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Das Gesetz von Fort Grant

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Die Sonne brannte erbärmlich und er wunderte sich, warum er das immer noch bemerkte. Diese Dreckskerle waren verschwunden, ohne das was sie getan hatten ordentlich zu Ende zu bringen. Neun Männer waren es gewesen, die auf ihn losgegangen waren – neun Männer gegen einen Einzelnen, da hatte auch der beste ehemalige Hilfssheriff keine Chance.
Nicht, dass er von ihrem Vorhaben geahnt hatte, schließlich hatte er sich nichts vorzuwerfen, hatte sich peinlich genau an das Gesetz gehalten und hatte sich den Kaufvertrag sogar vom Verkäufer der Herde unterschreiben lassen. Wie hätte er ahnen sollen, dass der Mann, dem er gutes Geld bezahlte nichts anderes war als ein gemeiner Dieb, der die armen Farmer ermordet und sich dann an ihrem Besitz bereichert hatte?
Die Menschen hier waren für seine Verhältnisse allesamt ungepflegt und ärmlich und doch taten sie ihr bestes, um sich etwas aufzubauen. Das war es auch, was Cooper Richtung Südwesten geführt hatte.
Er hatte das Leben in der Großstadt und den ständigen Kampf auf Leben und Tod mit den Verbrechern sattgehabt. Was also wäre verlockender gewesen als ein eigenes Stück Land für wenig Geld oder – besser noch – sogar völlig umsonst für eine eigene Farm? Das war es, was die Bundesregierung in dem im Werden begriffenen Oklahoma Territory anzubieten hatte, und deswegen war aus dem angesehenen Deputy Jedediah Cooper, einem der erfolgreichsten Mitarbeiter des Sheriffs von St. Louis, Missouri, quasi über Nacht der Farmer Jed Cooper geworden. Dass dieser Traum ausgerechnet aufgeknüpft an einem Baum irgendwo in der Einöde der Prärie enden würde, noch bevor er wirklich begonnen hatte, das hätte Cooper nicht für möglich gehalten, auch wenn die letzten Jahre ihn eigentlich gelehrt hatten, alles für möglich zu halten.

Am Ende war er vielleicht doch zu naiv gewesen für dieses Abenteuer im Westen, trotz all seiner Erfahrung und seiner Erfolge im Dienste der Öffentlichkeit für Sicherheit und Ordnung. Eine Erkenntnis, zu der er zu spät gelangte, hoch oben in einem Baum, halb bewusstlos geschlagen und mit blutverschmiertem Gesicht. Wenn er tatsächlich noch lebte und es sich hier nicht um die wirren Wahnvorstellungen eines Mannes irgendwo zwischen Himmel und Hölle handelte, dann waren zwei Dinge sicher: Er hatte den sicheren Tod überlebt und würde bald den sicheren Tod sterben.
Er hatte nicht übermäßig viele Hinrichtungen gesehen, denn trotz aller Strafwürdigkeit der Verbrechen waren das für ihn immer grausame Schauspiele gewesen, für die er seine Zeit nicht opfern wollte. Alle waren aber wenigstens so professionell abgelaufen, dass mit dem Öffnen der Klappen kein Kampf ums Überleben mehr stattfand, weil das Genick ohne Zweifel gebrochen und der Tod damit sofort eingetreten war. Was schließlich ohne Boden unter den Füßen am Strick baumelte, waren bloß noch leblose Körper von kriminellen und am Ende doch ziemlich bemitleidenswerten Männern. Das hier war, sofern es noch Leben war, etwas anderes.
Sein Pferd aber war mit dem Luftschuss des Anführers dieser Vigilanten panisch weggetrabt, aber sein Genick war nicht sofort gebrochen. Stattdessen schnitt der Strick um seinen Hals immer tiefer in sein Fleisch. Er würde sterben, aber ob durch den Strick oder durch den Mangel an Wasser in dieser Hitze, das wusste er nicht. Am Ende war es auch völlig egal, solange sein geschundener Körper ihm wenigstens die Gnade der Ohnmacht möglichst schnell erweisen würde. Die Gedanken flossen bereits zäher und er fühlte die Anstrengung geradezu körperlich, als er versuchte, das zähe Durcheinander unter Kontrolle zu bekommen für ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, zum gnädigen Schöpfer.
Er hatte Gewalt angewendet und getötet, wie er es als Sheriff tun musste. Grausam oder gar rachsüchtig aber hatte er diese Arbeit nie getan, auch nicht mit jener Freude am Auslöschen menschlicher Existenzen, wie er sie bei anderen der Deputies beobachtet hatte. Die Frömmigkeit seiner Mutter hatte er nicht geerbt, aber er war ein guter Katholik geblieben, der im Gegensatz zu seinem Vater weder übermäßig trank, sich mit dem Fluchen wirklich alle Mühe gab und sich auch nur selten den fleischlichen Gelüsten hingab. Sein Schicksal war es wohl, unverheiratet und kinderlos im Niemandsland zu verrecken, aber das konnte ihm der Herrgott nun wirklich nicht vorwerfen, schließlich war es sein Wille gewesen, ihm diese selbsternannten Ordnungshüter auf den Hals zu hetzten, die ihn für den skrupellosen Mörder eines alten Ehepaares und Viehdieb hielten. Wenn sie ihn schon der weltlichen Gerechtigkeit entzogen, so hoffte er doch wenigstens auf die Gerechtigkeit seines Schöpfers für sich und seine Richter.

Plötzlich, unsicher, ob er einfach nur jedes Gefühl für Ort und Zeit verloren hatte oder ob er vielleicht bewusstlos geworden war, meinte er die Hufschläge eines Pferdes zu hören. Seine Peiniger hatten sich längst aus dem Staub gemacht und es klang auch eher nach näher kommenden Geräuschen denn nach sich entfernenden. Hatten sie einen geschickt, um ihm den Rest zu geben, sei es als letzten Gnadenerweis oder als letzte Grausamkeit? Hatten den zweifelnden Alten doch noch Gewissensbisse gepackt und wollte er sehen, ob noch etwas zu retten war? Waren es die Geräusche der himmlischen Heerscharen, die ihn zum letzten Gericht eskortieren würden? Oder sollte sich tatsächlich ausgerechnet heute noch ein ehrlicher Mann zu diesem Baum verirren? Das wäre nicht gänzlich unmöglich, immerhin stand der direkt am Ufer eines Sees, den man auch aus der Entfernung sehen konnte und der als Zwischenziel geeignet erschien, schließlich hatte auch Cooper ihn bemerkt. Zu schwach, die Stimme zu einem Hilfeschrei zu erheben oder auch nur die Augen zu öffnen, harrte er seinem Schicksal und glitt in die Bewusstlosigkeit ab.
Als er wieder zu sich kam, hing er nicht mehr an einem Baum, sondern lag auf dem sandigen Boden, der sich aber erstaunlich weich und wenig sandig anfühlte. Aus weiter Ferne drang eine Stimme an ihn heran: „Marshal, werden Sie wach! Cooper, nun kommen Sie schon, wir haben einen von denen erwischt!“, deren Worte durch heftige Klopfgeräusche unterbrochen wurden. Schwerfällig öffnete er die Augen und konnte – zu seiner Erleichterung oder zu seinem Schrecken? - feststellen, dass er tatsächlich keineswegs unter dem Baum lag, an dem man ihn vor Wochen erfolglos zu hängen versucht hatte und auch nicht auf dem Boden des Lochs, das man hier Gefängnis nannte, sondern in einem einigermaßen bequemen Bett in Fort Grant.
Das Klopfen wurde noch energischer, wie auch die Stimme lauter: „Cooper, nun kommen Sie schon aus den Federn! Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen den Erfolg nicht mit zu viel Whiskey begießen!“
Sie gehörte Bundesrichter Adam Fenton, der sich nicht nur für das personifizierte Gesetz im jungen Oklahoma Territory hielt, sondern ihm auch das Leben gerettet hatte. Ein Umstand, den er in erster Linie auch Marshal Dave Bliss zu verdanken hatte, der ihn vom Baum seiner Albträume abgeschnitten und in die Stadt gebracht hatte.
Dennoch hatte der Marshal mehr als deutlich gemacht, dass er ihn zu gerne ein zweites Mal hängen sehen würde, wenn Richter Fenton ihn denn zum Tode verurteilte. Insgeheim hatte Cooper auch das Gefühl gehabt, dass Bliss es sehr genoss, ihn die Aussicht auf ein Gerichtsverfahren vor einem Richter deutlich zu machen, der für seine Freude an Todesurteilen und ihrem schnellen Vollzug durch öffentliches Erhängen auf dem Marktplatz berüchtigt war.
Das änderte sich nach dem unwahrscheinlichen und sogar noch einigermaßen zügigen Freispruch, denn plötzlich hatte er im Marshal nicht nur einen Lebensretter und neuen Kollegen gewonnen, sondern auch jemanden, der nach seiner Freundschaft strebte. Die Einladung auf ein paar Getränke an der Theke des örtlichen Pubs hatte er nach all der Zeit nicht ausschlagen können, und so waren sie dort gestern Abend wohl versackt, schließlich hatten sie auch seiner Ernennung zum Marshal durch den Richter und seinen ersten Erfolg im neuen Dienst zu feiern gehabt: Ausgerechnet die Festnahme eines der neun Männer, die ihn hatten lynchen wollen. Der verzweifelte Fluchtversuch hatte diesen zwar sein Leben gekostet, aber es war dennoch ein großer Schritt für die Gerechtigkeit allgemein und ein erster Schritt für die persönlichen Pläne Coopers.

„Jed, jetzt öffnen Sie doch! Marshal Bliss ist schon längst wieder abgereist und ich gute Neuigkeiten für Sie!“, wurde der Richter vor der Tür noch ungeduldiger und Cooper beeilte sich, aus dem Bett und zur Tür des Zimmers zu kommen, um nicht am Ende noch den Tod wegen Missachtung des ehrenwerten Gerichts zu finden. In dieser Beziehung hatte er sein Glück in den letzten Tagen viel zu sehr ausgereizt.
Richter Fenton lächelte erleichtert, als sich die Tür vor ihm öffnete, dieser Ausdruck wich jedoch einem Kopfschütteln, als er in Coopers Gesicht sah.
„Cooper, Cooper, Sie müssen mehr Acht auf sich geben, schließlich braucht dieses Gericht Ihre Dienste als fähigem Marshal. Ich hatte Sie auch nicht für einen Säufer gehalten. Aber andererseits, wer will es Ihnen verdenken, nach den letzten Wochen“, endete der Tadel in fast schon freundschaftlichem Tonfall des Richters, noch ehe er wirklich begonnen hatte.
Ein Umstand, der auch besser so war, wie Cooper bei sich dachte, denn schließlich hatte der sonst so blutrünstige Richter ihn nur deswegen verschont, weil in Fort Grant der Mörder jener Farmer vor ihm verurteilt worden waren, deren Tod man Cooper hätte anlasten können. Am Galgen hatte er diesen als seinen Geschäftspartner identifizieren können und daraufhin vom Richter sogar die nicht gerade unerhebliche Geldsumme zurückerhalten, die er für die Herde bezahlt hatte. Das Geld und das Angebot, in den Dienst seines Gerichtes zu treten, um bei der Durchsetzung des Rechts im Oklahoma Territory besser zu werden. Eine Tätigkeit, die er eigentlich leid gewesen und deswegen hierhergekommen war, aber nach dem, was ihm widerfahren war, erschien sie wieder im neuen Licht und vor allem als gute Gelegenheit, seine Peiniger zur Strecke zu bringen. Abgesehen davon, dass der Richter in förmlich angefleht hatte, weil 19 Marshals für das Gebiet des Indian Territory einfach nicht genug waren, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.

„Hören Sie mir denn überhaupt zu, Jed?“, war der joviale Ton des Richters plötzlich energischer geworden.
„Verzeihung, Richter Fenton, ich habe nicht besonders gut geschlafen. Die Dämonen der letzten Wochen hängen mir noch nach“, beeilte sich Cooper mit einer Erklärung, denn den in einem Gebiet der Rechtlosigkeit so mächtigen Fenton wollte er sich auf keinen Fall zum Feind machen oder ihn auch nur verärgern.
Vom Jähzorn des klein gewachsenen und stämmigen Mannes war in diesem Moment allerdings keine Spur, er schien bei bester Laune und grinste ihn breit an: „Die Dämonen oder doch eher der Whiskey, mein Freund, heh?“, stichelte er, nur um dann gleich anzufügen: „Einen ihrer ganz weltlichen Dämonen habe ich eben einsperren lassen. Ganz schön in Panik der Alte, nachdem er erfahren hat, was sie gestern mit seinem Kumpanen anstellt haben. Ich dachte mir, dass Sie bei der Befragung sicher gerne dabei wären.“
Cooper merkte auf, denn das klang wirklich nach einer schönen Überraschung: „Das ist sehr nett von Ihnen, Richter Fenton, aber ich glaube nicht, dass ich so dazu in der Lage wäre.“, er blickte an sich herunter.
„Lassen Sie sich Zeit, Cooper, ziehen Sie sich in Ruhe um und lassen sich von Rachel etwas gutes zum Frühstück zubereiten – solange es kein Alkohol ist. Ich werde derweil die Gelegenheit nutzen und Madam Sophie einen Besuch abstatten. Rein dienstlich, versteht sich“, winkte der Richter entspannt ab und druckste am Ende doch ein wenig herum.
„Sagen Sie, Richter Fenton, Sie sind sicher, dass im Hotel kein Platz mehr für mich ist und ich tatsächlich in diesem Etablissement wohnen sollte?“, erkundigte sich Cooper bei dieser Gelegenheit.
„Machen Sie sich keine Gedanken darüber, Cooper. Madam Sophie ist eine gute Bekannte, bei der sie bestens untergebracht sind. Und Rachel gehört keineswegs zu ihren Angestellten, sie betreibt den Laden nebenan“, beschwichtigte Fenton ihn, „Wir treffen uns heute Mittag und werden dann zum Gefängnis herübergehen“, setzte er noch nach, machte auf dem Absatz kehrt und stieg die Treppe weiter hinauf, während er einen nachdenklichen Marshal Cooper zurücklies.