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Für dich, mein Herz

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Leide, meide, liebes Herz!

Leide deinen Teil im Stillen,

Meide deinen eig'nen Willen,

So besiegst du deinen Schmerz.

~ Benjamin Schmolck (1672 - 1737) ~

 

***

 "Bald ist also wieder einmal ein Jahr um..."

Seufzend wandte sich das hochgewachsene, schlanke, blonde Mädchen von den hohen Fenstern ab, durch die es die dicken Schneeflocken beobachtet hatte, die bereits seit dem frühen Morgen vom Himmel fielen, und schaute zu einer anderen jungen Dame, die am Tisch in einem eleganten Stuhl saß und lächelnd eine dampfende, dunkle Flüssigkeit in zwei elegante Tassen goss.

"Die Zeit ist eine wahre Geißel", erklärte diese geduldig und stellte eine der Tassen auf den Platz vor dem unbesetzten Stuhl. "Kommt, Comtesse, Ihr solltet Euch von dem Einbruch des Winters nicht die Stimmung verderben lassen. Ein heiße Schokolade wird Euch auf andere Gedanken bringen."

"Ihr habt recht, Louise", gab das blonde Mädchen nach und gesellte sich zu ihr an den Tisch. "Aber es ist fast genau ein Jahr her, dass mein Vater starb. Er fehlt mir noch immer. Sein Verlust ist nicht zu ersetzen."

"Das verlangt auch niemand, Comtesse, vor allem, wenn man bedenkt, wie sehr Euer Vater und Ihr Euch nahe gestanden habt. Allerdings wäre Comte de Rochefort gewiss nie damit einverstanden gewesen, dass Ihr Euch vor aller Welt zurückzieht. Er wollte immer nur das Beste für Euch."

"Ja, ich weiß. Aber ich habe mir immer vorgestellt, dass Vater mich in die Gesellschaft einführt. Wer soll diesen Part nun übernehmen?"

"Wenn Ihr an Euren Vormund schreibt, wird er Euch sicherlich jemanden zur Seite stellen. Wir sollten nächstes Jahr unbedingt nach Paris fahren und es würde mich wundern, wenn Seine Eminenz eine andere Meinung in dieser Angelegenheit vertritt. Immerhin werdet Ihr nächstes Jahr 18 Jahre alt."

"Selbstverständlich ist mir bewusst, dass andere Mädchen meines Alters längst bei Hofe eingeführt wurden, aber da mein Vater letztes Jahr im November gestorben ist, fand ich es unpassend."

"Natürlich, dafür wird jedermann Verständnis haben."

"Mein Vormund hatte es und ließ mich Gott sei Dank in Ruhe", erwiderte das blonde Mädchen und seufzte erneut leise. Dann nahm sie einen Schluck aus ihrer Tasse, bevor sie diese wieder absetzte, und fuhr fort: "Vermutlich habt Ihr recht, Louise, und ich werde mich gleich im Januar wegen dieser Angelegenheit mit meinem Vormund in Verbindung setzen. Aber bis dahin möchte ich nichts mehr davon hören, bei Hofe eingeführt zu werden."

"Ganz wie Ihr wünscht, Comtesse."

Einen Moment später klopfte es zaghaft an die Tür.

"Ja bitte?!", fragte das blonde Mädchen.

Die Tür wurde geöffnet und eine junge Bedienstete trat mit einem kleinen Tablett in der Hand schüchtern herein.

"Verzeiht, Comtesse, aber soeben wurde eine persönliche Nachricht durch einen Eilkurier für Euch überbracht", meldete das Dienstmädchen.

Die Angesprochene winkte sie herbei, nahm das Schreiben vom Tablett und öffnete es. Rasch überflog sie es, wobei ihre Miene allmählich einen erschrockenen Ausdruck annahm. Danach sah die Comtesse zu ihrer Gesellschafterin auf und erklärte tonlos: "Mein Vormund ist gestern gestorben..."

"Wie bitte?!", entfuhr es Louise überrascht.

"Oh, Ihr habt die Nachricht richtig verstanden", bestätigte die Comtesse nochmals. "Kardinal Richelieu weilt seit gestern nicht mehr unter den Lebenden. Allerdings bat mich seine Nichte, davon abzusehen, an seiner Beerdigung teilzunehmen."

"Wie? Das verstehe ich nicht."

"Ich kann es ganz gut nachvollziehen. Schließlich habe ich Seine Eminenz niemals persönlich kennengelernt und er weiß lediglich durch meinen Vater von der Existenz einer Comtesse Marguerite de Rochefort, deren Vormundschaft er nur übernommen hat, weil mein Vater ihn darum bat."

"Aber was wird nun aus Euch? Ihr seid noch nicht volljährig."

"Keine Ahnung, Louise, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass weder mein Vater noch mein Vormund an diesen Fall gedacht haben. Sie haben sicherlich Vorsorge dafür getroffen, also beruhigt Euch."

"Und was wird aus uns?", wagte das Dienstmädchen schüchtern zu fragen.

Louise und Marguerite, die die Anwesenheit der Bediensteten für einen Moment vergessen hatten, blickten nun zu ihr.

"Du wirst vorerst Stillschweigen über die Neuigkeit bewahren", sagte die Comtesse. "Ich möchte keinerlei Unruhe im Haus! Geh jetzt!"

"Selbstverständlich", versprach die junge Dienerin, knickste leicht und verschwand eilig aus dem Raum. Marguerite blickte ihr nachdenklich nach, bevor sie sich wieder an ihre Gesellschafterin wandte: "Ihr könnt sicher sein, dass innerhalb kurzer Zeit der Tod Seiner Eminenz das Gesprächsthema in unserer Gesindeküche ist."

"Natürlich, aber die Dienerschaft wird sich schon zusammennehmen!"

"Das hoffe ich sehr!", seufzte Marguerite. "Ebenso wie ich hoffe, dass ich bald darüber informiert werde, wer mein nächster Vormund sein wird. Es ist für mein weiteres Leben von maßgeblicher Bedeutung."

"Vermutlich der Nachfolger Seiner Eminenz", meinte Louise. "Und wenn er es mit der Fürsorge ebenso hält wie der Kardinal, habt Ihr nichts zu befürchten."

"Wir müssen es hinnehmen, wie es kommt. Ändern können wir ja doch nichts", erwiderte die Comtesse traurig. "Jedenfalls scheint die dunkle Jahreszeit mir alles andere als wohlgesonnen zu sein. Letztes Jahr im November mein Vater, nun mein Vormund... Nein, ich habe wahrhaftig keinen Grund, die dunkle Jahreszeit zu mögen."

 

***

 

Das junge Dienstmädchen eilte schnurstracks  in die Küche, wo einige Bedienstete sich wie fast jeden Tag zu einem nachmittäglichen Schwatz bei einem Becher Milch zusammengesetzt hatten. Dem Boten aus der Hauptstadt hatte man ebenfalls einen Becher Milch sowie eine kleine Mahlzeit vorgesetzt, um sich für die Rückreise zu stärken. Zum Dank informierte er das Gesinde gerade darüber, dass  "die rote Robe"  gestorben sei.

"Was denn, der Kardinal ist tot?", entfuhr es einem der männlichen Bediensteten überrascht.

"So wahr, wie ich hier sitze", bestätigte ihm der Kurier, ein kräftiger, junger Bursche, und nickte lebhaft. "Für den König endlich die Gelegenheit, das Zepter über Frankreich wieder selbst zu führen."

"Diese Worte sind gefährlich, wenn sie in die falschen Ohren gelangen", warnte ihn der Diener.

"Aber die meisten Leute in Paris denken so wie ich", erwiderte der junge Mann.

"Trotzdem solltest du vorsichtig sein, Junge. Man sagt auch, dass der König den Kardinal als Ratgeber immer sehr geschätzt hat."

"Abwarten, wie er spricht, wenn Seine Eminenz erstmal unter der Erde ist."

Die Köchin schüttelte leicht den Kopf über den Burschen, ehe sie sich dem jungen Dienstmädchen zuwandte.

"Nun, Linette, was hat unsere Comtesse zu der Hiobsbotschaft gesagt?", erkundigte sie sich.

"Sie war nicht besonders erfreut, aber doch ziemlich gefasst", antwortete das Mädchen.

"Was wird jetzt wohl aus ihr?", sinnierte einer der Stallburschen.

"Irgendjemand erhält die Vormundschaft über sie", gab die Köchin ungeduldig zurück. "Die Frage ist nur, wer das sein wird."

"Hat die junge Dame denn keinerlei Verwandtschaft mehr?", wollte der Bote wissen.

"Unser alter Herr, der Comte de Rochefort, Gott hab ihn selig, hat sehr zurückgezogen hier auf seinem Landsitz mit seiner Tochter gelebt, nachdem er aus dem Dienst der Kardinalsgarde ausgetreten war und mit allen Ehren ausgezeichnet wurde, die Seine Eminenz zu vergeben hatte", erklärte die Köchin. "Viele seiner Freunde sind gefallen und Verwandte hat er auch keine mehr, bis auf... bis auf seine Schwester, die Comtesse Adrienne. Aber nachdem sie geheiratet hat, pflegte sie nur noch wenig Kontakt mit unserem Herrn und hat sich schließlich gar nicht mehr gemeldet. Vermutlich weiß sie nicht einmal, dass sie eine Nichte hat."

"Was ist mit der Mutter der Comtesse?"

"Darüber sprach der Herr niemals ein Wort. Er kam nur eines Tages mit einem Säugling und einer Amme hierher auf das Landgut, informierte uns alle darüber, dass dieses Kind seine Tochter Marguerite sei und übertrug mir für einige Zeit die Obhut über die Kleine, bis er eine passende Kinderfrau gefunden hatte."

"Und auch später gab er niemals preis, wer die Mutter seines Kindes ist?", fragte der Kurier ungläubig.

"Nein, niemals. Aber nach ein paar Jahren erkannte der König das Mädchen als legitime Tochter unseres Herrn an, so dass er sie zu seiner Erbin machen konnte. Und da Comte de Rochefort immer ein sehr gründlicher Mann war, der seine Tochter über alles liebte, hat er vermutlich testamentarisch bis ins Kleinste festgelegt, wie man für Comtesse Marguerite zu sorgen hat, so lange sie noch minderjährig oder unverheiratet ist."

"Und wie alt ist die junge Dame jetzt?"

"Sie wird nächstes Jahr siebzehn und wir alle gehen fest davon aus, dass man sie bald bei Hofe einführen wird. Die Hochzeit dürfte nicht allzu lange auf sich warten lassen."

"Na, ich weiß nicht", meinte der Bote zweifelnd. "Die hohen Herren in Paris wollen sicherlich wissen, wer die Mutter von Comtesse de Rochefort ist."

"Wen interessiert so etwas denn, wenn er ein gebildetes, adliges Fräulein von untadeligem Ruf und Schönheit zur Frau gewinnen kann?", tat die Köchin es ab.

"Einige der adligen Herrschaften interessiert so etwas sehr", gab der junge Bote zurück.

"Dann fehlt es Ihnen eindeutig an Verstand", kommentierte die Köchin es ärgerlich.

"Nein, nein, es ist nur so, dass es bei Hofe sehr auf die richtigen Verbindungen ankommt", erklärte der Jüngling und schaute die rundliche Frau mit treuherzigen Augen an.

"Zunächst einmal müssen wir abwarten, welche Pläne der neue Vormund mit unserer Comtesse hat", mischte sich der alte Diener wieder ein. "Womöglich will er sie selbst zur Frau nehmen?"

"Ach, so ein Unsinn! Der König würde zu so etwas sicherlich seine Zustimmung verweigern. Wie man hört, ist er ein Mann, der sehr viel Wert auf Anstand und Sitte legt."

"Man merkt schon, dass ihr einfache Leute vom Lande seid", meinte der junge Kurier nachsichtig. "Seine Majestät meint es gut, das ist wahr, aber leider... leider neigt er oft dazu, sein Ohr den falschen Leuten zu leihen und darüber hinaus auf sie zu hören... ich hoffe nur für Eure junge Herrin, dass sie einen ehrenhaften Mann zum Vormund erhält."

Der Bursche erhob sich und setzte sich seinen Hut wieder auf.

"Vielen Dank für die gute Mahlzeit und eure Gesellschaft. Aber jetzt muss ich wieder zurück nach Paris und wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch vor Einbruch der Dunkelheit. Auf Wiedersehen."

"Auf Wiedersehen", sagte das Gesinde fast gleichzeitig und beobachtete ihn dabei, wie er seine Jacke zuknöpfte, seinen Gürtel enger zog und dann zur Tür hinausstapfte. Kaum war er draußen, wandte sich Linette in ängstlichem Ton an die Köchin: "Glaubst du, er hat recht mit seiner Befürchtung?"

"Ich hoffe nicht - und wenn, dann werde ich schon dafür sorgen, dass diesem neuen Vormund die Mahlzeiten schwer im Magen liegen", grummelte die rundliche Frau ärgerlich.