Actions

Work Header

Mon Amie

Chapter Text

Er war auf Jamaica, endlich, um seinen Freund Antoinne zu besuchen.
Antoinne lebte dort schon fast sein ganzes Leben lang. Er war ebenso reich und gebildet wie Etiénne selbst. Sie kannten sich noch aus früheren Tagen, als Ersterer noch ein ansehnliches Heim in Frankreich sein Eigen genannt hatte. Etiénne war in einer lauen See hinüber gereist, keine Brise hatte das Wasser gekräuselt bis fast zum Ende der Reise, da frischte es endlich auf, brachte Regen und beruhigte die Gemüter. Fast 2 einhalb Wochen hatten sie gebraucht, in denen sie normalerweise an die ein einhalb gereist wären! Dementsprechend wirkte Etiénne ein bisschen ausgezerrt und am Ende seiner Kräfte angelangt als er ankam. Die ersten zwei Tage hatte er sich übergeben bevor die Flaute einsetzte und dann als endlich Wind wieder aufkam!
Er war nunmal nicht geschaffen für die See, wie auch? Es stand einem Manne seines Standes auch schlechterdings zu Gesicht, sich als eifriger Seemann auszugeben!
Antoinne hatte eine Kutsche für seinen Freund entsandt, als Etiénne an Land trat eilte sein Diener, entschuldigend an ihm vorbei, in Richtung Gepäck und belud das Gefährt. Er missbilligte das ein Bisschen, das hatte vorher zu geschehen, doch ihm fehlte jetzt die Kraft um weitere Gedanken daran zu verschwenden. Er bestiegt die Kutsche, machte es sich so bequem als möglich und wartete auf seinen Diener der so eben die Kutsche erklomm, um hinten aufzusteigen! Ungehobelter Kerl, er überlegte kurz ihn aus seinen Diensten hinauszuwerfen, doch dann spürte er wie sein Magen sich zusammenzog!
Sein Magen war nicht der Beste, schon seit einer langen Zeit plagte er ihn immer und immer wieder. Das war auch meistens der Grund für seine schlechte Laune, dies schien ihm aber nicht bewusst zu sein. Schlechte Laune, die hatte er ziemlich oft! Er tyrannisierte die Diener, dafür bot er diesen allerdings ein gutes Leben. Er hatte Ärzte über Ärzte ausprobiert und nichts aber auch gar nichts half. Er konnte sie nicht mehr sehen, war noch missmutiger als zuvor.
Er lebte daheim in seinem Schloß, eher abgeschieden, allein und ohne Frau. Sämtliche Familienmitglieder kamen nur wenn sie wieder Geld benötigten. Ansonsten ließen sie den "alten Misanthropen" lieber in Frieden. Er war, weiß Gott nicht leicht, ein sehr schwieriger Charakter! Der Einzige dem er selbst etwas abgewinnen konnte war Antoinne, den er ab und an besuchte.
Neben Antoinne bekam die Zeit eine ganz andere Note. Er konnte lachen und scherzen, kam aus seinem selbst gebauten Schneckenhaus hinaus gekrochen, blühte auf. Antoinne war es auch der ihm immer ein Gefühl der Geborgenheit und Gleichwertigkeit gab. Er fühlte sich wohl und aufgehoben. Antoinne war mehr Bruder als Henrie es je hätte sein können.

XXX

Henrie war vier Jahre jünger als er und wurde von seinen Eltern vergöttert, schon immer. Henrie bekam alles, war ein artiges Kind, war gelehrsam und strebsam. Während Etiénne, einmal Stammhalter des Hauses Menaux werden sollte und man ihn mit all der dafür nötigen Strenge und, ja auch, Härte erzogen hatte! Er durfte sich nie einen Fehler erlauben, musste stets tun was man ihm wies, auch wenn es noch so absurd klang. Mit fünf Jahren lehrte ihm sein Hauslehrer, mit strenger Erlaubnis des Vaters, Manieren und zwar mit einem Rohrstock. Er prügelte das kleine Bürschchen windelweich. Daher hatte Etiénne schon von frühester Kindheit erfahren das Tränen nichts brachten und man im Leben nur weiter kam wenn man Kummer für sich behielt.
Kummer den er später an seinen Dienern aber vor allem an seinem Magen ausließ! Er hasste den Vater für das was er ihm antat, eigentlich wollte er nur geliebt werden, die Liebe die man seinem Bruder gab aber nie ihm. Selbst seine Mutter war ihm nie so zugetan wie diesem "kleinem Frettchen!"
Das Frettchen hatte er nach dem frühem Tode der Eltern, Kutschunfall, hinausbefördert und war von da ab allein. Es lebte weit weit entfernt von Paris, in der Normandie bei dem Rest der Familie. Bei seiner Tante, bis es auf eigenen Beinen zu stehen vermochte!

XXX

Die Kutsche fuhr holpernd los, er legte die Hand über den Magen und holte tief luft um den Schmerz weg zu atmen! Er spürte den üblichen Schweißausbruch heran rollen und somit eine weitere Welle eines erneuten Stiches. Er bekam den weiten Weg und was an dessen Rändern geschah gar nicht mit. Als die Kutsche am Chateau Clermont vorfuhr stand der Herr des Hauses persönlich an der weiten Treppe, um seinen weit angereisten Gast zu empfangen.

"Etiénne, mon Amie!" Er riss die Augen auf "Oh!"
"Hallo, Antoinne, nichts für ungut aber mir geht es gerade misérable!" Stöhnte er, halbzusammen gesunken in der hintersten Ecke der Sitzbank.
"Schnell, Raimond, hohl Doktor Miller!" Wies er seinen Diener an.

Er half dem Marquis aus der Kutsche und stützte ihn den Weg hinauf in das Gästezimmer. Schon eilte der Doktor, eine kleine dicke Spitzmaus, herbei, rückte die Brille auf der spitzen Nase zurecht und sah sich den Franzosen an. Etiénne war zu entkräftet um sich zu wehren und ließ es mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen! Er bekam einen übel schmeckenden Trank eingeflöst, den er fast postwendend wieder hinaus befördert hätte, der Doktor hielt ihm den Mund zu und sah ihn strafend an, wurde zur Ader gelassen und in dicke Decken gehüllt.
Die Nacht verging in erneuten Magenkrämpfen und bis zu Morgen dann endlich, kehrte Ruhe in seinen Körper ein. Danach schlief er bis in den Abend, den Schlaf der Erschöpften!
Am Abend dann machte er sich auf, Antoinne einen Besuch abzustatten. Der freute sich über die Genesung seines Gastes sehr und der Abend wurde lang. Sie redeten über Gott und die Welt, über all die Dinge die man nicht in Briefen hatte zum Ausdruck bringen können. In der Zwischenzeit, brachten Diener immer wieder etwas Wein oder Kleinigkeiten zu essen vorbei. Antoinnes komplette Dienerschaft bestand aus "Negern", Sklaven die er unten auf den Märkten erworben hatte!
Während die beiden Herren sich ammüsierten wurde Jacques, Etiénnes Diener von den schwarzen Dienern ebenso behandelt wie ihr "Master" selbst. Sie konnten nicht verstehen, das Jacques ebenfalls ein Diener war. Bis er ihnen anhand Händen und Füßen klar machte, dass er keiner der Herren war!

"Jacques!" Erklang es aus dem Zimmer nebenan.
"Herr?"

Zu jener Zeit war es üblich, seinen Diener nur mit dem Vornamen zu benennen!
"Hol mir das Geschenk für den Marquis de Clermont!"
"Ja, Herr" der kleine blonde Diener, neigte respektvoll das Haupt und streckte sich um davon zu eilen.

"Was hälst Du von dem, Antoinne"
"Ist noch sehr ungeschliffen, mon Amie!"
"Der bringt mich manchmal in Wut wenn ich ehrlich bin."
"Lass ihn lernen, ich denke der weiß noch nicht was ihn in einem so angesehenem Hause wie dem Deinem erwartet und wohlmöglich auch nicht, dass es für einen wie ihn eine Ehre sein sollte!"

"Was hälst Du von meinen Negern?" er stand auf "Sieh mal, der hier, ich nenne ihn ebenfalls Jacques" Er sah ihm in die angstvollen Augen "Ist doch ein tüchtiger Bursche!" Er wies auf seine Muskeln.
"Hmmm!" Etiénne ging nicht näher darauf ein.
"Oder von dem hier? Der ist so groß und stark wie ein Ochse aber dumm, das sag ich Dir, dumm wie einer!"
"Hmmm!" Etiénne stand neben ihm und sah den großen Mann an.

Antoinne redete und redete über seine Neuerwerbe und über sein Geschäft mit den Sklaven, dass ihn reicher hatte werden lassen denn je zu vor. Inzwischen war Jacques mit dem Geschenk gekommen und überreichte es seinem Herren mit einem tiefen Diener. Etiénne nickte ihn an und war froh seinen Freund, den er zugegeben sehr verändert vorfand, aus diesem Thema holen zu können. Antoinne bekam eine wundervoll vergoldete Spieluhr geschenkt und freute sich sehr darüber. Ein Bisschen folgte die Rede der Uhr und ihrem Hersteller und schwankte dann unglücklicherweise wieder zu den Sklaven. Inzwischen hatte Etiénne Jacques nur mit einem Blick zu verstehen gegeben, dass dieser sich zurück ziehen konnte. Es war bei weitem spät genug und Etiénne betrachtete den kleinen Blonden aufeinmal mit anderen Augen. Jacques war bemüht alles immer korrekt auszuführen, wann immer er benötigt wurde war er zur Stelle aber vor allem lebte er. Was er beim Anblick der Sklaven nicht sagen konnte. Ihre Blicke waren in sich gesunken und resigniert. Sie wirkten wie tot!

Dann und wann hatte er Jacques beobachtet, dieser bekam alles mit und neigte den Blick seinen Füßen zu, wenn der Herr ihn so bedachte. Der Herr wirkte seiner Meinung nach verloren, in diesem so abweisenden Haus! Er sah den anderen Dienern in die Augen und sie waren stets bemüht ihn nicht anzusehen. Als der Herr ihm mit Blicken sehr deutlich sagte, er könne nun gehen. Verneigte er sich und verschwand schnell.

Antoinnes Redeschwall nahm auch in den nächsten Tagen kein Ende! Er hatte sich sehr verändert, war wie die Meisten hier auf der Insel! Die Diese Menschen als Ding behandelten. Etiénne, seiner Zeit schon immer weit vorraus, missbilligte diesen Umgang, diese Gedanken und diese Art der Herablassung! Er spielte mit, machte gute Mine zu seinen Ausführungen und schwor sich innerlich sobald nicht wieder zu kehren, bald abzureisen und dem Allem den Rücken zu kehren. Seit einigen Jahren, genaugenommen seit dienstbare Geister in den Kolonien der neuen Welt ausgegangen waren, hatten vornehmlich die Engländer an Afrikas Küsten Raubzüge vorgenommen. Sie raubten ganze Familien und behandelten die Menschen wie Dreck! Luden sie zu hunderten in Schiffe und brachten sie in die neue Welt und dort hin wo sie gebraucht wurden. Nicht selten sank eines dieser Schiffe mit Mann und Maus, viele Sklaven überlebten die Reise nicht und wenn sie ankamen wurden sie eingesperrt und verkauft.