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Am Ende wird alles gut

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Klauen kratzen über kalten Stein und suchen mit fahrigen Bewegungen nach einem Riss oder Spalt, einem Angriffspunkt in dem grauen Mineral. Die Bewegungen werden mit der Zeit ungeduldiger und aggressiver. Schließlich erklingt frustriertes Fauchen in der Dunkelheit und die tastenden Bewegungen gehen in kräftige Schläge über, trommeln auf den Stein ein und beginnen ihn allmählich zu zerschmettern. Es scheint wie eine Ewigkeit bis die schwere Steinplatte mit einem schrecklichen Knacken zerbricht und knirschend in sich zusammenfällt. Grelles Licht dringt in den gewaltigen Steinsarg ein. Reflexartig werden die Klauen nach oben gerissen, um Augen zu schützen die wie schwarze Käfer glänzend, so lange Zeit vor der Sonne verborgen waren.

Dann regte sich etwas unter den Einzelteilen der Steinplatte, bemüht sich herauszuwinden und beschwerlich aus dem einstigen Gefängnis zu befreien. Nach der unwirklichen Leistung den schweren Stein zu zerstören, erscheint die Anstrengung, den Sarg zu verlassen gewaltig.

Es vergehen mühselige Minuten voller ächzendem Stöhnen und rieselnden Steinen, doch letztendlich ist es geschafft. Eine klauenbewerte Hand stützt sich am Rand des Sarges ab und eine andere streicht zögernd den nun fast aufrechten Körper entlang. Anscheinend zufrieden mit dem Ergebnis der Untersuchung richtet sich der Körper weiter auf, strafft die Schultern und zieht tief und langsam die Luft ein. Während der Atem kurz darauf genauso langsam wieder ausgestoßen wird, öffnen sich erneut die empfindlichen Augen und ein verärgertes Knurren erklingt, als das Licht des Tages schmerzhaft auf sie trifft. Sie blinzeln schnell und feucht und allmählich gewöhnen sie sich an die Verhältnisse.

Vorsichtig erfolgt der erste unsichere Schritt, schließlich noch einer und dann immer mehr bis sich ein langsames, aber stetiges Tempo einstellt, um den Ort der langen Gefangenschaft hinter sich zurückzulassen. Die Richtung, in die die Schritte führen, ist keineswegs willkürlich, der Wind trägt deutlich den süßen Geruch von menschlichem Blut und deutet zielsicher den Weg zur nahe gelegenen Siedlung.

Allmählich beschleunigen sich die nun sichereren Schritte und die Bewegungen werden fließender - wirken menschlicher. Die Klauen verschwinden und es bleiben trügerisch harmlose, schlanke Finger.

Die Geräusche der Menschen mischen sich beim Näherkommen mit ihrem inzwischen allgegenwärtigen, verlockenden Geruch. Am Rand der Siedlung angekommen stoppen die Schritte für einen kurzen Moment. Schwarze Augen betrachten die Menschen, die ihrerseits mit unverhohlener Neugierde den Neuankömmling anstarren. Den unbekannten Mann mit dunklem Haar, edlen Gesichtszügen und schmutziger, altmodischer Kleidung.

Emiel Regis holte noch einmal tief Luft, bevor er den letzten Schritt tat. Der der ihn offiziell in die Stadtgrenze von Dillingen brachte. Heute ist der erste Tag, denkt er, während er das Verlangen unterdrückt seine Zähne im Vorbeigehen in einen staunenden kleinen Jungen zu schlagen.

Der erste Tag von meinem neuen Leben.