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Death Shall Have No Dominion

Chapter Text

Über Camelot brach die schönste Zeit des Jahres an. Die Bäume trieben aus, wirkten nicht länger trostlos, gar tot. Blumen in allen Farben sprossen wohin das Auge blickte und hüllten das Schloss in zarte, süßliche Düfte. Warme Sonnenstrahlen streichelten die aufgehenden Knospen und luden zu einem Spaziergang im Sonnenschein.

König Uther beendete gerade sein Frühstück an diesem herrlichen Morgen, als ein Bote in den großen Saal trat. Von zwei Wachmännern flankiert näherte er sich dem König. Uther nickte ihm zu, zum Zeichen, dass er seine Botschaft überbringen dürfe.

„Majestät.“ Der Mann verneigte sich tief und überreichte die Pergamentrolle. „Mit besten Grüßen Lord Eldreds.“

„Eldred?“ Sofort erschien ein Lächeln auf Uthers Gesicht. Er hatte lange nichts mehr von Eldred gehört. Zuletzt hatte er an seinen alten Freund gedacht als der Jüngling Lancelot sich fälschlicher Weise als dessen fünften Sohn ausgegeben hatte. Für diese Lüge wurde Lancelot verbannt, auch wenn Arthur sich deutlich gegen diese Entscheidung ausgesprochen hatte. Uther hatte sich längst daran gewöhnt, dass Arthur nicht immer seiner Meinung war.

Hastig öffnete Uther das Pergament und las den Brief. Die Wachmänner standen bewegungslos da, doch der Bote wartete erwartungsvoll auf Uthers Reaktion. Nachdem Uther den Brief zu ende gelesen hatte, sah er den Boten an, dann wandte er sich an die Wachmänner. „Lasst Gilbert zu mir kommen. Er möge mein Schreibset mitbringen.“

Die Wachen nickten. Schließlich verließ einer von ihnen den Saal, um nach dem Diener des Königs zu suchen, während der zweite beim König und dem Boten blieb. Der König durfte zu keiner Zeit mit fremden Personen alleine gelassen werden, es sei denn, der König verlangte es anders.

Gilbert traf nur wenige Minuten später mit Uthers Schreibset ein und breitete die Gegenstände vor seinem Herrn auf dem Tisch aus. Sogleich setzte Uther den Federkiel an, um ein Antwortschreiben für Eldred zu verfassen. Als er fertig war tropfte er flüssiges Kerzenwachs auf den Brief und drückte sein Siegel ein. „Richtet Lord Eldred meinen Dank aus“, bat Uther höflich und übergab das behutsam gerollte Pergament an den Boten. „Man wird Euch für die Nacht eine Unterkunft im Schloss vorbereiten. Sicher seid Ihr von der langen Reise erschöpft.“

„Ihr seid sehr großzügig, Sire. Habt vielen Dank.“ Abermals verneigte sich der Bote und ließ sich von der Wache aus dem Saal geleiten. Die große Flügeltür schloss sich hinter dem Besuch und ließ Uther mit seinem Diener allein.

„Habt Ihr noch einen Wunsch, Herr?“ Gilbert stand ein wenig hinter Uther. Er hatte keine Ahnung, was der König geschrieben hatte. Er selbst hatte niemals lesen und schreiben gelernt.

„Ja. Suche Arthur und Morgana auf. Sie mögen umgehend hier erscheinen. Ich habe großartige Neuigkeiten“, ließ sich der König vernehmen und lächelte abermals.

Gilbert verließ sofort den Saal und machte sich zunächst auf den Weg zu Arthurs Räumlichkeit. Schon als er auf ein paar Schritte an der Tür war, hörte er, wie Arthur jemanden anbrüllte und als tölpelhaft bezeichnete. Gilbert schüttelte innerlich den Kopf. Merlin tat ihm an manchen Tagen wirklich leid. Dagegen hatte er ein weit weniger schweres Los gezogen. Nämlich das, dem König dienen zu dürfen. Natürlich kam er dadurch nicht, wie Merlin, so oft raus aus Camelot, wurde andererseits auch nicht ständig in bizarre Abenteuer verstrickt. Und wann immer er das Gefühl hatte, sein Leben sei langweilig, erinnerte er sich selbst an Begegnungen wie diese und fühlte sich dann schon gar nicht mehr so schlecht.

Zögerlich klopfte Gilbert an Arthurs Tür, nur um diese im Anschluss einen Spalt breit aufzuschieben. Er konnte Arthur nicht auf Anhieb sehen, dafür aber Merlin, der mit dem Rücken zur Tür stand und sich plötzlich rasch zur Seite bewegte, um dem fliegenden Objekt auszuweichen, das gleich darauf nur ein paar Zentimeter neben Gilberts Kopf gegen die Tür knallte. Erschrocken riss darüber riss er die Augen auf. Er hatte sogar den Luftzug des Kelchs gespürt, der eine kleine Kerbe im Holz der Tür zurückgelassen hatte, doch es war bei weitem nicht die erste Macke wie er wusste.

„Was ist?“, fragte Arthur genervt. „Siehst du nicht, dass ich gerade dabei bin Merlin anzuschreien?“

Gilbert schluckte und sah Merlin aus angsterfüllten Augen an. Der wiederum verdrehte nur die seinen, als er Gilbert und nicht länger Arthur zugewandt war. „Verzeiht die Störung, Prinz Arthur. Euer Vater wünscht Euch umgehend zu sprechen. Er sagt, er habe großartige Neuigkeiten.“

Arthur seufzte, nahm sein Hemd von der Stuhllehne und schlüpfte hinein. „Das ist noch nicht vorbei, Merlin!“, sagte er streng und mit erhobenem Zeigefinger, unmittelbar vor Merlins Gesicht, ehe er sich an den beiden Dienern vorbeidrängte und das Zimmer verließ.

Als der Prinz außer Hörweite war, wandte sich Gilbert an Merlin. „Ist er immer noch so hart zu dir?“

Merlin machte eine Grimasse. „Er ist ein Morgenmuffel. Ich habe mich daran gewöhnt. Er trifft mich kaum noch.“ Ein breites Grinsen erschien auf dem Gesicht des Zauberers.

In der Nähe des Bettes, hinter Merlin, erkannte Gilbert eine kleine Pfütze auf dem Boden. Scheinbar war Merlin die Waschschüssel runtergefallen. „Ich finde es nicht richtig, dass er dich so behandelt, Merlin.“

„Soll ich zum König gehen und mich über die mangelhafte Erziehung seines einzigen Sohnes beschweren?“, fragte Merlin sarkastisch, woraufhin Gilbert schnell den Kopf schüttelte. „Mach dir keine Sorgen um mich.“ Mit diesen Worten schob Merlin ihn zur Tür hinaus. „Ich muss hier aufräumen, Gilbert. Man sieht sich.“ Dann schloss er dem anderen Diener einfach die Tür vor der Nase zu, ohne ihm die Möglichkeit zu lassen noch etwas zu erwidern.

Kurze Zeit später traf Arthur in dem großen Saal ein, der sowohl Speisesaal als auch Besprechungssaal in einem war. Es hatte etwas länger gedauert als beabsichtigt, aber er hatte noch Sir Leon unterwegs getroffen und den Ritter gebeten, schon mal mit dem Training der Männer zu beginnen. Als Sohn des Königs klopfte Arthur nicht an und trat sofort ein.

Morgana war bereits anwesend als Arthur eintraf, schien aber genauso wenig fertig mit dem morgendlichen Herausputzen zu sein, wie der Prinz selbst. Für gewöhnlich ging er erstmal zum Training mit seinen Rittern, sein Vater wusste das. Und Morgana sah aus als habe sie keine Zeit mehr gehabt ihr langes, schwarzes Haar zu bürsten. Es hing in zottigen Strähnen über ihre Schultern.

„Du hast Neuigkeiten, Vater?“

„Eurem atemlosen Diener war zu entnehmen, dass Ihr mich dringend zu sprechen wünscht“, ergänzte Morgana und setzte sich in einen der vielen Stühle, die um den langen Tisch standen. „Ich hatte nicht mal mein Frühstück beendet.“

„Das erklärt warum du so aussiehst“, feixte Arthur und fing sich daraufhin einen mahnenden Blick seines Vaters ein. Morgana machte lediglich eine bissige Grimasse in Arthurs Richtung. „Was für eine Neuigkeit hast du für uns?“ Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf flüsterte ihm zu, dass Morgana vielleicht endlich einen Bewerber hatte, der sich tatsächlich traute sie zur Frau zu nehmen.

„Wir wurden eingeladen, den Sommer in Northumbria zu verbringen“, verkündete Uther und nahm am Kopf des Tisches Platz. Voller freudiger Erwartung sah er in die Gesichter der beiden.

„Northumbria?“, fragte Morgana. „Für den ganzen Sommer? Wir werden ewig bis dahin brauchen.“

„Es sind nur etwa vierzehn Tage“, korrigierte Arthur sie. „Aber Northumbria? Für einen ganzen Sommer, Vater?“, Arthur konnte es ebenfalls nicht fassen. Er liebte Camelot. Er hatte hier seine Verpflichtungen, kannte sich in den Wäldern aus, wusste genau, zu welcher Tageszeit welches Tier am besten zu jagen war und auch wo.

„Mein alter Freund Eldred feiert seinen sechzigsten Geburtstag und wird anlässlich dieser Feier einen Ball geben. Er lud mich ein mit meinen Kindern zu kommen.“ Morgana sah ihn überrascht an. „Ja, er zählt dich als meine Ziehtochter und damit hat er nicht ganz Unrecht“, erklärte er ergänzend, was der schönen Dunkelhaarigen ein warmes Lächeln abverlangte. „Sir Leon wird sich hier solange um unsere Belange kümmern, Arthur. Er weiß was zu tun ist.“ Uther war selbst etwas erstaunt, mit wie viel Überzeugung er dies sagte. Jedoch vertraute er Leon zu einhundert Prozent. Er war - gleich nach Arthur natürlich - der Ritter mit der größten Erfahrung. Und er würde das Schloss binnen knappen acht Wochen bestimmt nicht in den Untergang führen. Zudem war Northumbria nicht aus der Welt. Ein Eilbote konnte die Strecke sicher in knapp acht oder neun Tagen zurücklegen, wenn er oft genug die Pferde unterwegs wechselte. Eine Durchschnittsreise mit Gefolge und Gepäck dauerte natürlich einige Tage länger. „Eine solche Einladung abzulehnen, wäre zudem ausgesprochen unhöflich, Arthur.“ Sein strenger Blick galt wieder seinem Sohn, dessen Körperhaltung noch immer Ablehnung demonstrierte. „Ich habe dem Boten bereits meine Zusage mitgeteilt.“

„Wenn dies dein ausdrücklicher Wunsch ist, Vater.“ Arthur verneigte sich trotzig. Er war nur einmal in Northumbria gewesen und hatte keine allzu gute Erinnerung daran. Aeric, Eldreds Erbe, hatte ihm seinen Besuch vor all den Jahren zu einem Alptraum verwandelt. Er hatte stets Wege gesucht und auch gefunden, Arthur vor allen, insbesondere seinem Vater, zu blamieren. Natürlich waren seitdem mehr als fünfzehn Jahre vergangen und sie waren beide längst keine Kinder mehr, dennoch … Arthur würde die Zeit lieber im Kerker absitzen, als seinen Vater erneut nach Northumbria begleiten zu müssen.

„Wie schön, dass wir einer Meinung sind“, ließ sich Uther abschließend vernehmen und nickte sowohl Arthur als auch Morgana kurz zu, was einem Rauswurf gleichkam.

Kaum befanden sich die beiden vor dem Speisesaal auf dem Korridor, wandte sich Morgana an Arthur. „Etwas Abwechslung schadet uns nicht.“

„Sprich nur für dich“, entgegnete Arthur etwas bissiger als beabsichtigt. Morgana konnte nicht wissen, weshalb er so absolut gegen diesen ‚Urlaub’ war. Sie hatte damals noch mit ihrem Vater fernab Camelots gelebt. „Dass du dich auf Abwechslung freust, kann ich mir vorstellen. Mein Leben ist jedoch nicht langweilig. Ich sehne mich keineswegs nach dem großen Unbekannten.“

Morgana kniff die Augen zusammen und funkelte Arthur finster an. „Du kannst ein so ungehobelter, arroganter und …“ Sie machte eine Pause und atmete tief durch, in dem Bewusstsein, dass es sich nicht geziemte in derartigem Ton mit dem Kronprinzen zu reden.

„Sprich dich nur aus“, provozierte Arthur sie weiter.

„Warum bist du nur so?“

„Weil ich es kann.“ Damit ließ er Morgana vor dem Speisesaal stehen und eilte zurück zu seiner Kammer. Er hatte schließlich noch ein Hühnchen mit Merlin zu rupfen. Der Tölpel war über seinen Nachttopf gestolpert, was zur Folge hatte, dass seine Kammer nun nach Urin stank!

Arthur betrat ohne Vorwarnung das Zimmer und erschreckte Merlin, der dabei war den Boden mit einer Bürste zu schruppen. Für einen Moment beobachtete er Merlin, dann setzte er sich lapidar in seinen Lieblingsstuhl, der mit Fellen gepolstert war, und somit mehr Komfort bot als die anderen. „Wenn du damit fertig bist, kannst du mein Pferd striegeln und den Stall ausmisten.“ Zu seinem Erstaunen roch es nicht mehr so unangenehm in seiner Kammer wie zuvor, doch natürlich würde er Merlin kein Lob aussprechen. Wäre der Tollpatsch nicht über den Nachttopf gestolpert, müsste er jetzt den Boden nicht säubern. „Ach und freu dich, wir verlassen im Sommer das Schloss für einige Wochen. Aber keine Angst, ich finde überall Arbeit für dich, damit du dich nicht langweilst.“ Arthur drehte sich vom Tisch her um, so dass er Merlin ansehen konnte, der stumm seine Arbeit verrichtete. Für einen flüchtigen Moment glaubte Arthur jedoch gesehen zu haben, dass sein Diener die Augen in Respektlosigkeit verdreht hatte.

Es war gut, dass Arthur sich wieder seinem Frühstück widmete, das er vorhin hatte stehen lassen. Merlin wollte gar nicht wissen, warum sie Camelot im Sommer verließen und wo sie überhaupt hingehen würden. Der Prinz erwartete vielleicht, dass er neugierig fragen würde, aber Merlin ließ sich nicht dazu bringen. Er strafte Arthur, indem er dem Prinzen die kalte Schulter zeigte und stillschweigend seine Arbeit verrichtete. Es würde der Tag kommen, an dem Arthur erkannte, wer er wirklich war.

Hin und wieder glaubte Merlin den Mann in Arthur sehen zu können, von dem der Drache immer wieder sprach, und dann war Arthur wieder derselbe arrogante Prinz, den er vor all den Monaten beim Training kennen gelernt hatte. Wann würde Arthur endlich erkennen, dass er keineswegs nutzlos war? Dass er nur versuchte, ihn zu schützen und, dass er dabei schon mehr als einmal sein eigenes Leben riskiert hatte …

„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Arthur mit vollem Mund, ohne sich jedoch zu ihm umzudrehen. Warum sollte er einem einfachen Diener auch die Höflichkeit des Blickkontaktes entgegenbringen?

Merlin stopfte die Bürste in den Wassereimer zurück. „Ja, Sire. Ich höre zu. Wir verreisen.“ Mit etwas Glück würde er unterwegs verloren gehen. Er hätte nichts dagegen. Nicht an Tagen wie diesen, die damit begannen, dass er Arthurs Pisse aufwischen durfte. „Ich bin hier fertig. Ich kümmere mich jetzt um Eure Pferde.“

Ohne weiteren Kommentar ließ Arthur seinen Diener mit dem Eimer in der Hand und einem Tuch über den Schultern das Zimmer verlassen. Etwas erstaunt über Merlins Gleichmut, den er nicht gewohnt war – er liebte ihre kleinen Wortgefechte mehr als er je zugeben würde – starrte er auf das Eichenholz der Tür, als selbige hinter dem Dunkelhaarigen ins Schloss fiel. Er war mal wieder zu hart zu Merlin gewesen. Immer wieder ertappte er sich dabei Reue zu empfinden, wenn es darum ging wie er Merlin behandelte. Allerdings war es auch jedes Mal ein Spaß, Merlin zu ärgern. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern um seinen Diener zu necken. Meist bemerkte er erst hinterher, wenn er mal wieder zu weit gegangen war. Es fiel ihm immer noch sehr schwer Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen. Er wusste, dass er daran arbeiten musste, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen. Merlin war der einzige Mensch in Arthurs Leben, der ihm ganz ohne Worte ein schlechtes Gewissen machen konnte.