geralt versucht, die Leute anzusprechen, aber keiner von ihnen antwortete. Sie beschleunigten nur ihre Schritte und verschwanden schnell außer Rufweite.
»Man könnte meinen sie fliehen vor dem Krieg«, sagte Veit mit zusammengezogenen Augenbrauen, während er einem weiteren Pärchen nachblickte, dass vor ihnen Reißaus nahm. »Ich habe euch gesagt, dass die Menschen in Panik sind«, erwiderte Rittersporn. »Ich hoffe nur, dass Lindental nicht inzwischen auch schon heimgesucht wurde.«
Geralt hob beschwichtigend die Hand. »Es ergibt nicht viel Sinn, sich darüber jetzt den Kopf zu zerbrechen. In ein paar Stunden sind wir da, dann wissen wir mehr. Bis dahin hoffen wir das Beste.« Die anderen nickten.
»Wir sollten uns am Wasser halten, die Wege sind hier inzwischen so verschlungen, dass wir womöglich einen Umweg reiten, wenn wir der Straße folgen«, ergänzte Geralt und lenkte Plötze gemächlich weiter nach Westen.

Sie ritten weiter, bis sie an das Ufer des Sees kamen und folgten seinem Lauf in Richtung Norden. Kurz vor dem Mittag konnte Geralt in einiger Entfernung eine kleine Insel ausmachen. Er erinnerte sich, schon einmal hier gewesen zu sein und freute sich darüber, dass seine Erinnerung ihn auch diesmal nicht in die Irre führte.
Als sie einige Zeit später auf der gleichen Höhe mit der Insel waren, brachte Rittersporn plötzlich Pegasus zum Stehen. »Sagt mal, wohnt da jemand?«, fragte der Barde und deutete mit einer Hand auf das kleine Stück Land.
Verwundert zog Geralt an den Zügeln und Plötze blieb stehen, während er in die Richtung sah, in die Rittersporn deutete. Er kniff die Augen zusammen und konnte ein heruntergekommenes Gebäude auf der Insel ausmachen. Ein ganzer Schwarm Krähen schien sich dort heimisch zu fühlen und kreisten, in der Entfernung kaum sichtbar, um die Hütte. Geralt wollte sich grade wieder zu Rittersporn umdrehen, um ihm mitzuteilen, dass dort vermutlich niemand lebt, als in einem der Fenster plötzlich ein schwaches Licht, wie von einer Kerze aufblitzte, bevor es gleich darauf wieder verschwand.
Verblüfft warf er einen Blick zur Seite und Veit bestätigte ihm mit einem Nicken, dass er das Licht ebenfalls gesehen hatte. »Vielleicht ein Flüchtling?«, spekulierte der dunkelhaarige Hexer.
»Der wäre aber nicht sehr weit geflohen«, erwiderte Geralt. Rittersporn schauderte, ehe er sich an die Hexer wandte. »Ich habe ein merkwürdiges Gefühl bei der Sache, lasst uns lieber weiterreiten.« Geralts Neugierde war geweckt, aber Rittersporn hatte recht, denn sie wurden erwartet und er nickte ihm bestätigend zu. Er griff nach den Zügeln, als eine heftige Windböe das hohe Gras am Ufer auseinander drückte und ein kleines Ruderboot zum Vorschein kam.
»Wartet kurz«, hielt er die anderen dann doch noch einmal auf. Er biss sich grübelnd auf die Lippe, während ihn seine Begleiter fragend ansahen. »Geralt, wir sollten wirklich weiter«, meldete sich nun auch Veit zu Wort. Wieder nickte er. »Ich weiß, aber irgendetwas ist seltsam an der Sache«, meinte er zögerlich. Er beobachtete noch einen Moment die Krähen, die ihre Kreise zogen und traf dann eine Entscheidung. »Machen wir ein paar Minuten rast, die Pferde werden es uns auch danken. Sucht eine seichtere Stelle am Wasser und lasst sie trinken. Ich werde mich in der Zeit mal dort drüben umsehen«, erklärte Geralt bestimmt. Rittersporn wollte protestieren, aber der Hexer unterbrach ihn. »Ich bin in ein paar Minuten wieder da, dann brechen wir auf. Ich will nur wissen, wer dort drüben wohnt.« Der Barde brummte etwas Unverständliches in seinen sauber gestutzten Bart, erhob jedoch auch keine Einwände mehr.
Geralt schwang sich von Plötze, band die Schwerter vom Sattel los und reichte Veit die Zügel. »Bin gleich wieder da«, wiederholte er noch einmal, dann ging er vorsichtig über den unebenen, von fast schulterhohem Gras bedeckten Boden, zu der Stelle an dem das Boot vertäut war. Eine kurze Inspektion zeigte ihm, dass das Boot zwar in schlechten Zustand, aber vermutlich noch ausreichend seetüchtig war, um ihn trocken auf die andere Seite zu bringen. Er löste das Tau von dem halbvermoderten Pfahl und sprang hinein. Die Bank knarrte unter seinem Gewicht, hielt aber stand, als er sich setzte und die Skulls ergriff. Er drückte sich vom Ufer ab und ruderte mit kräftigen Schlägen auf die Insel zu.

Es dauerte nicht lange, bis er nahe genug an der Insel war, um den kleinen verfallenen Steg ausmachen zu können und direkt darauf zuzuhalten. Geschickt manövrierte er das kleine Boot heran und warf dann das Tau über einen der Pfähle. Er warf einen skeptischen Blick auf das morsche Holz des Stegs und entschied sich sicherheitshalber mit einem weiten Satz direkt an das Ufer zu springen. Er landete fast lautlos auf dem erdigen Boden, scheuchte aber dennoch ein paar Krähen auf, die laut krächzend davon stoben.
Geralt zog leise sein Stahlschwert halb aus der Scheide, aber als ihn ein mulmiges Gefühl überkam, steckte er es zurück und griff stattdessen zum Silberschwert.
Sachte setzte er einen Fuß neben den anderen, bereit sich zu verteidigen, während er sich der ziemlich heruntergekommenen Hütte – fast schon Ruine, näherte.

Ohne die Hütte allzu lange aus den Augen zu lassen, sah er sich auf dem kleinen Stück Land um und machte eine schnell abgeschlossene Bestandsaufnahme, dessen was er sah. Außer dem Gebäude und dem Steg, gab es dort nur struppiges Gebüsch, kleine verkrüppelte Bäume und ein paar magere Beerensträucher. Einzig die recht üppige Alraunenpopulation war bemerkenswert.
Geralt erreichte die Tür der Hütte und drückte sie sacht mit der linken Hand auf, während er in der rechten sein Schwert bereithielt. Das Innere war in der Tat von einer schon fast ganz heruntergebrannten Kerze erhellt, die aber nun auf dem Boden stand und somit von außen nicht mehr sichtbar war.
Geralt ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Neben der Kerze gab es weitere Anzeichen für einen Bewohner. An mehreren Stellen hingen Kräuterbündel zum Trocknen, aber noch so frisch, dass sie erst vor Kurzem dort aufgehängt sein konnten. In einer Ecke stapelten sich mehrere Alraunenwurzeln und daneben stand ein Bett, auf dem einige Decken lagen und dass offensichtlich vor nicht allzu langer Zeit benutzt wurde.
Eine Bewegung in der gegenüberliegenden Ecke zog Geralts Aufmerksamkeit blitzschnell auf sich. Ein Mann stand mit dem Rücken zu ihm, vor einem niedrigen Tisch und füllte konzentriert verschiedene Pulver in kleine Fläschchen. »Ich habe mich schon gefragt, wann du endlich hier sein wirst, mein Freund.«
Geralt ließ beinahe sein Schwert fallen. »Regis?«, fragte er ungläubig.

 

~

 

Lachend schloss Geralt seinen alten Freund in die Arme. Der Vampir erwiderte die Geste nicht weniger herzlich. Als sie einen Augenblick später wieder zurücktraten, schossen Dutzende Fragen durch Geralts Kopf und er versuchte, eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge aufzubauen. »Was machst du hier?«, fragte er noch immer mit breitem Grinsen. »Ich dachte, du hockst irgendwo weit fern jeder Zivilisation und leistest Dettlaff Gesellschaft.«
Regis eigenes Grinsen nahm für einen Moment einen etwas gequälten Ausdruck an. »Das habe ich auch getan. Es dauerte zwar eine Weile, bis ich in der Lage war ihn zu finden. Und bedauerlicherweise legt er nicht viel Wert auf meine Gesellschaft.« Er wackelte ein wenig traurig mit dem Kopf. »Meine Verpflichtung ihm gegenüber ist aber dennoch eindeutig.« Er machte eine kurze Pause. »Ich hätte ihn auch nicht verlassen, wenn mir nicht einer meiner Raben verraten hätte, dass du wieder einmal vorhast dich kopfüber in eine Vampirangelegenheit zu stürzen.«
Geralt schmunzelte kopfschüttelnd. »Der Vogel war also wirklich von dir. Überwachst du mich eigentlich ständig?« Regis lächelte ein wenig beschämt, ehe er antwortete. »Deine Gesundheit liegt mir sehr am Herzen, mein Freund. Ich wäre untröstlich würde dir, während meiner Abwesenheit, etwas zustoßen.« Geralt blickte verlegen auf den Boden, bevor er zu einer nächsten Frage überging. »Du weißt also von den Angriffen? Hast du schon irgendwelche genaueren Anhaltspunkte?«, fragte er und stockte dann erschrocken. »Moment, wir wissen, dass es sich um ein Rudel von verschiedenen niederen Vampiren handelt. Bedeutet das...?« Regis unterbrach ihn mit einem Wink seiner schlanken Hand. »Dettlaff ist nicht involviert. Das versichere ich dir. Er befindet sich noch immer in Nazair und verspürt nicht den geringsten Wunsch, sich in irgendeiner Form mit Menschen zu befassen. Was die Vampire angeht, so fürchte ich, ich weiß nicht mehr als du. Ich bin selbst erst vor zwei Tagen hier angekommen«, erklärte er, während er mit einer kreisenden Bewegung seiner Hand auf die Hütte deutete. Dann ging er durch den Raum auf das Bett zu und zog unter der Decke seine Tasche hervor, schlug sie auf und begann die Fläschchen hineinzustecken.
»Wir werden gleich noch Gelegenheit für ein ausgiebiges Schwätzchen haben. Ich schlage also vor, dass du schon einmal zu Rittersporn und deinem faszinierenden neuen Freund zurückkehrst. Ich packe derweil meine Sachen und schließe mich euch in Kürze an.«
Geralt verschränkte grinsend seine Arme. »Du bist reichlich gut informiert dafür, dass dir nur an meiner Sicherheit liegt.«

 

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Rittersporn sprang auf, als Geralt wieder am Ufer anlegte. Er wedelte theatralisch mit den Armen. »Geralt, warum hat das so lange gedauert?«, wollte der Barde wissen, ließ dem Hexer jedoch keine Möglichkeit zu antworten, bevor er fortfuhr. »Was hast du entdeckt?« Geralt grinste breit, antwortete jedoch noch nicht. Er sah sich suchend um und fragte dann seinerseits: »Wo ist Veit?«
Rittersporn deutete über seine Schulter. »Musste sich in die Büsche schlagen. Also was war da drüben?« Geralt nickte und sagte dann mit triumphierender Stimme: »Niemand anderes, als unser alter Freund Regis.«
Rittersporn riss verblüfft die Augen auf und versuchte etwas zu sagen, aber es blieb bei dem Versuch. Geralt grinste amüsiert, verstand die Reaktion aber nur zu gut. Er war selbst sehr erfreut seinen Freund wieder bei sich zu haben. Nach der langen Zeit, in der er ihn nur schmerzlich vermissen konnte, war er aber noch gar nicht imstande, das ganze Ausmaß seiner Emotionen, die seine Rückkehr auslösten, zu erfassen.

Rittersporn fasste sich, aber bevor er etwas erwidern konnte, bemerkten die beiden Männer einen grauen Nebelfetzen, der sich rasch und gegen den Wind über das Wasser auf sie zubewegte. Das noch immer überraschte Gesicht des Barden, nahm einen immer freudigeren Ausdruck an, als der Vampir sich vor ihnen materialisierte. Rittersporn lachte glücklich auf und trat vor, um den Mann in eine freundschaftliche Umarmung zu ziehen. »Es tut gut dich wiederzusehen, Regis. Und ich bin hocherfreut, dass du uns bei diesem Abenteuer zur Seite stehst«, erklärte Rittersporn und klopfte ihm auf die Schulter. Regis lächelte und hakte seine Finger auf Schulterhöhe in den Riemen der Tasche. »Das geht mir ganz genauso, mein lieber Rittersporn.«

Knackende Zweige veranlassten die drei Männer, ihre Köpfe zur Seite zu drehen. »Ah, der Letzte im Bunde«, meinte Regis eulenhaft.
Veit stolperte aus der Vegetation und zupfte sich einen hartnäckigen Zweig aus seinen Haaren. Als er aufblickte und drei, statt der erwarteten zwei Männer vor sich stehen sah, blieb er abrupt stehen. Er musterte den Neuankömmling für einen Moment, der ihn seinerseits nicht weniger interessiert ansah.
»Veit, das ist mein guter Freund Emiel Regis Rohellec Terzieff-Godefroy«, stellte Geralt den Vampir umständlich vor. Regis verbeugte sich leicht und lächelte den Hexer mit geschlossenem Mund an. Zu Geralts Überraschung erwiderte Veit nichts, sondern starrte einfach weiter. Für eine ganze Weile, tat der Hexer nichts anderes, als Regis von Kopf bis Fuß zu mustern und jedes Detail von ihm in sich aufzunehmen.
»Veit?«, fragte Geralt schließlich beunruhigt, als noch immer keine Reaktion erfolgte.
Mit einem Mal sprang der dunkelhaarige Hexer vor, überbrückte blitzschnell die Distanz zwischen ihnen, zog sein Silberschwert und hielt es Regis mit einem eiskalten Lächeln auf den Lippen, an die Kehle. Rittersporn schrie erschrocken auf. »Und was hat ein Vampir mit einem Hexer zu schaffen?«, wollte Veit wissen. Regis zuckte nicht mit der Wimper, während ihn der Mann mit seiner Waffe bedrohte.
Geralt und selbst Rittersporn japsten erschrocken nach Luft und bemühten sich zwischen den Hexer und dem Vampir zu kommen. »Ich versichere dir, er ist ein Freund und ganz sicher keine Bedrohung«, beeilte er sich, zu erklären und legte eine Hand auf Veits Klinge, um sie sanft wegzudrücken. Der Barde nickte heftig mit dem Kopf, um Geralt zu bestätigen. »Er trinkt schon seit ewigen Zeiten kein Blut mehr und wir schulden ihm bei vielen Gelegenheiten unser Leben«, ergänzte er.
Regis senkte verlegen den Blick. Es schmeichelte ihm, dass seine Freunde so bereit waren, ihn zu verteidigen.

Veit blickte erst Geralt, dann Rittersporn und schließlich wieder Regis an. Er überlegte einen Moment, holte dann tief Luft und steckte sein Schwert elegant zurück in die Scheide auf seinem Rücken, während er sein Gewicht wieder gleichmäßig auf beide Füße verlagerte.
»Also gut«, sagte er an Geralt gewandt. »Ich vertraue auf dein Urteil, bis ich mir ein Eigenes gebildet habe.« Dann wandte er sich erneut Regis zu und legte sich eine Hand auf die Brust. »Ich bin Veit. Ich bin erfreut einen weiteren Freund von Geralt kennenzulernen.« Er deutete eine leichte Verbeugung an, die von Regis erwidert wurde. »Die Freude ist ganz meinerseits.«

 

 

Sie setzten ihre Reise nach Lindental fort und die Siedlung kam allmählich in Reichweite.
Regis schlug Geralts Angebot aus, mit ihm zusammen auf Plötze zu reiten und lief stattdessen mühelos zu Fuß neben ihnen her. Während sie weiter dem Ufer folgten, plauderten sie fröhlich. Regis berichtete, dass wenige was er zu Dettlaff sagen konnte und lauschte dann gebannt der Erzählung von Geralt. Der Hexer beschrieb ausführlich von seinem Leben im Ruhestand und erzählte auch, wie seine Bekanntschaft mit Veit zustande kam.
Regis nickte dem Mann anerkennend zu, als Geralt erklärte, dass der Hexer sich sofort zu helfen bereit erklärte, nachdem Rittersporn sie aufgesucht hatte.
Veit schwieg die meiste Zeit, lauschte aber gebannt. Besonders wenn Regis das Wort ergriff, konnte er kaum die Augen von ihm abwenden. Geralt verstand sein Interesse gut. Höhere Vampire waren kein alltäglicher Anblick und die Gelegenheit sich mit einem zu unterhalten, ohne ein Artgenosse zu sein, war ganz außergewöhnlich.
Geralt machte sich keine Illusionen darüber, wie sehr ihn seine Freundschaft mit dem Vampir privilegierte.

Rittersporn vollbrachte es eine Weile nur zuzuhören, aber nun juckte es ihn wieder, sich in das Gespräch einzubringen. »Wir können wirklich von Glück reden, dass du wieder da bist, Regis«, erklärte der Barde. »Was gibt es Besseres als einen Vampirverbündeten, wenn man sich mit Vampiren anlegen will.«
Regis runzelte die Stirn, lächelte aber, ehe er antwortete. »Stell mich bitte nicht mit niederen Vampiren auf eine Stufe. Im besten Fall kann man sie als sehr weit entfernte Verwandte bezeichnen.« Er machte eine ausholende Geste. »In Ophir gibt es behaarte Säugetiere, die auf Bäumen leben und Früchte essen. Es gibt einige Meinungen dazu, die behaupten es würde sich dabei um Verwandte der Menschen handeln. Ich vermute, du wärst nicht besonders glücklich damit, wenn jemand dich mit einer solchen Kreatur vergleichen würde.« Er warf dem Barden einen bedeutsamen Blick unter seinen Augenbrauen hindurch zu.
Rittersporn schnaubte wegen der langatmigen Ausführung. »Ich meinte, dass es gut ist jemanden dabei zu haben, der weiß, womit wir es zu tun haben.« Regis seufzte leise. »Ich wünschte, ich könnte deinen Optimismus teilen. Leider ist es mir ein Rätsel, warum sich die verschiedenen niederen Vampire zusammentun. Normalerweise verhalten sie sich zwar untereinander friedlich, aber jede Art bleibt lieber für sich«, er legte eine Hand an sein Kinn und grübelte. »Ich habe nur einmal erlebt, dass sich die einzelnen Spezies zusammengetan haben und das war bei den unglücklichen Ereignissen in Toussaint, die leider mein Freund Dettlaff zu verschulden hat. Und tatsächlich ist das genau der Umstand, der mich beunruhigt.«
Die Hexer warfen ihm fragende Blicke zu. »Nun Dettlaff befindet sich, wie gesagt weit entfernt. Sollten die Vampire sich nicht aus eigenem Antrieb zusammengetan haben, dann bedeutet das, so fürchte ich, dass wir es mit einem höheren Vampir zu tun bekommen. Einem, der wie Dettlaff über die Gabe verfügt niedere Vampire zu befehligen.« Geralt knabberte an seiner Lippe, während er über Regis Worte nachdachte. »Sagtest du nicht, dass höhere Vampire über einzigartige Fähigkeiten verfügen?«, fragte er schließlich. Der Vampir nickte. »Ich bin erfreut, dass dein Gedächtnis noch so gut funktioniert, mein lieber Geralt.« Er schmunzelte amüsiert. »Aber ich habe mich vermutlich etwas unklar ausgedrückt. Unsere individuellen Fähigkeiten unterscheiden sich innerhalb meiner Art so sehr, dass es unmöglich ist, sie als Klassifikation für uns zu benutzen. Dazu kommt, dass wir im Laufe unseres Lebens diese Fähigkeiten immer weiterentwickeln und genau wie die Persönlichkeit variiert das Ergebnis von Individuum zu Individuum. Man wird keine zwei Vampire, Hexer oder Menschen finden, die ein Leben lang stets die gleichen Erfahrungen machten. Verzeih mir daher bitte, wenn ich so unpräzise war von einzigartigen Fähigkeiten zu sprechen. Im Kern besteht nämlich durchaus die Möglichkeit, dass zwei Vampire mit der gleichen Veranlagung geboren werden.«

Rittersporn stöhnte auf. »Können wir uns vielleicht erst einmal darauf konzentrieren, in Lindental anzukommen? Mir schwirrt der Kopf und diese ganze Spekulation bringt uns nicht weiter. Vielleicht weiß Eskel inzwischen auch mehr.«
Regis lächelte dem Barden zu. »Ganz wie du wünschst, Rittersporn. Welches Thema entspricht denn derzeit eher deinem Geschmack?« Der Barde legte den Kopf schief und dachte nach. Schließlich zuckte er nichtssagend mit den Schultern, doch ganz plötzlich entfaltete sich ein schelmisches Grinsen auf seinem Gesicht.
»Hast du in letzter Zeit wieder die Bekanntschaft irgendwelcher Sukkubi gemacht?«
»Rittersporn!«, stöhnten Geralt und Regis im Chor genervt auf.
»Man wird doch wohl fragen dürfen«, erwiderte der Barde gut gelaunt. Bevor einer der anderen noch etwas erwidern konnte, meldete sich Veit plötzlich interessiert. »Sukkubi?«, fragte er schlicht. Rittersporn lachte laut auf und da ihn die anderen nicht daran hinderten, begann er dem Hexer vergnügt von ihrer ersten gemeinsamen Reise und Regis Liebschaft mit dem Sukkubus in Beauclair zu erzählen. Er sprach eine ganze Weile und schmückte seine Erzählung mit theatralischen Gesten und ziemlich übertriebenen dramatischen Wendungen aus, die sowohl Geralt als auch Regis regelmäßig zum Kopfschütteln veranlassten.

»Nun jedenfalls hat Regis… Einsatz verhindern können, dass Geralt den Auftrag ausführen musste und der Sukkubus konnte weiterleben, sehr zum Vergnügen der männlichen Bevölkerung von Beauclair«, schloss er schließlich seine Geschichte ab.
Veit blieb einen Moment still und ließ die Erzählung auf sich nachwirken.
Falls Rittersporn Applaus für seine Geschichte erwartet hatte, wurde er leider enttäuscht. Sehr zum Erstaunen der anderen, verfinsterte sich Veits Gesicht und er sagte bitter: » Du hättest sie töten sollen.«
Geralt drehte sich überrascht zu dem Hexer um und starrte ihn fassungslos an. Regis seinerseits blieb gelassen bei dieser Äußerung. Er wedelte mit einer Hand in der Luft. »Denkst du denn, dass jedes Monster den Tod verdient?«
Veit sah den Vampir durchdringend an. »Ich bin ein Hexer, es ist unsere Art, Monster zu töten, die andere Völker gefährden.« Geralt fand endlich seine Stimme wieder und sagte: »Sie hat niemanden getötet, sie war nicht böse.«
»Das spielt keine Rolle«, erwiderte Veit. »Ich bin sicher, dass sie das nicht war. Es wäre sogar ziemlich unsinnig anzunehmen, dass sie aus Boshaftigkeit Menschen töten würde. Sukkubi ernähren sich von Lebenskraft. Würde sie Menschen mutwillig umbringen, wäre das, als ob ein Bauer seine Felder verbrennt nur, weil er Freude an den Flammen hat. Aber sie müssen sich ernähren und früher oder später wird ein Sukkubus töten. Nicht mit Absicht, aber es wird geschehen.«

Geralt dachte über seine Worte nach, ehe er antwortete. »Sie handeln nur nach ihrer Natur.« Veit lächelte grimmig. »Das tun Nekker auch und trotzdem hast du keine Skrupel sie zu jagen.«
Geralt zuckte aufgrund dieses Vergleichs zusammen. Regis nickte jedoch langsam mit dem Kopf. »Ich gebe zu, deine Argumente sind nicht von der Hand zu weisen.«

Veit schüttelte den Kopf und fuhr dann in einem etwas versöhnlicheren Tonfall fort: »Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin absolut dagegen Monster nur deswegen zu töten, weil sie keine Menschen, Hexer oder Elfen sind. Wenn ein Troll, eine Nymphe, ein Werwolf oder…«, er nickte in Regis Richtung. »…ein Vampir sein Leben friedlich lebt und niemanden Schaden zufügt, dann gibt es keine Berechtigung ihn zu jagen. Aber wenn man, wie wir Hexer sein Leben der Aufgabe verschrieben hat, die genannten zu schützen, dann können wir nicht gefährliche Monster verschonen nur, weil sie nette Titten haben.« Er machte eine kurze Pause, bevor er etwas bitterer fortfuhr: »Hättet ihr den Sukkubus getötet, hätte es euch vermutlich keiner der Männer dort gedankt. Sie erfahren erst, dass sie todgeweiht sind, wenn sie zwischen den Beinen dieser Monster liegen und spüren, wie sie ihnen den letzten Funken Leben entreißen. Und trotzdem wäre es richtig gewesen. …Sei es nur für die betrogenen Ehefrauen.«
Geralt seufzte leise. Er hatte sich bei Veits Worten sehr über den Mann erschrocken, musste jetzt aber leider beschämt einsehen, dass seine Meinung keineswegs so radikal war, wie er für einen Moment befürchtet hatte. Er kam nicht ganz umhin ihm sogar recht zu geben und warf einen Seitenblick auf Regis. Der Vampir schritt jedoch nur stumm neben Plötze her, presste die Lippen zusammen und runzelte die Stirn.

 

 

Gegen Nachmittag erreichten sie endlich ihr Ziel. Lindental erhob sich erfreulich unzerstört vor ihnen und wirkte trotz der ärmlichen Fassaden und schlammigen Straßen sehr einladend auf die Gruppe. Die Stimmung hatte sich nach ihrer Debatte über die Monsterjagd rasch wieder verbessert, aber die beiden Hexer und vor allem auch Rittersporn, waren nach der tagelangen Reise erschöpft.
Als sie die ersten Häuser des Dorfes passierten, hatten sie sich darauf geeinigt direkt in das Gasthaus zu ziehen. Sie erwarteten ohnehin, dass Eskel, sofern er sich noch hier aufhielt, dort zu finden war.
Es dauerte nicht lange, bis sie das richtige Gebäude ausfindig machen konnten und zu Geralts Überraschung, lehnte Eskel direkt neben der Tür an der Wand.

Als der Hexer die Gruppe ankommen sah, legte sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht. Die schlimme Narbe verzog sich mit seinen Mundwinkeln und gab ihm ein schauriges Aussehen, das so gar nicht zu seiner freundlichen Natur passte. »Hey Geralt«, begrüßte ihn der Hexer und stieß sich von der Wand ab. »Dann hat Rittersporn es also doch geschafft, dich von deinen weichen Laken und der reich gedeckten Tafel wegzulocken. Ich hatte schon befürchtet, ich müsste auf dich verzichten.«
Geralt sprang von Plötze und umarmte seinen Freund. »Du kennst mich, ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen, durch Schlamm und Schmutz zu waten, um irgendwo in der Wildnis einen potenziell tödlichen Kampf auszufechten.« Eskel lachte und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich bin froh, dass du hier bist.« Dann wurde sein Gesicht ernst. »Ich habe noch ein bisschen Unterstützung gefunden. …Aber Geralt, ich sage dir, es sind Dutzende von diesen Monstern. Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können.«
Geralt nickte zur Erwiderung und erinnerte sich dann an seine Begleiter. Er stellte Veit und Regis vor, die Eskel beide herzlich begrüßte. Er zeigte sich ziemlich dankbar dafür, mit Veit die Unterstützung eines weiteren Hexers zu gewinnen und musste sich mühevoll die kuriose Neugierde verkneifen, die ihn bei Regis Anblick überkam. Als einer der engsten Freunde von Geralt kannte er natürlich seine Geschichte und wusste über Regis vampirische Natur Bescheid.
Rittersporn begrüßte den Hexer ebenfalls und übergab Pegasus Zügel an Regis, während Veit die Zügel von Lapis und Plötze nahm. Die beiden entschuldigten sich, um die Pferde zum nahe gelegenen Stall zu führen. Währenddessen wollte Geralt fragen, wie es seinem Hexerfreund ergangen war, doch ein kleiner Aufschrei lenkte die Aufmerksamkeit der beiden Männer auf Rittersporn.
Der Barde hatte die Tür zur Schankstube geöffnet und starrte mit großen Augen in den Raum hinein.
Verwundert legte Geralt die Stirn in Falten. Eskel grinste leicht. »Euer Kumpel Zoltan ist vor ein paar Tagen hier eingetrudelt. Offensichtlich hat sich Rittersporns Liebchen Sorgen gemacht, weil er nicht mehr aufgetaucht ist und hat ihn losgeschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Feiner Kerl. Hat sich gleich bereit erklärt, ein paar Vampirköpfe rollen zu lassen, als ich ihm von dem Problem erzählt habe.«
Geralts Augen leuchteten erfreut auf. Die Vampirangelegenheit war zwar ausgesprochen unschön, aber die Tatsache, dass fast alle seine Freunde wieder versammelt waren und er sogar einen weiteren ihrer Gruppe hatte hinzufügen können, stimmte ihn äußerst zufrieden. Seine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Rittersporn, der noch immer in der geöffneten Tür stand.
»Was ist denn los?«, fragte er den Barden. Rittersporn drehte seinen Kopf zu ihm. »Da sitzt ein Bursche.« Geralt hob verwundert eine Augenbraue und fragte sich, was daran so ungewöhnlich sein sollte. »Ein Hexerbursche«, ergänzte Rittersporn schließlich und löste damit bei Eskel einen gewaltigen Lachanfall aus.
Verwundert schaute Geralt zwischen den Männern hin und her, dann beschloss er, sich Rittersporns Entdeckung selbst in Augenschein zu nehmen. Er ging zur Tür und ließ seinen Blick durch den Schankraum gleiten. Er rechnete nicht wirklich damit, dass Rittersporn recht haben könnte, da es schon seit Jahrzehnten keinen Nachwuchs mehr unter den Hexern gegeben hatte, war aber bereit sich eines Besseren belehren zu lassen.
Es dauerte einen Augenblick, bis Geralt in dem recht üppigen Raum alle Tische abgesucht hatte und schließlich entdeckte er an einem von ihnen Zoltan sitzen, der sich an einem gewaltigen Humpen Bier gütlich tat. Und tatsächlich saß neben ihm an der Stirnseite des Tisches ein Hexer in schwerer Rüstung. Geralt stutzte einen Moment, dann Biss er sich auf die Lippen, um das Lachen zu unterdrücken, welches ihn nun ebenfalls überkam.
Als er sich wieder beruhigt hatte, schnipste er mit den Fingern in Eskels Richtung. »Komm, hilf mir mal, mir fällt der Name nicht mehr ein.« Eskel wischte sich die Augen, ehe er antwortete: »Valka.« Geralt nickte sofort, als die Erinnerung zurückkehrte.

Verwirrt starrte Rittersporn die Hexer an. »Valka? Das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Name für einen Mann.« Wieder prustete Eskel los. »Mein lieber Rittersporn, das mag daran liegen, dass das kein Bursche ist, sondern eine Frau.« Er gluckste. »Und ganz sicher keine junge mehr«, ergänzte er noch zwinkernd. Rittersporn drehte fassungslos seinen Kopf zurück in den Schankraum und starrte die Hexerin an. Geralt schmunzelte und folgte seinem Blick.
Trotz seiner Belustigung konnte er Rittersporns Verwirrung verstehen. Seid ihrer letzten Begegnung, als Eskel und er noch in Kaer Morhen ausgebildet wurden, hatte die Frau sich verändert. Ihre ehemals langen dunkelblonden Haare, waren einem etwas unordentlichen Fade-Cut gewichen. Die welligen Strähnen des längeren Deckhaars hingen ihr in das gänzlich ungeschminkte Gesicht und unterstrichen die scharfen Gesichtszüge. Sie trug die lange Rüstung der Bärenschule, mit einem ledernen Brustbeschlag, der ganz offensichtlich für einen männlichen Hexer gefertigt wurde und jede verräterische weibliche Kurve ihres Körpers verbarg.

Die Hexerin musste bemerkt haben, dass sie angestarrt wurde und blickte hoch. Als ihr Blick auf die beiden Männer fiel, lächelte sie schief und stand von ihrem Stuhl auf.
Während sie auf sie zukam, kam Geralt nicht umhin zuzugeben, dass sie auf den ersten Blick wirklich eher wie ein halbstarker Bengel und weniger wie eine erwachsene Frau aussah. Als sie direkt vor ihnen stehen blieb und sich ihr Gesicht zu einem Lächeln verzog, dass ihre Augen leuchten und kleine verräterische Fältchen, um ihre Augen erscheinen ließ, verschwand die Illusion und Geralt erkannte in ihr wieder die liebenswerte Hexerin, die ihn damals gemeinsam mit Eskel und den anderen Jungen aus seiner Gruppe, unterrichtet hatte.
»Geralt von Riva«, sagte sie mit angenehmer Stimme. »Ich freue, mich dich nach so langer Zeit wohlbehalten wieder zu sehen.« Sie machte eine kleine Pause und betrachtete ihn von oben bis unten. »Ich muss sagen, du siehst gut aus. Wenn ich an den schmächtigen Jungen zurückdenke, der du früher warst, dann hätte ich nicht gedacht, dass du heute deine Rüstung so gut ausfüllst.«
Geralt lächelte verlegen und kratze sich am Kopf. »Ich freue mich auch, dich wiederzusehen. Ich muss gestehen, du siehst etwas anders aus.« Valka lachte auf. »Nun ob Hexerin oder nicht, als Frau sollte man heutzutage nicht allein reisen.« Sie schmunzelte. »Oder besser gesagt, sollte man allein nicht als Frau reisen.«
Geralt nickte grinsend. Bevor er noch etwas sagen konnte, ertönte hinter ihm wieder ein Aufschrei. Veit war inzwischen aus dem Stall zurückgekehrt und hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt, um Geralt über die Schulter zu sehen. Als er Valka sah, drängelte er sich zwischen Rittersporn und Geralt hindurch und riss die Hexerin in die Arme.
»Es ist so schön, dich wiederzusehen«, rief er lachend und Valka wirkte nicht weniger erfreut. Die beiden hielten einen Moment die Umarmung, dann lösten sie sich langsam und blickten sich lächelnd an.
Geralt verspürte ein kleines, stechendes Gefühl in seiner Brust. Müsste er es beschreiben, hätte er es vielleicht mit Eifersucht in Verbindung gebracht. Doch glücklicherweise, musste er das nicht und konnte es einfach ungenutzt in den hintersten Winkel seines Bewusstseins schieben. Stattdessen ließ er seiner Neugierde freien Lauf und räusperte sich, um die Aufmerksamkeit der beiden auf sich zu lenken.
Er vermutete zwar, dass Veit die Hexerin, ebenso wie er selbst, durch Unterricht kennengelernt hatte, aber er wollte trotzdem fragen, woher sie sich kannten. Doch bevor es dazu kam, wanderte Valkas Blick von seinem Gesicht über seine Schulter und das Lächeln verschwand schlagartig aus ihrem Gesicht.
Verwundert sah Geralt über seine Schulter und stellte fest, dass Regis vollkommen erstarrt hinter ihm stand. Er drehte sich wieder zu Valka und wollte rasch eine Erklärung abgeben, um eine weitere Klinge an der Kehle seines Freundes zu vermeiden, aber noch bevor er etwas sagen konnte, ergriff die Hexerin mit kalter Stimme das Wort.
»Wie ich sehe, waren die Gerüchte über dein Ableben ziemlich übertrieben, Emiel Regis.«
Nun war es an Geralt verwundert zu erstarren. Er sah zu seinem Freund, der noch immer nicht reagierte und lediglich stumm die Zähne zusammenbiss.
»Ihr… kennt euch?«, fragte er vorsichtig. Valka nickte, ohne ihre Augen von dem Vampir zu nehmen. »Wir hatten vor einer Ewigkeit in Brugge das Vergnügen«, erklärte die Hexerin. Geralt schluckte mit trockenem Hals. »Das bedeutet?«, wollte er wissen.
Valka drehte langsam ihren Kopf, um Geralt anzusehen. Ihr Lächeln war kalt, als sie erklärte: »Er tötete Menschen wegen ihres Blutes und für Münzen schlug ich ihm den Kopf ab.«

Chapter Text

Geralt beeilte sich durch die schlammigen Straßen von Lindental zu laufen. Er war beinahe gezwungen zu rennen, um Regis nicht aus den Augen zu verlieren. Er war sich sicher, dass der Vampir zielsicher auf den Dorfrand zumarschierte und sobald er sich sicher war das ihn niemand mehr würde beobachten können, er sich in Nebel auflöste und fürs erste nicht mehr aufzufinden sein könnte.
Geralt fluchte und begann nun tatsächlich zu rennen, als Regis um eine Ecke bog und kurz aus seinem Sichtfeld verschwand. Als er um das Gebäude bog, hinter dem sein Freund verschwunden war, tauchte direkt vor ihm ein Hindernis auf und zwang ihn schlitternd zum Stehen zu kommen. Sehr zu Geralts Verwunderung stand Regis nun direkt vor ihm und starrte ihn mit leeren Augen an.
Er wollte etwas sagen und hatte bereits den Mund geöffnet, als Regis ihn mit einer Geste zum Schweigen brachte und er den Mund wieder zuklappte. »Ich bitte dich Geralt, lass mich allein«, sagte der Vampir gequält. Geralt haderte einen Moment, dann ergriff er doch das Wort. »Hör‘ mal, ich kann ja verstehen, dass die Situation für dich nicht angenehm ist, aber wir brauchen deine Hilfe und…«, er zögerte kurz, »sie hat sich auch nicht mit gezückter Klinge auf dich gestürzt. Ich bin sicher, wenn wir ihr erklären, dass du nicht mehr tötest, dann akzeptiert sie dich bestimmt.«
Geralt zuckte überrascht zusammen als Regis unerwartet in schallendes Gelächter ausbrach. Es beunruhigte und verwirrte ihn, dass aus dem Lachen seines Freundes aber keine Freude herauszuhören war, vielmehr klang er hysterisch und verzweifelt. Leises Entsetzen beschlich den Hexer als der Vampir sich allmählich beruhigte, aber seine Augen dafür einen sehr viel feuchteren Glanz bekamen als Geralt es jemals zuvor gesehen hatte oder hätte sehen wollen. Der Vampir vergrub das Gesicht in seinen Händen und als er dann sprach klang seine Stimme gedämpft.
»Ja, die Situation ist nicht angenehm für mich. Du kannst dir nicht einmal im Entferntesten vorstellen wie unangenehm die Situation ist.« Er blickte wieder hoch und holte tief Luft. »Ich habe dir meine Hilfe zugesagt und du wirst sie bekommen, mein Freund. Ich bitte dich dennoch inständig mich jetzt allein zu lassen. Ich versichere dir ich werde mich euch morgen wieder anschließen.« Er machte eine kurze Pause, in der er sich sorgfältig umsah. »Lass dir bitte auch versichert sein, dass Valka nicht die Absicht haben wird mich wieder außer Gefecht zu setzen. Die Dinge sind sehr viel komplizierter als du es dir vorstellen kannst.«
Bevor Geralt etwas erwidern konnte, verwandelte sich der Vampir in eine Wolke aus grauem Nebel und verschwand in der Abenddämmerung. Der Hexer fluchte erneut und fragte sich was die rätselhaften Worte zu bedeuten haben. Schließlich drehte er sich um und stampfte zurück zur Herberge, unglücklich darüber Regis wieder gehen lassen zu müssen, wenn auch diesmal hoffentlich nur für ein paar Stunden.

Die Stimmung in der Herberge war auf eine bedrückende Art ausgelassen. Die Bewohner Lindentals und auch einige durchkommende Flüchtlinge frönten ausgiebig Bier und Schnaps. Es wurde gescherzt und gelacht und hätte eigentlich normal gewirkt, wenn nicht jedes Mal das Lachen auf den Gesichtern schlagartig erlosch und Verzweiflung sich breit machte, sobald die betreffende Person sich unbeobachtet wähnte.
Geralt hatte diese Form der Angstbewältigung auch bei anderen Gelegenheiten beobachten können und ließ sich nicht täuschen. Das geübte Auge sah, in Lindental ging die Angst um. Geralt seufzte als er zu dem langen Tisch hinübersah an dem bereits Zoltan, Eskel, Rittersporn, Veit und Valka saßen. Für die Stimmung die dort herrschte bedurfte man keines geübten Auges.
Offensichtlich haben sie es fertig gebracht sich gemeinsam an den Tisch zu setzten, aber nun schwieg sich die Gruppe verlegen an und jeder versuchte Augenkontakt mit den anderen zu vermeiden. Die Bombe die Valka hatte platzen lassen, ließ offensichtlich auch die Stimmung in Rauch aufgehen. Er ging zum Tresen, winkte den kahlen Wirt heran und bestellte Bier und Schnaps für ihre ganze Gruppe. Geralt wartete, bis der Mann die gewaltigen Humpen auf ein schmutziges Tablett stellte und balancierte es dann vorsichtig zum Tisch.
Dort angekommen setzte er sich auf den freien Platz gegenüber der Hexerin, nahm die Krüge einzeln vom Tablett und schlitterte jedem von seinem Freunden zwei von ihnen über die Tischplatte entgegen. In der Gruppe erhob sich ein unverständliches Gemurmel, welches von dem Hexer als Dankesbekundung interpretiert wurde. Er nahm seinen großzügig bemessenen Schnaps, prostete in die Runde und trank einen Schluck der ihm brennend die Kehle herunterlief. Seine Begleiter taten es ihm gleich und er musste ein Schmunzeln unterdrücken, als er sah, dass ausnahmslos alle zuerst nach dem Schnaps griffen.
Als die Krüge kurz darauf wieder auf dem Tisch abgestellt wurden, konnte man spüren wie die Atmosphäre sich ein wenig lockerte. Stühle wurden verrückt, während die die darauf saßen aus ihrer zwanghaft verkrampften Pose in ein gemütlicheres fläzen glitten. Es wurde entspannter geatmet und die ersten zaghaften Versuche eines Augenkontakts untereinander wurden gewagt.
Geralt konnte sogar sehen wie Zoltan sich nachdenklich den Bart kratzte, was stets ein untrügliches Zeichen für einen in Kürze folgenden Kommentar war. Doch bevor es soweit kommen konnte, schnappte sich Rittersporn erneut seinen Humpen, leerte den Schnaps in einem Zug aus und rammte ihn mit einem lauten Knall zurück auf den Tisch. Dann drehte er sich direkt zu Valka um und sagte laut: »HerhagesahhhehwaheeBaua!«
Sofort drehten sich alle Köpfe zu ihm um und starrten ihn an als ob ihm ein zweiter Kopf gewachsen wäre. Die Hexerin zwinkerte ein paar Mal irritiert und fragte dann liebenswürdig: »Bitte?«
Rittersporn räusperte sich verlegen und wartete einen Moment bis das scharfe Brennen des Alkohols nachließ und er seine Zunge wieder spüren konnte. Als er diesmal zum Sprechen ansetzte, blieb er deutlich leiser, doch sowohl Zoltan als auch Geralt wich sofort das Blut aus dem Gesicht und die Beiden tauschten panische Blicke über die Tischplatte hinweg aus.
»Er hat gesagt es waren Bauern.« Valka überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. »Tut mir leid, aber ich kann dir nicht folgen.« Der Barde rutschte sichtlich beunruhigt auf seinem Stuhl herum und zupfte an seinem Jabot, während die Hexerin ihm mehrfach auffordernd zunickte.
Geralt nutzte die kleine Schonfrist, um zu überlegen ob er seinen Freund aufhalten sollte, musste sich zu seiner Schande aber eingestehen dass er liebend gern eine Antwort auf diese Frage bekommen würde und Valka zurzeit die Einzige war die sie beantworten könnte. Schließlich holte Rittersporn tief Luft, setzte sich aufrecht hin und straffte die Schultern in dem Versuch einen möglichst würdevollen Eindruck zu erwecken.
»Als Regis uns von seiner Vergangenheit erzählte, sagte er, dass ihn Bauern zerstückelt haben.« Valka lehnte sich überrascht auf ihrem Stuhl zurück und starrte den Barden an. Als sie gleich darauf den Mund öffnete, um etwas zu erwidern, gingen plötzlich die Pferde mit Rittersporn durch.
»Wie alt bist du überhaupt? Regis sagte, dass er noch ziemlich jung war als ihm das passierte. Er muss doch jetzt bestimmt fünfhundert Jahre alt sein. Und woher kennst du Geralt? Und den da?« Er deutete mit dem Finger auf Veit. »Und wieso bist du eigentlich hier?«
Ein lautes Krachen ließ Rittersporn zusammenfahren. Zoltan hatte seinen Bierkrug so kräftig auf dem Tisch abgestellt, dass das Bier überschwappte und sich mehrere kleine Pfützen auf dem Tisch bildeten. »Verdammt nochmal Rittersporn, gib ihr doch wenigstens die Gelegenheit auch etwas zu sagen bevor du sie so wütend gemacht hast, dass sie dir eins mit dem Schwert über die Rübe gibt.«
Der Barde starrte seinen Freund empört an, klappte aber sofort den Mund zu. Er blickte wieder zu der Hexerin und sagte beschämt: »Entschuldigung.«
Valka die noch immer zurückgelehnt auf dem Stuhl saß, legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke, während alle Augen gebannt auf ihr ruhten. Sie schwieg zunächst eine ganze Weile, dann seufzte sie. »Vierhundertneununddreißig«, war erstmal alles was sie erwiderte.
Bevor jemand etwas sagen konnte fuhr sie fort. »Regis müsste in diesem Jahr sein Vierhundertneununddreißigstes Lebensjahr erleben. Nicht fünfhundert. Und was mich angeht, nun ich bin froh sagen zu können, dass ich doch deutlich jünger bin.«
Sie senkte wieder ihren Kopf und grinste amüsiert in die Runde. Ich bin erst Vierhundertsieben Jahre alt.«
Rittersporn klappte der Mund auf, aber Zoltan griff wieder nach seinem Bier und prostete der Hexerin zu. »Nun Mädchen, du überraschst mich. Ich hätte ja meine beste Gwintkarte verwettet, dass du keinen Tag älter als dreihundert bist.« Valka lachte schallend auf und griff nach ihrem Bier, um die Geste zu erwidern.
»Und genau aus diesem Grund mag ich Zwerge, sie wissen immer was Frauen hören wollen.« Sie trank einen Schluck und begann dann den Krug sanft zu schwenken.
»Aber zurück zu deinen Fragen«, sagte sie und blickte Rittersporn an. »Wenn ich das richtig sehe, dürfte das was Regis euch erzählt hat in etwa eine stark gekürzte Fassung sein. Ich denke das ist sehr verständlich in Anbetracht des Themas. - Die Bauern haben mich beauftragt ihn zu erledigen.«
Geralt beugte sich rasch nach vorn und zog damit wie beabsichtigt den Blick der Frau auf sich. »Es ist mir nicht entgangen, dass du keine Anstalten gemacht hast ihn wieder einen Kopf kürzer zu machen«, sagte er vorsichtig. Valka nickte langsam, während sie auf ihrer Wange kaute.
»Es mag vorhin vielleicht nicht unbedingt den Eindruck gemacht haben, aber ich bin tatsächlich froh zu wissen, dass er noch lebt. Die Gerüchte, die ich über seinen angeblichen Tod gehört habe, waren alles andere als angenehm.« Sie verfiel in nachdenkliches Schweigen und starrte auf das umherschwappende Bier in ihrem Krug.
Nach einer kurzen Weile stupste Veit sie lächelnd an. »Nun erzähl schon«, forderte er sie auf. Sie erwiderte das Lächeln sanft und kam der Bitte nach. »Wenn man es ganz genau nimmt, dann hängen die Antworten auf eure Fragen in gewisser Weise zusammen. Denn gerade um zu verstehen warum ich hier bin, müsst ihr Wissen wo ich mal angefangen habe. Auch wenn ihr…», sie deutete auf die anderen Hexer, »einen Teil der Geschichte schon kennt. Nun wenigstens Eskel sollte sie kennen, da er mir als einziger von euch dreien auch tatsächlich zugehört hat.«
Geralt und Veit machten verlegene Gesichter, während Eskel sie strahlend anlächelte und ein verschmitztes Zwinkern erntete. Sie trank ihr restliches Bier in einem Zug leer und reckte den Hals, um sich im Schankraum umzusehen. Nachdem sie den Wirt gefunden und mit einer Handbewegung heran gewunken hatte, sagte sie: »Das wird vermutlich ein bisschen dauern. Ich empfehle, dass wir uns vorher um etwas Essbares und noch mehr hiervon kümmern.« Sie schüttelte den Bierkrug und erntete begeisterte Blicke.

 

~

 

»Es muss irgendwann zwischen 890 und 895 gewesen sein. Ich erinnere mich leider nicht mehr genau, aber ich war in etwa um die zwanzig Jahre alt.« Valka zupfte einen Fetzen Fleisch von ihrer Hasenkeule und steckte ihn in den Mund.
»Meine bisherigen Erfahrungen auf dem Pfad beschränkten sich auf ein paar einzelne Ertrunkene und einem ziemlich desaströsen Auftrag zum ausräuchern eines angeblichen Nekkarbaus.« Als sie sich einen weiteren Bissen in den Mund steckte nutzte Geralt die Gelegenheit. »Inwiefern desaströs?«
»Nun«, sagte sie kauend und schwenkte ihre Hasenkeule, »die Kaninchen waren keineswegs erfreut über mein tun.«
Eskel prustete in sein Bier und verschluckte sich. Sie wartete lächelnd ab, bis der Mann aufhörte zu Husten. »Nun ich bin jedenfalls, unerfahren wie ich war, in den Wäldern von Rivien herumgelaufen und habe nach Arbeit gesucht. Das Ergebnis war, dass ich irgendwann nachts, auf der Suche nach einer geeigneten Stelle zum Schlafen, in einiger Entfernung einen ziemlich verdächtigen Schrei hörte.
Obwohl mein Instinkt mir ziemlich deutlich geraten hat umzudrehen und in die andere Richtung zu gehen, habe ich natürlich nicht darauf gehört und ging stattdessen direkt darauf zu.« Sie unterbrach, um einen Schluck zu trinken.
»Ich kam an eine kleine Lichtung, der Mond war zwar voll, aber von Wolken bedeckt. Sogar für Hexeraugen war die Sicht nicht besonders günstig. Ich zog also mein Schwert, nahm einen Katze und wünschte mich nur einen Augenblick später meilenweit weg. Mitten auf der Lichtung hockte ein Vampir.
Er hatte sich keine Mühe gegeben zu verbergen was er war und auch die Tatsache, dass er damit beschäftigt war das Blut einer wild zuckenden Frau zu trinken und von etlichen weiteren zerfetzten Körpern umgeben war, war ausreichend um mich trotz meiner Unerfahrenheit von seiner Natur überzeugt sein zu lassen.«
Valka hob beschwichtigend die Hand, als sie die betroffenen Gesichter von Geralt, Rittersporn und Zoltan sah. »Keine Sorge, ich spreche nicht von Regis.« Sie schob ihren Teller etwas von sich weg und stützte sich mit den Armen auf dem Tisch ab. »Als ich die Situation realisierte, bekam ich Panik, aber ich schaffte es irgendwie ruhig zu bleiben und versuchte mich so leise wie möglich davon zu machen.
Für einen Moment hatte ich auch tatsächlich den Eindruck damit erfolgreich zu sein. Doch plötzlich ließ der Vampir die tote Frau fallen, drehte sich blitzschnell um und sah mich direkt an. In diesem Moment war ich mir absolut sicher, dass das mein Ende sein würde.« Sie machte eine dramatische Pause.
»Und dann passierte etwas mit dem ich damals tatsächlich niemals gerechnet hätte. Heute weiß ich allerdings zur Genüge was die Ursache war«, sagte sie rätselhaft. »Der Vampir machte einen Schritt auf mich zu und kam irgendwie ins straucheln. Er fiel erst auf die Knie und nach einem kurzen Augenblick sackte er ganz auf dem Boden zusammen. Ich weiß nicht was mich damals geritten hat, denn anstatt Fersengeld zu geben, bin ich über die Leichenteile hinweg auf ihn zu und rammte ihm mein Schwert in den Rücken. Er zuckte nur kurz, ich zog es wieder heraus und dann schlug ich ihm mit zwei Hieben den Kopf ab.«
»Klingt so als ob du verdammtes Glück gehabt hättest«, meinte Zoltan. »Ja, könnte man meinen«, entgegnete Valka. »Als ich jedoch von dem Körper aufblickte, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass um die Lichtung herum nun mehrere andere Vampire, in ebenfalls sehr eindeutiger Gestalt, standen.
Panik wäre an dieser Stelle nicht mehr der passende Ausdruck für die Empfindung, die ich hatte. Ich war wie betäubt. Vollkommen erstarrt stand ich inmitten der verstreuten Körperteile des Vampires und seiner vorangegangenen Opfer und konnte mich nicht rühren.
Im Nachhinein habe ich mich ein paar Mal gefragt ob sie mich vielleicht irgendwie hypnotisiert hatten, oder ob ich tatsächlich einfach vor Angst erstarrt war. Ausschließen könnte ich aber nichts von beidem.«
»Wie um alles in der Welt bist du aus der Nummer lebend herausgekommen?«, fragte diesmal Rittersporn. »Nun einer der Vampire, er stach mit seinen blonden Haaren aus der ganzen Gruppe hervor, griff plötzlich hinter sich und zog eine große metallbeschlagene Truhe aus dem Gebüsch und warf sie mir vor die Füße, ganz so als ob sie nichts wiegen würde. Dann deutete er mit seinen Krallen darauf und sagte mir, dass ich die Truhe öffnen und den Vampir hineinlegen sollte.«
Ein erstauntes Raunen ging durch die Runde. »Da mein Verstand für eigenständige Entscheidungen nicht so recht bereit war, tat ich also einfach was mir der Vampir sagte. Ich öffnete die Truhe, die innen komplett mit Metall verkleidet war, hob den Kopf des Vampirs auf und legte ihn hinein. Tja, und dann stand ich vor einem Problem. Die Truhe war groß, aber nicht groß genug, um den Körper ganz hineinzulegen. Ich sah hoch und schaute den blonden Vampir an. Er deutete auf mein Schwert. Ich zögerte, weil ich mir nicht ganz sicher war ob ich ihn richtig verstand. Er deutete wieder auf mein Schwert und sagte mir, dass ich es benutzen soll.
Ich stand kurz davor ohnmächtig zu werden, aber ich tat wie mir geheißen und hackte von dem Körper einen Arm ab. Als ich ihn aufhob und in die Truhe legte, sah ich, dass bis auf den blonden Vampir alle anderen verschwunden waren. Ich hackte den nächsten Arm ab und als ich diesen verstaute, stand der Vampir nicht mehr am Rand der Lichtung, sondern unmittelbar vor mir. Er hatte sein Aussehen verändert und glich nun eher einem Elfen, seine Ohren waren jedoch rund wie bei einem Menschen.
Als das erste Bein seinen Weg in die Truhe fand, schaffte ich es dann sogar den Mut aufzubringen zu fragen warum ich das tuen sollte. Ich habe nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet, daher war ich recht erstaunt als mir erklärt wurde, dass der unglückliche Vampir vor meinen Füssen den anderen mit seinen Gelagen recht lästig geworden war. Sie hatten beschlossen ihm einen Denkzettel zu verpassen.
Seine Erklärung ging sogar so weit, dass er mir verriet, das höhere Vampire niemals gegeneinander kämpften und er daher erfreut war über meine Hilfe.«
Valka schnitt eine Grimasse. »Ich kann euch versichern, die Freude war keineswegs gegenseitig
Als er mir dann schließlich erzählte, dass das Metall in dieser Truhe aus ihrer Heimat stammte und die Fähigkeit besaß die Regenerationseigenschaften der Vampire zu dämpfen, war ich überzeugt, dass er mich in dem Moment wo ich das letzte Stück des Körpers in die Truhe lege, töten würde.
Er musste geahnt haben was ich dachte. Vielleicht konnte er sogar meine Gedanken lesen. Jedenfalls versicherte er mir umgehend, dass er mich gehen lassen würde. Ich kann jedoch nicht behaupten, dass mich das überzeugt hätte. Da ich jedoch keine alternative hatte, denn Flucht oder Kampf waren ausgeschlossen, trennte ich auch das zweite Bein ab.
Die Situation war auf skurrile und irrational. Der elfenhafte Vampir setzte sich auf einen kleinen Felsen, und schlug die Beine über. Dann plauderte er lächelnd mit mir, während ich einen seiner Artgenossen voller Entsetzen in Stücke hackte und in ein verdammtes Möbel verpackte.«
Valka nahm einen tiefen Schluck von ihrem Getränk ehe sie fortfuhr. »Als ich schließlich den Torso aufhob und zu den restlichen Körperteilen packte, stand der Vampir wieder auf und strich mit seinen Fingern fast zärtlich über den Deckel der Truhe. Er erklärte mir, dass der Vampir im Inneren nun für zwei- bis dreihundert Jahre darin gefangen sein würde und in Dunkelheit und Einsamkeit Zeit hatte über sein bisheriges Verhalten nachzudenken, bis er schließlich vollkommen regeneriert wieder zu seinem Volk zurückkehren würde. Er schloss den Deckel der Truhe mit einem Knall, kaum dass er seinen letzten Satz beendet hatte und ich schloss meinerseits meine Augen.
Trotz seiner Versicherung rechnete ich mit meinem Tod. Ich spüre auch heute noch die kalten, schlanken Finger, die über mein Gesicht strichen, während ich wartete.«
Valka gab den Wirt ein Zeichen für eine neue Runde. »Ich weiß nicht wie lange ich mit geschlossenen Augen und bebend vor Angst dort gestanden habe, aber als ich schließlich meine Augen öffnete, war der blonde Vampir und die Truhe verschwunden. Nur ich und ein Haufen Menschenkleinteile auf einer Lichtung. Ich nahm mein Schwert und rannte davon. Ich würde gern behaupten, dass es sich damit erledigt hatte, aber die Wahrheit ist, dass ich auch noch drei Wochen danach alle paar Minuten ein Blick über die Schulter geworfen habe und erwartete, dass mich gleich fünf lange, rasiermesserscharfe Krallen aufschlitzten.«

Betretenes Schweigen machte sich an dem Tisch der Gefährten breit und wurde erst unterbrochen als ein junger Bursche herantrat und die leeren Krüge vor ihnen durch gefüllte ersetzte. »Der Grund, der mich herführt, ist der Gleiche, der mich damals zu Regis geführt hat«, ergriff Valka abermals das Wort. »Diese Erfahrung hat mich veranlasst Vampire zu studieren. Intensiver als jede andere Monsterspezies die wir kennen. Ich habe mich auf die Jagd von niederen Vampiren spezialisiert und gelte als führende Expertin für alle Vampirspezies. Darum war ich in der Wolfsschule und auch in allen anderen Schulen und habe dort mein Wissen an junge Hexer weitergegeben.
Im Grunde genommen ist es etwas traurig, wenn man bedenkt, dass meine Kernqualifikation daraus besteht bei mehreren Gelegenheiten mit dem Leben davon gekommen zu sein.« Seufzend führte Valka ihren Krug an die Lippen, doch bevor sie trank sprach sie weiter. »Ich habe vor etwa zwei Wochen eine Nachricht von einem befreundeten Hexer erhalten. Er hat mir von Gerüchten über ein Vampirproblem hier in Velen berichtet. Er wusste wohl, dass ich nicht hätte widerstehen können.«

Geralt dachte über Valkas Geschichte nach und schämte sich etwas dafür, dass er, obwohl er sie definitiv schon einmal gehört hatte, sich nicht mehr genau daran erinnern konnte. Zu seinem Leidwesen war Regis Part nun leider immer noch im Dunkeln. Er hatte eigentlich gehofft an die gewünschten Informationen zu kommen, ohne groß bitten zu müssen. In diesem Fall hätte er sich nämlich einreden können, dass er die Privatsphäre seines Freundes grundlegend respektierte.
Als er seinen Blick von der Tischplatte hob, stellte er fest das Valka ihn mit einem leichten Lächeln auf den Lippen beobachtete. Er bekam das ungute Gefühl, dass sie sehr genau wusste was ihn grade beschäftigte. Wie um seine Befürchtung zu bestätigen ergriff sie wieder das Wort. Die kleinen Gesprächsflammen am Tisch erloschen sofort und wieder ruhte die Aufmerksamkeit jedes einzelnen auf der Hexerin.
»Tja, dann ist da noch die Geschichte mit Regis...«, sie machte eine Pause, griff nach einem Löffel und begann nachdenklich damit herumzuspielen. Dann plötzlich tat sie ihn wieder beiseite und legte eine Hand an ihren Mund. »Ich muss zugeben, dass ich nicht sehr gern darüber spreche. Aber ich verstehe euer Interesse durchaus.« Sie lehnte sich wieder auf ihrem Stuhl zurück und starrte gedankenverloren an die Decke, während sie ihre Gedanken sortierte.

 

 

Frühjahr 954 - Brugge, Dillingen

Valka unterdrückte ein Gähnen und versuchte sich auf die hektischen und chronologisch vollkommen durcheinandergewürfelten Berichte des Büttels zu konzentrieren. Sie war erst vor ein paar Stunden in Dillingen angekommen und hatte noch keine Gelegenheit für eine Pause. Man hatte sie bereits an der Dorfgrenze abgefangen und zu dem zerstreuten Mann mit dem schütteren Haar geführt.
Ihre Hoffnungen sich baldmöglichst den Staub der Straße aus der Kleidung zu schütteln und etwas essen zu können, lösten sich alsbald in Luft aus. In den wenigen Stunden seit ihrer Ankunft, hatte sie bereits eine ausführliche Beschreibung von der Dorfstruktur, den Einwohnern und den Opfern - dem Grund ihres Hierseins, erhalten. Dazu kam die Besichtigung des Ortes vom letzten Angriff, der erst eine Nacht zuvor geschehen war.
Alles was ihr bisher hier berichtet wurde bestätigte nur ihre Vermutung, dass es sich um einen einzelnen niederen Vampir handelte der sowohl hier in Dillingen als auch in den benachbarten Dörfern regelmäßig auf Beutejagd ging. Abgesehen von einem winzigen Detail waren alle diese Informationen schon in dem Aufruf enthalten, der seit einigen Wochen gleich mehrfach an jedem Anschlagbrett in allen größeren Städten zu finden war.

Valka unterdrückte ein weiteres Gähnen und hab dann die Hand, um den alten Büttel zu unterbrechen der inzwischen angefangen hatte sich zu wiederholen. »Guter Mann, ich denke ich weiß genug.«
Ein halb erstaunter und halb erfreuter Ausdruck zeigte sich auf dem Gesicht des Mannes. »Dann kannst du uns helfen, Hexerin?« Valka nickte und legte einen Finger an ihr Kinn. »Ich bin recht zuversichtlich. Wir haben es definitiv mit einem Vampir zu tun. Die Bisswunden sind groß und unsauber, als wäre mehrfach zugebissen oder gekaut worden. Etwas das üblicherweise nur niedere Vampire tun. Ich vermute wir haben es mit einer Bruxa oder einem Alp zu tun.«
»Und wieso grade eine davon?«, wollte der Mann wissen. Valka lächelte schief. »Im Haus des Hufschmieds waren alle Gläser zerbrochen, sogar die kleine Fensterscheibe der Tür. Die Scherben lagen draußen, die Scheibe wurde also nicht eingeschlagen, um in das Haus zu gelangen.
Sowohl Bruxae als auch Alps benutzten schrille Schreie um ihre Beute außer Gefecht zu setzten. Schrill genug, um Glas zu zerbrechen.«
Sie stieß ein kleines Lachen aus. »Die Alternative wäre, dass unser Vampir nicht nur blutdurstig, sondern auch außerordentlich tollpatschig ist, alles an Glaszeug umstößt und in die Tür rannte. Einen Hinweis auf einen Kampf gibt es nämlich nicht.«
Der Büttel verzog etwas unsicher sein Gesicht zu einem Lächeln, welches Valka deutlich verriet, dass der Mann ihr nicht folgen konnte. Sie schmunzelte und hüpfte dann von der Tischplatte, auf der sie bisher gesessen hatte. »Wenn der Vampir sich an sein bisheriges vorgehen hält, dann wird es noch ein, bis zwei Opfer geben bevor er wieder in ein anderes Dorf wechselt.
Ich brauche jetzt eine Unterkunft und eine Mahlzeit, anschließend mache ich mich auf die Suche, um hoffentlich weiteres Blutvergießen verhindern zu können.« Der Büttel nickte schnell. »Meine Frau hat ein Zimmer in unserem Haus für dich vorbereitet, du wirst unser Gast sein. Mahlzeiten bekommst du im Gasthof. Du brauchst nicht zu bezahlen, das gehört mit zu deiner Belohnung.«
Valka hob überrascht eine Augenbraue. Das war außergewöhnlich großzügig, offenbar waren diese Leute wirklich verzweifelt um ihre Hilfe bemüht. Sie nahm ihre Schwerter, die an der Wand lehnten und hängte sie sich über die Schulter. »Ich muss außerdem mein Pferd versorgen, gibt es einen Stall, den ich benutzen kann?« Der Büttel nickte wieder und winkte dann mit seiner Hand. »Folge mir, ich werde dich hinführen.«

Als die Beiden aus dem Haus auf den Dorfplatz traten, fanden sie sich unvermittelt in einem Tumult aus wild gestikulierenden Männern und weinenden Frauen wieder, die um etwas außerhalb von Valkas Sichtbereich versammelt waren. Der Büttel zog verwirrt die Augenbrauen zusammen und stürmte dann an ihr vorbei, mitten in das Zentrum des Tumults. Die Hexerin, die immer noch nicht ausmachen konnte, was die Ursache des Problems war, überlegte ob sie dem Mann folgen sollte.
Womöglich hatte es ja einen neuen Angriff gegeben. Grade als sie den ersten Schritt tat, teilte sich plötzlich unvermittelt die Menge und bildete eine kleine Gasse.
Auf dem Boden konnte sie einen kleinen Jungen leblos liegen sehen. Seine Kleidung und Haare waren tropfnass, die Lippen blau und eine Frau, vermutlich seine Mutter beugte sich weinend über ihn. Armer Junge, dachte Valka. Er muss in den Fluss gefallen sein.
Einen Augenblick später bemerkte sie den Grund für das auseinandertreten der Menge. Von der Straße kam mit schnellen Schritten ein junger Mann in auffälliger schwarzer Kleidung heran. Auf seinem edel geschnittenen Gesicht, mit der gebogenen Nase lag ein besorgter Ausdruck und während er näherkam waren seine Augen allein auf den Jungen gerichtet.
Valka beobachtete erstaunt wie die Menge ihm noch etwas mehr Platz machte und er sich direkt vor dem ertrunkenen Kind auf den staubigen Boden kniete ohne Rücksicht auf seine, für diese Umgebung, ungewöhnlich kostspielige Kleidung zu nehmen. Da der Mann mit dem Rücken zu ihr kniete, war es ihr nicht möglich zu sehen was er tat. Nur wann immer er seinen Kopf zur Seite drehte um sein Ohr an die Brust des Jungen zu pressen, konnte sie den verbissenen Ausdruck auf seinem Gesicht sehen.

Was auch immer er mit dem Jungen machte zeigte nach einigen Augenblicken Wirkung. Mit weit aufgerissenen Augen schreckte das Kind auf, begann heftig zu husten und spuckte Wasser. Ein Aufschrei durchfuhr die Menge und sie trat wieder dichter zusammen, sodass Valka erneut die Sicht versperrt wurde. Die Hexerin nickte dennoch anerkennend mit dem Kopf.
So blass wie der Junge bereits war, hätte sie es nicht für möglich gehalten, dass er hätte gerettet werden können.

Der Büttel trat wieder aus der Menge heraus auf Valka zu und deutete ihr an ihm zu folgen. »Melitele sei Dank, dass der Junge lebt. Nach den ganzen Toten wäre es schrecklich, wenn wir nun noch ein Opfer zu beklagen hätten«, sagte der Mann erleichtert.
Valka nickte nachdenklich. »Wer war der Mann?«, fragte sie dann. Ein Grinsen erschien auf dem Gesicht des Büttels. »Das ist der junge Herr Godefroy. Er kam zusammen mit ein paar Freunden, ein ziemlich hochnäsiges Pack muss ich dazu sagen, vor einige Zeit in diese Gegend. Sie besuchen gelegentlich unser Dorf. Aber anders als seine Begleiter ist er ein echter Segen. Er ist ein Arzt, ein richtig Studierter und sich nicht zu schade auch uns einfachen Leuten zu helfen. Was für ein Glück, dass er grade heute hergekommen ist.«
Wieder nickte die Hexerin nachdenklich. »Ja, was für ein Glück.«

 

~

 

Nachdem Valka ihr Pferd im Stall untergebracht und mit ausreichend süßem Heu versorgt hatte, machte sie sich zurück auf den Weg zum Haus des Büttels der gleich nachdem er ihr den Stall gezeigt hatte wieder umgekehrt war.
Auf dem Weg dorthin stellte sie fest, dass der junge Mann immer noch auf dem Marktplatz stand, wenn auch anscheinend eher unfreiwillig. Er war umringt von einer Schar Frauen, die ihm wieder und wieder ihren Dank aussprachen und ihn baten zum Essen zu bleiben oder sich wenigstens mit einem Bier erfrischen zu lassen.
Valka schmunzelte während sie beobachtete wie der Mann immer wieder versuchte sich zu verabschieden und zu gehen und trotzdem aufgehalten wurde. Sie erreichte das Haus, aber bevor sie eintrat drehte sie sich noch einmal um und warf noch einen letzten Blick auf den heldenhaften Retter.
Irgendetwas an ihm kam ihr sehr merkwürdig vor, sie konnte es aber nicht greifen. Sie betrachtete seine angenehmen Züge, die dunklen glatten Haare, die in dem Aufschlag seines Kragens verschwanden und seine aufrechte schlanke Gestalt. Lediglich der erschöpfte Zug um seine Augen passte nicht ganz in die akkurate Erscheinung.
Als sie schließlich für sich selbst feststellte, dass er wirklich ziemlich gutaussehend war, bemerkte sie plötzlich an was sie sich störte.
Der Büttel erwähnte, dass der Mann ein studierter Arzt sein sollte, doch nach ihrer Einschätzung konnte dieser Mann bestenfalls Ende Zwanzig sein. Für einen Studenten der Medizin viel zu jung um bereits als praktizierender Arzt anerkannt sein zu können.
Skeptisch unterzog sie ihn einer weiteren genauen Betrachtung, konnte aber nichts weiter Auffälliges feststellen. Sie war schon zu der Vermutung gekommen, dass er sein Studium vielleicht nicht ganz beendet hatte oder so privilegiert war, dass seine Familie es sich leisten konnte ihn schon in sehr jungen Jahren studieren zu lassen, als ihr ein erschreckendes Detail ins Auge stach. Sie schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug, um die aufkommende Panik zu unterdrücken. Als sie sie wieder öffnete, überprüfte sie ihre Entdeckung, musste aber zu ihrem Leidwesen feststellen, dass sie sich nicht geirrt hatte. Der junge Mann warf, anders als die Personen um ihn herum, keinen Schatten.

Leise fluchend zog Valka sich um die Ecke des Hauses zurück und lehnte sich an die Wand während sie nachdachte. Sie war sich sicher, dass ihre Schlussfolgerungen zu den Angriffen richtig waren und sie es mit einer Bruxa zu tun hatte. Doch nun stand sie hier und musste sich mit einem höheren Vampir, denn dessen war sie sich ganz sicher, auseinandersetzten.
Sie fluchte wieder leise. Hätte sie auch nur einen Moment erwartet, dass das hätte passieren können, dann wäre sie unter keinen Umständen bereit gewesen diesen Auftrag anzunehmen. Frustriert legte sie eine Hand an ihr Kinn und dachte über ihre Situation nach. Es wäre durchaus möglich, dass dieser Vampir nichts mit den Angriffen zu tun hatte und wirklich nur zufällig hier ist. Genauso wäre es möglich, dass der Mörder zu seinem Gefolge gehört, auch wenn es dann unwahrscheinlich wäre, dass er den Menschen hilft, wenn er zeitgleich so wenig für sie übrighat, um sie seinen niederen Verwandten zum Fraß zu überlassen.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, dass er selbst hier war, um das Morden zu beenden. Sie wusste immerhin aus Erfahrung, dass höhere Vampire es nicht gern sahen, wenn Artgenossen zu viel Aufsehen erregten. Grübelnd lehnte sie sich um die Ecke und warf noch einen Blick auf den Vampir, der es nun endlich geschafft hatte, sich von den Frauen zu befreien und freundlich winkend, rückwärts zur Straße zurückging.
Valka seufzte laut und trat wieder vor. Ihre Spekulationen brachten sie nicht weiter. Sie würde letztendlich nicht drumherum kommen sich heute Nacht auf die Lauer zu legen. Wenn sie Glück hatte dann würde sie auf eine Bruxa stoßen und sie hoffentlich schnell erledigen. Wenn sie weniger Glück hatte dann würde sie auf einen höheren Vampir treffen und sie könnte nur Hoffen Dillingen schnell genug hinter sich zu lassen, bevor er auf sie Aufmerksam werden würde.

Lautlos überprüfte Valka zum wiederholten Male ihre Mondstaubbomben und den Vampirölfilm auf ihrer Silberklinge. Dann verfiel sie wieder in Regungslosigkeit und wartete angespannt zwischen einigen großen Stapeln von Holzscheiten auf irgendeinen Hinweis, dem sie nachgehen konnte.
Die Nacht war klar und vom Vollmond erhellt. Der Wind stand günstig und trug ihren verräterischen Geruch nur hinaus auf die Felder und nicht in das Dorf. Zudem waren die Ställe unweit von ihr entfernt und der stechende Ammoniakgeruch sorgte für zusätzliche Tarnung. Es war bereits nach Mitternacht, aber die einzigen Bewegungen, die sie ausmachen konnte, waren die Zweige der Bäume die sich im Wind bogen und das gelegentliche vorbeihuschen eines nachtaktiven Tiers.
Die vorangegangenen Morde, waren nicht zwangsläufig in aufeinanderfolgenden Nächten geschehen. Die Hexerin rechnete also durchaus damit, dass die Möglichkeit bestand, dass sie in dieser Nacht vergebens wartete, aber ihre Anspannung verringerte sich dadurch nicht.

Valka verlagerte grade ihr Gewicht von ihrem linken Bein, das einzuschlafen drohte, auf das Rechte als sie ein Geräusch zusammenzucken ließ. Eine Haustür öffnete sich und in der Dunkelheit trat eine Frau mit einer kleinen Kerze hinaus. Valka entspannte sich wieder, während sie zusah wie die Frau, die sie als die vermeintliche Mutter des glücklichen Jungens von heute Vormittag erkannte, schnell über den Platz huschte. Vermutlich auf dem Weg zum Abort.
Als sich jedoch plötzlich hinter der Frau ein schwarzer Schatten von einer Hauswand löste, verkrampfte sich die Hexerin sofort wieder. Rasch würgte sie ein Schwarzes Blut herunter, packte ihr Schwert fester und nahm lautlos die Verfolgung auf.
Sie hielt möglichst große Distanz, um nicht von dem Vampir entdeckt zu werden, achtete aber darauf ihn nicht aus den Augen zu verlieren.
Während die Frau in dem kleinen Holzhäuschen verschwand nutzte Valka die Gelegenheit und schlich sich in Zeitlupe an den lauernden Vampir an. Als sie nah genug war, um zu erkennen mit was sie es zu tun hatte, sank ihr das Herz in die Hose.
Die Gestalt hatte ihre vampirische Natur enthüllt, aber es gab dennoch keinen Zweifel, dass es sich um den jungen Mann handelte, der das Kind gerettet hatte. Soviel zu ihrer Theorie. Verzweifelt biss sich Valka auf die Lippe. Ein Kampf kam eigentlich nicht in Frage, aber sie konnte es auch nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren die arme Frau direkt in die Arme dieses Monsters laufen zu lassen. Als die Tür des Abortes sich wieder öffnete wusste sie, dass sie sich schnell entscheiden musste. Valka biss die Zähne zusammen und machte sich bereit sich auf den Vampir zu stürzen, als der sich zu ihrer Überraschung einfach in den Schatten zurückzog und die Frau unbeschadet passieren ließ.
Erstaunt starrte die Hexerin in die Ecke, in der der Vampir verschwunden war. Erst das Geräusch einer zufallenden Tür, riss sie aus ihrer Verblüffung und verriet ihr, dass die Frau wohlbehalten in ihrem Heim angekommen war.

Zutiefst irritiert kehrte sie in ihr Versteck zurück und dachte über ihr weiteres Vorgehen nach. Sie konnte sich keinen Reim auf das Verhalten des Vampirs machen. Insgeheim hoffte sie jedoch, dass ihre tollkühne Vermutung, dass auch er hier nur auf der Lauer nach dem wahren Mörder lag, wahr wäre. Da sie ihn jedoch aus den Augen verloren hatte und auch sonst keine weitere Spur verfolgen konnte, blieb ihr zunächst nichts anderes übrig als auf ihrem Wachposten zu bleiben und geduldig in die Nacht zu starren.

 

~

 

Es verging eine weitere ereignislose Stunde, in der Valka nur einmal gezwungen war ihr Versteck zu wechseln, da der Wind sich gedreht hatte. Der Morgen war bereits nah und sie rechnete nicht mehr mit einem Angriff, als plötzlich in einiger Entfernung die schrillen Schreie eines Menschen in Todesangst erklangen. Sofort Valka auf den Beinen und rannte ihnen entgegen.
Nach wenigen Augenblicken kam sie zu einem etwas abseitsstehenden Haus mit fleckiger Fassade. Die weit geöffnete Tür ermöglichte ihr einen Blick ins Innere wo sie unmittelbar einen leblosen, blutüberströmten Körper bemerkte. Aus dem Inneren drangen noch immer gedämpfte Schreie und sie musste sich beeilen, um die arme Seele zu retten.
Sie nahm einen weiteren Trank, um die abklingende Wirkung wiederherzustellen und fluchte leise als sie bemerkte, dass die Schreie die anderen Dorfbewohner geweckt hatte und vor ihre Häuser lockte.

Raschsprang sie über die Leiche hinweg in das Haus und machte sich auf die Suche nach ihrem Opfer. Ein leises Wimmern leitete sie an und kurz darauf stand sie im Eingang zur Wohnstube von wo aus sie gute Sicht auf einen Anblick bekam, der ihren Magen unangenehm zusammenziehen ließ.
Direkt vor ihr stand schwankend der inzwischen vertraute Vampir und trank geräuschvoll das Blut eines weinenden Mannes. Das bedauerliche Opfer wand sich in der Umklammerung und obwohl Valka sehen konnte, dass er kaum noch am Leben war, reichten seine schwachen Bemühungen aus, um seinem Peiniger aus den Händen zu gleiten und dumpf auf den Boden aufzuschlagen.
Leider rettete ihn das jedoch nicht. Der Vampir beugte sich unsicher vor, zog ihn wieder in seine Arme und biss erneut zu. Valka beobachtete schockiert die entsetzliche Szene. Ihre Hoffnung auf eine anständige Gesinnung des Vampirs war dahin und sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein leises Schluchzen entwich. Alarmiert drehte sich der angebliche Arzt um und fauchte die Hexerin wütend an.
Er ließ sein Opfer fallen und sprang auf Valka zu, anstatt sie aber anzugreifen, stieß er ihr nur mit einer klauenbewehrten Hand vor die Brust und riss sie von den Füssen, ehe er gleich darauf aus dem Haus rannte, wobei er ständig unsicher die Wände streifte.

Valka schwang sich verärgert über ihr eigenes zögern wieder auf die Beine und setzte ihm nach. Draußen angekommen konnte sie grade noch sehen wie der Vampir die letzten Minuten des Vollmondes nutzte, um sich in eine riesige Fledermaus zu verwandeln. Mit seinen kräftigen Beinen stieß er sich vom Boden ab und schlug heftig mit den gewaltigen Flügeln.
Zu Valkas Verwunderung kam er jedoch nicht weit. Nach nur wenigen Metern geriet die gigantische Fledermaus ins Trudeln und stürzte krachend in den hölzernen Aufbau des Brunnens wo sie regungslos zwischen den geborstenen Balken liegenblieb. Die Hexerin rannte mit weiten Schritten zu den Überresten des Brunnens und stieß eine der Platten beiseite die als Überdachung gedient hatte. Darunter kam der Vampir zum Vorschein, der sich wieder in vollständig menschlicher Erscheinung, aufrichtete, auf seine Unterarme stützte und sie mit traurigen schwarzen Augen ansah.

Valka versuchte die Tränen zu verdrängen, als sie ihr Schwert hob und es mit einem gewaltigen Hieb auf den Hals des Vampirs niedergehen ließ.

 

 

Geralt stieß den Atem aus von dem er nicht gemerkt hatte, dass er ihn angehalten hatte. Ein Blick in die Runde zeigte ihm betroffene Gesichter, die genau wie er noch damit beschäftigt waren die Geschichte zu verdauen.
Ihm war klar gewesen, dass Regis leichtfertige Erzählung über seine vergangene Enthauptung nicht an die tatsächlichen Ereignisse heranreichen konnte, aber die Geschichte so vollständig zu hören, traf ihn sehr. Er war sich sicher, dass er seinen Freund, obgleich er ihn ganz sicher nicht weniger schätzen, von nun an doch noch mit ein wenig anderen Augen betrachten würde.
Schweigend sah er zu wie Valka aufstand, um sich ihren Humpen wieder füllen zu lassen. Als sie kurz darauf zurückkam und sich wieder an ihren Platz setzte, begann Eskel nervös mit den Fingern auf der Tischplatte zu trommeln. Er schien einen Moment unentschlossen, stellte dann jedoch seine Frage. »Wie ging es weiter? Ich meine wir wissen doch das höhere Vampire ausschließlich von ihresgleichen getötet werden können. Und wir wissen, dass Regis nicht tot ist.«

Valka fuhr sich mit einer Hand durch ihr kurzes Haar. »Gleich nachdem ich…ihr wisst schon, kamen einige der Männer aus dem Dorf angerannt. Sie waren verständlicherweise furchtbar entsetzt festzustellen, dass der junge Mann, auf den sie so große Stücke setzten und der zu dem Zeitpunkt übrigens schon einhundertsiebzehn Jahre alt war, in Wirklichkeit der Ursprung ihres Übels war.
Trotz meiner Einwände bestanden sie darauf sein Herz mit einem Pfahl zu durchbohren und ihn mit Weihwasser zu besprühen. Als sie auf die Idee kamen seinen Körper zu verbrennen, habe ich dann eingegriffen und ihnen irgendeinen Nonsens über Hexerrituale zum Austreiben des Bösen erzählt.«
Valka rollte mit den Augen. »Sie haben sich erst etwas geziert, ließen sich aber zum Glück überzeugen. Ich schickte das ganze Dorf zu einem in der Nähe liegenden Schrein damit sie dort beteten. Dann holte ich mein Pferd und band seinen Körper auf dem Sattel fest.
Auf dem Weg nach Dillingen bin ich an einem Elfenfriedhof vorbeigekommen, der damals schon einige Jahrzehnte verlassen war.
Ich ritt dorthin zurück und suchte unter den großen Steinsarkophagen einen heraus der noch unbeschädigt war und legte ihn hinein.« Valka schluckte hart und starrte für einen Moment in ihren Bierkrug. »Ich weiß nicht mit Sicherheit was mich dazu bewogen hat, aber bevor ich den Deckel des Sarges schloss, legte ich ihm einen Streifen Pergament und ein einzelnes Zündholz in die Hand.«
Geralt sah verwundert von seinem eigenen Bier hoch. »Was Stand auf dem Pergament?« Valka verzog ihr Gesicht zu einem kurzen Lächeln. »Sieh es als Chance«, sagte sie und strich sich über den Mund.
»Wisst ihr, ich hatte keine Möglichkeit seine Regeneration zu verhindern. Die Vampire achten darauf dieses seltsame Metall, das dafür nötig gewesen wäre, nicht in falsche Hände geraten zu lassen und die Wahrheit ist, ich wollte es auch gar nicht verhindern. Irgendwas an ihm hat in mir damals die tiefe Überzeugung ausgelöst, dass er selbst mit seinem Verhalten unglücklich war. Dazu kam die Geschichte mit dem Jungen. Wenn Menschen für ihn nichts weiter als Delikatessen waren, warum hätte er dann den Jungen retten sollen und vor allem auch seine Mutter verschonen? Nein, ich war mir damals ziemlich sicher, dass ich das richtige tat und die Zeit es zeigen würde. Nun und wie wir wissen, hat die Zeit es gezeigt.«

Geralt schüttelte verwirrt den Kopf. Die ganze Geschichte war einfach mehr als er auf einmal verdauen konnte.
Er wünschte sich nichts sehnlicher als das Regis durch die Tür käme und mit ihm darüber sprechen würde. Er war selten so sehr auf den klugen Verstand und sein strukturiertes Analysieren angewiesen gewesen wie jetzt in diesem Moment.
Ein leichtes pochen ließ den Hexer hochschrecken und seine Aufmerksamkeit auf Rittersporn richten. Der Barde saß mit verkniffenem Gesicht und verschränkten Armen auf seinem Stuhl und pochte im gleichen Rhythmus mit dem Fuß auf den Boden und den Fingern auf seinen Armen. Es war recht eindeutig, dass etwas an ihm nagte.
»Nun die Geschichte war ja schön und äh… entsetzlich, aber seien wir mal ehrlich. Das erklärt noch nicht viel und kann unmöglich das Ende gewesen sein«, sagte er dann ziemlich skeptisch. Valka lächelte ihn geheimnisvoll an. »Du hast recht Rittersporn. Das war nicht das Ende, das war der Anfang.«
Geralt legte den Kopf schief und fragte: »Erzählst du uns denn auch wie es weiterging?« Die Hexerin lenkte ihren Blick wieder auf Geralt und ihr Gesicht wurde ernst. »Nein.«
»Was? Warum nicht?«, protestierte Rittersporn.
»Weil ich diese Geschichte nicht erzählen möchte«, erwiderte sie streng. »Wenn ihr sie partout hören wollt, dann fragt jemanden der sie genauso gut erzählen kann. Früher oder später wird Regis schon wiederauftauchen.« Sie stand auf und streckte ihren Rücken.
»Es ist spät und ich werde nun schlafen gehen. Ich empfehle euch das gleiche zu tun. Wir sind schließlich nicht hier, um Geschichten auszutauschen. Dort draußen sterben Menschen und wir sollten uns beeilen etwas dagegen zu unternehmen.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ die anderen in der Schankstube zurück.

Eskel hob, kurz nachdem die Hexerin den Raum verlassen hatte, seinen Krug und leerte ihn. Dann stand er ebenfalls auf. »Wir sehen uns morgen.«
Damit war der Bann gebrochen. Stühle scharrten über den Boden und nach und nach gingen die Gefährten zu Bett bis nur noch Geralt am Tisch saß und grübelnd an die Decke starrte. Er hatte über viel nachzudenken.

 

 

Ohne vorheriges Klopfen öffnete sich die Tür und eine Person schob sich durch den schmalen Spalt bevor sie gleich darauf wieder ins Schloss fiel.
Valka bemerkte es, sah aber nicht vom Sortieren ihrer Trankkiste auf. »Dann hast du ihn also tatsächlich gefunden«, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
»Ja. Dabei musste ich zwischenzeitlich schon befürchten einer falschen Fährte auf der Spur zu sein«, erfolgte die Antwort.
»Du solltest vorsichtig sein. Regis ist kein Idiot. Er wird sich nicht so leicht täuschen lassen wie die anderen.«
»Ich weiß«, erfolgte abermals die Antwort. Valka richtete sich nun seufzend auf und drehte sich zu ihrem Besucher um.
Sie hob eine Hand und strich Veit eine lose Strähne seines dunkelbraunen Haars hinter das Ohr. »Und überleg dir gut was du mit dem weißen Wolf machst. Es ist mir keineswegs entgangen, dass du ziemlich viel für ihn übrighast.« Veit griff die Hand der Hexerin und drückte sie sanft. »Mach dir darüber keine Sorgen. Das hier ist zu wichtig, um mich von Gefühlen ablenken zu lassen.«

Chapter Text

Während kurz nach Sonnenaufgang das Leben in der Herberge erwachte, stand Geralt an einem Fenster, seufzte leise und spähte durch den geöffneten Laden hindurch in den wolkenverhangenen, grauen Himmel. Er hatte beinahe vergessen, dass Velener Tage meist dunkler waren als Toussaints paradiesische Nächte.
Trotz der beunruhigenden Erzählung, die ein wenig Licht in die geheimnisvolle Vergangenheit seines engsten Freundes brachte, war der Hexer erstaunlich problemlos eingeschlafen. Wirkliche Erholung konnte er jedoch nicht finden, denn seine Nachtruhe wurde von wirren und bedrückenden Träumen gestört, in denen sein Verstand heimgesucht wurde, von abgetrennten Köpfen, liebenswürdigen schwarzen Augen und verzehrendem Feuer, welches sich unter qualvollen und markerschütternden Schreien gierig über einen sich windenden Körper fraß.

Geralt seufzte erneut und wünschte sich zum wiederholten Male, dass Regis bald zurückkehren würde, damit er ihn in Sicherheit wissen konnte. Natürlich wusste er, dass der Vampir mühelos dazu in der Lage war auf sich selbst aufzupassen und dass die wenigen Dinge, die ihm tatsächlich gefährlich werden könnten, kaum für den Hexer zu Händeln wären.
Aber dieses Wissen beruhigte ihn wenig. Denn für ein praktisch unsterbliches Wesen, war sein Freund doch erschreckend oft dem Tode nahe.

Als Geralt den Fensterladen letztendlich wieder schloss und sich umdrehte, sah er Veit genervt auf einem Bett sitzen, bei dem Versuche seinen langen Zopf neu zu flechten.
Er beobachtete den anderen Hexer schmunzelnd eine Weile dabei, wie er immer wieder einzelne Strähnen abtrennte, sie ein paar Mal übereinanderlegte und sich dann einzelne Haare entweder irgendwo in seiner Rüstung verhedderten oder sie ihm stumpf aus den Fingern glitten.
Als er nach dem vierten Anlauf, seinen halb geflochtenen Zopf schnaubend über die Schulter warf, konnte sich Geralt ein kleines Lachen nicht verkneifen. Veit sah zu ihm auf und schob schmollend die Unterlippe vor, was Geralt nur weiter belustigte.
»Ich habe keine Ahnung, was so lustig ist, weißer, stummelzöpfiger Wolf«, sagte er, auf eine kindliche Art beleidigt.
»Kann es sein, dass du dir nie selbst die Haare flechtest?«, fragte Geralt amüsiert. »Vielleicht«, antwortete Veit grummelnd, aber dann hellte sich sein Gesicht unvermittelt auf. »Hilfst du mir?«
Geralt schnaubte. »Wieso gehst du davon aus, dass ich das überhaupt könnte?« Veit lächelte nun verschmitzt. »Du willst mir doch nicht erzählen, dass du deiner Ciri nie die Haare geflochten hast.«
Geralt verzog das Gesicht. »Ich wusste, dass es ein Fehler war dir von ihr zu erzählen.« Er ging zu dem Hexer und setzte sich schräg hinter ihm auf das Bett.
Als er nach dessen Haaren griff, um die Strähnen zu lösen, ergänzte er: »Und nur zu deiner Information, direkt im Anschluss wurde sie, zur Abrundung ihres Aussehens, von Triss in ein Kleid gesteckt.«
Veit gluckste belustigt und drehte den Kopf etwas, um Geralt schelmisch zuzuzwinkern. »Wenn es dich glücklich macht, dann zieh ich auch ein Kleid für dich an. Ich habe schöne Beine, es darf also gerne kurz sein. In Anbetracht unseres Vorhabens bestehe ich aber auf ein Ensemble aus metallbeschlagenem Leder und Kettengliedern.«
Geralt schnaubte wieder und schüttelte den Kopf, um die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben. Als dabei zufällig sein Blick auf Eskel fiel, der ein paar Schritte entfernt saß und seine Schwerter schärfte, bemerkte er, dass dieser mitten in der Bewegung erstarrt war und die beiden anstarrte. Als ihre Augen sich trafen und Eskel prompt rot anlief, erinnerte sich Geralt spontan an eine ziemlich feucht fröhliche Nacht mit ihm, Lambert und Yennefers Kleidertruhe.
Verlegen räusperte er sich und bemühte sich angestrengt auf Veits Haare zu konzentrieren. Er strich mit den Fingern durch die gesamte seidige Länge, auf der Suche nach Knoten, die er lösen musste. Ein besonders hartnäckiger hatte sich in Veits Nacken gebildet, wo eine Strähne sich an einer Niete der Rüstung verfangen hatte. Mit spitzen Fingern zupfte er sanft an den Haaren herum und versuchte sie zu lösen, ohne sie aus- oder abzureißen.
Er bemerkte erst, dass er sich immer näher an den Mann heran gebeugt hatte, als der warmer Duft von Kiefern, Zimt und Moschus der Veit stets umgab ihm heftiger, als gewöhnlich in die Nase stieg und in seinem Magen eine Schar von Schmetterlingen ganz unvermittelt ihr Unwesen trieben.
Gleich darauf registrierte er ebenfalls, dass sein Knie, welches er angewinkelt hatte, um bequemer sitzen zu können, sich direkt an das Bein des dunkelhaarigen Hexers anschmiegte. Erschrocken lehnte sich so schnell zurück, dass er ein paar einzelne Haare in Veits Nacken auszupfte.
Der Hexer zuckte zusammen und Geralt lächelte verlegen. »Entschuldigung.« Veit reagierte jedoch nicht und blieb weiter ruhig sitzen. Geralt schluckte hart und beeilte sich den langen Zopf mit zitternden Händen in einzelne Segmente aufzuteilen.
Es beunruhigte ihn etwas, dass er die körperliche Nähe des anderen Mannes nicht als aufdringlich empfand. Er kam nicht einmal umhin sich einzugestehen, dass er die Nähe sogar ausgesprochen angenehm fand.
Mit zusammengebissenen Zähnen kam ihm Ciri in den Sinn. Ihre Vorlieben hatten ihn nie gestört, wenn er ehrlich zu sich war, hatte er sogar kaum einen Gedanken daran verschwendet. Man musste schließlich auch schon ein ziemlicher Idiot sein, um sich daran zu stören, dass zwei Personen die sich zueinander hingezogen fühlten, dies auch auslebten. Aber… könnte er…?

Überrascht und auch erleichtert stellte Geralt fest, dass er den Zopf fertig geflochten hatte. Er warf einen kritischen Blick darauf und entschied, dass das Ergebnis recht gelungen war. »Hast du ein Band?«, fragte er. Als Veit ihm ein schwarzes Seidenband über die Schulter reichte, fiel ihm plötzlich etwas ein. »Sag mal, wer hat dir eigentlich in Corvo Bianco geholfen? Marlene?«, wollte er schmunzelnd wissen. Veit hustete verlegen. »Nein, Marlenes Finger sind schon zu steif dafür. B.B. hat mir…«, weiter kam er nicht, denn Geralt brach in lautes Gelächter aus. »Schon gut«, prustete er. »Ich kann es mir bildlich vorstellen.«
Veit warf ihm einen schiefen Blick zu und nahm dann seinen Zopf zwischen die Finger, um das Ergebnis von Geralts Arbeit zu begutachten. Er stand sogar auf und ging zu dem winzigen, fast blinden Rasierspiegel an der Wand. Er drehte sich einen Moment hin und her und nickte dann zufrieden. Mit strahlendem Lächeln auf den Lippen wandte er sich wieder an Geralt. »Vielen Dank.«
Geralt erwiderte das Lächeln zaghaft und rang dann die erneute Schmetterlingsinvasion in seinem Bauch nieder.
Währenddessen Veit zu seiner Ausrüstung ging, die in einem kleinen Haufen auf dem Boden aufgestapelt war und begann sich die unzähligen Gürtel und Taschen umzuhängen und Bomben, sowie Tränke zu verstauen, ruhte Geralts Blick weiterhin auf ihm. Er beobachtete die präzisen und eleganten Bewegungen, das Spiel der Muskulatur unter der Haut von Veits Unterarmen und die flexible Leichtigkeit, mit der er seinen Körper in jede beliebige Richtung drehen und biegen konnte.
Als das letzte Teil sicher in den Taschen des Hexers verstaut war, riss Geralt seinen Blick mühevoll von ihm los und er blickte, in Ermangelung eines besseren Motivs, stattdessen auf seine Hände.
Sein Hals war plötzlich unangenehm trocken. Er war sich einfach nicht sicher, ob er Veit wirklich mehr mochte als… üblich. Ob er ihn womöglich sogar tatsächlich… körperlich… anziehend fand.
Geralt schüttelte genervt den Kopf und strich sich mit der Hand über den Mund. Ich tue es schon wieder, gestand er sich ausnahmsweise ein. Anstatt mich auf Emotionen einzulassen, suche ich lieber direkt Ausreden, um mich nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen.

Geralt war sich sicher, dass ihm der Mann inzwischen enorm viel bedeutete. In sehr kurzer Zeit war Veit von einem Fremden zu einem seiner besten Freunde geworden.
Er war sogar absolut bereit zuzugeben, dass neben Regis keiner seiner anderen Freunde ihm so nah war wie dieser der Hexer. Damit erübrigten sich für ihn auch Fragen, ob er gerne Zeit mit ihm verbrachte. Denn das tat er zweifellos. Am liebsten hätte er den Mann ständig in seiner Nähe.
Nein, die eigentliche Frage war eine ganz andere. Er biss die Zähne zusammen, holte tief Luft und stellte sich seinem Dämon. Will ich Veit packen, ihm die Kleider vom Leib reißen und auf ein Bett stoßen, auf dem wir dann ficken bis wir vor Erschöpfung einschlafen?
Das eiskalte schaudern das Geralt durchfuhr, während er diesen Gedanken nur stumm ausformulierte, zeigte ihm zumindest erst mal eines. - Er hatte panische Angst vor der Antwort.

»Geralt?«, riss Eskel ihn so unvermittelt aus seinen Gedanken, dass er erschrocken zusammenzuckte. »Ist alles in Ordnung?«
Schockiert bemerkte Geralt, dass nicht nur Eskel, sondern auch Veit, Rittersporn und Zoltan ihn verwundert anstarrten. Er spürte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht stieg.
»Hunger«, erwiderte er stumpf.

 

 

Nachdem die Männer sich angezogen und ihre Ausrüstung vorbereitet hatten, betraten sie gemeinsam den Schankraum. Es war noch früh, sodass das Feuer, welches die Wirtsfrau zum Zubereiten des Frühstücks entfacht hatte, die Luft noch nicht auf eine behagliche Temperatur erwärmen konnte. Ein kurzer Blick durch den Raum offenbarte, dass Valka noch in ihrer kleinen privaten Kammer sein musste und außer zwei alten Männern mit strähnigem grauem Haar und großen Zahnlücken, war der Raum auch sonst leer.
Rittersporn machte sich sogleich auf, um sicherzustellen, dass ihnen an diesem Tag nicht wieder Grütze oder eine andere Form von Getreidebrei drohte und Zoltan setzte sich gemeinsam mit Veit an einen Tisch und sie packten die Gwintkarten aus.
Geralt hingegen, gesellte sich zu Eskel, der umständlich an einem kleineren Tisch in einer Ecke des Raumes eine einfache gezeichnete Karte der Gegend entfaltete. »Selbstgemalt?«, fragte er spöttisch. »Ist schön geworden.«
»Sehr komisch Geralt«, erwiderte Eskel. »Die soll nicht schön sein, sondern nützlich.« Geralt grinste ihn noch einmal an, beugte sich dann aber über die Karte und betrachtete die unzähligen widersprüchlichen Markierungen auf der Karte an.
»Ich muss gestehen, ich werde ja nicht schlau daraus«, gab Geralt zu, ohne den Kopf zu heben. Eskel verzog das Gesicht. »Geht mir genauso. Und ich spreche nicht von der Karte.« Geralt sah verwundert hoch zu ihm.
»In den drei Tagen, bevor ihr hier angekommen seid, sind Valka, Zoltan und ich jeden Tag losgezogen. Jeder von uns in eine andere Richtung. Wir haben nur nach Spuren gesucht, nicht nach der Meute selbst.«
»Und was ist dabei herausgekommen?«
Eskel strich sich müde durch seine dunklen Haare und über das Gesicht. »Die Spuren die wir gefunden und die Informationen, die wir von den Flüchtlingen erhalten haben, deuten darauf hin, dass die Angriffe immer kreisförmig erfolgen. Im Laufe von zwei oder drei Tagen finden in einem Gebiet an mehreren Stellen nacheinander Angriffe statt. Dabei ist im Zentrum immer ein Bereich, der zunächst verschont wird und dann, wenn die nächste zyklische Welle erfolgt, als erstes heimgesucht wird.«
Eskel unterbrach, als Rittersporn die knarzende Tür des Schankraums aufstieß und empört den Raum betrat. »Es ist nicht zu fassen«, schimpfte er laut. »Die wollen uns allen Ernstes auch Grütze andrehen.«
Geralt verdrehte die Augen. »Rittersporn wir sind hier in einem Bauerndorf und nicht bei der herzoglichen Tafel von Beauclair.«
Der Barde versteifte seine Schultern würdevoll. »Und das soll eine Entschuldigung dafür sein, dass diese Leute nicht in der Lage sind mit Getreide etwas anderes anzustellen als es zu schroten und zu kochen.«
»Ja«, antwortete Geralt knapp. Dann seufzte er und sagte versöhnlich: »Wir müssen heute gründlich die Gegend untersuchen. Ich bin sicher, dass einer von uns dabei über ein Reh oder einen Hirsch stolpern wird. Wäre eine große Portion Wildbret mit den Gewürzen, die Marlene uns mitgegeben hat, in der Lage deinen verwöhnten Gaumen wieder zu besänftigen?«

Rittersporn dachte einen Moment unentschlossen darüber nach. Bevor er jedoch antworten konnte, lenkte ihn ein helles Lachen ab.
Verwirrt blickte der Barde in die Richtung, aus der das Geräusch kam und als er dessen Ursprung sah, klappte ihm der Mund vor Überraschung auf.
Valka hatte den Schankraum betreten und ihren kleinen Disput amüsiert mit angehört. Der Grund für Rittersporns Reaktion war jedoch nicht etwa die bloße Anwesenheit der Hexerin, sondern vielmehr ihre Erscheinung.
Anders als am vergangenen Abend trug sie nicht mehr den ledernen Harnisch über ihrem langen gefütterten Mantel. Stattdessen konnte man zwischen dem Fellbesatz ein eng anliegendes nietenbeschlagenes Mieder erkennen, welches ihre weiblichen Rundungen exzellent betonte. Der zottelige grau-braune Fellkragen umschmeichelte ihren schlanken Hals und lenkte von den extrem kurzrasierten Seiten ihres Kopfes ab.
Ihre längeren dunkelblonden Haupthaare waren mit etwas Pomade in Form gebracht, sodass die lockigen Strähnen ihr Gesicht verspielt umrandeten. Sogar ihre Augen waren mit dunklem Kajal betont und leuchteten geheimnisvoll. Im Gegensatz zu ihrem früheren Erscheinungsbild, konnte nun niemand mehr Zweifel hegen, ob es sich bei ihr wirklich um eine Frau handelte.
Auch Geralt und Eskel nickten ihr anerkennend zu, was sie mit einer leichten Verbeugung honorierte. Für die Hexer wirkten ihre kurzen Haare jedoch immer noch befremdlich, was wohl in erster Linie daran lag, dass sie sie früher recht lang getragen hatte. Aber sie war dennoch zweifelsohne hübsch.
Keine umwerfende Schönheit wie Yennefer, fand zumindest Geralt, aber definitiv hübsch.
Eskels Bewunderung ging sogar noch einen Schritt weiter. Geralt sah, dass sein Freund die Hexerin fasziniert regelrecht anstarrte. Nach einigen Sekunden bemerkte der Hexer jedoch Geralts feixendes Grinsen und warf ihm einen Blick mit verkniffenen Augen und einer hochgezogenen Augenbraue zu.
Er ignorierte Geralts kichern und lenkte sein Blick zurück auf die Hexerin und schüttelte dann den Kopf, bevor er leise sagte: »Es ist seltsam, aber sie erinnert mich irgendwie an… .«
»Sonnenblumen«, fiel ihm eine Stimme hinter ihnen ins Wort.
Verdutzt drehten sich die beiden Hexer um und stellten erstaunt fest, dass Regis hinter ihnen stand. »Sie erinnert an Sonnenblumen«, wiederholte der Vampir leise. Eskel starrte ihn erst einen Moment verwirrt an, nickte dann aber kurz. »Ja, genau.«
Geralt betrachtete zunächst die beiden Männer verwundert, aber drehte sich dann noch mal zu der Hexerin um, die lächelnd mit Rittersporn sprach, der seine Überraschung überwunden hatte und zu ihr gegangen war. Erstaunt stellte Geralt fest, dass der Vergleich nun für ihn auch nicht mehr so abwegig war.
Die dunkelblonden, welligen Haare, die leuchtenden, gelben Katzenaugen und ihre Haut die, obwohl genauso blass wie die der männlichen Hexer, von innen zu Leuchten schien, all das löste die Assoziation von warmen Spätsommerabenden und Behaglichkeit aus. Sogar ihre Kleidung in den Braun- und Grüntönen der Bärenschule unterstrich dieses Gefühl nur.
Ein eigentlich schöner Vergleich, der jedoch in Geralt Unbehagen auslöste, wenn er an den wehmütigen Ton dachte, in dem der Vampir ihn ausgesprochen hatte.

Besorgt drehte sich Geralt wieder zu seinem Freund um. »Geht es dir gut?« Regis lächelte mit geschlossenem Mund. »Mach dir um mich keine Sorgen, mein Freund. Ich musste mich nur von der plötzlichen Konfrontation mit meiner wenig schmeichelhaften Vergangenheit erholen.«
Geralt nickte mitfühlend und beichtete dann unsicher: »Valka hat uns erzählt, wie… ihr euch begegnet seid.« Regis nickte und verzog sein Gesicht. »Das hatte ich erwartet.« Er legte sich eine Hand an den Mund. »Wie viel hat sie erzählt?«, fragte er dann und klang zu Geralts Verwunderung ein wenig eingeschüchtert. Der Hexer stutzte und überlegte, wie er die Frage beantworten sollte. »Ihre Erzählung endete mit dem Steinsarg.« Regis nickte und wirkte etwas erleichtert. »Ich verstehe.« Geralt grübelte und kaute dabei auf seiner Wange. Er war sich nicht sicher, ob er die Frage stellen sollte, aber sie nagte an ihm.
»Sie hat angedeutet, dass es da noch mehr zu Erzählen gibt, ist das richtig?« Wieder verzog Regis das Gesicht und nickte abermals. Bevor Geralt jedoch nachhaken konnte, kam ihm der Vampir zuvor. »Nur ist das hier weder die Zeit noch der Ort dafür. Ich möchte den ehrenvollen Auszug unserer neuen Hansa nicht mit einem weiteren unverzeihlichen Fehler meiner unrühmlichen Jugend überschatten«, versuchte Regis halbherzig zu scherzen, doch Geralt konnte deutlich den Schmerz in den Augen seines Freundes sehen.
Er nickte langsam und betrachtete ihn voller Mitgefühl. Was auch immer sonst noch zwischen Regis und der Hexerin vorgefallen war, es musste von ungeheurer Bedeutung gewesen sein, soviel war ihm auf jeden Fall klar.

Geralt schreckte aus seinen Gedanken hoch, als er bemerkte, dass Regis seinen Blick von ihm abwandte und stattdessen zu Valka sah, die ihr Gespräch mit Rittersporn beendet hatte und nun auf sie zukam.
Besorgt sah er, wie der Vampir einen kleinen Schritt nach hinten machte und er befürchtete schon fast, dass Regis wieder die Flucht ergreifen könnte. Doch zu seiner Erleichterung verlagerte er nur sein Gewicht auf das andere Bein und nahm eine Haltung ein, die Geralt nur als traurigen Stolz bezeichnen konnte.
Vor ihnen angekommen blieb Valka stehen und bedachte den Vampir für einen Moment stumm mit einem ähnlichen traurig-stolzen Ausdruck.
Seltsam, dachte Geralt. Was auch immer passiert ist, es hat beide unglücklich gemacht. Er wollte sich zurückziehen, um den beiden etwas Privatsphäre zu ermöglichen, aber bevor er dazu kam, sprach Regis, ohne sich an seiner oder Eskels Gegenwart zu stören, die Hexerin unvermittelt an.

»Ich bin erleichtert dich am Leben zu wissen.« Er stockte, räusperte sich und sprach dann mit leiserer Stimme weiter. »In den letzten zweihundertsiebzig Jahren habe ich mich immer wieder nach dir umgehört, jedoch wenig erfolgreich. Ich hatte angenommen, dass du… .«
»Dass ich in irgendeinem Monsternest mein Ende gefunden habe«, unterbrach sie ihn nun mit einem leichten Lächeln. »Keine Sorge, so leicht bin ich nicht totzukriegen. Ich war die meiste Zeit in Serrikanien und bin kaum nach Temerien, beziehungsweise Cintra gekommen.« Regis nickte beklommen.
»Einmal hat mich mein Weg aber zurück nach Dillingen gebracht«, erklärte Valka zögerlich. »Das war etwa im Jahr 1011. Aber du… .«
Nun war es an Regis die Hexerin zu unterbrechen. »Ich war zu dem Zeitpunkt in Toussaint. Hätte ich mich zu lange in Dillingen aufgehalten, dann hätten die Menschen dort Verdacht geschöpft.«
»Ja, natürlich.« Valka strich sich beschämt eine Strähne aus ihrem Gesicht, dann streckte sie plötzlich ihre Hand aus, als ob sie Regis Gesicht berühren wollte. Doch kurz bevor sie ihn erreicht hatte, stoppte sie ihre Bewegung, ließ den Arm wieder sinken und biss sich verlegen auf die Lippe. »Du siehst älter aus.«
Regis seufzte niedergeschlagen. »Du hast ja von meiner Kollision mit Vilgefortz gehört. Er vermochte mich vielleicht nicht zu töten, aber die Regeneration hat mir viel abverlangt. Es wird noch sehr viel Zeit vergehen bis - oder besser, sofern - ich mich ganz davon erhole.«
Valka nahm seine Hand, drückte sie kurz und schenkte ihm ein mitfühlendes Lächeln.

Bevor jedoch einer der beiden noch etwas sagen konnte, trat Rittersporn penetrant in die Runde und drängte sich geschickt in den Mittelpunkt. Sofort ließ Valka Regis‘ Hand los und ihr helles Lachen flutete wieder den Raum. »Keine Sorge Rittersporn, ich habe dich nicht vergessen.«
Die Hexer regierten ein wenig ungehaltener und warfen dem Barden finstere Blicke zu. Sie fühlten sich zwar selbst wie Eindringlinge in der Zweisamkeit, aber zumindest zeigten sie den Anstand die beiden nicht zu unterbrechen. Valka musste seine Gedanken erraten haben, denn sie zwinkerte ihm amüsiert zu und erklärte breit lächelnd: »Ich habe Rittersporn versprochen ihn vor der Grützenhölle zu bewahren.«
Der Barde nickte dringlich und verbeugte sich leicht in Richtung der Hexerin. »Auch, wenn mir noch nicht klar ist, wie du dieses Kunststück vollbringen willst. Diese Vettel von einer Wirtin hat nichts als Getreideschrot und altem Brot in ihrer Speisekammer.« Valkas Lächeln verwandelte sich in ein breites Grinsen, ehe sie erwiderte: »Lass dich überraschen und besser als Grütze wird es allemal. Aber zunächst bräuchte ich noch eine Spezialzutat und ich bin mir doch ziemlich sicher, dass Regis uns dabei weiterhelfen kann.«
Sie drehte sich zu dem Vampir um und sah ihn auffordernd an. Regis schien zu ahnen, was sie meinte, denn er lächelte verschmitzt, griff nach seiner Umhängetasche und kramte darin herum. »Aber natürlich, …Allium sativum.« Verwirrt zog Rittersporn die Augenbrauen hoch. Regis grinste noch ein bisschen breiter und seine Zähne kamen kurz zum Vorschein.
»Ein Amaryllisgewächs mit scheindoldigem Blütenstand, sehr beliebt für zahlreiche medizinische und kulinarische Anwendungen. Der Volksmund nennt es auch - Knoblauch.«
Rittersporn schnaubte ein wenig verächtlich. »Bei deiner Art dich zu artikulieren möchte man meinen, an dir ist ein Geschichtenschreiber verloren gegangen.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Und aus welchem Grund schleppt eigentlich ein Vampir Knoblauch mit sich herum?« Regis und Valka schmunzelten amüsiert, während er ihr eine Knolle und dazu noch mehrere Zweige Rosmarin reichte, dann sagte er: »Das, mein lieber Rittersporn, ist die Pointe.«

 

~

 

Nachdem Valka mit ihren Zutaten, auf der Suche nach der Wirtin, verschwunden war, nahm Eskel wieder den Faden zu seiner Erläuterung der Situation auf. Regis gesellte sich dazu und beugte sich neben Geralt tief über die Karte. »Wie ich schon sagte, die Angriffe erfolgen zyklisch. Immer zwei oder drei bevor sie den Bereich wechseln.« Eskel legte einen Finger auf die Karte und umfuhr damit ein größeres Areal. »Über einige Wochen wirkten die Bewegungen vollkommen willkürlich, man wusste nie, wo sie als Nächstes zuschlagen würden, nur, dass sie es nicht zweimal am gleichen Ort tun.«
»Aber?«, fragte Geralt. »Tja, seit etwa zwei Wochen bewegt sich das Rudel zielsicher hierher auf Lindental zu. Die Angriffe erfolgen immer noch kreisförmig, aber die Richtung ist eindeutig.« Nachdenklich kratzte Geralt sich eine kurzrasierte Seite seines Kopfes. »Merkwürdig… . Wann müssen wir mit den Angriffen rechnen?« Eskel nahm den Finger von der Karte und verschränkte seine Arme. »Das ist es ja. Sie hätten vor vier Tagen Lindental angreifen sollen.«
Verblüfft hob Geralt den Kopf. »Heißt das, die Angriffe haben gestoppt?« Eskel schüttelte mit ernstem Gesicht den Kopf. »Nein, sie lassen Lindental einfach nur aus. Und statt der üblichen drei Angriffe sind nun schon vier erfolgt, wobei der letzte wieder den Ort des ersten Angriffs um Lindental traf.« Er tippte wieder auf die Karte und zeigte auf einen kleinen Ort weiter im Osten. »Eine winzige Ansiedlung. Sogar zu klein, um es als Dorf zu bezeichnen. Wenn die Vampire noch mal da durchmarschieren, dann ist dort auch gar nichts mehr.«

Regis legte eine Hand ans Kinn und drehte sich nachdenklich zum Fenster. »Das klingt alles wirklich ausgesprochen ungewöhnlich. Sowohl das Bewegungsmuster, als auch die Zusammenstellung des Rudels.« Er drehte sich abrupt zu Eskel herum. »Rittersporn sagte, du hättest das Rudel gesehen. Handelt es sich wirklich um verschiedene niedere Vampire?« Eskel verzog das Gesicht und nickte. »Ich war ein bisschen in Hektik, um meinen Arsch da heile wieder rauszubekommen, aber wir sprechen von mindestens dreißig bis vierzig Vampiren. Darunter Flatterer, Katakane, Alpe und Garkins.  Und das waren nur die, die ich bemerkt habe.«
Regis schüttelte verwundert seinen Kopf. »Wirklich sehr ungewöhnlich.«

Geralt lehnte sich an den Tisch und dachte über Eskels Worte nach. »Es ist eine Weile her, seit ich das letzte Mal hier war. Soweit ich das beurteilen kann, hat sich das Dorf aber kaum verändert, fleckige Fassaden, undichte Reetdächer und bettelarme Leute. Weißt du, ob in letzter Zeit irgendwelche neuen interessanten Leute nach Lindental gekommen sind?« Eskel legte den Kopf schief. »Du meinst interessant für die Vampire?« Geralt nickte. »Der Gedanke ist uns auch schon gekommen«, meinte Eskel und deutete in Zoltans Richtung. »Wir haben mit praktisch jedem Einwohner gesprochen. Sie alle schwören, dass außer den Flüchtlingen und den Händlern, die aber alle nach wenigen Tagen wieder weiterziehen, nur wir hier fremd sind. Die anderen sind entweder hier geboren worden oder leben bereits seit etlichen Jahren hier.
Dazu kommt das in unmittelbarer Nähe keine Höhlen oder Bauten existieren, die nicht mindestens so armselig sind wie die Häuser hier im Dorf. Keine alten Elfentempel, Kultstätten oder Ähnliches. Das große Anwesen in der Gegend ist inzwischen auch verlassen. Die Alte, die da gewohnt hat, ist vor einigen Monaten gestorben und der Mob hat alles geplündert, was nicht im Vorfeld festgenagelt wurde.«
Eskel seufzte und zuckte genervt mit den Schultern. »Du siehst, es gibt hier einfach nichts, was auch nur einen zweiten Blick wert wäre, geschweige denn eine Vampirinvasion.«

Geralt ballte frustriert die Hand zur Faust. »Verdammt, wir brauchen einen Hinweis. Irgendeine Spur, der wir nachgehen können.« Er stützte sich mit den Händen auf der Tischplatte ab und starrte wieder auf die Karte. »Du sagst, es gibt keine Höhlen oder alten Bauten. Habt ihr denn eine Vermutung, wo sich die Vampire verstecken, wenn sie nicht grade auf der Jagd sind?«
Eskel wackelte ein bisschen unentschlossen mit dem Kopf. »In etwa. Valka ist in den letzten Tagen immer mal wieder auf Spuren der Vampire gestoßen. Sie scheinen nicht besonders anspruchsvoll zu sein und lagern einfach im Wald. Dabei scheinen sie aber keinen bevorzugten Lagerplatz zu haben, sondern suchen sich einfach eine Stelle, die in der Nähe ihres nächsten Ziels liegt.« Geralt schüttelte ungläubig den Kopf. »Gab es denn noch mal Sichtungen?«
»Jedenfalls von niemanden der noch davon erzählen könnte.«
»Das ist so nicht ganz richtig«, stellte Valka unvermittelt richtig. Die Männer drehten ihren Kopf zur Tür, wo die Hexerin unerwartet, mit einer großen Schüssel, von der ein äußerst appetitlicher Geruch aufstieg, stand.
Eskel wurde sofort aufmerksam. »Neue Flüchtlinge?«, fragte er. Valka nickte und kam näher. »Noch vor Sonnenaufgang sind ein paar verängstigte Kinder ins Dorf gestolpert. Die Frau des Schmieds hat sich ihnen angenommen. Sie haben ihr von großen Fledermausmonstern, vermutlich Ekimmas, berichtet, die ihre Eltern gefressen hätten.«
Zoltan, Rittersporn und Veit kamen, angelockt vom Essensgeruch, auf sie zu. Sie mussten die Unterhaltung am Tisch verfolgt haben, denn Veit fragte: »Haben die Kinder auch gesagt, woher sie kommen?« Valka nickte und stellte die Schüssel auf den Tisch. Sogleich griffen die Männer zu und steckten sich die knusprigen Stücke hungrig in den Mund.
»Unser Ziel heißt Toderas.« Geralt verschluckte sich an einem Krümel und hustete. »Toderas? Als ich vor ein paar Jahren dort war, war das eine Geisterstadt. Ein paar Banditen haben sich erst dort breitgemacht und wenig später wimmelte es dort von Nekrophagen.«
Rittersporn wedelte mit seiner Hand, in der er ebenfalls eines der Stücke aus der Schüssel hielt. »Wie du bereits sagtest, ist das ein paar Jahre her. Inzwischen haben sich dort wieder etliche Menschen niedergelassen«, erklärte er und starrte dann skeptisch auf den knusprigen Brocken in seiner Hand. Er hielt ihn Valka unter die Nase. »Was ist das?«, fragte der Barde. »Altes Brot«, erklärte die Hexerin beiläufig.
Eskel griff ein weiteres Mal in die Schüssel, bevor er einlenkte. »Toderas ist zu Pferd einen halben Tag entfernt. Die Kinder dürften also seit Tagen unterwegs sein. Es gab seitdem bestimmt drei oder vier weitere Angriffe viel näher an Lindental.«
Rittersporn ignorierte den Einwand und wedelte wieder mit seinem Frühstück. »Altes Brot?« Valka verdrehte die Augen, lächelte aber, als sie ihm eine Hand auf die Schulter legte. »Altes gewürfeltes Brot. In Schmalz gebraten, mit Kräutern, Knoblauch und Salz. Als Hexer nimmt man, was man kriegen kann und macht das Beste daraus.«
An Eskel gewandt sagte sie: »Es dürfte sich dennoch lohnen, da mal vorbeizuschauen. Denn nachdem was die Kinder berichteten, fand dort kein normaler Angriff statt. Anders als bei den anderen Dörfern gab es wohl nicht nur ein paar Opfer, Toderas ist wohl erneut zur Geisterstadt geworden. Die Kinder haben nur überlebt, weil sie sich zum Spielen rausgeschlichen hatten.«
Sie lächelte amüsiert, als sie sah, dass Rittersporn sich sein Stück Brot in den Mund geschoben hatte und sich seine Miene sofort aufhellte. Er drängte sich an Veit vorbei, um näher an die Schüssel zu gelangen und begann gierig die knusprigen Stücke zu verschlingen. Die anderen beeilten sich ihren Anteil an der Mahlzeit zu sichern und griffen ebenfalls wieder zu.

 

~

 

Zoltan wischte sich die fettigen Finger an seiner Hose ab und kratzte sich dann den Bart. »Hör mal Geralt, nicht, dass ich mir zu fein wäre euch nach Toderas zu begleiten, aber ich habe kein Pferd und bin nicht scharf darauf, mir eines zu besorgen.« Geralt nickte seinem Freund zu. »Ich hätte ohnehin eine andere Aufgabe für dich, wenn du dazu bereit bist.« »Lass hören«, erwiderte der Zwerg sofort.
»Früher lebte in der Nähe von Schwarzzweig ein Waideler. Sollte er noch am Leben sein, könnte er vielleicht hilfreich sein, um diesem Spuk auf den Grund zu gehen. Er wirkt zwar wie ein alter Spinner, aber an seinen Omen ist was dran.«
Valka hob überrascht die Augenbrauen. »Schwarzzweig ist über eine Tagesreise entfernt und wir wissen nicht, wo sich die Vampire zurzeit aufhalten. Wenn du ihn alleine losschickst, dann könnte das Böse enden.« Zoltan winkte ab. »Mach dir da mal keine Sorgen, Mädchen. Ich kann auf mich aufpassen.« Valka legte einen Finger an die Lippen. »Ich zweifle nicht an dir, aber bei der Menge an potenziellen Gegnern wirst du keine Chance haben.« Sie wandte sich an Geralt. »Ich denke, die Idee mit dem Waideler ist einen Versuch wert. Insbesondere wenn unsere einzige andere Spur ein tagelang zurückliegender Angriff ist, der sich nur durch die Opferzahl von den anderen abhebt. Aber wir sollten vorsichtig sein. Ich schlage vor wir teilen uns auf.«
Zustimmendes Gemurmel machte sich in der Gruppe breit und Regis trat einen Schritt vor. »Ich würde gern Toderas einen Besuch abstatten. Vielleicht finde ich etwas, das mir mehr über die Beweggründe für dieses absonderliche Verhalten verrät.« Geralt nickte. »Gut, ich werde dich begleiten.« »Und ich ebenfalls«, mischte Veit sich ein.
»Dann würde ich sagen, dass Zoltan, Rittersporn, Valka und ich nach Schwarzzweig aufbrechen«, ergänzte Eskel. Zu Geralts Überraschung schwieg der Barde und legte keinen Protest zu der Aufteilung ein. Da auch sonst niemand Einspruch erhob, klatschte der Hexer die Hände zusammen und sagte: »Dann treffen wir uns hier wieder. Da wir mit Sicherheit vor euch zurück sein werden, gebe ich euch drei Tage. Seid ihr bis dahin nicht ebenfalls zurückgekehrt, kommen wir euch suchen.«
Valka stieß sich mit der Hüfte von der Tischplatte ab, an der sie gelehnt hatte und nickte in die Runde. »Zeit aufzubrechen.«

 

 

Regis und die beiden Hexer folgten der unebenen Straße, die sich durch die Sümpfe schlängelte und sie nach Toderas bringen würde. Sie waren kaum eine Stunde nach ihrer Besprechung aufgebrochen und suchten sich nun ihren Weg an den zahllosen Tümpeln und morastigen Wiesen vorbei. Die Straße war nicht breit genug, um nebeneinander zu reiten, also führte Regis, der auf einem gleichgültigen Kaltblüter ritt, die Gruppe an und gab damit das Tempo vor. Dicht hinter ihm folgte Veit auf Lapis und Geralt bildete mit seiner Plötze die Nachhut.
Ihre Konstellation machte es ihnen schwer sich die Zeit mit Unterhaltungen zu vertreiben und sie hingen die meiste Zeit ihren Gedanken nach. Als sie jedoch kurz vor Mittag in einiger Entfernung Lurtch passierten, verbreiterte sich die Straße und Geralt drückte seinem Pferd die Fersen in die Seite, um mit Veit auf eine Höhe zu kommen.
Der dunkelhaarige Hexer lächelte und zwinkerte ihm zu. Geralt schmunzelte ein wenig verlegen, erinnerte sich dann jedoch daran, dass er tatsächlich ein Anliegen hatte, welches ihn antrieb und worüber er nun schon eine Weile nachgedacht hatte. »Sag mal, du und Valka… ihr kennt euch wohl ziemlich gut?«, fragte er. Veit lachte kurz auf. »Kann man so sagen.« Dann verschwand sein fröhlicher Gesichtsausdruck und Unsicherheit legte sich auf seine Züge, bevor Geralt jedoch nachfragen konnte, erschien sein Lächeln schon wieder und Veit begann zu erzählen.
»Ich kenne sie schon mein ganzes Leben.« Er deutete auf sein Bärenmedaillon. »Wir gehören zur selben Schule und ich habe Unterricht von ihr erhalten.« Er stockte kurz und schien über seinen nächsten Satz nachzudenken. »Um die Wahrheit zu sagen, habe ich wohl das meiste was ich weiß von ihr gelernt. Anders als die anderen Hexer war sie nicht der Meinung, dass sie ihre Zeit mit mir bloß verschwendet.« Er blickte zur Seite, aber Geralt konnte die Traurigkeit hinter seinem Lächeln sehen. Dann erinnerte er sich an etwas, dass Veit ihm in Corvo Bianco erzählt hatte.
»Dann ist dieser andere Hexer, mit dem du früher ständig unterwegs warst, also Valka?« Veit nickte bestätigend, bevor er wieder etwas lebhafter fortfuhr: »Ich muss sagen ich war ziemlich überrascht sie hier zu treffen. Nachdem ich beschlossen hatte, nach Toussaint zu reisen, wollten wir uns erst wieder im Winterquartier treffen. Ich meine, sie hatte sogar vor nach Ard Skellige zu reisen.« Er grübelte einen Moment. »Aber ich bin froh, sie hier zu wissen. Besonders da es um Vampire geht.«
Geralt warf einen Seitenblick auf Regis, der immer noch vor ihnen ritt, aber seinen Kopf gedreht hatte und interessiert lauschte. Er fragte sich, ob nun ein geeigneter Zeitpunkt war, um sich nach seiner Geschichte mit Valka zu erkundigen. Er wollte seinen Freund eigentlich nicht unter Druck setzen, aber er war ziemlich neugierig.
Veit, der seinem Blick gefolgt war, musste seine Überlegungen erraten haben, zeigte jedoch weniger Zurückhaltung. »Was ist mit dir, Regis?«, fragte er ziemlich direkt. »Erzählst du uns, wie deine Geschichte mit ihr weiterging?« Sofort drehte der Vampir wieder sein Gesicht nach vorne und versteifte die Schultern. Geralt rechnete schon damit, erneut vertröstet zu werden, als Regis zu seiner Überraschung sein Pferd stoppte, um die beiden Hexer aufschließen zu lassen. Als die beiden neben ihm angekommen waren, begann er jedoch nicht sofort zu erzählen, sondern starrte erst für eine ganze Weile schweigend die zottelige Mähne seines Reittiers an.
Sie drängten ihn nicht und warteten verständnisvoll darauf, dass er einen Anfang in seinem eignen Tempo fand.

Es dauerte noch mehrere Minuten, bis Regis sich schließlich räusperte und mit leiser Stimme seine Geschichte begann. »Wie ihr wisst, hat Valka mich in recht unangenehmen Zustand, in einem Steinsarkophag zurückgelassen, wo ich mich langsam regenerierte. An die ersten Jahre erinnere ich mich dabei jedoch nicht, da ich nicht wirklich bei Bewusstsein war. Meine Wahrnehmung setzte erst allmählich wieder ein und mit jedem Sinn, der mir wieder zur Verfügung stand, wurde meine erbärmliche Situation unerträglicher.
Ich war zu schwach, um mich zu befreien, vollkommen allein und von der Außenwelt abgeschnitten. Dazu kam das Verlangen nach Blut und die Frustration über das Wissen, dass ich keines Erlangen konnte. Ich würde gern behaupten, dass ich das mit Gleichmut ertragen habe, aber die bedauerliche Wahrheit ist, dass ich vermutlich ein volles Jahrzehnt meine schwachen Kräfte verschwendete, um zu toben und zu schreien. Ich kratzte nutzlos an den Steinplatten und verfluchte Valka, deren Namen ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal kannte. Ich malte mir Tausende Arten aus, um Rache für ihre Tat zu nehmen.
Hätte ich mich damals befreien können, dann könnte ich nicht ausschließen, dass ich in meinem Zustand der wahnsinnigen Raserei, ganz Dillingen ermordet hätte.« Er machte eine kurze Pause und ließ seine Worte sacken. »Wie ihr wisst, kam es glücklicherweise nicht dazu und nach Jahren des Zorns, wandelte sich meine Wut in Traurigkeit. Die zersetzende Einsamkeit nagte an mir und ich bedauerte, dass Valka keinen Weg gefunden hatte, um mich ein für alle Mal zu erledigen. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als einzuschlafen und niemals wieder aufzuwachen.
Als dann schließlich mein Tastsinn wieder so weit hergestellt war, dass ich auch feinere Dinge, als die Steinplatten die mich umgaben, wahrnehmen konnte, fand ich einen Streifen Pergament neben mir.
Ich konnte die Tinte darauf riechen, jedoch war es in der absoluten Finsternis selbst für Vampiraugen zu dunkel, um die Botschaft zu entziffern. Dennoch genoss ich meinen Fund, denn es gab meinem Geist Beschäftigung. Ich rätselte, was dort stehen könnte. Empörte mich über die Möglichkeit, dass es sich um eine Schmähung handeln könnte oder befürchtete, dass es nur durch Zufall in diesem Sarg lag und meine Person gar nicht betraf.
Schließlich fand ich dann auch ein einzelnes Zündholz. Ich war aufgeregt wie ein Kind, dem man Zuckerzeug zum Julfest schenkte, glücklicherweise aber bereits wieder ausreichend bei Verstand, um es nicht sofort zu zünden. Ich wusste, dass ich nur diese eine Möglichkeit hatte, um zu erfahren, was auf dem Pergament stand und bereitete mich lächerlich lange darauf vor. Besonders beunruhigte mich der Gedanke, dass ich nach der jahrelangen Finsternis zu sehr von dem Licht geblendet sein würde, um etwas zu erkennen, bevor die Flamme wieder erlosch.
Letztendlich hatte ich mich dann entschlossen, den Versuch zu riskieren. Ich nutzte meinen Mantel, um das Licht der Flamme zu dämpfen und entzündete das Hölzchen. Aufgeregt starrte ich auf das Pergament und las die kurze Botschaft. Sieh es als Chance.
Das Licht erlosch nach viel zu kurzer Zeit, aber überwältigt von den ganzen Sinneseindrücken, wie der Farbe meiner Kleidung, des Pergaments oder auch nur der Anblick meines Körpers, konnte ich den Sinn der Nachricht zunächst nicht erfassen.
Als ich es dann schließlich doch tat, kehrte der alte Zorn zurück und erneut begann ich zu toben und die Hexerin zu verfluchen. Wie sollte mein qualvoller Zustand eine Chance darstellen?« Regis machte eine erneute Pause und sah auf die beiden Hexer, die ihn bedauernd anblickten.
»Nach einiger Zeit fiel mir dann jedoch etwas auf. Während der ganzen Zeit, in der ich mich mit dem Pergament beschäftigt hatte, war der Blutdurst… erträglich gewesen. Das Verlangen war immer da, aber anstatt wie sonst, an meinem Verstand zu kratzen und mich innerlich zu zerfressen, war es mehr wie eine leise Stimme in meinem Hinterkopf, die mich zwar versuchte zu verführen, aber auch ignoriert werden konnte. Diese Beobachtung änderte alles. Ich begann mein ganzes bisheriges Leben zu reflektieren und versuchte mir jedes einzelne meiner bedauernswerten Opfer ins Gedächtnis zu rufen. Schließlich stellte ich mir die Frage, ob diese armen Menschen nur sterben mussten, weil mein Verlangen nach Blut nicht wie stets von mir behauptet unkontrollierbar war, sondern einfach, weil ein Mangel an Sinnhaftigkeit in meinem Leben vorlag, den ich anders nicht verdrängen konnte.
In diesem Moment schämte ich mich zutiefst für meine früheren Taten und Entscheidungen. Ich schämte mich für meine ganze erbärmliche Existenz und schwor mir, dass ich nie wieder Blut trinken würde.« Regis unterbrach, um sich zu räuspern und tief durchzuatmen. Die beiden Hexer starrten ihn dabei noch immer gebannt an und wagten nicht eine Frage zu stellen, bis er fortfuhr.
»Bis zu dem Tag, an dem ich endlich so weit wiederhergestellt war, dass ich mich befreien konnte, hatte ich einen Plan gefasst. Ich wollte in Dillingen bleiben und unter den Menschen leben. Ich würde einen Weg finden, meine große Schuld gegenüber den Menschen abzuarbeiten. Und so tat ich es dann auch.«

»Meine ersten Stunden in Freiheit waren in jeder Hinsicht überwältigend. Ich denke, ohne diese Freude, die ich über die kleinsten Details meiner Umwelt empfand und die mir so lange verwehrt blieben, hätte ich womöglich meinen Schwur gebrochen und dem aufkeimenden Durst schon bei dem ersten Menschen nachgegeben, der mir begegnete. So aber hatte ich genug Reize, die mich ablenken konnten. Ich mochte Valka vielleicht über Jahre verflucht haben, aber damals ist mir bewusst geworden, dass mein Exil im Sarkophag tatsächlich eine Chance war. Ohne diese Zeit dort, hätte ich vielleicht nie den Mut gefunden, mich selbst so infrage zu stellen«, erklärte Regis weiter.
»Zu meiner Überraschung war Dillingen inzwischen kein nettes, aber überschaubares Dorf mehr, sondern war zu einer recht ansehnlichen Stadt angewachsen. Statt der Lehm- und Holzhäuser fand ich schmucke Steinbauten und saubere Straßen vor. Das bäuerliche Leben war in den Randbezirken noch allgegenwärtig, doch es fanden sich auch all die Annehmlichkeiten, die wir aus den großen Städten kennen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich außerordentlich schockiert war, als ich erfuhr, dass inzwischen das Jahr 1002 angebrochen war und ich somit fast fünfzig Jahre, achtundvierzig um genau zu sein, in meinem steinernen Gefängnis verbracht hatte.«
Als Veit erstaunt die Augenbrauen hochzog, unterbrach Regis. Da der Mann jedoch keinen Kommentar machte, fuhr er an Geralt gewandt fort. »Du erinnerst dich sicherlich, dass ich zum Zeitpunkt unserer schicksalhaften ersten Begegnung in einer Baderstube arbeitete, sofern ich nicht mit meinen Destillationen beschäftigt war.« Geralt nickte bestätigend. »Im Laufe der Jahrhunderte musste ich Dillingen mehrfach für längere Zeit verlassen, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf meine Lebensspanne zu lenken. Bei meiner Rückkehr nahm ich stets eine andere Tätigkeit an, die im Kern aber auf meinen medizinischen Fähigkeiten beruhte.
Bei diesem ersten Aufenthalt stellte sich heraus, dass auch der Zeitpunkt meiner Befreiung eine außerordentliche Chance darstellte. Der Winter war grade erst vorbei und es grassierte eine schlimme Grippe in der Stadt.
Zum Leidwesen der Bevölkerung, war der ansässige Arzt, wenige Monate zuvor in hohem Alter verstorben, mir bot sich dadurch jedoch die Möglichkeit, mich nützlich zu machen. Ich mischte Arzneien und behandelte die Kranken. Innerhalb weniger Tage wurde ich von einem skeptisch beäugten Fremden, zu einem gern gesehenen Gast in jedem Haus und willkommen an jeder Tafel.
Niemand ahnte, was ich war oder wusste von dem Kampf, der in mir tobte. Geschweige denn, dass jemand argwöhnen konnte, wie oft ich mir wünschte meine Zähne lieber in den Gastgeber, als in den Braten zu schlagen.
Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ich aufgefordert wurde, mich in Dillingen niederzulassen und da ich dies ohnehin vorhatte, stimmte ich freudig zu. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, war die Dankbarkeit und Großzügigkeit der Menschen. Mein Einsatz hatte die Auswirkungen der Grippe deutlich mildern können und so beschlossen der Stadtrat, da der verstorbene Arzt keinen Erben zurückgelassen hatte, mir sein Haus und die daran angeschlossene Praxis zu vermachen.« Regis stoppte, um wieder tief durchzuatmen.
»Ihr müsst den Einfluss, den das auf mich hatte, begreifen. Nicht nur, dass mir die Freundlichkeit dieser Leute, die Menschen noch mehr ans Herz wachsen ließ, mein Entschluss dem Blut zu entsagen führte dazu, dass ich innerhalb von Tagen von einem gebrochenen Vampir der sinnlos vegetierte zu einem angesehenen Bürger wurde, der über einen guten Beruf und ein eigenes Heim verfügte. Für mich war das ein Zeichen. Ein Omen auf dem richtigen Weg zu sein.«
Er unterbrach, als Geralt leise schmunzelte. »Verzeihung«, sagte der Hexer. »Ich bin nur so gewohnt dich auf Friedhöfen anzutreffen, dass ich mir dich nur schlecht als Hausbesitzer vorstellen kann. Aber immerhin verstehe ich jetzt, warum sich andere bei mir da ebenfalls schwer mittun.«
Regis lächelte schmallippig und zuckte mit den Schultern. »Ich brauche nicht viel, aber ich bin ein wenig Luxus und Heimeligkeit gegenüber gewiss nicht abgeneigt. Und dieses Haus bot beides in Überfluss. Abgesehen von dem ständigen Kampf gegen den Blutdurst, der mich auch öfter als mir lieb war zur Sicherheit meiner Nachbarn, in den Wald trieb, um dort zu nächtigen, war mein Leben sehr angenehm. Ich übte meinem Beruf aus, plauderte mit den Menschen und studierte sie und jedes andere Thema, welches mich interessierte.«
Regis unterbrach ein weiteres Mal und starrte wieder auf sein Pferd. Die beiden Hexer warfen sich einen vielsagenden Blick zu und Veit fragte schließlich: »Bis?«
Regis blickte hoch und lächelte ihn freudlos an. »Korrekt. Bis… .«

 

 

Herbst 1002 - Brugge, Dillingen

 

Gemächlich öffnete Regis die Tür und trat aus seinem Haus. Der Winter war zwar noch nicht in Sicht, aber für die fortgeschrittene Jahreszeit war es noch angenehm warm, was sich auch in dem regen Treiben auf der Straße zeigte. Für heute war kein Patient angekündigt und Regis wollte die Gelegenheit nutzen, um etwas spazieren zu gehen. Ihm war vor einigen Tagen eine interessante Stelle an einer der Viehweiden am Stadtrand aufgefallen, wo sich eine Vielzahl an unterschiedlichen Pilzen zeigte. Mit ein bisschen Glück würde er einige psilocybinhaltige Exemplare sammeln und so seinen Vorrat an Betäubungsmitteln aufstocken können.

Während er an der Backstube vorbeiging, grüßte er die Bäckerin, die am offenen Fenster stand und mit ihren kräftigen Armen eine große Menge Teig knetete. Die Frau blickte hoch und erwiderte den Gruß lächelnd. Dann zog sie eine Hand aus dem Teig, griff neben sich und warf ihm einen kleinen Gegenstand zu. Regis fing ihn geschickt auf und sah in seine Hand. Er lächelte freudig, als er es als pflaumengefüllten Hefekloß erkannte, bedankte sich artig und setzte seinen Weg fort, während er genüsslich das Gebäck verspeiste.

Er bog in eine Straße ein und folgte ihr in Richtung Stadtrand, bis er in einiger Entfernung den gutmütigen Bürgermeister von Dillingen, im Gespräch mit einem anderen Mann sah. Die beiden Männer blickten auf und bemerkten sein näherkommen. Sofort verabschiedete sich der Bürgermeister und kam wild winkend auf Regis zugelaufen. »Mein lieber Herr Regis, ich freue mich sie zu sehen«, rief er gut gelaunt aus. »Die Freude ist ganz meinerseits, Herr Markus. Wie geht es ihrer Gemahlin? Besser hoffe ich doch?«, erkundigte sich Regis freundlich.
»Oh ganz ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet. Sie springt wieder herum wie ein junges Reh. Ihre Medizin hat wirklich Wunder vollbracht.« Zufrieden deutete Regis eine kleine Verbeugung an. »Dillingen kann sich wirklich glücklich schätzen, dass Sie sich entschlossen haben hier bei uns zu bleiben. Andere Städte haben nicht das Glück, einen so fähigen Arzt bei sich willkommen heißen zu dürfen.« Regis lächelte verlegen und machte eine weitere kleine Verbeugung.
»Apropos Glück. Haben Sie schon gehört, was sich zurzeit in Kernow abspielt?«, plauderte Markus weiter. »In Kernow? Nicht das ich wüsste«, erklärte Regis. Der Bürgermeister lächelte erfreut über die Gelegenheit Klatsch weiterzugeben und schlug die Hände zusammen. »Ein Vampir treibt dort sein Unwesen«, verkündete er dramatisch.
Sofort war Regis Interesse geweckt. »Ein Vampir? Ist man sich sicher?« Markus nickte eifrig. »Man hat wohl schon ein paar ziemlich übel zugerichtete Leichen ohne den geringsten Tropfen Blut im Körper gefunden.« Etwas erleichtert atmete Regis aus. Zerfetzte Körper deuteten eher auf niedere Vampire hin. »Sind sie denn nicht besorgt, dass der Vampir auch hier zuschlagen könnte?«, fragte er den Mann. Der Bürgermeister winkte ab. »Ach was, der Winter steht bald bevor. Es kann ja nicht mehr lange dauern, bis unsere liebe Frau Valka wieder zurückkommt.«
Verwirrt starrte Regis den Mann an. »Frau Valka?« »Ach natürlich«, lachte Markus. »Ich habe tatsächlich ganz vergessen, dass sie erst ein Jahr bei uns sind. Frau Valka kommt jedes Jahr kurz vor dem Winter und dann noch einmal kurz danach durch unsere schöne Stadt. Sie bleibt ein paar Tage und zieht dann weiter. Das macht sie schon seit, ach… bestimmt fünfzig Jahren. Sie hat schon vor meiner Geburt damit angefangen.« Regis war noch immer verwirrt, aber ein böser Verdacht machte sich allmählich in ihm breit. »Und inwiefern kann sie mit dem Vampir helfen?«
Markus Lächeln verbreiterte sich noch ein Stück. »Nun sie ist etwas ziemlich Besonderes. Eine Hexerin. Erstaunlich, nicht wahr? Hexerinnen sind schrecklich selten, aber wir bekommen jedes Jahr eine zu Gesicht.« Regis freundlicher Ausdruck erstarb schlagartig und Panik stieg in ihm auf.
Ohne die Reaktion seines Gegenübers zu bemerken, sprach Markus weiter. »Es heißt ja immer das Hexer so gefühllos wären, aber das kann man von ihr nun wirklich nicht behaupten. Sie ist immer freundlich und kümmert sich um alle Monsterprobleme hier. Sie verlangt auch kaum etwas dafür. Meist reicht ihr schon eine Nacht in der Herberge und eine Mahlzeit. Ich bin sicher, sie wird sich um den Vampir kümmern.« Verdutzt starrte er den Arzt an. »Alles in Ordnung, Herr Regis? Sie sind auf einmal so schrecklich blass.«
Regis riss sich aus seinen Gedanken. »Wie? Oh ja, verzeihen sie mir. Ich fürchte, mir ist soeben eingefallen, dass ich noch einen Absud auf dem Feuer stehen habe. Bitte entschuldigen Sie mich.« Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern drehte sich auf dem Absatz um und ging mit weiten Schritten zurück zu seinem Haus.
Valka, dachte er. Das muss die Hexerin sein, die mich angegriffen hat. Es wäre schon ein seltsamer Zufall, wenn eine andere Hexerin seitdem beschlossen hätte jedes Jahr durch Dillingen zu kommen. Nur zu welchem Zweck kommt sie? Will sie überprüfen, ob ich noch in dem Sarg liege und falls dies nicht mehr der Fall sein sollte, mich wieder hineinstecken?
Mit einem ziemlich mulmigen Gefühl im Magen bog Regis wieder in die Straße ein, in der sein Haus lag. Bei ihrer letzten Begegnung war er außergewöhnlich betrunken und sie hatte leichtes Spiel mit ihm, heute war er zwar Herr über seine Sinne, aber er hatte sich noch nicht vollständig von ihrer letzten Begegnung erholt. Es wäre nicht auszuschließen, dass er bei einer erneuten Auseinandersetzung wieder den Kürzeren ziehen würde. Zumal sie Jahrzehnte hatte sich auf ihn vorzubereiten und er unter Umständen nur noch Tage.
Kurz bevor er sein Ziel erreichte, beschloss er, sich zur Sicherheit für eine Weile aus der Stadt zurückzuziehen. Die Hexerin mochte vielleicht in der Lage sein ihn in der direkten Konfrontation zu bezwingen, aber auch sie wäre nicht in der Lage ihn aufzuspüren, wenn er es vermeiden wollte. Und in diesem speziellen Fall wollte er es definitiv vermeiden.

Er machte die letzten Schritte zu seiner Haustür und blieb dann unmittelbar davor wie angewurzelt stehen. Wie ein schlechter Scherz stand direkt an seine Tür gelehnt die Hexerin mit verschränkten Armen und genoss mit geschlossenen Augen die warmen Strahlen der herbstlichen Morgensonne, die ihr ins Gesicht fielen. Über ihren Schultern ragten die Hefte ihrer Schwerter und das Medaillon auf ihrer Brust glänzte im Licht.
Erneut breitete sich Panik in ihm aus und die Räder seines Verstandes drehten sich hektisch, aber nutzlos. Der Schreck, nach den furchtbaren Jahren seiner Gefangenschaft, die Frau wiederzusehen, die ihm das angetan hatte und die er zumindest zeitweise leidenschaftlich hasste, saß zu tief, um ihn eine Entscheidung treffen zu lassen und so blieb er einfach apathisch vor ihr stehen und starrte sie an wie ein Schaf.

Regis beobachtete angsterfüllt, wie die Hexerin langsam ihre Augen öffnete. Er wusste, dass sie ihn einfach gehört haben muss und sie schien auch nicht sonderlich überrascht, wen sie da vor sich stehen sah.
Noch bevor Regis wusste, was er tat, hob er beide Hände verteidigend und sprach mit überschlagener Stimme. »Ich war es nicht.«
Verdutzt zog die Frau ihre Augenbrauen zusammen und stieß sich von der Tür ab. Sie sagte nichts, doch ihr fragender Gesichtsausdruck veranlasste Regis sich zu wiederholen. »Ich war es nicht. Ich habe mit den Toten in Kernow nichts zu tun.«

Der fragende Gesichtsausdruck verwandelte sich zuerst in ungläubiges Staunen und dann brach die Hexerin in lautes Gelächter aus.
Regis schwammen die Felle davon. Die Reaktion der Frau verunsicherte ihn mehr, als wenn sie einfach ihr Silberschwert gezogen hätte. Entsetzt beobachtete er, wie sie sich eine Träne aus den Augen wischte, die ihr das Gelächter dort hintrieb.
»Das weiß ich«, sagte sie schließlich und verwandelte somit zumindest einen kleinen Teil von Regis überschäumender Panik in Verwunderung. »Das in Kernow war ein Katakan - und sein hässlicher Kopf hängt längst an meinem Sattel.« Sie deutete in eine Richtung von der Regis wusste, dass sich die Ställe dort befanden.
»Ich warte jetzt seit fast fünfzig Jahren darauf, dass du wieder aufwachst und jetzt wo es endlich passiert ist und ich zu meiner Freude feststellen muss, dass du dir deine ungesunde Ernährungsweise anscheinend abgewöhnen konntest, musste ich einfach einmal nachsehen, wie es dir geht.« Sie lächelte Regis entwaffnend an.
Erneut rotierten die Gedanken ergebnislos in seinem Kopf. »Oh«, war schließlich alles, was er zustande brachte und entlockte der Hexerin damit ein weiteres Lachen.
»Hast du Hunger?«, fragte sie plötzlich, wartete jedoch keine Antwort ab. »Ich sterbe vor Hunger. Lass uns etwas essen gehen.« Sie packte den überforderten Vampir sanft am Handgelenk und zog ihn freundlich in Richtung des Gasthofes davon.

Chapter Text

Herbst 1002 - Brugge, Dillingen

Regis umklammerte krampfhaft den Löffel mit der einen und ein Stück frisches Brot mit der anderen Hand, während er stumm in die dampfende Schüssel Ragout starrte und sich die Frage stellte, wie er in diese Situation geraten konnte. Die Panik, die er verspürte als er die Hexerin sah, flaute bereits ab, da sie ihm allen Anschein nach nichts Böses wollte und trotzdem verblieb ein mulmiges Gefühl in seinem Magen. Er hob zaghaft den Kopf und versuchte möglichst unauffällig die Frau in Augenschein zu nehmen, die ihm am Tisch gegenübersaß und zufrieden ihre eigene Portion löffelte. Sie war so vollkommen auf ihre Mahlzeit fixiert, dass sie ihrer Umgebung kaum Aufmerksamkeit schenkte und er nutzte die Gelegenheit sie eingehend zu betrachten.

Die Hexerin war ihm bei ihrer ersten Begegnung kaum aufgefallen und als es schließlich dann doch passierte, hatte er nicht mehr die Zeit viel mehr zu bemerken, als dass er von einem weiblichen Hexer enthauptet wurde. Er nahm sich die Zeit studierte ihre scharf geschnittenen Züge mit der graden Nase und den dunkel umrahmten Katzenaugen, die zu leuchten schienen. Ihre Lippen hatten einen sinnlichen Schwung der sowohl in den klaren Linien ihres Gesichts wie auch vor dem harschen Hintergrund ihrer Rüstung recht irritierend wirkte. Ihr Haar war von recht uninteressanter dunkelblonder Farbe, glänzte jedoch sehr gesund und bündelte sich zu einem beeindruckend dicken Zopf auf ihrem Rücken. Die Strähnen, die sich aus ihrem Zopf befreit hatten, umspielten ihr Gesicht mit sanften Wellen und gaben ihr eine gewisse Zartheit, die im starken Kontrast zu ihrer offensichtlichen Kämpfernatur stand. Selbst im Sitzen war gut zu erkennen, dass sie recht groß und muskulös war, doch nicht so sehr, dass es sie an weiblicher Erscheinung einbüßen ließe. Sie war recht hübsch und ihre Augen machten sie exotisch, aber Regis vermutete, dass nicht wenige Männer Anstoß an ihrem Beruf nehmen und sie verschmähen würden.

Ein Blick auf ihr Amulett verriet ihm, dass sie zur Bärenschule gehörte. Er wusste jedoch nicht genug über die Hexerkaste, um aus dieser Information einen Nutzen ziehen zu können. Ihre Rüstung war schlicht und in einfachen Erdtönen gehalten. Sie bestand hauptsächlich aus einem dick gefütterten Mantel und festen Lederelementen, die durch unzählige Riemen an Ort und Stelle gehalten wurden. Es war sicher keine Kleidung, mit der sich eine Frau schmücken konnte, doch sie brachte immerhin ihre schlanke Taille zur Geltung.

Regis ging dazu über, ihre Waffen in Augenschein zu nehmen, als die Hexerin sich plötzlich an ihren Tischnachbarn zu erinnern schien und den Löffel, den sie wieder zum Mund führen wollte, zurück in die Schüssel fallen ließ. Sie hielt sich eine Hand vor den Mund, während sie verlegen lächelte und ihre letzten Bissen kaute und herunterschluckte.
»Entschuldige bitte, ich habe seit fast zwei Tagen nichts mehr gegessen. Ich fürchte, hätte ich noch länger warten müssen, dann wäre ich zu den Kühen auf die Weide gegangen und hätte mit ihnen gegrast.« Ein kleines Lächeln schlich sich in Regis Gesicht und ein weiteres Stückchen der Anspannung fiel von ihm ab. Die Hexerin machte wirklich nicht den Eindruck, als ob sie ihm Schaden wolle und da er sich inzwischen wieder weit genug als Herr seines Verstandes fühlte, erwiderte er freundlich: »Als Arzt könnte ich die positiven Effekte der Ballaststoffe, die im Gras sind natürlich nur gutheißen, aber ich vermute, das Ragout ist die kulinarisch bessere Wahl.«
Als ihr Lächeln breiter wurde und ihre gelben Augen noch mehr zu leuchten schienen, konnte auch Regis nicht verhindern, dass sein Lächeln wuchs. Er erinnerte sich plötzlich an seine Manieren und neigte leicht den Kopf. »Mein Name ist Emiel Regis Rohellec Terzieff-Godefroy.« Die Hexerin sah ihn erstaunt an und schmunzelte. »Ich fürchte, ich werde eine Menge Übung benötigen, um diesen Namen zu beherrschen.« Regis legte seinen Kopf schief. »In diesem Fall bin ich schlicht und einfach Regis.«
»Ich schätze, das dürfte für mich im Bereich des Möglichen sein. Nun denn Regis, ich bin überaus erfreut deine Bekanntschaft unter so friedlichen Umständen zu machen. Ich bin Valka.«

Regis verstand den Hinweis und entspannte sich endgültig. Er wusste nicht, welche Absichten die Hexerin hegte, aber es waren keine die ihm gefährlich werden könnten. Er nahm seinen Löffel nun zum ersten Mal richtig zwischen die Finger und tunkte ihn in seine Schüssel. Während er den ersten Bissen probierte, sah er, dass sie nun ihrerseits dazu übergegangen war, ihn zu betrachten. »Du siehst ein wenig anders aus«, erklärte sie nach einem Moment. »Deine Haare sind etwas kürzer und die Koteletten hast du früher nicht getragen, aber sie stehen dir und bringen deine Züge zur Geltung.«
Bevor er etwas darauf erwidern konnte, fuhr sie mit leiserer Stimme fort. »Und du siehst älter aus. Das ist gut.« Verwundert starrte Regis sie an. »Warum sollte das gut sein?«, fragte er. Valka kratzte unsicher mit ihrem Löffel am Boden der Schüssel herum. »Mir wäre vielleicht nicht aufgefallen, dass du… bist, was du bist, wenn du damals nicht so jung ausgesehen hättest. Zu jung, um Arzt zu sein.«
Regis sah sie nachdenklich an. Nach einigen Augenblicken fragte er sie verlegen: »Wie alt sehe ich denn aus?« Valka stutzte, lächelte dann aber schnell. »Natürlich, Spiegel sind dir gegenüber ja nicht sehr auskunftsfreudig.« Sie legte einen Finger an die Lippe und dachte nach. »Ich würde sagen bei unserer ersten Begegnung wirktest du wie ein Mensch von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, vielleicht ein paar mehr. Jetzt siehst du eher wie Mitte bis Ende dreißig aus. Ein gutes und überzeugendes Alter für einen Arzt.«

Regis tunkte nachdenklich ein Stück des Brotes in seine Schüssel und sagte dann leise: »Ich hatte nicht gedacht, dass die Regeneration mir so viel abverlangt hat.« Valkas Lächeln erstarb schlagartig und sie senkte beschämt den Kopf. »Es tut mir schrecklich leid, dass… dass ich das getan habe, aber du musst verstehen – ich hatte damals keine Wahl.« Er ließ das Brot fallen und ballte seine Hände zu Fäusten. »Ich weiß.«
Die Hexerin sah erstaunt auf. »Können wir das irgendwo anders fortsetzten? In etwas privaterem Umfeld?«, wollte er schnell wissen, bevor sie etwas erwidern konnte. Valka benötigte einen Augenblick, um seine abrupte Aufforderung verarbeiten zu können. Dann nickte sie und griff beim Aufstehen nach ihren Schwertern, die neben ihr am Tisch lehnten. Sie ging ein paar Schritte zur Tür und Regis wollte ihr folgen, als sie plötzlich wieder stehenblieb und sich zu ihm umdrehte. »Warte bitte einen Augenblick«, sagte sie und ging dann ohne weitere Erklärung auf die Wirtin zu. Die Gespräche der anderen Gäste erzeugten einen konstanten Geräuschpegel, sodass er nicht hören konnte, was die Hexerin sagte, aber er sah, dass sie ein paar Kronen auf den Tresen legte und dann mit dem Finger auf ihn und anschließend auf sich selbst deutete. Erstaunt bemerkte er, dass die Frau sofort empört reagierte und Valka wütend von oben bis unten betrachtete. Aus irgendeinem Grund schien das die Hexerin ziemlich zu amüsieren und Regis sah, dass sie eine Hand zum Mund hob, um ihr Kichern zu kaschieren. Er zog die Augenbrauen zusammen und wollte sich schon dazugesellen, um in Erfahrung zu bringen, was dort vor sich ging, als die Wirtin ihre Begutachtung abschloss und mit erhobenem Kopf, die Nase in der Luft, in einen Raum hinter ihr verschwand. Valka sah sich zu ihm um und versuchte ihr Lachen zu unterdrücken, indem sie ihre Lippen zusammenpresste. Verwundert schüttelte Regis mit dem Kopf. Das musste irgendein Hexer-Ding sein, welches er nicht verstand.

Einige Momente später kam die Wirtin zurück und reichte Valka eine große Serviette, in der etwas eingeschlagen war. Ihr Gesichtsausdruck war überaus grimmig, sie schien jedoch nichts zu sagen und strich nur die Kronen von dem Tresen in ihre Hand. Er sah das Valka sich fröhlich verabschiedete und mit ihrer Erwerbung in der Hand zu ihm zurückkam. Der grimmige Blick der Wirtin blieb auf der Hexerin liegen, bis sie zur Tür heraustrat. Draußen angekommen schlug Valka sofort gezielt eine Richtung ein und Regis folgte ihr schweigend. Nach einigen Metern bemerkte er, wohin sie ging. »Du willst zum Stall?«, fragte er. Sie nickte. »Ich muss etwas holen. Wird nicht lange dauern.«
Sie zögerte kurz. »Ein Stückchen weiter hinter dem Stall, gleich am Stadtrand ist eine schöne Wiese mit einem großen Findling. Ich bin vorhin daran vorbeigekommen, das Gras ist trocken und man findet sogar noch ein paar Blüten. Wäre dir das recht? Das Wetter ist schön und fremde Ohren müssen wir dort wohl nicht befürchten.« Regis nickte. »Sicher.« Valka lächelte ihn an, dann reichte sie ihm die Serviette. »Nimm mir das bitte kurz ab.« Er tat wie geheißen und sah ihr dann nach, als sie schnell durch die Tür des Stalls verschwand, den sie soeben erreicht hatten. Sie brauchte nur einen Moment und kam dann mit Satteltaschen, die sie über ihre Schulter gehängt hatte, zurück. Sie wollte ihm wieder die Serviette abnehmen, doch Regis schüttelte den Kopf. »Du schleppst schon genug. Ich werde das hier nehmen.« Valka lächelte ihn wieder dankbar an und sie setzten ihren Weg gemeinsam fort.

Kurz bevor sie den Stadtrand erreichten, kam ihnen eine Gruppe junger Frauen entgegen die Regis als die Töchter des Müllers und die des Küfers erkannte. Er hatte die meisten von ihnen schon in seiner Praxis behandelt und nickte ihnen freundlich zu. Die Frauen erwiderten seinen Gruß kichernd, doch als sie an ihnen vorbeiging, bemerkte Regis zu seiner Verwunderung, dass sie Valka ebenfalls giftige Blicke zuwarfen, was die Hexerin wieder zum Grinsen brachte. Irritiert sah er den Frauen nach. »Nachdem was der Bürgermeister mir erzählt hatte, ging ich eigentlich davon aus, dass du hier gern gesehen bist«, meinte er zu Valka. Die Hexerin lachte auf. »Das ist auch richtig. Ich bin hier stets herzlich aufgenommen worden.« Regis zog die Augenbrauen zusammen. »Und warum starren dich die Leute dann so finster an.« Sie schüttelte lachend den Kopf. »Kannst du dir das nicht denken?«, fragte sie. »Weil du eine Hexerin bist?«, rätselte er. Sie hatten ihr Ziel erreicht und Valka nahm die Satteltasche von ihrer Schulter. »Wohl eher, weil ich eine Frau bin«, erwiderte sie grinsend und deutete auf eine Stelle in der Nähe, die sich gut eignen würde, um dort zu rasten. Regis folgte ihr und sah zu, wie sie die Tasche hinlegte und ihre Schwerter abnahm, um sich bequem setzen zu können. »Inwiefern spielt das denn eine Rolle?«, fragte er und setzte sich ihr Gegenüber auf den weichen Boden. Sie hatte ihre Satteltaschen wieder zur Hand genommen und kramte in einer der ledernen Beutel herum. Seine Frage ließ sie innehalten und sie sah ihn mit breitem Grinsen an. »Du hast nicht richtig hingesehen, Regis. Nicht Leute haben mich finster angesehen, es waren Frauen«, erklärte sie.
»Und warum sollten dich Frauen dafür verachten, dass du ebenfalls eine bist?« Valka zog ihre Hand aus der Tasche und legte sie sich in den Schoß, dann beugte sie sich Regis ein wenig entgegen. Mit einen halb-ernsten, halb-belustigten Gesichtsausdruck erklärte sie: »Weil ich noch keinen halben Tag wieder in der Stadt bin und schon die meiste Zeit davon alleine mit dem gutaussehenden und ziemlich unverheirateten Arzt verbracht habe.«  

Regis starrte sie fassungslos an. »Du willst dich über mich lustig machen.« Valka lachte wieder auf. »Du hast wirklich noch nicht bemerkt, wie man dich umschwärmt? Kann ich mir kaum vorstellen. Jede Frau, an der du vorbeiläufst, wird rot und fängt albern an zu kichern. Und kaum, dass du an ihnen vorbei bist, stecken sie die Köpfe zusammen und tuscheln. Ich habe das in der Zeit, in der ich jetzt hier bin, so oft beobachtet, dass ich wetten würde, dass du der begehrteste Junggeselle der Stadt sein dürftest.« Sie zwinkerte ihm zu und begann wieder in der Tasche zu kramen. »Ich kann das absolut nachvollziehen. Ich meine, du bist Arzt, dein Haus habe ich zwar nur von außen gesehen, aber es sieht sehr hübsch und komfortabel aus, du siehst gut aus und bist in guter körperlicher Verfassung – nach menschlichen Maßstäben. Jede Frau, die so einen Fang machen könnte, würde sich sehr glücklich schätzen.«

Regis starrte sie weiter sprachlos an und wusste nicht, wie er mit dieser Information umgehen sollte. Natürlich war ihm das Verhalten der Frauen aufgefallen, aber er kam nie auf den Gedanken, dass er die Ursache dafür sein könnte. Nachdem Valka ihn aufgeklärt hatte, fiel ihm plötzlich auf wie häufig einige junge Frauen zu ihm in die Praxis kamen und über Beschwerden klagten, für die er keine Ursache finden konnte. Das rätselhafte Leiden der Frauen war wohl nichts anderes, als der Wunsch ihn zu sehen. Regis spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss und er drehte sich verlegen zur Seite.

Valka grinste ihn immer noch belustigt an, sagte jedoch nichts weiter dazu und zog stattdessen, fündig geworden, eine Steinflasche aus ihrer Tasche. Sie hielt sich die Flasche ans Ohr und schüttelte sie leicht, als ein leises Gluckern erklang, nickte sie zufrieden und biss in den großen Korken, um ihn mit den Zähnen herauszuziehen. Sie deutete mit dem Finger auf das Serviettenbündel und Regis begann den Knoten darauf zu lösen. Als er das Stück Stoff entfaltete, kam ein Laib frisches Brot, ein Ring Wurst und einige Stücke Käse sowie zwei tönerne Becher zum Vorschein. »Unsere Mahlzeit war ja noch nicht beendet«, erklärte Valka und griff nach den Bechern. Sie füllte in beide etwas von der Flüssigkeit aus der Flasche und reichte Regis einen Becher zurück. Er nahm ihn dankend entgegen und freute sich als ihm der stechende Geruch von Alkohol in die Nase stieg. Das war so ziemlich das Beste, was er in diesem Moment bekommen konnte. Valka prostete ihm zu und trank genüsslich einen Schluck des Schnapses.
Regis ging trotz seiner Verlegenheit zaghafter vor. Er schnupperte erst noch mal an dem Getränk, konnte jedoch keine der Aromen zuordnen, dann nahm er einen kleinen Schluck und ließ ihn über seine Zunge laufen. Überrascht riss er die Augen auf, als ihn die Komplexität und Weichheit des Buketts traf. »Das ist köstlich.« Valka lächelte ihn wieder an. »Nicht wahr?«, erwiderte sie. »Ich habe ein paar Flaschen davon, als Bezahlung von einem Ophiri erhalten der ein kleines Ertrunkenen-Problem auf seinen Reisen bekommen hatte. Ich habe noch nirgendwo etwas Vergleichbares finden können.« Regis nahm einen weiteren Schluck und schloss genüsslich die Augen, während er den Geschmack auf sich wirken ließ. »Woraus wurde das gemacht?«, fragte er schließlich. Valka legte den Kopf nachdenklich schief. »Ich weiß nicht viel über das Brennen, der Mann sagte mir jedoch, dass er die Maische mit besonders gelagerten Alraunen versetzt. Ich vermute, die bringen das spezielle Aroma.« Regis nickte verstehend. »Ein wirklich ganz ausgezeichnetes Getränk.« Valka griff lächelnd ein weiteres Mal in die Tasche und zog eine zweite Flasche hervor. »Meine Letzte«, sagte sie. »Ich denke die können wir im weiteren Verlauf noch gut gebrauchen.«

Regis lehnte sich etwas zurück und setzte den Becher auf seinem Oberschenkel ab. Er hatte beinahe vergessen, mit wem er hier auf der Wiese saß, doch jetzt traf ihn die Beklommenheit wieder voll. Er holte tief Luft und sah Valka nachdenklich an. »Woher wusstest du, dass du mich hier in Dillingen finden würdest? Ich hätte doch genauso gut woanders hingehen können«, wollte er wissen.
Valka nickte zustimmend. »Ich wusste es nicht«, antwortete sie. »Mir war klar, dass du früher oder später aufwachen würdest. Ich kann dir nicht sagen warum, aber es war mir ein Bedürfnis zu wissen, wann das passieren würde. Also bin ich jedes Jahr auf meinem Weg ins Winterquartier und auch auf dem Rückweg durch Dillingen gekommen. Ich habe hier gerastet und dem Friedhof einen Besuch abgestattet, um nachzusehen, ob du noch da bist. Dieses Mal war der große Haufen Steintrümmer, an der Stelle an dem Mal der Sarkophag stand, ein recht deutliches Indiz dafür, dass du wieder aufgewacht bist. Ich muss gestehen, ich war ziemlich beunruhigt als ich erkannte, dass die Spuren darauf hindeuteten, dass du dich recht kurze Zeit nach meiner letzten Stippvisite befreit haben musstest und schon fast wieder ein Jahr frei warst.«  Valka rutschte unbehaglich auf dem Boden herum. »Ich hatte Sorge, dass ich bei meiner Ankunft in Dillingen wieder mit einem Vampirauftrag konfrontiert werde.«
Regis sah sie nachdenklich an, sagte jedoch nichts. »Du kannst dir kaum vorstellen, wie erleichtert ich war als mir noch vor der Stadt ein paar Bauern begegneten, die sich an mich erinnerten und ein bisschen plaudern wollten. Sie erzählten mir nicht nur, dass es sehr friedlich gewesen sei in letzter Zeit, sondern schwärmten auch von dem neuen Arzt, der sich in der Stadt niedergelassen hatte und großzügig ihre kranken Kinder behandelte, obwohl sie ihm kaum etwas dafür geben konnten.« Sie lächelte Regis zaghaft an.
»Die Beschreibung, die sie mir gaben, war so eindeutig, dass ich keinen Zweifel hatte, dass es sich wirklich um dich handelt und nicht etwa ein anderer Mann. Und dann eine Wegbeschreibung zu deinem Haus zu bekommen war einfach.« Sie stockte kurz und sah ihn ernst an. »Ich bin so froh, dass ich mich bei der Einschätzung deines Charakters nicht geirrt habe.« Regis erwiderte ihren Blick emotionslos. »Was hat dich veranlasst, zu glauben, dass ich nicht jeden einzelnen Bewohner der Stadt leer trinke sobald ich aufgewacht bin?« Valka zuckte zusammen und starrte dann auf den Boden, während sie offensichtlich nach Worten suchte. »Als ich jünger war, traf ich schon einmal auf höhere Vampire. Einer von ihnen hatte ein Suchtproblem. Er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle und konnte nicht mit dem trinken aufhören, bis seine Opfer tot waren. Dazu kam, dass er grausam war. Er labte sich nicht nur an dem Blut der Menschen, es schien ihm vergnügen zu bereiten sie leiden zu sehen. Die anderen Vampire haben von mir verlangt, ihn außer Gefecht zu setzen. Und nachdem ich das getan hatte, erklärte mir einer von ihnen, dass höhere Vampire zwar meist nicht viel für die anderen Spezies übrighaben, aber normalerweise darauf achten kein aufsehen zu erregen und wenn sie schon Blut tränken, dann würden sie ihre Opfer am leben lassen. Er erklärte mir aber ebenfalls, dass es immer mal wieder Probleme mit Sadisten und Blutsüchtigen unter ihnen geben würde, die genau wie die niederen Vampire ihre Opfer einfach töteten.«
Regis sah sie sehr erstaunt an. »Es ist nicht unbedingt üblich, diese Informationen mit Angehörigen anderer Völker zu teilen.« Valka nickte und trank schnell einen Schluck. »Ich weiß nicht warum er mir das erzählt hat, ich weiß nur, dass als ich nach Dillingen kam und sah wie du den Jungen gerettet hast und später seine Mutter verschontest, da wusste ich einfach, dass du nicht böse sein konntest. Es war vielleicht dumm, aber ich hoffte, dass dir an den Menschen wirklich etwas liegt und du nur Schwierigkeiten hattest mit…«
»Mit meiner Blutsucht«, beendete Regis den Satz für sie. Wieder nickte Valka. Regis seufzte laut auf. »Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich wirklich ein Problem mit dem Trinken habe. Es ist idiotisch. Ich habe deswegen Menschen getötet, obwohl es mein Gewissen belastete, ich habe jemanden deswegen verloren der mir wichtig war und trotzdem hätte ich mir wahrscheinlich niemals eingestanden süchtig zu sein, wenn ich nicht verdammt viel Zeit zum Nachdenken bekommen hätte, indem du mich in diesen Sarg gesteckt hast.«
Valka sah ihn mitfühlend an. Sofern sie seine Anspielung verstand war sie höflich genug, um nicht darauf einzugehen, stattdessen fragte sie vorsichtig: »Kommst du zurecht?« Regis wackelte mit dem Kopf. »Es ist… eine Herausforderung. Jeden – einzelnen – Tag! Aber jetzt wo mir schmerzhaft bewusst geworden ist was ich angerichtete, nur weil ich mich nicht zusammenreißen konnte und ich eine sinnvolle Aufgabe gefunden habe, habe ich es weitestgehend unter Kontrolle.« Er stockte und sah zur Seite. »Es gibt aber Tage, an denen der Durst so schlimm wird, dass ich die Stadt verlassen muss.« Valka beugte sich zu ihm vor und legte ihre Hand tröstend auf seine. »Warum bist du in Dillingen geblieben?«, fragte sie vorsichtig.
Regis lächelte müde und lehnte sich zurück. »Weil ich kaum eine Alternative hatte. Meine sogenannten Freunde haben mich zurückgelassen, weil ich gegen einen heiligen Grundsatz verstoßen habe. Kein Vampir sollte betrunken fliegen. Und du weißt, wie das bei mir geendet hat. Also blieb mir nur die Wahl ziellos durch die Welt zu irren bis meine Leute wieder bereit sind mit mir zu reden oder ich stecke einfach die Energie in den Ort, der besonders unter mir Leiden musste. Wie du siehst, waren meine Möglichkeiten stark begrenzt.« Er grunzte missmutig und starrte dann stumm in die Ferne, bis er sich wieder zu ihr umdrehte und ihr direkt in die Augen sah.
»Ich habe dich gehasst.« Sie zuckte zusammen, unterbrach aber weder den Blickkontakt noch nahm sie ihre Hand von seiner. »Ich habe dich so abgrundtief gehasst und mir Tausende Male gewünscht dich zu töten. Ich habe – Jahre – damit verbracht mir auszumalen wie ich dir das Herz aus der Brust reiße, dir die Kehle zerfetze und dein Blut trinke.«
Valkas Gesicht war noch blasser geworden als gewöhnlich, doch sie bewegte sich auch jetzt noch nicht. »Ich habe nichts anderes erwartet«, sagte sie leise mit trauriger Stimme. Regis starrte sie noch einen Moment mit steinerner Mine an, dann wurden seine Züge plötzlich weich und er nahm seine linke Hand und griff damit nach ihrer die noch immer auf seiner rechten ruhte. Er hob sie sanft an und beugte sich darüber, um einen zarten Kuss auf ihren Handrücken zu setzen. »Ich danke dir dafür, dass du mir meine Schande vor Augen geführt hast.« Valka lächelte ihn mit feuchten Augen an.

Sie hielten für einige schweigsame Augenblicke den intensiven Blickkontakt, dann wandten sie sich verwirrt ab. Regis räusperte sich verlegen und Valkas Wangen bekamen einen zarten Rosaton. »Möchtest du noch Alraunenschnaps?«, fragte sie schließlich schüchtern. »Auf jeden Fall«, antwortete Regis hastig.

 

~

 

Regis nahm das Messer entgegen, das Valka ihm reichte und er schnitt sich einen Kanten von dem duftenden Brot ab. Mit einer schnellen Bewegung wischte er die Krümel von der Klinge an seinem Ärmel ab und reichte es ihr zurück. »Was genau hat mich damals eigentlich verraten? Du sagst, ich wirkte zu jung auf dich, aber das allein ist doch kein Indiz.« Valka nickte und beeilte sich zu kauen. Nachdem sie ihren Bissen heruntergeschluckt hatte, antwortete sie: »Dein Aussehen hat mich lediglich dazu gebracht, dich intensiver in Augenschein zu nehmen, verraten hat dich dein Schatten. -Also das Fehlen desselben.«
Regis zupfte nachdenklich ein Stückchen von seinem Brot ab und deutete dann damit auf sein Gegenüber. »Das war ziemlich aufmerksam von dir. Bislang hatte ich stets den Eindruck, dass niemand auf ein solches Detail achtet.« Die Hexerin zuckte mit den Schultern. »Das stimmt, aber du warst ja nicht mein erster höherer Vampir. Ich bin bei diesem Thema wahrscheinlich einfach ein bisschen sensibler.« Verlegen strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Unter Hexern gelte ich als eine Art Expertin für Vampire. Mit meinem Expertenwissen war es aber nicht weit her. Als ich den Auftrag damals angenommen habe, war ich mir absolut sicher, dass ich es mit einem Alp oder einer Bruxa zu tun bekomme. Ich war schockiert dann so früh nach meiner Ankunft direkt über einen höheren Vampir zu stolpern.« Regis schmunzelte. »Hätte es denn einen Unterschied gemacht, wenn du vorher gewusst hättest, womit du es zu tun hast?« Valka starrte ihn verwundert an. »Aber natürlich. Kein Hexer, der bei Verstand ist, legt sich freiwillig mit einem höheren Vampir an. Ich hätte mich niemals auf diesen Auftrag eingelassen, wenn ich es vorher gewusst hätte. Der einzige Grund warum ich, nachdem ich auf dich aufmerksam wurde, nicht aufs Pferd gesprungen bin und Dillingen in einer Staubwolke hinter mir gelassen habe, war, dass ich immer noch davon ausging, dass der eigentliche Mörder ein niederer Vampir war und du eher zufällig dort warst. Im Nachhinein kommt mir der Gedanke doch ziemlich dumm vor, aber so war es eben.«
Regis zupfte sich grinsend ein weiteres Stück Brot ab, doch bevor er es in den Mund steckte fragte er: »Und wieso glaubtest du, es handelt sich um einen Alp?« Valka presste die Lippen zusammen und suchte einen Moment nach den richtigen Worten. »Nun… die Leute wurden getötet, das spricht eher für niedere Vampire.« Sie machte eine kleine Pause und fuhr dann zaghaft fort: »Und dann war da das ganze zerbrochene Glas und Geschirr. Ich hielt das für das Ergebnis von den Schreien und nicht…« »Für das Werk eines volltrunkenen Vampirs der torkelnd alles umreißt was ihm in die Quere kommt«, vervollständigte Regis ihren Satz bitter. »Es ist mir unbegreiflich, wie ich mich jahrzehntelang so demütigen konnte.«
Valka nahm einen Brocken Käse und brach ihn in zwei Teile. Sie reichte Regis eines davon und sah ihm fest in die Augen. »DAS ist jetzt Vergangenheit. Ich bin sicher, deine Zukunft sieht sehr viel besser aus.« »Ich hoffe, du hast recht«, erwiderte er mit schiefem Grinsen. »Apropos Zukunft, wie lange wirst du in Dillingen bleiben?« Sie nahm ein Schluck aus ihrem Becher, um den Käse herunter zu spülen und schwenkte ihn dann sanft hin und her. »Ich breche morgen früh wieder auf. Ich muss mir die Belohnung für den Katakan noch abholen und dann werde ich bereits in der Festung erwartet. Es gibt einige junge Hexer, die im nächsten Frühjahr zum ersten Mal auf den Pfad gehen und ich habe meinen Teil beizutragen, um sicherzustellen, dass sie nicht ein jähes Ende nehmen.« Regis nickte leicht. »Ich verstehe«, sagte er leise. Valka sah ihn freundlich an und griff dann wieder nach der Flasche mit dem Alraunenschnaps. »Noch hat der Tag ein paar Stunden.«

 

~

 

Kurz nach Sonnenaufgang machte Regis sich zu den Ställen auf. Er hatte am vergangenen Tag noch lange mit der Hexerin geplaudert und als sie sich trennten und Valka zu ihrem Zimmer in dem Gasthof ging, verabschiedeten sie sich nicht, sondern wünschten einander nur eine Gute Nachtruhe. Er wollte das nun nachholen und die Hexerin vor ihrem Aufbruch noch einmal sehen. Als er bei den Ställen ankam, verriet ihm ihr Duft und das Geraschel im Stall, dass sie bereits dabei war ihr Pferd reisefertig zu machen. Er hielt sich nicht gern in den Ställen auf, da die Tiere in seiner Gegenwart nervös wurden, also lehnte er sich neben der Tür an die Wand und wartete geduldig bis sie herauskommen würde.

Lange musste er nicht warten, bis das große Tor aufgestoßen wurde und Valka ihr Pferd an den Zügeln herausführte. Er sah, dass sie ihre Schwerter bereits am Sattel befestigt hatte und zum Aufbruch bereit war. Als sein Blick auf den abgetrennten Katakankopf fiel, der an einem Haken an der Seite des Pferdes hing, zuckte er zusammen und machte Valka somit auf sich aufmerksam. »Du bist hier«, sagte sie lächelnd. »Gut, ich wollte mich ohnehin noch von dir verabschieden.« Als sie bemerkte, dass er an ihr vorbei sah, folgte sie seinem Blick und verzog besorgt das Gesicht. »Ich hoffe, es stört dich nicht zu sehr, dass ich einen von deinen Verwandten…« Regis schüttelte den Kopf. »Nein, es weckt lediglich unangenehme Erinnerungen.« »Verstehe«, erwiderte sie und trat dann etwas näher an ihn heran. »Ich wollte dir noch sagen, dass ich wirklich froh bin wie sich die Dinge entwickelt haben und mich bedanken, dass du es mir nicht mehr allzu übel nimmst, was ich dir angetan habe.« Regis starrte sie einen Moment an. »Ich danke dir für die Chance, die du mir ermöglicht hast.« Valka griff nach seinem Unterarm und drückte ihn kurz, dann drehte sie sich kurzerhand um und schwang sich in den Sattel. Sie sortierte die Zügel und blickte dann auf Regis runter. »Hör mal, jetzt wo du wach bist, habe ich eigentlich keinen Grund mehr, den Umweg über Dillingen zu machen. Wenn es dir aber recht wäre… .« Regis hob lächelnd eine Hand. »Ich fürchte, unser Bürgermeister wäre am Boden zerstört, wenn du dich entschließen würdest deine Besuche einzustellen.« Er zögerte kurz. »Und ich würde mich freuen, wenn ich hin und wieder die Gelegenheit hätte, mit jemanden reden zu können dem ich nicht vorspielen muss etwas zu sein was ich nicht bin.« Die Hexerin strahlte ihn an. »In diesem Fall sehen wir uns, wenn der Schnee schmilzt. Leb Wohl Emiel Regis.«
Er erwiderte ihr Lächeln breit genug, um seine Zähne zum Vorschein zu bringen. »Leb Wohl Valka und pass auf dich auf.« Sie griff die Zügel fester, doch bevor sie ihrem Pferd die Sporen gab, beugte sie sich plötzlich herunter und gab Regis einen sanften Kuss auf die Wange. Dann richtete sie sich lachend wieder auf, drückte dem Pferd die Fersen in die Seite und ritt davon.

Verwundert blieb Regis einen Moment stehen und sah ihr nach. Er hob eine Hand zu seinem Gesicht und legte die Finger an die Stelle, wo er noch das Prickeln des Kusses spüren konnte. Als er sich langsam umdrehte, um zurück zu seinem Haus zu gehen, bemerkte er in einiger Entfernung eine Gruppe Frauen stehen, die ihn mit offenen Mündern und entsetzten Gesichtsausdruck anstarrten. Oh du meine Güte, dachte er, während ihm die Röte ins Gesicht stieg und er mit schnellen Schritten nach Hause ging.

 

Unmittelbar vor seinem Haus fiel sein Blick auf einige letzte Sonnenblumen, die sich sanft im Wind wiegten. Und während ihm das Bild von leuchtenden Katzenaugen in den Kopf wanderte, beschäftigte ihn die Frage, ob er in dieser Gegend vielleicht Alraunen zu finden vermochte.

 

 

»Ist sie wiedergekommen?«, fragte Geralt neugierig. Regis nickte. »Kaum, dass der Schnee geschmolzen war, kam sie wieder. Diesmal blieb sie für ein paar Tage, ehe sie wieder aufbrach, um ihren Beruf auszuüben.«
»Ich schätze, es muss sehr angenehm gewesen sein mit jemandem zusammen zu sein vor dem man nicht die Reißzähne verstecken muss?«, fragte der Hexer weiter und Regis nickte erneut. »Du hast keine Vorstellungen. Ich habe mich im Laufe der Jahre zwar an diese Scharade gewöhnt, aber besonders am Anfang war die Herausforderung enorm. Es ist überaus unangenehm, vorzugeben etwas zu sein, was man nicht ist. Ich fürchtete ständig, dass ich entdeckt würde. Die Zeit mit Valka war deswegen – erholsam.«

Geralt dachte stumm über die Geschichte seines Freundes nach. Es war ihm natürlich bewusst, dass Regis in seinem bisherigen Leben auch innigere Beziehungen und Freundschaften aufgebaut haben musste, aber er musste zu seiner Schande gestehen, dass er sich nie darüber Gedanken gemacht hatte. Jetzt plötzlich mit so viel Privatleben von dem Vampir konfrontiert zu werden, machte Geralt auf erschreckende Art bewusst, wie wenig er über seinen Freund wusste.
Trotz der bitteren Erkenntnis konnte er sich jedoch ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Geralt hielt sich selbst nicht unbedingt für einen Mann mit begnadeter Logik, aber er ahnte, worauf die Geschichte hinauslief und so fragte er neugierig; »Du hast sie wirklich sehr gemocht, hm?«
Eigentlich erwartete er das ein verlegener Ausdruck sich in Regis Gesicht schlich und der Mann vorsichtig nicken würde, zu seiner Überraschung wurde die Mine des Vampirs jedoch kalt. »Nein«, antwortete er hart. Geralt zuckte überrascht zusammen. »Aber ich dachte…«, stammelte er, wurde jedoch gleich wieder von Regis unterbrochen. »Nein Geralt, ich habe sie nicht gemocht. Ich habe sie geliebt!«
Erstaunt starrte Geralt seinen Freund nach diesem unerwarteten Geständnis an. Er wusste, dass der Mann in der Vergangenheit eine ernsthafte Beziehung geführt hatte, welche in die Brüche gegangen war. Regis hatte ihm selbst freimütig davon erzählt. Die Tatsache, dass er offensichtlich so intensive Gefühle für die Hexerin empfunden hatte, ohne sie je zu erwähnen, hinterließ ein mulmiges Gefühl in Geralts Magen. Er sah seinen Freund besorgt an und fragte dann vorsichtig: »Was ist passiert?«
Regis lachte freudlos auf und sah ihn an. »Was soll schon passiert sein mein Freund. Ich habe es ruiniert. Ich habe ALLES ruiniert.«

»Verdammt«, meldete sich Veit unvermittelt zu Wort und riss die anderen beiden Männer aus ihrem trübsinnigen Zwiegespräch. »Was ist denn los?«, fragte Geralt alarmiert.
Veit kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Wir sind am Ziel, da vor uns liegt Toderas.«
»Und was genau beunruhigt dich daran?«, wollte Regis wissen. Veit räusperte sich unbehaglich. »Entschuldige bitte, ich verstehe, dass das Thema dir unangenehm ist. Aber ich kenne Valka schon so lange und – nun deine Geschichte ist auch ihre Geschichte.« Er machte eine kleine verlegene Pause. »Ich hatte gehofft noch mehr zu erfahren bis wir …«Regis hob eine Hand um den Hexer zum Schweigen zu bringen. »Ich verstehe«, sagte er trocken. »Ich würde dringend empfehlen, dass wir uns jetzt aber auf die Aufgabe konzentrieren, die vor uns liegt.«
Veit nickte niedergeschlagen, doch seine Augen leuchteten gleich darauf enthusiastisch auf, als Regis weitersprach. »Ich habe zugesagt, dass ich die Geschichte erzähle und daran halte ich mich. Wir haben schließlich noch den Rückweg vor uns.«

 

 

Kurz vor dem Dorf stiegen die drei Männer von ihren Pferden und befestigten die Zügel an einem tief hängenden knorrigen Ast. Die beiden Hexer lösten ihre Schwerter von den Sätteln und Veit zog aus einer Tasche eine Handvoll Mondstaubbomben.
Der Angriff lag inzwischen mehrere Tage zurück, doch keiner von ihnen wollte es riskieren, unvorbereitet auf eine Gruppe niedere Vampire zu treffen.
Mit einer schnellen Handbewegung gab Geralt stumm die Richtung vor. Die anderen beiden folgten ihm lautlos, während sie sich den ersten Gebäuden näherten. Grade als Geralt an dem Gebüsch vorbeitreten wollte, dass Toderas umgab, griff Regis plötzlich nach seinem Unterarm und hielt ihn zurück. Nur eine Sekunde später bemerkte er ebenfalls, was seinen Freund beunruhigte. »Nekrophagen«, formte er lautlos mit den Lippen und Veit nickte, um zu bestätigen, dass er ebenfalls den fauligen Geruch wahrgenommen hatte.
Vorsichtig schob Geralt eine Hand in die Jagdtasche an seinem Brustgurt und holte eine Phiole mit Klingenöl heraus. Langsam, um die Klinge nicht zum Schwingen zu bringen, zog er sein Silberschwert aus der Scheide und benetzte das Blatt mit geübten Handgriffen. Dann reichte er das Fläschchen an Veit weiter und wartete bis dieser ebenfalls seine Waffe präpariert hatte.
Als sie vorbereitet waren, nickte Geralt den anderen beiden auffordernd zu und trat dann aus dem Sichtschatten des Gebüschs heraus.

Mit dem direkten Blick auf Toderas bekam Geralt das Gefühl ein Déjà-vu zu erleben. Wie schon bei seinem letzten Besuch hier war der Ort mit zerfetzten und halbgefressenen Toten überseht. Guhle und einige Alguhle tummelten sich bei den Leichen und genossen ihr Festmahl.
Es dauerte einen Moment, bis der erste Guhl auf sie aufmerksam wurde. Es wirkte beinahe überrascht, wie das Monster zurücksprang und damit die anderen Kreaturen auf die drei Männer aufmerksam machte.
Rasch sprangen Veit und Geralt auseinander damit sie sich nicht mit ihren Schwertern gegenseitig in die Quere kommen konnten. Sie hatten grade noch Zeit, um in Kampfstellung zu gehen, als die ersten Monster angriffen. Mit schnellen Schlägen pflügten sie durch die Monster und machten kurzen Prozess. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis die beiden Hexer gezwungen waren hinter den Guhlen herzulaufen, die beunruhigt durch das schnelle Ende ihrer Artgenossen, etwas auf Distanz gingen.
Die Alguhle zeigten sich weniger zurückhaltend und gingen mit ausgefahrenen Stacheln auf Geralt los. Der Hexer sah sich gezwungen, sein Schwert sinken zu lassen und Axii auf Monster zu wirken damit er den giftigen Stacheln entgehen konnte. Veit nutzte die Gelegenheit, sprang mit einem Salto über sie hinweg und mit einigen schnellen Schwüngen seiner Klinge enthauptete er die verwirrten Biester. Dann steckte er die Klinge mit einer fließenden Bewegung zurück in die Scheide und zwinkerte Geralt lässig zu. Der wollte grade etwas entgegnen als er bemerkte, dass Veits Aufmerksamkeit über seine Schulter hinweg abgelenkt wurde. Sofort drehte er sich um und konnte grade noch sehen, wie Regis mit einem gewaltigen Satz auf einen letzten Alguhl zusprang und ihn mit einem Hieb seiner langen Klauen zerteilte. Ohne sich weiter um den toten Nekrophagen zu kümmern, wechselte der Vampir wieder in seine vertraute Gestalt und kam auf die Hexer zu. »Nun ich gehe davon aus, dass wir hier keine Überlebenden mehr finden können«, erklärte er. Geralt nickte als Erwiderung und Veit riss sich kopfschüttelnd aus seiner Verwunderung. »Sehen wir uns um. Vielleicht finden wir etwas brauchbares«, ergänzte er.

 

~

 

Frustriert erhob sich Geralt aus der Hocke und streckte seine Beine durch. Der Boden zwischen den Gebäuden war voller Spuren, aber durch die Nekrophagen waren sie praktisch unleserlich geworden. An einigen Stellen hatten Veit und er vereinzelte Spuren von niederen Vampiren gefunden, aber sie boten weder einen Aufschluss darüber wie viele Vampire hier waren, noch konnten sie mit Sicherheit festlegen, welche Arten der niederen Vampire sich hier aufhielten. Einzig der Zustand der Leichen brachte ihnen ein paar Hinweise. Die fortschreitende Verwesung bestätigte ihren Verdacht, dass der Angriff bereits länger zurücklag. Er rieb sich mit einer Hand über den Mund und wollte Veit, der ein paar Meter entfernt den Boden untersuchte, grade etwas zurufen als Regis in der Tür eines der Gebäude erschien und auf sich aufmerksam machte.
Erleichtert sprintete er in Richtung des Vampirs der bereits wieder durch die Tür ins Innere verschwunden war. »Hast du etwas gefunden«, wollte er wissen, als er nahe genug war, um den Mann vor sich ausmachen zu können. Regis warf einen Blick über die Schulter und sah sowohl Geralt als auch Veit durchdringen an. »Vielleicht. Am besten ihr seht selbst.«
Die beiden Hexer sahen sich verwundert an und gingen dann um Regis herum, um sich die Stelle anzusehen, auf die der Vampir deutete.
Vor ihnen öffnete sich ein langer Raum, der in absolutem Chaos versank. Es schien sich um einen Sammelschlafraum zu handeln, denn überall lagen Pritschen und Decken durcheinandergewürfelt auf dem Boden. Für einen Moment fragte sich Geralt, auf was sein alter Freund hinauswollte, als sein Blick auf eine Schlafstätte fiel die sich enorm von dem anderen Unterschied. Er zog die Augenbrauen hoch, als er sich an Regis wandte. »Bemerkenswert. Der ganze Raum sieht aus wie nach einer Zwergenhochzeit und die Pritsche steht in tadellosem Zustand mitten im Raum. Sogar das Bettzeug wurde aufgeschüttelt.«
Veit trat näher an die ominöse Schlafstätte heran und stocherte mit seinem Schwert in den Decken. »Irgendjemand war also nach dem Angriff hier und hat es sich gemütlich gemacht. Dabei scheinen die Nekrophagen wohl nicht gestört zu haben.«
»Das wäre auch höchst verwunderlich«, schaltete Regis sich mit ernster Stimme ein. »Es ist, wie ich es befürchtet habe.« Verwundert starrte Geralt den Mann an. »Nun ich fürchte, ich muss euch mitteilen, dass in diesem Bett ein höherer Vampir genächtigt hat.«

 

~

 

»Bist du dir auch wirklich sicher?«, fragte Geralt zum wiederholten Mal. Regis nickte geduldig. »Es gibt keinen Zweifel, der Geruch ist noch stark.« Veit legte nachdenklich den Kopf schief. »Könnte es sich vielleicht einfach nur um einen Zufall handeln?«

Regis schüttelte traurig lächelnd den Kopf. »So sehr ich es mir auch wünschen würde, dass nicht schon wieder einer meiner Brüder an einem Massaker beteiligt ist, es wäre doch höchst unwahrscheinlich anzunehmen, dass sich ein höherer Vampir nur rein zufällig an einem Ort einfindet der unmittelbar von einem Rudel niederer Vampire, die sich freiwillig nicht zusammenfinden würden, zerstört wurde. Nein, ich fürchte, wir müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen. Die Vampire handeln auf Befehl.«

Seufzend raufte sich Geralt die Haare. »Aber was um Meliteles Namen bezweckt der Vampir damit. Velen hat nichts zu bieten.« Regis legte eine Hand an sein Kinn und grübelte einen Moment. »Ich kann mir auch keinen Reim darauf machen. Wir müssen unsere Hoffnungen darin legen, dass der Rest unserer…«
Regis wurde unterbrochen als ein unerwartetes Knurren die Dunkelheit der Hütte Durchschnitt. Bevor einer von ihnen reagieren konnte, sprang ein schwarzer Schemen aus den Schatten, stürzte sich auf den Vampir und schleuderte ihn so hart gegen die Wand, dass sie krachend nachgab und Regis nach draußen geschleudert wurde. Noch bevor die beiden erschrockenen Hexer ihre Schwerter gezogen hatten, stürzte das Ungetüm durch das Loch in der Wand erneut auf Regis zu.

Fluchend hechtete Geralt hinter dem gewaltigen Katakan hinterher. Als er in Reichweite des Monsters kam, stach er mehr panisch als gezielt zu, um den Vampir von Regis abzulenken. Tatsächlich ließ der Katakan von Regis ab und wandte sich stattdessen Geralt zu. Die Kreatur schlug mit ihren Krallen wie rasend auf Geralt ein und trieb ihn immer weiter rückwärts zum Rand des Dorfes. Der Hexer war so damit beschäftigt die Schläge abzuwehren und sein Gleichgewicht auf dem unebenen Boden zu bewahren, dass er keine Möglichkeit sah den Vampir seinerseits anzugreifen. Geralt blieb somit nichts, als darauf zu hoffen, dass seine Freunde ihm schnellstmöglichst zu Hilfe eilen würden. Nur einen Moment später sah er, wie Regis sich mit ausgefahrenen Krallen auf den Vampir stürzte.
Der Katakan schrie vor Schmerzen auf, als ihn die Krallen trafen und seine Raserei steigerte sich zusehends. Beunruhigt bemerkte der Hexer, dass sich das Monster wieder voll und ganz auf Regis konzentrierte und die beiden anfingen sich wie wilde Tiere zu umkreisen. Verzweifelt suchte er nach einem sinnvollen Angriffspunkt um den Vampir verletzten zu können. Als er jedoch einen Schritt zur Seite machte, um einen besseren Zugang zu bekommen, bemerkte Geralt entsetzt, dass er dem Katakan auf den Leim gegangen war. Der Vampir drehte sich schlagartig zu ihm um und holte zu einem gewaltigen Hieb aus.
»GERALT!«, schrieb Veit verzweifelt auf und warf sich zwischen den Hexer und dem Monster. Entsetzt beobachtete Geralt, wie die Klauen des Vampirs den Rücken des Mannes trafen und wie durch Butter hindurchfuhren. Die Zeit verging surreal langsam, als sein Blick auf das schmerzverzerrte Gesicht seines Freundes fiel. Nach einer grauenvollen Ewigkeit beschleunigte sich der Zeitfluss plötzlich wieder und Geralt musste mit ansehen, wie Veit durch den heftigen Schlag über die Kante des Abhangs am Dorfrand geschleudert wurde. Die Geräusche, die sein Körper verursachte als er mehrere Meter durch Gestrüpp und Felsen stürzte, lärmten ihm schmerzhaft in den Ohren.

Geralt war wie betäubt, als er aufsah und feststellte, dass das Gesicht des Vampirs hämisch verzogen war. Nur eine Sekunde später sprang der Katakan zur Seite und wich einem Schlag von Regis aus. Statt wie erwartet, einen weiteren Angriff zu starten, spannte der Vampir plötzlich die kräftigen Muskeln seiner Beine an und sprintete in unfassbarer Geschwindigkeit davon.
Unentschlossen blieb Regis vor Geralt stehen und sah zum Abgrund, in den Veit soeben gestürzt war. Ein letztes Bisschen logischer Verstand machte sich in dem Hexer bemerkbar und er deutete hektisch hinter dem Vampir hinterher. »LAUF REGIS. ER DARF NICHT ENTKOMMEN!«, brüllte er seinem Freund zu. Regis nickte und verwandelte sich in dunklen Nebel, noch bevor er sich in die Richtung umgedreht hatte, in der der Katakan entkam.

Panisch wandte sich Geralt dem Abhang zu und machte sich an den Abstieg. Ohne wirklich auf seine Sicherheit zu achten schlitterte er die steile Böschung herab und hielt nach dem anderen Hexer Ausschau. Als er den leblosen Körper in einiger Entfernung liegen sah, wurden seine Knie weich. Er schleppte sich mit Mühe zu ihm hin und fiel direkt vor ihm auf die Knie. »Veit, Oh Gott Veit.« Mit zitternden Fingern griff Geralt nach dem Körper und zog ihn zu sich heran. Er war zu verängstigt, um den Hexer sinnvoll zu untersuchen, stattdessen hob er ihn sanft an, zog ihn in seine Arme und legte seinen Kopf an seinen Hals. Nach zwei hysterischen Atemzügen bemerkte er, dass auch der andere Hexer noch atmete und sein Herz schlug vor Erleichterung so hart, dass es schmerzte. Vorsichtig ließ Geralt seine Hand über den Rücken des Hexers gleiten während er das Schlimmste erwartete. Doch dann stockte er verwirrt.
Irritiert reckte Geralt den Hals, um sich von seinen Augen die Beobachtung seiner Finger bestätigen zu lassen. Veits Rüstung war von den Krallen gnadenlos zerfetzt worden, doch dort wo der dicke Stoff die Sicht auf den Körper des Hexers freigab, war nichts als makellose Haut zu sehen.
Erleichtert keuchte Geralt auf. Er drückte den bewusstlosen Hexer von sich weg und legte ihn wieder sanft auf dem Boden ab. Als er sich mit einer Hand auf dem Mund ungläubig zurücklehnte, konnte er nur immer wieder den Kopf schütteln. Er hätte geschworen, dass der Katakan ihn mit seinen Klauen erwischt hatte.
Geralt schloss die Augen und atmete tief durch. Dann legte er sanft eine Hand an die ungewohnt stoppelige Wange des Mannes. »Ich dachte, ich habe dich verloren«, murmelte er mit zittriger Stimme. Er beugte sich vor und legte seine Lippen sanft auf die des anderen Mannes. Ein kleines Keuchen ließ ihn unvermittelt zurückschrecken.
Zittrig öffnete Veit seine Augen und sah sich verwirrt um. »Was ist passiert« wollte er wissen. Wieder atmete Geralt tief durch. »Der Katakan hat dich den Abhang runtergestoßen.«, erklärte er. »Wie fühlst du dich?«
Veit bewegte seine Schultern ein bisschen und verzog dann das Gesicht. »Als ob ich aus acht Metern Höhe, auf meine Wirbelsäule gefallen wäre. Ich traue mich kaum zu fragen, aber ist noch alles dran?« Erleichtert grinste Geralt den Mann an, während der Schock nachließ. »Du bist wirklich ein Glückskind. Ich schätze, dein Rücken wird in den nächsten Tagen in den tollsten Farben schillern, aber du hast sonst keinen Kratzer.« Veit sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an, ehe er sarkastisch antwortete: »Na dann Hurra.«

Überwältigt und mit fast unhörbarem Schluchzen in der Stimme lachte Geralt auf und beugte sich erneut vor, um den Mann einen Kuss zu geben. Als ihre Lippen sich trafen, riss Veit verwundert die Augen auf, dann hob er eine Hand und legte sie an Geralt zärtlich an die Wange. »Hey, ist alles Okay?« Geralt schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf. »Du hättest sterben können. Ich hätte dich verlieren können.«
Sanft streichelte er mit dem Daumen über Geralts Wange. »Mir ist nichts passiert, mach dir keine Sorgen.« Er drückte einen kleinen Kuss auf Geralts Stirn und dann verzog sich sein Gesicht schelmisch. »Wenn ich geahnt hätte, dass ich so deine Hand da hinbekomme, dann hätte ich mich längst mal mit einem Katakan angelegt.«
Verwirrt zuckte Geralt zurück. Seine rechte Hand lag immer noch an der Wange des Mannes, aber plötzlich bemerkte er, dass seine linke auf seinem Oberschenkel ruhte und zwar in unmittelbarer Nähe zu… .« Erschrocken zog Geralt seine Hand zurück und erntete verhaltenes Gelächter von Veit.
Verlegen drehte Geralt seinen Kopf zur Seite. In seiner Panik hatte er nicht bemerkt, wo er mit seinen Fingern hingeraten war. Veit lächelte ihn liebevoll an und nutzte die Gelegenheit, um sich umständlich auf seine Ellenbogen zu stützten. Er ächzte, während er sein Gewicht verlagerte und seinen geschundenen Rücken aufrichtete. Er hatte sich grade in eine halbwegs aufrechte Position gebracht, als seine Pupillen sich geschockt weiteten.

Ein Blick nach unten verriet ihm, dass er es sich nicht einbildete. Geralts Hand lag wieder auf seinem Oberschenkel, doch diesmal bewegten sich seine Finger quälend langsam auf seinen Schritt zu.
Keuchend beobachtete Veit wie Geralts Hand sich immer weiter seinem Schwanz näherte. Er schluckte hart und biss sich auf die Lippe. Unmittelbar bevor seine Finger ihn streifen würden, ergriff Veit die Hand des anderen Hexers und drückte sie weg.
Verwundert sah Geralt ihn an. »Ich dachte, du wolltest das?«, fragte er erstaunlich schüchtern. Wieder schluckte Veit und nickte dann stumm. »Bei den Göttern, Geralt du hast keine Ahnung, wie sehr ich das will.«
»Warum..?«, war alles, was der Hexer belegt fragte. Veit verzog das Gesicht und ließ seine Hand los, um sie wieder an Geralts Wange zu legen. Sein Gesicht war wehmütig, als er ihm antwortete. »Weil ich will, dass du mich wirklich willst, wenn es so weit ist - nicht, dass du aus Panik handelst.«
Geralt lehnte sich empört zurück, erwiderte jedoch nichts. Veit beobachtete ihn einen Moment amüsiert und lehnte sich dann vor, um ihre Lippen wieder zusammenzubringen. Zu seinem Vergnügen leistete der Hexer keinen Widerstand und als er seinen Mund leicht öffnete, um seine Zungenspitze über die Lippen des Mannes streicheln zu lassen, bemerkte er nicht das geringste Zögern. Sein Puls schoss in die Höhe, als ihr Kuss leidenschaftlicher wurde. Das Vergnügen, dass er empfand wirbelte in seinem Verstand und schoss dann in seinen Magen, um dort mit einem Gefühl vom überschwänglichen Enthusiasmus einzuschlagen bevor ein Stich von purer Leidenschaft direkt zwischen seine Beine fuhr.
Veit wusste, dass er viel riskierte als er seine Hand von Geralts Wange löste und ohne die geringste Vorwarnung direkt auf seinen Schritt legte. Geralt zischte erschrocken die Luft ein, während Veit langsam die Konturen seines Schwanzes nachfuhr. Zärtlich griff er sein ganzes Gemächt und drückte es sanft, bis Geralt seufzend die Augen schloss und seine Stirn an Veits Schulter legte. »Du solltest jetzt nicht nach unten sehen«, warnte Veit ihn liebevoll vor, bevor er mit beiden Händen nach Geralts Gürtel griff. Der Hexer zuckte erneut erschrocken zusammen, da er jedoch Widerstand leistete, fuhr Veit unbeirrt fort die Schlaufen seines Gürtels zu lösen.
Nachdem das erste Hindernis beseitig war, griff Veit nach den Bändern, die ihn noch von seinem Ziel trennten. Mit fahrigen Bewegungen löste er den Knoten und voller Ungeduld zog er das Stück Stoff nach unten.
Der dunkelhaarige Hexer seufzte glückselig, als ihm der steife Schwanz des anderen Mannes willig entgegensprang. Wie oft hatte er sich in den letzten Wochen gewünscht den Mann genau so vor sich zu haben?
Begierig packte Veit den verlockenden Schwanz an der Wurzel und rutschte dann auf dem Boden etwas zurück, um sich besser bewegen zu können.
Geralt keuchte auf, als Veit seinen Schwanz tief in den Mund nahm. Der Mann verlor keine Zeit und begann sofort seine Zunge gegen die empfindliche Sehne an der Unterseite zu drücken. Sterne blitzten vor Geralts Augen auf, doch bevor er irgendwas tun konnte, zog Veit sich ein wenig zurück und schabte mit der Rückseite seiner Zähne über die empfindliche Spitze.

Verzweifelt ließ Geralt sich fallen und krallte die Finger in den lehmigen Boden. Sein Verstand protestierte leise bei dem Wissen, dass ein Mann ihm dieses unglaubliche Gefühl bescherte, doch die verzweifelte Lust, die seinen ganzen Unterkörper zusammenziehen ließ, hieß ihn diese Einwände zu ignorieren. Er gab sich keine Mühe, sein hektisches Stöhnen zu unterdrücken während der andere Hexer seinen Schwanz leidenschaftlich lutschte. Mit jedem Mal wo seine Zunge über die Sehne fuhr verkrampfte sich Geralts Muskulatur mehr und erhöhte den Druck. Unsicher griff Geralt nach Veits Kopf und verhakte seine Finger in den Haaren des Mannes.
Natürlich hatte er in seinem Leben schon unzählige Blowjobs bekommen, aber als er diesmal der Warnung zum Trotz seine Augen öffnete und nach unten sah, explodierte um ihn herum die Welt.
Der Anblick von Veit mit seinen breiten Schultern und den so untypisch unrasierten Wangen der seine Lippen gierig um Geralts Schwanz schloss war zu viel. Stöhnend verkrampfte sich Geralt und er kam mit pulsierenden Stößen heftig in dem Mund des Hexers.

Geralt blinzelte Tränen aus seinen Augen, als Veit sich kurz darauf von ihm löste und einen letzten Kuss auf seine Spitze setzte. Der Hexer hatte geduldig abgewartet, bis er aufgehört hatte sich vor Ekstase zu schütteln. Doch die Nachwehen des Orgasmus hielten ihn noch immer im Griff.
Sein nutzloser Verstand schaltete sich erneut ein, um ihn daran zu erinnern, dass sein Vorgehen gegen seine bisherigen Vorstellungen verlief und vermutlich hätte Geralt sich deswegen auch beunruhigt gefühlt, wenn in ihm nicht das dringende Bedürfnis wuchs Veits Hose zu öffnen und dessen Schwanz gegen seinen eigenen pulsierenden zu drücken.

Mit pochendem Herzen drückte Geralt dem Hexer einen weiteren Kuss auf die Lippen. Er fühlte, dass es Worte gab die gesagt und Dinge, die getan werden wollten, doch momentan besaß er nicht die Kraft, um irgendetwas davon zu tun. Rasch richtete er seine Kleidung und schloss den Gürtel. Bevor er sich jedoch abwandte, grinste er verlegen in Veits Richtung. »Wir kommen da demnächst drauf zurück.« Veit lächelte ihn nur mit leuchtenden Augen liebevoll an.

 

~

 

Einige Minuten später stolperte Geralt auf der Suche nach einem Aufstieg durch das Dickicht am Abgrund. Sein bisheriger Eindruck vermittelte ihm, dass sie vermutlich einen gehörigen Umweg laufen müssten, um wieder zurück zu ihren Pferden zu gelangen. Als er jedoch um einen weiteren großen Dornenbusch kreiste, bemerkte er, zu seinem Entsetzen Regis, der gelassen auf einem umgestürzten Baum saß und sich die Nägel reinigte. »Seid ihr fertig?«, fragte der Vampir ungeniert.
Geralt lief puterrot an und biss unwirsch die Zähne zusammen. »Was ist mit dem Katakan?«
Entkommen fürchte ich«, erklärte Regis mit durchaus betrübter Stimme. »Ich wusste nicht, dass dir niedere Vampire entkommen können«, entgegnete Geralt flapsig.
»Nun ich hatte auch keine Ahnung, dass du mit Männern…«
»Halt die Klappe Regis«, schnaubte Geralt beleidigt, während er davon stapfte.

Chapter Text

Regis schnaubte ungehalten und bemühte sich die Männer, die schon wie bei ihrer Anreise hinter ihm her ritten, zu ignorieren. Beide Hexer hatten seit ihrem Aufbruch kaum ein Wort gesprochen. Geralt war offenbar weiterhin überaus peinlich berührt und vermied den Blickkontakt mit seinen Begleitern, indem er sich ganz auf das immer gleich aussehende Gebüsch am Wegesrand konzentrierte und Veit starrte abwesend mit glasigen Augen Löcher in die Luft, verzog dabei jedoch hin und wieder schmerzverzerrt sein Gesicht. Ein Umstand, den Regis nach dem unangenehmen Sturz aber durchaus nachvollziehen konnte.
Trotz Veits vehementer Beteuerungen, dass ihm nichts fehlen würde, hatte er darauf bestanden wenigstens einen kurzen Blick auf den Rücken des Mannes werfen zu dürfen. Zu seiner Überraschung konnte er aber ebenfalls keine Verletzungen ausmachen und selbst die Prellung wirkte, obwohl erst wenige Minuten her, als wäre sie schon wieder am Abklingen. Regis wusste um die Selbstheilungskräfte und die beschleunigte Regeneration der Hexer, aber Veit schien in dieser Hinsicht sogar noch besonderer zu sein als Geralt.
Nachdem er keine medizinischen Einwände gegen ihren sofortigen Aufbruch vorbringen konnte, kramte Veit ein Wechselhemd aus seinen Satteltaschen hervor und kleidete sich um. Die zerfetzte Jacke seiner Rüstung musste ihm erst einmal weiter dienlich sein, bis er sich Ersatz beschaffen konnte. Und letztendlich machten sie sich frustriert wieder in Richtung Lindental auf.

Auch wenn ihnen bewusst war, dass der Tag bereits so weit fortgeschritten ist, dass sie selbst unter den besten Bedingungen bis zum Einbruch der Nacht höchstens die Hälfte der Strecke zurücklegen könnten, verspürte keiner von ihnen das Bedürfnis, länger als unbedingt nötig in Toderas zu verweilen.
Inzwischen waren weitere Stunden verstrichen und das Wechselspiel der Farben in den zerrissenen Regenwolken kündigte den baldigen Sonnenuntergang an. Regis erkannte, dass sie sich sehr bald nach einem Schlafplatz umsehen mussten. Offenbar riss die fortschreitende Stunde auch die Hexer aus ihren Gedanken, denn schon seit einiger Zeit spürte er die Augen der beiden Männer auf sich liegen. Dazu kamen das gelegentliche leise Rascheln und Klirren ihrer Kleidung, wenn sie den Kopf drehten, um sich gegenseitig kurze Blicke zuzuwerfen, nur um sich gleich darauf wieder auf ihn zu fixieren.
Regis schnaubte erneut. Er wusste nicht so recht, ob ihn die Situation Verärgern oder Belustigen sollte. Es war deutlich, dass die Hexer den drängenden Wunsch nach einem Gespräch verspürten, doch er war sich genauso sicher, dass das Thema, das sie anschneiden wollten nicht ihre mangelhaften Erkenntnisse über die Vampirbedrohung betraf, unabhängig von der Dringlichkeit des Themas. Er hegte keinen Zweifel daran, dass sie darauf brannten auch den letzten Teil seiner unrühmlichen Geschichte zu hören und nun wo eine Gelegenheit dazu in greifbare Nähe rückte, bedauerte er zugesagt zu haben sie zu erzählen. Er verspürte nicht das geringste Verlangen die ohnehin allgegenwärtigen schmerzhaften Erinnerungen durch detaillierte Schilderungen noch intensiver in sein Gedächtnis zurückzurufen.

Ein scharfes Klacken, gefolgt von einem hohen Surren riss Regis zunächst überrascht aus seinen trüben Gedanken und machte ihn gleich darauf aufmerksam, dass seine Schonfrist nun in Kürze vorbei sein würde. Der Bolzen aus Veits Armbrust war gut hörbar in einiger Entfernung mit einem dumpfen, schmatzenden Geräusch in einen Körper eingeschlagen und nur wenige Sekunden später wurde die Luft schwer durch den Geruch von warmem Wild-Blut. Reh, wie Regis vermutete. Da er wusste, was nun folgen würde wartete er nicht auf Anweisungen, sondern brachte sein Pferd einfach an Ort und Stelle zum Stehen und stieg ab. Die Hexer folgten seinem Beispiel, überreichten ihm die Zügel und machten sich dann auf ihr Abendessen einzusammeln.
Die schnelle Inspektion der Umgebung offenbarte leider in jeder Richtung nur den gleichen trostlosen Anblick. Vereinzelte verkrüppelte Bäume, dorniges Gebüsch und ungleichmäßiger Grasbewuchs. Regis verzog missbilligend das Gesicht und machte sich auf, die Pferde zu einer Stelle an der sich mehrere Bäume tummelten, zu führen. Der kärgliche Windschutz würde ihnen genügen müssen.

Er lenkte die Pferde an eine Stelle mit etwas dichterem Gras und einigen interessanten Kräutern und überließ es ihnen selbst, sich die saftigsten Halme auszusuchen. Der süße Blutgeruch, der durch die Luft waberte, verriet ihm deutlich, dass die Hexer bereits damit beschäftigt waren die Beute auszunehmen und zu zerlegen. Dann entschied er sich, seinen Teil zum Abendessen beizutragen und das Holz für ein Feuer zu sammeln. Tatsächlich entpuppte sich dieses Unterfangen auch als erstaunlich einfach, denn in unmittelbarer Nähe lagen mehrere umgestürzte Stämme von den heimischen verkrüppelten Bäumen. Zwei der dickeren Stämme zog er dichter unter die übrigen Bäume und schuf ihnen somit eine behelfsmäßige Sitzgelegenheit, dann suchte er sich unter den verbliebenen den seiner Meinung nach trockensten heraus und hieb ungeniert mit seinen Krallen auf das Holz ein, bis er eine ansehnliche Menge dickerer Scheite zusammen hatte. Er trug die Früchte seiner Arbeit zurück unter die Bäume und machte sich anschließend auf die Suche nach Reisig und trockenen Blättern.

Regis war grade damit fertig das Feuerholz aufzuschichten, als die Hexer mit den Armen voller Fleisch zu ihm zurückkamen. Er stellte fest, dass sie sich offensichtlich auf die Hinterkeulen und die edelsten Teile des Rückens beschränkt hatten. Für drei hungrige Männer dennoch eine sehr ansehnliche Mahlzeit.
Sie legten ihre Beute auf das Gras und wischten sich die Hände sauber. Veit ging vor dem Holzstapel in die Hocke und deutete Regis etwas zur Seite zu treten. Mit einer komplizierten Bewegung seiner Finger erzeugte er einen kleinen aber konstanten Feuerstrom, der die Scheite zum Glühen und das Anmachholz zum Schwelen brachte. Als er das Zeichen nach fast einer Minute beendete züngelten bereits gierige kleine Flammen über das Holz und brachten es zum Knistern.
»Das dürfte gleich soweit sein, um mit dem Fleisch anzufangen«, erklärte Veit zufrieden und lächelte seine Begleiter an. Regis nickte und griff nach seiner Tasche. Er wühlte konzentriert in dem Chaos aus Kräuterbüscheln, Fläschchen und Döschen bis er gefunden hatte, wonach er suchte. Er lächelte triumphierend als er ein kleines Säckchen mit Salz und eines mit trockenen Thymianblättern zutage förderte. »Also wirklich Regis, ohne dich wäre schon so manche meiner Mahlzeiten ziemlich fade geworden«, schmunzelte Geralt und nahm die Gewürze entgegen. Er hockte sich neben das Fleisch auf den Boden, um es kräftig zu würzen. Regis reagierte mit einem kleinen Lachen. »Nun ich empfand es stets, als angenehm zu wissen, dass man gebraucht wird.« Die Hexer fielen kurz in sein Lachen mit ein, doch die betretene Stille die gleich darauf eintrat, machte ihm deutlich bewusst, dass er nun endgültig keine Möglichkeit mehr bekommen würde, um sich einen Aufschub zu erkaufen. Er spielte dennoch kurz mit dem Gedanken das Thema zunächst auf die Vampire zu lenken, aber da er nicht wirklich mit Erfolg rechnete, kam er zu dem Entschluss, dass er auch einfach direkt in den sauren Apfel beißen könnte.
Während Veit ein Gestell aus ineinander verkanteten Ästen über das Feuer setzte und Geralt noch damit beschäftigt war die Gewürze in das Fleisch zu reiben, ging er zurück zu seinem Pferd und holte eine Flasche aus der Satteltasche. Er entkorkte sie und nahm einen tiefen Schluck von dem starken aromatischen Schnaps. Er wartete einen Augenblick ab, bis das Brennen nachließ und trank dann wieder. Er wusste, dass der Konsum von starkem Alkohol in dieser Geschwindigkeit den Rausch in wenigen Minuten auslöste, selbst bei einem Vampir. Und für diese Geschichte, würde es ihm kaum ausreichen, nur leicht benebelt zu sein.
Mit dem dritten Schluck setzte schon das sanfte Kribbeln in seinen Fingerspitzen ein und er steckte den Korken zurück in die Flasche. Dann griff er abermals in die Tasche, holte eine weitere Flasche heraus und mit einem Gefühl im Magen als ginge er zu seiner eigenen Hinrichtung, trat er wieder zu den Hexern, die ihn mit besorgtem Blick beobachteten.
Regis sah und roch, dass das Bret bereits über den Flammen hing und warf Geralt kommentarlos die zweite Flasche zu. Der Hexer fing sie geschickt auf und riss sofort den Pfropfen heraus. Die Dringlichkeit mit welcher der Mann trank, brachte Regis fast zum Lachen. Anscheinend war er nicht der Einzige, der unter dieser Situation litt.
Er setzte sich auf einen der Stämme und wartete bis Geralt, die Flasche an Veit weitergereicht hatte und beide Männer ebenfalls Platz genommen hatten. Schließlich ließ er seinen Blick zu dem letzten schmalen Streifen Licht im Westen gleiten und suchte nach den passenden Worten, bevor er mit zitternder Stimme seine Geschichte wieder aufnahm.

 

~

 

»Ich erzählte bereits, dass Valka im nächsten Frühjahr nach Dillingen zurückgekehrt war und für einige Tage blieb. Abgesehen von der Tatsache, dass ich dankbar für die Anwesenheit einer eingeweihten Person war, lernte ich sie mit jeder Stunde mehr zu schätzen. Es dürfte nicht verwunderlich sein, dass wir in Anbetracht unserer Vorgeschichte immer noch einige… Berührungsängste hatten. Insbesondere, wenn es sich um Themen handelte die auf irgendeine Weise mit meinen schändlichen Taten oder ihrer Reaktion darauf im Zusammenhang standen.
Aber ihre Ungezwungenheit im sonstigen Umgang mit mir war eine Wohltat. Wir verbrachten bis auf wenige Stunden am Tag jede Minute miteinander. Wir lachten, erzählten uns Geschichten und spazierten über die blühenden Wiesen Brugges.
Anders als bei ihrem letzten Besuch bemerkte ich das Getuschel und Gerede welches wir ständig auslösten sofort, zumal Valka sich keine Gelegenheit nehmen ließ mich damit aufzuziehen. Und jedes Mal war ich daraufhin verlegen und verwirrt, aber nie kam ich auf die Idee zu hinterfragen, ob die Gefühle die uns nachgesagt wurden, vielleicht auch einen reellen Hintergrund in uns hatten.« Regis unterbrach und trank wieder von seinem Schnaps, ehe er mit einem leicht verächtlichen Schnauben fortfuhr: »Ich war dennoch nicht so verblendet, um nicht zu bemerken, dass sie für mich von großer Wichtigkeit war.
Die Monate, die zwischen unseren Treffen vergingen, waren… erträglich. Ich war zufrieden mit meiner Arbeit, mit meinem Leben und hatte meine Sucht einigermaßen unter Kontrolle. Die Freude, die ich über ihre Rückkehr verspürte, wies mich aber deutlich daraufhin, dass sie mir ein Ziel gab, um weiterzumachen. Ich musste nicht in die Zukunft blicken und mir vorstellen, dass der Trott nun womöglich für Jahrhunderte in dieser Form weitergehen würde. Ich konnte nach vorne schauen und auf den Tag freuen, an dem sie wieder in die Stadt ritt. Eine Erkenntnis, die mich hart traf, als sie schließlich wieder aufbrach, um dem Pfad zu folgen.
Selbstverständlich vereinbarten wir für den späten Herbst ein weiteres Treffen und als sie dann nach nur ein paar Tagen gemeinsamer Zeit wieder aus der Stadt ritt, vermisste ich sie kaum, dass sie außer Sichtweite war.« Regis schwenkte die Flasche und starrte auf den Boden. Er sprach so leise, dass sogar die Hexer Mühe hatten, ihn zu verstehen. »Ich denke, als ich ihr damals nachsah, habe ich bereits erkannt, dass meine Gefühle für sie nicht nur Dankbarkeit und Sympathie entsprangen. Ich war jedoch nicht bereit es mit einem Namen zu versiegeln. Vermutlich wohl auch, weil mich die irrationale und bittere Angst verfolgte, dass sie nur aufgrund ihres schlechten Gewissens freundlich handelte.
Ich hätte es mir früher nicht eingestanden, aber die Zeit in meinem Gefängnis verfolgte mich noch immer. Nicht die Wut, aber die Verzweiflung und der Selbsthass. Ich wachte viele Nächte panisch auf, nachdem ich im Traum in diesem Sarkophag lag, Valka mit dem Schwert in der Hand lachend über mir stand und mir zurief, dass dies das einzige Schicksal ist welches Monster verdienen.« Er fuhr mit einer Hand durch die Luft, als ob er die Erinnerung wegwischen wollte, atmete tief durch und trank erneut, bevor er mit schwerer Zunge weitersprach.

»Unser nächstes Treffen verlief zunächst auf überaus erfreuliche Weise anders als geplant. Denn statt wie üblich kurz vor Wintereinbruch ritt Valka bereits nur wenige Wochen nach dem Herbstanfang in die Stadt. Die Freude die ich empfand als sie so unerwartet, mit einem Lächeln auf den Lippen in meiner Praxis stand, war unvorstellbar. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen mich gleich, nachdem sie ein Zimmer in ihrem üblichen Gasthof bezogen hatte, aufzusuchen. Allerdings war ich nicht der Grund für ihr verfrühtes erscheinen. Sie erzählte mir, dass es mehrere einfache Hexeraufträge in der Region gab und sie die Gelegenheit bis zum Winter nutzen wollte.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich hocherfreut war, dass ich sie nun ein paar Monate statt nur ein paar Tage in meiner Nähe haben würde. Wir nahmen unseren Umgang nahtlos an der Stelle auf, an der wir ihn im Frühjahr beenden mussten. Natürlich war unsere gemeinsame Zeit dadurch eingeschränkt, dass sie ihre Monsterjagden durchführte, doch selbst bei den etwas entfernteren Zielen, blieb sie selten länger als zwei Tage fort. Hin und wieder mussten wir uns auch trennen, weil ich gezwungen war meiner eigenen Arbeit nachzugehen, aber alles in allem verbrachten wir wieder jede Minute miteinander, die wir entbehren konnten.« Regis drehte seinen Kopf zur Seite und starrte für einige Augenblicke apathisch in die Ferne, als ob er dort direkt in die Vergangenheit blicken könnte. Dann fuhr er sich zittrig mit der Hand durch sein ergrautes Haar. »Vielleicht hätte sich an unserer freundschaftlichen Routine nichts geändert, wenn es nicht diesen einen Vorfall gegeben hätte… .«

 

Früher Herbst 1003 - Brugge, Dillingen

 

Lachend wusch sich Regis die Hände in der mit Wasser und Alkohol gefühlten Schale, die an ihrem üblichen Platz in seiner Praxis stand. Aus den Augenwinkeln konnte er Valka beobachten, die mit strahlenden Augen auf der schmalen Pritsche saß und sich darüber freute ihn mit einer weiteren albernen Anekdote über die Monsterjagd aus der Fassung bringen zu können.
»Und du willst mir wirklich weismachen, dass der Troll wusste, wie er die Produkte anzuwenden hatte?«, fragte er ungläubig. Sie zog die Beine an und verschränkte sie im Schneidersitz, bevor sie sich ihm etwas entgegenbeugte und mit schelmisch funkelnden Augen beteuerte: »Und zwar fehlerlos. Ich weiß nicht, woher er… - und ich versichere dir, es war ein er - …woher er wusste, wie es gemacht wird, aber sein Lidstrich und die Lippenfarbe war tadelloser aufgetragen, als ich es jemals selber könnte.« Wieder lachte Regis auf und griff dabei nach einem Handtuch. Er ging hinüber zu der Hexerin und während er sich die Finger trocknete, beugte er sich als Imitation ihrer Haltung vor und sah ihr mit gespielt ernsten Blick direkt in die Augen. »Ich glaube ja, du versuchst, mir einen Bären aufzubinden.«
Ihr bemerkenswertes Grinsen verbreiterte sich noch ein Stück und sie legte den Kopf ein bisschen zur Seite, um ihn kokett durch ihre dunklen Wimpern hindurch anzustrahlen. »Du weißt, so etwas würde ich niemals wagen.« Diese gespielte Unschuld, mit der sie sich verteidigte, brachte ihn wieder zum Lächeln. Für eine Sekunde sonnten sie sich in der gegenseitigen Freude, dann bemerkte Regis wie ihr Blick auf seinen Mund fiel und ihr Ausdruck sich veränderte. Er schloss erschrocken seinen Mund, als ihm bewusst wurde, dass er viel zu nah vor ihr stand und er sich auch bisher nicht die geringste Mühe gegeben hatte, seine Reißzähne zu verbergen.
Unsicher über seinen nächsten Schritt ging er einfach zurück zu dem Tisch an der gegenüberliegenden Wand und hoffte inständig sie nicht zu sehr verstört zu haben. Während er eine große Petrischale mit Alkohol füllte, hörte er, wie sie von der Pritsche aufstand. »Regis…?«, fragte sie vorsichtig.
Mit zitternden Fingern sortierte er seine Instrumente in die Schale, um sie zu desinfizieren und vor allem, um sich selbst zu beschäftigen, während er hektisch darüber nachdachte was er tun oder sagen könnte, um diese Situation zu entschärfen. Bevor er jedoch tätig werden konnte, hörte er, wie sie näher zu ihm kam und ihn sanft am Arm berührte.
Verunsichert folgte er der Bewegung und drehte sich zu ihr um. Er rechnete damit, wieder den skeptischen Ausdruck vorzufinden, den sie gelegentlich trug, während sie sich noch in der anfänglichen Kennenlernphase befanden. Doch zu seiner Überraschung war in ihren leuchtenden Katzenaugen, die er fast erschreckend nah vor seinem Gesicht wiederfand, nichts als Wärme. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber da ihm nichts Gescheites einfiel, schloss er ihn gleich darauf wieder und er wackelte unsicher hin und her.
Langsam hob sie eine Hand und legte sie sanft an seine Wange. Ihr Daumen streichelte zärtlich über sein noch stoppeliges, unrasiertes Kinn und die weitaus weicheren Haare seiner Koteletten. »Du brauchst dich vor mir nicht zu verstecken. Niemals«, hauchte sie ihm entgegen.
Als ihr Blick dann wieder zu seinen Lippen wanderte und sie sich ihm leicht entgegenlehnte, wurde ihm schlagartig bewusst, dass er die Situation vollkommen falsch eingeschätzt hatte. Sein Herz klopfte wild, während sie sich quälend langsam annäherten.

Unmittelbar bevor ihre Lippen sich berührten, fuhren die beiden erschrocken auseinander und starrten sich verwirrt an. Jemand polterte lautstark mit der Faust gegen die Haustür, rannte dann um das Haus herum und hämmerte ebenfalls gegen die Tür zur angrenzenden Praxis. »HERR REGIS. HERR REGIS, SIND SIE DA?«, brüllte ein Mann atemlos.
Verwundert zog Regis eine Augenbraue hoch und lief mit schnellen Schritten zur Tür. Als er sie öffnete, fiel ihm der Mann, den er als Stallburschen erkannte beinahe in die Arme. Er schaffte es aber sich im letzten Moment zu fangen und stützte sich heftig atmend mit den Händen auf seinen Knien ab. Sein Blick glitt von Regis hin zu Valka und er rang nach Luft, um sprechen zu können. »Bitte… Herr Regis. Sie… Sie müssen sofort mit mir… kommen. Sie beide.« Erstaunt schaute Regis zu Valka, die seinen Blick verwirrt erwiderte. »Was ist passiert? Wurde jemand verletzt?«, wollte er wissen. Der Mann nickte keuchend. »Monster, Herr. Sie greifen an.«

Regis drehte sich schnell um seine eigene Achse, während er nach seiner Tasche suchte. Er fand sie schließlich an ein Tischbein gelehnt. Mit zwei Schritten war er dort und warf sie sich über die Schulter. Ein Blick auf die Hexerin zeigte ihm, dass sie sich bereits ihre Schwerter umgehängt hatte und nur noch die Riemen festzog. Er nickte dem Stallburschen zu und folgte ihm eilig, als dieser sich sofort umdrehte und in Richtung Stadtrand davonlief. Valka versuchte, dem Mann auf dem Weg ein paar Informationen über die Art der Monster zu entlocken, aber er war zu atemlos, um hilfreich zu sein.
Als sie den Rand einer Obstwiese erreichten, konnten sie bereits in einiger Entfernung eine Gruppe Personen ausmachen, die um eine am Boden liegende Gestalt versammelt waren und aufgeregt durcheinanderredeten.
Sie sprangen über den niedrigen Zaun und rannten auf die Gruppe zu. Sie waren kaum angekommen, als Regis sich sofort auf die Knie fallen ließ und daran machte die Frau am Boden zu untersuchen. Schnell entdeckte er einige großflächige Verätzungen an ihren Armen, aber sie atmete gleichmäßig und das Flattern ihrer Augenlider verriet ihm, dass sie bereits wieder aus ihrer Bewusstlosigkeit aufwachte.
Mit geübten Handgriffen säuberte er ihre Wunden von dem grünen, kaustischen Schleim, der sie bedeckte. Dabei hörte er, wie der aufgeregte Bürgermeister auf Valka einredete und immer wieder auf eine bestimmte Stelle deutete, an der die Wiese in den umgebenden Wald überging. Regis sah nicht hoch, aber er konnte hören, wie die Hexerin eines ihrer Schwerter zog und mit vorsichtigen Schritten auf die besagte Stelle zuging.
Nachdem er alle Reste der ätzenden Substanz entfernt hatte, erwachte die Frau endgültig und starrte ihn mit angsterfüllten Augen an. Regis lächelte freundlich und versicherte ihr mehrfach, dass ihre Verletzungen nicht schlimm wären. Sie entspannte sich ein wenig, als er die Wunden mit einem desinfizierenden Auszug aus Birkenrinde auswusch und vorsichtig in sauberen Mull einwickelte. Grade als er das letzte Stück des Verbandes feststeckte und seine Hand ausstreckte um seiner Patientin wieder auf die Beine zu helfen, kam Valka mit schnellen Schritten und besorgten Gesichtsausdruck aus dem Wald gelaufen. Sie steuerte zielsicher auf den Bürgermeister zu, rief aber, noch bevor sie ganz bei ihm angekommen war mit lauter Stimme: »Sorgen sie dafür, dass alle Leute die in der Nähe des Waldes wohnen ihre Häuser nicht verlassen. Niemand darf den Wald betreten, bis ich etwas anderes sage. Haben sie das verstanden?«
Markus öffnete zunächst seinen Mund, als ob er protestieren wollte, nickte dann aber doch nur und drehte sich zu den versammelten Bauern um und scheuchte die verstörten Menschen wild gestikulierend nach Hause.
Regis überließ seine Patientin der Obhut einer anderen Frau, die sie in Sicherheit brachte. Dann trat er an Valka heran, die inzwischen auf dem Boden hockte und ihr Silberschwert mit einem stechend riechenden Öl präparierte. »Wie schlimm ist es?«, wollte er wissen. Sie sah nicht zu ihm auf und konzentrierte sich weiterhin auf ihre Klinge. »Ich habe Endriageneier gefunden.«
»Und das bedeutet?« Die Hexerin verkorkte das Ölfläschchen wieder, erhob sich und drückte die Schwertscheide mit einer Hand etwas von ihrem Rücken weg, um das Schwert mit einer fließenden Bewegung hineinzustecken. »Eier bedeuten Königinnen und Königinnen bedeuten eine ganze Menge an Arbeitern und Kriegern.« Sie zog ein weiteres Fläschchen, das mit einem goldfarbenen Trank gefüllt war aus ihrem Gürtel und trank es schnell aus. Angewidert verzog sie das Gesicht und Regis sah, dass ihre Adern nach nur wenigen Augenblicken dunkel durch ihre blasse Haut schimmerten.
Sie nickte dem Bürgermeister zu, der wieder zu ihnen gekommen war. »Wie gesagt, Endriagen. Die Viecher sitzen in den Bäumen und sind vom Boden aus kaum zu erkennen.« Der Mann wurde blass. »Aber du wirst doch damit fertig, oder Frau Valka?«
Sie lächelte dem Mann grimmig zu, doch bevor sie ihm antwortete, wandte sie sich an Regis. »Geh bitte zurück und warte im Haus. Das wird sicher eine Weile dauern. Ich komme später wieder zu dir.« Regis wollte protestieren, doch die Hexerin brachte ihn mit einem ernsten Blick und einer Kopfbewegung in Richtung des anderen Mannes zum Schweigen. »Das ist Hexerarbeit. Ein Arzt wäre dabei nicht gut aufgehoben.« Er verstand ihren Einwand und nickte schließlich unglücklich.
»Ich sollte mit dem Problem fertig werden. Bitte achte darauf, dass sich wirklich niemand den Bäumen nähert«, wandte sie sich nun wieder an den Bürgermeister, der eifrig mit dem Kopf nickte.
Regis war sichtlich beunruhigt, als er den Mann am Arm berührte und ihn aufforderte mit ihm zurück ins Stadtinnere zu gehen. Das ungute Gefühl in seinem Magen wurde gleich darauf zu einem festen Knoten, als Valka ihnen nach ein paar Schritten mit eiserner Stimme hinterherrief: »Sollte ich bis zum Sonnenuntergang nicht zurück sein, brennt den Wald vollständig nieder und verschanzt euch in den Häusern, bis auch der letzte Baum in Flammen steht.«

 

~

 

Regis lief unruhig durch seine Wohnstube. Er hatte Valka vor etwas mehr als zwei Stunden allein auf der Wiese zurückgelassen und sich dann kurz darauf am Marktplatz vom Bürgermeister verabschiedet. Bevor er in seine Praxis zurückgekehrt war, hatte er mit dem Gedanken gespielt trotz ihrer Bitte zu ihr zurückzukehren und sie bei der Vernichtung der Insektoiden zu unterstützen. Die verängstigten Gesichter seiner Nachbarn, die an den Fenstern saßen und ihn beobachteten, hielten ihn jedoch davon ab. Valka hatte nicht unrecht mit ihrer Bemerkung, er würde sich nur dem Risiko aussetzen von den Menschen enttarnt zu werden.
Das Wissen, dass die Hexerin sich vermutlich unzähligen Monstern alleine stellen musste, beunruhigte ihn zutiefst, aber er musste darauf vertrauen, dass sie selbst am besten einschätzen konnte, ob sie diesem Problem Herr werden konnte. Und ihre Aufforderung sie alleine zu lassen war schließlich ganz eindeutig gewesen.
Regis seufzte unglücklich und legte sich unbewusst zwei Finger an den Mund, als ihm der Moment in den Sinn kam, an dem sie sich heute Morgen beinahe geküsst hatten. Welcher bösartigen Laune der Natur war es eigentlich zu verdanken, dass dieser Augenblick ausgerechnet durch Monster ruiniert werden musste?
Er ließ die Hand wieder sinken und starrte missmutig aus dem Fenster. Die letzten Stunden waren zäh vergangen und er wusste, dass er sich eine Beschäftigung suchen sollte, um sich abzulenken. Seine Instrumente hatte er bereits am Morgen gereinigt und die Dosen und Flaschen mit allerlei Kräutern, Extrakten, Auszügen und Pillen waren bis zum Rand gefüllt. Die Praxis und sein Haus waren aufgeräumt und sauber, nur die Kiste mit den zusätzlichen Hexertränken, die Valka nicht ständig mit sich herumtragen konnte, stand schief auf dem großen Esstisch.
Regis trat an den Tisch und klappte den Deckel auf. Die Kiste war mit Stroh gepolstert und enthielt verschieden geformte kleine Flaschen, die mit Flüssigkeiten in unterschiedlichen Farben gefüllt waren. Er nahm ein Fläschchen heraus und stellte fest, dass sie alle gänzlich unbeschriftet waren. Seine alchimistische Neugierde erwachte und er öffnete den Verschluss, um an der schwarzen Flüssigkeit zu riechen. Der beißende Geruch löste fast umgehend Übelkeit in ihm aus und er stellte die Flasche hastig zurück und klappte den Deckel wieder zu. Während er sich kopfschüttelnd vorstellte, dass Valka dieses Zeug freiwillig zu sich nahm, rückte er die Kiste auf dem Tisch gerade und stellte betrübt fest, dass er noch immer keine Beschäftigung gefunden hatte. Sein Blick fiel auf einen Stapel Bücher, aber er wusste, dass er sich sicherlich nicht auf ihren Inhalt würde konzentrieren können. Dann plötzlich fiel ihm wieder sein Experiment ein.
Er ging durch die Stube, in Richtung der Treppe, die sowohl nach oben in sein Schlafzimmer als auch nach unten in den Keller führte. Er wählte den Weg nach unten. In seinem vollgestellten Labor angekommen bahnte er sich den Weg an unzähligen Kisten mit alchemistischen Zutaten und kniehohen Stapeln von Büchern vorbei um zu der hinteren Wand zu gelange, wo er seine Retorten, den Alembik und zwei große kupferne Brennblasen mit passendem Kühler, stehen hatte. Die eine nutzte er ständig, um den einfachen medizinischen Alkohol herzustellen, den er für seine Arbeit in großen Mengen benötigte. Die andere verwendete er jedoch für ein ganz spezielles Projekt.
Ein Blick auf den Auffangbehälter offenbarte eine befriedigende Menge an Schnaps. Er nahm einen kleinen Schöpfbecher und tunkte ihn in die Flüssigkeit. Gespannt schnupperte er daran und stellte erfreut fest, dass er seinem Ziel näher zu kommen schien. Ein Schluck aus dem Becher ließ ihn jedoch gleich darauf das Gesicht verziehen und er ließ den Schöpfbecher in den Behälter fallen. Er nahm die Feder und das eng beschriebene Pergament, welche neben der Destille lagen, strich die unterste Zeile, genau wie die vorangegangenen durch und überlegte, welche Kombinationen er noch nicht ausprobiert hatte.
Nachdem er sich schließlich für eine neue Mischung entschieden und sie notiert hatte, machte er sich daran die Schlempe zu entsorgen und den Inhalt des Auffangbehälters in eine fein säuberlich beschriftete Flasche zu füllen, die er dann in eine Reihe mit seinen vorangegangenen Misserfolgen stellte. Im Anschluss füllte er frische Maische, Alraunenwurzel und eine präzise abgewogene Menge Tollkirschenextrakt in die gesäuberte Brennblase. Nachdem er dann das Feuer unter der Destille mit frischen Scheiten versorgt hatte, stellte er zu seinem Leidwesen fest, dass er nun schon wieder ohne Beschäftigung war.

Wieder in seiner Wohnstube angekommen wollte Regis seinen verdrießlichen Rundgang durch den Raum fortsetzen, als ihn laute Rufe von draußen an das Fenster lockten. Er ging zur Scheibe und ein Blick nach draußen ließ ihn vor Erleichterung aufkeuchen.
Valka stand mitten auf dem Platz und wurde von einer Schar aufgeregter Leute umringt, die sie alle durcheinander mit Fragen bedrängten. Regis bemerkte, dass sie die Leute jedoch vollkommen ignorierte und stattdessen eilig den Eimer aus dem Brunnen zog. Er beobachtete verwirrt, wie sie den Eimer hochhob und ihn sich einfach über dem Kopf ausleerte. Als sie ihn sofort zurück in den Brunnen warf, um erneut Wasser zu schöpfen, erkannte er plötzlich schockiert, dass sie vollständig mit dem grünen Schleim bedeckt war, den auch die Bäuerin verletzt hatte. Fluchend rannte er zur Tür und stürmte auf die Hexerin zu. Er nahm dabei keine Rücksicht auf die anderen Leute und stieß sie einfach unsanft aus dem Weg. Vor ihr angekommen wartete Regis, bis sie mit zitternden Fingern den zweiten Eimer über sich ausgeleert hatte, dann griff er sie am Arm und zog sie in Richtung seiner Praxis davon.
Valka protestierte zunächst, aber dann erkannte sie, wer an ihr zerrte und ließ es zu. Sie hatten noch nicht ganz die halbe Strecke zurückgelegt, als der Hexerin auf einmal die Beine weg knickten und die Menge erschrocken aufschrie. Regis reagierte sofort, legte einen Arm um ihre Schulter und griff nach ihren Beinen, dann hob er sie mühelos hoch. Hastig lief er zurück zu seiner Praxis, stieß die Tür mit der Schulter auf und rannte dann aber durch den Behandlungsraum hindurch in eine kleine anschließende Kammer, die eigentlich schon zu seinem Wohnhaus gehörte.
Er setzte die Hexerin in den großen Zuber und drehte den Hahn zu dem beheizten Kupferfass auf. Bei seiner früheren Begegnung mit der ätzenden Substanz war ihm aufgefallen, dass sie recht klebrig war und er nutzte die Zeit, bis das Wasser eingelaufen war, um sich nach einem Stück Seife umzusehen.
Als er sich wieder zu Valka umdrehte, sah er, wie sie sich mit hektischen Bewegungen ihren Mantel auszog und ihn lieblos auf den Boden des Baderaums warf. Nachdem der erste Stiefel dem Mantel gefolgt war, reichte er ihr die Seife und untersuchte besorgt ihr Gesicht. Ihre ganze Haut war rot und gereizt, noch mehr beunruhigte ihn jedoch die noch sehr viel stärker hervortretenden Adern. Er nahm ihren Mantel hoch und suchte in den Taschen nach ihren Tränken, während sie mit einer Hand versuchte den anderen Stiefel auszuziehen und mit der anderen die Seife über ihr Gesicht und den Hals verteilte. »Hast du keine Tränke mehr?«, fragte er, als er nicht fündig wurde. Valka schüttelte ihren Kopf, während sie ihre Arme abrieb. »Eines von den Viechern hat mich mit dem Schwanz erwischt und direkt in einen dieser verdammten Kokons geschleudert. Dabei sind alle Flaschen, die ich noch bei mir hatte, zerbrochen.«
»Was ist mit der Kiste?«, schlug er vor. Sie überlegte rasch und nickte dann. »Weißer Honig und Schwalbe.« Er zuckte fragend mit den Schultern. »Bauchige Flasche mit rotem Trank und zylindrische mit milchweißem Trank.« Er nickte und lief in die Stube, um die Flaschen zu holen.
Er kramte einen Augenblick in der Kiste und als er die gewünschten Tränke gefunden und in den Baderaum zurückkehren wollte, bemerkte er, dass eine ganze Reihe von Personen ihre Nasen von außen gegen die Scheibe des Fensters drückte. Unter ihnen auch der Bürgermeister. Regis fluchte leise, ging jedoch zur Tür und riss sie auf. »Macht euch keine Sorgen, sie ist etwas mitgenommen, aber wird sich erholen.« Er wartete nicht, bis jemand etwas erwidern konnte, sondern schmiss die Tür wieder zu und machte sich zurück auf den Weg zu Valka.
Regis musste über ihre auf dem Boden verstreute Kleidung hinwegsteigen, um ihr die Flaschen zu reichen. Sie lächelte ihn dankbar an und leerte schnell die erste Flasche mit dem weißen Trank. Gleich darauf seufzte sie erleichtert auf, lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen die Wand des Zubers und die Anspannung fiel sichtlich von ihr ab. Regis beobachtete erstaunt wie die dunklen Schatten unter ihren Augen, mitsamt der hervortretenden Adern einfach spurlos verschwanden. Dann zog sie langsam den Korken aus der zweiten Flasche und leerte auch diesen.

Erleichterung durchflutete ihn, als er sah, dass seine kühne Behauptung gegenüber den besorgten Menschen durchaus zutreffend war. Sie sah bereits wieder sehr viel besser aus und er stellte fest, dass die Verätzungen nicht sehr ausgeprägt waren. An einigen Stellen ließ die Rötung, wohl aufgrund der Tränke, bereits wieder nach und ihre Haut wirkte so blass wie zuvor. Trotz mangelnder Erfahrung mit den Heilungsprozessen von Hexern schätzte Regis, dass sie sich in kürzester Zeit erholt haben dürfte. Er ließ seinen Blick weiter über die Hexerin schweifen, die noch immer mit geschlossenen Augen das warme Wasser genoss, als ihm auf einmal bewusst wurde, dass die Frau nur noch ihre Unterwäsche trug. Das helle Leinen war im Wasser fast durchsichtig geworden und enthüllte mehr, als es verdeckte.
Verlegen drehte Regis sich auf dem Absatz um. »Wenn du nichts mehr brauchst, werde ich dich jetzt allein lassen, Tücher sind in der Truhe«, sagte er mit stockender Stimme und hochrotem Kopf. Valka schmunzelte im Hintergrund. »Ich habe erst mal alles was, ich brauche. Vielen Dank Regis.« Er nickte steif und ging dann mit seltsam weichen Knien aus dem Raum.

In der Stube blieb Regis verloren mitten im Zimmer stehen und fühlte sich genauso unbeholfen wie schon ein paar Minuten zuvor. Er ließ seinen Blick durch das Zimmer gleiten, blieb erneut an den Büchern hängen und entschied sich kurz entschlossen zu lesen, bis Valka ihr Bad beendet haben würde.
Er griff nach dem obersten Band, einem Werk über die Kunst des Alkoholbrennens und fing an darin zu blättern. Nach ein paar Minuten hatte er das erste Kapitel abgeschlossen, klappte das Buch wieder zu und warf es zurück auf den Stapel. Er hatte nicht ein Wort von dem aufgenommen, was in dem Buch stand und immer nur mechanisch nach einigen Augenblicken die Seite umgeschlagen. Der Anblick, den die Hexerin ihm geboten hatte, wühlte ihn so sehr auf, dass er auch während er auf die Seiten starrte, an nichts anderes denken konnte.
Seufzend strich er sich mit einer Hand durch das Gesicht. Als er dabei sein Kinn berührte, stellte er fest er, dass er sich noch immer nicht rasiert hatte. Er erhob sich wieder aus dem Sessel und ging zurück in seine Praxis, um sich mit einer sinnvollen Tätigkeit auf andere Gedanken zu bringen.

Er suchte sein Rasierwerkzeug zusammen, füllte etwas heißes Wasser in eine kleine Schale und schlug routiniert die Seife auf, um dann mit zügigen Bewegungen des Pinsels den Schaum gleichmäßig auf seinem Kinn zu verteilen. Dabei sparte er von vorneherein den Teil seiner Wangen aus, den er von der Klinge verschonen wollte. Während er darauf wartete, dass die Haare durch die Seife aufweichten und sich so leichter entfernen lassen würden, wetzte er sein Rasiermesser gründlich. Nachdem er mit dem Ergebnis zufrieden war, warf er sich noch ein kleines Tuch über den Arm und legte den Kopf ein wenig in den Nacken. Mit einzelnen vorsichtigen Bewegungen säuberte er zuerst die Konturen seiner Koteletten und wischte die Klinge zwischendurch immer wieder an dem Tuch sauber. Solange er dies tat, folgte er seiner Gewohnheit durch das Haus zu spazieren. Eine Tätigkeit die unter normalen Umständen niemandem zu raten wäre, aber da er aus einem Spiegel keinerlei Nutzen ziehen und selbst beim Stolpern mit der Klinge in der Hand keinen nennenswerten Schaden erleiden könnte, störte er sich nicht daran.

Als er in der Stube ankam, war seine Rasur bereits so weit fortgeschritten, dass er sich an die Halspartie machen konnte.
Er setzte die Klinge unterhalb seiner Kehle an und erstarrte.
Valka lehnte nur in ein großes Handtuch gewickelt, an dem geschnitzten Holzgeländer der Treppe und beobachtete ihn mit leicht geöffnetem Mund. Ihr feuchtes Haar fiel ihr offen und wild über die Schultern und ihre Augen strahlten, obgleich kaum möglich, sogar noch mehr als sonst.
Regis spürte, wie die scharfe Klinge seine Haut ritzte, als er schluckte und gleich darauf das sanfte Kitzeln, das die umgehende Heilung ankündigte. Unfähig sich zu bewegen oder etwas zu sagen, blieb er wie versteinert stehen und beobachtete die Hexerin, die mit geschmeidigen Bewegungen, wie eine Raubkatze auf ihn zukam.
Er sah sich nicht imstande sich zu wehren, als sie ihm, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, das Rasiermesser aus der Hand nahm und ihn mit sanftem Druck auf seine Brust, rückwärts auf einen Stuhl schob. Erschrocken keuchte er auf, als sie sich mit gespreizten Beinen rittlings auf seinen Schoß setzte und mit der Seite ihres Zeigefingers sein Kinn noch oben drückte. Er kniff die Augen zusammen, als sie die Klinge an seinem Hals ansetzte und in einer fließenden Bewegung die Haare abschabte.
Während sie den Schaum abstrich und die Klinge erneut ansetzte, bemühte er sich, nicht daran zu denken, dass ihr Tuch, bedingt durch ihre Haltung, bis zu ihrer Hüfte hochgerutscht war und ihre unbekleidete Weiblichkeit nur durch den dünnen Stoff seiner Hose, von seiner wachsenden Erektion getrennt wurde.

Regis zitterte vor Erregung, während sie seine Rasur quälend langsam fortsetzte. Mit jedem kratzigen Zug der Klinge, presste sie ihren Körper mehr und mehr an seinen.
Als sie die Klinge dann endlich beiseitelegte, die vor ihrer Brust übereinandergeschlagenen Kanten des Tuchs löste und es sich vom Körper zog, um seine Wangen damit von den Seifenresten zu befreien, konnte er ein leises Stöhnen nicht länger unterdrücken.

Er packte das Tuch und riss es ihr aus den Fingern, nur um es gleich darauf im hohen Bogen in eine Ecke des Raumes zu werfen. Anschließend packte er ihre nackten Oberschenkel und zog sie mit einem Ruck noch näher zu ihm hin. Es war beinahe schmerzhaft, so heftig pressten sie ihre Lippen aufeinander und sie küssten sich hungrig und mit wilder Leidenschaft. Immer wieder und wieder fuhr er mit seiner Zunge an ihrer entlang, während sich ihre Finger in seinen Haaren verkrallten und ihre Knie sich fest an seine Taille pressten.
Er löste sich von ihren Lippen und wanderte ihr Kinn und ihren schlanken Hals entlang, verteilte federleichte Küsse darauf. Als er schließlich ihr Schlüsselbein erreichte, beugte sie sich stöhnend zurück und er nutzte die Gelegenheit einen ihrer aufgerichteten Nippel in den Mund zu nehmen und mit der Zunge neckend zu umspielen. Die Feuchtigkeit ihrer Erregung war inzwischen schon durch seine Hose gedrungen und richtete seine Aufmerksamkeit nun auf ihren Unterkörper. Er drückte ihre Pobacken und ließ seine Finger dann über die festen Muskeln ihrer äußeren Oberschenkel zu den Innenseiten wandern. Valka stöhnte erneut auf und zuckte heftig zusammen, als er ihr zwischen die Beine fuhr und ihre Klitoris geschickt mit den Fingern massierte. Er wanderte mit seinem Mund zurück zu ihrem Hals und hinterließ feuchte Spuren darauf, während er sie küsste und sanft an der Haut sog. Ihr süßer Duft nach Erregung, Karamell und Sonnenlicht ließ ihn schwindelig werden.
Er nahm einen weiteren tiefen Atemzug, während sie stöhnend unter der kreisenden Bewegung seiner Finger bebte. Irgendwo am Rand seines Bewusstseins bemerkte er, dass ihr Blut merkwürdig bitter roch, doch bevor er sich näher mit dem Gedanken beschäftigen konnte, wanderten Valkas Hände plötzlich zu seinem Gürtel und sie öffnete mit zitternden Fingern seine Hose. Erschüttert zischte Regis auf, als sie seinen Schwanz umfasste und ihn von dem Stoff befreite. Sie strich zärtlich seine harte Länge entlang und kreiste mit dem Finger über die empfindliche Spitze.
Sofort nahm sie wieder seinen Mund mit hungrigen Küssen in Beschlag. Er fühlte, dass sie einen Fuß am Boden abstützte und sich von seinem Schoß erhob. Sie packte seinen Schwanz wieder mit ihrer Hand und ließ sich dann in einer einzigen fließenden Bewegung darauf nieder. Regis stöhnte lange und vor seinen Augen blitzten Sterne, als er in sie eindrang und spürte wie ihr warmes, seidiges Fleisch ihn fest umschloss.
Valka setzte ihre Füße auf die Querstreben der Stuhlbeine und begann ihn, in sich immer weiter steigernden Tempo, zu reiten.
Mit jeder Bewegung ging ihr Atem heftiger und sie stöhnten beide in die immer schlampigeren Küsse hinein. Nicht lange und Regis konnte spüren, wie ihre Bauchmuskulatur sich flatternd anspannte und als sie gleich darauf mit einem Schrei kam und sich so auch die Muskeln ihres Unterleibs pulsierend anspannten, konnte er sich nicht länger zurückhalten und erreichte ebenfalls seinen Höhepunkt.
Valka legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab und er umschlang sie mit seinen Armen, während sie ihren Orgasmus ausklingen ließen.
Nach einigen Minuten hob Valka wieder ihren Kopf und sah ihm hingebungsvoll lächelnd in die Augen. Regis erwiderte das Lächeln und drehte seinen Kopf etwas verlegen zur Seite. »Das war die angenehmste Rasur meines Lebens.« Valka lachte schallend auf und erhob sich vorsichtig von ihm. Als sie dann nackt vor ihm stand, beugte sie sich noch einmal vor, um ihn ein weiteres Mal zu küssen. »Ich stehe dir jederzeit dazu zu Diensten«, erklärte sie, als sich ihre Lippen wieder trennten. »Du weißt schon, dass ich mich täglich rasieren muss, oder?«, fragte Regis schmunzelnd. Sie grinste ihn breit an, als sie sich nach dem Handtuch bückte und wieder darin einwickelte. »Oh, das will ich doch sehr hoffen.«

Chapter Text

Früher Herbst 1003 - Brugge, Dillingen

 

Regis kämpfte verzweifelt um die Kontrolle über seine Gesichtsmuskulatur. Immer wenn er versuchte, seinen üblichen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen, kam ihm ein weiteres Detail ihrer vorangegangenen Aktivitäten in den Sinn und er grinste stattdessen hilflos über sein ganzes Gesicht.
Er fühlte sich ungeheuer euphorisch und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er jetzt nach Jahrzehnten das erste Mal wieder mit einer Frau zusammen gewesen ist, sondern auch wegen Valkas implizierten Versprechen, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird.
Grinsend schüttelte er den Kopf, als er daran dachte, dass er noch bis vor ein paar Stunden mit der Angst gelebt hatte, dass sie seine Gesellschaft nur aufgrund ihrer Gewissensbisse suchte und kein ernsthaftes Interesse an seiner Person bestand.
Das tapsende Geräusch nackter Füße richtete seine Aufmerksamkeit auf die andere Seite des Raumes. Er beobachtete, wie Valka die Treppe herabstieg und dabei, anders als beim ersten Mal, nicht eine Stufe zum Knarren brachte und dass obwohl sie von dem Versuch ihr Haar in einem Knoten zu bändigen, abgelenkt war.
Das zarte Kitzeln in seinem Magen, welches er seit einiger Zeit in ihrer Gegenwart verspürte, verwandelte sich nun unverkennbar in einen ganzen Schwarm aufdringlicher, rosafarbener Schmetterlinge. Nie hatte die Hexerin betörender für ihn ausgesehen als jetzt in diesem Moment wo sie mit wirrem Haar und nur mit einem von seinen schlichten Hemden bekleidet, auf ihn zukam.
Regis sprang von seinem Stuhl auf, um ihr entgegenzugehen und sie wieder in seine Arme zu schließen.
Als er am Esstisch vorbeikam, bemerkte er aus den Augenwinkeln ein Detail, das ihn veranlasste stehen zu bleiben. Auf dem Tisch, neben der Trankkiste lag eine einzelne leere Phiole. Die Form der Flasche und der noch schwach bemerkbare stechende Geruch des Inhalts, verrieten ihm, dass es sich um den speziellen Trank handelte, den er vor Kurzem erst in Augenschein genommen hatte. Verwundert trat er näher und nahm die Phiole in die Hand. »Du hast noch einen Trank genommen?«, fragte er verwirrt.
Da er keine Antwort von ihr erhielt, sah er zu ihr und die Euphorie, die bis zu diesem Moment in seinem Bauch summte, verwandelte sich schlagartig in eine flaue Übelkeit.
Auf ihrem Gesicht war keine Spur mehr des zärtlichen Lächelns vorhanden, stattdessen blickte sie ihn ernst und mit zusammengebissenen Zähnen an.
»Was bewirkt dieser Trank?«, fragte er tonlos. Die Art wie ihre Kiefermuskulatur hervortrat als sie ihre Lippen zusammenpresste, verriet ihm die Antwort, noch bevor sie sprach. »Er dient zum Schutz vor Vampiren. Wir nennen ihn Schwarzes Blut, er macht unser Blut ungenießbar. Für die meisten Vampirrassen sogar giftig.«

Ungläubig ließ Regis die Phiole fallen, die klirrend auf dem Boden landete und er wandte sich mit einer Hand über den Augen ab. Seine Hochstimmung war vollends abgeklungen und stattdessen kreisten seine Gedanken wild, während er versuchte, diese Information zu verdauen. »Regis…?« Valka trat einen Schritt näher, doch er hob die Hand, um sie auf Abstand zu halten. »Wenn du mir so wenig vertraust, was sollte das denn eben? War das irgendein Test, um meine Ehrlichkeit auszuloten?« Er sah wieder zu ihr und bemerkte, dass ihr Gesicht kreidebleich war. Sie rührte sich nicht während er sie von Kopf bis Fuß betrachtete. Und als sein Blick schließlich wieder auf ihre Katzenaugen fiel, ließ er frustriert die Schultern hängen. Er hob seine Hände ein wenig an und betrachtete seine kurzen scharfen Fingernägel, die sich zu langen, gefährlich glitzernden Klauen verlängerten, während er sein menschliches Erscheinungsbild aufgab.
»Wie dumm von mir zu glauben, dass eine Hexerin etwas für einen Vampir empfinden könnte.«

Regis zuckte zusammen, als Valka krachend ihre Faust auf die Tischplatte schmetterte. »WARUM? Warum denkst du so schlecht von dir?«, schrie sie ihm zornig entgegen.
Nun war es an ihm zu erstarren und sie verwirrt anzusehen. »Oh, ich weiß, dass der Vorwurf an mich gerichtet war, aber sei doch ehrlich Regis. Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich mit dir geschlafen hätte, wenn ich fürchtete, dass du mich beißt. Oder du mich sogar anwidern würdest.« Er zuckte bei jedem ihrer Worte getroffen zusammen. »Nicht ICH halte dich für das Monster. Du tust es«, sie machte eine Pause, um wütend Luft zu holen. »Ich habe den Trank genommen, um es dir leichter zu machen.
Noch vor einer Woche bist du panisch in den Wald gelaufen, aus Angst, dass du deine Blutsucht nicht mehr kontrollieren kannst. Nur weil du diesem Gör einen Verband um das aufgeschürfte Knie gewickelt hast. Und dann wunderst du dich, dass ich mein Blut verderbe, in der Hoffnung, dass du ungestört deine Nase an meinen Puls pressen kannst, während du mich fickst. Und dabei ist es mir auch wirklich scheiß egal ob du grade menschlich, so«, sie deutete auf ihn, »oder wie eine verdammte Fledermaus aussiehst.« Sie unterbrach wieder und presste sich die Faust an die Stirn. Als sie genau vor ihn trat und wieder zu ihm aufsah, bemerkte Regis entsetzt die Tränen in ihren Augen. »Es ist mir egal, was du bist. Für mich zählt, wer du bist. Und du bist liebevoll, warmherzig, selbstlos, intelligent und so ein verdammter Esel. Du verschwendest deine Zeit damit dich für die Vergangenheit zu schämen, aber kaum, dass sich dir die Gelegenheit bietet mit etwas Neuem, etwas Schönem in die Zukunft zu starten, projizierst du bei der ersten Gelegenheit deinen Selbsthass auf deine Umgebung und verdrängst dazu sogar eine ganze Stadt voller Leute die dich um deiner selbst willen lieben.«

Regis versuchte ihrem Blick standzuhalten, während er bitter entgegnete: »Keiner dieser Leute würde mich akzeptieren, wenn sie wüssten, was ich bin.« Valka atmete tief ein und aus, bevor sie ruhig antwortete: »Diese Leute wissen nicht das geringste über Vampire, abgesehen davon, dass sie gefährlich sind. Das ist Unwissenheit, nicht Unvereinbarkeit. Ja, sie halten dich für einen Menschen und die Geschichte hat gezeigt, dass keine Spezies so bereit ist, sich gegenseitig Verachtung zu zeigen wie die Menschen. Also wenn es nicht ihre irrige Annahme ist, was sollte es denn anderes sein als deine Persönlichkeit, das ihre Zuneigung gewonnen hat?«
Regis konnte ihrem Blick nicht länger ertragen und sah beschämt zur Seite. »Und trotzdem bleibe ich ein Monster.«
»Du bleibst ein Vampir. Ein Vampir, der in Vergangenheit Schwierigkeiten hatte, aber nun ein untadeliges Mitglied der Gesellschaft ist. Das ist deine Identität und die sollst du nicht aufgeben.
Ich bedauere, dass du wohl leider immer gezwungen sein wirst deine Natur unter Menschen und Elfen zu verstecken, um akzeptiert zu werden, aber du musst aufhören zu glauben, dass sie das Problem ist. Lass die Stimmen der Leute, die jeden der anders ist für grundsätzlich schlecht halten, nicht an dich heran. Sie wissen es nicht besser. Konzentrier dich auf die, die dich schätzen, weil du einfach du bist.«
Regis schnaubte ein wenig verächtlich. »Und wer sollte das sein?«
Wie schon heute Morgen legte Valka ihm ihre Hand an die Wange und streichelte ihn mit liebevollem Lächeln. »Ich zum Beispiel.« Sie lehnte sich vor und gab ihm einen sanften Kuss, ohne sich an den langen Reißzähnen zu stören. »Ich bin nicht hier, um dich zu überwachen und ich nehme den Trank nicht, weil ich dir nicht traue. Ich tue es, weil ich dich Liebe.«

 

~

 

Regis streichelte zärtlich über Valkas nackten Rücken und genoss ihre Nähe. Er schämte sich noch ein wenig für seinen unlogischen Ausbruch, aber die Worte, mit denen die Hexerin seinen Kopf wieder geradegerückt hatte, hallten noch immer nach und ließen ihn erneut vor Glückseligkeit übersprudeln.
Trotz aller Widrigkeiten und Kompromisse hatte er sich mit seinem Leben in Dillingen angefreundet, selbst sein immer noch starkes Verlangen nach Blut änderte nichts daran, dass er doch recht zufrieden war. Sein Leben war nicht perfekt, aber es war in Ordnung und für jemanden mit seiner Vergangenheit wohl so ziemlich das Beste, was man sich erhoffen konnte. Das hatte er zumindest noch bis vor ein paar Stunden gedacht.
Aber nun lag er hier, mit dieser Frau, die ihren Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und liebevoll mit ihren Fingern durch sein Brusthaar kraulte und er war glücklich. So glücklich, wie er seit dem Scheitern seiner letzten Beziehung, aufgrund seiner Trinkerei, nicht mehr war.
Regis beugte sich vor und drückte Valka einen sanften Kuss auf den Scheitel.
»Worüber denkst du nach?«, murmelte sie an seine Brust. »Morgen ist Vollmond. Das heißt, ich kann mich wieder in eine Fledermaus verwandeln und du wolltest ja…  .« Valka schreckte hoch und starrte ihn entgeistert an.
Regis musste die Lippen zusammenpressen, um sich das Lachen bei ihrer Reaktion zu verkneifen. Nach einigen Augenblicken registrierte sie, dass er nur Spaß gemacht hatte und entspannte sich wieder. »Jag mir doch nicht so einen Schrecken ein«, sagte sie halb belustigt, halb schmollend.
Er schmunzelte amüsiert und wechselte dann gnädig das Thema. »Ich habe über die Ironie, mich ausgerechnet in die Frau zu verlieben die mich enthauptet hat nachgedacht.« Valka legte ihren Kopf wieder an seine Schulter. »Wollen wir nicht einfach mal vergessen, dass das passiert ist?« Regis schüttelte den Kopf. »Auf gar keinen Fall. Wenn das nicht passiert wäre, dann wäre ich vielleicht nie zur Vernunft gekommen. Und mit Sicherheit würde ich jetzt nicht mit dieser bezaubernden Hexerin im Bett liegen.« »Nun, wenn man es so betrachtet, dann hast du wohl recht.« Sie reckte ihren Hals, ließ ihre Hände zu beiden Seiten neben seinen Kopf gleiten und küsste ihn inniglich.
Nach einer Weile unterbrach Valka den Kuss. Sie lächelte ihn an und drückte ihm dann noch einen flüchtigen Kuss auf die Nasenspitze, bevor sie sich mit einem Seufzer neben ihm auf den Rücken legte. »Es wird spät. Ich muss zurück zur Herberge.« Regis stützte sich auf einen Unterarm, um sie besser ansehen zu können. »Ich hatte gehofft, dass du die Nächte jetzt bei mir verbringen wirst.« Während er sprach, strich er mit den Fingern von ihren Schlüsselbeinen, zwischen ihren Brüsten hindurch, bis zu ihrem Bauchnabel, den er dann sanft umkreiste und sie so wohlig erschaudern ließ.
»Wenn du mich so darum bittest«, schnurrte sie selig. Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: »Ich muss aber trotzdem noch einmal in die Herberge. Meine Taschen liegen noch dort. Da sich meine Rüstung ja inzwischen fast vollständig aufgelöst hat, brauche ich meinen Ersatz. Ich kann schließlich nicht morgen nur in einem deiner Hemden wieder auf Endriagenjagd gehen.«
»Du willst wieder in den Wald?«, fragte Regis besorgt. »Ich muss. Ich denke zwar, dass ich alle Viecher erledigt habe, aber ich kann nicht guten Gewissens die Leute wieder in den Wald gehen lassen, bevor ich nicht ganz sicher bin.« Sie drehte sich zur Seite und schwang ihre Beine aus dem Bett. »Mach dir keine Sorgen, dass wird ein Kinderspiel, im Vergleich zu dem was heute passiert ist.« Regis schnellte vor, bevor sie ganz vom Bett aufstehen konnte, packte sie mit einem Arm um die Taille und zog sie wieder zu sich hin. »Du bleibst hier«, sagte er und gab ihr einen Kuss auf das Ohr. »Ich werde deine Sachen holen. Man wird sich ohnehin schon über uns das Maul zerreißen, wir müssen den Menschen nicht noch mehr zu tuscheln geben, indem du halb nackt durch die Stadt läufst, um deine Habseligkeiten in mein Haus zu bringen.« Valka drehte sich um und sah zu, wie er aus dem Bett stieg und seine Hose anzog. »Und was mache ich in der Zeit.« Er grinste sie an, während er seinen Gürtel schloss. »Du entspannst dich und ich erwarte dich genauso vorzufinden, wie ich dich verlassen habe.« »In deinem Bett?«, fragte sie skeptisch. »Nackt«, entgegnete er. »Wo im Haus, ist mir vollkommen egal.«

 

~

 

Regis summte leise vor sich hin während, er durch die Straßen von Dillingen lief. Über seiner Schulter hingen die großen ledernen Satteltaschen und in einer Hand hielt er ein Paket aus kaltem Braten und Wein für ihr Abendessen und in der anderen eine besonders schön gewachsene Sonnenblume. Er war schon ein bisschen länger unterwegs als er ursprünglich geplant hatte, aber nachdem er der Wirtin halbwegs glaubhaft vermitteln konnte das Valka aufgrund ihres Gesundheitszustandes bei ihm nächtigen musste, wollte er die gelungene Scharade nicht ruinieren, indem er bei ihr eine romantisch anmutende Mahlzeit bestellte. Er hatte lieber den Umweg um eine andere Gaststätte in Kauf genommen, um noch ein bisschen länger seinen Frieden in der Stadt genießen zu können. Auf seinem Weg war er an einem kleinen Feld Sonnenblumen vorbeigekommen und blieb kurz stehen, um ihre Schönheit zu bewundern. Nach einer Weile hatte er lächelnd die schönste von ihnen gepflückt, um sie Valka mitzubringen.
Als sein Haus wieder in Sicht kam, beschleunigte er voller Vorfreude seine Schritte und machte sich eiligst daran die Tür zu öffnen. In der Wohnstube legte er die Taschen über eine Stuhllehne und stellte das Abendessen auf den Tisch. Nur die Blume behielt er in der Hand. »Valka?«, fragte er in Richtung der Treppe.
Als er keine Antwort erhielt, legte er verwundert den Kopf schief und lauschte. Dann grinste er, als er kleine Geräusche ausmachen konnte und folgte ihnen lautlos in den Keller. Ohne sich bemerkbar zu machen, schlich er sich in sein Labor und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. »Irgendetwas Interessantes gefunden?«, fragte er und beobachtete amüsiert wie Valka ertappt zusammenzuckte. »Verdammter Vampir«, fluchte sie lächelnd. »Es passt mir nicht, dass du dich so an mich heranschleichen kannst.« Ihr Blick fiel auf die Sonnenblume. »Ist die für mich?« Regis nickte und trat näher, um ihr die Blüte mit einer eleganten Verbeugung zu überreichen. Sie nahm sie freudig entgegen und machte einen Knicks, bevor sie einen Arm um seinen Nacken schlang und ihn näher an sich zog, um ihn zu küssen. Dann deutete sie mit einer Kopfbewegung auf die rechte Brennblase und fragte: »Ist es das, wofür ich es halte?« Regis seufzte ein bisschen missmutig. »Noch nicht ganz, aber ich hoffe bald.« Er deutete auf das Pergament und Valka nahm es in die Hand, um es zu betrachten. »Diese Kombinationen hast du alle ausprobiert? Unglaublich.« Er nickte und deutete auf die aufgereihten Flaschen an der Wand. »Da stehen die Ergebnisse. Eine wirklich bemerkenswerte Studie, um alle Nuancen von „Widerlich“ in ihrer ganzen Komplexität darzustellen. Beginnend bei „Unerträglich“ bis hin zu „Man bekommt es runter“.« Valka lachte bei dieser Bemerkung auf, behielt ihren Blick aber auf seiner Liste. Nach einer Weile fragte sie erstaunt: »Du tust wirklich Tollkirsche hinein?« Er nickte. »Genau, Belladonna. Mir ist aufgefallen, dass der Brand sehr weich war, aber es war kein Holzaroma enthalten. Fasslagerung konnte also nicht der Grund sein. Ich vermute, dass man sich die betäubende Wirkung einer Pflanze zunutze macht. Und bis auf Belladonna habe ich wie du siehst schon so ziemlich alles was ich hier bekommen kann, ausprobiert.« Valka schüttelte ungläubig den Kopf. »Ist das nicht etwas gefährlich? Mir und dir würde das ja nichts ausmachen, aber das Zeug wurde von normalen Menschen getrunken.« Er winkte ab. »Die Dosis ist kein Problem. Bei diesem Versuch habe ich auf ein Pfund Maische nur ein halbes Quent Belladonna gegeben. Und natürlich noch die Alraune. Fünf Unzen waren es.« Sie zog die Augenbrauen zusammen. »Und woher hast du die Alraunen?« »Die fand ich direkt neben den Überresten von dem Sarkophag, in den du mich gesteckt hast«, sagte er und rieb sich verlegen über sein Kinn.
Valka bekam große Augen und starrte ihn einen Moment stumm an, dann wurde sie plötzlich verschmitzt und sagte:» Ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommt.«
»Nun, ich hoffe doch die richtige Mischung, denn dann habe ich etwas, mit dem ich dich immer wieder hierher zurücklocken kann.«
Valka legte das Pergament zurück auf den Tisch und lehnte sich wieder an ihn. »Du bist für mich Grund genug, um immer wieder zurückzukommen.« Als ihre Lippen sich zum Kuss trafen, unterbrach plötzlich ein lautes Knurren die Stille und Valka drehte verlegen ihren Kopf zur Seite. Regis hingegen lachte auf. »Ich habe Abendessen besorgt.« Sofort drehte sie wieder ihren Kopf zu ihm und sah ihn gespielt empört an. »Du wolltest, dass ich nackt auf dich warte und jetzt soll ich mich mit Abendessen zufriedengeben?« Wieder lachte Regis und beugte sich dann herunter, um ihre Beine zu greifen und sie hochzuheben. »Wenn du mir versprichst zwischenzeitlich nicht zu verhungern, dann können wir auf dem Weg zum Tisch noch einen kleinen Umweg über das Schlafzimmer machen.«

 

 

Geralt sah, wie Regis die leere Flasche fallenließ und sich mit der Hand über sein Gesicht fuhr. Der Blick seines Freundes war alkoholgetrübt, traurig und so starr auf den Boden gerichtet, dass er vermuten musste, dass er bewusst den Augenkontakt vermied. Verwundert schüttelte Geralt sich und nutzte die Überprüfung des Garpunkts ihrer Mahlzeit als Möglichkeit, um in Ruhe über Regis Geschichte nachzudenken.
Bisher war ihm noch nicht im Geringsten klar, warum die Hexerin und der Vampir nicht seit Jahrhunderten glücklich zusammenlebten. Der große Knall stand also noch bevor und so wie Regis im Moment aussah, dürfte er sogar unmittelbar bevorstehen.
Geralt setzte sich zurück auf den Stamm und schaute zu Veit, der den Vampir mit großen Augen gebannt anstarrte. Er atmete tief durch und wandte sich dann an Regis der mit einer Hand über dem Mund ständig den Kopf schüttelte.
»Du warst sehr glücklich, oder?«, fragte er vorsichtig.
Regis hob langsam den Kopf und sah ihn an. »Du hast ja keine Vorstellung, wie sehr.« Geralt wollte weiter nachfragen, doch die Traurigkeit seines Freundes ließ ihm die Stimme versagen. Aber auch ohne Aufforderung fuhr Regis nach einer Weile fort. »Die nächsten Wochen waren fantastisch. Valka nahm noch ein paar kleine Aufträge in der Nähe an, aber die restliche Zeit bis zum Winter blieb sie dann bei mir. Dann als der Winter kam, trennten wir uns, wenn auch beide nur sehr ungern und sie kehrte bis zum nächsten Frühling in die Festung zurück. Der Winter war kurz und im darauffolgenden Jahr schlossen wir uns wieder glücklich in die Arme. Sie blieb sogar länger in Dillingen, als sie vorhatte, da wir uns einfach nicht voneinander trennen wollten. Natürlich glaubte inzwischen niemand in der Stadt mehr, dass unsere Beziehung rein freundschaftlich wäre und der Bürgermeister von Dillingen, Markus, kam auf mich zu. Er nahm kein Blatt vor den Mund und fragte mich direkt, ob ich vorhaben würde Valka zu Heiraten.« Regis schnaubte und schüttelte wieder den Kopf. »Was für eine Vorstellung. Ein Vampir und eine Hexerin heiraten.« Er unterbrach wieder und ließ sich von Veit die zweite Flasche geben, um etwas Schnaps zu trinken. »Aber Markus brachte mich auf einen Gedanken. Als es schließlich fast Sommer war und Valka sich gezwungen sah doch aufzubrechen, fragte ich sie, ob sie nach ihrer Rückkehr im Winter nicht bei mir bleiben will, statt in die Festung zu ziehen. Zu meiner Freude sagte sie umgehend zu und ich verbrachte einen Sommer voller Vorfreude darauf die Frau, die ich liebte bald wieder für mehrere Monate bei mir zu wissen.
Dann kam der Herbst und Valka verspätete sich. Mit jedem Tag wurde ich unruhiger und machte mir mehr sorgen. Aber als ich dann so weit war, meine Vögel nach ihr auszusenden, kam sie schließlich doch. Zum Glück hatte sie lediglich ein Auftrag aufgehalten, doch zu meinem Leidwesen bedeutete das, dass sie noch keine Gelegenheit hatte, wie geplant vorher in die Festung zu reisen, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Also verabredeten wir, dass sie das nun noch nachholen würde, sie aber noch vor dem Wintereinbruch zurückkehren würde.

Die Zeit in der Valka nicht bei mir war, vertrieb ich mir mit der Gesellschaft meiner Nachbarn, aber auch mit einigen freundlichen Kreaturen aus dem Wald und den angrenzenden Elfenruinen, die ich im Laufe der letzten zwei Jahre kennengelernt hatte und die eine erfrischende Abwechslung zu den Menschen darstellten.
Valka wusste natürlich davon und hatte mich tatsächlich auf einige von ihnen überhaupt erst aufmerksam gemacht. Sie alle waren friedlich und wenn überhaupt hatten sie vielmehr unter den Menschen zu leiden und nicht andersherum. Sie hatte dabei niemals irgendwelche bedenken gezeigt, sofern keinerlei Gefahr für die Einwohner von Dillingen bestand, daher habe ich mir auch zu diesem Zeitpunkt nichts bei der Gesellschaft von einem Wesen gedacht, welches mich von sich aus aufsuchte.« Regis‘ Stimme versagte. Als er schließlich wieder Worte fand, sprach er so leise, dass er über das Knacken des Feuers kaum zu verstehen war. »Ich habe sie nicht gehört, als sie zurückkam. Ich habe sie tatsächlich nicht einmal gehört, als sie die Treppe heraufkam…«

 

»Hätte es das denn besser gemacht, wenn du sie gehört hättest? Hättest du sie also lieber heimlich hintergangen?«, rief Veit plötzlich laut und zutiefst verbittert.
Geralt sah den anderen Hexer erschrocken an. Wusste er etwa, worauf der Vampir hinauswollte? Ein Blick auf Regis schien das zu bestätigen. Er saß zusammengesunken auf dem toten Stamm, das Gesicht in seinen Händen vergraben und er schüttelte wieder unablässig seinen Kopf.
Er muss wieder rückfällig geworden sein. Hat wieder Blut getrunken, dachte Geralt. Aber woher weiß Veit davon. Ob Valka es ihm schon erzählt hat?
Er bekam keine Gelegenheit danach zu fragen, denn Veit sprang auf und lief mit energischen Schritten auf und ab, während er Regis wütend anstarrte. »Komm schon, sprich es aus. Erzähl Geralt was du ihr angetan hast.« Regis reagierte nicht. Er schien mehr damit bemüht zu sein seine Fassung zu wahren, als Worte finden zu können. »Nicht? Schämst du dich zu sehr? Daran tust du gut«, höhnte Veit. »Aber keine Sorge, ich will es Geralt erzählen.« Er drehte sich zu ihm und blickte auf ihn herab. »Dein edler Freund hat Valka nicht nur gebeten, über den Winter zu bleiben. Er hat sie gebeten, für IMMER zu bleiben. Ihr ganzes bisheriges Leben, das einzige Leben, welches sie kannte aufzugeben, um bei ihm zu bleiben.
Valka musste vor dem Wintereinbruch noch einmal zur Festung und sie versprach zu ihm zurückzukehren, bevor der Schnee die Wege unpassierbar machen würde. Und sie versprach ihm bis zu ihrer Rückkehr eine Entscheidung getroffen zu haben. Bleibt sie für den Winter oder bleibt sie für immer. Und weißt du was, Geralt? Sie hielt ihr versprechen. Sie reiste zur Festung, erledigte ihre Angelegenheiten, dann kehrte sie zu ihm zurück.« Veit verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und seine Stimme wurde noch lauter. »Sie kehrte zu ihm zurück, nur um ihn gleich bei ihrer Ankunft zu erwischen; WIE ER EINEN GOTTVERDAMMTEN SUKKUBUS FICKT!«

Geralt schwirrte der Kopf. Er bemühte sich, die Informationen zu verarbeiten, aber er konnte sich zunächst auf keinen Gedanken fixieren. Überfordert sah er zwischen Veit und Regis hin und her. Der Hexer starrte wieder wütend auf den anderen herunter, sagte aber kein Wort mehr. Der Anblick von Regis ließ dann die Verwirrung von Geralt abfallen und machte stattdessen Platz für Entsetzen. Er konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, aber zusammengesunken, mit bebenden Schultern, sah er einfach nur schrecklich hilflos und elend aus. Geralt wurde mulmig. Weint er etwa?
Nur einen Moment später entschied sich Regis hochzusehen und Geralt stellte erleichtert fest, dass sein Gesicht zwar voller Traurigkeit, aber trocken war. Seine Stimme zitterte noch mehr als in den vorangegangenen Minuten. »Ich habe nie erfahren… wie sie sich entschieden hätte«, sagte Regis leise und voller Bedauern.
Veits Blick wurde plötzlich weich und er entspannte sich sichtlich. Nach einem tiefen Atemzug sagte er mit sanfter Stimme: »Sie hat dich geliebt, du Idiot. Sie hätte für dich alles aufgegeben«

 

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Veit beobachtete Regis über das Lagerfeuer hinweg. Er saß abseits und offensichtlich bewusst hielt er sich halb im Schatten. Seine eigentlich auffällige aufrechte Körperhaltung, war noch immer den hängenden Schultern gewichen und er starrte gedankenverloren auf den moosigen Boden vor seinen Füßen. Wenn der Vampir den Blick des dunkelhaarigen Hexers bemerkte und davon ging dieser eigentlich aus, so zeigte er es nicht. Veit erhob sich von seinem Platz neben Geralt und ging langsam um das Feuer herum auf Regis zu. Er fragte nicht um Erlaubnis, sondern setzte sich einfach neben den Mann auf den umgestürzten Baum und setzte seine Beobachtung ungeniert fort. Es gab keinen Zweifel daran, dass der Vampir extrem deprimiert war.
Er überlegte einen Moment, wie er seine Frage stellen wollte, entschied sich dann aber einfach für den direkten Weg. »Warum? Du hast gesagt du hättest sie geliebt.«
Regis zuckte zurück, hob aber seinen Kopf, um den Hexer anzusehen. »Ich HABE sie geliebt.« »Warum dann der Sukkubus?« Regis blickte wieder zu Boden. »Der Sukkubus hat mir nichts bedeutet, außer der Gelegenheit von Gesellschaft fernab der Menschen.« Veits Blick verfinsterte sich wieder. »Und trotzdem hattest du Sex mit ihr.«
»Wir sprechen von einem Sukkubus«, entgegnete Regis nun energischer. »Was würdest du mit einem machen? Vielleicht eine politische Debatte führen? Sie wäre nach zwanzig Minuten gelangweilt gegangen. Ich hatte ganz sicher nicht vor Valka zu verletzen. So lächerlich es auch klingen mag, ich habe nicht darüber nachgedacht, dass Valka sich betrogen fühlen könnte. Erst als ich ihr fassungsloses Gesicht sah, bevor …sie mich verließ, ist mir klar geworden, was ich ihr damit antue.« Er schüttelte wieder traurig den Kopf. »Ich habe das Beste, was mir je passiert ist, leichtsinnig weggeworfen. Mein Leben ist eine eindrucksvolle aneinander Kettung von bemerkenswert schlechten Entscheidungen und wann immer ich doch einmal eine sinnvolle treffe, dauert es nicht lange, bis ich alles ruiniere.« Er seufzte leise. »Vermutlich ist das die verdiente Strafe für meine Untaten.«
»Wenn du die Chance hättest, würdest du es anders machen?«, fragte der Hexer. Regis lachte bitter auf. »Mein lieber Veit, wenn ich die Chance hätte, damit den wahrscheinlich schlimmsten Fehler meines Lebens rückgängig zu machen, würde ich mir sofort selbst den Kopf abschneiden und mich für weitere fünfzig Jahre in einen Sarkophag sperren.«
Unerwartet lächelte Veit ihn erleichtert an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ich bin froh, das zu hören.« Regis erwiderte seinen Blick nachdenklich, schaffte es aber nicht, selbst zu lächeln. Nach einer kurzen Pause fragte er: » Sie ist deine Mutter, nicht wahr?«
Veit ignorierte das überraschte Keuchen von Geralt und nickte den Vampir stumm an. »Dann hat sie also jemanden gefunden, der ihrer mehr würdig ist.«
Veit seufzte leise und schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich.« Regis betrachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf. »Inwiefern?« Veit seufzte wieder. »Willst du dir das wirklich antun?« Regis nickte bestätigend. »Also gut. – Ich muss dir wohl nicht sagen, dass sie nach eurem letzten… Zusammentreffen zutiefst verletzt war. Verletzt und wütend. Sie kehrte umgehend in die Festung zurück und… und da… . Es gibt einfach keine Möglichkeit das irgendwie netter auszudrücken. Sie hat sich in ihrem Frust einfach von jedem Hexer, der sie haben wollte, flachlegen lassen.
Hexerinnen sind selten und außer ihnen gibt es keine Frauen in den Festungen. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass mit der Aussicht auf einen ganzen Winter ohne weibliche Gesellschaft einige Hexer sehr interessiert waren die Gelegenheit wahrzunehmen. Als ihre Wut dann nachließ und nur noch die Trauer blieb, kam das nächste Problem auf sie zu. Ihr Verhalten hatte Konsequenzen, in der Form einer unerwünschten Schwangerschaft. Die größte Schwierigkeit dabei war, es gab ein Dutzend potenzielle Väter und keinen Anhaltspunkt, wer von ihnen es den nun wirklich ist. Diese Ungewissheit löste enorme Spannungen aus. Es gab von da an ständig Streit. Die Hexer stritten sich untereinander und feindeten Valka an. Nur wenige Monate nach meiner Geburt im Sommer, wurde ihr sehr deutlich nahegelegt die Festung zu verlassen.
Sie reiste mit mir umher und nahm jeden Auftrag an, den sie mit einem Säugling bewältigen konnte. Zeitweise arbeitete sie sogar als Wäscherin oder… tat was immer nötig war, um zumindest mich satt zu bekommen. Die Winter waren am schlimmsten. Sie war in der Festung nicht mehr willkommen, also musste sie sich auf eigene Faust durchschlagen. Wir lebten meist in irgendwelchen verfallenen Hütten und hatten nichts als Rindensuppe und Rattenfleisch.«
Regis schwieg einen Moment bekümmert, dann sagte er: »Es tut mir sehr leid, das zu hören.« Und nach einer weiteren Pause: »Hast du je herausgefunden, wer dein Vater ist?« Veit nickte gedankenverloren. »Ja doch, tatsächlich habe ich das. Als ich etwa fünf Jahre alt war, begann ich mich zu verändern. Vorher war ich wohl eindeutig das Kind meiner Mutter, aber dann entwickelte ich so viele Eigenschaften meines Vaters, dass Valka keinen Zweifel mehr über seine Identität hatte. Nun mit der Gewissheit, seinen Namen zu kennen, konnten wir auch in die Festung zurückkehren. Es gab zwar noch ein paar Spannungen, aber Valkas Anwesenheit wurde wieder akzeptiert, nachdem meine Herkunft klar war. Im Laufe der Zeit gewann sie ihr Ansehen zurück und es wurde wieder angenehmer für sie. Und für mich bedeutete das, dass ich zum Hexer ausgebildet wurde. Mutter war zwar nicht begeistert darüber, aber sie kannte schließlich auch kein anderes Leben. Bei meiner Herkunft war die Kräuterprobe auch kein wirkliches Risiko, man könnte es wohl eher als Formalität bezeichnen.«
»Und dein Vater?«, fragte Regis vorsichtig. Veit schmunzelte kurz. »Hab ihn nie kennengelernt. Als Mutter mich zu ihm bringen wollte, stellte sie fest, dass er wohl kurz nachdem sie aus der Festung vertrieben wurde, selbst verschwand und niemand wusste etwas über seinen Aufenthaltsort. Später hieß es dann, er wäre tot.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe mir fast nie Gedanken um ihn gemacht. Für mich zählte nur meine Mutter.«

»Du bist über zweihundertsiebzig Jahre alt?«, erklang unerwartet Geralts skeptische Stimme über das Feuer. Veit hob den Kopf, um den Hexer über die Flammen hinweg angrinsen zu können. »Na ja, du solltest nicht so überrascht sein. Meine Mutter ist über vierhundert Jahre alt und die meisten Leute halten sie für einen Burschen von kaum sechzehn.« Sein Grinsen erstarb, als er bemerkte, dass Geralt seine freundliche Mine nicht erwiderte.
»Geralt?«, fragte Veit ein wenig besorgt. »Du hast gelogen«, entgegnete Geralt mit verärgerter Stimme und ließ Veit zusammenzucken. »Sei jetzt ehrlich, warum warst du wirklich in Toussaint?«
Der dunkelhaarige Hexer seufzte auf und strich sich durch das Gesicht. »Du hast natürlich recht.« Er deutete mit einer Hand auf Regis. »Ich war auf der Suche nach ihm.«
Erstaunt drückte Regis seinen Rücken durch, um sich aufzurichten. »Und welchen Umständen darf ich dein Interesse verdanken?«
Veit griff nach dem Ende seines Zopfes und ließ es sich nachdenklich durch die Finger gleiten. »Valka natürlich.« Er warf dem Vampir einen eindringlichen Blick zu. »Ich habe mir nie viele Gedanken über die Vergangenheit meiner Mutter gemacht. Wie die meisten Kinder bin ich einfach davon ausgegangen, dass sie zufrieden ist, ohne wirklich mit Verstand ihr Leben zu betrachten. Zumindest tat ich das bis vor ein paar Jahren.« Er machte eine Pause und betrachtete Geralt. »Valka und ich haben uns eher zufällig entschieden, einen Umweg über Novigrad zu nehmen. Wir waren knapp bei Kasse und mussten mit der billigsten Unterkunft vorliebnehmen. Ein ziemlich maroder Puff, der von einem der Unterweltbosse geleitet wurde. Am Abend haben wir den theatralischen Worten von Rittersporn gelauscht. Der Mann war so sternhagelvoll, dass er ungeniert fast jedes Detail seines Lebens zum Besten gab. Ich bezweifle auch ernsthaft, dass er sich am nächsten Morgen an irgendetwas davon erinnern konnte. Zumindest mich und Valka hat er auf jeden Fall vergessen.« Veit lachte bei der Erinnerung daran kurz auf, aber dann wurde sein Gesicht ernst. »Er erzählte eine unglaubliche Geschichte von einem weißhaarigen Hexer und dessen Suche nach seiner Ziehtochter. Mit jeder Minute wurde seine Erzählung haarsträubender, bis er sogar behauptete, dass sich ein Vampir seiner Gruppe angeschlossen hatte und sein Leben spektakulär in Flammen opferte, um den Hexer zu retten.«
Ich glaubte kein Wort davon, bis Rittersporn den Namen des Vampirs nannte.« Veit sah Regis traurig an. »Es war das erste Mal, dass ich meine Mutter habe weinen sehen.«
Stockend fuhr er fort: »In der Nacht erzählte sie mir dann von dir und dem unglücklichen Ende, dass ihr genommen habt. Es betrübte mich zu erkennen, wie unglücklich meine Mutter noch immer war und wie viel du ihr anscheinend noch bedeutet hattest, aber da es hieß, du wärst tot hatte ich keine Möglichkeit etwas dagegen zu unternehmen. Zumindest war das so, bis ich vor etwas mehr als zwei Jahren von einem fahrenden Händler zufällig deinen Namen hörte. Er erzählte mir, dass ein Bader in Dillingen unter diesem Namen praktizierte.« Veit verzog sein Gesicht. »Ich habe mich, ohne nachzudenken, sofort in Richtung Dillingen aufgemacht. Dort angekommen brauchte ich drei Tage, um jemanden zu finden, der den Namen kannte. Und als es endlich so weit war, musste ich zu meinem Leidwesen erfahren, dass der Bader bereits nicht mehr in der Stadt war und niemand wusste, wohin er verschwand. Immerhin hatte ich so zumindest die Hoffnung, dass es sich dabei tatsächlich um dich handeln könnte und du also doch noch am Leben warst. In den nächsten zwei Jahren habe ich immer mal wieder über dich nachgedacht und mich schließlich entschlossen der einzigen Spur zu folgen, die ich noch hatte. Geralt von Riva.«
Verlegen blickte Veit auf. »Es tut mir leid, dass ich dir etwas vorgemacht habe, aber ich versichere dir, dass ich keine bösen Absichten hatte. Mir war schnell klar, dass du auch keine Ahnung hast, wo Regis sich aufhält und im Grunde gab ich dann auch die Hoffnung auf ihn zu finden. Es war nur mein Wunsch, von ihm selbst zu erfahren, warum er meine Mutter so verletzt hatte. Was ich mit diesem Wissen anfangen würde, habe ich mir bis heute nicht überlegt. Vermutlich habe ich gehofft, irgendetwas zu finden, das Valka helfen würde um ihn endlich ganz hinter sich zu lassen. Aber nachdem die Hoffnung verblasste, beschränkte ich mich darauf deine Gastfreundschaft - deine Freundschaft zu genießen.« Er warf seinen Zopf über die Schulter, faltete die Hände und legte die Fingerspitzen an seine Lippen. »Ich bitte dich mir zu glauben, dass ich nicht die Absicht hatte, dich zu täuschen.«
Geralt starrte den Mann zunächst finster an, aber die Aufrichtigkeit in seinen Augen beruhigte ihn. »Was ist mit der Geschichte in Lindental? War es wirklich nur Zufall, dass ihr hier wieder zusammengetroffen seid?«
Veit nickte heftig. »Ich schwöre dir, dass wir das nicht geplant haben. Bis Rittersporn in Corvo Bianco auftauchte, habe ich nicht das geringste von diesen Angriffen gewusst. Es ist, wie ich sagte, eigentlich wollten wir uns erst wieder im Winterquartier treffen.« Veit seufzte laut auf. »Geralt bitte glaub mir, alles was ich wollte, war von Regis zu erfahren warum er meine Mutter betrogen hat. Ich hatte nie die Absicht dich oder sonst jemanden zu hintergehen.«
Geralt vermied den Blickkontakt, als er sich dann wieder an den Hexer wandte.» Hast du gefunden, wonach du gesucht hast?«
Veit antwortete nicht gleich, sondern stand auf und umrundete abermals das Lagerfeuer und setzte sich wieder neben den Hexer. Dann legte er seine Hand auf Geralts. »Ich verstehe jetzt, was passiert ist. Gefunden habe ich aber mehr, als ich mir erhofft habe. «

 

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Der Mond stand hoch am Himmel, als die Männer sich zur Ruhe legten. Ihre Mahlzeit war hauptsächlich schweigend verlaufen und jeder brütete still vor sich hin. Aber nun quälten Geralt wieder seine Überlegungen.
Sein Verstand sagte ihm, dass er zu naiv war, aber sein Herz wollte Veit seine Geschichte glauben. Das Gefühl, betrogen worden zu sein schmolz unter jedem liebevollen Blick, den der Hexer ihm zuwarf.
Geralt grübelte eine Weile, dann stellte er eine andere Frage, die ihn beschäftigte. »Warum verärgert es dich so, dass Regis deine Mutter einmal betrogen hat?« Veit drehte seinen Kopf Geralt entgegen und starrte ihn entgeistert an. »Die Frage ist doch wohl hoffentlich nicht dein Ernst?« Hilflos zuckte Geralt mit den Schultern und Veit bedachte ihn mit einem langen skeptischen Blick. Schließlich erklärte er aber: »Er sagte ihr, dass er sie liebte. Liebe, Geralt. Nicht einfach nur Sympathie oder sexuelle Anziehung. Wenn man jemanden wirklich liebt, dann nimmt diese Person einfach dein ganzes Wesen ein. Dann schläft man nicht mit anderen. Wenn man jemanden aufrichtig liebt, dann hat man nicht einmal das Interesse daran mit anderen zu schlafen.«
Geralt schluckte heftig. Er dachte an Yennefer und dann schossen ihm zahlreiche Bilder, von unzähligen Frauen in den Kopf mit denen er sich im Laufe der Zeit durchs Bett gerollt hatte. Sein Gewissen machte sich mit einem flauen Gefühl in seinem Magen bemerkbar, aber dann erinnerte er sich auch an Istredd und er seufzte resignierend. »Du hast wohl recht, bei echter, ehrlicher Liebe sollte das nicht passieren.« Veit lächelte ihn wieder liebevoll an und rutschte etwas näher an ihn heran.
Als ihre Arme sich berührten, tauchte ein weiteres Bild vor seinem Auge auf und er schluckte wieder als sein Herz einen schmerzhaften kleinen Hüpfer machte. Die sommersprossige Wirtstochter in Erzdorf. Ich bin doch nicht etwa…?
Veit drehte seinen Kopf lächelnd zurück und starrte wieder in den Himmel. »Weißt du, da gab es mal dieses Mädchen. - Marianne.« Geralt starrte ihn überrascht von der Seite her an. Veit musste es bemerkt haben, denn er grinste nun breit. »Ich stecke voller Überraschungen, nicht wahr?«
Bevor Geralt etwas erwidern konnte, fuhr Veit jedoch fort: »Ich habe mich Hals über Kopf in sie verliebt und wie ein Tölpel um ihre Aufmerksamkeit gebuhlt. Jede Minute, die wir getrennt waren, zog sich ewig in die Länge und jedes Gespräch mit jemand anderen war einfach nur unerträglich, da es mich von ihr oder auch nur den Gedanken an sie fernhielt. Die Vorstellung, mich damals mit irgendjemand anderen einzulassen war absurd. Einfach jeder verblasste neben ihr zu absoluter Bedeutungslosigkeit. Ich konnte mir nicht vorstellen, überhaupt jemals wieder jemand anderen an meiner Seite zu haben. Und der Gedanke, dass ein anderer Mann seine Hände an sie legen könnte, war ...unerträglich.
Das macht die Liebe mit uns. Je stärker sie ist, desto bescheuerter und fixierter verhalten wir uns. Aber das geht schon in Ordnung - Immerhin macht sie uns auch glücklich.«
»Wie ging es mit ihr weiter?«, fragte Geralt neugierig. Veits lächeln erstarb. »Ich liebte sie. Aber sie… fand es wohl einfach spannend, ein paar Mal mit einem Hexer über die Laken zu rollen.« Er stockte und machte eine kurze Pause. »Es hat Jahre gedauert, bis ich mich wieder auf jemanden einlassen konnte.«
Geralt grübelte etwas. »Hast du deswegen auch so verstimmt reagiert, als Rittersporn dir von dem Sukkubus in Toussaint erzählt hat?« Veit schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin nur der Meinung, dass Sukkubi nichts in Städten verloren haben. Früher oder später machen die immer Probleme. Nein, mir geht es wirklich nur um den Vorfall in Dillingen. Zu dem Zeitpunkt in Toussaint, war er ein ungebundener Mann. Dafür kann ich ihm also wirklich keinen Vorwurf machen.« Veit stockte einen Moment. »Im Gegenteil, ich hoffe, er hatte im Laufe der Jahre noch einige Abenteuer mehr, wenn auch hoffentlich nicht nur mit den furchtbaren Ziegenweibern. Wir reden hier immerhin von zweihundertsiebzig Jahren.«
Geralt kratzte sich nachdenklich am Kinn. »Dann denkst du also, dass Regis gelogen hat und er Valka nie wirklich geliebt hat?« Veit verzog sein Gesicht. »Nein, ich denke, er ist ein Idiot.« Geralt versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken. »Dir ist klar, dass er dich hören kann, oder?« Der dunkelhaarige Hexer drehte ihm wieder das Gesicht entgegen. »Ich weiß«, sagte er verschmitzt. »Ich glaube ihm, dass er kein Interesse an dem Sukkubus hatte und vor allem glaube ich ihm, dass er meine Mutter wirklich aufrichtig geliebt hat.«

 

 

Träge hob Eskel eine Hand zum Mund, um sein Gähnen zu verdeckten. Ihre Reise nach Schwarzzweig verlief erfreulich ereignislos, aber zerrte durch ihre Eintönigkeit ebenso an seiner Energie.
Zoltan lehnte sich seit einigen Stunden an seinen Rücken und schnarchte lautstark, Rittersporn hingegen hielt sich tapferer im Sattel, aber seine Augen fielen bereits auffällig häufig zu. Nur Valka und er selbst schienen noch zumindest halbwegs wach.
»Wir sollten in Schwarzzweig rasten«, schlug Eskel vor. Valka drehte sich nicht um, nickte aber auffällig. »Ich denke, du hast recht. Wir müssen ohnehin erst in Erfahrung bringen wo der Waideler wohnt und ich bezweifle, dass er uns mitten in der Nacht überhaupt die Tür öffnen wird«, erwiderte die Hexerin.
»Gibt es eine Herberge in der Stadt?«, fragte Eskel hoffnungsvoll. Wieder nickte Valka. »Nicht sehr groß, aber wir sollten jeder zumindest einen Strohsack zum Schlafen bekommen können.« Erleichtert seufzte Eskel auf und trieb Skorpion an, um in Rittersporns Reichweite zu gelangen.
Er streckte eine Hand aus und packte den Barden an der Schulter, um ihn zu schütteln. »Hey Schlafmütze. Aufwachen. Wir werden hier in der Herberge absteigen.« Rittersporn schreckte hoch und sah sich so erschrocken um, dass er von Pegasus gerutscht wäre, wenn der Hexer ihn nicht noch immer an der Schulter gepackt hätte. Durch die Bewegung wachte nun auch Zoltan auf, richtete sich auf und wischte sich den Speichelfaden von seinem Bart.
Eskel drehte missbilligend seinen Kopf, um einen Blick auf seine Schulter zu werfen und er stellte fest, dass seine Befürchtung sich bestätigte. Der Zwerg hatte ihn im Schlaf vollgesabbert. Angewidert schaute er zu Seite und bemerkte, dass Valka ihn grinsend beobachtete. »Es war dein Vorschlag, dass Zoltan mit dir reitet«, schmunzelte sie.
Eskel verzog als Erwiderung nur sein Gesicht und entlockte Valka damit ein kleines Lachen. Dann drückte sie ihrem Pferd die Fersen in die Seite. »Halten wir uns ran, Schwarzzweig ist gleich da vorn.«

 

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»Wollen wir noch einen heben?«, fragte Eskel laut, um die Geräuschkulisse der Gaststube zu übertönen. »Ich habe schon gedacht, du fragst nicht mehr«, erwiderte Zoltan nun wieder munter und marschierte schnurstracks auf einen freien Tisch zu. Eskel blickte Valka fragend an und die Hexerin nickte zustimmend, während sie sich mit einer Hand durch die Haare fuhr. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber stattdessen erstarrte sie und stierte mit großen Augen über Eskels Schulter. Verwirrt drehte sich der Hexer um und folgte ihrem Blick in eine Ecke der Schankstube. Dort saß, fast im Schatten verborgen ein Elf der Valkas Blick nicht weniger penetrant erwiderte. Eskel drehte sich wieder zu ihr, aber bevor er die Chance hatte nach dem Elf zu fragen, stupste Valka ihn freundlich lächelnd an. »Fangt schon mal ohne mich an. Ich gesell mich später zu euch.« Ohne ein weiteres Wort der Erklärung ging sie an Eskel vorbei und schlängelte sich um die Tische herum in Richtung Tür.
Der Hexer sah ihr verwundert nach und schaute dann wieder zu dem Elf, der ihr mit seinem Blick gefolgt war. Irritiert schüttelte Eskel den Kopf und ging dann zu Zoltan an den Tisch. »Was ist mit Rittersporn?«, fragte der Hexer, als er bemerkte, dass der Barde nicht mehr anwesend war. »Der hat sich schon aufs Ohr gehauen, um nichts von seinem Schönheitsschlaf zu verpassen«, erklärte Zoltan und winkte mit der Hand nach dem Wirt. Eskel wollte etwas antworten, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Er sah grade noch, wie der Elf aus der Tür trat, durch die Valka nur einen Moment zuvor verschwunden war. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass das in keinen Zusammenhang stand, aber er hatte ein ungutes Gefühl im Magen. Eskel erhob sich kurz entschlossen wieder und sagte an Zoltan gewandt: »Bestell schon mal für mich mit, ich muss nur mal schnell nach draußen verschwinden.« Er wartete nicht auf eine Antwort und hastete mit schnellen Schritten zur Tür.

 

Vorsichtig folgte Eskel dem Mann. Er hielt zur Sicherheit einigen Abstand, aber der Elf schien nicht darauf zu achten, ob ihm jemand nachkommen könnte. Es dauerte nicht lange, bis dem Hexer klar wurde, dass er sich auf dem Weg zum Stall befand. Er nutzte diese Beobachtung um sich einen anderen Weg um die Häuser zu suchen und mit schnellen Schritten eine Position hinter dem Gebäude zu beziehen.
Nur Sekunden später erreichte der Mann ebenfalls den Stall und Eskel sah dass ihn sein Gefühl nicht getäuscht hatte. Direkt vor dem Gebäude lehnte Valka an der Wand, die sich nun abstieß und dicht gefolgt von dem Mann durch die Tür ins Innere trat.
Eskel schloss seine Augen und lauschte gespannt den Geräuschen aus dem Stall.
Er hörte ein paar gemurmelte Worte, die aber zu leise waren, um sie zu verstehen, dann folgte für einige Minuten nur das Geraschel der Tiere im Stroh und ein gelegentliches Wiehern. Als Eskel schon überlegte, ob er sich eine andere Position zum Lauschen suchen sollte, setzten plötzlich andere Geräusche ein und ein breites Grinsen huschte über Eskels Gesicht.
Leise stand er auf und ging zurück in die Schankstube, wo Zoltan bereits mit einem Humpen auf ihn wartete. »Wo ist denn unsere Dame?«, fragte er verwundert und brachte Eskel wieder zum Grinsen. »Scheint so, als ob sie einen alten Bekannten getroffen hat.« »Einen Bekannten?«, wollte Zoltan wissen. Eskel hustete gekünstelt. »Nun davon gehe ich aus, die beiden haben jedenfalls keine Zeit mit Reden oder kennenlernen verschwendet, bevor sie es sich im Heu gemütlich gemacht haben.«
Zoltan schüttelte den Kopf und hob seinen Humpen an den Mund. »Und ich dachte immer, dass wäre so ein Geralt-Ding. Scheint aber wohl eher ein Hexer-Ding zu sein.« Eskel prostete ihm grinsend zu.

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»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte Rittersporn skeptisch, während er die kleine Hütte in Augenschein nahm. »Ich bin mir zumindest sicher, dass das hier der Ort ist, den mir die Frau des Metzgers genannt hatte«, erwiderte Valka und schwang sich von Topas um näher an das Gebäude heranzutreten.
Ein dumpfer Ton hinter ihr verriet, dass Zoltan von Scorpions Rücken gesprungen war und nur einen Moment später stand er auch mit seiner Waffe in der Hand neben der Hexerin und sah zu ihr hoch. »Einsame Hütte außerhalb des Dorfes, Kräutergarten und eine Ziege. Klingt für mich doch stark nach dem, was Geralt uns erzählt hat«, zählte der Zwerg auf und erntete dafür ein bestätigendes Nicken.
»Jetzt muss mir nur noch jemand erklären, was er meinte, als er sagte wir sollen uns vor den Walderdbeeren in acht nehmen«, mischte sich Eskel ein, während er die Zügel seines Pferdes um den niedrigen Zaun schlang. Valka zuckte mit den Schultern und schnitt eine Grimasse. »Da er dabei wie ein Idiot gegrinst hat, gehe ich davon aus, dass das ein Scherz sein sollte. Ich sehe hier jedenfalls keine Erdbeeren. Nicht mal Himbeeren.«
»Die sind besonders gefährlich«, ertönte plötzlich eine Stimme und ließ die Gruppe erschrocken zusammenfahren. Die Tür der Hütte öffnete sich und ein alter, fast kahler Mann mit einer unappetitlichen Hühnerfußkette um den Hals und einer flachen Schüssel in der Hand trat nach draußen. Er warf ihnen nur einen flüchtigen Blick zu und ging dann neben der Ziege auf die Knie.
Eskel trat einen Schritt vor und sprach den Mann an. »Wir… .« Weiter kam er nicht, denn der Alte unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Der Waideler weiß, wer ihr seid. Der weise, weiße Wolf schickt euch. Er schickt euch, um die Geister um ein Omen zu bitten.«
Eskel hob die Augenbrauen und schürzte die Lippen. »Bist du sicher, dass wir den gleichen Mann meinen? Unser Wolf ist nämlich nur weiß.« Valka stieß ihm einen Ellenbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen, aber der Waideler ignorierte ihn ohnehin und deutete mit einer Hand in den Wald, während er mit der anderen die Ziege melkte. »Geht und bringt mir etwas Lebendiges. Beeilt euch, ich spüre, dass die Geister unruhig sind. Die Zeit rennt.«
»Und warum sollen wir… Hey Alterchen, ich rede mit dir.« Rittersporn stemmte beleidigt die Hände in die Seiten, als der Mann wortlos aufstand und mit der Ziegenmilch in der Hütte verschwand. Zoltan schüttelte den Kopf und zerrte dann an dem Ärmel des Barden. »Geralt hat uns doch gewarnt, dass der Kerl schräg drauf ist. Also lass gut sein. Er will was Lebendiges, dann schauen wir doch mal was wir hier so finden können.« Die beiden Hexer nickten ihm zu und drehten sich synchron zum Wald um. »Dann gehen wir mal auf die Jagd.«
Eskel warf einen Blick auf den Zwerg. »Warte hier lieber zusammen mit Rittersporn. Das ist eher eine Aufgabe für Axii und weniger für die Klinge - oder die Laute.«

Die beiden Hexer kehrten einige Minuten später zurück und Zoltan sah, dass die Hexerin ein kleines Rebhuhn in den Armen trug. Der Vogel wirkte verschlafen und gurrte leise, während die Frau sanft über sein Gefieder strich. »Hat sich etwas getan?«, wollte Eskel wissen und Rittersporn, der Pegasus lange Nase kraulte, blickte genervt auf. »Außer dass der Alte die ganze Zeit Selbstgespräche führt? Nein, gar nichts.« Valka ging an den Männern vorbei zur Tür. »Dann lasst uns jetzt nicht trödeln. Die anderen dürften wahrscheinlich schon fast wieder in Lindental sein und ihr habt den Waideler gehört, die Zeit rennt.« Zoltan huschte an ihr vorbei, um ihr die Tür aufzumachen und sie traten nacheinander in die schlichte Stube.
In der Hütte brannten etliche Kerzen die einen ranzigen Geruch verströmten und auf den Tischen lagen Teile verschiedener Tiere und seltsame Holzfiguren. Die Kräuterbüschel, die von den Deckenbalken hingen, zwangen Eskel den Kopf einzuziehen, um nicht dagegen zu stoßen, während er sich mit den anderen um den Waideler verteilte.
Der Mann stand mit geschlossenen Augen und der Schüssel in der Hand, mitten im Raum innerhalb eines Kreises aus einem weißen Pulver und murmelte unverständliches Zeug. Dann, ohne Vorwarnung, schüttete er plötzlich die Ziegenmilch in einem weiten Bogen um sich herum aus und zwang seine Besucher sich mit einem rückwärtigen Sprung vor Spritzern zu retten. Rittersporn wollte pikiert protestieren, aber als der Waideler ein Messer aus den Falten seines zerschlissenen Gewandes zog, schloss er seinen Mund sofort wieder. Der Alte streckte Valka eine Hand entgegen und die Hexerin reichte ihm vorsichtig das betäubte Rebhuhn. Mit einer schnellen Bewegung schnitt er dem Vogel den Kopf ab, dann ließ er das Blut aus dem kleinen Körper auf den Zirkel aus Ziegenmilch tropfen.
Die Stimmung in der Hütte veränderte sich schlagartig. Die Kerzen flackerten stärker und ihr Licht schien plötzlich weniger hell. Auch die Luft wirkte dicker und ein wenig trüb. Der Waideler fiel auf die Knie und verzog sein Gesicht. Krämpfe schüttelten ihn und er rollte hektisch mit seinem Kopf. Dann nach einigen Augenblicken, in denen die anderen ihn nur mit angehaltenem Atem beobachteten, warf er plötzlich seinen Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. Seine Augen waren weit aufgerissen, doch so verdreht, dass nur noch das Weiße zu erkennen war. Mit tiefer unmenschlicher Stimme sprach er: »Ich sehe… Verlangen. Verzehrendes Verlangen – eines giftigen Herzens. Alt und mächtig - sehnt es sich nach… dem größten Schatz. Scharfe Klauen versuchen zu halten - was rechtmäßig eines anderen ist...«

Die Stimme des Waidelers versagte und der Mann kippte kraftlos nach vorne und blieb regungslos auf dem Boden liegen. Valka reagierte zuerst und kniete sich neben dem alten Mann hin, um ihn hektisch zu untersuchen. Nach einem Moment nahm sie die Hand von der Brust des Mannes und atmete erleichtert aus. »Er ist nur ohnmächtig.«
»Schön und gut, aber könnte mir bitte jemand erklären, was hier grade verfickt noch mal passiert ist?«, warf Rittersporn kreidebleich ein.

 

~

 

»Von was für einem Schatz hat der Alte wohl geredet?«, fragte Zoltan nachdenklich und kratzte sich seinen Bart. Eskel warf einen Blick zu ihm über die Schulter und schüttelte mit dem Kopf. Auch Valka und Rittersporn zuckten nur mit den Schultern, während sie der Straße zurück nach Lindental folgten.
Der Waideler war einige Minuten nach seiner Vision wieder erwacht, da er sich aber trotz ihrer eindringlichen Bitte weigerte, irgendetwas zu seiner Vision zu sagen, hatten sie beschlossen, sich auf den Rückweg zu machen und so schnell wie möglich dem Rest ihrer merkwürdigen Hansa die kryptischen Worte zu überbringen.
»Kann es sein, dass wir vielleicht wirklich von Gold und Juwelen sprechen?«, spekulierte der Zwerg weiter. »Nicht auszuschließen. Katakane stehen auf Schmuck. Vielleicht haben irgendwelche Plünderer sich über einen Vampirschatz hergemacht und den Kram in Velen versteckt. Und jetzt kommen sie um sich ihren Flitterkram zurückzuholen«, antwortete Eskel. »Das bezweifle ich doch stark«, entgegnete Valka mit skeptisch zusammengezogenen Augenbrauen. »Du darfst auch nicht vergessen, dass das Rudel aus allen niederen Vampirrassen besteht und die meisten von ihnen legen keinen Wert auf Reichtümer.« »Dann müssen wir uns also Fragen was alle Vampire gleichermaßen begehren und die Antwort liegt doch auf der Hand«, mischte sich nun auch der Barde ein. Valka schüttelte wieder den Kopf. »Auch das halte ich für ausgeschlossen, Rittersporn. Wenn es ihnen nur um Blut gehen würde, dann würden sie doch ganz anders vorgehen. Sie würden sich nicht so merkwürdig von Ort zu Ort bewegen und sich ganz sicher nicht auf nur ein paar Tote pro Siedlung beschränken. So wie sie sich verhalten, dauert es ja Wochen bis alle aus dem Rudel mal Gelegenheit bekommen zu trinken. Es wäre natürlich leichtsinnig nacheinander die Ortschaften zu entvölkern, um sich zu laben, da das mit ziemlicher Sicherheit den Unmut der höheren Vampire auf sich ziehen würde, aber es gäbe trotzdem effektivere Möglichkeiten für sie zu jagen.« Eskel nickte ihr bestätigend zu. »Vergesst außerdem nicht, was Regis gesagt hat, es ist ungewöhnlich, dass sich die Spezies zusammentun. Es muss also mit irgendetwas im Zusammenhang stehen, dass über ihre normalen Verhaltensweisen hinausgeht.« Valka seufzte frustriert auf. »Es ist sinnlos, wenn wir uns jetzt den Kopf darüber zerbrechen. Wir müssen hoffen, dass die anderen etwas Brauchbareres in Erfahrung bringen konnten und vielleicht weiß Regis auch ja etwas mit den Worten anzufangen. Am besten beeilen wir uns jetzt also einfach wieder zurückzukommen.«
Sie drückte ihrem Pferd die Fersen in die Seite und die anderen beeilten sich, ebenfalls ihre Pferde anzutreiben, um mit ihr mitzuhalten. Als Skorpion wieder mit Topas auf einer Höhe war, grinste Eskel die Hexerin an. »Schade, so hast du jetzt keine Gelegenheit mehr dich von deinem Freund zu verabschieden.« Er erntete einen giftigen Blick und ein empörtes Schnauben von Valka. »Du hast übrigens immer noch Stroh im Haar«, sagte er gespielt unschuldig, um die Frau weiter zu necken.
Valka drehte sich im Sattel, sodass sie ihn deutlich ansehen konnte. »Mein lieber Eskel, wenn du nicht gleich ruhig bist, dann leg ich dich übers Knie und ich verspreche dir, das wird nicht so spaßig wie bei den Mädchen in der Passiflora.« Er hob beschwichtigend die Hände, konnte sich aber sein Grinsen nicht verkneifen. Hinter ihm brummte Zoltan kopfschüttelnd in seinen Bart. »Hexer.«

 

 

Die restliche Reise von Toderas zurück nach Lindental verlief auf bedrückende Art sehr still. Es war deutlich spürbar, dass Regis, anders als gewöhnlich keine große Lust verspürte, sich zu unterhalten und lieber seinen trüben Gedanken nachhing. Nachdem der Vampir ihnen seine Vergangenheit mit Valka und das traurige Ende davon, offengelegt hatte, konnte sich auch keiner der beiden Hexer überwinden ein Gespräch anzufangen.
Als sie kurz vor Mittag wieder in Lindental eintrafen, stieg Regis, noch immer schweigend, von seinem geliehenen Reittier, kündigte an einen langen Spaziergang machen zu wollen und ging dann davon um das Pferd seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzubringen. Beide Hexer sahen ihm besorgt nach, zuckten dann aber hilflos mit den Schultern. »Am besten erwähnen wir es wohl einfach nicht mehr«, schlug Veit vor und befreite sich ächzend aus seiner zerfetzten Rüstungsjacke. Geralt ging zu ihm hin und griff nach dem Kragen, um ihm beim herausschlüpfen zu helfen. »Damit hast du wahrscheinlich recht«, bestätigte er. »Ich muss ohnehin zum Schmied, um meine Klingen zu schärfen, soll ich das Ding mitnehmen und Fragen, ob es repariert werden kann?«, fügte er dann nach einem Moment hinzu. Der dunkelhaarige Hexer nickte und seufzte dankbar. »Das wäre prima. Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich zurück in die Taverne gehen und mir den Nekrophagenmief abwaschen.« »Ich bestehe sogar darauf«, erwiderte Geralt grinsend und wedelte theatralisch mit einer Hand vor seinem Gesicht herum.

 

~

 

Träge durchquerte Geralt den schmucklosen Schankraum, um in ihren Schlafraum zu gelangen. Als er die Tür öffnete, blieb er einen Moment verdutzt stehen. Eigentlich hatte er erwartet, Veit hier vorzufinden, aber der Raum war leer. »Veit?«, fragte Geralt verwundert und sah sich noch mal um. »Ich bin hier«, erklang es dumpf aus der angrenzenden winzigen Kammer. Geralt entspannte sich und ging zu seiner Pritsche, um seine Schwerter und die Jacke seiner Rüstung abzulegen. »Warst du beim Schmied?«, ertönte wieder die Stimme des anderen Hexers durch die angelehnte Tür. »Ja«, erwiderte Geralt und zog sich einen Stiefel aus. »Er meinte, dass er deine Rüstung wieder hinbekommt, aber billig wird das nicht. Die Runen sind hinüber.« »Hmpf«, war alles, was der andere Mann erwiderte. Geralt grinste und stemmte seine Zehen gegen die Ferse des zweiten Stiefels, um ihn ebenfalls abzustreifen. »Kann ich dich mal was Fragen?«, wollte er dann wissen, als er seine Hände hinter den Kopf nahm und sich auf den Rücken legte. »Nur zu«, erwiderte Veit. »Warum hast du verheimlicht, dass Valka deine Mutter ist?« Nach einer kleinen Pause kam die Antwort aus dem angrenzenden Raum. »Ich habe es nicht verschwiegen. Zumindest nicht dir gegenüber.« Er machte wieder eine Pause. »Du musst verstehen, dass nach so langer Zeit meine Beziehung zu Valka nicht klassisch die eines Sohnes zu seiner Mutter ist. Sie sieht in mir nicht mehr das Kind, das sie beschützen muss und behandelt mich wie einen Gleichrangigen. Für mich ist sie jetzt ebenfalls eher eine Kampfgefährtin, auch wenn sie früher die Person war, zu der ich hinrannte, wenn die anderen Kinder gemein zu mir waren.« Er lachte kurz auf. »Ich habe schon vor zweihundert Jahren aufgehört sie Mutter zu rufen und nenne sie stattdessen beim Vornamen. Sie ist mir ungeheuer wichtig und ich vergesse nie, dass sie die Frau ist, die mich geboren hat, aber über die Jahre sind wir zu ebenbürtig geworden, um eine klassische Mutter-Sohn-Beziehung zu haben.« Geralt brummte verständnisvoll, sagte dann jedoch: »Aber du wolltest es vor Regis geheim gehalten.« Ein leises Plätschern ertönte, bevor Veit antwortete. »Ja, das stimmt. Zumindest habe ich es versucht, er ist ja doch von allein dahinterkommen. Aber ich wollte einfach nur seine Version der Geschichte hören, bevor ihm bewusst wird, dass ich in gewisser Hinsicht betroffen bin.«
Geralt biss sich grübelnd auf die Wange und schwang sich dann wieder von der Bettstatt. Er ging langsam auf den Nebenraum zu und fragte: »Kann es sein, dass du die beiden wieder zusammenbringen möchtest?« Ein erneutes Plätschern erklang. »Falls du wissen möchtest, ob das von Anfang an mein Plan war. Nein, das war es nicht. Ich war mir nicht mal sicher, ob ich nach Regis Geschichte nicht einfach mein Schwert ziehen würde und ihn wieder einen Kopf kürzer mache. Aber jetzt…«, er machte wieder eine Pause. »Ich hätte nichts dagegen, wenn die zwei wieder zueinanderfinden würden. Ich denke, es würde sie beide sehr glücklich machen. Leider ist das nicht ganz so einfach… .«


Veit blickte nach oben, als die Tür langsam aufschwang und Geralt sich gegen den Türrahmen lehnte. Er hatte grade den Spiegel und die Rasierklinge beiseitegelegt und tupfte sich nun mit einem Tuch die Seifenreste ab, während sich sein Gesicht zu einem immer breiteren Grinsen verzog. »Gefällt dir, was du siehst?«, fragte er amüsiert.
Geralt senkte seinen Blick für eine Sekunde verlegen zu Boden, aber gleich darauf ließ er ihn wieder langsam über den anderen Mann gleiten.
Veit saß in einem Zuber, der mit dampfenden Wasser gefüllt war und den winzigen düsteren Raum mit Nebelschwaden füllte. Der Zuber war luxuriös groß, aber trotzdem musste der Hexer seine Füße auf dem Rand ablegen, um gemütlich darin liegen zu können.
Geralt antwortete ihm nicht. Aber Veit sah, dass der Mann hart schluckte und dann langsam auf ihn zukam. Überrascht richtete er sich etwas weiter auf und stellte die Füße wieder ins Wasser.
Geralt nahm einen kleinen Schemel, setzte sich neben den Zuber und fuhr mit seiner Beobachtung fort. Veit schauderte, als der Mann eine Hand ausstreckte und sein Kinn mit der Rückseite seiner Finger berührte. Zusammen mit seinem Blick ließ er die Finger quälend langsam über die makellose Haut seines Halses, seiner Brust und den kräftigen Bauchmuskeln wandern, bis sie schließlich in die Wasseroberfläche eintauchten. Er quiekte vor Überraschung beinahe auf, als Geralt, statt wie bisher fortzufahren und seine Länge sanft zu streicheln, seine Hand einfach spontan zwischen seine Beine legte und ihn geschickt massierte.
Ohne seine Tätigkeit einzustellen suchte er wieder Veits Augen und blickte ihn intensiv an, während der Mann bei jeder Bewegung seiner Finger wohlig schauderte. »Steh auf«, befahl er und Veit öffnete überrascht seinen Mund. »Bist du dir sicher?« Geralt nickte mit unpassend ernstem Gesicht. »Bin ich. Steh auf.«

Geralt zog seine Hand zurück, als Veit sich an dem Rand des Zubers abstützte, um seiner Aufforderung nachzukommen. Ihm klopfte das Herz bis in den Hals, während der Mann sich vor ihm aufrichtete und Wasser seinen nackten Körper herunter strömte, rauschend zurück in den Bottich floss und auch in vereinzelten Pfützen auf den Boden spritzte. Er atmete scharf ein, als dann der fast vollständig steife Schwanz des Mannes, vor seiner Nase auf und nieder wippte.
Tatsächlich war er sich gar nicht so sicher, ob er das wirklich tun wollte, aber die Erinnerung an die Ekstase, die Veit ihm gestern in Toderas verschafft hatte und der aufregende Anblick, den er grade bot, lockten ihn seine Bedenken zu ignorieren. Er spürte Veits Blick deutlich auf sich liegen, aber Geralt vermied den Blickkontakt und konzentrierte sich ganz auf den aufgerichteten Schwanz, der genau wie der Rest des Hexers, noch von dem warmen Wasser dampfte. Wieder streckte Geralt seine Hand aus und umfasste ihn mit zittrigen Fingern. Er begann mit den gleichmäßigen Bewegungen seines Handgelenks, die er selbst schon unzählige Male für sich selbst benutzt hatte und wunderte sich, wie fremd es sich anfühlte, die bekannte Bewegung an jemand anderem auszuführen. Er liebkoste die Länge mit sanften Druck, während er sich selbst Mut zusprach. Schließlich schluckte er noch einmal seine aufkommenden Bedenken herunter, schloss die Augen und öffnete seinen Mund.

Veit seufzte leise auf, als Geralt ihn in den Mund nahm und versuchsweise mit der Zunge über die zarte Spitze fuhr. Ein kurzes Stöhnen folgte, um den etwas mutigeren Einsatz zu honorieren, als er nun seine Lippen um ihn schloss und leicht an dem pulsierenden Fleisch saugte. Geralt beugte sich weiter nach vorn und ließ ihn tiefer in seinen Mund gleiten, bis sein Würgreflex einsetzte und er sich schnell zurückzog. Er schluckte erneut, diesmal aber nur um seine Kehle zu entspannen und nahm seine Tätigkeit etwas selbstsicherer wieder auf. Jetzt wusste er, wie tief er ihn nehmen konnte und stieß etwas schneller vor, spielte mit seiner Zunge an der Unterseite von Veits Schwanz und zog sich dann wieder zurück. Das wiederkehrende Stöhnen des Hexers ermutigte ihn, den Ablauf direkt zu wiederholen und er erhöhte allmählich das Tempo mit dem er seinen Kopf vor und zurückbewegte und den Druck, den er mit seiner Zunge ausübte.
Veit griff unwillkürlich mit einer Hand in Geralts Haar und er konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als er spürte, wie der Mann um die Beherrschung kämpfte, ihn nicht mit der Hand zu führen.
Zu seiner Überraschung empfand Geralt es, anders als er befürchtet hatte, gar nicht ekelhaft den Hexer in seinem Mund zu haben. Es war lediglich ungewohnt und er war viel zu groß um ihn ganz in den Mund nehmen zu können, aber sein Geschmack war absolut nicht unangenehm. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann empfand er ihn sogar irgendwie… erregend.
Nach einigen Momenten dieser ungewohnten Tätigkeit, machte sich jedoch seine Kiefermuskulatur schmerzhaft bemerkbar. Es strengte ihn ziemlich an seinen Mund so einzusetzen. Als er sich dann schließlich kurz zurückziehen musste, um seinen Kiefer etwas zu entspannen, traute sich Geralt, auch endlich die Augen zu öffnen und zu Veit hochzusehen.
Der Hexer hatte den Kopf weit in den Nacken gelegt und atmete in schnellen, heftigen Atemzügen, durch seinen weit geöffneten Mund. Geralt war wieder dazu übergegangen, ihn mit seiner Hand zu streicheln und bei den Bewegungen seiner Finger, durchfuhr ein wohliges Schaudern den Mann. Neugierig geworden, lehnte Geralt sich erneut vor und streckte seine Zunge heraus, diesmal ohne den Blick vom Gesicht des Mannes zu lösen. Er fuhr mit seiner Zungenspitze neckisch um den Rand des Kopfes und beobachtete Veits Reaktion. Der stöhnte laut auf und zuckte so heftig zusammen, dass er Geralt beinahe seinen Schwanz in den Hals gerammt hätte.
Geralt zog sich erneut zurück und grinste, während er wieder mit seinen Fingern arbeitete. Die Sache fing an, ihm wirklich Spaß zu machen. Es war ein berauschendes Gefühl den Hexer, im wahrsten Sinne des Wortes, in der Hand zu haben.
Er bemerkte, dass Veit ebenfalls wieder seine Augen geöffnet hatte und nun mit getrübtem Blick zu ihm heruntersah. Er wehrte sich nicht, als sich auch die andere Hand des Mannes in seinen Nacken legte und seinen Kopf wieder zu seinem Schwanz drückte. Gehorsam nahm er ihn wieder in den Mund und schloss seine Lippen darum. Mit langsamen und vorsichtigen Bewegungen seiner Hüfte stieß Veit nun tiefer in seinen Mund. Er stoppte vorsorglich, bevor es zu viel für Geralt wurde und zog sich zurück, nur um gleich wieder zuzustoßen.
Geralt riss erstaunt die Augen auf, als ihm wirklich bewusst wurde, was Veit in dem Moment mit ihm machte. Es kam ihm zwar absurd vor, aber die Erkenntnis widerstandslos in den Mund gefickt zu werden, ließ einen heißen Strom von Erregung direkt zwischen seine Beine fahren. Er war es gewohnt beim Sex die Kontrolle zu haben, nicht, weil er es unbedingt wollte, sondern mehr, weil es von ihm gefordert wurde und jetzt einfach mal für einen Moment die Kontrolle abzugeben war neu und aufregend.
Es dauerte nicht lange, bis seine wachsende Erektion unangenehm in seiner Hose eingeklemmt wurde und er bewegte sich unruhig auf dem Schemel. Er wollte Veit nicht unterbrechen, also versuchte Geralt seine Hose zu öffnen, während er sich aber gleichzeitig intensiv auf seine Atmung und die Bewegung seiner Zunge konzentrieren musste.
Nachdem er es endlich geschafft hatte die Bänder zu lösen und er sich aus der engen Hose befreien konnte, stöhnte er erleichtert auf. Die Erleichterung hielt jedoch nicht lange an, denn nun verkrampfte sich sein Kiefer wieder. Er versuchte seinen Mund etwas weiter zu öffnen, um die Spannung zu lockern, aber außer, dass ihm nun Speichel aus dem Mundwinkel sickerte, half es ihm nicht.
Plötzlich stoppte Veit seine Bewegung und sah fragend zu ihm herunter. Als er bemerkte, dass Geralt sich unbehaglich fühlte, zog er sich aus dem Mund des Mannes zurück. Dabei fiel sein Blick in dessen entblößten Schritt und er grinste breit. Er packte ihn fest am Oberarm, zog ihn fordernd auf die Beine und noch näher zu sich heran.
Geralt seufzte glückselig, als ihre Lippen sich trafen und erwiderte den leidenschaftlichen Kuss begeistert. Ohne den Kuss zu unterbrechen, legte Veit ihm eine Hand auf den unteren Rücken und drückte seinen Unterleib gegen seinen eigenen. Als sich ihre heißen, pochenden Erektionen berührten, verschwand die Hand wieder von seinem Rücken, nur um sich gleich darauf um sie beide zu legen und sie mit sanften Tempo zu massieren.

Geralt löste sich stöhnend von Veits Lippen und genoss die Berührung für einige Sekunden mit geschlossenen Augen. Dann beugte er seinen Kopf, verteilte federleichte Küsse auf dem Hals des Mannes. Sein Atem beschleunigte sich unter der kontinuierlichen Bewegung von Veits Hand und seine Küsse wurden mit jeder weiteren Bewegung immer wieder von unkontrolliertem Stöhnen unterbrochen. Es dauerte nicht lange, bis er irgendwo am Rande seines Bewusstseins spürte, wie Veits ganzer Körper sich zitternd schüttelte. Das bisher leise Stöhnen des Mannes wurde laut und schließlich beugte er sich vor und biss in Geralts Schulter, um einen Schrei zu unterdrücken. Veits Bewegungen wurden fahriger und abgehakt, aber er schaffte es solange weiterzumachen, bis Geralt nicht weniger heftig kam und seinen heißen Samen über dessen Hand verteilte.

Erschöpft stützte sich Geralt auf den breiten Schultern des andern Hexers ab, der sich selbst kaum auf den Beinen halten konnte. Zusammen schafften sie es aber, trotz ihrer zittrigen Knie auf den Beinen zu bleiben. Sie sahen sich einen Moment schwer atmend in die Augen, dann mussten sie beide lachen.
»Das war… das war wirklich gut.«, sagte Geralt noch immer atemlos. »Das war wirklich, wirklich gut.« Veit beugte sich vor und küsste ihn erneut, dann fragte er zwinkernd. »Gut genug, um das bei Gelegenheit zu wiederholen?« Geralt grinste, trat einen Schritt zurück und zog sich sein Hemd über den Kopf. »Ich kann es kaum erwarten«, sagte er lasziv, stieg aus der Hose, die ihm ohnehin nur noch auf Höhe der Knie hing und kletterte ebenfalls in den Zuber. Veit setzte sich wieder grinsend hin und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand der Wanne. Diesmal spreizte er aber seine angewinkelten Beine um Platz für Geralt zu machen, der sich direkt vor ihn setzte und sich dann zufrieden seufzend gegen Veits makellose Brust lehnte. Veit schlang seine Arme um ihn, zog ihn noch näher zu sich heran und legte dann sein Kinn auf Geralts Schulter ab. Die Wärme des Wassers und die Behaglichkeit ihrer Berührung ließ sie zufrieden entspannen.

Geralt griff nach Veits langem Zopf, der ihm über die Schulter gefallen war und ließ ihn sich nachdenklich durch die Finger gleiten. Irgendwo in seinem Hinterkopf piepste eine Stimme, die ihn daran erinnerte, dass er eigentlich schockiert sein sollte, aber er fühlte sich in den Armen des anderen Hexers wohl und zufrieden. Die Angst und der Stress, den er sich in den letzten Tagen wegen seinen unklaren Gefühlen Veit gegenüber gemacht hatte, fielen von ihm ab und er entspannte herrlich. Er war sich zwar immer noch nicht im Klaren darüber, was das zwischen ihnen war, aber zumindest beunruhigte ihn jetzt nicht mehr die Vorstellung mit dem Mann Sex zu haben. Er grinste wieder, während er weiter mit Veits Haaren spielte. Es beunruhigte ihn sogar nicht mehr im Geringsten. Lächelnd schloss er seine Augen und genoss das Gefühl von Veits Fingern, die träge seine Brust kraulten, während er dabei leise vor sich hin summte.
Nach einigen Minuten erinnerte sich Geralt an ihr vorangegangenes Gespräch und ohne die Augen zu öffnen fragte er: »Um noch mal auf deine Mutter zurückzukommen…« Veit unterbrach ihn sofort, indem er ihm lachend einen spitzen Finger in die Seite bohrte. »Das ist jetzt genau so ein Moment, wo ich unbedingt über meine Mutter sprechen möchte.« Grinsend drehte Geralt sich zur Seite, um dem Finger auszuweichen. »Es tut mir leid, aber du kannst mir meine Neugierde schlecht übel nehmen. Ohne deine Geheimniskrämerei wäre das alles kein Thema gewesen.« Er seufzte nachgiebig. »Also gut. Was willst du wissen?«
Geralt platschte leicht mit seiner Hand durch das Wasser, während er sprach. »Ich behaupte nicht, Regis zu durchschauen, aber ich würde meine rechte Hand drauf verwetten, dass er Valka immer noch liebt.« Er spürte, wie Veit nickte. »Aber was ist mit Valka? Liebt sie ihn noch?«
Veit knabberte nachdenklich an seiner Unterlippe. »Meine Mutter ist… kompliziert. Auf die Frage, ob sie Regis noch liebt, würde ich mit einem ganz klaren ja antworten. Ich denke, dass sie ihn immer geliebt hat, auch trotz seines… Ausrutschers. Aber das ist nicht das Problem.« »Und was ist dann das Problem?«, wollte Geralt wissen. Veit schwieg einen Moment, dann sagte er mit unterkühlter Stimme: » Es gibt da diesen Kerl.«
»Sie hat einen anderen?« Geralt drehte erstaunt seinen Kopf zur Seite, um ihn anzusehen. Veit schnitt eine Grimasse und nickte dann finster. »Du magst ihn wohl nicht besonders, hm?«
Veit wiegte seinen Kopf unentschlossen hin und her. »Es war nicht immer so. Es gab sogar mal eine Zeit, in der ich ihn ziemlich bewundert habe, aber inzwischen… . Er liebt Valka, daran habe ich keinen Zweifel. Manchmal bekommt man sogar den Eindruck, dass er regelrecht von ihr besessen ist, aber das ist auch nicht das Problem.« Geralt legte seine Hand auf Veits, die noch immer auf seiner Brust ruhte und drückte sie sanft. »Und was ist das Problem«, fragte er dann vorsichtig. »Ich bin mir sicher, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Und selbst wenn ich mich damit irre, würde ich trotzdem Diamanten gegen Nüsse wetten, dass sie weitaus mehr für Regis übrig hat.« Er starrte so finster auf die Wasseroberfläche, dass Geralt lieber darauf verzichtete weitere Fragen zu stellen.
Nach einigen Minuten des Schweigens wurde sein Blick jedoch wieder weich und Veit wandte sich seinerseits an Geralt. »Kann ich dir jetzt mal eine Frage stellen?« Geralt nickte lediglich. »Hattest du jemals Probleme damit, dass Regis ein Vampir ist?« Die Frage erstaunte ihn, aber er dachte einen Moment nach, bevor er antwortete. »Ja, es gab da tatsächlich einmal einen Moment. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich merkte was Regis ist, aber nachdem ich mir dann sicher war, steckte ich in einem Zwiespalt. Ich war unsicher ob ich ihm nach einer solchen Offenbarung noch trauen konnte, aber andererseits hatte er mir und meinen Begleitern bis dahin schon sehr geholfen.«
»Was hat dich letztendlich veranlasst, ihm zu vertrauen?« Geralt lachte leise auf. »Seine Penetranz. Er hat sich schlicht nicht vertreiben lassen.« Dann wurde er wieder ernst. »Zum Glück. Vermutlich hätte ich Stygga ohne ihn nicht überlebt.«
»Ist er wirklich… verbrannt?«, fragte Veit nachdenklich und bis sich dann auf die Lippe als Geralt zur Erwiderung bitter nickte. »Es war… einfach unglaublich grauenvoll.« Nach einem Moment des Schweigens fügte er dann fröhlicher hinzu: »Du kannst dir kaum vorstellen, wie glücklich ich war als er plötzlich in Toussaint vor mir stand. Man sieht ihm zwar immer noch deutlich an, was er durchgemacht hat, aber er lebt immerhin.« Veit nickte verständnisvoll und sagte dann mit leiser Stimme: »Ich hätte es nie gedacht, aber ich mag ihn wirklich.« Geralt lächelte ihn an und kuschelte sich dann weiter an seine Brust. Als er seinen Kopf etwas vorbeugte, um Veit einen kleinen Kuss auf den Hals zu drücken, schlang dieser sofort wieder fester seine Arme um ihn und begann zärtlich an seinem Ohr zu knabbern. Daran könnte ich mich wirklich gewöhnen.
Veit brummte zufrieden und öffnete dann verschmitzt nur ein Auge, um Geralt anzusehen. »Du könntest auch eine Rasur vertragen.« Das dreckige Grinsen, das sich daraufhin auf Geralts Gesicht breitmachte, ließ Veit auflachen und er drehte sich etwas in dem Zuber, um sein Rasierzeug zu greifen. »Ich ahne, worauf das hinausläuft.«

 

~

 

Als die beiden Hexer einige Zeit später ihr Bad beendet und sich wieder angezogen hatten, wurde Geralt plötzlich unruhig. Sie hatten sich viel Zeit genommen und es war anzunehmen, dass Regis seinen Spaziergang bereits vor einer ganzen Weile beendet haben musste. In seinem Magen machte sich die leise Angst breit, dass der Vampir vielleicht schon eine Weile in der angrenzenden Schlafkammer war und womöglich wieder Zeuge ihrer… Aktivitäten geworden war.
Als er die Tür öffnete und den Raum leer vorfand, atmete er erleichtert aus. Mit schnellen Schritten ging er zu seiner Pritsche, um seine Stiefel wieder anzuziehen, dann folgte er Veit, der bereits an ihm vorbei in die Schankstube gegangen war.
Dort angekommen sah er den Hexer zusammen mit Regis, der völlig in ein Buch vertieft war, an einem der Tische sitzen und ging auf die beiden Männer zu. Veit lächelte ihn an und fragte: »Möchtest du Bier oder Schnaps.« »Bier«, antwortete Geralt sofort und Veit griff nach dem Krug, der schon vor ihm auf dem Tisch stand, um einen weiteren Becher einzuschenken. Als Geralt den Becher dankend entgegennahm, ertönte plötzlich Regis Stimme, der hinter dem Buch in seiner Hand fast nicht zu sehen war. »Achte darauf dich nicht zu bekleckern. Es wäre doch bedauerlich, in Anbetracht der Zeit und des Aufwandes, den ihr zwei in eure Körperhygiene gesteckt habt.«
Geralt stellte den Becher heftig und laut auf der Tischplatte ab. »Ich glaube, ich hätte jetzt doch lieber Schnaps«, sagte er zähneknirschend und warf einen wütenden Blick auf das erhobene Buch, hinter dem ein leises Kichern erklang.

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»Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?«, fragte Geralt, als Veit zu ihm und Regis an den Tisch kam und sich ebenfalls auf der Bank niederließ. Frustriert schüttelte der Hexer seinen Kopf und stützte ihn dann in seine Hand. »Gar keine. Weder sind neuen Flüchtlinge angekommen, noch gab es weitere Angriffe. Es ist wie… verhext.«
Geralt legte seine Stirn in Falten, erwiderte jedoch nichts. »Es ist wirklich außerordentlich verwunderlich«, entgegnete stattdessen Regis, der sich eine Hand an den Mund gelegt hatte. »Wochenlang verfolgen die Angriffe ein nachvollziehbares Muster, in zuverlässiger Häufigkeit und ganz plötzlich herrscht Chaos. Erst wird das Muster unregelmäßig und dann ziehen die Vampire sich anscheinend ganz zurück.« »Die Frage ist also, was hat sich geändert?«, meldete sich nun auch Geralt zu Wort und erntete ein kleines Lächeln von Regis. »Liegt, dass den nicht auf der Hand, mein Freund? - Wir.« Die Falten auf Geralts Stirn wurden noch etwas tiefer. »Wir? Wie meinst du das?« Regis nahm seine Hand aus dem Gesicht und legte sie stattdessen neben die andere auf der Tischplatte. »Nachdem was dein Hexerfreund Eskel sagte, sind wir die einzigen Neuankömmlinge hier, die nicht vor den Vampirangriffen geflohen sind. Das veränderte Verhalten trat auch erst mit unserer Ankunft ein. Es ist nur logisch anzunehmen, dass wir, oder zumindest jemand aus unserer… Hansa, der Auslöser ist.« Er machte eine kurze Pause und trommelte nachdenklich mit seinen scharfen Nägeln auf dem Holz des Tisches. »Vielleicht bezieht es sich auf eine bestimmte Person aus einem noch undefinierten Grund. Vielleicht ist aber auch der außerordentliche Umstand, dass sich gleich vier erfahrenen Hexer hier versammelt haben, einfach zu abschreckend.«
»Du meinst, der Obervampir hat von uns erfahren und macht sich jetzt ins Hemd?«, fragte Veit grinsend. »Ohne eure Fähigkeiten gering schätzen zu wollen, würde ich dennoch sagen, dass das wohl kaum die Reaktion ist, die ihr auslöst. Zumal wir nicht vergessen dürfen, dass es sich lediglich um eine Hypothese handelt, dass der höhere Vampir das Rudel anführt. Eine sehr naheliegende Hypothese, aber dennoch eine Hypothese. Er könnte genauso gut rein zufällig hier sein oder nur aus Interesse die Ereignisse verfolgen.« Regis hob die Hand, um Veit zu unterbrechen, der etwas einwerfen wollte. »Gehen wir nun aber davon aus, dass mein Artgenosse das Rudel anführt, dann verfolgt er damit ein bestimmtes Ziel. Und das Erreichen des Ziels könnte durch unsere, beziehungsweise eure Anwesenheit gestört oder gefährdet sein. Die ausbleibenden Angriffe könnten also ein Zeichen dafür sein, dass er sein Vorgehen überdenkt und nach alternativen sucht, um nicht Gefahr zu laufen von euch gestört zu werden.«
Geralt strich sich nachdenklich durch die Haare und dachte einen Moment über Regis Argumentation nach. »Ich bezweifle stark, dass es sich nur um einen Zufall handelt, dass sich jetzt hier ein höherer Vampir rumtreibt. Zumal du selbst gesagt hast, dass es unwahrscheinlich ist, dass die niederen Vampire sich aus eigenem Antrieb zusammentun. Nein, ich denke wir können davon ausgehen, dass er der Verantwortliche ist.« Regis nickte ihm leicht zu. »Dann gilt es jetzt also eine Frage zu klären«, meldete sich Veit wieder zu Wort. »Was hat der Vampir vor?«
»Ich hoffe, dass wir in Kürze eine Antwort darauf erhalten«, sagte Regis und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung der Tür. Die beiden Männer drehten ihre Köpfe, um in die angegebene Richtung zu sehen, als sich die besagte Tür öffnete und Zoltan, gefolgt vom Rest seiner Gruppe, müde in den Schankraum schleppte und nach einigen konfusen Blicken über die Tische, zielsicher auf ihren zukamen.

 

~

 

Eskel tunkte ein weiteres Stück Brot in seine halb geleerte Schüssel Eintopf, bevor er es sich aber in den Mund steckte, fragte er: »Und ihr seid euch sicher, dass ein höherer Vampir im Spiel ist?« Regis hatte die Fingerspitzen vor seinem Gesicht zusammengelegt und blickte den Hexer darüber hinweg nickend an. »Dessen bin ich mir absolut sicher.« »Hast du ihn denn erkannt?«, fragte der Hexer nun mit vollen Mund und bekam diesmal ein Kopfschütteln als Antwort. »Ich weiß nicht direkt wie ich es für euch verständlich machen soll.« Nachdenklich legte er eine Hand an sein Kinn. »Ich habe keine Ahnung, wer der Vampir sein könnte. Ich konnte keinen Hinweis auf seine Identität oder auch nur einen Geruch wahrnehmen. Es war mehr so eine Art Gefühl.« Ungläubig lehnte Geralt sich nach vorne und starrte seinen Freund an. »Moment, soll das heißen, du hast nur das Gefühl, dass dort ein höherer Vampir war?« Regis wedelte beschwichtigend mit seiner Hand in die Richtung des Mannes. »Ich versichere dir, er war dort. Wir Vampire sind außerhalb unserer Familie, unseres… Rudels, ein wenig territorial. Wir spüren instinktiv die Gegenwart eines anderen. Allerdings gibt uns dieses Gefühl keinerlei Auskunft über die Person. Diesem Instinkt verdankte ich auch meine Rettung durch Dettlaff. Er nahm meine Gegenwart wahr und machte sich dann neugierig geworden auf die Suche nach mir.«
Grübelnd knabberte Valka an ihrer Unterlippe, während sie mit dem Löffel die Kartoffelstücke in ihrem Eintopf durch die Gegend schon. Nach einem Moment ließ sie den Löffel fallen und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. »Dann würdest du ihn nicht erkennen, wenn er dir über den Weg läuft?« Wieder schüttelte Regis den Kopf. »Zumindest könnte ich nicht feststellen, ob es sich um die Person handelt, die sich in Toderas aufgehalten hat.«
»Aber spielt das denn eine Rolle?«, wollte Rittersporn wissen. »Seien wir mal ehrlich, wie viele Vampire können denn hier schon unterwegs sein? Wir wissen, dass ein höherer Vampir die Fäden zieht. Also muss Regis ihn nur finden und ihr erledigt ihn.«
Valka seufzte laut auf und lehnte sich wieder an den Tisch. »Man sollte meinen, dass du in der Zeit die du mit Geralt befreundet bist, mehr über die Hexerarbeit gelernt hättest. Zunächst können wir uns eben nicht sicher sein, ob der erstbeste Vampir, der uns über den Weg läuft, auch tatsächlich der Gesuchte ist. Es ist nicht auszuschließen, dass die Vampiraktivität hier auch interessierte Beobachter anlockt und ich habe nicht die geringste Lust unbeteiligte Vampire mit falschen Beschuldigungen zu verärgern. So etwas ist nämlich ganz schlecht für die Gesundheit. Und der nächste Punkt ist, wir können ihn nicht einfach erledigen. Wenn wir ihn gefunden haben, was schon schwierig genug sein wird, dann müssen wir uns eine verdammt gute Strategie einfallen lassen, um ihn zu überwältigen. Und mir wäre es persönlich lieber, wenn wir erst mal versuchen, mit ihm zu reden, bevor wir unseren Hals riskieren. Und erst wenn das scheitert, benutzen wir die Klingen, beten dass wir alle überleben und überlegen uns dann im Anschluss was wir mit seinen Überresten machen.«
»Ich weiß, dass Hexer keinen Vampir töten können, aber Regis kann doch…« »NEIN«, unterbrachen Geralt und Valka den Barden synchron. »Nein«, wiederholte Geralt etwas ruhiger. »Es kommt nicht in Frage, dass Regis irgendwie gegen den Vampir tätig wird. Die Konsequenzen für ihn wären viel zu gravierend. Wir müssen das alleine Regeln.«
Regis hob beschwichtigend die Hände und verhinderte so einen weiteren Einwurf von Rittersporn. »Es ist müßig, jetzt darüber zu diskutieren. Ich stimme Valka zu, wir sollten den Vampir zunächst einmal finden und versuchen mit ihm zu reden. Vielleicht können wir ihn überzeugen, seine schändlichen Angriffe einzustellen. Auf jeden Fall sollten wir alles daran setzen die offene Konfrontation zu vermeiden. Da wir aber leider keinen Hinweis auf seinen derzeitigen Aufenthaltsort bekommen haben, bleibt uns zunächst nur die Suche nach seinem Motiv.« »Richtig«, meldete sich Geralt wieder zu Wort. »Hat euch der Waidelar etwas Brauchbares liefern können?«
»Du meinst abgesehen von den Albträumen über alte Spinner, die alleine mit ihrer Ziege im Wald hausen?«, fragte Zoltan. »Nicht so richtig.« »Gar nichts?«, wollte Geralt ungläubig wissen. »Nein, so kann man das auch nicht sagen«, mischte sich Eskel wieder ein. »Er hatte uns erwartet und wusste, was wir von ihm wollten. Die Vision gab aber nicht viel her. Alles was er sagte war, verzehrendes Verlangen eines giftigen Herzens. Alt und Mächtig, sehnt es sich nach dem größten Schatz. Scharfe Klauen versuchen zu halten, was rechtmäßig eines anderen ist. Zumindest konnten wir uns da keinen Reim draufmachen. Aber vielleicht kann Regis etwas dazu sagen?« Sofort richteten sich alle Augen auf den Vampir und starrten ihn gespannt an. Er lehnte sich etwas zurück und starrte für einen Moment grübelnd an die Decke, dann nickte er leicht mit seinem Kopf. »Interessant«, sagte er dann. »Ich habe leider nicht die geringste Ahnung, was das bedeuten könnte.« Die anderen starrten ihn entgeistert an, aber dann fuhr Regis fort. »Nun wir können wohl davon ausgehen, dass damit tatsächlich der höhere Vampir gemeint ist. Alt und mächtig, scharfe Klauen, das sind schon starke Indizien. Aber welcher Schatz könnte bloß gemeint sein?«
»Besteht eine Chance, dass es sich um einen Goldschatz handelt?«, fragte Rittersporn interessiert. »Unwahrscheinlich. Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit ausschließen, aber anders als die Menschen genießt mein Volk zwar Luxus, aber wir neigen nicht dazu Reichtümer anzuhäufen. Nein, ich denke, es könnte sich vielleicht eher um ein magisches Artefakt oder vielleicht ein Relikt aus unserer alten Heimat handeln. Aber warum versucht er, es mit scharfen Klauen zu halten? Das würde doch bedeuten, dass jemand, vermutlich der Rechtmäßige versucht, es ihm wieder abzunehmen. Was wiederum bedeuten würde, dass wir es nicht mit einem höheren Vampir und seinen niederen Schergen zu tun bekommen, sondern dass auch noch ein zweiter Vampir oder vielleicht ein Magier involviert sein müsste.«
»Vielleicht ein potentieller Verbündeter?«, schlug Geralt vor. Valka schüttelte den Kopf. »Wenn er versucht den Schatz zu halten, dann wird die Vision vermutlich eher den Dieb beschreiben und nicht unseren Angreifer. Und vergesst nicht, unser Dieb hat laut den Geistern des Waidelers ein giftiges Herz.« »Also kein guter Verbündeter. Dann bedeutet das aber, dass unser Vampir meuchelnd durch Velen zieht, um sein Eigentum zurückzuholen.«
»Wir sollten uns mit unseren Spekulationen besser zurückhalten«, unterbrach Regis den Hexer mit energischer Stimme. »Wie es scheint, kommen wir mit der Suche nach einem Motiv auch nicht weiter, daher bleibt uns dann bedauerlicherweise, doch nur die Suche nach dem Vampir selbst. Und die Hoffnung, dass er gesprächsbereit sein wird.« Er blickte nacheinander in die missmutigen Gesichter und wartete geduldig auf eine Reaktion. Nach einer Weile war Valka die Erste, die missmutig nickte und nach und nach schlossen sich die anderen, nicht weniger unzufrieden mit der Situation, an.
»Das wird bestimmt lustig«, bemerkte Eskel ironisch und verzog sein Gesicht. »Wieder einmal ziehen wir los und suchen die gesamte Umgebung nach Vampirspuren ab.« Valka lächelte ihm verständnisvoll zu und strich sich eine Haarlocke aus der Stirn. »Wir sind ja nun ein paar Hexer mehr, entsprechend dürften wir schneller auf eine Spur stoßen.« »Und was machen wir, wenn wir fündig geworden sind?«, fragte Veit. Valka legte den Kopf schief und dachte über seine Frage nach. Ihr Blick fiel auf Regis und blieb dort hängen, dann schlug sie vor: »Regis könnte uns seine Vögel nachschicken. Wenn einer von uns auf etwas stößt, könnten sie die anderen informieren. Wir sammeln uns und folgen gemeinsam der Spur des Rudels.« Eskel stand von der Bank auf, nachdem Regis zustimmend genickt hatte und klopfte auf den Tisch. »Ich habe noch einen ordentlichen Vorrat an Mondstaubbomben, Vampiröl und Schwarzem Blut. Das dürfte problemlos für uns alle reichen. Zögern wir es also nicht länger heraus und machen uns auf. Ich will das hinter mich bringen.«
»Augenblick mal«, warf Zoltan in die Runde, als die anderen Hexer ihre Schüsseln wegschoben und sich ebenfalls erhoben. »Ihr habt bisher nur von euch gesprochen. Was ist mit Rittersporn und mir?«
Geralt drehte sich wieder zu seinem Freund um. »Es ist besser, wenn ihr diesmal hierbleibt.« Zoltan stemmte beleidigt die Hände in die Seiten und wollte protestieren, aber der Hexer kam ihm zuvor. »Glaub mir Zoltan, es ist besser so. Wir sind alleine schneller und ihr zwei solltet nicht ohne einen von uns losziehen. Es ist nicht auszuschließen, dass wir versehentlich dem ganzen Rudel in die Krallen laufen.« Der Zwerg starrte ihn noch einen Augenblick finster an, ließ dann aber wieder seine Arme sinken und nickte nachgiebig. »Meinetwegen.« Er kratzte sich nachdenklich den Bart und winkte dann Geralts Richtung. »Aber, wenn ihr gegen die Mistviecher zieht, dann will ich dabei sein.« Der Hexer grinste ihn freudlos an. »Ich fürchte, dann sind wir auch auf deine Axt angewiesen.«
Valka seufzte und griff nach ihren Schwertern, die an der Wand hinter ihr lehnten. »Ich werde dann schon mal in den Stall gehen und die Pferde vorbereiten.«
Geralt klopfte Eskel auffordernd auf die Schulter und deutete mit dem Kopf in Richtung ihres Schlafraums. »Wir beide holen dann besser die Ausrüstung.« Er drehte sich zu den anderen. »Veit, du hilfst deiner Mutter und Regis, du informierst bitte deine Vögel. Wir treffen uns gleich draußen. Besser wir verschwenden keine Zeit mehr.«
»Wie?«, fragte Rittersporn verdutzt, als Geralt sich grade aufmachen wollte. »Rittersporn, du bleibst hier und versuchst nichts anzustellen«, ergänzte der Hexer schmunzelnd und stupste Eskel ein weiteres Mal an, um ihn aufzufordern, ihm zu folgen. »Nein, einen Augenblick mal«, hielt der Barde sie ein weiteres Mal auf und starrte Veit mit großen Augen an. »Hab ich das eben richtig verstanden? Deine Mutter?« Er blickte schnell zu Valka und starrte sie dann ebenfalls erstaunt an. »Soll das heißen, dass du…? Du bist die Mutter von dem da?«, fragte er die Frau und zeigte dabei ungeniert auf Veit. Valka nickte amüsiert. »Rittersporn, bitte. Wir haben dafür jetzt keine Zeit«, versuchte Geralt ihn zu bremsen. Der Mann ignorierte seinen Einwurf und wandte sich wieder an die Hexerin. »Aber wie… funktioniert das denn?« Diesmal lachte Valka laut auf. »Ich hatte eigentlich erwartet, dass ein Mann in deinem Alter weiß, wie so etwas passiert.« Rittersporn verzog das Gesicht und gestikulierte in der Luft herum. »Ich meine natürlich, wie kannst du seine Mutter sein, wenn Hexer keine Kinder zeugen können?« Er stutzte einen Moment. »Oder gilt das nur für die Männer?«
Die anderen lachten nun ebenfalls auf, bloß Geralt legte sich genervt eine Hand über die Augen. Die Hexerin schmunzelte und warf einen kurzen abschätzenden Blick auf Geralt. Nach einem Moment wandte sie sich wieder an den Barden. »Also gut, kurzer Grundkurs in Hexerbiologie. Hexer sind nicht grundsätzlich unfruchtbar.
Damit ein Kind zustande kommt, müssen beide potentielle Elternteile einen kompatiblen Stoffwechsel aufweisen. Deswegen können sich Menschen zum Beispiel auch mit Elfen fortpflanzen. Es gibt zwar Unterschiede zwischen den Arten, aber ihr Stoffwechsel ähnelt sich ausreichend. Die Mutationen verändern unsere Körper aber so sehr und auf so unnatürliche Weise, dass sich unser gesamter Stoffwechsel gravierend von denen anderer Arten unterscheidet. Reicht dir das als Erklärung?«
Rittersporn schüttelte mit offenem Mund, langsam den Kopf, während er weiterhin fassungslos zwischen den Hexern hin und her sah. Dann besann er sich plötzlich und schüttelte seine Überraschung etwas ab. »Aber, wenn es niemanden gibt, der genauso ist wie ihr, wie kann dann…?« »Ach verdammt Rittersporn«, unterbrach Eskel nun ungeduldig den Barden. »Wenn ein Hexerin - und – ein – HEXER sich sehr lieb haben, dann wird die Hexerin mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später ein Kind bekommen. So schwer ist das doch nun wohl wirklich nicht.«
Während Eskel dem Barden, betont langsam, die offensichtliche Erklärung lieferte, bemerkte Geralt, dass Valka einen raschen Seitenblick auf Regis warf, der vollkommen unbeteiligt Abseits stand und gedankenverloren aus dem Fenster starrte. Trotz ihrer vorangegangenen Heiterkeit, schien ihr das Thema nun plötzlich unangenehm zu sein und sie verlagerte unbehaglich ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Kein Wunder, wenn der Ex neben dir steht, dachte Geralt. Veit hat wohl recht und sie hat immer noch Gefühle für ihn. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung… »Aber wie konntet ihr herausfinden, dass das nur untereinander funktioniert?«, riss der Barde ihn wieder das seinen Gedanken. »Empirische Untersuchungen«, entgegnete Eskel trocken. »Soll heißen?«
»Verdammt nochmal Rittersporn, hat dir die Landluft den Verstand eingetrocknet? Die haben es mit den andern getrieben und irgendwann gemerkt, dass die dicken Bäuche ausbleiben.«
Rittersporn legte den Kopf schief. »Ja, das klingt natürlich logisch. Aber…?« »Was aber? Spuck es aus, damit wir endlich aufbrechen können«, sagte Geralt nun ziemlich ungeduldig. Rittersporn sah ihn schafsäugig an. »Hexer haben echt mit allen…?« »Woahhh. Stopp, Rittersporn. Sprich nicht weiter«, unterbrach ihn nun Veit. »Es gibt durchaus ein paar Arten, bei denen wir lediglich vermuten können, dass die ebenfalls inkompatibel sind. Aber das spielt ja auch keine Rolle mehr.« »Warum?«, fragte der Barde stumpf. »Wenn in den vergangenen Jahrhunderten, nie ein einziger Hexer auch nur ansatzweise betrunken genug war, um einen Troll oder eine Striege ins Heu zu werfen, dann wird das auch ganz sicher nicht mehr passieren. Und ich wäre dir jetzt sehr dankbar, wenn wir das Thema fallen lassen könnten, vielleicht verschwinde dann auch die Bilder wieder aus meinem Kopf«, erklärte Veit schaudernd.
»Wir treffen uns gleich vor dem Stall«, kam Valka dem Barden zuvor, der bereits wieder den Mund geöffnet hatte, um etwas zu sagen. »Trödelt nicht.« Dann warf sie einen letzten Blick mit hochgezogenen Augenbrauen in die Runde und drehte sich um, um den Schankraum zu verlassen.

 

~

 

»Ich wünsche mir langsam, dass der ganze Mist zum Ende kommt«, seufzte Veit, während er der Straße folgte die sie aus Lindental herausführte. Geralt, der neben ihm ritt, nickte beipflichtend. »Ich bin froh Regis und Eskel wieder bei mir zu haben, aber inzwischen habe ich auch die Schnauze voll. Ich bin nicht scharf drauf, mich schon wieder mit einem Vampir anzulegen und statt diesem ganzen ergebnislosen Herumgesuche, würde ich bedeutend lieber auf der Terrasse von meinem Haus sitzen und Wein trinken.«
Veit stimmte ihm mit einem Kopfnicken zu, drehte dann aber schnell seinen Kopf zur Seite, um den besorgten Ausdruck zu verstecken, der plötzlich auf seinem Gesicht lag. Er war jedoch nicht schnell genug, um Geralts Aufmerksamkeit zu entgehen. Verwundert starrte der den anderen Hexer an. Bevor er jedoch eine Frage stellen konnte, deutete Veit plötzlich nach vorne, wo Valka und Eskel ritten und anschließend in den Himmel über ihnen, wo ein Schwarm Raben seine Kreise zog. »Wir sind gleich an der Gabelung. Die Vögel sind auch schon da, wird also Zeit, dass wir uns trennen.«
Geralt reagierte nicht auf ihn und zog stattdessen etwas an den Zügeln, um Plötze zu verlangsamen. »Veit. Warte mal kurz.« Für einen Moment sah es so aus, als ob der Hexer überlegte, ob er der Aufforderung überhaupt nachkommen sollte, dann zog er aber ebenfalls an Lapis Zügeln und hielt sich neben Geralt, der den Abstand zwischen ihnen und den beiden Hexern vor ihnen, größer werden ließ.
Als Eskel und Valka außer Hörweite waren, fragte er mit leiser Stimme: »Wenn das hier vorbei ist…, kommst du dann wieder mit mir zurück nach Corvo Bianco?«
Statt dem besorgten Ausdruck, huschte nun ein gequälter schnell über Veits Gesicht, wurde aber sofort wieder von seinem gewohnten breiten Grinsen vertrieben. »Du hast das Gästezimmer wohl nicht gern Leerstehen?«, fragte er bemüht lässig.
Geralt starrte ihn einen Moment irritiert an. Es war offensichtlich, dass das Grinsen des Mannes nur aufgesetzt war und das beunruhigte ihn. Er war sich zwar noch nicht ganz sicher, wo er selbst mit dem Mann stand, aber in ihm stieg das ungute Gefühl auf, dass er dessen Absichten falsch interpretierte. »Ich meinte nicht, als… Gast«, sagte er schließlich vorsichtig und hoffte insgeheim, dass er nicht im nächsten Moment mit seiner Frage auf die Schnauze fliegt.
Diesmal verschwand das Grinsen endgültig aus Veits Gesichts und machte wieder Platz für den gequälten Ausdruck. Im gleichen Zug, wandelte sich Geralts Beunruhigung in aufkeimende Panik und Übelkeit. Nach allem was in den letzten Tagen zwischen ihnen passiert war, hätte er nie in Betracht gezogen, dass der Mann vielleicht ablehnen könnte, aber nun schlug ihm das Herz bis in den Hals. Er krallte seine Finger fester um die Zügel und wartete angespannt auf eine Antwort.
Der Hexer blickte mit traurige Augen an ihm vorbei und legte den Kopf unentschlossen immer wieder von einer auf die andere Seite. Nach einem Moment, der sich für Geralt scheinbar endlos dehnte, zerrte Veit jedoch heftig an den Zügeln und brachte Lapis endgültig zum Stehen. »Geralt, ich muss dir noch etwas beichten.«
Verwundert und mit einem bitteren Geschmack im Mund, tat Geralt es ihm gleich und hielt Plötze an. Die Panik in ihm, verstärkte sich nach dieser Ankündigung zusehends und er beobachtete den Mann ernst, während dieser von seinem Pferd stieg und sich mit zitternden Fingern, über den Mund wischte. »Steig bitte ab. Ich möchte das nicht auf einen Pferderücken machen.«
Geralt tat wie geheißen, bevor er jedoch eine Erklärung bekommen konnte, ertönte Eskels Stimme. »IST ALLES OKAY?«, rief der Hexer laut zu ihnen. Geralt drehte sich in seine Richtung und sah, dass die beiden sich in den Sätteln umgedreht hatten und sie verwundert anstarrten.
»ALLES IN ORDNUNG. REITET SCHON MAL VORRAUS. ICH MUSS MIT GERALT SPRECHEN UND DANN KOMMEN WIR NACH«, brüllte Veit zurück. Eskel nickte bestätigend und drehte sich wieder nach vorne, aber zu Geralts erstaunen, wurde die Hexerin noch blasser als gewöhnlich und rührte sich nicht. Veit hatte es ebenfalls bemerkt und starrte sie eindringlich an, als ob er ihr mit seinem Blick etwas mitteilen wollte.
Plötzlich wendete Valka ihr Pferd und ritt rasch auf sie zu. Als sie nah genug war, um wieder in normaler Lautstärke zu sprechen, zügelte sie Topas. »Veit…, hast du etwa vor…?«, fragte sie mit besorgter Stimme.
Er nickte mit zusammengepressten Lippen und sagte: »Ich muss!« Sie sah ihn einen Augenblick nachdenklich an, dann holte sie tief Luft und schloss kurz die Augen. »Was ist mit…?« Diesmal unterbrach Veit sie sofort. »Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich werde es…, ich werde alles aufklären, sobald wir wieder alle wohlbehalten in der Taverne sind. Ich weiß, es ist dir nicht recht, aber… .« Jetzt brachte Valka ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Das ist schon lange nicht mehr meine Entscheidung. Ich… denke es ist… gut. Ich hoffe es zumindest.« Sie holte wieder tief Luft. »Und ich hoffe, du hast dir das gut überlegt.«
Veit lächelte nun zärtlich in Geralts Richtung, der vollkommen verwirrt zwischen den beiden hin und her sah und versuchte zu begreifen, wovon sie redeten. »Habe ich und ich habe einen ziemlichen guten Grund gefunden«, antwortete er der Hexerin.
Sie warf ebenfalls einen Blick auf Geralt und ein liebevolles Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Dann nickte sie Veit verständnisvoll zu, ließ Topas erneut drehen und ritt zurück zu Eskel, der immer noch verwundert auf sie wartete.
»Worüber, verdammt nochmal, habt ihr geredet und was musst du mir beichten?«, fragte Geralt nun ziemlich ungehalten.
Veit seufzte leise, aber statt mit einer Erklärung zu beginnen, trat er näher, bis er direkt vor ihm stand und drückte ihm einen kleinen Kuss auf die Lippen. Im Anschluss hob er eine Hand, streichelte Geralt zärtlich über die Wange und erst dann begann er zu reden. »Es gibt etwas, dass ich dir schon die ganze Zeit verheimliche und ich hoffe inständig, dass du es mir verzeihen kannst, wenn du mir erlaubst den Grund dafür zu erklären.«
Geralt hob ratlos die Arme und schüttelte den Kopf. »Jetzt sag endlich was los ist.« Veit nickte, atmete tief durch und dann endlich begann er zu erzählen.

 

 

Unmittelbar vor dem hässlichen Waldstück zügelte Valka ihr Pferd und kniff die Auge zusammen. Bisher waren ihre Bemühungen, Spuren des Vampirrudels zu finden, ergebnislos geblieben, wenn überhaupt fand sie nur alte Fährten, die ihr schon bei ihren letzten Erkundungstouren aufgefallen waren.
Der Wald wirkte weder erfolgsversprechend, noch einladend, aber in der Umgebung gab es sonst nichts, was die Vampire als Rückzugsort hätten verwenden können. Wenn sie sich also in diesem Abschnitt des Lindentaler Umlandes aufgehalten haben, dann vermutlich hier.
Sie sah zu den drei Raben die sich aus dem Schwarm gelöst hatten, um ihr zu folgen. Sie lächelte leicht, als sie bemerkte, dass die Vögel sie ihrerseits konzentriert beobachteten, anstatt wie üblich herum zu hüpfen und Unfug treiben.
Die Hexerin schwang ihr Bein über den Sattel und rutschte von Topas Rücken herunter. Mit geübten Handgriffen löste sie die Armbrust vom Sattel und hängte sie sich um, sodass sie leicht zu erreichen war. Anschließend nahm sie auch das Silberschwert, aber als sie nach dem Stahlschwert griff, zögerte sie. Schulterzuckend ließ sie es dann an seinem Platz am Sattel. Sie würde es wohl ohnehin nicht benötigen. Nachdem sie ihre Gürteltaschen mit Mondstaubbomben gefüllt und die Klinge mit Vampiröl präpariert hatte, klopfte sie Topas liebevoll auf den Hals. »Warte hier auf mich, mein Freund. Ich bin bald wieder zurück. Zumindest hoffe ich das.« Dann ging sie noch einige Schritte auf die Waldgrenze zu. Kurz bevor sie jedoch die äußersten Bäume passierte, blieb sie wie erstarrt stehen und sah sich schnell um. Nachdem sie nichts auffälliges entdecken konnte, schloss sie die Augen und schnupperte angestrengt.
Nach einigen Sekunden öffnete sie ihre Augen wieder und ein Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. »Zeig dich. Ich weiß genau, dass du hier bist.«
Nur einen Augenblick später erschien Regis so unvermittelt und nur ein paar Schritte neben ihr, dass sie trotz ihrer Ankündigung leicht zusammenzuckte.
»Ich kann mich wohl nicht mehr problemlos an dich heranschleichen«, sagte der Vampir schmunzelnd. Valkas Lächeln verbreiterte sich noch etwas. »Ich denke, wir wissen beide, dass du dir nur nicht besonders viel Mühe gegeben hast, deine Anwesenheit zu verbergen.« Regis erwiderte ihr Lächeln und sah dann in den Wald hinein. »Wenn du nichts dagegen hast, dann würde ich dich gern begleiten.« »Gerne«, antwortete sie erfreut, fuhr dann aber nach einer kleinen Pause zögerlicher fort: »Wir hatten noch nicht die Gelegenheit uns zu unterhalten.« Regis nickte langsam, starrte aber noch immer gedankenverloren zwischen die Bäume. Dann schreckte er plötzlich aus seinen Gedanken hoch und sah sie mit wieder ernstem Ausdruck an. »Bevor wir hineingehen, möchte ich etwas loswerden, dass man besser nicht nur nebenbei erwähnt.« Valka stutzte kurz und biss sich auf die Unterlippe, dann steckte sie aber ihre Klinge zurück in die Schwertscheide und sah ihn freundlich an.
Regis verzog sein Gesicht bei dem Versuch zu Lächeln, scheiterte aber daran und starrte stattdessen verlegen zu Boden. »Auf unserem Weg nach Toderas haben Geralt und Veit mich… gebeten, die genauen Umstände unserer… Bekanntschaft zu erklären.« Er zwang sich Valka nun in die Augen zusehen und bemerkte wie ihr Lächeln erstarb. »Es war nicht notwendig mich an mein schändliches Verhalten zu erinnern, ich… bereue jeden Tag was damals geschah. Aber diese Gelegenheit rief mir wieder ins Gedächtnis, dass ich nie versucht habe mich bei dir zu Entschuldigen.« Valka wollte etwas einwerfen, aber er gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er weitersprechen wollte. »Mir ist vollkommen bewusst, dass ich nichts sagen oder tun kann, um wiedergutzumachen, was ich dir angetan habe. Aber ich möchte, dass du weißt, dass meine Gefühle für dich stets aufrichtig waren.
Es ist eine schwache und dumme Ausrede, aber ich habe dich nicht wirklich betrogen. Nicht im Geist, nicht in… meinem Herzen. Dieser Sukkubus hat mir nicht das geringste bedeutet, du hingegen, warst alles für mich.
Was ich tat war ungeheuer… dämlich, aber ich habe nur aus dem Bedürfnis nach nichtmenschlicher Gesellschaft heraus gehandelt, nicht aus Zuneigung oder Begierde. Darum ist mir damals nicht einmal in den Sinn gekommen, dass es dich verletzten könnte. Jedenfalls nicht bis es dann zu spät war.« Er stockte und sah wieder betreten zu Boden, während Valka seine Worte in sich aufnahm.
»Ich weiß«, sprach sie dann nach einer Weile mit brüchiger Stimme und Regis hob erstaunt wieder seinen Kopf. »Ich hatte viele Jahre Zeit darüber nachzudenken, mich zu Fragen ob du jedes Mal, wenn ich die Stadt verließ… . Und ich hatte genauso Zeit, mir alle möglichen Gründe für dein Handeln zu überlegen.« Sie strich sich mit einer Hand durch die kurzen Haare und legte sie sich dann an die Wange. »Eine Zeit lang waren die Gründe die mir einfielen, überaus schmerzhaft, aber irgendwann bin ich auch von selbst dazu übergegangen zu glauben, was du mir eben gesagt hast. Aber ich hätte damals nicht anders handeln können, selbst wenn es mir zu dem Zeitpunkt schon bewusst gewesen wäre. Ich würde auch immer wieder so handeln.« Sie schüttelte den Kopf und ihr stiegen Tränen in die Augen. »Ich war so… wütend und so verletzt. Regis, ich hätte es nicht ertragen bei dir zu bleiben.«
Regis presste die Lippen zusammen und nickte dann traurig.
»Und trotzdem habe ich so sehr bereut was ich getan habe«, fuhr Valka unvermittelt fort und erntete sofort wieder einen erstaunten Blick. »Nachdem ich den Schock überwunden und mir klar wurde, dass ich der Sache wahrscheinlich zu viel Bedeutung beigemessen hatte, wünschte ich mir oft, dass ich bei dir geblieben wäre. Mein Leben wäre in so vielen Aspekten besser gewesen, ich wäre… glücklich gewesen.
In den ersten Jahren musste ich, jedes Mal, wenn mir der Gedanke kam, sofort wieder an dich und… sie denken… und dann wusste ich wieder, dass ich nicht… dass ich mich nicht wieder auf dich einlassen könnte.« Sie unterbrach kurz um die Tränen wegzuwischen. »Als ich später, dann auch das hinter mir gelassen hatte, war es jedoch zu spät. Du warst fort. Wir haben unsere Chance verspielt, Regis. Wir beide.«
Sie lachte auf und eine weitere Träne rollte über ihre Wange. »Ein Vampir und eine Hexerin. Gemeinsam leben sie glücklich in einer idyllischen kleinen Stadt. Das klingt so lächerlich, vermutlich würde nicht einmal Rittersporn sich so etwas ausdenken.
Es war schön, Regis. Es war traumhaft, so lange wie es dauerte, aber wahrscheinlich hatten wir nie eine echte Chance.«
Regis starrte sie einen Moment an, unfähig etwas tun oder zu erwidern. Erst als sie den Blickkontakt mit ihm nicht mehr halten konnte und sich die letzten Tränen wegwischte, erwachte er wieder aus seiner starre.
Er überbrückte rasch die Distanz zwischen ihnen und zog die Hexerin in seine Arme. Valka versteifte sich zunächst, aber dann entspannte sie sich, schlang ebenfalls ihre Arme fest um ihn und krallte die Finger in den Stoff seiner Weste. Für eine Weile schwiegen sie und standen nur in inniger Umarmung beieinander.
Als die Krähen, offenbar von den beiden gelangweilt, anfingen laut zu krächzen, löste sich Valka von Regis und strich sich verlegen eine weitere Strähne aus dem Gesicht. »Wir sollten jetzt besser mit dem Trödeln aufhören.«

Der Wald war erwartungsgemäß unspektakulär. Lediglich die Flora erwies sich als bemerkenswert, da sie von erstaunlicher Hässlichkeit war. Die Bäume waren verkrüppelt und mit modrigen Moos überzogen. Die größeren Büsche, trugen allesamt mehr Dornen als Blätter und das niedrige Unterholz bestand nur aus nichtssagenden Kräutern, die sowohl optisch, als auch alchemistisch nicht ansprechend waren.
Sie liefen nun schon einige Minuten zwischen den Bäumen hindurch, stolperten aber bisher noch über keinen Hinweis über Vampiraktivität. Hin und wieder ging einer von ihnen in die Hocke, um sich ein Detail am Boden genauer anzusehen, stand aber immer nach nur wenigen Sekunden wieder enttäuscht auf.
Als Valka sich grad zum wiederholten Male aufrichtete, seufzte sie frustriert und sah zu Regis hinüber. »Ich hoffe wirklich die anderen haben mehr Erfolg als wir.« Er nickte ihr zustimmend zu. »Ich muss wirklich sagen, diese ganze Angelegenheit ist durch und durch merkwürdig.« Er legte sich grübelnd eine Hand an sein Kinn und stützte den Ellenbogen auf den anderen Arm, den er quer über die Brust legte. »Ich erkenne keinerlei Logik im Vorgehen. Natürlich bin ich kein Experte im Umgang mit den niederen Rassen, sie haben mich auch nie interessiert, aber zumindest die Handlungen ihres Anführers sollte ich doch zumindest im Ansatz nachvollziehen können«, sinnierte er. »Wäre die ganze Situation nicht von so ungeheurer Gefahr für dich und die anderen, dann wäre dieses Rätsel wirklich außergewöhnlich spannend.«
Als er wieder zu der Hexerin sah, bemerkte er dass sie ihn während seines Monologs mit großen Augen angestarrt hatte und nun schnell den Blick senkte. Sie räusperte sich verlegen, als sie erkannte, dass er ihren Blick bemerkt hatte und sie nun fragend ansah. »Ähm, entschuldige bitte«, nuschelte sie ein bisschen peinlich berührt. »Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass du so… .«
»Alt aussiehst«, beendete er den Satz für sie, aber sie wedelte hektisch mit den Händen. »Anders. Ich wollte anders sagen.«
Er schnaubte sarkastisch. »Mach dich nicht lächerlich. Ich mag kein Spiegelbild haben, aber ich bin mir absolut im Klaren darüber, dass meine Verfassung in dieser und noch weiterer Hinsicht, sehr zu wünschen übriglässt.«
»Also gut«, sagte sie und versuchte ihr Lächeln zu verstecken, indem sie auf ihre Stiefelspitzen hinuntersah. »Ja, du siehst alt aus. Aber du siehst trotzdem immer noch sehr gut aus.«
Er schüttelte missbilligend den Kopf, aber das verdächtige Zucken seiner Mundwinkel veranlasste ihn, seine eigenen Schuhe einer Untersuchung zu unterziehen. Nach einem Augenblick, strich er sich dann verlegen mit einer Hand über den Nacken und sah sie von der Seite her an. »Deine Haare…«, begann er, stoppte dann aber als er nicht wusste wie er den Satz weiterführen wollte. Valka lachte aber ohnehin sofort auf. »Gefällt dir nicht? Das wundert mich nicht im Geringsten. Bislang hat sich noch niemand dafür begeistern können. Aber es ist ziemlich praktisch und sie verheddern sich auch nicht mehr in den Schwertheften. Und mir gefällt es eigentlich.« Nun war es an Regis beschwichtigend mit den Händen zu wedeln. »Nein, nein. Ich kann nicht sagen, dass es mir nicht gefällt. Es ist nur anders. Ungewohnt.« Sie lachte wieder. »Aber früher war es besser?« Er legte den Kopf grübelnd zur Seite. »Ja, doch schon«, meinte er zaghaft und beobachtete etwas nervös ihre Reaktion. Zu seinem Glück lachte die Hexerin nur noch weiter mit bebenden Schultern. »Na, vielleicht lasse ich sie mir wieder wachsen. Da ich Veit immer noch die Haare flechte, bin ich im Umgang damit, ja nicht völlig aus der Übung.«


Die Erwähnung des Hexers lenkte Regis Gedanken weg von ihrem heiteren Thema in einen eher düsteren Bereich. Eigentlich hatte nicht vor wieder ein unschönes Thema anzuschneiden, aber da er nicht wusste, wann oder ob er noch einmal Gelegenheit bekommen würde, unter vier Augen mit Valka zu sprechen, ließ er seine Bedenken fallen. »Ah ja Veit«, begann er zaghaft. »Er hat mir ein wenig den Kopf gewaschen.« Valkas Lächeln verschwand wieder, aber ihr Ausdruck blieb mild. »Es tut mir leid, Regis. Als ich ihm von dir erzählt habe, war ich der festen Überzeugung, dass du tot bist und habe keine Einzelheiten ausgelassen. Und selbst als wir Jahr später Gerüchte hörten, dass du doch überlebt hast, hätte ich nicht erwartet, dass er sich das Thema so zu Herzen genommen hat. Ich habe in gewisser Hinsicht meinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht und es war sicher nicht meine Absicht, dir einen wütenden Streiter zur Verteidigung meiner Ehre vorbeizuschicken.«
Regis winkte ab. »Es ist in Ordnung. Ich verstehe seine Verbitterung und sein Zorn ist genauso gerechtfertigt. Zudem muss ich sagen, dass ich in seinem Urteil sehr gut weggekommen bin. Ein anderer Mann wäre vermutlich nicht so nachgiebig gewesen.«
»Magst du ihn?«, warf Valka unerwartet ein und Regis sah sie verwundert an. »Ich… habe keinen Grund ihn nicht zu mögen. Er ist freundlich, hilfsbereit und wenn man sich die Mühe macht hinter sein spitzbübisches Verhalten zu sehen, dann entdeckt man dort eine Menge Charisma und Weisheit. Vielleicht sogar mehr als bei meinem Freund Geralt. – Und natürlich ist er dein Kind. Das ist ein nicht zu unterschätzender Sympathiefaktor. Also ja. Ich mag ihn«, sagte er irritiert lächelnd. »Das freut mich«, entgegnete sie. »Aber wieso ist das von Bedeutung was ich von ihm halte?«, fragte er.
Ihre Wangen bekamen einen zarten rosa Ton, aber sie zuckte mit den Schultern. »Dein Urteil ist mir einfach wichtig. Dabei ist es wohl egal ob es meine Haare oder meinen Jungen betrifft.« Sie wollte das Thema beenden, indem sie wieder den Weg zwischen den Bäumen hindurch aufnahm, aber Regis war noch nicht fertig. Er folgte ihr weiter durch den Wald und nach einigen Minuten griff er wieder sein Thema auf. »Nachdem Veit sein Plädoyer gehalten hatte, erwähnte er, dass du, beziehungsweise ihr es zeitweise nicht ganz einfach hattet.«
Valka blieb wie angewurzelt stehen und versteifte sich. Sie machte sich nicht die Mühe sich umzudrehen, sondern drehte nur etwas den Kopf in seine Richtung. »Bitte, Regis. Das ist Vergangenheit. Ich möchte nicht darüber reden.«
Erschrocken trat er einen Schritt zurück und neigte bedauernd den Kopf. »Natürlich. Entschuldige, es geht mich natürlich auch nichts an.« Er wollte weitergehen um das Thema fallen zu lassen, doch Valka beobachtete ihn einen Augenblick und drehte sich dann doch seufzend um. »Lass dir zumindest so viel gesagt sein – es war am Anfang nicht leicht. Als Hexer, allein mit einem Kind über den Winter zu kommen ist mehr als nur eine Herausforderung. Die meisten Leute überschlagen sich nicht grade Unterstützung zu gewähren. Und leider war Veit nicht immer so stark. Als er noch sehr klein war, war er… krank. Ich habe lange Zeit befürchtet, dass er… sterben könnte.« Sie seufzte wieder. »Ich habe getan was nötig war. Das war nicht schön und ich denke nicht gern daran zurück. Aber wir haben überlebt, bis wir wieder in die Festung zurückkehren durften und ich habe… Lösungen für alle Probleme finden können. Auch wenn der Preis teilweise sehr hoch war. Aber Veit lebt und dass ist das wichtigste.«
Regis ließ die Schultern hängen. Ihr knappe Ausführung gab nicht viel an Informationen her, aber die Bitterkeit in ihrer Stimme verriet ihm mehr als genug. Als er nach Worten suchte um sein Bedauern auszudrücken und sich zu entschuldigen, schüttelte Valka nur grimmig den Kopf. »Nein, lass gut sein. Es war nicht deine Schuld. Ich allein habe zu verantworten, dass man mich verbannt hat. Es war mein Verhalten und ich allein habe dafür die Verantwortung zu tragen.« Sie blickte noch einen Augenblick ernst zu ihm, dann entspannte sich ihre Mine und es zeigte sich wieder ein leichtes Lächeln auf ihren Lippen. »Wir müssen noch ein Stück Wald absuchen. Lass uns also von etwas fröhlicherem red… .«
Alarmiert sah Regis sich um, als Valka den Satz abbrach und nach dem Heft ihres Silberschwerts griff. Sie zog die Klinge noch nicht aus der Scheide, aber sie war kampfbereit und starrte an Regis vorbei. »Was siehst du?«, fragte er beunruhigt, da ihm selbst keine Bedrohung aufgefallen war.
Sie sah mit weit aufgerissenen Augen zurück zu ihm. »Regis, hinter dir«, flüsterte sie.
Irritiert drehte sich Regis um und versuchte den Grund für ihr Verhalten zu verstehen. Er konnte weder etwas Ungewöhnliches riechen, noch hörte er etwas anderes als das Rauschen des Winden in den Blättern und das Zwitschern von Vögeln. Der Blick hinter sich bestätigte auch nur seine Einschätzung, da er nichts als eine Gruppe von Meisen, Finken und Amseln sah, die in den Büschen und auf den Bäumen saßen und ihre Lieder sangen.
Er hatte sich schon fast wieder ganz zu Valka umgedreht, um sie weiter nach dem Grund für ihre Besorgnis zu fragen, als ihm schlagartig bewusst wurde was die Hexerin meinte.
Weder ihr Aufenthaltsort noch ihr Gesang war ungewöhnlich, aber jeder einzelne der kleinen Singvögel hatte ausnahmslos in ihre Richtung gesehen und sie mit finsterem Blick angestarrt.

Regis stöhnte genervt auf und drehte sich blitzschnell wieder zu dem Schwarm um, aber die Bruxa die hinter ihnen unsichtbar im Gebüsch gelauert hatte war bereits vorgesprungen und stieß Regis ihre kurzen, scharfen Klauen in die Schulter.
Er zuckte mehr aus Überraschung und weniger aufgrund des Schmerzes zusammen und versuchte, die sich windenden und wild auf ihn einschlagenden Vampirin zu packen, um sie von sich wegzustoßen. Grade als es ihm gelang sie an der Taille zu greifen, rannte eine zweite kreischende Bruxa aus dem Gebüsch hinter Valka und warf sich ebenfalls auf ihn. Wütend hieb er mit seinen eigenen Krallen nach den Vampiren und fügte einer von ihnen eine klaffende Wunde am Bauch zu. Die zweite war noch rechtzeitig zurückgesprungen und baute ihren ohrenbetäubenden Schrei auf. Doch bevor sie ihn beenden konnte, traf sie die unsichtbare Kraft eines Hexerzeichens im Rücken und stieß sie zu Boden.
Valka sprang vor, rammte der Bruxa ihr Silberschwert in den Rücken und drehte die Klinge mit einem kräftigen ruck, um die Wunde zu vergrößern und zog sie dann wieder heraus. Noch bevor die Vampirin aufgehört hatte zu zucken, wechselte Valka die Waffe in die linke Hand und griff mit der rechten nach ihrer Armbrust.
Sie feuerte einen Bolzen auf die zweite Bruxa ab, die sich trotz ihrer Bauchwunde bereits wieder auf Regis stürzte. Der Bolze verfehlte knapp sein Ziel und schlug splitternd in einem Baum ein.
Fluchend ließ Valka die Armbrust fallen und griff stattdessen nach einer Bombe. Sie zögerte einen Augenblick, aber da die Bruxa sich trotz Regis Schlägen immer wieder sofort aufrappelte und auf ihn zustürmte, würde er sich sowieso immer im Radius des Silberstaubnebels befinden.
Zähneknirschend warf sie die Bombe auf die Bruxa und hoffte, dass es nicht zu unangenehm für ihn werden würde.

Als der Silberstaub sich ausbreitete schrie die Bruxa auf und lies von ihrem Opfer ab. Aus den Augenwinkeln sah Valka, wie Regis sich die Hände vor das Gesicht schlug und rückwärts taumelte, sie konnte es sich aber nicht erlauben, sich zuerst um ihn zu kümmern und rannte stattdessen auf die wild um sich schlagende Vampirin zu. Kurz bevor sie mit ihrer Klinge in Reichweite kam, drehte sich Valka im vollen Lauf um die eigene Achse und holte mit der Klinge von unten Schwung. Als der Kreis perfekt war, flog der Kopf der Bruxa im hohen Bogen davon und ihr zuckender Körper stürzte vor der Hexerin zu Boden.
Sofort drehte Valka wieder um und lief zurück zu Regis, der sich auf den Boden gekauert hatte und noch immer versuchte seine freiliegende Haut zu bedecken. Sie ließ ihr Schwert fallen und ging neben ihm auf die Knie. Rasch bürstete sie mit ihren Händen so viel von dem Silberstaub von seiner Kleidung wie sie konnte und fuhr dann mit den Fingern immer wieder durch seine Haare, um auch sie von der störenden Substanz zu reinigen.
Nach einiger Zeit hörte er auf zu zittern und Regis hob langsam den Kopf aus seinen Armen und sah zu Valka auf. Seine Haut wirkte an einigen Stellen wund, aber die Rötungen verblassten kaum, dass Valka sie wahrgenommen hatte. Unbewusst wanderten ihre Finger von seinen Haaren zu seinen Wangen und sie umrahmte sein Gesicht zärtlich mit ihren Händen. Ihre Augen wanderten zu seinem leicht geöffneten Mund und das Bedürfnis sich zu ihm vorzulehnen wurde übermächtig.
Regis keuchte fast unmerklich, als ihre Lippen auf seine trafen, aber kaum dass sie sich berührten, zuckte Valka wieder heftig zurück, sah ihn erschrocken an und riss ihre Hände aus seinem Gesicht als hätte sie sich verbrannt. Schließlich räusperte sie sich verlegen und sah beschämt zur Seite. »Es tut mir schrecklich leid.« Sie war sich selbst nicht sicher ob sie damit die Bombe oder den Kuss meinte. »Bist… bist du in Ordnung?«
Regis atmete langsam durch und nickte bestätigend, dann richtete er sich langsam auf und strich umständlich seine Kleidung glatt um Zeit zu gewinnen seine chaotischen Gedanken zu ordnen. »Es geht schon. Es war etwas unangenehm, aber die Wirkung war die Unannehmlichkeit durchaus Wert«, antwortete er schließlich ruhig und deutete auf die beiden toten Bruxae.
Valka folgte seinem Blick und schlug sich dann die Hand vor die Stirn. »Ach, verdammt. Was bin ich nur für ein Schaf.« Sie deute ebenfalls auf die leblosen Körper. »Die führen uns jetzt nirgendwo mehr hin.«
Regis lächelte sie tröstend an. »Ich bezweifle, dass die Option überhaupt zur Verfügung stand. Sie waren außergewöhnlich hartnäckig. Und normalerweise würden sie niemals einen Angriff auf einen höheren Vampir starten. Es sind wirklich… sehr seltsame Umstände.«
Valka seufzte resignierend und drehte sich dann wieder zu Regis. Ich blick fiel auf seine Schulter, wo seine Weste von blutigen Löchern durchzogen war. »Deine Schulter?«, stieß sie geschockt aus, aber Regis winkte lächelnd ab. »Die Wunden sind längst verheilt.« Valka nickte beschämt. »Natürlich.«
Als sie aber ihren Kopf drehte wurde ein Stück Haut unterhalb ihres Kiefers sichtbar, wo eine lange Schramme blutig rot leuchtete. Regis streckte eine Hand aus und berührte die Wunde vorsichtig. »Du bist aber ebenfalls verletzt.« Valka schüttelte lächelnd den Kopf. »Nur ein Kratzer. Vermutlich bin ich zu nah an einem Dornenbusch vorbeigerannt. Das dürfte fast vollständig verheilt sein bis wir zurück in Lindental sind.« Sie zögerte einen Moment und sah auf den Blutstropfen auf seinem Finger. »Du kommst inzwischen besser mit Blut zurecht, oder«
Regis wackelte unentschlossen mit dem Kopf, während er ebenfalls den roten Tropfen betrachtete. »Ich habe mich besser unter Kontrolle, aber das Verlangen ist nach wie vor da.« Er hob seine Hand näher an sein Gesicht und schnupperte stirnrunzelnd an seinem blutigen Finger. »Dein Blut riecht… seltsam.« Valka hielt kurz inne und sah ihn schuldbewusst an. »Ich habe Schwarzes Blut genommen.« Regis schnaubte ungläubig. »Also bitte, Liebes. Ich erinnere mich sehr genau wie dein Blut riecht, wenn du diesen scheußlichen Trank genommen hast. Nein, da ist noch etwas anderes… ein süßlich -  erdiger Geruch. Ich bin mir sicher ich kennen diesen Geruch, aber ich kann mich nicht recht entsinnen.« Er grübelte einen Moment weiter und riss dann erstaunt die Augen auf. »Daucus carota, eine ziemlich hohe Dosis würde ich sagen, so intensiv wie dein Blut danach riecht. Fühlst du dich nicht wohl?« Valkas Wangen färbten sich schlagartig rosa und sie strich sich verlegen die vorwitzige Strähne aus ihrer Stirn. »Es ist nichts Ernstes. Mach dir keine Sorgen.«
Er sah sie irritiert an und suchte sie rasch nach irgendwelchen offensichtlichen Symptomen ab, aber soweit er es auf die Schnelle beurteilen konnte, sah sie sehr gesund aus. »Wenn ich dir irgendwie helfen kann, dann zögere nicht zu fragen. Ich kann dir vielleicht auch ein effektiveres Mittel besorgen. Nelkenwurz ist ebenso wirksam gegen Übelkeit, wie die Samen der Wilden Möhre die du benutzt, aber die notwendige Dosis ist ungleich geringer.«
Die Hexerin lächelte ihn nun wieder an und tätschelte ihm den Arm. »Danke Regis, aber es geht schon.«
Regis war wenig überzeugt, beließ es aber dabei und fragte stattdessen: »Willst du jetzt weiter nach Spuren suchen?« Valka schüttelte energisch den Kopf. »Wenn das ganze Rudel hier gewesen wäre, dann hätten wir längst Spuren gefunden. Nein, ich fürchte die beiden Bruxae waren eher zufällig hier. Wahrscheinlich gehörten sie zum Rudel und sie wurden bloß von den Vögeln abgelenkt.« Sie zuckte mit den Schultern. »Lass uns zurückgehen. Vielleicht meldet sich ja noch einer von den anderen, während wir auf dem Weg sind. Ich hoffe es zumindest.«

 

 

Die Stimmung in der Lindentaler Taverne war zweigeteilt. Die ausbleibenden Angriffe ließ die Laune der Dorfbewohner sichtlich aufhellen und sie tranken und sangen ausgelassen. An dem Tisch an dem die Hexer und ihre Freunde saßen, ging es bedeutend bedrückender zu.
Das Ergebnis ihrer Suche war überaus ernüchternd ausgefallen. Sie hatten nacheinander berichtet und jedes Mal, wenn einer von ihnen seine Erzählung beendet hatte, sank die Laune ein bisschen weiter ab. Schließlich wurde deutlich, dass mit Ausnahme der zwei von Valka getöteten Bruxae, sich überhaupt keine weitere Spur auf das Rudel gefunden hatte.
Zoltan beendete schließlich die deprimierende Diskussion, indem er den Wirt anwies, ihnen Schnaps zu bringen und mit mäßigem Erfolg darauf bestand, die Planung für das weitere Vorgehen auf den nächsten Tag zu verschieben. Nach einigen Bechern entspannten sich dann aber ihre finsteren Mienen und die Gespräche wurden wieder lebhafter, wenn sie sich aber auch noch immer um ihr aktuelles Problem drehten. Nur Regis und Valka standen ein wenig abseits und sprachen leise miteinander.

»Vielleicht ist es ja wirklich vorbei?«, spekulierte Rittersporn zum widerholten mal an diesem Abend und wieder schüttelten die Hexer den Kopf. »Eine solche Menge an niederen Vampiren verschwindet nicht einfach. Selbst wenn sie Velen oder zumindest nur die Gegend verlassen hätten, dann hätte es irgendwo Tote geben müssen. Nein. Ich denke wir erleben die Ruhe vor dem Sturm. Se verstecken sich irgendwo und werden vermutlich bald zuschlagen und ich will nicht ausschließen, dass es dann um einiges schlimmer wird als bisher.«, erklärte Geralt. »Hör mal, Rittersporn. Vielleicht solltest du den Ring nehmen und dich wieder zurück auf den Weg zu Priscilla machen.« Der Barde straffte empört die Schultern. »Ich habe nicht vor wegzulaufen und euch im Stich zu lassen. Und außerdem ist das eine einmalige Gelegenheit, um neuen Stoff für meine Memoiren zu bekommen.« Geralt schüttelte wieder verständnislos den Kopf. »Das ist eine einmalige Gelegenheit, um dafür zu sorgen, dass deine Memoiren nicht viele Seiten haben werden. Es wäre wirklich besser, wenn du nach Novigrad zurückkehrst, bevor wir unseren Gegner gefunden haben.« »Geralt hat recht«, bekräftigte Eskel ihn nun ebenfalls. »Du hast uns schon ausreichend geholfen, indem du ihn hergeholt hast. Im Kampf gegen Vampire wirst du uns aber kaum eine Hilfe sein.«
Rittersporn verschränkte beleidigt seine Arme. »Aber…« Er unterbrach als Veit ihm breit grinsend eine Hand auf die Schulter legte. »Wenn es dich beruhigt verspreche ich dir, dass ich mir Notizen über alle Ereignisse mache und sie dir dann schicken werde.« Der Barde sah ihn skeptisch an und dachte über die Ernsthaftigkeit seines Angebots nach. Nach einem Moment ließ er seine Arme wieder sinken und seufzte leise. »Ihr habt ja wahrscheinlich Recht. Ich überlege es mir.« Sie nickten zufrieden und Geralt sagte: »Lass dir aber nicht zu viel Zeit damit.« Neben ihm lachte Eskel leise in seinen Schnaps. »Naja, so wie es momentan aussieht, müssen wir erst noch auf ein Wunder warten.« Die anderen nickten wieder, wenn auch sehr viel trübsinniger.

Plötzlich stupste Zoltan Eskel an und deutete mit dem Finger auf die andere Seite des Raums. »Hey, ist das nicht der Typ aus Schwarzzweig?« Eskel und die anderen drehten ihre Köpfe, um in die Richtung zu sehen in die Zoltan deutete. Dort stand nun ein gutgekleideter Mann mit langen blonden Haaren, direkt neben Valka und Regis am Tisch, ohne, dass sie ihn vorher bemerkt hätten. Verwundert zog Eskel die Augenbrauen zusammen. »Ja, du hast recht. Wieso ist der denn jetzt auch hier?« Bevor jemand etwas erwidern konnte, zischte Veit laut auf und starrte den Fremden finster an. Geralt wollte ihn danach fragen, aber die Ereignisse auf der anderen Seite des Raumes beanspruchten dann plötzlich seine Aufmerksamkeit.
Die Geräusche in der Schankstube waren grade leise genug, um das Gespräch mitverfolgen zu können und Geralt sah wie Valka blass wurde, als der Mann sie charmant lächelnd begrüßte. »Hallo Liebling«, klang es durch die Schankstube. »Ich hoffe du bist damit einverstanden, dass ich mich zu euch geselle.«
»Lennard«, stotterte die Hexerin entgeistert, ganz im krassen Gegensatz zu seiner offenkundig guten Laune. »Was machst du hier?«
»Verdammt noch mal, das würde ich auch gern wissen«, flüsterte Veit nun mit zusammengebissenen Zähnen und starrte den Mann weiter finster an.
Der blonde Mann strich ein Staubkorn von seinem eleganten Gehrock, während er antwortete: »Die Pflicht führt mich her, Liebling. Und wenn ich dich in Schwarzzweig richtig verstanden habe, dann verfolgen wir nun das gleiche Ziel. Außerdem ist es doch nur natürlich, dass ich meine bezaubernde Frau gerne unterstützen würde.«
»Seine Frau?«, echotet Eskel und sah den Mann skeptisch an. »Valka ist seine Frau? So wie in verheiratet?« Veit schüttelte den Kopf, ohne seinen Blick von dem Mann zu nehmen. »Nein, sie sind nicht verheiratet. Jedenfalls nicht nach menschlichen oder elfischen Bräuchen.«
Die Geräusche in der Schankstube schwollen an und verhinderten so, dass sie das Gespräch weiter aus der Distanz verfolgen konnten. Aber sie beobachteten, wie er sich wieder durch die Haare strich und dabei einige Strähnen hinter sein Ohr schob und keuchte Eskel verwundert auf. »Verdammt, ich habe gedacht, dass der Typ ein Elf ist. Aber seine Ohren sind ja rund.«
»Er ist kein Elf und auch kein Mensch«, sagte Veit zähneknirschend. »Er ist ein Vampir.«
Sie starrten den Hexer entgeistert an. »Vampir?«, fragten sie fast einstimmig.
»Soll das bedeuten, das ist der Vampir, den wir suchen?«, fügte Zoltan hinzu. Veit schüttelte wieder den Kopf. »Das bezweifle ich stark. Lennard ist… ein Arsch, aber es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass er hier ist, um dem Treiben ein Ende zu setzen.«
»Und der Kerl ist mit deiner Mutter… zusammen?«, fragte Eskel wieder nach. Veit schnitt eine Grimasse und nickte. »Oh man, die Frau hat echt ein eindeutiges Beuteschema«, bemerkte Eskel stirnrunzelnd. Geralt nickte fast unmerklich und sah zu Regis, der bleich und stocksteif auf seinem Platz stand und das Gespräch verfolgte. Es entging ihm nicht, dass Regis Finger sich sehr viel fester als nötig, um den Riemen seiner Tasche krallten.

Plötzlich streckte der Vampir namens Lennard seine Hand aus um Valkas eigene zu nehmen und er zog sie auf die Beine. Er nickte Regis zu und dann drehte er sich zu den anderen um und kam direkt auf sie zu. Valka folgte ihm, noch immer an seiner Hand.
Als er vor ihnen ankam, machte er eine elegante Verbeugung und setzte wieder das charmante Lächeln auf sein elfenhaft hübsches Gesicht. »Ich bin hocherfreut Valkas Gefährten kennenzulernen. Mein Name ist Lennard.«
Überfordert murmelten die Hexer ein paar Höflichkeiten, ohne sich jedoch selbst vorzustellen. Aber bevor die Situation noch peinlicher werden konnte, trat Lennard einen Schritt vor und zog Veit in eine Umarmung. »Ah, mein Junge. Ich bin froh dich wohlbehalten wiederzusehen.« Nach einem Moment trat er wieder zurück und zupfte dann skeptisch an der Rüstungsjacke des Hexers. »Du liebe Güte, deine Rüstung besteht ja nur noch aus Fetzen. Sobald ich hier fertig bin, werde ich dir eine neue Rüstung anfertigen lassen«, erklärte der Vampir liebevoll.
Veit ignorierte das Versprechen und fragte stattdessen: »Was machst du hier? Du wolltest doch wieder nach Ard Carraigh.« Lennard lächelte ihn freundlich an. »Oh, das hat sich inzwischen erledigt. Aber kannst du dir nicht denken warum ich hier bin? - Ein Haufen marodierender Vampire, die unangenehm viel Aufmerksamkeit auf uns lenken.«
Veit wurde hellhörig. »Du bist auf der Jagd?« Der Vampir nickte zufrieden. »Hast du eine Spur zu ihnen gefunden?«, fragte Veit weiter. Lennard polierte seine spitzen Fingernägel an dem Stoff seines Gehrocks und betrachtete sie einen Augenblick. »Natürlich. Ich weiß sogar ganz genau, wo sie sich befinden.« »Was?«, keuchten die Hexer synchron auf. »Verrat es uns doch bitte«, forderte Veit ihn auf. Lennard blickte in die aufgeregten Gesichter der Männer und sein Lächeln wurde noch etwas breiter. »Sie sind derzeit in einem alten Anwesen, nicht allzu weit von hier.« »Das kann nicht sein«, platze Eskel heraus. »Das Rücker-Anwesen? Ich habe das selbst mehrfach durchsucht. Dort hat sich während der Angriffe nie ein Vampir blicken lassen.« »Nun, jetzt sind sie jedenfalls da, das versichere ich dir«, entgegnete er. »Ihr seid herzlich eingeladen, mich morgen dorthin zu begleiten. Bei der Menge an Ungeziefer, würde ich mich über ein paar Hexerklingen doch sehr freuen.«
Er wartete nicht auf eine Reaktion, sondern nahm Valka wieder bei der Hand und führte sie in Richtung der Schlafräume davon.
Die Männer starrten ihnen verdattert nach. »Kann das sein?«, fragte Geralt schließlich und Veit zuckte mit den Schultern. »Er weiß normalerweise was er tut«, entgegnete der Hexer. Eskel schüttelte verständnislos den Kopf. »Also was machen wir jetzt?« Diesmal war es Geralt, der mit den Schultern zuckte. »Ich würde sagen, wir gehen morgen mit ihm zum Rücker-Anwesen und sehen uns an was an der Sache dran ist.« Die anderen nickten zustimmend und es wurde für einen Moment still.
»Sag mal spinne ich, oder führt sich der Kerl wie dein Papi auf?«, fragte Zoltan dann plötzlich und sah zu Veit hoch. Der Hexer schnaubte verächtlich. »Nun, dummerweise ist er das auch.«

»WAS?«, keifte Rittersporn. »Aber du hast doch gesagt, dass… .« Veit unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Er ist NICHT mein biologischer Vater.« Er strich sich über die Haare und sah nervös zu Regis, der noch immer in die Richtung starrte, in die die beiden verschwunden waren. »Ich war noch ein Kind als sie… anfingen… ihr wisst schon. Für mich war er lange Zeit die einzige Vaterfigur, die ich kannte. - Oh verdammt.« Er strich sich wieder über den Kopf. »Auch wenn er uns auf die richtige Spur bringt, warum muss er ausgerechnet jetzt auftauchen?«

 

~

 

Wütend riss Veit die Tür der Taverne auf und trat hinaus in die kalte Nachtluft. Er fragte nicht nach Erlaubnis, sondern lehnte sich sofort in unmittelbarer Nähe von Regis gegen die Wand.
Als der Vampir, auch nach einer Weile noch nichts zu Veits erscheinen sagte, ergriff dieser mit noch immer wütender Stimme das Wort. »Er macht das mit Absicht«, sagte er ohne Erläuterung, aber Regis schien trotzdem zu verstehen wovon er sprach und erwiderte nach einem Moment: »Und aus welchem Grund sollte er das tun?«
Veit drehte sich nun zur Seite, um ihn direkt anzusehen. »Ist das nicht offensichtlich. Er ist eifersüchtig.«
Regis lachte freudlos auf. »Dazu besteht kein Grund.« »Und ob«, erwiderte Veit leidenschaftlich und packte ihn am Arm. »Rede dir ruhig ein was du willst, aber ich kenne meine Mutter. Und ich weiß verdammt nochmal, dass sie dich noch liebt.« Regis wandte ihm nun ebenfalls den Kopf zu. »Sie ist bei ihm. Offensichtlich liebt sie ihn mehr.«
Veit ließ seinen Arm wieder los und schlug sich stattdessen immer wieder leicht mit der Faust gegen die Stirn. »Regis, er lässt sie einfach nicht los. Glaubst du denn wirklich, dass sie dich einfach so mir – nichts – dir – nichts, durch einen anderen Vampir ersetzen würde?« Regis hob eine Augenbraue und erwiderte trocken: »Ich gebe zu, der Gedanke ist mir gekommen.« Veit verzog sein Gesicht. »Wenn du nur irgendwas sagen würdest, dann würde sie bestimmt…«, er beendete den Satz nicht, da Regis bereits mit dem Kopf schüttelte. »Wie kommst du darauf, dass ich Interesse hätte, eine Beziehung zerstören zu wollen, die bereits seit Jahrhunderten währt? Und wie kommst du zu der Annahme, dass ich überhaupt interessiert wäre, wieder mit Ihr zusammen zu sein?«
Veit öffnete protestierend den Mund, brauchte aber einen Moment, um einen sinnvollen Satz zu formulieren. Schließlich sagte er mit ernster Stimme: »Dann beantwortete mir nur eine Frage.« Regis nickte zögerlich. »Sei bitte ehrlich… . Liebst du sie noch?«
Der Vampir senkte seinen Blick zum Boden und zuckte leicht zusammen, als ein weiteres leises Stöhnen hörbar wurde, wie die, die ihn bereits aus dem Schankraum vertrieben hatten. »Ja«, antwortete er bitter.
Veit sah ihn traurig an. »Dann gib nicht einfach auf. Ich schwöre dir, es ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick aussieht.«
Regis erwiderte nichts und sah nun wieder zu Boden. Schließlich nickte der Hexer abschließend und stieß sich von der Wand ab. »Ich glaube, Geralt läuft immer noch Spurrillen in die Dielen. Er ist sich nicht sicher, ob du grade Gesellschaft haben möchtest, aber auch zu beunruhigt, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen.«
Ein flüchtiges Lächeln huschte über Regis Lippen. »Ich bin momentan mit allem einverstanden was mich… davon ablenkt.« Er deutete mit dem Finger auf das Gebäude an dem er lehnte. Veit presste die Lippen zusammen und nickte verständnisvoll. Die Geräusche aus der kleinen Schlafkammer waren auch für ihn gut hörbar. Während er überlegte, ob er hineingehen und Geralt holen sollte, entschied sich Regis, ihm eine Frage zu stellen. »Wirst du mit Geralt nach Corvo Bianco zurückkehren?« Veit sah ihn überrascht an. »Ja. Ich… wir. Wir wollen mal sehen wie es sich entwickelt.« Er überlegte kurz und fragte dann zögerlich: »Stört es dich, dass wir…?« Regis sah ihn wieder direkt an. »Nein, natürlich nicht.« Veit lächelte erleichtert und ließ seinen Blick wieder vor seine Füße gleiten. »Gut…, das ist sehr gut.« »Ich denke, es wird Geralt auch recht gut bekommen jemanden an seiner Seite zu haben, der ihn nicht wie einen Hund behandelt«, ergänzte Regis schmunzelnd. Sofort schaute der Hexer wieder irritiert auf. »Wie einen Hund? Wer hat ihn wie einen Hund behandelt?« Regis lachte nun leise auf. »Ich sehe, du hast noch nicht das interessante Vergnügen gehabt die Zauberinnen kennen zu lernen.« Dann reichte er Veit die Flasche mit den Alraunenschnaps. »Ich denke, den kannst du im Moment genauso gut gebrauchen wie ich.« Dankbar nahm Veit die Flasche entgegen.

 

 

Die Ereignisse hatten sich am nächsten Morgen geradezu überschlagen. Schon kurz nach Sonnenaufgang hatte sich die Hansa auf ihre Pferde geschwungen und sie waren Richtung Rücker-Anwesen aufgebrochen. Rittersporn war protestlos zurückgeblieben und würde bis zu ihrer Rückkehr in der Taverne auf sie warten. Zoltan bestand jedoch darauf, sie zu begleiten und saß wie üblich hinter Eskel auf Skorpion, während Regis sich wieder das gelangweilte Zugpferd ausgeliehen hatte. Die Reise verlief ausgesprochen still, denn obwohl es Geralt, Eskel und Zoltan unter den Nägeln brannte, Fragen über Lennard zu stellen, deuteten die blassen und verkniffenen Gesichter der anderen drei Gefährten, daraufhin, dass sie kein Interesse hatten, sich zu unterhalten. Besonders Valka wirkte ungewöhnlich distanziert und vermied den Blickkontakt mit jeder anderen Person. Sie hielt sich am Ende ihres Konvois und Geralt vermutete, dass sie so versuchte, sich von Regis Blickfeld fernzuhalten.
Kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, tauchte plötzlich Lennard neben ihnen auf, um sich wie verabredet mit ihnen zu treffen. Der Vampir hatte eine behandschuhte Hand über die Schulter geworfen und hielt damit eine große, metallbeschlagene Holztruhe.
Er begrüßte sie lächelnd und deutete in Richtung des Anwesens. »Die Vampire halten sich immer noch dort auf, so wie ich es sagte. Wenn ihr meine Empfehlung hören wollt, dann schlage ich vor, dass ihr absteigt und wir uns das Theater um eine Angriffsstrategie einfach sparen. Dort sind so viele niedere Vampire, dass jeder geordnete Angriff sofort in Chaos versinkt.« »Du möchtest also einfach zur Tür rein und alles niedermachen, was dir entgegenkommt?«, fragte Regis trocken. Lennard nickte ihm lächelnd zu. »Manchmal sind die einfachsten Pläne, auch die Besten. Zoltan hustete gekünstelt, um die Aufmerksamkeit des Vampirs zu gewinnen. »Woher weißt du eigentlich, dass die Vampire hier sind?«
»Oh, ich habe so meine Quellen. Sei unbesorgt, Herr Zwerg. Sie sind dort.«  »Und wie ich sehe, erwartest du dort auch einen Kampf mit einem höheren Vampir«, meinte Regis. Lennard tätschelte zärtlich über die Truhe. »Ja, ich bin zuversichtlich, dass ich meine Jagd heute abschließen kann.« »Aber was…?«, begann Zoltan, wurde jedoch sofort von Lennard unterbrochen. »Später, Herr Zwerg. Dann haben wir genug Zeit zu plaudern. Ich werde jetzt hineingehen und ich würde mich über jeden Begleiter freuen. Kaum dass er seinen Satz beendet hatte, drehte er sich um und ging fröhlich pfeifend auf das große Tor zu.
Die anderen blieben ein wenig ratlos zurück und sahen sich gegenseitig fragend an. Schließlich ergriff Geralt die Initiative und zog sein bereits präpariertes Silberschwert. »Los geht’s.«

Auf dem Weg zum Tor, fragte Geralt an Regis gewandt: »Sehe, ich das richtig, die Truhe ist mit dieser Anti-Vampirlegierung ausgeschlagen?« Regis nickte. »Silber, Dalvinit und Meteoritenstahl. Wie die elenden Käfige in Tesham Mutna.« Geralt runzelte die Stirn. »Hat er irgendwie etwas damit zu tun?« »Im weitesten Sinne schon. Es würde aber mehr Zeit erfordern dir das zu erläutern, als wir jetzt haben. Zumal dir Valka vermutlich mehr dazu sagen könnte.« »Also gut«, erwiderte Geralt und packte das Heft fester. »Konzentrieren wir uns auf unsere Aufgabe.«

 

~

 

Panisch sah sich Regis um, um den Zustand seiner Freunde einschätzen zu können, dann sprang er erneut in die Luft und stürzte sich auf einen weiteren Flatterer. Nur Augenblicke nachdem sie das scheinbar verlassene Gelände betreten hatten, war die Hölle losgebrochen.
Aus den Gebäuden und aus unzähligen Verstecken, stürmten die Vampire, wie auf Kommando auf sie zu. Noch bevor der erste Katakan sie erreicht hatte, wurde Regis bewusst, dass man sie offenbar erwartet hatte. Er hatte jedoch keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen und stürzte sich gemeinsam mit den Hexern und dem Zwerg in den Kampf.
Das Rudel war groß und es bestand, wie angekündigt, aus den unterschiedlichsten Vampirrassen.
Regis hatte sich etwas zurückgezogen, um den Hexern die Möglichkeit zu bieten ihre Bomben einzusetzen, ohne dass er selbst davon betroffen war. Doch trotz seiner etwas abgelegenen Position, hatte er keinen Mangel an Gegnern, denn sobald er einen von ihnen erledigte, löste sich ein anderer aus der Gruppe die die Hexer attackierten und griff ihn an.
Trotz der Übermacht, schafften sie es erstaunlich gut sich zu verteidigen. Die Hexer sprangen, drehten sich und schlugen unentwegt zu. Mondstaubbomben explodierten und hüllten den Platz in ätzenden Silbernebel. Einmal schrie Eskel auf, als eine Bruxa es schaffte auf seinen Rücken zu springen und ihn in den Hals zu beißen, aber nur Sekunden später ließ sie kreischend von ihm ab und wand sich unter Schmerzen auf dem Boden, bis das Schwert des Hexers ihre Existenz beendete.
Nach und nach verteilten sich die Hexer mehr über dem Gelände und es fiel Regis zunehmend schwerer sie im Auge zu behalten. Denn obwohl inzwischen etliche tote Vampire zu ihren Füßen lagen, kämpften noch einmal so viele, verbissen und die Hexer begannen zu erschöpfen.
Regis enthauptete eine Alp mit seinen Klauen und sah sich nach einer Rückzugsmöglichkeit um. Vielleicht könnten sie sich, zumindest für einen Moment, irgendwo in Sicherheit bringen und die Hexer und Zoltan, der sich schon kaum noch auf den Beinen halten konnte, könnten sich kurz ausruhen. Sein Blick fiel auf die Tür zu einem Keller. Er verwandelte sich in Nebel und flog so schnell er konnte in den Raum. Nach ein paar Sekunden war er zurück und stürzte sich wieder in den Kampf. Zu seiner Erleichterung hatte seine Überprüfung ergeben, dass sich dort keine weiteren Vampire aufhielten, er musste nun also nur nah genug an die anderen gelangen, um sie über den potentiellen Rückzugsort zu informieren. Veit hielt sich am nächsten zu ihm auf und schlug sich tapfer mit zwei Garkins gleichzeitig. Regis ging leicht in die Knie, um dem Schlag eines Katakans auszuweichen und in dem Moment wo er den ersten Schritt in Richtung des Hexers machte, wurde er entsetzt Zeuge, wie sich ein Stein unter Veits Fuß löste und er zur Seite wegrutschte. Beim Versuch sein Gleichgewicht widerzugewinnen, vernachlässigte er seine Deckung und einer der Garkins nutze die Gelegenheit, um seine Klauen durch die Brust des Hexers zu stoßen.
Regis erstarrte, als er mit ansehen musste, wie sich der Vampir triumphierend zurückzog und Veit zunächst langsam auf die Knie und dann nach vorne auf den Boden fiel, wo er leblos liegenblieb.

Das Entsetzen, dass er verspürte ließ ihm kalte Schauer über den Rücken wandern. Als er sich dann schließlich endlich wieder Bewegen konnte, rannte er auf den verletzten Hexer zu und warf sich neben ihm auf dem Boden. Er wusste, dass die Lage aussichtslos war. Eine solche Wunde konnte auch kein Hexer überleben. Mit zitternden Fingern griff er nach den Schultern des Hexers und drehte ihn auf den Rücken. Erstaunt sah er, dass Veit tatsächlich noch atmete. Flach, heftig und eindeutig unter großen Schmerzen, aber er war noch am Leben. Regis drückte seine Hände auf die Wunde. Ein nutzloses Unterfangen, denn das Blut quoll weiterhin hervor.
Du darfst nicht sterben, dachte er panisch. Du bist Valkas Kind. Ich kann nicht zulassen, dass du stirbst. Er zuckte erschrocken zusammen, als er plötzlich spürte wie Veit schwach eine Hand auf seine legte. Der Hexer öffnete flatternd die Augenlieder und sah zu ihm hoch.
Regis fühlte sich vollkommen machtlos. Er wollte etwas sagen, ihn irgendwie trösten, aber ihm fehlten die Worte und er sah ihn stattdessen nur mit tränenverhangenen Augen an.
Trotz der Schmerzen schaffte es Veit zu Lächeln und er drückte die Hand des Vampirs. »Regis«, flüsterte er mit stockender Stimme. »Es gibt da etwas das du wissen musst.«

 

~

 

Regis legte die zitternden, blutverschmierten Finger seiner Hand an Veits Wange. Die andere ruhte noch immer auf der klaffenden Wunde in der Brust des Hexers. Er konnte hören, wie Geralt und Valka auf sie zu gerannt kamen und am Rande seines Bewusstseins hörte er ebenfalls, dass sie etwas laut riefen, aber er achtete weder auf die Bedeutung der Worte, noch mache er sich die Mühe zu ihnen hochzusehen. Er konzentrierte sich allein auf die gelben Katzenaugen, die vor ihm waren.
Selbst als sich Geralt neben ihn auf den schlammigen Boden kniete, mit einer Hand nach Veits griff und ihm die andere tröstend auf die Schulter legte, reagierte Regis nicht auf ihn. Stattdessen wanderte sein Blick über das Gesicht des Hexers vor ihm. Er ließ sich Zeit, die inzwischen doch vertrauten Gesichtszüge, nun bis ins letzte Detail in sein Gedächtnis einzuprägen. Es war ihm von Anfang an nicht schwergefallen, die Ähnlichkeit zu Valka in den Zügen zu entdecken und nun bemerkte er noch viele weitere, winzige Details, die ihn an sie erinnerten. Er war ihr in so vielen erschreckenden Kleinigkeiten ähnlich, nur seine Augen waren, mit Ausnahme der auffälligen Färbung, die einer anderen Person.
Regis schloss langsam seine Augen und rang um seine Fassung. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er zu Geralt. »Hast du es gewusst?«, fragte er mit leiser, bebender Stimme.
Geralt drückte seine Schulter, bevor er vorsichtig antwortete »Erst seit gestern Morgen. Das schwöre ich dir.« Regis nickte und sein Blick wanderte weiter zu Valka, die immer noch vor ihnen stand und zu ihm herabsah. Ihr liefen heiße Tränen über das Gesicht und ihm schossen dutzende Fragen wild durch den Kopf, schließlich stellte er die eine, die sich erfolgreich in den Vordergrund drängte. »Bist du deswegen später noch einmal nach Dillingen gekommen?« Valka nickte heftig und wischte sich mit einer Hand die Augen. »Ich wollte dir das nie vorenthalten. Wenn ich es nur vorher gewusst hätte… .«
Regis löste seinen Blick von ihr und sah zurück auf Veit. Es kostete ihn enorme Anstrengung die Hand von der Brust des Hexers zu nehmen und sich die Stelle anzusehen, die der Garkin mit seiner Klaue durchstoßen hatte.
Trotz seiner Bemühungen konnte er nun die Tränen, die in seinen Augen brannten, nicht mehr zurückhalten. Er blickte auf die zerfetzten Knochen und die Muskeln die sich mit ungeheurer Geschwindigkeit regenerierten und gleich darauf wieder von makelloser, blasser Haut überzogen waren. Die Hand, die bisher an Veits Wange lang, wanderte nun unter seinen Kopf und er zog den Hexer in eine innige Umarmung.

Chapter Text

Hektisch führte Regis die Hexer und den Zwerg hinter das Gebäude auf den Eingang des Kellers zu. Er bedeutete ihnen, mit einer Handbewegung zu warten und ging zunächst allein die steile Treppe herab. Eine kurze Untersuchung bestätigte ihm, dass die Räumlichkeiten nach wie vor frei von jeglicher Vampiraktivität waren und er ging zum Fuß der Treppe zurück, um die anderen herunter zu rufen.
Es gefiel ihm nicht, dass sie somit praktisch mit dem Rücken zur Wand standen, aber da es nur einen Zugang gab, mussten sie so immerhin keinen Angriff von hinten befürchten. Zudem war die Treppe so schmal, dass alle angreifenden Vampire gezwungen sein würden, nacheinander hinunter zu kommen und sie sich dann direkt mit mehreren Silberklingen konfrontiert sehen. Der Keller bot ihnen somit ein gewisses Mindestmaß an Schutz und die einzige Alternative, sich weiterhin wie auf dem Präsentierteller im überwucherten Hof aufzuhalten, war deutlich unerfreulicher.
Zoltan kam als erster die Treppe herunter. Er trug neben seiner eigenen Axt nun auch noch Veits Silberschwert, dass der Hexer bei der Attacke des Garkins verloren hatte. Ihm folgte direkt Valka, die rückwärts ging und Veit stütze, der noch immer schwach auf den Beinen war. Eskel und Geralt bildeten den Abschluss. Sie zogen die Türen des Kellers zu und wirkten mehrfach ein Hexerzeichen auf die Tür. Regis konnte die Bewegung, die sie ausführten, nicht erkennen, aber der goldene Schimmer, der sich über das Holz legte, verriet ihm, dass es sich um einen magischen Schild handelte. Es würde die Vampire nicht abhalten können, aber zumindest dürfte der Lärm der beim Durchbrechen des Schildes entsteht, sie rechtzeitig warnen, um sich auf den Kampf gefasst zu machen.

»Haben wir sie vertrieben?«, fragte Zoltan hoffnungsvoll und ließ sich mit verschränkten Beinen auf den Boden fallen. »Unwahrscheinlich«, entgegnete Valka. »Ich denke vielmehr, dass sie sich zurückgezogen haben, um sich neu zu sammeln.« Regis nickte zustimmend, während er auf Eskel zuging und die Hand des Hexers von der Bisswunde an seinem Hals löste. »Wenn ich mich nicht sehr irre, dürften wir jeder zwei oder drei von ihnen erledigt haben.« Zoltan schnaubte amüsiert auf. »Im Mittel bestimmt. Ich selbst habe ordentlich ausgeteilt, aber getötet habe ich nur einen.« Er zwinkerte Regis zu, der Eskels Wunde mit einem weichen Tuch und einer scharf riechenden Tinktur reinigte. »Selbst in dem Getümmel habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie du mindestens vier von den ekligen Dingern erledigt hast. Vermutlich dürften es also sogar noch mehr sein. Meinen Respekt, Herr Barbier.« Regis ließ seine Zähne in einem kleinen Lächeln aufblitzen und neigte seinen Kopf in Richtung des Zwergs. »Bedauerlicherweise bedeutet das, dass wir noch mindestens achtzehn bis zwanzig Gegner haben, die irgendwo da draußen lauern können.« Er griff in seine Tasche und zog eine Rolle frischer Verbände hervor, aber Eskel schüttelte den Kopf und zog seinerseits eine kleine Flasche mit einem roten Trank aus seinem Gürtel. Regis nickte und steckte die Verbände zurück in seine Tasche.
»Ich frage mich, was sie plötzlich bewogen hat, zu verschwinden? Ihre Chancen standen nicht schlecht. Hätten sie einfach weitergemacht, dann wäre das vermutlich übel für uns ausgegangen«, bemerkte Geralt, während er in die Runde sah. Nach einem Moment stockte er und verschränkte die Arme. »Wo ist eigentlich dieser Lennard hin? Ich habe ihn gleich, nachdem wir das Anwesen betreten hatten, aus den Augen verloren.« Die anderen zuckten mit den Schultern und er blickte auffordernd zu Valka, die gedankenverloren am Fuß der Treppe stand und auf ihrer Unterlippe knabberte. »Valka?«, sprach er sie ein zweites Mal an und sie zuckte erschrocken zusammen. »Entschuldige, ich musste über etwas nachdenken. Was sagtest du?« Geralt hob verwundert eine Augenbraue. »Weißt du, wohin Lennard verschwunden ist?«
Valka starrte ihn einen Augenblick an, dann holte sie tief Luft und stieß sie seufzend wieder aus. »Keine Ahnung. Ich habe mich das auch schon gefragt. Er ist normalerweise sehr viel… protektiver.«
»Vielleicht dachte er, dass wir in guten Händen sind«, schlug Veit vor. Valka dachte einen Moment über seine Worte nach, dann sprach sie langsam: »Vielleicht.« »Was ist mit dem Vampir, den er gesucht hat?«, schlug Eskel vor. »Vielleicht wollte er fliehen und er ist ihm nach.« »Möglich«, entgegnete die Hexerin und bis sich wieder auf die Lippe, dann fragte sie Regis direkt: »Konntest du die Anwesenheit eines anderen höheren Vampirs bemerken?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, aber im Gegensatz zu Lennard bin ich weit entfernt von meiner Höchstform. Ich kann nicht ausschließen, dass ich ihn schlicht übersehen habe.«
»Auf jeden Fall haben wir einen Augenblick Ruhe und den sollten wir nutzen so lange, wie er dauert. Ich bezweifle nämlich, dass wir das Glück haben werden, ohne weiteren Kampf hier rausspazieren zu können«, meldete sich nun Geralt zu Wort. »Wir müssen die Klingen neu präparieren und ein paar Tränke können auch nicht schaden.« »Zumindest haben wir einen kleinen Erfolg zu verbuchen«, fügte Eskel hinzu und zog sein Schwert wieder aus der Scheide. »Wir haben das Rudel gefunden und es immerhin schon einmal ordentlich dezimiert.«

 

~

 

Regis zog besorgt die Augenbrauen zusammen, als Veit sich mit schmerzverzogenem Gesicht auf einer Holzkiste niederließ und eine Hand auf seine Brust presste. Die scheußliche Wunde war längst verheilt und nur ein leichter roter Schimmer auf der Haut und das blutige, zerfetzte Loch in seiner ohnehin schon mitgenommenen Rüstungsjacke, verrieten überhaupt, dass der Hexer vor Kurzem verletzt wurde. »Ist es normal für dich, dass die Schmerzen anhalten, obwohl die Heilung abgeschlossen ist?«, fragte er den Hexer und ging neben ihm in die Hocke. Veit sah ihn nicht an, nickte aber gequält. »Immer. Je nachdem wie viel ich abbekommen habe, wenigstens ein paar Minuten. Ich vermute, davon werde ich aber ein paar Tage etwas haben.« Er hob nun den Kopf um ihn anzusehen und versuchte zu grinsen. »Das war wirklich… unangenehm.« Regis konnte das Grinsen nicht erwidern und betrachtete ihn weiterhin besorgt. Er hatte das Gefühl, dass er etwas sagen sollte. Etwas mit Substanz, dass das Ausmaß seiner Gefühle widerspiegelte und Veit einen Eindruck vermitteln würde, wie er zu dem stand, was der Hexer ihm eben erst mitgeteilt hatte, aber es gelang ihm nicht, die passenden Worte zu finden. Er war sich noch nicht einmal sicher, ob er eigentlich selbst tatsächlich schon im vollen Umfang begriffen hatte.
Schließlich seufzte Regis niedergeschlagen. »Veit, wenn das vorbei ist, dann würde ich gern mit dir reden. Natürlich nur, wenn es dir auch recht ist.« Der Hexer nahm erstaunt die Hand von seiner Brust und stützte sich damit an der Kiste ab, während er sich ihm mit schiefem Lächeln entgegen lehnte. »Wir werden reden.« Er zögerte einen Moment und fügte dann hinzu: »Nur damit du es weißt, ich hätte es dir ohnehin gesagt, auch wenn das mit dem Garkin nicht passiert wäre.« Er zögerte wieder und sah dann schüchtern zu Boden. »Außer Geralt habe ich es niemandem erzählt. Wenn du nicht möchtest, dass jemand erfährt, dass… .« Er unterbrach, als seine Stimme anfing zu stocken und Regis zog wieder verwundert die Augenbrauen zusammen, dann legte er erneut seine Hand auf die des Hexers. Er wartete, bis Veit ihn ansah und sagte liebevoll: »Mir fällt wahrlich kein Grund ein warum das verheimlicht werden müsste. Ich wünschte nur… .« Seine Stimme stockte nun ebenfalls. »Ich wünschte nur, ich hätte es früher erfahren. Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals das Glück haben würde… .« Er stockte wieder und ließ den Satz schließlich unvollendet stehen.
Veit lächelte erleichtert und entspannte sich zusehends, zuckte dann aber gleich wieder unter Schmerzen zusammen. »Das ist - WIRKLICH - verdammt unangenehm.«
Diesmal konnte sich Regis das Schmunzeln nicht verkneifen und sah rasch zu Boden, um es zu verstecken, dabei fiel sein Blick auf eine Scherbe, die am Boden lag. Ein wenig verwundert griff er danach und betrachtete sie genauer. Es handelte sich um eine fast blinde Spiegelscherbe die trübe, aber zuverlässig den Raum hinter ihm widerspiegelte und ihn dabei vollkommen ausließ. Ein Gedanke kam in ihm auf und er drehte sich mit der Scherbe in der Hand um und sah erneut hinein. Diesmal zeigte das Spiegelbild nicht nur den hinter ihm liegenden Raum, sondern auch noch Veits lächelndes Gesicht, das ihn bei seinem Experiment beobachtete. Erstaunt ließ Regis die Scherbe sinken und drehte sich wieder zu dem Hexer.
Veit sagte nichts, entzündete aber mit einer eleganten Handbewegung mehrere der alten Fackeln, die an den steinernen Wänden hingen und einige niedrige Kerzen, die auf den Kisten und Truhen standen. Regis verstand sofort, was der Hexer ihm zeigen wollte und ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen, während er ehrfürchtig sprach. »Du verbindest auf bemerkenswerte Art zwei Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten.«
Der Hexer erwiderte nichts und lächelte den Vampir nur an, dann drehte er überrascht den Kopf, als von der anderen Seite des Raumes ein Schnauben erklang.
Die anderen hatten ihre Bemühungen sich wieder kampfbereit zu machen unterbrochen und beobachteten die beiden neugierig. »Es ist wirklich nicht zu fassen«, erklärte Geralt kopfschüttelnd. »Wir sind wochenlang im sonnigen Toussaint rumgelaufen und es ist mir nie aufgefallen.« »Wovon redest du?«, wollte Zoltan verdutzt wissen. »Und ich habe Stunden damit zugebracht euch immer wieder zu predigen, dass ihr gefälligst darauf achten sollt«, entgegnete Valka schmunzelnd, ohne auf den Zwerg einzugehen und Geralt zuckte verlegen mit den Schultern. »Man kommt jeden Tag an so vielen Leuten vorbei, da erscheint es mir doch etwas aufwendig ständig darauf zu achten.« Regis lachte leise auf. »Und dabei hätte es dir bei unserer ersten Begegnung gute Dienste leisten können.« Geralt lehnte sich nach vorn und stützte sich mit einem Arm auf sein Knie. »Bei unserer ersten Begegnung hatte ich andere Dinge im Kopf.« Wieder lachte Regis. »Das dürfte dann auch auf Veit zutreffen.« Diesmal lachten Valka und Veit ebenfalls auf und Geralt drehte verlegen den Kopf zur Seite. »Das hättest du wohl gern.«
»Das klingt ja total interessant, aber würde mich jemand darüber aufklären, worüber ihr eigentlich redet?«, meldete sich Zoltan wieder zu Wort. Diesmal fand er gehör und die anderen erstarrten ein wenig erschrocken und warfen sich zögerliche Blicke zu. Bevor sich einer von ihnen aber entschließen konnte, den Zwerg aufzuklären, legte Eskel sein Schwert beiseite, stand auf und ging zu Veits Silberschwert, das immer noch an der Stelle lag an die Zoltan es hingelegt hatte. Er griff das Schwert vorsichtig am Blatt und betrachtete das Heft. Anders als üblich, war bei diesem Schwert nicht nur der Griff mit Leder umwickelt, sondern auch noch die Parierstangen und etwa die Hälfte des Knaufs. Er sah auf und starrte Veit fasziniert an, während er Zoltan knapp antwortete. »Er hat keinen Schatten.«
»Wie bitte?«, fragte der Zwerg irritiert. »Veit hat keinen Schatten… und er vermeidet den Kontakt zu Silber«, wiederholte Eskel. Zoltan blinzelte verwundert und wippte ungehalten mit dem Fuß. »Und was soll das bedeuten?« Diesmal drehte sich Eskel direkt zu Zoltan und sah ihn eindringlich an. »Das bedeutet, Veit ist kein Hexer. Er ist ein Vampir.«

»Ein VAMPIR?«, wiederholte Zoltan entsetzt und starrte nun seinerseits den Hexer an. Der hob beschwichtigend seine Hände und lächelte die anderen schief an. »Na ganz so stimmt das nicht. Ich bin durchaus ein Hexer. Ich habe die Kräuterprobe und die Mutationen genau wie jeder andere Hexer durchgemacht. Ich bin nur halt auch irgendwie ein… Vampir.« Der Zwerg stampfte mit dem Stiel seiner Axt auf den Steinboden. »Und wie kann man nur irgendwie ein Vampir sein?« »Ach Zoltan, meine Mutter ist eine Hexerin, mein Vater ist ein Vampir. Ich bin also halb Hexer und halb Vampir. Das heißt, um genau zu sein, bin ich natürlich erst richtiger Hexer seit der Kräuterprobe, davor eher so eine Art schräger Mensch.«
Eskel lachte leise auf. »Und Valka hat es uns tatsächlich auch gestern erst erklärt.« Die Hexerin zwinkerte ihm zu. »Sehr gut, du hast es verstanden.« »Großartig«, erwiderte Zoltan schnodderig. »Ich nicht. Soweit ich mich nämlich erinnere, hat sie uns erklärt, dass Hexer sich nur untereinander… ihr wisst schon.« Valka stand seufzend auf und lehnte sich an einen Stützbalken. »Ich sagte, dass sich nur Arten mit einem ähnlichen Stoffwechsel fortpflanzen können und dass wir mit den meisten nicht kompatibel sind. Bis mir klar wurde, wer Veits Vater ist, hatte ich nicht die geringste Idee, dass ich das Kind eines Vampirs austragen könnte.« »Du meinst, bis du schwanger wurdest?«, hakte Eskel nach und Valka schüttelte den Kopf. »Nein, leider nicht. Als Veit geboren wurde, war er ein ganz normales Kind. Ich hatte nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass sein Vater nicht einer der Hexer ist mit denen… .« Sie unterbrach und strich sich verlegen durch die Haare. »Lassen wir das. Jedenfalls hat Veit erst mit etwa fünf Jahren die ersten vampirischen Merkmale gezeigt. Und selbst dann konnte ich es noch nicht gleich glauben. Höhere Vampire sind so anders als alle anderen Arten, die Vorstellung allein ist lächerlich. Ich wusste, dass höhere Vampire manchmal menschliche Geliebte haben, aber bei einer solchen Verbindung ist niemals ein Kind zustande gekommen. Wer hätte den ahnen können, dass ausgerechnet die Mutationen, die uns so sehr von den anderen Arten unterscheiden, uns mit den Vampiren kompatibel machen. Mit der Zeit wurden die Anzeichen jedoch zu stark und ich musste der Wahrheit ins Auge blicken.«
Zoltan schüttelte fassungslos den Kopf. »Und ich habe gedacht, die Welt könnte nicht mehr verrückter werden und nun stehen wir hier und mit uns ein… Vamxer… oder Hexpir.« Veit verdrehte die Augen. »Danke, ich bleibe bei Hexer.« Der Zwerg ignorierte seinen Einwurf und kratzte sich das bärtige Kinn. »Das dürfte dann erklären, warum du die Attacke von diesem ekligen Vieh überlebt hast. Hatte nämlich eigentlich schon damit gerechnet, dass du hinüber bist.« Er deutete auf Regis. »Aber der ist ja auch nicht kleinzukriegen, auch wenn an ihm nicht viel dran zu sein scheint.« Plötzlich erstarrte Zoltan mitten in der Bewegung und sah zwischen Regis und Veit hin und her. »Du hast gesagt, dieser Lennard ist nicht dein richtiger Vater. …Soll das heißen, dass…?«
Veit nickte bedeutungsschwer. »Ja, Regis ist mein Vater.«
»Man, wer hätte das gedacht«, sagte Zoltan vergnügt und ging auf Regis zu, um ihm freundschaftlich anzubuffen. »Der Herr Barbier hat einen Sohn. Meinen Glückwunsch.« »Zoltan.« Geralt hielt es für angebracht, die Begeisterung des Zwergs zu dämpfen. »Er hat seit zweihundertsiebzig Jahren einen Sohn und weiß das erst seit ungefähr zehn Minuten. Besser du hältst dich etwas zurück.« »Oh«, sagte Zoltan und sein Lächeln erstarb langsam. »Ich wollte nicht… .« Er unterbrach und räusperte sich verlegen. Dann drehte er sich zu Geralt. »Aber du wusstest es schon länger, oder?« Der Hexer zuckte mit den Schultern. »Er hat es mir auch erst gestern erzählt.« Zoltan nickte nachdenklich und kratzte sich wieder am Kinn. »Warum?« Geralt starrte den Zwerg bei dieser Frage schafsäugig an und seine Wangen färbten sich rosa. »Ähm… Spielt doch keine Rolle, wir sollten jetzt wirklich das Thema… .« Regis unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Das ist schon in Ordnung. Ich muss mir nur selber erst mal darüber klar werden was das bedeutet.« Plötzlich wurde sein Ausdruck von Traurigkeit überschattet und er ließ die Schultern hängen. »Und ich muss akzeptieren, dass es einen weiteren Aspekt meines Lebens gibt, den ich nur bedauern kann«, flüsterte er mit brüchiger Stimme.
Mit wenigen Schritten war Valka bei ihm und legte sanft ihre Hand auf seinen Arm, dann sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Es tut mir so schrecklich leid. Wenn ich damals nur geahnt hätte, dass ich schwanger bin, ich wäre sicher… .« Regis griff kopfschüttelnd nach ihrer Hand und drückte sie leicht. »Nein, Liebes. Ich habe das ruiniert. Dich trifft keine Schuld.« Er lachte freudlos auf. »Immerhin verstehe ich jetzt, wie du an Lennard geraten konntest.« Valka zuckte zusammen und zog ihre Hand langsam zurück. »Lennard, ja. Die Sache ist kompliziert. Komplizierter als es auf den ersten Blick aussieht.«
»Dann kläre uns doch mal auf. Denn ganz ehrlich, so wie du dich gefreut hast, als er in Lindental aufgetaucht ist, wundere ich mich, dass du ihm noch keinen Stein an den Fuß gebunden und ihn im Meer versenkt hast«, erklärte Zoltan und Veit lachte laut auf. »Gut beobachtet«, sagte der Hexer und grinste seine Mutter frech an. »Ich bin zwar überzeugt, dass sie nicht besonders viel für ihn übrighat, aber normalerweise ist sie nicht so offensichtlich ablehnend. Eigentlich könnte man sogar die meiste Zeit vermuten, dass sie ihn zumindest ein bisschen gern hat. Aber die Anwesenheit eines ganz bestimmten anderen Vampirs, hat wohl… .« »Veit, bitte sei still«, unterbrach Valka ihn peinlich berührt. »Du weißt, wieviel ich ihm zu verdanken habe. Ich werde das nicht gering schätzen oder die Schuld ignorieren in der ich stehe.« Veit hörte nicht auf zu lächeln, aber als er antwortete, wirkte der Ausdruck eisig, statt amüsiert. »Hast du mir nicht beigebracht, dass die Grundlage für eine Beziehung Liebe ist? Von Schuld war nie die Rede.« Valka wurde bleich und drehte sich von ihnen weg, um ihr Gesicht zu verbergen.
Nach einer Pause blickte Veit in die verwirrten Gesichter der anderen und seufzte. »Lennard hat mein Leben gerettet.« Er sah wieder zu Valka die sich in eine dunklere Ecke zurückgezogen hatte. »Willst du es erzählen?« Die Hexerin schüttelte den Kopf und starrte auf den Boden vor ihren Füßen. »Es war also wirklich die Initiation«, murmelte Regis leise und Veit nickte bestätigend. »Ich erinnere mich nicht mehr daran, aber nachdem was Valka mir erzählt hat, habe ich, als ich etwa fünf Jahre alt war, plötzlich extrem Gewicht verloren. Ich wurde krank und schwach und dass, obwohl ich kein Anzeichen einer bekannten Krankheit zeigte. Mutter brachte mich zu jedem Arzt, Bader oder Waideler den sie finden konnte, aber selbst, wenn sie sich bereit erklärten, mich zu untersuchen und sie nicht einfach davonjagten, dann konnten sie ebenfalls keine Ursache finden.« Er machte eine Pause und räusperte sich beklommen. »Es vergingen einige Monate, in denen ich immer schwächer wurde, aber dann kam sie der Ursache auf die Spur. Eine Gruppe Banditen lauerte uns auf und Mutter war gezwungen sie zu töten.« Er machte wieder eine Pause, diesmal um tief Luft zu holen. »Es war das erste Mal, dass ich vampirisches Verhalten zeigte.« Geralt stieß sich verwundert von der Wand ab, an der er lehnte. »Du hast ihr Blut getrunken?« Veit nickte. »Das… und ich veränderte mich. Ich verwandelte mich.
Nachdem ihr erster Schock abgeklungen war, setzte sie mich vor sich aufs Pferd und wir ritten, so schnell wir konnten nach Dillingen. – Warum, - habe ich erst viele Jahre später erfahren.« Er warf Regis einen bedeutungsschweren Blick zu. »Leider konnte sie damals weder dich noch eine Spur zu dir finden, aber inzwischen waren weitere Wochen vergangen und mein Zustand hatte sich weiter verschlechtert.« Er unterbrach, als Valka wieder ins Licht trat und ihren Blick über die Runde schweifen ließ, bis sie an Regis hängen blieb. »Er war inzwischen so schwach, dass ich befürchtete, er würde die Nacht nicht überleben«, fuhr nun die Hexerin mit leiser Stimme fort. »In meiner Verzweiflung folgte ich den Gerüchten einiger Reisender, die von einer Bruxa erzählten, die angeblich in den Wäldern um den Jaruga leben sollte.
Und dann meinte es das Schicksal gut mit mir. Ich fand die Bruxa und offensichtlich erkannte sie Veit als das, was er war, denn statt uns anzugreifen, sah sie ihn sich neugierig an und verschwand dann blitzschnell zwischen den Bäumen. Natürlich wusste ich da noch nicht was sie vorhatte und ich wäre beinahe verzweifelt. Aber einige Stunden später stand Lennard plötzlich vor mir.
Wenn ihr euch erinnert, ich habe euch bereits erzählt, dass ich ihn früher schon einmal getroffen habe. Tatsächlich war er sogar der erste höhere Vampir, dem ich begegnet bin, wenngleich ich damals auch seinen Namen noch nicht kannte.
Er sagte, dass die Bruxa ihn aufgesucht hätte und ihm erzählte, dass eine Hexerin mit einem jungen Vampir reist und Hilfe sucht. Er ist damals neugierig geworden und hatte zu meinem Glück beschlossen sich die Sache genauer anzusehen.
Er warf nur einen Blick auf Veit und erklärte mir, dass höhere Vampire zwar normalerweise kein Blut trinken müssen, aber sobald sie einen gewissen Entwicklungsstand erreicht hatten, benötigen sie regelmäßig etwas Blut von anderen höheren Vampiren, üblicherweise den Eltern, bis sie körperlich ausgewachsen sind. Ein Phänomen der Postkonjunktionszeit. Anscheinend werden junge Vampire in dieser Welt sehr krank und das Blut der stärkeren, ausgewachsenen kann Abhilfe schaffen. Normalerweise würde aber auch ein Vampirkind nicht daran sterben, nur Veit ist eben doch nur ein Halbvampir.« Sie verzog das Gesicht. »Ein Umstand, der Lennard von Anfang an fasziniert hat.
Nachdem er sich ausführlich von mir hat berichten lassen, bot er seine Hilfe an. Allerdings nicht umsonst. Er wollte für die paar Tropfen Blut, die er Veit geben würde, zum Ausgleich mein Blut. Ich war natürlich sofort einverstanden und Lennard hielt sein Wort. Er gab Veit etwas von seinem Blut und wartete gemeinsam mit mir ein paar Stunden. Und tatsächlich ging es Veit schon bald wieder besser. Dann forderte er seinen Lohn und zu meiner Überraschung begnügte er sich mit ein paar Schlucken.« Seufzend unterbrach Valka und spielte einen Moment gedankenverloren mit einem Stück Seil. »Das bisschen war jedoch nicht genug und Veit brauchte auch weiterhin regelmäßig Vampirblut. Er benötigte es fortan alle paar Wochen, bis er erwachsen war. Also traf ich eine Vereinbarung mit Lennard. Wir treffen uns regelmäßig, er gibt meinem Jungen von seinem Blut und dafür gebe ich ihm von meinem.«
Es raschelte als Eskel sein Gewicht nach vorne verlagerte und etwas altes Stroh zu Boden rieselte. »Aber dabei ist es nicht geblieben, oder?«, fragte der Hexer skeptisch.
Valka schüttelte den Kopf. »Nein. Nach ein paar Monaten, sagte er bei einer Zusammenkunft, dass er an diesem Tag keine Lust auf Blut hätte und er es gern hätte, wenn ich ihm anders… Vergnügen bereiten würde.« Valka senkte beschämt den Blick. »Es ging um das Leben meines Sohnes. Ich konnte nicht ablehnen.« Wieder schwieg sie einen Moment und die Schamesröte, die ihr ins Gesicht stieg, war selbst in dem schummerigen Kerzenlicht deutlich erkennbar. »Zunächst schien es so, als ob es eine einmalige Sache gewesen wäre, denn beim darauffolgenden Treffen und dem danach wollte er wieder Blut. Aber dann kam wieder ein Tag, wo sein Appetit etwas anderes forderte. Von da an wechselte der geforderte Lohn für seine Hilfe ständig, bis er nach etwa zwei Jahren gar kein Blut mehr wollte.
Lennard war nie grob, forderte auch nichts, was mir zuwider war und er verbrachte inzwischen deutlich mehr Zeit mit uns. Anstatt nur alle paar Wochen zusammenzukommen, begleitete er uns meist wochenlang. Abgesehen von der Winterzeit, die wir nun wieder in der Festung verbringen konnten.
Lennard unterrichtete Veit, erzählte ihm von der Geschichte, der Kultur der Vampire und… er spielte und tobte mit ihm. Es hat nicht lange gedauert, bis er in Lennard einen Vaterersatz gesehen und echte Zuneigung zu ihm gefasst hatte.« Veit scharrte verlegen mit den Füßen und die Hexerin blickte ihn traurig an. »Du warst ein Kind und er war sehr gut zu dir. Es war nur natürlich.« Seufzend verlagerte sie ihr Gewicht und legte eine Hand an die Wange. »Ich liebe ihn nicht, ich habe es nie getan, aber in Anbetracht dessen, was er für Veit getan hat und wegen der Beziehung, die die beiden aufgebaut hatten, willigte ich ein, als er mir in Veits fünfzehntem Jahr das Versprechen abverlangte seine Gefährtin zu werden. Für immer.«
Geralt keuchte erstaunt auf. »Für immer? Das heißt… .« Valka blickte wieder hoch, aber diesmal war ihr Gesicht ernst und verbissen. »Das bedeutet, dass ich ihn weder hintergehen noch verlassen werde.«
»Aber er hätte dir dieses Versprechen niemals abnehmen dürfen. Du liebst ihn nicht«, protestierte Veit und gestikulierte so wild mit seinem Armen, dass er gleich darauf unter Schmerzen zusammenzuckte. »Das spielt keine Rolle. Ich habe versprochen bei ihm zu bleiben und das werde ich, unabhängig davon wie ich mich dabei fühle«, sagte Valka leicht erzürnt. »Es ist lieb von dir, dass du um mein Glück bemüht bist, aber es ist sinnlos. Würde ich ihn verlassen, dann machte mich das nicht glücklicher. Ich hätte nur zusätzlich mit dem Wissen zu kämpfen, dass ich mein Wort gebrochen habe. Etwas das Lennard nie getan hat.«
»Und was ist mit ihm?«, fragte Veit bitter und deutete auf Regis, der sich sofort erschrocken versteifte. »Es ist offensichtlich, dass ihr beide noch Gefühle füreinander habt. Meinst du nicht, dass ihr miteinander die Chance hättet, beide glücklich zu werden? Wenn ich daran denke wie du reagiert hast, als Rittersporn die Geschichte von Vilgefortz erzählt hat… .« Valka schüttelte traurig den Kopf. »Wie hätte ich sonst reagieren sollen? Ich musste mir eine sehr farbenfrohe Erzählung anhören, die beschreibt wie der Mann, den ich einst sehr liebte, qualvoll in den magischen Flammen eines geisteskranken Zauberers zugrunde ging.« Sie presste die Lippen zusammen und sah scheu zu Regis. Schließlich seufzte sie so tief, dass es beinahe wie ein Schluchzen klang. »Veit, kannst du denn nicht verstehen, dass ich mir auch wünschen würde, dass ich mein Leben, an der Seite von jemandem verbringe könnte, den ich wirklich liebe? Aber diese Möglichkeit habe ich nun einmal nicht mehr. Ich kann nur versuchen das Beste aus dem zu machen, was ich habe.« Sie blickte Veit eindringlich an und verschränkte dann ihre Arme vor der Brust. »Vielleicht solltest du dich aber mal fragen, ob du Lennard nicht unrecht tust. Bis zu dem Abend in Novigrad, hast du nie ein schlechtes Wort über ihn verloren oder ihn irgendwie in Frage gestellt. Du hattest so viel für ihn übrig, dass du bis dahin nicht eine Frage über deinen richtigen Vater gestellt hast.«
Veit lachte bitter auf und erhob sich von der Kiste, um näher an Valka heranzutreten. »Ich wusste es nicht besser und idiotische Entscheidungen zu treffen, scheint ja eine Art Familientradition zu sein. Dieser Abend hat mir die Augen geöffnet und ich habe Lennard das erste Mal klargesehen. Verrat mir doch einmal, Mutter – was ist das für ein Mann, der sich eine Familie erpresst, anstatt eine zu gründen?«
»Du weißt, dass er keine Eigene haben kann«, erwiderte Valka blass, aber Veit winkte sofort ab. »Er kann vielleicht keine Frau unter den Vampiren finden, aber es gibt doch wohl genug Menschen oder Elfen. Irgendeine Frau wird bestimmt verzweifelt genug sein, um sich freudig auf ihn einzulassen. Und fremde Kinder großzuziehen war anscheinend, auch kein Problem für ihn. Mir wäre es jedenfalls neu, wenn ich in den letzten zwei Jahrhunderten ein Geschwisterchen bekommen hätte.«
Nachdem Veit sein emotionales Plädoyer gehalten hatte, starrten sich die beiden schweigend und mit bleichen Gesichtern an. Nach einigen Augenblicken fiel ihnen offenbar ein, dass sie nicht allein in dem Keller waren und sie drehten ihre Köpfe verlegen zu den anderen, die sie mit großen Augen, stumm beobachteten. Veit räusperte sich verlegen und Valka drehte ihren roten Kopf zur Seite, als Zoltan mit gespannten Gesichtsausdruck eine Hand hob. »Ich hätte da eine Frage.«
Geralt warf dem Zwerg einen finsteren Blick zu, aber der ignorierte ihn einfach. »Warum kann der Typ keine Vampirbraut haben?«
Valka versteifte sich ein wenig empört, ehe sie dann doch zögerlich antwortete. »Er ist ein Champion. Die anderen Vampire meiden ihn.«
»Ein Champion? So wie der Champion von Tesham Mutna?«, stellte Geralt dann nun doch seinerseits verwundert eine Frage und sah zu Regis. Der Vampir nickte. »Ich bin wirklich beeindruckt, wie viel du behalten hast, mein Freund. Bei den Champions handelt es sich um eine Tradition, die wir auch Khagmar zu verdanken haben. Es gibt nur wenige von ihnen, meist nur einen, selten zwei pro Stamm. Die Ältesten wählen diejenigen aus, die bewiesen haben, dass sie nicht nur unseren Kodex tadellos befolgen, sondern auch stets im Sinne des Stammes handeln. Meistens besteht ihre Aufgabe nur darin junge übermütige Vampire freundlich an die Konsequenzen ihres Handelns zu erinnern. Aber wenn ein Vampir so über die Stränge schlägt, dass das Risiko besteht, dass sich die Menschen und Anderlinge, statt sich gegenseitig umzubringen, zusammentun und uns herausfordern könnten, dann wird der Champion wirklich tätig. Sie fangen die Vampire und sperren sie für Jahrhunderte in Käfige oder wie offenbar im Fall von Lennard, in eine Truhe.« Er unterbrach, als Valka schnaubte. »Lennard nannte es, „ihnen Bedenkzeit verschaffen“. »Seit Khagmars Zeiten ist das nur sehr wenige Male tatsächlich notwendig gewesen und wenn die Vampire freikamen, dann verhielten sie sich bisher auch immer zufriedenstellend ruhig und dienten als abschreckendes Beispiel für andere Vampire. Man könnte also sagen, dass der Champion unsere Justiz vollstreckt. Dabei ist seine Rolle jedoch ein wenig schizophren, denn auf der einen Seite gilt es als große Ehre von den Ältesten mit dieser Aufgabe betraut zu werden, auf der anderen bedeutet es gewissermaßen Exil. Wie Valka bereits sagte, Champions werden von den anderen Vampiren gemieden. Bei uns ist es halt nicht anders als bei anderen Arten – niemand will mit der Spaßbremse befreundet sein.«
Das Knistern der Fackel war deutlich zu hören, während sie über Regis Erklärung nachdachten. Es blieb still bis sich Eskel etwas unruhig bewegte und dabei an Veits Klinge kam, die neben ihm an der Wand lehnte und sie umstieß. Bevor sie auf den Boden aufschlug, hatte er sich gebückt, sie aufgefangen und wieder an die Wand gelehnt. Die kurze Ablenkung genügte ihm offenbar, um seine Gedanken zu sortieren, denn als er seine Aufmerksamkeit wieder auf die anderen lenkte, brannte ihm eine weitere Frage auf den Lippen. »Das Thema ist zwar ziemlich privat, aber ich komme nicht umhin mich darüber zu wundern, warum du in weit über zweihundert Jahren nicht… noch… ähm… also warum…?« »Warum ich kein weiteres Kind bekommen habe?«, beendete Valka seinen Satz kurzerhand. »Eine gute Frage. Wenn es nach Lennard gegangen wäre, dann hätte es mindestens noch ein Kind gegeben.« »DAUCUS CAROTA. Die wilde Möhre«, rief Regis plötzlich laut aus. »Natürlich, wie dumm von mir.« Valka nickte ihm lächelnd zu. »Glücklicherweise beschränkt sich Lennards Wissen über Kräuter und Pflanzen darauf, dass der grüne Teil über die Erde gehört.« »Ich verstehe nicht ganz«, meinte Eskel. »Wilde Möhre nimmt man gegen Übelkeit und andere Magenleiden.« »Das ist richtig«, bestätigte Regis »Und diese Annahme hat auch mich auf den Holzweg geführt. Ich habe nicht mehr daran gedacht, dass Frauen mit hohen Dosen, an den richtigen Tagen ihres Zyklus eingenommen, einer Schwangerschaft effektiv vorbeugen können.« Er wandte sich direkt an Valka. »Dann hast du dich bewusst gegen ein Kind mit ihm entschieden?« Sie sah ihm fest in die Augen,ls sie antwortete. »Natürlich habe ich das. Denn unabhängig von meiner Entscheidung, hat Veit in einer Sache auf jeden Fall recht. Niemand der ganz bei Verstand ist, erpresst sich eine Familie.«

 

~

 

Der Keller war wieder in Schweigen gehüllt, als sie erneut dazu übergegangen waren sich auf den unausweichlichen Kampf vorzubereiten. Nur das gelegentliche <surren eines Schleifsteins oder das leise Plopp eines Korkens durchbrach die Stille. Die Stimmung war schwer, beinahe greifbar und zwiegespalten. Teilweise brüteten sie noch über das, was sie eben gehört hatten und zum anderen machte sich auch Unruhe breit, da die Vampire auf sich warten ließen.
Veit hatte mehrere Tränke genommen und dehnte und streckte sich nun, um den Heilungsfortschritt seines Körpers einschätzen zu können. Er war grade so weit, dass er zufrieden wieder sein Schwert, das Eskel in der Zwischenzeit für ihn präpariert hatte, an sich nehmen wollte, als er mitten in der Bewegung erstarrte und seinen Kopf zur Seite drehte, um zu lauschen. Nach einem kurzen Moment flüsterte er: »Er ist wieder da.«
Die anderen waren sofort auf den Beinen und machten sich kampfbereit. »Wer?«, wollte Zoltan wissen. Veit ging bereits auf die Treppe zu, um durch den schmalen Spalt zwischen den beiden Türblättern zu linsen. »Lennard. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er es ist und er ist allein.« Die anderen folgten ihm zur Treppe und beobachteten ihn neugierig. »Ja«, bestätigte Veit schließlich. »Er ist es wirklich. Kein anderer in Sicht. Nur Lennard und diese vermaledeite Truhe.«
»Liegt da einer drin?«, fragte Eskel neugierig. Veit zuckte mit den Schultern »Keine Ahnung. Fragen wir ihn.« Er streckte die Hand aus, um die bereits schwächelnde Barriere endgültig zu durchbrechen, hielt aber inne, als Valka plötzlich laut rief. »Warte!« Sie hechtete die Treppe hoch und quetschte sich neben Veit, um ebenfalls einen Blick durch den Spalt werfen zu können. Sie starrte eine Weile nach draußen und reckte ihren Hals, um möglichst viel von der Umgebung erkennen zu können. Zunächst machte es den Eindruck, als würde sie sich entspannen, aber plötzlich zuckte sie wie verbrannt zurück und starrte ungläubig auf die Tür. »Das darf nicht wahr sein«, murmelte sie fast lautlos und schlug sich eine Hand vor den Mund.
»Was ist denn los?«, rief Geralt leise vom Fuß der Treppe hoch. »Die anderen Vampire?« Veit schüttelte ratlos den Kopf und blickte wieder hinaus. Nach einem Moment drehte er sich wieder irritiert um. »Ich sehe nur Lennard.« Er packte Valka an der Schulter und schüttelte sie leicht. »Was ist? Was hast du gesehen? Hast du das Rudel gesehen?«
Das Gesicht der Hexerin war von Entsetzen gezeichnet, als sie ihn direkt ansah. »Die Vampire sind fort.« Sie blickte wieder nach unten und murmelte leise vor sich hin. »Ich kann nicht glauben, dass er so weit gehen würde.« Veit schüttelte sie wieder, um ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. »Wovon redest du? Wieso sollten die Vampire weg sein?« Tränen standen in ihren Augen, als sie diesmal sprach. »Sieh zu seinen Füßen.«
Irritiert starrte Veit sie an, tat dann aber wie geheißen. Er blickte erneut durch den Spalt und sah, dass Lennard bereits auf ihn aufmerksam geworden ist und in seine Richtung winkte. Er blickte an dem Vampir herunter und sah neben der Truhe, direkt vor seinen Füßen einen übel zugerichteten Garkin liegen. Er stutzte und drehte sich wieder zu Valka. »Er hat die anderen Vampire gekillt?« Valka reagierte nicht, starrte ihn nur weiter ausdruckslos mit tränenverhangenen Augen an.
Dann plötzlich verstand er, was sie meinte, stolperte vor Entsetzen ein paar Stufen herunter und wäre vermutlich gestürzt, wenn Regis ihn nicht abgefangen hätte. »Das… das kann nicht sein. Er würde doch niemals… .« Zorn machte sich in ihm breit und Veit stürzte erneut die Treppe hinauf. Diesmal ließ er sich nicht von Valkas erschrockenen Rufen zurückhalten und zerstörte brutal die Barriere. Er warf die Türen des Kellers auf und stürmte hinaus, auf Lennard zu.
Die anderen starrten ihm einen Moment perplex hinterher, dann folgten sie ihm die schmale Treppe hinauf. Draußen angekommen wurden sie Zeuge, wie Veit sich wütend vor Lennard aufbaute und seine Fäuste in die Hüfte stemmte. »Warum hast du diesen Vampir getötet?«
Der Vampir lächelte ihn schief an, setzte sich auf die Truhe und schlug seine Beine übereinander. »Sind wir nicht hier, um den Vampiren den gar aus zu machen?«, fragte er lässig. Veit schnaufte wütend. »Ich meine, warum verschwindest du während des Kampfes und erledigst dann ausgerechnet diesen speziellen Garkin bei deiner Rückkehr?«
»Ich dachte, das wäre offensichtlich. Ich gestatte nicht, dass meine Familie Schaden nimmt.« Veit zuckte zurück und starrte ihn an. »Das deine Familie Schaden nimmt… .« Er warf einen Blick über die Schulter, um Regis anzusehen und schloss dann traurig für einen Moment die Augen. Als er sich wieder zu Lennard drehte war sein Blick kalt und fest. »Es gab hier keinen anderen höheren Vampir, oder?« Lennards Lächeln wurde grausam und so breit, dass seine spitzen Zähne deutlich sichtbar wurden. »Bisher nicht, aber nun schon.« Er stand wieder auf und öffnete mit einer schwungvollen Bewegung den Deckel der Truhe.
»Wie ich bereits sagte, ich gestatte nicht, dass MEINE FAMILIE SCHADEN NIMMT!«
Geralt trat neben Valka und knurrte zwischen zusammengebissenen Zähnen: »Wovon redet der Kerl?« Die Hexerin starrte weiterhin mit bleichem Gesicht den blonden Vampir an, während sie ihm antwortete. »Er war es. Lennard hat die niederen Vampire befehligt.« »WAS?«, entgegnete Geralt verblüfft. »Warum? Was bringt es ihm, Velen zu terrorisieren?«
»Im Grunde ist es nur eine Falle«, erklärte Valka. »Die ganzen Angriffe dienten nur dem Zweck, die richtigen Leute herzulocken.« »Und die richtigen Leute sind in diesem Fall, wir?«, stutzte Geralt. »Vermutlich ging es wohl in erster Linie um mich«, fügte Regis hinzu.
»Oh, sehr gut.« Lennard klatschte sarkastisch in seine Hände. »Du denkst doch nicht wirklich, dass ich es mir einfach so gefallen lassen würde, dass du mir meine Frau und mein Kind abspenstig machst. Du hattest deine Chance und hast sie weggeworfen.« Er lachte hysterisch auf. »Du hast ja keine Ahnung, was du verspielt hast. Sieh dich nur an. Du hättest Frau und Sohn haben können und stattdessen hast du gar nichts. Du bist bloß ein Schatten, die jämmerliche Karikatur eines Vampirs. Aber ICH weiß, was Familie bedeutet und ich werde sie nicht kampflos aufgeben.«
Valka hielt sich wieder eine Hand vor den Mund. »Du bist vollkommen Wahnsinnig geworden… . Lennard ich habe mein Versprechen nicht gebrochen… .«
»Jetzt vielleicht noch nicht«, schnauzte er sie an. »Aber als Veit zu mir kam und mir erzählte, dass er seinen richtigen Vater«, er spuckte die Worte geradezu aus, »suchen wollte, da wusste ich, dass ich handeln musste. Es war auch nicht besonders schwer. Veit war so freundlich., mich darüber zu informieren, dass Emiel Regis eng mit einem Hexer befreundet ist.« Er wedelte theatralisch mit einer Hand. »Die Leute reden und es ist allgemein bekannt, dass er sich nur zu gern aufopfert. Ein paar Angriffe, ein paar Hundert Tote und schon war die Aufmerksamkeit unseres Hexers geweckt. Es war also nur eine Frage der Zeit bis Emiel Regis auftauchten würde. Gut, ich gebe zu ich habe nicht damit gerechnet, dass du, Valka und dieser andere Hexer hier noch auftauchen würdet. Aber das spielt keine Rolle mehr.«
»Die Angst vor der Einsamkeit macht dir wirklich schwer zu schaffen, nicht wahr?«, fragte Regis den hysterischen Vampir seelenruhig. »SEI STILL!«, fauchte Lennard ihn an. Regis ignorierte ihn und wandte sich an Valka. »Wie bei meinem Freund Detlaff ist auch Lennards starke Seite der Gruppeninstinkt. Es verleiht ihm aber nicht nur die Gabe niedere Vampire zu befehligen, es weckt in ihm gleichzeitig den starken Drang nach Zugehörigkeit. Einem Rudel, einer Familie. Seine Berufung als Champion machte ihn zum Außenseiter in den Stämmen und verhinderte gleichzeitig, dass er sich mit niederen Vampiren umgeben konnte. Denn in größeren Gruppen ziehen sie immer zu viel Aufmerksamkeit auf sich. Mehr als der Stamm gestatten würde.« »ICH HABE GESAGT DU SOLLST STILL SEIN!« Regis ignorierte ihn weiterhin. »Ich bedauere dich aufrichtig, aber… .« Lennard machte einen wütenden Satz nach vorne. »Du solltest lieber dich bedauern. Denn ich HABE eine Familie und du wirst die nächsten paar Jahrhunderte in dieser Truhe verbringen und wenn du dich dann von den Strapazen der Regeneration erholt hast, werde ich dich erneut hineinstecken.« Nun trat Valka ebenfalls vor und starrte den Vampir fassungslos an. »Du wirfst unzählige Menschen den Vampiren zum Fraß vor, nur, weil du Eifersüchtig bist? Das ist Wahnsinn. Ich werde nicht zulassen, dass du so weitermachst und ich werde ganz sicher nicht zulassen, dass du Regis einsperrst.«
»Du wirst dich da gefälligst raushalten und du tätest besser daran dich zu erinnern, wer deinen Sohn letztendlich aufgezogen hat«, keifte Lennard sie wieder an. »Ursprünglich sollte das Rudel dich niedermachen«, sagte er an Regis gewandt. »Aber ihr habt euch erstaunlich gut geschlagen und zu meinem Leidwesen, musste ich ihnen eine Lektion erteilen, weil entgegen meiner strickten Anordnung, Veit verletzt wurde.« Während er sprach ging er langsam auf Regis zu und seine Gestalt nahm die vampirischen Züge an. »Ich werde also leider gezwungen sein, dich selbst außer Gefecht zu setzen. Aber so ist es doch auch gleich viel persönlicher… .«
Regis wechselte ebenfalls seine Gestalt und die Hexer zogen alarmiert ihre Schwerter. Sie machten sich bereit Regis zu verteidigen und seinen Angriff zurückzuschlagen, als Lennard Schwung holte… und plötzlich verwirrt auf seine Brust starrte, aus der eine blutige Silberklinge herausragte.
Der wütende Vampir drehte den Kopf, um zu sehen, wer es wagte ihn anzugreifen. »Du Insekt, ich werde dich zertreten«, fauchte er Zoltan an, der hastig das Heft von Veits Silberschwert losließ und ein paar Schritte zurück stolperte. »Ähm, Freunde… könnte einer von euch vielleicht…?« Eskel, Valka und Geralt sprangen vor, um Lennard zu erwischen, bevor er sich seinerseits auf den Zwerg stürzen konnte. Aber bevor einer von ihnen auch nur nah genug herankam, stürmte ein undeutlicher Schemen an ihnen vorbei und warf sich auf Lennard. Sie blieben wie angewurzelt stehen und sahen bestürzt zu, wie Veit immer wieder auf Lennard einschlug und tiefe, blutige Wunden hinterließ.
Als seine Brust und sein Bauch nur noch eine blutende Masse zu sein schien, stürzte Lennard auf die Knie und Veit stellte seine Angriffe ein.
»Warum?«, fragte der Vampir fassungslos, während ihm das Blut aus dem Mund sprudelte. »Weißt du Lennard, es gab eine Zeit, da habe ich dich wirklich wie einen Vater geliebt«, erwiderte Veit kalt. Er drückte Lennard nach vorne, um das Heft des Schwertes erreichen zu können und es aus dem Körper des Vampirs herauszuziehen. »Aber jetzt bist du nur noch ein armer Irrer, für den ich nur noch Verachtung übrighabe. Niemand verdient es so sehr in dieser Truhe zu verfaulen, wie du.« »Mein Sohn«, flüsterte der Vampir ängstlich, als Veit das Schwert hoch über den Kopf hob und es dann mit einem kräftigen Hieb auf den Nacken des Vampirs niedergehen ließ. »Ich bin nicht dein Sohn.«

Veit ließ das Schwert fallen und starrte einen Moment, entsetzt über seine Tat, auf den enthaupteten Körper vor seinen Füßen. Erst als dieser zu zucken begann und sich die ersten Anzeichen der Regeneration bemerkbar machten, erwachte er aus seiner Starre, packte Lennards Kopf und warf ihn in die Truhe. Dann griff er den Körper und legte ihn ebenfalls hinein. Die Truhe entpuppte sich bedauerlicherweise als zu klein, um den Vampir vollständig fassen zu können, aber noch während er überlegte wie er das umgehen könnte, trat Zoltan wieder heran und löste das Problem pragmatisch mit einigen schnellen Hieben.

Veits Herz klopfte ihm bis zum Hals und seine Finger zitterten, als er den Deckel der Truhe zufallen ließ und sich rasch darauf niederließ. Er vergrub seinen Kopf in den Händen und wünschte sich diesen Anblick für immer vergessen zu können.
Nach einem Moment schockierten Schweigens, wurde die betretene Stille durch leises Glucksen unterbrochen. Verblüfft lösten sich alle von den erschreckenden Ereignissen und wandten ihre Blicke Regis zu, der sich eine Hand vor den Mund hielt und offenbar verzweifelt um seine Fassung bemüht war. Immer kurz nachdem er sich scheinbar gefangen hatte, musste er erneut Lachen und seine Bemühungen es zu verbergen, ließ ihn Grimassen schneiden.
Fassungslos starrte Valka ihn an. »Findest du das etwa witzig?«  Regis schüttelte glucksend den Kopf. »Es tut mir schrecklich leid«, brachte er mühevoll hervor. »Ich… weiß natürlich, es… ist… ungeheuer furchtbar, aber… « Er deutete auf Veit.
Valka verstand offenbar, worauf er anspielte, denn ihre finstere Mine glättete sich und gleich darauf verzog auch sie amüsiert den Mund.
»Es tut mir… wirklich leid, aber… Veit...«
Irritiert sahen die anderen zu Veit hinüber. Der Hexer saß noch immer zusammengesunken auf dem Deckel der Truhe. Seine Ohren waren lang und spitz, das Gesicht wirkte fledermausartig, mit braunen Flecken, die sich vom Haaransatz aus verteilten und an den Spitzen seiner Finger saßen Krallen, statt Fingernägeln.
Erstaunt bemerkte Geralt, dass Veit in seiner vampirischen Gestalt verblüffende Ähnlichkeit zu Regis aufwies. Aber anders als bei seinem Freund, dem inzwischen die Tränen über das Gesicht liefen, waren seine Züge etwas gemäßigter, seine Zähne und die Krallen, obgleich noch immer beeindruckend, deutlich kürzer. Geralt vermutete, dass diese Merkmale deshalb auch in seiner menschlichen Gestalt nicht so auffielen.
Als Regis ein weiteres Mal laut gluckste, schnaubte Veit ungehalten. »Ist ja gut«, brummte er und schob schmollend seine Unterlippe vor. »Ich weiß selbst, dass ich Krallen wie ein Mädchen hab.«