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Die Farbe Grau

Chapter Text

 

~ Wie leicht doch bildet man sich eine falsche Meinung,

geblendet von dem Glanz der äußeren Erscheinung. (Molière) ~

 

 

Gähnend streckte Schuldig die Arme von sich und warf einen Blick in die triste Gegend, in der es vor Regen nur so strotzte. Vor ein paar Stunden hatte es angefangen und seitdem nicht mehr aufgehört, mit dicken, lauten Tropfen auf die Blätter ihrer Hecken und Bäume zu tropfen, die ihr ehrenwerter Anführer ja unbedingt in ihrem Garten hatte haben wollen.

„Ekelhaft“, befand der Telepath laut und grollte probeweise gen geöffneter Terrassentür.

Grundsätzlich wäre ihm das auch egal, wäre diese verdammte Tür nicht schon seit Stunden, also seit es begonnen hatte, auf und würde der Ire nicht draußen stehen und wie blöde in den Regen starren, als gäbe es auf der ganzen weiten Welt nichts Schöneres als die nasse Suppe, die vom Himmel fiel. Schuldig rollte mit den Augen und verdrehte den Kopf.

„Komm rein oder ich sperre dich aus, Idiot.“

Seine Worte beeindruckten den Iren genauso sehr wie die der letzten Stunden auch schon: gar nicht. Jei nahm viel, aber keine Notiz von ihm und starrte einfach weiter, ließ sich durchweichen und richtete sein inneres, verrücktes Gehör auf etwas, das es sicherlich auf dieser Welt nicht gab.
Für einen kurzen Moment war Schuldig wirklich versucht, seine Drohung wahr zu machen und ihn auszusperren, doch was dann kam, konnte er sich an fünf Fingern abzählen. Crawford zu erklären, warum ihre Terrassentür in Scherben lag und es in ihr großzügiges Wohnzimmer hineinregnete, wäre das nicht das, was er sich geben musste, insbesondere dann nicht, wenn ihr Anführer von seinem Einzelauftrag zurückkam.

Nicht, dass er nicht sowieso schon schlechte Laune haben würde, denn Crawford hasste Verspätungen und gemessen an einem Blick auf die Uhr hatte er bereits jetzt schon eine Stunde Verspätung. Pedant, wie er war, war Crawford dementsprechend unerfreut, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen lief.

Eine verspätete Mission gehörte dazu. Ebenso wie eine zerbrochene Glastür. Oder das unaufgeräumte Haus. Nicht, dass es nicht Nagis Aufgabe gewesen wäre, für Ordnung zu sorgen, zumindest hatte Schuldig das so bestimmt. Und da Schuldig in Crawfords Abwesenheit das Sagen über diesen Haushalt hatte…

Ein Grollen holte Schuldig aus seinen Überlegungen und seine Aufmerksamkeit ruckte zu Jei, dessen Gesicht eine Maske aus Zorn war, wie er in den Himmel starrte, die noch viel dunkler wurde, als er seine Aufmerksamkeit schließlich auf Schuldig selbst richtete. Wortlos kam er auf ihn zu, hinterließ nasse Abdrücke auf dem blitzblanken Boden.

„Nagi hat da frisch gewischt, Idiot! Trockene dich ab“, war es nun an Schuldig zu grollen, doch Jei nahm keine Notiz von ihm. Schweigend starrte er ihn an, das Auge zu einem wenig erfreuten Schlitz verengt. „Passt dir das nicht? Dann kannst du ja wischen, bis Crawford…“

~Schuldig.~

Wenn man vom Teufel sprach. Schuldig rollte mit den Augen, nachdem er ordentlich zusammengezuckt war. Als hätte er es nicht vorhergesehen, dass sich Crawford genau diesen Augenblick aussuchen würde um seine Ankunft zu verkünden und klar zu machen, dass er ein schmutziges Haus nicht dulden würde.

~Du bist spät~, spöttelte Schuldig zurück. ~Zwei Stunden, drei Minuten und achtundzwanzig Sekunden.~ „Los, wisch deine irische Seenplatte hier auf“, sagte er parallel zu Jei.
~Du wirst mich abholen.~

Schuldig blinzelte. Abholen? Ihren hochwohlgeborenen Anführer? Seit wann war er denn der Chauffeur ihres charmanten Orakels? Aber vor allen Dingen: seit wann fragte Crawford um Hilfe? Nun gut, er fragte nicht. Er forderte. Aber das tat er nicht. Nicht so. Vor allen Dingen, da er mit seinem eigenen Wagen weggefahren war. Und ein Hotel war auch nicht geplant.

Ebenso wenig wie er zu spät kam. Abrupt richtete der Telepath sich auf. Irgendetwas war schief gelaufen und zwar gewaltig. Irgendetwas stimmte nicht.
Jedweder Spieltrieb verließ ihn und Schuldig haschte nach der mental0en Anwesenheit seines Anführers, die er schwach, aber störungsfrei wahrnahm.
~Was ist los?~, fragte er, erhielt jedoch keine klare Antwort darauf. Nur die Adresse des Hotels, in dem sich Crawford anscheinend befand.
~Mach, was ich dir sage~, wiederholte Crawford und selbst seine mentale Stimme klang…anders. Ungewohnter. Befehlsgewohnt ja, was Schuldig wie üblich mit den Augen rollen ließ, doch da war noch etwas, das er schwer ausmachen konnte.

Was genau es war, sagte ihm schlussendlich nicht Crawford. Es war Jei, der langsam den Kopf schüttelte und seine Lippen zu einem missbilligenden Zischen zurückzog.
„Bring ihn zurück“, wisperte er beinahe lautlos.

Stumm maß Schuldig den Iren und erhob sich schließlich abrupt. „Komm mit.“
~Du kommst alleine~, ließ Crawford im gleichen Moment vernehmen, wie Jei den Kopf schüttelte und mit einem knappen Nicken in Richtung Garage deutete.

Auch wenn er sich Crawford gegenüber gewohnt abfällig geäußert hatte, so wusste Schuldig es besser, als seinen Anführer warten zu lassen. Allerdings musste das Orakel mit seinem Schlabberlook leben, ebenso wie mit der Tatsache, dass Schuldig Crawfords ach so geliebten Erstwagen nahm.

Und wenn das Orakel etwas dagegen gehabt hätte, dann hätte er ihm das sicherlich schon mitgeteilt. Sehr logisch, das Ganze, befand Schuldig und zog sich die Schuhe an. Mit einem finsteren Blick nach draußen ging er in die Fuhrparkarage, die sich direkt an ihr Haus anschloss und griff sich den Schlüssel für den gehegten und gepflegten Wagen seines Anführers. Sein eigenes Auto sah nicht so aus, als käme er direkt vom Autohaus, was auch einer der Gründe dafür gewesen war, dass Crawford es für gewöhnlich nicht erlaubte, dass Schuldig sich seinen fahrbaren Untersatz nahm. Für Schuldig war es ein Gebrauchsgegenstand. Mit Macken, Müll und mächtig viel Schund, den er schon längst hatte wegwerfen sollen. Doch so oft er auch versuchte, Crawford das klar zu machen, so oft war er auch gescheitert und gegen die Sturheit seines Anführers kam er nicht an.

Schuldig drehte die Anlage auf laut und fuhr aus der Garage, fädelte sich von ihrem Anwesen in einem der verschwiegeneren Tokyoter Vororte in den Verkehr, der um diese Uhrzeit noch nicht gänzlich schlimm, aber weitab von der Bezeichnung angenehm war. Stundenlange Staus waren jetzt dennoch nicht zu erwarten.

„Wo bist du denn gerade?“, murmelte er, während er die Adresse des Hotels, zu dem Crawford ihm, freundlich wie er war, keine Wegbeschreibung mitgeliefert hatte, in das Navi hackte und feststellte, dass es sich am anderen Ende der Stadt befand.

Am. Ganz. Anderen. Ende. Dieser. Verdammten. Metropole.

~Von noch weiter her hättest du dich nicht abholen lassen können?~, schickte Schuldig an seinen Anführer. Er wusste, dass dieser es durchaus gehört hatte, aber der Sack antwortete ja nicht. Wie immer nicht, wenn er eine Konversation nicht für antwortwürdig hielt. Sturer, arroganter Bock. Es nervte Schuldig, insbesondere in diesem Moment, wo sein Instinkt ihm einflüsterte, dass etwas nicht nach Plan gelaufen war.
~Du würdest mir aber sagen, wenn du Scheiße gebaut hast, oder?~, versuchte er es erneut und wieder erhielt er keine Antwort. Unbefriedigt grollte er.
~Hör mal zu, du arroganter Mistbock, wenn du es nicht für nö....~
~Du hast einen klaren Auftrag, Schuldig. Halte mich nicht mit deinem unnötigen Unsinn auf~, fiel ihm Crawford mit neuerlicher Eiseskälte ins gedankliche Wort und Schuldig war im ersten Moment unbewusst erleichtert. Da war es wieder, das unfreundliche Orakel, das dieses Team mit seinem ihm gänzlich angeborenen Stock im Arsch führte. Weg war die Unsicherheit, weg der Unterton in Crawfords Gedanken, der darauf hingedeutet hatte, dass er vielleicht unter Schmerzen war.

Im zweiten Moment fluchte Schuldig sehr wortgewaltig über eben jene Charaktereigenschaft und beschloss, das Orakel Orakel sein zu lassen für den restlichen Teil der Fahrt.

Womit genau er so einen Anführer verdient hatte... das fragte er sich und die Einplaner von Rosenkreuz immer wieder, kam er weder zu einer Antwort noch zu einem Ergebnis. Sie alle hatten doch sehen müssen, dass dieser Mann und er nicht sonderlich kompatibel waren und dass es vermehrt Kämpfe zwischen ihnen geben würde, wenn sie nicht gerade gemeinsam an einem Ziel arbeiteten. Denn das konnten sie gut. Gemeinsam sich der lächerlichen Menschen entledigen, die sich den Zielen ihrer Organisation in den Weg stellten.

Schuldig stellte die Musik noch lauter und kämpfte sich durch den Straßenverkehr Tokyos, gegen dessen blechlawinengefüllte Masse auch ein Telepath machtlos war.

 

~~**~~

 

Als wäre die Abholforderung des älteren Mannes nicht genug gewesen, stellte Schuldig beim Ankommen fest, dass es sich bei diesem Hotel noch nicht einmal um einen Standort von Rosenkreuz handelte. Nichts davon war ihm bekannt, es gab keine Anzeichen dafür, dass dieses Hotel hier jemals überprüft worden war. Weit und breit war niemand zu sehen oder telepathisch zu scannen und Schuldig lümmelte hinter dem Lenkrad herum und sah dem Regen zu, als er auf Crawford wartete, der seine Ankunft bereits vorhergesehen haben musste. Fünf Minuten wartete er... zehn... in der zwölften Minute wurde es ihm zu bunt.

~Bequemst du deinen Arsch jetzt endlich mal zum Parkplatz, Orakel, oder soll ich wieder fahren?~, grollte er und erhielt zunächst natürlich keine Antwort. Vermutlich hatte sein Anführer gerade Besseres zu tun. Mit dem Panda telefonieren zum Beispiel. Oder sonstige, wichtige Telefonate mit Rosenkreuz führen.

Den Mann, der schlussendlich keine Eile hatte, durch den strömenden Regen zu seinem Auto zu laufen, erkannte Schuldig erst gar nicht.

Da war die Kleidung, die so unüblich für Crawford war, dass es Schuldig alleine schon aus der Ferne in den Augen schmerzte. Schlechtsitzend, billig und wo zur Hölle war sein Anzug? Also welcher von Crawfords 351 Anzügen, Zahl stetig wachsend? Dann war da der Gang, der langsamer nicht hätte sein können, gerade so, als wollte das Orakel in absichtlich warten lassen. Was Schuldig aber nicht glaubte, denn schließlich war es Crawford, der hier gerade nass bis auf die Knochen wurde. Zum Schluss, als der Mann seine Beifahrertür öffnete, waren da die Hämatome und Abschürfungen auf dem abgewandten Gesicht. Überhaupt die nicht mal mehr vornehme Blässe, beinahe schon fiebrig und krankhaft. Und nicht zu vergessen... Crawford verjagte ihn nicht vom Fahrersitz seines Lieblingswagens. Im Gegenteil. Wortlos setzte er sich auf den Beifahrersitz und zog die Tür hinter sich zu.

Schuldig starrte.

Den Blick unbeirrt nach draußen gerichtet, hielt es Crawford noch nicht einmal für nötig, Schuldig in die Augen zu sehen. Vom Danke sagen ganz zu schweigen; nicht, dass Crawford das jemals gekonnt hatte. Aber gänzlich ignoriert zu werden, war schon eine Klasse für sich.
„Hast du mir nichts zu sagen, oh großer Anführer?“, schnarrte Schuldig, als ihm die bedeutungsschwangere Stille zu bunt wurde, und ließ sich Zeit, das ihm präsentierte Profil zu betrachten.
„Zum Beispiel, warum du aussiehst, als hätte dich eine Dampfwalze überrollt. Oder als hättest du in der letzten Woche kein Auge zugetan. Oder wer dich aufgemischt hat, wo dein Auto ist, warum ich dich hier abholen muss und warum zur Hölle du diese potthässlichen Klamotten trägst?“

Crawford schloss die Augen, gerade so, als würde er es kaum ertragen, Schuldigs durchaus berechtigten Fragen ausgesetzt zu sein. Doch kein Wort verließ seine Lippen, kein Laut, keine Regung, nichts. Nur seine Atmung ging schneller als normal. Alles in allem ein wenig beruhigender Anblick, der von Schuldig Antworten verlangte.

Es dauerte seine Zeit, bis sich die hellen Augen erneut öffneten und Crawford sich straffte. Er schluckte schwer und griff zum Anschnallgurt. Das minimale Zusammenzucken konnte er vor Schuldig dabei nicht verbergen, auch wenn er es sicherlich gerne getan hätte.
„Wir erörtern meinen Zustand und die Folgen dessen zuhause, Schuldig. Nun würde ich es schätzen, wenn du meinem Wagen nicht weiter diesen gottverlassenen Parkplatz mitten in der Peripherie dieser Stadt zumutest. Wenn es denn schon nötig war, ausgerechnet meinen zu nehmen.“
„War es. Für dich nur das Beste, oh großer, mysteriöser Anführer“, schnaubte Schuldig und startete den Mercedes. Irgendetwas war passiert und es musste ernster sein, als er es zunächst angenommen hatte, wenn Crawford schon bereit war, darüber zu sprechen. Ansonsten war es schon ein Kampf, ihrem Orakel zu entlocken, ob er gerade einen hellseherisch bedingten Migräneanfall hatte.

Wieder fädelte er sich in den Verkehr ein und beobachtete über den Stau und die anhaltende, bedeutungsschwangere Stille hinweg ausgiebig, wie sich der Zustand seines nassgeregneten Anführers von Minute zu Minute verschlechterte und er sich schließlich, kaum dass sie in ihre Garage fuhren und Schuldig den Motor ausstellte, aus dem Auto kämpfte.
Anders konnte Schuldig das nicht nennen. Flach atmend hielt sich Crawford am Dach seines Wagens fest, die Augen wieder einmal geschlossen. Ein beinahe unsichtbares Zittern durchlief seinen Körper und wenn Schuldig genauer hinsah, erkannte er, dass der Mann sich nicht gänzlich gerade hielt.

Es war schlimmer, als er bisher befürchtet hatte und das machte Schuldig mehr Sorgen, als er es bereit war zuzugeben.

Wieder setzte Crawford sich quälend langsam in Bewegung, dieses Mal in Richtung Tür. Mit spielender Leichtigkeit überholte Schuldig ihn und hielt mit seinem ausgestreckten Arm die Tür zu ihrem Wohnbereich zu. Für einen kurzen Moment schien Crawford verwirrt und stirnrunzelnd starrte er den Arm an, der ihm den Weg versperrte. Dann schien er sich zu erinnern, dass zu diesem ja noch ein Telepath gehörte. Wütend sah er hoch.

„Was soll das, Mastermind?“, fragte er rau und konnte für den Bruchteil eines Augenblickes den deutlichen Schmerz in seiner Stimme nicht verbergen. Es reichte Schuldig, um nicht zurück zu treten. Es reichte ihm, um Crawford nicht aus seinen Fängen zu lassen. Es reichte ihm, um der Wut Stand zu halten, die sich anhand seiner Befehlsverweigerung gegen ihn aufbaute. Ein wütender Crawford war nie zu empfehlen, doch momentan war Schuldig mehr als bereit, eben jenen in Kauf zu nehmen.

„Du wirst nicht vor den Antworten fliehen, die du mir noch geben wirst.“

Crawford schnaubte abfällig. „Und du entscheidest plötzlich, wann ich sie dir zu geben habe?“
Nun war es an Schuldig, wütend zu werden und das ließ er Crawford auch sehen.
„Ist das die Art, wie du mich abspeisen wirst, nachdem ich dich durch die ganze Stadt kutschiert habe, deine schmerzgebeutelte Schweigsamkeit geduldet habe und nun berechtigter Weise wissen möchte, ob dein Zustand etwas mit deinem vergangenen Auftrag zu hat und ob sich dadurch Schwierigkeiten ergeben werden, auf die wir jetzt reagieren müssen?“
Crawford hielt inne und richtete den Blick wieder auf die Tür, als könnte er sie mit reiner Willenskraft öffnen. Anscheinend erörterte er gerade mit sich selbst, wie er Schuldigs Ungehorsam am Besten ahnden konnte. Oder wie er ihn am Schnellsten loswurde.

„Wir werden reden, Schuldig. Nicht jetzt. Nicht hier. Ja, der Auftrag ist schief gelaufen. Ja, ich wurde „aufgemischt“, wie du dich so schön ausdrückst. Nein, das wird keine akuten Auswirkungen haben. Und nein, ich will keine Hilfe. Das, was ich will, ist Ruhe. Ich will diese Kleidung loswerden und duschen. Danach will ich einen Kaffee trinken. Und dann, Schuldig, können wir reden. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Als Schuldig nicht reagierte, weil er zu sehr in den Worten des Mannes gefangen war, knirschte Crawford mit den Zähnen.
„Und ich wäre dir äußerst dankbar, wenn du mir bis dahin Nagi und Jei vom Hals hältst. Haben wir uns verstanden, Schuldig?“

Die spottgetränkten Worte des Orakels waren nicht wirklich eine Bitte, sondern eine eiskalte Drohung in seine Richtung und das machte Schuldig mit einem Mal umso wütender. Undankbares Stück. Verflucht undankbares Stück.
„Wie du es befiehlst, oh großer Anführer“, schnaubte Schuldig verächtlich und riss die Tür auf. Mit einem letzten Blick auf Crawford ging er an diesem vorbei in ihren Wohnbereich.

„Nagi, Jei, verzieht euch in die Küche, damit unser wohlbehalten zurückgekehrter Anführer eure Gesichter nicht sieht, weil er auf dem Weg in seine Königsgemächer nicht gestört werden will“, rief er laut ins Wohnzimmer und begab sich mit einem zynischen Mittelfinger selbst zurück in die Küche.

 

~~**~~

 

Mit größtmöglicher Bedachtheit stieg Crawford die Treppenstufen zu ihrer oberen Etage hinauf. Zu seinen Räumen, seinem Zuhause. Er war in Sicherheit, er war bei seinem Team, er war außerhalb der Reichweite von Lasgo, Fujimiya und Kritiker. Er war tatsächlich wieder hier.
Crawford atmete zittrig ein. Vier Stufen noch. Drei. Zwei. Die Letzte. Ein paar Schritte noch, dann war er in seinem Zimmer.

Als seine Hand nach der Klinke langte, griff er zweimal ins Leere, bevor er das kühle Metall der Türklinke zu fassen bekam. Fahrig drückte er sie hinunter und betrat seine Räumlichkeiten. Beinahe schon verzweifelt schlug er die Tür hinter sich zu und tat die letzten unsicheren Schritte in Richtung seines Bettes, bevor sein verräterischer und schwacher Körper beschloss, nicht mehr zu wollen.

Nun unkontrolliert zitternd ging er vor dem Bett zu Boden und stützte sich mit seinen Händen auf dem Teppich ab. Er war da. Zuhause. In Sicherheit, auch wenn sein gesamter Körper schmerzte und er vor Schmerzen kaum noch klar denken konnte. Die Tabletten, die Fujimiya ihm besorgt hatte, hatten nicht lange genug gewirkt. Was er gewusst hatte, als er sie eingenommen hatte. PSI benötigten spezielle Medikamente, die mit ihren Fähigkeiten harmonierten, nicht das wirkungslose Rattengift, was normale Menschen einnahmen.
Crawford hatte eine genau auf sich abgestimmte Mischung aus Tabletten in seinem privaten Badezimmer, doch dafür musste er erst einmal den Weg dorthin schaffen und danach sah es in diesem Moment nicht aus.

Und morgen… wenn er den Rest des Tages und der kommenden Nacht geschlafen hatte, würde er zum Arzt gehen, damit dieser sich seine Verletzungen besah. Nicht zu ihrer Rosenkreuzklinik, nein. Zu seinem normalen Arzt, den er hütete wie seinen Augapfel und der schon seit längerem sein kleines, schmutziges Geheimnis war.
Doch wenn er ehrlich war, hätte Crawford sich am Liebsten für die kommenden Wochen selbst behandelt, auch wenn er wusste, dass es in seiner momentanen Verfassung ein weiteres Epitom an Dummheit sein würde. Viel zu groß war die Gefahr, dass Lasgo ihn mit etwas angesteckt oder dass etwas in ihm gerissen war durch die Brutalität des Anderen. Ganz zu schweigen von Antibiotika und der Versorgung der Folterspuren.

Crawford würgte, als er an den kommenden, notwendigen Schritt dachte und ihn als nichts anderes als eine neuerliche Demütigung ansah, die er über sich ergehen lassen musste. Er ahnte, wie solch eine Untersuchung aussehen würde und das ließ Widerwillen in ihm aufkommen, den seine Vernunft eisern niederkämpfte.

Bevor er sich in seinem Selbstmitleid verlor, schraubte sich das Orakel erneut hoch. Es war eher ein Akt der Rebellion gegen seinen eigenen Körper und gegen sich selbst, als ein notwendiges Erfordernis. Insbesondere dann, als er sich zu seinem Spiegel kämpfte, als müsse er sich beweisen, dass er nicht so schlimm aussah, wie er sich gerade fühlte.
Mühevoll schälte er sich zuerst aus dem Shirt, das Fujimiya ihm gekauft hatte, dann aus der Hose und entblößte den geschundenen Körper, welcher darunter lag.
Unstet hielt sich Crawford am Rand des Spiegels fest, während er sein Ebenbild betrachtete, das ihn aus braunen, unsteten Augen, mit harten Gesichtszügen und einem zusammengezogenen Mund entgegenstierte. Im regnerischen Dämmerlicht seines Raumes sah es beinahe nicht schlimm aus. Beinahe.

Eine Täuschung, wie Crawford wusste. Er konnte die stechenden Schmerzen, welche sich von seiner Kehrseite aus durch seinen gesamten Körper zogen, nicht verneinen. Lasgos Werk. Er konnte die Wundschmerzen der Striemen auf seinem Oberkörper, die Kratzspuren an seinen Seiten nicht verneinen. Ebenfalls Lasgos und Birmans Werk.

Lasgo...

Er war so auf seine Flucht fixiert gewesen, dass er den älteren Mann vollkommen aus dem Fokus verloren hatte. Seinen Auftrag hatte er in den Sand gesetzt, der Mann war ihm entkommen und zusätzlich hatte er auch noch die Hilfe des Weiß in Anspruch nehmen müssen.

Crawford spürte abrupt die überschäumende Lust zu duschen, sich das Sperma abzuwaschen, das ihm schon seit Stunden nicht mehr anhaftete. Es juckte, auch wenn es nicht mehr da war. Lächerlich war diese Phantomempfindung, einfach nur lächerlich und dennoch wusste er, dass er dem nachgeben musste, wenn er schlafen wollte, also ließ er ein einziges Mal seinen Körper entscheiden, was zu tun war.

Kurz darauf ließ Crawford warmes Wasser über seinen Körper rinnen, als wäre es seine Rettungsleine.

Es beruhigte und schmerzte ihn zugleich, doch er hieß den Schmerz mit offenen Armen willkommen. Er war zuhause, bei seinem Team, zu dem Fujimiya ihn trotz aller Befürchtungen zurückgebracht hatte. Den Grund dafür konnte er sich nicht ausmalen, wirklich nicht. Wollte er auch nicht. Er öffnete seinen Mund, ließ Wasser hinein. Ließ es die restlichen, schon lange weggespülten Spuren des älteren Mannes fortspülen, die nun ungehindert von seinen Lippen hinab an seinem Körper hinunter in den Abfluss rannen.

Er war zuhause...in Sicherheit. Nun konnte ihn niemand mehr so einfach überwältigen. Niemand. Weder Lasgo noch Fujimiya, denn Schwarz war stark und er würde es auch bald wieder sein.
Crawford wusste nicht, wieviel Zeit er dieses Mal unter der Dusche verloren hatte, bevor er das Wasser abstellte, sich vorsichtig abtrocknete und in seine eigene Kleidung schlüpfte.
Während er trocken die für ihn entworfenen Schmerztabletten nahm, warf er einen ausdruckslosen Blick in Richtung seines Bettes, welches ihm nun wie ein Sanctuarium vorkam, sein Heiligtum, die Stätte seines Schlafes, in der er unangreifbar war. Wohlriechender, bekannter Stoff, kühle Seide. Recht kühl für diese Jahreszeit und dennoch das, was er jetzt brauchte.

Crawford ließ sich langsam auf das wundervoll kühle Laken gleiten und zog sich die seidene Decke über den Körper.

Zuhause.

Langsam schloss er seine Augen und horchte den Geräuschen des Hauses, welche gedämpft zu ihm drangen. Dem lauschte er und seinem Schmerz, der zu allgegenwärtig in seinem Körper tobte.

~~**~~

 

Aya konnte nicht sagen, wie lange er in der Nähe des Konekos zugebracht hatte um zu beobachten, was dort vor sich ging. Wie ein Ausgestoßener beobachtete er sein Team bei der Arbeit und suchte nach jedem kleinsten Anzeichen dafür, dass sie ihn verraten hatten.
Er fand nichts, aber der Anteil an Restunsicherheit ließ sein Herz schmerzhaft schnell schlagen. Er wusste nicht, was Birman als Nächstes tun würde. Er wusste nicht, ob sie seine Schwester angehen würde. Und ebenso wenig wusste er, was Crawford zusammen mit seinem Team plante.

Nichts wusste er und die Antworten würden ihm nur auf eine einzige Art und Weise zufallen.

Tief durchatmend trat er aus dem Schatten seines Beobachtungspunktes heraus und kam zum Hintereingang des Blumenladens. Wie unterschiedlich es doch zu dem Areal war, auf dem Lasgo seine Geschäfte durchgeführt und geplant hatte. Wie sehr sich doch der Geruch ihres Hauses von dem der Wohnung, in der er die letzten Wochen verbracht hatte, unterschied.
Hier…hier war er zuhause. Die Frage war aber, wie lange noch, wenn Birman wirklich mit Lasgo unter einer Decke steckte und sie nicht die Einzige war.

Beinahe schon dämmrig lag der unbeleuchtete Flur vor ihm und Aya blieb einen Moment lang stehen. Nach fast sechs Wochen war er wieder zuhause. Vertrautes Chaos und ebenso vertrauter Geruch umgaben ihn und hießen ihn willkommen. Jetzt, in diesem Moment des nach Hause Kommens war Aya bereit, alles dafür zu tun, dass es so blieb und dass dieses warme, zufriedene Gefühl nicht durch Birman zerstört werden würde. Er wollte sein Team nicht missen.

Lautlos begab Aya sich hinauf zu seinem Zimmer. Die Tür seines Zimmers öffnete sich ohne Geräusch und Aya betrat den kalten Raum, der sich doch so grundlegend von dem anderen Apartment unterschied. Immer wieder mal hatte er etwas an Dekoration hinzugefügt, seitdem er hier eingezogen war und bisher hatte ihn das bunte Durcheinander, das daraus entstanden war, nicht gestört. Jetzt, nach der langen Zeit, die er nicht hier gewesen war, wurde ihm der brachiale Unterschied zu dem kühlen Apartment bei Lasgo bewusst.

Vielleicht war es eben jener Unterschied, der ihn sich für einen Moment zu fremd fühlen ließ, als dass er sich wohlfühlen konnte. Den Gedanken schüttelte er ab. Jetzt im Augenblick braucht er nur sein sauberes, perfekt gemachtes Bett, auf das er sich fallen lassen konnte um nachzudenken und einen klaren Kopf zu bekommen. Birman wusste, dass er noch lebte, davon konnte er ausgehen. Birman wusste ebenso, dass er Crawford nichts getan hatte. Was also würden ihre nächsten Schachzüge sein? Ihn als Verräter brandmarken? Es so darstellen, als hätte er mit Schwarz gemeinsame Sache gemacht?

Aya seufzte tief und vergrub sich in seine beiden Kissen. Er fuhr sich mit einer Hand müde über die Augen. Er musste mit Weiß sprechen, bevor Birman dazu die Gelegenheit erhielt. Wer, wenn nicht sein Team, könnte ihm helfen, heraus zu finden, was die Frau antrieb, ausgerechnet mit ihrer Zielperson gemeinsame Sache zu machen.
Doch konnte er sie überhaupt einweihen, ohne sie unwillkürlich zur Zielscheibe zu machen, in die sie blindlings hineinstolpern würden? Aya war sich nicht sicher und die Unsicherheit verursachte ihm Bauchschmerzen. Sein Team war das, was einer Familie am Nächsten kam, einer Heimat und er war nicht bereit, das einfach so aufzugeben.

Ob Crawford wohl schon zuhause war, in Sicherheit bei seinem Team?

Aya runzelte die Stirn, als die Frage ihn ungebeten überkam. Er öffnete die Augen und starrte frustriert an die Zimmerdecke. Das sollte ihn wahrlich nicht beschäftigen, nun, wo er wieder zuhause war. Der Amerikaner war nicht mehr seine Sorge und würde es auch nicht mehr sein.
Und doch konnte er ihn nicht gänzlich abschütteln, ihn und die Erinnerungen an die letzten drei Tage.

Der rothaarige Weiß grollte und rollte sich aus dem Bett. Bevor er weiter in die Gedanken an den Amerikaner versank, kümmerte er sich lieber um sein Team. Prioritäten, Fujimiya, schnaubte er innerlich und ging hinunter zu ihrer Küche, in der sich Youji gerade etwas zu trinken aus dem Kühlschrank nahm. Überrascht hob der Mann die Augenbrauen, als er Ayas Erscheinung analysierte und ganz der Privatdetektiv, der er mal gewesen war, seine eigenen Schlüsse zog. Angefangen vermutlich bei den Augenringen über die zerknitterte Kleidung…

Dann brach ein Grinsen über das ihn musternde Gesicht herein und ehe sichs Aya versah, wurde er in eine würgende Umarmung gezogen.

Innerlich grollte der rothaarige Mann. Youji konnte es nicht lassen, egal, wie sehr er versuchte, sich dem zu entziehen. Egal, wie subtil oder deutlich er in der Vergangenheit sein Missfallen darüber ausgedrückt hatte. Doch manchmal…
„Youji!“, ächzte er den Namen des ihn würgenden Mannes hervor und wurde schließlich losgelassen. Bevor er sich aus dem Grabschradius entfernen konnte, wurde er auch schon auf eventuelle Verletzungen abgetastet und konnte Youji gerade noch davon abhalten, seine Zähne zu kontrollieren.

Grollend schlug Aya nach den ihn anfassenden Händen und wich auf die andere Seite des Tisches zurück, in Sicherheit. Der andere Mann lachte und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Kaffeemaschine, der er eine Tasse schwarzen Kaffees entlockte, um sich dann anschließend auf einen der Stühle fallen zu lassen und die Beine auf den Tisch zu legen.
„Wie ist es gelaufen, du fieser Buchhalter?“, grinste Youji und Aya hob die Augenbraue, während er noch damit beschäftigt war, seine Kleidung zu richten.

Als er in das offene Gesicht seines Teammitgliedes und Freundes sah, wusste er, dass er ihn noch nicht da mit hereinziehen konnte. Er durfte es nicht, um ihn nicht zu gefährden.

Er nickte knapp. „Gut, alles nach Plan gelaufen. Das Areal wurde komplett in die Luft gesprengt.“ Es war keine komplette Lüge und eben der Teil der Wahrheit, mit dem Aya leben musste. Youji musste noch nicht wissen, dass er das Orakel getroffen hatte, gezwungen gewesen war, drei Tage mit ihm zu verbringen. Er musste nicht wissen, was er selbst darüber hinaus getan hatte. Auch nicht, dass Birman abtrünnig geworden und Aya nicht imstande gewesen war, sie und selbst Lasgo zu beseitigen. Er glaubte nicht, dass er es Perser verheimlichen könnte. Doch auf der anderen Seite war er sich noch nicht einmal sicher, dass ihr Auftraggeber überhaupt wusste, dass sie ihn verraten hatte oder ob er nicht mit drinsteckte.

Aya spürte, dass das Wissen darum sein Team und seine Freunde in Gefahr bringen würde, so würde er es ihnen verschweigen solange es ging oder bis er eine Lösung gefunden hatte, das auf seine Art klären, auf seine Verantwortung. Er wollte sich zunächst einmal selbst ein Bild von der Situation machen, jetzt, wo es nicht mehr darauf ankam, den Drogenring zu sprengen. Wo er nicht mehr dafür verantwortlich war, dass Crawford zurück zu seinem Team kam: ein weiterer Verrat an Kritiker, wenn man es genau nahm.

Aya driftete mit seinen Gedanken zurück zu den letzten drei Tagen. Es war gelinde gesagt ein Schock für ihn gewesen, Crawford so zu sehen. Es hatte Mitleid in ihm geweckt, das den Hass auf Schwarz in den Hintergrund hatte treten lassen. Niemals würde er in Zukunft dem Orakel mit Häme entgegentreten. Auch nicht mit Schadenfreude. Mit Ekel vor dieser Greueltat, ja. Auch das war etwas, das er erst einmal mit sich selbst ausmachen müsste, wenn er es denn je seinem Team preisgab.

„...s klar bei dir, Aya?“

Eben jener schreckte aus seinen Erinnerungen an Crawford und der Tatsache, dass dieser ihn vor dem sicheren Tod bewahrt hatte, hoch. Was war? Youji war, offensichtlich beunruhigt über die abwesende Stille, welche Aya ausstrahlte. Nichts war klar, erwiderte Aya in Gedanken, nickte aber.

„Sicher“, war daher die knappe Antwort, die Youji wie üblich zufrieden stellte. Zumindest redete sich Aya das ein. Ebenso wie er sich einredete, dass er das wissende Lächeln um die Kaffeetasse herum nicht sah, kurz bevor Youji sich abwandte.

Aus dem Laden heraus erklang mittlerweile der übliche Lärm der Schulmädchen und Aya nickte in die betreffende Richtung. „Du solltest Ken nicht mit der geifernden Meute alleine lassen“, schlug er vor und sah sein Gegenüber herausfordernd an. Sie beide wussten genau, wieviel Spaß es Youji machte, den pubertierenden Mädchen ein Idol zu sein, das sie anhimmeln und anquietschen konnten. Unwillkürlich fragte sich Aya, ob seine Schwester, wenn sie ihre Augen wieder aufschlug, ebenso sein würde.
„Schon gut, schon gut!“, lachte dieser nun und erhob sich lapidar lächelnd. Er stürzte den Rest seines Kaffees hinunter. „Aber hey, Rotschopf. Wenn du noch weiter brütest, hast du das Ei bald zum Schlüpfen gebracht.“

Damit war er verschwunden, eben jenen indignierten Rothaarigen zurücklassend.

 

~~**~~

 

Wird fortgesetzt.

Chapter Text

~~**~~

 

Der Tag begann für Crawford alles andere als angenehm.

Gemessen an dem Nebel, der durch seinen Kopf waberte und ihm Konzentration und Denken erschwerte, hatte er viel zu lange geschlafen. Wobei man das nicht hatte schlafen nennen können. Seine Träume waren durchsetzt gewesen von Schattenwesen, die ihn immer wieder halb in die Welt der Wachen geschleudert hatten, nur damit er unruhig wieder zurück in eben jene sank. Die Muskeln seines Körpers waren angespannt und sandten wieder und wieder Impulse des Schmerzes aus, die sich trotz seiner eisernen Kontrolle steigerten und ihn wie Fieber einnahmen. Sie schwächten ihn und ließen ihn an nichts anderes mehr denken, als dass er den Schmerz endlich loswerden musste, zur Not mit allen Mitteln. Wie sollte er seinem Team gegenübertreten und so tun, als wäre alles normal, wenn er sich noch nicht einmal gerade halten können würde?

Crawford schälte sich ungelenk aus der dünnen Decke und strauchelte ganz seiner Vermutung folgend mehr als dass er ging in sein Bad, um sich dort für einen Moment an die wohltuend kühlen Kacheln zu lehnen. Wie beruhigend sie doch seinem gefühlten oder tatsächlichem Fieber entgegenwirkten.
Er musste sich aufraffen und so früh wie möglich den Arzt aufsuchen. Er brauchte Gewissheit über die ihm zugefügten Verletzungen und nicht nur das. Er brauchte einen Test, ob Lasgo ihn mit einer übertragbaren Krankheit angesteckt hatte.

Zittrig griff Crawford zu den Tabletten, die ihm zumindest gestern ein paar Stunden Ruhe verschafft hatten und schluckte zwei von ihnen mit einer übelkeitserregenden Handvoll Wasser. Er hatte noch genug, würde aber über kurz oder lang nicht mehr von ihnen nehmen dürfen, da er seinen Verbrauch des speziell für ihn hergestellten Mittels Rosenkreuz dokumentieren und melden musste. Ein zu hoher Verbrauch würde zu Fragen führen, Fragen zu Untersuchungen, Untersuchungen zu Schlussfolgerungen.
Also würde er seinen Arzt um etwas Mundanes bitten müssen.

Sein Blick schweifte zur Dusche. Alleine der Gedanke an den anderen Mann ließ in ihm erneut den Wunsch aufkommen, sich zu duschen, sich von Grund auf zu reinigen. Doch er ließ von dem beinahe schon neurotischen Drang ab. Viel zu groß waren die Schmerzen, als dass er es wagen würde, sich zu berühren oder etwa, Wasser an die Abschürfungen und Schnitte zu lassen. So begnügte er sich damit, seinem Gesicht etwas Frische zuzuführen und schließlich in sein Zimmer zurück zu wanken.

Crawford fluchte unterdrückt, da es ihm von Minute zu Minute schwerer fiel, den Schmerz in sich soweit zu verbannen, dass er es wenigstens an seinem Team vorbei bis zu seinem Arzt schaffte. Doch im Moment überforderte ihn selbst die simple Aufgabe des Anziehens.
Frustriert schlug er mit seiner Faust auf die weiche Unterlage seines Bettes. Sein Körper hatte ihm zu gehorchen, nicht anders herum. Er würde sich nicht von derart profanen Bedürfnissen unterwerfen lassen.

Trotzdem brauchte er schier eine Unendlichkeit um sich in den üblichen Dreiteiler zu zwingen, den er sonst innerhalb von Minuten überstreifte. Bereits jetzt schon wusste er, dass ihn die strenge Steife des Kragens und des Anzugjacketts, die seine Position und seine Aufgabe hier in Japan unterstrich, nur schmerzen würde. Der sonst so bequeme Stoff rieb sich an jeder seiner Wunden, insbesondere bei dem nutzlosen Versuch, sich vernünftiges Schuhwerk anzuziehen.

Crawford schloss für einen Moment die Augen und versuchte, bis zehn zu zählen um nicht vor Frust lauf aufzuschreien. Alles, was an Wut und Hass in ihm schwelte, ließ er durch sich hindurchwaschen und vergehen. Als er ruhiger wurde, versuchte es mit dem Schmerz ebenso und scheiterte daran. Das Stechen und Brennen in und auf seinem Körper, das Feuer in seinen Nervenbahnen, seinen überlasteten Synapsen wollte immer noch nicht vergehen, wollte sich seinem Diktat nicht unterordnen.
Frustriert widmete er sich schließlich den Kontaktlinsen, benutzte sie anstelle seiner sonstigen Brille, auch wenn er lange brauchte, sie mit seinen zitternden Händen in seine Augen zu befördern.

Er wagte gerade den Versuch, sich in seine Hausschuhe zu begeben, als es an seiner Tür klopfte und einen Moment später Schuldig in seinem Raum stand. Crawford sah über das Pochen in seinen Ohren hinweg auf und runzelte die Stirn. War die Tatsache, dass er von Schuldig verlangt hatte, ihn abzuholen, nun auch gleichzeitig eine unausgesprochene Erlaubnis, sein Zimmer ohne seine Einwilligung zu betreten?
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dich hineingebeten zu haben“, sagte er dementsprechend unterkühlt.

Anstelle mit Spott darauf zu reagieren, wie es Crawford von dem Telepathen erwartet hatte, begrüßte dieser ihn aber mit einem ruhigen, gar ernsten Blick.
„Ich wollte sehen, wie es unserem Anführer geht, der sich seinen versprochenen Kaffee nicht holt und den Nachmittag, Abend und die Nacht durchschläft und trotzdem noch aussieht wie ausgekotzt. Anscheinend hast du den Auftrag ja gründlich in den Sand gesetzt.“
Crawford schnaubte verächtlich und wandte seinen Blick von dem sich gegen die Tür lehnenden Mann ab. Wenn Schuldig wüsste, WIE gründlich. Doch das ging den Telepathen nichts an. Niemanden aus seinem Team ging das Geschehene etwas an. Und Rosenkreuz würde, wenn er es verhindern konnte, niemals etwas davon erfahren, was ihm angetan worden war.

„Wäre das alles?“, fragte Crawford entsprechend ungnädig und Schuldig bedachte ihn mit einem wissenden Lächeln.
„Wann soll ich dich zur Klinik fahren?“

Der Anführer von Schwarz hielt für einen Moment inne und maß seinen Telepathen mit hochgezogener Augenbraue. Ausgerechnet jetzt erkannte Schuldig die Regeln von Rosenkreuz an und pochte darauf? Ausgerechnet dann, wenn Crawford sich mit allen Mitteln dagegen sträubte. Die Frage, ob sein Zustand so offensichtlich war, schwelte in den Gedanken des Orakels. Nein, Schuldig konnte außer dem Offensichtlichen nichts wissen. Und das Offensichtliche war bereits genug.
„Du siehst fiebrig aus“, erläuterte Schuldig schließlich Crawfords Vermutungen und brachte den Hellseher zu einem rauen Lachen.

„Ich wusste gar nicht, dass du die Rolle der Hausglucke angenommen hast“, erwiderte Crawford und erhob sich, um - einem plötzlichen Schwächeimpuls zufolge – sich erneut auf das Bett niederzulassen zu müssen, was ihm jedoch einen schmerzhaften Muskelkrampf im Hüftbereich bescherte. Ohne es wirklich zu wollen und zu merken, stöhnte er leise auf und verlor für einen Moment die Kontrolle über seinen Körper, als dieser den schier unmenschlichen Schmerz zu kompensieren versuchte und sich seinerseits zusammenkrümmte.

Das Nächste, dessen er sich gewahr wurde, war Schuldigs ruhiger, wissender Blick. „Kannst du zum Auto laufen oder muss ich dich tragen, Crawford?“

Es hatte keinen Sinn zu diskutieren, das erkannte er. Es hatte keinen Sinn, seinen Zustand wegzudiskutieren, auch das wurde ihm bewusst. Er musste mitspielen und irgendwie zu seinem Arzt gelangen, während er vorgab, sich in ihrer Klinik untersuchen zu lassen. Schuldig würde sie nicht betreten, wenn er es nicht müsste, das wusste Crawford. Also würde der Telepath draußen im Wagen warten und das war seine Chance, durch den Hintereingang des Gebäudes in die U-Bahn zu kommen, die unweit von der Klinik eine Haltestelle hatte.

So nickte Crawford schweigend und folgte Schuldig langsam zu dessen Wagen und ließ sich vorsichtig hineingleiten. Schweigend überließ er dem Telepathen die Führung. Seine Kraft brauchte er für die kommende Zeit und fast wünschte er, dass der Schwindel ihn nun schon hier und jetzt übermannen würde.

 

~~**~~

 

Aya atmete auf, als der schier unendliche Mahlstrom an aufgedrehten, quietschenden Mädchen in den Nachmittagsstunden endlich abnahm und ihnen ein wenig Ruhe gönnte. Er hatte sich trotz seiner freien Zeit nach der Mission schließlich auch zu seinen Team gesellt, als diese mit dieser Masse nicht mehr fertig wurden und ein paar Momente später den Preis dafür bezahlt, als auch ihn seine ganz eigene Fangruppe umringte und mit Fragen über seine lange Abwesenheit belästigten.
Aber gut, das war ihr Job und ihre Tarnung. Gestatten, die freundlichen Blumenhändler, die nebenbei als Auftragsmörder arbeiteten. Oder war es genau anders herum? Aya wusste es schon lange nicht mehr. Das, was er wusste, war, dass beides zu gleichen Teilen zu seinem Leben gehörte.

Gerade deswegen konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken ständig zu seinem vergangenen Auftrag glitten. Das, was er getan hatte, hatte ihn zweifeln lassen: an sich, seinem Weg, seinen Moralvorstellungen. Spätestens, als er all seine Kraft dazu genutzt hatte, sich beinahe dem Amerikaner aufzuzwingen, hatte er für einen kurzen Moment sich selbst verloren. Er war nicht er selbst gewesen, doch nun war das vorbei. Nun war er zurück, bei seinem Team, seinem normalen Leben, seiner Schwester, die ihm alle Kraft gaben, die ihm sein ich zurückgaben. Er würde nie wieder derart die Beherrschung verlieren.

Das nicht, aber er war zurück auf dünnem Eis. Alles musste so weiter gehen, wie bisher, bis er an zuverlässige Informationen herankam.

„Guten Tag, Weiß.“

Mitten in seiner Bewegung hielt Aya inne und sah abrupt auf. In der Tür stand der Teufel in Person, die Verräterin höchstpersönlich. Birman, als wenn nichts passiert wäre und sie Kritiker nicht hintergangen hätte. Natürlich war sie der Explosion entkommen und mit ihr aller Voraussicht nach auch Lasgo.
Aya überließ es seinen Teamkollegen, die Frau zu begrüßen und erwiderte den herausfordernden Blick aus schwarzen Augen scheinbar ruhig, doch innerlich kochend.
„Schön zu sehen, dass du unversehrt von deiner Mission zurückgekehrt bist, Aya“, lächelte sie ein durch und durch falsches Lächeln und am Liebsten hätte Aya ihr den Hals dafür umgedreht. „Komm bitte zur Missionsnachbesprechung nach unten, Abyssinian.“

Aya folgte ihr wortlos und schloss die Tür sorgsam hinter sich, als sie sich auf die bereits an vielen Stellen lädierte Ledergarnitur fallen ließ. Er erwiderte ihren mittlerweile taxierenden Blick kalt, mit unverhohlener Wut dahinter.

„Wie ich hörte, hast du deine Mission nicht ganz erfolgreich beendet, Abyssinian. Lasgo lebt noch.“
Aya hätte nicht gedacht, dass Birman derart dreist und verlogen mit der Tür ins Haus fallen würde. Zumal er nicht erwartet hatte, dass sie es wagte, ihn direkt darauf anzusprechen. Aber gut, dann würde er darauf einsteigen, wenn sie dieses Spiel spielen wollte. Kälte hielt in seine Stimme Einzug, eisig und schneidend. Kälte, die er auch in sich selbst fühlte und die sich zu einem schmerzenden Klumpen in seinem Inneren zusammenballte.

„Wir wissen auch beide, warum dem so ist. DU hast ihm daraus verholfen und meinen Auftrag durch deine Anwesenheit ad absurdum geführt.“
Sie nickte wohlwollend, all ihre Freundlichkeit eine einzige Lüge. „Das mag stimmen, Aya.“
Ungläubig schüttelte er den Kopf. Er hatte erwartet, dass Birman log, dass sie sich herausredete. Oder auch, dass sie ihn auslachte. Doch dass sie so verdammt ruhig blieb, machte ihn über alle Maßen wütend.
„Warum, Birman? Warum hast du Kritiker verraten?“, platzte Aya heraus. Er hatte keine Lust auf Spielchen und auf Halbwahrheiten unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit. Es war die entscheidende Frage. Es war das, was bisher wortlos zwischen ihnen geschwebt hatte. Er wollte ihr keine Gelegenheit geben, ihn zu überrumpeln, er wollte Klarheit.

„Was soll ich verraten haben, Aya?“, erwiderte sie mit ruhiger Stimme und maß ihn mit einem spöttischen Blick. „Perser? Sag mir, Aya, hältst du ihn wirklich für den Guten in diesem Spiel? Da muss ich dich leider enttäuschen. Er hat seine eigene Agenda, er spielt seine eigenen Spielchen schon seit Jahren und missbraucht Weiß dafür! Er ist Egoist und das mit Leidenschaft. Genau wie ich. Genau wie du mit deiner ewigen Fürsorge für deine Schwester.“
Aya knurrte. „Lass sie daraus, Birman. Was getan hast, ist gegen alles, für das wir stehen, gegen das Gesetz!“
Birman lachte hell auf, während sie sich durch die kurzen, strubbeligen Haare strich. „Und das, was Weiß macht, ist nicht gegen das Gesetz? Ihr mordet, Aya, falls dir das nicht bewusst ist. Nach dem Gesetz steht Mord unter Strafe, also erzähle mir nicht, dass ich mich gesetzesuntreu verhalte.“
Angewidert schüttelte Aya den Kopf und schnaubte verächtlich. „Weiß und Kritiker töten im Namen der Gerechtigkeit, nicht für eine persönliche Agenda.“

Amüsiert schüttelte Birman den Kopf und schlug ihre Beine provozierend übereinander. „Und das rechtfertigt das Morden, die vielen Witwen, Witwer und Waisen, die ihr zurücklasst? Wie naiv du bist, Aya. Wie äußerst naiv." Sie pausierte, geradeso, als müsse sie sich besinnen, und schnaubte schließlich. „Aber ich bin nicht gekommen, um mit dir darüber zu streiten, was Recht und Unrecht ist oder was ich getan habe, um meiner Sache gerecht zu werden. Ich habe meinen Weg gefunden, so wie du deinen gehst. Ich bin hier, um dir einen Deal anzubieten.“

Aya lachte verächtlich. „Du oder Kritiker, Birman? Wer bietet mir den Handel für mein Schweigen in dieser Angelegenheit an?“, fragte er lauernd und ebenso lauernd war das Grinsen, das sie ihm schenkte. Er musste wissen, wer noch mit drinsteckte, er brauchte Klarheit über das Ausmaß des Verrats, auch wenn er bereits an den ihn messenden Augen erkannte, dass sie ihm keine eindeutige Antwort geben würde. Beinahe gelangweilt betrachtete sie ihre Finger, schnippte sich imaginären Schmutz von ihren Nägeln.
„Die Antwort überlasse ich dir, Abyssinian.“
Dunkel grollte er. „Was für einen Handel könntest du schon für mich haben, Birman? Was wäre es wert, meinen Auftrag nicht gleich hier an Ort und Stelle zu beenden und dich umzubringen, dann zu Perser zu gehen und ihm von deinem Verrat zu berichten?“

Langsam erhob Birman sich und anstelle von Angst erkannte Aya Triumph in ihren Augen. Noch bevor die Worte ihre Lippen verließen, wusste er, was sie sagen würde und fand all seine Befürchtungen bestätigt.
„Deine Schwester, Ran. Die kleine, süße Aya, die sich im Moment noch bester Gesundheit erfreut. Aber wie du weißt, kann sich das bei Komapatienten stündlich, wenn nicht sogar minütlich ändern, wenn man nicht aufpasst. Aber keine Sorge, meine Männer und Frauen passen sehr gut auf sie auf, Aya, schützen sie vor Angriffen von außen.“

Alles in dem Weiß kam zu einem Halt, als die zuckersüß-verächtlichen Worte an sein Ohr drangen. Birman wagte es tatsächlich. Sie wagte es, ihn mit seiner Schwester zu erpressen. Sie wagte es, Ayas Namen mit ins Spiel zu bringen und ihre Gesundheit zu bedrohen.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er sich mit Gewalt davon abhielt, Birman hier und jetzt den Hals dafür umzudrehen und sie zu töten, egal, was die Konsequenzen für ihn wären.

Es kostete ihn beinahe seine Zähne, so sehr presste er sie in dem nutzlosen Versuch, sich zurück zu halten, aufeinander.

„Lass sie da raus, Birman, ich warne dich“, sagte er schließlich mit eiskalter, äußerer Ruhe, die so brüchig war wie die Stufen zu ihrem Dachboden. Er könnte nicht für viel garantieren, wenn sie ihre Drohung weiter auf die Spitze trieb.
„Sehen wir es doch mal so, Abyssinian. Du kannst wählen. Entweder, du leistest mir Widerstand und hast schließlich niemanden mehr, für den du kämpfen musst. Oder aber du gehorchst mir aufs Wort, wie der brave, gehorsame Hund, der du schon immer warst, seit du ein Katana in die Hand genommen hast um zu töten. Denkst du, ich habe mich nicht vorbereitet? Deine Schwester befindet sich in meiner Obhut, wie du weißt. Und ich habe die Möglichkeit, sie jederzeit verlegen zu lassen. Ich habe Leute, die hinter mir stehen, Aya. Du bringst mich um… deine Schwester wird sterben. Du arbeitest gegen mich und gehorchst mir nicht… deine Schwester wird sterben. Du versuchst sie verlegen zu lassen… sie stirbt. Welch tragische Wendung, meinst du nicht auch?“

Aya konnte für einen Moment nicht glauben, was er dort hörte, was Birman mit einem Lächeln aussprach. Nun war es eingetroffen...das Undenkbare. Das, was Schwarz und Schreiend nicht zu tun vermochten. Seine Schwester war in Gefahr, er selbst war machtlos, konnte gegen Birman nichts ausrichten, nicht, wenn er nicht mit dem Leben Ayas spielen wollte.

In diesem Moment hasste Aya aus voller Seele. Er fühlte rasende, blinde Wut in sich, bereit zu zerstören und zu vernichten, was ihm in den Weg trat. Es brauchte alles, was er aufzubieten hatte, dass nicht sein Hass und sein zerstörerischer Zorn gewannen. Eben jener, der ihn fast hätte Crawford zerstören lassen. Doch nun war er anders, brutaler und primitiver. Er wollte Birman tot sehen, wollte erleben, wie die Agentin langsam an den Verletzungen krepierte, die er ihr eine nach der anderen zufügte. Er ergötzte sich an der Vorstellung, sie mit seinen bloßen Händen zu töten.

Doch nein, das durfte nicht sein, seiner Schwester zuliebe nicht.

Er konnte sich Birman nicht widersetzen, solange er das Ausmaß ihres Verrates nicht kannte und solange er nicht wusste, wer noch auf ihrer Seite war. Es war ein Schachspiel. Sie war die Dame und durch verschiedenste Figuren geschützt, die er alleine nicht besiegen konnte. Und würde er seinen Platz verlassen, um sie zu töten, wäre der Weg auf seine Schwester freigegeben.
„Woher weiß ich, dass du sie nicht auch so tötest, wo du schon versucht hast, mich zu töten?“, fragte er mit mühevoll unterdrücktem Hass und spürte, wie sich bei diesen Worten ein eiserner Ring an Verzweiflung um seinen Hals legte, ihm praktisch die Luft abschnürte.
Birman stand auf und ließ ihren Blick durch das dämmrige Zimmer gleiten. Sie atmete schwer aus, so als ob sie sein jugendliches Ungestüm vollkommen unverständlich fand. Ihr Lächeln war genauso süßlich wie es falsch war.

„Ich habe mich umentschieden, Aya. Ich will dich lebend und habe noch nichts davon, wenn das komatöse Schwesterchen stirbt. Allerdings nur solange, wie du mir auch wirklich gehorchst. Solltest du dich mir verweigern, Abyssinian, garantiere ich dir den Tod deiner kleinen, süßen, geliebten Schwester. Sieh es doch einfach mal so. Dein Herrchen, das deine Leine hält, wird dich einfach hin und wieder in eine andere Richtung zerren. Und dich über gewisse Situationen in Schweigen hüllen.“
Ein Knurren, war das Einzige, was ihr darauf entgegnet wurde, als Aya sich besiegt zurückfallen ließ und die Stirn in seinen Händen vergrub. Für Aya....für seine Schwester.

Wieder einmal würde er sich durch sie binden lassen.

Birman musterte ihn für einen Moment und kniete sich schließlich vor ihn, strich ihm mit falscher Zärtlichkeit sanft über seine Wange. Aya zuckte zusammen, doch als er ihre Hand wegschlagen wollte, hielt die Warnung in ihren Augen ihn davon ab.
„Es fällt mir nicht leicht, Aya. Ich mag deine Schwester, das weißt du. Aber ich habe unsere Interessen zu wahren, ein Ziel und das werden ich und die Anderen erreichen. Sei also dankbar um die Chance, die sich dir hier auftut und widme dich weiterhin deinen täglichen Aufgaben, gerade so, als wäre nichts gewesen.“

Angewidert schnaubte Aya. „Als wäre nichts gewesen? Du hast einen Mann vergewaltigt“, presste er hervor und ihr Gesicht erhellte sich, als sie amüsiert und überrascht lachte.
„Wohl kaum, Aya. Er war nicht Manns genug um einen hochzukriegen, als ich meine Hand um seinen Schwanz gelegt habe. Dafür brauchte es tatsächlich den Schwanz in seinem Arsch.“
Aya blinzelte ungläubig. Zweimal musste er sich räuspern, um den Kloß in seinem Hals hinunter zu schlucken. „Das ist widerlich, Birman. Weißt du, was du da redest?“
„Oh ja, das weiß ich sehr gut. Es ist Crawford, über den wir hier reden. Das Orakel von Schwarz. Der Anführer eines sadistischen, feindlichen Teams. Ich weiß, wer er ist und ich weiß, was diese Woche, die sich Lasgo um ihn gekümmert hat, Kritiker für Vorteile bringt.“

Entsetzt starrte Aya die Agentin an und konnte nicht glauben, was ihren Mund verließ und mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihre und Lasgos Taten rechtfertigte. Betäubt schüttelte er den Kopf.
„Er hat ihn vergewaltigt. Wieder und wieder.“
„Geschieht ihm recht.“
„Crawford ist ein Mensch! Er hat das nicht verdient!“
Birman horchte auf und lachte dann schallend. „Oh, Mitleid, Abyssinian? Hast du deswegen keinen hochbekommen und dich nicht an ihm bedient, als Lasgo ihn dir geschenkt hat? Bedauernswert. Dabei ist er so ätherisch, wenn er leidet und merkt, dass seine Arroganz ihn kein Stück weiterbringt. Im Gegenteil…“

Aya war zu perplex um ihr zu antworten, also erhob Birman sich schließlich und tätschelte ihm ein letztes Mal über seine Haare. Sie verließ das Zimmer und das leise Schließen der Tür war wie ein Donnerschlag in der Stille des Raumes.
Passend dazu war es Ayas Faust, die nun mit einem unbefriedigenden Laut erst gegen das Leder des Sofas traf und als das nicht mehr reichte, sich die Wand als Opfer auserkor.

Einmal. Zweimal. Dreimal. Wieder und wieder. Solange, bis er blutete, solange, bis er ihr nicht hinterherstürmen und ihr das Leben aus dem Gesicht schlagen wollte.

 

~~**~~

 

„Wir sind da.“

Crawford nickte wortlos. Auch wenn die Schmerztabletten ihren Dienst aufgenommen hatten, hatte sich sein Zustand in der letzten Stunde der Fahrt nicht wesentlich verbessert. Ihm war übel, sein ganzer Körper zitterte unmerklich vor unterschwelligem Schmerz und Fieber. Seine Hände lagen ruhig auf den Oberschenkeln, waren aber klamm vor Schweiß. Die Aussicht darauf, dass er von diesem Gebäude aus noch weitermusste, verlangte alle Kraftreserven von ihm, die er noch aufzubieten hatte und das waren wahrlich nicht mehr viele.
Sich der Tatsache unbewusst, ließ Schuldig den Wagen langsam ausrollen und parkte auf einem der raren Plätze direkt vor der unscheinbaren Klink. Sie lag inmitten von Tokyo mit guter Anbindung an den Nahverkehr, der Crawford schließlich zu seinem endgültigen Ziel bringen würde.

„Warte hier“, war das Einzige, was Crawford hervorbrachte, bevor er mit einiger Mühe das Auto verließ und aufrechten Ganges das kurze Stück zum Gebäude hinter sich brachte und hineinging.
Die Dame am Empfang kannte ihn bereits und erhob sich, um ihn zu begrüßen.
Wie gewohnt nickte Crawford der Rosenkreuzagentin, einer schwachen Empathin, die nicht in der Lage war, seine Schilde zu durchdringen, knapp zu und begab sich zum Aufzug. Erst als sich die Türen hinter ihm schlossen, drückte er den Knopf für den ersten Stock, von dem aus ein abgelegener Notausgang in dem hinteren Gebäudeteil zu erreichen war.

Fast verschwamm die Umgebung vor seinen Augen, als er die wenigen Treppenstufen hinunterstieg und sich zur Bahnstation begab. Schuldig würde keinen Verdacht schöpfen, so konzentrierte Crawford sich mit aller Macht darauf, nicht das Bewusstsein zu verlieren, als er sich ein Ticket kaufte und die Bahn in Richtung Außenbezirke nahm, schlussendlich in der Nähe der Praxis ausstieg.

Trotz des Schwindelgefühls, was ihn nun beherrschte, trotz des allzu präsenten Zitterns, schaffte Crawford es tatsächlich bis zu dem großzügigen Gebäude. Zittrig legte er seine Hand auf die messingbeschlagene Klinke, drückte diese hinunter und betrat die leere Praxis. Der Arzt hatte sich ausschließlich auf die Behandlung von wohlhabenden Patienten spezialisiert und war dementsprechend teuer und verschwiegen. Er war jemand für die Untersuchungen, die Rosenkreuz nichts angingen.

Crawford war dankbar, dass ihn in diesem Moment nur die Arzthelferin am Empfang begrüßte und ihn freundlich anlächelte.
„Mr. Roberts, schön Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“, fragte sie in perfektem Englisch und er nickte schwach. Ihr Lächeln hingegen erwiderte er nicht, da er wusste, dass der allzu evidente Schmerz es unstet und flatterig gemacht hätte. Für die junge, rundliche Frau war er ein einflussreicher, amerikanischer Geschäftsmann der Tokioter High Society, ein Bild, das er selbst erschaffen hatte, um seine wahre Tätigkeit zu verschleiern. Und es funktionierte perfekt.

„Sehr gut. Und Ihnen, Ayako-san?“

Sie plauderte kurz über dieses und jenes, über das Wetter und sonstige Nichtigkeiten. Crawford belastete das bis über seine Grenzen hinaus, es ließ ihn sich unbemerkt an den Tresen klammern. Lange konnte er das Bedürfnis seines Körpers, sich einfach abzuschalten und ihm Erlösung in Form von Bewusstlosigkeit zu schenken, nicht mehr ignorieren.
„Ich möchte zu Doktor Martinez“, beendete er abrupt ihren sonst so geschätzten, kleinen Flirt und war sich erst hinterher bewusst, wie gepresst es geklungen hatte. Ayako hatte es anscheinend auch gemerkt, denn ihr Blick fuhr abrupt zu seinem hoch, während sie schuldbewusst nickte und um den Tresen herumkam. Ohne viel Federlesens fasste sie ihn an seinem Oberarm und führte ihn zu einem der Stühle. Erst als er sicher saß, eilte sie zu dem Wasserspender und gab ihm ein Glas Wasser, welches er in seinen zitternden Händen barg.

Auch jetzt brachte er es nicht über sich, das Wasser zu schlucken.

„Warten Sie bitte, ich benachrichtige sofort den Doktor.“
Crawford seufzte und schloss für einen Moment die Augen, um das Flimmern aus seinem Sichtfeld zu vertreiben. Nicht mehr lange und der Schmerz hätte ihn tatsächlich in die wohlverdiente Bewusstlosigkeit geschickt. Mit Bedacht stellte er das Wasser neben sich ab, bevor es ihm aus seinen flatterigen Händen gleiten konnte und wartete auf seinen Arzt. Doktor Allessandro Martinez. Ein Spanier, der vor zehn Jahren beschlossen hatte, nach Japan auszuwandern und nach einer zweifelhaften Vergangenheit hier ein neues Leben als Mediziner zu beginnen. Sie hatten sich durch Zufall in einer Bar kennengelernt und seitdem hatte Crawford einen kompetenten, verschwiegenen Mediziner weit ab von Rosenkreuz und seinem Team.

„Mr. Roberts, kommen Sie bitte?“

Ihm wurde jetzt erst bewusst, dass sie tatsächlich akzentfrei Englisch sprach. Crawford nickte, erhob sich von seinem Stuhl und folgte ihr in einen der hellen Behandlungsräume, der ihm freundlich entgegenstrahlte. Das machte es nicht leichter für ihn, ebenso wie die Tatsache, dass ihn jemand untersuchen würde, dem er vertraute, seine Daten und Ergebnisse nicht in seiner Rosenkreuzakte zu vermerken.

Das freundliche Gesicht des älteren Mannes tauchte vor ihm auf, lächelte ihn an und begrüßte ihn mit dem typischen beschwingt-leichten, spanischen Akzent. Crawford erwiderte diese Geste zurückhaltend wie immer, reichte seinem Gegenüber die Hand und ließ sich erneut nieder, nur um darauf zusammen zu zucken, als seine Muskeln sich gegen den wiederholten Missbrauch wehrten.
Der Arzt wartete, bis Ayako den Raum verlassen hatte, bevor er mit zusammengezogenen Augenbrauen fragte: „Sie sehen ganz und gar nicht gesund aus. “ Es war die unausgesprochene Bitte, ihm mehr über seinen Zustand zu erzählen, damit ihm geholfen werden konnte. Crawford schluckte trocken, seine Kehle war wie ausgedörrt.

„Ich benötige Ihren medizinischen Rat.“ Es fiel ihm schwer, die Worte auszusprechen, um Hilfe zu bitten und sich dem zu stellen, was passiert war, was noch geschehen würde. Schon alleine der Gedanke daran, sich vor dem Mann auszuziehen und ihn nun doch derart intim an sich heranzulassen, verursachte Crawford Übelkeit. Doch es war nötig, er musste dieser Schmerzen Herr werden. Es war nötig, um weitere Vorkehrungen zu treffen.

Crawfords Augen bohrten sich in die des Arztes. „Ich hatte ungeschützten und nicht einvernehmlichen Geschlechtsverkehr mit einem Mann. Zudem weist mein Körper Spuren von stärkerer Gewalteinwirkung auf.“
Ruhig maßen ihn die warmen, braunen Augen. Ebenso ruhig nickte der Arzt und erhob sich.

„Bitte folgen Sie mir, Mr. Roberts“, erwiderte er sanft und führte er Crawford in den Nebenraum.

 

~~**~~

 

Crawford hatte die Untersuchung mit angespannter, mühsam aufrecht erhaltener Ruhe über sich ergehen lassen. Unendlich lange war es ihm vorgekommen, endlose Minuten, bis sein Arzt ihm bedeutet hatte, sich wieder anzuziehen und ihn ins Sprechzimmer zu begleiten.
Die Erleichterung, die daraufhin in ihm schwelte, ignorierte Crawford so gut es ging. Erleichterung bedeutete Schwäche, Schwäche konnte und würde er sich nicht erlauben. Das hier musste getan werden, so unnormal und wenig alltäglich es auch war. Es würde nicht wieder vorkommen. Lasgo würde nicht noch einmal…

Martinez ließ sich ihm gegenüber nieder und sah auf die Ergebnisse, die ihm jetzt schon vorlagen. Anscheinend schienen sowohl die inneren als auch äußeren Verletzungen nicht so gravierend zu sein, als dass eine Operation von Nöten war.
„Sie hatten Glück, wenn Sie mir diese Formulierung erlauben. Natürlich haben Sie sich Verletzungen zugezogen, allerdings können diese ohne einen Eingriff ausheilen, wenn Sie sie regelmäßig eincremen und die Wunde sauber und elastisch halten. Ich werde Ihnen hierzu noch diverse Salben mitgeben. Das Ergebnis des Bluttests habe ich erst in ein paar Tagen vorliegen. Kommen Sie in drei Wochen noch einmal wieder und dann kann ich Ihnen sagen, ob es Komplikationen gibt. Dann werden wir auch noch den Langzeittest machen. Antibiotika und Schmerzmittel gebe ich Ihnen bereits heute mit. Die Striemen auf Ihrem Rücken und Ihrem Oberkörper müssen Sie täglich versorgen lassen.“

Crawford nickte stumm. Schmerzmittel waren eine Schwäche, wieder einmal. Eine notwendige Schwäche jedoch, damit sein Team keinen Verdacht schöpfte. Wie er die Striemen auf seinem Rücken versorgen sollte, war ihm jedoch ein Rätsel.

„Zwanzig bis vierzig Tropfen pro Tag sollten ausreichend sein.“ Martinez vergrub sich in seine Notizen und grübelte einen Moment, bevor er den Blick erneut hob.
„Noch ein letzter Punkt. Sie sollten für ein paar Wochen Ihre Ernährung soweit umstellen, dass Sie vornehmlich leichte Produkte zu sich nehmen, keine ballaststoffartigen Nahrungsmittel. Konkret heißt das Weißbrot, Obst, geschälter Reis, aber keine Fleisch- und Körnerprodukte oder scharfe Gewürze.“

Crawford erwiderte den sanften Blick der wissenden Augen nicht. Er war viel zu sehr damit beschäftigt sich auszurechnen, was dies für die nächsten Tage hieß. Er würde nicht in der Lage sein, seiner Aufgabe hundertprozentig nachzukommen, er musste sich einschränken. Hinzukam, dass er Schwarz nicht adäquat würde leiten können, wenn er unter dem Einfluss von Schmerzmitteln stand, die seine Gabe einschränkten. Eine gefährliche Situation war das, eine Situation, in der er unbedingt die Kontrolle behalten musste.

„Ich kann Ihnen auch einen Kontakt vermitteln, der sich weniger um die körperlichen, als um die seelischen Belange nach einer solchen Tat kümmert“, entglitt ihm diese Kontrolle mit jedem Wort, das Martinez ihm wie ein Messer entgegenschleuderte und Crawford presste seinen Kiefer mit eiserner Gewalt aufeinander.

„Ich danke Ihnen für Ihre Mühen“, beendete er das Gespräch abrupt mit der üblichen Höflichkeitsfloskel und erhob sich. Er wollte das nicht hören, er wollte noch nicht einmal darüber nachdenken, dass so etwas nötig wäre.
Lieber krallte er sich an die organisatorischen Modalitäten. Wie gewohnt würde er die Rechnung bar bezahlen, um keine Spuren zu hinterlassen. Und dann war er weg von hier, weg von dem Mann, der ihn so derart hilflos gesehen hatte.

Der Arzt seufzte, als er verstand. „Dafür nicht, Mr. Roberts. Lassen Sie sich noch einen Termin für die Besprechung der Blutergebnisse geben.“ Martinez reichte ihm freundlich die Hand und nickte mit dem Kopf zum Ausgang, dort, wo Ayako an der Rezeption wartete. Und Crawford tat, wie ihm geheißen, dankbar um die Betäubung, die er erhalten hatte und die ihn ein angenehmes Gefühl der Taubheit bescherte, was zumindest die Rückreise vereinfachen würde.

 

~~**~~

 

„Hat aber lange gedauert.....“

Crawford ging nicht auf den gelangweilten Ton seines Gegenübers ein, als er wortlos in das Auto stieg und sich anschnallte. Im Moment ging es ihm besser, was zum guten Teil dem Betäubungsmittel zu verdanken war, das immer noch in seinen Nervenbahnen schwelte. Er senkte seinen Blick auf die unscheinbare braune Papiertüte, in der sich die Medikamente befanden. Es war interessant, wie schnell die Dinge, von denen man nur gehört hatte, einen selbst einholten.

„So. Was ist los?“

Crawford sah starr aus dem Fenster. Nichts war los. Nichts von Bedeutung. Nichts, was das Team gefährdete. Von nun an würde es besser werden. Redete er sich ein.
„Was soll sein?“, erwiderte er dementsprechend kalt, in seinem vollen, sonstigem Ich. Hatte er nach dem gestrigen Abend gedacht, dass Schuldig sich mit seinen bisherigen Nicht-Antworten zufrieden geben würde, so hatte er sich getäuscht. Was nicht bedeutete, dass er die Neugier des allzu vorwitzigen Telepathen befriedigen würde.

„Du siehst scheiße aus, Brad.“ Fast hätte Crawford diesen Satz nicht gehört, so ungewohnt leise, wie er ausgesprochen wurde. Das Radio schien mit einem Mal sehr viel lauter geworden zu sein als zuvor. Er lachte kühl.
„Deine Komplimente waren auch schon mal blumiger, Schuldig.“
„Ich meine das ernst, Brad.“ Das zweite Mal, dass der Telepath ihn Brad nannte. In weniger als einer Minute. Crawford runzelte die Stirn. Ein Novum und keines, das ihm gefiel.
„Schau dich doch an. Abschürfungen und Hämatome auf deinem Gesicht, das Hotelzimmer, fremde Kleidung und das Erste, was du heute gemacht hast, war freiwillig zum Arzt zu gehen. Ausgerechnet du. Und dich von MIR chauffieren zu lassen. Meinst du, mir würde der fiebrige Ausdruck in deinen Augen entgehen? Oder die Art, wie du dich heute Morgen vor Schmerz zusammengekrümmt hast. Brad, ich bin nicht blöd.“

Das dritte Mal. Es reichte.
Langsam wandte sich Crawford Schuldig zu und bedachte ihn mit einem eiskalten Blick, der ihm einen grausamen Tod versprach, sollte er so weitermachen wie bisher.
„Ja, der Auftrag war ein Misserfolg. Lasgo wusste Bescheid und konnte sich seinem Tod entziehen. Ja, ich wurde aufgemischt und ja, die Rosenkreuzärzte haben das in ihren Akten vermerkt. Alles Weitere geht dich nichts an.“ Flach, emotionslos, kalt, drohend. Crawford wusste, dass Schuldig diese Warnung verstand, hatten sie beide diese Art der Diskussionen doch schon oft genug hinter sich. Doch Schuldig missachtete sie. „Brad…“

„Für dich immer noch Crawford“, erwiderte das Orakel beinahe unhörbar, aber dennoch mit eindeutiger Drohung. Er konnte und wollte einfach nicht mehr zurückhalten, was in seinem Inneren tobte und ihn nicht mehr losließ. Wie KONNTE Schuldig es wagen, ihn derart zu missachten, seine Autorität wieder und wieder in Frage zu stellen? Er stand kurz davor, seinem Teammitglied die Hände um den blassen Hals zu legen und zuzudrücken, zu sehen, wie die blauen, ihn provozierenden Augen hervorquollen und sich vor Entsetzen weiteten, als ein leiser Satz durch den Orkan von Wut drang und seine rational denkenden Gehirnzellen erreichte.

„Natürlich... Crawford.“

Das Orakel wusste, dass Schuldigs Einlenken keinesfalls ein Fallenlassen des Themas war. Im Gegenteil. Auf einen Schlag hatten sich alle von Schuldigs Vermutungen bestätigt. Crawford hatte noch NIE die Kontrolle so dermaßen verloren, noch nie hatte er so vehement darauf bestanden, nicht mit seinem Vornamen angesprochen zu werden. Noch nie war Schuldig so einfach durch seine stoische Gelassenheit gedrungen.

„Takatori hat mich eben kontaktiert. Er will dich sehen“, holte die Stimme des Deutschen ihn erneut aus seinen Gedanken und ließ ihn den Blick seines Gegenübers mit plötzlicher Geschäftskälte erwidern.
„Warum?“
„Keine Ahnung. Wir sollen auf der Stelle zu ihm fahren. Er will mit dir reden“, erwiderte Schuldig ebenso sachlich und startete den Wagen. Zeit, hier wegzukommen. Zeit, sich dem Kampf zu stellen.

 

~~**~~

 

Crawford ließ seinen Blick über die gespiegelte Fassade nach oben gleiten. Das Hauptgebäude der Takatori Holding war ein Prachtbau und eine Festung zugleich. Jeder einzelne Schutzaspekt war durch ihn persönlich überprüft und abgenickt worden. Die verschiedenen Sicherheitszyklen ließen keine Möglichkeit für einen Angreifer, durch das engmaschige Netz an Kontrolle und Schutz zu dringen. Zudem gehörte der große Bürokomplex zu den beeindruckendsten und einschüchterndsten Bauten in Tokyo, wenn nicht sogar ganz Japan. Errichtet von Takatoris unzähligen Partnerfirmen, zählte er zu den wichtigsten Wirtschaftszentren des Fernen Ostens und wurde diesem Anspruch auch mehr als gerecht.

Crawford wusste nicht, wie oft er sich schon in die oberste Etage begeben hatte, selbstsicher, selbstverständlich und ohne denjenigen, die seinen Weg kreuzten, Achtung oder Aufmerksamkeit zu zollen, weil es einfache, untalentierte Menschen waren, die es sich nicht zu beobachten lohnte. Die letzten Tage hatten ihm gezeigt, dass ihm diese arrogante Selbsteinschätzung schlussendlich zu Kopf gestiegen war und dass seine Instinkte dadurch verkümmert worden waren.

So verkümmert, dass Lasgo ein leichtes Spiel mit ihm gehabt hatte. Ihn betäuben, gefangen setzen, ihn…

Unsicheren Schrittes betrat Crawford das Gebäude. Er kam sich fehlplatziert vor, wenig gerüstet für das, was kommen mochte. Er war noch nicht fertig damit, seine Wunden zu lecken und der Kontakt zu Takatori würde ihm alles abverlangen, was er momentan noch an Kraft aufzubieten hatte. Das konnte Crawford auch ohne seine Präkognition sagen.
Das gefühlte, innere Fieber war in den letzten Momenten wieder stärker geworden, genauso wie sich nun langsam die Wirkung der Betäubung verlor und Schauer des Schmerzes durch seinen Körper wanderten. Ihm wäre jeder andere Ort lieber gewesen als dieser.

Dass Schuldig ihn hierher begleitete, half ihm überhaupt nicht.

Die Empfangsdamen und Sicherheitsleute kannten sie und ließen sie mit einem knappen Gruß passieren, auch wenn sie ihn selbst mit vorsichtig überraschten Blicken maßen, die sich insbesondere auf sein Gesicht richteten.
Crawford schloss für einen Moment die Augen, als sie alleine und ungestört im Aufzug standen und hoch in die 56. Etage fuhren. Ein würde ein Meeting von höchstens dreißig Minuten werden, das war auszuhalten. Er hatte den Schein zu wahren.

Ein sanftes Ping kündigte das Ende ihrer Fahrt und damit seiner im Kreis laufenden Überlegungen an. Schuldig und Crawford stiegen aus und schritten den Gang hinunter bis zum Ende des Flurs, um dort von Takatoris persönlicher Sekretärin begrüßt zu werden.
„Mr. Crawford, Herr Schuldig“, verwendete sie die muttersprachlichen Anreden für die beiden Schwarz und lächelte freundlich. „Wenn Sie noch einen Moment Platz nehmen würden; er hat gerade noch Besuch. Möchten Sie etwas zu sich nehmen? Kaffee? Tee?“

Crawford wie auch Schuldig verneinten der Etikette ihres Auftraggebers entsprechend. Takatori hasste es, wenn seine Mitarbeiter in seiner Gegenwart oder dann, wenn sie auf ihn warteten, etwas aßen oder tranken. Das gehörte zu seinen Charakterzügen des Despoten, ebenso wie die scheinheilige Gastfreundlichkeit, es ihnen immer und immer wieder anzubieten. So blieben sie unweit der Tür stehen und warteten, bis ein ihnen unbekannter Geschäftspartner das luxuriöse Büro verließ und Takatori in der Tür erschien.

„Crawford, wie schön, Sie endlich wieder bei mir begrüßen zu dürfen“, strahlte er vermeintlich freundlich, auch wenn das Orakel nur zu leicht die fehlerhafte Betonung auf dem „endlich“ heraushörte, die ihm eine Warnung war und ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Der ältere Mann deutete mit einem jovialen Grinsen auf sein Büro und Crawford wusste, dass er dem Anderen sicherlich nicht mehr erklären musste, dass er versagt hatte.
„Allerdings möchte ich Sie gerne alleine sprechen“, fügte er an, während seine Augen sich mit denen Schuldigs stumm duellierten, der ihren Auftraggeber mittlerweile abgrundtief hasste.

Crawford wusste, dass diese Antipathie beiderseitig bestand. Was auch nicht weiter verwunderlich war, da Schuldig für den Tod dieses Takatorimädchens mit verantwortlich gewesen war. Wie hatte sie geheißen? Ouka, genau. Es war durch Zufall geschehen, ein dummes Missgeschick und dennoch hatte Schuldig es anstelle von Farfarello bitter büßen müssen. Crawford konnte sich noch genau an die darauffolgenden Wochen erinnern, in denen sein Telepath noch nicht einmal angelehnt an einen Stuhl sitzen konnte, geschweige denn in der Lage war, Aufträge auszuführen.

Langsam, bedächtig beinahe, nahm das Orakel Platz und ließ seinen Blick über die Tokyoter Skyline schweifen. Ein Anblick voller Macht und Ausdruck des unabdingbaren Herrschaftswillens, der nur den einflussreichsten Geschäftsleuten oder engsten Gefolgsleuten gewährt wurde.

„Nun, wie verlief der Auftrag?“
Crawford grollte innerlich. Er würde also gleich zur Sache kommen. Gut, das vereinfachte die ganze Sache erheblich.
„Das Lager wurde vernichtet und die entsprechenden, infrastrukturellen Stränge ausgetrocknet“, leitete Crawford sein Versagen mit Fujimiyas Verdienst ein, hielt sich aber noch damit zurück, seinem Auftraggeber mitzuteilen, dass Lasgo überlebt hatte.
Takatori taxierte ihn mit belustigtem Blick und ließ sich ihm gegenüber mit dem Rücken zum Fenster nieder. Abwesend spielte er mit einem seiner hässlichen Briefbeschwerer. „Und weiter?“

„Die Zielperson ist entkommen und konnte nicht getötet werden“, spulte Crawford ab, als wenn er nicht auf ganzer Linie versagt hatte. Er hatte es nicht geschafft, Lasgo zu fassen oder selbst die Basis zu zerstören. Das Einzige, was ihm gelungen war, war, sich enttarnen und gefangen nehmen zu lassen. Und auf den Weiß zu treffen, doch das würde er mit keinem Wort erwähnen.
„Was soll das heißen?“, erklang nun die deutlich schärfere Stimmlage des Großindustriellen und ließ ihn aufsehen.
„Es ist mir nicht gelungen, den Auftrag wie von Ihnen gewünscht auszuführen.“ Crawford ahnte, dass Takatori auf eine Begründung brannte, doch die würde er nicht bekommen. Er würde dem Mann vor sich nicht mitteilen, warum er nicht in der Lage gewesen war, seinen Auftrag weisungsgemäß auszuführen.

„Sie haben also versagt.“

Ein finites Satzgefüge, das dem Orakel keinen Raum zum Widerspruch ließ, selbst wenn Crawford es in Erwägung gezogen hätte. Takatori konnte sie schließlich sehen, die Hämatome, die Abschürfungen. Der ältere Mann erhob sich bedächtig und fixierte für einen Moment die grellen Kunstwerke, welche seine Wand zierten, um sich dann jedoch seinem Gegenüber zu widmen.

„Ich habe Sie bisher für einen Perfektionisten gehalten, Crawford. Für jemanden, der weiß, was er tut und auch dementsprechend handelt. Und doch haben Sie mich enttäuscht. Und das auch noch auf so eine besonders bittere Art und Weise. Sie haben Ihr Zielobjekt leben lassen. Das Einzige, was Sie wissen ist, dass das Lager zerstört wurde, nichts weiter. Ihre Nachlässigkeit überrascht mich außerordentlich.“

Crawford war unwohl dabei, Takatori hinter seinem Rücken zu haben und nicht zu wissen, was der Andere als Nächstes plante. Doch dieses Gefühl wurde ihm abrupt genommen, als der ältere Mann sich lässig neben ihm an den Schreibtisch lehnte und für einen Moment den Golfschläger in seiner Hand betrachtete, den er gerade aufgenommen hatte.

Ein ungutes Gefühl beschlich das Orakel, als er sich bewusst wurde, was nun fast unweigerlich folgen würde. Vielleicht war es nur eine Drohung, dazu gedacht, ihn als Warnung einzuschüchtern. Vielleicht aber auch nicht. Seine Gedanken streiften zu Schuldig und dessen Rücken.
Mit Mühe unterdrückte er ein Zusammenzucken, als das stahlkalte Ende des Schlägers sich unter sein Kinn legte und ihn hieß, den Kopf zu heben um dem Anderen in die nichtssagenden, dunklen Augen zu schauen, das aufgedunsene Gesicht voller Bosheit und Schadenfreude. Und Unberechenbarkeit. Genau das also, was Crawford hasste, seitdem er keinen zuverlässigen Zugriff auf seine Gabe mehr hatte: Unberechenbarkeit.

Pachelbel lief leise im Hintergrund.

„Ich dulde kein Versagen. Insbesondere nicht von Ihnen.“ Das kalte Metall strich seine Wange hinab über seine Brust, ließ ihn ernst den Blick Takatoris erwidern.

„Verschwinden Sie. Ich erwarte, dass Sie ihr Versagen alsbald ausräumen.“ Erleichterung ließ Crawford innerlich aufatmen. Es war nur eine Drohung gewesen. Eine Versicherung, dass er den Auftrag in den Sand gesetzt hatte. Dieses eine Mal. Ein weiteres Versagen würde es nicht geben. Natürlich nicht.
Crawford nickte knapp, stand auf und wollte sich schon aus dem Büro seines Auftraggebers entfernen, als ihn die außergewöhnlich sanfte Stimme des Mannes noch einmal zurückhielt.

„Ach und Crawford?“

Er drehte sich noch einmal zu ihm und spürte den überwältigenden, gleißenden Schmerz in seiner rechten Gesichtshälfte explodierten. Für einen Moment lang nahm ihm dieser seine Orientierung und Schmerz ließ ihn zur Seite taumeln. Er stolperte und stöhnte unbeherrscht schmerzerfüllt auf. Mit einem ungläubigen Blick hielt Crawford seine Wange, während er vorsichtig seinen Kiefer bewegte. Wahrscheinlich war nichts gebrochen.

Wahrscheinlich.

Wenn er seine Gabe gehabt hätte, hätte er dazu eine Aussage treffen oder sich darauf vorbereiten können.
Durch den Nebel von stechendem Schmerz hindurch überhörte er beinahe Takatoris „Lassen Sie sich das eine Lehre sein, wenn Sie es das nächste Mal für eine kluge Idee halten, meinen Anweisungen nicht zu folgen.“

Crawford straffte sich und atmete tief ein. Er nickte und senkte seinen Kopf, auch wenn er Takatori nur zu gerne seine Faust ins Gesicht getrieben hätte. Er musste jetzt Demut zeigen, ebenso wie er schlussendlich hocherhobenen Hauptes hinausgehen musste. Takatori missbilligte es, sollte jemand Schwäche zeigen. Insbesondere das ihm anvertraute Rosenkreuzteam.

Auch wenn es ihm danach verlangte, über sein Gesicht zu streichen und den Schmerz durch Gegendruck abzulenken, so hielt er sich eisern davon ab. Exakt so lange, wie er brauchte, um sich wortlos hinaus zu begeben, Schuldig einen ebenso stummen Blick zuzuwerfen und sich schließlich Richtung Ausgang zu begeben.
Erst im Fahrstuhl schloss er schmerzerfüllt die Augen gab sich der Qual hin, die nun wirklich durch seinen gesamten Körper tobte.

Er trug die Schuld an dem, was passiert war. Er hatte versagt, sich gefangen nehmen, foltern und vergewaltigen lassen. Und nun musste er sein Versagen schnellstens wieder ausgleichen. Ohne seine Gabe.

Blicklos starrte Crawford auf die Anzeigetafel des Aufzuges und presste die Lippen aufeinander um die in ihm schreiende und tobende Stimme nicht zu Wort kommen zu lassen.

 

~~**~~

 

Wird fortgesetzt.

Chapter Text

~~**~~

 

„Na, geht‘s wieder?“

Crawford schwieg. Er würde den Teufel tun und Schuldig auf seine allzu neugierige und hämische Frage antworten. Was sollte er auch schon sagen? Der Beweis für das Gegenteil war doch evident und prankte sicherlich hellrot in seinem Gesicht.
Sie saßen mittlerweile wieder im Auto, das Schuldig möglichst rasant zurück zu ihrem Anwesen lenkte. Dankbarerweise, das musste Crawford ihm lassen, hatte er sich ohne Diskussion auf den Weg nach Hause gemacht.

Das Orakel schloss für einen Moment die Augen. Die verabreichten Schmerzmittel hatte ihn müde gemacht und die Schmerzen in seinem Inneren wie auch Äußeren hatten stumpf aber bestimmt zugenommen und ließen ihn nun in unregelmäßigen Abständen unmerklich erzittern.
Crawford machte sich keine Illusionen darüber, dass Schuldig nicht jede kleinste Regung, derer er ansichtig wurde, dazu nutzen würde, sie ihm unter die Nase zu reiben und spaßeshalber seinen Status als Anführer in Frage zu stellen – so wie er es früher auch schon gemacht hatte. Auch oder gerade, weil er sich gerade angesichts der eisigen Stille wieder auffallend auf den Verkehr konzentrierte und ihn nicht beachtete. Der Telepath war weder dumm noch ignorant, er hatte die Schmerzen sicherlich bemerkt, die ihn angespannt und schweigsam sein ließen.

Crawford brauchte dringend Ruhe, schon alleine um seine Gabe zurück zu erlangen, die brach lag und ihm letztendlich mehr Sorgen bereitete als sein Körper.

Der Telepath neben ihm seufzte allzu unsubtil in sich hinein und trat das Gaspedal durch, als er dem lahmlegenden tokyoter Verkehr entkommen war. Fast erwartete Crawford, Schuldig an den Wällen seiner Schilde zu spüren. Doch noch ließ sich der andere Mann nicht dazu herab, ihn auf diese Weise zu überfallen. Nicht, dass Crawford ihn nicht blocken konnte und das zur Not mit sehr rabiaten Mitteln, wie es zu Beginn ihres Zusammenarbeitens häufiger der Fall gewesen war. Doch mittlerweile hatten sie sich in den meisten Fällen austariert und Crawford hatte seine Grenzen derart eng gesteckt, dass solche Gefechte nicht mehr nötig waren.

„Der Panda hat dich geschlagen?“, fragte Schuldig in die Stille hinein und Crawford wünschte sich, dass er nicht eine ganze, lange Ampelphase hatte, um der Frage ausreichend oder gar nicht zu antworten. Doch der Verkehr gab wieder einmal sein Bestes und damit spielte die Zeit gegen ihn.
An Schuldigs Ton erkannte er, dass der Telepath nicht wirklich mit einer Antwort rechnete und Crawford beschloss, für etwas Neues zu sorgen. Ein bitteres, böses Lächeln lag auf seinen Lippen, als er sich zu Schuldig drehte.

„Besser. Er hat mir seinen Golfschläger durchs Gesicht gezogen“, erwiderte er, als wäre es nicht ihm passiert und labte sich an dem aufkommenden Entsetzen in den Zügen des Deutschen, als dieser sich unwillkürlich an seine Begegnung mit eben jenen erinnerte, die ihn für Wochen außer Gefecht gesetzt hatte.

Ein kleiner Triumph war hart erkämpft heutzutage. Aber wer wäre Crawford, wenn er sich nicht auch über die kleinen Dinge des Lebens freuen würde?

 

~~**~~

 

Zehn Grad waren ihm einfach zu wenig, beschloss Nagi, als er sich in seinen Schal hüllte und missmutig nach draußen starrte. Es war beinahe Mai und der heutige Temperatursturz gefiel ihm ganz und gar nicht. Es sollte zwanzig Grad und wärmer sein, aber die kalte Suppe da draußen war nicht normal. Klimawandel, nein, den gab es nicht…

Nicht sein Problem.

Nagi ging zurück in die Küche und holte sich seinen Thermobecher mit Tee, Milch und Zucker, den er vor exakt vierundzwanzig Minuten befüllt und verschlossen hatte. Er hatte sich diese Art Getränk vor Jahren von Crawford abgeschaut und schließlich Gefallen daran gefunden. Zum Leidwesen Schuldigs und zur stillen Zustimmung des Orakels.

Den hermetisch verschlossenen Becher stopfte er in seine Büchertasche und ging zurück in den Flur um sich die Schuhe anzuziehen. Eine Aufgabe, die er seine Gabe erledigen ließ, weil er just in diesem Moment zu faul war, sich zu bücken und weil er üben musste. Täglich mindestens drei Übungen an mikrochirurgischen Eingriffen in seinem Alltag, so sein stetiger Stundenplan gemäß Crawford, der ihn seit seiner Ankunft hier begleitete und den er zu dokumentieren hatte.

Es hatte ihn weit gebracht und eine Übung wie diese war mittlerweile kein Problem für ihn und so starrte er eher desinteressiert auf die sich schließenden Schnürsenkel. Erst danach zog er sich seine dicke Winterjacke über und öffnete die Tür zu ihrem Haus. Er musste für ein paar Stunden zur Universität, seine Stunden in Festkörperphysik standen an. Zugegeben, er freute sich wirklich darauf, da es ihn forderte, auch wenn er den Drang dazu verspürte, hier zu bleiben und darauf zu warten, dass sein Anführer zurückkehrte und sich mit ihm in die Missionsnachbesprechung setzte, wie er es immer tat, aber noch nicht getan hatte.

Es war so etwas wie ihre gemeinsame Zeit und das schätzte Nagi sehr. Jede Zeit, die er mit ihrem kühlen und besonnenen Anführer verbrachte, gefiel ihm gerade wegen Crawfords unnachgiebiger Strenge, mit der er ihn seit Jahren erzog. Crawford war es gewesen, der ihn von der Straße geholt hatte. Nagi erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen. Es hatte angefangen zu schneien und die Kälte hatte ihm wie jedes Jahr, das er auf der Straße verbrachte, nachdem die Frau, die ihn auf die Welt gepresst und dann vergessen hatte, zugesetzt.
Wie immer hatte er gebettelt und sich vor der Polizei versteckt, um nicht in ein Waisenhaus gebracht zu werden. Wie immer war seine Ausbeute dürftig gewesen und er hatte zitternd und hungrig zwischen Häuserwänden an der Abwärme einer Klimaanlage gekauert, als sich das spärliche, fahle Winterlicht verdunkelt hatte.

Zur Flucht bereit hatte er seinem Angreifer in die Augen gestarrt, der groß über ihm thronte. Doch der Ausländer in dem schwarzen Wollmantel beschimpfte ihn nicht, versuchte ihn nicht zu Dingen zu überreden, von denen er automatisch wusste, dass sie nicht gut waren, er schlug ihn nicht dafür, dass er sich hier versteckte.
Nein. Nichts dergleichen hatte der große Mann getan. Nur einen Thermobecher hatte er ihm entgegengestreckt und sich gleichzeitig auf die Knie begeben, um mit ihm auf einer Höhe zu sein.

Die eiskalten Augen voller strenger Beherrschung hatten ihm damals eine Heidenangst eingejagt und schneller, als er den Mund aufmachen konnte, hatte er ihn an die gegenüberliegende Wand gepresst und war überstürzt aus meinem liebgewonnenen Versteck gekrochen. Flucht war wichtiger als Wärme und dieser Mann konnte nichts Gutes von ihm wollen.
Vier Schritte weit war er gekommen, da hatte ihn Crawfords Stimme zurückgehalten.
„Ich weiß, wer du bist, Naoe Nagi“, waren es harte, aber ruhige Worte gewesen, die ihn hatten verharren lassen. Einfach, schnörkellos, schnöde, so langweilig. Doch für ihn war es das nicht gewesen. Dieser Fremde kannte seinen Namen. Er nannte ihn bei eben jenem und war der Erste außer Nagi selbst gewesen, der diesen beinahe vergessenen Namen ausgesprochen hatte.
„Ich weiß um deine Gabe.“

Damals war diese noch ein Fluch gewesen, der ihn absonderte und zu einem Monstrum machte, das verstoßen gehörte. Doch nicht in den kalten, unnahbaren Augen des Mannes, der sich aufgerappelt hatte um langsam zu ihm zu kommen. Wieder war da die Hand gewesen mit dem Becher an unbekanntem Inhalt, die sich ihm ruhig entgegengestreckt hatte.

„Mein Name ist Brad Crawford und ich sehe das, was noch nicht passiert ist.“

Dieser eine, ruhige Satz hatte sie heute hierhin geführt, ihn und den Thermobecher, der irgendwann einmal – so abgegriffen und voller Gebrauchsspuren er auch war – in seinen Besitz übergegangen war. Oder vielmehr in sein alleiniges Nutzungsrecht, da Crawford sich mittlerweile einen anderen zugelegt hatte und Schuldig derlei Annehmlichkeiten nicht zu schätzen wusste.

~Nur weil ich mit eurem Hipstertee nichts anfangen kann~, schnaubte es ohne Zeitverzug in seinen Gedanken und Nagi rollte mit den Augen. Müsste er Schwarz mit dem idealisierten Bild einer Familie vergleichen, so wäre Schuldig der komische Onkel oder der rotznasige, ältere Bruder, aus dem nichts geworden war und der nun die ganze Familie auf Trab hielt, während der Vater, also Crawford, mit strenger Regie versuchte, Disziplin und Ordnung aufrecht zu erhalten.
~Dir ist schon klar, dass ich dich hören kann?~
~Und das macht jetzt welchen Unterschied? Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass ich dich in diese Schublade stecke.~
~Wiederholung macht es nicht besser, du kleiner Hosenscheißer.~
~Repetition ist der Schlüssel zum Erfolg.~
~Ja, zum Erfolg, dass ich dir den Hintern versohle.~
Nagi schmunzelte kurz. ~Try me, Mastermind.~ Zuvorkommend und höflich, wie er war, gab er Schuldig einen dezidierten Ausblick auf das, was ihn erwarten würde, sollte er auch nur wagen, eine Hand an ihn zu legen.

~Später, später… jetzt brauche ich dich erstmal zuhause. Ich komme gleich mit unserem Anführer zurück und möchte, dass du mit ihm ein Missionsbriefing machst oder ihn dazu überredest, wenn er sich weigert.~
Überrascht hob Nagi die Augenbraue. ~Warum sollte ich das tun, wenn er es nicht möchte? Außerdem bin ich auf dem Weg zur Uni, ich sollte schon längst unterwegs sein.~
~Sind dir deine blöden Kurse wichtiger als dein Anführer, Prodigy?~, hielt Schuldig dagegen und Nagi schluckt unwillkürlich. Nein, das waren sie ihm definitiv nicht. Schwarz stand unangefochten an erster Stelle und alles Weitere hatte hinten an zu stehen. Selbst seine geliebten Physikkurse.
~Und wie soll ich ihn überreden?~, fragte er zurück und wurde mit einem mentalen Schulterzucken belohnt. ~Sei sein braver, kleiner Ziehsohn, der ganz nach ihm kommt und seine Regeln befolgt, Nagi. Das kannst du doch?~

Was Schuldig ihm so nonchalant an den Kopf warf, stimmte und es schmerzte Nagi nicht im Geringsten. Im Gegenteil, er war stolz darauf, dass er die Regeln, die Crawford seit Beginn seines Hierseins für ihn aufgestellt hatte, befolgte und den anderen Mann damit stolz machte. Schuldig sah sie als zu streng an, als einengend, doch für Nagi waren die Regeln, denen er unterworfen war, genau das Richtige und er fühlte sich wohl in der Führung, die Crawford ihm gab.
Ebenso wie er ihn stolz machte, indem er seine Gabe schulte und über sich hinauswuchs, zur Freude seines Anführers.

~Das ist doch zum Kotzen.~
~Du meinst deinen Modegeschmack? Da stimme ich dir zu~, gab Nagi zurück und rollte mit den Augen. Dass er Crawfords Befehlen folgte, hieß nicht, dass er Schuldig alle Freiheiten ließ, mit ihm zu machen was der Telepath wollte. Schuldig war ebenso Teammitglied wie er auch, auch wenn er sich fragte, warum Rosenkreuz ausgerechnet die beiden Männer zusammen in eine Gruppierung gesperrt hatte. Da hätte es sicherlich reibungslosere Kombinationen gegeben als einen aufdringlichen und lauten Telepathen und einen stringenten und gradlinigen Hellseher.
~Was bist du doch für ein parteiischer, kleiner Hosenscheißer.~
~Immer.~
~Wir kommen gleich an, also tu mir einen Gefallen und wirke deine Gehorsamkeitsmagie auf unseren ehrenwerten Anführer. Das kann er brauchen, nachdem Takatori ihm ins Gesicht geschlagen hat.~

Unwillkürlich zuckte Nagi zusammen. ~Was hat Takatori getan?~, fragte er noch einmal nach nur um ganz sicher zu sein, da er glaubte, sich verhört zu haben. Wie konnte der Mann es wagen, ihren Anführer zu schlagen? Wie konnte er es wagen, Hand an ihn zu legen? Wut kroch in ihm hoch wie ein lauerndes Raubtier. Wut war nicht gut, nicht für jemanden wie ihn und Crawford hatte ihn anderes gelehrt. Wut würde sein Team gefährden und sie in Schwierigkeiten bringen, wenn er eben diese an Unbeteiligten ausließ.

Insbesondere seine Wut konnte Häuser in sich zusammenfallen lassen. Also musste er seine Emotionen im Griff behalten und dafür sorgen, dass seine rationale Seite immer die Oberhand behielt. Auch dafür waren die strengen Regeln gedacht.
Die nun eher weniger Anklang fanden.
~Er hat ihm einen Golfschläger durchs Gesicht getrieben für die vergangene Mission und sein Versagen dort.~

Der Thermobecher in seiner Hand vibrierte verdächtig.

Bedächtig stellte Nagi ihn ab und löste seine Fäuste. Wie Crawford es ihm gezeigt hatte, atmete er, als würde er eine Panikattacke erleiden um seinen Puls zu beruhigen und damit seine Gabe, die in ihm hochkochte, wieder niederzuringen.
~Und damit kommt er durch?~
Schuldig schnaubte mental. ~Klar. Er ist doch das prämierte Rennpferd, das Rosenkreuz‘ liebstes Spielzeug ist.~
Nagi schluckte schwer. Sie alle hatten seit Takatori Schuldig mit dem Golfschläger verprügelt und ihn krankenhausreif geschlagen hatte, nichts mehr für ihren Auftraggeber übrig. Und nun auch noch Crawford. Hass wallte ungebeten in Nagi hoch. Wenn er doch endlich die Gelegenheit dazu erhalten würde, den widerlichen Japaner für seine Unverschämtheit zu strafen.
~Er wird dafür bl…~
~Nana, lass das, Naoe Nagi. Das sollst du nicht denken~, würgte Schuldig seine Gedanken ab, noch bevor er sie ausformulieren konnte und Nagi war dankbar darum. Ihren Auftraggeber zu bedrohen würde im Ernstfall harte Strafen nach sich ziehen, von denen der Tod sicherlich noch die mildeste war. Stumm nickte der Telekinet und atmete ruhig ein. Lieber konzentrierte er sich da auf den Wagen, der den Kies in ihrer Einfahrt knirschen ließ und streifte sich in Höchstgeschwindigkeit seine Schuhe ab um kurz darauf seine Jacke auszuziehen und seine Tasche ordentlich abzustellen, als wäre er nicht gerade auf dem Weg in die Universität gewesen und würde nun seinen Kurs verpassen.

~Wir kommen rein. Achtung, er hat schlechte Laune~, warnte Schuldig ihn vor und Nagi begab sich in ihre Küche, von der er aus einen versteckten Blick in den Flur hatte. Nicht, dass Crawford ihm Aufmerksamkeit schenkte, als er vom Flur aus, wo er seine Schuhe abstreifte, in sein Büro ging und ihn wieder ignorierte.
Nagi schluckte schwer.

Seit Crawford am gestrigen Nachmittag angekommen war, ging das so und entsprach nicht den Regeln. Ein Missionsdebriefing hatte mindestens am Morgen nach der abgeschlossenen Mission zu erfolgen um die Informationen auszutauschen und eventuelle Konsequenzen zu besprechen. Eine Verzögerung war durch Crawford nicht erwünscht. Das wäre doch eine gute Begründung, oder?
~Ja, wäre es. Und jetzt schwing deinen Streberarsch in Richtung Büro.~
~Aus welchem Grund eigentlich?~
Schuldig kam in die Küche und grinste, auch wenn sich Nagi nicht sicher war, ob er das als Grinsen bezeichnen wollte. Viel zu sadistisch mutete es ihm an.
~Unser ehrenwerter Anführer hat sich von mir zur Rosenkreuzklinik chauffieren lassen, wo sie ihn anscheinend dreimal komplett auf den Kopf gestellt haben, so lange, wie er dort war. Danach mussten wir dringend zum Panda, der ihm dann seinen Golfschläger ins Gesicht getrieben hat. Und meinst du, unser geschätztes Orakel redet über das, was passiert ist? Mit mir nicht. Also musst du ran.~
~Vielleicht möchte ich ihm sein Geheimnis lassen?~, hielt Nagi zögerlich dagegen und Schuldig lachte sein unangenehmes, aufdringliches Lachen, das seinen Mitmenschen mitteilte, wie wenig er von den nutzlosen Worten oder Gedanken hielt.

Seufzend schloss Nagi die Augen und schüttelte schicksalsergeben den Kopf. ~Wenn er mich dafür straft, werde ich die Strafe eins zu eins an dich weitergeben, das ist dir klar, oder?~
~Jaja.~
~Und was, wenn er nicht mit mir spricht?~
~Dann solltest du es nochmal versuchen, Wunderkindchen.~
~Vielleicht fragst du ihn einfach?~
Schuldig hob spöttisch eine Augenbraue. ~Was bist du doch für ein schlauer Junge. Was meinst du, was ich getan habe?~
~Ich meine nicht Crawford. Takatori.~

Eher ironisch hatte Nagi diese Idee ins Spiel gebracht. Takatori fragen… als wenn der Politiker irgendetwas sagen würde. Nein, natürlich nicht, im Gegenteil: er würde in vollen Zügen seine Machtposition Schwarz gegenüber auskosten, da Schuldig Takatori nicht lesen durfte, seitdem er ihr Auftraggeber war und der Rat es so bestimmt hatte um ihre unabdingbare Loyalität zu sichern. Aus welchen Gründen auch immer. Doch wer war Nagi, die Entscheidungen ihres Rates zu hinterfragen? Insbesondere wenn Ratsherr Leonard die Aufsicht über ihr dickes Zugpferd hatte und nur die Dame des Hauses nach Genehmigung des Rates den widerlichen Fettsack lesen durfte?

Schuldigs Blick in seine Richtung als schmutzig zu bezeichnen, war weit untertrieben. Auf einer Skala von eins bis zehn, wobei eins für einen absolut sterilen Raum und zehn für eine Müllkippe stand, lag der Ausdruck in den Augen des deutschen Telepathen ungefähr bei zwölf. Nagi musste lächeln. Und noch einen draufsetzen. Er fühlte sich gerade danach.
~Du könntest sie um Hilfe bitten.~
Damit hatte er Schuldig! Erbost grollte dieser in den sonst stillen Raum hinein.
~Ohne Scheiß, Naoe! Noch irgendwelche klugen Vorschläge?~

 

~~**~~

 

Nachdem Aya sich das Blut von seinen geschwollenen Fingerknöcheln gewaschen und festgestellt hatte, dass er für heute nicht in einer der Schichten eingeplant worden war – er vermutete Youji dahinter - hatte er sich dazu entschlossen, den Tag im Freien zu verbringen. Er musste nachdenken, einen klaren Kopf bekommen, er brauchte einen Plan, um seine Schwester aus den Fängen der verfluchten Verräterin zu lösen.
Ohne Ziel streifte er in der Stadt herum und fand sich schließlich in einem der unzähligen Parks wieder. Ein lauschiger, kleiner See befand sich in der Mitte.

Geistig und körperlich erschöpft ließ sich Aya auf eine der unzähligen Parkbänke nieder und schloss für einen Moment die Augen. Ein schöner Frühlingstag, sehr warm und sonnig, mit dem Rauschen der Bäume im Hintergrund. Trügerisch entspannend. Er brauchte die Zeit, um sich darüber klar zu werden, was in den vergangenen Tagen und Stunden passiert war. Birman, wie sie ihre Ideale verriet. Kritiker, die, so vermutete er, nicht mit unter der Decke steckten. Oder nicht gänzlich. Die Frage war, wer und wer nicht. Perser selbst vielleicht? Aber warum?
Es waren Faktoren, die einer Gleichung angehörten, deren Lösung ihm alles andere als bekannt war. Und genau die musste er nun alleine entwirren, denn er wollte Weiß nicht mit in diesen Abgrund ziehen. Zudem hatte Aya brachiale Angst um seine Schwester, die Birmans Rache gegenüber mehr als hilflos war.

Ein Geräusch neben ihm ließ ihn aus seinen Gedanken auftauchen. Sein Instinkt sagte ihm, dass es niemand war, der ihm gefährlich werden würde, vielleicht einfach ein anderer Spaziergänger. Er öffnete langsam seine Augen, um sich dem Anderen zuzuwenden.
„Ein herrlicher Tag, nicht wahr, Red?“

Zuerst weigerte sich sein Verstand, das anzuerkennen, was er nun sah und hörte. Den Mann zu identifizieren, der nun neben ihm saß, ihn freundlich anlächelte. So, als ob sie nicht Feinde waren und als ob er nicht dessen Basis in die Luft gesprengt und ihn versucht hatte zu töten.
Ayas Lippen entkam kein Ton, als er nun wirklich sämtliche Zweifel an der Identität des Mannes fallen ließ. Vor ihm saß der sadistische Mann, dessen sanftes Lächeln so zweischneidig war wie das die Klinge eines Messers. Hellbraune Haare leuchteten in der Sonne, die in leichten Wellen nach hinten fielen, sein Gesicht umrahmten, das durch seine beinahe olivefarbigen Teint bestach. Eine sanfte, stetige Bräune, dazu trügerisch warme, graue Augen und feingliedrige Hände, die verbargen, was für ein Monster er wirklich war.

Das durfte doch nicht wahr sein.

„Ich muss schon sagen, dass es mich amüsiert hat, dich dabei zu beobachten, wie du gegen mich arbeitest und du es trotz aller Widrigkeiten tatsächlich geschafft hast, meine Basis in die Luft zu sprengen.“
Das Aftershave des Mannes wehte zu ihm herüber und ließ Aya schwer schlucken. Lasgo war hier, um ihn zu töten. Und er selbst war unbewaffnet, konnte sich mit nichts anderem verteidigen als seinen bloßen Händen. Wie hatte er auch nur einen Moment annehmen können, dass das alles hier bereits vorbei war? Wie hatte er annehmen können, dass Birman sein einziges Problem war?

„Lasgo.“ Jetzt endlich durfte er seine Wut und seinen Hass über die Verderbtheit des anderen Mannes herauslassen, die er schon seit Wochen empfand. Erinnerungen an die letzten Tage seines Aufenthalts überkamen ihn, Erinnerungen ausgerechnet an Crawford, wie er am Abend des dritten Tages zusammengesunken auf dem Boden von Lasgos Gemächern gekniet hatte. Zum wievielten Mal auch immer vergewaltigt. Dafür, doch nicht ausschließlich dafür, verdiente Lasgo alles, was Aya bereit war ihm anzutun.
„Birman hat mir viel über dich erzählt, Ran Fujimiya, der sich den Namen seiner Schwester gegeben hat. Über dich, dein Leben im Dienst der Rache, über deine Schwester und Weiß.“

Ayas Puls rauschte in seinen Ohren, als er den Horror begriff, der sich ihm just in diesem Moment auftat. Aya starrte Lasgo in die amüsiert funkelnden Augen. Er hatte es vermutet, doch zwischen Vermutung und Gewissheit lagen Welten, wie er nun feststellte. Welten des eiskalten Entsetzens.
„Weißt du, warum ich dir den Anführer von Schwarz geschenkt habe, Aya?“

Verwirrt runzelte Aya die Stirn. Er hatte viel erwartet, eine solche Frage jedoch nicht.
„Nein“, brachte er hervor und schaffte es erst nach und nach, seinen Herzschlag zu beruhigen und Lasgo zu fixieren. Der Drogenhändler selbst wirkte vollkommen ruhig und gelassen, wie immer. Er lächelte nun, eine charmante, unerwiderte Geste.

„Birman und du, ihr habt eines gemeinsam. Euren Hass auf Schwarz. Und genau das fand ich so ansprechend. Verachtung macht eine Kreatur wie dich so ätherisch, dein Hass verleiht dir eine unglaubliche Anziehungskraft. Genauso wie deine Menschlichkeit, die dich überschwemmt hat, als du Crawford das erste Mal gesehen hast, so nackt und hilflos. Ich habe ihn dir geschenkt, damit du dich an ihm für all das, was er getan hat, rächst. Ich wollte dir etwas Gutes tun.“

„Gutes?“, stieß Aya zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Auf deine Stufe lasse ich mich nicht herab, Lasgo.“
„Ach nein? Das sah aber ganz anders aus, als du so kurz davor warst, dich ihm aufzuzwingen.“
Aya konnte sein Gegenüber nur sprachlos anstarren. Woher wusste er das?
Lasgo lachte erneut, ein intensives Geräusch, ein vermeintlich angenehmer Ton, wenn er nicht wüsste, was dahintersteckte. Der ältere Mann betrachtete für einen Moment versonnen seine perfekt manikürten Finger und hielt sie sich schließlich vor Augen.

„Denkst du, ich schenke dir etwas, ohne dabei auch an meinen Vorteil zu denken? Ein wenig naiv, Anderes anzunehmen, meinst du nicht auch? Aber lass uns nicht abschweifen. Denkst du, ich hätte keine Vorkehrungen getroffen, um euch beide beobachten zu können? Deine Überprüfung der kleinen Wohnung war gründlich, nur hatte Birman mir zu dem Zeitpunkt bereits eine Kopie der Technik zukommen lassen, mithilfe derer ich die Frequenz deines Ortungsgerätes umgehen konnte. Schön, nicht wahr? Es gab nichts, was ich nicht gesehen habe. Und ich muss sagen, ich habe es schließlich genossen, euer Zusammenspiel zu verfolgen, das so überraschend friedlich war.“

Es hätte Aya nicht überraschen sollen. Wirklich nicht. Und dennoch hatte er das Gefühl, mit einem Mal gegen eiserne Bande um seine Brust atmen zu müssen. Lasgo hatte alles gewusst. ALLES. Und er selbst hatte sich vollkommen naiv und unerfahren täuschen lassen. Hatte gedacht, dass er den älteren Mann überlisten könne. Doch wie hätte er es auch anders ahnen sollen, wenn es Birman selbst war, die ihn verraten hatte?
Sie und Lasgo hatten es vermutlich von Anfang an geplant.
„Ich hatte nie eine Chance, den Auftrag erfolgreich auszuführen“, merkte er eher zu sich selbst als für Lasgo an. Ein Lachen antwortete ihm.
„Nein, das hattest du nicht. Dazu hat Birman ihre Rache an Schwarz zu minutiös geplant. Obwohl sie noch nicht ganz damit fertig ist.“

„Wie meinst du das?“, fragte Aya misstrauisch, wenngleich ihn so schnell nichts mehr aus der Bahn werfen konnte. Er ahnte, dass die Kratzspuren von ihr stammten oder dass sie mindestens dabei gewesen war, während Lasgo sich an Crawford vergangen hatte, doch was auch immer sie noch für Crawford und Schwarz in petto hatte, er wollte kein Teil davon sein. Ein frommer Wunsch, der ihm aber vermutlich nicht erfüllt werden würde, wenn er sich Lasgo besah, dessen Blick vielsagend auf ihm ruhte.

„Sie war dabei, als ich das wertlose Stück erneut für mich beansprucht habe. Sagen wir mal, sie hat aktiv am Geschehen teilgenommen.“

Wertloses Stück?

Hatte Aya vor ein paar Augenblicken noch gedacht, dass er bereits alle Widerwärtigkeiten aus dem Mund des anderen Mannes vernommen hatte, so wurde er nun eines Besseren belehrt. Wie auch schon bei der „Geschenkübergabe“ stieg eine unbändige Übelkeit in ihm hoch, die er nur mit Mühe zurückhalten konnte. Da hatte er die Bestätigung seiner Vermutung. Wie widerlich.
Ayas Herz schlug wütend, als er seine eigenen Hände zu Fäusten ballte, die weißen Knöchel anstarrte. Hände, die sich in diesem Augenblick gerne um den Hals des Mannes gelegt und solange gewürgt hätten, bis kein Laut mehr den schmalen Lippen entkam.

„Das ist krank!“, stieß er angeekelt hervor. „Vollkommen krank! Das hat nichts mehr mit Gerechtigkeit zu tun oder mit Rache. Das ist Perversion.“
„Mag sein, Aya, aber macht es das nicht umso interessanter? Macht die Tatsache, dass Crawford, die arrogante Gewalt an sich, MIR unterlegen ist, meine Tat nicht auf eine gewisse Weise anziehend? Hat sie nicht etwas verboten Attraktives an sich?“

Aya wollte entsetzt den Kopf schütteln, als ihm eine kleine, nagende Stimme in seinem Hinterkopf ins Bewusstsein flüsterte, dass er für einen einzigen Augenblick genau das zunächst auch gedacht hatte. Welch gerechte Strafe für einen solchen Verbrecher. Aber als anziehend hatte er die Vergewaltigung nie empfunden, nein. Er hatte sich schlussendlich vor sich selbst geekelt.

„Du hattest ihn doch auch unter dir, Aya. Wie hat sich das angefühlt? Warst du in dem Moment nicht auch berauscht, von der Aussicht, diesen Mann für sein Handeln zu strafen? Zu wissen, dass er dir ausgeliefert ist? Glaube mir, wenn du einmal in den Genuss dessen gekommen bist, kannst du davon nicht ablassen. Ich hatte ihn auf seinen Knien vor mir, auf seinem Rücken unter mir, bereit und unwillig, genommen zu werden. Und genau das habe ich getan, Aya. Doch sein Körper ist bei weitem nicht das Einzige, was mich zu ihm hinzieht; es ist sein Leid, das er sich weigert zu zeigen, das jedoch deutlich spürbar da ist. Sein stummer, nutzloser Widerstand, sein Hass...Wundervoll, ich sage es dir. Seine Wut, als ich ihn das erste Mal überwältigt habe. Ausgerechnet ich. Ein einfacher Mensch. Dann das Entsetzen, als ihm bewusst wurde, was ich tun würde. Und dann sein Erkennen, als ich ihn für mich habe kommen lassen.“

„Das ist widerlich!“, donnerte Aya erbost, schloss die Augen und schüttelte den Kopf, um schließlich erschrocken zusammen zu zucken, als Lasgo ihm eine der Hände, mit denen er Crawford berührt hatte, auf die Wange legte. Aya schlug sie mehr als gewaltbereit weg.
„Keine Angst, mein schöner Mann mit dem Mädchennamen. Ich hege keine Zuneigung für dich, zumindest nicht sexuell. Deine Unschuld ist es nicht wert, zerstört zu werden; wenn du so willst, bist du für mich uninteressant. Das Einzige, was ich für dich habe, ist ein Angebot.“

Die Hand kam zurück und dieses Mal warnten ihn die grauen Augen davor, sich dem anderen Mann zu widersetzen. Wortlos ließ es Aya geschehen, dass Lasgo ihm über die Stirn strich, die Wangenknochen, schlussendlich über die Lippen.
„Was für ein Angebot?“, presste Aya hervor, als Lasgo die Hand senkte.

„Schließe dich uns an. Nehme deine Rache an den Menschen, die dich unterdrücken und an eine Leine legen, die dir so zuwider ist. Für deine Schwester kannst du auch mit unserem Geld sorgen. Ohne Verpflichtungen und Konsequenzen.“
Aya lachte bitter auf. „Geld von Kindern, die sich Drogen kaufen und die elendig daran zugrunde gehen? Vom Menschenhandel? Von Waffenverkäufen in Kriegsgebiete an den Meistbietenden? Nein. Niemals.“

Lasgo schüttelte scheinbar nachdenklich den Kopf. „Es ist Zeit für dich, die Wahrheit zu erkennen, Aya. Du mordest. Du machst Frauen zu Witwen, Männern zu Witwern und Kinder zu Waisen. Das ist genauso ruchlos, auch WENN deine Opfer scheinbar alles andere als gut sind. Aber glaube mir, ich kenne die Wahrheit über Kritiker und Perser, ich weiß, dass ihre Motive nicht rein von Schuld sind, dass sie Blut an ihren Fingern haften haben, was du so sehr verabscheust. Was meinst du, ist der Kampf gegen das Böse so lukrativ? Denkst du das wirklich? Perser tut es nicht, daher hat er beschlossen, auf zwei Seiten Profit zu schlagen. Stelle dich gegen ihn, Aya und kämpfe nicht für Wahrheiten, die keine sind.“

„Gegen ihn und auf eure Seite? Auf das vollkommen Böse? Nein, niemals!“

„Nicht das vollkommene Böse. Deine heilige Rache am Bösen kannst du meinetwegen fortführen, wenn du es unbedingt möchtest. Aber ich möchte dir zeigen, dass es auch andere Seiten des Lebens gibt, mit denen du deine Zeit verbringen kannst, Aya. Mit deiner Schwester zum Beispiel. Ist dir deine Schwester so unwichtig, dass du dich tagtäglich anderen Dingen widmest? Hätte sie gewollt, dass du tötest? Dass du für ihr Leben mordest? Ich denke nicht. Und genau das ist der Handel. Komm zu mir und ich sorge dafür, dass du nie wieder eine Waffe in die Hand nehmen musst, um einen Menschen zu töten. Lass deine Schwester stolz auf dich sein, wenn sie aufwacht. Biete deiner Schwester ein gewaltfreies Leben, wenn sie die Augen aufschlägt und dich anlächelt.“

Obgleich Aya es nicht wollte, spürte er, wie sich sein Herz zusammenzog. Lasgo hatte Recht, zumindest in diesem Punkt. Er würde Aya nicht mehr unter die Augen treten können, so über und über mit Blut besudelt wie er war. Er war unrein. Wenn sie erwachte, würde er sich von ihr fernhalten, von diesem zerbrechlichen Engel, für den er die letzten Jahre gekämpft hatte.
Und doch er würde diese Falle, denn nichts Anderes war es, nicht annehmen.
„Nein.“ Beinahe wie ein Fluch verließ das Wort seine Lippen und überraschte ihn selbst. „Ich will nicht noch mehr Schuld auf mich laden. Mein Leben gehört Kritiker und so wird es auch bleiben. Kritiker steht für die Gerechtigkeit, ganz im Gegensatz zu dir!“
Lasgo betrachtete ihn für einen Moment schweigend, nur um dann enttäuscht den Kopf zu schütteln. Es schien, als könne er Ayas Entscheidung nicht wirklich nachvollziehen. Umständlich stemmte er sich in die Höhe und sah auf sein Gegenüber hinab.

„Was ich dir zu bieten habe, Aya, ist ultimative Rache. An Takatori. An Schwarz. An den Menschen, die dich psychisch vergewaltigen, und das jeden Tag. Denn etwas Anderes macht Kritiker nicht. Sie benutzen deinen Körper gleichwohl wie deine Seele. Im Moment siehst du das einfach noch nicht, doch ich habe Zeit. Ich kann warten, bis du dich entschieden hast.“

Damit wandte er sich um und verließ Aya ohne ein Wort des Abschieds und ohne sich Sorgen darüber zu machen, ob dieser ihn töten würde. Vertrauensvoll schlenderte er im warmen Sonnenlicht des Tages davon, so als wenn er es gerade darauf anlegen würde. Doch Lasgo kannte ihn. Er wusste, dass die Drohung Birmans, seine Schwester zu töten, wie eine zuverlässige Leine wirkte, an die er gelegt war.

Vor Abscheu und Sorge zitternd blieb er auf der Parkbank sitzen und starrte der sich entfernenden Gestalt hinterher.

 

~~**~~

 

Nervös klopfte Nagi an die verschlossene Tür und wartete auf das obligatorische Herein, das dieses Mal so lange brauchte, dass er bereits dachte, nicht hineingelassen zu werden.
Doch ihr Orakel erlöste ihn und mit einem plötzlich trockenen Hals öffnete Nagi die Tür zu dem Raum, in dem er schon so viele Stunden zugebracht hatte, seitdem er die Missionen ebenso bestritt wie der Rest von Schwarz.

„Darf ich eintreten?“, fragte er beinahe ruhig und war stolz darauf, dass seine Stimme fast gar nicht zitterte, als die hellen, stechenden Augen sich in ihn bohrten und nach einer Antwort auf Fragen verlangten, die Nagi sicherlich nicht ohne weiteres beantworten konnte. Nervös umkrampften seine Finger das mitgebrachte Tablet und wartete darauf, dass sein Anführer etwas sagte.
„Zu welchem Zweck?“, bohrte sich die wenig erfreute, kühle Stimme in seine Nervosität und Nagi schluckte schwer. Das war ein Test an ihn, soweit erkannte er es. Crawford wollte wissen, wie weit er bereit war zu gehen um die Regeln einzuhalten, die das Zusammenleben und -arbeiten des Teams bestimmten.

Alleine das Wissen darum gab ihm Kraft und er straffte sich.

„Die Missionsnachbesprechung steht noch aus, Crawford, und ich wollte dich nicht weiter warten lassen“, formulierte er höflich, was Schuldig ihm weniger höflich zu verstehen gegeben hatte und für einen kurzen Moment lang weiteten sich die Augen des Orakels. Nagi war sich nicht sicher, was er dort las: Anerkennung? Wut? Überraschung? Schwer zu beziffern. Nicht die übliche Ruhe auf jeden Fall und das machte ihn unsicher. Er fragte sich unwillkürlich, ob der Eindruck durch das von Hämatomen verunzierte Gesicht gestärkt wurde. Er hatte Crawford vielleicht einmal in all den Jahren, in denen er ihm folgte, mit so etwas wie einem Hämatom gesehen. Das Orakel war unberührbar durch seine Gabe. Doch nun?

Was auch immer es war, das Crawford auf der Zunge lag – Ablehnung vielleicht? – das schluckte dieser nun hinunter und nickte langsam.
Mit einem Nicken deutete er zu dem Stuhl vor seinem Schreibtisch und Nagi betrat erleichtert das Heiligtum des Orakels, in dem er die meiste Zeit verbrachte, wenn er nicht mit Takatori unterwegs war oder sie keine Aufträge ausführten. Sorgsam schloss er die Tür hinter sich und ließ sich auf den Stuhl nieder, der ihm zugewiesen worden war. Verstohlen sah er sich um und entdeckte nur die immerwährende, penible Ordnung, die das Büro dominierte. Akten waren in akkuraten Stapeln angeordnet, ansonsten hingen sie im Schrank oder lagen auf der Anrichte. Die Kugelschreiber und Füller, mit denen das Orakel für gewöhnlich schrieb, waren ebenso ordentlich verstaut und Nagi fing sich an dem grünen Exemplar, das offen auf dem Tisch ruhte.

Besser dort, als in den ihn messenden Augen, die ihn bis auf den Grund seiner Seele durchdrangen, so wie es schon von je her getan hatten. Vermutlich hatte Crawford schon alles vorausgesehen und prüfte ihn nun weiter. Nagi schluckte und sah hoch.
„Wie war es?“, begann er etwas holprig und Crawford hob die Augenbraue.
„Unschön und erfolglos“, erhielt er die Antwort, die er nicht haben wollte, die ihn aber dazu herausforderte, weiter zu fragen, da er die Informationen brauchte um sie zu verwerten.
„Die Zielperson ist nicht liquidiert worden“, stellte Nagi in den Raum, ohne, dass er Crawford dafür direkt verantwortlich machte. Lieber aktivierte er parallel dazu sein Tablet und begann mit Hilfe seiner Gabe, sich Notizen zu machen.
„Das ist richtig.“
„Ist einer der Parameter, den ich für dich ausgearbeitet habe, der Grund für das Entkommen der Zielperson? Habe ich nachzusteuern?“, fragte er möglichst neutral, da es durchaus sein konnte, dass seine Informationen nicht erschöpfend genug gewesen waren, auch wenn er sie, wie vor jeder Mission, mehrfach in penibler Arbeit überprüft hatte. Und noch niemals hatte er so falsch gelegen um das Leben seines Anführers derart zu gefährden.

Crawford lehnte sich zurück und maß ihn für lange Zeit nachdenklich. Schlussendlich schüttelte er den Kopf und Nagi atmete erleichtert auf. „Die von dir erarbeiteten Parameter waren tadellos und vollumfänglich korrekt“, erreichte ihn das Lob seines Anführers und unwillkürlich lächelte Nagi kurz, bevor er sich besann.
„War er vorbereitet?“, fragte er, auch wenn er sich nicht ausmalen konnte, wie ein normaler Mensch sich auf Crawford vorbereiten konnte. Doch zu seinem Erstaunen nickte das Orakel.
„Ja, das war er. Und so konnte er sich dem Zugriff entziehen und mich im falschen Moment überraschen.“

Die Entschlossenheit in der Stimme des Orakels sagte Nagi, dass dieser nicht elaborieren würde, was er ihm gerade mitgeteilt hatte. Gleichwohl waren die Worte eine Warnung an den Telekineten, nicht weiter nachzufragen. Nagi respektierte diesen Wunsch, auch wenn der Analytiker in ihm sich leise bemerkbar machte und anmerkte, dass vollständige Informationen für ein besseres Ergebnis sorgten.

„Gibt es neue Parameter, die ich zu meinen Berechnungen hinzufügen muss? Interferenzen mit bereits bekannten Gruppen zum Beispiel?“, kam Nagi diesem am Nächsten ohne den Wunsch des Orakels außen vor zu lassen. Wieder brauchte es eine lange Weile, bis Crawford ihm eine Antwort gab. Wieder verloren sich die hellen Augen in ihren Überlegungen, verloren ihren Fokus und kehrten danach zu ihm zurück.
„Die Basis, auf der ich den Auftrag ausgeführt habe, wurde restlos in die Luft gesprengt. Er wird sich für seine Logistik einen anderen Standort suchen. Ein Zusammentreffen mit oder eine Verbindung zu anderen Gruppierungen gibt es nicht.“
Nagi nickte und notierte sich die zusätzliche Information. Er wartete, doch nichts Weiteres kam über die Lippen seines Anführers.
„Hat Takatori Schwarz einen Folgeauftrag gegeben?“, fragte er schließlich und Crawford nickte. Ein selbstironisches Lächeln geisterte über seine Lippen, bevor er zu seiner ausdruckslosen Maske zurückkehrte.
„Lasgo zu töten.“

Nagi widerstand dem Drang, mit den Augen zu rollen und machte sich eine kurze Notiz. Er verachtete den Mann, seitdem dieser sich an Schuldig vergriffen hatte. Er verachtete ihn, weil er alles andere als ein adäquater Kandidat für die Ziele von Rosenkreuz war, egal, was Ratsherr Leonard gesehen hatte. Dieser Mann war dumm und nur durch seine Berater so weit gekommen, wo er jetzt war. Durch sie und seine Machtgier, die ihn rücksichtlos alle, die es wagten, sich gegen ihn zu stellen, aus dem Weg hatte räumen lassen.
Natürlich wäre er eine leichte Marionette… aber wenn es darum ging, die Macht weiter auszubauen, so war er der Falsche.

„Ich beginne sofort mit meinen Recherchen.“
Wohlwollend nickte Crawford und widmete sich seinem Bildschirm, das deutliche Zeichen für Nagi, dass er sich entfernen konnte. Bis zur Tür kam er, dann hielt ihn eine Bewegung in seinem Augenwinkel davon ab. Fragend wandte er den Kopf zu Crawford, der erst seine Uhr und dann ihn stirnrunzelnd musterte.
„Täusche ich mich oder solltest du in diesem Moment nicht in der Universität sein? Festkörperphysik ist es.“

Nagi schluckte. Eine von Crawfords Regeln war, dass Nagi das, was er sich wünschte, auch zu Ende brachte. Das Orakel duldete nicht, wenn er Vorlesungen ausließ. Ausschließlich in Ausnahmefällen hatte er die Erlaubnis, der Universität fern zu bleiben, sobald er sich dazu entschieden hatte, ein Studium zu beginnen.
„Das ist richtig“, erwiderte er schlicht und die Missbilligung in den strengen Augen ließ ihn zusammenzucken.
„Erkläre dich.“
Nagi presste das Tablet an seinen Bauch, als er Schuldig innerlich verfluchte, der ihn dazu gebracht hatte, seiner Sorge um ihren Anführer nachzugeben.
„Ich nahm an, dass du den heutigen Tag für das Debriefing wählen würdest und ich wollte dich nicht weiter warten lassen“, fand er Worte, von denen er insgeheim dachte, dass Schuldig sie ihm in den Mund gelegt hatte. Doch der Telepath würde sich sicherlich nicht dazu herablassen, ihm aus seiner Misere zu helfen. Eher würde er lachend zuschauen, wie Nagi sich immer wieder in sein Unglück argumentierte.

Crawford maß ihn Momente lang schweigend und mit wenig Zustimmung in seiner Mimik. Mit jeder verstreichenden Sekunde wurde die Wahrscheinlichkeit einer disziplinarischen Maßnahme größer, befand Nagi.

„Ich möchte, dass du die nicht besuchte Vorlesung zeitnah nachholst“, wies Crawford ihn schließlich an. „Ebenso gehe ich davon aus, dass dies kein weiteres Mal vorkommen wird.“
Erleichtert nickte Nagi und schluckte den allzu großen Kloß in seinem Hals herunter.
„Natürlich, Crawford“, sagte er und neigte leicht den Kopf. Das Orakel wandte sich erneut ab und Nagi verließ erleichtert den Raum.

 

~~**~~

 

Er musste vor Erschöpfung eingeschlafen sein, denn das Erste, was Crawford spürte, als er wieder zu sich kam, war eine seichte Berührung an seiner Wange. Nicht schmerzhaft und unter anderen Umständen wäre sie sogar recht angenehm gewesen, wenn man einmal von der Tatsache absah, dass es niemand zu wagen hatte, ihn einfach so anzufassen oder gar in sein Zimmer einzudringen, wenn er schlief. Auch wenn für einen Moment lang der absurde Gedanke, dass diese Zeiten ein für alle Mal vorbei waren, zu groß in ihm wurde, als dass er ihn ignorieren konnte.

Obwohl sein Verstand ihm Gegenteiliges sagte, überschwemmten nun Erinnerungen sein rationales Denken, beschleunigten auf unmenschliche Weise seinen Herzschlag und ließen nur einen Schluss zu. Lasgo war da, streichelte seine Wange, würde sich ihm gleich erneut aufzwingen, weil er zu unfähig gewesen war, sich gegen den Drogenhändler zu wehren.
Crawfords Augen öffneten sich abrupt, während sie sich langsam auf die zusammengekauerte Gestalt vor sich fixierten.

Das war nicht Lasgo, dafür war der Schemen viel zu hell. Es war....

Trotz seiner unruhigen, ja beinahe schon ängstlichen Gedanken blieb er ruhig liegen und ließ Farfarello in seinem Tun gewähren, als dieser ihm ohne Unterlass über seine Wange strich und seine Stirn dabei nachdenklich runzelte. Der junge Ire hatte die Beine angezogen und seinen Kopf darauf gestützt, während sein blasser Arm ausgestreckt war und dessen Finger sacht, fast scheu sein Gesicht berührten.

Was in aller Welt sollte das hier? Seit wann hatte auch nur ein Mitglied seines Teams die Erlaubnis, ohne seine Zustimmung sein Zimmer zu betreten? Crawfords Eingeweide zogen sich vor Wut zusammen, als er für einen Moment überlegte, Farfarello aus dem Zimmer zu werfen, dann jedoch eines Besseren belehrt wurde, als er auf den ruhigen, jedoch vor allen Dingen wissenden Blick des Iren stieß, der auf seinem Unterleib ruhte, bevor er wieder zu seinen Augen zurückkehrte.

Er kannte den Ausdruck und nun Empfänger dessen zu sein, schmeckte Crawford ganz und gar nicht. Je mehr Zeit Farfarello, oder Jei, wie sein richtiger Name war, mit ihnen verbrachte, desto ruhiger war er schließlich geworden und desto klarer wurde Crawford, dass der Mann kein völlig Unbegabter sein konnte.
Ein Undefinierter, ja, aber kein Unbegabter. Selbst der Rat und die Dame des Hauses hatten Jei nicht klassifizieren können, ihn aber dennoch wegen seiner Blutrünstigkeit Schwarz zugeteilt. Das, was Rosenkreuz nur vermutet hatte, hatte seine Bestätigung schließlich in seinem alltäglichen Zusammenleben mit Schwarz gefunden. Jei erkannte Zusammenhänge schneller als intuitiver als jeder andere von ihnen. Sein Verstand war, wenn er denn wollte, brillant und messerscharf. Die Schlussfolgerungen, die er zog, noch bevor sie über alle Informationen verfügten, waren exorbitant richtig und genau. Crawford hatte bereits mehrfach davon profitiert und war mehrfach unwillentlicher Empfänger von Jeis Kombinierungsgabe gewesen. Jei war ihm bisher ohne Unterlass gefolgt, ohne jemals seinen Führungsanspruch in Frage zu stellen. Ruhe, so wie Crawford sie nun sah, stellte er nur zur Schau, wenn er sich vollkommen sicher war.

Doch fast als hätte er seine Gedanken gelesen, machte Farfarello Crawfords Eindruck zunichte, als er seine Lippen hasserfüllt verzog.
„GOTTES Chöre frohlocken, denn einer SEINER Widersacher wurde wiederholt geschändet.“ Ein Flüstern, nicht viel mehr, und doch das, was Crawford absolut nicht hören wollte. Farfarello wusste es, das war ihm übelkeitserregend klar. Wie so vieles wusste Jei es, hatte die Zusammenhänge erkannt, die er vor seinem Team hatte verbergen wollen. Crawford fragte sich, was es war. Seine Haltung? Den Schmerz, den er manchmal nicht ausblenden konnte? Sein verändertes Verhalten mit anderen Parametern?

Die bleiche Hand strich immer noch über seine Wange, schien ihn beruhigen, trösten zu wollen.

„Was willst du hier, Farfarello?“, fragte Crawford unwirsch und entzog sich eben jener Hand. Der nahende Sonnenaufgang tauchte den Raum durch die offenen Vorhänge in ein fahles Licht, als der jüngere Mann seinen Kopf schief legte und hinauf zum Haaransatz wechselte, eine Geste, die das Orakel erschauern und unwillkürlich an Lasgo und Fujimiya zurückdenken ließ, die ähnliches getan hatten. Ähnlich unerwünscht.
Doch so gleich sie sich auch waren, so sehr unterschied sich Jeis Berührung von den anderen. Etwas daran ließ Crawford innehalten in seinem Wunsch, Abstand zu dem anderen Mann zu gewinnen. Die Warnung in dem narbenumschlossenen Auge vielleicht. So genau wollte es sein schlafvernebelter, müder Verstand ihm nicht auseinandersetzen.

Eben jener blinzelte, schien sich mit einem Mal auf seine Frage zu besinnen, als er lächelte. „Aber GOTTES Widersacher wird IHM nicht zu Gefallen sein und daran zerbrechen.“
Crawford schwieg eine lange Zeit. Zerbrechen? Niemals. Er war bei seinem Team, er würde sich kein weiteres Mal diesen fatalen Fehler erlauben. Niemals mehr. Er würde Lasgo schließlich finden und beseitigen.
„Nein, das werde ich nicht.“ Es hatte keinen Sinn, das Offensichtliche zu leugnen. Das, was er vor Schuldig und auch Nagi verbergen konnte, lag anscheinend ohne Ausnahme offen vor dem jungen Iren.
„Du wirst darüber schweigen, Jei.“ Crawfords Augen bohrten sich in die des Iren und dieser maß ihn ausdruckslos. Er hätte es nicht sagen müssen, doch es fühlte sich besser an, es noch einmal auszusprechen. Jeis Gedanken waren zu verworren, als dass Schuldig genug Muße aufbrachte, in ihnen zu lesen und nachzuforschen. Der perfekte Geheimnisträger also. Von sich aus würde Jei keine Informationen mit Schuldig teilen, für die er nicht die Erlaubnis hatte, dafür verachtete er die Neugier des Telepathen zu sehr. Darauf baute Crawford.

Die Hand, welche sich schließlich wieder auf seiner Wange bewegte, verharrte nun und sandte leichte Wärme aus, Balsam für die Hautpartie, die mit Takatoris Golfschläger Bekanntschaft gemacht hatte. Beinahe schien es Crawford, als würde die Berührung des Iren den Schmerz dort lindern. Doch das war sicherlich nur eine Illusion seines überreizten Körpers.

„Als wenn der Mond je aufhören würde zu leuchten“, wisperte Farfarello und fuhr mit vernarbten, rauen Fingern über die geschwollene Haut seines Teamführers und erhob sich schließlich grazil, beinahe geräuschlos. „Als wenn es je hell werden würde in der Nacht.“

Jei bückte sich und griff nach etwas, das außerhalb von Crawfords Blickfeld auf dem Boden lag. Er hob es hoch und das Orakel erkannte Desinfektions- und Verbandsmaterial. Eben jenes, das Martinez ihm mitgegeben hatte. Langsam kehrte sein Blick in das Auge des Iren zurück, als er erkannte, was nun folgen würde. Was er nicht wollte, aber was getan werden musste, eben weil es zum Genesungsprozess beitrug.

„Schneewittchen ist nicht Ursula“, stellte Jei in den noch frischen Morgen und Crawford schloss ergeben die Augen vor der zweiten Überraschung, die der Ire ihnen allen bereitet hatte: seine Vorliebe für Märchen, Disneyfilme und der konstanten Vermischung von beidem zu ihrer aller Leidwesen.
Seufzend öffnete er seine Augen und wartete, bis sich der Ire erklärte, der ihm nun mit einem unwirschen Zug um die Lippen zu verstehen gab, dass er sich aufsetzen sollte, damit er die Wunden auf dem Rücken versorgen konnte.

Crawford folgte dem Wunsch und ließ seinen Geist zur Ablenkung darüber sinnieren, wer nun wer in diesem Vergleich war. Er war sich nicht sicher, ob er lieber eine sich an einem Apfel verschluckende, komatöse Prinzessin oder aber eine tentakelbewehrte alte, frustrierte Hexe war.

 

~~**~~

 

An manchen Tagen hasste Manx ihren Job.

Besonders dann, wenn sie spät abends weit entfernt vom Feierabend noch im Büro saß und die Akten der Mitarbeiter bearbeitete, die sich auf ihrem Schreibtisch stapelten. Gehaltskonten, Missionspläne, Zusammenstellung der Einheiten. All das war ihr Gebiet und all das sorgte mit Regelmäßigkeit dafür, dass sie Unmengen an Geld alleine für Überstunden verdiente, das sie nicht ausgeben konnte, weil sie Überstunden machte. Ein Teufelskreislauf.

Was ihr aber im Moment Sorgen bereitete, war die Videodatei, die sie sich nun schon zum zehnten Male hintereinander ansah, sie auf Anzeichen einer Fälschung überprüfte. Anzeichen dafür, dass es nicht Abyssinian war, der dort auf der Parkbank saß. Und vor allen Dingen, dass die Person neben ihm nicht sein ursprüngliches Ziel war, welches er eigentlich hatte umbringen sollen.

Lasgo, so war der Deckname des Mannes. Ein Drogendealer, Menschen- und Waffenhändler ohne Gnade, ein abgrundtief böser Mensch. Ein Mann, der nun Ayas Gesicht berührte und ihn zärtlich streichelte. Manx konnte nicht hören, was die Beiden sagten, dafür war ihr Agent viel zu weit weg gewesen, doch das, was sie sah, war mehr als deutlich. Sie hatte es erst nicht glauben wollen, als Birman zu ihr gekommen war und ihr im Vertrauen von der Möglichkeit berichtet hatte, dass Aya sie womöglich hinterging. Nein, sie hatte es nicht glauben wollen und dennoch war sie bereit gewesen, den rothaarigen Weiß durch einen ihrer Agenten beschatten zu lassen.

Und nun hefteten sich ihre Augen zum wiederholten Male auf die sich vor ihr abspielenden Bilder, auf den Rotschopf, der sich von dem Mann berühren ließ, auf dessen Konto unzählige Morde gingen, der erbarmungslos Drogen an Kinder verkaufte. Den er eigentlich hatte töten sollen. Laut Birman war der Auftrag hierzu missglückt.

Missglückt.

Aya, was denkst du dir bloß dabei?, fragte sie sich stirnrunzelnd und stützte den Kopf auf ihre Hände. Wieso versagte ausgerechnet Abyssinian? Was dachte er sich dabei, seinen Auftrag nicht auszuführen und so offensichtlich mit dem Mann zu flirten? War es wirklich Verrat?
Manx griff schweren Herzens zum Telefonhörer. Sie wusste genau, wen sie nun aus dem Bett klingelte und mit diesen unerwarteten, schrecklichen Neuigkeiten konfrontieren musste.
Sie richtete ihren Blick auf die nächtliche Skyline, als sie dem Freizeichen lauschte und wartete, dass jemand abnahm. Was schließlich auch geschah, als sich eine verschlafene, schleppende Männerstimme mit einem knappen „Ja?“ meldete und sie zunächst ungehört schlucken ließ. Er musste es wissen, sie konnte es ihm einfach nicht verheimlichen.

„Es gibt ein Problem“, meldete sie sich direkt, ohne ihren Namen zu nennen. Es war auch nicht nötig, denn Manx gehörte nebst Birman zu den einzigen beiden Agenten, die seine Nummer hatten. Für Notfälle wie diesen.
„Manx, ich wünsche Ihnen auch einen zweifelhaften, guten Morgen.“
Die rothaarige Frau musste unwillkürlich lächeln. Der ironische Charme Persers war selbst durch das Telefon zu hören. Als Gentleman, der er war, zollte er zunächst ihr und ihrer Arbeit Aufmerksamkeit, bevor er schließlich zum eigentlichen Problem kam. „Was gibt es denn?“

„Ich habe Abyssinian überwachen lassen und es sieht so aus, als ob er einvernehmlichen Feindkontakt hat.“ Manx spielte schon beinahe nervös mit dem Löffel in ihrem kalten, abgestandenen Kaffee, während sie auf seine Antwort wartete. Wann hatte sie sich ihre allabendliche Koffeinspritze eingeschenkt? Vor vier Stunden? Oder noch länger? Sie wusste es nicht.
Ein unwilliges Brummen antwortete ihr schließlich und sie vernahm ein Rascheln, gerade so, als ob der andere Mann sich aus dem Bett schwingen würde.
„Ich komme ins Büro.“
Damit legte er auf und ließ eine nachdenkliche Agentin zurück, die sich unwillkürlich fragte, ob sie das Richtige getan oder ob sie vorschnell und unüberlegt gehandelt hatte.

 

~~~~
Wird fortgesetzt.

Chapter Text

~~**~~

 

Mit einem leisen Summen wiegte sich Omi sacht im Takt der Musik und sang lautlos mit, ließ sich treiben von den melodiösen, weichen Klängen, badete in der kleinen Menge der Bar, in der er sich gerade befand. Es war eines dieser modernen, erst kürzlich fertig gestellten Etablissements über den Dächern von Tokyo, mit Blick auf die nächtlichen Lichter und den feinen Dunst, der aufgezogen war.
Der weiträumige Bereich an sich war in hellem Grau gehalten, an sich sehr puristisch mit wenigen Dekorationsobjekten, dafür umso opulenteren Möbelstücken wie edlen, weißen Ledersesseln. Sanftes, warmes Licht erhellte minimal den Raum, während auf jedem der Tische Kerzenständer ihren Dienst taten.

Der junge Weiß ließ seinen Blick über die bis auf schlichte, aber große Spiegel unbehangene Wand ihm gegenüber gleiten, taxierte die Menge an Menschen vor ihm ruhig und gelassen. Oberschicht, ohne Zweifel. Die homosexuelle Tokyoter High Society vergnügte sich hier, gönnte sich eine After-Work-Entspannung inmitten sanfter, spanischer sowie italienischer Klänge und exotischer Getränke. Westorientierung, so hieß das Motto hier und schien gut anzukommen.

Auch Omi konnte sich des Reizes dessen nicht verwehren. Er mochte das Interieur genauso wie die lockere und dennoch zurückhaltende Stimmung der Bar. Kein Wunder, kam er doch nun schon zum dritten Mal hierher, direkt nach der Arbeit um ein wenig Abstand von seinen Teamkollegen und seiner Berufung als Auftragsmörder zu gewinnen und sich vom Murmeln der anderen Besucher einlullen und treiben zu lassen. Wie oft hatte er schon die Augen geschlossen und sich einfach in den Geräuschen der Menschen um ihn herumtreiben lassen?

Er war kein Kind mehr, auch wenn er mit achtzehn für die meisten Personen seines Umfeldes sicherlich noch in diese Alterskategorie gehörte. Doch geistig fühlte er sich wenig geneigt, sich mit Jungen und Mädchen seines Jahrgangs zu umgeben. Er wünschte sich Gesellschaft, ja. Aber jemanden, mit dem er reden konnte. Aya… ein Mann mit einer solch großen Bürde und soviel Zorn und Trauer in sich, dass es Omi ein schlechtes Gewissen bereitete, dem anderen Mann mit seinen Sorgen auf die Nerven zu gehen. Ken, der ewig Fröhliche, der vor jeder Art tieferem Kontakt zurückschreckte, weil er Angst hatte, erneut von einem Freund verraten zu werden. Youji. Der Älteste von ihnen hatte selbst eine Last zu tragen, die Omi ihm nicht abnehmen konnte. Auch wenn seine Freundschaft mit Youji sehr intensiv war, so war Omi nicht in der Lage, gemeinsam mit ihm das Trauma zu bekämpfen, welches wieder und wieder dafür sorgte, dass der ältere Mann schreiend erwachte.

Dafür hatte er viel zu sehr seine eigene Bürde. Die Bürde seiner eigenen Vergangenheit, die Bürde, ein Takatori zu sein, ein uneheliches Kind, das den Hass der Familie auf sich gezogen hatte. Ein Kind, das nur allzu gerne vergessen wurde und dessen sich niemand gekümmert hatte, als es die Hilfe so dringend gebraucht hatte. Ein Kind, das zur Rache großgezogen wurde.

Auch wenn es nicht so schien, er war sich wohl bewusst, wie weit Kritiker ihn für ihre Zwecke missbrauchte, ihn in ihre Richtung gelenkt hatte. Omi kannte die Gefahr, die für ihn und sein Leben bestand, wenn er auch nur eine der Missionen nicht zu Persers Zufriedenheit erfüllte. Zu sagen, dass es ihn ängstigte, war wohl falsch, denn er kannte es nicht anders, er wusste nun mal nicht, wie ein normales Leben aussah.

All die alltäglichen Dinge, die Schule, die Arbeit, das hier, all das konnte ihn nicht von seiner eigentlichen Aufgabe ablenken. Er tötete Menschen, eine Tatsache, die ihm manches Mal wirklich Probleme bereitete und ihn sich fragen ließ, ob blindwütiger, kompromissloser Hass wie Aya ihn praktizierte, wirklich das Richtige war. Ob diese Fixierung auf nur ein Ziel die beste Möglichkeit war, bei Sinnen zu bleiben?

Das Nicht-Denken, wie ein normales Leben sein könnte?

Oder sollte er jede Möglichkeit, die sich ihm bot, ergreifen und seine Sorgen in Flüssigkeit ertränken, die nur für ein paar Stunden den Schein schöner Unbekümmertheit vortäuschte? So, wie er es heute Abend tat, seinen Gin Tonic nur halb aufgetrunken und das, obwohl er schon zwei Stunden hier war. Er dachte einfach zuviel, daran lag es vermutlich.

Perser hatte so viele Agenten und nur ihn plagten solche Zweifel, so kam es ihm zuweilen wenigstens vor. Alle schienen ihr Leben akzeptieren zu können, nur er nicht.
Omi seufzte leise und bewegte sich mit einem abwesenden Lächeln zum Barkeeper ans Fenster. Er wusste, wofür sie ihn hielten. Für den Sohn reicher Eltern, der nichts besseres mit seiner Zeit zu tun hatte, als Geld für einen exklusiven Drink in einer noch exklusiveren Bar auszugeben.

Wenn sie wüssten. Wenn sie alle hier wüssten.

Omi ließ sich auf einem der weißen Ledersessel nieder und wandte seinen Blick gen nachtgetauchter Stadt. Was dort unten jetzt wohl vor sich ging? Morde, Akte purer Liebe, Vergewaltigungen, glückliche, normale Menschen Hand in Hand, Raub. All das verbarg sich in der Dunkelheit, unsichtbar für das ungeübte Auge, doch ihm entging nichts. Er war der Jäger der Dunkelheit…

...und badete gerade ausgiebig im Selbstmitleid. Er sollte sich für sich selbst schämen, befand er.

„Nanu, um diese Uhrzeit noch so alleine?“

Omi sah irritiert auf. Wer war das? Er hatte keine Lust auf Gesellschaft, nicht heute. Auch wenn ihn diese womöglich von seinem zähen Selbstmitleid wegbringen konnte. Ein kleiner Flirt, ein nettes Gespräch, die obligatorische Tasse Tee danach. Alles in allem sehr entspannend. Aber nicht heute.
Er sah auf und begegnete den freundlichen, grauen Augen eines älteren, gut gepflegten und anziehenden Mannes. Anscheinend nicht gänzlich japanischer Abstammung, des Akzents und den westlichen Gesichtszügen nach zu schließen. Das Lächeln, welches ihm nun entgegengebracht wurde, beruhigte ihn irgendwie, schien perfekt zum sachten Takt der Musik zu passen. Der olivefarbene Teint der Haut hatte einen exotischen Anklang und weckte unverdiente Sympathie.

„Ja und ich wäre auch froh, wenn das so bleibt.“

Den anderen Mann schien seine brüske Bemerkung zu amüsieren, denn anders konnte Omi sich das warme Lachen nicht erklären. Auch nicht, dass eben diese Person sich nun gegenüber vom ihm niederließ und sich zu ihm hinüberbeugte, während ein feiner, beinahe unmerklicher Hauch Parfums zu ihm hinüber wehte. Eine Mischung aus Moschus und Zedernholz. Sehr betörend, doch nicht das, was Omi sich für diesen Abend wünschte.

„Aber aber, mein schöner, junger Mann, schon so einsamkeitsbedürftig? Das ist in Ihrem Alter aber gar nicht gut“, gab der Unbekannte zurück und ließ nun schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Augenblicke eben das vertrauenserweckende, warme Lachen erklingen, das Omi nun – wenn auch unbewusst – langsam aber sicher in seinen Bann zog. Er war schon oft angesprochen worden, wenn er unterwegs war, nicht hier, in anderen Bars und Clubs, sowohl von Frauen als auch Männern, doch sie waren aufdringlich gewesen und das mochte er nicht. Genauso wenig, wenn ihm jemand schon nach dem ersten Satz zu nahe kam. Und das war hier nicht der Fall. Dieser Mann, wie immer er auch hieß, hielt respektvollen Abstand und wartete höflich auf Antwort. Er siezte ihn. Er versuchte, eine Konversation zu beginnen, die, so wusste Omi, schließlich dazu dienen sollte, ihn ins Bett des Anderen zu ziehen, so zivilisiert sie auch sein mochte.

Doch Omi würde nicht annehmen, nicht heute. Eine Unterhaltung vielleicht. Alles, was darüber hinweg ging nicht.

Er betrachtete den Mann eingehender.
Den charmanten Mittvierziger mit vollen, hellbraunen Haaren, die in leichten Wellen nach hinten fielen, ein Gesicht umrahmten, das durch seine natürliche, aber für die Jahreszeit ungewöhnliche Bräune bestach. Dazu warme, graue Augen, die im Licht der einzelnen Kerzen dunkel funkelten. Er erkannte feingliedrige Hände, gepflegt und ansehnlich in ihrem Erscheinungsbild. Alleine die Kleidung unterstrich die mondäne wenngleich vertrauensspendende Erscheinung. Herbstlicher, braun-roter Tweed mit legerem, senfgelbem Hemd.

Attraktiv, ohne Zweifel. Wer wusste es schon...vielleicht hätte Omi ihn an einem anderen Tag mit Kusshand genommen, sich ein entspannendes Stelldichein mit dem Mann gegönnt, doch heute war er einfach nicht in der Laune dafür, wenngleich widerwillig fasziniert von dessen Ausstrahlung.

„Kenneth. Mein Name ist Kenneth. Freut mich, Sie kennen zu lernen!“, durchbrach die Honigstimme des Älteren erneut seine Gedanken, ließ ihn für einen Moment die Augenbrauen zusammenziehen. Kenneth...? Ein schöner Name. Omi hatte das Gefühl, den Namen schon einmal gehört zu haben in der letzten Zeit, aber er wusste es nicht mehr. Vermutlich hatte eine seiner Affären so geheißen. Nicht, dass er sich ihre Namen merkte, dafür waren sie zu unwichtig und zu vergänglich.

„Ryuichi. Hallo“, erwiderte er knapp, aber dennoch freundlich und ließ seine eigene, kleinere Hand in die des Älteren gleiten, verspürte beinahe augenblicklich die angenehme Wärme, welche ihm über die Haut des Anderen zuteil wurde.
Omi sah, wie sich winzige Fältchen zu Dutzenden um die Mundwinkel und Augen des Anderen wanden, als einziges Altersanzeichen von den Jahren kündeten, die Kenneth schon verlebt haben musste. Sie standen ihm, das stellte der Weiß nun nicht erstaunt und dennoch fasziniert fest. Sie verliehen ihm den Charme des reiferen Alters.

„Was führt dich hierhin, mon petit Ryuichi?“, wechselte dieser, nun da er seinen Namen kannte, scheinbar ungeniert zum Du und winkte einer der Kellnerinnen, die ihn mit einem Lächeln zur Kenntnis nahm und ihm bedeutete, noch einen kleinen Moment zu warten. Für Omi der Augenblick, dem älteren Mann ernst in die Augen zu sehen.

„Ich würde es bevorzugen, die Bezeichnung „klein“ nicht in Verbindung meines Namens zu hören.“ Er lächelte, doch hinter dieser Geste verbarg sich ein eiserner Wille, ernst genommen zu werden. Er war jung, ja, das wusste er selbst. Doch er war nicht klein. Nicht unerfahren. Nicht naiv. Nicht einmal im Ansatz das, was sich der ältere Mann vermutlich unter ihm vorstellte.
„Verzeihung, es lag nicht in meiner Absicht, dich zu beleidigen.“ Eine Stimme wie die Sonne, wie der Herbst, wie das farbenfrohe Herbstlaub, so kam es Omi jedenfalls vor. Weiche, einladende Klänge, die ihm das Vertrauen in den Menschen vor ihm leichter machen sollten. Trügerisch, mutmaßte sein Instinkt.

Die Kellnerin kam und nahm freundlich die Bestellung der Beiden auf. Gin Tonic, dazu jeweils ein Glas Wasser für sie beide.
Omi sah der jungen Japanerin für einen Moment schweigend nach. Elegant gestylt war sie, das musste er ihr lassen. Die schwarzen, beckenlangen Haare zu einem glatten, puristischen Zopf zusammengebunden, eine ärmellose Bluse mit zeitgemäßem, enganliegendem Stehkragen und einen weißen, langen Rock, beides in strengen Formen und Linien geschnitten und maßgeschneidert, wie es die Bar hier verlangte von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

„Darf ich dich dennoch fragen, was ein so junger Mensch hier macht? Noch dazu so melancholisch?“, durchbrach Kenneth lächelnd seine Gedanken und berührte ihn leicht an seiner ausgestreckten Hand, ließ Omis Blick damit zu ihm hochfahren. Stirnrunzelnd sah er wieder hinunter und betrachtete ihrer beider Hände. Wie bleich er doch im Gegensatz zu dem Mann wirkte – Kenneth, so war sein Name.

„Schwer zu sagen, der Beruf, die Ruhe, die Atmosphäre hier. Ich brauche das manchmal, um einfach auszuspannen und mich fallen zu lassen.“ Omi war erstaunt über seine eigene Redseligkeit. Sich einem Mann gegenüber derart gehen zu lassen und offen zu sein, was seine Gefühle betraf, auch wenn er eigentlich gar keinen Grund dazu hatte, war ungewöhnlich für ihn. Außerdem kannte Omi ihn gar nicht, wusste rein gar nichts über ihn und schüttete nun diesem Menschen beinahe sein Herz aus. „Und was führt Sie hierher?“, lenkte er von seinen eigenen Unzulänglichkeiten ab.

„Aber bitte, nicht so förmlich, ein „du“ reicht vollkommen. Es sei denn, ich soll mich noch älter fühlen, als ich es wirklich bin!“, zwinkerte dieser und zog sacht seine Hand weg, als die Kellnerin die gewünschten Getränke brachte und sie mit einem kurzen Lächeln betrachtete. Omi wusste, wofür sie unwillkürlich gehalten werden mussten. Für ein Liebespaar, welches sich vor dem nächtlichen Stelldichein noch einen oder zwei Drinks gönnte. Sowohl Kenneth als auch Omi lächelten kurz zurück, widmeten sich schließlich aber ihrer eigenen Unterhaltung.
„Warum ich hier bin? Aus ähnlichen Gründen. Mein Beruf ist recht anstrengend, wenn ich das so sagen kann. Ich leite eine größere Exportfirma mit Außensitzen in der ganzen Welt und bin daher viel unterwegs. Eine solche Bar ist für mich, so ich denn nach Tokyo komme, wie eine kleine Oase in dem ganzen Chaos um mich herum. Besonders dann, wenn es Schwierigkeiten gegeben hat und meine Geschäftspartner mir in den Rücken gefallen sind. Aber was rede ich da? Das sind ja keine Themen für den Abend. Was ist mit dir? Welcher Beruf kann einen jungen Menschen wie dich dazu treiben, hier Erholung zu suchen?“

Omi musste unwillkürlich schmunzeln. Ja...welcher der beiden Berufe? Der des Mörders oder des Blumenhändlers? „Du wirst lachen, ich arbeite als Florist für eine große Kette. Das internationale Geschäft ist stressig, die Kunden anspruchsvoll“, wählte er schließlich die nicht ganz so wahrheitsbehaftete Alternative. Nein, der Mann durfte wirklich nicht alles wissen. Was er wohl sagen würde, wenn Omi ihm die Wahrheit auftischte?
„In einem Blumenladen?“, lachte sein Gegenüber tatsächlich wohlklingend leise, deutlich überrascht. „Das ist ungewöhnlich! Wie kommt´s?“

„Es hat sich ganz einfach so ergeben. Ich mochte Blumen schon immer“, log der junge Weiß, war sich im gleichen Augenblick jedoch nicht mehr sicher, ob es wirklich eine Lüge war. War es denn nicht wirklich Zufall? Kritiker hätte ihn einfach als Agent arbeiten lassen können, ohne die Nebenbeschäftigung als Florist. „Ich habe meinen Arbeitgeber durch Zufall kennengelernt und wurde eingestellt. Eigentlich eine ganz lustige Geschichte, wenn man darüber nachdenkt.“ Und wenn man es mit beißendem Sarkasmus nimmt, fügte er stumm für sich hinzu.

„Eigentlich?“, griff Kenneth zielsicher den Teil des Satzes auf, den Omi für sich behalten würde, unter allen Umständen. Er hatte es so nonchalant dahingesagt, mit tieferer Bedeutung, aber nicht wirklich im Glauben, dass es seinem Gegenüber auffallen würde, doch das war es.
„Auch uneigentlich.“ Omi nahm für einen Augenblick seine nähere Umgebung in Augenschein, ließ seinen Blick über die Menschen gleiten, die sich, wie sie selbst auch, in gedämpfter Lautstärke unterhielten, auch wenn dies eigentlich nicht nötig war. Die Tische standen weit genug auseinander, als dass man sich von seinen direkten Nachbarn hätte gestört fühlen können. Er ließ seinen Blick schließlich zu Kenneth zurückgleiten, lächelte den Mann entschuldigend an. „Meine Arbeit ist wirklich nichts Besonderes.“
„Warum erzählst du mir dann nicht ein wenig über sie, hm?“

Omi seufzte. Warum eigentlich nicht? Er musste sich ja nicht an die Wahrheit halten, konnte, wenn er wollte, ein kleines, fröhliches Luftschloss um sich, seine Person und ihren Laden sowie seine Teamkollegen bauen, dem anderen Mann die Illusion einer heilen Welt schenken. Sich selbst vielleicht auch, wenn er nun darüber nachdachte.

 

~~**~~

 

Nach Jeis frühmorgendlichem Besuch hatte Crawford kein Auge mehr zugetan. Insbesondere, da die Ruhe, die der Ire ausgestrahlt, mit dessen Verschwinden verflogen war und das Orakel mit stärker werdenden Schmerzen zurückgelassen hatte. Die Schmerzmittel, die Martinez ihm verschrieben hatte, wirkten in der verdoppelten Dosis, die allerdings zur Folge hatte, dass er sich seitdem unruhig und unstet fühlte.

Trotz dessen oder gerade deswegen hatte er die Zeit bis zum Frühstück dazu genutzt, sich zu duschen, in einen seiner verbliebenen Anzüge zu steigen und die Berichte, die seit seinem Verschwinden ausstanden, nachzuholen, bevor er unliebsame Erinnerungen zu den verstrichenen Terminen erhielt und sich dafür rechtfertigen musste.
Die Stille des Hauses war dabei ebenso wohltuend wie enervierend gewesen.

Tief in Gedanken versunken, merkte Crawford auch nicht, dass Nagi wie immer derjenige war, der nach ihm aufstand und sich an den Frühstückstisch begab. Erst dessen schüchternes Räuspern holte ihn aus seinen Gedanken und Berichten heraus und ließ ihn ruckartig von seinem Laptop aufsehen.
Der Junge stand außerhalb des Lichtkegels im Dämmern des Hauses und begegnete Crawfords abweisendem Blick mit seinem eigenen, unsicheren.
Einen Augenblick lang fragte sich Crawford, was dem Telekineten einfiel, ihn in seinem Büro zu stören, bis ihm bewusst wurde, dass er eben jenes zugunsten der Küche gemieden hatte.

„Guten Morgen Crawford“, beendete Nagi schließlich ihr wenig einvernehmliches Schweigen und das Orakel nickte wortlos. Ohne Umschweife widmete er sich der aktuellen Textpassage über die misslungene Mission, die er zu beschönigen versuchte in der Hoffnung, dass die Koordinatoren in Österreich den Köder schlucken und nicht weiter nachfragen würden, weil er bisher zuverlässig gearbeitet und darüber hinaus einen gewissen Ruf innerhalb der Informationszentrale inne hatte.

Er sah auf, als sich wie von Geisterhand die Schränke öffneten und Nagi seine Gabe dazu nutzte, Geschirr und Besteck zum Tisch schweben zu lassen und ihn ohne einen Handschlag zu tun zu decken.
Seit Crawford den Jungen in seine Obhut genommen hatte, hatten sie einen Plan ausgearbeitet, um die telekinetische Kraft zu trainieren und auszuformen, denn wie bei normalen Menschen auch verkümmerten ihre Gaben, wenn sie nicht regelmäßig geschult wurden. Zwei Jahre waren vergangen, bis Nagis Kraft filigran genug war, um diese alltägliche Tätigkeit auszuführen. Unter Crawfords strengen Regeln hatte der Japaner sich von Tag zu Tag verbessert und war mittlerweile sogar in der Lage, verschiedene Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen.

Wie zum Beispiel den Tisch zu decken und gleichzeitig für das Frühstück zu sorgen, dass die Hälfte ihres Teams herunterschlingen und ein Viertel zumindest am heutigen Tag nicht anrühren würde.
Doch Mahlzeiten waren von jeher die Zeiten gewesen, die sie zusammen verbracht hatten. Das war eine der festen und unumstrittenen Regeln ihres Teams. Zudem war es eine, der Nagi ausgesprochen gerne folgte, auch wenn er es nicht offen zeigte.

Was Schuldig nicht davon abgehalten hatte, in den Gedanken des Telekineten zu stöbern und Crawford aufs Brot zu schmieren, dass der Kleine in ihm nicht nur eine Art Vaterersatz sah, sondern, dass er auch geradezu danach gierte, mit eben jenem und seinen „verkorksten Brüdern Schrägstrich Onkeln“ an einem Tisch zu sitzen und zu essen.
Kommentarlos hatte Crawford das zur Kenntnis genommen. Solange das Team funktionierte und es keinen Sand im Getriebe gab, sollte es ihm recht sein und er würde dem Jungen bei seinem Eindruck nicht widersprechen. Nagi kannte nichts Anderes, daher war es nützlich und effektiv. Er selbst würde jedoch den Teufel tun und Schuldig als Familie bezeichnen.

Erst, als der Duft schwarzen Tees zu Crawford herüberwehte und seinen Geruchssinn von seinem Kaffee ablenkte, wagte es Nagi, ihn erneut anzusprechen.
„Wie geht es dir?“, fragte er vorsichtig, so als ob er eine Maßregelung befürchtete und Crawford fragte sich unwillkürlich, was Schuldig ihrem Jüngsten erzählt hatte.
Mit hoch erhobenen Augenbrauen sah er zu Nagi. „Gibt es einen Anlass für diese Frage?“
Die unruhige Angst, die er daraufhin in den grauen Augen zu lesen vermochte, überraschte ihn in ihrer scheinbaren Unendlichkeit. Es schien geradeso, als würde sich nicht nur er nach Normalität sehnen.

~Uuuuah... wie kann der Kleine nur so ein braves Hündchen sein? Fehlt nur noch, dass er mit seinem Schwanz wackelt~, kündigte nun auch Schuldig sein Wachsein an und Crawford gestattete sich ein innerliches Augenrollen. Der einzige, zugegeben große Nachteil an ihren gemeinsamen Mahlzeiten waren einige der Teilnehmer an eben jenen. Also eigentlich nur einer. Insbesondere morgens. Insbesondere ab dem Zeitpunkt, an dem Schuldig auftauchte und ihnen allen das Leben gehörig schwerer machte.

Crawford mochte wetten, dass der allzu neugierige Telepath bereits Nagi und Farfarello darauf angesetzt hatte, herauszufinden, was wirklich geschehen war. Der Blick aus wissbegierigen, blauen Augen hatte ihn bereits seit dem Hotelparkplatz verfolgt und nicht losgelassen, wann immer sie sich begegneten. Nicht, dass er diese Neugier jemals befriedigen würde, denn damit würde er Schuldig eine Waffe an die Hand geben, die dieser ruchlos gegen ihn als Anführer einsetzen würde, ganz so, wie es der immer nach Macht gierende Telepath in ihm verlangte. Was konnte er sich da doch glücklich schätzen, dass Schuldig Fujimiya nicht lesen konnte und darüber hinaus kein Interesse an der Kritikeragentin hatte. So würde sein Geheimnis, wenn er es geschickt anstellte, auch für die Ewigkeit sein Geheimnis bleiben.

Lautes Poltern kündigte eben jenen Plagegeist schon an, als dieser durch das Wohnzimmer in die Küche stolperte und ihnen einen vollumfänglichen Blick auf seinen nackten Oberkörper gewährte. Crawford würdigte das mit einer erhobenen Augenbraue und klappte den Laptop zu, bevor Schuldig einen Einblick in den Missionsreport nehmen konnte.
„Ey Kleiner, wenn du ihn weiter so anhimmelst, ist das schädlich für sein Ego. Er bekommt schon genug Zuspruch. Frag mal Takatori.“

Betont nonchalant erhob Crawford sich und ließ Schuldig nicht erkennen, wie heiß der Hass in ihm brannte, der auf einmal in Bezug auf ihren Auftraggeber hochgeschossen war.
Langsam ging er zur Kaffeemaschine und füllte sich seine Tasse mit dem letzten Rest des Kaffees. Mit einem bösartigen Schmunzeln drehte er sich schließlich wieder zu seinem Team zurück und gab den Blick frei auf die nun leere Kanne, die, wie er und sicherlich auch Schuldig wussten, in nächster Zeit mangels Kaffeepulver erst einmal nicht gefüllt werden könnte. Zumindest nicht, bis er einkaufen gegangen war. Nach dem Frühstück. Nach der Zeit nach dem Frühstück. Nach... ihm fiel sicherlich noch etwas ein um den nach Kaffee süchtigen Telepathen für eine lange Zeit aufs Trockene zu legen.

Es dauerte seine Momente, bis Schuldig begriff, was Crawford getan hatte, doch die schlussendliche Erkenntnis, die sich dann in den geweiteten Augen wiederfand, war dem Orakel mehr Labsal, als es jede mündliche Antwort gewesen wäre.
~Du blöder Wichser!~, grollte es keinen Moment später zornig und Crawford genoss Schuldigs Anblick mehr als es dem allgemeinen Anstand von Schwarz entsprach. Zumindest darin glichen sie einander wie ein Ei dem anderen.

Crawford nahm sich seinen nun wertvollen Kaffee mit an den Tisch und griff sich unter dem mörderischen Blick des Telepathen die Tageszeitung. Beinahe erwartete er, dass sie festgehalten wurde durch unnachgiebige Finger und dass ihm dumme Fragen gestellt wurden, bevor er weiterlesen konnte, doch nichts geschah.
Nichts, weil es sein Team war, bei dem er sich befand. Nicht Lasgo, nicht Fujimiya. Schwarz.

Während er in den besorgniserregenden Nachrichten versank, die einiges an Nachsteuerungsbedarf seinerseits erforderten, gab sich nun auch Jei die Ehre und ließ sich kommentarlos neben ihn auf den Stuhl gleiten. Wie gewohnt war er dabei ein scheinbar leichtes Opfer für Schuldig, dessen Wut sich auf den Iren projizierte. Zumindest solange, bis es diesem zuviel wurde und Jei den bösartigen Wortwechsel, der zwischen den beiden hin und herflog mit einem wohlplatzierten Messer in der Tischplatte zu einem Ende brachte.

Das Orakel seufzte innerlich.

Es hatte sich nichts geändert. Gar nichts. Aber was erwartete er auch? Dass sein Team mit einem Mal erwachsen geworden war, nur weil sich seine Welt für ein paar Tage auf links gedreht hatte und beinahe untergegangen war? Nein. Das konnte er wahrlich nicht erwarten.
In Gedanken griff Crawford nach der Milch. Er, Jei und Schuldig gönnten sich den Luxus des jeweiligen landestypischen Frühstücks, während Nagi sich mit Ausnahme seiner bunten, süßen Cornpops an traditionelle japanische Speisen hielt. Zu Crawfords morgendlichem Rhythmus gehörte somit das Müsli mit zum festen Plan.

Zu spät wurde er sich bewusst, dass er im Autopilotmodus gehandelt hatte und eigentlich überhaupt nicht hungrig war, geschweige denn, dass das Müsli zu seinem vorübergehenden Ernährungsplan passen würde. Doch die Schüssel unangetastet stehen zu lassen, würde noch mehr Aufmerksamkeit erregen und den neuen Anhaltspunkt wollte er Schuldig nicht gönnen. Also zog er sie mit krampfendem Magen und hochschießender Übelkeit zu sich und hoffte, dass es ihm wenigstens jetzt gelingen würde, ohne Probleme zu schlucken.

Unter den wachsamen Augen seines gesamten Teams, wie ihm sein Instinkt einflüsterte.

Scheinbar nonchalant nahm Crawford den ersten Löffel und kaute die milchige Masse. Er schluckte und noch während das Getreide seine Speiseröhre passierte und ihn beinahe würgen ließ, breitete sich ein derart bitterer, widerwärtiger Geschmack auf seiner Zunge aus, der schlimmer nicht hätte sein können.
Betont langsam legte Crawford den Löffel in die Schale und griff zu seinem Kaffee. Bevor... vor diesen sieben Tagen hätte er sich den Mund mit Wasser ausgespült, bis dieser penetrante Geschmack von saurer, verdorbener Milch aus seinem Mund verschwunden war. Davor hätte er gar nicht überrascht werden können, stellte er umso überraschter für sich selbst fest. Seine Voraussicht hätte ihn gewarnt.

Nun hatte sie das nicht getan.

Crawford spülte mit seinem schwarzen Gold nach, bis nichts anderes außer bitterer Kaffeegeschmack seine Sinne erfüllte und seine Zunge verbrannt hatte, während ihm vor plötzlicher Erkenntnis flau im Magen wurde. Seine Gabe ruhte bis auf diesen kleinen, verstümmelten Fetzen während der Besprechung mit Nagi, seitdem er wieder da war. Sie warnte ihn nicht vor Jei. Sie warnte ihn nicht vor Takatori. Sie warnte ihn nicht vor vergorener Milch.

„Na, schmeckt's dir, oh großer Anführer?“, grinste Schuldig in seine Überlegungen hinein und Crawford erwog, dem Telepathen ins Gesicht zu schlagen. Er entschied sich nach wirklich langer Überlegung dagegen.
„Abgelaufene Milch? Ich meine mich daran zu erinnern, dass es deine Aufgabe war, einkaufen zu gehen, Schuldig“, erwiderte er tadelnd und eben jener zuckte unbeeindruckt mit den Schultern.
„Keine Lust, keine Zeit, kein Geld.“
Bis auf das Erste besaß sicherlich keiner der drei Punkte Validität und Crawford wusste das. Schuldig wusste, dass Crawford es wusste und für einen Moment lang starrten sie sich über den Tisch hinweg feindselig an. Kaum war er wieder da, schon versuchte Schuldig seinen Führungsanspruch mit einem fehlenden Einkauf zu untergraben. Nichts Neues also.

Crawford musste unwillkürlich lachen, so lächerlich war es im Angesicht dessen, was in den vergangenen Tagen passiert war. Da musst du schon mehr aufbieten, Mastermind, zum Beispiel mehrere Vergewaltigungen, und selbst die überlebe ich, richtete er in Gedanken an den Telepathen ohne seine Schilde zu senken.

Das Orakel warf einen Blick in die Runde und begegnete Nagis verschreckten Augen. An Schuldigs wütenden Gegenstücken blieb er hängen. „Ein Wunder, dass du überhaupt ohne einen Puppenspieler überleben kannst", erwiderte Crawford mit beißendem Spott und erhob sich unter dem hasserfüllten Zischen seines Telepathen.
„Nagi, fertige mir eine Einkaufsliste an. Nach meinem Einkauf werden wir deine verpasste Vorlesung miteinander durchgehen.“

Wenigstens der Junge hatte einen gesunden Erhaltungstrieb und nickte stumm.

 

~~**~~

 

„Aya, könntest du bitte einkaufen gehen?“

Besagter Mann sah zunächst verwirrt auf, rückte dann jedoch seine Lesebrille zurecht, mit der er die alltäglichen Abrechnungen für ihre Kunden bewältigte. Bevor Omi ihn gerufen hatte, hatte er versucht, anhand von Youjis unleserlicher Handschrift eine Großbestellung von zehn Gestecken auseinander zu pflücken. Hiragana, Katakana, alles kein Problem, aber die Kanji. Die verdammten Kanji!
So sehr er auch fluchte, so sehr lenkte ihn auch diese bodenständige, alltägliche Arbeit ab von den Problemen und Sorgen, die sich vor ihm auftürmten und für die er noch keine Lösung hatte.

Seine Gedanken wichen auch nun aus und kehrten zu Omis Frage zurück. Er hatte wohl gemerkt, dass sie nichts mehr im Haus hatten, wenngleich ihn das nicht wunderte. Während Omi für das Kochen zuständig war, oblag ihm das Einkaufen. Ken und Youji waren nicht dazu zu gebrauchen, also hatte er sich schlussendlich in seine Rolle eingefunden, Nahrungsbeschaffer für sein Team zu sein.
Außerdem hatten sie gerade wenig zu tun, die beste Gelegenheit also, ihre Vorräte vor dem Nachmittagsstress wieder aufzufrischen.
Aya seufzte unterdrückt. Nun gut, dann würde er unlesbare Schriftzeichen gegen einen Einkauf tauschen eben wieder für einen vollen Kühlschrank sorgen. Vorher würde er noch das Grab seiner Eltern aufsuchen. Wo konnte er besser über seine nächsten Schritte nachdenken als dort?

„In Ordnung, ich mache das hier noch schnell fertig und fahr dann los. Irgendwelche Wünsche?“

Omi lachte hell auf und nickte begeistert! „Ja, sehr gerne. Die Midnight Pepsi und drei Packungen Suicaba Gumi, bitte!“

Den rothaarigen Mann schüttelte es alleine bei der Vorstellung an das süße Zeug, doch er konnte Omi schlecht seine Wünsche abschlagen. Nicht, wenn diese hellen, blauen Augen ihn so groß anstarrten. Für einen Moment ließ sich Aya vom Anblick des unbeschwerten Jungen treiben, widmete sich dann jedoch seiner jetzigen Aufgabe. Er würde es nicht zugeben, doch insgeheim war er froh, dem Blumenladen und seinem Team entfliehen zu können. Es gab zuviel, über das er noch nachdenken musste, als dass er dieses Leben je unbeschwert führen konnte. Birman, wie es weitergehen, wie sein jetziges Leben beeinträchtigt werden würde. All diese Ungewissheiten, die ihm noch keine Lösung zeigten, ihn mit einem schier erdrückenden Klammergriff umschlossen hielten.

Omi winkte ihm mit einem strahlenden „Dankeschön!“ und verließ den Raum. Aya seufzte und stieß ihr Bestellbuch energisch von sich. Sollte Youji sich doch selbst darum kümmern, wenn er schon so undeutlich schmierte. Sich überhaupt dazu aufzuraffen und sich darauf zu konzentrieren, war ihm schwer genug gefallen. Die letzten Tage hatten einiges verändert, andere Dinge waren auf einmal wichtiger, als die tägliche Arbeit, als seine Rache an Takatori und Schwarz. Aber wunderte es ihn? So sehr Aya sich auch wünschte, dass alles seinen gewohnten, stoischen Gang ging, wusste er auch, dass er sich von diesem Gedanken verabschieden konnte, nicht mit dem Wissen, das er hatte. Nicht mit der Gewalt, die Birman und Lasgo nun über ihn hatten.

„Genug“, murmelte er zu sich selbst und streckte sich, ließ dabei einige seiner Wirbel knacken, während sein Blick zu einem der großen Spiegel im Laden glitt und an den bläulich schimmernden Würgemalen an seinem Hals hängen blieb. Würgemale, die auf Kosten des Amerikaners gingen. Einen Kampf, den er selbst provoziert hatte. Sein Team hatte sie und die Hämatome in seinem Gesicht als Spuren seines Kampfes angesehen. Wie sie es mittlerweile von ihm gewohnt waren, kümmerte er sich selbst um seine Verwundungen, wenn sie nicht schwer waren und schätzte ihre Sorgen um seine Gesundheit nicht.
Er seufzte leise. Er würde es mit allem anderen, was dort passiert war, in die Vergangenheit verbannen.

Aya zog seine grüne, blumig duftende Schürze über den Kopf, die er normalerweise bei der Arbeit trug und griff in der gleichen Bewegung nach seinem Portemonnaie. Er steckte seinen Kopf aus ihrer Hintertür um zu prüfen, wie kalt es geworden war. Zu kalt, wie er nun feststellte. Anscheinend hatte sich die Temperatur doch um einiges dank der aufziehenden Wolken und dem daher nur gedämpft vorhandenen Sonnenlicht abgekühlt. Besser, er nahm eine Jacke mit.

Mit einem letzten Blick in den Laden verschwand er schließlich und stieg fröstelnd in seinen weißen Porsche, die einzige Dekadenz in seinem Leben, die er sich gönnte und die nicht seiner Schwester oder seinen Sparbüchern zugute kam.
Weiß mit bordeauxroten Ledersitzen, Mahagoniarmaturen und allem technischen Schnickschnack, den ein modernes Auto zu bieten hatte. Alles in allem sehr komfortabel.

Er hütete diesen Schatz wie seinen Augapfel, nicht, dass Blut seine Sitze verunreinigte.

Ganz auf sich und seinen Wagen fixierte, entging Aya nun vollkommen die im Schatten stehende Gestalt, die am Türrahmen des Hintereingangs stand und sich schließlich umdrehte.
„Zufrieden, Birman?“, merkte Omi stirnrunzelnd an, als er die ältere Frau fixierte. „Was ist nun so wichtig, dass wir eine Missionsbesprechung ohne Aya abhalten und ihn sogar wegschicken müssen?“

 

~~**~~

Siebzehn....

...achtzehn...

...neunzehn...

...zwanzig.

Crawford stellte das kleine, unscheinbare Fläschchen neben sich auf den dunklen Beistelltisch und schluckte die bitteren Tropfen schaudernd hinunter. Das war also der Preis, den er für ein schmerzfreies Leben bezahlte, dachte er, während er sich vor Ekel schüttelte. Alleine der Nachgeschmack ließ bittere Galle hochsteigen, die er jedoch erfolgreich niederkämpfte. Bald, ganz bald würden sie vorbei sein, die Schmerzen in seiner Rückseite und seinem Unterleib, was jedoch das latente Fiebergefühl, welches ihn nun schon seit Tagen beherrschte, nicht lindern würde. Sein Körper fühlte sich krank, ungeachtet der Schmerzen, und ließ somit eine dumpfe Schicht an Unwohlsein zurück, die Crawford weder mit Medikamenten noch mit noch so gründlichen Duschen bekämpfen konnte.

Auch wenn er es nach Sonnenaufgang versucht hatte. Er hatte ihren gesamten Heißwasservorrat und die Hälfte seiner Duschlotion bei dem Versuch aufgebraucht, seinen Körper zu reinigen, was im Endeffekt jedoch nichts gebracht hatte. Die unangenehme Wärme und das stechende Unwohlsein in seinem Inneren hatte sich damit nicht gänzlich beseitigen lassen. Was vielleicht auch daran gelegen hatte, dass er seinen Rücken, um den Jei sich kurz zuvor gekümmert hatte, ausgespart hatte.

Crawford hatte es schließlich aufgegeben und sich einer weitaus unangenehmeren Aufgabe gewidmet. Wie Gift hatte er die Salbe, die Martinez ihm verschrieben hatte, angestarrt. Beinahe hätte er die unscheinbare Tube in den Müll geworfen, so sehr ekelte er sich vor dem, wofür sie stand. Doch er hatte den irrationalen Hass auf diesen unscheinbaren Gegenstand heruntergeschluckt und die Salbe unter Schmerzen auf den geschundenen Bereich aufgetragen. Danach hatte er sich schließlich mehrmals die Hände mit heißem Wasser gewaschen, um ja jegliche Spuren von seinen Händen zu tilgen. Wenigstens war das eine Aufgabe, für die er keinen anderen Menschen brauchte, der ihm zu nah kam. Wenigstens das.

Crawfords Gedanken kehrten zurück zu der Besprechung mit ihrem Jüngsten.
Während der ganzen Zeit, die er mit Nagi verbracht hatte, hatte seine Gabe geschwiegen und sich nicht gerührt. Erst, als der junge Telekinet gefragt hatte, ob es Interferenzen mit bekannten Gruppen gegeben hatte, hatte sich bei dem Gedanken an den Weiß, der für zwei Tage zwischen ihm und Lasgo gestanden hatte, minimal etwas geregt, was er ansatzweise als Vision bezeichnen konnte.

Ein Grab, ein Name darauf und Wasser, das den schlichten Stein hinabfloss. Dazu das untrügliche Gefühl der noch kommenden Tageszeit. Das war nicht viel, aber genug, um ihm zu zeigen, was die Vision getriggert haben könnte.
Fujimiya. Mal wieder. Wie bei Lasgo auch. Crawford fluchte stumm. Er wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, um Gewissheit zu erlangen, ob Fujimiya tatsächlich der momentane Auslöser war und er wusste, wo er ihn finden konnte. Soviel hatte ihm seine Gabe wenigstens verraten.
Sein Vorhaben war dennoch gewagt und ohne ergänzende Informationen wenig ratsam. Er selbst würde seinem Team für solch eine waghalsige Aktion den Kopf abreißen. Wenn sie sich in einer Normalsituation befänden. Doch im Gegensatz zu seinem Team musste er auf seine Gabe zurückgreifen können. Sie musste zuverlässig arbeiten und er durfte nicht noch mehr versagen, als er es bereits getan hatte.

Unter Schmerzen erhob Crawford sich von seinem Schreibtischstuhl. Er befand sich schon im Überdosisbereich der Schmerzmedikation, doch er wusste, dass die normale Dosis auf Dauer nicht reichen würde. Jetzt schon nicht. So war die Physiologie eines PSI. Die auf ihn angepassten Medikamente zu nehmen, schloss sich aus, da er über keine gute Begründung verfügte.

Den Teufel würde er tun.

So nahm er das Fläschchen mit sich und griff sich einen der Autoschlüssel ihres Fuhrparks. Der Mercedes war verloren, Lasgo hatte ihn aller Wahrscheinlichkeit nach verschiffen oder verschrotten lassen, als er sich seiner bemächtigt hatte. Kein großer Verlust, war es sowieso eines der vielen Autos, die ihnen zur Verfügung standen. Trotzdem verursachte es Crawford Übelkeit.

Er nahm sich den Jaguar und ließ sich vorsichtig in sein Auto hineingleiten, genoss vom ersten Moment an das Gefühl, eine andere Welt zu betreten. Der angenehme Duft von Leder, das puristische Innendesign, all das ließ ihn sich zuhause fühlen und mit geschlossenen Augen den Wagen starten. Ein machtvolles Gefühl, als der wortwörtliche Funken übersprang, zunächst als sanftes Vibrieren unter ihm spürbar. Doch dann verstummte der Jaguar, wurde ruhig, ließ Crawford nur erahnen, dass er schon fuhr. Alleine die Kieselsteine ihrer Einfahrt unter den Rädern des Wagens ließen durch ihr Knirschen vernehmen, dass sich eben jener in Bewegung gesetzt hatte. Wie sehr sich doch die Sichtweise von einer Sekunde auf die andere ändern konnte, wenn das Leben auf den Kopf gestellt wurde.

Wer hätte gedacht, dass ihm die simple Fahrt in seinem Wagen einmal soviel bedeuten würde.

Er fuhr langsam den Weg hinunter bis ans Tor, öffnete per Fernschaltung das schmiedeeiserne Gitter und bog nach rechts in Richtung Tokyo. Ja, er würde einkaufen fahren, mit einem kleinen Zwischenstopp bei einem der etwas außerhalb gelegeneren Friedhöfe um zu sehen, ob seine Gabe ihm tatsächlich die Wahrheit gezeigt hatte. Und um sich selbst zu widerlegen, denn dass ausgerechnet Fujimiya als Stabilisator seiner Visionen dienen sollte, war mehr als absurd.

Es war vollkommen hanebüchen.

 

~~**~~

 

„Wir wissen nicht, wie lange das nun schon so geht, aber wir vermuten, dass es seit letzter Mission ist. Alle Informationen über Ayas Handlungen weisen deutlich darauf hin, dass er bestochen wurde und damit seinen Auftrag nicht dem Vertrag entsprechend erfüllt hat. Uns liegen belastende und verlässliche Informationen vor, dass er Lasgo hat leben lassen anstelle ihn zu töten und sein Handeln durch die Zerstörung des Areals vertuscht hat. Wir kennen das Ausmaß des möglichen Verrates noch nicht, sind aber dabei, es zu ermitteln. Und das ist noch nicht alles.“

Birman ließ ihre Worte für einen Moment sinken, maß die Gesichter der übrigen drei Weiß mit sorgenvollem Ernst. Sie waren entsetzt über den Verrat ihres Freundes, über dessen unverständlich abrupten Meinungswechsel. Noch glaubten sie ihr nicht, was sie sagte, noch waren sie im Stadium der Verleugnung. Aya war ihr Freund, er war loyal und ein sturer Kämpfer für die gute Seite. Jede Logik sprach gegen ihre Worte, doch genau da lag die Herausforderung. Weiß davon zu überzeugen, dass Aya sie und ihre Sache verraten hatte und gefallen war.

Sie liebte Herausforderungen.

„Abyssinian wurde von einem meiner Männer dabei beobachtet, dass er sich mit Lasgo nach Beendigung seines Auftrages getroffen hat. Was sie besprochen haben, war für den Agenten nicht hörbar, doch sie schienen vertraut miteinander umzugehen. Fast wie…“ Birman machte eine wirkungsvolle Pause und schluckte, als würde ihr ein großer Kloß im Hals sitzen. „…als wären sie Liebende.“

Liebende. Dass sie nicht lachte. Aya verachtete Lasgo für das, was er getan hatte.
Dabei hatte es diese Hure von einem Hellseher mehr als verdient. Alles, was Lasgo und sie selbst ihm angetan hatten, hatte er in anderer Form bereits vorher jemandem Unschuldigen angetan. Eigentlich war das, was geschehen war, noch viel zu wenig für den Amerikaner. Lasgo hätte ihn schon vorher wegbringen sollen, nachdem klar geworden war, dass Fujimiya nicht die Eier in der Hose gehabt hatte, sich an Crawford zu rächen. Doch nein, der Drogenhändler musste ja weiterspielen und sich den Schwarz noch für ein letztes Stelldichein holen.
So befriedigend das Leid und die Verzweiflung des Orakels auch gewesen war, so unnütz war es letzten Endes gewesen. Jetzt war er wieder frei und sie musste die Zügel in der Hand behalten, um Aya für seine Schwäche in Misskredit zu bringen.

Die Mission war einzig und allein für Aya bestimmt gewesen und das aus gutem Grund. Doch anstelle sich an Crawford zu rächen, wie sie es erst angenommen hatte, zeigte der seinem Hass so sklavisch und zuverlässig ergebene Abyssinian unerwartete Gnade und Milde für den Mann, der für eben jenen arbeitete, der seine Familie auf dem Gewissen hatte.
Sie hatte ihm einen Gefallen tun und ihn schließlich von Lasgos und ihrer Absicht überzeugen wollen, doch so ging es nicht. Nicht, wenn Aya sich gegen sie auflehnte. Nicht, wenn er sich ihnen verweigerte. So war sein Wissen über ihre Verbindung zu Lasgo zu gefährlich, als dass sie ihn ohne etwas dagegen zu unternehmen weiterleben lassen konnte. Und was war da besser, als ihn durch seine eigenen Freunde, die einzigen, die er noch hatte, erledigen zu lassen? Ein verdientes Ende für einen schwachen Mann und ein Problem weniger auf ihrem Weg zur absoluten Gerechtigkeit.

„Vielleicht wird er dazu gezwungen“, holte sie der Jüngste, Bombay, zögerlich aus ihren Gedanken und ließ sie nachdenklich aufsehen. Sie kräuselte ihre Stirn, vertuschte somit den wahren Mittelpunkt ihres Interesses. Omi Tsukiyono, Takatoris direkter Verwandter und Persers Sohn, ohne dass er es wirklich wusste. Ein kleiner, dummer Junge ohne eigenes Leben, dazu aufgezogen, zu töten und zu dienen. Wie gut, dass sie ihn seit seinem Eintreffen hier wie eine Ersatzmutter aufgezogen hatte. Er würde ihr niemals abtrünnig werden, genauso wenig wie er niemals aufhören würde, an den Sieg des Guten in der Welt zu glauben.

Lasgo hatte zu dem Jungen Kontakt aufgenommen. Anscheinend war es sehr anregend gewesen, eine willkommene Abwechslung zum eigentlichen Vorhaben des älteren Mannes. Auch wenn er einen anderen Typ Mann bevorzugte - schwarz, großgewachsen, muskulös, hilflos - hatte er die Zeit mit dem jungen Weiß genossen, wie Omi auch. Vergewaltigung war eben nicht immer das Richtige.

Bei Crawford allerdings schon. Etwas Anderes hatte der Schwarz nicht verdient.

Birman lächelte unbewusst, als sie sich eben jenen in Erinnerung rief. Wie er vor ihr lag, hilflos, allem beraubt, seiner Würde, seinem Stolz, seiner freien Entscheidung. Wie er von ach so schwachen Menschen missbraucht wurde. Ihr Teil an den Vergewaltigungen war gering gewesen, doch das würde sich noch ändern. Lasgo und sie selbst waren noch lange nicht fertig mit ihrem Opfer, noch lange nicht...

Sie würden ihr Netz spinnen und langsam aber sicher die Fäden zuziehen. Ein Mosaikstein nach dem anderen würde sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen und schließlich kein Entkommen ermöglichen. Jeder der hier Anwesenden würde seinen Teil zu ihrem Triumph beitragen und sie – wenn auch unbewusst – bei der systematischen Zerstörung von Schwarz unterstützen.

„Birman?“ Ach ja, man erwartete eine Antwort von ihr. Ihre Marionetten wollten von ihr wissen, in welche Richtung sie laufen sollten. Wen sie wann töten sollten wie willige Schoßhunde, die nach lang ersehnten Blut lechzten.

„Die Möglichkeit besteht, ja. Doch es gibt nichts, mit dem er zu erpressen wäre. Seine Schwester ist sicher bei uns, ihre Security sicher wie immer. In Bezug auf Weiß liegen uns auch keine anders lautenden Informationen über Gefährdungen vor. Ausschließlich kann man nichts, doch zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen müssen wir auf alles vorbereitet sein. Doch dafür brauchen wir eure Hilfe als sein Team. Perser und ich möchten, dass ihr ihn beobachtet und auf eventuelle Auffälligkeiten achtet, die sich an seinem Verhalten zeigen. Wir können es uns nicht leisten, einen so fähigen Mann wie Aya zu verlieren, daher wollen wir ganz sicher sein, dass das, was wir vermuten, stimmt oder nicht stimmt. Youji, ich möchte, dass du während eurer Missionen ein Auge auf ihn hast, ganz einfach, weil du am Nächsten mit ihm zusammenarbeitest. Ken, du beschattest ihn, wenn er abends weggeht oder generell das Haus verlässt. Omi, du überprüfst seine Spuren im Internet, welche Nummern er angerufen hat, etc..“ Sie legte eine weitere, bedeutungsschwangere Pause ein. „Ich habe vollstes Vertrauen in euch alle, dass wir gemeinsam Licht in diese Sache bringen.“

Sie mochte die Idee. Aya von Weiß überwachen zu lassen, war ein fantastischer Zug in ihr aller Spiel. Nun bedurfte er nur ein paar gefälschter Dokumente, Telefongespräche, Treffen und Videos und schon hatten sie ihren Vorzeigeverräter. So schnell würde aus dem stolzen Anführer von Weiß ein abtrünniger Agent werden.

Langweilig einfach.

„Warum sollte er Perser denn überhaupt verraten haben? Wieso ausgerechnet Aya?“, warf Ken kopfschüttelnd ein und nippte gedankenverloren an seinem Tee. Birman hielt sich zurück um nicht angeekelt die Nase zum rümpfen. Die tumbe Loyalität des Fußballers widerte sie an, genauso wie die Person, die ihn trank. Wie natürlich jeder aus diesem Team hatte auch er seine persönliche, tragische Vergangenheit, deswegen waren sie rekrutiert worden. Der arme, betrogene Fußballer und sein verräterischer, bester Freund. Was für eine rührende Geschichte.

Birman interessierte sie einen Dreck.

„Ich bin ebenso entsetzt wie du“, log sie und nickte verständnisvoll. „Deswegen ist es wichtig, dass wir Hand in Hand zusammenarbeiten um alles aufzuklären.“ Sie erhob sich langsam. „Doch ich möchte nicht, dass ihr ihm zu erkennen gebt, dass ihr von dem Verdacht wisst, da wir nicht wissen, wie weit sich seine Verbindungen zu Lasgo erstrecken. Ich möchte nicht, dass ihr euer Leben lassen müsst, nur weil er seine neuen Freunde mit hinzugezogen hat, habt ihr mich verstanden?“

Eindringlich musterte Birman einen jeden von ihnen und war auf den Widerstand, der sich in den ernsten und entsetzten Gesichtern regte, bestens vorbereitet. „Ich wiederhole es noch einmal, Weiß. Ich möchte euer aller Leben nicht riskieren. Seid bitte vorsichtig, wir haben es hier eventuell mit einem nicht zu unterschätzenden Gegner zu tun.“
„Verstanden“, erwiderte Kudou mit belegter Stimme und ihm folgten Ken und Omi. Sehr gut.

„Ich muss zurück ins Hauptquartier. Ihr habt meine Nummer und ihr wisst, wo ihr mich findet, wenn ihr Hilfe braucht.“ Birman machte sich keine Illusionen darüber, dass Weiß ihre Worte heiß diskutieren würden, wenn sie weg war. Sie machte sich ebenso keine Illusionen darüber, dass sie zunächst nicht daran glauben würden. Aber sie war guter Hoffnung, dass zum Schluss alles zu ihrer aller Zufriedenheit ausgehen würde.

 

~~**~~

 

Panisch und unregelmäßig brach sich der Atem des Mannes, den Crawford im eisernen Griff hielt, an seiner Hand. Fast war es dem Orakel, als wolle der Japaner versuchen, durch seine Haut zu atmen. Fast war es amüsant, wie verzweifelt er sich gegen Crawfords Griff stemmte und wie nutzlos es trotz Crawfords Zustand war. Der Überraschungsmoment hatte sein Übriges dazu getan, dass der nichts ahnende Kritikeragent ihn nicht hatte kommen sehen und sich nun in der deutlich nachteiligen Lage befand, erwürgt zu werden.

Der Japaner wehrte sich und versuchte, auch reichlich nutzlos, um sich zu schlagen und Crawford abzuschütteln. Vermutlich fragte er sich währenddessen fieberhaft, wer es wohl war, der seinem lächerlichen Leben ein Ende bereitete, während er den Anführer von Weiß auf dessen Weg zum Friedhof ausspioniert hatte. Crawford war nicht geneigt, ihm diese Frage zu beantworten, sondern richtete seine vollständige Aufmerksamkeit darauf, dieses Mal nicht den gleichen Fehler wie bei Fujimiya zu machen und den Agenten leben zu lassen.

Sein Leben hatte er in dem Moment verwirkt, in dem er den Auftrag von der verfluchten Hure Birman angenommen hatte, Fujimiya auszuspionieren um ihr danach zu berichten, mit wem sich der Weiß treffen würde und was er tun würde. Crawford konnte ihn also gar nicht am Leben lassen, selbst, wenn er nicht eine innerliche Freude und Genugtuung daran verspürte, dieses unnötige Leben auszuhauchen. Mehr Freude, als er eigentlich sonst empfand. Töten war notwendig, aber nie derart lustbehaftet gewesen wie bei Jei oder auch Schuldig. Es brachte ihn zum Ziel, mehr nicht.

Doch nun war es ein Schritt mehr zur Rache, die er an Birman nehmen würde für das, was sie getan hatte.

Er würde jeden ihrer Agenten töten und wenn es notwendig war, auseinanderreißen.

Die Gegenwehr des sterbenden Agenten erlahmte mit jeder Minute, die Crawford dazu aufbrachte, ihm mit einem festen Griff um den Kehlkopf zu erwürgen.
Die verzweifelten Laute wurden leiser, verstummten schließlich gänzlich und Crawford hielt ihn noch solange, bis er keinen Herzschlag mehr spüren konnte. Erst dann ließ er ihn angewidert zu Boden fallen und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sie Zukunft, die in Fujimiyas Nähe soviel klarer war als in ihrem Anwesen.

Das war beunruhigend, auch wenn es Crawford sich nicht eingestehen wollte.

Vielmehr war das vertraute Gefühl, das ihn durchfloss, als er sich auf die Gegenwart und die Zukunft richtete, Balsam für seine innere Unruhe. Zum ersten Mal seit Tagen hatte er das Gefühl, Kontrolle über sich zu haben und über das, was ihn ausmachte. Fujimiyas Nähe war hierzu der Schlüssel, wie es schien, auch wenn Nähe relativ war. Der Weiß war bereits auf dem Friedhof, während Crawford sich selbst noch auf dem abgelegenen Parkplatz befand. Er hatte keinen Blickkontakt zu dem Weiß und empfing dennoch zuverlässig seine Visionen, die ihm noch heute Morgen wie auch in den letzten Tagen versagt geblieben waren.

Wortlos warf er das Handy des Agenten auf den Boden und zertrat es. Zeit, dem Weiß einen Besuch abzustatten. Lächelnd zog Crawford seine Waffe und trat auf den menschenleeren Friedhof.

 

~~**~~

Wird fortgesetzt.

Chapter Text

~~**~~

 

Aya tauchte die hölzerne Kelle in den mitgebrachten Wassereimer und goss mit Bedacht Wasser über das Grab seiner Eltern. Der Schwamm folgte der Keller und er wrang ihn mehrfach aus, damit er mit ihm sorgfältig den Stein säubern konnte. Er kam oft hierher, sehr oft auch nachdem er bei Aya gewesen war und fragte seine Ahnen um Rat, was er tun sollte. In Gedanken erzählte er ihnen alles, was er getan hatte, all seine Sünden, die er begangen hatte. So auch heute, auch wenn die Sünden, die er nun zu beichten hatte, um ein Vielfaches größer waren als nur Mord.

Nur Mord.

Aya hielt inne, als ihm die Bedeutung dessen bewusst wurde. Nur Mord. Vor ein paar Jahren wäre er noch nicht derart verroht gewesen, dass er das Töten von Menschen als legitim angesehen hätte. Doch nun war es für ihn eine Arbeit wie jede andere und rangierte mitunter vor seiner Tätigkeit im Blumenladen. Vielleicht hatte Crawford Recht mit seinen Worten gehabt, die er ihm an den Kopf geworfen hatte. Er war selbst zu einem der Monster geworden, die er jagte. Er war bigott geworden und hatte sich soweit von seinen Idealen entfernt, wie er sich nur hatte entfernen können.

Insbesondere nachdem er versucht hatte sich dem Schwarz aufzuzwingen, obwohl er das noch Stunden zuvor für sich ausgeschlossen hatte und auch jetzt nicht wusste, was ihn da geritten hatte. War das sein Abstieg in seine persönliche Hölle? War er tatsächlich nicht besser als Lasgo und war jeder Mord, den er beging, ein Alibi auf seinem Weg zum Monster?

Aya sank auf seine Knie und legte die Hände aneinander. Er suchte um Vergebung für Sünden, für die es eigentlich keine Vergebung geben könnte. Er betete dafür, dass er nicht noch einmal so schwach sein würde und dass er zu sich selbst zurückfinden würde. Er betete, dass er nicht zu einem vergewaltigenden Monster wurde, das den Wert eines ihm ausgelieferten Lebens verneinte und nicht wertschätzte.
Doch so sehr er auch betete, so stetig und penetrant flüsterte ihm eine Stimme ein, dass er niemals in seinem Leben Absolution erhalten würde. Niemals.

Aya presste die Lider aufeinander, als hinter ihm ein Klicken ertönte.

Er kannte diese Art von Klicken, eben jene, wenn ein metallener Bolzen auf ein ebenso metallisches Gehäuse traf. Es war leise nur, aber definitiv unmissverständlich. Hundert- wenn nicht schon tausendmal hatte er es gehört und war mehr als ein dutzend Mal selbst derjenige, welcher dafür verantwortlich war. Es war so falsch wie es richtig war in diesem Moment, wenn er bedachte, wer er war, was er getan hatte und welcher Tod ihn irgendwann einmal ereilen würde.

Anscheinend war der Moment jetzt gekommen. Ironisch, dass es am Grab seiner Eltern passierte. Ironisch, dass es nicht während einer Mission geschah. Logisch, dass es ausgerechnet dann passierte, wenn er damit nicht gerechnet hatte. Wer war es? Kritiker etwa? Birman oder Lasgo? Oder war es Schwarz, Crawford vermutlich?

Aya rechnete sich anhand der akustischen Entfernung des Klickens seine Chancen aus, dem Schussfeld zu entkommen. Sie lagen bei null. Langsam öffnete er die Augen und lauschte seinem bemerkenswert ruhigen Herzschlag. Anscheinend hatte selbst sein Körper akzeptiert, dass es nun vorbei sein würde. Er lauschte still. Anscheinend hatte der- oder diejenige, der nun sein Henker sein würde, Zeit, denn ansonsten hätte sein Blut vermutlich schon den Grabstein seiner Familie beschmutzt.

Aya nahm das als Anlass, sich langsam umzudrehen um seine Neugier zu befriedigen.

Er begegnete hellen, gold-braunen Augen, die ihn kühl musterten. Er begegnete dem Lauf einer Waffe, der ruhig und ohne zu zittern auf ihn gerichtet war. Er begegnete einem Mann, der so angezogen war, wie er ihn in den drei Tagen nicht gesehen hatte, wie er ihn aber die Jahre zuvor kennengelernt hatte. Es wirkte auf Aya so passend wie die Nacktheit des Schwarz auf ihn unpassend gewirkt hatte. Crawford trug einen seiner unzähligen Anzüge und einen dunklen Mantel darüber, ganz der Geschäftsmann, der er war. Die Brille auf seiner Nase machte ihn älter, weniger informell und nur die bleiche Gesichtsfarbe in Verbindung mit den Hämatomen deutete darauf hin, dass dem anderen Mann übel mitgespielt worden war. Aya schnaubte. Übel mitgespielt? Was für ein Euphemismus.

Insgesamt war er froh, Crawford so zu sehen, auch wenn alleine der Gedanke abstrus war. Dieser Mann würde ihn umbringen und er war froh, dass dieser in Anzug und Mantel vor ihm stand und eine Waffe auf ihn richtete. Er schwieg, weil er nicht wusste, was er sagen sollte.
„Was für ein passender Ort für dich um zu sterben“, merkte Crawford an, bevor das Schweigen unbequem werden konnte. Aya schnaubte schicksalsergeben und entspannte seine Muskeln, blieb jedoch auf dem kalten Boden hocken. Seine Knie bohrten sich in den Stein.
„Ich wäre dankbar, wenn du den Winkel so wählen würdest, dass das Grab meiner Familie nicht beschmutzt wird.“
Crawford legte abschätzend den Kopf schief. „Es gibt Friedhofspersonal, das die Reinigung übernimmt.“
Aya hob die Augenbraue und schmunzelte dann kurz. Er hatte genug Geld gespart, um auch seine Beerdigung zahlen zu können. Die Frage wäre nur, ob Kritiker noch für Aya sorgen würde, wenn er nicht mehr da war. Wahrscheinlich nicht und sie würde in einem öffentlichen Krankenhaus mit geringwertigerer Versorgung landen.

Oder aber Schwarz würde sich um sie kümmern, wie Crawford es ihm bereits angedroht hatte.

„Was wirst du mit meiner Schwester machen?“
Ein amüsiertes Zucken huschte über die Lippen des Schwarz. „Warum sollte ich mir Gedanken um ein komatöses Mädchen machen?“
Aya bedachte Crawford mit einem Blick, der besagte, dass er schon einmal sinnvollere Fragen gehört hatte. „Rache?“
„Eine bewusstlose Göre zu sich zu nehmen um sich an einem toten Auftragsmörder zu rächen, schießt dezent über das Ziel hinaus. Zudem rechtfertigt der Aufwand den Nutzen nicht und ich habe sicherlich Besseres zu tun, als mich um eben jene zu kümmern. Da lasse ich sie lieber in einem öffentlichen Krankenhaus vor sich hin verrotten, bis sie schlussendlich an schlechter Versorgung und Desinteresse der Pfleger und Krankenschwestern verstirbt.“

Auch wenn er es nicht zugeben wollte, so war Aya froh darum, dass Crawford sich ihrer nicht, wie angedroht, annehmen würde. Zumindest so froh, wie er unter diesen Umständen sein konnte. Wenn Crawford zu glauben war. Doch irgendwie fand er keinen Ansatzpunkt, dem Schwarz nicht zu glauben. Außer dem Offensichtlichen natürlich, dass es sich bei ihm um den Anführer von Schwarz handelte, einem notorischen Täuscher also, der nichts davon hatte, ehrlich zu ihm zu sein oder seine Versprechen zu halten. Und wer wusste es schon, vielleicht war seine Schwester am Ende sogar besser bei Schwarz aufgehoben als bei Birman, die sie misshandeln oder schlimmer, an Lasgo verkaufen würde. Aya lief es kalt den Rücken hinunter bei dem Gedanken daran.

„Ich nehme an, dein Team hat dich aus dem Hotel geholt?“, richtete er an den Amerikaner und begegnete einem ähnlichen Blick, bevor es wieder Belustigung war, die Einzug hielt.
„Du schindest Zeit“, verließ es überrascht die trockenen Lippen und Aya fragte sich unwillkürlich, ob Crawford immer noch Probleme damit hatte, Wasser zu sich zu nehmen.
„Nicht wirklich, aber es interessiert mich.“
„Warum sollte es?“
Aya zuckte erneut mit den Schultern. Warum sollte es ihn im Angesicht des Todes interessieren, wie es seinem Mörder ging?
Er kannte die Antwort bereits, auch wenn er sie sich nicht wirklich eingestehen wollte. Er hatte etwas wieder gut zu machen und die Frage war ein Teil dessen, unabhängig davon, dass Crawford ihn umbringen würde. Insbesondere, wo er hier im Angesicht seiner Eltern kniete und seine Taten bereute, mit denen er den Namen seiner Familie beschmutzt hatte.

„Ja, haben sie.“
Die Bereitschaft des Orakels, ihm tatsächlich eine Antwort darauf zu geben, überraschte den Weiß und er lächelte. Doch das war von kurzer Dauer, als er ein Hämatom sah, das er Crawford nicht zugefügt hatte. Wer dann? Es war frisch genug, um kürzlich geschlagen worden zu sein.
„Sie waren nicht glücklich, dass sie dich holen mussten?“, deutete er auf eben jenes und der durchdringende Blick verlor sich für einen Moment in stirnrunzelndem Nichtwissen. Doch als Aya ansetzen wollte, seine Frage zu erklären, tat die Gabe seines Gegenübers ihr Übriges und dieser schnaubte.
„Du schindest erneut Zeit.“
„Immer noch nicht.“
„Neugier ist der Katze Tod, dann.“
„Wenn du mich sowieso umbringst, hat das schon etwas von selbsterfüllender Prophezeiung, oder?“
„Beeindruckend, deine Auffassungsgabe.“

Aya vermochte sich durch den Spott des Schwarz nicht angegriffen fühlen, was ihn unweigerlich in ihre gemeinsame Zeit zurückwarf. Crawfords Ruhe, sein vor ein paar Tagen vorsichtiger, nun aber latent arroganter Humor und seine bissigen, aber wahren Kommentare hatten Aya einen anderen Mann offenbart, der nun auch immer noch vor ihm stand. Und der ihm seine Frage nicht beantwortet hatte. Also war es tatsächlich sein Team gewesen, was ihm das Hämatom verpasst hatte.

„Du bist der Dritte“, nahm Aya ein anderes Thema auf, das ihm aber wichtig erschien, bevor Crawford sich besann und ihm ohne Vorwarnung eine Kugel durch den Kopf jagte. Der Amerikaner runzelte die Stirn.
„Womit habe ich das Ranking verdient?“
„Indem du mich bedrohst.“
„Nicht meine Schuld, dass du es mir so einfach machst.“
„Birman und Lasgo sind dir zuvorgekommen. Ich soll für sie arbeiten, wenn ich meine Schwester in Sicherheit wissen möchte.“

Das brachte Crawford tatsächlich zum Lachen. Amüsiert warf er den Kopf zurück und lachte befreit, als hätte Aya einen besonders guten Witz erzählt. Und mehr als die Waffe, die auf ihn gerichtet wurde, mehr als der nahende Tod, schmerzte das Aya. Es war logisch, dass es soweit kommen musste und dennoch sah er keine Möglichkeit, dem zu entkommen. Er war gefangen in einem Spiel, dem seine Schwester nur allzu leicht zum Opfer fallen würde ohne dass er etwas dagegen tun konnte, wenn es sowohl Birman als auch Lasgo darauf anlegten. Wenn es soweit war, hatte er vermutlich keine Wahl, als Birman zu gehorchen und sich selbst zum Verräter zu machen. Es gab keine andere Möglichkeit außer dem Tod und dieser war nun von alleine zu ihm gekommen.

Er knurrte erbost. „Es reicht, Schwarz.“
Amüsiert kehrten die durchdringenden Augen zu ihm zurück. „Was, wenn nicht?“
Nichts würde dann passieren, gestand sich Aya zähneknirschend ein. Nichts würde Crawford davon abhalten, weiterhin über ihn zu spotten, bevor er ihn umbrachte. Wortlos wandte er den Blick ab und richtete ihn zum Himmel, in dem sich die Wolken auftürmten, die dick vor Regen waren, den sie sicherlich bald über sie ausschütten würden. Daher vermutlich der Mantel. Es musste schon praktisch sein, ein Hellseher zu sein.

Aya war sich durchaus bewusst, dass die jetzige Situation ein verquerer Spiegel ihrer ersten Begegnung in seiner Wohnung bei Lasgo war. Nun hatte Crawford die Macht ihn zu töten und seine Chancen auf ein Überleben waren minimal; ganz so, wie es Crawfords Chancen zuerst auch gewesen waren, als dieser gefesselt und nackt vor ihm gekniet hatte. Aber wer wusste es schon? Vielleicht spielte der Amerikaner ja auch mit dem Gedanken, ihn mitzunehmen und ihn langsam zu töten für das, was er getan hatte. Eine durchaus plausible Möglichkeit.

„Was sollst du für sie tun?“, fragte Crawford schließlich und Aya zuckte mit den Schultern.
„Lasgo hat mir angeboten, dass ich nie wieder töten muss, wenn ich für ihn arbeite. Birman hat mir mit meiner Schwester gedroht, wenn ich nicht für sie arbeite.“ Selbstironisch schnaubte Aya. Hass auf den anderen Mann klang durch. Noch mehr Hass auf seine Agentin.
„Da hast du natürlich mit wehenden Fahnen ja gesagt“, soufflierte der Schwarz und Aya bohrte seinen Blick erbittert in die hellen Augen. Gleichzeitig ließ er sich auf seine Fersen zurück und machte es sich den Umständen entsprechend bequem. Seine Beine schmerzten jetzt schon und er mochte sich nicht ausdenken, wie es Crawford gegangen sein musste, als dieser von Lasgo über Stunden in der quälenden Position gehalten wurde.

Da war es wieder, das Gefühl des Mitleids, was er nicht brauchte und was hier vollkommen fehl am Platz war.

„Du hast meine Antwort doch sicherlich schon vorausgesehen“, hielt er dagegen und erntete ein Stirnrunzeln für seine Worte, das so minimal war, dass es ihm beinahe entgangen war. Unmerklich trat Crawford zurück und bedeutete Aya, aufzustehen. Noch während sich Aya vorsichtig und misstrauisch erhob, verbarg der Schwarz die Waffe in seiner Tasche und musterte ihn kühl.

„Wenn du nicht möchtest, dass ein ach so schützenswerter Unschuldiger stirbt, dann wirst du dich jetzt vollkommen normal verhalten, Fujimiya“, richtete Crawford eine eindeutige Warnung an ihn und verwirrt runzelte Aya die Stirn. Er verstand nicht, was der Schwarz von ihm wollte, dennoch wagte er es aber nicht, den Anweisungen nicht zu folgen, auch wenn er sich bereits einen rudimentären Fluchtplan zurechtlegte, der eventuell Aussicht auf Erfolg haben könnte. Die eine Sekunde, die Crawford brauchte um seine Waffe zu ziehen, könnte sein Vorteil sein, wenn er es geschickt anstellte.

Es dauerte keine drei Minuten, dann schlurfte ein gebeugter, alter Mann an ihnen vorbei und verbeugte sich knapp vor ihnen. Aya tat es ihm gleich. Crawford blieb wie angewurzelt stehen und ignorierte ihn. Natürlich hielt sich der Schwarz nicht mit Höflichkeiten normalen Menschen gegenüber auf. Jetzt nicht mehr, wo er wieder Oberwasser hatte und auf niemanden angewiesen war.
Es war gefährlich und bigott, doch auf eine sehr rudimentäre Art und Weise beruhigte Aya genau diese Arroganz. Die Bilder des Amerikaners, wie er in der Dusche saß oder wie er die Hände vor die Augen gepresst hatte, hatten sich in seine Lider gebrannt, ebenso wie das Bild, das er bei Lasgo abgegeben hatte. So konnte er sich nun einreden, dass das, was Lasgo Crawford angetan hatte, diesen nicht im Geringsten beeinträchtigte.

Erst, als der Mann außerhalb ihrer Hörweite war, ließ Crawford ein missbilligendes Zungenschnalzen erklingen.
„Auf einer Skala von eins bis zehn, wie suizidal bist du, Fujimiya?“
Ertappt sah Aya hoch. „Null, aber das weißt du schon.“
„Dann rate ich dir dringend, deinen nutzlosen Fluchtversuch in dem Stadium zu lassen, in dem er sich zu diesem Zeitpunkt befindet. Ansonsten wirst du mit dem Ausgang dessen nicht zufrieden sein.“

Zähneknirschend nahm Aya die Drohung als das, was sie war und entspannte willentlich seine angespannten Muskeln, die genau darauf programmiert gewesen waren. Frustriert seufzte er und ballte die Hände zu Fäusten, als er in Crawfords überhebliches Gesicht sah.
„Was willst du von mir, Orakel?“, grollte er wütend.
„Sehen, ob Kritiker dich schon zerfleischt hat oder ob ich das für deine Stümperorganisation übernehmen muss.“
„Ich darf dich daran erinnern, dass ich deinen wunden Arsch aus Lasgos Fängen befreit habe.“
„Findest du es klug, mir das jetzt unter die Nase zu reiben?“
Der rothaarige Weiß lächelte schmal. „Klug sicherlich nicht, allerdings macht es das nicht unwahrer. Und ohne mich wärst du sicherlich jetzt nicht hier.“

Crawford schwieg daraufhin und sein Blick verlor an Schärfe. Ein Zittern durchlief seinen Körper und der Weiß begriff erst nach einigen Momenten, dass der andere Mann eine Vision hatte. Aya trat einen Schritt nach vorne. Vermutlich war das seine einzige Möglichkeit, dieser Situation hier zu entkommen.
Doch schneller, als er reagieren konnte, hatte sich die Waffe auf ihn gerichtet und die befehlsgewohnten Augen richteten sich mit spöttischem Zorn auf ihn.
„Wie möchtest du, dass ich dich für deine wiederholte Dummheit diszipliniere, Fujimiya?“, fragte Crawford scheinbar kooperativ und nachsichtig und Aya grollte erneut.
„Gar nicht, so wie ich dir auch viele Dinge habe durchgehen lassen, als du noch nicht die Oberhand hattest.“ Es brauchte einen Moment, dann nickte Crawford mit einem äußerst menschlichen Augenrollen.

„Sollte ich, ja. Alleine schon um zu sehen, wie du versuchst, dich gegen deine Agentin zu wehren und deine Schwester vor ihr zu schützen.“
„Dann bringe mich nicht um“, schlug Aya hoffnungsvoll vor und Crawford hob amüsiert die Augenbraue.
„Hegst du Hoffnungen, Fujimiya?“
„Ich bin noch nicht fertig mit Lasgo und Birman.“
„Mutige Worte für einen Einzelkämpfer. Ich nehme an, dass dir bewusst ist, dass Birman deine Abwesenheit gerade dazu nutzt, dein Team gegen dich aufzuwiegeln?“, fragte Crawford mit nicht geringer Genugtuung und Aya zuckte zusammen.
„Wie bitte?“, grollte er dunkel und wurde mit einem amüsierten Schnauben belohnt.
„Dachtest du, sie würde die Gelegenheit außen vor lassen? Du hast dich gegen sie gestellt und bist eine Gefahr für sie. Alleine die Tatsache, dass sie dich noch am Leben gelassen hat, spricht dafür, dass sie wie der Rest von Kritiker nicht weiß, was gut für sie ist.“
Aya ignorierte die allzu spöttischen Worte. „Was wird sie tun?“

Der Schwarz trat einen Schritt neben Aya und warf einen Blick auf das Grab seiner Eltern. Fast war Aya versucht, ihm zu sagen, dass er kein Recht dazu hatte, sie hier, in ihrer letzten Ruhestätte, zu stören und sie zu entweihen, doch wie hatte Crawford es so schön gesagt? Es stand ihm hier, jetzt, in diesem Moment nicht zu, nicht mit einer geladenen und entsicherten Schusswaffe, nicht so unbewaffnet wie er war.
„Ich meine mich zu erinnern, dass unser Deal sein Ende gefunden hat, als du mich in dem Hotelzimmer abgesetzt hast. Jede weitere Unterstützung kostet dich etwas.“
Aya grollte. Natürlich tat sie das und er war sich beinahe sicher, dass er den Preis dazu nicht zahlen wollte. Darüber hinaus durfte er ihn nicht zahlen, denn obwohl er Crawford gerettet hatte, obwohl der Mann mit ihm kooperiert hatte, war der Mann immer noch der Teufel in Person.

Pakte mit dem Teufel würde er nicht eingehen: sei es Lasgo, Birman oder eben der Mann, der vor ihm stand.

„Ich will deine Unterstützung nicht, ich will, dass diese Farce ein Ende hat“, knurrte er erbost und Crawfords Mundwinkel zuckte.
„Fromme Wünsche, Fujimiya. Vielleicht solltest du schon für deine Beerdigung sorgen.“
Aya hielt inne. Vielleicht? „Also bist du wirklich nicht gekommen um mich umzubringen?“
Crawford versagte ihm erneut eine Antwort und ließ ihn schmoren. Doch etwas in ihm sagte Aya bereits, dass er Recht hatte mit seiner Annahme. Dafür war der Schwarz zu ruhig.
„Katzen haben neun Leben, Schwarz, unterschätze mich nicht.“
„Du bist einer gegen viele. Deine Chancen stehen schlecht.“
„Ich brauche keine guten Chancen, mir reicht eine passende Möglichkeit.“
„Nein, das tut es nicht.“

Aya hatte genug von dem wenig konkreten Unsinn, den Crawford von sich gab. Langsam bückte er sich nach dem Eimer und tauchte die Kelle ein. Wütend warf er den Schwamm ins Wasser und richtete sich wieder auf, nur um Crawfords durchdringenden Augen zu begegnen, die ihn bei jeder Bewegung musterten. Betont deutlich wandte er sich ab von seinem Gegenüber.
„Was denkst du, was du da tust, Fujimiya?“
„Ich gehe, Crawford. Ich habe ein Team zu leiten, nicht nur ein Problem zu lösen und meine Schwester zu retten.“
„Alles nicht nötig, wenn du tot bist.“

Aya atmete tief ein und warf einen nach Geduld suchenden Blick in Richtung Himmel. „Das ist der springende Punkt, nicht wahr? Ich werde nicht sterben, zumindest heute nicht. Du wirst mich nicht umbringen, aus welchen Gründen auch immer. Vermutlich belustigt es dich, dass ich mich mit meiner eigenen Organisation herumschlagen darf, weil ich dich am Leben gelassen habe und so nachsichtig war, dich am Leben zu lassen und dich Lasgo zu entreißen. Du wirst dich vermutlich daran ergötzen, dass Birman wie auch Lasgo mich unter Druck setzen, während ich mich weigere, nun auch noch zu deren Kettenhund zu werden. Und diese Belustigung willst du mir unter die Nase reiben, weil es deiner Natur entspricht, dich vom Leid anderer zu nähren. Sei es drum. Wenn es soweit ist, werde ich dich und dein Team ebenso vernichten, wie ich es mit Birman und Lasgo tun werde. Ich habe kein Interesse daran, euer aller Spielball zu sein.“

Crawford musterte ihn und für einen Augenblick lang war sich Aya sicher, dass er falsch gelegen hatte. Da war Mordlust in den Augen des Amerikaners. Da war Hass, den Aya sich nur zu gut erklären konnte. Wut, die er nachvollziehen konnte.
Doch das alles verschwand und verbarg sich unter der Maske der Arroganz, die soviel Menschlichkeit verbarg, dass Aya sich fragte, ob die, derer er ansichtig geworden war, eine Täuschung gewesen war.

„Man darf auf den Ausgang gespannt sein, Abyssinian“, erwiderte Crawford schließlich und sicherte die Waffe, steckte sie zurück in das Holster.
„Einen Tipp zum Abschied?“, fragte Aya lakonisch über sein erleichtert klopfendes Herz hinweg und tatsächlich runzelte sich die glatte Stirn des Schwarz ein paar Sekunden lang. Dann schmunzelte er.
„Nimm die Nordroute zum Einkaufen. Auf der Ostumgehung wird es einen Stau mit Vollsperrung geben. Das wird dich Stunden kosten.“
Aya grollte tief und leidenschaftlich. „Du warst schonmal hilfreicher, Crawford. Was für einen Sinn hatte dieses Gespräch, wenn du mich nicht umbringen willst und mich mit unwichtigem Stuss aufhältst?“
Crawford hatte tatsächlich die Güte, das mit einem Stirnrunzeln zu quittieren. „Keinen. Und nun solltest du dich langsam auf den Weg zu deinem Wagen machen und fahren, bevor ich es mir anders überlege und dich von hinten erschieße. Und nachdem ich mit dir fertig bin, mich dem alten Mann dort hinten zuwende. Also?“

Aya wusste, dass Crawford es ernst meinte. Er sah es in den scharf konturierten Zügen. Es war mehr, als er erwartet hatte und jemals erhofft hatte, so gab er sich für den Moment zufrieden und wandte sich ab. Dann verharrte er jedoch und war noch einmal einen Blick zurück. Pointiert richtete er seinen Blick auf das dunkle und farbenfrohe Hämatom auf dessen Jochbein.
„Schuldig war es, nicht wahr? Er hat dir eine runtergehauen, weil er genug von deinen Provokationen hatte.“
Spöttisches Amüsement begegnete ihm. „Stimmst du etwa mit dem überein, der es mir geschlagen hat?“
Aya nickte bestimmt und das Lächeln wurde dunkler. Genugtuung huschte über Crawfords Gesicht und manifestierte sich als ein kurzes, kaltes Lachen voller Zufriedenheit.

„Es war Takatori. Dafür, dass ich es versäumt habe, Lasgo zu töten. Glückwunsch Fujimiya, ihr seid euch gar nicht mal so unähnlich.“

 

~~**~~

 

Stirnrunzelnd zog Youji an seiner Zigarette, während er in ihrem kleinen, beendenden Hinterhof saß. Der Geschmack und der Rauch, den er in die Umwelt blies, sollten ihn beruhigen, wie er es immer taten, aber ausgerechnet jetzt verweigerte seine Sucht ihm diesen Gefallen.

Es war haarsträubend gewesen, was Birman ihnen über ihren Anführer erzählt hatte. Jedes ihrer Worte hatte Widerwillen in Youji erzeugt, ebenso wie Unglauben und Entsetzen. Er wusste, dass sie keinen Grund hatte sie anzulügen, dennoch war er immer noch davon überzeugt, dass es sich hierbei um einen Irrtum handeln musste. Ein schrecklicher Irrtum, dem Aya zum Opfer fallen würde, wenn sie nicht genau genug prüften.

Dass Birman zu ihnen gekommen war, nachdem Omi ihren Anführer weggeschickt hatte, machte ihm deutlich, wie wichtig es war, dass sie es vor Aya zunächst verborgen hielten, um die Ermittlungsergebnisse nicht zu gefährden. Youji ließ das jedoch unwillig die Stirn runzeln. Aya und er waren immer ehrlich zueinander gewesen. Sie vertrauten einander und mehr als einmal hatte der rothaarige Mann ihm auf Missionen das Leben gerettet oder verhindert, dass ihm der Arsch aufgerissen wurde. Warum also sollte er mit einem Mal mit dem Feind paktieren, noch dazu mit einem Drogen- und Menschenhändler?
Mochte es an der langen Einzelmission liegen? Youji verwarf diesen Gedanken. Einzelaufträge waren keine Seltenheit und was sollte denn geschehen sein, dass Aya sich plötzlich einem solchen Abschaum zuwandte?

Youji würde äußerst sensibel vorgehen müssen, um die Balance zwischen der Loyalität zu seinem Freund und der Wahrheitsfindung zu wahren.

Anscheinend hatte er mit seinen Überlegungen den Mann heraufbeschworen, denn keine drei Minuten später fuhr der weiße Porsche auf den Hinterhof. Stumm sah Youji Aya dabei zu, wie er seinen Wagen parkte und den Kofferraum öffnete um die Einkaufstüten herauszuholen.
Aufmerksam bohrten sich die grünen Augen in Ayas Mimik und Gestik und Youji stellte fest, dass sein Anführer mehr als angespannt war. Selbst von hier aus konnte er die strengen Linien des Kinns sehen, die durch die zusammengepressten Kieferknochen noch mehr hervortraten. Die hochgezogenen Schultern. Die gewittrig gesenkten Mundwinkel.

Irgendetwas war passiert.

„Musst du nicht arbeiten?“, grimmte eben jenes Subjekt seiner Beobachtungen und Youji ließ seine Augen zu den violetten Gegenstücken wandern. Er grinste mit einer Maske aus lässigem Spott.
„Ich habe auf dich gewartet, alter Mann, damit ich dir beim Tragen der Einkäufe helfen kann“, erwiderte er und fing scheinbar sorglos lachend eine der tiefgefrorenen Fischpackungen.
„Ich bin jünger als du, Playboy. Sowohl im Aussehen als auch auf dem Papier.“
Youji streunte näher und warf einen Blick in den vollen Kofferraum von Ayas Heiligtum. „Du verhältst dich aber nicht so, Opa.“ Er wackelte mit den Augenbrauen und nahm sich eine der vollbeladenen Tüten, bevor sich Aya eventuell noch dazu entschließen konnte, diese nach ihm zu werfen. Fröhlich pfeifend trug er sie hinein und kam noch weitere zwei Male hinaus um Aya zu helfen, seinen Kofferraum leer zu räumen und die Einkäufe in ihrer Vorratskammer und ihrem Kühlschrank zu verstauen.

Die merkwürdige Anspannung, die die Muskeln des rothaarigen Mannes fest in ihrem Griff hielt, wich dabei die ganze Zeit über nicht und Youji fragte sich warum.

War es tatsächlich so, wie Birman gesagt hatte und Aya war ein Verräter? Übergelaufen zu einem Mann, der ihm vermutlich falsche Versprechungen gemacht hatte? Kam daher die Anspannung?
Youji wollte es gleich hier herausschreien, doch er beherrschte sich notgedrungen. Weniger anlässlich Birmans Warnung, eher, weil er um den Umstand wusste, dass Aya, sobald er ihn unter Druck setzte, dicht machen und sich gar nicht öffnen würde.

Youji besah sich Aya, während dieser an der Kaffeemaschine hantierte und ihn anscheinend schon ausgeblendet hatte, so wie er jedes Ärgernis ausblendete. Aber nicht mit dem großartigen Detektiv Youji Kudou, dem Ältesten dieser unvernünftigen Truppe. Grinsend ließ er sich auf einen der Stühle fallen und schlug die Beine über.

„Du hast noch gar nichts von der Mission erzählt, Aya. Fünf Wochen weg und dann kommt nichts. Das ist selbst für dich wortkarg…was ist passiert?“, fragte er frei heraus und gab dem Ganzen eine humorvolle Note. So wie er Aya schon hundert Mal nach dem Ausgang einer Mission gefragt hatte. Und wie die hundert Mal zuvor auch schon, leitete eben jener seine Antwort ein, indem er mit den Schultern zuckte. Gepaart mit einem nichtssagenden Brummen widmete er sich erst einmal wieder seiner eigentlichen Aufgabe, bevor er sich schlussendlich mit einer dampfenden Tasse Kaffee zu Youji umdrehte und seinen Teamkollegen dunkel musterte. Gerade so, als wäre er der Feind und nicht Lasgo.

„Der Mann ist ein widerliches Drecksschwein“, spuckte Aya Youji vor die Füße und überrascht hob der blonde Weiß die Augenbrauen. In dieser Deutlichkeit sprach Aya sonst nur von Takatori.
„So schlimm?“
Aya presste eisern den Kiefer aufeinander und zog seine Brauen sturmgeweiht zusammen.
„Schlimmer, als es in den Akten stand?“

Aya nickte abgehackt und alleine diese Geste ließ Youji Birmans Verdacht anzweifeln. Aya war wirklich und ehrlich bestürzt. Er sah den Zorn und den Hass in den Augen seines Teamkollegen, las die Anspannung in den Schultern und die Kraft, mit der die arme Kaffeetasse malträtiert wurde.
„Hat er dir etwas angetan?“, fragte Youji ruhig und legte seine Stirn in sorgenvolle Falten. Die Frage war nur zur Hälfte eine Fangfrage. Youji machte sich ernsthafte Sorgen, dass Lasgo sich Aya bemächtigt hatte. Das Kopfschütteln, das sich ihm nun entgegentrug, beruhigte ihn.

„Mir nicht.“ Ayas darauffolgende Worte jedoch weniger.

Youji wäre bisher kein guter Detektiv oder Freund gewesen, wenn er die Zwischentöne nicht herausgehört hätte. „Jemandem vor Ort?“, fragte er vorsichtig nach und wurde zunächst mit gedankenlastigem Schweigen bedacht. Aya war nicht abgeneigt, ihm eine Antwort zu geben, das erkannte er. Doch wie so oft brauchte der rothaarige Mann ein paar Augenblicke um sich seine Worte zurecht zu legen. In den letzten Jahren war es besser geworden, doch immer, wenn Aya sich mit etwas nicht sicher war, verfiel er in alte Gewohnheiten und so war es Geduld, die er vorrangig brauchte um Aya zum Sprechen zu bringen.
Unwillkürlich fragte sich Youji, was die Unsicherheit dieses Mal auslöste.

Er schwieg und lehnte sich langsam zurück, in eine bequemere Position. Es dauerte ein paar Minuten, dann hatte der rothaarige Mann anscheinend eine Entscheidung getroffen. Langsam senkten sich die angespannten Schultern und für einen kurzen Moment schloss dieser die Augen, nur um sie Sekunden später wieder nachdenklich zu öffnen.

„Er hatte einen Mann bei sich“, begann Aya und lehnte sich gegen den Tresen. Die Kaffeetasse wurde von seinen angespannten Fingern umklammert, die vor Anspannung weiß waren. „Er hat ihn als seinen persönlichen Sexsklaven gehalten.“ Youji bohrte seinen Blick in das abgewandte Profil seines Freundes. Wieder waren es die Zwischentöne und das Ungesagte, das ihm Aufschluss darüber gab, was Aya beschäftigte und ihm bereits jetzt einen eiskalten Schauer über den Rücken trieb.
„Der Mann war nicht freiwillig dort“, stellte Youji in den Raum zwischen sie beide und Aya schüttelte abgehackt den Kopf.
„Lasgo hat ihn dazu gezwungen. Und ihn schließlich mir geschenkt, damit ich meinen Spaß mit ihm haben kann.“

Youji zuckte nicht nur innerlich zusammen, als ihm die Bedeutung dessen bewusst wurde. Die Mission hatte in so einem Fall Priorität, insbesondere, wenn es sich um einen derart großen Fisch wie Lasgo handelte. Perser schätzte es nicht, wenn sie ihre Tarnung auffliegen ließen, dementsprechend streng waren ihre Vorschriften, was das Verhalten auf einer Mission anging.
„Was hast du getan, Aya?“, fragte Youji sanft, weil er glaubte zu ahnen, in welche Richtung ihr Gespräch gehen würde. War Aya wirklich so weit gegangen um seine Tarnung aufrecht zu erhalten? Oder hatte er seine Tarnung fallen lassen und Lasgo erpresste ihn nun und Birman hatte Recht mit dem, was sie ihnen gesagt hatte?

„Ich habe ihn für drei Tage geschenkt bekommen und ihn bei mir untergebracht um ihn davor zu bewahren, weiterhin vergewaltigt zu werden.“
Erleichtert seufzte Youji. Das klang schon einmal gut. Hoffte er. Youji sah Aya dabei zu, wie er gedankenverloren in seine Kaffeetasse starrte und schließlich die Stirn runzelte.
„Du hast ihn geschützt?“
Aya nickte stumm, sagte jedoch weiter nichts dazu.
„Und dann?“
„Habe ich ihn freigelassen.“
„Das ist doch gut.“
Wieder nickte Aya und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Erst dann wagte er einen Blick in Youjis Augen, die ihn aufmerksam maßen und verzweifelt verzog Aya die Lippen.
„Der Mann wurde aus seinem Leben gerissen, Youji. Er war… ein Geschäftsmann, den Lasgo entführt und gebrochen hat. Er hat ihn wie ein Tier gehalten.“ Aya schluckte schwer.
„Du musstest dem Mann gegenüber deine Tarnung aufrecht erhalten?“

Es dauerte eine Weile, bis Aya indifferent mit den Schultern zuckte. „Er war verängstigt und dankbar, denke ich, dass ich mich nicht auch an ihm vergriffen habe. Ich bin schließlich nicht Lasgo, nicht dieser widerliche Abschaum.“

Youji fand immer weniger Anhaltspunkte dafür, dass Aya sie vielleicht verraten haben könnte. Warum sollte er, wenn aus jeder seiner Pore Verachtung tropfte und die Verzweiflung, die Youji in den Worten seines Freundes erkannte, pur und ehrlich war?
Nein, Birman konnte einfach nicht Recht haben, sie musste sich irren.
Trotzdem schwebte noch etwas in der Luft zwischen ihnen, etwas, das Aya auf der Zunge lag und nicht äußerte. Auch jetzt nicht, als Youji geduldig schwieg und darauf wartete, dass Aya weitersprach.

Doch sein Freund tat ihm nicht den Gefallen. Aya trank seine Tasse leer und drehte sich zum Spülbecken um und spülte sie aus, verharrte schließlich in der Position.
„Ich verstehe das nicht, Youji. Wie kann man so etwas einem anderen Menschen antun? Ich konnte sehen, dass dieser Mann vorher stolz gewesen ist und selbstbewusst. Lasgo hat ihn soweit gebracht zu betteln.“ Aya schüttelte den Kopf und stützte sich an der Anrichte ab.

Langsam erhob Youji sich und kam zu Aya. Ebenso bedacht legte er dem anderen Mann seine Hand auf die Schulter. Die Muskeln unter seiner Hand zitterten und ein Blick auf Aya sagte ihm, dass sein Anführer alles andere als ruhig war. Er hatte die Lider fest zusammengepresst, ebenso wie die Lippen, die sich verächtlich verzogen hatten.
„Aya, er ist frei. Du hast ihn befreit“, murmelte Youji und erntete dafür ein verächtliches Schnauben. Aya öffnete seine Augen und wandte sich ihm zu.
„Wie viele wie ihn mag es noch geben? Wie viele Lasgos mag es noch geben?“
„Zu viele, um sie alle zu töten. Aber jeder von denen, den wir erledigen, wird diese Welt nicht mehr belästigen.“

Die Augen, die ihn maßen, entbehrten jedweder Lüge. Aya stimmte ihm aus vollstem Herzen zu, das sah Youji. Nein, Aya hatte sie nicht verraten. Im Gegenteil.

„Ich habe die Mission in den Sand gesetzt, Youji. Ich habe den Mann gerettet und damit die Chance verpasst, Lasgo zu töten. Das Einzige, was mir in dem Moment geblieben ist, ist das Areal in die Luft zu sprengen. Hätte ich mich nicht um den Mann gekümmert, Youji, dann hätte ich die Mission nicht in den Sand gesetzt und Lasgo entkommen lassen. Hätte ich nicht… wäre ich nicht…“ Aya stockte und Youji maß seinen Freund aufmerksam, dessen Verzweiflung nun deutlich aus jeder Pore tropfte. „Ich habe einen gerettet und wie viele andere verdammt? Ich habe versagt, Youji, ich habe versagt…“

Da war es, was Birman ihnen erzählt hatte. Aya hatte die Mission nicht beendet. Aya hatte versagt, wenn er sich des Vokabulars von Kritiker bediente. Und warum? Weil er einen anderen Menschen gerettet hatte. Und nicht, weil er sie verraten hatte.
Youji grollte innerlich. Er würde alles daransetzen und Ayas Unschuld beweisen. Er würde nicht zulassen, dass Kritiker seinen Freund tötete, nur weil er Milde und Güte bewiesen hatte. Um Lasgo würden sie sich auch gemeinsam kümmern können.

 

~~**~~

 

Crawford war nicht danach gewesen, nach Hause zu fahren.

Der dumpf pochende, durch Medikamente betäubte Schmerz war dabei nicht das Problem. Die vorsichtigen oder penetranten Fragen in den Augen seines Teams ebenfalls nicht, das konnte er wegignorieren und in Nagis Fall mit einem Blick beenden. Das Problem war ein anderes und das war ihm heute bewusst geworden.

Sein Problem hieß Fujimiya. Natürlich.

Crawford ließ seinen Wagen schließlich auf einem abgelegenen Parkplatz ausrollen und fuhr sich mit den Händen müde über seine schmerzenden Gesichtszüge. Er wünschte, er hätte eine akute Lösung für eben jenes, doch der heutige Tag hatte ihm genau das nicht bestätigt. Das war nicht gut...das war gar nicht gut. Um ehrlich zu sein jagten ihm diese Neuigkeiten Schauer des Unwohlseins durch seinen Körper, wenn nicht sogar mehr als das. Crawford schloss erbittert die Augen und presste seine Handballen gegen die geschlossenen Lider. Nein, solche Gedanken durfte er nicht haben. Er durfte nicht an dem zweifeln, was ihn ausmachte. Das Geschehene einfach zu vergessen und hinter sich zu lassen, das war das Richtige und das Einzige, was er tun konnte, um die Stabilität wieder zu erlangen, die ihm seit Tagen fehlte.

Wie schön doch die Theorie war, so vollkommen anders als die Praxis.

Seine Gabe war seit Lasgo sich ihm zum ersten Mal aufgezwungen hatte, instabil und gehorchte ihm anscheinend nur, wenn Fujimiya in der Nähe war um sie auszulösen. Crawford hatte eine ungute Ahnung gehabt und sie in dem Moment bestätigt gefunden, als er auf Fujimiya getroffen war, nein, sich nur in seine Nähe begeben hatte und mit einem Mal von Visionen heimgesucht worden war. Flüssig, stringent, in klarer Reihenfolge. Je mehr Zeit er in Fujimiyas Nähe zubrachte, desto stabiler und ruhiger war er geworden nur um sich wieder Hals über Kopf in die altbekannte Unruhe und Blindheit zu stürzen, je weiter er sich von Fujimiya entfernte.

Crawford grollte und öffnete abrupt die Augen. Er musste raus aus diesem Wagen. Dessen geräumige Weite schien ihm plötzlich um ein Vielfaches zu eng, als er hastig den Schlüssel aus der Zündung zog und unelegant aus dem Wagen stolperte. Ja, hier war es besser, hier ließ sich das abrupte Herzklopfen wieder unter Kontrolle bringen. Er hörte sich selbst, wie er gewaltsam nach Luft rang und sich zitternd an sein Auto lehnte. Immer und immer wieder hielt er sich vor Augen, dass er zuhause war und dass dieser Zustand nur temporär war.

Und nur zu logisch.

Fujimiya war der sichere Anker gewesen, den er gebraucht hatte um wieder zu sich zu kommen, nachdem Lasgo ihn beinahe zerstört hatte. Durch das Verhalten des Weiß hatte er die wenigen Stunden, die er mit diesem verbracht hatte, Ruhe und Konzentration gehabt, die er für eine adäquate Aufgabenerfüllung benötigt hatte. Dass er sich in der anfänglichen Zeit danach sich nach eben dieser Ruhe sehnte, war beinahe zu logisch und wenig überraschend. Er sollte es wie alles andere auch einfach nur durch sich hindurchwaschen lassen und entsprechend handeln.

Crawford ließ seinen Blick über sein zweites Zuhause gleiten: seine private, seinem Team nicht bekannte Errungenschaft. Laut Schuldig würde es wohl ein Schrebergarten sein, doch Crawford wusste, das kleine Stück Land, welches er sich zugelegt hatte, verdiente diesen Namen nicht. Sicherlich, es war mit verwinkeltem Garten und sich anschließendem, zweistöckigem Holzbau ähnlich aufgebaut, doch er hatte sich ausschließlich auf den Anbau von Blumen und Pflanzen spezialisiert und nicht auf Gemüse.

Rosensträucher säumten seinen kleinen, kieseligen Weg, den er nun entlang schritt. Sie alle waren dank des Wassermangels nicht mehr in ihrer ursprünglichen Pracht anzutreffen, sondern starrten ihn aus traurigen, bräunlichen Blüten an. Eine Schande, doch unumgänglich, nicht im Ansatz so wild wie der Fujimijasche Garten. Er hatte damit gerechnet, hatte seinen Auftrag mit eingeplant. Was er jedoch nicht vorausgesehen hatte, war die ungewollte Verlängerung seines Aufenthaltes, dessen unfreiwillige Opfer ihm nun mehr als deutlich bewusst waren. Er würde sich die nächsten Tage erst einmal darum kümmern müssen, all das hier wiederherzustellen, um Ordnung in seine private Oase zu bringen. Aber das war gut, würde es ihn von den überflüssigen Gedanken ablenken, die sich so störend auf seine Konzentration auswirkten.

Crawford inspizierte kurz den mächtigen Kirschbaum zu seiner Rechten. Ein spät Tragender, der, im Gegensatz zu anderen Pflanzen, sehr genügsam im Wasserhaushalt war. Er berührte eine der rosanen, perfekten Blüten, die schlussendlich in Kirschen münden würden.
Er musste unwillkürlich schmunzeln, als er daran dachte, wie misstrauisch Schuldig und Nagi ihn beäugen würden, wenn er, wie jedes Jahr, mit Eimern voller Kirschen auftauchen und sie ohne Kommentar waschen und zum Verzehr hinstellen würde. Nagi hatte ihn einmal vorsichtig danach gefragt, mehr als einen nichtssagenden Blick hatte Crawford ihm jedoch nicht zugestanden.

Trotzdem aß sein Team die Kirschen gierig und gerne.

Crawfords Blick wanderte zu der uralten Eiche, die wie ein ewiger, stummer Wächter das Haus bewachte und es vor neugierigen Blicken abschirmte. Ein Meer aus frisch gewachsenen, grünen Blättern bedeckte um diese Jahreszeit den mächtigen Stamm und wiegte sich sanft im noch kühlen Aprilwind. Ein angenehm untermalendes Rauschen drang an seine Ohren und ließ seinen Gedanken für einen Moment zurückschweifen zu jenen drei Tagen.

Auch dort hatte er auf das Rauschen der Bäume gehört und sich davon beruhigen lassen. Zumindest immer dann, wenn Fujimiya nicht da gewesen war oder geschlafen hatte und somit nicht in der Lage war, ihn mit seiner unnützen Anwesenheit zu belästigen. Oder seinen zukünftigen Taten.

Was Crawford jedoch wirklich daran erzürnte, war die Tatsache, dass seine Gabe, jahrelang geschult auf feine Details und Gefahren, ihm in Fujimiyas Nähe ungefiltert alles gezeigt hatte. Von all den kleinen Details ganz zu schweigen, die unwichtiger nicht hätten sein können.

Unwirsch schüttelte er den Kopf und steuerte unter leisem Knirschen der Kieselsteine unter seinen Sohlen auf das Haus zu. Kurz davor blieb er stehen und ließ seinen Blick über die efeubewachsene Fassade gleiten. Grüne Ranken, die das sonst dunkle Holz nun beinahe komplett verbargen. Auch das war Arbeit, die auf ihn zukam. Efeu, ein Parasit unter den Gewächsen, wucherte schnell unkontrolliert, wenn man sich nicht regelmäßig um die Pflege kümmerte. All das, was nun die großen Panoramafenster des Erdgeschosses im Pavillon verbarg, musste weg.

Mit einem ergebenen Seufzen schloss er auf und betrat seine persönliche Ruheinsel. Das Besondere daran war der steinerne Eingangsbereich, sowie eigentlich das gesamte Erdgeschoss. Mit orientalischen Mustern und Skulpturen verziert, mutete es an, wie ein altes, arabisches Badehaus. In sich harmonische Muster aus handgeschnitztem, robustem Holz, farbenfrohe Wände, kalter, kupfern durchzogener Marmor, all das kennzeichnete diesen einzelnen, durchgehenden Raum.

Was hier nicht so deutlich zur Geltung kam, war der achteckige Grundriss des Hauses, der im zweiten Stock dafür umso deutlicher ins Auge stach. Hier jedoch zog das riesige, in den Marmor eingelassene Schwimmbecken die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Es war ebenso klassisch arabisch, wie der gesamte Raum an sich und genau das, was Crawford entworfen hatte. Sein persönliches Paradies, seine Oase zum Entspannen und Ruhen, fernab seines Teams.

Die Stille und Einsamkeit des Raumes jagte Crawford wie so oft einen Schauer des Wohlbehagens über den ganzen Körper. Im Moment entspannte ihn diese stille Friedfertigkeit und ließ ihn den Stress vergessen, der an ihm zerrte. Für einen Augenblick waren weder Schwarz noch Takatori, noch Fujimiya oder Lasgo ein Thema. Alles ließ er gehen und zog seine Ruhe aus seinem kleinen, privaten Rückzugsort.

Crawford ließ den Blick nach oben streifen, zum verglasten Dach, der Kuppel von zwei Metern Durchmesser, die beide Etagen in ein natürliches Licht tauchte. Mit Bedacht stieg er die Treppe hinauf und warf einen Blick auf das einfache, aber geräumige Bett, das ihm schon so manche ruhigen Nächte beschert hatte, in denen zumindest Schuldig davon ausgegangen war, dass er sich mit anderen Menschen vergnügte. Zittrig atmete Crawford ein und wandte sich zum Kamin, der gegenüber dem Bett in der Wand eingelassen war. Der schwache Duft nach verbranntem Holz erinnerte ihn an die letzten Momente in dem Areal, das Fujimiya in die Luft gejagt hatte.

Mit dem Geruch kamen die Erinnerungen, die sich nicht mehr zurückhalten ließen. Er erinnerte sich an den Moment, an dem sein Abstieg begonnen hatte. Alles lag präsent vor ihm: sein Auftrag, Lasgo, seine Ahnungslosigkeit und schließlich die Katastrophe, die er nicht vorhergesehen hatte. Seine persönliche Hölle aus Schmerz, Vergewaltigung und vollkommener Machtlosigkeit. Hilflos, das war er gewesen, als Lasgo ihn überrumpelt hatte.

Er spürte jetzt noch den kalten, schweren Stahl der Handschellen, der sich ungefragt in seine Haut geschnitten hatte, während er sich gegen die massigen Wachleute Lasgos gewehrt hatte, doch bald erkennen musste, dass es sinnlos gewesen war. Ein schrecklicher Moment. Aber einer, den er bis zu dem Zeitpunkt noch zu händeln wusste. Gewalt gegen ihn war nicht das Problem. Schmerz auch nicht. Crawford war in seinem bisherigen Leben selten ängstlich oder gar entsetzt gewesen, doch Lasgo hatte nur zu gut gewusst, wie er derlei Gefühle aus ihm hatte herausholen können. Wie er sie ihm Stück für Stück herausgerissen hatte und sich allem bemächtigte, was Crawford ausmachte.

Ja...er hatte sie erfahren, die absolute Demütigung, die vollkommene Entmenschlichung. Nackt, entblößt, ohne Würde und Selbstbestimmung hatte er vor ihm gelegen und musste das über sich ergehen lassen, was in ihm qualvollen, aber sinnlosen Widerstand hervorrief. Die körperlichen Schmerzen waren schlimm gewesen, ja. Weitaus schlimmer als alles andere zuvor. Doch das, was sein Verstand daraus machte, übertraf die körperlichen Schmerzen, die Lasgo ihm zugefügt hatte, bei weitem. Insbesondere die Momente, in denen der ältere Mann ihm eben keine Schmerzen zugefügt, sondern seine eigene Lust gegen Crawford verwendet hatte.

Und dann war da Abyssinian gewesen.

Crawford musste wider Willen verzweifelt amüsiert lachen. War. Abyssinian war immer noch, das machte es ja zu einem Problem. Crawford hatte ihn leben lassen, bei Lasgo, zurück in Tokyo, auf dem Friedhof am Grab seiner Eltern. Immer aus unterschiedlichen Gründen, aber der Weiß lebte noch und war eine Gefahr für seinen Plan, Rosenkreuz das Ganze zu verheimlichen und so weiter zu machen wie bisher.

Und er war ein Motor, der seine Visionen befeuerte, was in Crawford ungute und unkluge Ideen hervorrief.

Wie einfach wäre es, täglich am Blumenladen vorbei zu fahren, seinen Tagesablauf an den des Weiß anzupassen, bis seine Gabe wieder stabil war. Wie einfach wäre es doch, wenn da nicht die Kritikeragentin wäre. Diese verdammte Hure.

Crawford grollte angewidert und hasserfüllt. Wenn die Zeit gekommen war, würde er sie töten, ganz langsam. Sie dachte, sie hätte über ihn gesiegt? Im Leben nicht. Sie hatte ihr eigenes Leben in dem Moment verspielt, in dem sie Hand an ihn gelegt hatte. Und Crawford war ganz und gar nicht fantasielos, was einen quälenden Tod anging.

Langsam ließ er sich auf seinem Bett nieder und starrte in den sauberen Kamin. In seinem Kopf spielte er für ihn ungewohnt blutige Rachefantasien durch, bevor er sich daran machte, ernsthafte Pläne für Kritiker Weiß, vor allem aber für Birman zu schmieden unter Einbeziehung aller Eventualitäten, die ihm momentan jedoch noch verborgen blieben.
Minutiös plante er die nächsten Schritte, die er gehen musste um Takatori gerecht zu werden und den noch brach liegenden Auftrag zu erfüllen. Lasgo hatte jetzt seine oberste Priorität und dieses Mal war er nicht alleine. Den Fehler würde er kein zweites Mal machen. Und wie passend war es da, dass Birman sicherlich wusste, wo sich der Drogenhändler aufhielt.

Seiner Aussage in dem von ihm zu fertigenden Bericht würde der Rat glauben und ihm die Ausnahmeerlaubnis geben, sich der Agentin zu entledigen. So wie er die Ratsmitglieder kannte, würden sie beileibe nicht die Exekutorin schicken, um ein solch kleines Detail vor Ort zu überprüfen, das augenscheinlich keinerlei Auswirkungen auf ihren Plan haben würde, Japan als einen sicheren und stabilen Partner zu gewinnen.

 

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Wird fortgesetzt.

Chapter Text

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Der Weg ins Krankenhaus war Aya noch nie leicht gefallen. Die Gerüche und Geräusche des Krankenhauses deprimierten ihn, ebenso wie die Stagnation, die ihn im Zimmer 315 erwarten würde.
Am Anfang hatte er noch Hoffnung gehabt, dass sich ihr Zustand bessern würde, jetzt, da sie gute und teure Versorgung genoss und Kritiker ein Auge auf die warf. Doch nach Monaten des Hoffens und Wartens hatte er begriffen, dass die Versorgung überhaupt keine Rolle für den Zustand seiner Schwester spielte, die einfach nicht aufwachen wollte.

Natürlich machte ihn das von Zeit zu Zeit wütend auf sie und beinahe wäre Aya an den widerstreitenden Emotionen zugrunde gegangen. Auf der einen Seite liebte er Aya und würde alles für sie tun. Auf der anderen Seite aber gab es Tage, da ertrug er es nicht, sie so friedlich schlafend in ihrem Bett liegen zu sehen, während er seine Hände ihretwegen mehr und mehr mit Blut beschmutzte.

Es war eine vollkommen ungerechtfertigte Wut, dessen war er sich wohl bewusst, doch das hielt seine Emotionen nicht davon ab, von Zeit zu Zeit hochzukochen.
Nun war einer dieser Tage, an dem er ungerechtfertigt wütend war auf sie, die Umstände, seine Erpressbarkeit, aber auch auf Kritiker und vor allen Dingen auf Birman. Auch wenn der Zorn auf die in keinem Fall und zu keiner Zeit ungerechtfertigt war.

Die Wachen an der Tür zu seiner Schwester waren neu und maßen ihn ruhigen Blickes, als er vor ihnen stehen blieb.
„Wer sind Sie?“, fragte Aya mit einem Grollen und in dem Bewusstsein, dass er sich die Frage auch hätte sparen können. Nur eine Person würde es wagen, ihn so derart dreist zu bedrohen.
„Keine Sorge, Birman schickt uns um auf Ihre Schwester aufzupassen“, erwiderte der kleinere von beiden, ein schmächtiger Mann, dessen Kampferfahrung alleine durch seine Haltung zur Geltung kam. Entspannt ruhten die Hände an seiner Seite, bereit, einzugreifen, wenn es nötig sein sollte.

Aya verzog angewidert das Gesicht und ging zwischen den beiden hindurch in das Zimmer seiner Schwester, das wie jede Woche aufgeräumt, hell, sauber und steril vor ihm lag. Nichts hatte sich geändert, bis auf die Farbe der Blumen nichts. Diese Woche waren sie gelb und violett, nicht rot und rosa wie die Woche davor.
Quietschend zog sich Aya einen der Stühle zu ihrem Bett und nahm ihre weiche, nachgiebige Hand in die seine. Er verwob ihre Finger miteinander und presste ihre Hände an seine Wange. Unter ihrer Haut fühlte er ihren Puls, der stetig schlug und von ihrem Leben zeugte, wo es doch ihre sonstigen Regungen schon nicht taten.

Eingedenk der Männer vor der Tür sparte er sich das belauschbare Gespräch und richtete all das, was er ihr zu sagen hatte, in Gedanken an sie und bat murmelnd um Verzeihung, dass sie seine Stimme nicht hören würde, solange diese Männer aufpassten, was er tat.
Vielleicht erzählte er ihr genau deswegen alles, was er erlebt und was er getan hatte. Er erzählte ihr, was Crawford über sie gesagt hatte und dass sie diejenige war, die Crawford – ausgerechnet den Schwarz – vor einem Unglück bewahrt hatte, als Aya sich ihm beinahe aufgezwungen hätte.

Er bat sie um Rat und war doch nicht erstaunt, dass er keine Antwort von dem stillen, schlafenden Mädchen mit den langen, schwarzen Zöpfen erhielt.
So war er in den vergangenen Jahren immer gewesen und so würde es noch solange sein, bis sie zu ihm zurückkehrte.

„Ich liebe dich, Aya“, murmelte er leise. „Egal, wie lange du noch schläfst, ich liebe dich.“

Und wenn das auch bedeutete, dass er sich von Birman und Lasgo ebenso an die Kette legen ließ wie von Kritiker und das Würgehalsband, welches an der Kette hing, enger und enger wurde. Auch wenn das bedeutete, dass sein Leben aller Wahrscheinlichkeit nach eher enden würde als ihres und dass er für die Zeit nach seinem Tod vorsorgen musste.

Er liebte sie, denn sie war die Familie, die er noch hatte, nachdem sein Leben in sämtliche Einzelteile zersprungen war und er die Scherben dessen, was er einmal gehabt hatte, nicht mehr kitten konnte.

Sie war sein Rettungsanker, damit er nicht verrückt wurde und damit er weitermachte.

 

~~**~~

 

Das Erste und Einzige, was er spürte, als er aufwachte, war vollkommene und abrupte Panik, die sich in jede einzelne Zelle seines Körpers und Denkens fraß. Verzweiflung ließ ihn nach Luft schnappen, während Tränen in seinen Augen brannten, sie er nicht zu weinen vermochte. Vor Angst fuhr er hektisch aus dem Bett, weg von der Schlafstätte, weg von diesem widerlichen Ort. Er durfte hier nicht bleiben! Das war fremdes Territorium, nicht sein Zuhause, nicht das, was Sicherheit versprach! Er musste weg, er konnte hier nicht bleiben, er musste weg, bevor er wiederkam! Sonst würde...sonst würde...
Er keuchte, atmete schwer, fuhr sich mit der rechten Hand in einem verzweifelten Versuch, sich von den Händen auf seiner Haut zu lösen, über seinen Oberkörper. Was...?! Das Gefühl der Hilflosigkeit verließ ihn nicht, im Gegenteil, es steigerte sich mehr und mehr, gleich wie dem Schmerz, einem tiefgreifenden, seelischen Schmerz.
Schluss...aufhören...

Er...

Schützende Gedankenwälle, die ihn nun umgaben. Mauern aus unsichtbarem Material.

...konnte nicht...

Die dafür sorgten, dass alles, sowohl Leid als auch Schmerz nichtig wurden.

...mehr länger...

Stille. Mentale, beruhigende Stille. Keine Gedanken konnten seine Fähigkeiten mehr auf sich ziehen.

Schuldig atmete tief durch, beruhigte sein klopfendes Herz. Was zur Hölle war das gerade gewesen? Wer schaffte es, so einfach in seinen Geist zu gelangen und ihm dann SOLCHE Erinnerungen hinein zu projizieren? Noch dazu hier, in ihrem abgelegenen Anwesen.
Er streckte seine geistigen Fühler weiträumig nach den Spuren dieses Sturmes aus und stellte fest, dass eine Person ganz in seiner Nähe eben diese Wellen ausgesandt hatte, sich anscheinend völlig unbewusst dessen.

Wer auch immer es war, erlebte gerade keinen schönen Traum, das konnte Schuldig mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Also wer? Es konnte nur jemand aus ihrem Haushalt sein, so stark wie die Wellen ihn eingenommen und beeinflusst hatten. Farfarello? Die Träume des Iren waren meist geprägt durch Visionen, die ihn erschreckten und in die er sich nie mehr wieder tiefer hineinbegeben würde. Einmal hatte er es gewagt, ja. Und hatte es bitter bereut. Seitdem wagte er sich noch nicht einmal in die Nähe dieser geistigen Aura. Auch oder gerade nicht in seinen Träumen. Farfarello konnte es auch deswegen nicht sein, weil diese Art Verzweiflung untypisch für ihn war. Nagi vielleicht? Der Junge hatte von Zeit zu Zeit brachiale Alpträume, die durchaus in Schuldigs Gabe bluteten und ihn zu Unzeiten aufweckten.

Schuldig streckte seine Gabe in Richtung des jungen Telekineten aus. Da war nichts, außer einem äußerst feuchten Traum, der sich um ein Wesen drehte, das äußerst unanständige Dinge mit dem Kleinen tat. Ein männliches Wesen, wie Schuldig nun grinsend feststellte. Leider war er nicht klar definiert geschweige denn konturiert. Es war einfach nur ein gesichtsloser Körper, der Nagi seine Nächte versüßte. Auch wenn es nicht Schuldigs liebste Unterhaltung war, so war es amüsant genug. Beim Frühstück würde es noch viel amüsanter werden, ihren Jüngsten damit aufzuziehen.

Schuldig wagte einen Abstecher in die Traumwelt des Iren und fand diesen wach vor. Nicht, dass es dessen Gedankengänge besser oder klarer machte. Angewidert zog sich Schuldig zurück und schauderte.
Doch wer blieb dann übrig? Natürlich. Aber von all den Personen, die er in Verdacht hatte, unbewusst die Verbindung zu ihm geöffnet zu haben, war es nun der Letzte, von der er es vermutet hatte. Schuldig runzelte die Stirn, als er Crawford erreichte, oder zumindest das, was von dem Orakel in seinen Traum momentan noch übrig war. Er hatte es nicht für möglich gehalten, aber irgendwie hatte der sonst so reservierte Amerikaner seine Schilde gesenkt, sich mit seinem Geist verbunden und ihm während er schlief, den eigenen Traum, die eigenen Gefühle aufgezwungen.

Schuldig stöhnte genervt auf und rieb sich mit beiden Händen durch sein Gesicht, um nun auch den Rest des Schlafes zu vertreiben. Diese Situation, die zum ersten Mal so geschah, reihte sich nahtlos ein in all die Kleinigkeiten, die ihm seit der verdammten, vergangenen Mission an Crawford aufgefallen waren und die ein schiefes Bild ergaben, eben weil sie nicht zu Crawfords sonstigem Wesen passten.

Langsam beunruhigte Schuldig die Aneinanderreihung dieser Kleinigkeiten.

Er wusste nicht, ob es klug war, dem anderen Mann gerade jetzt einen Besuch abzustatten, nicht nach so einem Alptraum. Doch als er sich erneut an den Geist seines Anführers herantastete, wusste er, dass er mit seiner Vermutung falsch gelegen hatte. Der Alptraum war noch nicht vorbei. Es hatte gerade erst angefangen und Crawford, gefangen zwischen Panik und Verzweiflung, war in keiner Verfassung, klare Gedanken zu fassen, die ihn genau daraus befreiten.

Schuldig fluchte. Crawford war seine Privatsphäre über alle Maßen wichtig. Er schätzte es nicht, wenn sein Team seine Räumlichkeiten betrat, schon gar nicht nachts, schon gar nicht ohne seine Erlaubnis und am besten nach dreifach schriftlich eingereichter Antragstellung. Er hatte Schuldig schon mehr als einmal rausgeschmissen, bis der Telepath den Willen des Orakels schlussendlich widerwillig respektiert hatte, weil der Nutzen den Ärger nicht wert war.

Jetzt in diesem Moment? Drauf geschissen.

Ohne zu fragen, um Erlaubnis zu bitten oder den Antrag einzureichen, betrat Schuldig eben jenes Heiligtum. Weg mit allem Starrsinn, mit dem ihr Anführer seine Räumlichkeiten und sein persönliches Leben verteidigte, er schien nun alles andere in Kontrolle dessen zu sein.
Und wie er Recht behielt mit dem, was ihm noch vor ein paar Augenblicken durch den Kopf geschossen war.
Er sah Crawford, beschienen alleine durch das Mondlicht und eine kleine, unscheinbare Nachttischlampe, die ihr warmes Licht im Raum verteilte. Der sonst so disziplinierte Mann lag schweißgebadet und augenscheinlich gänzlich in seinem Alptraum gefangen auf seinem Bett. Er warf sich unruhig hin und her, zerwühlte damit Decken und Bettlaken um sich herum, während sein Gesicht zu einer Grimasse des Schmerzes verzerrt war. Doch das war es nicht, was Schuldig nun bewegungslos an Ort und Stelle hielt. Es waren vielmehr die Geräusche, nicht menschlich, panisch, verzweifelt, angsterfüllt, die ihn die Stirn runzeln ließen. Es waren die Arme, welche nun unsichtbare Angreifer abwehrten, versagten, zu einem erneuten Versuch ansetzten.

„Crawford?“
Bevor Schuldig sich selbst aufhalten konnte, hatte der Name seines Anführers zögerlich seine Lippen verlassen, besorgter als er es sich eingestehen wollte. Bevor er auch nur überlegt handeln konnte, war er bei ihrem Orakel und hatte ihm vorsichtig die Hand auf eine der zitternden Schultern gelegt.

Das Chaos, was daraufhin ausbrach, hatte nicht auf Schuldigs Rechnung gestanden und erwischte den Telepathen vollkommen kalt. Crawford ließ sich nicht durch die Berührung beruhigen und kam auch nicht zu sich. Im Gegenteil. Seine Muskeln zogen sich unkontrolliert zusammen und waren doch beängstigend zielsicher, als er nach seinem Alptraumwidersacher langte, jedoch mit aller Kraft Schuldig traf.

Die Wucht dessen warf den Telepathen ungebremst nach hinten, ließ ihn vor Schmerz aufjaulen und sich zusammenkrümmen. Crawford hatte sein Gesicht getroffen, besser gesagt seine Nase, die, so hoffte Schuldig, nicht gebrochen war, allerdings war diese Hoffnung eher von kurzer Dauer.

Dieser verfluchte Scheißhellseher!

Allerdings war es nicht seine schmerzende Nase, die ihm in diesem Moment die meisten Sorgen bereitete. Die abrupte Steigerung der Panik in Crawfords unzusammenhängenden Gedanken war es. Bilderfetzen, vollkommen undeutlich, Eindrücke eines Schmerzes, der jenseits von Schuldigs Erfahrungsbereich lag, Wut, Hoffnungslosigkeit, Unglauben, alles verschwommen und nicht klar umrissen, eine Masse an chaotischen Emotionen. Das nahm er in sich auf und konnte es doch nicht verwerten, konnte daraus kein klares Bild entwerfen. Alles, was es ihm sagte war, dass er Crawford aus seinem Alptraum lösen musste und das schnell. Dem schnell ansteigenden Puls des Orakels nach zu schließen, war der Mann kurz davor, zu kollabieren und das gründlich wie alles, was ihr Anführer tat.

Schuldig rappelte sich auf und versuchte es erneut, doch auch dieses Mal hatte er keinen Erfolg damit. Im Gegenteil. Nun war es weitaus schlimmer. Sich seines Gegenübers nicht bewusst, begnügte sich Crawford nicht mehr damit, einfach nur nach ihm zu schlagen, sondern setzte blind, aber unzweifelhaft mit dem Instinkt eines Killers Schuldig nach und legte seine Hände in einem eisernen Griff um den Hals des Deutschen.
Schuldig keuchte erschrocken auf, als er vollkommen abrupt und unvorhersehbar überrumpelt wurde und ihm eiserne Hände die Luftzufuhr abschnürten, während sie ihn auf den Boden pressten. Dabei war Crawford noch nicht einmal wach! Seine Augen waren geschlossen und nur seine Gesichtszüge verrieten, was er im Moment fühlte.

Hass. Angstvollen Hass.

Schuldig fluchte mental. Gottverdammte Scheiße, er konnte sich nicht befreien! Crawford war zu stark für ihn und an geistige Kontrolle brauchte er erst gar keinen Gedanken zu verschwenden. In all diesem Chaos würde sich kein einziger Strang finden, den er manipulieren konnte. Also griff er zu dem einzigen Mittel, was ihm in dieser Situation noch möglich schien. ~NAOE! Wach auf, ich brauche deine Hilfe! SOFORT!~
Es brauchte qualvoll lange Momente, bis ihr Jüngster auf seinen Hilferuf reagierte. ~Was ist los, Schuldig? Kannst du nicht jemand anderen belästigen?~ ertönte die schläfrige Stimme des Jungen und war bereits wieder dabei, in die süßen Tiefes des Schlafes zu versinken, als Schuldig ihn auf wachere Ebenen zog und recht unsanft dazu brachte, seine Aufmerksamkeit wieder auf ihn selbst zu richten.

~Fick dich, Kleiner. Ich brauche deine Hilfe und zwar sofort, also beweg deinen faulen Arsch aus dem Bett und hilf…~ Weiter kam er nicht, da seine eigenen Luftreserven einen bedrohlich niedrigen Punkt erreichten. Bunte Sterne tanzten vor seinen Augen und ließen sein ohnehin eingeschränktes Sichtfeld noch weiter schrumpfen. Er stand kurz davor, sein Bewusstsein zu verlieren, wenn ihr Telekinet nicht eingriff.
~Crawfords Zimmer, Nagi...~, brachte Schuldig mit letzter Kraft hervor, bevor sich seine Augen schlossen und er nur noch Crawfords verzweifeltes, schlafwandelndes Gesicht sah, wie es ihn mit allen Mitteln beseitigen wollte, bevor er dunkel wurde.

Doch dann lösten sich abrupt die allzu warmen, klammen Finger um seinen Hals, wurden zurückzogen, gleich nachdem Schuldig wie aus weiter Ferne vernahm, dass es wohl Nagi war, der nun seinem Befehl Folge geleistet hatte und ihn aus weit aufgerissenen Augen anstarrte. Bodenlos erleichtert sackte Schuldig in sich zusammen und rutschte an der Wand hinunter auf den Boden. Hustend und röchelnd saugte er die lebensnotwendige Luft in sich hinein und brachte seine widerspenstigen Lungen dazu, ihren Dienst wieder aufzunehmen. Gottverdammte Scheiße, sein Hals schmerzte!

„Was ist hier los?“, fragte Nagi sichtlich irritiert, seine grauen Augen ungläubig zusammengezogen. Glaubte Schuldig zumindest von seiner Position auf dem harten Holzboden, dem er röchelnd beinahe seinen Mageninhalt entgegenspuckte, während er erneut hustete. Wütend grollte er ihrem Jüngsten ins Gesicht und deutete auf ihren Anführer, der in dem ganzen Terz ebenfalls zu Boden gegangen war. „Halt ihn unten, Naoe!“

Alleine dieser Satz schien in Crawford etwas auszulösen, was Schuldig nie für möglich gehalten hatte. Zorn, so unkontrolliert und gefährlich, dass der Telepath mit einem Male all seine geistigen Barrieren hochfahren musste, nur um nicht von dieser alles überwältigen Emotion bei lebendigem Leib gefressen zu werden. Ein stranguliertes Stöhnen entrang sich der Kehle des älteren Mannes, als er sich vergeblich gegen die unsichtbare Kraft wehrte, die ihn gehorsam am Boden hielt, damit er sich nicht weiter verletzten konnte. Crawford wehrte sich so sehr, dass kleine, bläulich schimmernde Adern an seiner Stirn hervortraten. Doch das war es nicht, was Schuldig und auch Nagi erstarren ließen. Das Oberteil seines Oberteils war verrutscht. Im Schein der Nachttischlampe waren vereinzelte Striemen, mehr jedoch die sich stark von der Haut des Orakels abhebenden Pflaster deutlich zu sehen. Die Handgelenke, die nun frei waren, waren umrandet von roten Ringen, unter denen dunkle Hämatome lagen.

„Schuldig, was ist hier los? Was SOLL das? Was ist mit ihm?“, brachte Nagi nun brachial verunsichert hervor, mit der Situation klar überfordert. Da war er nicht der Einzige. Niemand hier hatte gerade den Durchblick und das konnte zu nichts Gutem führen. Insbesondere dann nicht, wenn ihr Anführer aufwachte und mitbekam, was sie hier mit ihm anstellten.
~Verdammte Scheiße, ich weiß es nicht~, sandte Schuldig direkt an den jungen Telekineten, zu schwach noch um seiner Wut und seiner eigenen Verwirrung Stimme zu geben. ~Ich bin mit seinen Gefühlen in mir aufgewacht, die aus den Tiefen seines kranken Scheißhirns kamen! Als ich versucht habe, ihn aufzuwecken, ist DAS hier passiert! Und was das da auf seinem Körper zu suchen hat, weiß ich auch nicht! So eine gottverdammte, verfluchte, verfickte Scheiße! ~

Nagi ließ die Tirade des Deutschen in seinen Gedanken zusammenzuckend über sich ergehen und sah stumm zu, wie dieser sich mit Mühe hochkämpfte und unter wortgewandten Flüchen wacklig auf seinen Beinen zu stehen kam. Er wankte hinüber zu Crawford, der auf dem Boden gedrückt immer noch das vollkommene Gegenteil zu ihrem sonstigen, stoischen und kontrollierten Anführer darstellte. Er zitterte und wehrte sich erbittert, beinahe wie ein Tier, gegen die ihn fesselnden, telekinetischen Stränge.

Schuldig ließ sich neben ihm auf die Knie fallen, während das Blut aus seiner Nase auf das Shirt des Mannes tropfte. Nochmals tastete er vorsichtig nach den Gedanken des Orakels und sandte seine Gegenwart wie einen Anker, einen rettenden Leuchtturm im tosenden Sturm, aus. Ein Licht in vollkommener Dunkelheit und Verwirrung, in abgrundtiefer Schwärze durchzogen mit dem gleißenden Rot des Schmerzes.

~Brad!~, sandte er bewusst den Vornamen des älteren Mannes in eben dieses Chaos, ließ ihn durch den gesamten Geist streichen. Auf eine Antwort wartete er jedoch vergeblich. Nicht einmal ein Aufbäumen, nichts. Nur Panik über seinen eigenen Satz, über die Worte, die für Schuldig so lebensrettend gewesen waren, Crawford allerdings in ein Stadium des Schocks versetzt hatten, der ihn noch tiefer in den Alptraum getrieben hatte.

So eine gottverdammte, verfluchte, ver-

Schuldig wusste mit einem Male, dass ihn ein Eindringen in Crawfords Gedankenwelt nichts bringen würde, nicht mit diesen Voraussetzungen. Also würde er es auf die gute, alte Art versuchen.
„Wach auf, verdammt!“, schrie er der unruhigen, bewusstlosen Gestalt entgegen und ohrfeigte ihn. Einmal. Es war etwas, das er bisher nur ein einziges Mal gewagt und bitter bereut hatte. Crawford war kein Mensch, der einen Angriff auf seine eigene Person tolerierte, auch von seinen Teamkollegen nicht. Genauso wenig wie er es damals geschätzt hatte, dass Schuldig anstelle nachzugeben versucht hatte, seinen Vorgesetzten zu übertrumpfen, und das mit Gewalt. Das war in ihrer Anfangszeit gewesen, in der sie ihre Grenzen noch nicht eisern abgesteckt hatten.

Und nun forderte Schuldig die des Orakels mehr als wagemutig heraus, als er den älteren Mann auch noch zusätzlich am oberen Saum seines Shirts packte und ihn gewaltsam durchschüttelte. „Komm schon! Wach auf! Crawford, du sturer Bastard, du verdammtes Arschloch, WACH SCHON AUF!“

Nichts, es tat sich rein gar nichts! Schuldig wusste nicht, warum ihn genau das so wütend machte. Tatsache war, dass er den Mann in diesem Moment dafür hasste, dass er ihm nicht zu Willen war und sich aus seiner Panik herauslöste. So sah er auch die braunen Augen, welche ihn weit aufgerissen anstarrten, erst, nachdem er dem Orakel erneut mit vollster Wucht ins Gesicht geschlagen hatte, und zusah, wie dessen Kopf unter der Wucht des Schlages zur Seite ruckte und unsanft auf den Teppichboden traf.
Ein gedämpftes, raues Aufstöhnen war das Einzige, was in den folgenden Sekunden die Stille des kleines Raumes durchbrach. Das und Schuldigs unregelmäßiges Keuchen, welches sich erst nach und nach zusammen mit seiner Wut abflachte und einem stillen Entsetzen wich. Er...er war wach.

Crawford war endlich wach.

Die sonst so ruhigen, beherrschten braunen Augen richteten sich nun wutentbrannt auf ihn, nachdem sie sich ein Bild von der Umgebung des Raumes gemacht hatten. Erst danach kamen sie auf Nagi zum Ruhen und taxierten den jungen Telekineten mit einem abschätzenden Blick. Schuldig wusste, was gerade im Kopf des älteren Mannes vor sich ging, wie er versuchte, dieser Situation eine logische Erklärung abzuringen.
Anscheinend fand er sich auch. Gefährlich leise erhob er die Stimme und Schuldig stellten sich die Nackenhaare auf.

„Lass mich los, Prodigy. Sofort.“

Schuldig brauchte nur einen Blick auf ihren Jüngsten zu werfen um zu wissen, dass dieser dem Befehl ohne ihn zu hinterfragen gehorchte, aus Angst vor einer nun kommenden Strafe. Und die würde folgen, so ungerecht sie auch sein würde, da war sich Schuldig vollkommen sicher.
„Alles wieder in Ordnung?“, forderte Schuldig sein Glück nun auch noch wagemutig wie nie zuvor heraus, verlieh seiner Stimme einen nonchalanten Klang. Er würde den Teufel tun und zulassen, dass Crawford seine Wut an Nagi ausließ. Gleichwohl versuchte er durch seine flapsigen Worte, sowohl Crawford als auch Nagi wie auch sich selbst die Nervosität der gesamten Situation zu nehmen, wenngleich er wusste, dass das Gewitter, was nun darauf folgen würde, alles andere als ein Kinderspiel war. Der Blick, der ihn daraufhin traf, versprach ihm mehr als ein solches.

„Raus.“

Schuldig blinzelte, brauchte einen Moment, um überhaupt den Sinn des Wortes zu verstehen und sah beinahe gelähmt zu, wie Crawford versuchte, sich hochzukämpfen und seine bis vor kurzem evidente Panik dorthin zu verbannen, wo sie für sein Team nicht erreichbar war. Hinter seine kalte, unnahbare Fassade an Scheiße.

Raus!

Schuldig hörte mehr als dass er sah, wie Nagi unter einem Peitschenhieb zusammenzuckte. Auch ohne dessen Gedanken zu lesen, konnte er deutlich spüren, welches Maß an Angst dem Telekineten gerade innewohnte. Crawfords Ton war viel zu ruhig, viel zu beherrscht, als dass er nicht von der unterdrückten Wut und Rachsucht des Amerikaners zeugen könnte.
Ohne einen Laut beugte sich Nagi Crawfords Befehl und verließ fluchtartig den Raum. Schuldig selbst jedoch konnte das noch nicht. Viel zu viele Fragen schwirrten in seinem Kopf, viel zu viele von ihnen wollten beantwortet werden. Es reichte ihm mit den Anzeichen, dass etwas nicht stimmte. Es reichte ihm mit Crawfords Nicht-Antworten. Es reichte ihm, dass das Orakel seine Aufgabe nicht richtig erfüllte und damit das Team aus dem Gleichgewicht brachte. Es reichte ihm mit den offensichtlichen und versteckten Verletzungen, die das Orakel vor ihnen verbarg.

„Crawford, was zur Hölle war das eben?“, brachte er rau hervor und versuchte wider besseren Wissens doch Informationen aus seinem Anführer herauszubekommen. Er scheiterte kolossal schon im Vorfeld an dessen eiskaltem Blick.
„Ich sagte raus, Schuldig.“ Immer wieder dieses eine Wort, der rüde Rauswurf ohne auf irgendetwas einzugehen. Was für ein undankbares Stück ihr Anführer doch war. Aber nicht mit ihm. Es reichte.
„Weißt du, dass du mich fast umgebracht hättest, Crawford?“, hielt Schuldig zischend dagegen und spie seinem Glück noch einmal ins Gesicht. Einen Versuch hatte er noch, wenn er hartnäckig genug sein würde, konnte er den anderen Mann vielleicht vom Gegenteil überzeugen.

Anscheinend war dieser jedoch nicht der Meinung, als er nun mit einem Satz bei Schuldig war und ihm seine geballte Faust noch einmal ins Gesicht trieb. Mit einem überraschten und gepeinigten Laut taumelte Schuldig nach hinten und stürzte haltlos über den kostbaren Glastisch in der Mitte des Raumes, der unter ihm zerbarst und dessen Splitter sich in seine Haut bohrten.
„Keiner, KEINER widersetzt sich meinen Befehlen, ohne dafür die Konsequenzen zu tragen, Schuldig. GERADE du nicht“, donnerte Crawford hasserfüllt und ließ Schuldig seine ganze Wut, seinen absoluten Hass spüren, den er bewusst gegen die mentalen Schilde des Telepathen schleuderte und ihn unter deren Einwirkung aufstöhnen ließ. „Wag das noch ein einziges Mal und es wird das Letzte sein, was du machst, das schwöre ich dir!“

Schuldig wollte widersprechen, er war wirklich bereit dafür, sein Leben in diesem Moment auf das Spiel zu setzen für diesen Kampf, doch etwas hielt ihn davon ab. Vielleicht war es der bewusste Gedanke, dass er doch an seinem Leben hing, egal, wie sehr er sich gegen die Dominanz seines Anführers auflehnte. Vielleicht war es auch gerechter Zorn über die Unfähigkeit ihres Orakels, mit ihnen über das zu sprechen, was anscheinend im Raum stand. Vielleicht war es aber auch der Hass auf die Distanz des Mannes, der Nagi viel bedeutete und der Teil ihres Teams war.
Wortlos rollte Schuldig sich zur Seite und kämpfte sich von dort aus aufstöhnend und ächzend in die Höhe. Mit wackligen Beinen strebte er die Tür an, die blutigen Lippen eisern verschlossen.

Seine linke Hand befasste vorsichtig seine lädierte Nase, während die andere zittrig den Türgriff umfasste. Hasserfüllt donnerte er die Tür hinter sich zu, widerstand dem Drang, es wieder und wieder und wieder zu tun und sich dabei vorzustellen, dass es der Kopf des Orakels wäre, der sich zwischen Tür und Türrahmen befand.
Verfluchter Hurensohn!, fauchte Schuldig in Gedanken, veräußerte es jedoch nicht. Das war Brad Crawford wie er lebte. Wenn es jemand wagte, ihm auch nur zu nahe zu kommen, dann… oh ja. Dann! Aber das nächste Mal konnte das Orakel sehen, wie er nach Hause kam, nachdem er dermaßen aufgemischt worden war, dass er Striemen und Fesselspuren davon getragen hatte. Sollte er doch laufen. Er würde ihn nicht abholen.

Er.

Nicht.

 

~~**~~

 

Er konnte sich nicht erinnern, jemals solchen Schmerzen anheimgefallen zu sein. Solcher Panik, solcher Haltlosigkeit, wie sie sich in den vergangenen Momenten in ihm ausgebreitet hatten. Nicht einmal in der kleinen Wohnung in dem Areal hatte der Alptraum ihn so sehr heimgesucht wie das, was gerade passiert war.
Kaum fähig dazu, stand Crawford mitten im Raum und atmete tief ein. Seine Knie zitterten, sein Herzschlag hatte sich innerhalb der letzten Minuten um einiges beschleunigt und seine Hände waren nicht mehr in der Lage, seinen Befehlen zu gehorchen. Sie waren noch nicht einmal fähig, sich die vom Schweiß klammen Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streifen.

Er hatte keine Ahnung, was vor seinem Aufwachen passiert war. Alles, woran er sich erinnerte, war, dass er sich in einem Alptraum befunden hatte, der ihn gelinde gesagt überrollt hätte, hätten ihn nicht Schuldig und Nagi aus den widerlichen, dunklen Erinnerungen geholt. Das wusste er, selbst wenn er die beiden in diesem Moment dafür hasste, was sie getan hatten. Crawford sah an sich herunter, an dem schwachen, ihm nicht gehorchenden Körper, in dem sein Geist gefangen war und dessen Regiment er sich beugen musste. Dieser schwache, verletzte, bedeutungslose Körper, der sich so gar nicht mit seinem Geist zu synchronisieren schien. Doch war das tatsächlich so oder war er selbst nicht in der Lage, mit dem Geschehenen fertig zu werden? War er zu schwach um die Erinnerungen hinter sich zu lassen?

Das konnte nicht sein, soweit war sich Crawford im Klaren. Er herrschte noch immer über diese Maschine und trieb sie dazu an, weiter zu funktionieren. Er war nicht schwach, er war kein Opfer, nicht mehr. Nie mehr. Rosenkreuz hatte ihn für die Zukunft ihrer Organisation auserwählt. Er würde den Teufel tun und sich dem Diktat des schwachen Fleisches beugen, das ihm sein Leben zur Hölle machte. Er war stärker als das. Nein, er hatte stärker zu sein, um die Zukunft von Rosenkreuz zu sichern.

Unstet nahm er den Weg zu seinem Bett auf und ließ sich zittrig darauf nieder. Unter seinen nackten Sohlen war der Boden wohltuend kühl und erweckte in ihm das Verlangen, sein inneres Fieber zu kurieren, indem er sich zurücklegte auf das kühle Holz. Er kämpfte gegen sich und seine Dämonen, seinen Stolz, bevor er eben jenen Kampf genauso verlor wie er seine Würde unter Lasgo verloren hatte.

Langsam glitt Crawford wieder hinunter und legte sich vorsichtig auf den harten Boden vor seinem Bett. Die vom Schlag erhitzte Wange auf das angenehme Holz zu betten war eine hervorragende Idee, während er darauf wartete, dass auch die letzten Traumfetzen seine Gedanken verließen und ihm normales Denken ermöglichten. Vorsichtig streckte er seine Beine aus und entlastete damit seinen in Flammen stehenden Hüftbereich.
Schuldig hatte ihn geschlagen. Er hatte es tatsächlich gewagt ihn zu schlagen. Von dem, was davor passiert war, ganz zu schweigen. Auch wenn Crawford nicht er selbst gewesen war, so erinnerte er sich doch noch sehr gut an das bestimmende Halt ihn unten, das wie ein tiefer Riss seine gehetzten Gedanken durchtrennte. Was maß sich Schuldig an, einen derartigen Befehl zu erteilen? Was hatte Schuldig alles mitbekommen, geschweige denn, wie hatte er selbst sich dem Deutschen gegenüber verhalten um diesen dazu zu veranlassen?

Egal, was passiert war, eines wusste Crawford genau. Die ganze Situation war erbärmlich. So erbärmlich, dass er nun mit zitternden Fingern nach den unter seinem Bett wohl versteckten Kleidungsstücken langte. Langsam entfaltete er sie vor sich, den Pullover wie auch die Hose. Wieder und wieder strich er über den billigen Stoff und knüllte ihn schließlich unter seinem Kopf zusammen, sodass er den schwachen Duft des Duschgels roch.

Fujimiyas Duschgel.

Fujimiya, der ihm diese Kleidung gekauft hatte, wo es eigentlich nicht notwendig gewesen war. Bevor er nackt nach Tokyo zurückgekehrt wäre, hätte er weiterhin Lasgos Kleidung getragen, doch nein, Fujimiya hatte neben dem Kaffee auch daran gedacht. Warum das so war, konnte sich Crawford durchaus ausrechnen. Das lächerlich gute Herz des Weiß, das sogar Mitleid mit ihm hatte. Nicht, dass er eben jenes nötig hätte.

Crawford schnaubte verächtlich, während er seine Wange sacht über den Stoff rieb, ließ sich auf seltsam beruhigende Weise trösten. Er ließ Hitze und Kälte in seinem Körper miteinander ringen, während er sich voll und ganz auf den Geruch konzentrierte, der ihm ein Gefühl von Stabilität vermittelte. Nach und nach beruhigte er sich, nach und nach gewann er den Kampf gegen die rasenden Schmerzen, die zu einem dumpfen Pochen abgeklungen waren. Was allerdings lange nicht verschwand, waren die ekelerregenden Erinnerungsfetzen seines Traums, der in Wirklichkeit keiner war. Es war passiert. Alles. Jedes noch so kleine Detail.

Ruhe, das brauchte er. Gelassenheit. Emotionslosigkeit. Vergessen.

In diesem Augenblick zählte nicht die Frage, wie er am nächsten Morgen seinem Team unter die Augen treten oder wie er normal weiterleben sollte, wie es überhaupt von nun an weiterging, sondern ganz einfach der raue Stoff billiger Kleidung auf seiner von Schuldigs Schlägen brennenden Haut sowie der schwache Geruch des Weiß, der ihm ein paar Stunden Schutz vor Lasgo verschafft hatte. Auch wenn er es nicht wagte, seine Augen zu schließen, sich der Dunkelheit hinzugeben und den Blick vom wolkenverhangenen Mond abzuwenden, so fühlte Crawford sich für diesen Moment sicher.

Wieder sicher.

 

~~**~~

 

Ayas gesamte Körperhaltung war automatisch auf Abwehr programmiert, als die junge Frau die Tür hinter sich schloss und ihn freundlich anlächelte. Eine Spur zu freundlich, zu nett, zu lieb, wie er wusste, denn ihre Absichten waren alles andere als gut. Wie eine hungrige Raubkatze umkreiste sie ihn, um sich schließlich in einem der bequemen Korbsessel ihres Besprechungsraumes niederzulassen und ihn – ihr Beute – zu fixieren.
Sie hatte sein Team gegen ihn aufgewiegelt. Sie stellte ihn als Verräter da. Sie missbrauchte seine Liebe zu seiner Schwester.
Wut schäumte in ihm hoch, wie so oft, wenn er an sie und Lasgo dachte. An ihren Verrat, an ihre Bösartigkeit. Dennoch beherrschte er sich, schon seiner Schwester zuliebe. Nur seiner Schwester wegen.

„Wie geht es dir, Aya?“, lächelte sie allzu freundlich und deutete auf den Platz neben sich.
„Ich würde dich am Liebsten in der Luft zerreißen. Und selbst?“, erwiderte er eisig, ging jedoch nicht auf das fordernde Angebot ein. Was immer diese Frau für ein Spiel spielte, er würde sich nicht beugen. Nicht einfach so.
„Ich kann nicht klagen. Soweit läuft alles wie geplant.“
Auch, dass du mein Team gegen mich aufwiegelst?, fragte er in Gedanken, behielt diese jedoch für sich. Es wäre nicht klug, ihr erkennen zu geben, dass er mehr wusste. Sie würde es auf Weiß zurückführen und damit würde er seine Freunde in Gefahr bringen. Nein. Noch würde er ihr nicht sagen, dass er Kontakt zu Crawford gehabt hatte und dass der andere Mann auf dem Weg der Besserung war. „Was willst du hier?“
Birman lachte über seinen verächtlichen Ton, wurde dann jedoch abrupt ernst, fixierte ihn mit stechender Abscheu. „Dir deinen nächsten Auftrag bringen, Abyssinian.“

Aya konnte nicht sagen, ob er sich noch mehr anspannte. Er hatte ein schlechtes Gefühl dabei, ein sehr schlechtes. Birmans Drohung bezüglich seiner Schwester hatte er nicht vergessen. Ebenso wenig wie ihren Plan, ihn aus dem Weg zu räumen.
„Der da wäre?“, fragte er misstrauisch und verschränkte schon beinahe stur die Arme vor seiner Brust. Nein, er durfte sich keine Angst vor ihr erlauben. Auch nicht vor Lasgo. Vor niemandem, denn Angst war hinderlich. Und sie wusste das, das erkannte Aya. Ob es sie davon abhielt, ihn zu vernichten, stand auf einem anderen Blatt.

Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus und Aya hätte es ihr am Liebsten aus eben jenem geprügelt.

„Dein neuer Auftrag? Persers Tod.“

 

~~**~~

 

„Ist alles in Ordnung mit dir?“
Schuldig fauchte missgestimmt auf die ausdruckslose Frage ihres Jüngsten und zuckte zurück, als dieser mithilfe seiner Kraft seine Nase abtastete.
„Tatsächlich nichts gebrochen“, klang er so erstaunt, dass Schuldig sich dazu genötigt fühlte, gleich ein zweites Mal sein Missfallen auszudrücken.
„Natürlich nicht, das Orakel schlägt zu wie ein Blag.“

Sie wussten beide, dass das nicht der Wahrheit entsprach, ebenso wie sie beide wussten, dass Schuldig diese Art der Kompensation gerade brauchte um nicht zurück zu Crawford zu gehen und ihm die Abreibung seines Lebens zu verpassen. Oder es zumindest zu versuchen und grandios daran zu scheitern.
Die Besorgnis, die er in den Gedanken wie auch auf dem Gesicht des Telekineten las, hielt ihn davon ab. Auch wenn er wütend grollte, als dieser ihm nun die ersten Glassplitter aus der Haut zog, die sich bei seinem unrühmlichen Sturz dort hineingebohrt hatten. Kläglich zuckte er zusammen, als ein besonders großer Splitter an ihm vorbeischwirrte.
„Es verwirrt mich genau wie dich, was da geschehen ist, das kannst du mir glauben.“

Er hörte den Jüngeren hinter seinem Rücken schnauben. Eine abfällige, typische Geste, mit welcher dieser seine Privatsphäre schützte. Schuldig respektierte eben jene, zumeist. Manchmal. Also grundsätzlich schon. Wenn ihr Küken nun wirklich in Ruhe gelassen werden wollte, dann schon.
Der letzte Splitter verließ seinen Rücken, während Nagi ihn dank seiner Kräfte nun auch noch heilte und seine Wunden verschloss. Mit Präzisionsarbeit ließ er die winzig kleinen Moleküle und Zellen wie durch ein Wunder zusammenwachsen. Manchmal beneidete Schuldig den Telekineten wirklich um diese Kraft.
Wie immer war er jedoch dankbar für diese Art der Kunst, was er den Jungen auch spüren ließ. Alleine schon, um dessen Selbstbewusstsein zu füttern, das insbesondere nach Crawfords rüdem Rauswurf am Boden lag… oder sechs Fuß darunter, je nachdem, wie man es sehen wollte.
~Du hast einen gut hierfür, okay, Kleiner?~, adressierte Schuldig direkt an Nagi und streckte sich schließlich wohlig. Bis auf ein minimales Ziepen war nichts mehr von ihrem nächtlichen Gefecht übriggeblieben.

Nachdenklich verzogen sich die jungen Gesichtszüge, die sonst eher reaktionsarm waren. Nagi beschäftigte das, was er gesehen hatte. Es machte ihm Angst, dass er Crawford so gesehen hatte. Es machte ihm Angst, derart starke Emotionen zu sehen. „Was denkst du, was passiert ist, Schuldig?“, fragte er unsicher.

Schuldig wandte sich um und sah Nagi direkt in die grauen, aufgewühlten Augen. „So wie er aussieht und sich verhält? Gefoltert vermutlich.“ Schuldig verstummte für einen Moment. Crawford…gefoltert. Es hinterließ einen schalen Geschmack in seinem Mund. Rosenkreuz hatte sicherlich diese Lücke in der Gabe ihres Anführers schon überprüft und den Grund gefunden, warum es überhaupt soweit kommen konnte. Dennoch fragte sich Schuldig nach dem Grund. Nicht, dass er jemals eine Antwort bekommen würde, vermutete er.
Trotzdem.
Crawford war nicht fehlerhaft. Nichts, was das Orakel tat, war zum Scheitern verdammt, eben weil er alles sah, was wichtig für sie und ihre Bestimmung war. Deswegen führt er dieses Team. Deswegen hatte Rosenkreuz ihn zum Leiter der Operation Japan gemacht. Nicht zuletzt wurde er deswegen als Kronprinz für die Nachfolge von Leonard gehandelt.

Die Spuren an seinen Handgelenken und auf seinem Oberkörper sprachen da eine andere Sprache und zwar eine sehr deutliche. Schuldig hatte noch nie derartige Verletzungen an ihrem Anführer gesehen und das machte es bitter. Das machte es unmöglich. Ihr Orakel war unantastbar.
Nagi dachte das Gleiche wie er auch und ließ seinen Blick dabei ins Leere schweifen. Er ähnelte dabei beängstigend dem Orakel selbst. In fünf bis sechs Jahren wäre das vielleicht noch mehr der Fall als zu diesem Zeitpunkt. In ihrer Starrköpfigkeit, ihrer äußeren Arroganz, in ihrem Verhalten war es aber bereits jetzt schon. Natürlich... Nagi eignete sich wie jeder Jugendliche gewissen Manieren seiner Respektsperson an, kleine Gesten, Dinge, die vorgelebt wurden, all dies.

„Wie kann das sein? Wie kann ihm jemand so nahekommen? Wie kann ihm jemand das antun?“, spie Nagi schließlich die gleichen Fragen aus, die auch Schuldig sich nur Sekunden vorher gestellt hatte und auf die es aber vermutlich keine Antworten außer der, dass sie das nichts anging, geben würde. Schuldig schnaubte innerlich. Nichts anging…dass er nicht lachte. Und ob sie das etwas anging, wenn ihr Anführer sie durch seine Träume nachts aufweckte und nicht mehr er selbst war.
„Ich weiß es nicht, Kleiner. Und ich glaube auch nicht, dass wir jemals schlauer werden, was das angeht.“
„Meinst du, es hat ihn schlimm getroffen?“ Es war, als hätte ihr Jüngster den Begriff Sorge quasi breit und leuchtend auf seiner Stirn stehen. Zuviel Sorge für Crawford Geschmack, wie es sich vorhin gezeigt hatte.
„Ich denke nicht...und zur Sicherheit können wir ja noch einmal unser Leben riskieren und uns vergewissern. Oder wir warten, bis er von selbst mit uns darüber spricht. Was von beidem scheint dir erfolgversprechender?“, troff Schuldigs Stimme nur so vor ungerechtem Zynismus, den er aber dann wieder wettmachte, als er Nagis niedergeschlagenen Gesichtsausdruck sah. Ihr Jüngster hatte das nicht verdient. Wirklich nicht. Wortlos wuschelte er ihm durch die Haare.
~Du könntest dir die Kameraaufnahmen beschaffen, damit wir Klarheit bekommen?~, schlug Schuldig parallel dazu mental vor und erntete ein – ebenso mentales – Schnauben.
~Hänge ich an meinem Leben?~, fragte er ebenso ironisch zurück.
~Von alleine wird er nicht sagen, was ihm zu schaffen macht.~
~Er wird es vorhersehen und mich dafür bestrafen. Nein danke, Schuldig.~

Nagi mochte Recht haben mit dem, was er sagte. Vielleicht aber auch bestand die Möglichkeit, dass Crawfords Gabe nicht ganz so zuverlässig arbeitete wie vorher.

 

~~**~~

 

Wie ein Besessener schlug Aya auf den Baum ein, der sich ihm stumm und robust als Wutableiter zur Verfügung stellte.
Genau wusste er nicht, wann er hierher gefahren war, wann er sich in sein Auto gesetzt hatte und durch die Straßen gerast war, auf der verzweifelten Suche nach Ablenkung. Nach einer Möglichkeit, seinen Hass auf etwas, JEMANDEN, projizieren zu können. Was… WAS…. in aller Welt nahm sich diese Frau heraus, ihm das Leben so zur Hölle zu machen? Ihn als ein solches Instrument ihrer Macht zu missbrauchen? Was gab ihr das Recht, ihm das Leben zur Hölle zu machen, ihn SO zu hintergehen? Perser so zu hintergehen, wie es schlimmer nicht ging?

Sein Katana riss den hölzernen Stamm in splitternde Stücke, ebenso wie es seine Stimme mit der Luft tat. Er schrie, schrie seinen Schmerz und seinen Zorn hinaus in den stillen Wald. Wie hatte das alles nur so schieflaufen können? Wie hatte er sich jemals so viel Ärger einhandeln können? Das Leben seiner Schwester, nein mehr als das, stand auf dem Spiel. Auch sein Leben, doch das kümmerte ihn nicht. Er wollte, dass Aya lebte, dass sie eine glückliche Zukunft hatte. Er wollte, dass der anscheinend nicht involvierte Perser lebte, um weiterhin für die Gerechtigkeit zu sorgen, die Polizei und Staatsanwaltschaft nicht geben konnten. Und genau das wurde ihm nun durch Birman genommen. Der Frau, die ihn so betrogen hatte, wie es schlimmer nicht ging.

Nur weil er sich dagegen ausgesprochen hatte, Crawford ebenso menschenunwürdig zu behandeln wie sie selbst auch! NUR deswegen! Er konnte das nicht, hatte es nicht tun können und würde es auch in Zukunft nicht tun. Es ging einfach nicht. Er konnte nicht nach ihren Regeln spielen, er konnte ihr nicht zu Gefallen sein und diese Selbstmordmission auf sich nehmen, denn genau das war es. Er würde dem nicht lebend entkommen, das konnte er auch jetzt schon sagen und genau das war ihr Plan.

Sein Tod.

Und selbst wenn er lebend entkam, dann klebte das Blut Persers an seinen Händen. Das konnte er nicht. Sein Katana rutschte ab, ließ ihn sein mühsam aufrecht erhaltenes Gleichgewicht verlieren und zu Boden taumeln, der sich hart und spitz in seine Knie bohrte.

Aya hieb mit der Klinge auf den Boden ein, wieder und wieder und wieder. Es war noch nicht genug. Die Wut war immer noch zu groß, zu übermächtig, als dass er an seine Arbeit zurückkehren oder auch nur daran denken konnte, seinem Team unter die Augen zu treten und all das hier vor ihnen zu verschweigen. Es ging nicht. Er würde Youji alles sagen, ihm jedes kleine Detail unterbreiten. Genau das mochte auch der Grund sein, warum er die Mission abgelehnt hatte, die sie in der kommenden Nacht hatten und zu der ihn Birman so süffisant eingeladen hatte. Er brauchte die Zeit um sich einen Notfallplan zu überlegen.
Aya lächelte bitter. Was war der Ausweg aus dem Ganzen hier? Drei Wochen…drei Wochen und er musste diesen Auftrag erfüllt haben, sonst starb seine Schwester. Das waren die Konditionen, aus denen es für ihn kein Entrinnen gab. Er konnte nichts dagegen tun, wirklich rein gar nichts.

Ungeweinte, zornige Tränen ließen seinen Blick an Schärfe verlieren. Es gab doch sonst IMMER einen Ausweg, wieso also jetzt nicht? Wo war der Lichtblick, an dem er sich festhalten konnte? Was würde er darum geben, wenn Birman nun hier unter ihm läge, wenn er sie würgte, ihr den letzten Funken Leben aus dem zuckenden Körper pressen und ihr nachher das falsche, schwarze Herz herausreißen könnte.

Frustriert grollte er. Niemand würde ihm zum jetzigen Zeitpunkt helfen können. Weiß allen voran auf keinen Fall, dafür waren sie in zu großer Gefahr. Er konnte sie nicht mit hineinziehen und ihre Existenzen für sein privates Glück aufs Spiel setzen.

Allerdings...

Ayas Augen weiteten sich, als er selbst nicht glauben konnte, was er gerade gewagt hatte, in Erwägung zu ziehen.

Er hatte sich geschworen, sich von niemandem an die Kette legen zu lassen und sich nicht noch einem Herrn zu beugen. Er hatte geschworen, eine bestimmte Grenze nicht zu überschreiten, wenn es darum ging, der guten Sache zu dienen.
Wenn es aber darum ging, seiner Sache zu dienen und seine Schwester zu schützen, so fragte sich Aya, ob er seine Grenze nicht herabsenken musste. Die Ketten, mit Hilfe derer an ihm gezerrt wurde, wurden kürzer und würgender. Er sah keinen Unterschied mehr zwischen gut und böse, was daran liegen mochte, dass es keinen mehr gab. Die klare Trennung zwischen schwarz und weiß war aufgehoben zu einem dunklen, aschfahlen Grau.
Was also machte es da für einen Unterschied, ob er sich von einem widerlichen Miststück erpressen ließ oder ob er einen Hellseher um einen Gefallen bat?

Keinen. Es machte keinen.

Weil seine Schwester verdient hatte zu leben. Weil Perser es verdient hatte. Weil Weiß es verdient hatte. Daher machte es keinen Unterschied. Nicht mehr.

 

~~**~~

 

Wird fortgesetzt.

Chapter Text

~~**~~

 

Mit Argusaugen verfolgte Schuldig den Weg seines Anführers vom Eingang des Anwesens aus in ihre Küche.

Dass das Orakel seinen Wagen nicht in die Garage gefahren hatte, lag vermutlich einzig und alleine daran, dass der Panda ihn im Verlauf des Tages noch sehen wollte. Es erklärte jedoch nicht, woher der Hellseher zu so einer frühen Zeit kam, im kompletten Ornat samt Mantel, Schal, Handschuhen, die er komplett am Eingang losgeworden war.
Schuldig gönnte sich einen Moment um Crawford stumm zur Wahl seines Anzuges zu gratulieren, denn schon vor einiger Zeit hatte dieser die elendig Cremefarbenen gegen etwas Passenderes, Gedecktes getauscht, das nicht quasi in der Sekunde des Anschauens Augenkrebs verursachte.

Aber das war hier nicht das Thema, ganz und gar nicht.

Stumm erhob Schuldig sich und folgte Crawford in die Küche, in der sich dieser gerade seine zweite Kaffee des Tages kochte und mit dem Rücken zu ihm in an der Anrichte arbeitete, als wäre in der letzten Nacht überhaupt nichts gewesen. Gerade so, als hätten sie Crawford nicht aus einem Alptraum geholt, als hätte er Schuldig nicht beinahe erwürgt und als hätte er ihm nicht zweimal ins Gesicht geschlagen wie zu ihren besten Zeiten.
Schuldig lehnte am Türrahmen und verschränkte die Hände. Als ihm das anhaltende Schweigen zu bunt wurde, grollte er, auch wenn das seinem noch immer wunden Hals schmerzte.

„Du hast nichts dazu zu sagen?“, stellte er in den Raum und mühte sich um Ruhe, auch wenn er das Orakel am Liebsten gepackt und ihm eine verpasst hätte.
Crawford drehte sich um und maß ihn ausdruckslos. „Wozu?“, fragte er, obwohl in seinen hellen Augen bereits das Wissen um die Antwort auf die Frage glomm. Schuldig würgte innerlich. Er kannte diesen Ausdruck nur zu gut. Das war der „Hellseherarschloch“-Ausdruck, jahrelang, vermutlich seit der Geburt perfektioniert durch den Mann, der vor ihm stand.
„Du weißt ganz genau, wozu. Spiel keine Spielchen, Crawford.“
Betont amüsiert hob sich eine der schwarzen Augenbrauen und Schuldig kam nicht umhin, die tiefen Augenringe zu bemerken, die auf der blassen Haut gut zu sehen waren. Ganz so gut ging es dem Mann nicht. Ganz so unbeeindruckt von der letzten Nacht war er auch nicht. Na also. Jetzt musste er es nur noch zugeben.

Und darüber sprechen.

Aber Schuldig könnte sich auch die Rückkehr der Jediritter in echt wünschen, das käme auf der gleiche Ergebnis, mutmaßte er.
„Ich wüsste nicht, dass dich das etwas angeht“, bestätigte Crawford seine Vermutungen und Schuldig biss sich schier auf die Zunge.
„Du hattest einen Alptraum, der mich mit hineingezogen hat und der sicherlich vieles war, aber keine deiner üblichen Visionen, die dich nachts überfallen.“
„Entdeckst du plötzlich deine väterliche Sorge, Mastermind?“
„Du erkennst weder mich noch Nagi und gebärdest dich wie wild, als wir versuchen, dich aufzuwecken.“
„Mir ist es neu, dass Schwarz Wert auf Klatsch und Tratsch legt und in selbige Kategorie fällt dein unsinniges Gerede.“
„Du trägst Spuren von Folter auf deinem Oberkörper und deinen Armen. Um deine Handgelenke befinden sich wunde Stellen von Fesseln. Wer hat dich so derart aufgemischt?“
„Man möchte meinen, dass du mir zuhörst, wenn ich dir aus reinem Goodwill deine impertinenten Fragen beantworte, Schuldig, denn über die Antworten verfügst du ohne Ausnahme bereits. Für den Rest ist Rosenkreuz zuständig, nicht der mir unterstellte Telepath.“

Schuldig war nicht dumm, er kannte diese Art von Versuch, ihn loszuwerden. Crawford bediente sich dieser bodenlosen Arroganz immer dann, wenn er sich ihn vom Leib halten wollte. In der ersten Zeit hatte er es genutzt, um Schuldig soweit auf die Palme zu treiben, dass dieser handgreiflich wurde, um ihm dann seinen Platz zuzuweisen. Wieder und wieder hatten sie sich wie zwei Wölfe gemessen, die schlussendlich ihren Platz im Rudel gefunden hatten, nachdem sie oft genug aneinandergeraten waren. Schuldig mutmaßte, dass Crawford das mit Absicht getan hatte. Mit langfristiger Planungsabsicht.
So war das Kräftemessen schlussendlich verebbt und auf ein für alle Umstehenden erträgliches Maß herabgesunken.

Nicht so heute. Nicht, seitdem er Crawford aus diesem Hotel abgeholt hatte. Dieses Mal jedoch ließ sich Schuldig durch die Provokation des Orakels nicht dazu verleiten, ihre Diskussion in Gewalt ausarten zu lassen.
„Du hast versucht, mich umzubringen.“
„Selbst Schuld. Niemand hat dich gezwungen, ohne meine Erlaubnis mein Schlafzimmer zu betreten.“
„Du hast mich beinahe erwürgt.“
„Damit wärst du nicht der Erste.“

Vielleicht gelang es Crawford doch, ihn auf die Palme zu treiben, beschloss Schuldig und verzog das Gesicht vor Wut und Fassungslosigkeit über die zynische, arrogante Nonchalanz seines Gegenübers. Er stieß sich vom Türrahmen ab und näherte sich seinem Anführer.
Sie waren beide beinahe gleich groß, nur Millimeter trennten sie. Genug für Schuldig, um ohne jede Scham in den persönlichen Bereich des anderen Mannes vorzudringen. Auch er konnte provozieren, sehr gut sogar. An vielen Tagen war er darin besser als Crawford. Schuldig lächelte abfällig.
„Nagi macht sich Sorgen um dich. Aber das ist dir scheißegal, oh großer Anführer. Du dringst in meine Gedanken ein und überflutest mich mit Schmerz und Angst und Leid und Panik und es ist dir egal, oh großer Anführer. Du bringst die Abläufe des Teams durcheinander, aber auch das ist dir egal. Oh großer Anführer. Sag mir, Crawford, ist deine zukünftige Position innerhalb von Rosenkreuz schon so sicher, dass du es nicht mehr für notwendig erachtest, die dir gestellten Aufgaben zu ihrer Zufriedenheit zu erledigen oder ruhst du dich genau darauf aus?“

Ja, provozieren konnte Schuldig sehr gut und wenn er einmal wunde Punkte gefunden hatte, dann nutzte er sie, wenn es ihn weiterbrachte. Mit freudigem Sadismus bediente er sich kleinerer und größerer Schwächen, insbesondere, wenn sie einem beinahe unbesiegbaren Gegner wie Crawford gehörten.
Und wie der andere Mann sich provozieren ließ. Sie war seine Schwachstelle, immer schon gewesen. Alleine die Nennung ihrer Verbindung war etwas, das ihn zuverlässig und schnell auf die Palme brachte.

Das gab Schuldig auch sein Hinterkopf zu verstehen, als er mit vollster Wucht gegen den Kühlschrank schlug, während Crawford seinen Hals eisern umfasst hielt.
Ebenso eisern unterdrückte Schuldig jeglichen Impuls sich zu wehren, denn das war es nicht, was er wollte. Einen Kampf hier würde er verlieren, selbst jetzt. Also würde er Crawford weiterhin mit seinen Worten foltern und ihn aus der Reserve locken um irgendeine Antwort auf seine Fragen zu erhalten und die gottverdammte Elefantenherde aus dem Weg zu räumen, die im Raum stand. Die Wut in ihm genau darüber konnte und wollte er nicht unterdrücken und das ließ er seinen Anführer sehen und spüren, auch wenn diese ihn nur an seinen Schilden touchieren würde.

„Hat das etwa einen Nerv getroffen?“, fragte er in das zornige Gesicht und die seinen Hals umfassenden Finger drückten warnend zu. Und ob, aber natürlich Crawford den Teufel tun und das zugeben.
„Du vergisst dich, Mastermind. Dich, deine Position und deinen Nutzen das Team betreffend“, strichen eiskalte Worte über Schuldigs von den Schlägen immer noch wunde Wange.
„Und wieder weichst du mir aus. Was glaubst du, was passiert, wenn du mich nach Österreich zurückschickst? Was glaubst du, werde ich ihnen in meiner Befragung sagen, Orakel?“, erwiderte er und grinste in die an Hass grenzende Wut hinein.
Ein minimales Zucken durchlief den Hellseher, gerade genug um Schuldig ein Indiz dafür zu sein, dass Crawford auch seine Leichen im Keller hatte. Oder zumindest genug Angst vor ihren Auftraggebern verspürte, dass er ein Interesse daran hatte, Schuldig nicht mit ihnen zusammen zu bringen. Gespielt nachdenklich legte der Telepath den Kopf schief.
„Was sagen sie zu den Fesselspuren und zu den Alpträumen in deinen frühmorgendlichen Sitzungen mit ihnen? Was halten sie von deinen fehlenden Visionen, die dich noch nicht einmal vor abgelaufener Milch warnen? Wenn ich mich nicht recht irre, haben sie dich doch genau für deine Hellsicht zum Teamführer auserkoren?“
Crawfords freie Hand zuckte und Schuldig wusste, dass der andere Mann zuschlagen würde. Er bereitete sich innerlich darauf vor, wurde jedoch bitter enttäuscht, als die Hand von weißen, vernarbten Fingern zurückgehalten wurde.

Wie ein Geist tauchte Jei hinter ihrem Anführer auf und hielt dessen angespannten Arm in einem eisernen Griff. Ausdruckslos ruhte sein Auge auf ihnen, ebenso leer musterte er ihrer beider Gesichter.
„Lass mich los, Berserker“, knurrte Crawford wütend. Er erreichte zu Schuldigs innerer Schadenfreude aber rein gar nichts damit.
„Er ist von Nutzen.“
Schuldig schnaubte. „Solches Lob aus deinem Mund? Wie komme ich dazu, Jei?“
Beide Männer ignorierten ihn zugunsten ihres ganz eigenen Kampfes, den sie just in diesem Moment stumm und nonverbal vor seinen Augen austrugen.
„Ich wüsste nicht, wie eine gebrochene Nase seinen Wert mildern sollte.“
~Ich schon, du Wahrsagerarschloch~, verlagerte sich Schuldig auf die mentale Kommunikation. Auch da fand er keine Antwort und Crawford ignorierte ihn, als hätte er nichts gesagt.

„Der Panda hat angerufen und Nagi mitgeteilt, dass er dich erwartet.“ Jeis Ton drückte nichts anderes als völlige Verachtung und abgrundtief bodenlosen Hass auf Takatori aus. Schuldig wusste, dass wenn Crawford nicht derjenige wäre, der zwischen den beiden Männern stünde, ihr Auftraggeber bereits tot und Futter für die Würmer wäre. Aber nein, der allzu brave Berserker fügte sich dem Urteil des Kronprinzen und ließ die Finger vom Panda. Schade, wirklich schade.
Schuldig grinste in das von der letzten Nacht und von Takatori gezeichnete Gesicht.
„Na los, geh schon, oh großer Anführer von Schwarz. Nicht, dass unser Zugpferd dir seinen Golfschläger beim nächsten Mal in den Arsch schiebt, weil ihm dein Gesicht nicht mehr reicht.“
Wie verbrannt reagierte Crawford auf seine zynischen Worte, was Schuldig sich im ersten Moment fragen ließ, ob seine Worte nicht mehr Wahrheit beinhalteten, als er es gerade beabsichtigt hatte. Wer wusste schon, welche dunklen Vorlieben der nach Macht gierende Politiker hatte.

Er. Ach ja. Stimmte. Er wusste das. Konnte es wissen, wenn er tief genug graben würde, hieß das. Aber Schuldig wollte nicht. Und alleine die Vorstellung, dass ihr Auftraggeber so etwas tun würde, ließ Übelkeit in ihm hochsteigen. Angewidert schüttelte er sich.
Crawford löste sich unter dessen von ihm und trat nun seinerseits mit einem angewiderten Laut zurück.
„Wir sind noch nicht fertig miteinander“, richtete er vielversprechend drohend an Schuldig und wurde mit einem Lachen belohnt.
„Oh das hoffe ich doch. Ich warte noch auf Antworten.“

 

~~**~~

 

Mit Bedacht zog Youji den Umschlag zu sich, den Birman ihnen mitgebracht hatte. In ihm befand sich ihre neueste Mission, die sie ohne ihren Anführer bestreiten würden, weil dieser bereits abgelehnt hatte. Warum das so war, konnte Youji nur mutmaßen, doch es warf in der momentanen, aufgeheizten Situation kein gutes Licht auf Aya. Eben das stand auch in den Augen der Agentin, als sie ihnen die Details ihrer Zielpersonen erläuterte und dabei klar machte, dass sie jede einzelne, verfügbare Kraft brauchten, jetzt, da ihr Anführer diese Mission nicht mit ihnen bestreiten wollte.

Es war selten genug, dass Aya einen Auftrag ausschlug.

Youji seufzte innerlich, als er an die Verzweiflung des rothaarigen Mannes dachte, mit der er die ihm gemachten Vorwürfe bestritt. Und Youji glaubte ihm jedes Wort.

„Ich gehe davon aus, dass ihr die restlichen Details selbst erarbeiten werdet?“, schloss Birman das Briefing und erntete ein dreifaches Brummen. Nach einem Tag harter Arbeit zwischen pubertierenden Mädchen hatte keiner von ihnen rechte Lust, noch kommunikativ zu sein. Das einte sie alle.
„Gut. Nun zu einem anderen Thema.“

Wieder war es ein Umschlag, den sie aus der Tasche zog. Langsam, beinahe bedächtig holte sie Bilder aus dem schmucklosen, braunen Papier und hielt sie zunächst vor ihnen allen verborgen. Youji runzelte die Stirn und tauschte fragende Blicke mit Omi und Ken aus. War es ein neuerlicher Beweis für Ayas Schuld? Wenn er ihre gerunzelte Stirn richtig interpretierte, dann konnte es nur diesen Zusammenhang haben.
Birman schluckte schwer.
„Unser Forensikteam hat die Überreste des Areals überprüft, das Aya in die Luft gesprengt hat. Sie haben eine der Überwachungskameras bergen können, die nicht durch die Explosionen zerstört worden ist. Augenscheinlich gehörte sie zu einem der Wohntrakte, vermutlich zu dem, in dem Abyssinian während seines Auftrages gewohnt hat. Bei der Auswertung der zu der Kamera gehörigen Festplatte haben wir etwas gefunden, das…“ Sie stockte und schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, las Youji in ihnen Pein und Schmerz und er wusste, dass es nicht gut aussehen würde für Aya.

Sie legte die Fotos auf den Tisch und Youji starrte auf die Aufnahmen, als wären die Gift. Er griff zu dem nächstgelegenen Bild und versuchte zu begreifen, was er dort sah. Er versuchte zu begreifen, wer der Mann war, mit dem Aya zusammen an einem Küchentisch saß und der ihn auf dem nächsten Foto sogar zum Lächeln gebracht hatte. Er versuchte zu begreifen, was er auf dem Bild sah, das Omi in seinen Händen hielt. Oder Ken. Oder die restlichen Bilder, die immer die gleichen zwei Personen zeigten.

Aya, zum Einen. Das Orakel von Schwarz, zum Anderen.

Unmissverständlich zeigten die Bilder ihren Anführer, wie er friedlich mit Crawford zusammensaß. Sie zeigten, wie sie gemeinsam aßen. Wie Aya den Anführer des feindlichen Teams berührte. Wie er ihm eine Tasse Kaffee reichte.
Ungläubig starrte Youji auf die Bilder. Neben ihm gab Omi einen Laut des vollkommenen Unverständnisses von sich und Ken tastete zittrig nach den Abbildungen des Verrates, als würden sie ihn beißen. Das konnte doch nicht wahr sein. Das durfte nicht wahr sein. Wie war das möglich?
Fragend irrte sein Blick zu Birman, die bedauernd den Kopf schüttete. „Ich weiß es nicht, Youji“, kam sie seiner Frage zuvor. „Ich kann mir die Bilder ebenso wenig erklären wie ihr.
Wir hatten keine Information darüber, dass Oracle auch Bestandteil der Mission war. In seinem Bericht hat Aya nichts von dem Schwarz erwähnt. Mit keinem Wort hat er ein Zusammentreffen mit ihm erwähnt. Oder seinen augenscheinlichen Verrat.“
„Lasgo hatte Geschäftsverbindungen zu Takatori?“, fragte Ken mit belegter Stimme und Youji ahnte, worauf er hinauswollte. Es jagte ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken.
„Das vermuten wir“, nickte Birman.
„Und bei Crawford handelt es sich um den Leibwächter von Takatori“, vervollständigte Omi den Verdacht, der bisher unausgesprochen im Raum stand.
Auch hierzu nickte Birman und Youji bohrte seinen Blick in das vor ihm liegende Foto. Detailliert sezierte er jeden kleinen Quadratmillimeter und versuchte in der Szenerie vor seinen Augen Antworten zu finden, die Aya ihm nicht gegeben hatte. Nichts hatte Aya hierüber gesagt, rein gar nichts. Und Youji fragte sich, warum er sich ihm nicht anvertraut hatte.

Hatte er wirklich das Vertrauen in ihn verloren? Hatte er sie hintergangen zugunsten von Schwarz?

Youji spulte sein letztes Gespräch mit Aya vor seinem inneren Auge ab und fragte sich, welche Anzeichen es dafür gegeben hatte, dass sein Freund ihn anlog nach all den Jahren. Schuldig konnte es nicht sein. Der Telepath war nicht in der Lage dazu, in Ayas Gedanken einzugreifen. Gezwungen wurde er auch nicht, denn warum sonst sollte Aya in Gegenwart des Schwarz lächeln?

Als es Youji wie Schuppen von den Augen fiel, zuckte er nicht nur innerlich zusammen.

Aya hatte ihn nicht angelogen. Er hatte die Wahrheit gesagt, wenn auch nicht so, dass Youji jemals darauf kommen würde. Er hatte ihm genau gesagt, was geschehen war. Er hatte ihm versucht zu sagen, was passiert war und hatte es doch nicht gekonnt. Ayas Verzweiflung, mit der er ihm die Worte entgegengespien hatte, kam Youji erneut in den Sinn und nun begriff er sie. Es ging hier nicht rein um die Vergewaltigung eines Mannes. Nein… das, was Aya im Besonderen geschockt hatte, war anscheinend die Identität des Mannes.
Abrupt und überhastet griff Youji nach den Bildern und besah sie sich eines nach dem anderen. Eines nach dem anderen untersuchte er konkret auf den Zustand des Orakels. Und eines nach dem Anderen offenbarte ihm, was er zu wissen glaubte und wofür er mehr und mehr Beweise fand.

Zu allererst war da die Kleidung. Youji kannte Crawford nur formell, absolut spießig in Anzug und Krawatte. Nie hatte er ihn anders gesehen. Nun trug er legere Kleidung. Seine Brille fehlte, das Gesicht verhärmt und von Kampfspuren gezeichnet. Die Kaffeetasse hielt er mit beiden Händen. Die Haltung, wenn er stand, war eine Schonhaltung, die Youji nur zu gut kannte. Der Schwarz war verwundet.

Youji atmete bedacht aus. Der Mann, von dem Aya ihm erzählt hatte, der Sexsklave, den er vor Lasgo gerettet hatte, das war…
Er schluckte. Bei allem, was ihm heilig war. Aber warum Crawford? Wieso war der Berater Takatoris ein Gefangener Lasgos? Das ergab keinen Sinn.

Blinzelnd sah Youji hoch und schüttelte den Kopf. „Nein… das ist nicht, wonach es aussieht. Ich glaube nicht daran, dass Aya uns verraten hat.“
Birman seufzte. „Youji, ich weiß, dass es schwierig ist, das zu akzeptieren, aber anhand der wirklich erdrückenden Beweislage… schau dir doch die Fotos an, was gibt es denn da noch für Zweifel?“
„Nein. Nein! Es gibt Gründe dafür. Ich weiß, dass es sie gibt. Aya hat…er hat mir etwas gesagt. Etwas, dass das erklären würde. Lass mich ihn fragen. Lass mich ihm diese Bilder zeigen, Birman, dann wird er dir erklären, warum.“
Ärger kroch über ihr Gesicht wie eine hässliche Fratze. „Youji, es gibt keine Erklärung außer der, dass er Verrat begangen hat. Selbst wenn er nicht mit Lasgo unter einer Decke steckt, wir sehen ihn hier in aller Ruhe und Frieden mit einem Feind. Einem Feind, den es zu töten gilt. Das alleine ist Verrat, Youji. Das alleine reicht. Und dann wäre noch das hier.“

Sie holte ein letztes Foto aus ihrer Tasche und warf es verächtlich auf den Tisch. Den toten Mann darauf kannte Youji nicht und fragend sah er hoch. Birman grollte.
„Das ist ein Kritikeragent, den wir tot beim Friedhof von Ayas Eltern gefunden haben. Die DNA-Spuren stimmen mit denen von Oracle überein. Oracle. Beim Friedhof von Ayas Eltern, zum gleichen Zeitpunkt, an dem sich auch Aya dort befand, bevor er Agent als vermisst gemeldet wurde. Er war dort, Youji und hat den Agenten getötet. Ebenso wie Aya dort war. Was, frage ich euch, hat er, der sein Leben lassen musste, gesehen, dass der Mann ich umgebracht hat, der auf den Fotos so friedlich mit Aya zusammensitzt?“

Neben ihm zuckte Omi zusammen und keuchte leise. „Nein, das kann nicht sein, Birman. Wieso…?“
„Ich weiß es nicht!“, fuhr sie hoch und schlug frustriert mit der Faust auf den Tisch, die Miene zu einer Maske der Wut verzogen. „Ich weiß nur, dass es keine logische Erklärung dafür gibt außer der, dass Aya das von langer Hand geplant hat und nun versucht, auch noch Weiß zu zerstören. Oder warum glaubt ihr, hat er die kommende Mission abgesagt, von der wir annehmen können, dass Schwarz zugegen sein wird?“
Youji schüttelte fassungslos den Kopf und schluckte mühevoll. „Nein, Birman. Dafür muss es eine Erklärung geben. Dafür gibt es bereits eine Erklärung. Warum fragst du nicht Aya? Warum holen wir ihn nicht? Warum…?“
„Weil es euch alle gefährdet, verdammt nochmal!“, schrie sie und erhob sich so ruckartig, dass ihr Stuhl nach hinten kippte. „Ihr alle seid in Gefahr, dass Schwarz euch umbringt, wenn ihr erkennen lasst, dass ihr wisst, was geschehen ist. Wir müssen dem zuvorkommen und den Verrat an der Wurzel ausrotten, habt ihr mich verstanden! Das ist die einzige Möglichkeit, euch in Sicherheit zu bringen. Und ich werde verdammt sein und noch einen Agenten diesem Dreckspack opfern!“

Kens Blick spiegelte Youjis Verzweiflung wieder. Omis blasses Gesicht ebenso. Doch weder Ken noch Omi wussten, was Youji wusste oder vielmehr glaubte zu wissen. Und das, was er vermutete, musste die Basis für eine logische Erklärung sein, die das alles hier auflösen würde. Einschließlich dem Mord an einem ihrer Agenten. Einschließlich dieser Gräueltat.
Youji schüttelte den Kopf.

„Gib mir zwei Tage, Birman. Zwei verdammte Tage um Licht ins Dunkel zu bringen.“
„In zwei Tagen könnt ihr bereits tot sein, insbesondere dann, wenn ihr ohne Aya bei eurem nächsten Auftrag auf sie trefft.“
„Bitte!“
„Youji?“ Omi, seine Stimme unsicher. „Wieso?“
„Es gibt da etwas, das gegen Ayas Schuld spricht. Er hat es mir in unserem letzten Gespräch anvertraut. Ich möchte ihn mit den Bildern konfrontieren und ich schwöre euch, dass ich ihn eigenhändig töten werde, sollte ich mich irren und sollte er übergelaufen sein. Ich schwöre es euch.“
„Womit willst du ihn konfrontieren?“, fragte Ken und machte Youji deutlich, dass er keine ausweichende Antwort dulden würde. Ken vertraute ihm in diesem Punkt nicht und das schmerzte Youji mehr, als dass er es zugeben wollte. Auch wenn er es verstehen konnte. Das hier war nicht ihr sonstiges Gekabbel untereinander. Dies hier war noch nicht einmal mit den ernsteren Konflikten der ersten Zeit zu vergleichen.
Sorgfältig wägte Youji die Worte ab, die er seinem Team und Birman mitteilen würde, in der irrigen Annahme, dass er jemanden schützen musste, der es sicherlich nicht verdient hatte.
Langsam atmete er aus, bedächtig wieder ein.

„Aya hat mir von einem Mann erzählt, den er vor Ort gerettet hat. Er sagte, dieser Mann sei ein Sexsklave gewesen, an dem sich Lasgo vergangen hätte. Lasgo hätte ihm den Mann geschenkt, damit er sich auch an ihm bediene und Aya habe ihn davor bewahrt, weiter missbraucht zu werden. Er hat mir gegenüber keinen Namen genannt, aber was, wenn Crawford der besagte Mann ist?“ Hilflos sah er in die Runde und blieb an Birman hängen, über deren Gesicht ein dunkler Schatten huschte, den er nicht identifizieren konnte. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Omi kam ihr zuvor.
„Das kann doch nicht sein, Youji. Wie sollte er denn… warum sollte Aya denn… wie passt das alles zusammen?“
Der ältere Weiß schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, wie das zusammenpasst, aber es würde die Fotos erklären. Und seht sie euch doch an. Seht euch Crawford auf ihnen genau an. Wirkt er wie das arrogante Hellseherarschloch darauf? Nein. Schaut euch die Kleidung an, die Haltung. Der Mann auf diesen Fotos ist verwundet. Die Frage ist nur, von was. Und wenn wir dieser Frage nachgehen, dann wissen wir auch, warum Aya ihm geholfen hat und warum die Fotos ihn derart kompromittierend zeigen und den Eindruck erwecken, er sei ein Verräter.“

Birman schnaubte verächtlich. „Das ist nichts weiter als eine vage Theorie, Balinese. Und dazu noch sehr weit hergeholt.“
„Aber sie wäre möglich.“ Ken, die treue Seele. Ken, der Aya mochte und ihn respektierte.
Birman schüttelte den Kopf. „Youji, Ken, das ist zu gefährlich.“
Sie stieß auf taube Ohren. Youji grollte. „Zwei Tage. Das sind wir Aya schuldig, Birman. Das sind wir unserem Freund verdammt nochmal schuldig.“

Damit erhob er sich ebenso und nahm die Fotos an sich. Wortlos, aber mit einem festen Blick auf sie ging er an ihr vorbei nach draußen. Er musste Aya finden, er musste ihn zur Rede stellen. Er musste wissen, ob es sich bei dem Mann, den Lasgo gefangen gehalten und vergewaltigt hatte, tatsächlich um den Anführer von Schwarz handelte.

 

~~**~~

 

Youji erlaubte sich gerade soviel Höflichkeit, um anzuklopfen, bevor er Ayas Zimmer betrat, das nach Stunden endlich wieder bewohnt war.
Wo er sonst einen bissigen oder ironischen Kommentar für sein allzu vertrauliches Verhalten erhielt, schenkte ihm Aya nun noch nicht einmal Aufmerksamkeit. Gedankenverloren starrte er aus dem Fenster, ein Bein zu sich auf den Sessel gezogen, das andere lang vor sich ausgestreckt. Seine Stirn war kritisch verzogen und anscheinend erkannte er erst jetzt, dass Youji sich in seinem Zimmer befand.

„Was willst du hier?“, fragte er mit seinem tiefen Bariton rau, als hätte er seine Stimme schon lange nicht mehr benutzt und Youji hob die Augenbraue. Er sparte sich seinen Charme und die gute Laune, mit der er sonst auf ihren Anführer zutrat, wenn er etwas wollte, sei es auch nur eine Antwort auf seine Fragen. Dafür war das hier zu ernst für sie alle. Insbesondere für den rothaarigen Mann selbst.
„Ich will dich etwas fragen, Aya. Und ich möchte, dass du mir eine ehrliche Antwort darauf gibst.“
Stirnrunzelnd setzte sich Aya auf. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dich jemals angelogen zu haben“, gab er zurück. Wortlos deutete er auf den zweiten und Youji konnte sehen, wie die Entspannung einer allumfassenden Anspannung wich. Aya ahnte, was auf ihn zukommen würde und alleine das machte Youji wütend. Warum hatte ihr Anführer das vor ihm verschwiegen? Ausgerechnet das? Vertraute er ihm so wenig, dass er sich ihm nicht öffnete und nicht ehrlich zu ihm war, wenn es etwas gab, das ihn belastete, oder mit dem man ihn eventuell erpressen konnte?
Eigentlich konnte sich Youji die Antwort selbst geben. Natürlich vertraute Aya ihnen nicht, denn er war schon immer ein Einzelkämpfer gewesen, der regelrecht Angst hatte, sich auf andere zu verlassen.

Langsam ließ sich der älteste Weiß auf den allzu gemütlichen Sessel nieder, der ihm schon für viele Stunden eine bequeme Unterlage während ihrer ruhigen und tiefen Gespräche gewesen war, die sie schlussendlich hatten führen können. Seine Finger ballten sich unwillkürlich zur Faust, als er für einen Moment über die Möglichkeit sinnierte, dass Aya sie tatsächlich verraten hatte und nun mit Schwarz und Takatori gemeinsame Sache machte, so unwahrscheinlich das auch war. So absurd und widerlich.

„Wer war der Mann, den Lasgo als Sexsklaven gehalten hat? Wie war sein Name?“, fragte Youji ohne Umschweife und sah an den sich weitenden Augen, dass seine Vermutung die Goldrichtige gewesen war. Dafür brauchte er noch nicht einmal das schuldbewusste Zusammenzucken des rothaarigen Mannes oder den mühevoll hüpfenden Adamsapfel, der den Kloß namens Lüge hinunterzuschlucken versuchte.
Zunächst blieb ihm Aya eine Antwort schuldig, während er ihn mit großen, überrumpelten Augen anstarrte und anscheinend nicht wusste, wie er sich aus dieser Frage herauswinden konnte ohne zu lügen. Youji erlöste ihn aus seiner Starre, indem er in seine Gesäßtasche griff und die Fotos hervorzog, die ihn wie ein schweres Gewicht begleiteten. Im Stapel warf er sie auf den niedrigen Beistelltisch zwischen den beiden Sesseln und wartete, dass Aya sie aufnahm.

Beinahe schon ruckartig griff dieser danach und ebenso ruckartig fuhr er zusammen, als hätte er sich verbrannt. Foto um Foto um Foto besah er sich, steckte es nach hinten, besah sich das Nächste und ließ sie schließlich langsam wieder sinken.
„Birman sagt, du hättest uns auf der Mission an Schwarz verraten. Sie glaubt, dass Crawford dort war und etwas damit zu tun hatte, dass du Lasgo nicht ausgeschaltet hast. Sie glaubt auch, dass du für den toten Kritikeragenten auf dem letzten Foto verantwortlich ist. Hast du uns verraten, Aya?“ Betont ruhig hatte er Fakten rezitiert und die Frage gestellt, doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Youji vor Aufregung zitterte und dass sich seine Muskeln vor lauter Anspannung schmerzhaft zusammenzogen. Ihm war kalt vor Übelkeit und mit einem Blick auf seinen Freund fand er all das bestätigt, was auch in ihm selbst tobte. Ayas Hand zitterte. Er war kalkweiß im Gesicht. Seine Lippen öffneten und schlossen sich wieder, ohne einen Ton heraus zu lassen. Dann sah er mit großen Augen hoch und schluckte erneut schwer.

„Diese Fotos stammen von Birman“, stellte er nicht ganz als Frage in den Raum und Youji nickte. Auch das rief eine Reaktion des Entsetzens hervor, die der älteste Weiß nicht ganz einzuordnen vermochte.
Dann ließ Aya sie abrupt auf den Tisch fallen und presste seine Hand auf seinen Mund. Stolpernd erhob er sich, schlug sich den Unterschenkel an dem niedrigen Tisch und stürmte an Youji vorbei aus seinem Zimmer hinaus in das Badezimmer. Hustend und würgend übergab er sich über ihrer Kloschüssel.

Youji ließ ihm diese Privatsphäre, doch als ihr Anführer nicht zurückkehrte, folgte er ihm.

Er fand ihn kniend, mit gesenktem Kopf über der Schüssel.

„Aya.“ Eine Warnung, Erinnerung, Frage… all das beherbergte der Name des Mannes, der nun den Kopf hob. Unsicher tastete seine Hand nach der Spülung und noch viel unsteter kam er wieder auf die Beine. Schweigend wandte er sich zum Waschbecken und wusch sich seinen Mund aus, befreite sich wieder und wieder vom üblen Geschmack des hochgekommenen Mittagessens. Zittrig umklammerte er die Keramik und schloss die Augen.

Wie so oft war es Zeit, die er benötigte, um von sich aus zu erzählen. So auch jetzt.

Ihre Baduhr zeigte fünf Minuten an, in denen sie hier schweigend gestanden hatten. Fünf lange, schweigende Minuten, in denen Youji jede Regung von Aya beobachtet, ausgewertet und analysierte und feststellte, dass an dem anderen Mann nichts Falsches oder Verlogenes war, sondern dass dieser ehrlich tief geschockt war.
Erst nach den unendlichen fünf Minuten, sah er hoch und fand den Mut, Youji direkt in die Augen zu sehen. Sein Adamsapfel hüpfte mühevoll, als er schluckte.
„Mach die Tür zu, Youji.“
Überrascht hielt der älteste Weiß inne. „Es riecht jetzt nicht ganz so gut hier drin, Aya, können wir nicht zurück in dein Zimmer?“
„Mach die Tür hinter dir zu“, wiederholte Aya strenger als vorher, mit mehr Kraft als vorher. Gleichzeitig drehte er den Wasserhahn des Waschbeckens voll auf und verfuhr mit dem Hahn ihrer Wanne ebenso. Stirnrunzelnd folgte Youji dem Befehl und lehnte sich gegen die geschlossene Tür, die Hände locker vor sich verschränkt. Ayas Augen huschten zu eben jenen und Youji wusste, dass Aya erkannte die eindeutige Botschaft dessen.

Notfalls würde er seine Waffe nutzen, die er immer bei sich trug.

„Was soll das alles, Aya?“, fragte Youji erneut und der rothaarige Mann ließ sich auf den Badewannenrand nieder. Schlussendlich nickte er.
„Die Bilder sind echt. Jedes einzelne von ihnen, auch wenn ich mit dem letzten Bild nichts anfangen kann. Ich kenne den Mann nicht und habe auch seine Leiche bis gerade eben noch nie gesehen. Die Bilder von Crawford und mir aber…“ Aya stockte und presste seine Handballen auf die Augen. Ein verzweifelter Laut verließ seine Lippen. „Ja, er ist derjenige, von dem ich dir erzählt habe. Er ist Lasgos Sexsklave. Vielmehr war er es, bevor ich ihn endgültig da herausgeholt habe.“
Es zu vermuten und es noch einmal gesagt zu bekommen, waren zwei unterschiedliche Paar Schuhe, stellte Youji fest. Trotz aller Vermutungen war es ein Schlag in seine Magengrube, dass ausgerechnet Aya einem Feind half, den es zu töten galt. Es drehte Youji den Magen um und ließ ihn schwindeln. Es lief ihm heißkalt den Rücken hinunter, das zu hören.
„Warum hast du ihn nicht getötet?“, fragte Youji und abrupt sah Aya hoch.

„Ich wollte, doch ich konnte es nicht, weil ich meine Tarnung aufrecht erhalten musste. Dann wollte ich ihn zu Kritiker bringen, doch das konnte ich nicht. Und schlussendlich habe ich ihn gehen lassen.“
Wut keimte in Youji hoch, als er sich der feinen Nuancen der ausgelassenen Wahrheit bewusst wurde, die Aya ihm erneut unterbreitete. Schon wieder. Als wären die Auslassungen der vergangenen Tage nicht genug gewesen. Er grollte zornig.
„Ich habe keine Lust auf Auslassungen mehr, Aya. Entweder du erzählst mir jetzt alles, jedes Detail, jedes noch so verdammt unwichtige Detail oder ich prügle dich hier drin windelweich und schleppe dich dann zu Perser persönlich. Klingt das gut für dich? Wirklich?“
Betäubt schüttelte Aya den Kopf.
„Also?“

Youji wartete exakt dreißig Sekunden, bis er einen Schritt nach vorne trat und anscheinend war das der Anstoß für Ayas Redseligkeit. Detail um Detail um Detail servierte ihm der sitzende Mann auf einem Silbertablett, das ekelerregender nicht sein konnte. Angefangen von erzwungenem Oralsex, dem Aya unfreiwillig gelauscht hatte, über das Geschenk, über ihren brüchigen und widerwilligen Waffenstillstand, bis hin zu Ayas Wutausbrüchen und seiner eigenen, schlimmen Tat, die er selbst nicht verstand, über ihren Kampf und die endgültige Befreiung des erneut missbrauchten Orakels. Selbst die Nacht in einem Ferienhaus weitab der Zivilisation ließ er nicht aus, auch nicht, wie er Crawford in dem Hotel abgesetzt hatte. Ebenso wenig wie er Youji Birmans Beteiligung an diesem völligen Horror ersparte.

Mehr als alles andere schockierte das Youji über alle Maßen.

„Das kann nicht sein“, presste er hilflos hervor. „Das KANN nicht sein, nicht Birman. Wieso sie? Warum sollte ausgerechnet sie…?“
Gepeinigt stöhnte Aya auf. „Wenn ich das wüsste, Youji. Sie sagt, es ist ihre Rache an Schwarz und ihr Kampf für die richtige Sache. Deswegen erpresst sie mich auch mit meiner Schwester und droht mir, Aya zu töten, wenn ich nicht das tue, was sie verlangt.“

Was?!?“ Youji glaubte, sich verhört zu haben. Er musste sich verhört haben, anders konnte er sich das nicht erklären, was hier vor sich ging. Wieso sollte Birman zu all dem auch noch Aya so etwas antun? Niemals hatte sie ein Anzeichen dafür gegeben, dass sie ihn so sehr hasste oder dass sie ihren Weg nicht als den Richtigen ansah.
Aya nickte. „Schon nach meiner Rückkehr kamen erst Lasgo, dann sie zu mir. Sie erpresste mich mit meiner Schwester und erteilte mir den Auftrag, Perser zu töten.“ Hilflos sahen violette Augen zu ihm hoch. Hilflos baten sie um Rat. Hilflos war aber auch Youji angesichts solcher unerwarteter, unvorstellbarer Grausamkeit.
„Sie wird auch Weiß umbringen lassen, wenn sie erfährt, dass ihr es wisst, deswegen habe ich nichts gesagt. Ich muss ihr Spiel mitspielen, um euch und Aya sicher zu wissen, auch wenn ich noch nicht weiß, wie ich das anstellen soll. Ich kann Perser nicht töten, ich darf es nicht. Aber was für eine Wahl bleibt mir, wenn sie meine Schwester bedroht?“
„Sag es ihm und bitte ihn, deine Schwester in Sicherheit zu bringen.“

Verzweifelt schüttelte Aya den Kopf. „Das kann ich nicht. Sie hat Männer außerhalb von Ayas Krankenhauszimmer positioniert und ich weiß nicht, welchen der Ärzte sie geschmiert hat, die sofort handeln, wenn sie Wind davon bekommt.“
„Wir können uns um die Männer kümmern und Aya an einen sicheren Ort bringen.“
Aya lachte bitter auf. „An welchen denn? Wir haben nicht die infrastrukturellen Möglichkeiten, sie ihren Bedürfnissen entsprechend unterzubringen. Sie würde ohne die Geräte innerhalb von Minuten elendig zugrunde gehen, Youji.“
„Aya, es muss doch - “
„Nein! Das ist es ja. Nein, es gibt nichts. Und nur, weil ich Crawford da rausgeholt habe. Nur weil ich verdammt nochmal nicht zulassen konnte, dass sie ihn in ihre Finger bekommt, wenn ich ihn Kritiker ausliefere.“

Youji runzelte die Stirn. In allem, was Aya ihm erzählt hatte, war ihm Birmans Verrat zu allererst ins Auge gestochen. Aber da gab es noch ein anderes Problem und das hieß Schwarz.
„Du hast dich mit ihm auf dem Friedhof getroffen, richtig?“, fragte er und Aya schüttelte den Kopf.
„Ich wusste nicht, dass er kommen würde. Ich war da, um beim Grab meiner Eltern Ruhe und Antworten zu finden.“
„Was hat er gemacht?“
„Mich mit einer Waffe bedroht, ohne mich umzubringen oder mich zu verletzen. Geredet. Sich angehört, was ich zu sagen hatte. Sonst nichts. Ich schwöre Youji, sonst weiß ich von nichts!“

Und ja, Youji glaubte Aya das. Er glaubte ihm, dass er nur Gutes im Sinn gehabt hatte. Er glaubte ihm, dass er keinen Verrat begangen hatte. Er glaubte ihm, dass er Hilfe brauchte.
„Wie hat er auf dich reagiert? Ich meine darauf, dass du es weißt, dass du quasi Zeuge seiner Vergewaltigung warst und dich ihm selbst beinahe aufgezwungen hast?“ Ekel überkam Youji, doch er schluckte ihn hinunter. Damit würde er sich später befassen.
„Ich hätte erwartet, dass er mich umbringt, sobald ich nicht mehr für ihn nützlich bin, aber das hat er nicht getan. Ich habe keine Ahnung warum nicht, denn ich glaube nicht, dass ein Mann wie er es einfach hinter sich lassen kann, was passiert ist.“
Youji nickte bestätigend. „Ich auch nicht. Daher meine Frage, was er in dem Ganzen von dir will.“
„Rache, im schlimmsten Fall.“
„Die wird er nicht bekommen, wenn wir den Auftrag erhalten, dich zu töten oder Birman dich durch ihre Leute erledigen lässt.“

Aya verfiel wieder in grüblerisches Schweigen, das mit einem abgehackten Laut endete. „Ich weiß nicht, was ich machen soll, Youji. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand und ich habe keine Handlungsoptionen mehr. Und ich kann niemanden um Hilfe bitten ohne dass Birman davon Wind bekommt. Deswegen wirst du auch Ken und Omi nichts erzählen, sie dürfen da nicht mit reingezogen werden. Und du auch nicht…ich hätte nicht mit dir reden sollen, dir nichts erzählen sollen, sie werden dich - “
Abrupt brachen die beinahe schon panischen Worte ab, als Youji mit einem Satz bei Aya war und ihn zu sich hochzog. Fest presste er ihn an sich und schloss seine Arme wie einen Schraubstock um den Anderen.
„Nein, Aya. Wir finden gemeinsam eine Lösung. Du bist nicht mehr alleine. Du hast mich. Ich lasse mir etwas einfallen, hörst du? Nicht heute Abend. Aber ich verschaffe dir Zeit, versprochen. Zeit, damit wir zusammen einen Plan finden.“

Der Mann in seinen Armen schwieg dazu, doch nach unendlich langer Zeit schloss er seine Arme um die Körpermitte von Youji und ließ seinen Kopf gegen das Schlüsselbein fallen. Youji vermeinte, durch sein T-Shirt hindurch Feuchtigkeit spüren zu können, doch er mochte sich auch täuschen. Für sein Seelenheil vermochte er das… denn Aya weinen zu sehen, wäre dem sicherlich nicht zuträglich.

 

~~**~~

 

Youji stellte fest, dass ihn die letzten Jahre träge gemacht hatten. Ja, die Verbrecherjagd hatte ihn zwar körperlich fit gehalten. Wieder und wieder musste er sich in neue Rollen eindenken, was eine gewisse Art der Abwechslung mit sich brachte. Aber eine ernsthafte Gefahr für Leib und Leben, das hatte er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt. Gefahr für sein Team, seine Freunde, auch nicht.
Und so stellte Youji fest, dass ihm genau das gefehlt hatte, so bitter es auch war. Er lebte genau hierfür, für die Problemlösung, für das beinahe Aussichtslose, das er lösen würde. Er war derjenige, der die Fäden in der Hand halten musste, damit sie das hier alle unbeschadet überstanden.

Mehr als alles andere aber ehrte ihn das Vertrauen, das Aya in ihn hatte.

Und so begann er zu planen und Fäden zu spinnen, um das zu erreichen, was er wollte.
Er hatte mit Birman gesprochen, freundlich bis in seine Haarspitzen, auch wenn er sie am Liebsten durch das Telefon hinweg erwürgt hätte. Er hatte sie davon überzeugt, dass er noch Zeit bräuchte, dass er aber alles unter Kontrolle hatte. Er hatte mit Omi und Ken gesprochen und ihnen gesagt, dass er noch etwas Zeit bräuchte und dass er nach ihrem Auftrag noch einmal ausführlich mit ihnen und mit Aya sprechen würde. Das war nicht wirklich gelogen, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Er würde mit Weiß sprechen, aber erst, nachdem sie diese Mission hinter sich gebracht hatten. Aya hatte er zu seiner Schwester geschickt.

Er zog seinen Mantel über das klassische, kurzärmlige Oberteil und schloss diesen. Wie vor jeder Mission überprüfte Youji seinen Draht und streifte sich als Letztes die Handschuhe über. Erst dann steckte er das unscheinbare Stück Papier in seine Manteltasche. Mit einem letzten Blick in den Spiegel verließ er sein Zimmer und kam zu Ken und Omi, die bereits fertig waren und unten warteten.

Es war ein einfacher Auftrag. Ein Verbindungsmann von Takatori, eine wichtige Schnittstelle in den Finanzbereich des organisierten Verbrechens und der Geldwäsche. Ohne ihn würde sich zumindest der Südflügel von Tokyo über Monate, wenn nicht sogar Jahre destabilisieren.
Der Mann selbst hatte einen penibel festgelegten Tagesablauf, der vor Monaten durch Zufall und eine aufmerksame Beobachterin entdeckt worden war. Und so würden sie sich seinem Ablauf in der Nacht anpassen und ihn nach seinem wöchentlichen Treffen mit dem Masseur abfangen.

Einfach und schon tausendmal dagewesen.

Gemeinsam fuhren sie los und kämpften sich durch den abflauenden Stadtverkehr. Der Masseur befand sich in einem der Luxusviertel, das still und verschwiegen war. Am Anfang hatten solche Aufträge noch ein gewisses Maß an Abwechslung gebracht, doch nun war auch das kein Thema mehr.
Nur eine einzige Sache würde Abwechslung hineinbringen und wenn Youji darauf wetten müsste, würde er sagen, dass Takatori ein so prämiertes Zugpferd nicht alleine lassen würde.

Er behielt Recht.

Fujiwara Shichiro war umringt von Bodyguards, die für Weiß keine wirkliche Herausforderung darstellten. Einen nach dem anderen schalteten sie aus, routiniert in Zusammenarbeit und Kommunikation, immer in dem Wissen, dass ihr Hiersein eine offene Einladung für Schwarz war, insbesondere für den Hellseher des gegnerischen Teams, dessen Gabe aber unter dem Einfluss von Lasgos Tun gelitten hatte. So hatte es Aya ihm erzählt und heute Abend, so sein Plan denn aufging, würde Youji eben diese aufgestellte These testen. Nicht, dass viel mehr hatte als eine Vermutung.

Crawford war ein berechnendes Arschloch, das nur seinen eigenen Vorteil und den seines Auftraggebers kannte. Wieder und wieder hatte er mit Weiß gespielt und sie spüren lassen, dass sie nichts weiter waren als lästige Fliegen, die es zu beseitigen galt, wenn ihre Nützlichkeit überholt war. Doch noch waren sie anscheinend in irgendeiner Art und Weise für Schwarz von Nutzen, denn nur deswegen lebten sie noch mit einem feindlichen Team als Gegner, das aus einem Telekineten, einem Telepathen und einen verrückten Massenmörder bestand, allesamt angeführt von einem Mann, der die Zukunft voraussah.
Warum also ließ so jemand den Mann am Leben, der sich ihm beinahe aufgezwungen und der Momente seiner größten Schwäche miterlebt hatte? Was war die Motivation dahinter? Youji konnte sich drei Gründe vorstellen. Entweder, Crawford spielte mit Aya, grausam und sadistisch, wie er nun einmal war. Oder aber er fühlte sich ihm in einer Art Dankbarkeit verbunden. Unwahrscheinlich, bei dem arroganten Amerikaner. Die dritte Möglichkeit war die Absurdeste von allen und Youji war sich beinahe sicher, dass sie nicht zutraf. Was wäre, wenn Crawford Aya tatsächlich noch benötigte?
‚Er hat meine Zukunft gesehen, nicht seine‘, hatte Aya ihm gesagt und Youji fragte sich unwillkürlich, ob dem immer noch so war. Obwohl das Blödsinn war. Nein, vielmehr vermutete er, dass es ein absurdes quid pro quo war, das Crawford davon abgehalten hatte, Aya zu töten.

„Wir bekommen Besuch“, murmelte Bombay über ihre Kommunikation hinweg und Youji konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen. Pünktlich wie die Maurer.
„Schwarz?“, versicherte er sich und bekam ein zustimmendes Brummen von Siberian. Dann konnten die Spiele beginnen.

Auch Schwarz waren in den letzten Jahren faul geworden und hatten sich einer Gewohnheit hingegeben, die sie schwerlich durchbrachen. Bisher hatte das keine Auswirkungen auf ihre Zusammentreffen gehabt, weil sie immer die gleichen Kämpfe mit den ähnlichen Ausgängen gefochten hatten. Doch nun half es Youji, sich auf das gegnerische Team einzustellen. Sie schickten Berserker vor, wie immer. Der blutrünstige Ire war Pfeilfutter, vermutlich absolut entbehrlich. Direkt nach ihm kam der Kleine des Teams, Prodigy, das telekinetische Wunderkind. Er würde sie durch gezielt gesetzte, telekinetische Stöße auseinandertreiben, sodass Mastermind und Oracle ihren Spaß mit ihnen treiben konnten.
Für gewöhnlich war Mastermind sein Gegner, das bedeutete aber nicht, dass sie nicht ab und an Abwechslung in ihre Zusammentreffen brachten und versuchten, das gegnerische Team aus der Fassung zu bringen. Aufgrund von Ayas Fehlen würde Youji sich heute um das Orakel kümmern, das ihm keine fünf Minuten nach Bombays Hinweis ein arrogant amüsiertes Lächeln voller abschätziger Musterung einbrachte, als dieser ihm den Weg zu seinem Auftrag versperrte. Youji konzentrierte sich einzig und allein auf ihn, da er wusste, dass sein Team ihn im Zweifelsfall zu sich rufen würden, wenn es ernst wurde und sie Hilfe benötigten.

„Na sowas. Heute also der große Blonde“, spottete Crawford und schien seine Aufmerksamkeit für einen Moment lang auf seinen Telepathen zu richten. Dann wandte er sich ihm zu und zog seine Waffe, ließ sich von Youji in einen Kampf verwickeln, der von Anfang an durch seine Hellsicht bestimmt war, mit der er den Drähten und de Nahkampf des Weiß auswich.
So geschickt, wie er auch immer Aya ausgewichen war in der Vergangenheit, als dieser sich mit ihm geschlagen hatte.

Youji folgte strikt seinem Plan, hochkonzentriert auf seine Aufgabe, Crawford solange zu beschäftigen und in Atem zu halten, bis Omi und Ken mit ihrem Teil des Plans fertig waren und erste Erfolge erzielten. Wobei es noch nicht einmal mehrere sein mussten. Ein einziger Dart würde heute reichen und der Kleine des Teams wäre außer Gefecht gesetzt, dafür hatte Youji gesorgt um Omis Gedanken zu schützen. Sorgsam verbarg er dieses Wissen unter seiner Konzentration, die, so hatten ihre vergangenen Kämpfe gezeigt, Schuldig insbesondere dann Steine in den Weg legte, wenn der Telepath sich selbst mehrerer Angreifer erwehren musste.

Und so lockte Youji das Orakel weg von seinem Team, hinein in eine der stillen und dunklen Seitengassen. Er ließ den Amerikaner glauben, dass dieser die Oberhand hatte, er gab sich erschöpft und ausgelaugt von dem Kampf und machte Fehler, die er für gewöhnlich machte, wenn er sich am Ende eines Kampfes befand.
Das überhebliche Lächeln des Schwarz teilte ihm genau das mit, was er wissen musste und Youji ließ sich seinen Draht, mit dem er bisher gekämpft hatte, aus der Hand reißen. Das Entsetzen, das nun auf seinem Gesicht erschien, war ebenso gestellt wie das strauchelnde zu Boden gehen, aber dadurch hatte er die Möglichkeit, in seine Tasche zu greifen und den Zettel hervorzuholen und ihn in seiner Hand zu halten.

Crawford kam näher, mit zweckmäßig erhobener und entsicherter Waffe. Sein Blick war überheblich, aber ruhig, wie immer, wenn er sich siegreich wähnte. Im Gegensatz zu Schuldig oder dem vernarbten Irren hatte das Orakel anscheinend keinen sadistischen Spaß daran, Menschen zu töten, sondern zielte und tötete immer pragmatisch, schnell und sauber.

Unwillkürlich schlug Youjis Herz schneller. Noch war er nicht ganz wehrlos, aber es war ein Tanz auf der Messerspitze. Insbesondere hatte er keinen Anhaltspukt dafür, dass der Amerikaner nicht plötzlich doch ernst machte.
Er atmete tief durch. Das war jetzt nicht wichtig.

„Was bezweckst du mit einem sinnlosen Weglocken? Hast du die fahle, trügerische Hoffnung, dass es dir gelingen mag, mich in einer einsamen Gasse zu erwürgen?“, fragte der stehende Mann und verzog die Lippen vor Abscheu. Youji lächelte kurz und zog dann ganz langsam, sodass Crawford es sehen konnte, was er tat, das Foto hervor.
„Nicht ganz. Aber ich habe das hier für dich, Oracle.“

Für den Bruchteil einer Sekunde entglitt Crawford seine immerwährende Kontrolle. Für eine Millisekunde zuckten seine Augen voller Neugier zu dem durch die flackernde Straßenlaterne beschienenen Foto und blieben daran hängen. Es war die Sekunde, die Youji dazu brauchte, um sich klar zu werden, dass Crawford das nicht vorhergesehen hatte und dass er es tatsächlich geschafft hatte, den anderen Mann zu überraschen. Von sich selbst beeindruckt blinzelte er, gab sich aber sonst den mühsamen Eindruck von völliger Unbeeindrucktheit.

Auch wenn sein Herz nun wirklich raste.

Schweigen trat zwischen sie und Youji wartete vergeblich auf eine bissige Bemerkung. Nichts tat sich und je länger Crawford auf das ihm entgegengestreckt Bild starrte, desto zorniger wurde er.
„Woher hast du das?“, grollte der Schwarz schließlich. Eine komische Frage für diese Situation, befand Youji, aber bezeichnend alle Male, hatte er doch das Bild ausgesucht, auf dem Aya den Schwarz anscheinend aufrecht hielt und die Haltung des Schwarz nichts Anderes als Widerwillen ausdrückte.
„Von der Person, die Weiß einen ganzen Stapel solcher Bilder gegeben hat mit der Vermutung, dass Abyssinian uns verraten und einen Pakt mit Schwarz eingegangen ist“, erwiderte er und der Blick der stechenden, hellen Augen bohrte sich schließlich in ihn, als könne er ihn alleine dadurch töten. Ansonsten blieb Crawford stumm, nur seine Waffe gab Youji deutlich zu verstehen, dass es besser für seine körperliche Unversehrtheit wäre, wenn er weitersprach.
„Birman hat sie sich anscheinend aus einer der Sicherheitskameras herauszogen, die durch die Explosionen nicht zerstört wurde. Sagt sie. Abyssinian hingegen sagt etwas Anderes.“
„Das da wäre?“ In Mordlust gegossene Worte schossen ihm entgegen und Youji zuckte unwillkürlich zusammen. Da war sie, die sonst fehlende Bereitschaft des Orakels, mit Genuss zu töten. Ob Youji das auf sich bezogen so gut fand, bezweifelte er im höchsten Maße.

„Er sagt, dass du nicht freiwillig dort gewesen bist und dass er deinen Arsch aus den Fängen Lasgos gerettet hat. Zweimal.“ Den Rest verschwieg Youji, da er instinktiv ahnte, dass Crawford Mitwisser erledigen würde, die die schmutzigen Details seines Aufenthaltes kannten. Alle bis auf Aya vermutlich.
„Birman ist der Meinung, dass es ein Verrat ist. Und Verrat bestraft Kritiker mit dem Tod.“
Deutlicher konnte Youji es nicht sagen, dass Ayas Leben auf dem Spiel stand, deutlicher konnte er selbst keinen Verrat begehen ohne dass er der Nächste war, dessen Kopf sauber von seinem Rumpf getrennt werden oder der mit einer Kugel im Kopf enden würde. Doch anscheinend kannte Crawford keine Gnade, so schnell, wie er zu seiner überheblichen Arroganz zurückfand.

„Das ist etwas Schlechtes?“, fragte er höhnisch und Youji knirschte mit den Zähnen. Der Hohn riss an seiner Selbstbeherrschung und an seiner Sorge um seinen Freund, der von Birman fälschlicherweise als Verräter bezeichnet wurde. Der Hohn machte ihm deutlich, dass er vielleicht falsch gelegen haben konnte und dass Crawford ihn mit Freuden vorführen würde. Und so konnte Youji gar nicht anders. Wie immer, wenn er derjenige war, der in die Ecke gedrängt wurde, teilte er aus.
Abgrundtief böse knurrte er.

„Für uns? Auf jeden Fall. Für dich? Sicher. Denn so wie du ihn auf dem Friedhof nicht getötet hast oder auch in dem Ferienhaus, in dem ihr untergekommen seid, nachdem er dich aus dem Areal geholt hat, brauchst du ihn noch.“
Der Schuss ins Blaue war vage und zum großen Teil verzweifelt, aber alleine an Crawfords erster Reaktion, einem beinahe unsichtbaren Zurückzucken, sah Youji, dass er zumindest einen Funken Wahrheit in sich trug. Da spielte es keine Rolle, dass Crawford deutlich amüsiert lachte und den Kopf schüttelte.
„Wozu, außer als Sandsack, sollte ich einen von euch stümperhaften Auftragskillern brauchen, Balinese?“, fragte er und Youji starrte ihm wütend in die Augen.
„Wozu? Dass er dir hilft, die Geschehnisse vor deinem Team geheim zu halten. Oder aber um deine Gabe stabil zu halten, die – warte, was hat er nochmal gleich gesagt? – sich in Lasgos Areal nur auf ihn gerichtet hat, nicht aber auf dich, weil sie instabil ist. Sag mir, Crawford… hast du immer noch Probleme?“, forderte Youji den Teufel zu einem Tanz heraus, dessen Schritte er noch nicht einmal im Ansatz kannte.

Crawfords langsames, teuflisches Lächeln deutete ihm an, dass zumindest einer von ihnen den Tanz dann doch beherrschte.

 

~~~~

 

Wird fortgesetzt. ^^ :P

Chapter Text

Der Knauf der Waffe, die Youji zielsicher ins Gesicht getrieben wurde, ließ Schmerz in seiner Wange explodieren, den er sich so niemals dort gewünscht hatte. Doch Schmerz war alle Male besser als eine Kugel im Kopf und so nahm Youji die Hämatome, die seine Wange zieren würden, liebend gerne in Kauf. Er würde noch viel mehr geben, um Aya zu retten.
Youji rollte sich aufstöhnend zur Seite und war versucht, seine Hand auf die schmerzende Wange zu pressen. Doch er brauchte beide für seinen Plan, so ließ er es pochen und brennen.

Er hatte Crawford, das eiskalte Orakel, mit seinen Worten also derart erwischt, dass dieser es für notwendig hielt, ihn zu schlagen, anstelle ihn mit Worten zu demontieren, wie er es sonst tat. Also ging eine solche Tat auch an einem Mann wie Crawford nicht spurlos vorbei, egal, wie er eiskalt und böse er selbst war.
Youji verkniff sich ein selbstironisches Lächeln und spuckte Blut auf den sauberen Asphalt. Er war schon ein draufgängerischer, verrückter Trottel, wenn er sich selbst näher betrachtete. Das hier konnte fürchterlich schiefgehen, wenn auch nur eine Information nicht stimmte oder einer seiner Schlüsse der Falsche war.

„Also, deiner Antwort auf meine Frage entnehme ich, dass ich Recht habe, Schwarz“, provozierte er weiter, dieses Mal jedoch ruhiger und getragener, ohne Spott oder Hohn. Die Richtung des Gespräches, in das er sich nun bewegen würde, wäre gefährlich genug ohne dass er erkennen ließ, was er darüber dachte. Und wenn Youji ehrlich war, so gönnte er es niemandem, vergewaltigt worden zu sein. Nicht einmal Schwarz und auch nicht Crawford.
„Du brauchst ihn also am Leben, Oracle, damit du funktionieren kannst“, deduzierte er ungeachtet des Schmerzes und ungeachtet der Nähe des Anführers von Schwarz, der die Waffe erneut zum Schlag erhoben hatte und über ihm thronte. Youji warf einen Blick durch seine Haarsträhnen hindurch nach oben und sah widerwilliges Schweigen dort, das ihm mehr als alles andere Aufschluss darüber gab, dass er zumindest teilweise Recht hatte.
„Wenn Birman ihn in ihre Finger bekommt und ihm eine Kugel durch den Kopf jagt, was passiert dann mit dir? Wie funktioniert deine Gabe dann ohne ihn?“
Crawford grollte abgrundtief böse, anscheinend nicht im Mindesten darüber erfreut, was Youji ihm ins Gesicht schleuderte. „Wie kommst du darauf, dass meine Gabe ausgerechnet Abyssinian benötigt?“

Ein Schnauben entkam Youjis Lippen und er löste mit einem Ruck seinen zweiten Draht, der sich um die Waffe des Mannes vor ihm wickelte und sie unweit von ihnen beiden in eine der dunklen Ecken schleuderte.
Auch das hatte Crawford nicht vorausgesehen, auch wenn er auf ein derartiges Vorgehen bestens vorbereitet war. Der Mann war trotz seiner feinen Anzüge eine in Menschenform gegossene Mordwaffe und so machte er es Youji beinahe unmöglich, ihn in eine Ecke zu drängen oder zu Boden zu werfen.

Ersteres gelang dem ältesten Weiß jedoch nach einem kurzen, brutalen und äußerst knappen Schlagabtausch, zu dessen Ende Youji derjenige war, der Crawford mit seiner eigenen Waffe bedrohte und ihm zu verstehen gab, dass Gegenwehr auf ernste Sanktionen stoßen würde.
Außer Atem hielt sich der Amerikaner an dem Container fest, an dem er lehnte und die Mordlust in seinen Augen konnte nicht größer sein. Angespannt lauschte Youji nach Besuch und stellte fest, dass sein Team den Rest von Schwarz noch ganz gut auf Trab hielten.
Auch Youji war ordentlich außer Atem und eine Welle des Hochgefühls wollte ihn überschwemmen, doch er ließ das nicht zu. Das hier war nicht sein Triumph, es war vielmehr das Problem des Orakels.

„Genau deswegen komme ich auf den Gedanken, dass du Abyssinian benötigst. Es wäre ein Leichtes, dir jetzt deine eigenen Kugeln in den Kopf zu jagen. Dir. Dem allmächtigen Orakel von Schwarz und das nach all den Jahren. Was bin ich beeindruckt von mir selbst.“
„Du spielst mit deinem Leben, Balinese. Ein Gedanke an Schuldig und er -“
„Genau das ist es ja“, unterbrach Youji Crawford. „Schuldig wäre schon längst hier, wenn er hiervon wüsste. Das hat die Vergangenheit oft gezeigt. Aber er weiß nichts davon und er soll auch nichts wissen. Das macht dich einsam und angreifbar, hinzukommt dann noch, dass seine Gabe nicht gut genug wirkt, dass du dich gegen mich und meine läppischen Drähte behaupten kannst.“

Dass der unbändige Hass in den Augen des Amerikaners noch steigerbar war, erkannte Youji jetzt und es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter. Er schauderte vor unwillkürlicher Angst vor Crawford und dessen bodenloser Mordlust und er fragte sich, wie Aya das ausgehalten hatte, in der Gegenwart des Mannes überhaupt ein Auge zuzutun.
„Birman hat Unrecht, Abyssinian hat uns nicht verraten.“
Crawford lachte verächtlich. „Birman hat Unrecht“, äffte er Youji nach und ließ das Lachen verklingen. „Wie immer verkennst du und dein Scheuklappenteam die Lage, Balinese. Eure ach so gut Agentin…“
„…steckt bis zum Hals in der Geschichte mit Lasgo und hat ebenso ihre Spielchen mit dir getrieben wie Lasgo auch.“

Stille trat abrupt zwischen sie und gewaltvoll zuckte Crawford zurück, als hätten ihn Youjis Worte verbrannt. „Denkst du allen Ernstes, dass sie Spielchen getrieben haben?“, zischte der Amerikaner ungläubig im Ton und ohne Beherrschung.
Der Weiß schüttelte den Kopf. „Nein. Das, was sie getan hat, war viel schlimmer als das“, ließ er offen, was und wieviel er wusste und schaltete einen Kommunikationskanal zu seinem Team frei.
„Balinese an Bombay. Report.“

Für den Bruchteil einer schrecklichen Sekunde hörte er nichts, dann knisterte es vielversprechend in der Leitung. „Bombay hört. Prodigy am Boden. Mastermind kampfunfähig. Berserker auf dem Rückzug, er sollte gleich bei dir eintreffen. Lage, Balinese?“
„Oracle unter Kontrolle. Zielperson?“
Wieder dauerte es einen Moment lang, bevor ihr Jüngster antwortete. „Siberian hat ihn so eben neutralisiert. Rückzug, Balinese.“
„Ich komme.“
Crawford hatte dem Gespräch mit hilfloser, unbändiger Wut im Gesicht zugehört und Youji sah es ihm an, dass er nichts hiervon vorhergesehen hatte. Rein gar nichts.
„Wie du siehst, machst du dein Team ohne deine Gabe angreifbar und verwundbar, Orakel. Das wäre mir unter normalen Umständen egal, da Takatori ohne euch ein leichtes Ziel für uns wäre. Aber wir beide haben gemeinsame Interessen und ich verspreche dir, wenn Aya wegen dir draufgehen sollte, nur weil er dir deinen Arsch gerettet hat, wo er es nicht hätte tun müssen, komme ich dich holen und das jetzt war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir mit euch machen können. Nicht zu vergessen, was es für eine schlechte PR für dich wäre, wenn deine Unfähigkeit ans Licht kommt, die Zukunft zu sehen.“

Absurd, schoss es Youji durch den Kopf. Das alles hier war wirklich absurd und vollkommen unglaubwürdig. Hätte ihm jemand einmal erzählt, dass er das Orakel von Schwarz erpressen würde und dass er eine Waffe auf den Hellseher richten würde, er hätte laut gelacht. Und nun stand er hier und konnte es nicht wirklich fassen.

Über sich selbst den Kopf schüttelnd trat Youji Schritt und Schritt zurück und zuckte brachial zusammen, als er mit einem Mal durch ein Hindernis in seinem Rücken aufgehalten wurde. Abrupt fuhr er herum, die Finger bereits am Abzug um notfalls zu schießen, doch seine Hand wurde mit einem bestimmten, eisernen Griff vom Gesicht des Berserkers weggerissen.

Oh Scheiße.

Youji hätte schwören können, dass Farfarello vorher da noch nicht gewesen war. Er hätte schwören können, dass sein Instinkt ihn davor gewarnt hätte. Er hätte… was auch immer er hätte, jetzt hatte er ein gewaltiges Problem mit Crawford im Rücken und dem Irren vor sich.
Doch dieser nahm nicht mehr als flüchtige Notiz von ihm, als sich sein Auge auf seinen Anführer richteten und Youji ignorierte, als würde er nicht gerade versuchen, dem Iren den Arm zu brechen.

Doch schneller als es ihm lieb war, kehrte dieser durchdringende, verrückte Blick zu ihm zurück und Farfarello stieß ihn von sich, weiter weg von Crawford in Richtung Straße.
„Lauf, Katerchen. Lauf“, schnarrte die raue Stimme lasziv, voller Versprechen auf Gewalt und Tod und Youji gehorchte beinahe augenblicklich, nachdem er den Schock überwunden hatte, dass sich der vernarbte Mann so mühelos an ihn heranschleichen konnte.

Vor allem aber, dass er ihn nicht einfach getötet hatte.

Schmerzhaft schnell schlug sein Herz, ebenso wie seine Kehle so trocken war als käme er frisch aus der Wüste. Ohne weitere Zeit zu verlieren, kehrte er zurück zu seinem Team, damit sie fahren konnten. Immer mit der Frage im Hinterkopf, was er eigentlich gerade getan hatte und ob sein schnell zusammengestrickter Plan, wie er liebevoll auch die letzte Drohung an den Amerikaner nannte, überhaupt Früchte tragen würde.

 

~~**~~

 

Crawford hätte es sich denken können, dass die eisige Stille im Auto ein schlechtes Vorzeichen gewesen war. Er hätte es sich denken können, dass Schuldigs abgewandtes Gesicht im Rückspiegel eine Warnung für das kommende Kräftemessen gewesen war. Gespenstisch ruhig war es in seinem Wagen gewesen, während Schuldig Nagi wieder und wieder über das bewusstlose Gesicht gestrichen hatte, das eigene blasse, schweißnasse Gesicht nur beleuchtet durch die vorbeiziehenden Straßenlaternen.

Selbst in der Art, wie ruhig Schuldig schließlich in ihrer organisationseigenen Klinik war und wie stoisch er die Blutuntersuchung über sich ergehen ließ, hätte Crawford deutlich lesen können, dass eine Konfrontation unmittelbar bevorstand und dass nur noch der zündende Funke fehlte um den Telepathen explodieren zu lassen.

Doch Crawford ignorierte all das zugunsten seiner eigenen Gedanken, die in wilden, nicht enden wollenden Kreisen liefen.
Er wusste noch nicht einmal, wo er anfangen sollte: bei Nagi und Schuldig, die von Bombays Darts verwundet worden waren? Bei ihrer verlorenen, zu schützenden Person? Bei Kudou, der es tatsächlich gewagt hatte, ihn erpressen zu wollen? Bei Fujimiya, der ausradiert werden würde? Oder bei seinen Visionen, die nur dann zuverlässig waren, wenn er sich, wie heute Morgen, in der Nähe des Weißanführers befand und dort jede Möglichkeit der Zukunft durchspielte, die sich ihm in dem Moment aufdrängte.

Heute Abend hatten sie geschwiegen und die Hälfte seines Teams hatte dafür die Rechnung getragen. Während er sich von Kudou hatte weglocken lassen, hatten Weiß die Chance genutzt um den Rest seines Teams auszuschalten. Bis auf Jei, der sich aus bisher unerfindlichen Gründen zurückgehalten hatte, insbesondere dann, als er den ältesten Weiß ohne Probleme hätte beseitigen können.

Das Orakel sah auf, als die Tür zu dem pragmatischen, unpersönlichen Untersuchungsraum sich öffnete und Dr. Maxim Chakov den Flur betrat. Hinter ihm lag Nagi immer noch wie ein Toter schlafend auf dem schmalen Krankenhausbett.
Hätte er seinen Zustand nicht verschwiegen, hätte er anstelle von Nagi in diesem Zimmer gelegen, wurde es Crawford mit einem Mal bewusst.
Rosenkreuz hätte ihn sicherlich nicht direkt am gleichen Tag gehen lassen, wenn er tatsächlich zur Untersuchung gekommen wäre. Sie hätten ihn über eine Woche, vielleicht auch mehr, hierbehalten um ihn zu untersuchen und Tests an ihm durchzuführen.
Wenn sie nicht schon durch seine Verletzungen Schlüsse gezogen hätten, hätten sie durch seine Erinnerungswiedergabe das Traumateam angefordert, das ihn noch einmal länger hierbehalten hätte. Crawford schauderte innerlich. Alleine bei der Vorstellung, dass er über das, was Lasgo getan hatte, hätte reden müssen, verursachte ihm brachiale Übelkeit.

Also hatte er sich für einen Weg entschieden, der an seiner Statt nun Nagi in dieses Zimmer gebracht hatte. Ausdrucklos wandte sich Crawford an Dr. Chakov.
„Was ist mit ihm?“
„Gemäß den Ergebnissen des Bluttestes hat man ihm ein starkes Schlafmittel verabreicht“, erwiderte der Arzt in schwer akzentuiertem Deutsch, was auch hier in Japan ihre offizielle, gemeinsame Amtssprache war, egal, aus welchem Teil der Welt sie kamen. Er hatte für diese Sprache nichts übrig, sie war ihm zu hart, aber natürlich fügte er sich dem Diktat ihrer Organisation. „Nichts, was bleibende Schäden hinterlässt, auch wenn Herr Naoe sicherlich mit Kopfschmerzen und Übelkeit aufwachen wird am nächsten Morgen. Sie können ihn bereits heute wieder mitnehmen, wenn Sie das wünschen. Ansonsten werden wir ihn morgen früh mit einem Wagen zu ihrem Anwesen zurückschicken.“
„Behalten Sie ihn über Nacht zur Kontrolle hier“, entschied Crawford. Es wäre besser, wenn der Junge nicht mitbekommen würde, wie Schuldig und er diverse Dinge klärten. Apropos.
„Mastermind?“
„Herrn Schuldig wurde, ebenfalls über eine Injektion, ein Gift verabreicht, das starke Schmerzen hervorruft, aber keine Langzeitschäden mit sich bringt. Die Injektion des Antidots brachte beinahe augenblicklich Linderung.“
„Beeinträchtigen das Gift oder das Antidot seine Einsatzfähigkeit?“
„Nein. Er wird noch eine Stunde lang beobachtet, dann ist ihm die Erlaubnis erteilt, Sie zu Ihrer Basis zu begleiten.“
Crawford nickte zustimmend und seufzte innerlich. Eine Stunde noch, wenn er Glück hatte, bevor er den Kampf gegen Schuldig gewinnen musste, um den Telepathen in die Knie zu zwingen.
„Ich werde Ihnen noch heute Abend eine Kopie des Berichtes zukommen lassen, den ich an Rosenkreuz übersende.“

Auch wenn Crawford nickte, so bedeutete das nicht, dass er damit einverstanden war. Je mehr sie nach Österreich schickten an Details, desto mehr Nachfragen würden gestellt werden, die er nicht brauchen konnte. Die Tatsache, dass die Hälfte des japanischen Ortsteams wenn auch nur für kurze Zeit, in eine Rosenkreuzeinrichtung gebracht wurde, warf Fragen auf. Fragen, die er nicht wahrheitsgemäß beantworten konnte ohne sie auf seine Spur zu bringen. Und Schuldig würde sicherlich nicht für ihn lügen, nicht nachdem er ihm kontinuierlich Antworten verweigerte, was das eigentliche Problem betraf. Nicht nach heute Nacht.
„Wo finde ich Schuldig?“, fragte er den Doktor und dieser wies ihm den Weg, kurz bevor er ihn mit seinem Problem namens Telepath alleine ließ.

Doch wie es schien, hatte er die Wut des deutschen Mannes unterschätzt, die ihn spätestens dann traf, als er die Tür hinter sich schloss.
Anscheinend hatte Schuldig keinen Sinn für ihr altes Credo, interne Streitigkeiten nicht vor Rosenkreuz auszutragen um nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig zu erhalten. Wenn das österreichische Auge erst einmal auf sie gefallen war, wurden die Kontrollen verstärkt und das wollte niemand von ihnen.
Der Bruchteil einer Vision überfiel Crawford, ohne ihm die notwendige Klarheit zu geben. So musste er sich einzig und allein auf seinen Instinkt verlassen, als er schneller bei Schuldig war, als dieser aus dem Bett fahren und ihn anschreien konnte um ihm seine Hand auf den Mund zu pressen.
„Nicht hier, Schuldig“, murmelte Crawford mit Nachdruck und fing die sich wehrenden Arme ein.
~Nicht HIER? Wo dann, du selbstherrliches, arrogantes Arschloch von einem defekten Hellseher? Wo DANN?!~, verlagerte sich Schuldig auf ihre gedankliche Kommunikation, was seiner Wut nicht minder Abbruch tat und die wiederum war für den Arzt ein offenes Buch, das er ebenso vermerken würde wie die gesundheitlichen Details. Er musste Schuldig ruhig bekommen und das schnell.
~Zuhause, Schuldig. Wir werden zuhause darüber sprechen.~
~Aber natürlich. So wie die letzten Tage auch werden wir offen über das sprechen was seit dieser Mission schief gelaufen ist? Glaubst du eigentlich, du kannst mich verarschen, nach allem, was vorgefallen ist?~

Crawford hielt inne. Schuldigs Worte hatte ein tiefes Misstrauen begleitet, dass er ihm so gegenüber noch niemals hatte mitschwingen lassen, noch nicht einmal zu ihren Anfangstagen. Auch das spürte der ärztliche Empath, so musste Crawford dem Telepathen etwas geben, um das Vertrauen zurück zu gewinnen. Einen Teil der Wahrheit, wenn er ihm schon nicht alles geben konnte. Gerade den Teil, den er Schuldig bisher verschwiegen hatte.

~Nein, Schuldig. Das werde ich nicht. Aber ich werde hier kein Wort darüber verlieren. Und auch nicht vor Nagi~, lenkte Crawford ein und bohrte seine Ernsthaftigkeit in die wütenden, blauen Augen seines Telepathen, der ihm immer noch kein Wort glaubte, aber anscheinend erste Ansätze von Bereitschaft zeigte, ihm zuzuhören. Seine Neugier siegte, wie bei allen Vertretern seiner Gattung und darauf baute Crawford letzten Endes, als er seine Hand von Schuldig Mund nahm und einen Schritt zurücktrat. Er wusste, dass er ein Risiko einging und immer noch sträubte sich alles in ihm, doch etwas musste er ihm geben, jetzt schon. So zog er sein Jackett aus und legte es bedächtig auf das Bett. Er schindete Zeit, vor Schuldig, vor sich selbst, vor seinem Anspruch, als Anführer unantastbar zu sein.

Doch das war er seit Lasgo nicht mehr. Nicht, wenn seine Gabe, die ihm das Recht dazu gab, nicht derart perfekt war wie er es sich über die Jahre hart erarbeitet hatte. Und nun musste er verhindern, dass sein Team sich gegen ihn an Rosenkreuz wandte.

Crawford zog seine Ärmel gerade soweit zurück, dass Schuldig in dem harten und kalten Neonlicht einen Blick auf die mit Hämatomen unterlegten Abschürfungen der Hanfseile um die Handgelenke werfen konnte. Erst nachdem sich die blauen Augen voller widerwilliger Fragen auf ihn richteten, öffnete er den obersten Knopf seines Hemdes und zog das T-Shirt, das er darunter trug, ein Stück weg. Dort befanden sich, das wusste er, die Würgespuren des Weiß, die erst nach Tagen zum Vorschein gekommen waren, dafür nun aber deutlich am unteren Teil seines Halses standen. Der Bissabdruck des Weiß, der auf seinem Nacken prankte wie eine Besitzmarke, ließ er außen vor. Dieser würde zu deutlich in eine Richtung zeigen, die er nicht einzuschlagen bereit war.

~Sobald wir zuhause sind~, versprach er und gewährte Schuldig noch einen Moment des Starrens, bevor er sein Hemd wieder zuknöpfte und sich sein Jackett wieder anzog. ~Nicht hier.~
Für einen Augenblick schwieg Schuldig selbst mental, bevor er den abgrundtiefen Zorn zumindest in Ansätzen zurücktreten ließ. ~Wag es ja nicht, mich wieder anzulügen, Crawford~, drohte er Crawford schließlich, als dieser sich bereits umdrehte um das Zimmer zu verlassen.

Mit dem Rücken zu Schuldig nickte das Orakel und kehrte zu Nagi zurück, um sich von dem Zustand des Jungen ein genaueres Bild zu machen.

 

~~**~~

 

„Das hättest du sehen sollen!“, grinste Omi und Youji warf einen kurzen Blick zu ihrem Jüngsten, der vollkommen aufgekratzt auf dem Beifahrersitz saß und sich im Ruhm seines Erfolges sonnte. So gut gelaunt hatte er ihren Taktiker lange nicht mehr gesehen, befand Youji und konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. In all der Scheiße, in der sie gerade steckten, war dieser kleine Erfolg gegen das gegnerische Team beinahe eine Labsal. Omi hatte zusammen mit Ken Mastermind und Prodigy soweit abgelenkt, dass er und Ken zwei Pfeile hatten platzieren können.

Schlafmittel für den Kleinen. Gift für den widerlichen Telepathen. Beides hatte die erwünschte Wirkung gehabt und während Youji mit Crawford gesprochen hatte, hatten die beiden Weiß ihre Zielperson ausgeschaltet.
Ein voller Erfolg also.

„Gut gemacht, alle beide.“
„Ja, während du dich nett mit dem Orakel unterhalten hast“, grollte es spielerisch vom Rücksitz und Youji hob zweifelnd seine Augenbraue.
„Willst du meinen Teil des Plans kleinreden, Ken? Wer wurde mit einer Waffe bedroht? Wer hat hier für die nächsten zwei Wochen ein wunderschönes Veilchen? Na? Soll ich dir einen Tipp geben?“
„Hör auf zu heulen, Kudou. Das macht dich bei den Frauen doch noch beliebter und du kannst wilde Geschichten über Schlachten erzählen, die du für die Ehre der holden Weiblichkeit gegen Verbrecher geschlagen hast. Kennen wir doch alle schon.“
Youji grinste. Was sollte er sagen, Ken hatte ja Recht. Seine Trefferquote war immer dann hoch, wenn er die eine oder andere Blessur von ihren nächtlichen Eskapaden davontrug. Warum das so war, konnte er sich auch nicht wirklich erklären.

„Was hat das arrogante Arschloch eigentlich gesagt?“, fragte Omi und die Stimmung wurde schlagartig ernst. Youji hatte die beiden nur in Ansätzen eingeweiht, was er vorhatte, damit Schuldig ihre Gedanken nicht verfolgen konnte. Er hatte ihnen aber versprochen, etwas zu finden, das Ayas Unschuld beweisen könnte und das hatte er.
„Crawford hat die Echtheit des Fotos bestätigt. Sein Gesichtsausdruck sagte das in dem Moment, in dem ich es ihm unter die Nase gehalten habe.“
„Also ist er tatsächlich das, was Aya gesagt hatte?“, fragte Ken angewidert, doch Youji schüttelte den Kopf.
„So böse bin ich meinem Leben nicht, Hidaka, dass ich diesem Arschloch von einem Hellseher eine solche Wahrheit direkt ins Gesicht sage. Aber ich denke, dass seine Reaktion für sich spricht. Also genug, damit ich damit zu Manx und zu Perser gehen kann.“
„Und zu Birman.“
Widerwillig nickte Youji. „Natürlich. Auch ihr.“ Der widerwärtigen, verräterischen Hure.
Er seufzte und versuchte dann das Thema auf etwas Besseres zu lenken.
„Wie wäre es, Jungs, setzen wir uns nach dem Duschen noch etwas zusammen um unseren Sieg zu feiern?“ Und ihren Anführer beruhigen, schob er in Gedanken hinterher, auch wenn sich Youji sicher war, dass er nur einen Bruchteil dessen, womit er Crawford gedroht hatte, wirklich an Aya weitergeben würde.
Ken grinste. „Jup, bin dabei!“
Während Youji anerkennend nickte, schüttelte Omi zweideutig grinsend den Kopf.
„Sorry, schon was vor.“
„Was?“
Aus dem Augenwinkel heraus sah Youji, wie ihr Taktiker mit den Augen rollte. „Hast du etwas mit den Ohren, Youji?“
„Nein. Aber was solltest du um diese Uhrzeit schon vorhaben außer ins Bett zu gehen.“
Amüsiert lachte Omi und boxte dem Fahrer spielerisch auf den linken Oberarm.
„Ich bin achtzehn Jahre alt, lieber Möchtegern-Papa, und ich habe etwas vor, das ich dir nicht unter die Nase binden werde.“
„Gibt es da jemanden?“
„Youji, nein.“
„Wen? Kenne ich die Person?“, bohrte Youji weiter in dem Wissen, dass Omi, so vermutete er, ganz und gar nicht auf ein Geschlecht festgelegt war, ganz im Gegenteil. Bis auf Ken und Aya hatten weder Omi noch Youji ein Interesse daran, sich auf ein Geschlecht festzulegen, was die Partnersuche anging. Ken mochte Frauen und nur Frauen, während Aya die gleichen, engstirnigen Einschränkungen vor sich her trug, was Männer anging.
„Nein, Youji.“
„Komm schon Omi. Er, sie, keins von beidem? Wie lange geht das schon so?“
Betont lässig wandte ihr Jüngster den Kopf ab und starrte schweigsam aus dem Fenster. Youji wusste, dass er sich nun auf den Kopf stellen konnte und Omi würde nichts mehr sagen. So war er, der junge Mann. Offen, wenn es ihm passte. Sehr verschlossen, wenn er etwas für sich behalten wollte. Meistens dann, wenn es um Liebschaften ging.

Verdammt.

 

~~**~~

 

Sein Selbstverständnis war es immer gewesen, dass er sein Team ohne Wenn und Aber führte. Er erteilte die Befehle, sein Team folgte ihm ohne es zu hinterfragen, da er den Einblick in die bestmögliche Zukunft hatte.

Gehabt hatte.

Nun sah er noch nicht einmal das Ende seiner Unterhaltung mit Schuldig voraus, der in seinem Büro am Fenster stand, die Arme verschränkt und der Gesichtsausdruck so ernst wie schon lange nicht mehr. Er musste sich blind vorantasten und nichts hasste Crawford so sehr wie seine abwesende Gabe in diesem Moment. Es war kein unbekanntes Gefühl. Wenn er sich eine seltene Grippe zuzog, dann war er ebenso blind und taub wie ein normaler Mensch. Auch das musste er Rosenkreuz melden, die ihn für die Zeit der Erkrankung von seinen Pflichten entbanden. Selbst die Grippe fand ihren Weg in seine Akte.

„Jemand hat doch gefesselt“, durchbrach Schuldigs Stimme Crawfords Überlegungen und knapp nickte er. „Handschellen?“
„Und Hanfseile“, ergänzte Crawford. Soweit konnte er Schuldig Details liefern, auch wenn ihm diese einfache Antwort bereits Übelkeit verursachte und er mit Mühe die damit verknüpften Erinnerungen zurückhielt.
„Was sonst noch?“
„Die Würgemale an meinem Hals, die ich dir in der Klinik gezeigt habe.“
„Wer war das?“
„Lasgo.“
Nachdenklich nickte Schuldig und maß Crawford so intensiv, dass dieser froh um den Schreibtisch war, der sich zwischen ihnen beiden befand und der seinen Unterkörper vor diesem Blick schützte. So dumm das Gefühl auch war. Schuldig hatte keine Gewalt über ihn, doch in diesem Augenblick ähnelte der Ausdruck in den blauen Augen so sehr der ersten Musterung durch Lasgo, nachdem dieser ihn gefangengenommen hatte, dass Crawford am Liebsten aufgestanden und gegangen wäre.
Er musste sich damit begnügen, wegzusehen.

„Was noch?“
„Schläge mit einem Stock aus Bambusholz.“
„Wo?“
„Oberkörper.“
„Zeig es mir.“ Die ruhige Kälte in Schuldigs Stimme machte es nur noch schlimmer, stellte Crawford fest, denn dieser hatte er nicht so viel entgegen zu setzen wie dem üblichen, wohlbekannten Spott. Die Kälte war nicht spielerisch. Sie war nicht sadistisch. Sie kehrte ihre Positionen um und Crawford wusste, dass er das bis zu einem gewissen Punkt erlauben musste um der Neugier des Telepathen entgegen zu kommen. Doch das hier ging zu weit.
„Nein. Ich werde mich vor dir nicht ausziehen.“
„Du hast mich in der gestrigen Nacht in deine Emotionen gezogen. Wieviel intimer kann es da sein, wenn du deinen Oberkörper freimachst?“

Sehr viel. Viel zu viel. Wieder kehrten die verknüpften Erinnerungen ungebeten zurück, sogar die Schmerzen, die sich in seine Handgelenke gebohrt hatten, als sie ihn von der Decke hatten hängen lassen, während der Vernarbte ihm die Kleidung vom Körper geschnitten hatte, mit dem widerlichen Hinweis, dass er sie zukünftig nicht mehr bräuchte. Da hatte Crawford in seiner unendlichen Dummheit noch angenommen, dass sie ihn nur foltern würden.

Wie töricht er doch gewesen war.

„Ich wünsche es nicht, Schuldig. Wozu musst du sehen, was ich dir beschreibe?“
Der Telepath schnaufte, gab aber nach, zur Erleichterung des Orakels. „Wo überall?“
„Auf der Vorderseite, primär aber auf der Rückseite.“
Stille trat zwischen sie, die Crawford nicht durchbrechen würde. Wenn Schuldig Fragen hatte, sollte er sie stellen und er würde antworten. Aber er würde den Teufel tun und von sich aus Informationen preisgeben.
„Was noch?“
„Erzwungenes Knien über Stunden.“ Wenn er das Wort „ich“ nicht verwendete, war es einfacher, sich davon zu lösen, als wäre es nicht ihm passiert.
„Deswegen konntest du nicht richtig laufen, als ich dich aus dem Hotel abgeholt habe?“
Auch, aber nicht nur. Definitiv nicht nur. „Ja.“
„Dein Gesicht?“
„Schläge. Ihnen haben meine Antworten nicht gepasst.“
„Welche Fragen haben sie gestellt?“
Crawfords rechte Augenbraue hob sich. Wie gefällt dir das? Glaubst du wirklich, dass du etwas Besseres bist als ein Körper zum Ficken? Oh, du bist erregt, also doch eine Hure? Sicherlich nichts, was er Schuldig unter die Nase reiben würde.
„Sie wollten wissen, warum Takatori seinen Geschäftspartner verraten hat. Sie wollten wissen, wo er sich befindet, was sein Tagesablauf ist. Seine Schwachstellen.“ All das hatte niemand wissen wollen und das bereitete Crawford immer noch Sorgen, schien es doch, als wären diese Informationen bereits bekannt und als wäre es dem Drogenhändler nur darum gegangen, ihn dafür zu strafen, dass er versucht hatte, ihn zu töten.
„So viele Tage lang?“
Crawfords Blick kehrte zurück zu Schuldig und ein schmales Lächeln glitt über seine Lippen. Eine einfache Frage ohne verknüpfte Ereignisse.
„Das Erfolgsrezept einer jeden Folter ist die Zeit, die es braucht, um einen Gefangenen zum Sprechen zu bringen.“
Schuldig war sich dessen bewusst und für den Bruchteil eines Augenblickes spiegelte er das wissende Lächeln seines Anführers, bevor er wieder zu seiner Ernsthaftigkeit zurückkam.
„Wie konnte das passieren?“

Das. Das alles. Ja, das war eine gute Frage. Wie hatte ihn seine Gabe nicht vor der Katastrophe warnen können, die sich ereignen würde? Wenn Crawford an den Tag zurückdachte, an dem er das letzte Mal unversehrt gewesen war, dann endete seine Gabe kurz vor dem Abendessen im kleinen Kreis, nur er, Lasgo und ein paar seiner engsten Vertrauten. Das Schlafmittel in seinem Wasser hatte er nicht vorhergesehen. Die Tage danach nicht.

Crawford presste eisern den Kiefer aufeinander. Das durfte nicht sein. Die Faktoren, die seine Gabe störten, waren klar und deutlich aufgelistet und waren sowohl für Rosenkreuz als auch für ihn Warnindikatoren. Doch keiner der Faktoren traf auf diesen Abend zu.
Abgehackt schüttelte Crawford den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich habe keine Ahnung.“
Schuldigs Haare raschelten in der Stille über seine Kleidung, als der Telepath den Kopf schief legte.
„Und was ist jetzt mit deiner Gabe?“
Die härteste, aber wahrscheinlichste aller Fragen, die Schuldig hatte stellen können. Seine Gabe war in ihrem jetzigen Zustand nur dann stabil, wenn er sich anscheinend in der Nähe von Fujimiya befand, der ihm vor Ort als Ankerpunkt gedient hatte. Und auch dann nur abschnittsweise, wie ihm die heutige Mission gezeigt hatte.
„Ist instabil“, presste er hervor.
„Warum?“
Weil Fujimiya der Faktor ist, der sie stabilisiert. „Das ist mir nicht bekannt.“

Schweigen trat erneut zwischen sie, nur unterbrochen durch das Geräusch von Schuldigs Füßen auf dem Parkett, die näher kamen und von Schuldigs Hintern, der sich auf seinem Schreibtisch auf seine Dokumente niederließ. Ungläubig sah Crawford an ihm hoch und überlegte einen Augenblick lang, wie er den Telepathen für seine Insubordination bestraften sollte. Ein obsoleter Gedanke, befand er, denn er war immer noch auf Schuldigs Wohlwollen in dieser Sache angewiesen.
Sich in seinem Stuhl zurücklehnend, verschränkte er die Finger ineinander und bohrte seine Augen in die Schuldigs.

„Du wurdest darauf trainiert, auch unter und nach der Folter deine Gabe einsatzbereit zu halten“, merkte Schuldig an.
„Das ist korrekt.“ Die Erinnerungen an diese Zeit bei Rosenkreuz gehörten nicht zu denen, die er oft hervorholte, insbesondere dann nicht, wenn er auf sie traf.
„Wieso hat das Training hier versagt?“
„Das ist mir nicht bekannt, Schuldig“, wiederholte Crawford.
„Hast du es Rosenkreuz zu Protokoll gegeben?“
Es wäre ihm ein Einfaches zu lügen. Schuldig würde nicht nachfragen. Trotzdem wäre es verdächtig, wenn Rosenkreuz für ihr Orakel kein Einsatzteam schicken würde, das die Instabilität überprüfte. Schlussendlich würde er auffliegen. Und er brauchte Schuldig hierbei an seiner Seite.
„Nein, habe ich nicht“, gab Crawford zu, eine Entscheidung, die er hoffentlich nicht bereute.
Zynisch schnaubte Schuldig und hob nun seinerseits eine Augenbraue. „Das ach so brave Orakel versteckt etwas vor unserer Organisation. Na, dass ich das noch erleben darf. Entdeckst du gerade deine rebellische Seite?“

Die Entdeckung einer rebellischen Seite wäre ihm tausendmal lieber als der wahre Grund dafür, nicht, dass er jemals ernsthaft gegen ihre Organisation aufbegehrt hatte. Es war auch nicht notwendig gewesen, nicht in seiner Position und seiner Familie. Und dennoch war das, was er damals als Aufstand bezeichnet hatte, nicht mehr gewesen als ein Lufthauch, wenn er retrospektiv darüber nachdachte. Da war das, was er nun tat, um einiges schlimmer, wenn es herauskam.
~Unsere Aufgabe hier in Japan steht kurz vor ihrem ersten Höhepunkt, wenn Takatori zum Premierminister gewählt wird. Rosenkreuz schätzt unsere Arbeit. Ein österreichisches Eingreifen schmälert das so kurz vor dem Ziel und wird uns nicht die Freiheiten geben, die sie uns gewähren, sollten wir erfolgreich sein.~
Schuldig lachte mental und Crawford widerstand dem Drang, sich die Schläfen zu kratzen. Es gab bei weitem angenehmere, telepathische Gefühle.
~Du kleiner, egoistischer Revoluzzerbastard~, erwiderte er und schüttelte amüsiert den Kopf. Crawford schwieg dazu. Für ihn war diese Freiheit nachrangig. Er war in diesem System aufgewachsen, er kannte die Mechanismen und wusste, wie er einen Großteil austricksen konnte. Ein Großteil hieß aber nicht alle.

~Und was jetzt?~
Das Kommende hinterließ in Crawford ein bitteres, schales Gefühl des Versagens, das ihn seit zwei Wochen nicht mehr aus den Klauen ließ und nun seinen neuerlichen Höhepunkt fand. Er hatte keine andere Wahl, als Schuldig einzubinden, bis seine Gabe wieder einwandfrei arbeitete und ihn so zum Komplizen zu machen.
~Bis ich wieder eine stabile Voraussicht habe, benötige ich deine Unterstützung im Verschleiern und in der Planung von Aufträgen wie dem heute Abend. Die Gewichtung muss die kommenden Aufträge auf deiner Telepathie liegen.~

Das Lächeln, was nun über Schuldigs Lippen kroch, war kein angenehmes. Crawford kannte es nur zu gut. Es war genau der Anblick, den Schuldig seinen Opfern schenkte, kurz bevor er mit ihnen spielte, bis sie tot waren. Da Crawford sich nicht zu dieser Personengruppe zählte, gab es nur eine andere Möglichkeit und die gefiel ihm ebenso wenig.
~Deiner Bitte sei entsprochen, oh großer Anführer. Gegen einen kleinen Gefallen, versteht sich.~
Er hätte es sich denken können. Dennoch runzelte Crawford misstrauisch die Stirn. Schuldig einen Gefallen zu schulden war nicht das, was ihn beruhigte. ~Was für einen?~
~Das überlege ich mir noch. Aber sei dir versichert, dass er deiner Schuld mir gegenüber angemessen ist.~

Schweigend starrten sie sich an, maßen ihre Kräfte, betrachteten ihr Kräfteverhältnis, das in diesem Moment verschoben war zugunsten des Telepathen. Und Crawford wusste bereits, dass er verloren hatte, auch wenn er sich nicht eingestehen wollte. Er wusste, dass er keine andere Möglichkeit hatte als Schuldigs Wunsch zu entsprechen und sich entsprechend zu verschulden. Es war eine bittere Pille, die es zu schlucken galt. Nicht so bitter wie die, die Rosenkreuz seinen Rachen hinunterzwingen würde, wenn sie ihn einmal in ihren Fängen hatten.

~Deal~, sagte er selbst mental zähneknirschend und Schuldig nickte. Langsam erhob er sich und gewann Abstand zu Crawford, der erst dann merkte, wie angespannt er eigentlich gewesen war, als er wieder frei atmen konnte und sich nicht in direkter Gegenwart seines Telepathen befand. Eines anderen Mannes, der größer war als er. Der eine bessere Ausgangsposition hatte als er.

~Und davor hast du dich die ganze Zeit gedrückt, Crawford?~, fragte Schuldig kopfschüttelnd. ~Du hast allen Ernstes geglaubt, dass du das auf Dauer vor deinem Team verheimlichen kannst? Und viel wichtiger, du hast allen Ernstes geglaubt, dass du alleine da durch musst und dass du keine Unterstützung zu erwarten hast? Manchmal glaube ich, dass du wirklich nicht so hochgradig intelligent bist, wie Rosenkreuz dich eingestuft hat. Im Gegenteil.~

Crawford schwieg eisern dazu und schlussendlich wurde es Schuldig zu bunt.

~Ich gehe heute Abend aus, meinen Frust in Alkohol ertränken, oh großer Anführer. Es sei denn, du brauchst mich?~
Crawford schüttelte stumm den Kopf und erst, als Schuldig die Tür zu seinem Büro hinter sich schloss, erlaubte er es sich, seine Gedanken auf sein nächstes Problem zu richten, das sich heute Abend aufgetan hatte. Fujimiya hatte, schwach wie er war, seine Sorgen und Nöte mit dem Ältesten von Weiß geteilt, was diesen dazu veranlasst hatte, ihm zu drohen.
Für einen Moment lang war Crawford versucht, gleich jetzt zum Koneko zu fahren und dem Mann als Strafe eine Kugel durch den Kopf zu jagen. So befriedigend die Vorstellung auch war, so unrealistisch war sie letzten Endes.
Dennoch brachte sie ihn auf ein Problem, das nicht zu verachten war.

Fujimiyas Leben stand auf der Kippe und wenn er starb, war der letzte Faktor weg, der seiner Gabe Stabilität gab in diesem Moment. Noch durfte sie ihn nicht in ihre schmutzigen Finger bekommen. Noch nicht. Und seine komatöse Schwester ebenso wenig, die eine so wunderbare Leine war.

Egal, wer sie in der Hand hielt.

Crawford spiegelte das Schmunzeln seines Telepathen, als er zum Hörer griff. Für Fujimiya brauchte er sein Gabe nicht. Der Weiß war vorhersehbar genug für ein Leben.
Neun Leben, verbesserte er sich selbstironisch, während die Frau am anderen Ende der Leitung abnahm.
„Elena, hier ist Michael“, sagte er in seinem besten Deutsch und gab seiner Stimme den üblichen, süffisanten Beiklang. „Ich habe einen lukrativen Auftrag für dich.“

 

~~**~~

 

„Ich bin jetzt weg!“, flötete Omi gut gelaunt, bevor er schnellstens verschwand. Er wollte nicht, dass die Anderen unnötige Fragen über sein Privatleben stellten, also gab er ihnen am Besten auch keine Möglichkeit dazu. Er wollte heute Abend den anderen Mann, Kenneth, so war sein Name, noch einmal treffen, das Gespräch mit ihm fortsetzen.
Und nicht nur das. Ihm stand der Sinn nach Sex, wie immer nach einem ihrer erfolgreichen Aufträge. Manchmal auch nach denen, die sie in den Sand setzten, auch wenn seine Stelldichein dann anders waren. Gewalttätiger. Brutaler. Bestrafender.
Mit einem lauten Knall schlug er die Tür hinter sich zu und schlüpfte durch den Laden nach draußen. Er stieg in das bereits wartende Taxi und ließ sich zu dem Etablissement fahren, in dem er den älteren Mann das letzte Mal getroffen hatte.

Wie auch schon zuvor suchte er den Club auf und gelangte ohne Probleme hinein. Er setzte sich an die Bar und bestellte sich einen Gin Tonic, wie zuvor auch schon. Schweigend ließ er seinen Blick über die Menge schweifen und entdeckte zunächst nichts von Kenneth. Omi versuchte sich die Enttäuschung darüber nicht anmerken zu lassen. Wie groß mochte die Wahrscheinlichkeit denn sein, dass sie sich ohne Verabredung hier, jetzt, in diesem Moment trafen? Richtig. Weniger als zehn Prozent. Und doch hoffte Omi inständig, dass der Mann ihn heute mit seiner Anwesenheit beehren würde.
Er seufzte stumm und nippte an seinem Gin Tonic, während er die Augen schloss und sich im Rhythmus der modernen Musik treiben ließ. Im Geist stellte er sich die Hände vor, welche sanft über seine Haut und seine Gliedmaßen streichen würden. Wie erfahrene, weiche Lippen seinen Körper nachfuhren und seine verborgenen wie auch nicht verborgenen erogenen Zonen in glühende Flammen aufgehen ließen. Wie schlussendlich der Schwanz des anderen Mannes ohne Rücksichtnahme in ihn stoßen würde.
Alleine der Gedanke daran überzog seine Haut mit einer feinen Gänsehaut und die Erregung nach einer Mission schwelte nur zu deutlich in seinen Adern.

„Worin schwelgst du?“, fragte eben jene samtige Stimme, von der er gerade noch fantasiert hatte und Omi schrak hoch. Kenneth stand sehr nah vor ihm und lächelte sein charmantes Lächeln voller Verheißungen, das Omi heute so willkommen war wie es ihm vor Tagen unwillkommen gewesen war. Die Finger des anderen Mannes hielten Zentimeter vor seinem Gesicht inne und Omi haschte mit seinen Zähnen spielerisch danach.

„In Gedanken an Sex mit dir“, hauchte Omi wahrheitsgemäß und zog den anderen Mann ohne Umschweife zu sich heran. Er küsste die weichen, verführerischen Lippen und streifte mit seinen zu dem Ohr des stehenden Mannes.
„In Gedanken daran, wie du mich fickst und ohne Rücksicht in mich stößt“, flüsterte er verführerisch und wurde mit erstaunt erhobenen Augenbrauen belohnt.
„So stürmisch heute, Ryuichi? Wie komme ich zu der Ehre?“
„Ich habe Lust auf dich und ich sehe in deinen Augen, dass das Gleiche auch für dich gilt oder irre ich mich da?“
Kenneth lachte sein warmes Lachen, das sich als Erregung tief unten in Omi manifestierte. Es war das Versprechen auf mehr, es war der dunkle Unterton, den der Mann unter Charme zu verstecken wusste, der ihn schier verrückt machte nach Erlösung.
„Nein, du irrst nicht, mein Schöner.“
„Wunderbar.“
„Hier?“, fragte der ältere Mann ihn spielerisch und fuhr hauchzart über Omis Lippen. Hier bedeutete in einem der entlegenen Alkoven dieser Bar, die genau für solche Begegnungen geschaffen worden waren. Omi hatte sie desöfteren ausprobiert und war angetan von der Aussicht, es hier mit dem Mann vor sich zu treiben.
„Lass uns nach hinten gehen“, entgegnete Omi und ein schier zerberstendes Herzklopfen erfüllte ihn, als er aufstand, Kenneth bei der Hand fasste und ihn zu einem der Alkoven zog.

Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, wurde er von Kenneth auch schon gegen sie gepresst und in Beschlag genommen. Ohnmächtig stöhnte Omi auf, ergeben und spielerisch hilflos in dem starken Griff des Mannes über ihm. Ja, das war genau das, was er heute brauchte. Genau das und keinen Zentimeter an Gewalt weniger.
„Fick mich hart“, hauchte er zwischen zwei Küssen und wurde mit einem Biss in sein Ohrläppchen belohnt.
„Dein Wunsch sei mir Befehl, schöner Ryuichi“, grollte Kenneth, die Stimme dunkel vor Verheißung. Seine Hände machten sich bereits an dem Gürtel seiner Hose zu schaffen und zerrten sie nach unten, als wären sie nur dafür gemacht worden. Fest umfassten starke Finger seinen Hintern und gaben Omi einen Ausblick auf das, was kommen mochte.
„Sag mir, was ist dir lieber, mein harter Schwanz in dir, der dich zur Verzweiflung bringt und dich um Erlösung schreien lässt, wenn ich dich nur weit genug über die Klippe getrieben habe oder das hier.“
Irritiert verrenkte Omi seinen Kopf um zu sehen, was das das war und konnte im ersten Moment nicht anders.

Er musste bei dem Anblick des großen Glasdildos lachen, den Kenneth ihm nun vor die Nase hielt.
„Wo hast du den denn bisher versteckt?“, gluckste er trunken vor erwartungsvoller Freude und der Mann vor ihm lachte sein wohliges Lachen.
„Das ist mein Lieblingsspielzeug. Ich stehe darauf, zu sehen, wieviel jemand davon schlucken kann.“
„Netter Kink, aber ich will deinen Schwanz, nicht deinen Glasschwanz“, entschied Omi und wurde mit einem weiteren Grollen belohnt, mit dem sich Kenneth in ihm verbiss, während er ihn ruckartig mit der Vorderseite an die Tür presste und seine Finger tiefere Regionen fanden, die Omi hilflos aufstöhnen ließen.

 

~~**~~

 

Omi streifte entrückt lächelnd durch die Bar. Er war in jeder Beziehung zufrieden. Bedient. Befriedigt. Sie hatten es einmal getrieben wie übermotivierte Schuljungen, hart und brutal. Ein zweites Mal ebenso, ein drittes Mal dann ruhiger, bevor sie beide erschöpft inne gehalten hatten. Ein viertes Mal hatte sich Omi erst den Glasdildo in seinen Rachen gesteckt und sich dann damit von Kenneth verwöhnen lassen, angeturnt durch seine eigenen, unterdrückten Geräusche der Erregung. Bei allem, was ihm heilig war, das war es, was Omi gebraucht hatte um den Auftrag und all den Stress zu kompensieren, der ihn gefangen gehalten hatte. Es war das, was er sich wünschte…was ihm gut tat. Das, was Weiß ihm niemals geben konnte. Freiheit, wenn auch nur illusionär. Hier konnte er tun und lassen was er wollte. Konnte sich ausleben….

Das Einzige, dem er gerade jetzt gehorchen musste, war sein Körper, im Speziellen seiner Blase, die ihm nun dringendste Erleichterung empfahl, ihn weg von Kenneth zur Toilette trieb, wo er schließlich dem allzu primitiven Drang nachgab. Omi lächelte, so angenehm erschöpft und losgelöst war er. Und gleich nach Hause fahren, in seinem weichen Bett schlafen und sich morgen erst wieder um die existierenden Probleme kümmern. Darauf freute er sich.

Befreit setzte er sich nun wieder der angenehmen Musik der Bar aus, als sein vernebelter Geist etwas an seiner Seite wahrnahm. Vielmehr jemanden, wie er sah, als er freundlich lächelnd hochsah. Er vermutete Kenneth und zuckte so gewaltsam zurück, als es nicht warme, graue Augen waren, die ihn anlächelten, sondern maliziöses Blau, getränkt mit reinstem Sadismus. Omi schluckte hart, als nun auch die Erkenntnis wer dort vor ihm stand seinen Geist erreichte.

Schuldig.

~Gut erkannt, Kleiner~, tönte die widerwärtige Stimme des Deutschen in seinem Kopf, ließ ihn zurückweichen. Er war noch nicht einmal bewaffnet, er hatte dem Anderen nichts entgegenzusetzen! Das sah nicht gut aus, überhaupt nicht. Omi trat einen Schritt zurück, als ihm nichts anderes als die Flucht blieb, ein Unterfangen, dessen Aussichtslosigkeit quasi in leuchtenden Lettern über ihm stand.
Panisch sah er sich um, suchte nach Kenneth. Auch wenn der Mann nichts von Schwarz und Weiß wusste, vielleicht konnte er ihm doch helfen, oder Schuldig vertreiben, was dieser mit einem Lachen quittierte.

„Glaubst du wirklich, Weiß, er könnte mich aufhalten?“, fragte Schuldig spöttisch und kam ihm so nahe, dass man sie beide für ein Liebespaar halten konnte. Brutal drängte er ihn an die nahe Wand, hielt ihn alleine mit dem schweren, starken Körper gefangen, was Omi wie eine pervertierte Parodie des gerade erfolgten Liebesspiels schien. ~Er ist schließlich auch nur ein Mensch~, höhnte er in den Gedanken des anderen. ~Wie du, wenn du nicht gerade vergiftete Pfeile bei dir trägst. Und oh… was habe ich für ein Glück, dieses Mal nicht.~
In Trance vernahm Omi, wie sich Schuldig zum allzu hypnotischen Rhythmus der Musik an ihn schmiegte, seinen Körper streifte und er dagegen machtlos war. Er konnte nichts tun, um sich gegen den Telepathen zu wehren, der ihn mithilfe seiner Gabe gefangen hielt und der nichts anderes als Rache wollte. Rache für das, was heute Abend bei ihrem Auftrag geschehen war.

„Ich denke, wir haben genug gespielt, oder was meinst du?“, hauchte Schuldig ihm ins Ohr und Omi fühlte, wie plötzlich nun jegliche Selbstbestimmung sein Denken verließ, der Deutsche die Kontrolle über seinen Körper erlangte und von ihm zurücktrat, ohne dass Omi die Möglichkeit zur Flucht gehabt hätte. ~Vielleicht hast du dich heute Abend an den Falschen vergriffen, Bombay. Vielleicht hast du nicht bedacht, dass jemand wie ich ein rachsüchtiger Mensch ist, hm? Vielleicht hast du dich aber auch einfach zu sehr in deinem kurzen Ruhm gesonnt~, penetrierte Schuldig Omis Gedanken und ließ ihn sich durch die Menschenmenge hinaus aus dem Club bewegen. Niemand reagierte auf ihn und seine stummen Hilfeschreie, die ungehört verhallten, weil Schuldig sie unterdrückte und sie in seinem eigenen Ich verhallen ließ. Bitte nicht, er wollte nicht!

Brachiale Angst vor dem, was noch kommen mochte, ließ Omis Herz panisch schnell schlagen. Bitte, irgendjemand, bitte..., flehte er innerlich und unsinnig, geboren aus der Panik heraus. Wo war Kenneth? Oder hatte Schuldig ihn etwa….Omi wimmerte in Gedanken verzweifelt auf, als er kühle, beißende Frischluft um sich herum fühlte, der er nichts entgegensetzen konnte und die seinen Untergang ankündigte.

Sein Ende in den Händen eines wütenden, rachsüchtigen Sadisten.

 

~~**~~

 

Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Wenn er gekonnt hätte, hätte Omi sich vor lauter Angst zusammengekauert und um Hilfe geschrien, bis er keine Kraft mehr dazu gehabt hätte. Er hätte vermutlich auch den wahnwitzigen Versuch gestartet, Schuldig anzugreifen und den anderen Mann zu töten. Oder er wäre einfach davongelaufen, so schnell es ihm möglich wäre, nur um diesem Monster zu entkommen, das wie selbstverständlich neben ihm herlief und entspannt irgendeine unbekannte Melodie pfiff.

Doch er konnte nicht, so bewegten sich seine Beine, ohne dass Omi eingreifen konnte. Er lief die Straßen entlang, ohne dass er eine Kontrolle hatte, wohin er ging. Er konnte seinen Blick nicht heben oder senken, seine Augen, die mittlerweile brannten, nicht schließen, er hatte keine Möglichkeit, dem abartigen Geruch, der sich in seiner Nase ausbreitete, Einhalt zu gebieten.
Omi trug seine Jacke nicht, die er in dem Club zurückgelassen hatte, und Schuldig interessierte es nicht, dass er zitterte vor feuchter Kälte. Ebenso wenig wie Schuldig es interessierte, dass er Schmerzen beim Gehen verspürte und sein Körper am Rand der Erschöpfung wankte.
Schuldig interessierte auch seine Angst nicht, die sein Herz brachial schnell schlagen ließ und seine nutzlosen Versuche, sich zu wehren.

Das trockene, sadistische Lachen an seiner Seite ließ Omi innerlich wimmern.
~Du liegst falsch, kleiner Weiß. Das interessiert mich mehr als du denkst. Genauso wie du mich mehr interessierst, als es dir lieb sein wird, Bombay.~
Omi wusste nicht, was er darauf erwidern konnte, um Schuldig von seiner Rache abzubringen und die Hoffnungslosigkeit dessen ließ ihn schier verzweifeln. Er wusste, dass der Schwarz ein Sadist war, der mit seinen Opfern spielte, bevor er sie tötete oder sie zwang, sich selbst umzubringen.
Und nun, nach all den Jahren, würde Omi derjenige sein, der als lebloser Körper in einer dunklen Ecke enden würde, nachdem er sich selbst eine Kugel in den Kopf gejagt hatte oder Schlimmeres.

~Die Kugel im Kopf ist zu gnädig für dich, Bombay, keine Sorge. Da lasse ich mir etwas Anderes einfallen~, bestätigte eben jener Omis schlimmste Ängste und führte den panischen Weiß in eines der leerstehenden Geschäfte, das sich beim näheren Hinsehen als alte, stillgelegte Schlachterei entpuppte. Das Licht der Straßenlaterne erleuchtete die gespenstisch von der Decke hängenden Haken des weiß gefliesten Raumes, in dessen Mitte sich ein Abfluss befand, der sein Blut ohne viel Federlesens dem dazugehörigen Abscheider übergeben würde, ohne dass es jemandem auffallen würde. Es roch immer noch schwach nach Eisen, nach altem Blut und Omi würgte innerlich.

~Bitte, Schuldig~, flehte er ohne wirkliche Hoffnung, dass der Telepath in dieses Mal erhören würde.
~Du denkst, hier wird es passieren?~ Schuldig grinste. ~Nicht doch, dazu gehen wir in den Keller. Schließlich möchte ich dir ja eine vertraute Umgebung bieten, sowas kennst du ja noch von deiner Entführung damals. Du erinnerst dich? Als Papa dein Lösegeld nicht zahlen wollte und dein Onkel dich aus deiner Misere befreien musste. Nicht, dass er nun hiervon weiß und dich jetzt hier herausholen könnte. Und Lösegeld will ich für dich auch nicht, bevor du fragst.~

Wieder folgten seine Beine Schuldig ohne einen eigenen Willen und Omi schritt Stufe um Stufe hinab in den Keller, dessen gieriger Schlund dunkel und bedrohlich vor ihm lag.
Es hatte seinen Grund, warum Omi nie unbewaffnet in dunkle Räume ging. Es hatte seinen Grund, warum er zuhause immer das Licht anmachte, bevor er die Stufen zu ihrem Keller hinunterstieg. Schuldig sah das in seinen Gedanken und nutzte es für sich. Fast erwartete Omi die gesichtslosen Schemen seiner Entführer hinter eben jener Tür zu finden, die der Schwarz nun durchdringend und laut pfeifend aufstieß und ihn hineingehen ließ ins Dunkle.

Doch nichts passierte, nicht einmal, als Schuldig die Tür hinter sich schloss, den Lichtschalter betätigte und den Raum so in grelles, weißes Neonlicht tauchte. Haken hingen auch hier von der Decke des bis auf einen Schrank und einen Stuhl unmöblierten Raumes, und die weißen Fliesen reflektierten schonungslos das grelle Licht, das in seinen überreizten und schmerzenden Augen stach.
Omi wimmerte ungehört. ~Bitte Schuldig, lass mich meine Augen schließen. Bitte…~, flehte er und wurde dafür mit einem breiten Grinsen betont. Betont spielerisch fuhr der Schwarz ihm durch die Haare und strich sie beinahe schon väterlich zurück.
~Wenn du tot bist, hast du noch genug Zeit, deine Augen zu schließen, Bombay. Also sei nicht so ungeduldig. Und wenn ich dich nun bitten dürfte, auf dem Stuhl Platz zu nehmen.~
Omi gehorchte abrupt und Schuldigs Grinsen breitete sich aus. ~Genau so. Was für ein braver Junge.~

Noch während Omi sich hinsetzte, nahm er seine Hände nach hinten und kreuzte sie. Noch während Schuldig in dem Schrank nach etwas suchte, spreizte er ohne sein Zutun seine Beine.
„Ha!“ Die Stimme des Telepathen durchzuckte die Stille wie ein Donnergrollen und Omi kauerte sich innerlich vor dem Ton darin zusammen. „Wusste ich doch, dass sie noch da sind, wo sollen sie auch hin, da der der letzte Träger leider verstorben ist.“
Triumphierend hielt er Omi Handschellen vor die Nase und machte sich dann an seinen Handgelenken zu schaffen. Schmerzhaft eng fesselte er sie aneinander und kettete seine Fußgelenke an die jeweiligen Stuhlbeine.
„Steht dir, kleiner Weiß“, grinste Schuldig und ließ mit einem Mal seine Kontrolle von Omi abfallen. Ein erleichtertes Schluchzen brach sich von Omis trockenen Lippen und abrupt schloss er die Augen. Sein Instinkt schrie ihn an, wie töricht es war, sich Schuldig derart hilflos auszuliefern, doch Omi konnte nicht anders. Und was konnte er denn schon ausrichten gegen einen Mann, der in der Lage war, seine Gedanken zu kontrollieren und ihm so jedwede Möglichkeit der Verteidigung nahm?

Das Zittern, welches bisher nur in ihm gewesen war, zeigte sich jetzt in all seiner Macht nach außen und ließ ihn schlotternd zurück. Doch selbst das war ihm lieber als die völlige Kontrolle durch den Schwarz. Selbst die Kälte. Selbst der widerliche Geruch nach Gewalt, Tod und Verderben. Alles war besser als die vollkommene Kontrolle durch den Telepathen.
„Schön heimelig hier, nicht wahr?“, fragte eben jener und zog seinen Kopf an den kurzen Haaren schmerzhaft in den Nacken. „Mach die Augen auf, Bombay, oder ich zwinge dich dazu, sie bis zu deinem unwürdigen Ableben offen zu halten.“
Omi gehorchte panisch und zum ersten Mal, seit Schuldig ihn in seine Gewalt gebracht hatte, fühlte der Weiß so etwas wie Wut. Hilflose, nicht zielgerichtete Wut, die sich in Hysterie entladen würde, wenn Omi nicht gegen sie ankämpfte.

„Warum tust du das, Schwarz?“, flüsterte er, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er die Antwort wirklich wollte und ob sie nicht offensichtlich war. Rache, natürlich. Rache für ein Gift, das ihn noch nicht einmal getötet hatte. Rache für ein Gift, das Prodigy nur schlafen gelegt hatte. Dafür würde er nun sterben.
„Was soll ich sagen, ich bin nachtragend“, grinste Schuldig widerlich und fuhr Omi in falscher Vertraulichkeit über das Gesicht. „Und ich schätze es nicht, wenn jemand wie du seinen Platz am unteren Ende der Nahrungskette nicht kennt und meint, aufmucken zu können. Daher: schlechte Karten für Milde, Kleiner.“

Es zu denken oder noch einmal gesagt zu bekommen, waren zwei verschiedene Paar Schuhe, erkannte Omi und schluckte schwer. Er starrte blind in die so stechenden, blauen Augen, die sich von seinen eigenen nur um Nuancen unterschieden. Um sadistische, gewalttätige, mordlüstige Nuancen.
„Was hast du mit Kenneth gemacht? Hast du ihn getötet?“, fragte er rau. Alleine der Gedanke daran, dass der unschuldige Mann nur wegen ihm von Schwarz getötet worden war, war schier unerträglich für Omi. Er wollte doch nur den Abschluss der Mission feiern. Er hatte doch nur… wie so oft vorher auch, ohne, dass etwas passiert war.
„Also erst einmal habe ich deinen leichtsinnigen Weg aus eurem lächerlichen Blumenladen heraus verfolgt. Meine Güte bist du sorglos, Bombay. Ein Wunder, dass du jetzt erst erwischt worden bist, nicht wahr? Bei soviel Professionalität hatte ich ja richtig Glück, durch Zufall zu wissen, wo du wohnst, wen du am Liebsten fickst nach einer Mission. Oh. Und natürlich dein Bedürfnis nach Bestrafung. Na so etwas, da kommen wir gut zusammen, meinst du nicht auch? Bis auf dass ich dich nicht ficken werde wie…wie hieß er? Kenneth? Hmm. Lass mal sehen.“

Omi war in seinem Leben selten von Kopfschmerzen geplagt gewesen und war bisher immer dankbar darum gewesen. Doch jetzt, in diesem Moment, verfluchte er diesen Umstand tausendmal, als brachialer Kopfschmerz schier seinen Schädel von innen heraus zerriss. Wie als wenn Schuldig mit seinem Tun einen Nerv getroffen hatte, durchzog kreischender Schmerz seinen gesamten Kopf und ließ Omi aufschreien vor Pein. Er wehrte sich gegen seine Fesseln, in dem vergeblichen Versuch, die unsichtbare Kraft abzuschütteln oder gar seine Hände gegen die Schläfen zu pressen in der verzweifelten Hoffnung auf Linderung. Doch selbst das war ihm nicht vergönnt, also musste er es tatenlos ertragen, dass Schuldig sich auf schmerzhaftestem Wege seiner Erinnerungen bediente. Kenneth und er, wie sie ihre Zeit miteinander verbrachten. Zunächst ihr Gespräch, dann ihr Abenteuer vom heutigen Abend. Alles zerrte Schuldig hervor und demütigte Omi alleine damit, dass er sich ungefragt an Erinnerungen bediente, die niemals für ihn gewesen waren und dass er an etwas derart Intimen teilnahm. Omi wusste nicht, was letzten Endes schlimmer war.

„Bitte. Bitte nicht. Bitte hör auf“, wiederholte Omi wie ein nutzloses Mantra und ein ungläubiges Schnauben antwortete ihm, während der Schmerz abrupt ein Ende fand. Brachial zuckte Omi zusammen und versuchte, sich so gut wie es ging, zusammen zu kauern, sich irgendwie vor Schuldig zu schützen, seinen Kopf aus der Reichweite des Mannes zu bringen, der für all das verantwortlich war.
Momente lang geschah nichts und es trat eine bedrohliche Stille zwischen sie, die nur durch Omis schnelle Atmung durchbrochen wurde.

„Kenneth, ja?“, war ihm die angewiderte Frage des Schwarz die einzige Vorwarnung, bevor dieser ihm ins Gesicht schlug und Omi schmerzhafte Sterne sehen ließ. Sein Kopf dröhnte von dem Schlag und Schmerz fraß sich nun auch seinen Kiefer entlang, der die überreizten Nervenbahnen in seinem Kopf zum neuerlichen Aufschreien brachte.
„So nennst du ihn also, du kleiner, mieser, notgeiler Verräter.“

Trotz seiner Angst und seiner Schmerzen fuhr Omis Blick hoch und bohrte sich panisch fragend in die Augen seines Folterers. Verräter? Er war kein Verräter! Wie kam Schuldig darauf? Wieso…bezeichnete er ihn so? Und wieso sollte er Kenneth nicht bei seinem Namen nennen?
Ungläubig bohrten sich Schuldigs Blick in Omis Augen, als könne er nicht glauben, was er gerade in seinen Gedanken gelesen hatte. Eine steile Falte bildete sich auf der Stirn und wieder war es Stille, die wie eine Drohung zwischen ihnen schwebte.
„Du kleines Stück Dreck“, schüttelte der Telepath schlussendlich den Kopf und packte sein Kinn. Mit Hass in seinem Blick zog er es zu sich heran und bohrte seine Finger schmerzhaft zwischen die Kieferknochen.
„Du kleines Stück weißer Dreck, der sich vom Feind ficken lässt“, wiederholte Schuldig und betonte dabei hasserfüllt jedes einzelne Wort.
Omi wimmerte. „Nein, das bin ich nicht! Wieso…?“
Wieder war es ein Schlag ins Gesicht, der ihm sagte, dass es keine gute Idee war, den Mund aufzumachen und Schuldig Widerworte zu geben.

„Du glaubst, du kannst einen Telepathen anlügen, Bombay? Du glaubst allen Ernstes, dass du mich verarschen kannst?!“ Mit jedem Wort schien der Schwarz wütender zu werden und Omi reagierte vollkommen hilflos auf die Reaktion des Mannes, weil er sie weder verstand noch vorhersehen konnte.
~Nein, ich verstehe nicht, was du meinst. Bitte. Bitte, Schuldig, bitte~, flehte Omi mental, da er es nicht wagte, den Mund aufzumachen und das Bild des Mannes, mit dem er heute Abend geschlafen hatte, tauchte wie ein rotes Tuch vor seinem inneren Auge auf. Brennend und schmerzhaft, hervorgerufen durch ihn durchdringende Telepathie.
„Wer ist das?“, donnerte der Telepath und Omi schüttelte den Kopf.
„Sein Name ist Kenneth“, flüsterte Omi verzweifelt.
„WER ist das?“, wiederholte Schuldig, als ob er den Weiß nicht gehört hätte. ~Kenneth~, gellte es in Omi. ~Ich kann nichts anderes sagen. Das ist Kenneth.~
„Kenneth, ein Mann, den ich in der Bar kennengelernt habe. Du siehst es doch in meinen Gedanken, warum glaubst du mir das nicht? Ich schwöre, ich kann dir keine andere Antwort geben. Ich schwöre bei…“
Schuldig schlug ihm mit roher Gewalt ins Gesicht und grollte drohend. „Dieser Mann heißt nicht Kenneth, Tsukiyono und ich weiß, dass du das auch weißt.“
„Nein, ich habe ihn in der Bar kennengelernt.“
„Hast du nicht.“
„Doch, bitte. Ich habe ihn dort kennengelernt. Bitte, da muss eine Verwechslung vorliegen.“

Verzweifelte Tränen rannen über seine brennenden Wangen, während Omi wild den Kopf schüttelte. Er schluchzte erstickt. „Bitte, Schuldig. Bitte, ich lüge nicht. Ich habe ihn…“
„Ich weiß, dass dieser Mann auf der Abschussliste von Weiß steht, weil er einer von Takatoris Geschäftspartnern ist.“
Ungläubig hielt Omi inne. „Nein! Das kann nicht sein, ich würde niemals mit einem Verbrecher schlafen. Nein, das stimmt nicht. Ich…“

Das Lachen des Telepathen ließ ihn abrupt verstummen. Ängstlich kauerte er sich zusammen, während seine Gedanken wie wild hin und her rasten. Omi fragte sich verzweifelt, mit wem Schuldig Kenneth verwechseln konnte. Dieser Mann stand auf keiner ihrer Abschusslisten. Dieser Mann war nur eine zufällige Bekanntschaft, die er gemacht hatte, ein gesichtsloser Mann, der noch nicht einmal aus Japan kam.
„Dieser Mann heißt nicht Kenneth, mein kleiner, ahnungsloser Bombay. Ein Name dieses Mannes lautet Lasgo und er steht auf der Gehaltsliste von Takatori. Ein Umstand, der euch schon längst bewusst sein sollte, wo ihr doch ein so gesteigertes Interesse daran habt, unseren Auftraggeber auszuradieren.“

Namenloses Entsetzen packte Omi wie eine eiskalte, würgende Hand. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Omi den Schwarz an und schüttelte schließlich abgehackt wieder und wieder den Kopf. Nein, das war absurd, das konnte nicht sein. Wieso sagte Schuldig so etwas? Wieso sollte das Lasgo sein? Das konnte nicht Lasgo sein!
Vielleicht war es also nur eines von Schuldigs Spielchen, um ihn endgültig zu brechen und ihn in die bodenlose Verzweiflung zu treiben. Es musste so sein, versicherte sich Omi. Er würde doch niemals mit einer ihrer Zielpersonen schlafen. Niemals. Nein.

Doch der Gedanke des Zweifels hatte bereits seine Saat gefunden. Birman hatte Aya vor zwei Monaten den Auftrag gegeben, den Drogenhändler zu töten und ihn unter strengster Geheimhaltung mit der Planung des Undercoverauftrages betraut. Lasgo, der bisher nur ein Name gewesen war, hatte für Aya auch ein Gesicht bekommen, doch nur für ihn. Niemand von Weiß war sonst in die Mission eingeweiht gewesen und so kannte auch Omi das Gesicht des Geistes nicht, den Aya hatte töten sollen vor ein paar Tagen.
Und der, durfte man Birman glauben, Aya auf seine Seite gezogen hatte. Und der Crawford als seinen persönlichen Sexsklaven gehalten hatte.

Omi zuckte ohnmächtig zusammen, als ihm die Bedeutung dessen bewusst wurde. Langsam, im Angesichts des nun sicher kommenden Todes, hob er seinen Blick und begegnete blauen Augen, die sein Entsetzen für einen Augenblick lang spiegelten, bevor nach einer schweigsamen Ewigkeit unendlicher Hass in sie trat.

 

~~**~~

 

Lasgos persönlicher Sexsklave?

Wie es seiner Natur entsprach, verfolgte Schuldig sowohl das gesprochene Wort als auch die Gedanken seines Gegenübers und formte sie zu einem vollständigen Bild seines Gespräches. Auch die letzten Bemerkungen des Weiß hatte er durch sich hindurchfließen lassen und sich für einen Augenblick lang an dem begreifenden Entsetzen gelabt, das durch Takatori Junior gezuckt war. Dass dieser jedoch zu einem vollkommen anderen Schluss als Schuldig selbst gekommen war, hatte ihn im ersten Moment irritiert und erst im zweiten Moment hatte der Telepath begriffen, was Bombay gerade gedacht hatte.

Lasgos. Persönlicher. Sexsklave.
Wie konnte es dieses kleine Stück verräterische Scheiße wagen, so über Crawford zu sprechen?

Er drang erneut in die Gedanken des Weiß ein und grub nach der Antwort, die er eigentlich nicht haben wollte und doch die letzten Tage von Crawford intensiv eingefordert hatte.
Seine Suche nach der Wahrheit brachte ihn zum Beginn dieser Ungeheuerlichkeit. Die Kritikeragentin, wie sie ausgerechnet den treudoofen Anführer von Weiß beschuldigte, ein Verräter zu sein und sich mit Lasgo getroffen zu haben. Wie sie Weiß auf den eigenen Anführer ansetzte. Na so etwas… gab es heutzutage keine Loyalität mehr? Schuldig runzelte die Stirn. Abyssinian und Lasgo? Wann war diese Mission gewesen? Laut den Erinnerungen des Weiß die letzten fünf Wochen. Schuldig forschte weiter und riss ungeduldig die Erinnerungsfetzen an sich, die mehr und mehr Fragen aufwarfen, als dass sie ihm Antworten lieferten.
Fujimiya war tatsächlich die fünf Wochen verschwunden gewesen und war vor ein paar Tagen zurückgekehrt. Um genau zu sein zu dem Zeitpunkt, an dem er Crawford aus dem Hotelzimmer abgeholt hatte.

Und dann waren da Fotos.

Mit trockenem Mund verfolgte Schuldig die Erinnerungen und durchlebte mit dem wimmernden und sich zusammenkrümmenden Weiß dessen Entsetzen und Unverständnis noch einmal, als er sich diese Fotos angesehen hatte, die Crawford und Abyssinian zeigten, der es tatsächlich wagte, ihr Orakel anzufassen. Fotos, wie sie gemeinsam in einem Raum waren. Abyssinian, den Crawford mit keiner Silber erwähnt hatte, als er ihm vermeintlich offen Rede und Antwort gestanden hatte.
Die Worte, die Tsukiyono so unvorsichtig gedacht hatte, waren nicht die Seinen gewesen. Sexsklave, das stammte vom Blonden des Teams, Kudou. Und der wiederum hatte es von Abyssinian, der ihm anscheinend gebeichtet hatte, dass er einen eben solchen aus den Klauen Lasgos gerettet hatte. Eine Vermutung nur, die aber durch ihren Auftrag heute Abend durch Crawfords Verhalten und sein Gespräch mit Kudou bestätigt worden war. Zumindest laut Kudou selbst, dem selbstherrlichen, überheblichen Ex-Detektiv, der anscheinend ganz groß darin war, falsche Schlüsse zu ziehen.

Als WENN es jemand wagen würde, sich derart an ihrem Orakel zu vergreifen. Als WENN es möglich wäre, dass Crawford Opfer einer solchen Tat wurde.

Dumme Weiß, alle miteinander.

Hass tränkte Schuldigs Gedanken dunkelrot. Wo er vorher noch darauf aus war, den Weiß nicht zu brechen, war ihm das nun egal. Er würde ihn für das, was er gedacht hatte, strafen und sich, wenn nötig, dafür die ganze Nacht Zeit lassen. Er würde dem kleinen, selbstgefälligen Rotzlöffel zeigen, mit wem er sich anlegte.
Rittlings setzte sich Schuldig auf die zitternden Oberschenkel des Jungen und drückte ihn qualvoll auf den harten Metallstuhl nieder, als er sich ohne zu zögern und ohne Rücksicht tief und schmerzhaft in dessen Gedankenstränge drängte und somit die Nervenenden bis zur Unerträglichkeit aufkreischen ließ.

Zufrieden lauschte Schuldig Tsukiyonos Schreien, wie sie an den kahlen Wänden des Kellerraumes widerhallten, bis sie schließlich unter der Wucht seiner Einwirkung zu einem Wimmern verkamen.
Und erst dann nutzte Schuldig die andere Seite seiner Gabe. Erst dann bescherte er Tsukiyono einen mentalen Höhenflug nach dem anderen, nur um ihn erneut in die brachialen Schmerzen zu treiben.

Wieder und wieder und wieder.

 

~~**~~

 

Er hatte überlebt.

Auch wenn Omi sich nicht sicher war, ob er seinen Zustand wirklich leben nennen konnte. Ihm war schwindelig, übel und er sein Kopf drohte zu zerspringen, wenn er sich bewegte. Nicht, dass er viele Möglichkeiten dazu hatte. Schuldig hatte ihn schlussendlich von dem Stuhl gezerrt und seine Fußfesseln miteinander verbunden. Als wäre das nicht genug gewesen, hatte er ihn einen Knebel in den Mund gezwungen, der ihm das Atmen zur Qual machte und ein mögliches Übergeben zur Todesfalle werden ließ. Omi wusste nicht, was er machen sollte vor Schmerzen, die auch jetzt noch anhielten, lange nachdem Schuldig endlich von ihm abgelassen hatte.

Omi hatte versucht, dem Telepathen mentalen Widerstand zu leisten, doch das war ein fruchtloses Unterfangen gewesen, das er wirklich bereut hatte, denn scheinbar war das für den Schwarz ein besonderer Ansporn gewesen, ihn zu brechen. Was er letzten Endes auch geschafft hatte. Mit jedem Mal, das er seine Gedanken verdreht und ihm sowohl quälenden, reißenden Schmerz als auch Freude und positive Emotionen und Gedanken bereitet hatte, war Omi verzweifelter und verrückter geworden, hatte gehofft, dass es aufhörte, dass der Telepath nun endlich von ihm abließ, auch wenn er sich nicht mehr sicher war, was nun seine Gedanken oder die des Deutschen gewesen waren, der mit Freude wieder und wieder Erinnerungen in ihm heraufbeschworen hatte, um sich an ihnen und anschließend an seinem Leid zu laben.

Er erinnerte sich noch gut daran, dass er Schuldig in seiner Verzweiflung alles angeboten hatte. Sogar sich selbst und seinen Körper, damit der Schwarz von seinem Geist abließ. Doch selbst dieses Angebot war mit einem angewiderten Lachen abgelehnt worden und Schuldig hatte einfach weitergemacht, bis er selbst genug hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte Omi schon aufgegeben, hatte aufgenommen, was Schuldig ihm angetan ohne Gegenwehr oder Hoffnung auf Überleben und Besserung.

Schlussendlich war es Stille gewesen, die ihn umfangen hatte, unsicher und immer mit der Angst durchsetzt, dass Schuldig doch wiederkam und weitermachte. Omi wusste nicht wie lange er auf jedes Geräusch gelauscht hatte, aus Panik eben davor. Er wusste nicht, wie lange er auf dem Boden verharrt hatte, auf dem der Telepath ihn zurückgelassen hatte, bevor er in die nächste Ecke gekrochen war um sich dort so klein wie möglich zu machen. Fahl war die Hoffnung, die ihm einflüsterte, dass er so in der Lage wäre, etwas Wärme zu bekommen. Und vielleicht, wer wusste das schon, könnte er sich auch so vor Schuldig schützen.

So tröstlich das auch war, Omi begriff, dass er langsam verrückt wurde und das, obwohl Schuldig noch nicht mit ihm fertig war. Aus welchem Grund sollte er ihn sonst am Leben gelassen haben, wenn nicht für eine erneute Folter?
Vorsichtig atmete er ein, als eines der verblieben Stücke an Rationalität sich in ihm bemerkbar machte und an das erinnerte, was Schuldig ihm an den Kopf geworfen hatte. Er sollte mit Lasgo geschlafen haben, ausgerechnet mit dem Drogenhändler, den Aya hatte eliminieren sollen. Sicherlich eine Lüge um ihn zu brechen. Doch warum war der Moment, als er sich an das erinnert hatte, was Youji ihm gesagt hatte, der Moment gewesen, in dem Schuldig ohne Gnade in seine intimsten Gedanken eingedrungen war? So als ob er die Ehre seines Anführers verteidigen müsste.

Vorsichtig tat er einen neuen Atemzug, möglichst flach um nicht an dem Knebel zu ersticken. Wenn es tatsächlich der Fall sein sollte, wünschte Omi dem Anführer von Schwarz, dass er in diesen Genuss noch viele weitere Male käme. Nichts Anderes hatte er hierfür verdient.

 

~~**~~

 

„Schwarz war gestern Abend da.“

Aya sah von der Bestellung, die er gerade bearbeitete, auf und musterte Youji stumm, der sich nun auch endlich in ihren Laden bequemt hatte. Die erste Welle an Kunden hatte Aya alleine bedienen müssen, da Ken einen Termin hatte und Omi anscheinend schon früher in die Schule gegangen war als sonst, dementsprechend schlecht war auch seine Laune. Er hatte keine Sekunde geschlafen in der Nacht, immer auf der Hut, dass Birman nicht doch vorzeitig versuchte, ihn umzubringen, weil sie merkte, dass ihr Plan, ihn in Verruf zu bringen, nicht aufging.
Die einsamen, dunklen Stunden der vergangenen Nacht hatte er genutzt um alle Möglichkeiten durchzudenken, die ihrem Handeln zugrunde lagen. All das passte nicht zusammen. Ihr Auftrag, Perser zu töten. Ihr hinterhältiges Spiel hinter seinem Rücken. Und doch gab es unter einem Aspekt Sinn. Wenn sie versuchte, ihn in Richtung Lasgo zu drängen, auf dass er das allzu generöse Angebot des Kriminellen annahm. Erst dann würde der Druck Sinn machen.

„Alle vier?“, fragte er und Youji nickte. Momentan war der Laden leer, so konnten sie sich ein kleines Zwiegespräch über ihre wahre Aufgabe erlauben. „Ich habe mit Crawford gesprochen.“
Mehr als alles andere ließ das Aya auf der Stelle verstummen. Perplex starrte er seinen Teampartner an und ahnte bereits, dass dieser einfache Satz soviel mehr Bedeutung hatte, als er es wahrhaben wollte. Wenn Youji mit Crawford über das gesprochen hatten, was…
„Was hast du getan, Youji?“, wisperte er mit klopfendem Herzen. „Du hast uns alle zur Zielscheibe von Schwarz gemacht, du Idiot! Was denkst du denn, was sie tun werden, um den Ruf ihres Anführers zu schützen?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf und grollte wütend über das nachsichtige Kopfschütteln seines Freundes.
„Sein Team weiß nichts davon. Er macht es mit sich alleine aus.“
„Youji, was hast du getan?“
„Keine Sorge, ich habe mich darum gekümmert“, erwiderte Youji verschwörerisch und Aya glaubte nicht richtig zu hören. Youji hatte sich um was gekümmert? Was zur Hölle war gestern passiert, während er nicht da gewesen war? In welchen Abgrund hatte der älteste Weiß sie gestoßen?
„Youji, WAS - “, begann Aya grollend, wurde aber durch ihre Türklingel unterbrochen, die einen neuen Kunden ankündigte.

Beinahe schon grollend wandte sich Aya der Frau zu, die es gewagt hatte, Youji und ihn zu unterbrechen, doch eben jener kam ihm zuvor und wickelte sie mit seinem sprühenden Charme um den kleinen Finger. Und die Kundin nach ihr. Die Schulmädchen danach…
Aya hatte den Verdacht, dass Youji das absichtlich machte und ihm zusätzlich dazu noch aus dem Weg ging. Berechtigt, denn nun war zu seinen sowieso schon überquellenden Problemen eine wahre Katastrophe hinzugekommen.

 

~~**~~

 

Crawford hielt einen Moment inne und maß stirnrunzelnd die so eben verfassten Zeilen. Mit Nagi in ihrer Klinik musste er die Dinge so beschreiben, wie sie geschehen waren, ohne Auslassung von Details. Er warf einen Blick auf die Uhr, die auf seinem Schreibtisch stand. Es war Mittag, was bedeutete, dass Nagi bereits durch Doktor Chakov befragt worden war und sich auf dem Weg zu ihrem Anwesen befinden würde, während Schuldig noch seinen Rausch ausschlief. Ohne Absprach galt das Credo, Rosenkreuz sachlich und detailliert eine Schilderung der Ereignisse zu geben und genau das hatte Nagi getan. Dazu hatte Crawford ihn selbst erzogen, auch wenn er es sich für einen kurzen Moment erlaubte, eben das zu bereuen.

Crawford gestattete sich eine weitere Ablenkung und ließ seinen Blick zu Jei schweifen, der es sich nicht hatte nehmen lassen, seit heute Morgen den Platz am Fenster seines Büros in Beschlag zu nehmen. Er hatte eines seiner Märchenbücher mitgebracht und las in ihm, seit Crawford begonnen hatte zu arbeiten. Wenn er den Einband richtig gelesen hatte, handelte es sich zur Abwechslung um norwegische Märchen und Sagen, selbstverständlich in der Sprache des entsprechenden Landes. Wie der Ire sich die jeweiligen Sprachen so schnell aneignete, das war selbst Rosenkreuz in Rätsel und bisweilen verspürte Crawford einen missgünstigen Stich an Neid auf den Mann, der so mühelos Schriftzeichen, Buchstaben, Alphabete lernte wie Crawford die Zukunft vorhersah, als wäre es ihm in die Wiege gelegt worden.

Das Orakel schickte seine Erinnerungen auf die Reise in die Vergangenheit. Seine Gabe hatte ihm damals zwar gezeigt, dass er in Jei ein wertvolles Mitglied seines Team finden und dass der als psychotisch eingestufte Mann ihren Zwecken mehr als dienlich sein würde. Er hatte sich aber darauf eingestellt, dass er den Iren eingesperrt und gefesselt lassen müsste. Genau das hatte er auch solange getan, bis dieser nach einem Auftrag spurlos verschwunden war.

Crawford widerstand dem Drang, sich alleine bei der Erinnerung daran über die Nasenwurzel zu reiben. Ein flüchtiger Rosenkreuzagent war eine Katastrophe, auf die kein Teamführer großen Wert legte und die für sein damaliges Ich ein herber Rückschlag gewesen war. Ganz zu schweigen von der Aussicht auf die sicherlich kommenden Massaker durch den psychotischen Iren, die unnötige Aufmerksamkeit in der Bevölkerung und bei den Sicherheitsbehörden wecken würden.
Doch als Schuldig und er den Iren zwei Tage später immer noch nicht gefunden hatten und auch keine blutige Spur den Weg zu ihm wies, hatte Crawford widerwillig damit begonnen, Vergangenheitsforschung zu betreiben. Jedes verfügbare Detail hatte er sich geben lassen und stundenlang nach einem Anhaltspunkt geforscht, der ihm weiterhelfen konnte, wenn schon Schuldigs Telepathie und seine eigene Hellsicht keine brauchbaren Ergebnisse lieferten.

Und schlussendlich war es ein handgeschriebener, gekritzelter Kommentar am Seitenrand, den er erst entziffern musste und der ihn dann auf den richtigen Weg brachte: zum freundlichen Betonklotz namens Tokyo Zentralbücherei, genauer gesagt in der Abteilung für japanische Sagen und Märchen. Dort hatte er ebenso wie jetzt auf dem Boden gesessen, in sich und das Buch auf seinem Schoß versunken und hatte erst aufgesehen, als Crawford sich unweit von ihm geräuspert hatte.
Noch während er seine Visionen auf die Zukunft gerichtet hatte um zu sehen, welches Blutbad Jei anrichten würde, wenn er ihn an seinen gottverdammten Haaren hier herauszog, hatte dieser das Buch zugeklappt, sich erhoben und war an ihm vorbei aus der Bücherei gegangen ohne Notiz von den Menschen hier zu nehmen. Schweigend hatte Jei an Schuldig vorbei den Beifahrersitz des Wagens in Beschlag genommen, sich angeschnallt und geduldig darauf gewartet, dass die beiden irritierten Schwarz ihm folgten.

Crawford hatte ihn hart dafür bestraft, doch Jei hatte sich nicht aufhalten lassen. Auf seine nonverbale, stoische Art hatte er alles ausgesessen, was ihm für seine Eskapade auferlegt worden war und hatte es beim nächsten Mal ohne mit der Wimper zu zucken wieder getan.
Der Weg zur Bibliothek schien der Wahrscheinlichste, dennoch stellte er sich als der Falsche heraus. Dieses Mal fanden sie ihn in der Bibliothek für japanische Brailleschrift, mit einem Buch auf dem Schoß und seinen Fingern auf dem Text, das verbleibende Auge geschlossen. Auch die kommende Strafe hatte er stoisch ertragen, sich wieder fesseln und einsperren lassen und war beim nächsten Auftrag durch ihre engen Kontrollmechanismen geschlüpft, als würde er nicht durch einen Telepathen und einen Hellseher beobachtet.

Ganz zum zornigen Missfallen seines Anführers.
Crawford hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, in der Bibliothek für Blindenschrift zu suchen, sondern besuchte gleich die restlichen Bibliotheken in Tokyo – ohne Erfolg. Erst in der privaten Bibliothek eines ausländischen Geschäftsmannes, der ein abgelegenes Haus sein Eigen nannte und sich gerade auf Geschäftsreise befand. Crawford hatte sich damals definitiv die Nasenwurzel gerieben als er den anderen Mann exakt wie gefunden hatte? Genau, im Schneidersitz sitzend, mit einem russischen Märchenbuch auf dem Schoß.

Erst dort war Crawford auf den widerwilligen Gedanken gekommen, nach dem Grund zu fragen und war mit einem nachdenklichen Blick und einem Schulterzucken belohnt worden. Auf dem Weg zu ihrem Wagen hatte er eher aus einem Gefühl als wirklich aus strikter Logik heraus gefragt, welches Märchen Jei am Meisten gefallen hatte und hatte sich dadurch die Aufmerksamkeit des vernarbten Mannes gesichert, der mit seiner ruhigen, rauen Stimme Crawford in dessen Muttersprache das Märchen des fliegenden Schiffes wiedergegeben hatte.

Seine Entscheidung, Jei nach ihrer Rückkehr nicht sofort einzusperren oder zu bestrafen, hatte dazu geführt, dass dieser sich zu ihm ins Arbeitszimmer begeben hatte. Zu exakt dem Punkt, auf dem er jetzt auch saß. Ebenso wie heute auch war das Rascheln der umgeblätterten Seiten Crawford damals eine angenehme Begleitung gewesen.

Drei Tage später hatte er den Iren das erste Mal ungefesselt gelassen und war bis heute nicht enttäuscht worden. Lediglich die Abneigung zu Schuldig hatte Crawford unterschätzt und das verfolgte ihn bis heute.

So auch jetzt, als sich Schuldig tatsächlich aus dem Bett bequemte und zu Jeis Missfallen den Weg in sein Arbeitszimmer fand. Die Tasse Kaffee in seiner Hand schien ihm wichtiger als die erste Dusche und indigniert rümpfte Crawford die Nase, als ein unmissverständlicher Geruch nach abgestandenem Alkohol seine Geruchsrezeptoren belästigte.
„Die Dusche ist oben“, soufflierte er ironisch und wurde mit einem hoch erhobenen Mittelfinger belohnt, während sich Schuldig ihm gegenüber in den Stuhl fallen ließ und ihn stumm über den Rand seiner Kaffeetasse betrachtete. Crawford beschloss, sich von dieser provozierenden Musterung nicht beeindrucken zu lassen und vervollständigte den Bericht an Rosenkreuz.
Als er auf senden klickte, räusperte sich Schuldig vernehmlich und verzog seinen Lippen zu einem Grinsen, das freudloser nicht sein konnte.

„Sag mir, Crawford, wer war der Sexsklave, den sich Lasgo gehalten hat?“, tönten seine Worte durch den stillen Raum und ruhig sah Crawford hoch, auch wenn Ruhe das Letzte war, was er fühlte. Diese Frage, so aus dem Nichts sie zu kommen schien, war alles andere als spontan, das teilten ihm die durchdringenden, blauen Augen mit, die ihn sezierend maßen und jedwede Reaktion verwerten würden.
Es stand außer Frage, dass es sich dabei um eine Falle handelte, doch Crawford würde den Teufel tun und sich fangen lassen. Auch wenn er sich mit steigernder Sorge fragte, woher Schuldig etwaiges Wissen nahm. Fujimiya? Ihn konnte er nicht lesen. Kudou dann?
Crawford fluchte stumm, gab sich nach außen aber allen Anschein des Unbeeindruckten.
„Dir erscheint die Frage, ob ein Menschenhändler sich seine persönliche Nutte gehalten hat, so wichtig, dass du noch vor deiner morgendlichen Dusche mein Arbeitszimmer betrittst und mich mit dem abgestandenen Geruch deines nächtlichen Alkoholexzesses belästigst?“, gab er scheinbar gelangweilt zurück und hoffte, dass er den Telepathen alleine mit seiner Arroganz in die Flucht schlagen konnte, auf die dieser insbesondere morgens empfindlich reagierte.

Schön wäre es gewesen.
Schuldig lehnte sich zurück und zog ein Bein zu sich auf den Stuhl.
„Ja, und du weichst mir aus.“
Crawford atmete tief aus, was bei nicht näherem Hinsehen als ein Zeichen von widerwilligem Frust interpretiert werden könnte, den er anhand seines Telepathen von Zeit zu Zeit verspürte. Auch das gehörte zu ihrem jahrelangen Kampf gegeneinander.
„Die Antwort auf deine Frage ist ein Vielleicht. Ich war nicht da um den persönlichen Harem des Mannes zu begutachten.“
Schuldig nickte und runzelte nachdenklich die Stirn. Taxierend legte er den Kopf schief. „War es dann vielleicht Fujimiya?“

Wenn Schuldig den Namen des Weißanführers ins Spiel brachte, hieß das, dass er weitaus mehr wusste als er bisher zu erkennen gegeben hatte und wieder stellte sich Crawford die Frage, seit wann das so war. Was genau Schuldig wusste, ob er alles wusste und vor allen Dingen, wohin ihre Unterhaltung führen würde, konnte er nicht sagen, denn er hatte sich entschieden, heute nicht in die Stadt zu Fujimiya zu fahren, sondern hier zu bleiben. So war er nun blind in dem Gespräch und verfluchte sich selbst für seine Nachlässigkeit, mit der er angenommen hatte, dass Schuldig mit den Antworten, die er ihm am gestrigen Tag gegeben hatte, zufrieden wäre.

„Möchtest du mich aufklären, wie du jetzt auf Fujimiya kommst?“
„Wer weiß, vielleicht war er ja da und hat den Arsch voll bekommen?“ Schuldig hob die Augenbrauen und grinste lasziv. Crawford hingegen fühlte eine Welle der Übelkeit in sich aufsteigen. Persönlicher Sexsklave? Alleine das war schon entwürdigend. Den Arsch voll zu bekommen unterstützte das nur und für einen Moment lang war Crawford wirklich versucht, Schuldig anzuschreien und ihm zu sagen, dass er kein Recht hatte, darüber zu urteilen, was das Gesagte eigentlich bedeutete.

„Hast du schlecht geträumt?“, fragte Crawford anstelle dessen mit Mühe ruhig und gelassen und gab sich den Anschein, als wisse er immer noch nicht, worauf Schuldig anspielte.
„Nein, aber ich hatte eine lange Nacht.“
„Unübersehbar.“
„Und weißt du, was ich festgestellt habe?“
Crawford seufzte genervt. „Nein, du wirst es mir aber sicherlich gleich mitteilen, ob ich will oder nicht.“
Schuldig grinste. „Kluges Orakel. Also, was ich festgestellt habe. Ganz Tokyo ist ein Dorf. Da gehe ich feiern in diesem interessanten Club für die Tokyo Yuppies, möchte eigentlich nur ein bisschen tanzen und auf wen treffe ich?“ Schlürfend nahm der Telepath einen Schluck Kaffee und Crawford hörte, wie Jei am Fenster geräuschvoll das Buch zuschlug. Eine erste Warnung für ihren hauseigenen Telepathen.

Schweigend wartete das Orakel auf die Pointe der Erzählung. Wenn er darauf tippen müsste, wäre Kudou derjenge, den Schuldig getroffen hatte. Darüber wäre er an ergänzende Informationen gelangt.
„Den Kleinen von Weiß, wie war sein Name? Takatori Mamoru, oder wie er sich nennt Tsukiyono Omi. Und weißt du, wer bei ihm war? Oder vielmehr mehrfach in ihm?“
Crawford rieb sich seine Nasenwurzel. Genervt rollte er mit den Augen. „Du stellst meine Geduld auf eine harte Probe, Schuldig. Ich schätze deine Spielchen nicht, ebenso wenig wie deinen momentanen Aufzug.“
„Lasgo war bei ihm. In ihm. Was auch immer. Lasgo und ein riesiger Schwanz aus Glas, ziemlich heiß die Erinnerungen des Kleinen. Erstaunlich, wieviel Spaß er dabei hatte.“

Mit jedem Wort, das Schuldig gesagt hatte, hatte Crawfords Puls schneller geschlagen. Mit jeder verfluchten, widerwärtigen Silbe kratzte Entsetzen an den Wänden seiner eisernen Selbstbeherrschung. Mit jeder Sekunde, in der Schuldig zweideutig grinste, wurde die Situation schlimmer und schlimmer für Crawford. Der Kugelschreiber in seiner Hand zersplitterte unter der Wucht, mit der er ihn zerbrach.

Crawford wusste nicht, was ihn mehr in Rage versetzte: die Art, wie Schuldig ihm zu verstehen gab, was er wusste, oder die Tatsache, dass der ach so blütenreine Taktiker von Weiß sich mit dem Drogenhändler einließ und sich von ihm… Crawford musste das Würgen, das in ihm hochkriechen wollte, mit aller Macht unterdrücken, sonst hätte er sich hier und jetzt in seinem Papierkorb übergeben. Er schluckte mühevoll.
„Ich nehme an, dass du keine Zeit verloren und Lasgo getötet hast?“, fragte Crawford gepresst, alleine schon um von seinen Erinnerungen abzulenken.
Zynisch grinsend schüttelte Schuldig den Kopf. „Zu meinem Bedauern nicht. Unser ach so flüchtiger Ex-Geschäftspartner hatte zu dem Zeitpunkt schon Land gewonnen, ganz im Gegensatz zu Tsukiyono, der nun die Gastfreundschaft unseres Schlachthofes genießt.“

Hatte Crawford vorher noch das Gefühl, dass er die Fäden der Kontrolle in seiner Hand behalten konnte, war es nun, als habe sie ihm Schuldig alleine durch einen einzigen Satz entrissen. Jetzt wurde ihm klar, woher der Telepath die Informationen hatte. Auch war ihm vollkommen bewusst, wie Schuldig daran gelangt war, denn Tsukiyono hatte sie ihm vermutlich nicht freiwillig gegeben.
Und für was?, fragte sich Crawford mit einem Mal wütend. Für die Befriedigung seines Rachetriebes und seiner Neugier gefährdete der Telepath das fragile Gleichgewicht, dass sie bis zur Wahl zu erhalten hatten, indem er Persers Sohn entführte.

Langsam erhob Crawford sich und stützte sich mit seinen Händen auf dem Holz des Schreibtisches ab. „Du entführst und folterst ohne meine Autorisierung den Taktiker von Weiß und hältst das auch noch für eine gute Idee, auf die du stolz sein kannst?“, fragte er lauernd und gab Schuldig einen offenen Einblick in seine bodenlose Wut über diesen Umstand.
Der Telepath beschloss, die eindeutige Warnung zu missachten. „Aber natürlich, Crawford, irgendjemand muss mir ja Antworten geben.“
„Du hast keine Gedanken über die Konsequenzen deines Handelns gemacht, Schuldig. Wie immer.“
Langsamer kam auch Schuldig hoch und stellte die Kaffeetasse ab. Wie ein Raubtier spiegelte er die Pose Crawfords und maß seinen Anführer mit einem Ausdruck, der einer gierigen, hungrigen Hyäne Konkurrenz gemacht hätte.
„Und du hast nichts davon vorhergesehen. Nicht, dass ich dem Weiß über den Weg laufen werde. Noch, dass ich ihm vom Blumenladen aus gefolgt bin. Oder aber das, was er mir gesagt hat. Weißt du, von ihm stammt das Wort Sexsklave. Und mit wem hat er das wohl in Verbindung gebracht? Ich sage es dir, Bradley, mit DIR. Er hat dich als Lasgos gottverdammten Sexsklaven bezeichnet!“, steigerte sich Schuldig in seine Wut hinein und ließ Crawford im ersten, prägnanten Moment zurückzucken. Als er seine Beherrschung wiedererlangte, ballte Crawford eisern die Fäuste und starrte Schuldig wortlos an.

Alles, was er jetzt sagen würde, würde ihn verraten. Alles, was er tun würde, würde ihn verraten. So tat und sagte er erst einmal nichts und ließ das Unglück sehenden, aber ohnmächtigen Auges auf sich zukommen. Noch niemals hatte Schuldig ihn so in die Ecke gedrängt, aber wie es schien, gab es für alle ein erstes Mal.
„Ich habe ihn dir wie ein Geschenk sorgfältig verschnürt, mein großer Anführer. Ich gebe aber keine Gewähr für etwaige Schäden, die heute Nacht in seinem Geist entstanden sind. Er könnte tatsächlich etwas neben sich stehen.“
Schuldigs Worte gaben ihm die Gelegenheit zur Flucht, ohne dass es wie eine aussah und Crawford nutzte sie. „Du gefährdest unseren Auftrag hier in Japan, Mastermind. Du handelst gegen die Direktive unserer Organisation, was Kritiker betrifft. Ich hoffe, du hast dir das gut überlegt, bevor du massiv in das gegnerische Team eingegriffen hast zur Befriedigung deiner persönlichen Neugier und Rache. Und nun entschuldige mich, ich werde erneut deine Fehler ausbügeln.“

Schuldig ließ sich von seinem Vorwurf nicht ablenken und machte ihm das auch deutlich. Ruhig und wissend maßen ihn die blauen Augen. Crawford wurde sich bewusst, dass seine eigenen, wütenden Worte einem Schuldeingeständnis gleichkamen, doch das war ihm in diesem Moment egal. Er brauchte Raum zum Atmen, er musste weg von seinem Team, er musste sich beruhigen um einen klaren Gedanken fassen zu können.

Tsukiyono in ihrer Gewalt war denkbar ungünstig in diesem Moment. Schuldig im Besitz von Informationen, die nie für seine Ohren bestimmt gewesen waren, war ein nicht zu kalkulierendes Risiko. Weiß im Besitz von Informationen, die ihn diskreditierten und ihn erpressbar machten würden…

Nein, er war bereits erpresst worden. Kudou hatte ihm bereits gedroht und da ging es nur darum, Fujimiya zu helfen. Und das Schlimmste daran war, dass er noch nicht einmal den einfachen Weg gehen konnte, Weiß zu töten. Doch welche Wahl hatte er noch?
Crawford kam bis zu ihrem Flur, als er sich Nagi gegenüber sah, der mit großen Augen im Flur stand und ihn unsicher musterte.
Dem Anschein nach war er gerade erst gekommen. Ausgeruht sah er aus und Crawford beneidete ihn beinahe darum. Grollend nickte er zu ihrer Garderobe.

„Zieh dich wieder an, wir fahren zum Schlachthof“, befahl er und leistete seinem eigenen Befehl mit zitternden Händen Folge. Er benötigte Nagi im Zweifelsfall als zweite, objektive und sachliche Meinung. Er benötigte die kühle, klare Denke des Jungen, die der seinen so ähnlich war.
„Natürlich“, war es eben jene, gepriesene Ruhe, die Crawford sich ersehnte und die ihm die Aussicht auf Stabilität gab, die er jetzt in diesem Moment brauchte.

 

~~**~~

 

Als Crawford die vor Rost kreischende Tür aufschloss, hatte er Nagi bereits über das in Kenntnis gesetzt, was Schuldig heute Nacht getan hatte. Er hatte ihm alle notwendigen Informationen gegeben und all das weggelassen, das er selbst nicht aussprechen konnte. Nagi hatte das schweigend zur Kenntnis genommen und nach den Modalitäten seines jetzigen Auftrages gefragt, die Crawford aufgrund fehlender Informationen über den Zustand des Weiß nur unzureichend hatte beantworten können. So formulierte er unkonkret, was er wünschte und Nagi nahm das nickend zu Kenntnis.
Für einen Augenblick lang überlegte er, ob es Sinn machte, Nagi mit in den Kellerraum zu nehmen, in dem sich der Weiß befand, doch er entschied sich dagegen. Er wollte erst alleine mit Bombay sprechen, bevor er ihren Jüngsten dazuholte. Er musste sich selbst darüber im Klaren werden, was er mit dem Weiß anstellen würde.

Wenn Schuldig Nagi nicht schon telepathisch darüber in Kenntnis gesetzt hatte, was er meinte, dass die Wahrheit war. Nein. Was die Wahrheit war, die Crawford vor seinem Team hatte verbergen wollen.

„Ich warte hier“, bestätigte Nagi ruhig, beinahe ausdruckslos und alleine das gab Crawford die nötige Beherrschung für seine Begegnung mit dem Weiß.

Als er in den vom grellen Licht erhellten Raum trat und sich die Tür hinter ihm schloss, hatte er für einen Moment lang Schwierigkeiten, den zusammengekrümmten Körper in der hinteren Ecke als lebenden Menschen zu identifizieren. Nur am zitternden Rücken konnte er überhaupt ausmachen, dass der Junge noch atmete.
Crawford atmete tief ein. Einmal, zweimal, ein drittes Mal, bevor er sein Gesicht auf Ausdruckslosigkeit schulte und die wenigen Schritte zu Tsukiyono überwand.
Wimmernd kauerte sich dieser enger in die Wand, als er näher kam.

Noch bestand keine Not, grausam zu sein, so packte Crawford den Taktiker des anderen Teams am Nacken und zog ihn langsam, aber bestimmt zu sich herum. Die blauen Augen, die sich blutunterlaufen und rotgeweint auf ihn richteten, waren weit aufgerissen und entbehrten wie Schuldig es schon gesagt hatte, einer gewissen Konnektivität zur hiesigen Realität. Das würde wiederkommen mit der Zeit, auch wenn der Weiß sicherlich Schäden davontragen würde. Niemand überlebte Schuldigs Spiele ohne dabei psychische Narben davon zu tragen. Das war der Vorteil eines Telepathen.
Schweigend machte sich Crawford an dem Knebel zu schaffen, der den Weiß am Sprechen hinderte und ließ ihn zunächst in Ruhe husten und würgen um Luft in seine Lungen zu zwingen. Tsukiyono erinnerte ihn an sich selbst bei Lasgo. Er kannte das Gefühl des Beinaheerstickens nur zu gut.

In Ruhe erhob Crawford sich und zog sich den Stuhl heran. Scheinbar lässig nahm er darauf Platz und wartete, bis wieder Stille zwischen sie einkehrte, die geprägt war von Tsukiyonos schneller Atmung. Verängstigt hatte der Weiß sich schlussendlich erneut zusammengekauert und seinen Blick abgewandt zu Boden gerichtet, als müsse er eine Strafe befürchten, wenn er in die Augen des Orakels sah. Crawford hatte noch nicht entschieden, ob er diesen Weg nicht auch einschlagen würde.

„Mein Telepath hat mir mitgeteilt, dass du mit dem Geschäftspartner meines Auftraggebers ein amouröses Stelldichein gepflegt hast gestern Nacht. Hat er mich diesbezüglich angelogen?“, fragte Crawford kühl in den Raum hinein und lehnte sich zurück. Mit Bedacht schlug er die Beine übereinander, das dumpfe Pochen seines eigenen, schmerzenden Körpers missachtend.
Tsukiyono gab keinen Ton von sich und Crawford seufzte.
„Davon ausgehend, dass Schuldig dir nicht dein Augenlicht genommen hat, bist du in der Lage zu sehen, dass wir beide hier alleine in diesem heimeligen Raum sind. Was im Umkehrschluss bedeuten würde, dass Mastermind nicht anwesend ist. Was wiederum bedeutet, dass ich gerade Wert auf das gesprochene Wort lege, Weiß. Also. Soll ich dir den Knebel wieder zurück in den Mund stecken oder entsprichst du meiner Bitte, mir Antworten zu geben? Was von beidem darf es sein?“

Der Strähnen des schweißnassen, blonden Schopfes flogen nur so hin und her, als er den Kopf schüttelte und mit immer noch zu Boden gerichteten Blick versuchte zu sprechen. Zumindest konnte man das Krächzen als nicht viel mehr bezeichnen, das erst nach drei Versuchen einem wortähnlichen Gebilde wich.

„Das stimmt nicht. Das ist nicht Lasgo. Ich habe nicht mit Lasgo geschlafen. Ich schlafe nicht mit einer Zielperson. Nein, Schuldig irrt sich.“
Überrascht hob Crawford die Augenbraue. Das war nicht wirklich das, was er erwartet hatte nach Schuldigs Worten.
„Mein Telepath, der deine Gedanken gelesen hat, irrt sich“, wiederholte er schleppend. „Möchtest du mir erläutern, wie du zu diesem wagemutigen Schluss kommst?“
„Ich würde das niemals tun. Ich…nein, da muss eine Verwechslung vorliegen, bitte…“
Crawford ließ den Weiß sich weiter rechtfertigen und griff währenddessen zu seinem Smartphone. Er suchte in ihrem gesicherten Netzwerk nach den Bildern des Drogenhändlers, die Nagi im Rahmen seiner Observation gemacht hatte. In Ruhe scrollte er durch das Portfolio des Mannes, dessen Gesicht alleine ihm Übelkeit verursachte und holte es sich widerwillig auf den Bildschirm.
„Sieh mich an“, befahl er kalt und Tsukiyono verstummte und gehorchte beinahe augenblicklich. Panisch suchten die blauen Augen sich einen Punkt direkt hinter ihm um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen. Crawford ließ es gelten und zeigte dem Weiß die Aufnahme.

„Ist das der Mann, mit dem du geschlafen hast?“, fragte er ruhig und kurz huschten die Augen zu seinem Smartphone. Crawford sah es, noch bevor der Adamsapfel beim mühevollen Schlucken hüpfte. Er sah es, bevor die rissigen, trockenen Lippen sich zu einem gewisperten „Ja.“ teilten.
Abfällig schnaubte Crawford. „Glückwunsch, Bombay, du hast mit dem Feind gefickt. Verzeihung, dich ficken lassen. Der Mann auf dem Bild ist Lasgo. Unzweifelhaft, möchte man meinen, erkenne ich doch den Ex-Geschäftspartner meines Auftraggebers.“

Während er voller Spott auf den jungen Weiß hinunterstarrte, sah er, wie diesem Tränen in die Augen starrten und ungehindert zu fließen begannen. Stumme Schluchzer erschütterten mehr noch als das ängstliche Zittern die schmalen Schultern. Nichts daran war falsch und Crawford schob für einen Moment die Bedeutung dessen in seinen Gedanken hin und her. Wenn Lasgo es tatsächlich soweit trieb, dass er sich an Weiß heranmachte im wahrsten Sinne des Wortes, dann war das alles ein gottverdammtes Spiel und dazu gedacht gewesen, dass es bekannt wurde und aufflog. Nichts passierte zufällig, die Frage war nur, warum es passierte.

Um Fujimiya in die Enge zu treiben? Sicherlich. Doch war der junge Weiß auch eine Botschaft an ihn? Crawford vermutete es, denn keinen weiteren Sinn hatte der widerliche Dildo aus Glas, den Lasgo anscheinend mit ins Spiel gebracht hatte.
Und das alleine machte Crawford deutlich, dass er mehr denn je mit dem Rücken zur Wand stand. Durch Weiß war sein Geheimnis in Gefahr, wenn es nicht schon längst offen lag. Sexsklave. Das war genau das, was Lasgo aus ihm versucht hatte zu machen. Fujimiya hatte den Begriff sicherlich treffend gewählt, auch wenn er diese Bezeichnung bereuen würde. Und wie Fujimiya erst einmal bereuen würde, mit Kudou darüber gesprochen zu haben, der meinte, ihn genau damit erpressen zu können.

Mal sehen, wie sich Kudou schlug, wenn Crawford das größere Druckmittel in der Hand hielt. Nachdenklich kehrten seine Gedanken zu Tsukiyono zurück und dessen Nutzen, den der Junge noch haben würde.

„Ich habe es nicht mit Absicht getan, wirklich nicht. Ich wusste nicht, wer er war. Wenn, dann hätte ich nicht…nicht nachdem er dir…“

Crawfords Kopf fuhr so abrupt hoch, dass Tsukiyono abrupt verstummte und nun wie ein Reh vor dem Scheinwerferlicht verharrte. In Sekundenbruchteilen begriff er seinen Fehler, das musste Crawford ihm lassen. Ebenso schnell kroch panische Angst in die blauen Augen.
„Es tut mir leid, ich hätte das nicht sagen sollen. Es tut mir leid, das war ein Fehler, das war ein falscher Schluss, den ich gezogen habe, sicher war es das, wirklich-“
Crawford hob die Hand und abrupt verstummte der stammelnde Weiß. Schmal lächelte das Orakel. „Danke für die Überleitung, Bombay. Was genau glaubst du eigentlich zu wissen?“

„Nichts!“,, kam die schützende, aber unnötige Lüge von den zerbissenen Lippen und Crawford erhob sich. In aller Ruhe fasste er den Jungen am Nacken und zog ihn daran hoch, presste ihn mit dem Gesicht voran gegen die kalte Wand. Seine freie Hand griff zu den gefesselten Händen und drückte sie erst einmal nur ein kleines Stück nach oben. Genug um bereits Schmerzen zu bereiten, noch nicht genug um ernsthafte Verletzungen zu verursachen.
„Wirklich?“
Tsukiyonos Wange schabte an der gefliesten Wand entlang, als er den Kopf schüttelte. „Es war nur eine Vermutung, weil Birman uns Bilder gezeigt hat, die dich und Abyssinian zusammen in einem Raum zeigen. Auf einem der Bilder hält er dich fest und Abyssinian hat erzählt, dass er es nicht geschafft hat, Lasgo zu töten, weil er einen Mann aus der Gefangenschaft befreien musste. Mit den Fotos in Zusammenhang wurde geschlossen, dass….dass… du der Mann bist.“

Wut ließ Crawford rot sehen und brutaler nun drückte er die Hände nach oben. Der Aufschrei des Weiß befriedigte ihn auf eine Art und Weise, die Crawford schwer beziffern konnte und es auch nicht wollte. Gewaltsam drehte er ihn um und grollte.
„Sieh mich an“, befahl er erneut und wieder gehorchte der Junge, dessen Augen Schuldigs glichen und der sich durchaus mit Nagis Intellekt und Fähigkeiten messen konnte, was Informationstechnik betraf.

Derjenige, der sich mit Lasgo ein Stelldichein gegönnt und sich ihm freiwillig hingegeben hatte, während der ältere Mann Crawford keine Wahl gelassen und ihn wieder und wieder auf jede erdenkliche Art vergewaltigt hatte. Nichts davon, was Crawford seit tagen versuchte, in die Tiefen seines Geistes zu schieben, war wirklich dort angekommen. Alles war noch brutal präsent und schlummerte unter der Oberfläche, roh und ungefiltert.
Wut und Hass darauf sowie aus purer Zorn auf den Weiß ließen ihn Tsukiyono ein weiteres Mal ins Gesicht schlagen.

„Wer weiß alles davon?“, grollte er und wimmernd kauerte sich der Junge zusammen.
„Nur ich“, entkam es den blutigen Lippen und wieder schlug Crawford zu.
„Wer noch?“, wiederholte Crawford und ließ den Hass in ihm freien Lauf.
„Nur ich.“ Erneut schlug er zu und das war ihm schon nicht mehr genug. Blut lief aus der Nase des Weiß, ebenso wie es Tränen waren, die auf seine Hände tropften.
Wer noch?“
Dieses Mal erhielt er nicht sofort eine Antwort. Hastig und unregelmäßig atmete Tsukiyono, während das Blut aus seiner Nase auf die weißen Fliesen tropfte und seine Zähne bereits von ebenso blutigem Speichel bedeckt waren. Blind starrte er auf den Boden und Crawford änderte seinen Griff, bereit, ein weiteres Mal zuzuschlagen, als sich der Blick erneut hob und die blauen Augen ihn klar, mit deutlicher Angst, aber auch mit ebenso deutlichem Widerstand ansahen. Zweimal holte Tsukiyono tief Luft, bevor er die Kraft fand, langsam, aber deutlich zu sprechen, während diese gottverdammten Tränen nicht versiegten.

„Du bringst mich sowieso um, Crawford. Nur ich, denn ich werde mein Team nicht an dich und dein sadistisches Team verraten. Du kannst verrecken vor Neugier, nachdem du mich zu Tode geprügelt hast.“

Oh wie sehr konnte der Weiß doch den Funken der zerstörerischen Wut in ihm auflodern lassen. Wie mühelos schaffte er es, ihn zu provozieren. Wie sehr ähnelte das blutige Grinsen doch dem Lasgos, kurz bevor er sich ihm das erste Mal aufgezwungen hatte.
Mit einem weiteren Schlag ging der Weiß zu Boden und Crawford drehte sich um. Er musste raus hier, sonst tat er genau das, was der Weiß ihm gerade unterstellt hatte. Die eiserne Kontrolle um seine Emotionen wurde mit jeder Sekunde dünner, die er hier verbrachte und sich bewusst wurde, was Tsukiyono noch vor wenigen Stunden genossen hatte.

Crawford kam bis zur Tür, als die brüchige, schmerzdurchsetzte Stimme ein weiteres Mal erklang.

„Und weißt du, Schwarz, mit welchem Gedanken ich sterben werde? Dass du deinen Meister gefunden hast. DU warst derjenige, den sich Lasgo gegriffen hat. DU warst derjenige, der seinen Arsch hinhalten musste für die dunklen Triebe und Spielchen desjenigen, den er sonst schützen würde. Du holst dir seit Jahren einen darauf runter, dass du für die verdorbene Seite arbeitest und sie an die Macht bringen wirst. Seit Jahren tötest du Unschuldige, nur um jetzt endlich dafür deine Quittung zu bekommen, du dreckiges Stück Scheiße. Jetzt hat dir jemand gezeigt, wo dein Platz ist. Nämlich ganz unten als nicht viel mehr als eine Hure für die Verbrecher, die du an die Macht bringst. Weniger noch, denn eine Hure wird wenigstens dafür bezahlt, dass man sie fickt.“

Crawfords Hand schwebte Zentimeter über dem Türknauf. Dreißig Sekunden mehr und er hätte es nicht mehr gehört. Dreißig Sekunden mehr und er hätte die Möglichkeit gehabt, außerhalb dieses Raumes zu seiner Disziplin und eisernen Kontrolle zurück zu finden. Sein Blick bohrte sich in die metallene Tür. Es waren nur Worte von einem traumatisierten Jungen, der sie ihm verzweifelt entgegenspie.
Zitternd legte sich seine Hand auf den Türknauf.

„Und ich hoffe und bete zu allem, was mir zuhören mag, dass er das wieder und wieder und wieder mit dir machen wird.“

Jeder einzelne Kontrollfaden seiner eisernen Disziplin riss unter einem lauten Rauschen in Crawfords Ohren. Langsam drehte er sich um und ließ den Knauf los. Schneller war er bei dem Weiß und zog ihn hoch.
Jede Minute seiner Gefangenschaft, der Folter, jede Vergewaltigung, die er hatte hinnehmen müssen, entlud sich nun auf den gefesselten, wehrlosen Körper und nutzte diesen als willkommene Projektionsfläche für all das, was er Lasgo hatte antun wollen für seine Taten. Jeder dunkle Gedanke, der ihn seit dem ersten, schrecklichen Mal begleitete, flüsterte ihm ein, dass er einfach loslassen sollte und dass dieser Abschaum vor ihm es verdient hatte, der mit Lasgo gemeinsame Sache machte, nein, der sich von ihm befriedigen ließ und das auch noch freiwillig. Der es wagte, ihm so etwas ins Gesicht zu sagen.

Crawford schlug zu, bis selbst das Schreien und Wimmern verstummte.

 

~~~~~
Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Es war still, bis auf das gurgelnde Röcheln hinter seinem Rücken.

Crawford blinzelte und stellte fest, dass die roten Flecken in seinem Sichtfeld keine Überanstrengung seines Sehnervs war, sondern Blut auf seiner Brille. Mit zitternden, schmerzenden Händen nahm er sie ab und stellte mit Erstaunen fest, dass seine Hände blutrot waren und dazu noch glitschig von eben jenem. So glitschig, dass ihm seine Brille durch die Finger glitt und zu Boden fiel, dort unbeschädigt zum Liegen kam.
Stirnrunzelnd stellte er fest, dass auch der Boden mit rotem Blut besprenkelt war. Seine Finger ballten sich zur Faust und öffneten sich probeweise wieder.

Ach ja. Er hatte Tsukiyono geschlagen. Immer wieder, bis diese verdammten, verfluchten blauen Augen aufhörten, ihn mit Todesangst, Schmerz und Wissen darin anzusehen. Er hatte auf den Körper eingeschlagen, als hätte er Lasgo persönlich vor sich und würde endlich zu der Rache kommen, die ihm Frieden und Ruhe bringen würde.
Und jetzt?
Jetzt fühlte er sich ausgebrannt und leer. Die Befriedigung, die er anscheinend vor ein paar Minuten noch verspürt hatte, war verschwunden und bitteres Versagen schwelte in ihm. Er hatte seine antrainierte und anerzogene Disziplin vergessen. Er hatte sein strategisches Denken hinter sich gelassen und über seine persönliche Befriedigung gestellt. Er hatte sich von Gefühlen anstelle von Fakten leiten lassen. Wegen des dummen Kommentars eines Jungen, der von Schuldig vorher auf links gedreht worden und entsprechend hasserfüllt gewesen war.

Crawford hatte sich vergessen und nun?

Langsam drehte er sich zurück und stellte sich der Katastrophe, die er und nur er angerichtet hatte. Tsukiyono rührte sich nicht mehr. Er lag am Boden, in seinem eigenen Blut, der Körper sicherlich übersäht mit den Spuren seiner hemmungslosen Gewalt.
Die Kleidung war blutverschmiert und unregelmäßig hob sich der Brustkorb, während der Weiß leise röchelte.

Zehn Sekunden erlaubte Crawford es sich, den Zustand des Weiß abzuschätzen, dann drehte er sich um und ging zur Tür. Er riss sie förmlich auf und suchte nach Nagi, der mit ausdruckslosem Blick auf ihn wartete und sich von der Kiste erhob, auf der er Platz genommen hatte, während Crawford all das, was er Schuldig vorgeworfen hatte, nun selbst getan hatte. Hatte Schuldig den Grundstein gelegt, um die von ihrer Organisation geforderte Zurückhaltung in Bezug auf Kritiker zu gefährden, so hatte Crawford mit seinem unüberlegten Tun den Krieg geradezu heraufbeschworen. Er würde dieses nicht noch mit einem Mord krönen.

„Kümmere dich um ihn“, presste Crawford hervor und Nagi nickte stumm. Die Doppeldeutigkeit seines Befehls erkannte er aber erst an Nagis Gesichtsausdruck, mit dem dieser sich auf die Ausführung seines Befehls konzentrierte. Crawford schüttelte den Kopf und fasste Nagi am Oberarm. Erstaunt hielt der Telekinet inne und maß ihn vorsichtig.
„Du sollst ihn nicht umbringen, sondern dich um seine Verletzungen kümmern, Prodigy“, präzisierte Crawford mit einem flüchtigen Blick auf den Insassen ihrer Zelle. „Ich benötige ihn lebend und soweit es geht unversehrt.“ Nagi konnte sich nicht um alles kümmern, aber die Knochenbrüche und gefährlichen Verletzungen waren heilbar.
„Natürlich, Oracle“, nickte Nagi, als hätte Crawford Tsukiyono nicht gerade eben noch krankenhausreif geschlagen und als hätte er nicht dessen Schreie noch durch die Tür gehört. Das war die Labsal an dem jungen Telekineten. Im Gegensatz zu Schuldig gehorchte er ohne Fragen zu stellen. Er vertraute seinem Anführer.

Wenigstens einer.

Noch während sein Blick auf dem Weiß ruhte, klingelte sein Telefon und Crawford fischte es mit spitzen Fingern aus seiner Hosentasche. Takatori. Natürlich ausgerechnet jetzt. Natürlich hatte er das nicht vorhergesehen. Und natürlich wusste er, worauf das Gespräch hinauslaufen würde.

„Crawford“, meldete er sich und nahm mit dem Handy Abstand zu seinem Ohr, als ihr Auftraggeber bereits cholerisch in den Hörer schrie und ihn für sein Versagen in der letzten Nacht verantwortlich machte. Stumm richtete das Orakel seine Augen zur Decke und ertrug die Tiraden des älteren Japaners mit der gebotenen Höflichkeit und Demut, auch wenn er beides nicht wirklich fühlte und diesem Mann noch nie gegenüber gefühlt hatte. Der Mann, der ihre auserkorene Marionette war, war ein grobschlächtiger, machtgieriger Politiker, dem nichts zu schade war. Das hatte ihn auf die Gehaltsliste von Rosenkreuz gesetzt und nichts Anderes. Das machte ihn aber genau entbehrlich, wenn sie ihn nicht mehr brauchten.

Und solange das so war, verfügte der Japaner in gewissen Grenzen frei über sie. So frei, dass er ihn nun zu sich zitierte. Ausgerechnet jetzt.

„Natürlich, Takatori-sama. Ich bin innerhalb der nächsten halben Stunde bei Ihnen.“

Nagi sah ihn erwartungsvoll an, als er auflegte und Crawford nickte knapp in Richtung Zelle. „Kümmere dich um ihn und halte ihn am Leben. Sollte es dir nicht möglich sein, rufe einen Krankenwagen oder bringe ihn ins Krankenhaus. Sobald ich kann, werde ich wieder zu dir stoßen. Und lass Schuldig nicht noch einmal in seine Nähe“, grollte Crawford. Er wusste nicht, auf den er wütender sein sollte. Sich selbst oder den Telepathen, der ihm dieses ganze Desaster erst eingebrockt hatte, indem er den Weiß hierher geschleppt hatte.

Ein Eingreifen ihrer Organisation wurde immer wahrscheinlicher, spätestens dann, wenn sie davon Wind bekamen, dass sie sich abseits von Aufträgen an dem Taktiker des prämierten Zugpferdes von Kritiker vergriffen hatten.
Abseits davon, dass Schuldig nun eine Spur hatte, die er jetzt nicht mehr außer Acht lassen würde. Abseits davon, dass er noch keine Ahnung hatte, wo sich Lasgo befand. Abseits davon, dass er ihren Schützling am gestrigen Abend verloren hatte. Abseits davon, dass seine Gabe nur in Fujimiyas Nähe stabil lief.

Es geschah nicht oft, aber Crawford fluchte wortgewaltig. Zwar stumm und sorgsam hinter einer starren Miene verborgen, aber er fluchte in jeder Sprache, die ihm zur Verfügung stand über seine Unzulänglichkeiten.

 

~~**~~

 

Nagi wartete nicht, bis sein Anführer das Gebäude verlassen hatte, bevor er dessen Befehl ausführte.

Wenn er sich das Blut in dem weiß gefliesten Raum ansah, dann stand es ernst um den Jungen, der still am Boden lag, der Körper in einer sonderbar offenen Position dafür, dass er sich eigentlich schützend hatte zusammenkrümmen sollen, als die Schläge auf ihn eingeprasselt waren. Nagi konnte zwar das abgewandte Gesicht nicht sehen, aber die lang ausgestreckten Beine und die abstrus verdrehten Arme boten ein seltsames Bild. Nagi konnte nur raten, was Crawford getan hatte. Letzten Endes spielte es für seine Aufgabe aber keine Rolle, denn seine Gabe sagte ihm, was zu tun war, nicht die bereits geschehene Vergangenheit.

Erst vor zwei Jahren hatten sie durch Zufall festgestellt, dass seine Telekinese nicht nur zerstörerisch wirkte, sondern dass er wohl auch die Fähigkeit besaß, in Kleinste zu gehen. Blutgefäße, Knochen, Nerven. Mehr aus Instinkt hatte Nagi damals einen minimalen Bruch an sich selbst geheilt. Crawford hatte ihn darauf für ein halbes Jahr nach Österreich in die medizinische Abteilung von Rosenkreuz geschickt, damit diese ihn schulten.
Auch wenn Herr Professor Doktor Hartlgruber ein strenger, zuweilen auch bitterböser Lehrer gewesen war, so hatte er Nagis Gabe in ordentliche Bahnen gelenkt und ihm genau das Vertrauen beschwert, was die Arbeit in Mikrokosmen benötigte, damit er Schwarz noch effektiver als zuvor unterstützen konnte.

So auch jetzt.

Er löste mithilfe seiner Telekinese die Fesseln des Weiß und legte ihn rücklings auf den Boden. Er fühlte in den röchelnden Körper hinein und fuhr die Energiebahnen entlang, wie er es gelernt hatte. Anhand der unterbrochenen Wege konnte er die Frakturen, Blessuren und geplatzte Blutgefäße ausfindig machen, die über kurz oder lang zum Tod des Weiß führen würden.
Als sich die blutigen Lippen zu einem ersten Schrei teilten, verschloss er sie mithilfe seiner Gabe und drückte den Weiß unsichtbar zu Boden, so sehr sich der Körper auch gegen den nun kommenden Schmerz wehren wollte.
Er brauchte Ruhe und wenn ihm von den Schreien des Weiß die Ohren klingelten, wäre er nicht in der Lage, seine Arbeit zur Zufriedenheit seines Anführers zu erledigen. Und den Weiß sterben zu lassen, war sowieso keine Option.

Konzentriert runzelte Nag die Stirn, als er einen Schritt näher an den Körper herantrat, dessen Schmerzimpulse an seiner Gabe kratzten. Wäre er ein Gedankenleser, würde er sicherlich Probleme haben, die kreischenden und sich wehrenden Impulse von sich zu weisen, doch so konnte er sich ganz darauf konzentrieren, von Kopf bis Fuß den Körper abzugehen und das, was Crawford zerstört hatte, wieder aufzubauen… zu einem gleichen, wenn nicht sogar schlimmeren Preis. Wie hatte es Schuldig genannt? Wie Heilungsschmerz in hundertfacher Form, nur schlimmer und schneller und grotesk ätzend.

Alles hatte seinen Preis. Und alles brauchte seine Zeit, so verbrachte er die nächste lange halbe Stunde damit, den Weiß so gut es ging zu heilen.
Als er fertig war, betrachtete Nagi sein Werk mit selbstzufriedenem Stolz. Er wollte sich nicht selbst loben, aber er hatte sich selbst übertroffen, was die Heilung der äußeren und inneren Verletzungen anging. Der Weiß schwebte nicht mehr in Lebensgefahr und bis auf die kleineren Verletzungen war alles soweit verheilt, dass dieser sogar aufstehen konnte, wenn es ihm denn befohlen werden würde.

Nagi ließ den halb bewusstlosen Körper unweit von sich liegen und holte sich den Stuhl heran, der in diesem Raum stand. Schweigend ließ er sich darauf nieder. Er hatte noch eine Hausarbeit für seine Arbeit in der Universität zu schreiben und der Abgabetermin rückte näher. Dank seiner Sorge um Crawford war er noch nicht so weit vorangekommen, wie er es gerne hätte und musste das nun nachholen, während er auf den Taktiker des feindlichen Teams aufpasste.
Stirnrunzelnd holte Nagi sein Smartphone heraus und begann zu tippen, doch seine Gedanken wollten nicht so recht bei seinem eigentlichen Thema bleiben, sondern kehrten immer wieder zu dem jungen Mann zurück, der unweit von ihm zitternd auf dem Boden lag. Nagi konnte sehen, dass er nicht bewusstlos war und das sprach schon für die körperliche Konstitution des Weiß, die dieser unzweifelhaft besaß.

Als Nagi das gegnerische Team studiert hatte, war er erst davon ausgegangen, dass Tsukiyono nur ein schmächtiger Junge war, der von klein auf zum Töten erzogen worden war. Doch mit den Jahren, die sie gegeneinander gekämpft hatten, hatte er festgestellt, dass dieser alles andere als schmächtig war. Er war sehnig und athletisch gebaut, ohne dabei bullig zu wirken. Seine Fähigkeiten zur Akrobatik überstiegen bei weitem die der anderen Weiß und machten es Nagi nicht wirklich leicht, ihn zu fassen zu bekommen. Wieder und wieder war er eine Herausforderung und das machte ihre Treffen zu einer willkommenen Abwechslung zu ihren sonstigen Aufträgen.

Zudem die IT-Fähigkeiten des Weiß sich durchaus mit den seinen messen konnten, was wiederum Nagi schon beim ersten Mal, als er sich in das Netzwerk Tsukiyonos gehackt und dessen Onlineaktivitäten zugesehen hatte, aufgefallen war. Seitdem besuchte er die Aktivitäten des Anderen regelmäßig und lernte von ihnen, wo er konnte.
Nagi runzelte die Stirn. Er würde es nie zugeben, doch während seiner körperlichen Zusammentreffen mit dem Weiß, kam es ihm manchmal so vor, als wäre dieser der Einzige, der nachvollziehen konnte, was für ein Leben sie führten. Seit Jahren schon trafen sie aufeinander, wenn es darum ging, Menschen zu neutralisieren. Tsukiyono und er waren sich am Nächsten, was das Alter betraf, so schien es nur natürlich, dass Nagi sich an ihm orientierte und nicht an seinen Mitstudenten an der Universität, die allesamt so naiv waren, dass er sie dafür brennend verachtete.

In aller ihrer Feindschaft lag auch etwas Vertrautes, was dazu führte, dass Nagi es wirklich bereut hätte, wenn Crawford ihm den Tötungsbefehl gegeben hätte. So war er umso erleichterter, dass dieser nun unweit von ihm lag, zwar in den Nachwehen seiner Heilung, aber geheilt als solches.
Nagi atmete tief aus und lehnte sich zurück. Der Einzige, der von seinen Gedanken wusste, war Schuldig und dieser hatte sich wochenlang mental darüber lustig gemacht, bevor er eines Morgens in einem umdekorierten Zimmer aufgewacht war. Seitdem war der Telepath vorsichtiger und subtiler mit den Spitzen und behielt es immer noch für sich. Crawford und Jei ahnten nichts und das war auch gut so.

Denn wenn es Bewunderung war, die er ohne schlechtes Gewissen für den Weiß empfand, so war es Verehrung und Gehorsam, die er jederzeit und überall seinem Anführer schenken würde.

Ein Geräusch ließ ihn aufsehen und Tsukiyono drehte sich von der Rückenlage auf eine Seitenlage, die ihm erlaubte, sich von ihm wegzudrehen und die Beine anzuziehen. Nagi runzelte die Stirn bei einer solchen Zurschaustellung von Schwäche, die er von Tsukiyono nicht kannte. Der Weiß verließ die Norm ihrer Treffen, doch der rationale Teil in ihm erkannte, dass es sicherlich die Nachwirkungen der Folter waren, die sich hier zeigten.

Apropos. ~Schuldig?~
~Anwesend. Oh. Wie ich sehe, hat Crawford dich mit deinem Dreamboy alleine gelassen. Deine Chance, ihn anzuflirten, während er sich nicht wehren und weglaufen kann~, drang die mentale Stimme des Telepathen beinahe augenblicklich in seine Gedanken und Nagi rollte mit den Augen.
~Was hast du mit ihm gemacht?~, ignorierte Nagi alle zweideutigen Anspielungen und gab Schuldig einen kurzen Überblick über die momentane Lage. Anerkennend pfiff der andere Mann.
~Anscheinend weniger als Crawford. Soviel zum Thema, ICH würde mit meinem Vorgehen den Zorn unserer Auftraggeber auf mich ziehen. Dämliches Orakel.~
~Schuldig.~
Das Seufzen geisterte durch seine Gedanken. ~Das Übliche. Schmerz, Freude, beides im Wechsel, bis er nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf steht. Wusstest du, dass der Kleine hier mit Lasgo gefickt hat und dass Crawford sich ihn deswegen vorgenommen hat?~
Nagi kommentierte das nicht. Er würde nicht gegen seinen Anführer sprechen und ihn auch nicht kritisieren. Das stand ihm weder noch fühlte Nagi sich damit wohl, auch nur in die Richtung zu denken. Und dass Tsukiyono mit anderen Männern schlief, war ihm ebenfalls schon bekannt, das war nichts Neues, so sehr ihm das auch einen Stich versetzte und so sehr er sich innerlich auch fragte, warum Tsukiyono es für nötig erachtete, mit dem Drogenhändler zu schlafen.

~Jetzt hör mal zu, du kleiner Stalker. Der Weiß wusste anscheinend nicht, mit wem er da fickt. Und jetzt sag du mir, dass das Zufall ist. Ich glaube das nicht. Insbesondere, da es anscheinend ein Zusammentreffen zwischen deinem Idol und einem bestimmten, rothaarigen Mann gegeben hat.~
~Meinem Idol?~
~Dem arroganten Hellseherarschloch.~
Nagi seufzte innerlich. ~Warum frage ich eigentlich?~
~Weil du mich gerne denken hörst.~
~Unwahrscheinlich.~
~Lüge und dazu auch noch eine schlechte.~
~Kommt auf die Tagesform drauf an. Und welchen rothaarigen Mann meinst du überhaupt?~
~Na rate doch mal.~
~Abyssinian?~ Leichter Unglaube tränkte Nagis Gedanken.
~Exakt der. Friedlich zusammen mit Crawford in einem Raum.~
~Hör auf mich zu anzulügen, Schuldig. Das kann doch nicht sein.~
~Ich zeige dir nachher Bilder, wenn du zuhause bist, da werden dir die Ohren schlackern. In der Zwischenzeit frag mal deinen Dreamboy danach. Ich bin mir sicher, dass er dir äußerst gerne Antwort darauf gibt.~
~Meinst du?~, fragte Nagi zweifelnd und Schuldig schickte ihm das Äquivalent eines Nickens.
~Definitiv, Kleiner. Und nun lass mich in Ruhe die Augen zumachen. Seine Schmerzen machen mich alle gerade.~
~Was folterst du ihn auch? Das war doch deine Entscheidung.~
~Ja und es hat gut getan.~
~Dann hör auf rumzuheulen.~

Nagi bekam keine Antwort mehr so widmete er seine Aufmerksamkeit dem Weiß, der nun langsam seine rechte Hand zu sich zog. Sacht bewegten sich seine Finger, als musste er erst begreifen, was gerade geschehen war. Es war einer der vormals gebrochenen Finger, die nun lautlos über die blutbefleckten Fliesen strichen und die roten Tropfen verschmierten. Ebenso vorsichtig bewegte sich schlussendlich der ganze Körper und Nagi wusste, dass außer einem weitreichenden Muskelkater von dem vergangenen Schmerz schlussendlich nicht mehr viel bleiben würde. Zumindest körperlich. Ob der Weiß mentalen Schaden von Schuldigs Tun genommen hatte, konnte Nagi nicht sagen.

Er würde es sich nicht wünschen, doch die Geräusche, die nun eben jenen verließen, verhießen nichts Gutes. Das beinahe unhörbare Wimmern reizte Nagis Ohren und ließ ihn wütend werden. So hatte er Bombay in all den Jahren, in denen sie aufeinander trafen, nicht erlebt und das frustrierte ihn.
Ebenso, wie ihn nun die Versuche des Weiß frustrierten, irgendwelche Wörter von sich zu geben, rau und ungelenk. Erst nach ein paar Anläufen ließ sich Nagi darauf ein, dieser Schwäche überhaupt zuzuhören.

„Bitte…bitte…bitte…“ Wieder und wieder und wieder provozierte dieses Wort Nagis Gehörgang und er knirschte mit den Zähnen.
„Bitte was?“, entfuhr es ihm knurrend in einem Akt der ungewohnten, fehlenden Selbstbeherrschung und der ihm abgewandte Körper zuckte elendig zusammen. Der Weiß, zu dem er aufsah, der soviel außergewöhnliche und einfallsreiche Dinge in seinen IT-Netzen anstellte, der so zielstrebig und entschlossen seine Aufträge ausführte, bettelte darum, das Badezimmer nutzen zu dürfen.

Nagi hielt ihm mithilfe seiner Gabe den Mund zu.

Er wollte diese Erbärmlichkeit nicht hören, er wollte die Schwäche nicht wahrhaben, die ihm entgegenkroch und er wollte sich nicht der bitteren Realität stellen, dass Schuldig oder Crawford es vielleicht geschafft hatten, den Taktiker zu brechen.
Langsam erhob er sich und stand zunächst unschlüssig in dem Raum. Tsukiyono war ihr Gefangener. Crawford hatte sicherlich noch etwas vor mit ihm. Die Frage war, wieviel Milde Nagi selbst zeigen durfte. Wo war da die Grenze zwischen Milde und Dominanz, was durfte er erlauben und was nicht um den Weiß zum Gehorsam zu zwingen?

Normalerweise wäre jemand seines Teams da, der ihm diese Entscheidung abnehmen würde, doch nun war er vollkommen auf sich alleine gestellt. Schuldig würde er nicht fragen, Crawford konnte er mit so einer Lappalie nicht belästigen, Jei würde ihm überhaupt keine Antwort geben. Ein wenig Entgegenkommen konnte da doch nicht schaden, oder? Crawford hatte nichts von Entwürdigung und Demütigung gesagt. Also sollte es in Ordnung sein, dem Flehen statt zu geben.

Nagi räusperte sich, um seiner Stimme die nötige Festigkeit zu geben.

„Wenn du aufhörst zu betteln, entspreche ich deinem Wunsch“, stellte er in den Raum und der Körper zu seinen Füßen hielt abrupt inne. „Nicke, wenn du mich verstanden hast.“
Das Nicken kam überhastet und zu bereitwillig, aber Nagi ließ es gelten. Er löste seine Gabe von den Lippen und gab Tsukiyono seine Fähigkeit zu sprechen zurück.
„Steh auf.“

Zu Nagis Unbill wurde sein Befehl nicht sofort befolgt. Im Gegenteil. Tsukiyono wies alle Anzeichen dafür auf , dass er sich mehr in sich zusammenrollen würde, als dass er bereit war, sich zu erheben. Doch dann begriff Nagi, dass Tsukiyono sich zusammenkrümmte, um sich auf die Knie hochzukämpfen und egoistisch sah er das als Zeichen, dass noch nicht aller Wille aus dem Weiß entwichen war.
Wenn dieser ihm in die Augen sehen würde, dann könnte Nagi vielleicht eine Einschätzung treffen, doch den Gefallen tat ihm der Weiß nicht. Den Blick konstant auf den Boden gerichtet, kämpfte er sich Zentimeter um Zentimeter in die Höhe und stand schließlich schwankend, aber auf zwei Beinen vor ihm, die Arme schlotternd über seinen Körper geschlungen.

„Ich…ich…kann…nicht…laufen…“, presste die demütige Stimme hervor und Nagi schnaubte. Er hasste diese Stimmfärbung aus tiefstem Herzen. Sie passte nicht zu Tsukiyono. Er sollte aufhören damit.
„Natürlich kannst du das“, fuhr Nagi ihn entsprechend unwirsch an.
„Meine Beine…“
„Deine Beine sind geheilt. Der Schmerz wird dich nicht am Laufen hindern.“

Strauchelnd tat der Weiß einen unsicheren Schritt nach vorne, dann noch einen, immer den größtmöglichen Abstand zu Nagi haltend.
„Geh vor. Aus der Tür links, dann wieder links.“
Es brauchte seine Zeit, bis es der Weiß tatsächlich zu dem weitläufigen Raum am Ende des Ganges schaffte. Die Hälfte des Wege hielt er sich an der Wand fest und tastete sich langsam vor, als wäre er blind. Schweigend beobachtete Nagi dabei das Blut auf den Fingern, das von Crawfords zügelloser Gewalt zeugte, mit der dieser aus welchem Grund auch immer auf Tsukiyono eingeschlagen hatte.
Nagi öffnete mithilfe seiner Gabe die Tür zu dem ehemaligen Dusch- und Toilettenraum der Schlachterei.
„Die erste Tür rechts. Du hast drei Minuten.“

Der Weiß hinterließ einen blutigen Handabdruck an dem Türrahmen, als er hineinging. Das legendäre Zeitgefühl, dass dieser auch ohne Uhr besaß, zeigte sich erneut, als er innerhalb der drei Minuten wieder heraustrat um sich am Waschbecken die Hände zu waschen. Nicht einmal hob er den Blick um sich selbst im Spiegel anzuschauen oder seine Umgebung wahrzunehmen und sie sich einzuprägen. Nicht einmal sah er ihn an und beinahe wollte Nagi ihn dazu zwingen. Doch das wäre weder effektiv noch nützlich, so ließ er es und gab Tsukiyono die Gelegenheit, sich das Blut von den Händen und von seinem Gesicht zu waschen und ein paar Schlucke des mit Sicherheit rostigen Wassers zu trinken, bevor Nagi ihm mit einem telekinetischen Abdrehen eben jenes zu verstehen gab, dass seine Zeit im Bad vorbei war und dass sie wieder zurückkehren würden.

„Würdest…würdest du mich gehen lassen…wenn ich…darum bitte…?“, fragte der Weiß unsicher, während er immer noch mit gesenktem Kopf am Waschbecken stand, am ganzen Körper zitternd.
„Nein“, erwiderte Nagi schlicht. Natürlich würde er das nicht tun. Aber er verstand, dass Tsukiyono das fragen musste. So schätzte er auch, dass dieser sich ohne Widerstand fügte und sich zu ihm drehte. Nagi trat zur Seite und ließ den Weiß wieder vorgehen, zurück in den Raum hinein, der so penetrant nach Blut roch. Wie von selbst fand dieser in die letzte Ecke und ließ sich dort mit dem Rücken zu ihm nieder. Möglichst klein machte er sich, als er die Knie an sich zog und seine Arme darum schlang.

Nagi ließ ihn und nahm erneut auf dem Stuhl Platz um sich wieder seiner Hausarbeit zu widmen, doch so ganz wollte sich seine Konzentration wieder nicht einstellen.
Obwohl der Weiß nichts sagte und sogar so flach atmete, dass es Nagi erst nicht auffiel, störte er ihn bei seinem Schreibfluss. Noch einmal versuchte er es, sich in die Arbeit einzufinden, dann gab er es frustriert auf und schnaubte, ganz zum Erschrecken des Weiß.
„Was sind das für Bilder von Oracle und Abyssinian“, stellte er abrupt in den stillen Raum und Tsukiyono verharrte so reglos, dass Nagi beinahe der Meinung war, dass dieser aufgehört hatte zu atmen. Dann schüttelte sich der blutige, blonde Schopf.
„Ich weiß nichts darüber, bitte. Wirklich nicht. Er…er hat doch schon alles aus meinen Gedanken…ich…bitte…“
„Schuldig ist aber nicht hier“, hielt Nagi kühl dagegen und ein erschrockenes Jaulen entkam der abgewandten Gestalt. Schützend zog Tsukiyono den Kopf zwischen die Knie und schlang seine Arme darüber. Nagi wartete, doch kein einziger Ton verließ den Weiß. Es musste an seiner Frage liegen, befand Nagi, die eine solch heftige Reaktion hervorgerufen hatte. In Anbetracht der Tatsache, dass es vor ihm nur Schuldig und Crawford gewesen waren, die Informationen von dem Weiß gewollt hatten, tippte Nagi darauf, dass ihr Anführer zunächst eine ähnliche Antwort erhalten hatte, bevor er sein Missfallen mit körperlicher Gewalt klar herausgestellt hatte.

Das klang logisch und erklärte auch die Angst, die aus der Ecke des Raumes zu ihm drang.

Er wartete schweigend, dass sich der Weiß entspannte, doch vergebens. Und anstelle schneller Atmung und zitternden Glieder waren es nun Tränen und gut verborgene, leise Schluchzer, die ihn davon abhielten, seine Hausarbeit zuende zu schreiben. Nagi beschloss, das Thema Bilder nicht noch einmal aufzubringen.

Doch was sollte er dann anschneiden? Natürlich hätte er viele Fragen gehabt, die er während ihrer Aufträge nicht stellen konnte, aber die würden dem Weiß zu erkennen geben, dass er ihn und seine Bewegungen im Netz aus sicherer Entfernung beobachtete. Alleine schon aus dem Grund, dass er dadurch eine unfreiwillige Informationsquelle verlieren würde, würde Nagi dieses Thema nicht anschneiden.

„Warum hast du für Mastermind das Gift gewählt und für mich das Schlafmittel?“, fragte er anstelle dessen in der Annahme, dass es sichererer wäre, darauf einzugehen, doch anscheinend schreckte die Frage den Weiß in der Ecke mehr als dass er sie ihn beruhigte. Reglos verharrte er, als könne er dadurch verhindern, dass Nagi ihn anstarrte und seine Reaktionen Millimeter für Millimeter katalogisierte.

Geduldig wartete der Telekinet und wurde schlussendlich belohnt, als er doch tatsächlich eine leise, raue Antwort erhielt.
„Ich dachte, dass deine Gabe sich unter dem Einfluss eines Schmerzgiftes zu unserem Nachteil äußern würde.“
Nagi hob die Augenbraue. Die Annahme war insofern korrekt, dass er unter gewissen Umständen keine Kontrolle über seine Gabe hatte. Aber da Kontrolle das Erste gewesen war, das Crawford ihm beigebracht hatte, stellte der Einfluss eines einfachen Giftes keine Gefahr dar. Zumal das Schlafmittel so schnell gewirkt hatte, dass Nagi gar keine Möglichkeit gehabt hatte, darauf zu reagieren. Und bis auf ein flaues Gefühl im Magen am nächsten Morgen und einen trockenen Hals hatte er keine bleibenden Schäden davongetragen.

„Die Zusammensetzung?“, fragte er aus ehrlicher Neugier und der blonde Schopf schüttelte sich unmerklich.
„Ich weiß es nicht“, presste Tsukiyono hervor und Nagi hob ungläubig die Augenbraue.
„Du weiß es nicht?“, fragte er nach, ob er es richtig verstanden hatte und sah zu, wie sich die zittrigen Finger in eben jene blonden Haare krallten und an ihnen zerrten. Eher aus Instinkt als aus Notwendigkeit löste er telekinetisch eben jene von den malträtierten Strähnen und Tsukiyono keuchte entsetzt auf.
„Bitte, ich weiß es wirklich nicht. Ich sage die Wahrheit. Das ist keine Lüge. Bitte foltere mich nicht erneut. Bitte.“ Schon wieder bettelte er und Nagi runzelte die Stirn. Dieses Mal ließ er ihn sprechen und flehen und hielt ihm nicht den Mund zu.
„Erneut? Wann soll ich dich denn zuvor gefoltert haben?“, fragte er mit Irritation in der Stimme und der Weiß verstummte abrupt.
„Mein…Körper…“, presste er schließlich ohne wirklichen Zusammenhang hervor und Nagi verstand erst nach ein paar Sekunden, worauf der Weiß sich bezog. Abrupt hielt er inne.

Er hatte schon früh gelernt, dass das Leben Ungerechtigkeiten für ihn bereithielt und er hatte ebenso früh gelernt, sie zu ignorieren. Er war gut darin, doch es gab hin und wieder Situationen, in denen seine Indifferenz, mit der an das Leben selbst heranging, versagte. So überraschend es auch für ihn kam, dies war eine davon. Er wollte nicht, dass der Weiß von ihm dachte, er hätte ihn gefoltert. Wenn er folterte, sah das anders aus. Er hatte ihn geheilt. Und hatte er ihn nicht auch ins Bad gelassen? Was war denn daran Folter bitteschön?

„Du denkst, ich hätte dich gefoltert?“, fragte Nagi lauernd nach und ließ ehrliche Wut in seine Stimme einfließen. Der Weiß verstummte und presste eine seiner geheilten Hände vor seinen Mund. Der Nagi zugewandte Rücken verspannte sich sichtlich und das, obwohl Nagi gedacht hatte, dass der Weiß sich nicht noch enger in sich hatte zusammenkrümmen können. Für einen Moment lang war er versucht, dem Anderen am lebenden Beispiel vorzuführen, was genau er getan hatte und somit seiner Wut eine Stimme zu geben, doch dann besann er sich, als er sich die Fakten ins Gedächtnis rief.

Schuldig hatte Tsukiyono gefoltert. Crawford ebenso. Was sollte der Weiß aus reinem Unwissen auch anderes erwarten, als dass seine Heilung nichts anderes war als Folter. Schließlich war er nur ein Mensch ohne Gabe und ohne Wissen um die Funktionsweise seiner Telekinese. Die Frage war, konnte Nagi es riskieren, dem Anderen zu erklären, was er getan hatte?

Außer, dass dieser, sobald er wieder in der Lage war, klar zu denken, selbst darauf kommen würde, da war Nagi sich sicher. Er atmete tief ein und betont wieder aus. Gut, dann doch an einem prägnanten Beispiel.
„Sieh dir deine linke Hand an“, befahl er und wartete, bis dem zögerlich Folge geleistet wurde. Panisch brach sich der Atem des Weiß in der sonstigen Stille des Raumes und Nagi rollte unwirsch mit den Augen. Die Angst des Anderen zerrte an seiner Selbstbeherrschung und das irritierte ihn mehr als die Tatsache, dass Tsukiyono überhaupt mit einem Mal ihr Gefangener war.

„Bewege deine Finger.“
Wimmernd wurde sein Befehl verweigert. „Bitte. Es tut mir leid, ich habe das nicht so gemeint, bitte, ich…“, versuchte der Weiß einer erneuten Folterung – aus seiner Sicht – zu entgehen.
„Bewege deine Finger“, wiederholte Nagi stur und sah, wie sich eben jene zusammenkrümmten und wieder aufrichteten.
„Scheinen sie dir gebrochen?“
Wild flogen die Haare, als Tsukiyono den Kopf schüttelte.
„Schienen sie dir vor meiner Folter gebrochen zu sein?“ Zögerlich nickte er.
„Das waren sie auch“, bestätigte Nagi. „Und jetzt zieh deine Schlüsse, Bombay.“

Ruhe kehrte ein zwischen sie beide und Nagi beobachtete den Weiß dabei, wie er seine Finger weiterhin bewegte und schließlich auch seine zweite Hand dazunahm. Nagi wertete das als Fortschritt, denn nun war der Weiß nicht mehr vollkommen in sich zusammengekrümmt, sondern hatte sogar den Kopf gehoben. Mal sehen, ob er ihn auch dazu bekommen konnte, ihn anzusehen.
„Ich verstehe nicht“, murmelte dieser schließlich und Nagi seufzte innerlich. Sicherlich waren es die äußeren Umstände, die das logische Denken behinderten, schließlich war der sonst messerscharfe Verstand des gegnerischen Taktikers nicht plötzlich dumm geworden.
„Glaubst du allen Ernstes, dass sich deine Knochen magisch wieder zusammengesetzt haben?“
Ein leichtes Kopfschütteln.
„Wie könnte es dann gelaufen sein?“
„Du…“, fiel der Groschen und Nagi war versucht, in die Hände zu klatschen.
„Exakt, Weiß“, erwiderte er und wurde Zeuge, wie Tsukiyono über seine Worte nachdachte und schließlich erneut in tränendurchsetzte Panik geriet. Mit fest auf den Mund gepressten Hände wurde der noch wunde Körper nur so geschüttelt von Schluchzern, die Nagi weder nachvollziehen noch verstehen konnte.

Er versuchte, sich darauf einen Reim zu machen und scheiterte auch nach mehrmaligen Überlegungen und Kalkulationen. Vielleicht sollte er einfach aufhören, mit dem Weiß zu sprechen, schlussfolgerte Nagi schließlich und widmete sich nun mehr als halbherzig seiner Hausarbeit.

 

~~**~~

 

Er schaltete den Wasserkocher aus, als das Wasser kochte und gewaltige Blasen die klare Flüssigkeit durchdrangen auf der Suche nach der Oberfläche.
Kaum hatte er ihn vom Strom getrennt, schon beruhigte sich das Spektakel und ließ nur noch einzelne, kleine und schlaffe Bläschen übrig, die wenig attraktiv waren. Jei taufte sie Schuldig, wie er vieles in seiner Umgebung Schuldig taufte, das ihm nicht gefiel, ihn langweilte, ihn nervte oder einfach hässlich war. Sterbende Wasserbläschen Schuldig zu nennen, war durchaus passend.

Doch noch war der Telepath anscheinend von Nutzen, auch wenn Jei die Logik des Orakels nicht ganz nachvollziehen konnte. Vermutlich war es etwas, das in der Zukunft lag, ihrer aller Augen verborgen, sichtbar nur für die zukunftsgerichteten Augen des Hellsehers.
Am Anfang war es frustrierender gewesen als jetzt. Jetzt ließ die deutsche Nervensäge ihn in Ruhe, sowohl mental als auch körperlich.

Meistens.

Jei füllte das Wasser in dem Becher mit dem Teebeutel und zählte die Sekunden der vorgeschriebenen Zeit, bevor der den Beutel herausnahm und ihn in den Müll warf. Die widerlich süßen Riegel ihres Technikjungen befanden sich in dem Schrank am anderen Ende der Küche und Jei runzelte nachdenklich die Stirn, als er überlegte, wie viele davon er mitnehmen sollte. Schlussendlich griff er sich zwei und kehrte zur Anrichte zurück, auf der der dampfende Becher stand. Er drehte ihn zu und packte beides in den Rucksack, in dem sich bereits der Rest befand, den er aus dem Haus zusammengesucht hatte, während die Nervensäge schlief und das aus der Bahn geratene Orakel auf dem Weg zu ihrem Auftraggeber war.

Jei legte den Kopf schief. Wie ein defekter Satellit hatte der Anführer seine Umlaufbahn verlassen und trudelte durch das All seines Daseins. An allen Meteoriten, die an ihm vorbeitrudelten, stieß er sich und geriet damit noch weiter aus dem natürlich vorgegebenen Takt. Doch anstelle alles daran zu setzen, zurück zu kehren zu seiner Aufgabe, gab sich der Satellit die beste Mühe, auf Kollisionskurs mit der Erde zu geraten.
Jei verzog unwirsch die Lippen. Es war nie seine Aufgabe gewesen, defekte Satelliten auf den richtigen Kurs zurück zu bringen. Eigentlich.

Er löste sich aus seinen Überlegungen und nahm sich den Autoschlüssel des Wagens mit dem größten Kofferraum. Er gehörte dem Hellseher und normaler fuhr Jei ihn auch nicht, aber es nahm an, dass die Umstände diese Ausnahme rechtfertigten, so fuhr er in den Außenbezirk der Stadt, in dem sich ihre Schlachterei befand. Der Technikjunge dürfte sein Spiegelbild bereits geheilt haben, aber wie er den Gehorsamen kannte, hätte er nicht weiter gedacht als es ihm der ihr Anführer befohlen hatte.

Bald würde es noch weitere, trudelnden Satelliten geben, wusste Jei. So war es nur noch eine Frage der Zeit, bevor sie darauf aufmerksam werden würde. Er lächelte beinahe zufrieden. Wenn sie darauf aufmerksam werden würde, käme sie mit Sicherheit nach hierher. Den Hellseher würde das sicherlich nicht freuen, aber davon würde sich Jei nicht abhalten lassen.
Er zog das Handy hervor, das ihm gegeben worden war um auch im Fall einer Abwesenheit erreichbar zu sein und starrte das kleine Ding an, während er die Nummer ihres Technikjungen wählte und seine Ankunft ankündigte.

 

~~**~~

 

Der ihn genauso aufmerksam musterte wie Jei nun den Weiß und feststellte, dass er bereits einen weiteren, trudelnden Satelliten gefunden hatte, der auf dem besten Weg war, auf Kollisionskurs mit der Erde zu geraten.
Schweigend bedeutete ihm ihr Wunderkind, dass er ihm nach draußen folgen sollte und verschloss ihm den Blick auf den in der Ecke kauernden Weiß, dessen Atem sich panisch an den Wänden brach, als er sich gewahr worden war, dass nun auch ein zweiter Schwarz in seiner Nähe war.
„Was machst du hier?“
Jei hob seine Augenbraue. „Ich nehme ihn mit.“
Er wäre enttäuscht gewesen, wenn ihr Becherjunge nicht misstrauisch geworden wäre, da er ja schon die Halbschwester des anderen Technikjungen getötet hatte. Doch das war etwas vollkommen Anderes gewesen. Sehr viel notwendiger als es bei dem Weiß war.
„Wohin?“
„Weg von hier.“
Missfallen stand deutlich auf dem ausdruckslosen Gesicht und Jei zog seine Lippen zurück zu etwas, das ein Lächeln sein sollte, auch wenn er darin nicht gut war, wie er selbst wusste.
„Wohin?“, wiederholte Nagi eindrücklich in dem Tonfall, den er der Nervensäge gegenüber anschlug. Das wiederum missfiel Jei. Er war nicht die Nervensäge.
„Zu Weiß.“

Anscheinend hatte Crawford nicht mit ihrem Wunderkind gesprochen, dass er hierherkommen und ihn mitnehmen würde, stellte Jei fest, als dieser überrascht wurde von seinen Worten. Also gab es noch keinen Blick in die Zukunft hierfür. Interessant. Und es gab noch keinen Plan für den Weiß in dem Raum. Auch das war höchst erstaunlich.
„Zu Weiß?“, echoete ihr Jüngster und Jei nickte schweigend. Als er sich nicht weiter erklärte, begann der Junge anscheinend seine eigenen – fehlerhaften – Schlüsse zu ziehen.
„Hat Crawford dich geschickt?“
Jei runzelte die Stirn und erwog, ob es sich lohnte, zu lügen oder die Wahrheit zu sagen. Und ob es überhaupt notwendig war, irgendetwas zu sagen, wenn er bedachte, dass ihr Technikjunge seit geraumer Zeit ein krudes Interesse darin fand, die Zahlen des ihn spiegelnden Technikjungen mithilfe seines Computers zu verfolgen.
„Sollst du ihn lebend dorthin bringen und leben lassen?“, fragte der Zahlenverfolger weiter und Jei nickte. „Das ist mein Auftrag.“ Nicht von dem Hellseher, aber das spielte für Nagi keine Rolle, der, wie sie doch alle, nur das hören wollte, was er zu hören wünschte.
„Was hast du dann in deinem Rucksack?“

Jei verzog seine Lippen und grinste freudlos. „Das wirst du sehen“, murmelte er und trat an ihrem Jüngsten vorbei zurück in den Kellerraum.
So wie der Weiß gerade war, konnte er ihn nicht zurückbringen um Umlaufbahnen zu begradigen. Blutig war er und verängstigt. Verrückt noch lange nicht, aber wenn die Nervensäge die Gelegenheit als günstig erachtet, dann würde er einer zweiten Runde nicht widerstehen können und spätestens dann wäre der Geist des Spiegeltechnikjungen nicht mehr als ein Sammelsurium von Einzelteilen, die es nicht mehr zusammenzufügen gelang.

Jei seufzte genervt und kniete sich zu dem Weiß. Junge Katzen wurden durch die Mutter am Nacken gepackt, in einem praktischen Tragegriff, der sich auch für den Weiß anbot, befand er. Das gefiel dem Jungen nicht und schmerzerfüllt stöhnte er auf. Eine Gegenwehr seitens des Weiß konnte er nicht feststellen. Wohl jedoch von ihrem Jüngsten.
„Was tust du?“, fragte er ausdruckslos, auch wenn hinter diesen Worten durchaus Emotionen lauerten. Jei hob die Augenbraue.
„Ich drehe ihn um.“
Er tat, was er gesagt hatte und holte den Weiß aus seiner Ecke. Mit einem Grollen hielt er ihn an Ort und Stelle und wartete, bis dessen lächerliche Versuche, ihn loszuwerden, verebbten. Erst, als der Körper vor ihm kein Anzeichen mehr gab, dass er sich aus lauter Verzweiflung in das offene Messer stürzen würde, setzte Jei den Rucksack ab und öffnete ihn zum verzweifelten Schrecken des zweiten Technikjungen.

Zuerst stellte er den Becher zwischen sich und den Weiß und legte dann den ersten Müsliriegel daneben. Nach kurzer Überlegung folgte dann auch der Zweite. Ungeduldiger als es Crawford damals mit ihrem Technikjungen gewesen war, deutete er auf alles. Er hatte schließlich keine Wochen Zeit.
„Trink. Iss.“
Die blauen Augen, die nicht halb so penetrant waren wie die der Nervensäge, schossen hoch zu ihm und hinter seinem Rücken hörte Jei einen überraschten Laut. Er selbst war weniger überrascht darüber. Nein, so konnte der Weiß sicherlich nicht zu den Seinen zurückkehren. So gerne sie auch im Blut badeten mit ihren Krallen, ihren Drähten, Schwertern und Darts, so wenig würde es den Anderen gefallen, wenn einer der Ihren blutbeschmiert zurückkehrte. Ein Geschenk musste schön verpackt werden. Es war sogar eine Kunst, die richtige Verpackung zu wählen.

Nichts geschah und Jei legte den Kopf schief. Seine eindeutigen Worte schienen nicht auf hörende Ohren zu stoßen.
„Hört er?“, wandte er sich an Nagi, der ihm eine hoch erhobene Augenbraue schenkte.
„Ja.“
Jei seufzte und drehte sich wieder zurück. „Dann trink. Iss“, wiederholte Jei eindringlicher und hielt dem Weiß zur Bekräftigung den Becher entgegen, den dieser mit zittrigen Fingern annahm. Anscheinend wusste er, wie man mit dem Thermobecher umzugehen hatte, als er die Öffnung aufdrückte und einen ersten, vorsichtigen Schluck nahm. Überraschung kroch in die erschrockenen Augen. Unter wachsamem Blick Jeis, der ohne zu blinzeln das Tun des Weiß verfolgte, nahm dieser gehorsam so lange Schlucke aus dem Becher, bis der Tee aufgetrunken war und er ihn wieder auf exakt den gleichen Platz abstellte, an dem Jei ihn abgestellt hatte.

Weniger gehorsam legte der andere Taktiker nun die Hände in den Schoß seiner angezogenen Beine und wartete mit hochgezogenen Schultern. Jei seufzte. Selbst ihr Jüngster war zu Beginn nicht so unselbstständig gewesen wie der Weiß nun. Eine Tatsache, die sicherlich auf die Folter zurück zu führen war, aber unnötig und zeitraubend trotzdem. Schließlich würde Takatori den Hellseher nicht ewig in Beschlag nehmen.
Grob griff Jei zu beiden Riegeln und riss sie auf. Fordernd hielt er sie dem Weiß hin und anscheinend erinnerte sich dieser wieder daran, wie man aß. Langsam zwar, aber stetig verschwanden die Riegel in dem Jungen.

Gut.

Nun ging es an die Verpackung.

Jei erhob sich und drehte sich zu ihrem Technikjungen um, der ihn fragend musterte und mit dem Becher und den Riegeln anscheinend genauso wenig anfangen konnte wie sein Spiegelbild, dabei war es doch so offensichtlich.
„Dusche“, gab Jei die nächste Stufe seines Plans bekannt. Notgedrungen, damit der Telekinet ihn nicht von seinem Tun abhielt, weil er wieder den Verdacht hegte, dass er dem Weiß etwas tun würde.
Als er keine Einwände zu hören bekam, packte er den entsetzten Weiß am Nacken. Wortlos zog er ihn hoch und zerrte ihn an Nagi vorbei aus dem Kellerraum hinaus in den gekachelten Sanitärraum hinein. Leicht stieß er ihn in Richtung der in die Wand gelassenen Duschköpfe. Nagi wollte ihnen nachkommen, doch Jei hielt ihn davon ab. Wenn er den Weiß begucken wollte, würde er ihn vorher fragen müssen…aber erst, wenn dieser zurück bei den Anderen war, hier würde es wieder nur für Komplikationen sorgen.

„Warte draußen, Prodigy“, knurrte er wütend.
„Du wirst ich nicht anrühren, Berserker“, drohte eben jener ihm und Jei lächelte wieder sein unglaubwürdiges Lächeln über den Schutzinstinkt ihres Jüngsten.
„Er ist schmutzig. Er muss sauber werden. Das wird er selbst können ohne dich. Ich passe auf, dass er es auch wirklich tut“, erwiderte er und schlug dem Jungen die Tür vor der Nase zu.

Langsam wandte er sich zu dem Weiß, der sich zwar zu ihm umgedreht hatte, dessen Blick sich aber in den Boden bohrte. Das war dumm, befand Jei, in Anwesenheit eines Feindes den Blick abzuwenden. Er hatte den Jungen nicht so dumm in Erinnerung, doch das spielte jetzt keine Rolle. Selbst dumme Menschen konnten duschen.
„Zieh dich aus.“
Der Blick aus blutunterlaufenen, rotgeweinten Augen schoss wieder zu ihm hoch und die blonden, strähnigen Haare schüttelten sich zusammen mit dem Kopf.
„Bitte, ich möchte das nicht. Tu mir das bitte nicht an, bitte. Berserker, ich…“
Jei war irritiert über die Worte und das Flehen. Duschten die Weiß nicht? Hatte der Technikjunge im Spiegel Angst vor Wasser? Wie wurde er dann reinlich? Angewidert verzog Jei seine Lippen ob der Vorstellung, dass dieser sich nicht wusch und reinigte.
„Zieh dich aus“, wiederholte er anstelle dessen strenger und sah, wie Tränen in die blauen Augen traten und über die blutigen Wangen rollten. Wenn doch ihre Nervensäge nur halb so viele Tränen vergießen würde, wäre er schon froh, befand Jei und sah reglos zu, wie seinem Befehl Stück um Stück Folge geleistet wurde und der Weiß schließlich nackt und blutig vor ihm stand.

Beinahe schon gelangweilt griff er erneut in den Rucksack und holte ein Handtuch und Duschgel hervor. Es war das ihres Technikjungen. Beides drückte er dessem Spiegel vor die Brust und deutete auf die Kabine links neben ihm.
„Duschen“, wiederholte er und zog die Augenbraue hoch, als sich die blauen Augen ungläubig weiteten. Dieses Mal gab es keine Verzögerungen und ein paar Sekunden später hörte Jei das Wasser rauschen, das den Gehorsam des Weiß verkündete.

Er seufzte tief. Wenn der Junge erst einmal zurück bei den Anderen war, würden diese ihn in seine Umlaufbahn bringen und das Duschen wäre Weiß‘ Problem. Und dann würde alles so weitergehen bis bisher, so er denn ihren eigenen, trudelnden Satelliten einfangen konnte.
Im Spiegel beobachtete Jei, wie sich der Junge mit abgehackten Bewegungen einseifte und sich mit dem kalten Wasser das Blut vom Körper wusch, das seinen Weg in stark verdünnter Form in den Abfluss fand.
Beinahe normal sah er wieder aus, als er aus der Dusche trat, das Handtuch fest um sich geschlungen. Wieder war der Blick zu Boden gerichtet, als könne er dadurch seinem Schicksal entgehen und Jei rollte sein Auge über abermals soviel Unvernunft.

„Abtrocknen und anziehen“, gab er dem Jungen die nächsten Handlungen vor und holte aus dem Rucksack entsprechendes Material hervor. Er hatte nicht lange dafür suchen müssen, ein Griff in den Kleiderschrank ihres Technikjungen und er hatte alles gefunden, was der Weiß brauchte um angezogen zu werden. Die Sachen passten ihm, auch wenn es nicht seine waren und verdeckten die Hämatome auf seinem Körper, um die ihr Telekinet sich nicht gekümmert hatte.
Zufrieden betrachtete Jei sein Werk und deutete dann auf den Boden. „Hinknien.“

So gehorsam, wie der Weiß das tat, was er wollte, wünschte er sich ihre Nervensäge und wieder erlaubte Jei sich ein missbilligendes Grollen über dessen Anwesenheit in ihrem Haushalt. Alleine, um sich davon abzulenken, griff er in den Rucksack und förderte einen Fön zutage, den er nun in einer der Steckdosen anschloss. Für einen Moment überlegte er, ob er dem Weiß diese Aufgabe überlassen sollte, doch ein Blick in die erneut vor Tränen überquellenden Augen sagte ihm Gegenteiliges.

So übernahm er nun die Aufgabe und föhnte die blonden Strähnen, bis sie nicht mehr auf die Kleidung ihres Technikjungen tropften. Sie fühlten sich so weich an, dass Jei dem Verlangen widerstehen musste, sie büschelweise auszurupfen, um ihre pure Schönheit zu vernichten.

Wie gut, dass er mittlerweile die Disziplin besaß, sein Verlangen seinem Willen unterzuordnen, wenn es einen besseren Plan gab, der es mehr wert war, verfolgt zu werden.

 

~~**~~

 

Die Fliesen unter seinen Knien waren kalt und bohrten sich erbarmungslos in die empfindliche Haut. Überhaupt schien ihm das Wort erbarmungslos ein stetiger Begleiter der letzten unzähligen Stunden gewesen zu sein, in denen sich Schwarz an ihm bedient hatten.

Zuerst war da Schuldig gewesen, der ihn mithilfe seiner Telepathie gefoltert hatte, bis Omi nicht mehr konnte. Oder wollte. Als wäre das noch nicht genug gewesen, hatte Crawford mit den Bruchstücken weitergemacht, die von Schuldigs Eingreifen noch übrig gewesen waren. Und in seiner verzweifelten Wut hatte Omi den Amerikaner verletzten wollen, so wie Schuldig und das Orakel selbst ihn verletzt hatten. Er hatte zu dem einzigen Schwachpunkt gegriffen, der ihm in dem Moment greifbar schien und hatte das bitter bereut. Die Befriedigung darüber, dass er ins Schwarze getroffen hatte und dass Crawford anscheinend wirklich von dem Menschenhändler vergewaltigt worden war, war nach und nach der Gewissheit gewichen, dass dieser ihn totschlagen würde.

Und dennoch hatte Crawford aufgehört. Nach Frakturen am ganzen Körper, nach Schlägen, die Omi innere Blutungen vermuten ließen, hatte er aufgehört und hatte ihn Prodigy übergeben. Das, was Omi als finale Folter vermutet hatte, hatte sich im Nachhinein als Heilung herausgestellt, wobei er das Wort Heilung für diese Qual nicht verwenden würde. Nichts hatte er machen können, als der Telekinet ohne Gnade seine Kraft in ihn gepresst hatte, in jeden Winkel seines Körpers. Er hatte nicht schreien dürfen, sich nicht aufbäumen dürfen, nichts war ihm erlaubt gewesen, bis die Kraft des Anderen von ihm abgelassen und ihn wund und mit rasendem Herzschlag zurückgelassen hatte. Das schreiende und kreischende Ziehen und Brennen in seinem Körper war zu einem dumpfen Pochen, einer Art schlimmem Muskelkater abgeklungen und sprach von Heilung.

Zu dem Zeitpunkt war Omis Widerstand aber schon erloschen gewesen. Er hatte panische Angst davor, dass es noch einmal geschehen würde. Er hatte Angst davor, durch ein falsches Wort eine neue Welle der Gewalt und Schmerz auszulösen, also sagte er gar nichts. Oder das, was seine Folterer hören wollten, die, so hatte er begriffen, ihn nur heilten, damit es wieder von vorne beginnen konnte. Ein ewiger Kreislauf aus Schmerz und Demütigung, nur weil er mit einem Mann geschlafen hatte, von dem er nicht gewusst hatte, wer es war.

Omi wurde alleine bei dem Gedanken daran übel, was er getan hatte, doch er schob es weit weg von sich. Wenn er überleben wollte, dann durfte er sich nicht durch andere Probleme ablenken, auch wenn ein Teil von ihm bereits begriffen hatte, dass sein Überleben garantiert nicht mehr in seiner Hand lag. Er war vollkommen hilflos im Angesicht der PSI. Er konnte sie noch nicht einmal dazu bringen, ihn im Affekt zu töten, weil Prodigy neben seiner zerstörerischen Gabe auch noch die bisher unbekannte Fähigkeit besaß, zu heilen.
Spätestens, als der Irre des Teams auftauchte, wusste Omi, dass sein Leid grenzenlos sein würde.

Doch das, was er erwartet hatte, war nicht eingetreten.

Anstelle von Messerspielen hatte der vernarbte Mann ihm zu trinken und zu essen gegeben. Der Tee war süß und heiß gewesen, eine Wohltat für seinen Körper und Omi hatte ihn trotz der stetigen Angst vor dem weißhaarigen Schwarz genossen. Er hatte seinen kalten Körper gewärmt und die Müsliriegel hatten seinen knurrenden und schmerzenden Magen beruhigt.
Und wie war er erneut getäuscht worden, als er angenommen hatte, dass Berserker sich ihm in der Dusche aufzwingen wollen würde. Er hatte ihn duschen lassen, ihm saubere Kleidung gegeben und nun föhnte er ihm die Haare.

Farfarello föhnte ihm summend die Haare.

Omi presste seine Lider zusammen und versuchte, an etwas anderes zu denken als daran, dass es die Finger des irren Schwarz waren, die wieder und wieder durch seine Haare fuhren und sie mithilfe eines Föns trockneten, während er ein Lied summte, das Omi vage bekannt vorkam und dass sein geschundener Geist als Lied aus einem Disneyfilm klassifizierte. Er versuchte sich auf die Wärme zu konzentrieren, die nach der eiskalten Dusche Einzug hielt. Er versuchte sich auf den Schmerz in seinen Knien zu konzentrieren, nur um nicht über die Bedeutung dessen nachzudenken zu müssen, was nun passierte.

Doch sein Verstand machte ihm bereits deutlich, dass die Einzelteile, die sich bisher außerhalb seiner Reichweite befanden, sich langsam und unaufhörlich zu einem Bild zusammenfügten. Sie gaben ihm zu trinken und zu essen, neue Kleidung und sie ließen ihn duschen. Das war nicht für ihn, es konnte es nicht sein. Es war für jemand anderen.
Er hatte sich mit einem Menschenhändler eingelassen, der Crawford vergewaltigt hatte. Natürlich war das die Rache, die Crawford an ihm nehmen würde. Er würde ihn verkaufen an einen der anderen Menschenhändlerringe, die ihre Ware sicherlich nicht blutig und verhungernd haben wollte. Deswegen geschah das alles.

Deswegen packte der weißhaarige Mann ihn erneut am Nacken und schleifte ihn zurück in den Raum, der von seinem Blut beschmutzt war. Omi strauchelte hinein, immer darauf bedachte, dem anderen Schwarz nicht zu nahe zu kommen, dessen überraschter Laut seine überreizten Nerven erreichte.
„Das sind meine Sachen“, drang die indignierte Stimme des Telekineten an Omis Ohr und ließ ihn zusammenzucken. Wenn der Telekinet wütend war, würde er es an ihm auslassen und das würde erneut Schmerzen bedeuten. Überrascht und entsetzt fuhr Omis Blick hoch, direkt in die Augen des jüngsten Schwarz, der ihn durchdringend musterte.

„Ja“, lautete die gleichgültige Antwort des Iren, als würde er ihm damit nicht mehr Schmerzen bereiten als Omi ertragen konnte. Er konnte nicht mehr, insbesondere dann nicht, wenn sie ihn verkaufen würden an Männer, die ihn unter Drogen setzen und sich hm aufzwingen würden. Doch diese würden nur normale Menschen sein. Vielleicht hätte er da irgendwann die Gelegenheit zu fliehen. Vielleicht… doch verwundet und unter Schmerzen würde ihm das nicht gelingen.
Seine Hand fuhr beinahe bedauernd über den Saum des ihn wärmenden Pullovers, bevor er sich daran machte, ihn sich auszuziehen. Unmissverständlich und mit roher Gewalt wurde er davon abgehalten und er stöhnte ohnmächtig auf, als Farfarello sein Handgelenk im schmerzhaften Griff hielt und warnend verdrehte.
„Nein“, erhielt er den eindeutigen Befehl, der im Widerspruch zu der zerstörerischen Wut des Telekineten stand, die mächtiger war als der Ire. So viel mächtiger.
„Ich kann ihn ausziehen“, murmelte Omi mit dem Blick wieder auf den Boden gerichtet und wurde mit einem zweifachen Schnauben belohnt.
„Das wirst du nicht“, raunte Farfarello in sein Ohr, während Prodigy die Arme verschränkte.
„Das hast nicht du zu entscheiden, Farfarello. Das sind meine Sachen, die du dem Weiß mitgebracht hast.“

Die Absurdität der Situation ließ Omi fassungslos zurück und er wusste langsam nicht mehr, ob er schreien, weinen oder hysterisch lachen sollte. Er war in einem Kellerloch gefangen, von dem er nicht mehr wusste, wie er hierher gekommen war. Er war gefoltert worden und wurde nun an einen Menschenhändlerring verkauft und die beiden Schwarz stritten sich um Kleidung. Als gäbe es nichts Wichtigeres. Als wäre er nicht wichtig.
Wut stieg in ihm hoch, ziellos und zerstörerisch, wie sie es bei Crawford gewesen war. Eben diese Wut gab ihm Kraft in das Gesicht des Telekineten zu starren und dessem unzufriedenen Blick standzuhalten.
„Soll ich mich ausziehen?“, fragte er mit beißender Selbstironie. „Sicherlich brauche ich deine Kleidung in dem chinesischen Bordell, in das ihr mich verkaufen werdet, nicht.“
Anstelle der erwarteten Wut, die ihn treffen würde, wurde es still um ihn herum. Naoe starrte ihn wortlos an, die Augen ungläubig geöffnet. Hinter ihm gab selbst der Irre des Teams einen Laut des Unverständnisses von sich und Omi Lippen verließ ein weiteres, verzweifeltes Schnauben.
„Glaubt ihr, ich wüsste nicht, wozu der Tee, das Essen, die Dusche hier dienen? Glaubt ihr, ich wüsste nicht, was euer Anführer geplant hat, nur weil ich…“ Omi würgte sich ab und verstummte abrupt. Er verbot sich weiter zu sprechen, weil die Folgen dessen unkalkulierbar waren und er schon genug gesagt hatte. Viel zu viel.
„Ist das so, Jei?“, fragte Naoe tatsächlich mit dem Hauch des Unwissens, den Omi ihm keine Sekunde abnahm, und der Ire lachte. Vertraulich strichen die vernarbten Lippen über sein Ohrläppchen und hinterließen eine brennende Spur an Gänsehaut.

„Wenn du den Blumenladen, den ihr für eure nutzlose Tarnung nutzt, ein Bordell nennen möchtest, kleiner, schöner Weiß, dann ja, werden wir dich dahin verkaufen“, raunte die raue Stimme in sein Ohr und Omi konnte nicht anders. Abrupt drehte er sich in dem eisernen Griff des Berserkers um und wagte einen Blick in das verbliebene Auge.
„Was?“, fragte er mit klopfendem Herzen voller Hoffnung auf etwas, das eigentlich nicht sein konnte. Zurück zu Weiß? Wieso sollten sie? Was für Grund konnte es haben? Welchen Sinn hatte das?
„Zurück in die Umlaufbahn mit dir, kleiner trudelnder Satellit“, murmelte der weißhaarige Schwarz und fischte nach einem Haar, das ihm ins Gesicht hing. Mit einem Grinsen zog er es und drehte ihn zurück zu dem Telekineten, der ihn ausdruckslos maß.

Omi senkte seinen Blick und richtete ihn fest auf dem Boden gerichtet, auch oder gerade dann, als Prodigy auf ihn zukam und er sich nun in der Mitte zwischen den beiden Schwarz befand. Zu nah, schrie eben jene Stimme panisch in ihm, die keine Grausamkeit mehr ertrug und die nun neue Hoffnung auf Besserung geschöpft hatte. Omi ballte seine freie Hand zur Faust, als der Schwarz zum Sprechen ansetzte.
„Wage es ja nicht, diese Sachen wegzuwerfen oder zu vernichten, Weiß. Du wirst nicht mögen, was passiert, wenn ich herausfinde, dass du es dennoch getan hast. Aber keine Sorge, ich werde sie mir aus eurem kleinen, heimeligen Blumenladen wiederholen.“

Omi zuckte vor dem Lächeln in den Worten zurück, das ihm voller sadistischer Versprechen schien. Er schluckte mühevoll und schwieg zu der Drohung. Sollten sie ihn wirklich gehen lassen, würde er sich später darum kümmern können. So nickte er lediglich und schloss die Augen, voller Angst, dass jedes Wort, das er verlor, sie umstimmen würde.
Wieder war es Farfarello, der ihn zurückzucken ließ, als er ihm von hinten über die Lippen strich.

„Und nun mach deinen Mund auf, kleiner Weiß. Zeit für dich zurück zu kehren.“

Gehorsam öffnete er die Lippen und zuckte überrascht, als es ein Knebel war, der sich eisern in seine Mundwinkel schnitt. Überrascht wehrte er sich, doch dann wurde ihm sein Augenlicht genommen und die Finger, die seine Hand im eisernen Griff gehalten hatte, zwangen diese hinter seinen Rücken zu den Handschellen, die dort auf sie warteten.
Omi stöhnte verzweifelt auf, wurde jedoch gnadenlos aus dem Raum gezogen, Treppen hinauf, die er sich nicht mehr erinnern konnte, heruntergekommen zu sein.

Der Raum, durch den er zu einem Auto geführt wurde, war kalt und weitläufig, wenn er dem Echo seiner Schritte vertrauen konnte, ganz im Gegensatz zu dem engen Kofferraum, in den der Schwarz ihn nun sperrte und nach unendlich langer Zeit mit ihm durch die Stadt fuhr.
Omi zitterte am ganzen Körper und klammerte sich an den kleinen Funken an zerstörerischer Hoffnung, wieder nach Hause zurückkehren zu können.
Die Frage, was passierte, wenn es eine Lüge war, wollte er sich nicht beantworten, wollte noch nicht einmal einen Gedanken daran verwenden. So klammerte er sich die endlosen schrecklichen Augenblicke im Kofferraum an die rettende Vorstellung seines Teams.

Und endlich…endlich…hielt der Wagen an und Omi hatte das Gefühl, dass sein Herz stehen blieb. Kaum, dass er hörte, wie der Kofferraum geöffnet wurde, zogen ihn auch schon gnadenlose Hände aus dem Wagen. Es war Farfarello, der ihm die Augenbinde abnahm und mit einem verzweifelten Blinzeln erkannte er, dass sie sich im Hinterhof des Konekos befanden.

Gegen alle Vernunft begann sich Omi gegen den eisernen Griff des Berserkers zu wehren, in der plötzlichen Angst, dass etwas fürchterlich schief gehen würde. Dass Prodigy und er sein Team auslöschen würden und ihn nur zu diesem Zweck hierhin gebracht hatten.
Doch kaum hatte Farfarello ihn mit einem Lächeln losgelassen, fing Naoe ihn wieder ein und schob ihn unerbittlich in Richtung Hintereingang.

„Zurück in den Weltraumbahnhof mit dir, kleiner Satellit“, murmelte Farfarello und nahm zusammen mit Prodigy und ihm den Hintereingang. Wie nichts öffnete sich eben jene Tür, die ihr Heim schützen sollte und er wurde hineingestoßen. Hinein in die Wärme seines Zuhauses, hinein zu den Stimmen seines Teams und seiner Freunde. Omis Blick verschwamm vor den Tränen, die in seine Augen traten, und beinahe wäre er in seinem eigenen Haus gestürzt, wenn Farfarello ihn nicht vertraulich an sich gepresst hätte und mit ihm ins Wohnzimmer gegangen wäre, wo Omi nicht nur sein Team vorfand, sondern auch noch Birman und Manx, deren Gespräche nun abrupt erstarben, als sie ihn sahen.

Ihn. Farfarello. Naoe.

Wie Salzsäulen wurden sie dort unter dem Einfluss des Telekineten festgehalten, während der weißhaarige Schwarz in die aufkommende, gespenstische Stille irre kicherte.
„Sieh sie dir an, kleiner Satellit. Wir haben sie überrascht, hatten sie doch keine Ahnung, wo du warst und wie sie dich zurückbekommen sollen. So schlecht passen sie auf einen der ihren auf. Ist das nicht bitter? Die Frage ist, was sie bereit sind, für dich zu bezahlen, wo sie dich doch jetzt so überraschend wieder haben. Ob sie überhaupt bereit dazu sind oder ob wir dich wieder mitnehmen sollen, damit du ihnen nicht zur Last fällst.“
Omi lief es eiskalt den Rücken hinunter. Nein… bei allem, was ihm heilig war, nein. Das konnte nicht sein, nicht so kurz vor dem Ziel. Nein, bitte nicht. Er wehrte sich in dem Griff des Berserkers, doch der plötzliche Lauf einer Waffe an seiner Schläfe hielt ihn davon ab. Abrupt verharrte Omi ebenso still wie sein Team, während er ihnen in die erschrockenen Augen starrte.

In diesem Moment ahnte Omi, dass er sterben würde. Und ebenso sicher wusste er, dass er das im Angesicht seines Teams tun würde. Sie würden das Letzte sein, was er sah, nicht Schwarz. Sie, seine Freunde, seine Familie. Nur sie.
Die Waffe, die nun seine Schläfe verließ, richtete sich auf eben jene und Omi schrie hinter dem Knebel. Er wimmerte, flehte, bettelte erstickt, dass der Schwarz Gnade zeigte, doch weit gefehlt. Farfarello richtete die Waffe unnachgiebig auf jeden seines Teams und als ihm der Knebel aus dem Mund gerissen wurde, ahnte er das Schlimmste.

Zurecht.

„Wähle, kleiner Satellit. Ein Leben für ein Leben. Wer soll es sein?“
Verzweifelt schluchzte Omi. „Niemand. Bitte. Wenn du jemanden töten möchtest, dann nimm mich. Töte mich, aber nicht sie. Bitte, Farfarello. Bitte!“
Ein missbilligendes Zungenschnalzen antwortete ihm. „Das sind nicht die Regeln des Spiels, Bombay. Wen wählst du?“ Mit Omi im festen Griff ging der Schwarz zu seinem Team und ließ ihn in die besorgten Augen Youjis starren. Wild schüttelte Omi den Kopf. Ebenso bei Aya, ebenso bei Ken und bei Manx. Natürlich auch bei Birman.

Sie blieben bei der Kritikeragentin, die den Schwarz mit absolutem Hass und brennender Verachtung und doch so etwas wie Genugtuung in ihrem Blick musterte, die sich Omi nicht erklären konnte. Omi schüttelte den Kopf.
„Bitte, Farfarello. Wenn du jemanden töten willst, dann nimm mich. Nicht sie.“
Wie als hätte er ihn nicht gehört, richtete sich Farfarellos Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Agentin, die Omi großgezogen hatte. „Schau her, kleiner Satellit. Schau sie dir genau an“, raunte Farfarello und Omi verdrehte schmerzhaft seinen Kopf um einen Blick in das verbliebene Auge zu werfen. Oder auf Naoe.
„Nicht sie, Farfarello. Bitte! Erschieß mich anstelle dessen. Halt ihn davon ab, Naoe!“, gellte es nunmehr panisch aus seinem Mund.
Ein heiseres Lachen penetrierte Omis überreizte Gehörgänge. „Du willst dich für die böse Königin opfern, kleiner Prinz? Und wieder einmal weißt du gar nichts und denkst, dass du alles weißt. Schau genau hin, trudelnder Satellit. Sieh nicht mit den Augen.“

Der Schuss, der auf die Worte des Schwarz folgend durch die Stille dröhnte, ließ ihm genauso wie sein eigener Schrei die Ohren klingeln, als er sah, wie Birman zu Boden ging, getroffen durch eine Kugel in den Bauch. Er selbst wurde vorwärts gestoßen, direkt in die Arme seines Anführers hinein, der über ihn hinweg Farfarello verständnislos, aber nicht im Mindesten fassungslos ansah.

Er konnte nicht aufhören nach Birman zu schreien, bis alles Erlebte der letzten Stunden oder Tage in all seiner Schrecklichkeit über ihn hereinbrach und er mit einem gewaltigen Rauschen in seinen Ohren schlussendlich das Bewusstsein verlor.

 

~~**~~

Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Zitternd saß Aya auf der Matratze, die soviel weicher war als seine eigene, dass es ihm unwohl war. Starr ruhte sein Blick auf seinen Händen, die besprenkelt waren vom Blut der Kritikeragentin, das durch den weißhaarigen Schwarz vergossen worden war. Wie oft in den letzten Tagen hatte er sich gewünscht, Birman das Leben aushauchen zu können? Wie oft hatte er ihren Tod herbeigesehnt und Gedanken um Gedanken daran verschwendet, ihr Ableben zu planen ohne seine Schwester zu gefährden?

So oft, dass die Tat des Schwarz derart seine Zustimmung fand, dass er für einen Moment lang alles andere in den Hintergrund gestellt hatte. Ihren Jüngsten, die Anwesenheit der Schwarz in ihrem Haus, die Sicherheit seiner Schwester. Alles war verblasst im Gegensatz zu dem befriedigenden Anblick der zu Boden gehenden Agentin, die er fälschlicherweise für tot gehalten hatte.

Fälschlicherweise.

Wären Berserker und Prodigy noch länger geblieben, wäre sie wahrscheinlich alleine am Blutverlust gestorben, doch die beiden Schwarz schienen ihre Aufgabe damit beendet zu haben, ihnen ihren Jüngsten vor die Füße zu werfen und Birman zu verletzen. Mehr wollten sie anscheinend nicht.
Warum schießt du ihr nicht in den Kopf, hatte es in Aya gegellt, als er seinen Blick in den des Iren gebohrt hatten. Warum hatte der Ire sie leben lassen, anstelle ihr den Todesstoß zu versetzen?

Das Schreien Omis hatte ihn von eben jenen Fragen abgebracht. Instinktiv hatte er seine Arme um den gefesselten Jungen geschlungen und ihn fest an sich gepresst. Ich bin da, hatte er wieder und wieder gemurmelt, während er ihn auf Verletzungen untersucht und keine lebensgefährlichen gefunden hatte. Du bist in Sicherheit, hatte er gelogen, denn sie waren nirgendwo in Sicherheit, wenn es Schwarz darauf anlegten. Wie einfach wäre es nur gerade gewesen, sie alle zu töten, wenn die beiden es gewollt hätten? Keiner von ihnen hätte sich unter dem Einfluss des Telekineten, der sie wirkungsvoll stumm an Ort und Stelle gehalten hatte, gegen Schussverletzungen wehren können. Sie alle wären dort verblutet und gestorben, wo sie waren.

Doch das waren sie nicht. Omi war es nicht.

Noch bevor das Krisenreaktionsteam eintraf, hatte Youji die Schlösser der Handschellen geknackt, mit denen Omi gefesselt worden war. Mit sanftem Nachdruck hatten sie ihren Jüngsten auf die Couch bugsiert. Youji hatte sich zu ihm gesetzt und den aufgelösten Jungen fest an sich gepresst, während die zittrigen Fäuste Youjis Shirt in ihrem unerbittlichen Griff beinahe zerrissen hätten. Haltlose Tränen waren über die Wangen ihres Taktikers gelaufen, während er bereits da noch versuchte, Informationen über seine Gefangennahme weiter zu geben, auf dass Weiß sie verwerten konnte, bevor er mitgenommen wurde. Hier und da hatten Aya und Youji vorsichtig nachgefragt und so hatten sie ihm Stück für Stück entlocken könnten, dass es Schuldig gewesen war, der Omi entführt und zuerst gefoltert hatte. Dass dann Crawford an der Reihe gewesen war, der, kurz nachdem er versucht hatte, ihn totzuschlagen, ihn durch den Telekineten hatte heilen lassen. Mit Unglauben nahmen sie beide auf, dass es der Irre des feindlichen Teams gewesen war, der ihn schlussendlich hierhergebracht hatte.

Ausgerechnet Farfarello.

Was für ein Plan dahintersteckte, konnte Aya nicht sagen. Ob es Rache an Weiß war, dafür, dass sie Schwarz während der letzten Mission verletzt hatten, ebenso nicht. Er vermutete es, aber dennoch passte das, was Omi ihnen mit brüchiger Stimme preisgegeben hatte, nicht dazu.
Ebenso wenig wie es passte, dass Omi Manx in Bezug auf die Fotos nicht die Wahrheit erzählte, die Birman seinem Team gezeigt hatte.
„Diese Fotos sind Fälschungen. Schwarz wissen nichts von ihrer Existenz und Schuldig hat…als ich… er hat….“, stockte ihr Jüngster und verfing sich in einer weiteren, schmerzvollen Erinnerung, durch die er sich hindurchkämpfte um Manx davon zu überzeugen, dass Aya kein Verräter war. Wieder und wieder bat er die rothaarige Agentin darum, dass sie ihren Anführer nicht festsetzen ließ, weil er unschuldig war und Schwarz keinen Anlass dazu gegeben hatten, ihn als solchen zu identifizieren.
Erst, als sie ihm zusicherte, dass auch Aya in das Safehouse weit ab vom Koneko gebracht werden würde, ließ er sich in Begleitung von Ken von dem Reaktionsteam mitnehmen und in ihre Klinik bringen.
Wortlos hatte Aya einen langen Blick mit ihrem Taktiker ausgetauscht, der ihn schlussendlich umarmt hatte. Die Worte der rauen Stimme verfolgten ihn bis jetzt.
„Crawford hat es zugegeben, Aya. Schuldig und Naoe wissen von nichts“, hatte er ihm in das Ohr geraunt und sich dann wegbringen lassen.

Pragmatisch über seine eigene Schmerzgrenze hinweg, das war Omi und das nötigte Aya großen Respekt ab. Mehr als er es wirklich wollte, beruhigten ihn die Worte seines Taktikers, zeugten sie doch davon, dass Omi wieder auf die Beine kommen würde, weil ihn nichts so schnell umwarf. Er war stur. Er war stark. Er ging seinen Weg.
Das hatte er sich von Manx abgeschaut, die Aya stumm gemessen hatte, während Cleaner ihr Haus reinigten, Polizisten den Bereich absperrten, das Notfallteam seine Sachen zusammenräumte. Über all das geordnete Chaos hinweg hatte sie Aya gemustert, ihn geradezu seziert und schlussendlich eine Entscheidung getroffen.

Eben jene, die ihn in das Safehouse gebracht hatte und nicht in eine Zelle in einer der Kritikerunterbringungen.
„Ich kümmere mich um deine Schwester“, hatte sie schließlich gesagt und währenddessen ihr Handy aus der Tasche geholt, in die sie es erst Minuten vorher gesteckt hatte. „Ich hole sie aus dem Magic Bus Krankenhaus und lasse sie in eine sichere Einrichtung bringen, damit sie nicht auch noch zur Zielscheibe von Schwarz wird. Ich lasse dich holen, wenn sie verlegt und untergebracht ist.“

Aya hatte die Drohung, die zwischen ihren Worten lauerte, durchaus gehört. Natürlich nutzte sie seine Schwester als Druckmittel gegen ihn um ihn zum Gehorsam zu zwingen. Natürlich nutzte sie Aya als Pfand dafür, dass er sich benahm und sich nicht des Verrates schuldig machte.
Und nichts lag Aya ferner. Trotz aller Wut, die er über ihre Worte empfunden hatte, war sie das geringere Übel zu Crawford und Schwarz, insbesondere jetzt, da das feindliche Team keine Zeit hatte verstreichen lassen, sich an ihrem Jüngsten zu vergehen.

Aya empfand nichts als Hass und Wut auf Schwarz, auch jetzt noch, wo er auf dem Bett seines neuen Zimmers saß, in dem Haus, das ihnen zur Verfügung gestellt worden war. Weder er noch Youji wussten dank der Kapuzen, die sie auf dem Weg hierhin getragen hatten, wohin sie gebracht worden waren und Aya vermutete es als das, was es war: eine weitere Vorsichtsmaßnahme gegen Schwarz.

Als wenn sie das feindliche Team dadurch würden aufhalten können. Was sollten sie schon gegen solche Gaben ausrichten, die sie überall finden und sie jederzeit vernichten konnten?
Nichts. Nichts konnte Schwarz aufhalten außer der Tatsache, dass Weiß anscheinend noch zu irgendetwas nutze waren, das sich Aya verschloss.

 

~~**~~

 

Natürlich kannte Crawford den Vertrag, den Ratsherr Leonard stellvertretend für den obersten Rat von Rosenkreuz mit Takatori ausgehandelt hatte, Wort für Wort, schließlich verfügte Schwarz auch über eine Kopie dessen.
Crawford wusste um die Textpassagen und kannte die Intention dahinter und nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum es notwendig war, einem solchen Sadisten soviel Macht über Rosenkreuzagenten zu geben. Er könnte es schlechte Verhandlungen nennen, doch das würde schon an Kritik und Verrat an seiner eigenen Organisation grenzen, denn schließlich war die Weisheit des obersten Rates unübertroffen.

Wie kreativ Takatori den Vertrag für körperliche Züchtigungen nutzte, wenn es darum galt, ein Versagen des ihm unterstellten Teams abzugleichen, erlebte er in den letzten Tagen eindeutig zu häufig. Wobei kreativ in Crawfords Augen nicht der richtige Begriff für das war, was Takatori ihm die letzte Stunde über für sein Versagen angetan hatte.

Plump, ja. Brutal, ebenso. Wenig zielführend, vor allen Dingen.

Sicherlich konnte er dem Politiker nicht ein gewisses Maß an Geschick absprechen, mit dem dieser es geschafft hatte, ihn nicht bewusstlos werden zu lassen. Es war, als würde Takatori ganz genau seine Schmerzgrenze kennen und wissen, wann er Pause zu machen hatte, als es für Crawford unerträglich geworden war. Er wusste, wie er mit dem Golfschläger hatte zuschlagen müssen, wo an seinem Körper er den Elektroschocker hatte ansetzen müssen, um keine bleibenden Schäden hervorzurufen.

Und natürlich hatte Crawford nach seiner Strafe auf die Frage, ob er es denn nun endlich verstanden hätte, dass Takatori in seinem Umfeld keine Versager duldete, vorschriftsgemäß mit „Natürlich, Takatori-sama.“ geantwortet und hatte, sobald es ihm erlaubt worden war, sein Hemd wieder übergestreift um seinen nackten Oberkörper vor den verächtlichen Blicken seines Auftraggebers zu schützen. Dass seine Muskeln steif vor Schmerz waren, missachtete er. Dass er am Liebsten schreien würde, ebenso. Den Wunsch, Takatori für seine Unverschämtheit, ihn anzufassen, zu töten, vergrub er noch tiefer, als er Knopf um Knopf schloss und sich mit ruhigen, bedachten Bewegungen das Hemd in die Hose steckte.

Und hatte er es nicht auch verdient? Jeder Schlag des zukünftigen Premierministers von Japan hatte ihn daran erinnert, dass er die Kontrolle verloren hatte über seine Disziplin und wie er seiner Wut nachgegeben hatte um Tsukiyono dafür zu bestrafen, dass Lasgo ihn gefickt hatte. Jeder elektrische Schlag, der in seinem Körper gebrannt hatte, hatte ihm zu verstehen gegeben, dass er versagt hatte, Lasgos Folter durchzustehen und seine Arbeit aufzunehmen. Er hatte als Anführer versagt und als Repräsentant von Rosenkreuz in Japan. Er war der erbärmliche Abklatsch seines früheren Ichs, der verdient hatte, was geschah, eben weil er nicht gut genug war. Er war noch nicht einmal ausreichend.

Deswegen hatte Lasgo ihn vergewaltigt. Deswegen hatte Takatori ihn gezüchtigt.

Doch noch war Crawford nicht bereit dazu, die Dame des Hauses zu rufen und um seine Entfernung zu bitten. Noch gab es eine Möglichkeit, die er nutzen konnte.
Während er sein Jackett unter den gierigen Augen Takatoris überstreifte und seine Brille aufsetzte, sich schlussendlich verbeugte und mit geradem Rücken das Büro verließ, wusste er, dass er seine Gabe um jeden Preis stabilisieren musste. Wenn das bedeutete, dass er Abyssinian zu sich holte, dann sollte das so sein. Wenn es bedeutete, dass er den Mann die nächsten drei Monate in ihren hauseigenen Keller sperrte, damit dessen Nähe seiner Gabe ein Katalysator war, dann sollte auch das sein. Er würde, konnte und wollte auf den Weiß keine Rücksicht mehr nehmen.

Crawford kam bis zu seinem Wagen in der Tiefgarage, bevor er zitternd vor Schmerzen die eiserne Kontrolle über seine Körperbeherrschung verlor. Unelegant lehnte er an dem verlockend kühlen Metall und fischte fahrig sein Handy aus der Tasche. Er rief Elenas Nummer auf und schickte ihr eine Kurznachricht, weil er seiner eigenen Stimme nicht traute.

Jetzt, lautete die einfache Bitte, von der er wusste, dass sie sie ohne zu zögern ausführen würde.

 

~~**~~

 

Die Möbel in dem engen Haus mit der knarzenden Treppe hatten allesamt schon bessere Zeiten gesehen und Aya war sich nicht sicher, ob die Elektrogeräte ihnen nicht Stromschläge verpassen würden, wenn sie sie anschalteten. Trotz des muffigen Geruchs, der sich durch das Haus zog, hatte das Krisenreaktionsteam ihnen dringend empfohlen, die Fenster geschlossen zu lassen, um es potenziellen Angreifern nicht noch einfacher zu machen.
Youji hatte, sobald sie weg waren, mit einem Augenrollen die Fenster zum Innenhof aufgerissen, denn auch er wusste genauso wie Aya, dass so etwas wie geschlossene Fenster Schwarz nicht aufhalten würden.

Doch ein Gutes hatte das alles hier, insbesondere auch die Tatsache, dass ihnen ihre Handys abgenommen worden waren – zu ihrer eigenen Sicherheit, dass Aya nicht lachte.
Hier würden sie endlich ungestört über das sprechen, können, was geschehen war und nun geschehen musste. Nun konnte Youji Aya nicht mehr entkommen und würde ihm erklären, was genau ihn geritten hatte, als er meinte, Crawford erpressen zu können und dadurch sein Team zu gefährden.

Aya fand den blonden Weiß in der Küche, wo dieser sich mit zittrigen Fingern eine Zigarette ansteckte und blind aus dem geöffneten Fenster starrte.

Aya hielt inne und seine vorwurfsvollen Worte erstarben noch in seinem Mund. Bedächtig änderte er seinen Kurs. Anstelle einer Konfrontation steuerte er die Kaffeemaschine an und befüllte sie, ließ sie ihre gefährlich sproddelnde Arbeit verrichten, während er Youji Zeit gab, seine Gedanken zu ordnen und wieder zu sich zu kommen. Warum sollte er seinem Freund auch etwas verneinen, was er seinem Feind bei Lasgo zugestanden hatte? Einem Feind, der, so rief sich Aya ins Gedächtnis, Omi nicht nur geschlagen hatte, sondern auch aller Wahrscheinlichkeit die restliche Folter ebenso befohlen und autorisiert hatte.
Wut kochte zügellos in Aya hoch, doch er unterdrückte sie für den Moment, wusste er doch, dass sie sonst in das Gespräch mit Youji einbluten würde. Ein Problem nach dem anderen. Manx kümmerte sich um seine Schwester und damit war sein Plan, sich an Crawford zu wenden, obsolet. Er brauchte nun nichts mehr von dem anderen Mann als dessen Buße dafür, was er Omi angetan hatte.

Ein schmerzhafter Stich durchzog Aya. So vieles war verkehrt gelaufen die letzten Tage und Wochen. So vieles hatte seine Welt auf den Kopf gestellt und nun war es sein Tun, das seine Freunde mit hineinzog und sie verletzte. Omi vor allen Dingen, Youji und Ken mittelbar. Er führte dieses Team, er sollte es nicht dem Untergang weihen.
Schweigend stellte Aya Youji eine Tasse neben seinem provisorischen Aschenbecher und äußerte sich nicht dazu, dass dieser im Haus rauchte, etwas, das er im Koneko definitiv nicht schätzte.
Gemeinsam mit ihm betrachtete er den scheinbar leeren Gehweg vor dem Haus, der alles andere als leer war, wie sie beide wussten. Ihre Überwachungsteams waren gut und unauffällig. Ihre Gefängniswärter, die sie unter Beobachtung hielten, bis die Lage sich geklärt und Kritiker Omis Aussage hätten.

„Es ist wegen mir, nicht wahr?“, stellte Youji schließlich in den Raum, die sonst so selbstsichere Stimme voller Zweifel und Selbsthass. „Ich habe Crawford erpresst und das ist die Antwort, die er mir schickt. Er foltert zusammen mit seinem Team Omi und lässt ihn bluten für mein Handeln. Das ist meine Schuld, nur meine Schuld. Ich hätte das nicht tun dürfen. Schwarz sind böse, natürlich lässt sich jemand wie Crawford nicht erpressen.“
So wütend Aya auf Youji auch gewesen war, die Tränen in den Augen des anderen Mannes schmerzten ihn über alle Maßen. Fest legte er ihm eine Hand auf den Arm und drückte versichernd zu.
„Nein, Youji. Es ist nicht deine Schuld. Egal, was du zu Crawford gesagt hast, er hat die Entscheidung getroffen, Omi zu entführen. Er hat seinem Team befohlen, Omi zu foltern. Nicht du. Und wenn überhaupt, dann ist es meine Schuld. Ich habe den Amerikaner gerettet. Ich habe mich erpressen lassen dadurch. Ich war nicht ehrlich zu euch und habe Omi nicht vor der möglichen Gefahr gewarnt, in der er schwebt. Dich trifft keine Schuld, in keinem Fall, Youji.“

Aya erhielt keine Antwort von Youji, als dieser blind nach draußen starrte. Schließlich schnaubte er bitter.

„Doch, Aya. Die Schuld trifft alleine mich, da ich gedacht habe, ich könnte mich mit einem sadistischen Hellseherarschloch messen um deinen Arsch zu retten.“
„Dann trifft mich die Schuld, dass ich ihn überhaupt aus den Fängen Lasgos gerettet habe. Wenn ich das nicht getan hätte, wäre er nun kein Problem und hätte Omi niemals diesem Leid ausgesetzt.“
Youji schien seine Worte hin und her zu bewegen und es war ein dunkles Lächeln, das seine Überlegungen beendete. „Er hat es verdient, Aya“, erwiderte Youji mit Hass in seiner Stimme und es war unzweifelhaft, wen und was er meinte. Mit Mühe hielt Aya den Worten Stand, die auch ihm durch den Kopf geschossen waren, als er Crawford zum ersten Mal so entwürdigt und hilflos gesehen hatte. Doch diese Gedanken waren verschwunden und Aya verbot sie sich. Denn sie würden zu nichts anderem als zu Dunkelheit führen.
Vehement schüttelte er den Kopf. „Nein, Youji. Das hat kein Mensch verdient.“
„Er ist kein Mensch, Aya. Er ist ein Monster.“

Aya löste sich abrupt von Youji, als er nicht glauben konnte, was er gerade gehört hatte. Das
war Birmans Argumentation. Das waren ihre Worte, mit denen sie es gerechtfertigt hatte, dass auch sie sich Crawford aufgezwungen hatte. Das war seine Argumentation gewesen, als er bereit war, Crawford zu vergewaltigen, nur um sich an ihm zu rächen.
„Würdest du gleiches mit gleichem vergelten, wenn er hier wäre? Würdest du dich ihm wie Birman auch aufzwingen?“, fragte Aya entsprechend lauernd und hob herausfordernd die Augenbraue. In Youjis Augen stand ein Ja, das Aya ihm keine Sekunde lang glaubte.
„Du hast ihn gesehen, oder? In einem seiner unzähligen Anzüge? Ich habe ihn in nichts gesehen, Youji. Lasgo hat ihn sich nackt gehalten, wie es sich für ein Stück Fleisch gehört. Er hat ihn entwürdigt und entmenschlicht und nein, das würdest du nicht tun. Und ich auch nicht. Nicht mehr. Nicht noch einmal. Und verdammt nochmal, wir beide sind besser als Lasgo. Das, was Lasgo ihm angetan hat, ist unentschuldbar, das, was ER Omi angetan ist, ist es ebenso! Und dafür wird er büßen, das schwöre ich dir.“

Youji starrte ihn ebenso ungläubig an wie er es vor ein paar Sekunden getan hatte und Aya bemerkte die Rage, die Besitz von ihm ergriffen hatte. Mit aller Gewalt löste er seine Fäuste und trat einen Schritt zurück. Bewusst drehte er sich zum Fenster und nahm eine gute Portion kühler, frischer Luft.
„Und wie willst du das machen, Aya? Du hast gesehen, wie einfach sie in unseren Lebensraum dringen und uns wie lästige Fliegen an die Wand klatschen.“
„Die Frage ist da eher, warum sie es bisher noch nicht getan haben…“
„Nein, die Frage ist, wann sie es wieder tun werden und ob wir uns des Problems Schwarz nicht entledigen sollten. Crawfords Schwäche kann uns da von Nutzen sein, das weißt du so gut wie ich. Omi hat es geschafft, Prodigy schlafen zu legen. Er hat es geschafft, Schuldig zu verletzen, weil Crawfords Gabe gestört ist, was das Orakel im Übrigen noch nicht einmal bestreitet. Was einmal passiert ist, kann wieder passieren!“

Aya seufzte. Youji hatte Recht, sie mussten sich des Problems Schwarz so bald wie möglich annehmen, solange Crawford noch außer Gefecht gesetzt war. Er nickte langsam. Omi zu foltern als Dank dafür, dass er Crawfords Arsch vor Lasgo gerettet hatte, war eine Kriegserklärung und er würde sie mit Freuden annehmen.

 

~~**~~

 

Omi ließ seinen Kopf mit einem Seufzen in das Kissen zurückfallen, als die Schwester ihm endlich gestattete, sich auf das Bett zu legen, das ihm die ganze Zeit bereits wie eine süße Verlockung schien und durch immer weitere Untersuchungen vorenthalten worden war.

Zusammen mit wechselnden Ärzten hatte sie ihn seit seinem Eintreffen betreut und untersucht, ganz zu Omis Unwohlsein. Wenngleich er wusste, dass die Untersuchungen notwendig waren, wollte er nicht angefasst werden. Nicht mehr… nie mehr, wie eine kleine, traumatisierte Stimme in ihm gellte. Berührungen bedeuteten Schmerzen und machten ihm deutlich, dass er nicht Herr über seinen eigenen Körper und seinen Geist war.
Obwohl es Omi verneint hatte, hatten sie ihn auf Spuren einer möglichen Vergewaltigung untersucht. Sie hatten seine Hämatome aufgenommen, fotografiert und katalogisiert, ihm Blut und Speichel abgenommen und ihn schließlich für eine kleine Ewigkeit in ein MRT gesteckt, das ihnen zeigen würde, ob es in seinem Kopf oder seinem Körper Veränderungen gegeben hatte.
Schlussendlich hatte sich ein Neurologe noch einmal sein Hirn angesehen und dann grünes Licht gegeben, dass er in das für ihn bereitgestellte Krankenzimmer zurückkehren und etwas essen durfte.

Doch nicht bevor Sasaki Airi, so lautete das Namensschild der Schwester, ihn zum Trinken genötigt hatte. Nicht, dass sie ihn wirklich hatte zwingen müssen, denn Omi starb vor Durst und sehnte sich nach wohlschmeckendem Wasser. Er sehnte sich ebenso nach etwas Gehaltvollem zu essen, doch nicht so sehr wie Ken, dessen hungriger Fußballermagen sich lautstark über das ausgefallene Abendessen beschwerte.

Gemeinsam machten sie sich über die Krankenhauskost her, in schweigender, gefräßiger Zweisamkeit. Omi war eher fertig als Ken und ließ sich vorsichtig in die Waagerechte gleiten. Ihm war trotz der Schmerzmittel und der leichten Beruhigungsmittel, die sie ihm gegeben hatten, leicht unwohl, so drehte er sich auf die Ken zugewandte Seite und wartete auf die Fragen, die sicherlich kommen mochten. Ken war auffallend still gewesen, was immer ein Zeichen dafür war, dass er sich Gedanken machte, die er später äußern würde. Sie kannten sich am Längsten von Weiß und waren am engsten miteinander verbunden, so erwartete Omi nichts anderes als den Wunsch nach Wahrheiten, die er bisher nicht geäußert hatte.

Schneller, als es ihm jedoch lieb war, kamen eben dieser.

Ken machte es sich auf einem der Sessel bequem und nippte an der Cola, die er sich aus einem der Automaten gezogen hatte. „Was haben sie dir wirklich angetan?“, fragte er ruhig und seine Augen maßen Omi ohne das übliche fröhliche Getue, mit dem er sich durch den Tag kämpfte. Nachdenklich musterte dieser seinen Freund und wusste, dass es wenig brachte, Ken mit den gleichen Lügen abzuspeisen wie den Rest der Ärzte und Psychologen.

„Der Telekinet des Teams hat die Fähigkeit zu heilen. Es hat sich angefühlt, als würde er mich von innen heraus zerreißen und ich habe gedacht, dass ich wirklich sterben werde, auf die möglichst schmerzhafteste Art, die Schwarz zu bieten hat.“
„Du sagtest, dass Crawford dir Knochen gebrochen hat?“
Omi schluckte schwer. So sehr sie auch das offene, manchmal auch schmerzhafte Wort miteinander pflegten, so wenig wollte er sich daran erinnern, was der Amerikaner ihm vor ein paar Stunden angetan hatte, dafür, dass er ihm die Pest an den Hals gewünscht hatte. Schlimmeres als das.
„Ja. Und anscheinend war Prodigy in der Lage, das zu richten, ohne, dass etwas zurückbleibt.“
„Beängstigend.“
„Ja.“
„Wie passt der weißhaarige Irre da rein?“
Omi hob die Augenbrauen und rief sich das Verhalten des Berserkers ins Gedächtnis. Derjenige, der alleine mit seinen Messern ganze Massaker anrichtete, hatte keine Zeit verloren, ihm heißen Tee und Müsliriegel aufzuzwingen, kurz bevor er ihn in die Dusche geschleppt und ihm die Haare geföhnt hatte.
„Ihm schien daran gelegen zu sein, dass ich zurück zu Weiß komme, damit er…“ Omi stockte und schluckte schwer, als mit einem Mal Tränen in seine Augen schossen. Nur wegen ihm war Birman angeschossen worden. Er hatte es nicht geschafft, den Schwarz umzustimmen und anstelle dessen ihn umzubringen. Nein… ohne Gnade hatte er Birman angeschossen. Brutal zu sich selbst schob er sein schlechtes Gewissen in den hinterletzten Teil seines Bewusstseins.

„Er nannte mich einen trudelnden Satelliten, der in seine Umlaufbahn zurückgebracht werden müsste“, lenkte Omi sich von den tiefdunklen Gedanken ab und sah aus dem Fenster hinaus, das ihm die ins ebenso Dunkel getauchte Skyline von Tokyo zeigte. Wenn er sich anstrengte, konnte er links hinter Ken den Tokyotower sehen.
„Und Prodigy wusste nichts über die Bilder von seinem Anführer und Aya. Er hat mich danach gefragt, aber ich konnte ihm keine Antwort geben.“
„Denkst du, dass der Schwarz etwas vor seinem Team verheimlicht?“
„Die Sache mit Lasgo zum Beispiel?“
„Zum Beispiel.“
Omi nickte. Unwillkürlich kehrten seine Gedanken zu dem Mann zurück, mit dem er vor dieser Katastrophe geschlafen hatte. Der, durfte er Schwarz glauben, Lasgo war, eben jener Mann, den Aya hatte töten sollen. War es wirklich so? Und warum sollte es nicht so sein, schließlich hatte Crawford jedwede Kontrolle verloren, als das Thema auf den Menschenhändler gekommen war.

„Ken?“, fragte er mit plötzlich rauer Stimme und wurde mit einem Brummen belohnt. „Hast du ein Bild von Lasgo gesehen, bevor Aya die Mission angenommen hat?“
Ken schüttelte den Kopf. „Nein, nicht, dass ich wüsste. Dadurch, dass es Ayas Einzelmission war, hat er sich um alles gekümmert und Birman hat ihm die Informationen gebracht. Ich war da noch mehr außen vor als du.“
Omi schluckte schwer und starrte auf seine Hände. Um Zeit haschend spielte er mit den Ärmelsäumen des Pullovers, den er zwangsweise anbehalten hatte, schließlich war die Drohung des Telekineten eindeutig gewesen. „Ken, ich glaube, ich habe etwas sehr Dummes getan“, begann er und fand nicht so recht die Kraft um weiter zu sprechen, auch wenn er wusste, dass es nun kein Zurück mehr gab.

Die ganzen Stunden hatte er es für sich behalten und niemandem davon erzählt. Weder Youji und Aya im Koneko, Manx auf dem Weg hierhin, oder den Ärzten vor Ort. Aber er musste ehrlich sein, denn das konnte kein Zufall sein.
„Was Dummes?“, echote Ken und Omi nickte. Er bohrte seinen Blick in die Bettdecke, auf der er lag.
„Ich habe wahrscheinlich mit Lasgo geschlafen.“
Kens überraschter Laut passte zu seinen weit aufgerissenen Augen. „Warum solltest du, Omi?“, fragte er verständnislos nach und Omi zuckte mit der Schulter, auf der er nicht lag.
„Ich habe wie üblich irgendeinen Geschäftsmann in einer Bar aufgerissen und mit ihm geschlafen, glaubte ich zumindest. Ich wusste nicht, dass er es war. Ich wusste es solange nicht, bis Schuldig und Crawford mich darauf aufmerksam gemacht haben, dass es sich bei dem Mann, mit dem ich geschlafen habe in der Bar, um Lasgo handelt.“

Ken starrte ihn an und alleine an seinem Gesichtsausdruck sah Omi, dass es hinter der glatten Stirn wild arbeitete. Vermutlich würde Ken ihn für seinen Leichtsinn verfluchen, seine Dummheit, sich mit fremden Männern einzulassen und dann auch noch mit Lasgo… sich vorführen und als Köder benutzen zu lassen.
„Hast du ein Kondom benutzt?“, fragte Ken dann und nun war es an Omi, seinen Freund anzustarren.
„Was…?!“, fragte er fassungslos nach, sich nicht sicher, ob er es richtig verstanden hatte. Das Grinsen des anderen Weiß sagte ihm aber, dass es genauso schrecklich war, wie er es vermutete.
„Du hast mich schon verstanden.“
„Was spielt das für eine Rolle?“
Ken grinste bis über beide Ohren. „Safer Sex ist wichtig, Kleiner. Egal, mit wem.“

Omi starrte. Und starrte. Und starrte weiter. „Das besorgt dich daran?“

Ken winkte ab, wurde dann jedoch ernst. „Was ich damit sagen will, Omi, ist Folgendes. Du wusstest es nicht, das glaube ich dir. Was ich aber auch noch glaube, ist, dass es ein abgekartetes Spiel ist, dessen Opfer du bist. Mach dir deswegen keine Gedanken….höchstens darum, ob du dich geschützt hast, denn Lasgo hatte seinen Schwanz wahrscheinlich in Crawford und da ist Schutz wirklich wichtig.“

Omi glaubte nicht richtig zu hören und wenn er ehrlich war, wollte er auch nichts mehr hören. Kens Logik war bestechend einfach und ebenso ekelhaft, wenn er genaugenommen darüber nachdachte. Er ließ sich auf den Rücken gleiten und presste die Hände auf die Augen.
„Wir werden uns darum kümmern, Omi. Und um dich. Du bist nicht alleine und du musst keine Angst haben. Wir werden Schwarz und Lasgo dafür in den Arsch treten, das verspreche ich dir. Sie kommen nicht ungestraft davon. Aber jetzt ist es erst einmal wichtig, dass du wieder auf die Beine kommst.“
Der blonde Weiß linste unter seinem Unterarm hervor und seufzte schließlich mit erneuten Tränen in den Augen, deren Herkunft er sich nicht wirklich erklären konnte. Seine Kehle war wie zugeschnürt, so entkam seinen Lippen nur ein erbärmliches Wimmern.
Anscheinend veranlasste das Ken, aufzustehen und sich zu ihm auf das Bett zu quetschen.

„Los, Kleiner, mach dich nicht so dick und mach mir Platz auf deinem bequemen Himmelbett“, drängelte er und Omi grollte wider Willen. Unwillkürlich musste er lachen und fand so zu seiner Stimme zurück.
„Du bist unmöglich“, murmelte er und Ken zog ihn unprätentiös an sich. Da war nichts Sexuelles in der Berührung, nichts Erotisches. Sie war einfach nur Komfort und Zuneigung unter Freunden.

Genau das war auch der Grund, warum Omi sie zulassen und sich von ihr beruhigen lassen konnte, auch wenn er das, was geschehen war, sicherlich nicht einfach so hinter sich lassen konnte, das ahnte er bereits.

 

~~**~~

 

Eine halbe Stunde benötigte Crawford, bevor er sich soweit wieder unter Kontrolle hatte, dass er trotz Schmerzen gerade sitzen und vor allen Dingen sprechen konnte. Schließlich hatte er noch Dinge zu erledigen, die keinen Aufschub duldeten. Den gefangenen Weiß zum Beispiel, der sich noch im Schlachthof befand. Die Jagd nach Lasgo. Fujimiya.
Tief durchatmend griff er zu seinem Handy und wählte Nagis Nummer. Die üblichen zwei Male klingelte es, dann nahm der Telekinet ab und meldete sich mit sonorer Stimme, die, so stellte Crawford stirnrunzelnd fest, einen Hauch von Ärger beinhaltete. Anscheinend hatte der Weiß seinem Ruf alle Ehre gemacht und Nagi gegen besseren Wissens provoziert. Wie das für ihn ausgegangen war, konnte sich Crawford lebhaft vorstellen.

„Gab es Komplikationen bei der Heilung des Weiß?“, fragte er und erhielt nach kurzem Zögern ein knappes Nein.
„Gut. Ich werde in einer Dreiviertelstunde zu dir in den Schlachthof stoßen.“
Das erneute Zögern seines Teammitgliedes hätte Crawford schon Warnung sein sollen, ebenso wie das überraschte Einatmen ihres Jüngsten. Er hörte Nagi schlucken, einmal, zweimal, ein drittes Mal, bevor dieser sich leise räusperte und zu einer Antwort ansetzte, die Crawford jetzt schon ein ungutes Gefühl verursachte.
„Ich befinde mich nicht mehr im Schlachthof“, erwiderte Nagi zögerlich und das Orakel runzelte die Stirn. Seit wann war es nicht mehr nötig, seine Befehle zu befolgen? Seit wann war es anscheinend Mode, eben das zu tun und seine Autorität als Anführer zu untergraben?
„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Anweisung diesbezüglich missverständlich war. Aus welchem Grund bist du nicht mehr dort?“, ließ er deutliches Missfallen in seine Stimme einfließen und bemühte sich um Ruhe. Ein schwieriges Unterfangen, musste Crawford feststellen, denn anscheinend war er gegen wiederholte, auf ihn projizierte Gewalt nicht so immun, wie er es gerne hätte. Takatori hatte ihn dünnhäutig gemacht, was zwangsläufig zu noch mehr Problemen führen würde. Doch das war sein kleinstes Problem, wie er nun feststellte.

„Berserker kam eine halbe Stunde, nachdem du gefahren bist und hat den Weiß fertig gemacht für die Rückkehr zu seinem Team. Mit ihm zusammen habe ich Bombay dann zurück zu dem Blumenladen gebracht auf deinen Befehl hin.“
Der letzte Teil des Satzes war als vorsichtige Aussage formuliert und Crawford knirschte mit den Zähnen. Auf seinen Befehl? Nichts davon war auf seinen Befehl geschehen, insbesondere nicht die Rückgabe des Weiß an sein Team.
Wütend presste er den Kiefer aufeinander und starrte in die einsame Tiefgarage. Jetzt meinte also auch noch sein eigenes Team, dass seine Befehle nicht zu befolgen waren. Dass sein Wille keine Rolle spielte. Da war ein unhaltbarer Zustand und es juckte Crawford in den Fingern, eben diesen sofort zu beenden. Doch noch hörte er auf seine rationale Stimme, die ihm dringend dazu rat, sich erst noch Informationen zu besorgen, bevor er ohne Kommentar auflegte und nach Hause fuhr.

„Lebt der Weiß?“
„Ja.“
„Sind die anderen Kritikeragenten zu Schaden gekommen?“
Das Zögern des Jungen ließ Crawford beinahe aufschreien. „Bis auf Birman sind sie unversehrt.“
„Bis auf…“, echote Crawford, brachte es jedoch nicht über sich, den Namen der abtrünnigen Agentin in den Mund zu nehmen. Zu frisch waren die Erinnerungen an die Handlungen der Frau, als dass er in der Lage wäre, ohne Übelkeit daran zu denken.
„Farfarello hat ihr in den Bauch geschossen.“
Crawford schloss die Augen und ließ seinen Kopf an das Polster hinter sich fallen. Er wusste gerade jetzt in diesem Moment nicht genau, was er davon halten sollte. Sollte er wütend sein, weil Jei ihm Befehle in den Mund gelegt hatte, die er so niemals geäußert hatte? Sollte er erleichtert sein, dass dieser in seinem Namen Rache an der Frau genommen hatte, wohl wissend um das Geschehene? Sollte er ahnden, dass Entscheidungen ohne sein Wissen getroffen wurden? Ohne einen Einblick in die Zukunft ließ sich das schwer voraussagen und Crawford tastete sich blind durch die Molasse seiner Emotionen.

„Ist sie tot?“
„Nein, sie wurde in ein Krankenhaus gebracht, ebenso wie Bombay, der von Siberian begleitet wurde. Abyssinian und Balinese wurden indes evakuiert und in ein Safehouse gebracht.“
Crawford atmete tief aus. „Du hast verfolgt, wohin sie gebracht wurden?“
„Natürlich.“
„Bewachung?“
„Vier Agenten, getarnt als Anwohner.“
„Elektronische Überwachungsmittel?“
„Nein, es handelt es sich dabei um eines der isolierten Häuser. Kontakt nach außen soll nicht hergestellt werden.
„Schick mir die Adresse.“ Crawford legte auf, bevor Nagi antworten konnte. Innerhalb von dreißig Sekunden kündigte das leise Ping seiner Nachrichten an, dass Nagi seinem Befehl nachgekommen war, doch Crawford konnte sich nicht dazu überwinden, sich die Adresse anzusehen. Viel zu sehr war er in der Frage gefangen, was Jeis Handeln für die unmittelbare und längerfristige Zukunft zu bedeuten hatte.

Das Beste wäre gewesen, wenn Schuldig Tsukiyono die Erinnerung aus seinem Gedächtnis gelöscht hätte. Dann würden Weiß und ihr ewiger Drang nach Rache jetzt kein Problem darstellen. Doch dazu bestand nun nicht mehr die Möglichkeit, da ihr Vorgehen sicherlich schon seinen Weg auf Takatori Shuiichis Tisch gefunden hatten. Da der Mann ebenso unantastbar war wie sein Bruder auch, standen ihre Chancen schlecht, das Ganze unter den Teppich zu kehren und für Entspannung zu sorgen.

Crawford schnaubte bitter. Als wenn er für Entspannung sorgen würde, wenn er Fujimiya bis zu Takatoris Inthronisierung als japanischer Premier gefangenhalten würde. Doch auf die Befindlichkeiten des Weiß würde er keine Rücksicht nehmen können, zumal die Zeit seiner Gefangenschaft zeitlich begrenzt war und Crawford sie nicht unnötig grausam machen würde. Vielleicht würde er dem Weiß gegenüber auch nur den Anschein erwecken, dass er ihn nur erpresste, nicht aber gefangenhielt, auch wenn es letztlich auf das Gleiche hinauslief.
Er könnte ihn einfache, lästige Aufträge erledigen lassen. Kleine Morde, die nicht direkt mit Takatori in Verbindung stehen würden, die aber – um dem unsinnigen Rachegedanken des Weiß vermeintlich Rechnung zu tragen – sich auf Verbrecher verschiedenster Art bezogen. Crawford musste widerwillig schmunzeln. Er würde sich also seinen ganz persönlichen Goldfisch halten, der glaubte, mehr Freiheiten zu haben als er eigentlich hatte für die nächsten drei Monate.

~Ich will, dass du in einer Stunde Kudou und die entsprechenden Agenten rund um das Safehouse von Weiß schlafen legst bis morgen. Und bereite Jeis Zelle vor, wir bekommen einen Besucher~, richtete er an Schuldig und spürte beinahe augenblicklich, wie dieser gegen seine Schilde drängte. Als wenn Crawford dem jemals nachgeben würde.
~Ah, bemühst du dich um Schadensbegrenzung oder holst du dir deinen eigenen, kleinen Sexsklaven ins Haus, oh großes Orakel?~, machte Schuldig nahtlos da weiter, wo er heute Morgen aufgehört hatte und Crawford widerstand dem Drang, seinen ohnehin schon schmerzenden Schädel auf das Lenkrad zu schlagen.
~Ich erwarte, dass du meinem Befehl Folge leistest, Mastermind. Das dürfte zu leisten sein, oder?~
~Natürlich, oh großes Orakel~, troff Schuldigs Stimme nur so vor beißendem Zynismus und Crawford kappte die Verbindung zu ihm.

Der Gedanke, Fujimiya seine Drecksarbeit erledigen zu lassen, kam eher spontan auf und Crawford runzelte die Stirn, als er ihm tatsächlich mehr als eine Sekunde Aufmerksamkeit schenkte. Schuldig ahnte etwas, er wusste etwas und was das war, konnte Crawford sich gut und gerne denken. Trotzdem wollte es der Telepath von ihm hören, doch das würde nicht passieren. Crawford würde sich nicht selbst demütigen, indem er Schuldig Wort für Wort wiedergab, was passiert war, wenn es denn notwendig sein sollte, es überhaupt auszusprechen um den Frieden in seinem Team wieder herzustellen. Aber wenn Schuldig es aus Fujimiyas Gedanken entnahm, würde zum Einen die Neugier des Telepathen befriedigt sein und zum Anderen würde dieser dann endlich Ruhe geben. Und mit Schuldigs Spott würde er gut leben können. Besser damit, als mit Untersuchungen und Akteneinträgen durch Rosenkreuz.

 

Crawford erweckte sein Handy ein zweites Mal zum Leben und rief Elenas Namen auf.
Status?, fragte er und es dauerte keine Minute, bis er drei Bilder bekam, die ihm mitteilten, dass das Ende der Leine, die um Fujimiyas Hals hing, nun in seiner Hand lag.
Mit einem Lächeln auf den Lippen wies Crawford online den Rest des siebenstelligen Dollarbetrages an und startete schlussendlich den Wagen.
Zeit, sein neues Haustier aus dem Tierheim abzuholen, in das es abgeschoben worden war. Wollte er doch mal sehen, wie schnell dieser lernte, die Krallen einzuziehen, bevor sie ihm gezogen wurden.

 

~~**~~

 

Es war still in dem alten Haus geworden, dessen Holz und Gestein nur so ächzte unter der tagtäglichen Belastung. Hin und wieder knackte es oder röhrte eine Leitung, doch sonst war nichts zu hören.
Aya vermisste den Trubel ihres Hauses am Koneko jetzt schon, die vertrauten Gerüche, die ebenso vertrauten Geräusche, alles, was er mit dem Begriff Zuhause verband.
Hier hatte er nichts zu tun, außer wahlweise aus dem Fenster in die Dunkelheit oder auf den Fernseher zu starren und beides erschien ihm gerade nicht wirklich als Quell der guten Unterhaltung. So beschloss er, Youjis gutem Beispiel zu folgen und ins Bett zu gehen und sich den rettenden Armen des Schlafes hinzugeben.

Gähnend ging er nach oben und öffnete die Tür zu seinem Zimmer. Er mühte sich nicht damit, das Licht anzumachen, was er schlussendlich dafür verantwortlich machte, dass er die Gestalt, die dort auf dem Sessel neben dem Bett saß, erst nach ein paar Sekunden entdeckte. Zu spät entdeckte.

Als er sich der Anwesenheit der anderen Person gewahr wurde, machte Aya einen erschrockenen Satz nach hinten und griff vergeblich zu dem Katana, das er nicht an seiner Seite trug. Seine Hand tauchte ins Leere und fluchend hielt er inne, als er erkannte, dass der dunkle Schemen, der ihm entgegengestreckt wurde, nichts anderes war als eine Waffe, die sich auf ihn richtete.
„Guten Abend, Weiß“, begrüßte ihn die unmissverständlich arrogante Stimme des Anführers von Schwarz, der ohne Mühen in ihr Safehouse eingedrungen war.

Safehouse. Aya schnaubte verächtlich. Mit Schwarz als Feind gab es so etwas wie ein Safehouse nicht.

„Sei so gut und betätige langsam den Lichtschalter, Fujimiya“, holte ihn Crawfords Stimme aus seinen rasenden Gedanken und wie befohlen langsam tastete er nach dem uralten Schalter, der sie beide in ein schummriges Licht tauchte und Aya einen ausführlichen Einblick in das Gesicht des Anführers von Schwarz erlaubte, das ihn ausdruckslos maß.

Stille trat zwischen sie und Aya nahm sich Zeit, aus dem Gesicht des Anderen etwas herauszulesen, das ihm einen Aufschluss über die Intentionen des Orakels geben würde. War es ein Gespräch wie das auf dem Friedhof? Dazu gedacht, mit ihm zu sprechen unter dem Deckmantel der Einschüchterung? War es dazu gedacht, ihm mitzuteilen, dass es einen Grund gab, warum Crawford sich an Omi vergriffen hatte? Oder ihm zu sagen, dass Youji einen gravierenden Fehler gemacht hatte, als er versucht hatte, Crawford zu erpressen?

Ayas Blick blieb an der Waffe hängen, die ihn innerhalb von Sekundenbruchteilen töten konnte, doch es war noch nicht einmal Angst, die er fühlte, sondern Wut. Wut an allererster Stelle auf den Mann, der es gewagt hatte, sich bei ihm für seine Rettung zu bedanken und keinen Monat später Omi gefoltert folterte. Enttäuschung folgte dicht auf die Wut über das Verhalten des Schwarz, das doch so vorhersehbar gewesen war. Schließlich änderte sich ein Mensch nicht plötzlich unter dem Einfluss von Gewalt und Folter. Im Gegenteil.
Zuletzt war es Hass, den er empfand, für das, was Crawford getan hatte.

„Was willst du hier?“ Aya bemühte sich noch nicht einmal, eben jenen in seiner Stimme zu verheimlichen. Laut genug, dass Youji es durch die dünnen Türen hören und die Kritikeragenten draußen auf der Straße alarmieren würde.
„Dir einen Besuch abstatten“, lautete die sardonische Antwort und Aya grollte über sein vor Zorn schnell schlagendes Herz hinweg. Abfällig richtete er seinen Blick erneut auf die Waffe, die ihn zu vermeintlicher Kooperation zwingen sollte, die ihm jedoch nicht im Geringsten Angst einflößte. Auch die Anwesenheit eines Schwarz in diesem Haus, das eigentlich sicher sein sollte, konnte das nicht vollbringen. Dazu war Aya viel zu sehr in Missfallen und Wut gefangen, die ihn unvorsichtig werden ließen.

„Um was zu tun? Mir unter die Nase zu reiben, wie du dich an einem gefesselten, wehrlosen Jungen vergriffen und ihn gefoltert hast? Ja, brüste dich ruhig mit deinen Heldentaten, Schwarz. Ich zittere vor Angst.“
Aya musste Crawford zugute halten, dass dieser mit gespenstischer Ruhe auf seinen Hohn reagierte. Keinen Millimeter verzog sich das überhebliche Gesicht.
„Er hat sich mit dem falschen Mann eingelassen und den falschen Mann beleidigt. Doch ich bin nicht hier um mit dir über Tsukiyono zu sprechen, Fujimiya.“
„Ich werde mit dir aber über nichts Anderes sprechen, Schwarz. Ich nehme dich mit nach Tokyo, damit du zu deinem Team zurückkehren kannst, und du dankst es mir, indem du eines meiner Teammitglieder entführen und foltern lässt. Das ist genau die Dankbarkeit, wie ich sie von dir kenne.“

Aya ließ seine Worte mit einem freudlosen Lächeln wirken, doch er erreichte nichts mit ihnen. So interpretierte er zumindest das ausdruckslose Gesicht des Orakels, das ihn schweigend musterte. Die Waffe in dessen Hand ruhte dabei ruhig und selbstsicher auf dem Oberschenkel, bereits entsichert, wie Aya bei näherem Hinsehen erkannte. Er selbst lehnte sich an die Wand und verschränkte die Arme. Sein Gegenüber durch Schweigen mürbe zu machen, konnte er auch, das Spiel hatte er lange genug mit seinem Team gespielt um es nun gegen einen Mann zu verlieren, der so fehlplatziert in dem heruntergekommenen Sessel wirkte wie ein kostbares Gemälde auf einer Müllhalde.

Schlussendlich war es Crawford, der mit einem selbstzufriedenen Lächeln eben jenes Schweigen beendete.
„Ich habe die Entführung deines Taktikers nicht angeordnet“, gab er schließlich zu und Aya hob überraschte eine Augenbraue. Er hatte Arroganz erwartet und Spott, Informationen über das, was er getan hatte, jedoch nicht. Ja, auch das Zugeben einer Schwäche nicht, denn warum passierte so etwas, wenn der Anführer des feindlichen Teams es nicht angeordnet hatte? Trotzdem ließ er sich von dem scheinbaren Entgegenkommen nicht einfangen.
„Du hast ihn krankenhausreif geschlagen.“
„Es gibt Gründe.“
Nun war es an Aya zu schnauben. „Ist das so? Erleuchte mich, welche das sein könnten.“
„Er hat mir gewünscht, dass es wieder und wieder passiert.“
„Er hat dich also provoziert.“
„Gewissermaßen.“
„Und du hast dich von einem verzweifelten, gefolterten Jungen provozieren lassen und die günstige Gelegenheit genutzt, all deinen Frust an ihm auszulassen.“ Aya formulierte es nicht als Frage und er sah, dass genau das zu dem Schwarz durchdrang. Dunkel war der Schatten, der über das Gesicht huschte und für einen kurzen Moment die Mimik des Orakels offen legte. Wut lauerte hinter der Ruhe und Aya fragte sich, ob es nicht auch zum großen Teil Wut auf sich selbst war.
„Du hast das gar nicht geplant. Du hast einfach deine Selbstbeherrschung verloren, oder?“, bohrte er weiter, bohrte, streute Salz in die ohnehin schon schmerzende Wunde, wenn er Youji Glauben schenken konnte. „Und da kam dir Omi gerade recht in all seiner Hilflosigkeit. Zumindest bei ihm musstest du dir keine Sorgen darüber machen, dass er dich wie Lasgo überwältigt.“

Crawford knurrte und Aya war noch so überrascht von diesem allzu menschlichen Laut, dass er zu spät reagierte, als der andere Mann aufstand und mit zwei Sätzen bei ihm war. Fordernd presste sich der kalte Lauf der Waffe unter sein Kinn, drückte seinen Hinterkopf warnend gegen die hinter ihm liegende Wand und widerwillig hielt Aya still, starrte in die vor Hass hellen Augen, die ihn geradezu zerfleischen wollten. Nur mit Mühe konnte er sich davon abbringen, auch nur einen Finger zu heben um sich gegen das Orakel zur Wehr zu setzen, was er in diesem Moment am Liebsten getan hätte. Er wollte weitermachen, mit Worten und Schlägen und den Amerikaner dafür strafen, was er seinem Freund angetan hatte. Doch noch bevor er ein weiteres Wort der Provokation verlieren konnte, war es Crawford, der eben jenes ergriff und ihm wütende Worte ins Gesicht spuckte.
„Er hat es mit Lasgo getrieben, Fujimiya“, presste Crawford hasserfüllt hervor und Aya grollte nun seinerseits wütend. Das war absurd! So absurd, dass es nur eine Lüge sein konnte um sie auseinander zu treiben. Ganz so wie Schwarz eben dachten und handelten. Vermutlich hatte Schuldig in Omis Gedanken gelesen, dass sie beide eine enge Bindung pflegten und so versuchte Crawford nun, einen Keil zwischen sie zu treiben.

„Was für ein Unsinn. Warum sollte er?“ Der Lauf an seinem Kinn deutete ihm an, dass seine zischende Nachfrage auf wenig Gegenliebe stieß und Aya drückte seinen Kopf gegen die unter der Wucht bröckelnden Wand, um der rohen Gewalt, die Crawford ausübte, zu entkommen.
„Weil er es nicht besser wusste und Lasgo sich an ihn herangemacht hat.“
„Schwachsinn.“
„Schuldig hat es in seinen Gedanken gesehen.“
Aya schnaubte höhnisch. „Dein irrer Telepath ist für mich keine verlässliche Quelle.“
„Aber für mich, Fujimiya. Ebenso sind es die Überwachungsvideos des Clubs, die Lasgo und Bombay zeigen, wie sie zusammen etwas trinken und dann in einen separaten Raum verschwinden, der, glaubt man der Werbung des Clubs, darauf ausgelegt ist, sich miteinander ungestört zu vergnügen.“

Mit einem Schrei bäumte sich Aya gegen Crawfords Griff, aber auch gegen die allzu verlockende Wahrheit in den klaren Worten des Schwarz auf. Er stieß das Orakel zurück und dieser ließ ihn, ohne die Balance zu verlieren. Lediglich ein Zurückzucken deutete Aya an, dass er den anderen Mann überhaupt getroffen hatte. Aya verzog die Lippen vor Abscheu.
„Das kann nicht sein!“, wiederholte er, als könne er alleine durch seine Verneinung etwas negieren, das so ungeheuerlich war, dass es unglaublich war. Es war für ihn unvorstellbar, dass Omi es freiwillig in dem Wissen tun würde, dass Lasgo er selbst war. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.
„Es ist so. Lasgo hat mit ihm gespielt und ihn benutzt.“ Wut flammte in Crawfords eisigen Augen auf und Aya verzog seine Lippen zu einem freudlosen Lächeln.
„Und du bist darauf hereingefallen, Orakel. Wenn er es tatsächlich getan hat, dann hast du Omi für etwas bestraft, das er nicht wissen konnte, ohne die Folgen dabei zu bedenken. Glückwunsch, du hast ihm direkt in die Hände gespielt. Mal wieder.“

Herausfordernd maß Aya Crawford, insbesondere den Lauf der Waffe, die ohne zu schwanken auf ihn gerichtet war. Dieser schwieg eisern, auch wenn die Augen des Orakels alles andere als ausdrucklos waren. Oh ja, da war das Erkennen, auf das Aya gewartet hatte. Das Begreifen, wie sehr Crawford selbst Schuld an dem trug, was passiert war. Der dunkle Teil in Aya griff begierig danach, wie er damals begierig nach dem völligen Kontrollverlust gegriffen hatte um sich dem Schwarz aufzuzwingen.

Doch er hatte aufgehört, bevor es zu spät war.

„Und jetzt stehst du in deinem Kampf gegen den Drogenhändler ganz alleine da. Die Hilfe deines Teams willst nicht, meine wirst du nicht mehr bekommen. Glaubst du wirklich, dass dich alles, was du bisher getan hast, in deinem Bestreben, den Drogenhändler loszuwerden, auch nur einen Millimeter vorwärtsgebracht hat?“

„Deine Hilfe?“, fragte Crawford schließlich und runzelte die Stirn, als wäre es ihm etwas Neues und als hätte er den Verlauf des Gespräches noch nicht vorhergesehen. Unglauben tränkte seine Worte und Aya schnaubte. Er schwieg jedoch und ließ offen, was er darüber dachte.

Crawford winkte ab, als wäre es eine Lappalie. „Aber das trifft sich gut, danke für die Überleitung. Genaugenommen bin ich hier um mit dir über die Hilfe zu sprechen, die ich dir in den Augen deines Teammitgliedes Kudou gewähren soll. Vor einem Tag hat er, als der gute Freund, der er nun einmal ist, vorsichtig angemerkt, dass du da ein Problem hast, bei dem ich behilflich sein kann. Und was soll ich sagen, ich wäre ein undankbarer Mensch, würde ich deine zuvorkommende Rettung meiner Person nicht ebenso vergelten.“

Der Spott, mit dem ihm die Worte entgegengetragen wurden, schmerzte Aya und mit zusammengezogener Stirn schüttelte er den Kopf. „Ich will deine Hilfe nicht, Schwarz. Wenn es nach mir geht, kannst du zum Teufel fahren.“
„In Anbetracht der Tatsache, dass Kudou scheinbar so viele schlimme Dinge gegen mich in der Hand hält, wie zum Beispiel das, was du ihm über mich erzählt hast, du weiße Plaudertasche, kann ich gar nicht anders, Fujimiya, als dich aus deiner misslichen Lage zu befreien.“

Aya verstummte irritiert. Unwohlsein kroch in ihm empor, denn die Worte passten ganz und gar nicht zu dem drohenden und selbstzufriedenen Ton, der wenig subtil in ihnen mitschwang. Crawford bedrohte ihn, das spürte er und seine Nackenhaare stellten sich auf. Dieses Mal beschleunigte sein Puls nicht vor Wut, sondern tatsächlich vor Angst und er schluckte mühsam.

„Dich und deine Schwester, versteht sich, ist sie doch eine so zuverlässige Leine, an der dich Kritiker und zuletzt Birman gehalten hat. Oder?“ Crawford suchte nach etwas in seiner Tasche und gab einen triumphierenden Laut von sich, als er es herausholte. Mit ruhiger Hand hielt er weiterhin die Waffe auf Aya gerichtet und öffnete das, was er Aya zeigen wollte.
„Die Agenten vor der Tür deiner Schwester waren ja bekanntlich Birmans Leute.“

Das Orakel drehte sein Handy um und Aya sah die Leichen eben jener in dem Bad, das er so gut kannte. Das Bad, das seit Jahren zum Zimmer seiner Schwester gehörte und nun durch Blut in unheilvolles Rot getunkt war. Es sah so aus, als hätte man dort Schweine geschlachtet und wenn man Aya fragte, dann waren diese Männer, die für Birman arbeiteten und bereit waren, ein komatöses Mädchen zu töten, nichts anderes.
„Das Krankenhaus ist zwar gut, aber eine mehr als gute Versorgung für deine Schwester konnte es nie liefern.“ Mit dem Daumen zeigte ihm Crawford das nächste Bild.

Ein leeres Bett.

Nicht eins, verbesserte er sich mit lauter werdendem Rauschen in seinen Ohren. Ayas Bett. Ayas leeres Bett, in dem sie jahrelang friedlich gelegen hatte.
Betäubt und blass vor Schrecken sah er auf.
„Was hast du getan, Schwarz?“, flüsterte er und Crawford lächelte sein diabolisches, verhasstes Lächeln.
„Ich habe sie da weggeholt, sie in eine Klinik bringen lassen, in der man ihre Versorgung exorbitant gut gewährleisten kann. So wie es Kudou wollte, zumindest interpretiere ich seinen stümperhaften Versuch, mich zu erpressen so. Oder liege ich falsch?“

Aya wusste, dass er wütend sein sollte. Auf Crawford. Auf Youji. Auf sich selbst. Er wusste, dass er toben, schreien oder den Amerikaner schlagen sollte. Doch er tat nichts. Anstelle von Zorn war es Resignation, die wir eine Flutwelle über ihn hereinbrach. Es war die Bestätigung des Schlimmsten, was passieren konnte. Sichtbar sackte er in sich zusammen. Das Brennen in den Augen wich zugunsten eines brachialen Kopfschmerzes und für einen Augenblick gewann die Idee, dem Ganzen ein Ende zu setzen, an Charme.
Er stolperte von einer Erpressung in die nächste, denn dass Crawford ihn mit seiner Schwester erpressen würde, das stand außer Frage, auch wenn der Schwarz das Wort in Bezug auf ihn kein einziges Mal in den Mund genommen hatte.

„Was soll ich für dich tun, Schwarz?“, fragte er so rau, dass es beinahe unhörbar war und Crawford maß ihn schweigend. Dort, wo er Spott erwartet hatte, wurde ihm wenigstens die Gnade zuteil, mit einer ruhigen Stimme seine neuen Befehle zu erhalten. Aya wünschte, er hätte sie nie gehört. So war es also, den Boden unter seinen Füßen zu verlieren.

„Du wirst mich begleiten und für die nächsten drei Monate Gast in meinem Haus sein. Du wirst Aufträge für mich erfüllen und das tun, was ich dir befehle. Nach diesen drei Monaten kannst du gehen, als wäre nichts gewesen. Wenn Kritiker dich dann wieder zurücknimmt, heißt das. Befolgst du meine Befehle nicht, wirst du deine Schwester nie wieder sehen. Versuchst du zu fliehen oder greifst du mich oder jemanden meines Teams an, werde ich dir deine Schwester in Einzelteilen zurückschicken oder die sich um deine Schwester kümmernde Telepathin wird ihr das Koma auf der mentalen Ebene äußerst unangenehm gestalten.“

Es war schlimmer, als alles, was Aya sich hatte ausmalen können. Schlimmer als jeder Alptraum, den er jemals gehabt hatte. Drei Monate in den Händen von Schwarz, das würde er nicht überleben. Das würde sein Geist nicht überstehen, geschweige denn sein Körper. Sie würden ihn ebenso foltern, wie sie es bei Omi getan hatten, eben weil sie Lust dazu hatten. Und wie war das? Naoe besaß die Fähigkeit zu heilen? Also konnten sie es wieder und wieder und wieder tun.
Drei Monate… geisterte es in Ayas Gedanken und er stolperte mit einem Mal über den Zeitraum.
„In drei Monaten ist die Premierministerwahl“, nickte er dann mit starrem Blick auf das Fenster zur Straße. Natürlich. Crawford brauchte Stabilität für die nächsten drei Monate und anscheinend war er es, der sie ihm geben würde. Ein nichtssagendes Schulterzucken begegnete ihm darauf.

Er sah hoch in die erwartungsvollen, hellen Augen. „Ich möchte meine Schwester sehen.“
Wieder war es Crawfords Daumen, der ihm ein neues Bild zeigte. Seine Schwester, in einem neuen Krankenzimmer mit neuen Gerätschaften, angeschlossen, ihre Vitalzeichen gut und stark. Sie sah beinahe friedlich aus.
„Was hast du Youji angetan?“, fragte er eine letzte Frage, die ihm wichtig war. Wenn der andere Weiß bis jetzt nicht aufgetaucht war, hieß das, dass er tot war. So tief schlief Youji nicht, als dass er ihr Gespräch nicht mitgehört hatte.
„Er schläft, von Schuldig unterstützt, in aller Seelenruhe bis morgen früh – ebenso wie die Agenten, die dieses Haus bewachen sollen.“ Aya nahm das stumm hin. Wenigstens hatte er seinen Freund nicht getötet.

Crawford trat einen Schritt vor und Aya zuckte zurück. Der Schwarz bedeutete ihm mit der Waffe, dass er das Schlafzimmer verlassen sollte.
„Gehen wir“, beendete der Schwarz einfach mir nichts dir nichts seine Verbindung zu seinem Team und sicherlich auch die zu seiner Organisation. Wenn er die drei Monate überlebte, dann würden sie ihn schon längst als Verräter abgestempelt haben und dann wäre er so oder so tot.

Schweigend folgte Aya den Instruktionen, die ihm gegeben wurden und blieb schlussendlich vor dem Wagen des Amerikaners stehen, der mehr kostete, als all ihre Autos zusammen. Er sah zu, wie Crawford den Kofferraum öffnete und bedachte das Orakel mit einem unfokussierten Seitenblick. Die Nadel, die sich unscheinbar und wenig schmerzhaft in seinen Nacken bohrte, bemerkte er zu spät. Beinahe erst, als das Betäubungsmittel schon anfing zu wirken und er wie eine Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hatte, zu Boden sank.

Nein, nicht zu Boden, stellte er fest, bevor unerbittliche Schwärze an ihm zog. Er wurde aufgefangen und der Körper, dessen Wärme sein eigener, kalter Körper in sich aufsog, war Labsal. Sein Kopf ruhte an einer soliden Stütze, als er sich nun endlich fallen ließ.

 

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Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Crawford ließ den Kopf an die Kopfstütze zurückfallen, kaum, dass er sich mit Bedacht auf den Fahrersitz seines Wagens gesetzt hatte. Fujimiya lag schlafend im Kofferraum und würde vor morgen früh nicht aufwachen, doch das tat seiner Wirkung als Stabilisator und Katalysator für Crawfords Fähigkeiten keinen Abbruch und so genoss Crawford zum ersten Mal seit Tagen das Gefühl frei fließender Visionen, die ihm nach seinem Belieben zur Verfügung standen, ihn gänzlich erfüllten und die er vor allen Dingen nach Belieben steuern konnte.
Mit jeder verstreichenden Minute kam er mehr zur Ruhe und fand zu seiner stoischen, kühlen Gelassenheit zurück, die ihm helfen würde, die kommenden Diskussionen mit seinem Team zu seiner Zufriedenheit zu lösen und sich nicht noch einmal die ungewollte Aufmerksamkeit Takatoris zu sichern.

Es war die richtige Entscheidung gewesen, Fujimiya zu holen, befand Crawford, auch wenn ihm dessen Verhalten auch jetzt noch unerklärlich schien. Da, wo er erwartet hatte, dass Fujimiya tobte, schrie oder versuchte ihn umzubringen, hatte dieser resigniert im Angesicht der jüngsten Erpressung. Beinahe schon körperlich hatte er die Aufgabe des Weiß gespürt und störenderweise hatte es ihm ganz und gar nicht geschmeckt. Dabei sollte es ihm egal sein, was Fujimiya über sein Handeln dachte. Er hatte seinen Zweck zu erfüllen und nach drei Monaten würde Crawford ihn wieder freilassen, was mehr war, als dieser verlangen konnte. Er sollte sich glücklich schätzen, dass Crawford ihm danach keine Kugel durch den Kopf jagte.
Insbesondere dann, wenn sie sich zusammen mit Takatori dem Wahlsieg widmeten und ihre cholerische Marionette die Macht in den Händen hielt, die ihm Rosenkreuz geliehen hatte. Danach würde Fujimiya garantiert nicht mehr benötigt werden.

Auch dieser Gedanke ließ ihn die Stirn runzeln und Crawford schnaubte frustriert über die trübe Bitterkeit, die seinen Triumph schmälerte. Er öffnete die Augen und startete seinen Wagen.
Zeit, sich seinem Team zu stellen und endlich für einen gewohnten Gang und Ruhe zu sorgen.

 

~~**~~

 

Seit Nagi mit Crawford telefoniert und zu seinem Entsetzen festgestellt hatte, dass er es nicht nur gewagt hatte, einen Befehl seines Anführers zu missachten, sondern diesen dabei auch noch gravierend zu hintergehen, tigerte Nagi unruhig durch ihr Anwesen, unstet und unsicher, was nun geschehen würde, dabei immer auf der Suche nach etwas, das er zu tun vermochte.
Eines hatte er schon getan: er hatte Jei für seine dreiste, widerliche Lüge, die eben hierzu geführt hatte, bestraft.
Bestrafen. Nagi schnaubte. Bestrafen konnte man das nicht nennen, eher Rache nehmen, denn jetzt konnte ihr hauseigener Märchenliebhaber zusehen, wie er sein neuerstandenes philippinisches Märchenbuch sorgsam wieder zusammenstückelte, so gründlich, wie es Nagi auseinandergerissen hatte. Oh, wie groß war der Hass gewesen, den er in dem verbliebenen Auge gesehen hatte ob seiner Rache. Und wie sehr sich die vernarbten Lippen gefletscht hatten.
„Beschwer dich beim Weiß“, hatte Nagi abfällig über seine Schulter zurückgeworfen und den Iren alleine gelassen in einem ungeordneten, chaotischen Meer aus Seiten und Seitenteilen.
Das hatte ihm eine kurzzeitige Befriedigung verschafft, die aber nicht lange angehalten hatte, so wartete er nun nervös auf Crawfords Ankunft, die sich schließlich leise knirschend auf dem Kies ihrer Einfahrt ankündigte.

Mit klopfendem Herzen trat er in die Garage und wartete darauf, dass das Orakel den Wagen verließ. Nervös bohrte er seine Fingernägel in die Handballen und wartete auf die Reaktion des Mannes, der weder Versagen noch Verrat tolerierte. Jede Strafe, die Crawford ihm auferlegte, würde er tragen. Er war nicht klug genug gewesen um Jeis Spiel zu durchschauen und den Zweifeln stattzugeben, die in ihm geherrscht hatten, warum der Weiß plötzlich zurück zu seinem Team gebracht werden sollte.

Stumm verfolgte Nagi Crawfords Weg zum Kofferraum und sah, wie dieser nach dem Öffnen für ein paar Sekunden nachdenklich hineinstarrte.
„Komm her“, drang der kühle Befehl seines Anführers zu ihm und beinahe schon überhastet eilte Nagi zu ihm. Schuldig hatte bereits etwas angedeutet und das sah Nagi nun in der Form des bewusstlosen Weiß bestätigt. Wieder einer. Dieses Mal nicht zu Gast im Schlachthof, sondern bei ihnen zuhause. Nagi hätte es lieber gehabt, wenn es andersherum gewesen wäre und Tsukiyono an Fujimiyas Stelle gewesen wäre, auch wenn er es vorgezogen hätte, gar keinen Weiß in ihrem Zuhause zu sehen.

Sorgsam neutral betrachtete Nagi den Inhalt des Kofferraumes, bevor er erneut einen Blick auf Crawford wagte, dessen Haltung minimal gekrümmt schien. Nagi runzelte die Stirn. Das hatte er schon einmal gesehen, nicht bei Crawford, sondern bei Schuldig, kurz nachdem dieser von Takatori beinahe krankenhausreif geschlagen worden war.
Die Frage war, ob das auch auf ihren Anführer zutraf, nachdem er sich für den Verlust ihrer zu schützenden Person hatte rechtfertigen müssen. Ganz sicher hatte Takatori etwas damit zu tun und unwillkürlich ballte der junge Telekinet seine Hände zu Fäusten. Der alte Mann hatte nicht das Recht dazu, Crawford anzurühren. Niemand hatte das. Niemand fasste sein Team an.

„Bring ihn in Jeis alte Zelle“, erhielt er seinen eindeutigen Befehl und Nag neigte gehorsam den Kopf. Leise räusperte er sich und nahm mit eisern ineinander verschränkten Fingern all seinen Mut zusammen, um Crawford auf die Katastrophe seines unbedachten Ungehorsams anzusprechen, die sich vor nicht einmal ein paar Stunden aufgetan hatte.
„Crawford?“, tastete er sich vor und die durchdringenden, hellbraunen Augen bohrten sich mit einer wütenden Intensität in die seinen, die Nagi frösteln ließ. Abrupt verbeugte er sich tief unter der Musterung seines Anführers und gab sich Mühe, seiner Stimme einen festen Klang zu geben, wenngleich das von mäßigem Erfolg gekrönt war.
„Ich möchte mich in aller Form für mein Versagen entschuldigen und erwarte demütig jede Strafe, die du für mein fehlerhaftes Verhalten angemessen hältst“, presste er leise und mit einem verräterischen Zittern in der Stimme hervor. Es kam nicht oft vor, dass er sich entschuldigen musste und er konnte an fünf Fingern abzählen, wann er sich in dieser Art entschuldigt hatte. Doch es war das Mindeste, was er tun konnte um für seine Dummheit und Torheit zu büßen und schlussendlich die Zufriedenheit wieder herzustellen, die Crawford mit Recht durch ihn erwarten konnte.

Schweigen trat zwischen sie und Nagi spürte nur zu deutlich, wie er durch Blicke seziert wurde. Je länger eben das andauerte, desto unsicherer wurde der Telekinet und desto ängstlicher war er, dass er Crawford dieses Mal ernsthaft und unwiederbringlich enttäuscht hatte. Doch just in dem Moment, in dem er zu einer erneuten Entschuldigung ansetzen wollte, nickte Crawford und bedeutete ihm mit einer knappen Handbewegung, sich aufzurichten.
Nagi folgte dem beinahe augenblicklich, aus Angst, durch erneuten Ungehorsam zu provozieren.

„Du hast getan, was du glaubtest, das mein Befehl sei. Das ist dir nicht zur Last zu legen. Zudem deine Tat keine negativen Auswirkungen auf unsere Aufgabe hier hat. Im Gegenteil. Die Rückkehr zu seinem Team wird für uns einen Vorteil darstellen.“
Nagi nickte schweigend, dankbar und insgeheim glücklich, dass Crawford ihn nicht strafte und dass er trotz seines katastrophalen Verhaltens doch noch etwas Gutes hatte tun können.
„Ich danke dir, Crawford“, murmelte er und verbeugte sich ein weiteres Mal, bevor er den bewusstlosen Weiß mithilfe seiner Gabe aus dem Kofferraum schweben ließ. „Möchtest du ihn auf eine bestimmte Art vorbereitet sehen?“
Crawford schüttelte den Kopf. „Nein, du kannst ihn so belassen, wie er ist.“
„Sehr wohl.“

Zusammen mit Crawford und dem Weiß trat er in das Haus und geleitete diesen in den fensterlosen Kellerraum, der ganz früher, vor seiner Zeit, einmal Jeis Zimmer gewesen war. Gefängnis wäre da wohl die treffendere Beschreibung, wenn er sich die Gitterstäbe und die kalten, weißen Fliesen ansah, die einfache Matratze auf dem Boden und die mit eisernen Stäben gesicherte Lampe.
Kontrolliert ließ er den leblosen Körper hinab auf die Matratze und verschloss dann die Gittertür.

Es wurde höchste Zeit, dass er Schuldig ausfindig machte und den Telepathen fragte, warum sie nun einen weiteren Weiß – ausgerechnet deren Anführer - beherbergten, dieses Mal in ihrem eigenen Haus. Denn was Jei an Beruhigung mit der Rückkehr des Taktikers erreicht hatte, würde sicherlich mit Entführung des rothaarigen Mannes verloren gehen, oder nicht?
Nagi runzelte die Stirn. Warum ausgerechnet Fujimiya, das war ihm ein Rätsel. Wenn es darum gegangen wäre, eine Geisel zu haben, wäre Tsukiyono weitaus besser gewesen, auch wenn Nagi in so einem Fall dessen Abwesenheit im Netz bedauert hätte… die unabsehbaren Folgen einer Gefangenschaft einmal außen vorgelassen, die den Anderen womöglich gebrochen hätten. Da war ihm Fujimiya wesentlich lieber, aber dennoch bedeutete die Anwesenheit ihres Gastes verschärfte Sicherheitsvorkehrungen und Probleme mit Weiß und Kritiker.

Nagi fand ihren Telepathen auf der Couch, wo er es sich bereits mit seinem Nackenkissen auf der Couch gemütlich gemacht hatte und seinen Folterkater mit einem großen Glas an Saft auskurierte. Nagis Mitleid mit dem auf den Polstern herumlungernden Mann hielt sich stark in Grenzen, schließlich hatte er unautorisiert und eigenmächtig gehandelt. Es hätte nicht sein müssen, also sollte er nun auch die Konsequenzen tragen.
Ein kurzer, wütender Seitenblick machte ihm deutlich, dass Schuldig nicht zu krank war um seine Gedanken zu lesen. Minimal erhob sich der Mittelfinger.
~Fick dich, Naoe.~
~Nein danke, ich habe Besseres zu tun. Kannst du mir erklären, warum der Weiß unten im Keller ist?~
~Weil du ihn auf Crawfords Befehl dorthin gebracht hast.~ Manchmal war Schuldig wirklich einer der größten Klugscheißer, die er kannte, befand Nagi. Noch mehr als Jei und das wollte schon etwas heißen.
~Warum habe ich ihn dahin gebracht? Was soll er hier?~
~Crawford den Schwanz lutschen.~

Nagi blinzelte und zuckte unwillkürlich zurück. Fassungslos starrte er Schuldig an, bevor er sich dazu durchringen konnte zu blinzeln.
„Was?“, entfuhr es ihm dann und er versuchte sich mit einem Mal verzweifelt einen Reim darauf zu machen, wieso Crawford plötzlich ein amouröses Interesse an Fujimiya haben sollte. Insbesondere, wenn er ihn bewusstlos in den Käfig unten sperrte, schien das nicht von beiden Seiten gewünscht zu sein. Warum holte sich Crawford nicht jemanden, den er nicht zwingen musste? Das tat er doch sonst auch immer. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass es Nagi ein ungutes Gefühl bereitete, wenn der Mann, zu dem er aufsah, sich jemandem aufzwingen musste um Befriedigung zu erlangen.

Er warf einen hilflosen Blick zu Schuldig und dessen faules Grinsen reichte aus um ihm zu sagen, dass der Telepath ihn hereingelegt hatte.
~Schuldig!~, fauchte er indigniert und der rothaarige Mann lachte unterdrückt.
~Das ist nicht witzig! Ich verstehe es wirklich nicht. Er wird uns nur Arbeit bereiten.~
~Frag unseren ach so weisen Anführer, was er mit Abyssinian in unserem Haus möchte, er wird dir sicherlich eine offene und ehrliche Antwort darauf geben.~ Schuldig grinste schief und drehte sich zur Rückenlehne. Müde schloss er seine Augen und legte einen Arm über seinen Kopf.
~Lass mich bis morgen in Ruhe, Kleiner. Mir geht’s nicht gut.~
~Bekomme ich dann morgen meine Antwort?~
~Wenn du brav bist.~

Nagi schnaubte und drehte sich gerade rechtzeitig um, als Crawford das Wohnzimmer betrat. Schuldbewusst zuckte er zusammen und schluckte mühevoll, bevor er kurz verlegen lächelte. Wie immer nahm das Orakel keine Notiz von eben jenem, sondern wandte sich größeren Problemen zu – Schuldig auf der Couch zum Beispiel. Oder Jei, der nun hinter ihrem Orakel das Wohnzimmer betrat und sich weit weg von Schuldig entfernt auf einen der Sessel niederließ, die am nächsten am Fenster standen. Immer noch zornig bohrte sich das Auge in Nagi und dieser nahm sich den Sessel, der Crawford am Nächsten war, als dieser ihm bedeutete, dass er sich setzen sollte.

„Fujimiya wird die nächsten drei Monate unser Gast sein und Aufträge für Schwarz ausführen. Seine Schwester befindet sich ebenso in meinem Gewahrsam und ist somit eine wirkungsvolle Leine, um ihn zu Gehorsam zu zwingen“, erleuchtete Crawford Nagis Unverständnis über den Weiß im Keller und er wagte einen Blick zu Jei, der nicht im Mindesten davon überrascht schien. Wie immer war es, als ob der schweigsame Ire mehr wusste als sie alle zusammen und wie immer hielt er es nicht für nötig, sich ihnen mitzuteilen. Irritiert runzelte Nagi die Stirn.

Schuldig stöhnte genervt auf, hielt es aber nicht nötig, ihnen etwas Anderes als seinen Hintern entgegen zu strecken. „Und wir sollen dann auf dein Betthäschen aufpassen, dass er uns nicht die Inneneinrichtung zerlegt?“, murmelte er undeutlich gegen das Couchkissen. Nagi sah Crawford schmal lächeln, eine automatisierte Geste für die Mehrzahl von Schuldigs Kommentaren, die wirklich keine bessere Antwort verdienten. Nagi konnte es aber beiden gerade nicht verdenken, weder Crawford noch Schuldig.
„Im Gegensatz zu dir ist der Weiß gut erzogen und weiß sich sicherlich zu benehmen, wenn es um das Wohl seiner Schwester geht.“
„Klar, ich habe ja schließlich keine Schwester.“
„Der Untergang der Menschheit, wäre das der Fall gewesen.“
Jei räusperte sich vernehmlich und ließ sein Auge pointiert auf Crawford ruhen. Auch wenn er die Mehrzahl von Crawfords und Schuldigs Schlagabtäuschen tolerierte, so war auch er manchmal genervt von den beiden Männern und ihrem stetigen Kampf um die Vorrangstellung. Mona
„Wie dem auch sei. Ich möchte, dass du Zutritt zu seinen Gedanken erlangst, Schuldig. Das traumatisierende Desaster wie mit Tsukiyono ersparst du mir allerdings. Er wird auch nicht angerührt, es sei denn, es ist nötig ihn zu bestrafen.“
Stille trat zwischen sie und in dieser Stille drehte sich Schuldig langsam und umständlich zu ihnen. Er gab ihnen einen vollen Einblick in das dunkle Grinsen, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Und wie das nötig sein wird. Um was wetten wir, dass er ungezogen sein wird?“
Nagi warf einen kurzen Seitenblick zu ihrem Telepathen und kam nicht umhin, dessen Worte zu bestätigen. Die Kombination, dass der Weiß seine natürlichen Barrieren aufzugeben hatte in Verbindung mit dummen Dingen, die er wissentlich und unwissentlich anstellen würde, war ein Freibrief für Schuldig, ihn zu bestrafen. Das konnte nicht gut gehen.

„Wofür brauchen wir ihn?“, fragte Nagi und ging in Gedanken die Fähigkeiten des Weißanführers durch. Er könnte verstehen, den Taktiker zu nutzen, aber Abyssinians Talente waren hier nicht einsetzbar und damit verschwendet.
„Erledigung der Drecksarbeit.“
„…namens Lasgo“, warf Schuldig ein und Crawford hob eine Augenbraue. Nagi überkam ein unwillkürlich ungutes Gefühl, als auch ihm die Spannungen bewusst wurden, die zwischen den beiden Männern schwelten und keinen Ausgang fanden.
„Auch der.“ Crawfords schlichte Worte waren eine Warnung. Mehr als das.
„Also war er doch in dem Areal.“ Irgendetwas in Schuldigs Worten warnte Nagi, nachzufragen, was das zu bedeuten hatte. Crawford hatte ihm doch gesagt, dass er alleine dort gewesen war, von dem Weißanführer hatte er nichts gesagt. Da die Anwesenheit von Weiß in ihren Berichten immer essentiell zu erwähnen war, kam Nagi nicht umhin, mit der Stirn zu runzeln.
Crawford versagte Schuldig und ihm eine Antwort, doch die schlechte Stimmung, die zwischen den beiden Männern die Luft zum Brennen brachte, war nunmehr nur allzu greifbar. Es erschreckte Nagi immer wieder, wenn die beiden Älteren aneinander gerieten, auch wenn er durchaus verstand, dass sie so verschieden waren, dass sie niemals Freunde werden würden und dass es in der Natur des Telepathen lag, gegen seinen Anführer aufzubegehren und zu versuchen, ihm den Rang streitig zu machen. Bisher hatte Crawford jeden dieser Versuche mit Leichtigkeit abgewehrt.

Eben jene beiden hatten ihre Kommunikation auf die telepathische Ebene verlagert und Nagi war in diesem Moment dankbar darum, so wie sich Crawfords Gesicht verfinsterte. Doch es blieb dabei, keine andere Regung deutete daraufhin, was Schuldig ihrem Anführer gerade an den Kopf warf.

Wieder war es Jei, der die beiden auseinanderbrachte, indem er missbilligend zischte und sich ungeduldig erhob. Nagi sah an ihm hoch und erkannte, dass sein Auge einzig auf Crawford ruhte.
„Arielle ist an Land gespült worden“, sagte Jei rau und Nagi runzelte erneut die Stirn. „Sie schnappt elendig verrottend nach Luft und kann gar nicht verstehen, warum das so ist. Sie möchte Heim, zurück ins Meer zu ihren Fischfreunden, zu Sebastian, der Krabbe, dem Musikanten. Und dann ist da Schneewittchen in all ihrer ebenholzfarbenen und schneeweißen Pracht, die die Lage verkennt.“

Jei verzog die Lippen zu so etwas, was ein Lächeln sein sollte und Nagi runzelte die Stirn. Das gab keinen Sinn. Jei hatte anscheinend wieder zuviel durcheinander gelesen und gab ihnen nun Rätsel mit seinen verschrobenen Antworten auf.
Tief seufzte der Telekinet. Das war nun nichts Neues, aber es entschärfte die Situation auch nicht. Ganz im Gegenteil. Nun fokussierte sich die Wut des Orakels auf ihn und das, nachdem er dessen Befehl sowieso schon hintergangen und nicht befolgt hatte.

„Ich sehe dich in meinem Büro, Schuldig“, erwiderte Crawford in seine Überlegungen mit eisiger Ruhe und Nagi schluckte. Beinahe schon erleichtert seufzte er, als die beiden ihr Wohnzimmer verließen um den aufkommenden Streit in Crawfords Büro auszutragen. Jei blieb derweil nachdenklich in seiner Nähe und legte den Kopf schief, während er ihn musterte.
Nagis Blick verfing sich an dem vernarbten Körper und er erhob sich.
„Wieso hast du das getan?“, fragte Nagi reichlich verspätet nach dem Grund für das ungehorsame Handeln des Anderen. Selbstironisch merkte er an, dass er das vielleicht hätte vorher fragen sollen, bevor er eines von Jeis heiligen Märchenbüchern zerstörte.

Wie immer musste er nicht erläutern, was er meinte, weil der vernarbte Mann ganz genau wusste, um was es ging. „Er gehörte nicht dorthin.“
„Und deswegen missachtest du einen Befehl von Crawford?“
„Er gehörte nicht dorthin“, wiederholte Jei eindringlicher, auch wenn alles in seinem Gesicht auf gelangweilte Akzeptanz hindeutete.
„Wir waren nicht autorisiert, ihn zurück zu seinem Team zu bringen und dann auch noch die Weißagentin zu verletzen.“
Nagi grollte, als ein drittes „Er gehörte nicht dorthin.“ zu ihm schallte und verließ genervt das Wohnzimmer um sich an seine Hausarbeit zu setzen, die dank des Weiß immer noch nicht fertig war. Dass er währenddessen eruieren würde, ob der junge Weiß bereits wieder online war, schrieb Nagi seiner Informationspflicht zu, die er schließlich hatte und zu der auch die Eruierung gehörte, ob der Taktiker des feindlichen Teams wieder einsatzfähig war.

 

~~**~~

 

Die Art, wie sich sein Anführer bewegte, erlaubte Schuldig für einen kurzen Moment einen ungeschönten Einblick in dessen körperliche Verfassung, um die es tatsächlich gar nicht mal so gut stand.
Crawford hielt für den Bruchteil einer Sekunde inne, bevor er sich auf seinen Bürostuhl setzte und sich hinter seinem Schreibtisch verbarrikadierte. Die Tasse Kaffee, die jetzt ihren Weg an Crawfords Lippen fand, war ebenso ein Prokrastinationsmanöver wie der lange Blick auf die Unterlagen, die das Orakel sicherlich schon längst durchgearbeitet hatte.
Schuldig lümmelte sich unweit des Schreibtisches auf die Couch und warf von dort aus einen Blick auf das Schachbrett, wo ihr Hellseher schon seit Wochen gegen sich selbst spielte. Er rollte mit den Augen und kehrte mit seiner Aufmerksamkeit dann wieder zurück zu dem Arschloch, das meinte, ihn darüber belehren zu müssen, den Weiß nicht zu foltern und ihn dann beinahe umzubringen.

Ne, klar.

Wie so vieles, was in den letzten Tagen passierte, machte das keinen Sinn und Schuldig kam nicht umhin, über die Worte des entsprechenden Weiß nachzudenken, die in der absoluten Überzeugung ausgesprochen worden waren, wahr zu sein. So wahr, dass der Jüngste des gegnerischen Teams sich in seiner Verzweiflung dazu entschlossen hatte, Crawford damit zu provozieren und damit auch höchst erfolgreich gewesen war. Erfolgreicher als er selbst, mochte Schuldig meinen, denn er für seinen Teil hatte den Weiß nicht beinahe umgebracht mit seiner Wut.
Die Frage war nur: Wut worüber? Hatte Bombay Recht gehabt und Crawford war wirklich Lasgos persönlicher Sexsklave gewesen? Schuldig versuchte sich vorzustellen, wie jemand den Anführer von Schwarz unterwarf und auf diese ganz spezielle, widerliche Art und Weise demütigte. Er scheiterte daran.

Crawford war unantastbar.

Das Orakel hatte alleine schon durch seine Gabe einen unschlagbaren Vorteil und so sehr es Schuldig auch mit den Zähnen knirschen ließ, ihr Anführer war gut in dem was er tat. Wobei gut der falsche Ausdruck war. Exzellent, ein Streber in ihrer Rosenkreuzausbildung, der trotz der strengen Erziehung und des für ihn noch härteren Trainings scheinbar mühelos bestanden hatte.
Sämtliche Lehrer und Trainer, die er gehabt hatte, hatten es ihm nicht leicht gemacht, im Gegenteil. Es schien, als hätten sie den Befehl bekommen, ihn doppelt und dreifach so hart durch die Mangel zu drehen als sie es mit anderen Studenten taten. Und Crawford hatte alles, was sie ihm zur Aufgabe gestellt hatten, mit stoischer Sturheit erledigt, egal, was es ihn gekostet hatte, egal, was es für Konsequenzen für ihn selbst bedeutet hatte.

Egal, was es seine Klasse gekostet hatte.

Schuldig rollte mit den Augen. Natürlich waren sie alle dazu erzogen worden, in einem Team zu arbeiten und sich aufeinander zu verlassen, doch Rosenkreuz hatte ihnen auch ganz klar und deutlich gemacht, dass Leistung belohnt werden würde, sodass sie in einem stetigen Konkurrenzkampf um die Position des Besten miteinander standen. Schuldig hatte sich auf vieles eingestellt nach dem Abschluss seiner Ausbildung, aber Crawford war nicht dabei gewesen.

Also das selbstherrliche, egoistische, biedere, zynische, streberische Arschloch namens Bradley Crawford, Sohn von und zu.

Wie hatte Schuldig ihn während ihrer Ausbildung gehasst, wie hatte er es gehasst, als er ihm zugeteilt worden war und das Orakel ihn mit nach Japan genommen hatte, damit sie dort für Takatori arbeiten konnten, der zu dem Zeitpunkt ein aufstrebender Politiker gewesen war. Er hatte Japan gehasst, seinen Anführer, seinen Klienten, ihre Aufgaben und ganz sicherlich hatte er die Wahl des dritten Teammitgliedes gehasst, das schlussendlich zu ihnen gestoßen war: ein verrückter, irischer Mann mit einer Vorliebe für unkontrollierte Messereinsätze und Massaker, der weder Crawford noch ihn verstehen wollte und ihnen das Leben im ersten Jahr zur Hölle gemacht hatte.
Ihnen. Schuldig schnaubte. Der bleiche Geist hatte Schuldig das Leben zur Hölle gemacht, da das selbstherrliche Orakel Kraft seiner eigenen Wassersuppe bestimmt hatte, dass er derjenige sein sollte, der auf dieses gewalttätige, im Körper eines Mannes gefangene, Kind aufpassen musste.

So hatte er aufbegehrt. Einmal, zweimal, so oft, dass es Schuldig gar nicht mehr zählen konnte. Und jedes Mal war ihm sein Anführer über gewesen, immer einen Schritt voraus. Ätzenderweise, frustrierenderweise… und so hatte es Schuldig sich zur Lebensaufgabe gemacht, jede einzelne Schwachstelle des Orakels zu nutzen und so lange auszuschlachten, bis er irgendetwas fand, womit er ihn auf die Palme treiben konnte.
Seine Erfolge hatten sich in seine Erinnerungen gebrannt und er gierte nach der nächsten Möglichkeit.

Gefunden hatte er sie bei Crawfords kühlem, aber seltsamen Befehl, ihn aus einem Hotel abzuholen. Wie einfach doch die verschiedenen Hinweise zu finden gewesen waren, als würden sie auf einem Präsentierteller direkt vor Schuldig liegen: die komische Kleidung, die offensichtlichen Schmerzen, die überraschende, emotionale Instabilität des älteren Mannes. All das hätte er ausschlachten können und es wäre einfach gewesen. Den Finger in die Wunde legen und bohren, bis der Schmerz so groß wurde, dass das Orakel seine Beherrschung verlor.
Dennoch hatte sich Schuldig dagegen entschieden und was erhielt er als Dank?

Lügen, Halbwahrheiten und Abspeisungen.

Das würde auch jetzt nicht anders werden.
„Was willst du, Bradley?“, schnarrte Schuldig in ihre Stille hinein und hielt dem Blick der hellen, stechenden Augen mit Leichtigkeit Stand. Dass Crawford sich nicht gegen die Nutzung seines Vornamens wehrte, sprach dabei schon Bände für sich, auch wenn alleine der Ton in Schuldigs Worten normalerweise dafür sorgen würde, dass dieser ihn zumindest an seinen Anführerstatus erinnerte.

Doch dieses Mal wurde er nicht zurechtgewiesen. Crawford tat so, als hätte er es nicht gehört. „Fujimiya war ebenso bei unserer Zielperson wie ich auch. Er hatte den Auftrag, den Drogenhändler zu töten. Er war derjenige, der mir zur Flucht verholfen und mich zurück mit nach Tokyo genommen hat“, drang die ruhige Stimme des Mannes zu Schuldig, der ihm so viele Halbwahrheiten über die letzten Tage aufgetischt hatte, dass es dem Telepathen nun schwer fiel, ihm die neuen Informationen zu glauben.

Dennoch befand sich eben jene deutlich zu nah an dem, was Bombay ihm gestammelt gestanden hatte, als dass es ihm wohl damit war. Wieder versuchte Schuldig sich das vorzustellen, was der Kleine von Weiß ihm gesagt hatte. Crawford als Opfer einer solch demütigenden und degradierenden Tat. Nein. Unvorstellbar.
„Die für die Koordination zuständige Kritikeragentin war ebenfalls vor Ort und hat sich anscheinend dazu entschlossen, die Ideale ihrer Organisation zu verraten und einen Pakt mit unserer Zielperson einzugehen. Nach Fujimiyas Rückkehr haben eben jene wie auch die Zielperson sich mit Abyssinian in Verbindung gesetzt und ihn natürlich mit dem Wohlergehen seiner Schwester erpresst.“ Ein kurzes, ironisches Lächeln huscht über Crawfords Lippen, doch es war so schnell wieder verschwunden, dass sich Schuldig nicht sicher war, ob er es überhaupt gesehen oder sich nur eingebildet hatte.

„Während unseres letzten Auftrages haben Balinese und ich uns abseits geschlagen und er war der irrigen Meinung, mich erpressen zu können mit dem, was er bereits weiß und hat versucht, meine Mithilfe bei der Abhilfe von Fujimiyas misslicher Lage zu erzwingen. Was ich hiermit getan habe.“ Nun war es sehr deutlich ein böses Lächeln, das über die schmalen Lippen geisterte und die hellen, stechenden Augen verloren von jetzt auf gleich ihren Fokus, als die Worte anscheinend eine Vision bei ihrem Orakel auslösten.

Erst jetzt wurde sich Schuldig bewusst, wie vertraut ihm diese Geste war und wie sehr er sie über die letzten Tage unbewusst vermisst hatte. Stumm wartete er, bis die Gabe des Orakels sich wieder zurückzog, während er die Stille nutzte um sich die geordneten Dokumentenstapel zu beschauen.
Als die Aufmerksamkeit seines Anführers zu ihm zurückkehrte, seufzte Schuldig. „Fujimiya ist nicht hier um irgendwelche Aufträge zu erfüllen, die du ihm gibst und die wir mit dem kleinen Finger ausführen können“, nutzte Schuldig die momentane Informationsfreigiebigkeit des Orakels um endlich etwas Licht ins Dunkle zu bringen und bohrte seinen Blick in die nunmehr wieder scharfen Gegenstück seines Anführers. Stirnrunzelnd wurde er gemessen und die Antwort abgewogen, so als ob Crawford seinem Team diese Informationen nicht anvertrauen könnte. Aber wem, wenn nicht seinem Team? Schließlich vertrauten sie ihm auch ihre Leben an, immer und immer wieder.
Schlussendlich nickte Crawford und es hatte etwas von einem Einknicken, das sich Schuldig nicht wirklich erklären konnte. „Er ist hier, weil er meine Gabe stabilisiert und katalysiert.“

Die Bedeutung der Worte erschloss sich Schuldig beinahe augenblicklich. Und doch weigerten sich die Gedanken des Telepathen, wirklich zu begreifen, was sein Anführer ihm gerade mitgeteilt und welche Schwäche er ihm just in diesem Moment offenbart hatte. Er hatte viel erwartet, andere Gründe dafür, dass Crawford sich den Anführer des feindlichen Teams in ihr Haus holte. Er hatte damit gerechnet, dass Crawford Weiß schwächen wollte, damit Schwarz trotz Handicap Takatori zum Sieg verhelfen konnte. Oder aus Rache an Kudou. Schuldig hatte viel erwartet, das aber nicht.

Das hier war… eine Katastrophe.

Der Weiß als Katalysator für Crawfords Gabe war ein unkalkulierbares Risiko. Schuldig schluckte. Das Risiko war so unkalkulierbar, dass er es beinahe nicht verantworten könnte, es Rosenkreuz nicht zu melden. Wenn irgendetwas schief lief, wenn auch nur ein Ding, was sie hier drehten und vor ihrer Organisation verheimlichten, ans Licht kam, dann waren sie geliefert. Alle miteinander. Wieder einmal drängte sich ihm die Frage auf, warum er Crawford nicht einfach an Rosenkreuz verriet und durch die Schwäche seines Anführers selbst eine stärkere Position erlangte. Und wieder einmal hielt er sich davon ab, weil er es nicht wollte, obwohl Crawford diese Art der überraschenden Loyalität mitnichten verdient hatte.

Schuldig schnaubte vor Frust über sich selbst und langte nach dem, was seinen Anführer sicherlich ein Dorn im sowieso schon eiternden Fleisch sein würde. „Bindest du dich gerade?“ fragte er mit hoch erhobenen Augenbrauen lauernd und spöttisch und der Mann hinter dem Schreibtisch zuckte zusammen, als käme ihm der Gedanke zum ersten Mal. Ein wütendes, ungezügeltes Grollen war Schuldigs Belohnung für sein Vorhaben und träge schmunzelte er.

„Du redest Unsinn. Warum sollte ich mich binden und dann noch an den Weiß?“, verließ es ungewohnt wütend die Lippen des Orakels und ebenso wütend nahm dieser einen Schluck. Doch so blöd war es trotz allen Spotts gar nicht, befand Schuldig. Ganz im Gegenteil. Ließ er die Provokation außen vor, standen da immer noch Fakten im Raum, die nicht von der Hand zu weisen waren.
Es war durchaus normal für psychische PSI, wie er oder Crawford es waren, dass sie sich an jemanden banden, der ihre Muse war - wer auch immer sich diesen beschissenen Begriff dafür ausgedacht hatte. So wie Nagi als physischer PSI sich körperlich an Crawford gebunden hatten, indem er ihren Anführer über ein Jahr lang nicht losgelassen hatte, war es möglich, dass sie sich ebenso an jemanden banden.

„Lass mal sehen. Als sie dich gefoltert haben, hat sich deine Gabe unter Stress setzen lassen und wurde dadurch instabil. Dann kam der Ritter auf dem weißen, hohen Ross um die Ecke und hat deinen Arsch nach Tokyo verfrachtet. Sein Mitleid und seine Dummheit sind im Übrigen noch größer als ich gedacht hatte und das will schon etwas heißen. Sei’s drum. Er war da, sie hat sich auf ihn fokussiert, er stabilisiert dich und zack, schon ist die Bindung zwischen euch beiden Turteltauben da.“
Crawford starrte ihn mit einem Gesichtsausdruck an, der Schuldig unwillkürlich lachen ließ. Er mochte sich nicht entscheiden, was ihm daran mehr gefiel. Der Ausdruck, als hätte er etwas äußerst und noch nie dagewesenes Dummes gesagt oder derjenige, als hätte er den Verstand verloren.
„Ich muss dich enttäuschen, Schuldig. So binden sich psychische PSI nicht an ihre Musen. Dazu braucht es mehr als eine Stresssituation.“
„Trotzdem besteht die Möglichkeit.“
„Nicht mit dem Weiß“, wiederholte Crawford und betonte genervt jedes Wort. Grollend leerte er seine Tasse und schenkte sich beinahe sofort nach. Beeindruckend, diese Sucht nach Kaffee, befand Schuldig. Auch das war etwas, das er verwenden könnte.

Abwinkend ließ er das Thema Muse vorerst hinter sich. „Wie stellst du dir eigentlich vor, dass ich in seine Gedanken komme, ohne dass ich ihn dabei breche?“, stellte er anstelle dessen zur Diskussion. Nach Crawfords Eingeständnis glaubte er nicht, dass dieser es schätzen würde, wenn er den Weiß als sabbernden Idioten zurückließ, weil er ihn erst körperlich, dann geistig gebrochen hatte. „Wie du weißt, hat sexualisierte Gewalt hier die größte Wirksamkeit erwiesen“, stellte er lauernd in den Raum. Lasgos persönlicher Sexsklave. Wenn das wirklich zuträfe, würde Crawford das sicherlich nicht wollen. Oder?
Tatsächlich. Das Orakel schüttelte den Kopf.

„Er wird dir freiwillig Zugang gewähren.“
Freiwillig?“, wiederholte Schuldig ungläubig. „Niemals, im Leben nicht. Nicht Abyssinian, der hochgelobte, disziplinierte Anführer von Weiß, der mit Freuden seinen selbstgerechten Stock im Arsch spazieren trägt. Wie soll das denn gehen?“
„Durch Überzeugungskraft und gute Argumente.“
„Habe ich beides nicht.“
„Dann eigne es dir an. Du wirst ihn nicht ficken lassen, Schuldig.“
Schuldig winkte ob der, wie sie beide wussten, unnötigen Warnung ab. „Ja, schon klar, du hast’s angeleckt, also gehört’s dir.“
„Ich habe Besseres mit meiner Zunge zu tun als sie an den Weiß zu verschwenden.“
„Sie in Lasgo zu stecken?“

Die Temperatur des Raumes, in dem sie sich befanden, schien um eine zweistellige Gradzahl zu fallen, so frostig, wie die gesamte Mimik des Orakels nun wurde. Stumm wohnte Schuldig bei, wie sich Anspannung den Rücken seines Anführers hochfraß und das lockere Hin- und Hergeplänkele beendete. Schuldig hob eine Augenbraue und beschloss, seinen Kommentar und Crawfords Reaktion darauf so stehen zu lassen.

„Und wenn ich in den Gedanken des Weiß bin, werde ich dann das bestätigt finden, was du mir gerade gesagt hast oder werde ich dann feststellen, dass du mir wieder Informationen vorenthalten hast?“, fragte er ruhig, ohne Spott und ohne Zynismus. Er ließ Crawford sehen, dass es ihm ernst war, nicht noch einmal mit Halbwahrheiten abgespeist zu werden.
Und Crawford sah ihn. Er akzeptierte seine Warnung trotz der vorherigen Provokation, von der sie beide anscheinend so taten, als hätte es sie nie gegeben.
„Fujimiyas Erinnerungen decken sich mit dem, was ich dir gesagt habe. Darüber hinaus enthalten sie Details, die deine Neugierde befriedigen dürften. Wenn du dir deine Informationen geholt hast, wirst du mich damit nie wieder belästigen. Hast du mich verstanden, Schuldig? Nie wieder.“

Wortlos und überrascht starrte Schuldig eben jenen Mann an, der ihm gerade den Freibrief gegeben hatte, alle Informationen aus dem Weiß herauszuquetschen, derer er habhaft werden konnte. Der Mann, der immer noch offen ließ, was tatsächlich passiert war und sich um eine konkrete Antwort herumlavierte. Der ihn angelogen hatte und nun behauptete, die Wahrheit gesagt zu haben.
Schuldig lächelte schmal. „Morgen Abend gehört Fujimiyas Geist mir“, unheilte er und Crawford lachte ernsthaft amüsiert. Das erste Mal, seitdem er wieder hier war, fiel Schuldig auf.
„Willst du wetten?“, hielt er mit einer erhobenen Augenbraue dagegen und Schuldig winkte schnaubend ab.
„Wetten? Mit einem Orakel? Wirklich, Crawford, für wie dumm hältst du mich?“
„Dumm? Gierig ist das Wort, was du suchst.“
„Sagt das Streberlein. Ist klar.“

Crawford hob beide Augenbrauen. „Raus aus meinem Büro“, sagte er und widmete sich pointiert seinen Papierstapeln, die anscheinend allesamt gerade dringender auf ihn warteten als es jedes Gespräch mit Schuldig in diesem Moment sein könnte. Der Telepath schnaubte und erhob sich langsam von der überhaupt nicht bequemen Couch.
Mit einem letzten Blick auf das Orakel verließ er dessen Heiligtum und widmete sich schöneren Dingen. Nagi auf die Palme zu bringen, zum Beispiel, was immer ein wahrer Quell an Freude war.

 

~~**~~

 

Es war still in ihrem Anwesen, als Crawford seine Finanzüberprüfung beendete und sich ein schmerzerfülltes Aufstöhnen gestattete, mit dem er dem Protest seines nach Entspannung schreienden Rückens stattgab. Vorsichtig lehnte er sich zurück und erlaubte es sich, für einen Moment die schmerzenden und trockenen Augen zu schließen, vor denen die Zahlenkolonnen nur so hin und herschwammen. Es war spät, er war erschöpft und doch verursachte ihm der Gedanke an sein Bett Unbehagen angesichts des Alptraums der vorletzten Nacht . Ebenso waren es seine Erinnerungen an die Vergangenheit und die Zukunft, die ihn nicht an Schlaf denken ließen, die er sortieren und steuern, katalogisieren und in die letzten Ecken seines Hirns verschieben musste.

Doch auch das fand sein Ende und so gönnte er sich nun eine Pause und ließ die Gedanken zu dem Mann schweifen, dessen Anwesenheit die durch ihn benötigte Stabilität ermöglichte.
Noch bevor er mit seinem Team gesprochen hat, hatte ihm eine Vision deutlich und klar mitgeteilt, dass er keine andere Wahl hatte als Schuldig damit zu beauftragen, Fujimiyas Gedanken kontrollieren zu können und das gleich aus zwei Gründen. Anscheinend war der Weiß nicht ganz so resigniert, wie es zunächst schien. Den aufkommenden Widerstand würde Schuldig ihm effektiv nehmen und ihn eines Besseren belehren. Und zum anderen – was der weitaus bitterere Grund war – würden die Informationen aus Fujimiyas Erinnerungen Schuldig endlich ruhigstellen.

Den Preis der Übelkeit, den der Ausblick auf die Zukunft mit sich brachte, bezahlte Crawford widerwillig und mit einem Zähneknirschen. Die Vorstellung, dass der Telepath ihn so sah wie Fujimiya ihn gesehen hatte, verursachte ihm Kopfschmerzen und innere Kälte vor Ekel. Er wollte nicht, dass Schuldig Zeuge dessen wurde, was geschehen war. Er wollte nicht, dass der ewig nach Konkurrenzkampf gierende Deutsche gleich eine ganzes Waffenarsenal gegen ihn erlangte, das er nach Belieben nutzen konnte um ihm sein Versagen und seine Schwäche vor Augen zu führen. Ganz zu schweigen von dem beißenden Spott, der auf ihn wartete.
Doch trotz allem war das das geringere Übel, als wenn er dem sowieso schon Blut leckenden Telepathen verheimlichte, was wirklich passiert war.

Wieder kehrten seine Gedanken zurück zu Fujimiya und zu dem, was Schuldig über ihn gemutmaßt hatte. Binden. Dass er nicht lachte. Ausgerechnet an den Weiß. Das war so an den Haaren herbeigezogen, dass Crawford unwillkürlich lachen musste. Ausgerechnet der Mann, der keine Zeit verloren hatte, sich…
Abrupt würgte er den aufkommenden Gedankengang ab. Wenn er in die Zukunft sehen wollte, musste er die Vergangenheit hinter sich lassen. Sich immer wieder an dem aufzuhängen, was Fujimiya im Begriff gewesen war zu tun, würde bedeuten, dass er nicht mit der nötigen Objektivität an ihren neuen Gefangenen herangehen würde. Er würde den Weiß töten, dieses Mal mit Sicherheit und so konnte er sich damit begnügen, dass er dessen Leben und Handeln nach den drei Monaten derart kompromittiert hatte, dass weder Kritiker noch Crashers ihn zurücknehmen würden.

Crawford nickte zufrieden über die sich ihm eröffnende Zukunft und erhob sich. Sein Körper ächzte protestierend und für einen Moment lang schwankte er, als ihm schwarz vor Augen wurde und er sich an seinem Schreibtisch festhalten musste. Nach der ersten, unkontrollierten Reaktion verlangsamte Crawford bewusst seine Atmung, bis die größten Schmerzimpulse verschwunden waren und er sich vorsichtig aufrichten konnte. Was hatte Fujimiya gleich nochmal gefragt in dieser heruntergekommenen, kleinen Wohnung? Wie Takatori Versagen strafte? Genau so. Mit Schmerz und Herabsetzung. Ach was würde das den Weiß insbesondere jetzt doch freuen.

Er leerte seine Kaffeetasse und verließ das Büro. Durch das stille Haus hindurch ging er in den Keller und blieb vor der Zelle stehen, in die Nagi ihren Gast gebracht hatte.
Die Gitterstäbe verbargen nichts vor der Außenwelt, wenn es denn etwas zu verbergen gegeben hätte in dem kahlen Raum, der einzig und alleine eine Matratze enthielt, auf der nun der Weiß lag, auf der Seite und drogeninduziert schlief, das Gesicht entspannt, zumindest der Teil, der nicht durch die roten Strähnen verborgen lag.

Das Orakel legte seine Hand auf den Fingerabdruckscanner und öffnete die damit Zellentür. Schweigend trat er zu dem Weiß und sah reglos auf ihn herunter. Vor nicht allzu langer Zeit waren ihre Rollen vertauscht gewesen. Hilflos, wie er gewesen war, hatte er nicht viel dagegen tun können, als er sich plötzlich Fujimiya gegenüber gesehen und gewusst hatte, dass dieser ihn umbringen würde. Dass dieser zwischen ihm und Lasgo stehen würde, hatte er keinen Moment lang vermutet und die Überraschung über der Handel des Weiß war immer noch präsent in seinen Erinnerungen. Zwei Tage hatte er anschließend in der Hoffnung gelebt, dass Fujimiya Lasgo töten würde.

Nur damit eben diese brutal und effektiv zerschmettert werden würde durch das erneute Handeln des Drogenhändlers.

Crawford schwankte vor Ekel und überbrückte seine schlechten Erinnerungen damit, dass er sich eingedenk seines wunden Körpers vorsichtig auf ein Knie niederließ und dem Weiß die Strähnen aus dem Gesicht strich um einen besseren Blick auf das ruhige Gesicht zu erlangen. Binden, dass er nicht lachte. An den Anführer von Weiß. Natürlich. Da konnte er sich ja gleich die Kugel geben.
Zumal es nur zwei Arten gab, auf die sich ein psychischer PSI an eine andere Person band. Zum Einen gab es die Zuneigung. Crawford schnaubte amüsiert. Ja, er mochte den Weiß. Wie einen Migräneanfall. Der andere Grund war näher an Schuldigs Vermutung, als Crawford es wirklich lieb war. Es war möglich, sie zwangsweise zu binden, doch das wurde nur durch ein tiefes und weitreichendes Trauma erreicht und war so weit von der freiwilligen Bindung entfernt wie es nur möglich war. Und das hatten weder Fujimiya noch Lasgo geschafft, schließlich hatte ihn der ältere Mann trotz aller Mühen nicht gebrochen.

Der schwache, nach Antiseptika anmutende Geruch der Zelle lockte Crawford zurück zu dem Raum, in dem er vor mehr als einer Woche aufgewacht war, nachdem Lasgo ihm etwas unter sein Getränk hatte mischen lassen. Antiseptika und Reinigungsmittel waren es gewesen, die er gerochen hatte und die Ähnlichkeit kroch nun wie ein unerbittliches Raubtier seine Wirbelsäule entlang. Anspannung fraß sich den gleichen Weg empor und Crawford verharrte in seiner momentanen Bewegung, mit einem Mal abrupt gefangen in seinen Erinnerungen an jenen schrecklichen Moment.
Nein, verließ es stumm sein Lippen, wie es auch vor nicht einmal einem Monat in seinem Kopf geschrien hatte. Nein, nein, nein. Er hatte das nicht gewollt, nichts davon. Er hatte alles versucht, dem zu entkommen, doch vergebens. Kein Nein hatte geholfen. Keine Gegenwehr. Nichts. Er hatte das ertragen müssen, was ihm aufgezwungen worden war, ohne die Möglichkeit, Lasgos widerwärtiges Spiel zu beenden.

Abrupt tauchte Crawford aus seinen Erinnerungen auf. Seine Hände hatten sich in der Kleidung des Weiß verkrampft und er schluckte schwer, als er gegen die Übelkeit ankämpfen musste, die seinen Magen im festen Griff hielt. Schmerzhaft schnell schlug sein Herz und Schweiß stand auf seiner Stirn. Immer noch konnte er Lasgos Atem in seinem Nacken spüren, während dieser ihm deutlich machte, dass er sich mit normaler Folter nicht begnügen würde. Immer noch hörte er das Lachen des widerlichen Mannes, mit dem dieser ihm die dunkelsten Fantasien offenbarte, die er auf ihn zu projizieren gedachte und schließlich auch ausgeführt hatte. Jede einzelne und noch einige mehr.

Strauchelnd kämpfte Crawford sich in die Höhe. Er musste raus hier. Er musste weg von diesem Geruch und den Erinnerungen an Lasgo. Zwei Schritte weit kam er, dann hielt ihn der Anblick des Weiß auf, der ihm mit erschreckender Eindringlichkeit mitteilte, dass er den Mann nicht hier unten lassen konnte, denn sonst würde Lasgo kommen und...
Crawford zwang sich innezuhalten und seine irrationalen Gedanken zu einem Halt zu bringen. Zum zweiten Mal innerhalb von einer halben Stunde schloss er die Augen und regulierte zwangsweise seine Atmung um zu sich selbst zurück zu finden. Mit eiserner Selbstkontrolle drängte er die dunkelsten Erinnerungen zurück in die Tiefen seines Geistes und verschaffte sich so die nötige Ruhe um den Weiß nicht gleich irrational an den Haaren hier herauszuzerren.
Minuten krochen dahin und Crawford fand schlussendlich die Stärke, die er brauchte, um zu sich zurück zu kehren, im Trost seiner Gabe, auch wenn seine Visionen ihm hoch unliebsame Dinge zeigten.

Den Weiß hier unten zu belassen würde zu Problemen führen, deren Lösungen ihn Mühe und Zeit kosten würden, die er nicht zu investieren bereit war. Er hatte keine Zeit, sich um die Kindereien das Befinden Fujimiyas zu kümmern. Dieser hatte zu funktionieren. Also war es doch logisch, dass Crawford die Zukunft so modifizierte, dass er den einfachen Weg ging, ohne Theater und ohne Drama, ohne schlussendliches Blutvergießen in seiner Küche, das letztlich zu noch mehr Fragen führen würde.
Auch wenn es im Umkehrschluss bedeutete, dass der Weiß die Nacht eben nicht hier verbringen würde, sondern in seinem Raum, präziser noch, in seinem Bett.

Crawford grollte erbost und war für einen Moment lang versucht, diese Zukunftsversion zu ignorieren. Einen Moment lang, in dem er sich verweigerte, auch nur darüber nachzudenken, den Weiß hier herauszutragen und in sein Bett zu legen. Es war sein Bett und auch wenn er es diese Nacht nicht nutzen würde, so hatte der Weiß nichts darin zu suchen. Rein gar nichts.
Nutzlos wog Crawford ab, wo es nichts zu erwägen gab.
Aber wenigstens löschte die Vision die letzten Spuren seiner Erinnerungen aus und ersetzte Hilflosigkeit durch Wut. Wenigstens das.

Dunkel starrte er den schlafenden Weiß an und grollte unzufrieden. „Selbst bewusstlos machst du Ärger“, murmelte er und trat erneut zu ihm. Er versuchte, den anderen Mann unter seinem Rücken und den Knien zu fassen um ihn hochzuheben, doch das hatte wenig Sinn, wie Crawford nun selbstironisch feststellte und doch etwas über sich selbst lachen musste, wie er hier kniete und feststellte, dass der nasse Sack Kartoffeln vor ihm sich in seinem momentanen Zustand so nicht bewegen lassen würde.

Also tat Crawford genau das, was er mit einem nassen Sack Kartoffeln machen würde: er schulterte den Weiß und spürte, wie sein eigener, geschundener Körper unter der zusätzlichen Belastung ächzte und schrie. Mit zusammengebissenen Zähnen trug er seine schwere Last langsam nach oben und stieß seine Tür auf. Stumm fluchend ließ er den Weiß auf sein Bett fallen und hob die Augenbraue, als dessen Hinterkopf unrühmlich mit einem dumpfen Laut auf sein Bettgestell traf.
Geschah der ewigen Nervensäge von einem Weißanführer recht, befand er und drehte sich weg von dem Mann, dessen rote Haare wie Blut auf dem weißen Kissen lagen.

 

~~**~~

 

Das Erste, wessen Aya sich gewahr wurde, war ein Buch, dessen aufgeschlagene Seiten sich seicht im Zug eines scheinbar geöffneten Fensters hin und her flatterten. Sie raschelten sacht und gaben so ein nahezu friedliches Bild ab. Nahezu. Wenn er sich nicht Stück für Stück daran erinnern würde, was passiert war, wo er sich hier anscheinend befand und was in der kommenden Zeit geschehen würde.
Auch wenn Aya überrascht war über das Zimmer, das er nun vorsichtig und unter Kopfschmerzen in Augenschein nahm. Nach Omis Erzählungen hatte er einen kalten, weiß gefliesten Kellerraum erwartet, aus dem er nur herausgelassen werden würde, um verräterische Aufträge zu erfüllen. Nicht aber ein Zimmer, das in einer erschreckend puristischen Art und Weise Macht ausstrahlte, die es eigentlich nicht ausstrahlen sollte, angesichts der Tatsache, dass es ein Schlafzimmer war. Ein gut eingerichtetes Schlafzimmer. Aber ein Schlafzimmer nichtsdestotrotz.

Alles in diesem Zimmer schrie, das wusste Aya auch ohne dass er fragen musste, nach Crawford. Das hier war das in die Inneneinrichtung eines Raumes gepresste Orakel. Strenge Linien diktierten die Gangart des Zimmers und führten zu den beiden großen Türflügeln, die für ihn unsichtbar in einem anderen Raum mündeten. Es herrschte ein leichter, eiskalter Wind, der Aya kühl über das Gesicht strich. Einen anderen Teil seines Körpers konnte er nicht erreichen, so begraben unter Decken, wie er hier lag. Ungefesselt, als wenn sich Schwarz seiner so sicher waren, dass sie ihn nicht fesseln mussten.

Arrogant war es und in einer bitteren Art und Weise nur zu wahr, denn er würde nichts tun können, was seine Schwester gefährdete. Die unsichtbaren Ketten, die ihn zurückhielten, waren ein weiteres Mal schlimmer als es sichtbare jemals sein könnten.
Aya ballte die Hände zu Fäusten und zerriss beinahe den weichen Stoff unter seinen Fingern vor hilfloser Wut und bodenlosem Frust über eben jene.

Doch er kämpfte beides zurück und schob es in den hinterletzten Winkel seines Geistes. Nichts davon würde ihn hier weiterbringen. Langsam richtete er sich auf und schlug die Decke zurück. Wäre er zuhause gewesen, hätte er sich gut und gerne noch für eine weitere Stunde schlafen legen können, doch das stand hier außer Frage. Aya war sich noch nicht einmal sicher, ob er freiwillig in diesem Haus ein Auge zutun würde in Anwesenheit des feindlichen Teams, das noch vor ein paar Stunden wieder einmal gezeigt hatte, wie sadistisch es sein konnte. Die Frage, die er momentan noch in den Hintergrund drängte, war auch, was sie ihm antun würden. Insbesondere, da er es gewagt hatte, sich an ihrem Orakel zu vergreifen.

Aya strich sich die Haare zurück und stellte die Füße auf den überraschend warmen Boden. Trotzdem fröstelte er und schwankte, als er sich erhob. Anscheinend hatte sein Körper die Drogen noch nicht gänzlich verarbeitet, die Crawford ihm verabreicht hatte, so schwindelig, wie ihm mit einem Mal wurde. Frustriert über seine eigene Unzulänglichkeit schloss er die Augen und atmete tief ein, bis er sich sicher sein konnte, dass er keine unliebsame Bekanntschaft mit dem Parkettboden machen würde. Erst dann erlaubte er es sich, seine Augen wieder zu öffnen und erst dann fiel ihm die Kleidung auf, die anscheinend unweit auf einem Stuhl für ihn zurechtgelegt worden war.

Der Zettel auf ihnen gab ihm seinen ersten, feindlichen Befehl und er grollte. Geh duschen, stand in klaren, schnörkellosen Schriftzeichen darauf und ein Pfeil in die Richtung Bad lotste seinem Blick auf die Tür, die er bisher missachtet hatte und die anscheinend in den entsprechenden Raum führte, wenn er es richtig interpretierte. Aya war nicht danach, zu gehorchen, so legte er den Zettel beiseite und langte nach der Kleidung. Neugierig darauf, was er nun tragen würde, entfaltete er sie und stellte fest, dass es anscheinend Crawfords Sachen waren, die ihm als Ersatz dienen sollten. Auch wenn er nicht gedacht hatte, dass der Amerikaner eine legere Jeanshose einen einfachen, weinroten Pullover in seinem Kleiderschrank hatte. Ebenso wenig die dicken Wollsocken, die das Ganze zusammen mit noch verpackter Unterwäsche abrundeten.

Aya schauderte. Er wollte nicht. Er wollte nicht hier sein, er wollte seine eigene Kleidung tragen, er wollte nicht sein altes Leben hinter sich lassen müssen nur weil er den Fehler gemacht hatte, Crawford das Leben zu retten. Er wollte zurück zu Youji, Omi und Ken, um mit ihnen den Verrat der Agentin aufzuklären und mit Manx zu sprechen. Er wollte für ihren Jüngsten dasein, der gerade eben in diesem Moment seine Hilfe brauchte. Doch das, was er wollte, zählte nicht. Das, was auf Zetteln stand, zählte und machte ihm deutlich, dass er nur ein Gefangener war, dessen Leben für die nächsten Monate fremdbestimmt wurde.

Seufzend roch er an sich selbst und zuckte mit gekräuselter Nase zurück, als ihm bewusst wurde, dass die Drogen seinem Körper wohl auch auf andere Art und Weise zugesetzt hatten. Grimmig griff er sich die Sachen und beschloss, das kommende Elend nicht weiter heraus zu zögern. Mit Gänsehaut betrat er das Tageslichtbad, das von schlichtem Luxus ebenso überquoll wie das Schlafzimmer und größer war als ihr Wohnzimmer über dem Koneko. Natürlich verfügten Schwarz über soviel Geld, dass sie sie das leisten konnten. Ein Anwesen im Grünen, wie es schien, weit und breit kein Nachbar. Das war Luxus rund um Tokyo. Das hieß, wenn er überhaupt noch in der Nähe der Hauptstadt war, wusste Aya doch noch nicht einmal, wie lange er geschlafen hatte.

Mit Bedacht machte er die Tür hinter sich zu und schloss mit Erleichterung das Bad ab. Nicht, dass es jemanden wie den Telekineten des Teams aufhalten würde, doch alle Anderen hielt es draußen. Vermeintlich.
Es reichte, um sein wild klopfendes Herz zu beruhigen, befand Aya, also war es in Ordnung. Schneller als zuhause duschte er und nahm sich die noch verpackte Zahnbürste. Wütend riss er sie auf und erledigte den Rest der morgendlichen Badrunde um sich den Ungeheuern zu stellen, die in diesem Haus auf ihn warten würden. Wie es Youji wohl ging? Sie hatten sein Fehlen sicherlich bemerkt und würden nun nach ihm suchen. Vergeblich, wenn er Schwarz richtig einschätzte und schlussendlich würden sie ihn als Verräter abstempeln.

Youjis Worte kamen ihm in den Sinn und Aya musste unwillkürlich bitter auflachen. Als wenn geschlossene Fenster Schwarz aufhalten würden. Nein, das würden sie nicht. Offene aber auch nicht. Wer wusste schon, wie Crawford ins Haus gelangt war. Amüsant war die Vorstellung auf jeden Fall, dass der Amerikaner sich durch das Küchenfenster gequält hatte um ihm in seinem vermeintlich sicheren Zimmer aufzulauern.

Aya verharrte noch weitere, nutzlose Minuten voller quälender Unsicherheit im Bad, bevor er sich dazu durchringen konnte, eben jenes zu verlassen und sich dem zu stellen, was ihn erwarten würde. Auf lautlosen Sohlen durchquerte er das Schlafzimmer und musste nicht lange suchen, bis er den ersten Schwarz traf, der ganz mundan Papierkram erledigte, während auf einem Bildschirm links Zahlenkolonnen über der Monitor liefen. Von dem Schreibtisch aus warf Aya einen Blick in das weiträumige, überraschend chaotische Arbeitszimmer. Natürlich war auch hier die Einrichtung teuer und gehoben, das sah Aya auf den ersten Blick, doch auf den Ledersesseln im puristischen Design, auf dem monströsen, antiken Schreibtisch und den Ablagefächern daneben türmten sich nebst Computer Akten, Bücher und Dokumentationen, die für vier Firmen gereicht hätten. Selbst im Büro seines Vaters hatte es nie so ausgesehen. Nur die Couch war frei von allem, ebenso wie das Schachbrett daneben.

Inmitten all diesen Wirrwarrs thronte schließlich der Amerikaner selbst. Auf seinem Schreibtischstuhl sah er aus wie ein König, der sein Königreich überblickte, ebenso arrogant und unnahbar. Aya wusste nicht genau, was er erwartet hatte, aber das hier sicherlich nicht. Es war geradezu normal, bis auf das unordentliche Chaos, geradezu menschlich. Schließlich würde Schwarz ja nicht in einem Märchenturm oder in einer dunklen Höhle hausen, nur weil sie für die verdorbene Seite arbeiteten.

Crawfords Aufmerksamkeit löste sich scheinbar erst jetzt aus der dicken Kommentierung des Steuerrechts, in dem er etwas nachgelesen hatte und richtete sich auf ihn. Aya schwieg, verspürte er nicht das Bedürfnis, auch nur ein Wort an den Mann zu richten, der Omi gefoltert hatte. Viel lieber lehnte er sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme, nahm dabei Notiz von dem Bleistift, den Crawford sich hinter sein Ohr geklemmt hatte.
Natürlich war es Spott, mit dem er gemessen wurde und Aya stellte sich auf Herabsetzung und Beleidigung ein. Doch Crawford enttäuschte ihn. Im Gegensatz zu seinem Lächeln stand die Geste des Schwarz in Richtung weißer Kommode, auf der eine Kanne und mehrere Tassen standen.

„Kaffee. Bedien dich“, erhielt Aya seinen zweiten, knappen Befehl und kam nicht umhin, die Spiegelung der Situation zu bewundern, während Crawford sich wieder seiner Arbeit widmete, als würde nicht gerade ein Weiß in seinem Büro stehen. Aya nahm das stumm hin, kam jedoch nicht umhin, über die Surrealität dieser Situation hoch irritiert zu sein. Hatte Crawford keine Bedenken, dass er in irgendeiner Art und Weise Nutzen aus dieser Situation ziehen könnte? Dies hier waren Daten, die ganz sicherlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Fühlte sich der Amerikaner so sicher?

Immer noch schweigend ging Aya zu der Kanne, widerwillig, weil er sich genau danach sehnte, nach einer guten Tasse Kaffee, welche die letzten Reste des Schlafes aus seinem Blut vertreiben würde. Ebenso widerwillig, weil er nichts von Schwarz annehmen wollte. Langsam schenkte er sich eine große Tasse schwarzen Gebräus ein.
Er nahm einen vorsichtigen Schluck und kam nicht umhin festzustellen, dass der Kaffee um Längen besser gewesen war als der, den er bei Lasgo gekocht oder der, den er an der Tankstelle besorgt hatte.

Kurz bevor Aya sich dazu entschließen konnte, doch einen Blick in die zu verlockenden Unterlagen zu werfen, erhob sich Crawford.
Der Ausdruck, der nun auf dessen Gesicht lag, war mit Recht als reinster Spott zu bezeichnen und Ayas Nackenhaare stellten sich abrupt auf. Von einem Moment auf den anderen fühlte er sich durch die bloße Anwesenheit des Orakels bedroht und konnte noch nicht einmal sagen, warum das so war.

Kurz vor ihm blieb Crawford stehen und gab Aya einen guten Einblick auf seine tiefen und dunklen Augenringe. Überhaupt sah der Schwarz so aus, als hätte er die Nacht über nicht geschlafen, und Aya wurde sich erst jetzt wirklich bewusst, dass es tatsächlich das Bett des vor ihm stehenden Mannes gewesen war, in dem er aufgewacht war.
Eine Gänsehaut kroch ihm über den Körper, als der Gedanke sich manifestierte und Aya schauderte. Bei allem, was ihm heilig war…

„Willkommen in deinem neuen Team, Fujimiya. Begleite mich nach unten, damit ich dir den Rest vorstellen kann“, präsentierte Crawford eben jenes Haifischlächeln, das bei ihren Aufträgen nichts Gutes verhieß, ganz im Gegenteil.

 

~~**~~

Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Aya hätte gerne über sich selbst gesagt, dass er mutig genug war, den übrigen Schwarz in ihrem natürlichen Habitat hoch erhobenen Hauptes und ohne Furcht entgegen zu treten, doch davon konnte mit jeder Treppenstufe, die er in sein Unglück hinabstieg, keine Rede sein. Sein Herz schlug schmerzhaft schnell und er vermochte nicht zu sagen, ob es vor Wut, vor Hass, vor Abneigung, vor Angst oder vor einer bunten Mischung dessen war. Er wusste nicht, was ihn erwartete, auch wenn Crawfords Lächeln ihm einen deutlichen Hinweis darauf gegeben hatte, wie sich Schwarz ihm gegenüber verhalten würde.
So hegte er auch keine allzu großen Hoffnungen, als der Anführer des feindlichen Teams ihn in die Küche geleitete, die ihn nicht wirklich in ihrer schlichten Größe und ihrem prunklosen Protz überraschen sollte, es aber dennoch mühelos tat.

Der Irre des Teams und der kleine Telekinet waren bereits anwesend und maßen ihn für den Bruchteil eines Augenblickes wie ein Insekt, sezierend und mit Abscheu, bevor sie sich wieder ihren Aufgaben widmeten. Naoe, dem es anscheinend oblag, den Tisch mithilfe seiner Gabe zu decken und für die herumfliegenden Teller, Schalen und das Besteck verantwortlich war. Farfarello, der wie dahingegossen auf der Fensterbank saß, während seine Hände unablässig mit einem Messer spielten. Mit zu Fäusten geballten Händen beobachtete Aya sie und bohrte seinen Blick in den Rücken des Amerikaners, der seinem Team anscheinend schon mitgeteilt hatte, dass sie einen weiteren Arbeitssklaven hatten.

„Sieh her, Sebastian, Arielle schnappt gar nicht nach Luft, sondern atmet ganz normal. Noch“, drang die raue Stimme des Iren murmelnd durch die Stille und Aya schluckte unwillkürlich, als ihm bewusst wurde, dass er damit gemeint war, niemand anderes. Warum er ausgerechnet eine Disneyfigur sein sollte und was das im Kopf des verrückten Iren zu bedeuten hatte, war ihm ein Rätsel und so genau wollte er darüber auch gar nicht nachdenken. Aya presste die Lippen aufeinander und fragte sich, wie er die kommenden Monate überstehen sollte. Alleine das hier war schon unerträglich. Der Anblick der Schwarz war es für ihn, obwohl Naoe und Farfarello die beiden gewesen waren, die laut Omi den geringsten Teil an der Folter beigetragen hatten. Naoe hatte ihn geheilt, ein interessantes Detail am Rande, mit dem sein Team hoffentlich mehr anfangen konnte als er jetzt und Farfarello hatte ihn für die Rückkehr vorbereitet.

Farfarello war es auch gewesen, der Birman angeschossen hatte. Aya glaubte immer noch nicht an einen Zufall.

Was den Rest von Schwarz anging, sah die Sache anders aus. Crawford hatte es gewagt, Hand an Omi zu legen. Schuldig hatte es gewagt. Beiden würde er nicht verzeihen, was sie getan hatten.

„Ohh, Crawford hat sein neues Haustier mit nach Hause gebracht“, schnarrte es hinter ihm und Aya fuhr herum zu der zynischen, beißenden Stimme voller Verachtung, deren harter, deutscher Akzent sich nur so durch seine Muttersprache fraß. Dabei tat es seinem Hass keinen Abbruch, dass der Mann so gar nicht wie auf seinen Missionen aussah, sondern regelrecht normal, regelrecht menschlich mit den tiefen Augenrändern, die Aya auch an Crawford gesehen hatte. Ganz im Gegenteil. Diese zur Schau gestellte Menschlichkeit widerte Aya mehr als alles Andere an.
Ohne den Telepathen aus den Augen zu lassen, verfolgte er dessen Weg in die Küche hinein hin zur Kaffeemaschine.

„Was trinkt denn dein Haustierchen so, Crawford?“, drang die enervierende Stimme an seine gereizten Ohren und Aya grub seine Nägel in die empfindliche Haut seiner Handballen, um sich davon abzuhalten, Schuldigs Gesicht mit der Nase voran auf die Anrichte zu schlagen und ihm eines der nahestehenden Messer aus dem Messerblock in den Nacken zu treiben.
„Kaffee aus einer Tasse, die du ihm auf den Tisch stellen wirst“, lautete die lapidare Antwort des Orakels und schweigend sah Aya zu, wie der Anführer von Schwarz sich tatsächlich daran beteiligte, den Tisch zu decken. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es morgens war. Frühstückszeit.
Alleine die Vorstellung verursachte ihm Übelkeit.
Mit einem abgrundtief bösen Lächeln nahm Schuldig eine Tasse aus dem Schrank und stellte sie mit einer angedeuteten Verbeugung an den anscheinend für ihn gedachten Platz. Na so etwas, musste er also nicht vom Boden essen. Aya wusste nicht, was ihm lieber gewesen wäre, denn der Gedanke, mit Omis Folterern an einem Tisch zu sitzen, widerstrebte ihm zutiefst.

„Nimm Platz, Fujimiya“, deutete das Orakel auf besagten Platz. Schweigend maß Aya den Fingerzeig und schauderte innerlich, als er begriff, dass sich dieser mit dem Rücken zu Farfarello befand. Es widersprach allem, was ihn bisher am Leben gehalten hatte, dem verrückten Mörder den Rücken zuzudrehen. Wie oft hatte ihn nur sein Instinkt vor den Messern dieses Mannes gerettet? Einmal zu oft, als dass er diesem Befehl nun freiwillig Folge leisten würde. So blieb er stehen, auch wenn sich die Schwarz – so auch Farfarello - setzten. Schuldig sah zu ihm hoch und grinste sein widerliches Grinsen.
„Der Neuzugang hört nicht, Brad. Anscheinend ist er ungehorsam. Darf ich?“ Aya hörte etwas Lauerndes in der Frage des Telepathen, das ihn unwillkürlich einen Schritt zurücktreten ließ. Er befand sich in Gefahr, schrie ihn sein Instinkt an und er wurde überflutet von eben jener Warnung, die, so wusste Ayas logisches Denken, ihm gar nichts einbringen würde. Nicht mit einem Orakel, einem Telekineten und einem Telepathen in unmittelbarer Reichweite.

Crawford jedoch reagierte nicht auf die herabsetzenden Worte, sondern nahm sich in aller Ruhe die Kaffeekanne. Ohne aufzusehen antwortete er ihm, nicht Schuldig auf dessen Frage.
„Setz dich hin, Fujimiya oder du wirst wie ein kleines, bockiges Kind hingesetzt.“ Schlichte und strenge Worte, die ihm eine eindeutige Warnung waren, es nicht zu weit zu treiben. Aya kannte den Ton. Er hatte selbigen bei Crawford benutzt, als dieser sich in seiner Gewalt befunden hatte und seiner Gnade ausgeliefert gewesen war. Er hatte Crawford damit gedroht, ihn mit nicht existenten Dingen zu foltern. Da konnte er jetzt von Glück reden, dass der andere Mann sich nicht der gleichen Methode bediente.

Langsam, wie unter Schmerzen, trat er einen Schritt nach vorne, dann noch einen. Er zwang sich auch zu dem Dritten und warf einen stummen Blick auf den Tisch und den noch freien Stuhl, der sich zwischen Naoe und Farfarello befand. Vorsichtig ließ er sich darauf nieder und wieder war es Crawford, der Worte an ihn richtete, als würde er mit einem kleinen Kind sprechen. Die aber durchaus ihre Berechtigung hatten, auch wenn sich Aya das nicht eingestehen würde.
„Du wirst dich deiner Aufgaben, die du im Gegenzug für die exzellente Behandlung deiner Schwester für Schwarz ausführst, nicht entziehen, indem du dich in diesem Haus aushungerst. Entweder, du isst freiwillig oder du wirst dazu gezwungen. Was von beidem darf es sein?“ Nun kamen die hellen, stechenden Augen doch hoch und bohrten sich mit einer Intensität auf ihn, die Aya schaudern ließen. Gleichwohl war es aber Wut, die in ihm hochwallte.
„So wie du bei Lasgo?“, verließ es abfällig seine Lippen und er streckte fordernd die Hand nach der Kanne Kaffee aus, die sich noch in der linken Hand des Amerikaners befand. Aya hatte kein Interesse daran, Crawfords Geheimnis zu schützen, ganz im Gegenteil. Sollte sein Team sehen, wie hilflos der Amerikaner selbst gewesen war. Er bohrte seinen Blick in den des Schwarz und stumm fochten sie ihren Kampf um die dunklen Erinnerungen an die beiden Tage aus. Stumm rangen sie um die Wahrheit, die dahinterstand, die hässlichen Auswüchse, die all das getrieben hatte.

Schlussendlich war es Farfarello, dessen Hand sich um Ayas Handgelenk legte und dieses mit roher Gewalt auf den Tisch zwang. Eisern quetschten die vernarbten Finger ihm das Blut ab, während der Ire ihm seinen Teller volllud mit Dingen, die er nicht kannte und auf die er auch keinen Hunger verspürte. Aber anscheinend würde er sie essen, ebenso, wie er den Kaffee trinken würde, den Crawford ihm nun mit Verspätung und einem warnenden Zug um den Mund reichte.
„Wo wir gerade beim Thema sind, Abyssinian. Was habt ihr beiden Turteltäubchen eigentlich bei Lasgo zusammen getrieben?“, fragte Schuldig zu nonchalant, als dass es bissiger Humor sein konnte und Aya sah aus dem Augenwinkel, wie Naoes Kopf hochfuhr. Die Frage war alles Andere als harmlos und für einen Moment war Aya versucht, jetzt und hier dem gegnerischen Team die Unzulänglichkeit und Hilflosigkeit ihres Anführers vor Augen zu halten. Doch seine berechtigte Angst um seine Schwester und was Crawford ihr mithilfe der für ihn arbeitenden Telepathin antun würde, hielt ihn zurück, konnte sich Aya nur zu bildlich vorstellen, was Crawford ihr antun lassen würde, als dass er nun die ihm auf der Zunge liegenden Worte veräußern würde.

Schuldig war da vermeintlich ein besseres Ziel, auch wenn Aya zugeben musste, dass es seine Unbeherrschtheit war, die ihn in diesem Moment antworten ließ.
„Wir haben Arschlöcher wie dich getötet“, erwiderte er und der Raum wurde von jetzt auf gleich totenstill. Aya war es, als könne man eine Stecknadel fallen hören und was man tatsächlich sehr deutlich hörte, war das zufriedene Seufzen des Iren, während er sich ein zweites Brötchen nahm. Schuldig hingegen schien alles andere als glücklich mit der Antwort zu sein und Aya feierte innerlich diesen kleinen Sieg über den Telepathen, dessen Missfallen klar auf seinem Gesicht geschrieben stand.
„Erfolglos, möchte ich meinen, wenn dir der dickste Fisch im Teich entwischt ist und die für Weiß zuständige Agentin euch gleich mit verraten hat.“ Schuldig grinste und Aya ballte unter der Tischplatte die Hand zur Faust.
„Nicht nur mir, anscheinend. Ich war nicht alleine erfolglos damit, Lasgo zu töten“, erwiderte Aya und nun war es seine Stimme, in der eine eindeutige Warnung mitschwang, das Thema nicht weiter zu verfolgen.

Mit einem letzten Blick in das höhnische Grinsen des Deutschen widmete er sich nun endlich seinem Kaffee und dem westlichen Frühstück, das ihm wie Schmirgelpapier den Rachen hinunterglitt. Aber, so konnte es Aya in der aufkommenden, gefräßigen Stille mit einiger Genugtuung sehen, war er nicht der Einzige, der sich zwingen musste. Crawford würgte ebenso widerwillig das Essen hinunter wie er selbst.

Auch wenn er es nicht wollte, so trugen Ayas Gedanken ihn zu ihrem vergangenen Gespräch über die jeweiligen Köche ihrer Teams. Aya hatte niemals gedacht, dass er Zeuge sein würde, wie Naoe sich sein Frühstück mithilfe seiner Gabe zusammensuchte und die bunten Cornpops jeweils eine Extrarunde drehten, bevor sie in der Milch landeten. Er hätte auch nicht gedacht, dass Farfarello etwas anderes als beinahe rohes Fleisch essen würde und dennoch begnügte sich der verrückte Ire mit einem einfachen Omelett, das er liniengenau sezierte.
Als wenn Crawford seine Gedanken gelesen hätte, richtete er seine Aufmerksamkeit auf ihn und maß ihn eindringlich.
„Du wirst dich an den allgemeinen Hausarbeiten beteiligen, Fujimiya. Nagi wird dir den Plan geben und ich erwarte deine Mithilfe.“
„Sklavenarbeit, meinst du.“
Der Amerikaner schnaubte. „Nenne es, wie du willst. Erneut: du wirst etwas für die exzellente Versorgung, die deine Schwester im Gegensatz zu den Stümpern im Magic Bus genießt, tun.“

Als wenn Aya die Erinnerung an die Geiselhaft seiner Schwester noch ein weiteres Mal gebraucht hätte um zu wissen, wie wenig freiwillig er hier war.
Er schwieg und leerte seine Kaffeetasse, spülte damit die letzten Krümel, die sich in seiner Speiseröhre verfangen hatten, hinunter. Inmitten der Anderen versuchte er einen Punkt der Ruhe zu finden, von dem aus er Gelassenheit ziehen konnte. Und war es nicht genauso wie bei Lasgo, nur dass es dieses Mal nicht fünf, sondern zwölf Wochen waren, die er fernab von seinem Team verbrachte, bevor es zur Katastrophe kommen würde? Er spielte hier eine Rolle und hatte sein Innerstes, in das er sich zurückziehen konnte, das niemand von ihnen, selbst Schuldig nicht, erreichen konnte.

„Apropos, Fujimiya“, holte ihn eben jener aus seinen Gedanken zurück und Aya tauchte widerwillig aus eben jenen wieder auf. Er ahnte, dass das, was aus dem Mund des Telepathen kommen würde, nicht gut sein würde. Er ahnte, dass das Grinsen des Mannes die Einleitung für die nächste Katastrophe bilden würde.
„Wie geht’s eurem Kleinen? Befindet er sich in den liebenden Armen seines Teams, die ihm die hilflosen Tränchen trocknen?“, fragte Schuldig mit eben jenem Unterton, der ausreichte, dass jeder Geduldsfaden und jede Kontrolle, die Aya bislang über sich gehabt und mit der er die Anwesenheit der Schwarz überstanden hatte und glaubte, überstehen zu können, mit einem lauten Knall zerriss.

Ebenso laut, wie nun das Geräusch seiner auf die Wange des Telepathen treffenden Faust war, die zielsicher ihren Weg fand, als Aya an Naoe vorbei über den Tisch langte, seine Reflexe schneller als Schuldigs Instinkte, wie es schien. Das Meiste, was auf dem Tisch stand, wurde durch seine rohe Gewalt umgeworfen. Teller, Tassen und Schüsseln flogen durcheinander und bildeten in ihrem lautmalerischen Chaos die perfekte Untermalung für seinen zweiten Schlag, der ihm jedoch nicht so leicht gelingen wollte, wie der erste. Schuldig fluchte bildgewaltig und hielt dagegen, gewohnt schnell. Er blockierte Aya mit einem abgrundtief bösen Knurren, über das der Weiß beinahe Crawfords allzu gelangweilten Befehl überhört hätte.

„Nagi.“ Ein Wort, das reichte, damit der Telekinet ihn eisern vom Tisch wegzog und auf die Knie presste, die in schmerzhaftem Kontakt zum Boden kamen. Hasserfüllt fletschte er die Zähne und starrte in die blauen, wütenden Augen.
„Als wenn du es geschafft hättest, ihn zu brechen, Mastermind“, grollte er erbost und wehrte sich gegen die unsichtbaren Fesseln, die ihn eisern und schmerzend am Boden hielten und ihm zu verstehen gaben, dass er einen großen Fehler gemacht hatte, sich auf die Worte des Telepathen einzulassen.
„Oh ich hatte nicht vor ihn zu brechen. Ich habe ihn lediglich dafür bestraft, dass er mit Lasgo geschlafen hat“, erwiderte Schuldig mit einem Grinsen, das teuflischer nicht sein konnte und Aya grollte wütend. Natürlich musste Schuldig genau darauf anspielen. Natürlich musste er ihm das an den Kopf werfen. Aya presste die Lippen zusammen, als er sich davon abhielt, hinterherzuschieben, dass zumindest eine andere Personen im Raum ebenfalls mit Lasgo geschlafen hatte und dass dieser ebenso wenig wie Omi auch sich dem Verbrecher freiwillig oder bewusst hingegeben hatte. Er musste nur den Mund aufmachen und dann gäbe es kein Halten mehr.

Doch wieder war es der Ire des Teams, der sich seiner annahm und ihm warnend die Klinge seines Messers ein den Mund schob und auf die Zunge presste. Erstickt würgte Aya, zwang sich jedoch, inne zu halten um nicht noch sein Leben hier in der Küche auszuhauchen, weil der verrückte Ire meinte, ihn aufschlitzen zu müssen.
„Kein Wort, Arielle“ murmelte dieser und das noch verbliebene Auge bohrte sich weit über die körperlichen Grenzen hinaus tief in seine Seele. In diesem Moment wurde Aya bewusst, dass der Mann vor ihm über alles Bescheid wusste. Das schwere Wissen in dem einen Auge drückte ihn beinahe mehr hinunter als es die Telekinese vermochte und mit einem abgehackten, erstickten Laut gab Aya nach. Das Messer verließ seinen Mund und Aya schloss abrupt seine Lippen. Er schmeckte Blut, doch das war ein kleiner Preis angesichts des Messers. Schweigend, aber mit nicht geringer Genugtuung beobachtete er, wie Schuldig sich einen Eisbeutel aus dem Gefrierfach holte und ihn sich ins Gesicht presste. Geschah dem Telepathen Recht und es reichte noch nicht einmal an das heran, was er dafür verdient hatte, dass er Omi gefoltert hatte.

Dass eben jener den Eisbeutel nun in die Spüle war und zu ihm kam, war logisch. Ebenso logisch, dass Schuldig ihm mit voller Wucht ins Gesicht schlug um sich zu rächen. Das tat jedoch dem Schmerz, der durch Ayas Kiefer zog, keinen Abbruch und sein Kopf ruckte zur Seite. Naoe ließ ihn beinahe im gleichen Moment los, sodass auch der Rest seines Körpers Zeit hatte, seinem Kopf auf den Boden zu folgen, auf dem er nun hart auftraf und für lange Augenblicke Sterne sah. Lange genug, dass Schuldig ihn an seinen Haaren packen und ihn zu sich hochziehen konnte.

„Es wird Zeit, dass du dich an deine Position hier gewöhnst, Weiß“, knurrte der Telepath über ihm, während Aya sich mit aller Macht davon abhalten musste, ein weiteres Mal zuzuschlagen. „Du bist nichtmal soviel wert wie das Schwarze unter unseren Fingernägeln. Du bist Dreck, der dazu gedacht ist, seine Aufgabe zu erfüllen und dem es nicht zusteht, eine eigene Meinung zu haben.“
Schuldigs Worte schmerzten ihn mehr als Aya es wirklich einzugestehen bereit war. Birman hatte ihm Ähnliches zu verstehen gegeben, als sie keine Zeit verloren hatte, ihn mit seiner Schwester zu erpressen. Wertlos war er, eine Waffe, die man nach Belieben nutzen konnte, wenn man nur die richtige Leine in der Hand hielt.
„Und wie es mein…nein unser gemeinsamer Anführer so will, werden wir beide uns jetzt etwas näher unterhalten über deinen unnützen Ungehorsam deinen neuen Herren gegenüber.“

Schuldig zog ihn an seinen Haaren hoch und Aya stöhnte schmerzerfüllt auf. Sein Blick ruckte zu dem des Amerikaners, doch natürlich erhielt er von diesem keine Hilfe. Warum sollte es auch, wenn es sich um einen Befehl des Orakels handelte. Anders konnte er sich den nachdenklichen Blick aus hellen Augen nicht erklären, der sich nun zuerst auf ihn, dann auf Schuldig richtete, bevor der Telepath ihn mit roher Gewalt aus der Küche zog.

 

~~**~~

 

Die Handschellen, mit denen Schuldig ihn an die Gitterstäbe dieses Käfigs, denn nichts Anderes war diese Kellerzelle, gefesselt hatte, bissen sich schmerzhaft in seine Haut. Ungebeten kam Aya das Bild von Crawford vor Augen, der in einer ähnlichen Position über Stunden verharrt hatte. Er erinnerte sich an den Anblick der Handgelenke, ebenso wie er sich daran erinnerte, dem Amerikaner geholfen zu haben, dessen Verwundungen zu versorgen.

Das hatte er nun davon. Das alles hier hatte er davon.

Aya verspürte seltsame Ruhe bei dem Gedanken daran, dass er nun schlussendlich doch einen verlässlichen Beweis für Crawfords allumfassende Bosheit erlangt hatte. Der Schwarz war nichts Anderes als erfüllt von Verdorbenheit und Sadismus, also gab es kein Delta zwischen seiner vorherigen Einschätzung und dem wahren Charakter des Orakels. Das war tatsächlich beruhigend, war die Welt also doch weiß und schwarz.

Das würde dem körperlichen Schmerz, den Schuldig ihm nun zufügen würde, aber keinen Abbruch tun.

Bisher hatte der Telepath es sich an der gegenüberliegenden Wand gemütlich gemacht und begnügte sich damit, ihn schweigend anzustarren. Er verursachte Aya damit eine unwohle Gänsehaut, die sich über seinem ganzen Körper ausgebreitet hatte. Es war kalt hier unten und Aya war sich sicher, dass er spätestens in einer Stunde, wenn nicht sogar mehr, anfangen würde zu zittern. Natürlich war das einkalkuliert. Natürlich war all das hier einkalkuliert und Aya fragte sich unwillkürlich, ob sie ihm das Gleiche antun würden wie Omi.

Drei Monate körperlicher Folter und erzwungener, telekinetischer Heilung. Ein stetiger Teufelskreislauf.

„Plötzlich so still, Fujimiya? Hast du mir keine hasserfüllten Worte mehr entgegen zu spucken? Die Ehre deines Taktikers zu verteidigen? Um Gnade zu winseln?“
Aya schwieg. Er hatte immer noch Kopfschmerzen von Schuldigs Schlag und dachte nicht daran, den provozierenden Worten des Deutschen nur für dessen eigene Belustigung zu folgen. Aya lehnte den Kopf an die Gitterstäbe und verankerte seinen Blick in die blauen Augen des Telepathen. Was war es wohl gewesen, was Omi gefühlt hatte in den Stunden, in denen Schuldig ihn in seiner Gewalt gehabt hatte? Was hatte Schuldig ihn sehen, ihn fühlen lassen? Aya war sich sicher, dass, was auch immer es war, er es Schuldig in tausendfacher Form wünschte.

Ein Geräusch ließ ihn aufsehen. Schuldig hatte sich von der Wand abgestoßen und kam nun auf ihn zu, wie ein Raubtier seine Beute anvisieren und verschlingen würde. Instinktiv presste Aya sich gegen die Gitterstäbe um der Nähe des Schwarz zu entkommen, doch vergeblich. Schuldig lehnte sich in unmittelbarer Nähe zu ihm an das kalte Metall und fixierte ihn mit einem dunklen Lächeln.

„Möchtest du gar nicht wissen, was ich mit dir vorhabe, Abyssinian, wo mir doch deine Gedankengänge verborgen bleiben? Möchtest du gar nicht wissen, welche Art der Folter auf dich warten wird in der Zeit, die du hier bei uns verbringen wirst?“
Aya schwieg weiterhin. Schuldig wollte sich also selbst einen darauf runterholen, was Aya dachte, dass er ihm antun würde? Das konnte er vergessen.
„Weißt du, ich stehe darauf, wenn sie mitarbeiten“, lächelte der Telepath gnadenlos. „Wenn sie schreien und betteln und flehen. So wie dein kleiner Taktiker. Weißt du, dass er mir letztendlich angeboten hat, mir den Schwanz zu lutschen, nur damit ich aufhöre, ihn zu quälen? Hat er dir das erzählt?“
Schuldig grinste und Aya starrte ungläubig in das amüsierte Gesicht. Hatte Schuldig Omi tatsächlich dazu gezwungen, ihn zu befriedigen? Hatte er ihn vergewaltigt? Gegen seinen Willen ballten sich Ayas Hände zu eisernen Fäusten und er grollte.
„Natürlich habe ich nicht aufgehört, aber etwas Anderes hättest du von mir auch nicht erwartet, oder, Abyssinian? Aber keine Sorge, geblasen hat er mir keinen und gefickt habe ich ihn auch nicht. Das habe ich mir aufgespart.“

Angewidert wandte Aya seinen Blick ab und bohrte ich auf die mit Gitterstäben versehene, nackte Birne, die den Raum in kaltes Licht tunkte. Aufgespart? Für wen? Doch wollte Aya auch wirklich die Antwort auf die Frage haben? Nein. Lieber ließ er die Erleichterung darüber, dass ihr Jüngster von Schuldig nicht auch auf diese Art und Weise gefoltert worden war, seine eigene Wut stärken.
Die Hand in seinen Haaren, die eisern und brutal an ihnen riss, begrüßte Aya mit einem Zischen. Alles Weitere darüber hinaus verbot er sich, selbst, als Schuldigs Faust erneut Kontakt mit seiner Wange machte.
Innerlich lachte Aya darüber, wenngleich das Lachen an den Kanten bereits verdächtig ausfranste und an den Rand der Hysterie gelangte. Wenn der Schwarz so weitermachte, wäre er bewusstlos, noch bevor sich dieser entschloss, ihm anderweitige Knochen zu brechen. Vielleicht war das gar nicht mal so verkehrt, beschloss Aya und verzog die schmerzenden Lippen zu einem spöttischen Lächeln.
Schuldig schlug noch weitere zwei Male zu, bevor er seinen Kopf zu sich herumzog und ihn zwang, den Telepathen anzusehen.

„Also. Kommen wir zu dem, was ich von dir will, Abyssinian. Es ist eigentlich ganz einfach. Du wirst mir Zutritt in deine Gedanken gewähren, die du jetzt noch mit dieser unnützen, dicken Mauer umgibst, die für mich ein lästiges Hindernis sind.“
Für einen Augenblick starrte Aya ihm in das Gesicht und versuchte, den allzu sinnlosen Worten zu folgen, die Schuldigs Mund verlassen hatten. Warum in aller Welt sollte er dem Telepathen Zugang zu seinen Gedanken gewähren? Aus welchem Anlass sollte er dem Telepathen noch mehr Angriffsfläche bieten?
Aya lachte. Bitter und beißend, aber er lachte. Er lachte und spuckte Schuldig blutigen Speichel ins Gesicht.

„Fick. Dich“, grinste er und lachte weiter, konnte gar nicht mehr aufhören damit. Aya gab die Kontrolle über seine eiserne Selbstbeherrschung auf, er ließ sich gehen und ließ die ungläubige Irritation die Oberhand gewinnen, die sein Herz im hysterischen Griff hielt.
Und es war schön zu sehen, wie er Schuldig damit aus dem Konzept brachte, auch wenn dessen Fassungslosigkeit nicht lange anhielt. Wieder wurde ihm ins Gesicht geschlagen, doch dieses Mal begnügte sich Schuldig nicht damit. Wütend drehte er sich von ihm weg und ging zu der überraschend blütenreinen Matratze.

Das längliche Stück Stoff, welches er aus dem Matratzenbezug riss, stellte sich als Knebel heraus, mit dem er Ayas Kopf an die hinter ihm liegenden Gitterstäbe fesselte und schließlich so eng zuschnürte, dass es Aya in die Mundwinkel schnitt.
Aya würgte die ersten Sekunden, bevor er seine nun verminderte Atmung genug unter Kontrolle bekam, dass er nicht erstickte. Er schluckte panisch, bevor er seine Angst und sein schnell schlagendes Herz unter Kontrolle bringen konnte.

Letzteres gelang ihm nicht.

Das, was vorher gnädig absent war, kam nun mit voller Wucht, zum Teil befeuert durch Schuldigs Nähe und dessen Worte, die nun an sein überreiztes Ohr drangen.
„Ich verrate dir, was ich machen werde und für wen ich mich aufgespart habe. Ich werde dich ficken, Fujimiya. Nicht im übertragen Sinne, sondern wortwörtlich. Ich werde dir deinen weißen Arsch soweit aufreißen, dass ihn dir selbst der beste Chirurg nicht mehr zusammennähen kann. Und zwischendrin werde ich dir meinen Schwanz immer wieder so tief in den Rachen stecken, dass du glaubst, dass du erstickst und dann werde ich dich atmen lassen. Ich werde dieses Spiel solange spielen, bis du nur noch ein zuckendes Häufchen Elend bist. Aber glaube mir, nach dem ersten Mal wird es einfacher werden für dich. Ich werde dich so lange ficken, bis du daran zerbrichst, Fujmiya und wenn das der Fall sein sollte, dann mache ich mit deiner Schwester weiter, der lieblichen, kleinen, komatösen Aya, die noch nicht einmal merken wird, wenn ich in ihr komme. Meinst du, ich kann sie damit schwängern und viele kleine Telepathen für Rosenkreuz produzieren? Wäre doch niedlich, oder?“

Ungeachtet der Fesseln, des Knebels bäumte sich Aya auf. Jetzt, in diesem Moment hätte er Schuldig gerne alles entgegengeschleudert, was er aufzubieten hatte. Schuldig durfte seine Schwester nicht anrühren, unter keinen Umständen. Nicht Aya, die er die ganze Zeit über versucht hatte zu beschützen. Nicht Aya. Nein, nicht sie
Verzweifelt kämpfte er dagegen an, doch vergeblich. Das Einzige, was er damit erreichte, war, dass Schuldig sich lachend zurücklehnte und ihn mit voller Zufriedenheit betrachtete, bevor er seine Hände an den Jeansbund der Hose legte und den obersten Knopf legte. Spielerisch öffnete er ihn ebenso wie nun den Reißverschluss, bevor er mit einem Ruck die Jeans hinunterzog.

Aya presste seinen Hinterkopf gegen die Gitterstäbe und presste die Augen zusammen. Bei allem, was ihm heilig war, nein. Nein! Das durfte nicht sein. Nein! Bitte nicht, flehte er innerlich, während er ob des Atems schauderte, der über sein Gesicht strich, als Schuldig sich wieder an ihn schmiegte. Doch bevor er weitermachen konnte, hielt der Telepath inne und schien auf etwas zu warten, das ihn schlussendlich auflachen ließ.
„Ach herrje, Fujimiya, was hast du für ein Glück. Da werde ich doch tatsächlich von meinem Team gebraucht.“ Verächtlich wurde ihm die Wange getätschelt. „Bleib schön hier und freu dich auf das, was kommt. Ich kann dir sagen, dass ich mich auf jeden Fall freuen werde.“

Aya musste seine Augen nicht öffnen, um das Lächeln in den Worten zu sehen.

Und erst, als Schuldig sich von ihm löste und den Käfig verließ, wagte er es, seine Augen wieder zu öffnen. Unwillkürlich zuckte er zusammen, als das Licht erlosch und er in dem fensterlosen, stillen, ihn begrabenden Raum alleine war. Aya schluchzte erstickt. Es sollte ihn nicht wundern, dass das passierte. Es sollte ihn nicht wundern, dass Schuldig zu solchen Mitteln griff. Doch er hatte anscheinend bis zuletzt die Hoffnung gehegt, dass Schuldig sich nicht Lasgos Methoden bediente. Dass er doch noch einen Funken Ehre und Respekt in seinem Körper hatte und sich nicht seiner Schwester bedienen würde.

Anscheinend war das zuviel verlangt und so blieb Aya nichts Anderes mehr übrig als möglichst lange durchzuhalten um sie zu schützen. Aya rief sich das Bild seiner lachenden Schwester in Erinnerung. Unschuldig, schützenswert, sein Ideal. Seine Schutzheilige.
Gleichwohl rief er sich all die schönen, intimen Stunden mit Männern ins Gedächtnis, die er je in seinem Leben verbracht hatte, in dem Wissen, dass er sie nach Schuldigs Folter nie wieder zu schätzen wissen würde. Bitterkeit wallte in ihm hoch. Er musste sich keine Gedanken darüber machen, was nach den drei Monaten passierte. Wenn er es schaffte, bis dahin zu überleben, dann würde er Aya wieder zurückbringen in das Krankenhaus, aus dem sie entführt worden war.

Er selbst…

 

~~**~~

 

Die Art, wie ihre Nervensäge aus dem Keller kam, missfiel Jei.

Nun könnte man sagen, dass ihm alles an dem Telepathen missfiel und gelogen wäre das sicherlich nicht, aber es gab Dinge, die ihm insbesondere nicht gefielen und das war die Siegessicherheit des arroganten Mannes, der sich nun – für seine alltäglichen Fernsehsendungen, die ihm Tiere und Pflanzen zeigten – in ihr Wohnzimmer begab, was just der Raum war, in dem sich Jei befand.

Noch.

„Keine Lust auf Tierdokus, Jei?“, wurde er von der schnarrenden Stimme gefragt und Jei fletschte die Zähne.
„Du stinkst“, erwiderte er und Schuldig hob betont lässig den Arm, roch an seiner Achsel. Er zuckte mit den Schultern und beschmutzte die Couch mit seiner Anwesenheit, die bis vor kurzem noch rein und schuldlos gewesen war.
„Ich bin’s nicht. Fujimiya vielleicht?“, waberte dieses widerliche Grinsen zu ihm und Jei drehte sich weg von dem Quell seines Unmutes. Er hatte Besseres zu tun als Zeuge von blutigen Massakern und Familiendramen zu werden.

Er hatte Fujimiya und eine Aufgabe.

Jei seufzte tief, als er wartete, bis ihm niemand in die Quere kam, wenn er ihrem Gast einen Besuch abstattete, der genau in jedem Keller untergebracht worden war, in den das Orakel ihn zunächst in der irrigen Annahme gesperrt hatte, dass dies der richtige Ort für ihn sei. Jei hatte ihn in der Annahme gelassen, solange bis es Zeit gewesen war, dem Kronprinzen zu zeigen, dass er falsch lag. Auch wenn dieser überraschend dumm und langsam gewesen war, bis er schlussendlich begriffen hatte, was richtig und was falsch war. Aber mit der Zeit hatte sich das gegeben und Jei war unweigerlich stolz auf die Fortschritte, die das Orakel gemacht hatte in den vergangenen Jahren.

Doch diese Erinnerungen waren nun nicht wichtig. Er hatte dank der Sucht der Nervensäge genügend, wenngleich nicht ewig Zeit. Bestimmt öffnete er die Tür und schlüpfte in die Dunkelheit des Raumes, die er kannte wie nichts auf der Welt. Jeden Winkel kannte er auswendig, jede Kachel hatte er unter seinen Füßen bereits erspürt. Er kannte Abstände, Nuancen, Möglichkeiten, so führte ihn sein Weg zielstrebig zu dem Mann, dessen hektischer und ängstlicher Atem sich in der Stille des Raumes brach und direkt vor ihm an den Gitterstäben seinen Ursprung hatte. Jei hieß die Laute willkommen und umarmte sie, gab ihnen eine Heimat, da auch sie es verdienten, Grund und Boden zu haben, in dem sie sich nähren konnten, wie jedes andere Lebewesen auch.

Er schmiegte sich an die Gitterstäbe und damit auch teilweise an den Körper des Zellenbewohners und atmete ruhig und bedacht in dessen Ohr um ihn zu beruhigen, denn, so hatte er gelesen, wenn man sich auf den ruhigen Atem einer ruhigeren Person konzentrierte, dann wurde man selbst ruhiger. Er ließ seine Hände die Aufgabe seines Auges übernehmen, und fühlte, was er sonst sehen würde. Zielsicher glitten seine Finger über die Gitterstäbe nach oben, auf seine Höhe. Stumm ertastete Jei die Haare, die weniger weich als die des Technikjungen waren. Über das klamme Gesicht fuhr er nach unten, blieb an dem Knebel hängen, der den Kopf des Weiß an die Gitterstäbe fesselte. Jei grollte unwillig und beließ ihn erst einmal dort, wo er war, denn er konnte weder Husten noch Erbrechen noch unnütze Worte gebrauchen, während er sich ein Bild machte vom Zustand ihres Gastes.

Jei lauschte den Geräuschen, die der Stoff des Knebels nicht aufhalten konnte. Man konnte es Stöhnen nennen, gedämpft durch den allzu robusten Stoff. Es trug Nuancen von einem Wimmern in sich, die wiederum destilliert worden waren aus Angst vor dem, was kommen mochte und aus schlechten Erinnerungen an das, was bereits geschehen war.
Blut roch Jei wenig, also hatte die Nervensäge sich noch zurückgehalten und es konnte keine lebensgefährliche Verletzung sein, die er ihm zugefügt hatte. Das Gesicht war es, es war zu heiß für unverletzte Haut gewesen.

Der Oberkörper war immer noch eingehüllt in die Kleidung des Orakels. Doch als sich seine Hand auf dem Weg zur Hose machte und nur dünnen Stoff fand, wo er einen richtigen Hosenbund erwartet hatte, knurrte Jei missbilligend. War es da ein Wunder, dass der Körper vor ihm versuchte, mit aller Kraft vor ihm wegzubrechen? Nein, aber der aussichtslose Widerstand war trotzdem unsinnig, töricht und dumm. Sinnlosigkeit nervte ihn.

Schuldig war also sinnlos. Ein schöner Gedanke, wenn auch nicht neu.

Er wanderte wieder nach oben und löste den Knebel, der sich so brutal in die Mundwinkel des Weiß geschnitten hatte. Keuchend und hustend glich der Anführer in diesem und den folgenden Augenblicken seinem Taktiker und Jei wartete ab, bis er wieder ruhig wurde und das, was er am Besten tun konnte, tat: nämlich schweigen.
Aber Jei wollte das langfristig nicht. Er wollte Antworten.
„Mich hat die Nervensäge nie an die Gitterstäbe gefesselt“, murmelte er nachdenklich, während sich seine Hände neben dem Kopf um die Stäbe legten. Berührungen in dieser Situation waren notwendig um Angst zu erzeugen, für mehr nicht, also ließ er es, nachdem er gesehen hatte, was er hatte sehen wollen.
Er hörte den Mann in der Dunkelheit schlucken und legte den Kopf schief. Für Tee und Müsliriegel war es noch zu früh und der rothaarige Mann war im Gegensatz zu seinem Taktiker sowieso generell zu alt dafür. Aber wie sollte er ihn dann zum Reden bringen? Schaffte die Beleidigung des Telepathen durch ihn selbst eine ausreichende Basis zwischen ihm und dem Weiß, die ihn zu seinen Antworten brachte?

Tatsächlich, wie es schien. „Nervensäge?“, ertönte die raue, tiefe Stimme des anderen Mannes durch den stillen Keller und Jei rollte sein verbliebenes Auge. Als wenn das nicht offensichtlich war.
„Der, der dich an die Gitterstäbe gefesselt hat.“
„Schuldig.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, auch wenn die Stimme den Umständen entsprechend vorsichtig war. Jei würdigte das Offensichtliche keiner Antwort. Es gab Wichtigeres.
„Du hast ihn hierhin zurückgebracht und nicht zu denjenigen, denen du gehorchst. Warum?“, fragte er und der Weiß zuckte vor seinen Worten zurück, als hätte er ihn mit ihnen geschnitten. Die Wahrheit schmerzte, war so manches Mal schärfer als es eine Klinge jemals sein konnte. Jei schmunzelte.
„Woher weißt du das?“
„Es ist meine Aufgabe zu wissen. Warum hast du es getan?“
Die Atmung des Mannes vor ihm änderte sich. Er hatte keine Angst, denn sie wurde nicht schneller. Sie wurde langsamer. Kontrollierter. Interessant, befand Jei, denn es deutete auf Wut hin. Auf Frustration. Was an der Frage löste das aus?
„Schuldig hat dich vorgeschoben“, verließen Worte die Lippen, die ihn wütender nicht machen konnten. Abrupt und überschäumend erzürnte ihn eben jener Zorn, den er sonst für den Telepathen reserviert hatte.

Erbost zischend fasste Jei die losenden Enden des Knebels und zog sie und den empfindlichen, ungeschützten Hals des Weiß daran zu sich. Mit Lust am Töten würgte er den Mann vor sich und überrascht keuchte der Weiß. Ebenso nutzlos wehrte er sich gegen den Stoff, der ihm abrupt die Luft zum Atmen raubte.
Fester und fester drückte Jei zu, gab beinahe seinem Drang nach, dem Weiß das elendige Leben auszuhauchen, mit dem dieser gesegnet worden war. Beinahe… doch er konnte sich kontrollieren. Mittlerweile konnte er sich kontrollieren.
„Wag es ja nicht, mich noch einmal mit dem Telepathen zu vergleichen, Weiß“, zischte er missbilligend und wartete noch einen Moment, in dem er die Bewegungen des sich wehrenden Körpers mit dem seinen erfühlte und sich an der Todesangst labte, die sich direkt vor ihm ausbreitete und immer und immer größer wurde.

Doch der Weiß hatte noch eine Aufgabe, also durfte er nicht sterben, nicht brechen, nicht verstümmelt, nicht übermäßig verletzt werden. Jei seufzte und ließ ihn los, wartete, bis sich das verzweifelte Husten und Röcheln in ein raues Keuchen umwandelte, das zu einem schwerfälligen, verzweifelten Atmen wurde. Abfällig rollte er mit dem Auge.
„Also. Warum?“, kam er zu dem einzigen Thema zurück, das von Interesse war. Die Antwort darauf ließ auf sich warten, verständlich angesichts der emotionalen und körperlichen Reaktionen. Das bedeutete aber nicht, dass die Tiersendungen der Nervensäge ewig andauerten und spätestens danach würde der rothaarige Telepath wieder hier unten sein und weitermachen mit dem, was das Orakel ihm aufgetragen hatte.
„Ich hatte Mitleid“ presste der Weiß überraschend schnell durch seine geschundene Luftröhre und Jei legte den Kopf schief.
„Mitleid“, wiederholte er langsam, nachdenklich beinahe. Damit konnte er nichts fangen und es erschloss sich ihm auch nicht. „Warum war das angemessen?“, wollte er wissen und die Dunkelheit verbarg die Überraschung des Weiß gut. Lediglich der Kontakt der Handschellen mit den Gitterstäben verriet die Unruhe ihres Trägers ob der Frage. Auch diese verstand Jei nicht.
„Ich verstehe die Frage nicht.“

Jei legte den Kopf schief. Dumm war der Weiß nicht und begriffsstutzig ebenfalls nicht. Also musste es zwangsläufig daran liegen, dass er an seine Art der Sprache nicht gewohnt war. Vielleicht sollte er es also mit dem Sprachmuster versuchen, an das der Weiß bereits gewöhnt war? Jei beschloss, diesem Versuch die nötige Zeit zu geben.
„Deine emotionale Verfassung hat dazu geführt, dass du dich dazu entschlossen hast, einen dir feindlich gesinnten Agenten, dessen Tod dir einen Vorteil verschafft hätte, zurück in die Hauptstadt deines Landes zu bringen, in der sich auch deine Basis befindet. Anstelle ihn deinen Auftraggebern auszuliefern, wie es von dir verlangt, sinnvoll und logisch gewesen wäre, hast du für ihn ein Hotelzimmer angemietet und bist zu deinem Team gefahren, das du teilweise in Kenntnis über deine Taten gesetzt hast. Meine Frage lautete, welche Gefühle dich mit welchen Überlegungen dazu gebracht haben, diese Entscheidungen zu treffen“, imitierte Jei die detailreichen Wiedergaben ihrer Aufträge durch das Orakel und legte ebenso die entsprechende Stimmfärbung in seine Worte. Es machte ihm keine Mühe, aber der überraschte Laut des Weiß entlohnte ihn in keinem Fall für seinen Versuch, dem Unwissenden Wissen beizubringen.

„Es schien mir richtig“, drang es noch viel unbefriedigender von dessen Lippen und Jei grollte erneut.
„Warum?“
„Er war verwundet.“
„Nicht mit tödlichen Verletzungen.“
„Lasgo hat ihn gefoltert.“
„Du benutzt nicht den richtigen Ausdruck für die Taten.“
Unsicheres Schweigen antwortete ihm und Jei merkte, dass er Wut in seine Stimme hatte einfließen lassen. Anscheinend verursachte diese die Angst. Im Gegensatz zu seinem Taktiker, ließ sich der Anführer aber nicht von dieser leiten und so erhielt Jei seine Antwort.
„Ich war der Meinung, dass er das nicht verdient hat.“

Jei wog die Antwort des Weiß ab und prüfte sie auf Schlüssigkeit. Er konnte keine Hinweise auf eine Lüge oder aber ein Auslassen der Wahrheit erkennen. Es gab auch keinen Grund, warum der Weiß ihn anlügen sollte um sein eigenes Leben zu retten, denn schließlich war er nicht die Nervensäge. Kommentarlos vergrub Jei seine rechte Hand in den Haaren des Weiß und zog ihn daran zurück an die Gitterstäbe. Er brachte seine Lippen ganz nah an das Ohr des anderen Mannes.

„Mir reicht dein Wort, aber der Telepath wird sich nicht damit zufriedengeben. Gib ihm, was er will und er wird dich nicht brechen. Behalte deine hohen, unüberwindbaren Mauern und erlebe, wie er dich Stück für Stück auseinanderreißt, bis nichts mehr übrig ist“, raunte er die Belohnung für die Informationen in das Ohr des stocksteifen Mannes. Er roch Angst und sie war mehr als berechtigt.
Jei lachte leise und drehte sich weg. „Bis morgen…vielleicht…“, warf er über seine Schulter, bevor er die Tür hinter sich schloss und den Geruch und die Geräusche des Weiß aussperrte.

Sirko und das ukrainische Märchenbuch warteten auf ihn. Das Philippinische hatte zu warten, bis der Weiß wieder bei Verstand war.

Falls.

 

~~**~~

 

Aya wusste nicht, wieviel Zeit seit dem Besuch des Iren vergangen war und er gehabt hatte, seine Angst vor dem Kommenden zu kultivieren, bevor sich die Tür sich erneut öffnete und ihm beißend weißes Licht in die Augen stach. Er wusste, dass es töricht war, die Augen zu schließen angesichts des Feindes, der nun hinter seinem Rücken auf ihn warten würde, doch er ertrug die Helligkeit nicht. Und wenn er ehrlich war, wollte er dem Monster, das sich nun zu ihm gesellte, auch nicht in die Augen sehen, egal, welcher Schwarz es war.
Die Haut um seine Handgelenke herum schmerzte und seine Arme waren schwer und kribbelten vor anstehender Taubheit. Die furchteinflößende Begegnung mit dem Iren steckte ihm in den Knochen und Aya schluckte schwer, als die erwartungsvolle Stille weiterhin anhielt. Doch jetzt war nicht der Moment, um darüber nachzudenken. Jetzt musste er sich auf das konzentrieren, was ihn erwartete und wenn er dem vernarbten Mann auch nur einen Funken Glauben schenkte, dann würde Schuldig alles daransetzen, seinen eigenen Willen zu bekommen und den seinen zu brechen. Mit allen Mitteln. Notfalls mit seiner Schwester.

Und Aya war sich nicht so sicher, ob er nicht schlussendlich dem Drängen nachgeben würde nur um sie und sich zu retten. Denn was waren seine Schilde gegen die Telepathie des Deutschen wert, wenn dieser ihn körperlich so sehr folterte, dass er alleine dadurch schon den Verstand verlor und er dann bei Aya weitermachte?

„Na so etwas, haben wir hier etwa einen Houdini oder wie darf ich mir erklären, dass du dich von deinem Knebel befreit hast, du ungehorsamer Weiß?“
Aya versteifte sich unwillkürlich angesichts der vor lockendem Zynismus triefenden Stimme. Schuldig wusste nichts von dem Besuch seines Teamkollegen? Unter anderen Umständen war das genauso wie die keinesfalls übersehbare Abneigung des Iren gegen den Telepathen eine nützliche Information. Jetzt brachte sie aber rein gar nichts, außer dass er Schuldig damit noch mehr provozieren würde.
Aya öffnete gerade rechtzeitig die Augen, um zu sehen, wie der Schwarz ebenfalls in den Käfig trat und ihm über die Wange strich.
Schweigend drehte er den Kopf weg, sinnlos, das wusste er, aber ein für ihn selbst notwendiger Akt des noch existierenden Widerstandes gegen den Mann, der Omi gefoltert hatte.

Schuldigs Augen maßen ihn amüsiert. „Immer noch so stur? Oder liegt es daran, dass ich Hand angelegt habe an euren kleinen, süßen Omi, der sich mit gefälschten Ausweisen durch das Tokyoter Nachtleben vögelt?“
Natürlich traf Schuldig zielsicher seinen wunden Punkt. Immer und immer wieder suchte er ihn, bohrte in der Wunde, bis sie über alles Ertragen heraus schmerzte und Aya dazu brachte, seine erzwungene Beherrschung aufzugeben. Wütend starrte er Löcher in die gegenüberliegende Wand und versuchte mit schwindendem Erfolg, den Telepathen zu ignorieren. Er versuchte es wirklich. Aber die wandernde Hand auf seinem Körper, die über seine Brust nach unten strich, war schwer zu ignorieren. Sie wollte nicht ignoriert werden. Doch Aya wollte sich nicht kampflos ergeben, auch wenn seine Chancen verschwindend gering standen.

Als Schuldig die Hose, die er immer noch wie eine zusätzliche Fessel um die Fußgelenke trug, löste und hinter sich warf, versuchte er ihn zu treten. Schuldig nutzte das als Gelegenheit, seine Beine zu packen und sie hochzuziehen und sich zwischen sie zu drängen, dass Ayas Gewicht nun ausschließlich auf seinen Handgelenken ruhte, bis er die Querstreben des Käfigs zu fassen bekam. Gepeinigt stöhnte er auf, als der Schmerz in seiner Hüfte und in seinen Handgelenken unerträglich wurde und presste die Augen zusammen.

„Was denkst du, wie sich das gleich anfühlen wird, Abyssinian, wenn ich dich bis zum Anschlag aufspieße und dir den Ritt deines Lebens beschere? Wieviel Gleitgel soll ich nehmen, damit ich gerade noch bequem reinkomme?“ Die Hände um seine Oberschenkel pressten sie noch weiter auseinander und nun stöhnte Aya deutlich auf vor Schmerz. Er presste die Lippen aufeinander, als die Angst in ihm zu groß wurde, als dass er sie weiter schlucken konnte. Das Flehen um Gnade lag ihm auf den Lippen.
„Und weißt du, was der nette Nebeneffekt unseres kleinen Höllenritts sein wird? Am Schluss dessen komme ich in deine Gedanken und dann steht mir alles offen. Win win für mich, oder?“
Win win für Schuldig? Ja, dem konnte Aya nur zustimmen. Schuldig würde in voller Linie gewinnen und Aya blieb nichts Anderes übrig als zu überleben. Irgendwie.

„Bist du stark genug, um mich von deiner Schwester abzuhalten?“

Alleine die Frage ließ Aya brachial zusammenzucken. Der verheißungsvolle Sadismus in der geschnarrten Frage deutete ihm an, dass er eben nicht stark genug sein würde, wie auch? Selbst Crawford war nicht stark genug gewesen, unbeschadet aus seiner Begegnung mit Lasgo hervorzugehen. Selbst das Böse in Person hatte sich durch den simplen Akt der sexuellen Demütigung aus seiner Bahn werfen lassen.
Die Hände, die nun unter die Boxershorts fuhren und seinen Hintern umfassten, ließen ihn ausbrechen – ohne Erfolg. Das Flehen in ihm wurde lauter, eindringlicher, es wartete nur darauf, ausbrechen zu dürfen. Es fehlte nicht viel und Aya würde tatsächlich das Wort an Schuldig richten. Ihn anflehen, aufzuhören. Eben weil er kein Held war, nicht dumm und im Grunde seines Herzens zu feige war, das zu ertragen, was Crawford ertragen hatte.

Doch Schuldig kam ihm zuvor.

„Wie wäre es mit einem Alternativvorschlag, Fujimiya?“, fragte er und die Stimme war in ihrer Sanftheit so falsch, wie sie nur sein konnte. Alleine das warnte Aya schon davor, dem folgenden Vorschlag auch nur einen Moment Gehör zu schenken. Nicht, dass es den Schwarz davon abhielt, ihn weiter mit seinen Worten und Berührungen zu bedrängen. Oder davon, dass er nun Ayas Kinn packte und es zu sich zog.
„Folgender Vorschlag. Wir überspringen das Ganze ‚ich ficke dich blutig, solange bis du nur noch ein kleines Häufchen Elend bist, das sich wünscht zu sterben und entsprechend darum bettelt‘ und kommen zu dem wirklich Wichtigen: dem Zugang zu deinen Gedanken. Du gewährst ihn mir freiwillig und ich lasse deinen Arsch in Ruhe. Wie wäre es?“

Aya bohrte seinen Blick in die blauen, grausamen Augen, die ihn aufmerksam und abwartend musterten. Vielleicht war es die Ruhe in ihnen, die ihn zum Sprechen verleitete.
„Als wenn ich dir auch nur ein dreckiges Wort glauben würde, das deinen Mund verlässt“, zischte er trotz oder gerade wegen seiner Angst widerwillig und Schuldig lachte.
„Ach schau mal, er kann ja sprechen. Du glaubst mir nicht? Dein Problem. Aber ich habe noch ein Zusatzangebot. Was hältst du von Folgendem? Ich lasse deinen Arsch in Ruhe, du lässt mich in deine Gedanken und ich stelle dafür eine Verbindung zwischen dir und deinem wunderbaren Schwesterlein her, mithilfe derer ihr zwei Geschwister euch unterhalten könnt?“

Alles in Aya kam zu einem brachialen Halt. Sein Atem stockte, sein Herz setzte einen Moment lang aus, sein logisches Denken. Für Sekunden war er versucht, ja zu schreien. Für Sekunden waren die Worte des Deutschen Verlockung pur. Eine Verbindung zu seiner Schwester, dafür keine Vergewaltigung und als Preis nur Einlass in seine Gedanken? Das war ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte und wollte. Oder?

Es war zu gut, um keine Falle zu sein. Aber…

„Ich glaube dir nicht“, presste er rau hervor, auch wenn bereits Hoffnung in seiner Stimme durchschimmerte, und Schuldig lachte beißend.
„Deine Sache“, winkte er ab. „Mein Angebot steht, Weiß. Ich gebe dir jetzt Zeit, darüber nachzudenken. Wenn diese Zeit abgelaufen ist und du nichts sagst, werde ich Tor eins nehmen und das Tor wird dir nicht gefallen, denn es bedeutet Vergewaltigung und Folter für dich und deine Schwester. Wirst du mit mir diskutieren wollen…Tor eins. Wirst du Fragen stellen…Tor eins. Wirst du etwas anders als „Ich gewähre dir Zutritt“ sagen, Tor eins. Wählst du hingegen Tor zwei, werde ich den hübschen, kleinen, seine Maxime verratenden Abyssinian anständig belohnen und ihn zum ersten Mal seit Jahren mit seinem Schwesterchen sprechen lassen. Versprochen.“
Verzweifelt schluckte Aya. Schuldigs Worte waren mehr als eindeutig. Aber…
„Du hast keine Verbindung zu ihr“, hielt er dagegen und er hasste, wie rau seine Stimme vor den Zweifeln klang, die er hatte.
„Oh, habe ich nicht?“, hielt eben jener dagegen. „Kostprobe gefällig?“

Aya wollte nicht reagieren. Er wollte stark sein. Und doch nickte er schneller, als er sich davon abbringen konnte, auch wenn Omi in seinem Hinterkopf schrie und ihn dafür verdammte, ein Verräter an ihrer Sache zu sein. Ein Verräter an ihm und dem, was ihrem Jüngsten angetan worden war.

„Nenn mir etwas, wonach ich sie fragen soll“, grinste Schuldig und knabberte an Ayas Ohrläppchen. Widerwillen überschwemmte Aya, doch unter dem Aufgebot all seiner verbliebenen Kraft hielt er still.
„Weihnachtseule?“
Schuldig lachte und der Laut verätzte Ayas Gehörgänge. „Bei Gott, wie kitschig.“ Dann wurde er still und minutenlang geschah nichts. Mit leeren, unsehenden Augen stand der Telepath dort wie eine Statue und hielt Aya mit seinen Händen wie einen Liebhaber an die Gitterstäbe gepresst. Nur an der Atmung des Anderen konnte Aya sehen, dass dieser überhaupt noch lebte.

Schließlich kehrte Schuldig wieder zu ihm zurück.
„Die Grau-weiße. Sie fragt, ob du sie immer noch hast oder ob du den „hässlichen, kleinen Schlumpf“ entsorgt hast, wie du es ihr am Donnerstag angedroht hast.“
Ungläubig zuckte Aya zusammen. Alles, was Schuldig ihm so eben gesagt hatte, war wahr. Nichts davon war eine Lüge. Die Details stimmten. Mühevoll schluckte Aya und bevor er auch nur einen Ton dazu sagen konnte, hatte Schuldig sich von ihm gelöst und seine Beine angewidert fallen gelassen. Erst, als der Schwarz aus dem Käfig heraustrat, fand Aya die Kraft, seine Stimme zu nutzen.
„Warte…WARTE!“, rief er dem Telepathen hinterher, versuchte erfolglos, sich in seinen Fesseln zu drehen, doch es war nur ein Lachen, das ihm antwortete.
„T minus drei Stunden, Fujimiya.“

Damit wurde es wieder dunkel und Aya schrie all seinen Frust, all sein Unverständnis in die Dunkelheit heraus, losgelöst von jeglicher Disziplin und jedweder Beherrschung. Schuldig konnte mit Aya sprechen? War es tatsächlich so? Doch woher sollte er sonst ihre Antwort haben? Eben jene, die sie ihm noch schuldig war, die er aber genauso erwarten würde, was niemand wissen konnte. Wenn sie in der Lage war zu denken und Schuldig ihm eine Möglichkeit bieten würde, mit ihr zu kommunizieren, wie konnte er sich da nicht auf das Angebot des Deutschen einlassen? Wie konnte er da nur einen Moment zögern?

Doch Omi würde ihm hierfür nie verzeihen. Er selbst würde seines Lebens nie wieder froh werden, wenn der Telepath Zugriff zu seinen Gedanken hatte. Er würde keine Sekunde seines Lebens mehr alleine in seinem Kopf sein.

Aber sein innerlichster, sehnlichster Wunsch würde erfüllt werden. Er würde mit seiner Schwester sprechen können. Nach drei Jahren. Endlich wieder mit ihr sprechen.

Vielleicht.

 

~~~~~
Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Dass Zeit je nach Situation unterschiedlich langsam und schnell verging, war Aya durchaus schon etwas länger bewusst. Es hatte Momente in seinem Leben gegeben, da war die Zeit nur so geflogen, ebenso Momente, da waren die Sekunden nur so gekrochen. Und da waren die Momente gewesen, in denen die Zeit stillgestanden hatte. Als seine Eltern gestorben waren. Als seine Schwester ins Koma gefallen war. Als er seine erste Zielperson getötet und begriffen hatte, dass es keinen Weg zurückgab, nun da Blut an seinen Händen klebte.
Der Moment, in dem Schuldig ihm die Wahl zwischen Folter und Kontakt zu seiner Schwester gelassen hatte, hatte sich nahtlos in die Reihe dieser Ereignisse gefügt.
Seitdem war die Zeit verflogen wie nichts. Während Ayas Herz in der absoluten Grabesstille des Kellers viel zu laut und viel zu schnell schlug, liefen seine Gedanken im Kreis, ohne wirklich auf ein Ergebnis zu kommen.

Verweigerte er sich Schuldig und blieb seinen Prinzipien treu bis zuletzt, würde dieser ihn zerstören. Dafür würde er dann aber weder seine Maxime noch Omi verraten. Doch was wäre, wenn er die zweite Möglichkeit wählte? Keine Vergewaltigung, sondern eine Belohnung für seine Kooperation und seinen Verrat an Weiß und ihren Maximen. Aya machte sich diesbezüglich nichts vor, Schuldig würde es sich nicht nehmen lassen, das Weiß auf die Nase zu binden. Aber auch wenn es stimmte und er Kontakt zu seiner Schwester aufnehmen konnte, dann war da immer noch Instinkt, der ihn anschrie, Schuldig nicht zu vertrauen.
Da war er wieder, das Hamsterrad, in dem seine Gedanken liefen und liefen und liefen, bis sich die Tür schließlich wieder öffnete und mit einem Klicken das gleißende Licht anging. Aya Herz begann zu rasen und mühevoll schluckte er, als er die Schritte hinter sich hörte, die unverkennbar zu Schuldig gehörten. Langsam, wie ein Jäger, der seine Beute im Visier hatte.
Die Tür des Käfigs, an dessen Gitterstäben er hing, öffnete sich langsam und Aya schloss die Augen. Er wollte das siegessichere Grinsen auf dem Gesicht des Telepathen nicht sehen.

Die Hand in seinen Haaren sollte ihn nicht überraschen oder gar erschrecken, nichtsdestotrotz tat sie es. Schuldig lachte über sein Zusammenzucken.
„Sieh mich an, Fujimiya“, raunte die barsche Stimme und Aya gehorchte schweigsam. Er sah, dass er sich vertan hatte. Schuldig war alles andere als spöttisch oder schadenfroh. Sein konzentrierter Gesichtsausdruck sagte mehr als deutlich, dass er sich durch nichts von seinem Vorhaben abbringen lassen würde. Aya wusste nicht, was ihm mehr Sorgen bereiten sollte.
Schweigend starrte er dem Telepathen in die viel zu nahen Augen, während dessen Atem wie eine schlechte Verheißung über sein Gesicht strich.

„Also, Fujimiya, welches Tor darf es heute für dich sein?“
Aya schluckte schwer. Das Rauschen in seinen Ohren steigerte sich und Panik kroch in ihm hoch, unaufhaltsam und ohne Gnade. Seine schnelle Atmung betrog seine Wortlosigkeit und rang Schuldig ein sanftes Lächeln voller Falschheit ab.
„Soll Schweigen deine Antwort sein? Also willst du den harten Weg. Gut, kann ich mit leben.“ Aus der Sanftheit wurde Bosheit und Aya schüttelte panisch den Kopf.
„Nein, Schuldig, ich…“ Weiter kam er nicht, als der Mann vor ihm ihm den Mund zuhielt und seinen Hinterkopf schmerzhaft an die Gitterstäbe presste.
„Ich habe dir ganz klar die Spielregeln dargelegt, Fujimiya. Ein Satz, den du dir merken solltest, ein einziger Satz und du schaffst das nicht? Oder willst du es nicht? Den eigenen Prinzipien treu bis zum Schluss, wie löblich und nutzlos.“ Der Telepath seufzte theatralisch und ließ ihn wieder frei atmen. „Na da wird Nagi viel zu tun haben, dich wieder und wieder zu heilen.“

Dort, wo die Panik vorher nur hintergründig dafür gesorgt hatte, dass er nicht mehr in der Lage war, einen vernünftigen Satz von sich zu geben, überschwemmte sie ihn nun mit all ihrer Macht. Einen Satz. Schuldig hatte einen Satz gewollt. Welcher Satz…
„Ich gewähre dir Zutritt!“, presste Ayas unterbewusstes Gedächtnis die Worte, die Schuldig hatte hören wollen, schneller hervor, als dass er sich wirklich bewusst an sie erinnerte. Selbst als Schuldig lauthals lachte und seine Schenkel auseinanderdrängte und sie erneut an den Gitterstäben hochschob, wiederholte er den Satz wie ein Mantra immer und immer wieder. Doch so oft er ihn auch äußerte, so wenig ebbte Schuldigs Lachen ab und Aya erkannte seinen Fehler. Sein Instinkt hatte Recht gehabt, Schuldig nicht zu vertrauen. Natürlich würde der Mann jede Gelegenheit nutzen, ihn zu brechen und sei es mit falschen Versprechungen, auf die er wie ein Anfänger hereinfiel, nur weil der Telepath etwas in den Gedanken seiner Schwester gefunden hatte, das nur Aya und ihn selbst betraf. Bitte nicht, geisterte es durch seine Gedanken. Bitte nicht. Immer und immer wieder flehte er stumm, selbst über den aufsteigenden Kopfschmerz hinweg flehte er.

~Braver Weiß~, geisterte es durch eben jene und Aya hielt abrupt inne. Verzweifelt stöhnte er auf, als Schmerz in seinem Kopf explodierte, den er noch nie vorher so erlebt hatte. Er bäumte sich auf, schlug den Kopf gegen die Gitterstäbe nur um dieses Reißen loszuwerden. Was passierte hier mit ihm? Was tat Schuldig ihm an?
~Genaugenommen dringe ich in dich ein.~ Aber wieso verspürte er dann in seinem Kopf die Schmerzen, die Schuldig mit seinem Eindringen viel tiefer verursachen sollte? Wie als Antwort darauf wurde der Schmerz größer und größer und Aya hatte das irrwitzige Gefühl, dass etwas in seinem Kopf riss. Er schrie, zumindest glaubte er das. Er schrie so laut, dass seine eigenen Ohren klingelten und dass sein Rachen von der Wucht der Laute schmerzte, die er veräußerte.
~Das mag vielleicht daran liegen, dass ich gerade in deine Gedanken dringe und nicht in deinen Körper~, schlängelte sich Schuldigs Stimme unaufhörlich… in seine Gedanken. ~Ich komme gerade durch einen kleinen Spalt in deine ach so dicken Mauern, deren Reißen und Splittern du als körperlichen Schmerz wahrnimmst. Am Besten, du stellst dir das so vor, als wärest du eine schwangere Frau und ich würde ohne Betäubung die verschiedenen Schichten Bindegewebe in deinem Bauch aufreißen um an dein Kind zu kommen. Also so ungefähr und nur in deinem Kopf und…~

„Hör auf!“, presste Aya hervor und erkannte die krächzende Stimme nicht, die aus seinem Mund kam. „Nein, Schuldig, hör auf! Bitte…hör auf…!“
~Zu spät, mein Bester. Du hast mich eingeladen und nun bin ich drin. Das ist eine notwendige Prozedur. Also sei jetzt tapfer, das wird alles, aber kein Spaziergang.~

Doch Aya war alles andere als tapfer. Der Schmerz wurde noch schlimmer und es gab kein Entkommen. Nichts, was er tat half, nichts, um das er flehte, konnte Schuldig dazu bewegen, aufzuhören. Nichts, und erst, als er den Schmerz nicht mehr ertrug und seine Rezeptoren die Impulse nicht mehr verarbeiten konnten, verlor er gnädigerweise das Bewusstsein.

 

~~**~~

 

Na das war ja besser gegangen als gedacht.

Schuldig rieb sich grollend seine Ohren, die ihm ganz schön von den Schreien des Weiß klingelten. Genaugenommen hörte er für Minuten nichts anderes als eben dieses Klingeln und verfluchte sich dafür, dass er Nagi nicht mit dazu geholt hatte, damit dieser dem nun endlich bewusstlosen Schreihals den Mund zugehalten hatte.
Wenn seine eigenen Hände nicht damit beschäftigt gewesen wären zu verhindern, dass Fujimiya sich aus Panik seine eigenen Hände und Arme ausriss, hätte er die Aufgabe auch selbst erledigen können, aber so…

Hinterher war man immer klüger, so hatte er keine Zeit verloren und dem Weiß die Handschellen abgenommen, sobald dieser das Bewusstsein verloren hatte. Wie einen Sack Kartoffeln hatte er ihn zu der Matratze gezerrt und ihn dort auf die Seite gelegt. Falls der Weiß sich übergeben sollte, auch wenn Schuldig auf einen starken Magen hoffte.
Nun hieß es warten, bis Fujimiya wieder zu sich kam und dann würde er die Antworten erhalten, die ihm sein Anführer nicht geben wollte. Wortlos ließ sich Schuldig neben Fujimiya auf dem Boden nieder und zog sein Handy aus der Tasche. Er öffnete eine seiner Tierdokumentationen, die er sich heruntergeladen hatte und die ihm nun die Zeit vertreiben würde.

Eine halbe Stunde später stieß er den schlafenden Mann neben sich mit dem Fuß an, doch noch erhielt er keine Regung. Noch schlief der Mann wie tot.
„Hast du wirklich geglaubt, dass ich einen für dich hochkriegen würde?“, fragte er in die Stille des Raumes hinein und lachte, als hätte er einen besonders guten Scherz gemacht. Und war es nicht auch so? Alleine der Gedanke daran war ihm zuwider und die Worte, mit denen er den Weiß bedroht hatte, waren nur leere Hülsen gewesen, ohne eine wirkliche Bedeutung dahinter. Die Berührungen, die notwendig gewesen waren um das richtige Maß an Panik in dem Weiß hochkommen zu lassen, verursachten in Schuldig den beinahe schon überwältigenden Drang, sich das Gefühl von Fujimiyas Haut und Atem auf seiner eigenen Haut vom Körper zu waschen. Eine heiße Dusche wäre da gut oder besser noch: ein schönes, heißes Bad. Aber erst, nachdem er alle Informationen aus dem Weiß gequetscht hatte, derer er habhaft werden könnte.

Während Schuldig darauf wartete, dass der Weiß wieder zu Bewusstsein kam – oder zumindest einen Zustand erlangte, in dem er mit hm kommunizieren konnte – versuchte sich Schuldig auf seinem Handy die neuesten Folgen über die Flora und Fauna Japans anzuschauen. Viel Erfolg hatte das nicht und das lag nicht an dem Keller ohne Empfang, sondern vielmehr an der Tatsache, dass ihn die Informationen, die er aller Wahrscheinlichkeit nach aus den Gedanken des Weiß ziehen würde, nervös und flatterig machten. Er konnte und wollte sich nicht auf die Bilder konzentrieren, die auf dem kleinen Bildschirm des Smartphones liefen, sondern sich lieber der Frage „Was wäre wenn?“ widmen. Er wollte sich wappnen für das, was er sehen würde, doch er wusste nicht wie, denn alleine die Vorstellung, dass er Crawford auch nur einen Hauch anders sehen könnte als jetzt, verursachte ihm Übelkeit, insbesondere nach den Ereignissen der letzten Tage und den kleinen und großen körperlichen Unzulänglichkeiten, die ihm sein Anführer offenbart hatte.

Doch bis der Weiß ihn mit seiner mentalen Anwesenheit beehrte, würde er sich sinnlose, nicht hinterlegte Gedanken darum machen und keine validen Informationen erlangen. Das teilte ihm zumindest seine rationale Seite mit, nicht, dass sie groß Gehör fand in diesem Moment.
Eine halbe Stunde lang starrte er auf seinen Bildschirm ohne wirklich etwas zu sehen, bevor das Bewusstsein des Weiß Ebenen erreichte, in denen er zumindest mit den Gedanken des Anderen kommunizieren konnte, während der Körper sein Eindringen und das damit zwangsläufig verbundene Trauma ausschlief für die nächsten Stunden, wenn nicht sogar Tage.

~Schau mal einer an, wer da ist~, sandte er probeweise aus und Verwirrung war das Erste, was ihm entgegengetragen wurde. Verständlich, soweit und ganz natürlich.
~Wo bin ich?~ Interessant, wieviel anders die mentale Stimme des Weiß klang. Um einiges weniger nervig, mochte Schuldig meinen. Ein Grund mehr, nicht mehr mit ihrem Neuzugang zu sprechen, sondern seine neugewonnene, telepathische Freiheit in dessen Gedanken zu nutzen.
~Du bist in deinem Unterbewusstsein. Dein Körper ist immer noch in dem Keller.~
~Du bist nicht ich?~
Ach herrje, da war aber jemand schwer von Begriff. ~Nicht wirklich, Fujimiya. Vielleicht erinnerst du dich, dass ich Zutritt zu deinen Gedanken erhalten habe. Glückwunsch, du gehörst jetzt zu dem erlesenen Kreis derjeniger, deren Gedanken mir zu keiner Zeit verborgen sind.~

Schuldig hätte es sich denken können, dass auf seine Worte erneut Panik folgte. Er hätte damit rechnen müssen, dass der Weiß sich nicht sofort erinnerte und wenn er es schlussendlich tat, ihn das erst einmal aus der Bahn werfen würde. Dass es ihn aber derart in Angst und Schrecken versetzte, damit hatte Schuldig nicht gerechnet und so wurde er im ersten Moment von den negativen Gefühlen geradezu zerquetscht und beinahe herausgeschleudert, bevor er sich mit Mühe und einigen Kopfschmerzen fangen konnte um zu handeln.

Alles Positive, was Schuldig aufzubieten hatte, schickte er gegen diesen Wirbelsturm an, auch wenn es ihn – auf Deutsch gesagt – fürchterlich ankotzte, dass er dem Weiß auch nur einen Funken Gutes entgegenbringen musste. Dieser Mann war nichts als ein Ärgernis und nun war er auch noch ein lästiges Ärgernis, das außer für ein paar gute Prügeleien unter Feinden nichts taugte.
~Hörst du jetzt endlich AUF damit!~, brüllte er gegen die Panik an und umhüllte den Weiß zusätzlich noch mit sämtlichen positiven Gedanken und Emotionen, die er in seinem Wirkungskreis finden konnte. Das würde das bewusste, logische Denken des Mannes zwar für zusätzliche Stunden außer Kraft setzen, ihn dafür jetzt aber nicht verrückt werden lassen.

Nach und nach wurde es still um sie beide und Schuldig seufzte.

~Hast du dich jetzt wieder eingekriegt?~, fragte Schuldig schließlich und er erhielt so etwas wie zögerliche, fragende Zustimmung im Nachhall der positiven Gefühle. Fujimiya war gerade das Äquivalent zu zugedröhnt, ohne wirklich zugedröhnt zu sein. Mal sehen, ob er so in der Lage war, gute Antworten aus dem Weiß heraus zu bekommen.
~Bist du in der Lage, in Ansätzen klar zu denken?~
~Ich weiß es nicht.~
~Also ja. Wunderschön. Du wirst mir jetzt Rede und Antwort stehen.~
Fujimiya benötigte dieses Mal etwas länger für seine Antwort, was maßgeblich daran lag, dass sich die trägen Gedankenkreise einen Reim zu machen versuchten. ~Worüber?~

Nun war es an Schuldig, zunächst einmal zu schweigen. Er wusste, wenn er Fujimiya das richtige Stichwort liefern würde, dann hätte er die Erinnerungen des Weiß auf einem Silbertablett präsent. Er müsste sie nur durchforsten und sie in die richtige Reihenfolge zu bringen und dann wüsste er, was sein Anführer ihm verschwiegen und grundsätzlich ausgelassen hatte.
Doch mit einem Mal war Schuldig sich nicht mehr so sicher, ob er all die Details, die auf ihn warten würden, wirklich haben wollte. Crawford war sein ekelhaft arroganter, alleswissender Anführer, der mit seinen Dreiteilern verwachsen war und sicherlich von Entspannung nie etwas gehört hatte in seinem Leben.

Nichts Anderes war er. Nichts Anderes hatte er zu sein.

Und dennoch musste Schuldig Licht ins Dunkel bringen und Fujimiya war gerade die Quelle, die er benötigt, um mehr Informationen zu erhalten.
~Was ist bei Lasgo passiert?~, fragte er so neutral, wie es ging und die mentale Präsenz des rothaarigen Mannes zuckte gleichermaßen vor der Frage zurück wie sie Erinnerungen hervorrief, die an Schuldig vorbeiliefen und ihm einen ersten Einblick gaben. Langweilige Dinge über den Auftrag, die Schuldig nicht im Geringsten interessierten. Schuldig grollte. Man könnte meinen, dass der Weiß ihn absichtlich von den Antworten fernhielt, die er wollte… und nicht wollte.
~Du hast Crawford bei Lasgo getroffen~, soufflierte Schuldig und wurde mit anderen Bildern belohnt, weniger harmlosen Bildern. Wie es schien, hatte das ekelhaft geordnete Leben des Weiß seinen Ursprung in den ebenso ekelhaft geordneten Gedanken, die exakt zu dem Zeitpunkt sprangen, in dem sich Crawford und Fujimiya bei Lasgo das erste Mal begegnet waren.

Und Schuldig bekam das Kotzen alleine beim Anblick der Bilder, die sie beide umschwirrten.

Er zuckte nicht nur mental zurück bei dem Anblick, der sich ihm hier bot. Schmerzhaft stieß sein Kopf gegen die geflieste Wand der Zelle, als er seinen Anführer dort knien sah und als er jeden einzelnen, ihn schmerzenden Gedanken des Weiß dazu verfolgte, der mit Lauten unterlegt war, die Fujimiya in den Momenten zuvor noch als anregend empfunden hatte… nun aber angeekelt und entsetzt war.
Doch das war nicht das Schlimmste, was Schuldig sehen konnte, bei weitem nicht. Es war nur ein Katzensprung zu weiteren, fürchterlichen Erinnerungen, die ihm alle eins zeigten: seinen Anführer, weit ab von seiner üblichen Würde, weit ab von der ihm zustehenden Unversehrtheit und deutlich gezeichnet von den Taten des Menschenhändlers.

Der Anblick und die dazugehörigen Einschätzungen des Weiß bereiteten Schuldig Kopfschmerzen, doch das war nur ein geringer Preis für die Katastrophen, die sich in den Erinnerungen des anderen Mannes aneinanderreihten und schließlich darin gipfelten, dass eben jener, den er gerade noch mit positiven Erinnerungen überschüttet hatte, ebenso versuchte, sich seinem Orakel aufzuzwingen. Wie ein Tier hielt er ihn nieder, um sich ihm aufzuzwingen… nur aufgehalten von der Erwähnung seiner Schwester und anschließend reichlich nutzlos geplagt von Unverständnis und einem schlechten Gewissen.

Mit Mühe erinnerte sich Schuldig an Crawfords Befehl und den Grund des Hierseins von Fujimiya. Wäre er nicht noch nützlich, so hätte Schuldig Fujimyias Geist auf der Stelle zerfetzt und ihn zu einem dauerhaft sabbernden Idioten gemacht. Er hätte ihn bis zu seiner vollkommenen Verpflichtung gefoltert, bis dem feindlichen Agenten die Hirnmasse aus den Ohren geflossen wäre.
Doch er hatte ja noch einen Sinn, eine Aufgabe, die ihm von ihrem Orakel selbst gegeben worden war, also würde Schuldig vorerst die Finger von diesem widerlichen Stück bigottem Dreck lassen.

~Du hast allen Ernstes geglaubt, dass du Hand an meinen Anführer legen kannst?~, knurrte er dennoch voller mordlüstiger Bosheit und Fujimiyas Geist überschwemmte sie beide nur so von Reue und Angst. Beinahe ertränkte er Schuldig damit und vergrub ihn soweit unter sich und den Schuldgefühlen, dass sich der Telepath nur mit Mühe von den überschäumenden Emotionen befreien konnte.
~Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Ich weiß es wirklich nicht. Plötzlich war ich so wütend, dass es mir als die einzige Möglichkeit schien, ihn dafür zu bestrafen, was er getan hatte all die Jahre über. Aber ich kann nicht verstehen, warum. Ich würde das niemals tun. Niemals wieder.~
Schuldig schnaubte. ~Und du glaubst, dass ich dir das abnehme, du widerliches Stück Scheiße?~, fragte er lauernd und Fujimiyas Erinnerungen verharrten. Angst kroch zwischen sie beide und krallte sich wie giftige, ätzende Tentakel an ihnen fest. Schuldig begrüßte das, denn er wollte, dass Fujimiya Angst vor ihm und vor seiner Rache hatte. Alleine dafür, dass er es gewagt hatte, Hand an Crawford zu legen, würde er die nächsten drei Monate leiden. Alleine dafür. Dennoch schlug er nun diese Emotion erbarmungslos nieder, denn er konnte sie nicht gebrauchen. Nicht jetzt. Später, oh ja, gerne.

Hinzukam, dass das Nächste, was er sah, ihn zu den ach so wichtigen Tugenden des Weiß zurückführte. Rettung der Unschuldigen. Bestrafung der Bösen. Begleichung einer Schuld und so weiter. Lächerlich, wirklich, auch wenn, das musste Schuldig dem Weiß zugestehen, der Nutznießer des Ganzen Crawford gewesen war, dem der Weiß sogar einen Kaffee mitgebracht hatte um seinen hoch unvernünftigen Anführer aus dem Wald zu locken. Ebenso, wie er ihm Kleidung mitgebracht und nach der Dusche seine Wunden versorgt hatte. Ihn trotz allem nicht einsperrte oder zu Kritiker zerrte, was sicherlich im Rahmen seiner Möglichkeiten gewesen wäre ohne dass Schwarz davon Wind bekommen hätten. Und wenn sie es dann doch erfahren hätten, wäre Crawford vermutlich schon längst außer Landes geschafft worden, in eine der koreanischen oder chinesischen Forschungseinrichtungen. Aber Fujimiya hatte es nicht getan. Anstelle dessen hatte er sich bei Crawford entschuldigt und es auch genauso gemeint. Immer noch, auch wenn seine Erinnerungen nun mit dunklen Hass getränkt waren, dafür, dass sich Crawford an Tsukiyono vergriffen hatte.

Wenn er es sich ehrlich eingestand, war Schuldig da unterm Strich ganz bei Fujimiya. Betrachtete er alles zusammen, so war der Ausreißer nicht logisch, denn augenscheinlich hegte der Mann, dessen Gedanken ihn voller Angst vor weiteren Schmerzen umschwirrten, keine weitere Absicht, sich Crawford aufzuzwingen, ganz im Gegenteil. Schuldig fand sogar stellenweise Sorge in diesen Gedankensträngen. Wohl verstaut und unsicher, aber es war Sorge.

Das war ja geradewegs zum Kotzen.

~Bitte…nicht noch einmal~, trug sich eben jene Stimme zu ihm und Schuldig brauchte etwas, um dem Gedankengang folgen zu können. Er sollte Fujimiya nicht noch einmal foltern und ihm solche Schmerzen zufügen wie bei seinem notwendigen Eindringen.
~Wir werden sehen, wenn du wieder bei Verstand bist, Weiß. Bis dahin wünsche ich dir süße Träume von deinem Team, das für dich in immer weitere Ferne rückt.~
Schuldigs Stimme troff nur so vor beißendem Sarkasmus, als er das Bewusstsein des Mannes in die Untiefen der dringend benötigten Regeneration schickte, der ihm in den letzten Minuten jede einzelne seiner Fragen beantwortet und ihm damit mehr Informationen gegeben hatte, die Schuldig zu verwerten bereit war.

Lasgos persönlicher Sexsklave.

So unbegreiflich es ihm die Bestätigung dessen auch war, so ekelerregend wahr war diese Bezeichnung. Soweit Schuldig das aus Fujimiyas Gedanken lesen konnte, hatte sich Lasgo mehrfach an Crawford bedient und ihn in der Tat wie ein Tier gehalten, das er nach Belieben ficken und ficken lassen konnte. Von Fujimiya, der sich verweigerte. Von Birman, die es nicht tat.
Hass schäumte in Schuldig hoch, so heiß und unnachgiebig, dass er seine Faust gegen die Fliesen schlug…dreimal, bevor der Schmerz ihn in die Gegenwart zurückholte. Lasgo hatte es gewagt, Hand an Crawford zu legen und dafür würde er sterben…doch schnell würde das nicht gehen. Er würde ihn langsam krepieren lassen und ihm jeden einzelnen Knochen in seinem Leib dafür brechen, dafür, dass er es gewagt hatte, seinen Anführer anzufassen. Nicht nur das das. Schlimmeres noch.

Weitaus Schlimmeres.

Was die Agentin betraf, so hatte Jei, wie er jetzt wusste, schon vorgesorgt. Nun hieß es nur noch, ihr den finalen Todesstoß zu geben und dafür zu sorgen, dass sie ihre widerlichen Taten bereute. Jedes Quäntchen an Glück würde er aus ihrem Körper quetschen, darauf konnte sie sich verlassen.
Schweigend warf Schuldig einen Blick auf den erneut wie tot schlafenden Weiß. Die Verbindung zwischen den Beiden war nicht zu leugnen. Fujimiya rettete Crawford den Arsch und brachte ihn sogar in das Haus seiner Eltern – zum Kotzen gut gemeint, diese Unterbringung. Dafür ließ Crawford Fujimiya am Leben, auch wenn sich dessen Gehirn sicherlich gut gemacht hätte auf dem Grabstein seiner Eltern.
So wäre es doch nur fair, dass Fujimiya zurückkehrte zu seinem neuen, besten Freund, oder?
Schuldig sandte seine mentalen Fühler in Richtung Nagi aus um zu fragen, ob dieser ihm den Weiß hochtragen konnte, doch ihr Telekinet war immer noch nicht zuhause. Also musste er selbst ran und hievte sich den schlafenden Kartoffelsack unrühmlich über die Schulter. Schwankend trug er ihn die Treppen hoch und betrat ohne anzuklopfen in einem Akt der zivilen Rebellion das Schlafzimmer seines Anführers.

„Lieferservice!“, rief er fröhlicher als er sich wirklich fühlte, ins angrenzende, private Büro und ließ den Weiß ohne Zeremoniell auf das Bett fallen, auf das dieser mit einem dumpfen Laut auftraf. Schritte hinter ihm kündeten von der Ankunft des stolzen, neuen Besitzers und Schuldig drehte sich mit einem vorgeschobenen, faulen Grinsen auf den Lippen zu seinem Anführer um, der ihn mit sorgsam ausdruckslosen Augen musterte, bevor sein Blick über Fujimiya glitt.
„Was soll er hier?“, fragte Crawford, als hätte er nicht schon längst Schuldigs Antwort auf diese zugegebenermaßen dumme Frage vorhergesehen.
„Du wolltest, dass ich ihm eine weitere Leine anlege, dann kümmere dich auch um die Nachsorge deines neuen Gadgets.“
Nachdenkliches Schweigen begegnete ihm, als müsse Crawford erst noch ausmachen, was er mit dieser Situation anfangen sollte. Schlussendlich nickte er beinahe ergeben und Schuldig meinte, ein beinahe lautloses Seufzen zu hören. Doch sicher war er sich dessen nicht.

„Du wirst seine Erinnerungen an den Durchbruch dämpfen.“
Ungläubig starrte Schuldig seinen Anführer an. Das war ihm gerade wichtig? Nach allem, was Schuldig gesehen hatte, nach allem, worüber sie sprechen müssten, hatte das oberste Priorität? Er grollte unzufrieden. „Gern geschehen, Crawford, dass ich den Weiß, den du ohne Rücksprache in unser Haus geholt hast, noch ein Stück weit kontrollierbar gemacht habe“, gab Schuldig entsprechend ungnädig zurück und wurde mit einem Blick belohnt, der arroganter nicht sein könnte, bevor das Orakel sich wegdrehte und das Thema anscheinend als erledigt ansah.

Ohne ein weiteres Wort ging das Orakel an ihm vorbei nach unten in die Küche und ebenso schweigend folgte Schuldig ihm. Anscheinend war Crawford trotz seiner ursprünglichen Verweigerung redebereit und wer war Schuldig, dass er dieses seltene Angebot nicht annahm? Zumal die Küche der Ort in einem Haus war, der sowohl auf Partys als auch im Privaten ein Ort der Gespräche war. Und so konnte sich Crawford wieder eine seiner unzähligen Tassen Kaffee einschenken, die, so wusste Schuldig jetzt, deswegen getrunken wurden, weil Crawford kein Wasser zu sich nehmen konnte. Eben weil man ihn vermutlich genau damit gefoltert hatte.

Ungebeten überkamen Schuldig andere Bilder, weitaus verstörendere Bilder über seinen Anführer, allen voran das kurze Gespräch, kurz bevor Fujimiya ihn von diesem Pfahl befreit hatte. Schockiert hatte Schuldig mitansehen müssen, wie sein ewig sturer und arroganter Anführer lieber das Zeitliche segnete, als ein weiteres Mal vergewaltigt zu werden. Schuldig schluckte gegen den Kloß in seinem Hals an, der sich aus hilfloser Wut und Entsetzen zusammensetzte.

„Hör auf, an ihn zu denken“, holte ihn die kühle, wissende Stimme aus seinen Gedanken und Schuldig fokussierte sich auf die hellen, stechenden Augen, die eine deutliche, lauernde Warnung aussprachen. Er bewegte sich hier auf dem schmalen Grat, dass Crawford es überhaupt in Erwägung gezogen hatte, sich ihm und seinen Fragen zu stellen. Doch er musste vorsichtig sein mit dem Mann, der das Trauma, was er durchlitten hatte, kontinuierlich versucht hatte, vor ihnen zu verbergen.
„An wen?“, fragte Schuldig mit gemäßigtem Interesse, abseits seines üblichen Spottes.
„Den Mann aus Fujimiyas Erinnerungen.“
Schuldbewusst zuckte der Telepath zusammen. Er konnte nicht damit aufhören, nicht, wenn sich die Erinnerungen des Weiß so sehr in seine eigenen Gedanken gebrannt hatten und ihm dadurch so vieles klar wurde. So vieles, was so brachial offensichtlich gewesen war und das er einfach ignoriert hatte. Die Kleidung, natürlich. Die offensichtlichen Schmerzen, die Crawford nicht vor ihm verbergen konnte. Der Alptraum, die Fesselspuren, der erhöhte Kaffeekonsum. Eigentlich alles hätte ihm einen Aufschluss geben müssen, wenn er dem Mann, den er vor zwei Jahrzehnten kennengelernt hatte, wirklich aufmerksam betrachtet hätte.
Schuldig sah auf und schüttelte den Kopf. „Du bist dieser Mann.“
„Ich war es.“

Das war doch Bullshit.

Schuldig nahm sich ebenso eine Tasse Kaffee und näherte sich seinem Anführer. Aufmerksam beobachtete er, was er sonst immer missachtet hatte, wie sich Anspannung Crawfords Rücken herauffraß und seine Augen noch ein Stück kälter wurden. Das, was Schuldig als Distanz zu seinem Team gedeutet hatte, war vermutlich die Distanz zu anderen Menschen generell aufgrund des durchlebten Traumas.
„Ich bin nicht er“, sagte der Telepath ruhig und wusste in dem Moment, dass er ins Schwarze getroffen hatte, als die eiskalte Beherrschung einer für Sekunden aufflammenden Wut Platz machte. Was auch immer dem Orakel auf der Zunge lag, er verbiss sich eine Antwort und nahm anstelle dessen einen weiteren Schluck, gab Schuldig so die Zeit, sich über etwas klar zu werden, dass ihm bis eben nicht bewusst gewesen war.
„Die Untersuchung bei Rosenkreuz“, stellte er in den Raum und wurde mit einem selbstironischen Lächeln belohnt.
„Geschwänzt.“
„Aber du warst in dem Gebäude.“
„War ich?“
Schuldig blinzelte und lachte dann überrascht. „Nicht dein Ernst! Der Kronprinz umgeht die Spielregeln?“
Ein simples Schulterzucken sollte ihm Antwort genug sein und Schweigen trat zwischen sie beide. Es war seltsam einvernehmlich und Schuldig fühlte sich an die wenigen Augenblicke, die sie tatsächlich in so einem Schweigen miteinander verbracht hatten, erinnert. Er konnte sie an einer Hand abzählen, aber er wusste sie zu schätzen. Auch wenn er das Crawford niemals auf die Nase binden würde.

„Wette gewonnen im Übrigen, würde ich sagen“, legte Schuldig schließlich den Kopf schief und wackelte mit den Augenbrauen, als Crawfords zweifelnder Blick ihn traf.
„Hast du ihn gebrochen?“ Was für ein Vertrauen sein Anführer mal wieder zu ihm hatte. Er war doch kein Stümper. Meistens jedenfalls nicht.
Schuldig schnaubte. „Nein. Ich habe ihm zwei Wahlmöglichkeiten gegeben und die eine ein Stückchen attraktiver gemacht als die andere. Dann habe ich ihm ein Zauberwort an die Hand gegeben, dieses schlussendlich eingefordert und schon habe einen Spalt in seiner undurchdringlichen Mauer gehabt, durch den ich hineinkommen konnte.“
„Wie willst du das mit seiner Schwester bewerkstelligen?“
„Ich fixe ihn damit an und dann wird er, jedes Mal, wenn er besonders brav war, einen Abstecher in ihre Gedanken unternehmen können.“
„Das birgt Gefahren, wie du weißt.“
Schuldig zuckte mit den Schultern. „Was glaubst du, wie brav der Weiß sein wird?“
Es schien ihm eine Ewigkeit her gewesen zu sein, Crawford ehrlich amüsiert lachen zu sehen. Selten genug kam es vor und nun war es wieder so weit. Befreites, ehrliches Amüsement stand auf dem gezeichneten Gesicht und Schuldig gönnte es Crawford.

„Wenn ich raten müsste…“
„Du bist ein Hellseher. Du musst nicht raten.“
Crawford zuckte nichtssagend mit den Schultern und Schuldig wurde nach und nach wieder ernst.
„Warum hast es nicht vorhergesehen?“, näherte er sich vorsichtig einem Minenfeld, das jederzeit hochgehen konnte, wie er wusste. Wenn Crawford eines nicht schätzte, dann war das, auf seine eigenen Unzulänglichkeiten angesprochen zu werden. Das sah er auch an der Maske, die nun Stück für Stück wieder über die Mimik glitt und ihm ein nichtssagendes Gesicht präsentierte, das ihn gleichwohl warnte, es nicht zu weit zu treiben.
„Ich habe keine Ahnung.“
„Rosenkreuz‘ Analysten könnte dir da weiterhelfen.“
„Könnten sie.“ Würden sie aber nicht, weil Crawford sich nicht an sie wenden würde um keinen Verdacht zu erregen. Das sagte er nicht und Schuldig kommentierte es nicht.
„Ist es mit Fujimiya jetzt besser?“
„Das werden wir sehen.“

Schuldig rollte mit den Augen. „Deine Wortspiele sind scheiße, Crawford.“

Natürlich war das dem Orakel keine Antwort wert. Lieber lehnte er sich mit Bedacht an die Anrichte und sah für einen Moment in ihren Garten hinaus, den er prüfend musterte. „Was Nagi betrifft, Schuldig...“
„…so werde ich dem armen Jungen nicht seine Vaterfigur nehmen, zu der er aufsehen kann“, erwiderte Schuldig und wusste in dem Moment, in dem er den Satz vervollständigt hatte, dass es falsch war, was er gesagt hatte. So als ob Crawford durch das Tun des Menschenhändlers an Wert verloren hätte oder an Stärke. Dem war nicht der Fall, garantiert nicht, denn Schuldig blieb dabei, dass Crawford unantastbar war und es immer bleiben würde.
Abwinkend hob er die Hand, als der andere Mann zum Konter ansetzen wollte. „Falsch formuliert, mein Fehler. Ich werde nicht zulassen, dass der Junge dich mit deplatziertem Mitleid überschüttet und halb Tokyo in Schutt und Asche legt, um seinen Ziehvater zu rächen.“

„Ich bin nicht sein Ziehvater“, grollte es aus reiner Gewohnheit und Schuldig winkte erneut ab, wo er schon einmal Übung hatte damit. Diese Diskussion war so alt wie der Moment, in dem sich Nagi an Crawford gebunden hatte mithilfe seines telekinetischen Handabdrucks. Und wie immer waren sie da unterschiedlicher Meinung.
Schuldig kam Crawford ein weiteres Mal näher und ließ dem Orakel Zeit, sich an seine Anwesenheit zu gewöhnen. Aufmerksam, aber primär amüsiert starrte er ihm in die Augen.

„Du kannst das und vieles Anderes verleugnen, Crawford. Aber dein Team, das hinter dir steht, insbesondere jetzt, das wirst du nicht los. Wir hören nicht einfach auf, dich als unseren arroganten Anzugträgerarschanführer zu behandeln, nur weil dir jemand im übertragenen Sinn und wortwörtlich den Arsch aufgerissen hat.“

Schuldig wünschte sich in diesem Moment, dass er eine Kamera gehabt hätte, um Crawfords Gesichtsausdruck für die Nachwelt festhalten und millionenfach duplizieren zu können. Aber das Schicksal war nun einmal auf Seiten der Hellseher, also musste er sich damit begnügen, das spontane, gewaltige Erstaunen der scharf geschnittenen Züge in seiner eigenen Gedankenwelt festzuhalten.

Mit Schwung drehte er sich um und verließ die Küche. Es wurde jetzt endlich Zeit für das Bad, damit er diese Berührungen loswerden konnte.

~~**~~

Das erste Mal, als er die Augen öffnete, hörte er nur das Rauschen des Windes in den Blättern unsichtbarer Bäume. Es war schön, es beruhigte ihn. Er lauschte und ließ sich treiben von dem Flüstern der Blätter, die Gedanken angenehm nicht existent und auch nicht wichtig. Er schwebte, er war körperlos, er war der Wind.
Zufrieden schloss er die Augen und glitt wieder in den erholsamen, tiefen Schlaf ohne Träume, der, das wusste er instinktiv, gut tat.

Das nächste Mal, als er erwachte, war es eine Stimme, die ihn lockte. Rau und tief war sie, auch wenn er die Worte, die geäußert wurden, nicht verstand. Waren sie in seiner Sprache? Er wusste es nicht. Welche Sprache sprach er denn? Auch das wusste er nicht und es war auch nicht wichtig. Losgelöst von allem war sein einziges Bestreben, den Lauten und Worten zu lauschen, die sich an sein Ohr schlängelten und ihn mehr und mehr zu dem Mann lockten, der unweit von ihm saß, mit einem dicken Buch auf seinem Schoß. Der Anblick beruhigte ihn und rang ihm ein wohliges Lächeln ab, auch wenn eine Stimme tief in ihm versuchte ihm deutlich zu machen, dass etwas an diesem Bild nicht stimmte. Er konnte es nicht genau ausmachen, ob es die Stimme, die Worte oder das Bildnis war, aber wirklich wichtig war es auch nicht. Zufrieden seufzte er und schloss erneut die Augen. Wie zuvor vom Wind auch schon ließ er sich treiben und genoss die Losgelöstheit, bis ihn der Schlaf erneut zu sich lockte.

Das dritte Mal, als er die Augen öffnete, lag er nicht und schwebte auch nicht. Er lehnte an einer warmen Stütze, die im Gleichklang mit ihm atmete. Die Nähe sorgte ihn nicht, ganz im Gegenteil, sie war ein willkommener Anker, der ihn in diesem Augenblick dort hielt, wo er sich befand. Ruhig atmete er und schloss die Augen für einen Moment, noch nicht wieder müde, aber noch nicht bereit, das grelle Licht in seine Augen zu lassen. Er sog die Luft ein, die ihm den Geruch seiner Stütze mitbrachte und befand ihn als angenehm und beruhigend, passend zu den Bewegungen der Atmung. Als er seinen Kopf drehte, schlängelte sich ein Laut an sein Ohr und er wusste nicht recht, was es war. Doch wie zuvor auch war das nicht wichtig. Er war hier, die Ruhe war hier, das war wichtig.
Die Kühle, die nun gegen seine Lippen gepresst wurde, akzeptierte er auch, ebenso wie er die Flüssigkeit willkommen hieß, die in seinen Mund lief. Zunächst behielt er sie dort, bis dieser ungewohnte Laut erneut zu ihm drang. Er musste schlucken, das wusste er und sein Körper gehorchte. Einmal, zweimal, so oft, bis die Kühle verschwand. Er öffnete die Augen und sah ein Gesicht, von dem ihm, als ihn der Schlaf rief, nur noch die schwarzen Haare im Gedächtnis blieb und das Gefühl, dass es falsch war. Was aber falsch war, das wusste er nicht.

Das vierte Mal, als er erwachte, war er im Regenwald.
Wasser plätscherte auf ihn nieder und er reckte sein Gesicht in Richtung des kommenden Regens. Er genoss das Gefühl des warmen Wassers auf seiner Haut und öffnete seine Lippen. Schaudernd ließ er sich von den ihn umgebenden Geräuschen treiben und zurück in seinen Schlaf geleiten, der auf ihn unter dem Regendach erwartete.

Das fünfte Mal, als er wach wurde, war es das Geräusch einer Bewegung, das ihn dazu verleitete, seine Augen zu öffnen. Unweit von ihm stand ein Mann, dessen nackter Rücken mit Hämatomen übersäht war und der sich nun ein Hemd aus dem Schrank nahm. Er folgte seinen Bewegungen und blieb an Augen hängen, die ihn maßen, während sich der Mann näher zu ihm bewegte. Vielleicht flüsterten ihm seine Gedanken einen Namen ein und vielleicht warnten sie ihn auch, dass etwas falsch war, dass er sich anders verhalten sollte, doch er wollte nicht.
„Fujimiya, bleib wach“, verließen Worte die Lippen des Mannes mit den Hämatomen, die er nicht verstand. Er schloss seine Lider, als ihm die Augen schwer wurden und ließ sich von dem Grollen, das ihm vage bekannt vorkam, wieder zurück in den entspannenden Schlaf führen.

„Warum kommt er nicht zu sich?“, hörte er, als er das sechste Mal aufwachte. Wut schwang in der Frage mit und aufmerksam lauschte er.
„Weil sein Geist den Rausch noch ausschläft.“
„Dafür veranschlagt sind anderthalb Tage.“
„Jedes Hirn braucht da seine individuelle Zeit zu. Lass ihn doch.“
„Er liegt seit drei Tagen in meinem Bett, nicht in deinem, Schuldig. Vielleicht sollte ich das ändern und du überdenkst deine „Lass ihn doch“-Einstellung?“
„Dann verfrachte ihn in den Keller.“
„Da ist er ohne Aufsicht, was in seinem Zustand nicht ratsam ist.“
„Dann leg dich einfach zu ihm und hör auf, dich zu beschweren, Orakel.“
Er seufzte leise und bewegte seine Hand. Tastend strich er über das angenehm weiche Bettlaken. Aufstehen wollte er allerdings noch nicht. Lieber schlief er erneut ein.

~~**~~

Selten hatte sich Aya so ausgeruht gefühlt wie gerade jetzt. Jeder Muskel seines Körpers war entspannt und fühlte sich an, als wäre er weichgeknetet. Seine Sorgen der letzten Tage ruhten zugunsten einer Entspannung, wie er sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Daran konnte selbst der Anblick des feindlichen Schlafzimmers, das sich seinen geöffneten Augen nun offenbarte, nichts ändern. Im Gegenteil. Insgeheim war er froh, dass es nicht der Keller war, in dem er erwachte.

Ayas Gedanken schweiften zu eben jenem und er lauschte ihrem gedämpften Nachhall. Er wusste um die Schmerzen, die Schuldig ihm bereitet hatte, doch die Erinnerung daran war weniger lebendig, als er es erwartet hatte. Weniger…schlimm, wenn er es so bezeichnen mochte.
So hatte Aya auch erwartet, sich anders zu fühlen, offen und entblößt, doch da war nichts. Gut, das mochte auch an der Abwesenheit des Telepathen liegen, der momentan schwieg, aber er fühlte sich nicht missbraucht.
Und wenn Schuldig nicht gelogen hatte, dann würde er mit seiner Schwester kommunizieren können. Alleine die unwahrscheinliche Möglichkeit dessen gab ihm Hoffnung, die vermutlich letzten Endes ebenso fatal sein würde wie die Vorstellung, sie durch sein Tun vor Kritiker und seinen ganz persönlichen Feinden schützen zu können. Aber er versuchte es. Und er würde hoffen, denn das gab ihm Kraft, die kommenden Monate zu durchstehen.

Aya seufzte und setzte sich in dem viel zu bequemen Bett auf, das ihn ungerne aus seinen weichen und warmen Armen ließ. Er schlug die Bettdecke zurück und schauderte ob der kühlen Luft, die ihm von dem viel zu weit geöffneten Fenster kündete. Überrascht stellte er fest, dass er nicht mehr seine vorherige Kleidung trug, sondern einen Pyjama, der sich ebenso weich unter seinen Fingern anfühlte wie die Bettdecke und der ihm die Frage abrang, ob es tatsächlich Menschen gab, die Nachtwäsche passend zur Bettwäsche besaßen.
Momentan konnte Aya die Frage reinen Herzens mit ja beantworten, während er auf etwas wackligen Beinen zu dem Kleidungsstapel ging, der sorgfältig gefaltet auf exakt dem Platz lag, auf dem er gestern auch gelegen hatte.

Wenn es denn gestern gewesen war.

Dieses Mal jedoch befand sich keine Anweisung zum Duschen auf der Kleidung, so stand Aya für einen Moment unschlüssig vor dem Stuhl, bevor ihm sein Magen durch ein deutlich lautes Grollen zur verstehen gab, dass eine Dusche gerade nicht erwünscht war, sondern Nahrungsaufnahme oberste Priorität hätte. Beinahe schon schlecht wurde ihm, als er sich die Kleidung überstreifte, die augenscheinlich ebenfalls dem Amerikaner gehörte.
Vom Hunger getrieben folgte er seinen Erinnerungen, die ihn zuverlässig in die Küche des feindlichen Teams brachten und öffnete den Kühlschrank, unbehelligt und unbelästigt von Schwarz. Aya schnaubte. Hätte ihm jemand vor einer Woche noch gesagt, dass er in der schwarzschen Küche stehen und sich schwarzsches Essen aus deren Kühlschrank nehmen würde, hätte er gelacht. Es war beinahe zu absurd um wahr zu sein, insbesondere, da der bis zum Bersten gefüllte Kühlschrank ein Hort des vollkommen Chaos war, den er weder hier in der Küche noch oben im Schlafzimmer so wiederfinden konnte. Nicht, dass es seinen Magen interessierte, als er des Tellers mit dreieckigen Onigiri ansichtig wurde, die, so fand er durch einen ersten Bissen heraus, mit Thunfisch gefüllt waren.

Erst, als er das Vierte wie die Drei vor ihm auch schon hinuntergeschlungen hatte, hielt er mit einem gesättigten, zufriedenen Seufzen inne. Das hatte gut getan und sein rebellierender Magen war endlich zufrieden. Nun ging es nur noch darum, den aufgekommenen Durst zu löschen, bevor er herausfinden würde, ob er wirklich alleine in dem Haus war und was nun von ihm erwartet werden würde. Wortlos griff er sich eines der Gläser, die auf der Abtropfmatte am Spülbecken standen und füllte es mit Leitungswasser, das, so musste er gestehen, um ein Vielfaches besser schmeckte als das im Koneko. Kein Wunder, denn ein Blick aus dem großflächigen Küchenfenster verriet ihm, dass sie sich anscheinend außerhalb von Tokyo im Grünen befanden. Aya blinzelt ob des flüchtigen Gedankens, der sich so schnell verlor, wie er gekommen war und er zu der Ruhe zurückkehrte, die sich wie die Bettdecke von oben auf ihn gelegt hatte.

Aya runzelte die Stirn über die Sicherheit, die er in sich verspürte bei dem Wissen, dass Schuldig sich ihm nicht aufzwingen würde. Der Telepath war genau die Art Mensch, ein Folterer, warum also sollte er nicht letzten Endes tun, was er ihm angedroht hatte?
Etwas in seinem Unterbewusstsein flüsterte ihm zu, dass diese Möglichkeit nicht existent war und Aya suchte irritiert nach der Quelle dafür. Als er sie nicht fand, war es dennoch Erleichterung, die übrig blieb.

„Fujimiya.“

Zwischen den Buchstaben seines ruhig ausgesprochenen Namens stand eine Frage, die beinahe so versteckt und subtil war, dass Aya sie unter der Kälte nicht gehört hätte. Er kannte die Stimme nur zu gut und das machte die Frage, die hier in den Raum gestellt wurde, noch viel absurder, schließlich war es erst Crawford gewesen, der ihn dieser Situation ausgeliefert hatte.
Langsam drehte er sich um und maß den im Türrahmen stehenden Amerikaner aufmerksam, blieb es doch abzuwarten, welche Leine ihm als nächstes angelegt wurde, die ihn gleichzeitig gläsern machte für das feindliche Team.

„Du bist wach.“ Augenscheinlich, wenn er auf zwei Beinen stand, es sei denn, er träumte, was Aya wiederum nicht glaubte. Dafür fühlte sich die Kühle des Glases, aus dem er nun den letzten Schluck Wasser trank, zu real an.
Stille trat zwischen sie, die Aya nicht unbedingt als negativ empfand, die Crawford aber wohl irritierte, wenn er dessen Stirnrunzeln richtig interpretierte. Das war ihm soweit egal, wie ihm vieles egal war und so drehte er sich wieder weg, um das Glas wieder aufzufüllen.
„Bist du in der Lage zu sprechen?“, fragte das Orakel weiter und Aya vermutete, dass dem tatsächlich der Fall war. Bisher hatte er aber nicht den Anlass gesehen, mit sich selbst zu sprechen oder auf die Fragen des Amerikaners zu antworten. Gemächlich drehte er den Wasserhahn auf und sah dabei aus dem Fenster in die Natur heraus. Wie verschieden dieser Anblick doch zu dem Ausblick aus dem Koneko war, der außer gegenüberliegenden Häusern nichts zu bieten hatte. Hier war all der Raum, der in Tokyo so knapp war bei den Millionen von Menschen, die in seiner Heimatstadt lebten. In ihrem damaligen Haus hatte es da nicht anders ausgesehen. Natürlich hatten sie mehr Platz gehabt als ihm jetzt zur Verfügung stand – im Koneko zur Verfügung gestanden hatte. Aber trotzdem nicht genug und so hatten sie sich das Ferienhaus gekauft, weitab von der lauten, nie stillstehenden Stadt im einsamen Grünen.
Aya seufzte. Es war schon ein schöner Ort. Und vielleicht würde er nach den drei Monaten exakt dorthin zurückkehren. Dort würden sie ihn vielleicht eine längere Zeit nicht finden.

Die Hand, welche den Wasserhahn abdrehte, ließ ihn aus seinen Gedanken auftauchen und aufsehen zu dem Mann, der neben ihm stand und mit hoch erhobener Augenbraue auf seine nasse Hand und das übervolle Glas deutete.
Ah.
Aya schüttete einen kleinen Teil des Wassers aus dem Glas in den Kaktus, der auf der Fensterbank stand und beanspruchte den Rest für sich. Die Hand selbst ließ er nass, sie erinnerte ihn an den Regenwald, in dem er sich befunden hatte. In seinem Traum.

Fujimiya.“ Dieses Mal war da keine Frage in seinem Namen zu hören, sondern eine Warnung und er hob nun seinerseits die Augenbraue. Er wartete geduldig, während er seziert wurde, gefühlt bis ins tiefe Innerste seines Selbst. Nicht, dass es Schuldig nicht schon längst getan hatte.
„Ich habe im Keller andere Kleidung getragen“, fügte er dieser Musterung schließlich hinzu und erzeugte damit Überraschung bei dem Mann, der eigentlich nicht überrascht hätte werden sollen. Es amüsierte ihn. Das Stirnrunzeln des Orakels war tief und kritisch.
„Du hast fast vier Tage geschlafen. Jei hat dich in der Zwischenzeit geduscht und dir darauf neue Kleidung angezogen.“
Aya wusste, dass diese Worte Sinn ergeben sollten. Das taten sie aber nicht. Weder der Mann, der genannt wurde – Farfarello, so nahm er an – noch dessen Handlung – ihn zu duschen – passte zu dem, was Aya jemals über den Iren gelernt hatte. Aber war eben jener auch nicht der gewesen, der Omi ins Bad gezerrt hatte?
„Ist das seine Aufgabe?“
„Auch.“

Aya ließ seinen Blick von Crawfords Gesicht an dessen Körper hinunter- und wieder hochgleiten. Beim Anblick des rasierten Gesichts fuhr er über seine eigenen Wangen und stellte fest, dass sie glatt und ordentlich rasiert waren. Aya nickte.
„Hat er seine Drohung wahrgemacht?“, fragte er indifferent in den Raum hinein.
„Welche Drohung?“
„Mich zu vergewaltigen.“
Wieder war es Überraschung, die auf ihn traf und Aya überlegte sich bedächtig, ob er sich falsch ausdrückte oder undeutlich sprach, dass nicht klar wurde, was er meinte und wenn es dann klar wurde, es etwas war, mit dem selbst ein Hellseher nicht rechnete.
„Du meinst Schuldig.“
Er nickte.
„Nein, das hat er nicht.“ Erzwungene Ruhe lag in diesen Worten.
„Wird er es?“
„Nein.“ Verbindlichkeit lag in dem einen Wort und es genügte Aya, so drehte er sich zum Spülbecken und säuberte sein Glas, stellte es wieder dorthin, wo er es hergeholt hatte. Aber er wollte sich ja das Haus anschauen. Wenn er die nächsten Monate hier verbringen würde, dann wäre es von Vorteil, sich jetzt schon einen Überblick zu verschaffen, wo er bisher doch nur den Keller, die Küche, das Schlafzimmer mit angrenzendem Bad und das Büro gesehen hatte.

Aya ließ den anderen Mann am Spülbecken stehen und ging in Richtung Wohnzimmer, zumindest schien es so auszusehen mit all seinen Pflanzen und Möbelstücken, als ihn die Stimme des Orakels ein weiteres Mal aus seinen Überlegungen holte.
„Wohin gehst du?“ Dafür, dass der Anführer von Schwarz in der Vergangenheit außerordentlich hohe Intelligenz bewiesen hatte, waren dessen Fragen irritierend simpel und schlicht zu beantworten. Entsprechend machte sich Aya nicht die Mühe, stehen zu bleiben oder sich umzudrehen, sondern ging einfach weiter, ließ sein Handeln die Antwort auf Crawfords Frage sein, dessen Präsenz im Hintergrund wie ein dunkler Schatten über dem hellen und weitläufigen Raum thronte. Klare Linien erinnerten ihn an das Schlafzimmer im ersten Stock, auch wenn die Pflanzen ein über und über chaotisches Bild abgaben in ihrem Mix, der weder Linie noch Sinn noch Verstand kannte. So wie der Inhalt des Kühlschranks.

„Die Nervensäge hat seinen Widerstand gestohlen“, ertönte eine fremde Stimme hinter ihm, die er ebenso im Regenwald verortete, wie seine nasse Hand auch. Aya zupfte eines der absterbenden Blätter aus der Pflanze und lauschte dem Klang der Stimme, der nun einen vorwurfsvollen Ton annahm. „Wie du es von ihm wolltest.“
„Jei.“ Die Warnung, die den Namen begleitete, war unüberhörbar.
„Er ist wie ich.“
„Das bedeutet?“ Irritation begleitete die Frage und Aya musste schmunzeln, weil Ungeduld die Irritation noch mehr antrieb.
„Unbeeindruckt.“ Das Lachen des Iren klang nicht halb so verrückt, wie er es in Erinnerung hatte. Überhaupt schien ihm der vernarbte Mann zwar ein gefährlicher Mörder zu sein – doch das war jeder von ihnen – aber hier in diesem Moment war er weder cholerisch noch verrückt, im Gegenteil. Aya stimmte ihm sogar zu.
„Das sollte er nicht sein.“ Die Worte des Orakels waren weniger zustimmungswürdig. Aya mochte es so, wie es war.
„Sieh, was du aus dem Überbringer schlechter Nachrichten gemacht hast, Orakel. Wer Sturm säht, wird Stille ernten.“
„So heißt das Sprichwort nicht, Jei.“
„Jetzt schon.“

Wieder schlängelte sich das raue, amüsierte Lachen zu ihm und Aya lächelte unwillkürlich mit, auch wenn es keiner der anderen beiden Männer sah. Er hatte erwartet, dass sie den Iren einsperren würden, wenn sie keine Aufträge zu erfüllen hatten. Er hatte erwartet, dass dieser unberechenbar war. Doch dass dieser Humor hatte, das war ihm neu, aber nicht unwillkommen, vor allen Dingen, da dieser Humor den Amerikaner offen zum Grollen brachte und Aya ihm das in einem wohltuenden Anflug an Schadenfreude gönnte, die ihm bereits Aufschluss darüber gab, dass es nicht nur Ruhe war, die er verspürte, sondern dass er auch zu anderen Emotionen in der Lage war.

„Fujimiya.“ Wie der Ruf eines Tierkindes nach seiner Mutter schien es ihm und Aya richtete sich von seiner Betrachtung der vor ihm stehenden Pflanze auf. Bedächtig drehte er sich zu der Stimme um und hob die Augenbraue. „Ich möchte, dass du wieder nach oben gehst, dich hinlegst und deinen Rausch ausschläfst.“
„Ich bin nicht müde, ich habe vier Tage geschlafen“, gab er wieder, was derselbe Mann ihm just vor ein paar Minuten gesagt hatte. Belohnt wurde er mit einem stummen Blick, der ihn zum Gehorsam zwingen sollte, der an Aya jedoch abprallte wie Wasser an seinem imprägnierten Mantel, der sich nebst seinem Katana noch im Koneko befand. Er würde beides benötigen, wenn er für den Schwarz töten sollte. Schusswaffen waren nicht seins und sein Trefferbild war zu ungenau, wie Youji es ihm immer sagte. Ausgerechnet Youji mit seinen Drähten.

Interessiert verließ er das Wohnzimmer und befand sich nun in dem Flur, durch den Schuldig ihn gezerrt hatte, bevor er ihn in den Grabkeller gesperrt hatte. Die Tür, die nicht zu eben jenem führte, hatte er noch nicht probiert und so stand er nun in einem weiteren Büro, das noch viel größer war als das in der ersten Etage.
Das Lachen und Fluchen hinter ihm ignorierte er zugunsten des weitläufigen Ausblicks aus bodentiefen Fenstern.
„Raus hier“, grollte es hinter ihm und Aya entzog sich mühelos der Wut dieser Worte. Es gab Wichtigeres, zum Beispiel, dass seine Augen an etwas hängen blieben, das seine Aufmerksamkeit beinahe augenblicklich zu sich zog. Fast schon magisch wurde er von dem opulenten Schachbrett hingezogen, dessen Figuren bereits miteinander um den Sieg kämpften. Aya runzelte die Stirn und betrachtete für lange Zeit schweigend die Anordnung der Figuren.

Ein spöttisches Schnauben an seiner Seite untermalte seine Beobachtungen und ein Blick in die hellen, amüsierten Augen sagte ihm, dass das Orakel, das so stetig seinen Namen sagte, ihm nicht zutraute, dieses Spiel zu beherrschen. Fragend hob Aya die Augenbraue.
„Man nennt es Schach“, erläuterte Crawford ironisch und warf ebenso wie er selbst auch einen langen Blick auf die in Position gestellten Figuren. Gegen wen wohl ein Orakel spielte? Vermutlich gegen sich selbst, Zug um Zug, mit eiskalter Berechnung.
„König, Dame, Turm, Läufer, Pferd“, erläuterte Crawford der Reihe nach alle wichtigen Figuren, deutete gleichzeitig bezeichnend auf jede der kleinen, geschnitzten Statuen. „Ein taktisches Spiel, Schwarz gegen Weiß, wenn du so willst.“

Ironisches Amüsement begegnete Aya und stieß auf verwunderte, violette Augen, die ihn mit ehrlichem Interesse ansahen. Seine Augen und sein Zeigefinger glitten zum Spielfeld. „Das ist also das Pferd“, wiederholte Aya langsam, nachdenklich, schob es langsam zwei Felder nach links hin zum feindlichen, schwarzen König. In Gedanken legte er den Kopf schief. „…und das ist dann wohl Schachmatt.“
Es brauchte einen Moment, bis er eine Antwort auf seine Worte erhielt, deren immanente Bestandteile nicht vollkommene Überraschung und beinahe schon beleidigender Unglauben waren. Crawford sah ihm in die Augen, dann wieder auf das Spielfeld und versuchte, den Zug nachzuvollziehen. War es Wut, dass ihm der Zug schier in den Schoß gefallen war, der Crawford nicht gelungen war? Dabei war es doch so einfach gewesen.

Weiß hatte gewonnen. Der Zug war getan.

Bedächtig griff Aya sich das weiße Pferd und begutachtete es von allen Seiten. Mehr als der Sieg des Guten amüsierte ihn aber die Reaktion des Amerikaners, der ihn für Minuten nur stumm fixierte und versuchte, sich einen Reim daraus zu machen. Dieses Mal blieb sein Name ungenannt. Keine Wut, keine Frage, nichts lag auf den strengen Lippen. Schließlich antworteten ihm ein schicksalsergebenes Seufzen und ein Augenrollen.

„Wie wäre es mit einer Revanche?“, stellte Crawford die Frage, die es tatsächlich wert war, beantwortet zu werden.
„Selbstverständlich“, erwiderte Aya mit ehrlichem Interesse an einem Spiel gegen das Orakel und kam zu der Frage zurück, wie man eigentlich gegen einen Hellseher gewann. Vielleicht würde er es nun herausfinden.

 

~~~~~~~
Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Omi lehnte sich erschöpft in seinem Schreibtischstuhl zurück und schloss die brennenden, überanstrengten Augen. Wieder nichts, wieder nur ein totes Ende, eine Sackgasse, die ihn nicht weiterbrachte auf der Suche nach ihrem seit sechs Tagen verschwundenen Anführer. Frustriert presste er die Handballen auf die Augen und versuchte zum hundertsten Mal, sich einen Reim darauf zu machen, was geschehen war. Manx‘ Version, dass Aya sie verraten hatte, glaubte er nicht. Aya war schließlich Aya, er würde sich eher ein Körperteil herausreißen, als sich von eben jenen Verbrechern korrumpieren zu lassen, die er so sehr verabscheute.
Alleine, dass die Bewacher, die Birman an die Seite seiner Schwester gestellt hatte, ermordet im Krankenhaus aufgefunden worden waren, sprach in Omis Augen gegen die Theorie, dass Aya sich freiwillig mit denjenigen, die ihn und seine Schwester geholt hatten, verbündet hatte.

Auch das sah Manx natürlich anders und so hatten sie die letzten Tage im heftigen Streit miteinander verbracht, der das ganze Team lahmgelegt hatte. Die Diskussionen, die sie innerhalb von Weiß und außerhalb mit Kritiker geführt hatten, waren hitzig und zum Schluss so verletzend gewesen, dass sie sich seit gestern Abend aus dem Weg gingen und erst einmal Abstand suchten. Vollumfassende Niederlagen, mochte Omi meinen, zwischen denen ein einziger Sieg stand, der auf sein Konto ging: die Rückkehr ins Koneko. Denn was, verdammt nochmal was brachte es, sie von Safehouse zu Safehouse zu verschieben, wenn Aya aus dem Erstbesten entführt und Youji sowie die ihn bewachenden Agenten schlafen gelegt worden waren? Da konnten und mussten sie zurückkehren ins Koneko, wo sie wenigstens ihr Equipment zur Verfügung hatten um bei der Aufklärung zu helfen.
Es hatte ihn einen ganzen Tag gekostet, das Manx klar zu machen und im Nachhinein war dies einer der wenigen produktiven Tage gewesen in der letzten Woche, denn trotz allem waren sie momentan on hold, nur für Notfälle. Die offizielle Begründung dafür? Die Rückschläge, die das Team hatte hinnehmen müssen – dass Omi nicht lachte. Das Team war handlungsfähig und handlungswillig, nur Kritiker wollten es nicht.

Nun saß er hier und suchte sich die Finger wund nach Spuren, die ihn zu seinem Anführer brachten und die auf den Informationen basierten, die er in den letzten Tagen erhalten hatte, unter anderem von Youji, der ihm detailliert das wiedergegeben hatte, was Aya ihm über die Geschehnisse bei Lasgo mitgeteilt hatte. Lasgo, Schwarz, Takatori… jedem kleinen Fitzel an Information war er nachgegangen, ohne auch nur eines seiner nutzlosen Gefühle über diese Katastrophe zuzulassen, doch erfolglos. Er wusste weder, wer Aya hatte noch warum und wann genau er verschwunden war.
„Scheiße“, fluchte er leise. „Scheiße, Scheiße, Scheiße.“
Er hatte bisher alles versucht, was möglich war, doch nichts. Die Überwachungskameras der Straße zeigten ihm nichts. Der angrenzenden Straßen ebenfalls nicht. Das Haus selbst hatte keine elektronische Überwachung gehabt. Der einzige Hinweis, den er über Umwege, also einem Kritikeragenten in ihrer Zentrale, mit dem er in der Vergangenheit regelmäßig geschlafen hatte, erhalten hatte, war das Zeitfenster, in dem die bewachenden Agenten eingeschlafen waren. Aber auch das hatte nichts ergeben.

Müde erhob er sich und schaltete den Monitor aus. Der Rechner selbst würde weiterlaufen und nach den von ihm vorgegebenen Parametern suchen, doch dazu brauchte er Zeit. Zeit, die Omi damit verbringen würde, etwas Schlaf zu erhaschen, zumindest solange, bis ihm die Alpträume eben jenen raubten. Das war bisher jede Nacht geschehen und hatte Omi entsprechend dünnhäutig zurückgelassen, weswegen es erst zu diesem verheerenden Streit gekommen war.
Er erhob sich langsam und streckte sich vorsichtig eingedenk der wie unter einem Muskelkater schmerzenden Muskeln. Bis auf das und ein paar farbenfrohe Hämatome hatte er nichts davongetragen und auf eine perverse Art und Weise war er froh um die Spuren der Folter. Denn wer hätte ihm denn geglaubt, was Schwarz ihm angetan hatten, wenn er unversehrt zurückgekehrt wäre? Er selbst an allererster Stelle hätte es nicht geglaubt, hätte es für eines von Schuldigs mentalen Spielchen gehalten.

Omi schauderte alleine beim Gedanken an das, was der Telepath getan hatte.

Er hatte alles daran gesetzt, dass er eher aus dem Krankenhaus entlassen worden war, unter anderem auch aus dem Grund, dass sein Körper wenig Spuren körperlicher Gewalteinwirkung aufwies und die durchgeführten Tests nichts Abnormales feststellen konnten. Die Erinnerungen an jene Stunden standen aber auf einem anderen Blatt und waren weniger verblasst, im Gegenteil. Er hatte brachiale Angst davor, alleine zu sein, auch wenn die Gesellschaft seines Teams trügerisch war in ihrer vermeintlichen Sicherheit. Schließlich würden weder Ken noch Youji ihm helfen können, wenn Schwarz ihn ein weiteres Mal holen kamen.

Omi verbarg diese Angst, um sein Team nicht noch weiter in die Instabilität zu treiben.
Was er aber nicht verbergen konnte, war seine Abscheu gegen die Nähe von Youji, der in seiner Körpergröße Schuldig so sehr glich, dass das Gesicht seines Freundes manchmal mit dem des Telepathen verschmolz und Omi abrupt die Flucht ergriff, nur um sich in seinem Zimmer einzusperren und in seinem Kleiderschrank zu verstecken, ebenfalls aus der trügerischen Hoffnung heraus, dass Schuldig ihn dort nicht finden konnte.
So hatte er es als kleiner Junge nach seiner Entführung auch gehandhabt und schlussendlich hatte ihm das bei der Bewältigung des Traumas geholfen, das heute kaum mehr war als ein verblasster Schatten in den Tiefen seines Bewusstseins.

Omi war sich bewusst, dass es kindisch war, doch er wollte nicht davon ablassen.

Während er die Treppe hinaufstieg, hörte er, wie sich Ken und Youji ihrer klassischen Abendunterhaltung hingaben: irgendwelche Shows mit quietschenden Moderatoren und weitaus quietschigeren Teilnehmern. Für die Beiden war es eine Art Entspannung, für Omi aber ein Grauen, aus dem er sich, wie Aya ebenso, heraushielt so oft es ging. Auch jetzt machte Omi einen großen Bogen darum, aber er war dankbar dafür, dass Youji und Ken trotz all den Spannungen, die momentan zwischen ihnen herrschten, in der Lage waren, gemeinsam auf ihrer Couch zu sitzen und sich den Scheiß anzuschauen.

Omi schlich sich an ihnen vorbei in die Küche und holte sich eine Flasche Limonade und eine Packung Schokoladenriegel, die im ersten Moment so aussah wie der Müsliriegel, den Farfarello ihm aufgezwungen hatte. Abrupt hielt Omi inne und schauderte, als ihn Erinnerungen daran überkamen und an die Todesangst, die er im Angesicht des vernarbten Iren empfunden hatte. Bis heute konnte er das Verhalten des Mannes nicht begründen, das – objektiv betrachtet – in punkto Grausamkeit ihm gegenüber ganz hinten rangierte. Wenn er den Angriff auf Birman außen vorließ, über den Youji augenscheinlich mehr wusste, es aber ihnen beharrlich verschwieg. Er sagte es nicht mit Worten, aber seine Augen sprachen da eine andere Sprache. Doch noch hatte Omi nicht die Kraft dafür gehabt, den Ältesten damit zu konfrontieren.
Seine Gedanken kehrten zurück zu Farfarello, der ihm gegenüber nicht grausam gewesen war. Eher pragmatisch hatte er ihn zu Dingen gezwungen, die letzten Endes gut für Omi gewesen waren. Die Müsliriegel. Der Tee. Die Dusche und die saubere Kleidung und schlussendlich die Rückkehr zu seinem Team.
Das alles war das Letzte gewesen, mit dem Omi gerechnet hatte, als er sich dem Iren gegenüber gesehen hatte.

Müde stieg er ihre Treppe nach oben in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich, blendete damit wirksam das aufgeregte Gedudel aus dem Wohnzimmer aus. Erschöpft lehnte er die Stirn an das kühle Holz und seufzte tief, während er mit der anderen Hand nach dem Lichtschalter tastete und das Licht anschaltete. Vielleicht konnte er diese Nacht ruhig schlafen und vielleicht würde ihm das morgen mehr helfen, nach Aya zu suchen.
Ein leises Räuspern ließ ihn erstarren und herumfahren, auch wenn er sich dumm vorkam, sich von seinem Team soviel Angst einjagen zu lassen.

Nicht von seinem Team, wie er feststellte, als er sich umdrehte und beinahe gleichzeitig die Fähigkeit verlor, sich zu bewegen und zu sprechen, genauer gesagt um Hilfe zu rufen, wie er nun feststellte. Naoe saß unweit von ihm auf seinem Bett an das Kopfteil gelehnt, die Arme locker verschränkt. Ausdrucklos maß er ihn und hielt ihn an Ort und Stelle, während Omis Herz nach einer gefühlten Ewigkeit des Nichtschlagens nun einen brachial schnellen Takt anschlug vor Angst und Panik vor dieser Gabe, die ihm soviel Schmerz bereitet hatte. Da war er, sein ganz persönlicher Alptraum, an den sich jede einzelne seiner Körperzellen erinnerte. Naoe würde ihn wieder zu Schwarz verschleppen, hier aus dem Koneko, im Beisein seiner Freunde. Oder er würde sie alle töten. War der Ire auch hier, der Rest von Schwarz? War er etwa schon an Youjis und Kens Leichen vorbeigegangen, zu dumm, zu leichtsinnig und zu arrogant, um so etwas zu vermuten?

„Wenn ich dir deine Fähigkeit zu sprechen wiedergebe, wirst du dann schreien?“, fragte der Schwarz ruhig, aber leise durch das panische Rauschen in seinem Körper und Omi hätte ihm in diesem Moment die Frage nicht beantworten können, selbst, wenn er es gewollt hätte. Die Angst in ihm flüsterte ihm zu, sich die Seele aus dem Leib zu schreien, sobald er die Gelegenheit hatte. Die Vernunft, so tief vergraben sie auch war, wies ihn an, die Reste seines Teams nicht zu gefährden, wenn sie denn noch lebten. Und die Hoffnung, getränkt durch Pragmatismus, verschwindend gering, begriff, dass der feindselige Junge ihm gegenüber vermutlich die einzige Möglichkeit war, etwas über Ayas Verbleib herauszufinden.

Auch wenn Omi kaum dazu in der Lage war, ruhig zu atmen, schüttelte er den Kopf und wurde schließlich von dem Druck auf seinen Lippen befreit.
„Leben Ken und Youji?“, presste er hervor und der Schwarz hob die Augenbraue.
„Sie sehen sich in eurem Wohnzimmer eine dieser Shows an, als ich so mühelos in dein Zimmer gegangen bin“, war es amüsierter Spott, der sich Omi hier entgegen trug und er konnte den erleichterten Laut nicht unterdrücken, der sich nun die Bahn brach.
„Wo ist Aya?“, fragte er weiter, bevor ihn der Mut verließ und er seine Stimme alleine dadurch verlor, dass er am ganzen Körper zitterte. Er überraschte Naoe damit, das sah Omi selbst in den beinahe ausdruckslosen Gesichtszügen.
„Ich befinde mich in deinem Raum und das sind die ersten beiden Fragen, die du mir stellst? Nicht, warum ich hier bin, was ich von dir möchte oder ob du in Gefahr bist?“, stellte der Schwarz die ruhige, aber verständnislose Gegenfrage und Omi hielt mit Mühe dem Blick stand. Jetzt, wo der akute Adrenalinschub bereits abebbte, reagierte sein Körper mit Übelkeit und Schwindel auf die anhaltend wirkende Gabe des Schwarz und sein Sichtfeld tauchte sich bereits in verräterisches Grau, das, so wusste er aus der Vergangenheit, ihm in den nächsten Minuten das Bewusstsein kosten würde.
„Lass mich los“, murmelte er über das Rauschen in seinen Ohren hinweg in den Raum hinein und wurde, entgegen seiner Vermutung, ohne viel Federlesens auf seinen Sessel verfrachtet. Keinen Moment später wurde er losgelassen und Omi atmete tief durch, zittrig erst, dann immer sicherer, immer ungehinderter. Minuten vergingen zwischen ihnen, in denen es einzig sein Atem war, der die Stille des Raumes mit Leben erfüllte, bis Omi wieder in der Lage war, klar zu denken.

„Ich muss dir nicht sagen, dass weder schreien noch fliehen zu deinen Optionen gehört, richtig, Bombay?“ Schweigend nickte Omi und stellte mit schlotternden Händen die Limonade und den Schokoriegel auf den niedrigen Tisch neben sich. Er schloss die Augen und verschränkte die Arme um seinen Brustkorb, wieder aus einem unsinnigen Gefühl des Schutzes heraus. Gerade jetzt würde er sich gerne in dem Schrank hinter Naoe verkriechen und so tun, als wäre der Schwarz ein weiterer Alptraum und nicht bittere Realität.

„Was willst du hier?“, fragte Omi schließlich und wünschte sich, dass seine Stimme fest klang, was ein durch und durch frommer, aber unerfüllter Wunsch blieb. Er fürchtete sich und was er auch an Ruhe versuchte, in sich hineinzuatmen, wurde durch den bloßen Gedanken zunichte gemacht, dass keine zwei Meter von ihm der Telekinet des feindlichen Teams saß. In seinem Zimmer. Im Koneko. Unerkannt von Ken und Youji. Die Frage, woher Naoe wusste, wo sie wohnten, sparte er sich. Wenn sie schon ein Safehouse fanden, dann war ihre Tarnung hier sicherlich schon lange aufgeflogen und sie befanden sich seitdem unwissentlich in letaler Gefahr. Omi öffnete seine Augen und bohrte den Blick in den Teppich, den er vor einem Monat frisch gereinigt hatte und der jetzt schon wieder Fusseln aufwies.
„Meine Sachen holen, die du ja augenscheinlich nicht mehr brauchst.“
Omi nickte. Wenn es nur das sein sollte, dann würde der Schwarz bald wieder weg sein, oder? Er würde sich nicht lange hier aufhalten, oder?

Oder?

„Sie liegen in dem Schrank hinter dir“, erwiderte Omi ohne Naoe anzusehen mit dem Blick fest auf den Boden gerichtet, der um soviel sicherer schien als die grauen Augen des Schwarz.
„Sei so gut und hole sie mir, ich möchte mich nicht durch deinen Schrank wühlen.“ Nun schoss Omis Blick doch hoch. Um an seinen Schrank zu kommen, musste er Zentimeter an dem Schwarz vorbei. Das war viel zu nah, viel zu… unsinnig, da der Telekinet eine Reichweite hatte, die ihn selbst im Nachbargebäude gefährlich machte.
Omi wagte es, den Blick auf Naoe gerichtet zu halten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass der Telekinet nicht seine übliche, langweilige Schuluniform trug, sondern beinahe ganz normal aussah in seiner Jeans, dem Pullover und der Jacke. Das machte ihn weniger surreal und gruselig, es machte ihn beinahe menschlich und ließ in Omi den Eindruck entstehen, dass auch er so etwas wie ein Privatleben kannte abseits von ihren Aufträgen.

„Wo ist Aya?“, wiederholte er seine Frage vom Anfang vorsichtig, ließ sich dazu verleiten, dem Schwarz nicht augenblicklich zu gehorchen, der er sich auf seinem Bett gemütlich gemacht hatte und nun die Augenbraue hob, den Blick sorgsam neutral.
„Meine Kleidung, Tsukiyono“, wurde er noch höflich darum gebeten, den ihm gestellten Befehl auszuführen und Omi erhob sich vorsichtig.
„Seine Schwester ist verschwunden, die Wachen wurden ermordet im Bad gefunden und Aya wurde aus dem Haus entführt, das nach eurem Auftauchen im Koneko als Safehouse gelten sollte. Das trägt eure Handschrift“, sagte er, während er einen Schritt nach vorne trat, möglichst weit ab von dem Schwarz, dessen Augen seinen Weg aufmerksam verfolgten.
„Tut es das?“, fragte Naoe lapidar und Omi überwand vorsichtig die übrige Distanz zu seinem Kleiderschrank. Ganz hinten, ganz unten lag die Kleidung, die Farfarello ihm gegeben hatte. Die er hatte tragen sollen, zum Unmut des Telekineten. Ruckartig zog er sie hervor und warf sie neben Naoe auf das Bett, entfernte sich so schnell es ihm möglich war, aus der direkten, körperlichen Reichweite des Anderen.
„Foltert ihr ihn gerade, so wie ihr mich gefoltert habt?“, fragte Omi und stellte entsetzt fest, dass ihm Tränen in die Augen schossen, die hier weder passend noch erwünscht waren. Er wollte nicht, dass der Schwarz ihn so sah, daher drehte er sich weg und griff zu der Limonadenflasche. Als die ersten Tränen fielen, schraubte er die Flasche auf und erstickte sein Schluchzen mit einem Schluck des süßen Gebräus.

Doch natürlich ließ Naoe ihn nicht. Unnachgiebig zog er ihn an seinen Oberarmen zu sich herum um sich an seinen Tränen zu laben. Omi hing stocksteif in dem Griff, doch er traf weder auf Sadismus noch auf Schadenfreude.
„Du vermisst deinen Anführer“, stellte Naoe stirnrunzelnd fest und Omi schnaubte.
„Würdest du es nicht?“
„Das ist eine Schwäche.“
Omi grollte, um eben jene verräterischen Tränen zu überdecken, die immer weiter seine Wangen hinunterliefen und ihn kitzelten. Aber es war auch Wut über die Worte des Anderen, die sich darein stahl. „Dann bin ich eben schwach. Und? Nichts Anderes habt ihr mir doch deutlich gemacht vor einer Woche. Erst Schuldig, dann Crawford, dann du!“
„Das hast du korrekt erfasst. Allerdings ist temporäre Schwäche aufgrund von Schmerzen und Angst nicht zu vergleichen mit dauerhafter Schwäche aufgrund von unnötigen, freundschaftlichen Verbindungen zueinander“, winkte Naoe ruhig ab, anstelle wütend zu werden und Omi hielt in dem Moment inne, in dem er begriff, dass es wohl der längste Satz war, den der Schwarz zu ihm gesagt hatte und, viel schlimmer, dass sie tatsächlich gerade miteinander diskutierten.

Nicht, dass es die Umstände nur einen Deut besser machte.

„Foltert ihr ihn?“, fragte Omi erneut und Naoe schüttelte tatsächlich mit dem Kopf. „Aber er ist bei euch?“
Der junge Schwarz öffnete den Mund, hielt inne und lächelte dann eben jenes Lächeln, das Omi zuletzt bei Crawford gesehen hatte. Angewidert schauderte Omi. „Was bekomme ich für diese Information, Weiß?“, fragte er mit einem Unterton, der keinen Spielraum für Interpretationen ließ. Eine Gegenleistung.
Er hätte es sich denken können. Er hätte damit rechnen sollen. „Was willst du haben?“, fragte Omi zähneknirschend, auch wenn er bereits wusste, dass er weder Kritiker noch sein Team verraten würde. In den grauen Augen, die ihn aufmerksam musterten, erkannte er, dass Naoe das durchaus bewusst war und dass er ebenso damit gerechnet hatte.
„Was bist du bereit zu geben?“, fragte derjenige, der bereits auf seinem Bett saß, und Omi fiel es wie Schuppen von den Augen. Unwillkürlich huschte sein Blick von Naoe auf das Bett, in dem er es noch mit niemandem getrieben hatte, zu eben jenem wieder zurück. Unwillkürlich tat er einen Schritt nach hinten, dann noch einen.
„Was habe ich dir über eine Flucht gesagt?“, fragte Naoe lauernd und Omi schüttelte den Kopf.
„Ich werde nicht mit dir schlafen, Schwarz!“, grollte er voller Unglauben und hielt den Blick der sich weitenden, grauen Augen und der langsam, aber sicher rot werdenden Wangen. Omi vermeinte so etwas wie ein indigniertes Schnauben zu vernehmen, kurz bevor der Telekinet sich ruckartig von seinem Bett erhob und ihn wütend angrollte.
„Was ist falsch mit dir, Bombay? Erst das chinesische Bordell, dann das jetzt. Denkst du eigentlich nur an Sex?“

Mehr als alles Andere nahm das Omi zielsicher den Wind aus den Segeln. Reichlich perplex stand er an der Tür und blinzelte nun seinerseits verlegen, während seine Wangen und Ohren verräterisch heiß wurden und er wusste, wie hochrot sein Kopf gerade wurde. Er hatte falsch gelegen. Richtig falsch und ausgerechnet ein Schwarz hielt ihm vor, wie falsch.

Omi schluckte in die peinlich berührte Stille zwischen ihnen beiden und selbst das ließ ihn sich wünschen, einfach im Boden zu versinken. Wenigstens ein Gutes hatte diese ganze Peinlichkeit hier. Seine Tränen flossen nicht mehr.

„Nein?“, presste er schließlich hervor und versuchte sich seinerseits an verschränkten Armen und einer Begründung, warum er so dachte und dass er eben nicht nur an Sex dachte. „Du sprichst von Gegenleistungen und sitzt auf meinem Bett, was soll ich da…“
„Nicht jeder vergnügt sich mit dem Feind“, fuhr ihm Naoe eiskalt über den Mund und Omi wich unwillkürlich zurück vor der Wut, die er in den Augen des Telekineten sah. Hatten Crawford und Schuldig Naoe also erzählt, was er getan hatte. Natürlich. Seine Schuld, mit Lasgo geschlafen zu haben, wog schwer und sie brannte in ihm. Dass er sich so leicht hatte benutzen lassen, dass er so leicht aufgeflogen war, war ein Punkt, der ihm immer noch große Angst machte, denn der andere Mann hätte ihn ohne Weiteres töten können während ihres Stelldicheins. Omi schluckte mühsam.
„Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewusst hätte, wer er ist. Das habe ich aber nicht!“, hielt er aufgebracht dagegen. „Und ich wüsste auch nicht, warum ich mich vor dir dafür rechtfertigen muss, mit wem ich schlafe.“

Naoe runzelte sturmgeweiht die Stirn, sagte aber sonst aber nichts dazu und ließ das gesprochene Wort zwischen ihnen beiden im Raum stehen. Schließlich schüttelte er abschätzig den Kopf und griff sich seine Sachen, bevor er sich daran machte, zu dem bodentiefen Balkonfenster zu gehen, durch das er anscheinend hereingekommen war. Noch bevor Naoe jedoch verschwinden konnte, hatte Omi sich gefangen und den suizidalen Plan gefasst, den Anderen aufzuhalten. Ohne darüber nachzudenken packte er ihn am Oberarm und drehte ihn zu sich herum. Doch anstelle gegen die nächste Wand geschleudert zu werden, wie Omi es erwartet hatte, maßen ihn die Augen in dem hochroten Gesicht aufmerksam, aber kampfbereit.
„Bitte sag mir, ob ihr ihn habt und ob es ihm gut geht. Bitte, Naoe. Bitte“, flehte Omi und rechnete jeden Moment damit, dass er ausgelacht und weggestoßen werden würde. Doch nichts dergleichen passierte.

Naoe seufzte schließlich tief. „Ja und ja.“

Omi blinzelte und es waren erneut Tränen, die in seine Augen schossen und die dem Schwarz ein Augenrollen abverlangten.
„Ist er freiwillig bei euch?“, nutzte er seine vermutlich letzte Chance auf Informationen und hoffte, bangte um einen Krümel an irgendetwas. Ein verächtliches Schnauben antwortete ihm.
„Was denkst du denn, Weiß?“, stellte Naoe die Gegenfrage und machte sich von ihm los, schob ihn zurück.
„Kommen wir nun zu deiner Gegenleistung, Tsukiyono“, lächelte Nagi mit einem dunklen Unterton, der Omi unwillkürlich schaudern ließ, erkannte er in der Betonung doch deutlich den Amerikaner des feindlichen Teams wieder, der hier in Miniform vor ihm stand und sich Omi fragen ließ, ob Naoe tatsächlich Crawfords Sohn war und sie die verschiedenen Namen nur zur Tarnung nutzten.

„Was, wenn ich mich weigere?“, fragte Omi mutiger und selbstmörderischer, als er sich wirklich fühlte und die hoch erhobene Augenbraue des Schwarz deutete ihm an, wie dumm die Frage war.
„Würde das zu deiner weißen-Ritter-Ehre passen, Bombay?“, schlängelte sich die lauernde Gegenfrage durch den stillen Raum und unwillkürlich zuckte Omi zusammen. Naoe hatte Recht, das würde es nicht tun – in Normalfall. Bei Schwarz war es doch etwas Anderes. Oder? Was nutzte es, einem von Grund auf verdorbenen und bösen Team wie Schwarz ein gutes Leben vorzuleben? Insbesondere, wenn er sich den jungen Mann vor sich ansah, der die Jahre, in denen sie bereits schon aufeinandertrafen, immer an der Seite dieser Sadisten verbracht hatte? Was konnte aus ihm etwas Anderes werden als ein ebensolcher Sadist?

Omi verschränkte die Arme und leistete noch halbherzigen Widerstand gegen die Forderung des Telekineten. Denn selbst wenn er die Frage des Anderen mit ja beantwortete, so blieb immer noch dessen Gabe, die ihm zusetzen konnte, bis er einwilligte, was auch immer zu tun. Zumal, wie eine kleine, tatsächlich rechtschaffene Stimme in ihm anmerkte, Naoe seine Fragen ehrlich beantwortet hatte, obwohl er es nicht hätte tun müssen.

„Was willst du wissen?“, gab er seinen eigenen Wertevorstellungen schließlich nach und wieder maßen sie sich eine lange Zeit schweigend.
„Was hat es mit den Fotos von meinem und deinem Anführer auf sich?“, stellte Naoe am Ende der Stille ausgerechnet die Frage, die Omi ihm am Wenigsten beantworten konnte und wollte, weil sie zu eben jener Katastrophe geführt hatte, die ihm fast das Leben gekostet hatte und jedes Mal, wenn er seine Augen schloss, in seinem Inneren als perverser, persönlicher Film ablief. Hinzukam, dass er sich an fünf Fingern abzählen konnte, dass Naoe ganz und gar nicht erfreut über seine Antwort wäre und ihn vermutlich mithilfe seiner Kraft auseinanderreißen würde, ohne, dass es Ken und Youji unten mitbekamen.

Unsicher knibbelte er an seinen Fingern und wandte den Blick von Naoe ab, zurück auf den staubigen Boden, wo er unstet versuchte, einen Fixpunkt zu finden, der nicht Prodigy hieß.
„Wieso fragst du nicht deinen Telepathen?“, murmelte Omi schließlich in der Hoffnung, dass Naoe von ihm abließ. „Der weiß mehr als ich.“
„Das ist nicht schwierig, Bombay. Nichtsdestotrotz frage ich dich und ich will für meine großzügige Antwort auf deine Fragen nun eine einfache Antwort auf meine. Also?“
„Ich möchte aber nicht darauf antworten“, gestand Omi ehrlich und gewährte Naoe einen kurzen Einblick in seine Augen. Was er in denen des Schwarz sah, verhieß nichts Gutes. Das, was er wollte, war Naoe vollkommen egal, er wollte Antworten und das möglichst schnell und möglichst ausführlich. Er sollte die Zeit des Schwarz nicht weiter verschwenden.
„Also weißt du mehr.“
„Ich…“
Die Luft um Omi herum begann sich elektrisch aufzuladen, als der Telekinet ihm nonverbal sehr deutlich machte, dass er weitere Verzögerungen mitnichten tolerieren würde und dass Omi am Ende seiner Möglichkeiten war, die geforderte Antwort aufzuschieben. Erschrocken zuckte Omi zurück, auch wenn es so etwas wie ein Zurückweichen im gleichen Raum mit Naoe und seiner Kraft nicht wirklich gab. Er würde nicht aus der Reichweite des Schwarz kommen.

Das erleichterte ihm die Entscheidung, wie Omi vor sich selbst zugeben musste, als er sich innerhalb von Sekundenbruchteilen für die Möglichkeit des geringeren, oder zumindest späteren Schmerzes entschied. „Die Fotos zeigen Aya und deinen Anführer in einer kleinen Wohnung bei Lasgo“, presste er unsicher hervor und ungeduldig bedeutete Naoe ihm, fortzufahren und Omi war nicht mutig oder dumm genug, sich dem nicht zu fügen.
„Auf den Bildern sieht es so aus, als ginge es deinem Anführer schlecht und Aya würde ihm helfen.“ Das war eine gute, neutrale Zusammenfassung des weitaus schlimmeren Geschehens.
Doch sie reichte Naoe nicht. „Und weiter?“, fragte dieser stirnrunzelnd.
„Und dann hat er ihn gerettet und nach Tokyo zurückgebracht.“ Wieder ließ er einen Großteil dessen aus, was anscheinend geschehen war und fand eine gute Basis zwischen Halbwahrheiten und Auslassungen – befand er. Naoe jedoch schien da anderer Ansicht zu sein.
„Und weiter?“
„Nichts und weiter.“
Der Schwarz lachte trocken. „Du bist kein guter Lügner, Tsukiyono. Sicherlich hat dich Oracle nicht für „nichts und weiter“ fast zu Tode geprügelt.“

Die so nonchalant dahingeworfenen Worte verschlugen Omi die Sprache. Kein Ton wollte seinen Lippen entkommen, kein Fluch und keine Beleidigung. Stumm stand er da und starrte Prodigy ins ausdruckslos Gesicht. Hatte er einen besseren Beweis für den Charakter des Schwarz als diese mit einem inhärenten Lächeln ausgesprochenen Worte, die verharmlosten, was passiert war? Sollte Omi vielleicht auch noch dankbar dafür sein, dass er nur wieder und wieder geschlagen worden war und nicht gleich umgebracht?
Worte ballten sich unter seiner Zunge und drängten danach, heraus zu kommen. So wie bei Crawford auch war es unbändige Wut, die ihn erfasste und die seine Angst auslöschte. Cholerische Wut, die Naoe anschreien und schlagen wollte, ohne Sinn und Verstand.

Die Möglichkeit bestand für ihn nicht, also nutzte sein gequälter Geist das, was für ihn am Greifbarsten war.

„Nein, dafür nicht, Prodigy. Aber dafür, dass ich ihm an den Kopf geworfen habe, was wirklich mit ihm passiert ist und was er sich anscheinend nicht eingestehen wollte. Denn augenscheinlich war ich nicht der Einzige, der mit dem Feind geschlafen hat. Dein ach so herrisches Orakel hat sich nämlich von dem Menschenhändler ficken lassen müssen und genau davon hat Aya ihn befreit. Lasgo hat deinen allmächtigen Anführer als Sexsklaven gehalten, Naoe. Ist dir DAS jetzt Wahrheit genug?“, spuckte und spie er dem jungen Schwarz das vor die Füße, was verletzen sollte, was die eiserne Beherrschung und Überlegenheit in dem Telekineten zerreißen sollte.

Klug war das nicht, ganz und gar nicht.

Wieder kehrte Ruhe zwischen ihnen beiden ein und tauchte den Raum in eine geladene Stille. Nur dass es dieses Mal nicht Omi war, der entsetzt auf die gesprochenen Worte reagierte, sondern Naoe, der ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, während ihm jede Farbe aus dem Gesicht wich und seine Hände sich zu Fäusten ballten. Nein, es war nicht klug, einen Telekineten zu verstören, der ihm auch dazu noch ganz und gar nicht freundlich gesonnen war.
„Du lügst“, flüsterte Naoe, doch die Unsicherheit in seiner Stimme betrog die Kälte in den Worten. „Du lügst!“, wiederholte er, als könne er es dadurch unwahrer machen. Omi schnaubte und ging zu seinem Schreibtisch. Wortlos riss er die Schublade auf und warf Naoe den Umschlag auf das Bett.
„Sieh hin“, zischte er. „Das sind die Fotos. Sieh sie dir an und beantworte dir die Frage.“

So zittrig, wie der Andere vor ihm stand, so zittrig erhob sich nun auch der Umschlag und wurde von unsichtbaren Fäden in die Hände des Schwarz gelegt, der zögerlich, beinahe widerstrebend die Bilder aus dem Umschlag nahm. Schweigend ging er sie durch, Bild für Bild sezierte er. Omi beobachtete ihn dabei und stellte fest, dass das mühevoll unterdrückte Entsetzen in den Augen des Schwarz nicht gespielt war. Er sah den Puls in der Halsschlagader pochen, er sah die verkrampften Hände und er spürte, wie die Luft zwischen ihnen flirrte.

Naoe hatte nichts davon gewusst. Weder von den Bildern noch von dem berechtigten Verdacht, den Weiß hatte, das erkannte Omi nun und fand sich in dem Moment mehr in Naoe wieder als er es wahrhaben wollte.

Mit Vorsicht nahm er zur Kenntnis, dass der Telekinet die Bilder wieder sorgsam in den Umschlag steckte und ihn in die Schublade zurückschweben ließ, die sich ordentlich und leise schloss. Die Ordnung, die dieser Handlung innewohnte, gruselte Omi mehr als es der ruhige Blick jemals konnte, der sich nun auf ihn richtete und ihn schweigend, aber durchdringend maß. Es war Omi, der das Schweigen zwischen ihnen brach.
„Warum hat euer Anführer Aya entführt?“, fragte er ins Blaue hinein und sah anhand der Reaktion des Telekineten, dass er ins Schwarze getroffen hatte. Der dunkle, wütende Schatten, der über die Züge des Anderen huschte, war ihm Antwort genug auf seine Frage.

Doch eine Antwort erhielt er nicht und anstelle dessen drehte sich Naoe von ihm weg. Schweigend trat er zu dem Balkon und wollte das Zimmer verlassen. Omi griff ein weiteres Mal nach ihm, doch dieses Mal drängte ihn die unsichtbare Kraft zurück, bevor er Hand an Naoe legen konnte.
„Fass mich an und ich verteile dich in kleine, mundgerechte Häppchen in deinem Zimmer“, drohte Naoe Omi mit einer Stimme, die dem Weiß das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Doch der Drohung folgte nichts. Naoe sah auf seine Armbanduhr und ging einfach, ließ Omi mit tausend Fragen zurück, auf die er vermutlich niemals eine Antwort bekommen würde. Doch wenigstens lebte er, wie ihm sein schnell schlagendes, flattriges Herz unmissverständlich mitteilte.

Wenigstens das, auch wenn er retrospektiv betrachtet keine Gelegenheit ausgelassen hatte um dem Telekineten einen Grund zu geben, ihn umzubringen.

 

~~**~~

 

Sterile, weiße Wände hatten schon immer etwas Anziehendes und Beruhigendes auf ihn gehabt. Mochte es daran liegen, dass er selbst noch nie längere Zeit im Krankenhaus verbracht hatte, schon gar nicht bettlägerig. Mochte es der Geruch von Desinfektionsmitteln sein oder die Ruhe, die ihn sich sammeln ließ und die seine Gedanken von den weitläufigen Geschäften und zwangsläufig damit verbundenen kleinen und großen Zwistigkeiten abkehrten und sie auf ein Ziel lenkten.
Auf das einsame Zimmer am Ende des Ganges zum Beispiel. Fast schon ein wandelndes Klischee war das, ebenso wie die Leichtigkeit, mit der er das Gebäude betreten hatte. Alles, was er dazu benötigte, waren ein gefälschter Ausweis, eine gefälschte Zutrittskarte und eine gute Perücke.

Er lachte in sich hinein. Nein, ganz sicher Klischee, aber es änderte nichts an der Tatsache, dass sie dort lag, dort für die nächsten Wochen liegen würde, bevor man sie in irgendeines der Rehabilitationszentren entließe, wenn sich die Beweise gegen sie nicht derart erhärteten, dass ihre Organisation ihr wegen Verrats eine Kugel durch den Kopf jagte und ihre Leiche anonym verbrennen ließ, als wäre sie nie auf der Welt gewesen.

Lasgo grinste.

Er wäre zu gerne dabei gewesen, als der Verrückte von Schwarz sie angeschossen hatte, ohne sie damit direkt umzubringen. Erstaunlich eigentlich, aber amüsant. Alles nur, um seinen Anführer zu rächen, den er leicht auf den ihm vorgesehenen Platz gezwungen hatte. Crawford, wie er jetzt war, war sein Werk und seine Schöpfung. All die Angst, die Verzweiflung, die Anstrengung, sich wieder ins tägliche Leben einzugliedern und das hinter sich zu lassen, was geschehen war, all die Wut und der Zorn, all das gehörte ihm und er hatte es mit seinen eigenen Händen erschaffen. Durch ein paar einfache, psychologische Tricks. Hier ein wenig Gewalt, da ein wenig mehr Demütigung, eine Prise Schmerz und haufenweise in den Staub getretener Stolz.

Birman war ihm da eine willkommene Komplizin gewesen, die mit ihrem Handeln den letzten Tropfen hinzugefügt hatte in dem überquellenden Fass zur Zerstörung des Anführers von Schwarz. Eine attraktive, junge und ehrgeizige Frau, bei der es gar nicht mal so viel gebraucht hatte um sie auf seine Seite zu ziehen.
Er hatte sich gerne mit ihr umgeben, doch eine wirkliche Bindung zu ihr verspürte er nicht. Ihm dürstete es nach dem Mann, den er hatte entkommen lassen…vorerst. Nach dessen wohlgeformtem Körper, der wie pure Sünde schien und der durchaus süchtig machte in seiner Art des Widerstandes, den er aufbrachte. Der, der ruchlos die ihm gestellten Aufgaben erfüllte und dennoch so hilflos und ahnungslos war wie ein blindes Kind.

Doch seine Gedanken sollten sich nicht um Crawford drehen, auch wenn er gerade jetzt Lust darauf verspürte, ihn wieder in sein Bett zu holen und sich an der widerwilligen Lust des PSI zu laben. Aber für den Schwarz würde er sich noch lange genug Zeit lassen können.
Lasgo ließ seine Erinnerungen zu Birman zurückkehren. Er hatte sie kennengelernt und sich ausreichend Informationen über sie geben lassen und über die vielfältigen Möglichkeiten sinniert, die sich ihm mit ihr boten. Ihr unterschwelliger Hass auf die Hilflosigkeit von Kritiker war ein guter Ansatzpunkt gewesen. Ihre Unzufriedenheit mit dem nach Gerechtigkeit gierenden, rothaarigen Mann. Ihre absolute Verachtung für Crawford selbst, der für sie das pure Böse darstellte, wie er Takatoris Bruder immer und immer wieder vor den Zugriffen von Kritiker schützte. So simpel und doch so einfach war es gewesen, diese Punkte zu erkennen und zu nutzen und sie für seine Zwecke einzuspannen.

Für ihre Zwecke.

Sie war seine Dame gewesen, die er bereit war zu opfern um das Spiel zu gewinnen. Doch das bedeutete noch lange nicht, dass er nun im Nachteil war, ganz im Gegenteil. Die besten Partien gewann man ohne die Dame, nur mit den unberechenbarsten aller Figuren.
Lasgo drückte die Klinke hinunter und öffnete die Tür. Er warf einen Blick auf die armselige Gestalt auf dem Bett. Sie hatte wahrlich ihren Teil erfüllt. Gute Dienste, doch nun unbrauchbar und ein scheußlicher Anblick.
„Birman, meine Liebe“, grüßte Lasgo sie mit einer charmanten Verbeugung und hob die Augenbraue. Schmerzerfüllt richtete sie ihren Blick auf ihn und überrascht weiteten sich ihre Augen.
„Lasgo? Was tust du hier?“, presste sie mühevoll hervor und er kam zu ihr. Beruhigend strich er ihr über die erhitzte Haut. „Der verrückte Ire war das. Er hat mir… in den Buach geschossen…“

Lasgo lächelte. Das weiß ich schon, antwortete er in Gedanken. Das weiß ich alles schon längst.

 

~~**~~

 

Crawford sah von seinen Auftragsunterlagen auf, die er am heutigen Tag erhalten hatte, als sich ein Grollen durch die Stille des Raumes zu ihm trug, das unzweifelhaft von dem Mann stammte, der seit seinem Erwachen vor zwei Tagen nicht dazu zu bewegen war, seine Aufmerksamkeit auf etwas Anderes als auf das Schachbrett zu richten, an dem sie beide erst eine, dann zwei und schlussendlich drei Partien gespielt hatten und der Weiß mit seiner chaotischen Spielweise Crawford klar an seine logischen Grenzen gebracht hatte.

Nicht nur damit, denn so zuverlässig, wie der Mann, der gerade mit dem Rücken zu ihm saß, seine Visionen katalysierte, so zuverlässig verhinderte er auch, dass Crawford Fujimiyas eigenes Handeln voraussagen konnte, was ihm in den letzten beiden Tagen mehr Aufwand als Nutzen eingebracht hatte.
Insbesondere dann, wenn es darum ging, den trägen Geist, der sich immer noch in der Heilungsphase befand, zu etwas zu bringen, was dieser nicht wollte. Drohungen? Hatte er vergessen können. Fujimiya besaß weder die Angst noch die Weitsicht, diese Drohungen als solche wahrzunehmen, sonst würde er nämlich nicht schon wieder hier sitzen. Oder sich abends, wenn Crawford noch über seinen Unterlagen gesessen hatte, in sein Bett geschlichen haben. Oder ohne jede Scham ihren Kühlschrank geplündert haben in wiederholten Fresstattacken.
Befehle? Da konnte er auch gegen eine Wand reden und so musste er warten, bis er wieder bei altem, klaren Verstand war und so mit Crawford kommunizierte, wie dieser es von ihm gewohnt war.

Dazu zählten sicherlich keine sinnlos in eine Konversation eingeworfenen Sätze und Bemerkungen, die Schuldig ein hämisches Lachen nach dem anderen entlockten und Jeis Interesse für den Weiß erweckten. Crawfords einziger Trost war dabei, dass er dem Telepathen verboten hatte, einen Abstecher in die Gedankenwelt des Weiß zu machen. Viel zu gefährlich war zum jetzigen Zeitpunkt der Heilung en weiterer Eingriff in dessen Gedankenwelt, so minimal der auch war. Was Jei anging, so amüsierte es Crawford wiederum, dass Fujimiya selbst für ihn in den letzten beiden Tagen ein unerklärliches Mysterium blieb, ganz zur Unzufriedenheit des Iren selbst.

Trotz der gegenseitigen Schadenfreude waren die Spannungen, die insbesondere zwischen Schuldig und ihm geherrscht hatten, abgeebbt und Crawford hatte das untrügliche Gefühl, dass es mit ihrem Gespräch von vor sechs Tagen zu tun hatte. Seine Überraschung hätte nicht größer sein können, dass Schuldig ihm nicht mit Spott und Hohn über seine Schwäche begegnet war, sondern mit…Unterstützung. Loyalität, die er niemals von Seiten des Telepathen erwartet hatte. Seine Schwäche hatte zu Verständnis geführt, Fujimiyas Erinnerungen zu einer Entspannung der Lage, deren Ausmaß er nicht vorhergesehen hatte. Es ließ ihn schlafen, wenigstens ein paar Stunden in der Nacht. Es schenkte ihm tagsüber die Ruhe, die er brauchte um zu planen und sich auf seine Visionen zu konzentrieren.

Crawford speicherte seine Recherchen auf ihrem Server und verfügte sie zur Weiterbearbeitung an Nagi, damit dieser sie auswerten konnte, wenn er von seinem unsinnigen und gefährlichen Stelldichein mit dem Weiß zurückkehrte Natürlich hätte er es sich denken können, dass eben dieser jedes Mittel wählen würde, seinem verzweifelten Rachedurst und unleugbarem Takatorierbe eine Stimme zu geben und Nagi mit einer Wahrheit belasten würde, die dieser nur schwerlich verkraftete. Crawford knirschte mit den Zähnen. Die Krux war, dass Nagi, egal, welchen Weg der Zukunft er gewählt hätte, davon erfahren hätte. Crawford hatte sich die zeitlich naheliegendste aller Möglichkeiten entschieden, weil es nichts brachte, es weiter hinauszuzögern. Die Schadensbegrenzung auf diesem Weg würde die am Leichtesten zu bewältigende sein, so bitter es für den Telekineten auch war.

Mit Tsukiyono selbst würde er aber ein langes, ausführliches Gespräch führen, wenn all ihre Aufgaben hier erledigt waren.

Ein Geräusch ließ Crawford aufsehen. Fujimiya hatte sich zu ihm umgedreht und der Blick hatte wenig Ähnlichkeit mit den nachdenklichen, in die Ferne gerichteten Augen der letzten beiden Tage. Scharf und missbilligend lag die Aufmerksamkeit des anderen Mannes auf ihm, gewohnt, doch im ersten Moment irritierend.
„Du hast es angeordnet“, stellte die nunmehr wieder ablehnende Stimme in den Raum zwischen sie beide und Crawford fragte sich, wann in den letzten vier Stunden, in denen der Weiß mit sich selbst Schach gespielt hatte, dieser wieder zu seinem alten Ich zurückgefunden hatte, ohne dass es Crawford gemerkt hatte.

„Ich habe keinen Sinn für Ratespielchen, Fujimiya. Drücke dich klar aus“, legte Crawford all sein Missfallen über die letzten beiden Tage in seine Worte, gab seiner beinahe schon hilflosen Frustration über dessen unsinniges Verhalten eine Stimme, die sich nun über den Weiß ergoss.
„Dass er in meinen Geist eindringt.“ Wieviel Hass doch in einem kleinen Wort wie er liegen konnte. Dort, wo er Schuldig vorher unterstellt hatte, dass dieser zu gut gearbeitet hatte, fragte Crawford sich nun, ob der Telepath die Erinnerungen des Weiß überhaupt gedämpft hatte, wie er es ihm befohlen hatte.
„Selbstverständlich habe ich das“, erwiderte er ruhig, die Genugtuung, die hinter den Worten lauerte, sorgsam verborgen.
Fujimiya schnaubte. „Also hast du ebenso autorisiert, dass er mich bricht, falls ich ihn nicht freiwillig hineingelassen hätte? Das und die Methoden, die er dafür gewählt hätte?“
Crawford ließ ein minimales, stummes Hochziehen seiner Lippen die Antwort auf diese Frage sein. Zunächst. Ihm war nicht danach, die Worte richtig zu stellen.
„Das ist widerlich.“ Pure Verachtung verließ die Lippen des Weiß und Crawford nickte bedächtig. In Ruhe schloss er auch die anderen Ordner auf seinem Rechner und speicherte die notwendigen Daten, bevor er ihn herunterfuhr.
„Gerade du solltest wissen, was es bedeutet“, wurde er weiter mit Vorwürfen bombardiert und mit dem erlischenden Bildschirm erhob Crawford sich. Unweit von Fujimiya blieb er stehen und sah auf seinen Gast hinunter. Ein billiger Trick an Dominanz, doch sehr wirkungsvoll, wie er jetzt feststellte, so wie sich Fujimiya anspannte und den Nacken verrenken musste, um zu ihm hoch zu sehen. Geschah dem selbstgerechten Weiß recht.

„Gerade ich weiß, was es bedeutet, da hast du Recht, Abyssinian. Und gerade du weißt, was es bedeutet, damit zu drohen“, setzte er nach einer kleinen Pause hinterher und erlebte mit Freuden, wie sich die Gesichtsfarbe des sitzenden Mannes in einer Rekordzeit von der normalen Blässe in ein tiefes, dunkles Rot verfärbte. Mit Genugtuung beobachtete Crawford die unter der Haut schwelenden Emotionen, die ihre Grenze an zusammengepressten Lippen fanden, die bloß nicht herauslassen wollten, dass ihr Besitzer nicht einen Deut besser war als diejenigen, die er jagte.
Das war deine Rache für mein Tun?“, presste Fujimiya schließlich hervor und Crawford neigte den Kopf.
„Unter anderem.“
„Nur, dass er es getan hätte, wenn ich mich nicht dafür entschieden hätte, ihm freiwillig Zugang zu gewähren.“ Der Weiß machte es ihm aber auch einfach, befand Crawford und runzelte die Stirn.
„Wenigstens hat er dir eine Wahl gelassen“, konterte er scheinbar nonchalant und die Schuld, die er in Fujimiyas Augen fand, ließ diesen auch körperlich zurückzucken. Sie wussten beide um das, was geschehen war und dass es lediglich Fujimiyas überpräsente Schwester gewesen war, die ihn vor Schlimmerem bewahrt hatte. Schuldigs – auch noch – leere Drohung würde in ihm kein schlechtes Gewissen hervorrufen. Dass Schuldig Fujimiya so zugesetzt hatte, ebenfalls nicht.

Wie es schien, kam auch der Weiß zu dem Schluss. Nach und nach verschwand die Wut in den Augen, machte einem Ausdruck Platz, den Crawford nach endlosen Sekunden des gegenseitigen Schweigens als widerwillige Akzeptanz identifizierte.
„Quid pro quo, also?“, fragte Fujimiya schließlich und Crawford lächelte dunkel. Er trat soweit zurück, dass der Weiß ohne Probleme von seiner Position am Schachbrett zu ihm aufsehen konnte.
„Ich nehme an, dass du wieder bei Verstand bist, wenn du mir Vorwürfe machen kannst und anschließend in der Lage dazu bist, dir deine Fehler einzugestehen. Damit ist deine Schonzeit vorbei und ich erwarte, dass du dich zusammen mit Prodigy in deinen ersten Auftrag einarbeitest“, wich Crawford der Frage des Weiß aus und legte eine angebrachte Kälte in seine Worte. Als dieser keine Anstalten machte, ihm darauf zu antworten, deutete er gönnerhaft in Richtung Tür.
„Nach dir, Abyssinian. Es gibt Abendessen und wie du dich sicherlich daran erinnerst, hast du in diesem Haus häusliche Pflichten.“

Anscheinend war die Erwähnung von Essen das Codewort, was es brauchte, um Fujimiya zum Aufstehen zu bewegen. „Ich kann gerne für euch kochen, wenn du schon so fragst“, trugen sich ironische Worte zu ihm. Crawford hob die Augenbraue und vergrub die Hände in seinen Hosentaschen. Er würde es nicht zugeben, aber die bissige Seite des Weiß war ihm lieber als der bekiffte Vielfraß der letzten Tage.
Crawford schnaubte. „Netter Versuch, uns umzubringen, Weiß. Der Herd ist für dich tabu. Du kümmerst dich um den Rest. Abwaschen, wenn du weißt, wie das geht“, spiegelte er Fujimiya dessen Worte, die er an ihn gerichtet hatte in dem kleinen, alten Apartment. „Selbstverständlich wartet keine Tasche auf dich“, setzte er nach, weil er einfach Lust dazu hatte und kam nicht umhin, sich zu fragen, wie hell die violetten Augen vor Wut noch werden konnten. Er war versucht, es herauszufinden.

Nach dem Abendessen, beschloss Crawford, denn mit seinen Visionen war auch sein Appetit zurückgekehrt.

 

~~**~~

 

Aya folgte Crawford, wenn auch widerwillig, in die Küche der Schwarz, die für ihn eingedenk der letzten Begegnung mit Schuldig nur schlechte Erinnerungen bereithielt. Aya schauderte unterdrückt, als er in seinen Erinnerungen sich selbst am Boden liegen sah. Vor wie vielen Tagen war das gewesen, dass der Telepath ihn erst in den Keller gezerrt und dann…
Er würgte die seltsam gedämpfte Erinnerung an die Erlebnisse dort ab und kam damit unweigerlich auf eine Frage, deren Antwort ihm offen gestanden Angst machte. Wie würde es sein, wenn Schuldig nun Zutritt zu seinen Gedanken hatte? Wie würde es sich anfühlen und vor allen Dingen: war er dem Spott und dem Sadismus des Schwarz gewachsen? Er wusste es nicht.

~Dann ist es wohl höchste Zeit, das herauszufinden.~

Brachial zuckte Aya zusammen und sah im Augenwinkel, wie das die Aufmerksamkeit des Orakels errang. Doch das schien unwichtig im Angesicht des Unmöglichen. Unzweifelhaft war es Schuldig und ebenso ohne Zweifel war dieser mit seiner Kraft in Ayas Geist eingedrungen. Ayas Puls schnellte in die Höhe und er erwartete jede Sekunde, wieder unter dem reißenden Schmerz, den der Telepath in ihm verursacht hatte, zusammen zu brechen, doch nichts geschah.
Nicht in den ersten Sekunden. Nicht in der Zeit danach. Doch Schuldigs Eindringen war zu einfach und zu schmerzlos gewesen um wahr zu sein und Aya verharrte in Erwartung eines neuen Schlages.

Aber da war nichts außer dem ungewohnten Gewicht einer anderen Präsenz in seinem Kopf, dem leichten Kitzeln hinter seinen Schläfen, dem beinahe unmerklichen Druck.
~Da wird auch nicht mehr kommen, es sei denn, ich möchte es so~, mischte sich der Verursacher in seine Überlegungen ein und misstrauisch wog Aya dessen Worte…Gedanken?... ab. Sicherlich konnte er Schuldig nicht vertrauen, aber was für eine Wahl hatte er denn? Wollte er ab jetzt für immer in Angst und Schrecken leben, ob Schuldig sich seiner bemächtigen würde?
~Wenn es nach mir ginge, würdest du das, für das, was du gewagt hast zu tun~, erwiderte Schuldig und Aya wurde mit seinen eigenen, schambehafteten Erinnerungen an das, was er Crawford beinahe angetan hätte, konfrontiert.

Ohne Gnade ließ Schuldig ihn das sehen und erleben, was er seinem Anführer angetan hatte, gerade so, als wären die Erinnerungen in messerscharfer Qualität konserviert worden. Für die ersten Momente ertrank Aya in dem, was Schuldig ihm aufzwang, er ging unter der Schuld und der Scham, doch dann war da etwas Anderes.
Aya verstand, was Schuldig tat. Er wandte sein schlechtes Gewissen, seine Scham gegen ihn. Doch so sehr er beides auch für seine Taten gefühlt hatte und immer noch fühlte, so wenig würde er zulassen, dass der Telepath der Omi gefoltert hatte, ihn damit zerstörte. Also griff er nun seinerseits zu der Waffe, die er hatte: Wut, unbändige Wut.
Wut auf den Telepathen, die ihn vor dem Untergang rettete. Er hielt Schuldig entgegen, was Omi ihm erzählt hatte. Wort für Wort holte er hervor und schleuderte es gegen Schuldigs Versuch an, ihn ertrinken zu lassen. Er ließ ihn jede Träne seines Taktikers sehen, jedes geflüsterte Wort, was dieser hervorgepresst hatte, bevor Kritiker ihn mitgenommen hatten.

Abrupt hörte der Ansturm der schlechten Erinnerungen auf und Aya atmete erleichtert durch.
~Was glaubst du, was du da tust, Weiß?~, fragte Schuldig lauernd mit eiskalten Hass in der gedanklichen Stimme und Aya grollte.
~Glaube ja nicht, dass ich als Einziger hier Schuld auf mich geladen habe. Für das, was du Omi und vor ihm dutzenden anderen Unschuldigen angetan hast, verdienst du die Hölle.~
Ein Lachen geisterte durch Ayas Gedanken und dessen Widerhall kratzte widerwärtig an den Innenseiten seines Schädels.
~Oh ja, das tue ich. Aber im Gegensatz zu dir gestehe ich es mir ein, Fujimiya. Das macht dich zu einem bigotten Lügner und mich zu einem ehrlichen Sadisten. Was hat wohl mehr Wert, wenn wir uns da unten wiedertreffen?~
~Als wenn meine Tat mit deinen…~

„Es reicht.“

Die Worte des Amerikaners waren noch nicht einmal laut ausgesprochen, im Gegenteil. Leise und mit Bedacht standen sie zwischen Schuldig und Aya im Raum und beendeten den gedanklichen Disput mit einer Forderung nach Gehorsam und einem Versprechen an Gewalt, das Aya zum ersten Mal erkennen ließ, warum jemand wie Crawford mit einer wenig brutalen Gabe unangefochtener Anführer eines solchen Team war.
Ein Blick in die hellen, stechenden Augen des Orakels sagte Aya nichts Anderes. Er war gewarnt worden, einmal. Eine zweite Warnung würde es nicht geben.

Interessanterweise schwieg auch Schuldig, der, so sah Aya jetzt, unweit von ihm in der Küche stand und ihn nun unverhohlen hasserfüllt musterte.
„Wenn unser Anführer deinen nutzlosen Schwertarm nicht mehr wünscht, Abyssinian, werde ich dich dazu zwingen, dich selbst mit deinem Katana aufzuspießen, langsam und genüsslich.“
„Schuldig“, erhielt der Telepath seine zweite Warnung und Aya begnügte sich mit einem Blick in die eisigen, blauen Augen.
Komm und versuch es, du unfähiges Stück Dreck, dachte er sich im Stillen und empfand eine seltsame Befriedigung dabei, dass es eben nicht im Stillen war, sondern dass Schuldig seine Gedanken ganz genau lesen konnte.

„Das Geschirr, Fujimiya“, erinnerte ihn Crawford an seine täglichen Sklavenarbeiten und Aya wandte sich dem Anführer von Schwarz zu. Ein freudloses Schmunzeln lag auf seinen Lippen, insbesondere jetzt, da auch noch der Jüngste von Schwarz die Küche betrat und ihn einen Moment lang zu intensiv maß, als dass Aya sich nicht unwillkürlich fragte, was in dem Kopf des Telekineten gerade vor sich ging und was er in ihm sah.

„Natürlich Crawford. Welches darf es denn sein?“
Das Orakel hob die Augenbrauen. „Das Weiße.“

Aya brachte alles auf, was er an Disziplin und innerer Beherrschung zu bieten hatte, um seine Mimik auf Ausdruckslosigkeit zu schulen, seinen Stolz hinunter zu schlucken und dem Befehl des Schwarz zu folgen.

 

~~~~~~~
Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Unsicher starrte Nagi seinen Bildschirm an.

Das, was er die letzten beiden Stunden gelesen hatte, das Wissen, was er sich angeeignet hatte, lag ihm schwerer im Magen als die Anwesenheit des Weiß bei ihren heiligen Mahlzeiten. Überraschend war das nicht bei den Themen, die er seinem Geist zugemutet hatte.
Crawford hatte ihn gelehrt, dass Informationen Macht waren. Niemals durften sie sich alleine auf ihre Gaben verlassen, denn ohne die richtigen Informationen würde ihnen keine Telekinese, keine Telepathie oder keine Präkognition etwas helfen. Crawford hatte ihn auch gelehrt, niemals oberflächlich an ein kritisches Thema heranzugehen, sondern zu recherchieren.

Das hatte Nagi getan und nun war ihm übel.

Er hatte die offizielle Definition von Vergewaltigung nachgeschlagen. Er hatte Arten von Vergewaltigungen recherchiert ebenso wie die körperlichen, emotionalen und geistigen Folgen einer solchen Tat. Er hatte Opferstatistiken, Dunkelzahlen und medizinische Details, Bilder und Erfahrungsberichte gesucht und gelesen. Er hatte sich sogar in die entsprechende Gesetzeslage und in Essays über die Diskriminierung von männlichen Vergewaltigungsopfern in Japan eingelesen.
Dann hatte er sich ihre Akte über den Menschenhändler aufgerufen, die mit ihren ausreichenden Details genug Aufschluss gab, dass er bereits vor dem Auftrag hätte sagen können, dass Takatoris ehemaliger Geschäftspartner zu so etwas fähig wäre.

Nein. Er hatte es sogar vorher gewusst. Er wusste, was für ein Mensch Lasgo war und doch war er nicht davon ausgegangen, dass er auch nur einmal die Hand an Crawford legen könnte. Seine Berechnungen waren unzureichend gewesen und er hatte seinen Anführer nicht ausreichend vor den Gefahren gewarnt, die auf ihn lauern konnten. Das war sein Fehler gewesen, für den er büßen würde, wenn sein Anführer es so wollte. Doch was war mit Crawfords Gabe gewesen? Seine Hellsicht hätte ihn doch sicherlich warnen müssen, dass das passierte. Oder?
Nagi zog erneut die verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit in Betracht, dass Tsukiyono gelogen hatte oder über Falschinformationen verfügte. Möglich, sicherlich. Aber dem gegenüber stand das auffällige Verhalten seines Anführers, das in all seiner Gesamtheit durchaus Aufschluss darüber geben konnte, was ihm zugestoßen war.

Was ihm angetan worden war.

Der Telekinet schluckte schwer bei dem Gedanken daran, dass es jemand wagte, Crawford auf diese widerwärtige Art zu entweihen.
Unvorstellbar, dass der strenge, unnachgiebige Mann, der ihn großgezogen hatte, ein Opfer einer solchen Tat war. Oder dass er unter dem Einfluss einer erzwungenen Penetration geistig zerbrach. Oder dass er kooperiert hatte mit einem simplen, niederen Normalmenschen, der nicht über die Stärke eines PSI verfügte, damit seine Gefangenschaft nicht noch schlimmer für ihn wurde als sie es bereits war.

Die Tür, die sich nun öffnete, bemerkte er erst, als besagter Mann bereits im Raum stand und sich in seinem Computerbildschirm spiegelte.

Nagi fuhr herum und der sorgsam neutral gehaltene Blick schweifte von Nagi selbst zu dem Bildschirm und dann wieder zurück zu ihm. Stumm und reglos verharrte der Telekinet, wagte es nicht, sich zu bewegen, aus Angst vor einer falschen Reaktion, auch wenn das Pochen seines Herzes in seinen Ohren gefühlt viel zu deutlich und zu laut zu hören war. Seine Ohren und sein Gesicht brannten vor Scham, dass Crawford seiner Recherchen ansichtig wurde und er schluckte mühevoll.

„Schließe die Tabs“, erhielt er einen ruhigen Befehl, der ihm einen Handlungsrahmen gab und Nagi folgte den Worten hochgradig erleichtert. Er musste noch nicht einmal hinsehen um alles zu schließen, was er sich in der letzten Stunde an widerwärtigem Wissen angelesen hatte und fuhr schlussendlich seinen Computer in den Ruhemodus herunter. Erst dann legte er die Hände auf seinen Schoß und wartete auf die verdiente Reaktion seines Anführers auf seine Unverschämtheit, sich eben diese Informationen zu beschaffen, nachdem er so vollumfänglich bei dem Schutz des Orakels versagt hatte.
Doch anstelle von Wut waren es lediglich Ruhe und Ausdruckslosigkeit, die sich ihm hier entgegentrugen und er sah schweigend zu, wie Crawford leise die Tür hinter sich schloss und sich unweit von ihm in einen der Sessel setzte, die er ihm geschenkt hatte. Anfangs hatte Nagi sie nicht genutzt, weil sie zu weich waren und ihm wie verbotener Luxus vorkamen, nun aber waren sie nicht mehr wegzudenken aus seinem Raum und seinem Leben, wenn er nicht gerade am Computer saß. Mit einem Schlucken fing Nagi seine wandernden Gedanken ein und konzentrierte sich auf den Mann, der ihn aufmerksam musterte und der ihm nun bedeutete, sich in den anderen Sessel zu setzen.

Nagi gehorchte wortlos.

„Was willst du wissen?“, fragte Crawford und die harte, kalte Note in der Stimme des Orakels betrog dessen Ruhe. Nagi kannte diese Färbung. Immer, wenn Crawford unausgeglichen war, war seine Stimme kälter als sonst, gerade so, als müsste sie den inneren Tumult ihres Trägers schützen und verbergen. Aber wunderte er sich wirklich darüber?
Nagi schluckte und straffte die Schultern. Der Mann vor ihm hatte ihm nicht nur beigebracht, sich Informationen zu beschaffen, sondern auch, sich zu behaupten und seine Wünsche klar zu formulieren. Würde er nun herumdrucksen oder sich in sich zurückziehen – wozu er große Lust verspürte – so würde er eben diese Erziehung mit Füßen treten und das wollte Nagi nicht. Er wollte Crawford grundsätzlich mit allem, was er tat, Ehre bereiten.
„Stimmt das, was Tsukiyono gesagt hat?“, nahm er all seinen Mut zusammen und stellte die Frage, die ihm unter den Nägeln brannte.
„Ja.“ Die Antwort hätte auch von einer Statue kommen können, so reglos, wie sich Crawford hielt, als er das eine Wort veräußerte, als wäre es das Natürlichste der Welt, auf diese Art gedemütigt worden zu sein. Als würde es ihm nichts ausmachen.
„Die Fotos?“
„…zeigen mich und Fujimiya in der Wohnung, die dieser bewohnt hat während seines Auftrages, Lasgo zu töten.“
„Du hast ihn nicht getötet“, konstituierte Nagi das Offensichtliche, denn schließlich befand sich Fujimiya momentan hoch lebendig in ihrer Bibliothek.
„Das war nicht praktikabel zu dem Zeitpunkt. Noch hat er seinen Nutzen nicht erschöpft.“

Nagi nickte und senkte seinen Blick, als er die Intensität von Crawfords hellen Augen nicht mehr ertrug. Er schämte sich für seine Aufmerksamkeit und für das Hiersein des Orakels, so wie er sich damals in Grund und Boden geschämt hatte, als dieser mit ihm ein anderes, ernstes Gespräch geführt hatte über seine Sexualität und die verschiedenen Spielarten von körperlicher Intimität. Schuldig hatte ihn noch Wochen danach für seine Bestürzung und seine peinliche Berührtheit aufgezogen und sich daran geweidet, wie hochrot sein Kopf gewesen war, während Crawford ihn aufgeklärt und ihm mit ruhigen Worten erklärt hatte, dass seine Vorliebe für das eigene Geschlecht vollkommen normal war. Doch das war noch nichts im Vergleich zu der anatomischen Lehrstunde gewesen, in der Crawford ihm mithilfe von Abbildungen und entsprechender Literatur erklärt hatte, wie er für sich das befriedigendste Gefühl aus einem intimen Zusammentreffen mit einem potenziellen Partner herausholte.

Da war er fünfzehn gewesen und ein halbes Jahr später hatte Schuldig überhaupt keinen Grund mehr gehabt, ihn für seine Unwissenheit zu verspotten.

Doch nun gab es nichts zu spotten. Das Erste und Wichtigste, was Crawford im eingebläut hatte, war Einvernehmlichkeit gewesen. Niemals sollte Nagi gegen den Willen seines Partners handeln. Er durfte benutzen und hinter sich lassen, aber sich niemals jemandem aufzwingen.

Und nun war Crawford…

Die instinktive Bindung, die er mit dem Orakel hatte, reagierte auf sein Entsetzen und unsichtbare Finger schlossen sich um das Handgelenk des Mannes, der ihn von der Straße geholt und ihm wohltuend strenge Regeln gegeben hatte, an die er sich halten konnte. Die Bindung sollte Crawford Ruhe geben, Beistand, sie sollte ihm sagen, dass er nicht alleine war und dass Nagi alles in seiner Macht Stehende tun würde um dieses Scheusal zu finden, das es gewagt hatte, sich seinem Anführer aufzuzwingen.

Crawford sah mit erhobener Augenbraue auf und Nagi hatte mit einem Mal Mühe, seine übrigen Fragen zu stellen, denn zunächst versiegten die Worte tief in ihm. Mehrfach musste er ansetzen, bevor er sich erneut seine Erziehung ins Gedächtnis rief und Kraft darin fand.
„Wie konnte er das tun?“, fragte er schließlich, stellte fest, dass er weder die Tat noch den Täter wirklich beim Namen nennen konnte.
„Ich habe es nicht vorhergesehen.“
„Hatte das einen physischen Grund?“
„Nicht, dass es mir bekannt ist.“
„Weiß Abyssinian davon?“
„Ja.“
Nagi schluckte schwer. Dass der Weiß von dieser fürchterlichen Tat Kenntnis hatte, während Nagi im Dunkeln getappt war, war schwer zu verdauen, denn der rothaarige Mann gehörte nicht zu ihnen, Sie waren ein Team, sie sorgten füreinander, nicht der Weiß mit seiner Gerechtigkeitsneurose. Etwas Dunkles kroch in ihm hoch bei dem Gedanken an Fujimiya und dessen Wissen um die Demütigung des Orakels. Der Weiß hatte kein Recht dazu, das zu wissen. Er hatte nicht… Nagi zuckte zusammen und seine Augen weiteten sich.
„War er Zeuge dessen?“
Crawford musterte ihn und für einen schlimmen Augenblick hatte Nagi Angst, dass er ihm die Frage bejahen würde. Doch schließlich schüttelte sein Anführer den Kopf. „Nicht direkt. Aber nahe genug um zu wissen, was geschehen ist.“
„Sollte Schuldig deswegen Zugang zu seinen Gedanken erlangen? Um die Erinnerung daran zu löschen?“
„Auch wenn der Gedanke ebenso naheliegend wie verlockend ist, Nagi, nein.“

Nagi nickte und wieder kehrte angespannte Ruhe zwischen ihnen ein, die ihm Zeit gab, seine weiteren Fragen zu formulieren. Er hielt sich an das, was seine Recherche ihm gesagt hatte, nicht an das, was ihm sein Herz sagen wollte. Fakten waren wichtig, denn sonst würde er diese Stadt voller unbegabter, normaler Menschen auf der Suche nach dem Menschenhändler in Schutt und Asche legen und mit ihrem Auftraggeber anfangen, der es ebenfalls gewagt hatte, Hand an Crawford zu legen, um ihn für sein Versagen zu bestrafen. Dass Nagi nicht lachte. Versagen. Es war nicht die Schuld seines Anführers gewesen.

Das würde Takatori lernen, kurz bevor er ihn auseinanderriss.

„Wünschst du Unterstützung bei der…Nacharbeit?“, stellte er die Frage, die ihm am Dringendsten unter den Nägeln brannte. Wollte Crawford Unterstützung bei der Bewältigung seines Traumas, sollte er helfen, wie auch immer?
„Nein.“ So dankbar Nagi um das kategorische Nein auch war, so wenig glaubte er daran, dass Crawford trotz seiner Stärke ohne Hilfe eine Bewältigung erfolgreich hinter sich bringen würde. Dennoch nickte Nagi, denn er würde keines der Worte seines Anführers offen in Frage stellen.
„Unsere oberste Priorität gilt weiterhin Lasgo, du wirst aber keine alleinigen Schritte unternehmen, hast du mich verstanden, Nagi?“
„Natürlich nicht“, erwiderte er, doch er sah bereits in den ihn musternden Augen, dass Crawford nicht nur eine mögliche Zukunft gesehen hatte, die ihm Anderes zeigte. Nagi hielt der Musterung stand und neigte schließlich ehrerbietig den Kopf.
„Ich…darf ich trotzdem etwas sagen?“
Crawford bedeutete ihm fortzufahren und Nagi schluckte schwer. Ebenso schwer fiel es, ihm in das bemüht ausdruckslose Gesicht seines Anführers zu sehen. „Wir finden das Monster“, versprach er. „Er wird dir nie wieder etwas antun. Er wird dich nie wieder anfassen.“

Nagi erhielt keine Antwort darauf und fand auch in Crawfords ausdruckslosem Blick keinen Hinweis darauf, was sein Anführer dachte. Gerade, als die Stille unangenehm zwischen ihnen wurde, erhob das Orakel sich und sah auf ihn herab. Unruhig knetete Nagi seine Finger und wartete beinahe schon ängstlich auf die Antwort seines Anführers.
„Selbstverständlich nicht, Nagi“, war dessen Ton zu dunkel und zu ruhig, um wirklich ungefährlich zu sein und Nagi rann es eiskalt den Rücken hinunter. Da war Wut in Crawfords Stimme und er wusste nicht, womit er sie heraufbeschworen hatte und wie er sie mildern konnte. Dass sie auf ihn gerichtet war und dass er sie mildern musste, stand außer Frage. „Darüber hinaus ist dein Hilfeangebot weder zielführend noch angebracht.“

Der Telekinet schluckte. Das war eine eindeutige Warnung an ihn, die ihm gesteckten Grenzen nicht noch einmal zu überschreiten und sich kein zweites Mal eine solche Dreistigkeit anzumaßen. Er verhielt sich still, bewegte sich nicht, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, dass er noch ein weiteres Mal die Unantastbarkeit und die Überlegenheit seines Anführers in Frage stellen würde, indem er ihm Hilfe anbot.
Denn Crawford war sein Anführer, er verlangte Gehorsam, das zu allererst. Nagi hatte den Fehler gemacht und sich einlullen lassen von ihrem alltäglichen Umgang miteinander und seinen eigenen Gefühlen des Vertrauens und der Zuneigung dem anderen Mann gegenüber. Er hatte zugelassen, dass er in Crawford einen Vertrauten sah und nicht den von Rosenkreuz befohlenen Teamführer, der sie nach seinem Gutdünken leitete und ihr Tun bestimmte.
Crawford sah in ihm keinen Sohn. Nur er war derjenige, der manchmal, in einem tief verborgenen Wunschtraum, das Orakel als seinen Vater ansah.

Nagi erhob und verbeugte sich so tief es ging. „Natürlich, ich verstehe“, murmelte er und richtete sich erst wieder auf, als Crawford sein Zimmer verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hatte.

 

~~**~~

 

Der Kaffee schmeckte so bitter wie die Entscheidung, die sie getroffen hatte.

Manx hätte sich Zucker und Milch in das schwarze Gebräu mischen können, wie sie es für gewöhnlich tat. Sie hätte das Getränk zu einer willkommenen Nachtunterstützung machen können. Doch nicht heute und nicht bei der Entscheidung, die sie unter Berücksichtigung aller Umstände und Indizien, die ihr keinen anderen Schluss erlaubten, getroffen hatte.

Sie hatte die Eliminierung im Fall einer erfolglosen Gefangennahme von Fujimiya Ran, Abyssinian, Anführer von Weiß, vorbereitet und den Vorgang nun an Perser zur Entscheidung weitergleitet.
Noch einmal spielte sie alle Informationen vor ihrem inneren Auge ab, die zu ihrer Entscheidung geführt hatten. Er war aus dem Safehouse geflohen und hatte seine Schwester aus der sicheren Unterbringung Kritikers befreit. Die Wachen, die Birman zusätzlich eingeteilt hatte, waren brutal abgeschlachtet worden. Birman selbst war von dem verrückten Iren des feindlichen Teams angeschossen worden, kurz nachdem sie Weiß die Informationen über das Zusammentreffen ihres Anführers mit dem Orakel von Weiß übereicht hatte.
Es war ein Fehler gewesen, Omis Bitte, Aya nicht sofort zu inhaftieren, nachzukommen. Es war eine Nachlässigkeit auf Grundlage ihres Bauchgefühls und nicht der vorhandenen Informationen gewesen, die ihr gezeigt hatte, dass es eben nicht immer das Bauchgefühl war, auf das sie sich verlassen konnte und das sie im schlimmste Fall zwei Menschenleben kostete, die sich dem Dienst für die gute Sache verschrieben hatten. Insbesondere dann nicht, wenn es um Schwarz und ihre Absichten ging.

Alles deutete darauf hin, dass Ran sich mit dem Anführer von Schwarz verbündet hatte. Die Frage war nach wie vor warum und wieso das ausgerechnet auf dieser Mission geschehen war. Der Gedanke, dass sie einen Spion innerhalb ihrer Organisation hatten, war untragbar und dass es Abyssinian sein sollte, kam auch für Manx überraschend. Doch Schwachstellen mussten ausradiert werden und deswegen hatte sie eine Änderung von Fujimiyas Status beantragt, auf dass er entweder zu ihnen gebracht oder – wenn er sich seiner Gefangennahme widersetzte – eliminiert wurde.

Wenn sie überhaupt Erfolg damit haben würde, denn mit Schwarz hatten sie keinen leichten Gegner. Mühelos war es dem feindlichen Team gelungen, Omi zu entführen, in das Koneko einzudringen, das Safehouse ausfindig zu machen, Rans Schwester aus Kritikers Obhut zu entwenden und den Anführer von Weiß mitzunehmen. Die Frage war, warum. Das fragile Equilibrium, das sie mit Rosenkreuz trotz der unterschiedlichen Ziele über die letzten Jahre innehatten, umfasste eine solche Überschreitung der gesteckten Grenzen nicht. Das war ein Akt der Provokation und Manx fragte sich unweigerlich, ob das nun die Kriegserklärung war, die ihnen deutlich machte, dass die PSI-Organisationen nun alles daran setzte, ihren Wunschkandidaten an die Spitze Japans zu hieven.

Der Mann, der gerade in ihre Tür trat, würde ihr die Frage sicherlich beantworten können. Ernst erwiderte sie seinen ruhigen Blick, ebenso ernst überreicht er ihr die Akte, die sie ihm zur Information gegeben hatte.
„Ändern Sie seinen Status“, merkte er schlicht an und sie nickte. Leicht fiel es ihr nicht. Sie mochte Abyssinian, hatte ihn für seine Sturheit durchaus bewundert, auch wenn er sie desöfteren auf die Palme getrieben hatte mit eben jener und mit seiner Gier nach Rache. Er hatte Weiß gut getan und war mit seiner stoischen Ruhe der hintergründige Kleber im Zusammenhalt des Teams gewesen. Überraschenderweise hatte er Omi und Youji eine Stärke zurückgegeben, die es verhindern konnte, dass die beiden an ihren jeweils durchlebten Traumata zugrunde gingen.

„Warum jetzt?“, fragte sie, um sich von ihren sentimentalen und gefährlichen Gedanken abzulenken. Perser musste nicht fragen, was sie meinte. Auch seine Gedanken waren sicherlich in diese Richtung gelaufen.
„Die anstehende Wahl.“
„Also sollen wir destabilisiert werden?“
„Anscheinend ist die Dame des Hauses der Ansicht, dass die Kontrolle über meinen Bruder nun in alleiniger Hand ihrer Organisation zu liegen hat.“
„Ohne Sie zu informieren?“
„Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich.“
„Werden Sie sie kontaktieren?“
Perser schüttelte entschieden den Kopf. „Noch nicht.“
Manx nickte. Auch sie war wirklich nicht scharf darauf, Kontakt zu Rosenkreuz‘ oberster Exekutorin aufzunehmen. Jetzt würden sie sich erst einmal um die naheliegenden Probleme kümmern und Fujimiya ausfindig machen, die Informationskreise enger ziehen, andere Teams von ihren Aufgaben abziehen und sich darauf zu konzentrieren, genügend Beweise gegen Takatori zu sammeln, dass dieser niemals in seinem Leben dieses Land regieren würde.
„Ich nehme an, dass Weiß nicht über den Statuswechsel informiert werden soll?“, fragte sie und blickte in das von Ärger und Sorge gezeichnete Gesicht ihres Chefs.
„So ist es“, bestätigte Perser. „Wir können zum jetzigen Stand nicht davon ausgehen, dass der Rest von Weiß zu hundert Prozent loyal zu unserer Organisation ist und dass sie ihre Freundschaft nicht über die notwendigen Maßnahmen stellen.“
„Sehr wohl“, bestätigte Manx schweren Herzens. Bereits jetzt ahnte sie, auch ohne über einen Funken an Präkognition zu verfügen, dass sie auf stürmische, turbulente Zeiten zusteuerten.

 

~~**~~

 

Wozu folgte er seinem Anführer, wenn dieser seine ureigendste Aufgabe nicht wahrnahm und von seinem Recht Gebrauch machte, Regeln zu etablieren? War er nicht genau dafür da um diese festzulegen und sie kund zu tun in seinen immer strengen Worten, mit denen er die Wesen um sich herum auf sich prägte und sie das Fürchten lehrte?
Unwillig runzelte Jei die Stirn und grübelte über das Versagen des Mannes, der für sich beanspruchte, die Zukunft sehen zu können. Hatte er nicht gesehen, dass seine Befehle notwendig waren?
Mit dem Katalysator der Hellsicht hätte er in der Lage dazu sein sollen, dieses Problem zu lösen, mehr noch, es gar nicht aufkommen zu lassen.

Angewidert grollte Jei und griff zu seiner Zahnbürste, die nach einem kurzen, prüfenden Blick nicht durch die Finger des Weiß beschmutzt worden war, der immer noch unweit von ihm stand und ihn stumm maß.
Sein Anführer hatte versagt, die Regeln zu erklären in all seiner Hast, die ewig nach Informationen gierende Nervensäge mit Informationen zu versorgen. Ihr Ritual, ihr aller Ritual wurde durch den Eindringling durcheinandergebracht und wenn es noch später wurde, dann würde der rothaarige Teufel hier auftauchen, weil der Technikjunge das andere Bad belegte.
„Dein Platz ist in seinem Bad“, knurrte Jei missbilligend, doch die violetten Augen waren so ahnungslos wie es sein Anführer damals gewesen war. Nur dass Jei mit dem Weiß nicht soviel Geduld haben würde, wie er sie mit dem Hellseher gehabt hatte.
„Seinem?“, wiederholte die tiefe Stimme des Papageis und Jei ignorierte sie für die notwendige Zeit, die er benötigte, um seine Zähne gründlich zu säubern. Schließlich war die Antwort offensichtlich.

Nicht so für den Katalysator. Der weiße Technikjunge duschte nicht, sein Anführer kannte keine morgendlichen Regeln… In Jei keimte der frustrierende Verdacht, dass ihre Gegenspieler nicht so zivilisiert waren wie sie und das, obwohl dieses Land so verrückt auf seine Badkultur bestand.

Jei wusch sich sorgsam das Gesicht und drehte sich dann um. Wütend fixierte er den Weiß, dessen Finger weiß vor Anspannung waren, während sie sich in das Handtuch krallten, das den frisch geduschten Körper zumindest in der unteren Hälfte bedeckte. Wieder befand Jei, dass die Sprache ihres Orakels, so ausschweifend und überflüssig sie manches Mal auch war, den Weiß zu mehr Verständnis bringen würde. Er richtete sich auf und ahmte dessen Haltung nach, die unterstreichen würde, was er zu sagen hatte.

„Du gehörst nicht der Nervensäge oder dem Technikjungen oder mir. Du gehörst ihm, also gehe dorthin, wo du hingehörst und bringe nicht durcheinander, was du nicht weißt und wo du nicht hingehörst. Das hier“, Jei deutete entschlossen auf die Badematte, „…hat Regeln. Bevor die Nervensäge kommt–“
„Zu spät, mein kleiner Mondjunge“, gurrte es hinter ihm und Jei grollte erneut.
„Sieh, was du angerichtet hast, Katalysator!“, spie er dem Weiß hasserfüllt entgegen ohne auf den Telepathen einzugehen, der nun hinter ihm das Bad betrat. Die Regeln hatten einen Sinn. Sie hielten den rothaarigen Teufel von ihm fern. Sie schenkten ihm einen friedlichen, unverdorbenen Morgen. Es gab keine Ausnahme von diesen Regeln.

Wenigstens einten Fujimiya und ihn die Abneigung gegen die Nervensäge.

„Geh“, zischte Jei und der falsche Mann setzte sich in Bewegung, anscheinend mit Erleichterung, der Situation zu entkommen. Doch das würde Jei nicht zulassen. Unwirsch trat er in Fujimiyas Weg und schubste ihn zurück auf die Badematte, von der er kam. „Nicht du.“
Kampfbereit drehte er sich um und bohrte seinen Blick in den des Gedankenlesers.
„Du bist zu früh.“
„Du bist zu spät.“
„Arielle hat das falsche Meer gewählt.“
„Arielle hat vor allen Dingen eine Schwanzflosse, was man von dem Weiß nicht behaupten kann.“
„Geh“, zischte Jei erneut und trat einen Schritt auf den Telepathen zu, der befriedigenderweise vor ihm zurückwich. Gut so. Sehr gut.
„Ich bin dran“, grollte die harte, immer spöttische Stimme und Jei ballte die Hände zum Schlag. Wenn der Gedankenleser kämpfen wollte, dann würde er kämpfen. Wieder setzte sich der Weiß hinter ihm in Bewegung und wieder stieß er ihn zurück.
„Heute nicht. Heute werden die Regeln gebrochen.“
„Am Arsch werden sie das.“
Jeis Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das dem Teufel, der vor ihm stand, durchaus Konkurrenz machen konnte. Er griff zu einem der Handtücher und rollte es auf, war es doch eine Waffe, die sich gut gegen die Nervensäge bewährt hatte in den Anfängen ihrer Regeln.

„Willst du das wirklich?“, fragte der Telepath lauernd und Jei trat einen Schritt nach vorne. Eine weitere Warnung würde er nicht geben. „Wie wäre es, wenn ich den Weiß für mich kämpfen lasse?“, fragte er mit genüsslichem Amüsement und Jei bleckte die Zähne. Bevor er jedoch etwas dazu sagen konnte, erhob tatsächlich der Katalysator das Wort.
„Wie wäre es, wenn ich dich in der Badewanne ertränke?“, hielt der halbnackte Mann mutiger als er sein sollte dagegen und Jei grinste. Dumm war er, aber amüsant.
Die Gedanken, die nun zwischen den beiden Männern ausgetauscht wurden, schienen seine Vermutung zu bestätigen und endeten damit, dass der Weiß noch bleicher wurde als er es bisher war.

Schuldig lachte gehässig. „Hätten wir das geklärt. Also, Mondjunge, du hast eine Viertelstunde, dann komme ich rein, egal, ob du fertig bist oder nicht.“ Wut ließ die Tür laut ins Schloss fallen und Jei drehte sich zu dem Mann um, dessen Zittern erst nach ein paar Sekunden der intensiven Musterung verschwand.
„Die Regeln, Weiß. Ich, er. Niemand sonst. Du hast den Hellseher, gehe dorthin“, kürzte er ab, was zu retten war und deutete mit einem knappen Nicken zur Tür. „Geh und belästige jemand anderen mit deinem Sein.“

Jei seufzte tief, als der vor Überraschung immer noch stumme Mann seinem Befehl folgte und so tat, als wäre Jei der Anführer von Schwarz. Interessant, doch lange musste er das nicht vortäuschen, denn die Stimme des Mannes, der behauptete, eben jener zu sein, drang alsbald durch die geschlossene Tür zu ihm.
„Das Bad, das du nutzen wirst, befindet sich am hinteren Ende des Flurs. Du wirst es dir mit Nagi teilen und dich nach seinem Rhythmus richten.“ Unberechtigte Belustigung schwang in dem Bariton des Hellsehers mit und Jei runzelte unwirsch die Stirn.
„Mir das mitzuteilen, ist dir nicht früher eingefallen?“, stellte die raue, noch von dem morgendlichen, telepathischen Schreck zittrige Stimme die nötige und nachvollziehbare Gegenfrage.
„Wo bliebe da der Spaß?“
Jei grollte parallel mit dem Weiß. Es war kein Spaß, dem Telepathen morgens zu begegnen. Es gab Regeln, die einzuhalten waren. Das wusste sein Anführer.

Gerade der.

 

~~**~~

 

Widerwillig ließ Aya das Erstaunen in seinem Inneren zu, als er der Bibliothek des feindlichen Teams ansichtig wurde. Der vernarbte Mann, der anscheinend sein Wächter in diesem Haus war und ihn hierhergebracht hatte, nahm davon keine Notiz, sondern ging zum anderen Ende des Raumes zur bodentiefen Fensterfront.
So eine schlechte Meinung er auch über das feindliche Team hatte, so beeindruckt war Aya von dem großen Raum voller Bücher, der sich ihm hier präsentierte. Sowohl in den Regalen als auch auf dem Boden stapelten sie sich und gaben dem ansonsten kühlen Raum ein heimeliges Antlitz.
Doch davon sollte er sich nicht ablenken lassen, denn er hatte ja einen Auftrag hier.

Ohne Unterlass war die Zeit nach seinem Aufwachen an diesem Tag ein Hort der Überraschungen und abstrusen Erkenntnisse gewesen. Erst war der Ire des Teams ohne jede Scheu ins Bad gekommen, während er geduscht hatte. Im Anschluss daran, als wäre das nicht schon genug, war Aya Zeuge eines morgendlichen Krieges zwischen Berserker und Mastermind geworden, auf den er gerne hätte verzichten können. Kaum hatte er zu Ende gefrühstückt, hatte der Ire ihn mit einem knappen Befehl, ihm zu folgen, hierhin geführt. Wenigstens nicht der Keller, hielt sich Aya vor Augen. Und wenigstens nicht Schuldig.
~Schön, dass mein Eindruck auf dich so bleibend war, Weiß. Ich freue mich schon auf die kommenden Erinnerungen~, merkte eben jener in seinen Gedanken an und Aya zuckte zusammen. Es schmerzte nicht, aber er erschrak sich immer noch, wenn die Präsenz des Telepathen in ihn drängte. Alleine zu wissen, dass Schuldig seine dunkelsten Ängste kannte und sie gegen ihn verwenden konnte und, wie er heute Morgen im Bad auch bereits bewiesen hatte, sich nicht zu schade war, genau das auch zu tun, war mehr als erschreckend und einzig der Gedanke, dass er das alles hier für seine Schwester tat und erlitt, ließ ihn diese Tatsache in den hinterletzten Winkel seines Selbst schieben.

Wenigstens war er für den Mann vor sich nicht gläsern. Nicht, dass es die Situation einen Deut besser machte.

„Kümmere dich darum“, tönte es durch den stillen Raum und Aya sah, wie Farfarello auf etwas deutete, das er schwerlich als einen Haufen zerrissener Seiten identifizierte. Stirnrunzelnd trat er näher und besah sich das Gewirr aus Blättern und Schriftzeichen, die er nicht wirklich lesen konnte. Das Buch schien kostbar gewesen zu sein, bevor der Ire es zerstört hatte und beinahe tat es Aya leid darum.
„Ich soll es wegwerfen?“, hakte er nach, weil er aus den Worten des Schwarz nicht schlau wurde. Das Aufflammen einer Warnung in dem verbliebenen Auge ließ ihn jedoch an seiner eigenen Vermutung – so logisch sie auch war – zweifeln.
„Du sollst dich darum kümmern“, wiederholte Farfarello, als hätte er etwas Dummes gefragt. Entsprechend irritiert fuhren seine Finger über die sauber durchtrennten Seiten in, so erkannte er jetzt, Filipino. Er war mit seinen Eltern einmal dort gewesen, aber darüber hinaus hatte er noch nie etwas mit der Sprache zu tun gehabt. Fragend sah Aya hoch und hielt mit Mühe dem ausdrucklosen Blick stand, der schlussendlich in etwas überging, das er schwerlich als Resignation identifizierte.
„Der Technikjunge ist dafür verantwortlich. Richte es wieder.“
„Technikjunge?“, fragte er zweifelnd, anscheinend in einer konstanten Abwärtsspirale des Nichtverstehens gefangen.
„Dein Technikjunge.“

Sein Technikjunge? Ayas Augenbraue hob sich, als er nach einer schier endlosen Zeit endlich begriff, wen der Schwarz meinte. Doch beinahe gleichzeitig stellte sich die Frage, warum Omi dafür verantwortlich sein sollte, dass hier ein zerstörtes Buch lag.
„Er hat es zerrissen?“, fragte er und der Ire grollte aus tiefster Kehle. Instinktiv wich Aya zurück, ebenso instinktiv griff er zu seinem Katana, das sich immer noch nicht an seiner Seite befand.
Doch anscheinend dachte Farfarello nicht daran, ihn anzugreifen, im Gegenteil. Enttäuscht rollte er mit seinem verbleibenden Auge.
„Unser Technikjunge hat es zerrissen, weil ich deinen Technikjungen zurückgegeben habe. Entweder, ich bringe das Buch zu deinem Technikjungen und lasse es ihn wieder zusammensetzen oder du machst es.“

„Ich mache es“, erwiderte Aya automatisch, noch bevor sein Gehirn vollkommen verarbeitet hatte, was Farfarello gerade gesagt hatte. Besser er als Omi, selbst, wenn es darum ging, in Sysiphusarbeit ein verdammtes Buch zusammen zu kleben. Kein Schwarz sollte mehr in Omis Nähe kommen, wenn er es verhindern konnte. Sie hatten ihm genug angetan, da musste der verrückte Ire Omi nicht noch im Krankenhaus auflauern und ihn noch weiter traumatisieren.
Warum er allerdings ein Buch zusammenkleben sollte, das war ihm ein Rätsel, aber keines, das er hinterfragen würde. Wenn Schwarz wollten, dass er Seiten zusammenklebte um das Leben seiner Schwester zu retten, dann würde er das tun.

Besser, als wenn sie, wie von Schuldig angedroht…

Aya würgte den Gedanken ab. Nein, er wollte nicht darüber nachdenken, wieviel schlimmer sein Hiersein sein könnte. Er hatte dauerhafte Folter und Demütigung erwartet, während der Zeit im Keller sogar Vergewaltigung. Das, was er bisher stattdessen erhalten hatte, war eine Art der Normalität, die ihm immer noch eine Gänsehaut verursachte, weil es nicht zu der Vorstellung passte, die er von Schwarz hatte. Der das hier und der morgendliche Streit um das Bad waren mehr Menschlichkeit, als Aya von Schwarz zu ertragen bereit war. Sie hatten gefälligst die Monster zu sein, die er in ihnen sah für das, was sie Omi angetan hatten. Und doch saßen sie zusammen beim Essen und stritten sich darum, wer zuerst ins Bad durfte.

Über die letzten Stunden hinweg waren mehr und mehr Erinnerungen an seine Zeit direkt nach dem Aufwachen gekommen und hatten an Klarheit zugenommen. Keiner der Schwarz hatte diesen Zustand ausgenutzt, im Gegenteil. Retrospektiv war Crawford geradezu hilflos gewesen mit seinen ins Leere laufenden Befehlen und der schlussendlichen Resignation eben genau deswegen. Schuldig und Naoe hatten sich von ihm ferngehalten und Farfarello hatte nach einer im Nachhinein gruseligen Begutachtung mit einem abfälligen Schnauben Abstand von ihm genommen.

Doch auch jetzt war das Einzige, was ihn malträtierte, Schuldigs Kommentare und die Erinnerungen, die der Schwarz wie am heutigen Morgen in ihm aufwühlte. Gestern Abend hatte er einen eigenen Raum zugeteilt bekommen, ein kühl eingerichtetes Zimmer mit allem Notwendigen und einem Kleiderschrank, aus dem er die nächsten drei Monate seine Kleidung beziehen würde. Crawford hatte ihm das falsche - wie er nun wusste - Bad gezeigt, das er nutzen würde und er hatte ihn über seine weiteren, detaillierten Pflichten in Kenntnis gesetzt, zu denen es auch zählte, dass er an allen Mahlzeiten, die das Team zusammen einnahm, teilnahm, es sei denn, ihm wurde Anderes angewiesen. Darüber hinaus würde er sich – ebenfalls nach Weisung – in die kommenden Aufträge einarbeiten und sich in dem eigenen Fitnessraum im Keller körperlich fit halten.

Natürlich hatte Crawford es sich nicht nehmen lassen, ihn zum Schlafen ans Bett zu fesseln.

Unwohl rieb sich Aya über die gereizte Haut seiner Handgelenke. Es gab für alles ein erstes Mal und diese Nacht hatte er zum ersten Mal Handschellen getragen, die seine Hände an das Bettgestell fesselten. Die dunklen Stunden hatte er trotz bequemer Matratze und warmen Oberbett zum Großteil schlaflos aus dem Fenster gestarrt. Stumm hatte er den Geräuschen des Hauses gelauscht, die durch die Stille drangen und hatte versucht, sich mit dem zu arrangieren, was vor ihm lag, bis Crawford ihn in den frühen Morgenstunden losgebunden hatte. Abfinden konnte er sich mit dem Prozedere aber nicht, allerdings konnte er es ignorieren und sich konzentriert seiner Aufgabe widmen.

Zu der momentan der vor ihm liegende Wust an Seiten gehörte. Vielleicht hatte es mit einem der kommenden Aufträge zu tun und enthielt Informationen, die wichtig waren. Das beantwortete aber nicht die Frage, warum Naoe wütend gewesen war, dass Farfarello Omi ins Koneko zurückgebracht hatte. Schließlich waren beide dort gewesen und hatten zusammengearbeitet. Aya war versucht, Farfarello danach zu fragen, schloss es aber schließlich aus. So ruhig, wie sich der vernarbte Mann jetzt noch verhielt, so ungehemmt und tödlich konnte er werden und Aya würde sein Leben nicht unnötig aufs Spiel setzen für eine Frage, deren Antwort nicht lebensnotwendig war.

Da gab es etwas viel Dringenderes. „Zum Kleben der Seiten benötige ich Material“, merkte er an, als wäre es das Normalste, in der Bibliothek des feindlichen Teams ein Buch zu reparieren und als würde er das jeden Tag tun.
Farfarello legte nachdenklich den Kopf schief und nickte dann. „Die dritte Schublade von links oben im Schreibtisch.“
Aya sah sich um und runzelte die Stirn. „Hier gibt es keinen Schreibtisch.“
Wieder war er Empfänger eines Blickes, der ihm deutlich zu verstehen gab, wie dumm seine Antwort augenscheinlich gewesen war.
„Der Schreibtisch des Hellsehers.“
Na wundervoll. Aya rollte innerlich mit den Augen. Das Letzte, was er tun wollte, war, das Büro des Amerikaners zu betreten und um Kleber zu fragen, doch das geduldig wartende, unnachgiebige Auge des Iren teilte ihm dezidiert mit, wie wenig sein Wille hier eine Rolle spielte.

Mit einem Grollen drehte sich Aya von der puren Absurdität der Situation weg und machte sich auf in die Höhle des schon beim Frühstück missgelaunten Löwen, der sich die gesamte Essenszeit hinter seiner Zeitung verschanzt hatte.
Dass er nun vor der angelehnten Tür des Amerikaners stand und mithörte, wie dieser telefonierte, machte die Situation nicht besser, denn Crawfords Stimme war in pures Eis gegossene Höflichkeit, die keinerlei Emotionen erkennbar machte, aber genau dadurch ein Warnzeichen par excellence darstellte.
Wie es schien, kam das Orakel nicht viel zu Wort und selbst die wenigen Sätze, die er einstreute, wurden unterbrochen.

Aya musste sich nicht fragen, wer sich das Recht dazu nahm, eben die Warnungen des Schwarz in den Wind zu schlagen, die Aya die Haare zu Berge stehen ließen.
Das vor Höflichkeit nur so triefende „Natürlich, Takatori-sama. Ihrem Wunsch wird entsprochen.“ war ihm da keine Überraschung, sondern mehr eine Bestätigung des bereits Vermuteten, auch wenn alleine der Name des Mannes, den er hasste, seinen Blutdruck steigen ließ. Aus der nachfolgenden Stille folgerte Aya, dass das Gespräch anscheinend beendet war und er öffnete die Tür, gab dem anderen Mann seine Anwesenheit preis.

Dass die nicht erwünscht war, sah er auf den ersten Blick.

„Ich habe mir eigentlich vorgenommen, Katzenwitze außen vor zu lassen, aber das Sprichwort ‚Neugier ist der Katze Tod‘ ist dir geläufig?“, trug sich eine nonchalante Drohung zu ihm ohne dass Crawford von seinem Bildschirm aufsah. Aya schnaubte und lehnte sich an den Türrahmen.
„Ist dein Auftraggeber sich bewusst, dass du ihn verachtest?“, stellte er die an Suizidalität grenzende Gegenfrage und wurde pointiert mit absoluter Nichtachtung gestraft, die Aya Zeit gab, den anderen Mann in genaueren Augenschein zu nehmen. Die Blessuren waren beinahe abgeheilt und nur noch als Schatten zu sehen. Die Schonhaltung, mit der das Orakel in der kleinen Wohnung bei Lasgo Platz genommen hatte, war einem geraden Rücken gewichen, der Ayas Erinnerungen unwillkürlich zu Youjis erstem Kommentar über Crawford zurückführte: Der hat doch nicht nur einen Stock im Arsch. Was ist der? Ein britischer Butler?

Das Lachen in seinen Gedanken kam überraschend. Wieder zuckte Aya zusammen und wieder fluchte er stumm darüber. ~Der ist gut, den muss ich mir merken. Wunderbar, hat sich jetzt schon gelohnt, dir mit dem Aufriss deines Arsches zu drohen.~
Aya ließ Schuldig das ihn höchst befriedigende Bild dessen eigenen, toten, aufgespießten Ichs sehen und wieder kratzte das Lachen juckend an den Innenwänden seines Schädels.
~Hübsch, aber unrealistisch. Wie wäre es hiermit?~
Selbiges Bild verwandelte sich in Sekundenbruchteilen und nun war er derjenige, der aufgespießt auf einem Holzpfahl steckte. Aya schüttelte sich über das verstörende Bild und blinzelte, als er sich der Aufmerksamkeit stechend heller Augen bewusst wurde.

„Kann ich etwas für dich tun, Fujimiya, oder begnügst du dich damit, mich anzustarren, während du mit Schuldig kommunizierst?“
Aya hob seine Augenbraue. „Kleber und Klebefilmrollen.“
„Wofür?“
„Farfarello. Zweite Schublade links oben“, merkte Aya selbstironisch an und sah sich in dem kurzen Schnauben des Orakels gespiegelt, das in keinem Fall darüber hinwegtäuschen konnte, dass Crawford nicht schon längst in Farfarellos Vorhaben eingeweiht gewesen war. Nichts in diesem Haus würde geschehen, ohne dass der Hellseher es wollte oder absegnete… bis auf Omis Entführung, wie ihm eine kleine, hämische Stimme zuflüsterte.
So war es kein Wunder, dass Crawford in die Schublade griff, den Kleber und die Klebefilmrollen herausholte und ihm alles zuwarf. Zielgerichtet traf Crawford seine Hand, nicht, dass Aya etwas Anderes als vollständige Präzision erwartet hatte.
„Sonst noch etwas? Vielleicht Handmalfarben und eine Bastelschere?“
„Nein, aber ich möchte meine Schwester sehen.“

So sehr es danach klang, als käme seine Antwort aus heiterem Himmel, so sehr hatte es eine Verbindung zu Crawfords spöttischer Frage. Seine Schwester hatte es geliebt zu basteln und bunte kleine Tiere und Blumen zu falten, auch wenn sie nicht wirklich ein Talent dazu gehabt hatte. Das war Aya zugefallen, auch wenn er kein Interesse daran hatte.
Die Erwähnung an Handmalfarben und Bastelscheren war – so gewollt oder ungewollt sie auch war – daher unwillkommen, denn Aya glaubte nicht, dass der Amerikaner ihm seinen Wunsch erfüllen würde. Das passte nicht zu Schwarz. Eher würde er eine erneute Drohung erhalten, die ihm klarmachte, was seine Aufgabe hier war.

Vermutlich sah Crawford das auf seinem Gesicht, während er Aya aufmerksam musterte und sich schließlich wieder seinem Bildschirm widmete. Natürlich. Seine Frage nach Aya war also noch nicht einmal eine Antwort wert… schnaubend schluckte er seine Enttäuschung hinunter und drehte sich weg, bereit das Büro zu verlassen, als ihn das missbilligende Zungenschnalzen des Orakels zurückhielt.
„Komm her“, befahl Crawford und Aya war geneigt, dem nicht zu folgen, denn dass der Anführer von Schwarz ihm eine Lektion erteilen wollte, stand ganz klar in dessen Gesicht. Doch er gehorchte, denn den Zwang, der solchen Worten unweigerlich folgen würde, konnte er sich auch ersparen.

Langsam bewegte sich Aya in den Raum hinein und kam um den Schreibtisch herum. Unwillkürlich fragte er sich, ob es Gewalt sein würde oder etwas, das ihn anderweitig aus der Bahn werfen sollte und konnte im ersten Moment mit den Zahlenreihen, die er auf dem Bildschirm des Anderen sah, nichts anfangen.
Fast war Aya versucht zu fragen, doch Crawfords allwissend arroganter Blick hielt ihn davon ab, so richtete er seine Aufmerksamkeit erneut auf die Tabellen und stellte fest, woher die Zahlen ihm auf den zweiten Blick so bekannt vorkamen.

Er griff im gleichen Moment nach der Mouse, in dem Crawford sie losließ und scrollte die Daten hinunter, die ihm alles mitteilten, was er wissen musste. Hier fand sich alles, über ausführliche Blutwerte, komplette Vitalzeichen im Verlauf der letzten Tage, Medikamentengaben einschließlich der entsprechenden Mengen, Zeiträume und Zeitpunkte, Reaktionszyklen.
Überrascht sah Aya zu dem Mann links neben sich, der mit nunmehr ausdruckslosem Blick zu ihm hochsah. Das war mehr, als er erwartet hatte, doch gerade so wenig, dass seine Sorge um seine Schwester sich nur ein Stück weit abmilderte. Wie gerne würde er ihre Hand halten, ihren Puls unter seinen Fingern spüren, damit er wusste, dass all das, was hier schwarz auf weiß in der Tabelle stand, auch seine Berechtigung hatte.
„Das ist meine Schwester“, holte er sich dennoch die Bestätigung, die er so dringend brauchte und ein kaum merkliches Nicken war seine Antwort darauf.
„Ich möchte sie sehen, Crawford“, wagte er das vermutlich Unmögliche, doch auch hier nickte das Orakel. Nur eine Tastenkombination und die Tabelle mit den Werten verschwand, machte einem Überwachungsprogramm Platz, das anscheinend mittels einer Liveübertragung ein Zimmer zeigte.

Ein Krankenzimmer. Ayas Krankenzimmer, so erkannte er nun, als er sich seiner Schwester auf dem Bett gewahr wurde. Crawford zoomte schweigend an das Bett heran und gewährte Aya seinen ausführlichen Blick auf das schlafende Mädchen, das beinahe friedlich aussah. Nichts deutete darauf hin, dass sie verlegt worden war. Nichts deutete darauf hin, dass sich nun andere Ärzte, die er nicht kannte, um sie kümmerten.
Sechs Tage war es her, dass sie aus dem Krankenhaus entführt worden war und sie sah gepflegt aus. Er konnte keine Spuren von Vernachlässigung ausfindig machen. Ihre Werte waren so, als wäre sie nie transportiert worden.

Wieder verscheuchte Aya Crawfords Hand, dieses Mal von der Tastatur, und er zoomte wieder heraus, nahm das Krankenzimmer als Ganzes in Augenschein. Die Geräte und Monitore waren um ein Vielfaches moderner und er sah Zimmerpflanzen, die auf der Fensterbank standen, die anscheinend gerade so außerhalb des Kamerawinkels lag, dass er die Umgebung nicht erkennen konnte. Natürlich. Das Bett selbst war auf dem neuesten Stand des Liegekomforts und beugte mit seiner speziellen Beschaffenheit einem vorzeitigen Wundliegen vor. Stirnrunzelnd hielt Aya inne, als er ein Geräusch hörte und drehte die Lautstärke höher. Tatsächlich, es war Musik, die gespielt wurde. Leichter Pop in Zimmerlautstärke.
Fragend richteten sich seine Augen auf Crawford und dieser zuckte scheinbar desinteressiert mit den Schultern.
„Musik ist laut Meinung der behandelnden Ärztin förderlich für die Genesung von Komapatienten. Entsprechend ihres früheren Geschmacks wurden die Playlists angepasst. Hinzukommen tägliche Massagen und Gespräche über ihr genehme Themen um etwaige Reaktionen zu fördern und neue Reize zu implementieren. Für deine Schwester ist ein Team an zwei Schwestern und einer Ärztin eingeteilt, die sich um ihre Genesung kümmern.“
Aya blinzelte. Eine solch ausgedehnte Einzelbehandlung hatte er sich nie leisten können. Im Magic Bus Hospital war Aya eine unter vielen gewesen, gut versorgt, aber eben auch nur das.

„Warum?“, stellte er die Frage, die ihm bereits seit der Tabelle auf der Zunge brannte und Crawford lehnte sich gönnerhaft zurück. Aya sollte ihn für eben diese Arroganz hassen, das wusste er, aber er konnte nicht. Gerade jetzt fand er nicht den Willen dazu, auf die Provokation des Schwarz einzugehen.
„Weil ich es so wünsche. Und jetzt tu mir einen Gefallen, Fujimiya, und halt mich weiterhin bei Laune. Zum Beispiel, indem du mich meine Arbeit machen lässt. Sei ein braver, erpressbarer Auftragsmörder und gehe Bücher kleben.“

Aya verstand den Rauswurf nur zu gut, dennoch blieb er für einen Moment lang stumm und schweigend stehen und sah auf Crawford herab. Natürlich sollten die verletzenden Worte, ja, die warnenden und drohenden Worte, ihm aufzeigen, was seiner Schwester genommen werden würde, wenn er nicht gehorchte. Aber alleine, dass sie soviel mehr erhielt, als notwendig war, wäre von Anfang an nicht notwendig gewesen.
Erst, als Crawford betont das Programm der Überwachungskamera ausschaltete, konnte er sich aufraffen und trat einen Schritt zurück, dann noch einen. Schweigend drehte er sich um und strebte in Richtung Flur, nicht jedoch, ohne einen Blick auf das Schachbrett zu werfen, auf dem bereits wieder eine Partie gespielt wurde – dieses Mal ohne ihn. Stirnrunzelnd besah er sich das Ganze und verschob unter warnendem Grollen das weiße Pferd in Richtung der schwarzen Dame.
„Finger weg, Fujimiya“, drang Kälte in seinen Rücken und er schmunzelte kurz.
„Gardez“, erwiderte er ohne Crawford anzusehen und verließ das Büro.

 

~~**~~

 

Schweigend hockte Youji auf dem Dach ihres Hauses und ließ die Geräusche des Abends auf sich wirken, die durch die Häuserschluchten zu ihm drangen, während er die vorbeiziehenden Vögel beobachtete, die es sich auf den oberirdischen Stromleitungen gemütlich machten. Er zog an seiner mittlerweile siebten Zigarette; der bittere Geschmack verätzte seine Geschmacksknospen und versengte seine Zunge, wenn er nur tief genug einatmete.
Geschah ihm recht.
Die unterschwellige Wut und das wohl verborgene Misstrauen ihres Jüngsten geschah ihm recht. Sein Hausarrest geschah ihm recht. Jeder einzelne Alptraum, der ihn in der letzten Woche aus seinem Schlaf gerissen hatte, geschah ihm recht.

Er trug die Schuld an all dem hier: dass Schuldig Omi entführt hatte, dass Aya und seine Schwester verschwunden waren, dass sie das Vertrauen Kritikers verloren hatten. All das war seine Schuld, denn er hatte gemeint, Crawford erpressen zu können.
Müde wischte sich Youji über seine brennenden Augen. Er war Schuld und er hatte keine Möglichkeit, sie wieder gut zu machen. Egal, wo sie gesucht hatten, Aya war nicht zu finden. Es gab keine Spuren zum Verbleib ihres Freundes und Anführers, doch sie alle befürchteten einstimmig, dass Schwarz sich ihn geholt hatte.
Und was das feindliche Team mit dem Mann anstellen würde, der sich dem Orakel beinahe aufgezwungen hatte, das konnte Youji sich an fünf Fingern abzählen. Wenn Aya überhaupt noch lebte, dann würden sie ihn gerade jetzt vermutlich foltern und heilen und wieder foltern. Immer und immer wieder, bis das Orakel endlich genug hatte. Vermutlich würden Weiß den Körper ihres Freundes kurz danach finden, missbraucht und tot, abgelegt vor dem Koneko als eine Warnung an sie alle.

Die Tränen, die aus seinen Augen tropften, wischte er wütend weg. Es brachte Aya nichts, wenn er bei dem Gedanken an ihn anfing zu weinen.

Hinter ihm ging die Tür auf und er versteifte sich. Wer es auch war, er hatte keine Lust zu reden. Er wollte nicht hören, dass er nicht Schuld war. Er wollte nicht hören, dass Schwarz diejenigen waren, auf deren Konto alles ging. Er war es leid, entschuldigt zu werden.
„Youji.“ Omi war es also, der traumatisierte junge Mann, dessen nächtliche Schreie wie Peitschenhiebe für Youjis Ohren waren. Vielleicht hatte er nur Essen bestellt und wollte ihn holen. Vielleicht war auch Manx da um ihnen ihren nächsten Auftrag zu geben. Vielleicht…
„Du verheimlichst uns etwas.“

Oh Scheiße.

Youji nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und ließ sich die heiße Asche auf die Handoberfläche rieseln. Es schmerzte, aber nicht genug für seine Sünden.
Er verschwieg Weiß etwas? Sicherlich. Aber Omi wollte garantiert nicht hören, dass seine Quasiziehmutter Weiß verraten hatte und mit Lasgo gemeinsame Sache gemacht hatte. Er wollte sicherlich nicht hören, dass Aya sich beinahe Crawford aufgezwungen hätte. Er wollte sicherlich nichts davon hören.
Youji schwieg, so wie er die letzten Tage geschwiegen hatte und sah erst auf, als Omi ihm die Zigarette wegnahm und sie nach unten warf. Schweigend nahm er Youjis verletzte Hand, barg sie in seiner eigenen und setzte sich neben ihm auf die metallene Abdeckung ihre Belüftungsanlage, die protestierend knarzte. Sie würde halten, das wussten sie beide, hatten sie doch schon oft hier gesessen und geredet.

Gemeinsam beobachteten sie die Umgebung und schlussendlich seufzte Omi.

„Ich habe mit Lasgo geschlafen“, richtete er an niemand bestimmten und Youjis Kopf fuhr so schnell herum, dass er befürchtete, sich einen oder zwei Nackenwirbel angeknackst zu haben.
„Du hast was?“, fragte er ungläubig nach.
„Ich habe mit Lasgo geschlafen ohne zu wissen, dass er es ist. Erst als Mastermind es gesagt und Oracle es bestätigt hat, habe ich davon erfahren.“
Youji schluckte und sah auf ihrer beider Hände hinunter. Er hatte durchaus bemerkt, dass Omi Angst vor ihm hatte und dass er in den letzten Tagen mehr als einmal vor ihm zurückgewichen war. Youji war nicht dumm, er wusste, dass der Grund Schuldig hieß, dem er gar nicht mal so unähnlich war. Dass Omi den Mut aufbrachte, ihm so nahe zu kommen, war ein Testament an den Willen ihres Jüngsten, das Team zusammen zu halten und sie zu stärken und wer wäre Youji, diesen Versuch nicht mitzutragen?

Ganz abseits davon, dass er mit einem Geheimnis um die Ecke kam, das ihm in der jetzigen Lage seine ohnehin schon eingeschränkte Bewegungsfreiheit nehmen würde.
„Wie fühlst du dich damit?“, fragte Youji sanft und Omi zuckte mit den Schultern.
„Es hat Spaß gemacht…das macht es weniger schlimm. Das Wissen, benutzt worden zu sein, das ist es, was mich richtig wütend macht.“
Youji nickte. „Wir kriegen ihn und dann werde ich die Scheiße aus ihm herausprügeln für das, was er dir angetan hat“, grollte er und Omi schnaubte amüsiert.
„Er war charmant und zuvorkommend. Er hat es verstanden, in mir das Gefühl zu wecken, ich wäre sein Ein und Alles. Und er war wirklich gut, er wusste ganz genau, was ich brauche und was mich scharf gemacht hat.“
Youji stöhnte auf. „Du kommst mir jetzt nicht gleich mit komischen Details um die Ecke, oder?“ Wenn ihn etwas wirklich wirklich wirklich nicht interessierte, dann war es das Liebesleben ihres Jüngsten. Das war Omis Privatsache.

„Und darüber hinaus hatte ich Besuch von Naoe“, wartete Omi mit einer weiteren Überraschung auf und Youjis Augen weiteten sich entsetzt. Vielleicht wollte er doch lieber die Details von Omis Stelldichein hören, wenn sie weniger abstrus wären.
„Du hattest was? Hat er dich verletzt? Warum hast du nichts gesagt? Wann war das? Wo war das?“, sprudelten seine hektischen Fragen nur so hervor und instinktiv packte er Omis Hand, drückte sie versichernd. Doch zu Youjis Erstaunen lächelte Omi nur bitter und seufzte kopfschüttelnd. Verlegen strich ihr Jüngster sich durch die Haare und sah zum Dach des gegenüberliegenden Gebäudes.
„Die Sachen, die ich getragen habe, als er und Farfarello mich zurückgebracht haben, waren seine. Farfarello hat sie anscheinend aus seinem Kleiderschrank gestohlen, so hat Prodigy darauf bestanden, sie zurück zu holen. Vor ein paar Tagen wartete er dann in meinem Zimmer auf mich und hat die Sachen eingefordert.“
Youji schluckte mühsam. „Davon hast du nichts gesagt, Omi. Wir hätten unsere Sicherheitsvorkehrungen…“
Omi schnaubte abfällig. „Es gibt keine Sicherheitsvorkehrungen, wenn es Schwarz betrifft. Was willst du auch gegen einen Telepathen, einen Telekineten und einen Hellseher tun?“, fragte er und ließ den Kopf hängen. Nichts konnten sie gegen das feindliche Team anrichten, das stand ganz klar in dem gepeinigten Gesicht. Nichts, das wusste auch Youji. „Deswegen habe ich vorher nichts gesagt, ich wollte keine unnötige Angst schüren. Und zu dem Zeitpunkt war Aya auch noch da und nicht...“

Der Satz verlor sich beinahe zu einem Flüstern und Youji wuschelte Omi vorsichtig durch seine weichen Strähnen. Noch viel sanfter zog er ihn an sich und schlang seinen Arm um die zitternde Gestalt.
„Wir finden ihn, Omi. Ganz sicher. Irgendwie werden wir ihn schon finden.“
„Ich habe Naoe gefragt, ob sie Aya haben und ob es ihm gut geht. Er hat beides bejaht“, wisperte Omi und Youji spürte, wie die ersten Tränen auf seine Schulter tropften. „Er sei nicht freiwillig bei ihnen, aber es gehe ihm gut, das hat er gesagt. Und anscheinend…foltern sie ihn nicht…“, setzte Omi heiser nach.

Youji lauschte den Worten nach, die trotz ihrer Eindeutigkeit eine solche Wucht an widerstreitenden Gefühlen auslösten, dass es ihm schwerfiel, sie zu begreifen. Unglauben, an allererster Stelle. Hatte Naoe die Wahrheit gesagt oder hatte er Omi angelogen um ihn von einer anderen Spur abzubringen? Wieso sollte Schwarz Aya und seine Schwester ebenso entführen und sich dann nicht an ihm rächen? Das Bild seines Anführers, wie er Crawford stützte ebenso wie das, wo sie zusammen lächelten kam ihm in den Sinn und war mehr Strohhalm als Beweis. Wäre Youji ein hoffnungsloser Optimist würde er sich daran klammern, doch als Realist verwarf er die Möglichkeit, dass es eine Art von Dankbarkeit war. Pragmatismus war da eher wahrscheinlicher.
Neben dem Unglauben stand die Angst um Aya. Sicherlich hatte der Schwarz eine andere Definition als sie, wenn es darum ging, ob es einem Gefangenen gut ginge, so hatte Youji nicht nur Angst um Ayas körperliche Unversehrtheit, sondern auch um seine geistige.
Nicht zuletzt war es aber auch Wut, die seinen Magen zusammenkrampfte. Wie konnte es Schwarz wagen, ihren Anführer zu entführen. Wie konnten sie es wagen, sich an ihnen zu vergreifen, insbesondere nachdem Aya Crawford zurück nach Tokyo gebracht hatte. War das der Dank?

Denn dass Aya freiwillig dort war, also dass er sie und ihre Organisation verraten hatte, schloss er nach Naoes maßgeblicher Antwort vorsichtig aus.

Große, blaue Augen sahen zu Youji hoch und bohrten ihm in all ihrer Intensität den Speer quer durch sein Herz. Omi schniefte und lächelte versuchsweise schief, auch wenn da noch einiges an Luft nach oben war auf der Fröhlichkeitsskala. Der Versuch zählte und das beruhigte Youji ungemein.
„Und jetzt bist du dran, Youji. Was verheimlichst du mir?“, setzte Omi hinterher und der älteste Weiß zuckte nicht nur innerlich zusammen. In solchen Momenten vergaß er immer, dass ihr Taktiker durchaus ein emotionaler und sensibler Mensch war, dass er aber auch ein gnadenloser Stratege und Pragmat sein konnte. Stumm fluchte Youji, als er sich bewusst wurde, dass er aus der Nummer nicht mehr herauskam und das alles, was er nun als Ausrede fände, abblitzen würde.

„Das ist unfaire Kriegsführung“, murmelte er und Widerstand blitzte in den rotgeweinten, blauen Augen. Omi war bereit zu kämpfen, das sah Youji, doch er wollte nicht, dass ihr angeschlagener Jüngster nun auch gegen sie Krieg führen musste. Zumal er die Wahrheit verdient hatte. Wer, wenn nicht Omi? Youji konnte da nur hoffen, dass er all das, was er ihm nun auftischen würde, auch verkraftete. Er atmete tief durch.
„Birman macht gemeinsame Sache mit Lasgo. Sie hat Kritiker zugunsten des Menschenhändlers verraten und sich ebenso an Crawford vergangen wie Lasgo auch. Als Aya wieder nach der Mission wieder zurückgekommen ist, hat sie ihn mit seiner Schwester erpresst und die Männer, die augenscheinlich als Bewachung für seine sie gelten sollten, waren Auftragsmörder für den Fall, dass Aya ihr nicht gehorcht“, versuchte er möglichst ruhig und neutral das wieder zu geben, was Aya ihm erzählt hatte und beobachtete jede einzelne Regung in Omis Gesicht.

Doch da war nichts zu lesen. Aufmerksam lauschte Omi und nahm jedes Wort, das Youji ihm sagte, so wie es war ohne es zu kommentieren. Doch Youji sah, wie die Denkprozesse hinter der Stirn ihres Jüngsten Fahrt aufnahmen und Informationen und Ereignisse zusammenfügten, sich ein Bild machten und eine Strategie entwarfen. Einen emotionalen Zusammenbruch aber erlebte er nicht, ganz im Gegenteil. Entschlossenheit ließ Omi die Lippen zusammenpressen und Ernst schulte seine Gesichtszüge auf Schärfe, die ihn einen Moment lang Perser erschreckend ähnlich sehen ließen.

Wenn er sich denn einen Bart wachsen lassen und die Fünfzig knacken würde. Irgendwann einmal.

„Das erklärt, warum Berserker Birman angeschossen hat“, war das Erste, was Omi daraus schloss und Youji nickte.
„Und du hast mich darüber nicht in Kenntnis gesetzt, weil…“
„…ich nicht wusste, ob noch jemand mit drinhängt und ich, ebenso wie Aya auch, dich und Ken nicht gefährden wollte.“
„Bist du jetzt klüger als vorher?“
„Nein, ich weiß nicht, ob nicht auch Manx korrumpiert wurde oder Perser selbst.“
„Das lässt sich herausfinden.“
„Sicher, Omi, aber ich gehe davon aus, dass wir sowieso schon beobachtet werden. Weitere Nachforschungen sind da zu gefährlich.“

Der Blick, den Omi ihm darauf zuwarf, ähnelte viel zu sehr Ayas „du redest Stuss“-Ausdruck, als dass Youji nicht unweigerlich darüber grinsen musste. Und hatte er nicht auch Recht? Ihre Arbeit war per se gefährlich und jeder Auftrag konnte ihr letzter sein, wenn sie nicht auf sich und das Team aufpassten und als eine Einheit zusammenarbeiteten. Ihr Gegenspieler war gefährlich und das ihn schützende Team war in schlimmsten Tagen eine unlösbare Aufgabe, in besseren ein hochgradiges Ärgernis. Was war da denn schon etwas Stress mit ihrer eigenen Organisation?, fragte sich Youji ironisch und seufzte.
„Ja, du hast Recht“, stimmte er dem nonverbalen Widerspruch ihres Taktikers zu. „Die Frage ist, was machen wir?“
Omi hob die Augenbraue, immer noch so beunruhigend gelassen. Doch ein Blick auf die schmalen Finger sagte Youji, dass der Ausdruck nur eine Fassade war. Omi hatte seine Hände zu Fäusten geballt, die weiß waren vor Anspannung. Er war so wütend, dass er zitterte, erkannte Youji.
„Ich war noch nie bei Birman, Manx oder Perser zuhause“, erwiderte Omi mit einer Note von Dunkelheit in der Stimme, die Youji unwillkürlich einen Schauer über den Rücken trieb.
„Wir wissen nicht, wo sie wohnen.“
„Noch nicht.“ Omi lehnte seinen Schopf wieder an Youjis Schulter und seufzte, doch in dem Seufzen war nichts Leichtes, ganz im Gegenteil. Es verhieß nicht Gutes. „Aber das lässt sich leicht ändern.“

 

~~~~~~~~~~~~
Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Das dumpfe Auftreffen von Fäusten auf das Leder eines Sandsackes hörte Aya, noch bevor er den Kellerraum betreten hatte. Ein rhythmisches Stakkato hallte durch den Flur und ließ ihn innehalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich nicht um den Amerikaner handelte, war gering. Farfarello befand sich oben in der Bibliothek und hatte sich mit dem Buch, das er just in dem Moment fertig geklebt hatte, in seine, wie es schien, Leseecke zurückgezogen. Aya hatte er unmissverständlich herauskomplimentiert und ihn somit dem deutschen Telepathen ausgeliefert, der fürchterlich singend durch das Haus gezogen war, anscheinend auf der Suche nach Naoe, der sich wie immer in den letzten Tagen in seinem Zimmer verkrochen hatte.

Auch wenn Aya musikalische Untermalung bevorzugte, war er vor den fremden, schiefen Worten und Tönen wie auch vor dem Pfeifen geflohen und hatte beschlossen, die von Crawford so charmant geforderte Fitness zu praktizieren. Dass er dabei gleich auf das Orakel treffen würde, hatte er nicht bedacht, was ihn unschlüssig vor der offenen Tür zum Fitnessraum stehen bleiben ließ. Aufmerksam ruhte sein Blick auf Crawford, der in dem Sandsack anscheinend ein lohnenswertes Ziel sah und regelrecht brutal auf ihn einprügelte.

Das Tanktop, was dieser trug, war nassgeschwitzt und Aya fragte sich, wie lange der Anführer von Schwarz wohl schon hier unten war und seine Muskeln trainierte. Denn dass dieser über eben jene verfügte, war nun unzweifelhaft… seltsamerweise unzweifelhafter als es bei Lasgo gewesen war und Aya runzelte die Stirn ob der Tatsache, wie sehr die äußeren Umstände seine Wahrnehmung des anderen Mannes doch beeinflusst hatten.
Crawford hatte nicht innerhalb von Wochen an Muskeln zugelegt. Den gleichen Körperbau hatte Aya schon bei Lasgo gesehen, viel unbedeckter und eindringlicher. Doch er hatte die tödliche und brutale Kraft, die in den Muskeln steckte, dort nicht so offen gesehen wie hier. Jeder Schlag, den Crawford tat, war dazu gedacht, einem Gegner das Leben aus dem Leib zu schlagen, präzise, zielgerichtet und entschlossen. Es gab noch nicht einmal eine Millisekunde des Zögerns, bevor die Faust auf das Leder traf.

Wieder und wieder und wieder. Aya wettete sein ganzes Vermögen darauf, dass der Sandsack in diesem Moment das Gesicht des Drogenhändlers trug.

Der Weiß folgte den Muskelsträngen in ihren Bewegungen. Der Stand des anderen Mannes passte sich automatisch an, ebenso wie die Drehung der Hüfte und der Schultern. Unter der legeren Hose zeichneten sich noch ganz andere Muskeln ab und Aya wandte den Blick ab, als er sich alleine bei dem Gedanken daran ertappte. Lieber kehrte er da zu den Hämatomen zurück, die unter dem Tanktop Crawfords hervorblitzten, und runzelte fragend die Stirn. Lasgo hatte ihm diese nicht zugefügt. Sie waren zu dunkel, als dass sie noch auf das Konto des Menschenhändlers gehen konnten. Ebenso passten die runden, roten Flecken zwischen ihnen nicht dazu, die er erst mit Verspätung als minimale Verbrennungen erkannte. Auch das hatte Lasgo nicht getan und Aya fragte sich, was in der Zwischenzeit wohl passiert sein mochte.

~Ist das deine kümmernde Seite, Fujimiya? Wie rührend.~
Aya zuckte zusammen und ärgerte sich keinen Moment später über sich selbst und über Schuldig, der seine Gedanken natürlich zum Anlass nehmen musste, sie zu kommentieren. Als hätte er nichts Besseres zu tun.
~Habe ich auch nicht, du Quell ewiger Frustration. Ich labe mich an deinem Unglück, das du mir so überbordend zur Verfügung stellst.~
Ja, das wusste Aya nur zu gut. Natürlich tat Schuldig das ausgiebig und ohne Gnade. Dort, wo es ihm passte und wo er konnte, kommentierte er Ayas Gedankengänge und ließ ihn eines ums andere Mal erkennen, dass er nicht mehr alleine war. Hatte Aya gedacht, dass das Ertragen dessen besser werden würde, so täuschte er sich. Mit jedem Eindringen wurde er unruhiger und ungehaltener, so als würde sich sein Geist gegen das Eindringen wehren. Er hoffte, das würde sich nicht noch weiter steigern. Oder Schuldig würde von ihm ablassen.
~Keine Chance, Weiß.~
Natürlich nicht.

„Gibt es einen Grund für dein Starren?“, durchschnitt die beneidenswert ruhige Stimme des Orakels seine Gedanken und Aya sah abrupt auf. Dunkel ruhte der Blick des Schwarz auf ihm, während er sich mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn wischte und vorsichtige Schlucke aus seiner mitgebrachten Flasche nahm, in der sich sicherlich alles, aber kein Wasser befand.
„Schuldig.“
Crawford schnaubte abfällig. „Es ist wenig zielführend, dass du dich von ihm derart ablenken lässt, Fujimiya.“
Wenig zielführend? Aya hob die Augenbraue ob der arroganten Feststellung. „Große Töne von dem Mann, der seine Schilde anscheinend noch nie aufgegeben hat.“
„Ich bin ja nicht lebensmüde, Schuldig Zutritt zu meinen Gedanken zu gewähren“, lachte Crawford und warf die Flasche wieder auf die nahegelegene Bank. „Mach dich warm, Fujimiya, ich will sehen, wie weit ich dich im Nahkampf gebrauchen kann.“

Aya wusste nicht so recht, was er von diesem allzu freundlichen Befehl halten sollte. Ein Kampf gegen Crawford? Nichts wäre ihm lieber, denn die Vorstellung, dem Amerikaner ein oder zwei oder gleich ein Dutzend Kinnhaken verpassen zu können, hatte wahrlich etwas für sich.
~Als wenn Ihr auch nur einen halben landen könntet, Eure Großkotzigkeit.~
~In Anbetracht der Tatsache, dass sich Crawford ansonsten nur traut, gefesselte Jungen zu schlagen, bin ich da guter Dinge.~
~Soll ich deine Bewegungsfreiheit ein wenig einschränken und dich im richtigen Moment lähmen, Weiß? Mache ich gerne, wenn du so weiter machst.~
Sich mit Crawford zu schlagen hatte definitiv seine guten Seiten, auch wenn Aya bereits jetzt ahnte, dass der Amerikaner ganz und gar nicht nachsichtig mit ihm sein würde. Sicherlich würde er mehr einstecken als er selbst austeilte. Doch ein paar wohlplatzierte Schläge…

Er löste sich aus seinen Gedanken und legte seine mitgebrachten Sachen auf die Bank, möglichst weit von denen des Schwarz entfernt. Crawford abgewandt dehnte und streckte er sich, wärmte seine Muskeln solange auf, bis er die Gefahr von Rissen und Zerrungen minimiert hatte.
Erst dann drehte er sich schweigend zu Crawford um, der ihn mit arrogantem Amüsement maß und ihm schon vor ihrem Kampf zu verstehen gab, wer von ihnen beiden als Sieger hieraus hervorkommen würde.

Wollten sie doch mal sehen.

Crawford deutete auf die Matte und Aya folgte dem Orakel. Das hier hatte er schon oft mit Ken und Youji, aber auch mit Omi praktiziert. Der Unterschied zu jetzt war ganz eindeutig, dass es ihm bei seinem Team nicht in den Fingern gejuckt hatte, seinen Opponenten zu töten.
„Regeln?“
„Keine“, erwiderte Crawford auf seine Frage und schlug zu.
Fast hätte Aya dem Schlag nicht ausweichen können. Fast hätte ihn dieser im Gesicht getroffen mit all seiner Wucht, wäre da nicht die verräterische Dunkelheit in den Augen des Orakels gewesen, die seine Absichten einen Bruchteil vor Ausführung angekündigt hatte. Ein schmutziges Training wollte Crawford also? Ohne Netz und doppelten Boden? Konnte er bekommen.

Beinahe schon vermeinte Aya das leise Klick zu hören, mit dem er eben jenen Hebel in seinem Kopf umlegte, der von Training auf Auftrag umschaltete. Die Welt um ihn herum verengte sich gänzlich auf seinen Gegner, stumm fixierte er ihn und die Bewegungen seiner Muskeln, die Aya kleine Hinweise darauf gaben, was Crawford als nächstes tun, wohin er schlagen würde. Sein Instinkt übernahm seine eigene Verteidigung, blockte, wich aus, wich zurück, taxierte und verwertete die erlangten Informationen für Ayas Strategie.

Natürlich hatte er schon mehr als einmal gegen Crawford gekämpft. Im Laufe der Jahre müssten es um die hundert Male gewesen sein, in denen sie sich geschlagen hatten, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Und doch war es jetzt anders als die Male zuvor, auch wenn Aya nicht genau beziffern konnte, warum. Schließlich waren sie sich gleich nahe, sie blieben bei ihren gemeinsamen Abläufen und bei ihren jeweiligen Gewohnheiten. Sie schenkten sich rein gar nichts und doch war da weit mehr Emotion als vorher.

Omi war ein guter Katalysator, stellte Aya fest, aber kein guter Berater, als Crawfords Faust sich zum ersten Mal zielsicher in seinen Magen bohrte und ihn zusammengekrümmt zurücktaumeln ließ. Aya verzog das Gesicht vor Schmerz und fluchte unterdrückt, auch wenn er mitnichten die Zeit dafür hatte. Crawford setzte nach, bedrängte ihn und machte sich die momentanen Schwachstellen in seiner Verteidigung zunutze, während Aya sich mit Mühe auf sicheren Beinen hielt.
Erst, als er die Deckung des Amerikaners mit einem angetäuschten Schlag durchbrach und dessen Brustkorb in schmerzhaften Kontakt mit seinem Ellbogen brachte, hatte er sich etwas mehr Raum erkämpft.

Doch Crawford erholte sich schneller, als es ihm lieb war und sie gingen in die nächste Runde, durch die sie sich mittlerweile schwer atmend kämpften. Als Crawford ihn an seinen Haaren packte und daran zurückwarf, grollte Aya erbost.
„Das nennst du einen fairen Kampf, Arschloch?“, zischte er und blockte die darauffolgende Kombination aus Tritten und Schlägen mit sich schnell steigernder Wut.
„Ich wüsste nicht, dass deine oder meine Gegner fair spielen, Abyssinian. Hat man dir das bei Weiß nicht beigebracht?“

Aya antwortete nicht, sondern ging in den Angriff über, doch Crawford holte ihn mit einer gezielten und gekonnten Bewegung beinahe kinderleicht von den Füßen. Mit einem dumpfen Laut traf sein Rücken auf die Matte und für einen Moment sah Aya nur Sterne und vermisste seine Fähigkeit zu atmen sehr schmerzlich. Erst nach zwei Sekunden, in denen er sich instinktiv zur Seite gerollt hatte um einem weiteren Angriff zu entkommen, konnte er wieder Luft holen und seinen Rücken davon überzeugen, ihm weiterhin zu Diensten zu sein.
Aya revanchierte sich mit einer Beinkombination, die Crawford für einen Moment in die Knie zwang, aber unterm Strich wirkungsvoller hätte sein können.
„Kommst du mir jetzt mit einem ‚das ganze Leben ist unfair‘-Vortrag, Oracle?“, schnaufte Aya und wurde mit einem abwartenden Schnauben belohnt.
„Das Leben wartet eben nicht auf Prinzchen wie dich, Weiß“, wurde er reichlich sinnlos provoziert und Aya fühlte dunklen Humor in sich aufsteigen. Crawford wollte es schmutzig? Das sollte er bekommen.

Er kämpfte sich in die Höhe, lockte sie beide in Richtung der Bank und rollte sich bei dem nächsten Angriff ab. Im Hochkommen griff er sich seine Wasserflasche und öffnete den Drehverschluss, gleichzeitig ließ er Crawford so nahekommen, dass dieser in guter Reichweite war und schüttete dem Orakel das Wasser gezielt ins Gesicht mit Fokus auf den Mund.
Grinsend zog sich Aya zurück, als der Andere hustend und spuckend versucht, das ungeliebte Nass loszuwerden und seine Deckung für einen wichtigen Moment vollkommen aufgab.

Natürlich hätte Aya jetzt angreifen können, doch das wäre voreilig gewesen. Nein, wenn Crawford es unfair und dreckig haben wollte, so würde er dem Mann diesen Gefallen doch tun. Er würde es ihm schmutzig geben, ebenso widerwärtig, wie Crawford Omi behandelt hatte.
Langsam ließ er sich auf die richtige Entfernung zurückfallen, seine gesamte Muskulatur auf Angriff und Verteidigung programmiert.
„Wenn ich den Grund deiner Abneigung gegen Wasser erraten müsste, Oracle? Waterboarding. Eine unschöne Erfahrung, habe ich gehört. Zu ertrinken ohne wirklich zu ertrinken.“ Er griff an und nutzte die Lücken in der Verteidigung des ihn wütend musternden Orakels präzise eine nach der anderen aus. Schlag um Schlag, Tritt um Tritt trieb er ihn zurück an den anderen Rand der gepolsterten Fläche.
„Oder irre ich mich und ist es etwas Anderes? Hat er dich für jeden Schluck arbeiten lassen?“

Aya vermutete, dass es weniger seine Worte als eher die Betonung durch seine Stimme war, die Crawford von seiner arroganten Überlegenheit abkehren ließen und ihm eiskalte Mordlust schenkten. Beinahe schon vermeinte Aya zu hören, wie die eisernen Fesseln der Selbstbeherrschung zersprangen. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass Crawford ihm mit seinen eigenen Zähnen die Kehle herausreißen würde, wenn Aya ihm die Gelegenheit dazu geben würde.

Was er nicht vorhatte.

Doch trotz seiner Wut, trotz der Unbeherrschtheit, gelang es Crawford, sie beide zu Boden zu werfen und ihren Kampf dort fortzutragen. Nicht, dass Aya etwas dagegen hatte, denn auch das hatte er so oft mit Ken trainiert, dass ihm die versteckten Winkelzüge des Bodenkampfes in Fleisch und Blut übergegangen waren und er keuchend, aber mit einem grimmigen Lächeln jeden Versuch des Orakels blockte, ihn unter seinem Körper zu begraben und seine Hände um seinen Hals zu legen. Was diesen nicht daran hinderte, ihn in einem unbedachten Moment bäuchlings auf den Boden zu pressen und Aya mit seinem eigenen Körper, der sich schwer auf ihn presste, dort gefangen zu halten. Eisern schlang sich der Arm des Amerikaners um seinen Hals und presste Aya daran an die Brust des Anderen.
Erstickt röchelte der Weiß und versuchte, sich von seinem Gegner zu lösen, doch mit wenig Erfolg. Eisern war Crawfords Griff, noch viel eiserner sein Bestreben, ihn genau da zu halten, wo er gerade war.
Einen Schritt von seinem frühzeitigen Ende entfernt.
Der Druck in seinem Kopf teilte ihm auf jeden Fall bereits unmissverständlich mit, dass es keine gute Idee wäre, noch länger in dieser Position zu verweilen und unwillkürlich fühlte sich Aya daran erinnert, wie Crawford ihn bei Lasgo beinahe zu Tode gewürgt hatte.

„Also ich weiß nicht, wie es euch beiden so geht, aber ich für meinen Teil bin mir gerade nicht sicher, was ihr beiden hier treibt. Versucht ihr euch umzubringen oder fickt ihr gerade miteinander?“

Aya blinzelte gegen den aufkommenden Schwindel an. Schuldigs Stimme, wenn er sich nicht irrte und die selbstgefällige, schadenfrohe Note in den hart akzentuierten Worten richtig interpretierte. Sex? Dass er nicht lachte. Das hier war meilenweit von allem entfernt, was er jemals als Sex bezeichnen würde.
Ein Gutes hatte Schuldig aber, auch wenn er den Teufel tun würde, das jemals zuzugeben. Crawford ließ von ihm ab und Aya konnte so zumindest wieder in Ansätzen richtig atmen. So schnell er konnte, drehte er sich aus der Reichweite des Amerikaners und versuchte, sich zumindest auf seine Knie emporzukämpfen.

„Was willst du?“, fragte Crawford und pures Eis glitt an der Oberfläche seiner Stimme, eine deutliche Warnung, es nicht zu übertreiben. Wie Aya auch verstand Schuldig anscheinend, dass dieser Moment ungeeignet war für weitere Späße dieser Art und faul grinste der Deutsche.
„Takatori will dich sehen. Jetzt sofort. Der Panda hat Sehnsucht.“
Aya konnte nicht verhindern, dass sich alles in ihm bei der Nennung des verhassten Namens zusammenzog. Ekel kroch in ihm hoch und er war über sich selbst angewidert, dass er sich überhaupt in diese Lage gebracht hatte, für den Mann arbeiten zu müssen, der seine Familie auf dem Gewissen hatte. Er hatte diese Dummheit zu verantworten, niemand anderes. Hätte er Crawford bei Lasgo einfach den Flammen überlassen, dann wäre das Ganze hier nicht passiert.
~Natürlich nicht. Gute Taten zahlen sich eben nicht aus, Weiß.~
So sehr Aya auch darüber fluchte. Schuldig hatte Recht.

„Schuldig, sei doch so gut und schule unseren Gast auf die Zusammenarbeit mit deiner Gabe während ich weg bin. Ich werde keine Friktionen zwischen euch bei unserem nächsten Auftrag dulden.“
Ayas Blick bohrte sich abgrundtief böse in den des Orakels. Natürlich war das die Rache für gerade, denn natürlich wusste Crawford um seine Aversion Schuldigs Gabe gegenüber. Dies hier war nichts Anderes als eine Geste der Dominanz. Natürlich würde Crawford das letzte Wort haben. Natürlich würde er die Zügel nicht aus der Hand geben.

 

~~**~~

 

Omi trat einen Schritt zurück und fluchte unterdrückt, noch bevor er das allzu bezeichnende Geräusch wackelnden Betons auf Holz hörte und er es in seinem Rücken wackeln spürte. Ruckartig drehte er sich um und hinderte die schwere Skulptur im Flur von Birmans kleiner Wohnung daran, auf den Boden zu fallen, zu zerschellen, die Nachbarn auf sie aufmerksam zu machen und die Agenten zu alarmieren, an denen Youji und er sich unten im Schutz der Nacht vorbeigeschlichen hatten.
Eisern hielt er das potthässliche Ding umklammert, das mit Mühe als moderne Kunst zu bezeichnen war und Omi war irgendwie dankbar darum, dass er in der Dunkelheit der Nacht nicht erkennen konnte, welche Farbe die Skulptur hatte.

Ein leises Lachen hinter ihm ließ ihn grollen – ebenso leise, verstand sich.
„Du möchtest es spannend machen, oder?“, flüsterte Youji und Omi verzog das Gesicht in der Dunkelheit.
„Kann ich wirklich drauf verzichten, Balinese“, murmelte er. „Hast du etwas gefunden?“
Youji schüttelte den Kopf. „Nichts. Keine kompromittierenden Unterlagen, keine Fotos, keine ausgedruckten Kontoauszüge, nichts. Sie hat ihre Arbeit noch nicht einmal mit nach Hause genommen. Hast du die Kopie ihrer Festplatte angefertigt?“
Omi grunzte bejahend, während er vorsichtig die Statue wieder an ihren angestammten Platz stellte und einen letzten, angewiderten Blick auf das Ding warf, bevor er sich Youji zuwandte.
„Ja, habe ich. Aber die fehlenden Informationen bedeuten nur, dass wir nicht wissen, wonach wir suchen sollen. Und wo wir suchen sollen.“
„Meinst du, sie hat noch ein verstecktes Büro?“
„Mit Sicherheit.“
Youji brummte frustriert.

Omi hatte mit Einlösung von ein paar Gefallen die Adressen von Birman und Manx erhalten und im Schutz der Dunkelheit hatten sie sich aufgemacht um in Birmans Wohnung einzubrechen. Vorbei an den Wache schiebenden, gelangweilten Kritikeragenten, hatten sie dank Youjis Vorliebe für schwer zu knackende Schlösser problemlos Zutritt zu der Wohnung erhalten und waren auch nach einer Stunde intensiver Suche auf nichts gestoßen.
Rein gar nichts.
Die Wohnung sah aus, als würde hier eine vollkommen normale, biedere Frau leben, deren langweiliges Leben sich nicht nur an den nichtssagenden Postern an der Wand widerspiegelte, sondern auch an den beinahe penibel geordneten Tassen und Schalen in ihrer minimalistischen Küche.

„Komm, lass uns gehen, Ken wartet sicherlich schon auf uns.“ Sie hatten ihren Freund im Unklaren darüber gelassen, wo sie hingegangen waren. Besser, er wusste von nichts, wenn sie hierbei erwischt wurden. Ken war vieles, aber kein guter Lügner und so konnte er ihren ganzen Plan mithilfe eines einzigen Gesichtsausdrucks oder eines unbedacht dahingesagten Kommentars zunichte machen. Das konnten sie sich erst leisten, wenn sie genug Informationen hatten, wer alles an dem Verrat beteiligt war.
Omi seufzte. Es tat ihm in der Seele weh, seinen Freund zu belügen und ihn mit halbgaren Wahrheiten abzuspeisen, aber es ging nicht anders.

Noch nicht.

Youji schnaubte neben ihm. „Wer stellt sich eigentlich so etwas Potthässliches in die Wohnung?“
Omi zuckte gequält mit den Schultern. „Gib sie ihr für das, was sie Aya angetan hat, zu fressen, wenn sie wieder genesen ist.“

 

~~**~~

 

Die Wunden verheilten gut.

Auch wenn Crawford sich dessen bereits bewusst war, war es doch eine willkommene Erleichterung, dies auch noch einmal von Doktor Martinez bestätigt bekommen zu haben. Er wäre noch ein paar Tage auf spezielle Kost angewiesen, aber danach würden keine weiteren Schäden zurückbleiben.
Und dennoch war er dem anderen Mann nicht unkritisiert entkommen. Natürlich hatte der Arzt erkannt, dass er zu wenig Flüssigkeit zu sich nahm. Natürlich hatte er ihn in seiner höflichen Art gescholten. Und natürlich hatte Crawford das abgetan, auch wenn das, was Fujimiya ihm gestern so schadenfroh an den Kopf geworfen hatte, immer noch in seinen Gedanken schwelte. Er hatte keine Angst vor Wasser. Er mied es. Aus guten Gründen. Aber, da hatte Fujimiya Recht, er konnte es nicht ewig meiden, das war unter seiner Würde. Es war ein Schwachpunkt.

Genau das war auch der Grund, warum er mit angenehm gedämpfter Musik in Richtung seines Gartenhauses fuhr. Zeit, sich dem zu stellen, was ihm immer noch an schlimmen Tagen Ekel, an besseren ein ungutes Gefühl bereitete. Er konnte es sich nicht leisten, dass er erneut so die Beherrschung verlor, wie er sie bei Fujimiya verloren hatte, nur weil dieser gemeint hatte, ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen zu können.
Crawford machte sich nichts vor, beinahe hätte Fujimiya damit auch Erfolg gehabt. Wenn Schuldig nicht gewesen wäre, hätte er den Weiß umgebracht für dessen Worte, die er selbst provoziert hatte. Er brauchte Disziplin und Ordnung und wo konnte er damit erfolgreicher sein als in der Ruhe seines Gartens und in der Prüfung seines Schwimmbades.

Eine Stunde später schloss er das geräumige Haus auf und steckte den Schlüssel in die Hosentasche. Einen Moment lang hielt er inne und sog den vertrauten Geruch seines Gartenhauses ein, der ihn so manches Mal beruhigt und entspannt hatte. So auch heute. Langsam trat er ein und ging in die erste Etage, wo sich seine Wechselkleidung befand. Mit Bedacht zog Crawford seine Anzugjacke aus, löste die Krawatte, das Hemd und die Hose, streifte sich schließlich alte, abgenutzte Kleidung über, die er für die Gartenarbeit hier aufbewahrte. Der nahende Sommer brachte auch die Pflanzen und Gräser zum Wachsen und Blühen und er hatte seinen Garten lange genug vernachlässigt. Das hatte Vorrang vor seinem Versuch, sich dem Wasser anzunähern.

Crawford atmete tief durch. Ein Vorteil an Pflanzen war, dass sie keine Widerworte gaben und wenn, dann höchstens in einem äußerst angenehmen, da stillen Prozesses des Welkwerdens. Hier gab es keinen Krieg zwischen Jei und Schuldig, es gab keinen Weiß, der das Gleichgewicht seines Teams aus den Fugen brachte mit seiner Anwesenheit. Es gab Takatori nicht, dessen Machthunger immer größer wurde, je näher er der Wahl kam.

Hier gab es nur ihn.

Drei Stunden lang machte er sich daran, seinen Garten für den Sommer herzurichten und sich um seine Blumen zu kümmern, bevor Crawford sich ächzend erhob und einen Blick über die nun geordneten und freigeschnittenen Pflanzen warf. Er war tatsächlich zufrieden und genoss die Ruhe um sich herum, die er mit seinen eigenen Händen erschaffen und fortentwickelt hatte.

Mit erhobener Augenbraue sah Crawford an sich hinunter und stellte fest, dass er voller Dreck war. Er schnaubte amüsiert. Wenn Schuldig ihn jemals so sähe, dann würde er die nächsten Wochen keine Ruhe vor dem Spott des Telepathen haben. Aber so würde er garantiert nicht nach Hause fahren und seinem Team unter die Augen treten.
So notwendig die Gartenarbeit auch gewesen war, so sehr hatte er sich damit vor seinem Plan, schwimmen zu gehen, gedrückt. Eine Liderlichkeit, die Crawford sich nicht länger durchgehen ließ, jetzt, da er fertig war.

Zielstrebig zog er sich aus und duschte sich kurz ab, bevor er sich eine seiner schwarzen, simplen Badehosen überstreifte. Langsam ging er zu dem Schwimmbecken und blieb am Rand stehen. Es war nur Wasser. Es war sein Schwimmbecken, dass er noch vor Wochen regemäßig genutzt hatte. Es war nicht sein Feind und er war stärker als seine schlechten Erinnerungen an das, was Lasgo getan hatte um ihn zum Gehorsam zu zwingen.
Crawford atmete tief ein und stieg langsam ins angenehm temperierte Nass. Schritt um Schritt tat er die Treppenstufen hinunter und ließ sich Zeit, sich an die Menge wie auch an das Gefühl des ihn umgebenden Wassers zu gewöhnen. Eigentlich amüsant, wie wenige Probleme er im Gegensatz hierzu mit dem Duschen hatte.

Drei Schritte, bis er gänzlich im Wasser stand und die Augen schloss. Mit Mühe hielt er seinen Herzschlag ruhig. Mit Mühe hielt er die Erinnerungen in Schach. Tief atmete Crawford ein und ebenso tief wieder aus, ein stetiger, beruhigender Rhythmus, der ihm zeigen sollte, dass alles in Ordnung war. Das hier war Wasser, aber es war warm und es erstickte ihn nicht. Er konnte frei atmen und er entschied selbst, wohin er ging und was er jetzt tat. Seine Hände waren frei sich zu bewegen und das nutzte er auch aus, als er sich vorsichtig nach vorne gleiten ließ und den ersten Zug tat. Dann einen zweiten. Einen dritten. Eine ganze Bahn schließlich.
Seine zweite Bahn führte Crawford in die Mitte des Beckens, in der er nicht mehr stehen konnte. Um seine Angst vollkommen loszuwerden, musste er tauchen. Er musste begreifen, dass über ihm zusammenschlagendes Wasser nichts Gefährliches war.

Langsam tauchte er unter, tief hinein in das Wasser. Brachial schnell schlug sein Herz, doch er zwang sich eisern, dort zu bleiben, wo er war. Das Wasser konnte ihm nichts anhaben. Er war stärker als die Summe seiner Erinnerungen.
Solange er konnte, blieb er unter Wasser und gab sich erst dann Auftrieb, als seine Lungen ihm deutlich zu verstehen gaben, dass er rein körperlich Luft holen musste. Triumphierend tauchte Crawford auf und ließ seinen Kopf nach hinten fallen.

Da war keine Panik gewesen, Angst ja. Aber er hatte sie bezwungen, so wie er alles bezwungen hatte, was sich ihm in den Weg stellte. Langsam schwamm Crawford wieder zum Rand und lehnte sich für einen Moment lang an den Rand, betrachtete gedankenversunken die Mitte des Beckens, bevor er es schlussendlich verließ. Mit neuerlicher, innerer Ruhe trocknete er sich ab und zog sich wieder an. Es war, als hätte sich ein Knoten gelöst, der ihn in den letzten Wochen angespannt gehalten hatte. Crawford strich sich seine Haare zurück und setzte sich seine Brille auf.

Wenn er seinen Blick in die Zukunft schweifen ließ, dann zeigte ihm diese sinnlose Provokationen zwischen Schuldig und Fujimiya. Darauf hatte er offen gestanden wenig Lust in, also beschloss er, sich dem Ort zu widmen, der ihm mit Sicherheit gute Laune verschaffte.

Hatte er bei seiner ersten Ankunft in Tokyo noch gedacht, dass es hier in Japan keinen guten Kaffee geben würde, so war er spätestens nach Eröffnung der kleinen Kaffeebar am südlichen Ende Shinjukus vor sieben Jahren eines Besseren belehrt worden. Wenn es einen Ort gab, den er regelmäßig wie ein Uhrwerk und so oft es ging besuchte, dann war es die schummrige, etwas heruntergekommene Kaffebar, mit deren Besitzer er mehr als einmal geschlafen hatte, bevor dieser die Möglichkeit genutzt hatte, die Liebe seines Lebens im Ausland zu ehelichen.
Japaner und ihre Sitten. Crawford musste schmunzeln. In seinem Heimatland war es unvorstellbar, jemanden, mit dem man sein Leben verbringen wollte, zu adoptieren und nicht zu ehelichen, insbesondere in den letzten Jahren, da auch die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren legalisiert worden war. Gleichberechtigung bedeutete das noch lange nicht, aber das konnte ihm egal sein. Er würde niemals einem anderen Menschen so nahe sein, um diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Liebe war sinnloser Schnickschnack und eine Schwachstelle sondergleichen.
Crawford schmunzelte. Fast hatte er das Gefühl, ihre Stimme hören zu können und ihre Augen zu sehen, die ihn für eben diese Worte schalten.

Als er die Bar betrat, umfing ihn eben jenes Aroma, das ihn seine Aufgabe hier in Japan abstreifen ließ. Hier war er nicht der Anführer von Schwarz, hier war er ein langjähriger Besucher, der den Kaffee genoss und desöfteren auf jemanden traf, der ihm zusagte. Unverbindlich traf er sich hier mit Einheimischen und Geschäftsreisenden und verbrachte mit ihnen Nächte fernab von seinem Team, insbesondere fernab von seinem neugierigen Telepathen, denn auch dafür schätzte er die Bar. Wenn sich Schuldig zuhause befand, lag sie außerhalb seines Radius.

Crawford nickte Arata zu, der heute Schicht hatte und setzte sich mit dem Blick zum Fenster hinaus an den noch freien Tisch. Draußen zog das hektische Tokyoter Leben an ihm vorbei und fand seine Verlangsamung in dem wohlriechenden Milchkaffee, der nun seinen Weg an seine Seite fand.
„Bitteschön“, murmelte eine warme Stimme und Crawford nickte. Mit dem Hauch eines Lächelns warf er einen Seitenblick zu dem Mann, der ihm seinen Kaffee gebracht hatte.
Er blieb an amüsierten grauen Augen hängen, die ihn mit einer solch falschen Wärme musterten, wie es nur ein Mann auf dieser Welt konnte.

Lasgo.

Laut schabend kratzte sein Stuhl über das Holz des Bodens, als Crawford instinktiv zurückwich. Die Anwesenheit des Mannes hier, direkt neben ihm, so nahe, dass dieser nur seine Hand ausstreckten musste um ihn zu berühren, war eine ungeheuerliche, unbegreifliche Unmöglichkeit. Es durfte nicht sein. Wieso hatte er es nicht vorhergesehen? Wieso war ihm der Mann nicht aufgefallen? Er hätte es vorhersehen müssen! Er hätte gewarnt sein müssen.
Crawford schluckte schwer gegen seinen rasenden Herzschlag an. Lasgo war hier, in seinem Refugium, seinem Rückzugsort. Er entweihte diesen Ort mit seiner Anwesenheit, doch das war sicherlich sein geringstes Problem. Er war alleine hier, ohne sein Team, wieder einmal. Weder Arata noch einer der anderen Gäste war hier eine große Hilfe, eher eine Belastung, wenn es zu einer Schießerei kam. Crawford war versucht, einen Blick auf seine Umgebung zu richten, doch er konnte seine Augen nicht von Lasgo abwenden. Er durfte es nicht.

Der Blick, der auf ihn gerichtet war mit all seinem grausamen Sadismus, teilte ihm mit, dass er besser sitzen blieb, auch jetzt noch, als der Menschenhändler sich einen Stuhl nahm und sich zu ihm setzte, als wäre es das Normalste von der Welt.
„Wunderschön. Genauso habe ich es mir vorgestellt, dich zu überraschen“, schmunzelte Lasgo und Crawford konnte nicht anders, als in seiner Schreckstarre zu verharren. Nichts konnte er tun, noch nicht einmal den nutzlosen Versuch unternehmen, aus der Bar zu fliehen. Wie festgekettet war er auf seinem Stuhl in dem Etablissement, in dem er sich bisher vollkommen sicher gefühlt hatte. Wie trügerisch konnte eine Hoffnung sein?
Was sollte er auch tun? Kämpfen schloss sich momentan aus. Crawford wusste, was geschehen würde, wenn er unüberlegt kämpfte und verlor. Was die Belohnung war, hatte der andere Mann brutal bewiesen. Er hatte ihm jeden Widerstand ausgetrieben, den Crawford anfänglich zu bieten hatte. Jeden, einzelnen, nutzlosen Widerstand hatte er gebrochen.

Crawford schluckte schwer. Wieder waren es Angst und schlechte Erinnerungen, die ihm im Weg standen, rationale Entscheidungen zu fällen. Und nun hatte er keinen Fujimiya, der seinen umherirrenden Gedanken so etwas wie Struktur gab. Er war alleine und er war nicht in der Lage zu denken, eine Entscheidung zu fällen oder einen Plan zu schmieden, wie er dem Mann entkam, der ihn sicherlich wieder mitnehmen und dort weitermachen würde, wo er aufgehört hatte.

„Angst steht dir sehr gut, Bradley“, verätzte die sanfte, leise Stimme des Sadisten seine Gehörgänge. Crawford war dankbar darum, denn mit der verbalen Demütigung kam die Wut und mit der Wut kam zumindest ein Bruchteil an Rationalität zurück. Genug, damit er sich ein Stück weit weg von dem anderen Mann bringen konnte. Mit einem zu lauten und zu auffälligen Schaben schob er seinen Stuhl erneut ein Stück weg von diesem Monster, aber es brachte Abstand zwischen ihn und Lasgo. Er befand sich damit immer noch in der Reichweite des Drogenhändlers, aber es war ein Anfang.

Mehr blieb ihm momentan nicht, dank seiner exzellenten, tumben Wahl außerhalb der Reichweite seines Telepathen. Einzig sein Handy hatte er in der Hosentasche und eine seiner Hände griff wie nach einem Rettungsanker danach. Noch betätigte er die entsprechenden Tasten nicht, auch wenn alles in ihm danach gierte, Schuldig hier und jetzt zu rufen, damit dieser sein Team in Bewegung setzte…

Das nie und nimmer rechtzeitig kommen würde, wenn Lasgo von der Bewegung und dem marginalen Plan Wind bekam und sofort eingriff. Und wieder hatte er es nicht vorhergesehen. Wieder war er blind in die Situation gelaufen, trotz Fujimiyas Nähe, trotz den anderen Visionen, die ihm so zuverlässig die Zukunft zeigten. Das war eine Katastrophe und noch dazu eine, die er nicht erklären konnte. Schuldigs Worte kamen ihm in den Sinn, ungebeten und in ihrer voraussagenden Wahrheit zu bitter, als dass er sich jetzt nicht an ihnen verschlucken würde. Rosenkreuz‘ Analysten hätten ihm bei seinem Problem weiterhelfen können, doch er musste es ja vor ihnen verheimlichen. Die Früchte seiner Dummheit erntete er gerade jetzt in diesem Moment.

„Entspann dich, Bradley. Lass uns zusammen einen Kaffee trinken. Arata, wärest du so lieb?“
Während der Barista etwas erwiderte, was Crawford über das Rauschen in seinen Ohren hinweg nicht verstand, lehnte sich Lasgo mit einem Lächeln zurück, das Crawford das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Nein.“ Das gepresste, hasserfüllte Nein war wenig rational, stellte Crawford fest, als würde er neben sich stehen und sich selbst beobachten. Aber alleine der Gedanke, weiter in der Nähe dieses Mannes zu verbleiben oder ihm zu gehorchen, löste einen derartigen Ekel in ihm aus, dass es ihn nur so schüttelte.
„Nein?“, wiederholte Lasgo und kam ihm nach, verringerte erneut den Abstand zu ihm, während seine Hand ihren Weg zu Crawfords Oberschenkel fand. Instinkt zuckte das Orakel vor der Berührung weg. Nicht noch einmal. Er hatte sich geschworen, dass Lasgo ihn nicht noch einmal zu fassen bekam. Dass er nicht noch einmal Hand an ihn legte.
Der ältere Mann musterte ihn schweigend.

Auch das kannte Crawford schon. Lasgo hatte sich mehr als einmal die Zeit dazu genommen, ihn anzuschauen und sich an dem zu weiden, was er getan hatte. Insbesondere hatte er das gerne getan, wenn er ihn zum unwilligen, erzwungenen Höhepunkt getrieben hatte. Gerade dann konnte er Crawford nicht seine intimste und erniedrigendste Niederlage lassen, ohne dass er ihm auch noch den letzten Rückzugsort nehmen musste. Crawford fragte sich in einem Anflug aus bitterer Selbstironie, warum er sich eigentlich die Mühe gemacht hatte, das Alles hinter sich zu lassen, wenn alleine der Anblick des Mannes alles hervorwühlte, was er in sich vergraben musste um weiterhin funktionieren zu können.

„Wie hast du diesen Ort hier gefunden?“, verlangte Crawford nach den wesentlichen Informationen. Informationen waren Macht, Informationen waren Stärke, seine Gabe war ohne Informationen nichts. Doch was waren Informationen ohne das Wissen um die Zukunft?
„Das war nicht allzu schwer, aber ich möchte dich nicht mit diesem unnützen Wissen belasten“, zuckte Lasgo mit den Schultern und Crawfords Gedanken rasten um die Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. So viele gab es nicht. Allen voran stand, dass er sich in die Akten ihrer Organisation gehackt hatte. Unmöglich. Die Dame des Hauses hätte ihn in der Luft zerfetzt oder jemanden ihres Teams geschickt. Dann musste es also er selbst gewesen sein, der unvorsichtig genug gewesen war. Er hätte nicht immer die gleiche Kaffeebar nutzen sollen. Er hätte wechseln sollen, ein Phantom bleiben sollen.
Das hier war gefährlich gewesen und das wurde ihm nun zum Verhängnis.

In dem Moment, in dem Arata Lasgo seinen geforderten Kaffee hinstellte, wischte Crawford über seinen Bildschirm und rief blind die Kontaktdaten auf. Zumindest hoffte er das, denn seine Gabe schwieg immer noch beharrlich.
„Was willst du hier?“, fragte er weiter, um sich mehr Zeit zu erkaufen, die Lasgo davon abhalten würde, ihn mit sich zu nehmen und er wurde für einen langen Moment ignoriert. Geradeso, als hätte er alle Zeit der Welt, rührte Lasgo sich Zucker in seinen Kaffee und trank einen ersten, genussvollen Schluck.
„Ich wollte dich sehen. Ich habe gehört, dass du dich gut erholt hast von unseren gemeinsamen Abenteuern und zu neuer Stärke gefunden hast. Sogar den Weiß und seine Schwester hast du zu dir geholt in einem wirklich perfiden Schachzug. Hätte ich vorher gewusst, dass ihr so eng miteinander seid, hätte ich das in meinem Distrikt ganz anders gehandhabt, glaube mir das.“ Das tiefe Seufzen und die allzu sanften Worte verursachten Crawford eine Gänsehaut vor Ekel. Der Mann war alles andere als sanft, denn trotz seiner Tonlage waren die Worte eisern und zerstörerisch, seine Gesten noch viel mehr.

„Ich will dich aber nicht sehen“, presste Crawford unnötig hervor, denn sein Wille war hier nicht ausschlaggebend, das sagte ihm nicht zuletzt das gönnerhafte Zurücklehnen des Drogenhändlers.
„Schade. Ich hatte sehr gehofft, dass wir uns wie gesittete Geschäftspartner, Verzeihung, ehemalige Geschäftspartner, unterhalten können. Du weiß schon, wir ficken miteinander, danach reden wir miteinander, wie normale Menschen.“
Ein Grollen entkam Crawfords Kehle, bevor er auch nur die Chance hatte, es in die Untiefen seines unbeherrschten Zorns zu verbannen. Alle Kraft, die er aufzubieten hatte, verbrauchte er gerade, um sich nicht den Weg nach draußen frei zu kämpfen, wo ihn schon die Leibwächter des Menschenhändlers erwarteten. Zumindest erkannte er den Vernarbten auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig.

Das, was ihm auf der Zunge lag, schluckte er herunter. Zwar gab es hier in diesem Raum keinen Grund, seine Sexualität zu verstecken, doch er würde dem überschäumenden Drang, Lasgo die Wahrheit ins Gesicht zu spucken, nicht nachgeben.
„Wir haben nicht miteinander gefickt“, zischte er. „Du hast dich…“ Er atmete tief durch, disziplinierte sich selbst. Die Hand, die sich nun auf seine Wange legte, schlug er dennoch weg und wählte währenddessen Schuldigs Nummer. Er konnte nur hoffen, dass der Telepath schnell begriff, was passierte.
„Sag es, Bradley. Was habe ich? Sprich es aus.“

Nein!

Nein, er konnte nicht, denn wenn er es verbalisierte, wurde es zur Realität und es konnte nicht real sein. Es durfte nicht real sein, denn er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte, wenn er sich vollumfänglich eingestand, dass der Mann vor ihm jede erdenkliche Art angewandt hatte um ihn zu brechen und beinahe erfolgreich damit gewesen war.

„Du hast mich nicht gebrochen“, erwiderte er anstelle dessen und ballte seine Hände zu Fäusten. Spätestens jetzt war Schuldig in der Leitung und hörte mit, oder eben auch nicht. Vielleicht hatte er sich ja entschlossen, aus reiner Nickeligkeit nicht ans Telefon zu gehen, wie er es schon oft getan hatte. Was für ein wunderbarer Zeitpunkt das doch wäre. „Das hast du dort nicht geschafft und das wirst du auch jetzt nicht schaffen.“
Lasgo schmunzelte und widmete sich wieder seinem Kaffee. Nachdenklich ließ er seinen Blick nach außen schweifen und legte den Kopf schief.
„Ich möchte dir widersprechen, Bradley. Ich habe dich gebrochen und weißt du auch, warum? Du hast dir von mir schließlich ohne Gegenwehr und freiwillig den Schwanz so tief in den Rachen stecken lassen, wie du es nur bewerkstelligen konntest. Du hast dich von mir mehr als einmal zum Höhepunkt treiben lassen. Und du hast es genossen, dein Dasein auf den Knien zu fristen, darauf wartend, dass ich mich um dich kümmere. All das vermisst du jetzt, denn du irrst blind durch die Welt in der Annahme, dominant sein zu müssen und bist doch nichts weiter als ein erzogener Hund, der auf sein Herrchen wartet. Du bist gebrochen. Du nennst es nur anders. Sag mir, wie ist es mit den Alpträumen? Halten sie dich immer noch die Nacht über wach und lassen dich sich nach Abyssinian sehnen, der dich vermeintlich vor mir schützt? Sind es Gerüche, Geschmäcker und Geräusche, die dich an mich erinnern? Was ist mit deinem Team? Ängstigen sie dich? Machen sie dich wütend? Verheimlichst du das, was dir passiert ist? Versuchst du sie zu dominieren in dem verzweifelten Wunsch, die Kontrolle zurück zu erlangen, die du schon lange verloren hast?“

Nein. Nein nein nein. Nichts davon stimmte. Nichts davon war wahr. Das waren nur Worte. Doch sie trafen, jedes einzelne wie eine Speerspitze. Sie zerrissen seine letzten Reste an Disziplin und Ordnung und machten ihn zu dem Tier, das Lasgo aus ihm versucht hatte zu machen. Grollend schoss er hoch und packte den Drogenhändler am Kragen. Er riss ihn hoch und hatte bereits die Faust zum Schlag erhoben, als sich die Waffe des Mannes unnachgiebig in seine Flanke presste. Wild starrte Crawford in die grauen, nunmehr harten Augen des Mannes vor ihm.

Und der Rest der Gäste blieb sitzen, als würde sie das gar nicht kümmern. Arata blieb hinter dem Tresen stehen, als gäbe es sie gerade nicht.

Was zur Hölle passierte hier?

„Siehst du, und die Wahrheit darüber macht dich hilflos und aus der Hilflosigkeit wird Wut geboren. Aber ich bin nicht hier, um mich mit dir zu schlagen, Bradley.“
Crawford grollte. Seine Haut brannte an den Stellen, an denen seine Finger in Kontakt mit der Kleidung des anderen Mannes kamen, doch er konnte nicht loslassen. Im Gegenteil. Er wollte ihn hier und jetzt umbringen für das, was er getan hatte. Ihm angetan hatte.
„Ich werde nicht ohne Gegenwehr mitkommen, Arschloch“, zischte er und Lasgo lächelte sein unbeeindrucktes, nachsichtiges, widerliches Lächeln.
„Ich muss dich enttäuschen, Bradley. Ich bin nicht hier um dich mitzunehmen. Ich bin hier, um dir etwas zu geben.“ Langsam griff er in seine Jackentasche und zog etwas hervor, das Crawford mühelos als CD erkannte. „Ich habe etwas für dich, was dich interessieren dürfte. Oder Takatori. Oder Rosenkreuz. Suche es dir aus, mein Schöner.“

Crawford schluckte mühevoll und gegen seinen Willen breitete sich Hoffnung in ihm aus. Er musste sich seinen Weg nicht freikämpfen mit der mäßigen Aussicht auf Erfolg?
„Lass mich los, Bradley.“
Die ruhige, befehlsgewohnte Stimme durchdrang seine Gedanken und schleuderte ihn zurück zu den Tagen in der Gewalt des Menschenhändlers. Er kannte diese spezielle Stimmfärbung, derer sich Lasgo bedient hatte, nachdem er ihm deutlich gemacht hatte, dass er es nicht wünschte, gebissen zu werden. Dass er Crawfords Ungehorsam nicht mehr tolerieren würde. Es hatte ihm Stunden der Qual eingebracht, alleine mit sich, seinen Schmerzen und dem Gefühl, jederzeit an dem großen Schwanz aus Glas in seinem Rachen zu ersticken, der unnachgiebig dort hineingezwungen worden war.

Crawford gehorchte wie eben jener Hund, den man dressiert hatte und das machte ihn mehr als der stolze und überlegene Ausdruck in den Augen Lasgos wütend.
„Brav. Ich wusste doch, dass auch du noch formbar bist.“
Der Drogenhändler trat einen Schritt zurück, dann noch einen, die Waffe immer noch auf Crawford gerichtet.
„Schau dir die Dateien an, Bradley und entscheide, an wen ich sie letzten Endes schicken soll. Zu gegebener Zeit melde ich mich bei dir.“

Mit einem Lächeln, das das Orakel ihm am Liebsten aus dem Gesicht geschnitten hätte, verabschiedete er sich und verließ das Café. Crawford sah betäubt zu, wie er von seinen Männern zu einem Auto geleitet wurde, einstieg und davon fuhr und beinahe im gleichen Moment wieder Leben in den gespenstisch stillen Raum kam.
Doch davon nahm Crawford kaum Notiz, als er sich die CD griff und überstürzt den Laden verließ. Er musste weg hier. Er konnte hier nicht eine Sekunde länger bleiben. Er musste zu ihrem Anwesen und sein Team informieren.
Zittrig holte er sein Handy hervor und sah, dass sein Anruf auf die Mailbox seines Telepathen weitergeleitet worden war.

Schuldig hatte den Anruf nicht entgegengenommen. Schon wieder nicht.

 

~~**~~

 

Crawford wusste nicht, wie er nach Hause gekommen war. Er wusste nicht, welchen Weg er genommen hatte oder wie er in seinem Zustand in der Lage gewesen war, den Wagen zu fahren.
Wie in Trance hatte er ihre Garage verlassen und war in sein Arbeitszimmer gegangen.
Anfangs hatte sein gesamter Körper so gezittert, dass er nicht in der Lage gewesen war, etwas Anderes zu tun als in seinem Stuhl zu sitzen und den Schock zu ertragen, den das Auftauchen des Drogenhändlers in ihm ausgelöst hatte. Wie hatte Lasgo ihn abpassen können? Wie hatte er ihn so leicht ausfindig machen können? War er überhaupt noch sicher hier?

Was, wenn Lasgo diese Adresse schon längst kannte?

Crawford starrte blind auf die Wand ihm gegenüber. Er musste wissen, was auf dieser CD war. Er musste Vorkehrungen treffen. Er musste ernsthaft in Betracht ziehen, Rosenkreuz zu informieren. Langsam hob er die zittrigen Hände und hielt sie sich vor Augen. Vollkommen naiv und blind war er in eine Situation gestolpert, die ihn nur mit dem Willen des Drogenhändlers hatte unversehrt entkommen lassen. Wenn dieser es darauf angelegt hätte, hätte er vermutlich jetzt schon dessen Schwanz im Hintern anstelle in seinem Arbeitszimmer zu sitzen.

Zwei Versuche benötigte er um die CD in den Leser seines gesicherten Laptops zu stecken und die Dateien aufzurufen, die sich darauf befanden. Es waren Videodateien und Crawford schwante Übles. Er ahnte, was sich auf ihnen befand und alles in ihm weigerte sich, verkrampfte sich, den letzten Schritt zu tun. Doch er musste wissen, womit ihm gedroht wurde. Seine Hand zitterte, als er auf die erste Datei klickte und er wurde keine Sekunde später in das geworfen, was Lasgo ihm angetan hatte. Er sah sich selbst aus dem Blickwinkel einer gnadenlosen Kamera, die alle Unzulänglichkeiten aufzeichnete, die er aufzubieten gehabt hatte. Er hörte sich selbst in klarer Lautstärke, wie er – wie von Lasgo befohlen – seine Lust herausstöhnte, als würde er wirklich wollen, was dort geschah. Übelkeit schoss bis in seine Speiseröhre hoch und Crawford hatte das Gefühl, sich gleich hier und jetzt übergeben zu müssen.

Er hatte es zwar geahnt, aber es zu sehen, stand auf einem anderen Blatt und eine Datei war schlimmer als die Nächste. Drei Videos hielt er durch, bevor er abrupt die Wiedergabe beendete und sich angewidert von seinem Schreibtisch abstieß. Er floh aus dem Stuhl, als könne er damit den Videos entkommen, und strauchelte in die Küche, die gnädigerweise leer war. Er brauchte dringend Normalität, er brauchte Selbstverständlichkeit, er brauchte das Gefühl von Sicherheit, das seinen Erinnerungen entgegenstand, die ihn überrollten, als wäre es erst gestern gewesen, dass Lasgo ihn wieder und wieder vergewaltigt und sich einen Spaß daraus gemacht hatte, ihm seine eigene, schändliche Lust vor Augen zu führen.

Hektisch atmend stützte sich Crawford auf der Anrichte ab. Auch dieser Raum brachte ihm keine Erleichterung, nur Angst und schlechte Erinnerungen und mit ihnen ungebändigten Zorn, so dermaßen in die Ecke getrieben zu werden. Lasgo hatte gesagt, dass er wählen sollte. Takatori oder Rosenkreuz. Er erpresste ihn mit seiner eigenen Schwäche und Crawford war machtlos dagegen.

„Crawford, kann ich dir helfen…?“

Jemand berührte ihn, es war nicht mehr als ein vorsichtiger Händedruck auf seinem Oberarm, doch sein Körper programmierte sich auf Abwehr. Nichts Anderes kannte Crawford mehr, als dass er diese Berührung ahnden musste, mit Gewalt beantworten musste. Was bildeten sie sich eigentlich ein? Niemand hatte das Recht, ihn zu berühren, ihn anzufassen und ihn zu unterwerfen. Niemand! Er würde sich nicht von Lasgo anfassen lassen!
Er drehte sich zu der Quelle der ekelhaften Folter, holte im gleichen Moment aus und schlug mit der ihm zur Verfügung stehenden Kraft zu. Bedauerlicherweise unterband das Zittern in ihm den größtmöglichen Schaden, den er anrichten konnte, so musste er sich damit begnügen, dass sein Schlag den Angreifer nur mit einem überraschten Laut zur Seite taumeln ließ.

Es hatte Nagi getroffen, der sich nun mit ungläubig geweiteten Augen seine Nase und Wange hielt, aus der bereits jetzt schon Blut tropfte. Dabei war Crawford doch noch lange nicht fertig, war er doch willens genug, den Jungen für seine Taten hier und jetzt in der Luft zu zerreißen.
„Crawford…was?“, schlängelte sich die vorsichtige Frage des Telekineten zu ihm und machte Crawford noch wütender. Zischend packte er Nagi am Kragen seines Pullovers und zog ihn zu sich.

„Was fällt dir ein?“, knurrte er abgrundtief böse. „Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du es wagst, mich anzufassen? Was glaubst du eigentlich, wer dir auch nur das Recht gegeben hat in meine Nähe zu treten und dich in dieser Art zu äußern?“ Es tat gut, seiner Hilflosigkeit und seiner Wut eine Bahn zu geben, eine Richtung, in die beide laufen konnten. Sie schwelten nun nicht mehr ohne Ziel in ihm, nein, sie hatten nun ein. Endlich eine Richtung und kein Chaos. Crawford grollte.
Große, graue Augen starrten ihn an und warfen ihn zurück zu Lasgo, wie dieser es gewagt hatte, sich ihm aufzuzwingen, ihm aufzulauern. Die gleichen, verdammten, grauen Augen.
Wieder schlug Crawford zu und stieß die Augen von sich, labte sich an dem Laut des Entsetzens, das die blutigen Lippen verließ. So hatte sich Lasgo anzuhören, nicht anders. Genau so.

Das hätte er Lasgo in dem Café antun sollen.

„Verschwinde“, zischte er und ballte seine Hände zu Fäusten. Er kam näher und die Augen wichen vor ihm zurück. Endlich. Endlich wichen sie vor ihm zurück. Endlich war diese boshafte Überlegenheit in ihnen verschwunden, die sich in ihn gebrannt hatte.
„Crawford…ich verstehe nicht. Bitte…“, wisperte Nagi und Crawford fegte voller Wut einer der nahestehenden Tassen von der Anrichte.
„Ich will, dass du verschwindest. Raus aus meinem Haus, du widerliches Stück Dreck! Du hast hier nichts verloren!“, schrie Crawford, war sich selbst aber nicht sicher, wen er hier eigentlich anschrie: sich selbst, seine Schwäche, seine eigene Unzulänglichkeit, Nagi oder Lasgo selbst. Es war nur wichtig, dass er schrie und dass er seiner Wut eine Bahn brach um sie kanalisieren zu können.

Da provozierte ihn die unsichtbare Hand, die sich vorsichtig, beinahe tastend um sein Handgelenk legte und zudrückte, nur umso mehr.
Seine Augen bohrten sich in seine verzweifelten, grauen Gegenstücke und wieder war es nur Lasgo, den er hier sah, der sich nun mit Nagi vermischte. Crawford wollte verletzen, so wie der Mann ihn mit seinen Worten verletzt hatte, so griff er instinktiv zu den Schwachstellen, die er nur allzu gut kannte und die ebenso leicht zu bedienen waren.
„Deine Bindung kannst du dir in den Hintern schieben“, streifte er sich das Gefühl der ihn umfassenden Hand ab und labte sich an den entsetzten Augen, aus denen langsam aber sicher das Unverständnis wich und einer allumfassenden Erschütterung Platz machte.

„Raus. Hier“, setzte er noch einmal nach und schlussendlich wurde seinem Befehl Folge geleistet.
Zögerlich verbeugte sich der Telekinet und Crawford sah, wie Tränen auf den Boden tropften, Wie schwach das doch war… fast ebenso schwach wie es war, sich von einem Mann ficken zu lassen, der nur ein normaler Mensch war.
„Sehr wohl, Crawford-sama.“ Leise Worte, dann taumelte der Junge aus ihrer Küche. Unpassend leise dazu schloss er die Tür hinter sich und Crawford atmete tief durch.

Schwach war das. Alles hier. Doch Schwäche würde es nicht mehr geben, Schwäche hatte ihn erst hierhin gebracht. Tief atmete er durch und schob diese weit zurück in die Untiefen seiner Gedanken. Schwäche hatte ihn auch Fujimiya Freiheiten zugestehen lassen, die dieser nicht verdient hatte. Oder sie hatte ihn Schuldig näher an ihn herangelassen, als es sich ziemte. Doch das war vorbei.
Das wütende Pochen in seinem Kopf rauschte in seinen Ohren, als er sich auf den Weg in die Bibliothek machte, wo er den Weiß wusste.

Wortlos riss er die Tür auf und labte sich an den erschrockenen, violetten Augen, die ihn stumm maßen und die anscheinend etwas auf seinem Gesicht sahen, das sie vorsichtig werden ließen. „Mitkommen“, klirrte das Eis nicht einmal mehr nur unter der Oberfläche und vorsichtig gehorchte Fujimiya, auch dann noch, als er mit ihm in den Keller ging.
„Wer ist dir denn über die Leber gelaufen?“, provozierte auch dieser Mann ihn unnötig, wie Lasgo auch. Natürlich, schließlich hatte Fujimiya ebenso versucht, sich ihm aufzuzwingen.
„Halt den Mund, Weiß“, grollte er und nickte in Richtung Farfarellos ehemaliger Zelle. „Rein mit dir.“
Seine Visionen zeigten ihm den Widerstand des Mannes, bevor dieser versuchte, Widerstand zu leisten und auch nur einen einzigen Schlag auszuführen und Crawford parierte alle Versuche, sich gegen ihn zu stemmen, mit einem überheblichen Grinsen. Natürlich ließ er es sich nicht nehmen, den Weiß eben hierfür zu bestrafen. Zwei Schläge ins Gesicht und einen in die Magengrube brauchte es, damit der feindliche Agent sich seinem Willen fügte.

Laut schlug die Gittertür hinter ihm zu.

„Die Nachsicht dir gegenüber war ein Fehler, den ich nun als erledigt betrachte. Du hast deine Aufgabe hier und die wirst du erfüllen. Darüber hinaus wirst du deine Zeit hier unten verbringen, wie es sich für einen Kritikeragenten gehört, Weiß“, spie er dem Mann, der sich hustend auf dem Boden der Zelle krümmte entgegen und löschte das Licht. Verächtlich schnaubend verließ er den Keller und schlug die Tür hinter sich zu. Wäre das auch erledigt.

Schwer atmend blieb er im Flur stehen und spürte so etwas wie Ruhe in sich einkehren. Seine Wut hatte ihr Ventil gefunden und nun wurde er mit jeder Sekunde, die verstrich, ruhiger, disziplinierter und weniger zittrig.
Die Kontrolle, die ihm noch vor Stunden entglitten war, kehrte zurück und bereitete den Weg für die zu treffenden, rationalen Entscheidungen. Crawford stieß sich von der Wand ab, an der er lehnte und ging nach oben.

 

~~**~~

 

Nagi konnte nicht atmen vor lauter verzweifelter Panik in seinem Inneren, mit der er versuchte, so weit wie möglich von ihrem Haus wegzukommen. Er rannte, solange seine Lungen die Flucht möglich machten und kam bis zu dem Park am Rand ihres Wohnviertels, in dem Crawford das erste Mal mit ihm spazieren gegangen war. Weit genug würde es nicht sein, doch er hatte noch keinen Plan, wie er von hier wegkam. Ob er von hier wegkam und wo er sich hinwenden sollte, jetzt, da Crawford ihn aus dem Haus geworfen hatte.
Schluchzend hielt er inne und setzte sich vorsichtig auf eine der Parkbänke, die im Schatten der Dunkelheit lagen. Er schrie stumm, während er sich vor körperlichen und emotionalen Schmerzen krümmte, die seinen Körper unbrauchbar machten.

Er war schuld. An allem. Er wusste ganz genau, was er falsch gemacht hatte. Er hatte Crawford trotz dessen eindeutiger Warnung gefragt, ob er ihm helfen sollte, als er an der Küchenanrichte lehnte. Er hatte versagt und die Befehle seines Anführers nicht befolgt, er war wiederholt ungehorsam gewesen und dafür war er bestraft worden. Zurecht, hielt sich Nagi vor Augen, auch wenn die Rationalität dieses Wortes den tobenden Schmerz in seinem Inneren nicht besser machte. Er hatte jeden Schlag, jedes böse Wort verdient, das ihm entgegengeschleudert worden war.
Er hatte verdient, dass der Hellseher ihre Bindung zurückgewiesen hatte, auch wenn es Nagi das Herz zerrissen hatte, die Ablehnung des Anderen wie einen Messerstich zu spüren. Er hatte die Schläge verdient, ebenso wie die Worte, die auf ihn niedergeprasselt waren für seinen impertinenten Ungehorsam. Er war schuld.

Das tat der unbändigen Trauer und Verzweiflung, so den Unmut seines Anführers auf sich gezogen zu haben, keinen Abbruch. Er war zu nichts zu gebrauchen, er war nichts mehr als das unfähige Straßenkind, das Crawford zu sich geholt hatte. Undiszipliniert und ungehorsam. Kein Wunder, dass Crawford so jemanden wie ihn nicht als Sohn haben wollte.
Zitternd verbarg er sein Gesicht in seinen Händen. Nun, da Rosenkreuz einen Anspruch auf ihn erhoben hatte, würde er nicht auf die Straße zurückkehren. Er würde nach Österreich fliegen, sobald er genug Geld zusammen bekommen hatte, um sich dort dem Urteil des Rates zu stellen, der ihn für seine Unfähigkeit zur Verantwortung ziehen würde.

Ihn neutralisieren würde.

Wenn der Rat ihn nicht schon vorher holen kommen würde. Die Tränen, die seine Wangen hinunterliefen, brannten in seinen aufgesprungenen Lippen und sein Brustkorb senkte sich unter den gewaltigen Schluchzern, die Nagi erschütterten.
Darüber spürte er beinahe nicht den sachten Stich in seinem Nacken, der sich zu seinem Entsetzen beim Herausziehen als ein Pfeil herausstellte.
Tumb starrte er das kleine Werkzeug in den Fingern an, das ihm so sehr wie einer von Bombays Darts erschien, dass er befürchtete, Feindkontakt mit Weiß zu haben. Doch der Mann, der sich nun neben ihn setzte und ihn sanft anlächelte, während seine Gedanken unfokussiert und sein Körper bleischwer wurden, gehörte nicht zu Weiß.

Er kannte das Gesicht gut genug, denn er hatte es gestern…war es gestern?...noch recherchiert. Er hatte sich seine Akte aufgerufen und sich in seinem Hass auf den Mann gesuhlt, der nun neben ihm saß und ihm zärtlich über die tränennassen Wangen strich. Er wollte ihn von sich wegstoßen, doch auch seine Gabe gehorchte ihm nicht mehr. Müde blinzelte er, bleierne Schwere ließ ihn zur Seite sacken, direkt in die warmen, nachgiebigen Arme des älteren Mannes.
„Komm zu mir, Nagi. Komm her, alles wird gut werden“, murmelten ihn die Worte des Mannes, der seinen Anführer vergewaltigt hatte, in die erlösende Bewusstlosigkeit.

 

~~~~~~~
Fortsetzung folgt.

Chapter Text

Und so begann es.

Jei lauschte dem Nachhall des so eben geschehenen Unglücks, ebenso wie er der Gewalt lauschte, die sich aus purer Hilflosigkeit geboren über den Weiß ergoss. Reglos verharrte er und folgte schließlich den Spuren der noch wandelnden Katastrophe durch das stille Haus bis hinein in das wohlbekannte Zimmer seiner Märchenbücher. Er ließ sich auf seinem Platz nieder und verzog die Stirn, als er sich eines Umstandes bewusst wurde, der ihn nicht glücklich stimmte. Die Nervensäge wusste noch von nichts und würde vermutlich blind in das Unglück laufen, das sich hier in der kurzen Spanne eines Flügelschlags ereignet hatte. Das nächste, beliebige Opfer für die Dominanz des Anführers und Jei musste die Informationen, die um ihn herumschwirrten und bereit waren, gepflückt zu werden, nicht bemühen um zu wissen, was passieren würde und wer für Ordnung sorgen würde.

So sehr er es dem Telepathen auch gönnte, so unpragmatisch wäre diese kurzfristige Art der Rache.

Jei sah aus dem Fenster auf die Veränderungen in der Anordnung der Kiesel, die der waidwunde Telekinet in seiner übereilten, hastigen Flucht hinterlassen hatte. Weg von diesem Haus, weg von dem Mann, der trotz all seiner Klugheit dumm genug war, den Fehler der Annahme zu machen, dass der Technikjunge ebenso gut darin wäre, seine Strafen zu ertragen wie Jei es damals gewesen war. Tumb und blind für das Offensichtliche hatte der Hellseher den Jungen das erste Mal geschlagen und missachtet, dass Menschen dazu neigten, sich an schlimme Dinge zu erinnern. Der Jüngste würde da keine Ausnahme sein. Er würde sich erinnern und sich ängstigen. Stirnrunzelnd folgte Jei dieser Möglichkeit und die losen Enden des Gedankenganges gefielen ihm nicht. Der Telepath, so er denn nicht seinen wertlosen Kopf verlor, konnte das richten.

Der Unruhestifter, dessen eigene, fragile Ruhe zerstört worden war und der es nicht anders wusste, als sein Unverständnis darüber über die auszuschütten, die sich nicht wehren konnten, kam nun zu ihm und hielt inne, als er seiner ansichtig wurde.
„Verschwinde“, schlug ein einziges, unvernünftiges Wort wie ein Peitschenschlag auf Jei ein und er hob seine Augenbrauen. Er gehorchte nicht, sondern musterte mit seinem verbliebenen Auge das Elend, was sich vor ihm aufbaute wie ein Taifun, dessen einziger Sinn und Zweck die Zerstörung allen Gleichgewichts war. Bleich war er, die Augen hinter ihrer Härte in tiefen Schrecken getaucht. Der Körper glich einer Bogensehne, die kurz vor dem Abschuss zitterte unter der Wucht, mit der sie zurückgezogen worden war. So viele Emotionen strudelten unter dem Gefängnis des Fleisches und beinahe verspürte Jei Lust, den Hellseher alleine deswegen aufzuschneiden um zu sehen, wie diese Emotionen sich ungefiltert und voller Wucht ihre Bahn brachen.

Gleich eines erfreuten Jägers erhob er sich und das Zusammenzucken des Mannes vor ihm sagte ihm das, was er wissen musste. Jei hielt inne, musterte, lernte und passte sich an. Er verlangsamte sich, gab sich etwas Beruhigendes.
„Raus aus meinem Arbeitszimmer“, wurde er daran erinnert, das auch er unerwünscht war und Jei sah zur Tür. Langsam trat er einen Schritt weiter, dann noch einen, auf der Höhe des Hellsehers hielt er inne. Er sog den Geruch ein, der sich in der Luft um den unruhigen Mann herum verwirbelte.
„Wie nach deiner Rückkehr riechst du nach Verzweiflung und Angst“, beobachtete er und wurde dafür an seinem Hals gepackt. Warnend drückten die zittrigen Finger zu, an denen bereits das Blut des Telekineten klebte. Er ließ sich davon nicht abhalten. Die Wahrheit ließ sich nicht aufhalten. Eigentlich hatte der Hellseher diese Lektion bereits gelernt. Uneigentlich war es anscheinend Jeis Aufgabe, ihm sie erneut zu geben.
„Du riechst nach Verleugnung und nach dem deplatzierten Wunsch, Stärke zu demonstrieren, wo Sanftheit angebracht ist.“
Seine Worte waren nicht erwünscht, doch damit hatte Jei auch nicht gerechnet. Wichtig war es, dass sie befolgt wurden. Der Mann, der seinen Hals eisern umfasst hielt, stieß ihn daran aus seinem Büro und Jei machte sich noch nicht einmal die Mühe zu taumeln.
„Und so beginnt es“, veräußerte er seine Gedanken und sah auf die Tür, die ihm vor seiner Nase zugeschlagen wurde. Er sah durch das Holz, hinter der Verneinung und Verleugnung brodelten.

Nein, seine Wahrheiten waren wahrlich nicht willkommen.

Stirnrunzelnd lauschte Jei dem stillen, in Trauer liegenden Haus und Bitterkeit erfüllte ihn, als er an den nächsten Schritt dachte. Wütend ballte er die Fäuste und schwor insgeheim auf Rache. Der Hellseher würde dafür bezahlen, dass er ihn zwang, außerhalb eines Auftrages mit der Nervensäge sprechen zu müssen und das auch noch in seinen Gedanken.
Selbst die vermeintliche Strafe, die der Anführer ihm damals hatte angedeihen lassen, als er sich um seine Bücher gekümmert hatte, war nichts im Vergleich zu seiner jetzigen Aufgabe, von der er nicht wusste, wie er sie beginnen sollte. Der Telepath war nicht da und so seine Pflicht vernachlässigt, sich um den Jungen zu kümmern. Natürlich sah der verantwortungslose Rothaarige das nicht so. Natürlich würde er die Dinge ins Lot bringen müssen.

~Der Junge ist weg~, schickte er ins Nichts seiner Gedanken und wartete. Der Telepath hatte gelernt, ihn alleine zu lassen in seinem Kopf, weil er es ihm nicht einfach machte. Mit Verachtung sah Jei auf diese faule und simple Denkweise herab, andererseits hatte er der Nervensäge noch nie ein großes Denkvermögen unterstellt. Nun war es aber wichtig, dass dieser sich von den Worten einfangen ließ, die er ihm entgegenschickte und nach einer genervten Wiederholung seiner Worte spürte er endlich das wohlvertraute Eindringen des Telepathen in seinen Kopf. Wie immer war es zunächst Ekel, der ihm begegnete und Jei spiegelte das Ressentiment mit grimmiger Genugtuung.
~Was willst du, Mondjunge?~, kratzte die widerliche Stimme an den wohlgeformten Kanten seiner Selbstbeherrschung.
~Der Technikjunge ist weg.~
~Und?~
~Er ist weg.~
~Und das soll mich warum interessieren, Idiot?~
Jei ballte die Hände zu Fäusten. Der Hellseher würde bereuen, wozu er ihn hier zwang. ~Er ist weggelaufen~, hielt er ruhig dagegen und ließ die Nervensäge die Erinnerung an den Jungen sehen. Natürlich brachte ihm das nun die Aufmerksamkeit, die ihm bereits zu Beginn dieser unerwünschten Unterhaltung zugestanden hätte. Dumm, wie er bereits gesagt hatte.
~Weswegen?~
~Ein Streit.~
~Geht das auch genauer, du Blitzbirne?~
Kommentarlos konzentrierte Jei sich auf das, was er vor der Flucht des Technikjungen gehört hatte. Seine eigenen Schlussfolgerungen verbarg er vor dem Inbegriff von Neugierde. Sollte sich dieser seinen eigenen Reim machen.
Der Telepath schwieg solange, dass Jei glaubte, dass er sich bereits wieder anderen, nutzlosen Dingen gewidmet hatte, doch dieses Mal wurde er tatsächlich überrascht. Natürlich hing das mit dem Jungen zusammen, der an dem rothaarigen Mann hing wie an einem kruden Onkel. Dumm, alle beide.
Ungewöhnlich ernst war die mentale Stimme, die sich durch Jeis Hirnwindungen schlich. ~Ich komme zurück.~
~Hoffentlich nicht~, seufzte er und wurde mit einem Mittelfinger belohnt, der sich in seine Gedanken brannte.
~Für dich immer, Mondjunge.~

Kommentarlos ließ Jei das Chaos der umherschwirrenden Informationen und Möglichkeiten, das er bisher zurückgehalten hatte, wieder über sie hereinbrechen und schmunzelte ob des Fluchens, das den überstürzten und abrupten Abgang des Telepathen begleitete.

 

~~**~~

 

Aya musste gestehen, dass er mit vielem gerechnet hatte, aber sicherlich nicht mit der abrupten Umsiedlung in den dunklen, kühlen Käfig im Keller. Er würde lügen, wenn er behaupten würde, dass es ihm keine Sorge bereitete oder ihm Angst machen würde. Der Gedanke daran, die restlichen drei Monate hier unten zu verbringen, wenn er nicht gerade für Schwarz tötete, verursachte eine nicht zu geringe Panik in ihm. Noch konnte er sie zurückdrängen, doch auch jetzt schon merkte Aya, dass die Dunkelheit ihm zusetzte. Die Frage war, für wie lange er stark sein konnte. Die Frage war vor allen Dingen auch warum er so plötzlich hier war.
Hing es mit ihrem Kampf zusammen? Eher unwahrscheinlich, mutmaßte Aya, denn der zeitliche Zusammenhang war einfach nicht gegeben. Dann hatte es einen Grund, der sich ihm so nicht erschloss und es war genau diese Instabilität, die in ihm Angst verursachte. Crawfords Worte befeuerten das nur und Aya schloss seine Augen, die er wider besseren Wissens in der Dunkelheit geöffnet hielt um wenigstens ein Gefühl der geringen Kontrolle zu behalten.

Was genau war passiert um aus dem überheblichen und arroganten Hellseher dieses wütende Monstrum zu machen? Takatori vielleicht, wenn er tippen müsste. Was es auch sein mochte, Aya war nicht in der Position, gegen diese Unterbringung oder Behandlung aufzubegehren, denn er hatte die Sicherheit seiner Schwester zu gewährleisten.
Also opferte er ihr nun auch noch drei Monate Tageslicht.
Verzweifelt presste er die Handballen auf seine Lider und war einen Moment lang froh um die bunten Sterne, die vor seinen Augen tanzten. Er wusste, dass einzig und allein Crawford dafür verantwortlich war, aber jetzt gerade, in diesem Moment, übertrug sich seine Wut auch ungerechtfertigt auf seine Schwester.

Auch wenn es all das hier keinen Deut besser machte. Im Gegenteil.

Langsam drehte er sich auf der Matratze, zu der er unrühmlich gekrochen war, nachdem Crawford ihn in dieser Dunkelheit eingesperrt hatte, zur Seite und befühlte mit seinen Fingern die Nähe zu kühlen Wand. Noch nicht einmal die Gnade einer Decke war ihm zuteil geworden und bitter dachte Aya an die Tage bei Lasgo zurück. Selbst er hatte Crawford ein solches Entgegenkommen gezeigt.
Zitternd schlang er seine Arme um sich, um zumindest ein wenig seiner Körperwärme behalten zu können. Schlafen konnte und wollte er nicht, aus Angst, wieder in der Dunkelheit zu erwachen.

 

~~**~~

 

„Wo warst du?“

Der König der Arroganz, der so wenig königlich, sondern eher erbärmlich hinter seinem Schreibtisch thronte, gab sich nun die Ehre, hochzusehen und seinen unwürdigen Untertanen mit einem kühlen Blick zu mustern.
Schuldig lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme. Der ihm entgegenspuckenden Arroganz begegnete er mit seiner ganz eigenen, denn das Spiel, das das Orakel hier gerade spielte, konnte er auch spielen, sehr gut sogar. Seit zwanzig Minuten war er nun zurück und hatte sich von Jei alles Notwendige erklären lassen, das er gebraucht hatte, um seinen Puls auf 180 zu treiben.
Es hatte also anscheinend einen Streit zwischen Crawford und Nagi gegeben, obwohl man das eigentlich nicht Streit nennen konnte. Nagi stritt sich nicht mit dem Mann, den er verehrte. Er gehorchte und hing an dessen Lippen. Also hatte Crawford seine schlechte Laune über dem Jungen ausgeschüttet und ihn damit so gründlich vertrieben, dass er weggelaufen war. Schon wieder. Entsprechend wütend war Schuldig. Seinetwegen konnte der Hellseher seine schlechte Laune an ihm oder dem Iren oder noch besser an Fujimiya auslassen, aber nicht an Nagi.

Nach den zwanzig Minuten hatte er einen Blick auf sein Handy geworfen und schlussendlich den Grund für eben jene schlechte Laune gefunden. Die erschreckende Beinahekatastrophe, die ihr Zeugnis auf seiner Mailbox gefunden hatte und die er, so konnte es sich Schuldig denken, hätte verhindern sollen, wenn er denn drangegangen wäre. Was er für gewöhnlich, wenn er unterwegs war und sein Handy auf lautlos gestellt hatte, nicht tat, es sei denn, ihr Anführer hatte Bereitschaft angeordnet. Viel zu sehr verließ sich Schuldig da auf seine Gabe und die Fähigkeit, seines Teams, diese zu nutzen.

Der arrogante Bastard lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und musterte Schuldig kalt.
„Willkommen daheim, Schuldig. Schön, dass du dir auch die Ehre gibst“, ließ er schließlich sein Edikt verlauten und der Telepath schmunzelte kurz und hart, bevor er sein Handy aus der Tasche zog, die Mailbox aufrief und auf laut stellte. Kommentarlos hielt er das Handy hoch und ließ das Orakel noch einmal hören, was zwischen ihm und Lasgo vorgefallen war. Stumm beobachtete er, wie sich die Arroganz in den Augen seines Anführers wandelte und beendete die Farce eines Gespräches mit einem abwertenden Schnauben.
„Ist das der Grund, warum du Nagi aus dem Haus gejagt hast? Weil er den Fehler gemacht hat, dir über den Weg zu laufen, nachdem dich das Arschloch wieder in seinen Fängen hatte?“

Schweigen, beinahe bockig, antwortete ihm und Schuldig nickte. Gut, würde er dieses Thema erst einmal hinten anstellen, schließlich würde er immer noch genug Zeit haben, Crawford für sein Verhalten Nagi gegenüber den Kopf zu waschen.
Schuldig ging zu der Couchecke und ließ sich unprätentiös auf einen der bequemen Sessel fallen.
„Lasgo hat dir also aufgelauert?“, fragte er und wurde mit einem Grollen belohnt, das nicht mehr ganz eine vollkommene Gesprächsverweigerung war. Schuldig wusste, dass er nun warten musste, bis sich sein hochwohlgeborener Spießer von einem Anführer dazu herabließ, seinen Stolz außen vor zu lassen und ihn mit mehr Informationen zu versorgen. Dieses Spiel hatte er schon in der Vergangenheit mehrfach gespielt, so wartete er.
„Er war in meiner Kaffeebar“, knurrte es schließlich gepresst.
„Nicht durch Zufall.“
„Natürlich nicht.“
„Du hast das nicht vorhergesehen.“
„Nein.“
Schuldig runzelte die Stirn. Das Versagen von Crawfords Gabe war einmal entschuldbar… aber ein zweites Mal in einer ähnlichen Situation mit der gleichen Person war es auffällig seltsam und deutete nicht wirklich darauf hin, dass es an ihrem Orakel lag.
„Ebenso wie der Disput zwischen mir und ihm die anwesenden Gäste nicht im Geringsten zu stören schienen.“

Schuldigs Blick ruckte hoch zu Crawford. „Was für ein PSI ist er?“, fragte er mit einem unguten Gefühl in der Magengrube und wurde mit einem knappen Kopfschütteln belohnt. Crawfords rechte Hand spielte dabei unablässig mit seinem Kugelschreiber, so als würde all die nervöse Energie, die noch in ihrem Anführer schwelte, sich in der Bewegung zusammenballen.
„Keiner. Niemand aus Takatoris Umfeld ist auch nur in Ansätzen mit PSI-Fähigkeiten identifiziert worden. Ich kann es mir nicht erklären.“
„Dir bleibt keine andere Wahl, als das Rosenkreuz zu melden, Orakel.“
Hasserfüllt richteten sich die hellen Augen auf ihn und durchbohrten Schuldig in all ihrer glorreichen Intensität. „Meinst du, ich wüsste das nicht? Meinst du, ich wüsste nicht, dass ich sie spätestens jetzt vorwarnen muss, dass sie eventuell Post von einem eigentlich schon längst toten Menschenhändler bekommen werden, der ihnen Schmuddelvideos übersendet?“
Schuldig runzelte die Stirn. „Was für…“
Das Knurren durchbrach seine Frage. „Was denkst du wohl, Schuldig?“

Bisher hatte er gar nicht darüber nachgedacht, doch nun gewann das Ganze eine vollkommen andere Qualität. Das, was sich auf der CD befand, waren Videos von dem, was Lasgo Crawford angetan hatte. Und das würde er zu Rosenkreuz oder alternativ zu Takatori schicken? Das war ekelhaft. Das war widerlich. Das war die Bitte um einen grausamen Tod und dieser Bitte würde Schuldig nur allzu gerne nachkommen.
„Wie?“
„Ich weiß[ es nicht“, presste Crawford hervor und warf den Stift auf den Tisch. „Ich hätte es mir denken sollen, dass er das auch noch filmt.“
Das hätten sie alle. Aber dazu waren sie in den vergangenen Tagen und Wochen nicht in der Lage gewesen zwischen all dem Chaos, das Lasgo angerichtet hatte. Doch da war noch etwas, das mindestens ebenso dringend war. „Er hat gesagt, dass er sich mit dir noch einmal in Verbindung setzt. Weiß er, wo wir wohnen?“
„Das weiß ich nicht.“
Schuldig wurde es heiß und kalt, während sich bittere Galle seinen Rachen hochkämpfte. „Crawford, du hast keine Wahl, das muss mit Rosenkreuz…“
„Nicht heute, nicht jetzt, ich will[ das nicht“, entkam es ungewohnt unvernünftig den schmalen, zusammengepressten Lippen und Schuldig wollte protestieren, doch der Schrecken über das, was sich dann anschließen würde, stand Crawford nur zu deutlich ins Gesicht geschrieben. Er würde aus seinem Team herausgelöst werden, seinen Anführerstatus verlieren und für Monate in einer von Rosenkreuz‘ Kliniken verschwinden, die ihm alle schlechten Erinnerungen daran mit fragwürdigen Methoden austrieben. All das, was geschehen war, würde in seiner Akte vermerkt werden und er würde den ihm vorgegebenen Weg verlieren. Alles aufgrund einer Tat, die er selbst nicht zu verschulden hatte.
Dass Crawford ihm überhaupt soviel Vertrauen schenkte, dass er es ihm überhaupt auftischte, war erstaunlich und trotz aller Wut auf das Orakel dachte Schuldig nicht daran, das Vertrauen zu enttäuschen.

„Was ist mit Nagi vorgefallen?“, fragte Schuldig ruhig, anstelle weiter auf die allzu offensichtliche Zukunft einzugehen und Crawfords Gesichtszüge verhärteten sich. Das schlechte Gewissen war also bereits in Ansätzen da. Gut, damit konnte er arbeiten.
„Er hat sich Dinge angemaßt, die ihm nicht zustehen.“
Was war das denn, ein letztes Aufbäumen? Das hatte so gar nichts von einem schlechten Gewissen und war eine Antwort, mit der Schuldig nun so gar nichts anfangen konnte und entsprechend genervt rollte er mit den Augen. Der Kleine war nicht ungehorsam, insbesondere dann nicht, wenn es um einen Befehl von Crawford ging. Er rebellierte nicht, was an sich langweilig war, ihm hier aber einen guten Hinweis darauf gab, was er getan oder eben auch nicht getan haben könnte.
„Was für Dinge?“, hakte er nach und sein Anführer meinte, ihn mit einer einzigen, nichtssagenden Geste abspeisen zu können. Schuldig erhob sich langsam und streunte zu seinem Anführer. Gemächlich setzte er sich auf dessen Schreibtischkante und verschränkte die Arme. Zynisch lächelte er auf Crawford herunter.
„Ich frage mich schon, was ein dir höriger, immer gehorsamer Telekinet für Dinge tun könnte, die ihm nicht zustehen. Wie grausam er gewesen sein muss, seinem Anführer nicht zu gehorchen. Oder wie schlimm er dich gedemütigt haben muss, damit du ihn raugeschmissen hast.“ Seine Stimme troff nur so vor Zynismus und er lehnte sich vor. „Oder es war es gar nicht Nagi, der sich etwas angemaßt hat, was ihm nicht zusteht. War es Lasgo? War Nagi nur zur falschen Zeit am falschen Ort?“

Dass seine Worte ins Schwarze trafen, sah er nicht zuletzt an der abrupten Verspannung, die Crawford zu einer Statue machte. Keine Reaktion zeigte er Schuldig und das war mehr Eingeständnis, als der Telepath jemals durch Worte in diesem Moment bekommen hätte.
„Ich dachte es mir“, lächelte Schuldig ungnädig. „Lasgo hat dich aus der Bahn geworfen und du hast deine Wut darüber an dem Erstbesten ausgelassen, der dir über den Weg gekommen ist.“
Langsam kam Bewegung in das Orakel. Mit Bedacht lehnte er sich zurück und verschränkte die Finger ineinander, die Ellbogen aufgestützt auf seine Stuhllehnen. Der Inbegriff an einer arroganten Mauer, die das schützen sollte, was nicht zugeben konnte, etwas falsch gemacht zu haben. „Du überschreitest deine Kompetenzen, Schuldig“, wurde er durch eine allzu ruhige, allzu neutrale Stimme gewarnt, der meist Gewalt folgte. Schuldig lehnte sich nach vorne. Noch war er nicht fertig.
„Hol den Jungen zurück. Nagi vergöttert dich und verdient deine Wut nicht. Kanalisiere sie lieber auf Lasgo und die Probleme, die er dir bereit. Und wenn du schon dabei bist, hol deinen kleinen Loverboy aus dem Keller, das traumatisierte Rumgeheule seiner Gedanken nervt mich und ich kann es nicht abstellen.“

An Crawfords zu Fäusten geballten Fingern erkannte Schuldig, dass er sich hier Stück für Stück mit seinen Worten das eigene Grab schaufelte. Doch Schuldig sah nicht ein, dass er seinen Anführer schonte. Nicht jetzt, nicht hier, wenn dieser eine Kopfwäsche dringend nötig hatte.
Dieser schonte ihn schließlich auch nicht vor dem Mist, der nun seinen Mund verließ. „Nagi kennt seine Aufgabe hier. Wenn er zu schwach ist, um sie trotz Unwägbarkeiten auszuführen, dann hat er es nicht verdient, ein Teil dieses Teams zu sein. Und was ich mit Fujimiya mache oder nicht, geht dich nichts an. Das war mein letztes Wort und jetzt raus hier.“

Schuldig glaubte, nicht richtig zu hören. Nagi hatte nicht verdient, Teil dieses Teams zu sein? Das hatte nichts mehr mit Selbstschutz zu tun. Dieser arrogante, abfällige Bastard von einem Hellseherarschloch.
Langsam erhob er sich. Das letzte Wort war noch nicht gesprochen, ganz und gar nicht. Wenn Crawford beschloss, Nagi das Leben zur Hölle zu machen, dann würde er im Gegenzug dazu ihm das Leben zur Hölle machen. Wollten sie doch mal sehen, wie weit ihr Anführer mit seiner uneinsichtigen Einstellung kam. Und in der Zwischenzeit würde er selbst versuchen, den Jungen zu finden und zu beruhigen.
Bevor sich die Wut des Orakels in Gewalt umwandeln konnte, verließ Schuldig dessen Büro. Die laut hinter ihm zuschlagende Tür war ein willkommenes Ventil für seine eigene, überschäumende, frustrierende Wut.

 

~~**~~

 

Als die Zeiger seiner altmodischen, aber gnadenlosen Uhr auf drei Uhr sprangen, erhob sich Crawford von den erfolglosen Recherchen, die er zum Verbleib des Drogenhändlers durchgeführt hatte. Nichts, keine Spur, die alte Infrastruktur wie vom Erdboden verschwunden, seit Fujimiya und er aus dem Areal entkommen waren.
Seit Lasgo sie hatte entkommen lassen, verbesserte Crawford sich mit beißendem Zynismus selbst. Denn, da brauchte er sich keine Illusionen machen, wenn Lasgo gewollt hätte, dann hätte er ihn nicht gehen lassen. Nein, das hier war alles ein Spiel, dazu gedacht, ihn zu diskreditieren und zu zerstören. Doch Crawford weigerte sich mit jeder Faser seines Daseins, sich diesem Spiel zu fügen.

So wie er sich weigerte, sich zum Schlafen hinzulegen. Was, wenn Schuldigs Frage ihre Berechtigung hatte? Wenn Lasgo bereits wusste, wo sie lebten? Was, wenn er nicht alleine war, sondern einen PSI an seiner Seite hatte? Fragen, bei deren Beantwortung er die Hilfe von Rosenkreuz benötigte, sie aber nicht einfordern würde. Noch nicht. Auch wenn es die dümmstmögliche Entscheidung war, die er zum jetzigen Zeitpunkt treffen konnte. Selbst seine Gabe schwieg und hing sich an Nichtigkeiten auf, die in der Zukunft passieren würden.
Crawford rieb sich über die übermüdeten Augen und schwankte mehr als dass er ging aus seinem Büro. Morgen würde er dazu eine Entscheidung treffen.

Seit Schuldig ihm in seiner allzu charmanten Art empfohlen hatte, Fujimiya aus seiner neuen Unterbringung zu holen, nagte etwas an ihm, das er schwerlich beziffern konnte. Zweifel, vielleicht, die er nicht haben sollte. Fujimiyas Anwesenheit reichte aus, um seine Gabe zu katalysieren. Wo er sich in diesem Haus befand, war eigentlich egal.
Uneigentlich aber zog es ihn dorthin, wo der Weiß war und so setzten sich bereits jetzt seine müden Beine in Richtung in Gang und stiegen die Treppe hinunter, weil er mit der Ruhe, die über die vergangenen Stunden eingekehrt war, immer unzufriedener mit seiner Entscheidung geworden war.

Seinen Entscheidungen.

Ein traumatisierter und auch Rache sinnender Weiß half ihm nichts und würde zu einer zusätzlichen Belastung werden, die er momentan nicht gebrauchen konnte. Da war es leichter, seine vor Stunden getroffene Entscheidung wieder rückgängig zu machen und sich mit dem Spott des Telepathen über sein Einlenken und der Wut Fujimiyas über sein Handeln auseinander zu setzen.

Als er das Licht in der dunklen Zelle anschaltete, hielt Crawford für einen Moment lang inne. Fujimiya lag ihm abgewandt auf seiner Seite, die Arme um seinen Körper geschlungen um in dem kühlen Raum das letzte Bisschen Wärme bei sich zu behalten. Lasgo war mit ihm ähnlich verfahren und der ungebeten gekommene Vergleich zerrte an Crawfords sowieso schon dünner Selbstbeherrschung.
Der Weiß regte sich nicht, öffnete noch nicht einmal seine Augen, auch wenn es offensichtlich war, dass er wach war.

Mittels seines Fingerabdrucks öffnete er die Zellentür. „Steh auf und komm raus“, befahl er in die Stille hinein, die erst einmal auch genau das blieb. Kein Laut entkam dem Weiß, keine Reaktion zeigte, dass er Crawfords Worte überhaupt verstanden hatte.
„Ich sagte - “
„Das Licht ist unerträglich“, unterbrach Fujimiya ihn rau und Crawford runzelte die Stirn. In Gedanken rechnete er nach, wie viele Stunden der Weiß hier unten verbracht hatte und kam zu dem Schluss, dass es kein Gehabe war, sondern durchaus seine Berechtigung hatte. Einem blinden Weiß Aufträge zu übertragen, hatte noch viel weniger Sinn, als ihn sich unausgeglichen ans Bein zu binden. Schnaubend trat Crawford zum Lichtschalter zurück und dimmte die Beleuchtung so weit herunter, dass sie den Raum nur noch zu einem minimalen Teil erhellte.
Es dauerte etwas, aber schließlich erhob sich der Weiß gehorsam und kam unsicher auf die Beine.
Die Schonhaltung, mit der er die ersten Schritte tat, sprach Bände und Crawford erinnerte er sich nur zu gut an die Gewalt, mit der er Fujimiya hier hinunter gezwungen hatte.
Als der rothaarige Mann auf seiner Höhe war, stellte er sich ihm in den Weg um sich die Verletzungen in dessen Gesicht und Torso genauer anzusehen, die er ihm zugefügt hatte, doch Fujimiya zuckte vor ihm zurück.

Der Anführer von Weiß zuckte vor ihm zurück.

Niemals in den Jahren, in denen sie in eindeutig feindlicher Absicht aufeinandergetroffen waren, hatte der Weiß ein solches Verhalten gezeigt und das machte Crawford unerwartet wütend. Das war nicht Fujimiya. Und er war nicht Lasgo.
Auch wenn er nichts dagegen hatte, den Weiß zum Gehorsam zu zwingen und ihn, wenn es nötig war, in einem Übungskampf zu Boden zu prügeln. Doch das geschah in dem Wissen, dass der allzu sture Weiß vorher auch ordentlich ausgeteilt hatte und jederzeit wieder aufstehen würde. Er mochte Herausforderungen, aber das hier war keine Herausforderung. Das hier war…
„Geh nach oben und dusch dich“, befahl er kühl um sich und den Mann, der abwartend vor ihm stand, aus seinen Gedanken wie auch aus der peinlichen Stille zu holen, die sie umgab.
„Und dann?“ Wut schwang in der rauen Stimme mit, auch wenn sie wohl verborgen unter anderen Emotionen lag. Die trotz gedimmter Helligkeit blinzelnden und anscheinend schmerzenden Augen hielten sich weiter von ihm abgewandt und das störte Crawford mehr als er zugeben wollte.
„Dann legst du dich auf das Bett, das ich dir zugeteilt habe, ich werde dafür sorgen, dass du nicht den geplanten, aber dummen Fehler eines Fluchtversuchs wagst und dann werde ich dich in…“, Crawford sah demonstrativ auf seine Armbanduhr, „…exakt vier Stunden und fünfundvierzig Minuten aufwecken, damit du an den täglichen Mahlzeiten teilnehmen kannst.“

Nun kamen die violetten Augen doch auf ihm zu ruhen und aus Überraschung wurde Verwirrung. „Was bedeutet das?“
„Was bedeutet was?“
Fujimiya deutete hinter sich. „Das hier. Deine Worte, an die du dich sicherlich noch erinnerst, dass ich den Rest meiner Zeit hier unten in diesem Grab verbringen werde. Muss ich jetzt jeden Tag damit rechnen, dass du mich aus der Bibliothek zerrst, mich schlägst und hier einsperrst?“ Angst franste die Ecken der Worte aus, auch wenn die Augen diese eisern zu verbergen wussten. Widerwillig erkannte Crawford diese Angst an, denn auch er hatte mit jedem Mal, mit dem ihm die verhasste Augenbinde angelegt worden war, erfahren, was Dunkelheit bedeutete und dass er sie zu fürchten hatte.
„Nein“, erwiderte Crawford schlicht. Er überlegte, über den Rest zu schweigen und Fujimiya sich seine eigenen Gedanken machen zu lassen, doch die Ruhe, die seine Wut und seinen Zorn auf Lasgo vertrieben hatten, war ihm da ein anderer Ratgeber. „Das werde ich nicht tun. Dieses Mal war besonderen Umständen geschuldet, die so nicht mehr eintreten werden“, erwiderte er mit dem, was er preisgeben konnte. „Auch wenn die Versuchung sicherlich groß ist, dein vorlautes Mundwerk in einen Raum zu stecken, wo ich es nicht hören muss“, schob er hinterher, weil er etwas hinterherschieben musste, dass den Weiß wütend machte und er hatte sichtbaren Erfolg damit.
Ironisch lächelnd deutete er in Richtung Ausgang. So war es besser. Ein Konflikt weniger, den er zu führen hatte. Fujimiya schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf, gehorchte ihm aber und verließ langsam und unter Schmerzen den Keller.

Crawford beobachtete ihn aufmerksam dabei. „Ich erwarte im Übrigen von dir, dass du mich darauf aufmerksam machst, sollte ich dich ernsthaft verletzt haben“, schob er hinterher. Der ausgestreckte und hoch erhobene Mittelfinger teilte ihm deutlich mit, was Fujimiya von dieser Anweisung hielt.

 

~~**~~

 

„Takehito Asahiro“, wiederholte Youji, während er seine Kopie der Akte auf den Oberschenkeln balancierte, die Manx ihm überreicht hatte. Schweigend sah er sich die Daten zu ihrem nächsten Auftrag durch und nickte schließlich. Heute Abend bereits, ein sauberer Auftrag, nichts, was sie nicht zu dritt erledigen konnten. Er warf einen verstohlenen Blick zu Omi, der bedeutungsschwanger die Augenbraue hob. Eigentlich hatten sie sich heute Abend Manx‘ Wohnung ausgeguckt, aber mit einer Mission am gleichen Abend würde das schwer werden. Also mussten sie ihren Plan verschieben und darauf warten, dass die rothaarige Agentin einen weiteren Abendtermin hatte, den sie wahrnahm.

„Gibt es etwas, Youji?“, drang ihre Stimme durch seine Überlegungen und er konnte sich mit knapper Not davon abhalten, wie ein ungehorsamer Schüler unter der Maßregelung seiner Lehrerein zusammen zu zucken. Mit einem charmanten Lächeln sah er auf und schüttelte den Kopf.
„Nein, ich dachte nur gerade daran, dass unserem Jüngsten ein bisschen Action durchaus gut tun würden. Bisschen Dampf ablassen, du weißt schon.“
Manx hob ihre Augenbraue. „Dampf ablassen“, echote sie und Omi setzte sein unschuldigstes, erleichtertstes Lächeln auf, was er zu bieten hatte.
„Ja, tatsächlich würde ich mich darüber freuen“, log er über seine Angst hinweg, Schwarz erneut zu begegnen, wie Youji wusste, und hob die Akte des Auftrags hoch. „Davon ab werde ich mich wie gewohnt um die Einzelheiten kümmern. Betrachte den Auftrag heute Abend als erledigt, Manx.“
„Nichts Anderes erwarte ich von euch.“

Natürlich nicht, als wenn sie ihr jemals am Herz gelegen hätten. Youji fragte sich nicht zum ersten Mal, wie weit die Agentin ebenfalls in dem Verrat mit drinhing und nur nach Möglichkeiten suchte, sie loszuwerden. Noch nie hatte er wirklichen Zugang zu ihr gefunden und anders als Birman hatte sie ihre Gefühle auch in Krisensituationen immer stets eng bei sich behalten. Für sie waren die restlichen Agenten Kritikers sicherlich nichts Anderes als Puppen an unsichtbaren Fäden, an denen sie zusammen mit Perser zog.
Doch Youji weigerte sich, weiterhin eine Marionette zu sein. Er weigerte sich, einer Organisation sein vollstes Vertrauen entgegenzubringen, die sie vielleicht belog und verriet. So würde er Manx ganz sicher nicht sagen, welche Entdeckung er heute Morgen gemacht hatte. Auch den beiden anderen Weiß hatte er es noch nicht gesagt, damit sich insbesondere Omi nicht noch weiter ängstigte.

Ayas Schwert und sein Mantel waren verschwunden.

Er hatte sich in das Zimmer ihres verschwundenen Anführers begeben, um mögliche Hinweise auf die Zeit vor dessen Entführung zu finden. Doch da war nichts, nichts und die Abwesenheit von eben jenen Dingen, die Aya zum Töten benötigte. Wenn es also stimmte und er bei Schwarz war, dann hatte entweder Naoe den Mantel und das Katana mitgenommen, ohne dass Omi etwas davon mitbekommen hatte, oder, was um Längen schlimmer war, sie hatten erneut Besuch gehabt ohne davon Wind bekommen zu haben.
Das Gefühl der mangelnden Sicherheit war überwältigend, doch Youji wusste bereits jetzt, dass sie nichts dagegen tun konnten. Wenn Schwarz es darauf anlegten, dann wären sie tot. Egal, wo sie sich befanden.

Er konnte nur hoffen, dass sie sich heute nicht begegneten.

 

~~**~~

 

„Der Name der Zielperson lautet Takehito Asahiro“, stellte Crawford in den Raum und öffnete mit einem Mausklick die Details über ihren nächsten Auftrag, den sie am heutigen Morgen von Takatori erhalten hatten. Der Auftrag war am heutigen Abend durchzuführen und nicht wirklich diffizil, doch er würde kein Risiko eingehen, auch wenn er bereits vorhergesehen hatte, dass der anscheinend in Ungnade gefallene Geschäftspartner des Politikers mit seiner kompletten Firma ausgerottet werden würde.

Crawford öffnete das nächste Dokument und stellte den zeitlichen Ablauf des Terminplans ihrer Zielperson und der beteiligten Abteilungsleiter der Firma vor, die am heutigen Abend ihr Ende finden würden. Nagi war immer noch nicht zurückgekehrt, so hatte er selbst die Daten zusammengetragen, die er nun seinem Team und Fujimiya präsentierte, damit diese sie sich einprägen konnten. Der Weiß schwieg, wie heute Morgen auch schon, als er die Handschellen aufgeschlossen hatte oder bei ihrem Frühstück. Wenn er Schuldigs zynischer Bemerkung Glauben schenken durfte, dann war Fujimiya immer noch wütend auf ihn, weil er ihn in den Keller gesperrt hatte und zu gleichen Teilen vorsichtig, da er nicht wusste, was eben jene Strafe am Tag zuvor ausgelöst hatte und er Crawford trotz seiner Worte keinen Glauben schenkte.

Fujimiyas Problem, nicht seins.

Seine Probleme waren andere und Crawford hatte sich bereits eine geistige Notiz gemacht, nach ihrem Auftrag heute Abend nach Nagi zu suchen und den Jungen wieder hierhin zurück zu befehlen. Bis dahin dürfte er die vergangene Zeit sinnvoll dazu genutzt haben, sich darüber klar zu werden, wo seine Grenzen lagen und dass er vieles war, aber sicherlich nicht Nagis Vater. Er hatte den Jungen lediglich groß gezogen, war ihm ein Vorbild gewesen und hatte ihm vernünftige und notwendige Grundlagen anerzogen, die ihm das Leben erleichtern würde, doch das kam sicherlich nicht der Aufgabe eines Vaters gleich.
Nagi war schon einmal weggelaufen, daher wusste Crawford, wo er den Jungen finden konnte, wenn er ihn schließlich suchte. Es war kurz nach der Aufforderung von Rosenkreuz gewesen, dass der Junge sich in Österreich vorzustellen habe. Nagi hatte das Schreiben so aufgefasst, als würde Crawford ihn verstoßen und war weggelaufen, auch wenn er vor Crawford und Schuldig nie wirklich hatte weglaufen können. Sowohl das Orakel als auch der Telepath hatten jederzeit gewusst, wo sich der Junge befand.

Das war jetzt anders, ebenso wie die Umstände andere waren. Nagi war besser darin geworden, Schuldig so wie jetzt zu blocken, wenn er sich wirklich darauf konzentrierte und keine weiteren Eindrücke in seinem Geist zuließ. Was seine eigene Gabe anging, so vermutete Crawford, dass wieder einmal deren Unzuverlässigkeit zuschlug und ihn nicht sehen ließ, wo sich der Junge befand.
Das waren aber nicht alle Möglichkeiten, die er hatte um Nagi zu finden, dennoch brauchte er Ruhe für die übrigen. Ruhe, die er jetzt nicht hatte, auch wenn es sich bei dem Auftrag um einen Routineauftrag handelt.

„Als Zusatz für unseren Gast, bei dem Mann handelt es sich um einen von Takatoris nun ehemaligen Geschäftspartnern, der jahrelang für ihn Geld gewaschen und Korruptionszahlungen an Scheinfirmen weitergeleitet hat. Seine sieben Abteilungsleiter sind ebenso wie er in die schmutzigen Geschäfte verwickelt. Um die Abteilungsleiter werden sich Schuldig und Jei kümmern, die Ehre, ihn um sein Leben zu erleichtern, wird somit dir gehören“, beendete Crawford seine Analyse in Richtung des Weiß, der ihn nach wie vor schweigend musterte. Dann jedoch gab er sich die Ehre, doch das Wort an ihn zu richten.
„Mit welcher Waffe?“
Crawford lächelte schmal, als Jei sich erhob und aus einem der Wandschränke ein unförmiges, schweres Bündel holte, das er Fujimiya in den Schoß fallen ließ. Überrascht und zum großen Teil auch ungläubig weiteten sich die Augen des Weiß.
„Das sind meine Sachen“, richtete er verwirrt an den irischen Mann, der ihn zufrieden musterte. Wie Crawford wusste, konnte Jei Fujimiya stundenlang dabei zusehen, wie er seine Zielpersonen mit seinem Katana duchbohrte und ein wahres Blutbad anrichtete.
„Und?“ Die raue Stimme des Iren deutete bereits an, was er von der Verwirrung hielt. Nichts und unnötig war sie auch noch.
„Wo hast du das her?“
Jei seufzte und Crawford schulte seine Mimik auf Ausdruckslosigkeit. Das Lachen und die darauffolgende Wut des Weiß überließ er Schuldig.
„Aus deinem Zimmer.“
„Du warst im Koneko?“
„Nein. In deinem Zimmer. Gestern Nacht. Aber sie leben alle. Noch.“

Das Knirschen der Fujimiyaschen Wangenknochen hörte er selbst über Schuldigs amüsiertes Gackern hinweg und Crawford wartete den stummen, gedanklichen Disput nicht ab, den die beiden rothaarigen Männer miteinander führten und aus dem Schuldig natürlich als Sieger hervorging, um sein Notebook herunter zu fahren und die Präsentation zu beenden.
Schweigend sah er zu, wie der Weiß sein Katana zu sich nahm und es soweit aus der Scheide zog, dass er anscheinend sein mit Hämatomen verunziertes Spiegelbild in der Klinge betrachten konnte. Hass stand in den Augen, Wut, aber auch Hilflosigkeit und Angst.

Angst davor, Weiß zu begegnen, wie Crawford ahnte.

 

~~**~~

 

Latente Übelkeit dominierte Ayas nicht vorhandenes Wohlbefinden. Er vermochte nicht zu sagen, ob es der erzwungene Auftrag für Schwarz war oder aber das latente Kribbeln in seinem Magen von Crawfords Schlag.
Seine Hand krampfte sich um das Heft seiner Klinge. Doch damit nicht genug. Mit einem abgrundtief böse Lächeln hatte der Amerikaner ihm noch eine Handfeuerwaffe und zwei Messer gegeben mit dem Hinweis, dass er alles davon gebrauchen konnte. Das waren die Waffen seiner Wahl für seinen ersten Auftrag unter der Leitung des ach so großen Orakels.

Aya hoffte inständig, dass seine Schwester schlussendlich, irgendwann, in ferner Zukunft, wenn all das hier vorbei war, aufwachen würde und ein gutes Leben führen konnte, wenn er seines nun schon wegwarf.
Eine Aufnahme einer Überwachungskamera genügte, die ihn zusammen mit den Schwarz zeigte und Kritiker würden ihn jagen und vernichten, dessen war sich Aya bewusst. Also musste er so lange überleben, bis es seiner Schwester gut ging und er in Ruhe sterben konnte. Solange musste er am Leben bleiben um ihretwillen.
Er schloss die Augen, presste seine Daumen auf die Lider.
Niemals hätte er derartige Milde mit Crawford zeigen dürfen, dann wäre das alles nicht passiert, hielt er sich wieder einmal reichlich nutzlos vor Augen. Wenn Crawford in dem Anwesen von Lasgo gestorben wäre, dann wäre er noch bei Weiß und Birman hätte keinen Grund ihn zu erpressen. Doch der Gedanke verflog wie die Male zuvor auch schnell. Er hätte wieder so gehandelt und den Amerikaner aus dem Drecksloch herausgeholt, das wusste er.

Eben jenes Orakel, das stumm neben ihm saß, das Gesicht hochkonzentriert und anscheinend gerade in eine telepathische Unterhaltung mit Mastermind vertieft. Auf seinem Schoß ruhte ein kleines Netbook, mit dem er die Kameraüberwachung auf Dauerschleife umgeleitet hatte.
Aya ließ seinen Blick nach draußen schweifen. Das große Bürogebäude lag bis auf wenige erleuchtete Büros dunkel vor ihnen. Ihre Zielperson befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in seinem Büro und ging seinen abscheulichen Geschäften nach. Irgendwie amüsierte Aya der doppelte Verrat des Geschäftsmannes schon. Er betrog den Staat und wurde von demjenigen betrogen, der ihm mehr Macht, mehr Geld, mehr Einfluss versprochen hatte.
Jedem das Seine, Arschloch, richtete er an Takatori und Hass brandete ihn ihm auf.

„Drei Minuten und 43 Sekunden, dann betreten wir das Gebäude.“

Aya warf einen Blick auf die ihm bereitgestellte Armbanduhr und überprüfte den Sitz seines Headsets. Es trug sich angenehmer als sein eigenes, doch Aya würgte den Gedanken ab. Er wollte jetzt nicht an sein Team, seine Freunde denken, die Crawford ihm aus purem Egoismus und purer Rachsucht genommen hatte.
Ein Seitenblick in Richtung Amerikaner zeigte ihm erneut nichts als kalte Ruhe. Kein Anzeichen auf die Spannungen innerhalb des Teams, kein Anzeichen auf das Fehlen des Telekineten, das auch ihm aufgefallen war. Natürlich hatte er keine Antwort auf seine Frage erhalten und Aya wusste ebenso, dass es ihn nicht interessieren sollte.

~Mastermind, Berserker, haltet euch bereit. Der Zugriff erfolgt in drei Minuten. Vier Wachmänner im unteren Bereich, jeweils acht patrouillieren in den beiden Gebäudeflügeln. Eure sieben Zielpersonen sind auf die Stockwerke dreizehn, achtzehn und fünf verteilt.~
Schuldig grunzte über die zusätzliche, telepathische Verbindung, die vor dem Losfahren von ihm eingerichtet worden war und in Aya das Gefühl eines ständigen, latenten Ziehens in seinem Schädel erzeugten.
~Habe alle sieben Zwerge gefunden~, bestätigte er und erntete und mentales Zischen des Iren.
Wärmebildkameras lieferten dem Display des Netbooks zuverlässige Daten über die Bewegungsprofile der Wachleute und Zielpersonen und Crawford verfolgte sie mit einem kurzen Stirnrunzeln, als das Bild kurz flackerte. Anscheinend war es aber keine ungewöhnliche Anomalie, als er schließlich nickte und das Auto verließ. Zeichen für Aya, dass er mit ausstieg.
Ein wenig komisch kam sich der Weiß schon vor in seinem Mantel, in dem er bisher immer gegen Schwarz gekämpft hatte. Sicherlich hatte auch das Blut des Amerikaners seinen Weg auf das Leder gefunden, wenn Aya einen oder mehrere Treffer hatte landen können. Plötzlich schien ihm sein sonst so bequemer Mantel viel zu eng. Aya seufzte lautlos.

Das ist es, was du bekommst, wenn du Schwäche zeigst, sagte er sich selbst, ohne dass es ihn in irgendeiner Art und Weise weiterbrachte.

Schweigend folgte er Crawford zum Hintereingang des Bürokomplexes und traf dort auf Schuldig und Farfarello. Der Wachmann kam zu ihnen und für einen Moment lang hatte Aya den irrwitzigen Verdacht, dass sie enttarnt worden waren. Doch der Verdacht hielt nicht lange, als der Mann Mitte fünfzig sie mit einem freundlichen Lächeln hineinließ, offensichtlich beeinflusst durch Schuldig selbst, dessen harsche Gesichtszüge konzentriert und bar jedweden Spotts waren.
Schweigend betraten sie den Komplex und gingen zu den Aufzügen, die sich gläsern vor ihnen auftürmten. Die eingeschleuste Schleife würde exakt eine Viertelstunde halten, dann mussten sie raus hier.

Eigentlich ein Kinderspiel. Eigentlich.

Ein leises Ping kündigte ihre Ankunft an und Crawford nickte zur Seite. ~Wie besprochen. Abyssinian und ich gehen nach links und nehmen uns der Zielperson an. Mastermind und Berserker, ihr haltet uns die Wachen vom Hals und kümmert euch um die restlichen Zielpersonen.~
Schuldig nickte schweigend und verließ sie, während Farfarello in die andere Richtung ging, während er das Messer zog, mit dem Aya schon öfter Bekanntschaft gemacht hatte als ihm lieb war. Crawford ging und Aya schloss sich ihm an, zog das Schwert aus der Scheide, die er in der entsprechenden Halterung befestigte. Er würde es kurz und schmerzlos machen, keine lange Quälerei. Schweigend deutete Crawford auf den hinteren Gang, auf die letzte Tür auf der linken Seite. Ein leichter Lichtschimmer trat unter der Tür hervor und Aya vermeinte, die Stimme der Zielperson zu hören. Aya nickte und spähte durch den minimalen Spalt, der einen winzigen Einblick in das schmale Büro gab, das Takehito Asahiro sein eigen nennen konnte. Der andere Mann telefonierte gerade, während er ungeduldig auf seiner Tastatur tippte.

„Nein, ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass ich…“ Aya sah fragend zu Crawford, der stumm nickte. Er atmete tief durch und wartete, bis der Geschäftsmann aufgelegt hatte. Unerwünschte Zuhörer galt es unter allen Umständen zu vermeiden.
Leise öffnete er die Tür und trat durch den Spalt. Als der Geschäftsmann aufsah, hatte sich Aya bereits in Bewegung gesetzt. Es brachte dem panischen Mann nichts, nach hinten zu stolpern. Es brachte ihm ebenso wenig etwas, nach seiner Waffe zu greifen oder nach dem Knopf, der den Sicherheitsdienst verständigen würde. Lautlos verfolgte Aya ihn und trieb ihm das Katana durch den Leib und setzte mit seinem eigenen Körpergewicht nach, während er dem Mann gleichzeitig die behandschuhte Hand auf den Mund presste, damit dieser durch seine panischen und entsetzten Schreie nicht die noch lebenden Wachmänner oder anderen Angestellten auf sie aufmerksam machte.
Während das Katana den Mann auf den Boden spießte, zog Aya den Dolch und durchtrennte die ihm offen dargebotene Kehle mit einem einzigen, blutigen Ruck, der das Blut nur so spritzen ließ. Schnell und ohne große Quälerei.

~Zielperson tot~, hörte er über die gedankliche Verbindung und ein zynisches Schnauben entkam ihm.
„Die Daten gehören dir“, wandte sich Aya zu Crawford und sah über seine Schulter. Er fing den Blick des Orakels ein, der zu lange und zu schweigend auf ihm ruhte um nicht bedeutungsschwanger zu sein. Fast schien es Aya, als wolle Crawford etwas sagen, doch dann schmunzelte der Amerikaner nur und ging an dem noch zuckenden Körper vorbei zum Schreibtisch. Er steckte den Sicherungsstick in einen der Slots des Rechners und holte sich die Daten, die er anscheinend im Auftrag von Takatori benötigte.

Aya presste den Kiefer aufeinander. Irgendwann, in naher Zukunft würde Takatori derjenige sein, der auf seinem Stuhl saß, das weiße Hemd durchtränkt von seinem Blut, die Augen leblos und doch voller Grauen. Niemand, auch Schwarz, würden ihn dann aufhalten können. Niemand.

Losgelöst von seinen Beobachtungen und Wünschen horchte Aya schließlich auf. Sein Instinkt schlug an und irritiert sah er sich um, als er nichts ausmachen konnte, was ihnen gefährlich werden würde. Er konnte nicht genau beziffern, was es war, aber alleine das Gefühl ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen.
„Hier ist etwas nicht in Ordnung“, flüsterte er aus reiner Gewohnheit in die Kommunikationseinheit und Crawford sah stirnrunzelnd auf, lauschte ebenso. Stumm bedeutete er dem Weiß, sich an die Tür zu begeben.
~Lagebericht, Mastermind~, forderte das Orakel und einen schrecklichen Moment lang kam nichts von Schuldig.
~Da waren es nur noch drei~, erklang es schließlich und so etwas wie ein Fluch entkam Farfarello. Genau konnte Aya die harte Wortfolge, die sich wie eine Flutwelle über den gedanklichen Link ergoss, aber nicht beziffern.
„Wie viele Minuten noch?“, fragte Aya Crawford, der einen kurzen Blick auf den Bildschirm warf. Seine Brillengläser spiegelten für einen Moment dessen Licht und verbargen die kalten Augen.
„Fünf.“
Angespannt wartete Aya an der Tür, dass sich etwas tat, aber außer seinem unguten Gefühl regte sich nichts auf den einsamen Fluren.
~Noch einer~, kam es knapp von Farfarello. ~Zu leicht.~ Beinahe schon kam es Aya vor, als würde der Ire unzufrieden schmollen.
~Zwei Minuten.~

Aya atmete tief durch. Bald hatten er es hinter sich. Nervös ließ er seinen Blick zwischen Flur und Crawford hin- und hergleiten und straffte sich erleichtert, als der Amerikaner den Stick aus dem Rechner zog.
~Daten sind gesichert. Wir treffen uns beim Fahrzeug.~
Schweigend lief Aya neben Crawford zum Aufzug zurück, traf dort auf Mastermind und Berserker, dessen verbliebenes Auge eine Art vollkommener Zufriedenheit zeigte. Er war über und über mit Blut beschmiert, während Schuldigs weißer Anzug ohne einen einzigen Spritzer an Blut davongekommen war. Spöttisch wurde Aya von dem Telepathen gemustert.
~Warum genau hast du nochmal versucht, Crawford zu besteigen? Dein Blutdurst würde dich so passend für unseren guten Jei hier machen.~ Ein unwillkommenes, mentales Bild begleitete Schuldigs Worte und Aya zuckte unter der verstörenden Vorstellung zusammen, in der er es mit dem Iren trieb.
„Mastermind.“ Crawford, dessen eisige Kälte seine Augen wie auch seine mentale Stimme erreichte, ließ Aya unwillkürlich schmunzeln. Schuldig schnaubte verächtlich, setzte aber kein weiteres Bild von ihm und dem Iren nach.
Sie zogen sich zurück in den Aufzug und fuhren mit ihm in die immer noch leere Eingangshalle, wo der Wachmann zufrieden hinter seinem Tresen saß und sie nun mit einem Lächeln verabschiedete.

Stirnrunzelnd beobachtete Aya ihn, als er mit einem Mal einen Schatten aus dem hinteren Teil des Erdgeschosses auf sich zukommen sah. Alarmiert hob er das blutige Katana. Neben ihm fuhren sowohl Schuldig als auch Crawford zu der überraschenden Störquelle herum. Für den Bruchteil eines Augenblicks fragte sich Aya, warum der Amerikaner die Störung nicht vorhergesehen hatte, dann aber erlosch alles logische Denken, als er den Personen ansichtig wurde, die nun aus dem Schatten traten.

„Schwarz.“

Eiskalt rann es Aya den Rücken hinunter. Er kannte die Stimme fast so gut, wie seine eigene. Wie oft hatte er sich mit dieser Stimme unterhalten, mit ihr gefeiert, gelacht, mit ihr gestritten?
Youji, nein, Weiß waren hier. Youji, Ken und Omi.
Ayas Augen weiteten sich, als er seiner Freunde ansichtig wurde, deren Blicke vielsagend auf ihm ruhten. Verräter, vermeinte er in ihren Augen zu sehen und das schmerzte Aya in diesem Moment mehr als es jede Folter Schuldigs oder jeder Schlag des Amerikaners je hätte tun können. Und hatte er sie und ihre Ideale nicht auch verraten, dadurch, dass er Crawford am Leben gelassen hatte, nur damit dieser ihren Jüngsten foltern konnte? Wie Säure ätzte sich Ayas Schuld durch seine Eingeweide und ließ sie sich zusammenkrampfen. Gerade noch hatte er sich gefragt, warum das Orakel die Ankunft seines Teams nicht vorhergesehen hatte. Doch langsam beschlich ihn das Gefühl, dass er die falsche Frage gestellt hatte. Crawford hatte es vorhergesehen. Und jetzt? Würde er ihn zusehen lassen, wie Schwarz sein Team verletzte oder gar tötete, war das Crawfords Plan gewesen? Hatte er deswegen nichts davon gesagt, dass sein Team auftauchten würde?

„Du widerliches Arschloch“, zischte er Crawford zu, der ihn schweigend maß. Wenigstens besaß er den Anstand nicht zu lachen, wie es nun Schuldig tat und seine Aufmerksamkeit voll und ganz den Weiß widmete.
„Wen haben wir denn da? Das ehemalige Team unseres vielversprechenden Neuzugangs. Wunderbar. Seid ihr gekommen um dem lobenswerten Beispiel eures abtrünnigen Anführers zu folgen und euch uns anzuschließen?“, gurrte er und nahm Youji in Augenschein, dessen Hände bereits den Draht aus seiner Uhr gezogen hatten und dessen Gesicht eine Maske des Zorns und des Hasses war.
Youji ignorierte den Telepathen, so gut er konnte und wandte sich direkt an ihn selbst. Die entschlossene Hoffnung in dem Blick seines Freundes schmerzte. Sie schmerzte so sehr.
„Aya, wir werden damit fertig. Du musst das nicht tun. Du darfst dich von ihnen nicht benutzen lassen. Komm zu uns zurück, Aya. Wir sind dein Team. Deine Freunde. Wir holen deine Schwester zurück, mit der sie dich erpressen.“

Wortlos schluckte Aya und Verneinung stand auf seinem Gesicht, noch bevor er den Kopf schütteln konnte.
„Ich kann nicht, Youji. Ich kann nicht“, erwiderte er mit einem flehenden, um Verständnis bittenden Unterton und sah seine Verzweiflung in den Augen des blonden Weiß gespiegelt.
„Wir gehen“, schnitt die kalte Stimme des Amerikaners eine Antwort ab und brutal wurde er am Oberarm gepackt. Noch bevor Aya sich losreißen konnte, warnte ihn der Blick des Orakels dezidiert vor den grausamen Konsequenzen seiner Verweigerung und die Worte an Youji erstarben, noch bevor sie Ayas Lippen verlassen konnte. Das Flehen in seinem Blick, den er Youji zuwarf, konnte das jedoch nicht abmildern und so hörte er mehr als dass er sah, wie sich Weiß in Bewegung setzte um ihn zu retten. Nein. Nein, verdammt, das führte zu nichts, wollte Aya sie davon abhalten, gegen das feindliche Team vorzugehen, doch er war wie gelähmt vor der Katastrophe, die sich nun anbahnte.

„Mastermind, Beserker, kümmert euch um sie“, war es Crawfords knapper Befehl, der ihn schließlich aus seiner Trance riss, während er mitgezerrt wurde.

Im Nachhinein waren es diese Worte und das verheißungsvolle, todbringende Lächeln des Telepathen, die Ayas eiserne Selbstkontrolle wie ein überdehntes Gummiband reißen ließen. Er wehrte sich mit all seiner Macht gegen Crawford und stieß ihm den Ellbogen in den Magen, damit er sich losreißen und seinem Team beistehen konnte. Er durfte nicht zulassen, dass Schwarz vor seinen Augen sein Team zerstörte oder tötete. Sie waren seine Freunde und wenn Aya wirklich ehrlich zu sich war, so rangierten sie schon lange auf einer Stufe mit seiner Schwester. Sich mit ihr erpressen zu lassen… das stand auf einem Blatt. Wählen zu müssen zwischen ihr und seinem Team, auf einem ganz anderen. Hasserfüllt grollte Aya.
„Ihr werdet sie nicht töten“, zischte er. „Dass ich für dich töte, ist eine Sache, Oracle. Mein Team wird nicht angerührt.“
Crawford sah ihm und seiner Tirade unbewegt ins Gesicht und trieb ihm dann die Faust mit geballter Kraft in den Magen, genau dorthin, wo er ihm vor einem Tag hingeschlagen hatte. Nur zu gut erinnerte sich Aya an das Versprechen des Schwarz, es nicht wieder zu tun und lachte innerlich darüber. Keuchend und hustend vor Schmerz ging Aya zu Boden und hörte mehr, als dass er es wirklich sah, wie das Katana aus seinen Händen glitt und über den Boden schlitterte. Unbeeindruckt und kalt stand der Schwarz über ihm, während hinter Aya sein Team bereits mit Schuldig und Farfarello zu kämpfen hatte. Nein, sie durften nicht…nein…

„Die Mission leite ich“, schlängelten sich abfällige Arroganz an sein Ohr. „Du gehorchst. Deine Meinung interessiert mich nicht, Abyssinian.“ Die leise ausgesprochenen Worte des Orakels waren mit einer nur allzu deutlichen Drohung hinterlegt. „Muss ich dir unsere Vereinbarung noch einmal ins Gedächtnis rufen oder bist du klug genug zu wissen, was ich mit deiner Schwester anstellen werde, wenn du nicht gehorchst?“ Mühsam schluckte Aya die hochschießende Galle hinunter. Ebenso mühsam schüttelte er den Kopf. Nein, er konnte nicht zwischen ihr und seinem Team wählen.
„Dachte ich mir. Also steh auf, nimm das Katana und geh zum Wagen.“
Mühevoll kämpfte sich Aya auf seine Beine hoch und sah mit innerem und äußeren Horror, wie sein Team gegen Schuldig und Farfarello stritt, wie sie sich ohne ihn mehr schlecht als recht schlugen, wie die beiden Schwarz mit den Menschen spielten, die seine Freunde waren.

War Aya das wert? War es Aya wirklich wert, dass er seine Freunde verlor? Dass Schuldig und Farfarello sie abschlachteten und er nur danebenstehen konnte und nicht eingreifen durfte, alles zum Wohl seiner Schwester?
Aya schrie innerlich vor Schmerz über die Entscheidung, die er hier zu fällen hatte, aber nicht fällen wollte. Er schrie über seine Dummheit, sich von Schwarz einfangen gelassen zu haben. Er schrie, weil er nicht ertrug, was er nicht verhindern konnte. Dass er nicht nur innerlich schrie, wurde ihm bewusst, als er in Crawfords überraschtes Gesicht sah. Als ihm bewusst wurde, dass er mit seiner Hand nach dem Messer griff und all das, was angestaut hatte, sich nun an einem neuen Opfer Bahn brach.
Da war kein Mitleid mehr mit dem Mann, den er aus den Fängen Lasgos befreit hatte. Da war keine Ruhe mehr, mit der er Crawford und dessen perfiden Plan, ihn zu nutzen, begegnete. Da war auch kein rationaler Gedanke mehr, dass er hiermit seine Schwester in Gefahr brachte. All das wandelte sich innerhalb von Sekundenbruchteilen, in denen alles zuviel wurde, in reinen Hass und Mordlust und er setzte an, Crawford das Messer in den Hals zu rammen. Jetzt mach schon, er ist nicht darauf vorbereitet, wisperte es in ihm, dunkel und grausam. Du hast den Überraschungsmoment auf deiner Seite.

Crawford wich zurück, doch Aya war schneller und verzog mit einem irren Glitzern in den Augen die Lippen zu der hässlichen Parodie eines Lächelns. Sein Team würde nicht sterben, nicht, wenn er es verhindern könnte.
Aus dem Augenwinkel sah er wie Schuldig herumfuhr und Farfarello seinen Kurs änderte, dann wurde er schon von unsichtbaren Händen zur Seite geschleudert und kam hart auf dem Marmorboden der luxuriösen Eingangshalle auf und das Messer schlitterte weit von ihm an die Fensterfront. Für den ersten Moment sah Aya nur Sterne, fragte sich benommen, woher der Telekinet gekommen war, wo er doch als vermisst galt. War er also endlich aufgetaucht und hatte sich auf die Seite seines Teams gestellt, so wie Crawford es befohlen hatte.
Verzweifelt keuchte Aya auf, als er erkannte, dass er nun nicht nur sein Leben und das seiner Schwester verwirkt hatte, sondern auch noch das seines Teams.

Erst nach ein paar Anläufen schaffte er es, sein Sichtfeld zu klären. Angestrengt versuchte er sich zu konzentrieren, als Stimmen an sein Ohr drangen, die ihm vollkommen unbekannt waren.

Aya blinzelte und fahrig erhaschte er einen Blick auf schwarz gekleidete Männer, die hinter dem Telekineten standen, dessen Hand sich wie leblos erhoben hatte. Aya blinzelte erneut und keuchte dann erschrocken auf, als er den Mann hinter Nagi erkannte, der dem Telekineten eine Hand auf die Schulter gelegt hatte und ihm nun vertraulich etwas zuflüsterte.
Doch es waren Schreie, die Ayas Blick von diesem Bild, das nicht sein konnte und nicht sein durfte, zu Ken und Youji lenkten, die nun ebenso zu Boden geworfen wurden wie er selbst auch. Der Tresen bremste Youjis Fall, Ken traf auf die gegenüberliegende Front. Nur Omi blieb wo er war und brach keuchend in die Knie, das Gesicht zu einer Fratze der Angst und Panik verzogen.

Als wäre das nicht genug, wurden nun auch Schuldig und Farfarello von unsichtbaren Händen beiseite gewischt, als wären sie nichts. Schuldig landete unweit von Aya, während Farfarello wie eine Puppe hinter den Tresen geworfen wurde. Nur Crawford blieb stehen, als wäre er mit dem Boden verwachsen. Sein Blick ruhte starr auf Lasgo und Nagi und sein seitliches Profil zeigte Entsetzen weit über die Grenzen des Begreifbaren hinaus.

„Guten Abend die Herren Schwarz und Weiß“, hallte die Stimme des Drogenhändlers durch die bis auf ihr Keuchen stille Eingangshalle. „Ich möchte ungerne eure Zusammenkunft stören, aber ich glaube, dass ihr etwas habt, das mir gehört.“
Ayas Blick ruckte, soweit es die Beeinflussung des Telekineten zuließ, zu Crawford und dem Stick, den dieser in die Seitentasche seines Jacketts verborgen hielt. Woher zum Teufel wusste der Mann davon? Oder von dem Auftrag?
Aya beschlich der schlimme Verdacht, dass das Ganze hier eine Falle war, deren Ausmaß er noch nicht einmal in Ansätzen begriff und in die er hineingelaufen war wie ein Lamm zur Schlachtbank. Er scheiterte ja alleine schon an der Frage, warum der Telekinet auf Seiten des Monsters stand, anscheinend nicht ganz er selbst, so leer wie sein Blick war.

Lasgo trat vor und kam auf Crawford zu, der, wie Aya nun erkannte, durch Naoes Telekinese eisern an Ort und Stelle gehalten wurde. In falscher Zärtlichkeit strich Lasgo dem Amerikaner über die Wange und gab Nagi dann ein Zeichen, das Crawford ungebremst auf die Knie schickte. Das Stöhnen des Mannes hallte durch die Eingangshalle, nur durchbrochen von Schuldigs wilden Flüchen und Rufen nach dem Telekineten.
„Ich habe dir doch gestern versprochen, dass ich auf dich erneut zurückkommen werde. Danke im Übrigen, dass du mir deinen Telekineten so zuverlässig in die Arme getrieben hast. Das macht so vieles so einfach und er ist wirklich ein braver Junge. Du aber bist nun lange genug der Illusion erlegen, frei von mir zu sein, Bradley“, trug sich die Stimme des älteren Mannes ruhig und siegesgewiss mit einer gierigen Note zu ihm und Aya würgte angeekelt bei diesen Worten. Es war egal, wie sehr er Crawford hasste. Es war egal, wie wütend er auf ihn war. Lasgo durfte den Schwarz nicht in seine Finger gekommen! Wütend kämpfte er gegen die ihn haltende Kraft an, wild verzerrten sich seine Gesichtszüge, als seine Knochen unter der Last seiner Anstrengungen schmerzten und ihn anflehten aufzuhören. Er wollte nicht auf sie hören. Nicht noch einmal, tönte es in ihm. Nicht noch einmal!

Eine Bewegung in seinem Augenwinkel ließ ihn zusammenzucken und Aya erkannte mit Grauen, dass Lasgos Männer auf Omi zukamen. Wortlos fing er Omis entsetzten Blick ein als die Männer ihn hochzerrten, ihm Handschellen und Fußfesseln anlegten und ihm eine schwarze Kapuze über den Kopf stülpten.
„Nein! Omi! Nein!“, wollte er hinausschreien, doch es kamen nur gepresste, wütende Worte hervor, gerade laut genug, dass Lasgo auf ihn aufmerksam wurde.
„Aber ja. Wir wollen doch niemandem den Spaß verderben, nicht wahr?“, lachte Lasgo und packte Crawford an den Haaren, zog ihn mit sich hoch und schleifte ihn mit sich zu seinen Männern, die den Amerikaner in Empfang nahmen. Hilflos musste Aya mit ansehen, wie sie ihn ebenso fesselten und ihm eine Kapuze über den Kopf zogen.
„Na…g…i…. komm zu dir“, röchelte Schuldig mit mehr Kraft, sich gegen die Telekinese zu stemmen, als Aya es ihm zugetraut hatte. Belohnt wurde er nicht dafür, ganz im Gegenteil. Das unsäglich laute Lösen von Knochen aus ihren Verankerungen ließ Schuldig spitz aufschreien. Ayas Hörnerv wand sich unter den gequälten Lauten, die gar nicht mehr aufhören wollten und fast hätte er Lasgos kommende Worte nicht vernommen.

„Ich bedanke mich für die Übergabe, meine Herren. Gute Arbeit. Ich wünsche einen schönen Abend und gute Nacht.“ Mit einer nonchalanten Geste verabschiedete sich der Drogenhändler und ging. Er ging einfach, ohne dass sie etwas tun konnten. Aya schrie nach Omi, wollte es, doch wieder kam nur ein Gurgeln aus seiner Kehle. Erst als Lasgo und seine Männer schon lange weg waren, löste sich der erzwungene Bann und Aya sackte abrupt in sich zusammen, als hätte man einer Marionette die Fäden durchgeschnitten. Nicht viel anders fühlte er sich, so kraftlos, wie er im ersten Moment war.
Nach der Hilflosigkeit kam die brachiale Übelkeit. Hektisch atmete er, um den Drang zu bekämpfen, sich hier und jetzt auf dem Marmorboden zu übergeben.

Von Erfolg war das nicht gekrönt. Krampfend erbrach Aya seinen Mageninhalt auf den kalten Marmorboden vor sich, solange, bis sein Magen nichts mehr intus hatte, das er von sich geben konnte.

 

~~~~~~
Wird fortgesetzt.

Chapter Text

Erst als Aya wieder klar denken konnte, wurde ihm bewusst, dass sie von hier wegmussten. Das Zeitfenster, das dem Auftrag eingeräumt worden war, war bereits schon längst abgelaufen und mit jeder Minute, die er hier verbrachte, lief er mehr Gefahr, verhaftet zu werden. Die Chancen, dass der Sicherheitsdienst oder die örtlichen Behörden sie stellten, wurden größer und größer, wenn sie nicht bald gingen.
Aya stemmte sich schwankend hoch, taumelte einen Moment lang vor Schmerz und Übelkeit, vor Entsetzen über die Geschehnisse und die schier spielerische Überlegenheit des Drogenhändlers. Noch immer bekam er nicht wirklich zu fassen, was gerade geschehen war. Wie konnte Lasgo von diesem Auftrag hier wissen? Was machte Naoe an seiner Seite? Wie hatte er den Telekineten davon überzeugen können, sein eigenes Team zu verletzen? Was hatte er mit Omi und Crawford vor? Insbesondere die Antwort auf die letzte Frage machte Aya mehr Angst, als er in diesem Moment zulassen durfte.

Blind suchte er nach seinen Teammitgliedern, die sich nun ebenso wie er unsicher erhoben. Ken und Youji standen Schmerz und die Verwirrung in die Gesichter geschrieben, während Schuldig mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden lag und sich die rechte Schulter hielt, die in einem, wie Aya nun erkannte, komischen Winkel abstand. Wo war Farfarello? Aya suchte die Eingangshalle ab, fand jedoch nur den toten, blutigen Körper des Wachmannes hinter dem Tresen. Wo zur Hölle war der Ire? Lasgo hatte ihn nicht mitgenommen und er war vor ein paar Minuten noch da gewesen.
Hilfesuchend wanderte Ayas Blick zu Youji und maß den größeren Mann, der mit entschlossenen Schritten auf ihn zukam. Immer noch vollkommen unfähig, auf die Nähe seines Freundes zu reagieren, der vor ihm stand, ließ Aya sich beinahe widerstandslos an seinem Arm hochziehen. Stumm sah er in die grünen, entschlossenen Augen, die er schon so oft gesehen hatte. Es war eben jene Entschlossenheit, die die seine, wenn sie es denn wollte, um Längen übertraf.

„Du kommst mit uns, Abyssinian, hast du das verstanden?“, fragte Youji mit mühsam aufrechterhaltener Beherrschung und alles, was Aya tun konnte, ihn anzustarren. Sein Blick streifte zurück zu Schuldig, der in keinem Fall alleine aufstehen konnte. Er sollte… sie sollten…Hass wallte in Aya hoch. Nein. Er würde ihm nicht helfen. Er würde dem Schwarz, der sein Team hatte töten sollen, nicht helfen. Sollte der Telepath doch in einer Gefängniszelle verrecken, in die sie ihn stecken würden. Nachdem er ihm den Aufenthaltsort seiner Schwester verraten hatte, auch wenn Aya keine Ahnung hatte, wie er sie vor Kritiker und vor Schwarz retten sollte.
„Youji, ich…“, begann Aya, hielt aber inne, als sich die blauen, verwirrten Augen öffneten und Schuldig schmerzerfüllt stöhnte. Erfolglos versuchte sich der Telepath hoch zu kämpfen, ebenso erfolglos versuchte er, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Mit einem Aufjaulen sank er wieder zurück auf den Boden und presste die Lider aufeinander.
„Nimm…mich…mit…“, zischte Schuldig und Aya grollte laut. Niemals, du widerliches Arschloch, warf er ihm in Gedanken entgegen, doch Schuldig enthielt sich einer Reaktion. Dementsprechend überrascht fuhr Aya zusammen, als Youji ihn an seinem Arm zu sich herum- und von Schuldig wegzog.
„Egal, was sie dir angetan haben, egal, womit sie dir drohen, Aya, wir schaffen das. Mach dir keine Sorgen, du musst ihm nicht zu Willen sein“, sagte Youji ruhig und seine Worte waren Balsam in Ayas Seele. Dennoch.
„Du verstehst nicht, Youji. Es gibt Dinge-“
„…die geregelt werden können. Wir haben bisher alles geschafft. Gemeinsam. Du bist nicht auf die Arschlöcher angewiesen, die uns umbringen wollen. Wir finden deine Schwester, ich verspreche dir das.“
Aya holte zittrig Luft, wurde aber von Schuldigs wütendem, gepeinigten Aufschrei unterbrochen, mit dem dieser versuchte, sich erneut aufzurichten.
„Oracle... hat uns nicht geschickt…um dein Scheißteam zu töten. Wir…sollten…nur…ablenken…nicht töten…“

Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Sekunden wurde er überrascht und starrte auf den blutigen Telepathen hinab, der seinen Blick mit Mühe gerade erwiderte. Crawford hatte keinen Tötungsbefehl gegeben?
~Sage mir, wo sich meine Schwester befindet~, sandte er in Gedanken aus, erhielt jedoch wie zuvor auch schon, keine Antwort. Bevor er seine Frage verbalisieren konnte, hatte Youji sich bereits zu Schuldig umgedreht. Aya las bodenlose Wut im Gesicht seines Freundes und die behandschuhten Hände hatten sich zu Fäusten geballt, während er auf den Telepathen zusteuerte.
„Balinese, nein!“ Er brauchte ihn lebend, er musste wissen, wo Schwarz seine Schwester hingebracht hatten. Youji durfte ihn noch nicht umbringen. Abrupt versucht Aya ihm hinterher zu straucheln, scheiterte aber an Ken, der ihn an Youjis statt eisern festhielt.

„Nein, Abyssinian.“ Selten hatte er die warmen Augen Siberians so ernst gesehen. Kens Klingen ruhten an seiner Brust, eine deutliche Warnung für den Fall, dass er Dummheiten planen sollte. Im Moment hätte Aya nicht sagen können, ob das nicht sogar notwendig war. „Du bleibst bei mir.“
Hilflos sah Aya mit an, wie Youji Schuldig am Revers des blutbefleckten, weißen Anzugs hochzog um ihm mit Gewalt seine Faust ins Gesicht zu treiben. Das Geräusch war widerlich, jedoch nicht so widerlich wie Schuldigs gebrochener Laut, als alles zuviel wurde, der Schmerz überhandnahm und ihm noch bevor sein Kopf zurückklappte, das Bewusstsein raubte. Ungehindert floss das Blut aus seiner sicherlich gebrochenen Nase, während sich die blauen Augen nach oben verdrehten und der Körper des Telepathen schlaff wurde.
Unbewusst wälzte Aya die Worte des Telepathen in seinen Gedanken umher. Nicht geschickt um sein Team zu töten? Konnte er Schuldig Glauben schenken? Wohl kaum. Würde dieser lügen, um einen Vorteil zu erlangen? Mit Sicherheit.

Doch wenn sie Schuldig hierließen oder Kritiker auslieferten, hatte Aya keine Möglichkeit, den Aufenthaltsort seiner Schwester aus ihm heraus zu quetschen, den er so dringend benötigte. Er hatte keine Gewähr, dass Kritiker ihm nicht zuvorkam und seine Schwester erneut nutzte, um ihn zu erpressen. Aya hatte nicht vergessen, was Birmans Auftrag an ihn gewesen war, ganz im Gegenteil. Persers Tod würde seinen ebenso zementieren.
Aber da gab es noch etwas, auch wenn sich jede Faser in seinem logischen Denken weigerte, den Schritt bis zum Ende zu gehen. Schuldigs Fähigkeiten konnten ihnen nutzen, wenn es darum ging, Omi aus den Klauen des Menschenhändlers zu befreien.
So spielend leicht, wie Lasgo sie überrumpelt hatte als wären sie Schulkinder, wie er sich Omis und Crawfords und anscheinend auch Naoes bemächtigt hatte, war dies ein Punkt, den keiner von ihnen hier außer Acht lassen durfte. Irgendetwas stimmte hier ganz gewaltig nicht und er hatte immer noch keine Sicherheit darüber, wer und wer nicht zu dem Verrat an Kritiker gehörte. Anders als von ihrer Organisation konnte es Lasgo nicht erfahren haben.

Alleine der Gedankengang, sich der Telepathie des Deutschen zu bedienen, sandte ihm jedoch einen eiskalten Schauer über den Rücken und verursachte Aya neuerliche Übelkeit. Sein Schwanken interpretierte Ken als Nachwirkung des telekinetischen Eingriffs und fasste ihn enger.
„Es geht mir gut, Siberian“, versuchte Aya abzuwiegeln und traf auf braune Augen, die ihn kritisch musterten, ihm aber kein Wort glaubten. Wie auch? Doch darüber konnte und wollte Aya sich gerade keine Gedanken machen. Es gab Wichtigeres.

„Balinese.“
Der blonde Mann drehte sich mit ernstem Blick zu ihm um. Aya ließ ihn die Verwirrung und Verzweiflung sehen, die in ihm tobten.
„Lass ihn leben, Balinese. Wir brauchen ihn.“ Kens Hand an seinem Arm krampfte sich in die Haut anhand der ungeheuerlichen Worte, die er geäußert hatte und Aya nahm es als die Strafe an, die er verdient hatte.
„Wozu? Er ist SCHWARZ.“ Youji zog den Draht aus seiner Uhr und im ersten Moment ließ ihn Aya stumm gewähren. Ein Teil von ihm wünschte sich, was unweigerlich kommen würde und worauf sie seit Jahren hinarbeiteten: Schuldig genauso tot zu sehen wie jedes einzelne Opfer, den Takatori zu verantworten hatte. Erwürgt, erstickt, Youji würde sich diese Möglichkeit sicherlich nicht entgehen lassen und Aya konnte es ihm noch nicht einmal verdenken, so sehr sehnte sich der rachsüchtige Teil in ihm nach eben dieser Möglichkeit.

Doch er konnte das nicht zulassen. Weder bei sich selbst noch bei Youji.

„Er weiß, wo meine Schwester ist. Und er ist unsere beste Chance, Omi zurück zu bekommen, Youji.“
Verächtlich lachte der älteste Weiß und musterte Aya ungläubig. „Bullshit!“
„Kein Bullshit! Hast du gesehen, was gerade passiert ist? Wieso hat Lasgo Naoe unter seiner Kontrolle? Wie konnte er uns allen hier so spielend auflauern? Wie konnte er einfach so Omi und Crawford mitnehmen? Was können wir denn da schon alleine gegen Lasgo ausrichten? Birman steckt da mit drin und vielleicht nicht nur sie! Wissen wir denn, ob es nicht vielleicht auch Manx oder andere Kritikeragenten sind?“
Worte, die Ken deutlich überraschen. „Wie bitte? Abyssinian, was redest du da? Verrat? Was haben sie dir angetan, wie sehr hat Mastermind dir den Kopf verdreht, dass du glaubst, Birman hätte uns verraten?“, fragte er verständnislos und Aya fing Youjis Blick ein, der unmerklich mit dem Kopf schüttelte. Die Frage, warum er Ken nicht eingeweiht hatte, stand im Raum, doch für den Moment schluckte Aya sie hinunter. Das konnten sie in Ruhe klären, aber nicht hier.
„Nein, das wissen wir nicht und der da“, Youji versetzte Schuldig einen lieblosen Tritt gegen den Oberschenkel, „wird uns garantiert nicht aus Nächstenliebe dabei helfen.“
Aya grollte und riss sich aus Kens Griff los, als dieser einen Moment lang unaufmerksam war. Er torkelte mehr als dass er ging zu Youji und packte seinen Freund am Arm, riss ihn von Schuldig weg.
„Nein, aus Nächstenliebe nicht. Aber weil er keine andere Wahl hat, weil ich ihn sonst zu Tode foltern werde und ihm das gar nichts bringt, wenn dadurch sowohl der Telekinet des Teams als auch sein Anführer weiterhin Schaden nehmen. Unter Garantie will er sie genauso zurückhaben wie wir Omi.“
„Soll Lasgo die beiden doch töten, was kümmert es uns?“, knurrte Youji und Aya sah ihm ruhig in die Augen. Ja, das war tatsächlich eine gute Frage. Warum ließen sie Lasgo Crawford und Naoe nicht einfach töten? Was war daran ihr Problem? Eigentlich gab es keines, wenn da nicht das latente Unwohlsein wäre, das Aya überkam, wenn er daran dachte, dass Lasgo sich Crawford erneut bemächtigte. Doch mit dem Ableben der beiden Schwarz war noch ein ganz anderes Problem verbunden, das viel offensichtlicher auf der Hand lag.

„Weil wir nicht Bombay für den Tod von Schwarz opfern werden, Youji“, sprach Aya genau dieses Problem aus.

Aya wusste nicht, woher er die Stärke nahm, die Worte derart ruhig und final hervor zu bringen. Er fühlte sich definitiv nicht so. Er fühlte sich elend und zittrig, doch für einen Moment war es, als wäre er nie entführt und erpresst worden, für Schwarz zu arbeiten um die Sicherheit seiner Schwester zu gewährleisten. Für einen Moment lang glaubte er an seine vormalige Stellung als Anführer von Weiß.
Er schwieg, als es hinter Youjis Stirn arbeitete und er sah, wie Ken versuchte, sich aus all dem einen Reim zu machen, wie sie beide die Informationen zu verarbeiten versuchten, die ihnen hier zuteil geworden waren, auf deren Grundlage sie eine Entscheidung treffen konnten.
„Und was schlägst du anstelle dessen vor?“, presste Youji schließlich knurrend zwischen seinen Zähnen hervor und Aya atmete erleichtert auf. Youji war bereit, ihm zuzuhören. Er war bereit, Schuldig nicht gleich umzubringen.
„Bringen wir ihn zu einem der Untergrundärzte. Finden wir heraus, ob nur Birman involviert ist oder auch andere Agenten. Finden wir Omi.“
„Das ist nicht dein Ernst, Aya. Du willst ihn doch auch tot sehen…er hat dich entführt. Sie haben dich die letzten Tage gefangen gehalten und misshandelt. Du hasst ihn!“
Aya nickte gepeinigt. „Ja, das will und tue ich. Aber nicht jetzt. Nicht so. Nicht hier. Bitte, Balinese. Ich brauche ihn für meine Schwester. Wir brauchen ihn für Omi.“

Endlose Augenblicke herrschte angespannte Stille zwischen ihnen, als Youji seine Worte hin und her schob, sie abwog und die Möglichkeiten durchdachte. Er wandte sich an Ken, der ihn stumm musterte und schließlich mit der Schulter zuckte.
„Ich vertraue dir, Balinese, das weißt du. Aber ich will, dass du mich aufklärst, was das hier alles zu bedeuten hat. Und du auch, Abyssinian, ist das klar? Ihr habt mir ei