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Überreste

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„Sherlock, Sherlock...“

„Ich bin Arzt, lasst mich durch. Lasst mich durch, bitte.“

„Nein, er ist mein Freund. Er ist mein Freund. Bitte.“

„Bitte, lasst mich nur...“

„Nein.“

„Oh Gott, Nein.“

Johns Beine sackten unter ihm zusammen, hätten die Passanten ihn nicht festgehalten, wäre er vermutlich auf den Asphalt gestürzt, Menschen schoben sich zwischen ihn und Sherlock, blockierten seinen starren Blick auf den Blutbespritzten Asphalt. Auf Johns Fingern verblieb noch das entfernte Gefühl von Sherlocks weicher Haut, leichenblass unter seinem fachmännischen Griff und ohne Puls. John kniff die Augen zu bei dem Gedanken.

„Gott, nein.“

Er murmelte diese zwei Worte wie ein Mantra vor sich hin, blind gegenüber allem was um ihn herum geschah. Hoffend dass das nur ein böser Traum war, ein grausamer Zaubertrick.

Die Frage ob John das alles hätte verhindern können, nagte an ihm. Doch er hatte getan worum Sherlock ihn gebeten hatte, er war auf der anderen Straßenseite geblieben und hatte geduldig mit angesehen, wie er sein Leben beendet hatte. Paralysiert bei dem Anblick von Sherlocks dunkler Gestalt gegen den grauen Himmel, die schwarzen, aparten Schuhe, sicher auf den hellen Mauern des St. Barts platziert, viel zu Nah am Rand, am sicheren Tod. Aber John war zu spät, er konnte Sherlock nicht retten, ihm nicht ausreden diesen Weg zu wählen. Gelähmt sah er zu wie Sherlock die Arme ausbreitete, jede Möglichkeit zur Kommunikation nun verloren. Wie in Zeitlupe betrachtete er Sherlocks Körper, der den Winkel änderte, sich langsam nach vorne neigte, weiter und weiter, zehn Grad, zwanzig, fünfundvierzig, gleich, gleich musste er losfliegen, einen moment noch und Sherlock würde große schwarze Schwingen enthüllen. Ein riesiger, schimmernder Rabe am wolkenbehangenem Himmel.

John entsandte ein Stoßgebet, auf dass Gott ihm Flügel schenke:„Gott, nein.“

Doch Gott erhöhrte ihn nicht und John fand seine Stimme wieder.

„SHERLOCK!“

John konnte nicht fassen, was gerade geschah. Nicht glauben er sei zu spät, um Sherlock zu retten. Den Mann für den er getötet hatte, für den er gestorben wäre und doch sollte er ihn nicht auch vor sich selbst bewahren können? Die Szene vor seinen Augen, brannte sich in sein Gedächtnis: Sherlock der fiel, wie ein Stein, ein funkelnder Opal, schneller und schneller gen Grund, unentrinnbar seinem Tod entgegen. Den sonst so überlegenen Detektiven, wehrlos der Gewalt der Schwerkraft ausgesetzt zu sehen, ließ John daran zweifeln ob er überhaupt noch lebte, so wie er da fiel, die Arme strauchelnd und der Mantel flatternd, wie ein Federkleid, wirkte Sherlock nicht mehr wie ein Mensch, sondern eine Kostbarkeit, die sich allmählich ihrer Destruktion näherte. Johns wahnhafte Gedanken, ließen ihn glauben, Sherlock würde in funkelnde, schwarze Splitter zerspringen, wenn er den Boden erreichte, doch statt des Schepperns von Glas, höhrte John nur einen dumpfen Aufschlag, wie das pochen eines Herzes. Seinen eigenen Herzschlag dröhnend in den Ohren, lief er los, sein Körper taub vor Schock. Es war als würde John auf dem Meeresgrund waten, eine erdrückende Stille auf den Ohren, die ihn von der Oberfläche abschnitt, jede Bewegung war schwerelos, seine Füße haltlos auf dem feinen Sand. Er verlor den Halt, mit Sherlocks totem Körper an seinen Füßen, fiel auch er ins Unbekannte.

Zwischen den Schattengestalten der Passanten, breitete sich für John ein Abbild des Horrors aus, eine Albtraumhafte Szene, die etwas poetisches in sich trug- wie schwarze Raben- doch würde John auch nur einen Vers darüber verfassen wollen, wusste er, würde ihm das faule Fleisch Sherlocks aus der Kehle stürzen. Es gab nichts schönes an Suizid, keinen Euphemismus der Johns traumatisierte Psyche hätte kurieren können. Sherlock lag vor ihm wie ein totgefahrener Vogel in dessen lerrem Brustkorb sich Maden windeten.
Das Purpurrote Blut erschien fast schon unnatürlich, im Kontrast zu dem schwarz, weiß, grau in das alles getränkt war. Hässlich stach es aus dem Bündel an schwarzen Locken und schwerem Stoff hervor, besudelte Sherlocks feine Gesichtszüge und verunstaltete den Bordstein mit einer dunkelroten Pfütze, es schien als sei es überall, als könne man sich ihm nicht nähern ohne auch von der glühend roten Schuld befleckt zu werden. John fürchtete es fräße schon Löcher in seine Schuhspitzen. Sein Magen verdrehte sich schmerzhaft.

Was daraufhin geschah war schemenhaft für John, nur das geisterhafte Gefühl von Sherlocks kühlem Handgelenkt auf seinen Fingerspitzen war noch vorhanden, der Rest war dunkel. John hatte die Augen geschlossen, das Geräusch von Statik erfüllte seinen Kopf, induzierte die Ahnung von Automotoren, Stimmengetümmel, London. Er kauerte auf dem Bordstein nahe der Blutlache, die Hände vor das Gesicht gelegt, mit nur zwei Worten auf den Lippen

„Gott, nein.“

Ein Kribbeln breitete sich langsam von seinen Fingerspitzen aus, ein frühes Anzeichen von Hyperventilation, aber John konnte es nicht aufhalten. Er fühlte sich nicht mehr. Das einzige was er registrierte waren seine Gedanken. Er fühlte sich ohnmächtig gegenüber der Realität, wie damals im Krieg, mit einer Kugel in der Schulter und keiner Möglichkeit zu Handeln. Er war hilflos, die Dinge geschahen ihm, er wurde gerettet oder wurde getötet, einfluss darauf wurde ihm kulant verwährt. Doch wäre ihm Blei im Körper nun tausendmal lieber, als ein Leben ohne Sherlock. Denn das schlimmste damals, waren nicht seine Arbeitsunfähigkeit, sein Trauma, oder seine Geldsorgen gewesen. Das schlimmste war seine Einsamkeit. John war so allein. Die ganze Zeit, so unglaublich allein, es hatte ihn fast ums Leben gebracht. Doch nur ein Tag mit Sherlock und John klammerte sich an diese neue Quelle von Lebensfreude.

„Rührseligkeit ist ein chemischer Defekt, welcher auf der Verliererseite zu finden ist.“

Hätte Sherlock jetzt gesagt. Doch Sherlock sagte gar nichts mehr, fühlte gar nichts mehr. Und mit jeder Sekunde wünschte John sich mehr und mehr an seine Stelle, denn alles war besser als zu fühlen, was er gerade fühlte. Sherlock war fort und hatte nichts von John übrig gelassen. Ohne ihn war sein Leben so leer wie zuvor, belanglos. Welche Bedeutung konnte es noch haben, wenn ihn niemand wahrnahm, wenn niemand wusste ob er lebte, oder starb. Alles stieg und fiel mit Sherlock. Doch nun hatten sie den Boden erreicht und John konnte spüren wie die Gedanken von damals, wie Gift, wieder Einzug in seinen Kopf erhielten.

Es wäre besser, wenn ich tot wäre.

John wusste genau, was diese Gedanken bedeuteten, dass es am logischsten wäre, seine Therapeutin wieder aufzusuchen, doch fehlte ihm der Wille dazu. Für ihn war es genau richtig sich seinem Trauma zu ergeben. Er hatte es verdient sich so zu fühlen, wo ihn doch Mycroft explizit darum gebeten hatte, auf Sherlock acht zu geben und er hatte versagt. John würde sich das nie verzeihen können.

Wäre er doch nur etwas aufmerksamer gewesen;
Hätte er die Zeichen nur früher erkannt;
Wäre er nur etwas schneller gewesen;
Wäre er doch einfach auf das Dach gegangen;
Hätte er nur die richtigen Worte gefunden;
Sherlock würde jetzt leben.
Hätte er doch nur
Hätte er doch
Hätte er
hätte...

„Gott, nein.“

John spürte wie sich eine Decke um seine Schultern legte, der sachte Kontakt milderte seinen Dissoziativen Zustand langsam und John kam zu sich, zitternd zog er die Decke fester um sich, krallte seine, vor kälte steifen, Finger in die raue Decke. Unbeholfen nach einer Möglichkeit des Trostes greifend wog sich John in leicht schaukelnden Bewegungen, jeder Atemzug war tief und bebend. Die Klarheit die sich langsam wieder in seinem Kopf ausbreitete war beängstigend, er realisierte wo er war, bemerkte die Menschen um ihn herum. Phantombilder von Statisten die glotzten und tuschelten, während Polizei und Krankenwagen ihre Arbeit verrichteten,- leere Puppen- dachte John, blinde Marionetten die einem Skript aus einem schlechten Theaterstück folgten. Wie konnte denn niemand die Trümmer sehen? Höhrte niemand sonst die Schüsse in der Luft? Spürte keiner die brütende Hitze? Johns Welt war gerade zusammengebrochen und jeder Atemzug den er Tat, während Sherlock sein Leben ausgehaucht hatte, war wie Salzwasser zu schlucken, er wollte kotzen und trinken zugleich.

Es dauerte einige weitere Minuten bis John ein Wort über seine Lippen brachte und den Sanitätern erklären konnte, dass es ihm besser ging. Ob John versuchte sie, oder sich selbst zu belügen war ihm nicht ganz klar. Nichts desto Trotz gab es ihm das Gefühl von Kontrolle zurück, das ihm Sherlock so grausamst entrissen hatte. Nun konnte er wieder stehen und lügen und funktionieren, in all seiner Zerbrochenheit, verließ er das Schlachtfeld ein weiteres mal, ob er Geisel oder Soldat gewesen war, wollte er nicht wissen. So oder so, würde er wie der Veteran gehen, der er war, humpelnd.