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Life is Strange - Die Geschichte des Raben

Chapter Text

Disclaimer:

Weder Life is Strange, noch Before the Storm, noch die in genannten Spielen stattfindende Handlung, noch die auftretenden Charaktere sind mein Eigentum.

 

 

Hiermit melde ich mich offiziell aus der Versenkung zurück. Life is Strange ist zwar ein absolut anderes Fandom als das, in dem ich bisher tätig war (zumindest bevor ich mehrere Jahre mehr oder weniger inaktiv war), aber ich habe trotzdem die Hoffnung, einige interessierte Leser zu finden.

 

Was den Inhalt der FF angeht, möchte ich nicht zu viel vorweg nehmen. Gesagt sei lediglich, dass wir unsere Protagonistin (die im Übrigen kein OC im engeren Sinne ist, da zumindest ihr Name an einer Stelle im Spiel auftaucht) durch ihre Zeit an der Blackwell Academy begleiten und dabei zahlreiche bekannte Personen und Ereignisse aus einem neuen Blickwinkel betrachten werden. Daher spreche ich hiermit offiziell eine

 

Spoilerwarnung sowohl für LIS wie auch für BTS

 

aus. Aber mal ganz ehrlich: Wenn ihr die beiden Spiele nicht gespielt hättet, würdet ihr jetzt auch diese FF hier nicht lesen, oder?

 

Was Triggerwarnings jeglicher Art angeht, habt ihr mit den gleichen Triggern zu rechnen wie auch in den gerade genannten Spielen. Insbesondere die ersten Kapitel dürften zwar noch recht ruhig verlaufen, aber falls es von meinen Lesern explizit so gewünscht wird, werde ich vor entsprechenden Kapiteln noch mal separat explizite Triggerwarnings anbringen.

 

Wie ihr wahrscheinlich schon an der Altersfreigabe gesehen habt, müsst ihr in dieser FF mit Slash rechnen – was in diesem Fandom aber auch nicht unüblich zu sein scheint Auch wenn dieser ganze Beziehungskram keine allzu ausufernde Rolle spielen wird, wollte ich dennoch nochmals explizit davor warnen, dass in dieser FF (voraussichtlich) überdurchschnittlich viele Slash-Pairings auftauchen werden (#ArcadiaGay). Wer damit ein Problem hat, darf gerne was anderes lesen gehen.

 

Was die zeitliche Einordnung dieser FF angeht: Die Handlung beginnt im September 2009, also zu Beginn des Schuljahres 2009/2010. Zur Orientierung: William Price stirbt im Oktober 2008; das Firewalk-Konzert aus BTS findet im Mai 2010 statt, während für den Oktober 2013 mit außergewöhnlichen Wetterphänomenen zu rechnen ist.

Chloe, Rachel, Eliot und Steph gehen in die 10. Klasse, während unsere Protagonistin mit einem Großteil der restlichen Nebencharaktere (Victoria, Nathan, Dana, etc. pp.) in die 9. Klasse geht, also neu neu in Blackwell aufgenommen wurde (weil wegen Highschool-System). Ich weiß, in BTS ist zu lesen, dass Dana in der 10. Klasse ist, und Chloe und Victoria scheinen auch im selben Chemie-Kurs zu sitzen. Problem an der Sache: Die hätten dann zum Zeitpunkt der Ereignisse in LIS schon alle ihren Abschluss in der Tasche gehabt (selbst mit einem „specialized two-year extended senior program“), wie er im offiziellen Wikia-Artikel Blackwells angesprochen wurde, und würden nicht mehr in Mr. Jeffersons Unterricht sitzen müssen :P

Mal ganz davon abgesehen, dass sowohl Chloe wie auch Rachel 1994er Jahrgang sind und dementsprechend ein Jahr älter als der Rest der Truppe. Da, soweit wir wissen, weder die eine noch die andere (vor BTS) sitzengeblieben ist, macht es irgendwo Sinn, dass die beiden auch ein Schuljahr weiter sind.

Also, noch mal explizit: Blackwell führt (wahrscheinlich zwischen BTS und LIS) ein „specialized two-year extended senior program“ ein, was dafür sorgt, dass die reguläre Schulzeit bei 5 Jahren liegt und dementsprechend Chloes und Rachels Abschlussjahrgang das Schuljahr 2012/2013 ist, während der Rest der aufgeführten Charaktere im Schuljahr 2013/2014 (also in dem Schuljahr, in dem Max nach Blackwell kommt) auf ihren Abschluss zu.

 

So, das war jetzt mehr Vorwort als erwartet. Deshalb will ich euch jetzt auch nicht weiter vom lesen abhalten und hoffe, dass ihr Freude an meiner FF habt.

 

Nachtrag:

Ja, ich weiß, die Kurzbeschreibung ist dämlich :P

 

Chapter Text

Prolog

 

Kalter Wind strich ihr durch die Federn, an diesem wolkenlosen Spätsommermorgen. Das Meer unter ihr glitzerte im hellen Sonnenlicht, in der Ferne war schon die Küstenlinie mit einem schmalen Streifen Sandstrandes zu erkennen, genauso wie die markante Klippe mit ihrem Leuchtturm. Sogar die ersten Gebäude des verschlafenen Küstenortes ließen sich als dunkle Schatten am Horizont erahnen.

Am Boden mochten es schon 20 Grad warm sein, mit steigender Tendenz und Aussicht auf eines dieser nachmittäglichen Sommergewitter, die genauso schnell verschwanden, wie sie sich zusammenbrauten. Sogar einen kleinen Hagelschauer würde sie, in Anbetracht der kühlen Luft hier oben, nicht ausschließen.

Durch das Pfeifen des Flugwindes vernahm sie den gemächlichem Schlag schwarzer Schwingen, der ihr nur zu gut bekannt war. Die Erinnerung, ihr treuer Begleiter, war also endlich wieder zu ihr gestoßen, nach all den Jahren.

Die Küstenlinie unter ihr kam inzwischen immer schneller auf sie zugeflogen, es waren sogar bereits einzelne Gebäude des Küstenstädtchens und einige kleine, bunte Schiffe im Hafenbecken zu erkennen.

Während sie selbst gemächlich dahinglitt, schlug ihr Begleiter wieder kräftig mit den Flügeln, beschleunigte ein wenig und schwenkte leicht nach links ab, hin zur Klippe, hin zum Leuchtturm. Schweigend folgte sie ihm, darum bemüht, ihn wieder einzuholen.

Schon beim ersten Anblick des Leuchtturms hatte sie geahnt, dass es ihren Begleiter als erstes dorthin ziehen würde, um dort still und selbstversunken einige Runden zu drehen. In der kaum mehr begreiflichen Zeit, die sie nun schon Gefährten waren, hatte sie die Eigenheiten ihres Begleiters nur zu gut kennengelernt, konnte ihn seit langem ohne Worte zu verstehen.

Die Gedanken ihres treuen Freundes mochten für den Moment einzig dem Vergangenen gehören, während sie ihre gemächlichen Runden um die Spitze des schon seit Ewigkeiten leerstehenden Leuchtturms drehten, doch sie selbst widmete sich lieber dem, was ihnen noch bevorstehen würde – einer Zeit, die eigenartiger, seltsamer und sonderbarer kaum sein konnte.

 

Chapter Text

Kapitel 1

 

 

Nirvana – About A Girl

 

 

„Glucose ist tatütata.“

Ash schreckte auf. Es brauchte einige Sekunden, bis sie sich orientiert hatte und ihre Erinnerungen langsam zurückkehrten. Allem Anschein nach saß sie immer noch, wie schon eine gute Stunde an diesem sonnigen Nachmittag, in Ms. Grants Biologieunterricht – auch wenn sie hätte schwören können, gerade eben noch um den Leuchtturm des schönen Städtchens Arcadia Bay, an dessen Highschool sie seit einigen Tagen eingeschrieben war, geflogen zu sein. Aber konnte es denn sein, dass sie einfach so mitten im Unterricht eingeschlafen war? Oder waren das die Nachwirkungen der lustigen kleinen Pillen, die ihr gestern Abend beim Auspacken ihrer Umzugskisten in die Hände gefallen waren? Wenn Ash ehrlich war, wollte sie das aber auch gar nicht so genau wissen...

„Alles ok bei dir? Du siehst etwas blass aus“, vernahm Ash plötzlich nah an ihrem rechten Ohr. Die Mitschülerin neben ihr, die sich ihr vor dem Beginn der Stunde als Samantha vorgestellt hatte, sah besorgt aus.

„Ja, alles in Ordnung“, murmelte Ash kurz angebunden. Sie wusste es zwar durchaus zu schätzen, dass sich ihre Mitschülerin um ihr Befinden sorgte, zumal Samantha, wenn sich Ash recht erinnerte, im Wohnheimzimmer schräg gegenüber wohnte, und sie damit quasi Nachbarn waren, wollte sie für den Moment nicht riskieren, durch ihr Getuschel auch noch Ms. Grants Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Ash schenkte Samantha noch ein knappes, aufmunterndes Lächeln, ließ ihren Blick dann kurz zur über der Klassenzimmertür hängenden, schlichten und schmucklosen Uhr schweifen und bemühte sich dann wieder, mit einem interessierten Gesichtsausdruck der letzten Viertelstunde des Unterrichts zu folgen.

 

Die letzten fünfzehn Minuten Unterricht dieses Tages hatten sich beinahe ins unendliche gezogen, und das nicht nur, weil die chemische Struktur von Kohlenhydraten ein eher semiinteressantes Thema war. Ihr … Traum, oder wie auch immer man es nun bezeichnen wollte, hatte Ash einfach nicht mehr losgelassen, und sie ahnte schon, dass das für den Rest des Tages auch so bleiben würde.

Umso größer war Ashs Erleichterung, als die Schulglocke endlich das Ende ihres zweiten Tages an der Blackwell Academy einläutete. Es war zwar wahrlich kein schlechter zweiter Tag gewesen, dafür aber ein sehr ereignisreicher mit viel zu vielen neuen Namen und Gesichtern und noch viel mehr Hausaufgaben, die sie heute noch zu erledigen hatte. Und in ihrem Wohnheimzimmer warteten noch die letzten Umzugskartons darauf, ausgepackt zu werden...

Es dauerte nicht lange, bis Ash ihre wenigen Unterlagen zusammengepackt hatte und mit einem „Bis später“ an Samantha aus dem Klassenraum geschlendert war. Auf dem zur Eingangshalle führenden Flur war überraschend viel Betrieb. Schüler verschiedenster Jahrgangsstufen standen in Kleingruppen zusammen, redeten, lachten, beobachteten neugierig die Freshmen, die nun sowohl aus Mrs. Grants Klassenraum wie auch aus Mr. Eisterts Fotografiekurs geströmt kamen. Ash vermeinte sogar, aus dem allgemeinen Gemurmel den Begriff „Frischfleisch“ herauszuhören.

Ein letzter Blick in den Klassenraum machte ihr deutlich, dass es sich nicht lohnen würde, auf Samantha zu warten, um ihren neu geknüpften Sozialkontakt ein wenig zu verfestigen, da diese noch in ein Gespräch mit Ms. Grant vertieft war. Also würde sich Ash wohl oder übel alleine auf den Weg nach draußen machen müssen. Spätestens im Wohnheim würde man sich schon wieder über den Weg laufen.

Auf halbem Weg hielt Ash jedoch nochmals inne. Eigentlich wäre jetzt ja die Gelegenheit, sich einen der zahlreichen blauen Spinde, die die Wände des Ganges säumten, zu sichern. Tatsächlich dauerte es nur Sekunden, bis sie ein Exemplar ausgemacht hatte, an dem noch kein Vorhängeschloss hing.

Eiligen Schrittes trat sie auf den anvisierten Spind zu und ließ ihren gerade erst geschulterten Rucksack wieder zu Boden gleiten. Gespannt öffnete Ash den Spind und durfte zu ihrer vollsten Zufriedenheit feststellen, dass er tatsächlich noch leer und voll funktionsfähig war. Jetzt musste sie also nur noch ihr Vorhängeschloss im Chaos ihres Rucksacks finden...

Kaum dass sie in die Untiefen ihrer Tasche abgetaucht war, ließen sie jedoch zwei Begriffe, die ihr aus dem von dutzendfachen Gesprächen um sie herum entgegenflogen, hellhörig werden. Direkt neben ihr hatte doch tasächlich jemand die Worte „Konzert“ und „Firewalk“ fallen lassen.

Ash konnte zwar nicht behaupten, dass die Band Firewalk zu ihren absoluten Favoriten zählte, aber sie wusste gute Musik zu schätzen. Zumal sich der Ruf der Gruppe, die, soweit Ash wusste, aus der Gegend um Arcadia Bay stammte und inzwischen zu einer Art lokaler Berühmtheit geworden war, sogar bis in ihre Heimatstadt Edinburgh verbreitet hatte.

Für einen Moment war Ash drauf und dran, sich mit einem melancholischen Lächeln auf den Lippen den Erinnerungen an ihre schottische Heimatstadt hinzugeben. Was hatte ihre Eltern nur dazu getrieben, vor einem Monat sehr kurzfristig und überraschend in die Vereinigten Staaten zu ziehen und sich dazu noch zu erdreisten, sie nicht nur zu nötigen, mit ihnen zu kommen, sondern sie auch sogleich an eine Highschool am durchaus malerisch schönen Arsch der Westküste abzuschieben? Die Wege ihrer Eltern schienen ihr schon fast so unergründlich als der Verbleib ihres Vorhängeschlosses...

Nur Sekunden, nachdem ein leises „Drecksding“ aus ihrem Mund entwichen war, spürte sie kühles, angerautes Metall an ihrer Hand. Da war das blöde Ding ja endlich. Zeit, wieder aus ihrer Tasche aufzutauchen, und vielleicht sogar einen vorsichtigen Seitenblick zu riskieren, um herauszufinden, wer sich da in ihrer Nähe über ein Firewalk-Konzert unterhielt.

An dem Spind direkt neben dem, den Ash nun endlich für sich beansprucht hatte, lehnte eine Schülerin, vielleicht einen halben Kopf größer als Ash, mit rotblonden, kinnlangen, die Ohren freilassenden Haaren und in ihrer Kleidung um eine gewisse Skater-Ästhetik bemüht.

Ihr deutlich unauffälliger gekleideter Gesprächspartner stand ihr mit vor der Brust verschränkten Armen gegenüber. Sein anzügliches Grinsen und die Blicke, mit denen er sein Gegenüber bedachte, ließen in Ash sofort Antipathie aufkeimen, was sie letzten Endes auch davon abhielt, sich in das Gespräch einzumischen. Es würden sich schon noch ausreichend Gelegenheiten bieten, an weitergehende Informationen über das Firewalk-Konzert zu gelangen.

Mit Schwung warf sich Ash ihren Rucksack über die Schulter, wandte sich von den Spinden ab – und erschrak. Samantha stand, mit einem unschuldigen Lächeln im Gesicht, unmittelbar hinter ihr. „Sorry, dass du warten musstest, ich hatte noch eine Frage an Ms. Grant...“, setzte das unscheinbare Mädchen an, wurde aber von Ash mit einer beschwichtigenden Handbewegung unterbrochen.

„Schon gut. Du standest aber nicht schon länger hinter mir, oder?“

„Vielleicht ein oder zwei Minuten. Du sahst beschäftigt aus“, antwortete Samantha, immer noch mit ihrem freundlich-unschuldigen Lächeln im Gesicht.

Ash hob fasziniert eine Augenbraue. Dass sich Samantha nicht getraut hatte, sie anzusprechen und ihr stattdessen Löcher in den Hinterkopf gestarrt hatte, war schon etwas seltsam, aber zugleich auch irgendwo … niedlich. Trotzdem schien ihr Selbstbewusstsein wohl etwas zu sein, an dem Samantha noch ganz massiv arbeiten musste. Aber gut, sie hatten ja nun vier gemeinsame Jahre vor sich, das sollte mehr als ausreichend Zeit sein, dieses Problem unter Ashs fürsorglichen Anleitung in den Griff zu bekommen.

„Na ja, ist jetzt auch egal. Wollen wir gehen?“ Ash wandte sich Richtung Haupthalle.

„Sehr gerne.“

Ash setzte sich in Bewegung, dicht gefolgt von ihrer zierlichen Begleitung. Sowohl der auf die Eingangshalle zulaufende Gang wie auch die Eingangshalle selbst hatten sich inzwischen spürbar geleert, was Ash mehr als recht war. In der Gegenwart zu vieler drängelnder und Krach machender Menschen fühlte sie sich immer etwas … unwohl.

Im Vorübergehen ließ Ash ihren Blick durch die Halle wandern. Der Hausmeister Samuel, dessen Bekanntschaft Ash schon vor zwei Tagen bei ihrem Einzug ins Wohnheim gemacht hatte, polierte die Glasscheiben einiger Vitrinen im gegenüberliegenden Gang. Blackwell hatte also allem Anschein nach genug Geld, um ein neues, gut ausgestattetes Wohngebäude für die Seniors zu bauen, aber bei den Reinigungskräften musste wohl gespart werden.

Die Familie Prescott, die sich rühmte, der Hauptsponsor dieser Schule zu sein und deshalb auch an prominenter Stelle im Internetauftritt Blackwells erwähnt wurde, schien ihren Namen wohl eher an einem hübschen Neubau anstatt auf den Uniformen einer handvoll unbeachteter Reinigungskräfte lesen zu wollen.

Deutlich mehr als der putzende Hausmeister fiel jedoch eine Schlange von vielleicht zehn oder zwölf Personen auf, die ein gutes Stück in die Eingangshalle hineinreichte und ihren Beginn an einem über und über mit Plakat des Vortex-Clubs behangenen Tisch fand.

Sofort kam Ash der Flyer in den Sinn, den sie bei ihrem Einzug auf dem Schreibtisch ihres Wohnheimzimmers vorgefunden hatte. Sie hatte den Flyer nur kurz überflogen, bevor er in ihrem Papierkorb gelandet war, aber wenn sie den Inhalt des Schriftstücks richtig verstanden hatte, war der Vortex-Club ein recht elitärer Verein, dessen Hauptaufgabe im Ausrichten von exklusiven Partys für seine handverlesenen Mitglieder bestand.

Da sich auf solchen Partys aus Ashs zugegebenermaßen nicht sonderlich großer Erfahrung zu viele Leute auf zu engem Raum drängten und dabei viel zu laute Musik hörten, hatte sie für sich von vorneherein ausgeschlossen, sich um eine Mitgliedschaft zu bemühen. Wahrscheinlich würde ihrem Antrag auch gar nicht erst stattgegeben werden, schließlich rühmte sich der Vortex-Club, nur die besten und schönsten in seine Reihen aufzunehmen.

Andererseits... Für einen Augenblick verweilte Ashs Blick auf der nicht unattraktiven Blondine mit dem großen, auffällig blauen Ohrring am linken Ohr, die es sich auf der anderen Seite des Tisches bequem gemacht hatte und die Mitgliederanträge entgegennahm. Auf Tuchfühlung mit dem Vortex-Club zu gehen, erschien ihr bei diesem Anblick auf einmal doch nicht mehr ganz so abwegig...

Bevor sich Ash auf die Zunge beißen und sich fragen konnte, woher auf einmal diese Gedanken kamen, war es einmal mehr Samantha, die sie aus ihren Überlegungen riss. „Kommst du?“

„Klar, sorry.“ Sie setzte sich wieder in Bewegung. „Du weißt nicht zufällig, wer das Mädchen war, das da gerade die Mitgliedschaftsanträge für den Vortex-Club entgegengenommen hat?“, platzte es dann aus ihr heraus. Es kam nicht oft vor, dass Ash von einer Person schon auf Anhieb so … fasziniert war, da musste sie jetzt einfach mehr in Erfahrung bringen.

„Nathan meinte gestern, dass sie Rachel Amber heißt und hin und wieder das Aushängeschild des Vortex-Clubs gibt, auch wenn sie eher ihr eigener Club sei“, erläuterte Samantha. „Viel mehr hat er mir aber auch nicht erzählt.“

„Nathan Prescott?“, fragte Ash überrascht. Zumindest während der offiziellen Begrüßung durch Direktor Wells hatte Nathan nicht den Eindruck gemacht, dass er so ein Mauerblümchen wie Samantha auch nur zur Kenntnis nehmen würde, und sein Verhalten in den Kursen, die sie gemeinsam belegt hatten, hatte diesen ersten Eindruck nur bestätigt.

„Ja, genau“, bestätigte Samantha.

Inzwischen waren Ash und Samantha durch die große Tür der Eingangshalle getreten – und standen wieder erwarten im Regen. Innerhalb der letzten vielleicht zwanzig Minuten war das Wetter anscheinend komplett umgeschlagen. Der zuvor strahlend blaue, wolkenlose Himmel war jetzt mit dunklen Wolken verhangen, die erste Regentropfen gen Boden schickten. Das dumpfe Grollen eines heraufziehenden Gewitters war zu vernehmen.

Ash fröstelte, und das nicht nur, weil die Temperatur um gefühlt 20 Grad gesunken war. Die Vorahnung eines herannahenden Gewitters aus ihrem Traum hatte sich also bestätigt. Andererseits: Vielleicht war es nur ein dummer Zufall. Sicher hatte sie nur irgendwo unbewusst aufgeschnappt, dass es an diesem Nachmittag zu einem plötzlichen Wetterumschwung kommen sollte, und ihr Unterbewusstes hatte diese Information wieder an die Oberfläche gespült, als sie während des Unterrichts kurz eingenickt war. Ja, so musste es gewesen sein...

Während Ash nachdenklich gen Himmel starrte, hatte Samantha einen Regenschirm aus ihrem Rucksack hervorgezaubert und bot ihrer Mitschülerin nun an, sich den begrenzten Platz unter dem Schirm mit ihr zu teilen. Dass Samantha auf das schlechte Wetter eingestellt war, verwunderte Ash überhaupt nicht, in Anbetracht dessen, wie penibel das schüchterne Mädchen schon auf Ms. Grants erste Biologiestunde vorbereitet gewesen war.

Es war wahrlich keine schlechte Fügung des Schicksals, die Ash an Samantha hatte geraten lassen. Jemanden so gut organisiertes in seiner Nähe zu haben, konnte gerade in den ersten, unübersichtlichen Wochen an Blackwell durchaus hilfreich sein. Und wenn Ash an die Situation vor den Schließfächern wenige Minuten zuvor zurückdachte, würde sie ganz sicher nicht die einzige sein, die von dieser aufkeimenden Freundschaft profitieren konnte. Vielleicht versuchte sich Ash aber auch nur, ihre Sympathie für Samantha schönzureden.

Apropos reden. Es wäre sicherlich von Vorteil, das unangenehme Schweigen zu beenden, das sich nun, beim Bemühen, auf dem Weg zum Wohnheim nicht nass zu werden, zwischen sie geschoben hatte. Samantha druckste ein wenig herum. Ihr schien etwas auf der Zunge zu liegen, das sie sich nicht so recht auszusprechen traute. Ash ahnte bereits, dass einmal mehr das leidige Thema anstand, das sie seit einem halben Jahr begleitete. Seit dem Unfall. Aber wenn es Samanthas Neugierde befriedigte und ihr gleichzeitig half, das Schweigen zwischen ihnen zu überbrücken, war es ihr absolut wert, sich Samanthas Fragen zu stellen.

„Das Auge, nicht wahr?“ Ash presste die Lippen aufeinander, während Samantha überrascht zusammenzuckte.

„Ich muss gestehen, dass mich dein Auge schon neugierig macht“, murmelte Samantha verlegen. „Ich wollte nur nicht unhöflich sein...“

Ash schmunzelte. Selbst wenn sich Samantha schämte, war sie irgendwie … niedlich. „Kein Problem. Glaub mir, du bist die letzte, der ich eine solche Frage übel nehmen würde.“ Ash zwinkerte und zauberte damit Samantha wieder ein Lächeln aufs Gesicht.

Das ungleiche Paar blieb stehen. Nachdem sie die Statue des Namenspatrons ihrer Schule passiert hatten, waren sie rechts abgebogen, an der Sporthalle vorbei geeilt und nun auf einem schmalen Weg mit Aussicht auf den Parkplatz angelangt. Am Ende des Weges, annähernd auf gleicher Höhe mit dem Hauptgebäude, ragte ihr schon etwas baufälliges Wohnheim auf, das, soweit Ash wusste, abgerissen werden sollte, sobald das neue Prescott-Wohnheim fertiggestellt war.

Bei gutem Wetter hätten sie ihren Weg abkürzen können, indem sie direkt an der Freitreppe zur Hauptpforte Blackwells rechts abgebogen und dann einem Trampelpfad zwischen dem Hauptgebäude und der Sporthalle gefolgt wären, aber eben dieser Trampelpfad hatte sich durch den Regenschauer in eine schlammige Rutschbahn verwandelt. Also war ihnen der offizielle, längere Weg nicht erspart geblieben.

Samantha klappte ihren Regenschirm zusammen. Es hatte aufgehört zu regnen, auch wenn die dichte, dunkle Wolkendecke noch keine Anstalten machten, sich aufzulösen. Ash nutzte den Moment, um ihr Spiegelbild in der verdunkelten Glastür des Hintereingangs der Sporthalle zu mustern.

Die ersten Male, die sie sich so gesehen hatte, war sie noch erschrocken zusammengezuckt, aber schneller als erwartet hatte sie sich daran gewöhnt, dass ihr nun nicht mehr zwei dunkelblaue Augen, in denen je nach Lichtverhältnissen ein Grünschimmer aufblitze, entgegen blickten. Ihr rechtes Auge schimmerte wie eh und je, das linke jedoch starrte ihr mit weit über das normale Maß hinaus geweiteter, milchig trüber und hellbläulich verfärbter Pupille entgegen, die Iris zu einem schmalen Ring zusammengeschrumpft.

Und da fragte sie sich noch, warum die Menschen um sie herum so irritiert von diesem Anblick waren...

Ash wandte sich wieder der erwartungsvoll dreinblickenden Samantha zu und bedeutete ihr, dass sie gedachte, ihren Weg zum Wohnheim fortzusetzen. „Um es kurz zu machen: Es war ein Autounfall“, setzte dann an. „Vor etwa einem halben Jahr, Mitte März, kam das Auto meiner Eltern von der Fahrbahn ab und ging in Flammen auf. Einfach so, ohne ersichtlichen Grund. Weder die Polizei, die das Auto anschließend untersucht hat, noch die dafür zuständige Abteilung des Herstellers konnte sich darauf einen Reim machen.“

Erschrocken hatte Samantha eine Hand vor den Mund geschlagen.

„Keine Sorge“, beschwichtige Ash sie sofort. „Meine Eltern sind sofort und ohne Verletzungen aus dem Auto raus und haben einen Notruf abgesetzt.“ Sie schluckte. „Ich dagegen war auf der Rückbank eingeklemmt. Hat sicher zwanzig Minuten gedauert, bis die Feuerwehr da war, die Flammen unter Kontrolle gebracht und mich rausgeschnitten hat. Glaub mir, das waren die längsten zwanzig Minuten meines Lebens.“

Samantha hatte die Augen weit aufgerissen. „Das muss furchtbar gewesen sein, oder?“

Ash zuckte mit den Schultern. „Schön war es ganz bestimmt nicht. Und es grenzt an ein Wunder, dass ich da nur mit einigen oberflächlichen Verbrennungen rausgekommen bin. Und mit einem gekochten Auge, wie du siehst.“ Sie deutete mit einer kurzen Geste auf ihr linkes, totes Auge.

„Das Auge war also nicht mehr zu retten? Also, ich meine, kannst du damit denn noch was sehen?“ Samantha war inzwischen blass geworden, weshalb Ash beschloss, langsam das Thema zu wechseln – zumal sie inzwischen auch das Wohnheim betreten hatten.

„Nope. Das Auge ist komplett blind, und da war auch nichts mehr dran zu machen. Ich wahr ehrlich gesagt schon froh, dass man die höllischen Schmerzen lindern konnte, die ich in den ersten Wochen hatte. Die haben sich inzwischen aber auch wieder gelegt.“ Ash konnte ein Schmunzeln nur knapp unterdrücken, bei dem Gedanken daran, dass sie ihr Auge schon mehrfach als Vorwand benutzt hatte, um sich starke Schmerzmittel zu besorgen und sich dann mit diesen den ein oder anderen netten Abend zu machen.

„Aber man gewöhnt sich dran. Ich würde fast wetten, dass meine Gesprächspartner inzwischen mehr Probleme mit dem Auge haben als ich selber“, fügte sie dann noch hinzu und zwinkerte mit ihrem toten Auge.

Zwischenzeitig waren sie im ersten Stock, auf dem Flur zu ihren Zimmern angekommen. Samantha mochte zwar noch so nett sein, Ash brauchte jetzt trotzdem erst einmal einen Moment für sich, bevor sie sich an ihre Hausaufgaben und die letzten auszupackenden Umzugskartons machte.

„Nun denn, ich will dich mit meinen Geschichten auch nicht vom lernen abhalten“, schmunzelte Ash. Es brauchte nicht viel Fantasie, um zu wissen, dass sich Samantha ihren Hausaufgaben mit deutlich mehr Ergeiz widmen würde als sie es tat. „Vielleicht siehst man sich ja heute Abend noch mal.“

„Sehr gerne“, antwortete Samantha lächelnd. „Bis heute Abend also.“

 

Kaum dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, schmiss Ash ihren Rucksack in die nächstbeste Ecke, entledigte sich des blau karierten Flanellhemdes, das sie offen über ihrem weißen T-Shirt getragen hatte, und ließ sich auf ihr Bett fallen. Der Tag war anstrengender gewesen als erwartet, da konnte sie sich auch erst einige Minuten Entspannung gönnen, bevor sie sich den noch anstehenden Aufgaben widmete.

Ash richtete sich in ihrem Bett auf, um die Musikanlage, die auf einem Schränkchen am Fußende des Bettes stand, einzuschalten. Eigentlich präferierte sie ja Kopfhörer, um niemanden mit ihrem nicht unbedingt mainstreamtauglichen Musikgeschmack zu belästigen, aber auf Dauer waren ihr die Dinger dann doch zu unhandlich.

Einige gedrückte Knöpfe später erklang Chris Cornells Stimme, erst noch ruhig, bis sie sich in einem energischen Refrain entlud. Ash ließ sich wieder auf das Bett zurückfallen, und ehe sie sich versah, war sie mit ihren Gedanken wieder bei ihrem Aussetzer während des Biologieunterrichts.

Es wäre natürlich das einfachste, das ganze als Traum abzutun. Andererseits war sie bisher noch nie im Unterricht eingeschlafen, mal ganz davon abgesehen, dass sie auch gar nicht müde gewesen war. Zumal sich ihre … Vision, wenn man es so nennen wollte, so viel realer angefühlt hatte als alles, was sie in ihrem bisherigen Leben an Träumen erlebt hatte.

Also vielleicht doch Halluzinationen, weil sie gestern Abend etwas eingeworfen hatte? Ash griff nach der Packung codeinhaltigen Hustenstillers, der ihr im Zuge ihres Umzugs in die Hände gefallen war und dessen sedierender (und sonstigen recht angenehmer) … Nebenwirkungen sie sich bedient hatte, um nach dem ganzen Umzugsstress ein bisschen Ruhe zu finden. Auch wenn sie ein wenig mehr genommen hatte, als in der Packungsbeilage empfohlen, war bei diesem Stoff mit Halluzinationen eigentlich nicht zu rechnen. Insbesondere nicht erst, nachdem der Wirkstoff schon längst hätte abgebaut sein sollen.

Mit Schwung landete die Packung wieder auf ihrem Nachttisch. Bisher war ihre Vision ja ein einzelnes Vorkommnis und dementsprechend eigentlich kein Grund, sich übermäßig Sorgen zu machen. Schon allein, weil sie deutlich realere Probleme hatte. Zum Beispiel die räumlichen Strukturen von Zuckern, mit denen sie sich dank Ms. Grant bis zum kommenden Donnerstag auseinandersetzen durfte.

Seufzend richtete sich Ash auf. Wohl oder übel würde sie ihr Bett noch einmal für einige Stunden verlassen müssen, auch wenn es dort gerade ausgesprochen gemütlich war. Aber da sie sich nicht schon in ihrer ersten Woche an der neuen Schule mit den Lehrern anlegen wollte, gab es nun Dinge zu tun, die eine mehr oder weniger fleißige Schülerin nun einmal zu tun hatte.

 

Vorsichtig setzte Ash den Umzugskarton ab, bevor sie an Samanthas Tür klopfte. Zu ihrem Bedauern war sie daran gescheitert, all ihre Habseligkeiten in ihrem neuen Heim unterzubringen. Das kam davon, wenn man kurzfristig umziehen musste und deswegen seinen gesamten Besitz unreflektiert in Kisten schmiss, um dann beim auspacken festzustellen, dass man für einen nicht unwesentlichen Teil davon weder Verwendung noch Platz hatte. Also blieb ihr jetzt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass sie das Zeug anderweitig los wurde, bevor es im Müll landete oder im nicht vorhandenen Keller ihrer Eltern verrottete. Ihr bereits am Nachmittag angekündigter Besuch bei Samantha kam ihr da nur recht.

Inzwischen war auch ein zaghaftes „Herein“ von der anderen Seite der Tür erklungen. Ash öffnete die Tür einen Spalt breit, hob die Kiste wieder hoch und stieß dann mit ihrer Schulter die Tür ganz auf. „Hi, Samantha. Ich habe da ein kleines...“ Der Satz blieb ihr im Hals stecken, als sie sah, wer es sich auf Samanthas Couch bequem gemacht hatte.

„Ähm, hi“, kam es, zusammen mit einem unsicheren Lächeln, von niemand geringerem als Nathan Prescott. „Ich glaube, wir kennen uns noch nicht.“

„Ashley Begbie. Du bist Nathan, richtig?“, antwortete Ash knapp. Ok, dieser Typ schien sich wirklich für Samantha zu interessieren, auch wenn Ash auf den ersten Blick nicht nachvollziehen konnte, was zwei derart unterschiedliche Personen aneinander finden konnten...

Nathan nickte.

„Nette Rede gestern.“ Ash hatte Mühe, nicht die Augen zu verdrehen, bei dem Gedanken an die Rede, die Nathan im Zuge der offiziellen Begrüßung durch den Schulleiter gehalten hatte. Es war mehr als deutlich geworden, dass Nathans Familie quasi die Eigentümer der Schule waren, und er sie im Zweifelsfall auch in die Luft jagen konnte, wenn ihm danach war.

„Stör ich?“, fügte Ash nun an Samantha gewandt hinzu.

„Nein, nein, auf keinen Fall. Setz dich doch.“ Samantha, die es sich auf ihrem Schreibtischstuhl bequem gemacht hatte, deutete auf einen weiteren, versteckt in einer Ecke stehenden Stuhl. „Nathan hat Kekse mitgebracht.“

Erst jetzt fiel Ash auf, dass auf dem Couchtisch dreierlei Sorten Kekse ausgebreitet waren. Vielleicht war dieser Prescott-Heini doch nicht so ein Großkotz, wie man auf den ersten Blick meinen konnte. Außerdem sprach es für ihn, dass er Samantha zu mögen schien.

Ash zog den Stuhl heran und ließ sich Nathan gegenüber am Couchtisch nieder. Für einen kurzen Moment beäugte sie die Kekse skeptisch, aber als ihr Mitschüler ihr dann eine Packung zuschob, griff sie doch zu. Für Schokoladenkekse mit Kokosstreuseln warf sie ihre Bedenken nur zu gerne über Bord.

„Du wolltest vorhin, als du reingekommen bist, etwas sagen“, begann nun Samantha das Gespräch.

„Ach so, ja“, bestätigte Ash, während sie noch auf einem Keks herumkaute. „Ich habe einige Bücher und noch anderen Krempel, den ich in meinem Zimmer nicht untergebracht bekomme. Und bevor das ganze Zeug auf dem Müll landet, wollte ich dich...“ Ash hielt kurz inne. Wenn Nathan sie schon mit Keksen versorgte, konnte er ruhig einen Blick in ihre Kiste werfen, auch wenn er bisher das klassische Rich Kid markiert hatte, das ihre milden Gaben eigentlich nicht nötig haben sollte. „... wollte ich euch fragen, ob ihr vielleicht noch was damit anfangen könnt.“

„Oh, sehr gerne.“ Samantha war hellauf begeistert.

„Gucken schadet ja nicht“, meldete sich Nathan schulterzuckend zu Wort.

Also wurden die Kekse kurzerhand beiseite geräumt und Ash stellte stattdessen die mitgebrachte Kiste auf den Tisch.

Schon nach wenigen Augenblicken des herumwühlens hielt Samantha die Ausgabe von „Wer hat Angst vor Virgina Woolf?“, die Ash von Tante Dianne und Onkel Mark zum vierzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, in der Hand. „Das Buch wollte ich mir schon seit längerem zulegen!“, verkündete sie freudestrahlend.

„Ich bin nie über die zweite Seite hinaus gekommen. Kannst du also gerne haben“, grummelte Ash.

Kurz darauf konnte Samantha noch eine Lichterkette ihr Eigen nennen, während Nathan einige Sekunden seinen Blick durch die Kiste schweifen ließ, dann aber mit geschürzten Lippen den Kopf schüttelte. Wie Ash erwartet hatte, war nichts dabei, was er nicht schon längst selbst erworben hätte, wenn er Bedarf dafür gehabt hätte. Den restlichen Inhalt der Kiste würde sie also anderweitig loswerden müssen. Aber da sie drei ja nicht die einzigen waren, die sich häuslich auf dem Campus eingerichtet hatten, würden sich sicher schon noch ein Abnehmer finden.

Nathan ließ sich auf die Couch fallen, Samantha nahm wieder auf ihrem Schreibtischstuhl Platz und Ash ließ sich auf ihrem Stuhl nieder, während sie sich eine schwarze Strähne, die ihr beim wegstellen der Kiste aus dem Pferdeschwanz gerutscht war, nachlässig hinters Ohr klemmte.

„Da ihr ins Wohnheim gezogen seid, nehme ich mal an, dass ihr nicht aus Arcadia Bay stammt?“, bemühte sich Nathan nun, ein Gespräch in Gang zu bringen.

Die beiden Mädchen nickten stumm zur Bestätigung, da sie wieder je einen Keks im Mund hatten.

„Ok, also, wo kommt ihr her, wenn ich fragen darf?“

„Aus einer Kleinstadt nahe Portland“, kam es undeutlich von Samantha, da diese immer noch mit ihrem Keks kämpfte.

Nun richtete sich Nathans Blick auf Ash. Aus seinen Gesichtszügen konnte sie erkennen, dass er wirklich neugierig, und nicht nur um ein bisschen Smalltalk bemüht war. „Edinburgh“, antwortete sie knapp.

Nathan nickte. „Ist ja auch kaum zu überhören, dass du nicht von diesseits des großen Wassers kommst.“

Ash seufzte innerlich. Ihr schottischer Einschlag war zwar kaum herauszuhören, wenn sie sich darum bemühte, ihn zu verbergen – auch wenn sie in ein für Amerikaner kaum verständliches Scots wechseln konnte, wenn ihr danach war. Ihr britisches Englisch war dennoch recht eindeutig und Nathan war auch bei weitem nicht der erste, der sie darauf ansprach, seit dem Umzug ihrer Eltern.

„Meine Eltern hat es vor einem Monat aus beruflichen Gründen recht kurzfristig in die Staaten verschlagen. Und ehe ich mich versehen konnte, habe ich mich dann hier wiedergefunden. Das ist auch der Grund dafür, dass ich einige Umzugskisten mehr mitgebracht habe, als es nötig und sinnvoll gewesen wäre.“ Ash deutete auf die Kiste, die sie mitgebracht hatte.

„Ich habe gehört, dass die Landschaft zwar recht schroff ist, die Menschen dafür aber umso netter sein sollen“, verkündete Samantha.

„Na ja, ich bin zugegebenermaßen nicht sonderlich stolz darauf, Schottin zu sein“, kommentierte Ash das Statement ihrer Mitschülerin. „Ich würde sogar behaupten, dass selbst die Engländer bessere Menschen als wir sind. Das sind ja schließlich nur Wichser. Wir dagegen haben uns von Wichsern kolonisieren lassen. Wir konnten uns noch nicht einmal von einer anständigen Zivilisation erobern lassen. Das ist ein scheiß Zustand, in dem wir leben, und da ändert auch die schöne Landschaft nichts dran.“

Nathan amüsierte dieses Statement sichtlich, während Samantha eher verwirrt dreinschaute.

„Du bist von hier, oder? Zumindest munkelt man, deiner Familie würde die halbe Stadt gehören“, versuchte Ash nun an Nathan gewandt das Gespräch von ihrer eigenen Person abzulenken.

Der Angesprochene gab ein bitteres Lachen von sich. „Nur die Hälfte? Das ist massiv untertrieben. Und ja, die Prescotts sind eine der ältesten und angesehensten Familien Arcadia Bays.“ Seine Stimme klang, als würde er aus der Familienchronik zitieren, wenn auch mit einem leicht verächtlichen Unterton. Während Nathan fortfuhr, verdrehte er die Augen. „Das ändert aber nichts daran, dass Arcadia Bay ein Drecksloch ist und sich meine Familie schon seit mehreren Jahrzehnten häufiger auf unserem Anwesen in Florida aufhält als hier.“

„Klingt so, als wärst du nicht sonderlich begeistert davon, eine der namenhaftesten Highschools des Staates Oregon zu besuchen. Die, so ganz nebenbei, ganz massiv von deiner Familie gesponsert wird“, merkte Ash an. Nathans Einstellung verwunderte sie nun doch ein wenig.

„Familientradition.“ Nathan zuckte mit den Schultern. „Seit 1910, dem Gründungsjahr Blackwells, genießen die Mitglieder der Familie Prescott hier eine herausragende Bildung, und mein geschätzter Vater war einer der drei Mitbegründer des weit über die Grenzen Arcadia Bays hinaus angesehenen Vortex-Clubs.“ Wieder schien Nathan aus verstaubten Büchern zu rezitieren. „Direktor Wells war übrigens auch einer der Gründungsmitglieder“, fügte er dann deutlich amüsierter hinzu.

„Dann ist dein Mitgliedschaftsantrag wahrscheinlich auch schon unterschrieben, nehme ich mal an?“, wollte Ash nun wissen.

„Selbstverständlich. War er schon, bevor überhaupt die Anmeldung für Blackwell raus war. Rachel Amber, das grandiose Aushängeschild des Vortex-Clubs, hat sich deswegen persönlich für mich Zeit genommen.“ Nathan setzte ein anzügliches Grinsen auf.

Ash wurde hellhörig, als Rachels Name fiel – auch wenn sie sich keine Details des von Nathan implizierten Treffens vorstellen wollte. „Kennst du diese Rachel gut?“ Aus den Augenwinkeln nahm Ash Samanthas wissendes Schmunzeln wahr.

„Wer in Blackwell kennt Rachel nicht?“, antwortete Nathan mit einer Gegenfrage. „Sie ist in ihrem Sophomore-Jahr, hat einen GPA von 4.0 und so ziemlich jeder Schüler – und wahrscheinlich auch die ein oder andere Schülerin – Blackwells ist hinter ihr her. Es gibt sogar Leute, die behaupten, sie sei zu cool für den Vortex-Club. Was natürlich Unsinn ist.“ Er räusperte sich. „Allzu viel zu tun hatte ich mit ihr bisher natürlich noch nicht. Aber das wird sich garantiert noch ändern.“

Rachel war also Mitglied des Vortex-Clubs. Vielleicht war sie also doch nicht ganz so interessant, wie sie auf den ersten Blick gewirkt hatte, wenn sie sich in der Gesellschaft der Snobs des Vortex-Clubs wohlfühlte. Mal davon abgesehen, dass Ash dann so oder so keine Chance für sich sah, sie auf sich aufmerksam zu machen.

„Ich nehme an, ihr habt eure Mitgliedschaftsanträge auch schon gestellt?“, setzte Nathan das Gespräch mit einem süffisanten Grinsen fort.

Zu Ashs Überraschung nickte Samantha eifrig. Dabei würde sie als Mauerblümchen wahrscheinlich besser daran tun, sich vom Vortex-Club fernzuhalten, so wie Ash den Club bisher einschätzte. Gar nicht erst davon zu sprechen, dass Samantha wahrscheinlich nicht den Deut einer Chance hatte, aufgenommen zu werden, was ihr eigentlich auch klar sein sollte. Wahrscheinlich hatte sie dieser Prescott-Heini bequatscht, einen Antrag einzureichen...

„Ich glaube nicht, dass ich eine Chance hätte, aufgenommen zu werden“, antwortete Ash.

Nathan musterte sie schweigend und verweilte dabei mit seinem Blick einen Moment zu lange auf ihrem blinden Auge. „Stimmt wohl. Außer, du erweist dich noch als nützlich für den Vortex-Club, dann könnte man vielleicht ein Auge zudrücken.“

Ash wollte sich lieber gar nicht erst vorstellen, was sich Nathan unter 'Nützlichkeit' vorstellte.

Nathan warf einen desinteressierten Blick auf seine viel zu protzige Armbanduhr. „So spät schon?“ Er erhob sich. „Wenn ihr mich entschuldigt, ich habe noch … Dinge zu erledigen.“

Ash war ein wenig überrascht, dass sich Nathan so plötzlich verabschiedete, wohingegen Samantha eher enttäuscht wirkte. Aber als angehender König des Vortex-Clubs hatte man augenscheinlich eine Menge zu tun...

„Danke für die Kekse“, warf Ash Nathan noch hinterher, als dieser schon in der offenen Tür stand.

„Kein Ding. Gerne wieder.“

Ein Lächeln blitze in Samanthas Gesicht auf, dann war Nathan auch schon verschwunden.

Nun stand auch Ash von ihrem Stuhl auf. „Ich denke, ich werde mich auch mal so langsam verabschieden. Wir müssen morgen ja schließlich wieder früh raus.“

„Klar. Und nimm dir noch Kekse mit – ich glaube nicht, dass ich die alle alleine schaffe“, bot Samantha an.

„Gerne“, bekam Samantha als Antwort. Kurz darauf landete eine der Kekspackungen in Ashs Kiste. „Nun denn, dann also bis morgen.“

Nachdenklich verließ Ash Samanthas Zimmer und betrat nach wenigen Schritten das ihre. Langsam bekam sie ein erstes Bild von zumindest einigen wenigen Mitschülern. Und sie ahnte bereits, dass das gemeinsame Leben und Lernen mit diesen Gestalten noch die ein oder andere Überraschung für sie bereithalten würde.

 

Chapter Text

Zwischenspiel 1

 

Es war warm.

Viel zu warm.

Es war ganz eindeutig ein Fehler gewesen, sich auf dem Zaun niederzulassen – in den Stunden, die er hier nun schon hockte, hatte die Sonne sein schwarzes Gefieder auf ein kaum mehr erträgliches Maß aufgeheizt. Und vor der noch bevorstehenden unerbittlichen Mittagshitze würde es in dem Vorgarten, in dessen Betrachtung er versunken war, kein Entrinnen geben.

Vielleicht war es an der Zeit, zu gehen, zu seiner treuen Gefährtin zurückzukehren. Schließlich war es kein tieferer Sinn, der ihn hierher geführt hatte, auf den Zaun dieses Vorgartens mit der noch beinahe wie neu aussehenden Schaukel und der nur halb gestrichenen Hausfassade im Hintergrund.

Es war reine Melancholie, die ihn zu den beiden Mädchen geführt hatte, nur getrübt durch die Vorahnung der finsteren Ereignisse, die noch so zahlreich auf sie warten sollten. Die bittersüße Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit, die nur zu bald tragisch enden würde. Gefühle, an denen er, wenn seine Gefährtin recht hatte, viel zu sehr hing.

Gerade beugten sich die Mädchen, beide als Piraten verkleidet, das eine groß und blond, das andere kleiner und das Gesicht voller Sommersprossen, über ein Loch, das sie gegraben hatten, in der Hoffnung, einen Schatz zu finden.

Wenn sie nur wüssten, welchen Schatz sie auf genau die gleiche Art an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit finden würden, erschrocken darüber, dass sie doch nur Tauben im Gras waren, die geschehene Ereignisse nicht hatten erkennen, nicht hatten verhindern können.

Und was für ein Schatz es war, den sie einst finden sollten. Ein Schatz, so blendend schön wie das Feuer. Ein Schatz, zu jung, zu unschuldig, um begraben zu werden; so schön, dass es lohnte, für ihn die Zeit in Trümmer zu schlagen.

Mit bedächtigen Flügelschlägen erhob er sich gen Himmel. Er musste gehen, diesen Ort der verlorenen Kindheit verlassen, so sehr es ihn auch schmerzte. Es standen Dinge an, die getan werden mussten und es gab Dinge zu sehen, die gesehen werden mussten.

 

Chapter Text

Kapitel 2

 

 

Soundgarden - Superunknown

 

 

Ash rieb sich den Schlaf aus den Augen. Den Jetlag war sie in den Wochen, die sie bereits in den Staaten lebte, noch immer nicht ganz los geworden, und der seltsame Traum, der sie in der letzten Nacht geplagt hatte, machte es auch nicht besser. Auch wenn sie dieses Mal keinen Raben zu Gesicht bekommen hatte, so war sie sich doch absolut sicher, wieder selbst ein Rabe gewesen zu sein, der, warum auch immer, zwei Kinder – vielleicht 13, 14 Jahre alt – beim Spielen beobachtet hatte.

Immerhin wusste sie jetzt, dass ihre Träume nicht an ihren Mittelchen liegen konnten, da sie gestern, wie an den meisten Abenden, nichts genommen hatte. Das wiederum nährte ihren Verdacht, dass sie im Unterricht einfach nur eingeschlafen war und geträumt hatte. Musste sie also nur noch herausfinden, was ihr ihr Unterbewusstes mit seltsamen Träumen über Raben und minderjährige Piratinnen mitteilen wollte...

Im Moment hatte sie jedoch mit ganz anderen, akuteren Problemen zu kämpfen. Zum Beispiel, dass es kurz vor acht Uhr morgens war. Was für ihren Geschmack viel zu früh war. Frühes Aufstehen hatte noch nie zu ihren Hobbys gezählt, aber da sie nach wie vor nicht auf Stress mit ihren Lehrern aus war, kam sie wohl oder übel nicht darum herum, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen.

Ursprünglich hatte Ash vorgehabt, sich gemeinsam mit Samantha auf den zugegebenermaßen eher kurzen Schulweg zu machen. Als sie aber eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn an Samanthas Tür geklopft hatte, durfte Ash feststellen, dass ihre Mitschülerin noch friedlich schlafend im Bett lag. Also war Ash wohl oder übel alleine los getrottet, mit dem Gedanken im Hinterkopf, ihren ersten Eindruck von Samantha vielleicht noch einmal überdenken zu müssen.

Auf der Freitreppe vor dem Haupteingang Blackwells hatte sie dann beschlossen, doch noch auf Samantha zu warten, um ihr beim zu spät kommen ein wenig Rückendeckung zu geben. So, wie sie Samantha kannte, würde sie sich wegen einigen läppischen Minuten Verspätung noch in Grund und Boden schämen.

Zahlreiche Mitschülerinnen und Mitschüler zogen in den folgenden Minuten an ihr vorbei, aber Samantha befand sich eindeutig nicht darunter. Und nun stand Ash hier, in der noch recht frischen Morgenluft und mit Blick auf die überraschend menschenleere Grünfläche mit ihren Plakatwänden und Picknicktischen. Lediglich auf der Straße, die das Schuldgelände vom umzäunten Sportfeld abgrenzte, fuhren sporadisch einige Autos vorbei.

Gesellschaft leisteten ihr lediglich zwei ziemlich fette und außergewöhnlich hässliche Raben, die am Fuß der Treppe herum hüpften, was Ash ein genervtes Seufzen entlockte. Reichte es denn nicht, dass sie von diesen possierlichen Tierchen schon in ihren Träumen verfolgt wurde?

In Edinburgh waren ihr die Viecher häufiger über den Weg gelaufen, und erst jetzt fiel ihr auf, dass dies hier ihre erste bewusste Begegnung mit diesen Tieren in der Neuen Welt war. Was aber auch daran liegen konnte, dass sie in den letzten Wochen wahrlich anderes zu tun gehabt hatte, als nach schwarzen Vögeln Ausschau zu halten. Vielleicht fielen ihr die Raben jetzt nur deswegen auf, weil sie in letzter Zeit zu viel über diese Tiere nachgedacht hatte.

Ash war zu sehr in ihren Gedanken versunken gewesen, um zu bemerken, dass sie die beiden Raben anstarrte. Und die Raben zurück starrten. Vollkommen reglos hockten sie auf dem sauber gekehrten Boden und vermeinten allen ernstes, Ash zu einem Blickduell herausfordern zu müssen, welches sie nicht zu verlieren gedachte.

Jemand hatte ihr einmal erzählt, dass die Fachbezeichnung für Kolkraben Corvus corax sei. Der eine Begriff war Latein, der andere Altgriechisch, bedeuten taten sie aber das gleiche: Rabe. Rabe Rabe als offizielle fachliche Bezeichnung für ein Tier klang schon ziemlich dämlich, auch wenn man es hier für den nicht fachkundigen wenigstens ein bisschen weniger offensichtlich gemacht hatte – im Gegensatz zu solchen Fällen wie Rattus rattus und Gallus gallus.

Ash schnaubte verächtlich. War sie eigentlich bescheuert? Statt pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, stand sie in der Gegend herum und starrte hässliche, zerrupfte Vögel an. Wenigstens hörte sie endlich Schritte, die sich eindeutig in ihre Richtung bewegten. Tendenziell hätte sie ja jetzt aufgeblickt, um zu sehen, wer da auf sie zu kam, aber die beiden verdammten Federviecher gewinnen zu lassen kam ganz eindeutig nicht in Frage.

Als dann aber eine männliche Stimme an ihr Ohr drang, runzelte Ash irritiert die Stirn. War es also doch nicht Samantha, die sich endlich aus dem Bett bequemt hatte, sondern ein anderer verspäteter Mitschüler. Oder eher zwei, wie sie mit einem flüchtigen Blick feststellte – und sich sogleich auf die Unterlippe biss. Sie hatte sich also wirklich von zwei besseren Hühnern besiegen lassen!

Wie Ash direkt erkannte, waren es die beiden Firewalk-Fans von gestern, die aus Richtung des Parkplatzes auf sie zu geschlendert kamen. Während er schweigend und eher desinteressiert zuhörend nebenher trottete, fuchtelte sie aufgebracht mit den Armen und schien ihm irgendetwas zu erzählen.

„...lässt ein Jahr lang kein Sterbenswörtchen von sich hören, und meinte dann gestern Abend plötzlich, unser Telefon Sturm klingeln lassen zu müssen, nach dem Motto 'Es tut mir alles ja so leid! Heirate mich!'“, konnte Ash als ersten Gesprächsfetzen aufschnappen.

Nachdem sie mit ihrer Schilderung geendet hatte, zuckte er nur gelangweilt mit den Schultern. „Sei doch froh, dass es ihr endlich leid tut, dass sie sich nach Seattle verpisst hat, nach … der Sache mit deinem Dad.“

Sie warf genervt die Arme nach oben. „Eh. Eliot, so einfach ist das nicht.“ Nach einem Moment des Schweigens fuhr sie fort: „Jetzt hat sie immerhin vor, am Wochenende runter nach Arcadia zu kommen, damit wir uns persönlich aussprechen können.“

Die beiden waren inzwischen am Fuß der Treppe angelangt.

„Ok, falls du anschließend jemanden zum reden brauchst, weißt du ja, wo ich wohne.“ Eliot setzte ein charmantes Lächeln auf.

„Danke, aber nein danke.“ Eliots Begleitung setzte einen genervten, fast schon angewiederten Blick auf. „Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich will noch einen durchziehen, bevor ich mir gleich Mr. Smiths Matheunterricht gebe.“

Eliot verzog enttäuscht das Gesicht. „Ok, wir sehen uns später.“ Dann eilte er grußlos an Ash vorbei ins Gebäude.

Seine Begleitung dagegen ließ sich beim Erklimmen der Treppe deutlich mehr Zeit, während sie aus einer Hosentasche etwas hervorholte, das verdächtig nach einem Joint aussah. „Du rennst jetzt nicht direkt zum Direx, oder?“

Ash zuckte zusammen. Sie hatte das Geschehen nur wortlos beobachtet, und nicht damit gerechnet, angesprochen zu werden. „Ne, ganz sicher nicht“, verneinte sie dann und wandte sich wieder den Raben zu, um ihre Mitschülerin nicht anstarren zu müssen. Schließlich sollte die nicht den Eindruck bekommen, dass irgendwelche Freshmen wegen ihres ach so rebellischen Verhaltens zu ihr aufblickten.

„Neu auf Blackwell, oder?“, begann Ashs Gegenüber dann jedoch ein Gespräch.

„Ja. Ashley Begbie. Ash ist aber vollkommen ausreichend.“ Sie hatte eigentlich nicht beabsichtigt, so kurz angebunden zu klingen. Andererseits war es nun einmal viel zu früh am Morgen, und nachdem ihr noch nicht einmal der Genuss eines Kaffees vergönnt gewesen war...

Zu Ashs Überraschung schmunzelte ihre Gesprächspartnerin, wirkte für einen Moment sogar ein wenig geistesabwesend, bevor sie wieder ernster wurde und schlussendlich antwortete. „Chloe Price. Aber so, wie ich meinen Ruf kenne, wusstest du das wahrscheinlich schon.“

„Ich höre diesen Namen zum ersten Mal, wenn ich ehrlich bin. Was aber auch daran liegen könnte, dass ich erst seit ein paar Tagen hier bin.“ Ash zuckte mit den Schultern.

„Na, dann kannst du dir ja wenigstens deine eigene Meinung bilden. Willst du?“ Chloe hielt Ash ihren Joint – der Geruch war inzwischen mehr als eindeutig – unter die Nase.

„Nein, danke“, lehnte Ash kopfschüttelnd ab. „Man munkelt ja immer wieder über Leute, die schon nach ihrem ersten Joint eine Psychose bekommen haben und dann nackt durch den Wald gerannt sind. Und mir ist heute nicht wirklich danach, es darauf anzulegen, den Unterricht zu schwänzen und nackt durch den Wald zu laufen.“

Chloe schmunzelte. „Dann hätte wenigstens dieser Psycho Nathan etwas geistige Gesellschaft“, grummelte sie dann, nach einem weiteren Zug an ihrer nicht nur auf dem Schulgelände illegalen cannabishaltigen Zigarette. „Den Namen Prescott hast du aber schon gehört, oder? Der müsste sogar in deinem Jahrgang sein.“

„Ja, Nathans Bekanntschaft ist mir bereits vergönnt gewesen“, gestand Ash. „Ich weiß aber noch nicht so recht, was ich von ihm halten soll.“

„Ok, anscheinend bist du nicht aus Arcadia Bay. Ansonsten wüsstest du nämlich, dass der Name 'Prescott' Ärger bedeutet.“ Chloe schien es mit ihrer Warnung ernst zu meinen, auch wenn sie sofort einen geschäftsmäßigen Gesichtsausdruck aufsetzte. „Falls du es dir wegen des Grases doch noch mal anders überlegen solltest, mein Dealer Frank hat im Moment Rabatt-Wochen für die Blackwell-Neuzugänge.“

„Lass mich raten: Du bekommst ein Gramm Gras für jeden angeworbenen Neukunden?“, frotzelte Ash.

„Ein halbes. Und das ist jetzt auch nicht der Punkt. Hier an Blackwell nimmt eh jeder was.“ Chloe warf einen flüchtigen Blick über die Schulter, bevor sie fortfuhr. „Sogar der Direx ist ein Säufer.“

„Ok, und wo kann ich diesen … Frank finden?“, wollte Ash nun wissen. Vielleicht hatte dieser Kerl ja nicht nur Gras im Angebot...

„Im Moment auf dem Parkplatz“, bekam sie als abgeklärte Antwort.

„Auf dem Parkplatz? Der verkauft sein Zeug quasi direkt auf dem Schulgelände?“ Ash machte große Augen.

„Zumindest jetzt gerade. Ansonsten bevorzugt er eher abgelegene Orte wie einen touristisch eher uninteressanten Strandabschnitt. Wenn er nicht gerade im Two Whales Diner sitzt – der übrigens auch dann sehr zu empfehlen ist, wenn man keine Drogen kaufen will.“ Chloe zwinkerte.

Ash nickte. Das war ausnahmsweise mal ein hilfreicher Tipp. Das Kantinenessen Blackwells war bisher nämlich von eher durchwachsener Qualität, und inzwischen hatte sie die Hoffnung aufgegeben, dass es noch besser werden würde. „Hat dieser Frank auch so ein fancy Passwort wie 'Höhere Bildung' oder sowas in der Richtung, wenn man Stoff von ihm kaufen will?“

„Es reicht vollkommen, wenn du an der Tür seines Wohnwagens rüttelst und laut 'Drogen! Drogen!' rufst.“ Chloe war sichtlich bemüht, ein schelmisches Grinsen zu unterdrücken.

„Ähm, ok“, stammelte Ash. Für einen Augenblick war sie bemüht, Chloes Aussage richtig einzuordnen, doch dann schlich sich ein Schmunzeln auf ihr Gesicht. „Ich habe gestern übrigens mitbekommen, wie du dich mit deinem Freund über ein anstehendes Firewalk-Konzert unterhalten hast“, wechselte sie dann das Thema.

„Eliot ist kein Freund, sondern eher … ein Bekannter. Oder so“, erläuterte Chloe, schien sich ihrer Aussage aber selber nicht ganz sicher zu sein. „Aber kann sein, ja. Man munkelt zumindest darüber, dass die Jungs im Frühjahr ein Konzert hier in Arcadia Bay geben wollen.“ Sie blickte sich verschwörerisch um. „Ein nicht ganz legales Konzert in einem nicht ganz legalen Punkclub. Mehr Infos gibt es dazu aber bisher noch nicht.“ Chloe musterte Ash eingehend. „Vielleicht bist du aber noch ein bisschen zu jung dafür. Üblicherweise treiben sich bei solchen Veranstaltungen recht zwielichtige Gestalten herum.“

„So wie dein Dealer Frank? Und das mit dem 'zu jung' musst du gerade sagen“, gab Ash frech zurück.

Chloe verdrehte die Augen und wedelte mit den Armen. „Ist ja gut. Wenn du mich jetzt entschuldigst...“ Sie warf die Überreste ihres Joints auf den Boden, um ihm dann mit einem gezielten Tritt den Rest zu geben. „Ich glaube, da ruft auch jemand nach dir.“

Ash drehte sich um, um in die Richtung zu gucken, in die Chloe deutete. Tatsächlich hatte sich Samantha endlich aus dem Bett bequemt und hechtete jetzt Richtung Schulgebäude.

Als sich Ash wieder ihrer Gesprächspartnerin zuwenden wollte, sah sie nur noch die Eingangstür zufallen. Chloe hatte die Gunst des Augenblicks genutzt und sich wortlos davongestohlen.

„Habe ich was verpasst?“, hörte Ash hinter sich Samanthas Stimme.

„Ja. Zehn Minuten hochinteressanten Englischunterricht“, grummelte Ash. „Und noch mehr Trödelei wird Ms. Hoida ganz sicher nicht davon abhalten, uns die Hölle heiß zu machen.“

 

„Ich muss zugeben, ich finde diesen Prescott-Heini ein bisschen gruselig.“

Ash und Samantha hatten sich an einem der Picknicktische auf der Grünfläche vor der repräsentativen Hauptfassade Blackwells eingerichtet, um sich gemeinsam um ihre Hausaufgaben zu kümmern. Ash gehörte zwar eher zu den Menschen, die sich, wenn es sich irgendwie einrichten ließ, in geschlossenen Räumen aufhielten, aber da Samantha angesichts des guten Wetters auf eine Lernsitzung unter freiem Himmel bestanden hatte, hatte sie sich notgedrungen dem Willen ihrer Mitschülerin gebeugt.

Das Wetter war tatsächlich großartig: 20, vielleicht 22 Grad, ein blauer, wolkenloser Himmel und eine leichte Brise, die zwar erfrischend war, aber zugleich auch drohte, die Unterlagen der Schülerinnen durcheinander zu bringen. Dass sie das Wetter sogar als recht angenehm empfand, hätte Ash dennoch nicht zugeben, zumindest nicht freiwillig.

„Über dich hat er etwas ganz ähnliches gesagt“, antwortete Samantha, ohne dabei von ihren Notizen aufzublicken.

„Ach ja?“ Ash legte den Stift beiseite. Jetzt war sie neugierig.

„Ja, er erwähnte da etwas betreffend denem Auge. Und irgendetwas wegen des Wetters. Oder so. Ich habe ihm da aber auch nicht ganz folgen können. Nathan … neigt dazu, recht schnell von einem Gedanken zum nächsten zu springen.“ Samantha war immer noch über ihre Unterrichtsmitschriften gebeugt.

„Das habe ich auch schon gehört. Zumindest sowas in der Richtung.“ Wenn Ash genauer darüber nachdachte, war das, was ihr zu Ohren gekommen war, nicht ganz so zurückhaltend formuliert gewesen...

„Ach ja, sagt wer?“ Samantha hatte sich endlich von ihren Unterlagen lösen können. Ärger blitzte in ihren Augen auf.

Ash schmunzelte. Samantha schien zu den wenigen Menschen zu gehören, die selbst dann noch niedlich waren, wenn sie sich ärgerten. „Warren zum Beispiel. Du erinnerst dich? Dieser Typ aus unserem Chemiekurs, der mich heute morgen in ein Gespräch über irgendwelche B-Movies verwickeln wollte?“

„Dieser Nerd mit dem Katzen-T-Shirt? Ich glaube, der hat jetzt keine Chancen mehr, Mitglied des Vortex-Clubs zu werden.“ Samantha beugte sich wieder über ihre Unterlagen.

Ash nahm ihre Sonnenbrille ab und hob ihre linke Augenbraue an. Doch bevor sie etwas erwiedern konnte, hörte sie neben sich eine Stimme.

„Ist da noch frei?“

Ash ließ sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase rutschen, bevor sie sich der Stimme zuwandte. Vor ihr standen ein dunkelhäutiger Schüler mit Brille auf der Nase und in einem T-Shirt mit „Cool Story Bro“-Aufschrift, den Ash als Michael North wiedererkannte, sowie eine Schülerin, etwas größer als ihr Begleiter, mit einer weißen Mütze auf dem Kopf und einem Buch sowie einem Spielbrett unter dem Arm, die Ash bisher noch nicht gesehen hatte.

Die Schülerin ergriff wieder das Wort. „Das ist Mikey.“ Sie nickte mit dem Kopf dezent zu ihrem Compagnon. „Und ich bin Steph. Da der andere Picknicktisch komplett belegt ist, würden wir uns gerne zu euch gesellen, wenn euch das nicht stört.“

Der andere Picknicktisch war tatsächlich von einer Gruppe Skater besetzt, wie Ash mit einem Seitenblick feststellte. Dass Michael und seine Freundin ihre und Samanthas Gegenwart angenehmer fanden, wunderte sie da überhaupt nicht.

„Klar, setzt euch. Ich wollte auch gerade gehen, weil ich noch mit jemandem zum Tee verabredet bin.“ Samantha setzte ihr freundlichstes Lächeln auf, während sie damit begann, ihre Unterlagen zusammenzupacken.

Ash konnte sich nur zu gut denken, wer Samanthas mysteriöser Gast sein würde, auch wenn sie doch ein wenig überrascht von Samanthas plötzlichem Aufbruch war. „Ähm, klar. Dann bis später, oder so“, murmelte Ash. „Ich bleibe noch einen Moment.“ Vielleicht konnte sie ja die Möglichkeit nutzen, um mal wieder ein paar neue Bekanntschaften zu schließen...

„Ok, wir sehen uns sicher noch. Bis später.“ Samantha stopfte ihren Papierkram in ihren Rucksack, so wie er ihr gerade in die Hände fiel, sprang dann auf und eilte über die Rasenfläche Richtung Sporthalle.

„Eigentlich hat sie es nie so eilig“, bemühte sich Ash um eine Erklärung.

„Vielleicht hat sie ein Date“, grinste Michael und ließ sich gegenüber seiner Begleiterin auf die Bank fallen.

„Das … befürchte ich auch“, grummelte Ash.

„Na, mit Dates kennst du dich ja aus, Mikey“, frotzelte die Schülerin, die sich als Steph vorgestellt hatte.

Ash schmunzelte. Sie würde Mikey, wie er anscheinend genannt werden wollte, absolut zutrauen, noch nie jemand anderen als seine Mutter geküsst zu haben.

Steph und Mikey hatten sich zwischenzeitig gesetzt, das Spielbrett auf dem Tisch ausgebreitet und damit begonnen, weitere Utensilien aus ihren Rucksäcken hervorzuholen. Ash beobachtete die beiden Neuankömmlinge dabei interessiert – was auch immer die beiden da trieben, es war auf alle Fälle interessanter als die Bestimmung von Oxidationszahlen. Als „Breaking Bad“-Fan befand sich Ash mit ihren chemischen Kenntnissen eh auf auf einem ganz anderen Niveau als ihre Mitschüler, da konnte sie sich ruhig eine kleine Pause von ihren Hausaufgaben gönnen.

„Dungeons and Dragons“, ließ Steph verlauten, als ob dies eine einleuchtende Erklärung für ihr beider Verhalten war.

„Aha.“ Ash biss sich auf die Lippe. Sie hätte auch ruhig etwas aussagekräftigeres von sich geben können. Idealerweise etwas, das vortäuschte, dass sie quasi Expertin in diesem Spiel war.

„Da wir heute eine neue Kampagne in Angriff nehmen wollten, kannst du gerne mitmachen“, bot Steph sogleich mit einem einladenden Lächeln auf den Lippen an.

„Ähm. Wie bitte?“ Ash hatte in der Tat nicht zugehört. Viel zu sehr war sie von einer rothaarigen Mitschülerin abgelenkt, die an ihrem Tisch vorbeiflanierte – und sich bei niemand geringerem als Nathan Prescott unter gehakt hatte. Das würde Samantha so überhaupt nicht gefallen...

„Ok, Charisma minus zehn“, murmelte Steph und notierte etwas auf einem dicht bedruckten Papierbogen. „Du. Mitspielen. Jetzt?“, fragte sie dann wieder an Ash gewandt.

„Ich … muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, wie das Spiel funktioniert“, gab Ash beschämt zu. „Daher würde ich ganz gerne erst mal nur zugucken, wenn das ok ist.“

„Klar.“ Steph schenkte ihr wieder ein aufmunterndes Lächeln und ließ dann den zusammengefalteten Papierbogen in ihrem Rucksack verschwinden.

„Gut. Also, was weißt du schon über D&D?“, setzte Steph an.

„Außer, dass ich den Namen schon mal irgendwo gehört habe?“ Ash errötete leicht. Ihr Unwissen war ihr ganz massiv unangenehm.

„Dann fangen wir halt mit den Grundlagen an. Anderen Anwesenden hier täte das vielleicht auch ganz gut.“ Steph warf Mikey einen bösen Seitenblick zu, konnte sich dabei ein Grinsen aber nicht verkneifen. „Also...“

Doch noch bevor Steph zu ihren Erläuterungen ansetzen konnte, wurde sie schon unterbrochen. „Hi, Steph.“

Die Angesprochene warf einen Blick über die Schulter, um zu sehen, wer es war, der da störte. „Ah, hallo Rachel. Interesse an einer Runde D&D?“

„Sorry, bin gerade auf dem Sprung.“ Rachel wedelte im Vorbeigehen entschuldigend mit einem Stapel Unterlagen, wahrscheinlich Mitgliedschaftsanträgen für den Vortex-Club. „Ein andermal gerne.“

„Klar, kein Ding“, antwortete Steph schulterzuckend und mit zumindest dezent enttäuschtem Gesichtsausdruck.

„Euch aber viel Spaß.“ Rachel schenkte der Dreiergruppe noch ein charmantes Lächeln, bevor sie sich wieder auf den Weg machte.

Erst, als sich Mikey mit einem „Ähm...“ bemerkbar machte und, ohne wirklich zu wissen, was er tun sollte, zwischen seinen beiden Mitschülerinnen hin und her blickte, fiel Ash auf, dass sie Rachel hinterher starrte – genau wie Steph.

Ein wissendes Lächeln trat auf Stephs Lippen, als sie feststellte, dass sie nicht die einzige war, die Rachel länger als nötig nachgeblickt hatte. Für einen Augenblick hielt Ash es absolut für möglich, dass Steph Dinge über sie wusste, bei denen sie sich selbst noch sehr unsicher war...

„Mikey, ich glaube, du schuldest mir einen Fünfer“, schmunzelte Steph.

Mikey schnappte nach Luft. „Ja. Nein. Also...“, stammelte er. „Das hat noch gar nichts zu heißen!“ Er warf Ash einen Seitenblick zu, der unauffälliger wirken sollte, als er tatsächlich war.

„Glaub mir, in dieser Hinsicht habe ich noch nie falsch gelegen. Man nennt mich nicht umsonst Gandalf the...“, setzte Steph an, doch Ash grätschte ihr dazwischen.

„Ich befürchte, ich kann nicht so ganz folgen...“

Steph gab, mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen, ein Seufzen von sich. „Ich glaube, wir haben hier so einiges aufzuklären.“

 

Ash sog genüsslich die kühle Abendluft ein, und mit ihr die Düfte der hereinbrechenden Blauen Stunde. Auch wenn sie kein Mensch war, der sich mehr als unbedingt nötig außerhalb geschlossener Räume aufhielt und dementsprechend nicht sonderlich viel darauf gab, welche Licht- und Wetterverhältnisse vor ihrem Fenster vorherrschten, so war ihr diese Tageszeit mit ihrer andächtigen Ruhe und Melancholie doch die liebste.

Und gerade nach diesem an neuen Bekanntschaften wahrlich nicht armen Tag war sie mehr denn je froh darum, nun die Ruhe der Abenddämmerung genießen zu können – selbst wenn die Bank vor dem fast fertigen Prescott-Wohnheim, auf der sie sich kurzentschlossen ausgestreckt hatte, nicht unbedingt bequem war.

Das Gespräch mit Steph und Mikey war in der Tat noch recht interessant verlaufen. Wie sich herausgestellt hatte, trug Steph den Spitznamen 'Gandalf the Gay' nicht nur, weil sie total auf diesen ganzen Fantasy-Kram stand – sondern auch auf Frauen, womit sie laut Mikey auch recht offen umging. Anschließend hatte Steph noch etwas betreffend eines bisher noch nie falsch angeschlagenen Gaydars und einer Wette mit Mikey geäußert, ihr Kumpan war ihr dabei jedoch recht schnell ins Wort gefallen, um, seiner Aussage nach, eine unlautere Beeinflussung des Wettobjekts zu verhindern.

Ash hatte natürlich trotzdem ihre Schlüsse aus Stephs Aussage gezogen. Gandalf the Gay glaubte also, eine Gleichgesinnte gefunden zu haben – Ash war sich dagegen diesbezüglich noch nicht so sicher. Sie wusste ja hin und wieder nicht einmal, was sie überhaupt gegenüber irgendjemandem fühlen sollte, geschweige denn, dass sie sicher sagen konnte, was sie in romantischen und sexuellen Dingen präferierte. Auch wenn Stephs Offenheit wahrscheinlich nicht immer einfach war, so beneidete Ash ihre Mitschülerin doch darum, dass sie sich ihrer Sache so sicher war.

Samantha schien sich da schon deutlich sicherer zu sein. Zumindest war Ash ihr nach ihrer Dungeons & Dorks-Sitzung mit Steph und Mikey im Wohnheim über den Weg gelaufen, als sie sich gerade von Nathan und der rothaarigen Mitschülerin, die sich prompt als Kelly Davis vorgestellt hatte, verabschiedete. Die drei hatten sich dem Anschein nach bei Tee und Keksen prächtig amüsiert – auch wenn es Ash ein wenig unwohl dabei war, dass Samantha so viel Zeit mit diesem Prescott-Heini verbrachte, in Anbetracht dessen, was ihr über diesen so zu Ohren gekommen war.

Ash richtete sich auf. Langsam wurde es ihr doch etwas kühl. Zeit, sich auf den Weg ins Wohnheim zu machen, zumal sich die Sperrzeit, nach der sich die auf dem Schulgelände wohnenden Schüler laut der offiziellen Wohnheimordnung nicht mehr draußen aufzuhalten hatten, nahte.

Ein letztes Mal ließ Ash ihren Blick über das Gelände schweifen. Kurz blieb sie am Totempfahl, der ein wenig außerhalb des beleuchteten und befestigten Vorplatzes des neu errichteten Wohnheims stand, hängen. Das Ding war irgendwie gruselig. Vielleicht sollte sie bei Gelegenheit jemanden nach der Bedeutung des Pfahls fragen – schließlich hatte man das Totem sicher nicht grundlos nicht nur nicht abgerissen, sondern auch in einem so guten Zustand erhalten.

In der entgegengesetzten Richtung, auf einer Bank näher am Gebäude, saß Samuel, der Hausmeister, und warf einigen Eichhörnchen Futter zu. Ein gruseliger Totempfahl und ein dem Hörensagen nach nicht minder gruseliger Hausmeister also. Es war wirklich an der Zeit, von hier zu verschwinden...

Andererseits konnte es ja nicht schaden, ein paar Worte mit Samuel zu wechseln – schließlich war er nicht nur der Hausmeister ihrer Schule, sondern auch ihres Wohnheims. Und wenn Ash ehrlich war, wirkte Samuel auch gar nicht mal so gruselig, wie er da auf seiner Bank saß und den Eichhörnchen liebevoll beim Fressen zusah.

Also erhob sich Ash kurzentschlossen von ihrer Bank und stand wenige Schritte später vor Samuel. Die Eichhörnchen schienen sich an der neuen Gesellschaft nicht weiter zu stören, und auch Samuel war nicht sonderlich überrascht, dass sie sich zu ihm hinüber bequemt hatte.

„Hallo, junge Ashley. Was führt dich zu derart später Stunde denn an einen solch einsamen Ort wie diesen hier?“

Ash schluckte. Die Stimme des Hausmeisters klang etwas sehr … ruhig. Und dass er ihren Namen kannte, obwohl sie sich erst ein Mal flüchtig begegnet waren, machte es auch nicht unbedingt besser. Vielleicht war an den Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, ja doch etwas dran...

„Hi, Samuel. Nach den ganzen neuen Gesichtern heute brauchte ich eine kleine Auszeit, und hier ist aus offensichtlichen Gründen nicht allzu viel los.“ Ash warf dem neuen, noch nicht eröffneten Wohnheim einen vielsagenden Seitenblick zu. „Wenn ich von den Eichhörnchen gewusst hätte, wären die übrigens auch ein Grund gewesen, hierher zu kommen.“ Die Eichhörnchen saßen in der Tat immer noch neben der Bank und lauschten interessiert dem Gespräch.

„Das Eichhörnchen ist Samuels Spirit Animal. Deshalb hat Samuel auch die Pflicht, sich gut um die Eichhörnchen zu kümmern.“

Spirit Animals? Und hatte der Kerl gerade ernsthaft in der dritten Person von sich gesprochen? Ash hatte wahrlich Mühe, den Hausmeister nicht mit offenem Mund anzustarren. Es waren wohl doch deutlich mehr Gerüchte über Samuel wahr, als sie befürchtet hatte. Andererseits: Wenn ihn das Verhätscheln von niedlichen Eichhörnchen glücklich machte, sollte sie das auch nicht weiter stören.

„Hat die junge Ashley schon ihr Spirit Animal gefunden?“ Samuel sah Ash mit großen Augen an.

„Ash, niemals Ashley“, stammelte die Angesprochene, um sich einen Augenblick Zeit zum Nachdenken zu verschaffen. „Ich … bin mir nicht sicher, ob ich mein … Spirit Animal schon gefunden habe. Ich wüsste ja noch nicht mal, woran ich es erkennen könnte.“

Samuel nickte nachdenklich. „Die Eichhörnchen betrachten mich oft, als würden sie mich schon sehr lange kennen. Beinahe wie alte Freunde. Manchmal sprechen sie sogar zu mir. Und sie erscheinen mir in meinen Träumen“, bemühte sich Samuel um eine Erklärung.

Ash lief es kalt den Rücken herunter, und das nicht nur, weil er gerade zugegeben hatte, dass er sich mit Tieren unterhielt. Wusste Samuel mehr über sie und ihre Träume, als er zugeben wollte?

„Ich … habe von Raben geträumt, im Un... letzte Nacht“, stammelte Ash. Was tat sie hier eigentlich? War sie wahnsinnig, jemandem, der seine Sinne nicht mehr alle beisammen hatte, von ihren obskuren Träumen zu erzählen? Zumindest hatte sie noch die Kurve bekommen, um nicht zugeben zu müssen, im Unterricht eingenickt zu sein. „Und heute morgen haben mich zwei Raben angestarrt. Selbst als eine Mitschülerin dazu kam, hüpften die beiden noch vor meinen Füßen herum“, sprudelte es aus Ash nur so heraus.

Samuel wirkte auf einmal etwas abwesend. „Dann ist der Rabe das Spirit Animal der jungen Ash“, bestätigte er. Für einen Moment verweilte Samuels nun wirr umher geisternder Blick auf ihrem toten Auge. „Es ist also wahr … Der Rabe ist zurückgekehrt … Dann würde alles so viel Sinn ergeben...“, murmelte er. Samuel schien gar nicht mehr wahrzunehmen, dass Ash immer noch vor ihm stand.

„Ähm. Ich muss jetzt auch zurück ins Wohnheim. Die Sperrstunde beginnt bald, und ich habe auf dem Weg hierher schon Mr. Matthews auf Patrouille gesehen.“ Das Gefasel des Hausmeisters begann, Ash unheimlich zu werden. Und dass sie sich nicht wegen zu später Herumtreiberei mit dem Sicherheitschef Blackwells anlegen wollte, war auch keine Lüge. Selbst wenn Skip, wie ihn hier alle liebevoll nannten, der niedlichste Wachhund war, den Ash je gesehen hatte.

„Selbstverständlich. Samuel möchte auch nicht dafür verantwortlich sein, wenn die junge Ash in Ms. Grants Unterricht einschläft.“ Samuel wirkte nun wieder klar, auch wenn Ash das Gefühl nicht los wurde, dass einige von Samuels Bemerkungen keine Zufälle waren. „Aber ich möchte dir noch etwas mit auf den Weg geben“, setzte der Hausmeister dann an.

„Klar.“ Ash zuckte mit den Schultern.

„Bevor die ersten weißen Siedler dieses Land in Besitz nahmen, lebte hier der Stamm der Salish. Sie waren es auch, die Tobanga errichtet haben.“ Samuel deutete auf den Totempfahl.

Ash drehte sich um – und zuckte zusammen, als sie den Raben sah, der auf dem Pfahl hockte und finster zu ihnen hinüber starrte.

„Die Salish sagten über den Raben, dass er zu respektieren sei, man ihm aber wegen seines betrügerischen Charakters nicht vertrauen dürfe.“

Ash nickte. Selbst wenn die Raben sie in in ihren Träumen weiterhin belästigen sollten, worauf sie nicht hoffte, hatte sie nicht vor, allzu viel auf eben diese Träume zu geben. Schließlich waren es nur Träume – oder ihretwegen auch Halluzinationen oder sonst irgendetwas in dieser Richtung – aber eben nur Ausgeburten ihres Unterbewusstseins, und nicht mehr.

„Und jetzt solltest du zusehen, dass du ins Wohnheim kommst, bevor der gute Skip dich ausschließt.“ Samuel schenkte ihr zum Abschied noch ein Lächeln, bevor er sich wieder seinen Eichhörnchen zuwandte.

Kaum dass sich Ash sich vom Hausmeister abgewandt und sich auf den Weg zum Wohnheim gemacht hatte, hörte sie Flügelschläge und ein lautes, durchdringendes Krächzen. Als sie sich zum Totempfahl umwandte, konnte sie gerade noch erkennen, dass sich der Rabe in die Lüfte erhoben hatte und nun knapp über ihren Kopf hinweg schoss. Ein schiefes Krächzen und drei unregelmäßige Flügelschläge später war der schwarze Vogel in der Dunkelheit vor ihr verschwunden.

 

 

 

AN: Zuerst einmal möge man beachten, dass ich vor diesem Kapitel ein erstes Zwischenspiel hochgeladen habe, das natürlich auch gelesen werden sollte.

Wie dem ein oder anderen aufmerksamen Leser aufgefallen sein mag, gab es in diesem Kapitel eine erste kleine Abweichung in der Zeitlinie. Dabei handelt es sich um volle Absicht, und mit weiteren Abweichungen ist zu rechnen ;)

 

Chapter Text

Zwischenspiel 2

 

Der Konvoi unter ihm schob sich gemächlich über die staubige Straße. Unaufmerksame Männer und Frauen, die Heimat, in die sie nur zu bald zurückkehren sollten, näher vor Augen als die Straße vor ihnen. Und so sahen sie die Dinge, die vor ihnen lagen, nicht kommen, nicht so, wie er es konnte, so weit über ihnen.

Er presste die Flügel eng an seine Flanken. Es standen Ereignisse an, Ereignisse, die einmal Erinnerungen sein würden, schlafraubende Träume, Gründe, schweißgebadet aus dem Schlaf hochzuschrecken und in der Dunkelheit der Nacht umherzuwandern, auf der Suche nach dem Licht. Ereignisse, die es wert waren, aus der Nähe betrachtet zu werden.

Rasend schnell schossen die Fahrzeuge auf ihn zu, wurden immer größer, bis einzelne Menschen zu erkennen waren, die wie Affen hinter den Maschinengewehren auf den Fahrzeugen hockten, nicht hörend, nicht sehend, was ihnen bevorstand. Unfähig, eine Warnung auszusprechen.

Zwei Freunde, lässig auf der Ladefläche eines der Trucks sitzend, darüber scherzend, wie der Frieden in der Heimat wäre, nach so langem Kampf in der Fremde. Nicht ahnend, dass dem einen die Heimat und dem anderen der Friede nicht vergönnt sein würde.

Und da hallte sie auch schon durch die Stille der staubigen Straße und den Lärm der Motoren, die Explosion, die so vieles verändern sollte, schossen Splitter umher wie lästige, tödliche Insekten. Es war geschehen. Der Verlust war über sie gekommen, der Verlust des Friedens über den einen, der Verlust des Lebens über den anderen.

Mit einigen Flügelschlägen erhob er sich wieder über die Tragik der Ereignisse. Er musste nicht mehr sehen, um zu wissen, dass der Verlust einen der beiden Freunde in die Erde der Heimat, in der er gelebt hatte und die beinahe so staubig war wie die Erde der Fremde, auf der er gestorben war, führte.

Den anderen dagegen würde der Verlust in das stille und an Verlusten so reiche Küstenstädtchen mit dem Leuchtturm führen, in das es nun, da alles geschehene gesehen, alles verlorene verloren, an der Zeit war, zurückzukehren.

 

Chapter Text

Kapitel 3

 

Alice in Chains - Junkhead

 

Schweißgebadet und mit pochendem Herzen schreckte Ash auf. In der Dunkelheit, die sie umgab, konnte sie nicht erkennen, wo sie war. Erst das Gefühl der Matratze unter ihr und der weichen Decke über ihr ließen in ihr die Erkenntnis aufkeimen, dass sie sich in ihrem Bett befand.
Vorsichtig tastend suchte sie nach dem Schalter ihrer Nachttischlampe. Das erste, was ihr in die Hände fiel, war jedoch ihr Handy – was ihr als Lichtspender für den Moment jedoch vollkommen ausreichte.
2:47 Uhr, und an Schlaf war zumindest für den Moment nicht mehr zu denken. Das war jetzt schon der dritte Tag in Folge, an dem sie mit einem derartigen Traum zu tun hatte. War das normal? Hörte das auch irgendwann wieder auf? Und vor allem: Wie sollte sie jetzt wieder Schlaf finden, so hellwach wie sie gerade war? Schließlich musste sie morgen früh raus, und das ganz sicher nicht, um wie ein Zombie im Unterricht zu sitzen.
Als Ash mit ihrem Handy ihren Nachttisch erleuchtete, um endlich den Schalter ihrer verdammten Nachttischlampe zu finden, blieb ihr Blick an der Medikamentenpackung, die dort offen und einladend herumlag, hängen. Der wäre natürlich ideal geeignet, um sie wieder etwas zu beruhigen, ihr zu ermöglichen, ruhig und ungestört weiterzuschlafen...
Sie schaltete die Nachttischlampe ein, legte das Handy beiseite und nahm die Pappschachtel in die Hand. Mit wenigen Handgriffen hatte sie den Blister aus der Packung gezogen und hielt kurz darauf vier Tabletten in der Hand. Ihre letzten vier Tabletten. Und doch brauchte es kein Überlegen mehr, um die Tabletten mit einem Schluck aus dem Wasserglas auf ihrem Nachttisch herunterzuspülen. Die leere Packung schmiss sie in die Richtung, in der sie im Halbdunklen ihren Papierkorb erwartete.
Ash krabbelte an das Fußende ihres Bettes, um ihre Kopfhörer an die Stereoanlage anzuschließen. Aus Erfahrung wusste sie, dass es jetzt mindestens zwanzig Minuten dauern würde, bis die Wirkung der Tabletten einsetzte und ihr Körper mit Wärme und Wohlbehagen geflutet wurde. Da sie bis dahin eh nicht würde schlafen können, konnte sie sich die Zeit getrost mit guter Musik vertreiben.

Bedächtig nippte Ash an ihrem Kaffee. Sie hatte ihren freien Nachmittag dazu genutzt, bei einem der ortsansässigen Ärzte vorstellig zu werden und diesem in aller Ausführlichkeit die Vorgeschichte ihres toten Auges und die damit einhergehenden Probleme, die zum größten Teil gar keine waren, zu schildern, in der Hoffnung, auf diesem Wege an ein Rezept für die Schmerzmittel, an denen sie in den letzten Monaten solche Freude gefunden hatte, zu kommen.
Und tatsächlich hatte der Arzt ein Herz für das arme, kleine Mädchen mit dem schlimmen Unfall gehabt und ihr die erhofften Medikamente verschrieben. Oder Ashs überraschender Erfolg hatte lediglich darauf beruht, dass Opioide im medizinischen Sektor der Vereinigten Staaten gerade der Renner waren, wer wusste das schon so genau?
So kam es zumindest, dass vor ihr auf dem schon etwas abgenutzten Tisch des Diners nicht nur eine Tasse überraschend guten Kaffees stand, sondern auch eine Großpackung Oxycontin, die Ashs neugierigen Blicken standhalten musste, während sie auf ihr Essen wartete und dabei überlegte, ob sie dem Arzt gegenüber die seltsamen Träume, von denen sie auch in der vergangenen Nacht wieder einmal geplagt worden war, hätte erwähnen sollen. Andererseits hätte er ihre Träume im besten Falle als das abgetan, was sie wahrscheinlich auch waren: Seltsame Träume. Und für eine solche Feststellung wollte sie nicht riskieren, dass ihr der Arzt statt einem Rezept eine Überweisung zum nächstgelegenen Psychologen ausstellte.
Ash lehnte sich zurück und ließ ihren Blick durch den Diner schweifen. Nach ihrem Arztbesuch, der sie – Auslandskrankenversicherung sei Dank – nicht in den Ruin getrieben hatte, wie es dem Vernehmen nach in den Staaten nicht unüblich war, war sie kurzentschlossen Chloes Empfehlung gefolgt und hatte dem Two Whales einen Besuch abgestattet. Was ganz sicher nicht daran lag, dass sie dem Geruch nach Bacon und frischem Kaffee nicht hatte widerstehen können, als sie auf dem Weg zur Bushaltestelle zufällig am Diner vorbeigekommen war.
Anscheinend hatte sie für ihren ersten Besuch im Two Whales auch einen guten Zeitpunkt erwischt, da gerade kaum Betrieb war. Lediglich ganz am anderen Ende des Raumes, an einem der beiden Tische links des Eingangs, saß eine etwas zwielichtig wirkende Gestalt mit Lederjacke und ungepflegtem blonden Bart und aß Bohnen, die in einer auf den ersten Blick nicht näher zu definierenden Soße schwammen. Das Erscheinungsbild dieses Mannes – zusammen mit dem strengen Geruch nach Alkohol und Cannabis, der eindeutig aus seiner Richtung kam – hatte Ash davon überzeugt, sich möglichst weit entfernt von dieser Gestalt einen Sitzplatz zu suchen. Das generische Gedudel der Musikbox, neben der sie nun saß, war ganz eindeutig das kleinere Übel gewesen.
„Ein mal Rührei mit extra Bacon. Bitte sehr.“ Die blonde Kellnerin setzte Ash einen Teller vor die Nase. „Ansonsten alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit? Kaffee haben Sie noch?“
„Ja, alles bestens“, bestätigte Ash schmunzelnd. Eher zufällig huschte ihr Blick über das Namensschildchen der Kellnerin. Joyce Price. Price. Den Namen hatte sie doch schon mal gehört... „Sie sind die Mutter von Chloe Price, oder?“ Erst, als Joyce seufzend nickte, bemerkte Ash, dass sie ihre Frage laut gestellt hatte.
„Was hat Chloe denn nun schon wieder angestellt? Hat sie wieder jemanden im Chemieunterricht angezündet?“
Um Gottes Willen! Chloe war eine Pyromanin? „Öhm. Wir haben uns lediglich gestern morgen kurz unterhalten und sie hat mir empfohlen, dem Two Whales einen Besuch abzustatten“, antwortete Ash. Dass Chloe schon vor Unterrichtsbeginn kiffte, behielt sie vielleicht besser für sich.
Joyce musterte sie eindringlich. „Dann ist ja gut.“ Ein Schnauzbärtiger Kunde, der gerade den Diner betreten hatte, zog nun Joyces Aufmerksamkeit auf sich. „Ah, David, schön, Sie zu sehen. Ich bin sofort bei Ihnen.“ Ohne Ash weitere Beachtung zu schenken, dackelte Joyce wieder hinter den Tresen, auf dessen Kundenseite der ominöse Schnauzbartträger inzwischen Platz genommen hatte.
Ash schmunzelte. Chloe ihr den Diner also nicht ohne Grund empfohlen. Angesichts des Tellers voller appetitlich dampfenden Rühreis vor ihrer Nase war es aber auch absolut kein Fehler gewesen, dieser Empfehlung Folge zu leisten.

„Verdammt“, knurrte Ash nach eingehendem Studium des Busfahrplans. Der öffentliche Nahverkehr in den Staaten war echt noch scheißerer, als sie befürchtet hatte. Eine geschlagene Stunde durfte sie auf den nächsten Bus zurück nach Blackwell warten. Da hätte sie getrost noch einen Kaffee im Diner trinken können...
Seufzend ließ sie ihren Blick über den Parkplatz hinter der Bushaltestelle schweifen, in der verzweifelten Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit – auch wenn sie diese Idee sogleich wieder verwarf. Bei irgendjemand Wildfremdem mitzufahren war schon ganz anderen Leuten zum Verhängnis geworden.
Statt einer Mitfahrgelegenheit weckte jedoch etwas anderes ihr Interesse: Ein ziemlich verdreckter Wohnwagen stand im hintersten Winkel des Parkplatzes. Hatte Chloe nicht erzählt, dass Frank mit seinem Wohnwagen des öfteren auf dem Parkplatz des Two Whales stand?
Neugierig betrat Ash den Parkplatz. Vielleicht war dieser Frank ja daran interessiert, ihr Oxycontin gegen etwas weniger potentes – und damit auch weniger gefährlicheres – umzutauschen. Und selbst wenn nicht, hatte sie zumindest schon einmal Kontakte geknüpft, um sich irgendwann einmal ihren Stoff auf nicht ganz so legalem Wege zu besorgen, falls ihr Arzt auf die Idee kam, ihr keine Rezepte mehr ausstellen zu wollen. Auch wenn sie hoffte, dass dieser Augenblick eher später als früher kam.
Ash war gerade auf Höhe der Motorhaube des Wohnwagens angekommen und hatte amüsiert das Nummernschild mit der Aufschrift BRKBD zur Kenntnis genommen, als ihr ein recht aufgebrachter junger Mann dunkler Hautfarbe entgegen kam. Ohne dass er Ash bemerkt hatte, drehte er sich nochmals um und warf einer Person, die Ash nicht sehen konnte, ein „Arschloch“ hinterher. Dann marschierte er an Ash vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
Schulterzuckend tat Ash die letzten beiden Schritte um den Wohnwagen herum, auf die Seite des Gefährts, auf der sich mutmaßlich die Tür befand – auch wenn sie sich das Anklopfen sich allem Anschein nach sparen konnte. Direkt neben der Tür saß, oder besser: hing eine ungepflegte Gestalt mit blondem Bart auf einem klapperigen Campingstuhl und schüttete sich den Inhalt einer Bierflasche in die Kehle. Die gleiche, ungepflegte Gestalt, die Ash bereits kurz zuvor im Diner gesehen hatte.
„Eh“, kam es von der Gestalt. „Was willst du, Kleine? Ich bin beschäftigt.“ Er prostete Ash mit seinem Bier zu.
„Du bist Frank?“, wollte Ash unbeeindruckt wissen. Irgendwie hatte sie sich Drogendealer … gefährlicher vorgestellt.
„Ja. Und jetzt verschwinde. Ich hatte heute schon genug Ärger mit euch Blackwell-Fotzen“, grummelte Frank.
„Ich will dir was verkaufen“, setzte Ash an, die trunkene Verärgerung ihres Gegenübers gekonnt ignorierend.
Prustend spuckte Frank den Schluck Bier aus, den er gerade vorgehabt hatte, zu trinken. „Willst du mich verarschen?“
Anstatt zu antworten warf Ash ihm die Packung Oxycontin zu, die Frank zu ihrer Überraschung ohne Probleme fing. Kaum hatte der Drogendealer die Aufschrift der Packung entziffert, verzog er das Gesicht.
„Fotze!“ Ash musste sich gar nicht erst bemühen, der glücklicherweise inzwischen leeren Flasche auszuweichen, die Frank nach ihr warf. „Das ist doch ein abgekartetes Spiel, das ihr da treibt!“, lamentierte er.
„Öhm. Wie meinen?“
„Du und Drew, ihr wollt mich doch verarschen“, schimpfte Frank weiter. Mit wackeligen Beinen versuchte er, sich von seinem Campingstuhl zu erheben, plumpste aber fast sofort wieder zurück.
Ash war die Gegenwart des sichtlich betrunkenen Drogendealers inzwischen zwar unangenehm, zumal er immer noch ihre Medikamente in den Händen hatte, aber wirklich gefährlich konnte er anscheinend auch nicht werden, so lange er nicht noch etwas zum werfen fand.
„Ich kenne keinen Drew. Was daran liegen könnte, dass ich noch keine Woche in Arcadia Bay bin. Dementsprechend habe ich auch kein Interesse daran, irgendwelche krummen Dinger zu drehen, sondern bin lediglich, weil ich von der Rabattaktion für Blackwell-Neuzugänge gehört habe“, erläuterte Ash, in der Hoffnung, dass Frank langsam zur Vernunft kam.
Zu ihrer Überraschung brach Frank in schallendes Gelächter aus. „Rabattaktion? Wer hat dir den Scheiß denn erzählt?“
„Chl... Niemand spezielles. Nur so Gerüchte“, stammelte Ash.
„Ok, du bist anscheinend echt nicht von hier, wenn du auf so einen Müll reinfällst.“ Frank schien sich tatsächlich wieder gefangen zu haben. „Also, was willst du? Und vor allem: Was willst du hierfür?“ Er wedelte mit der Packung Oxycontin. „Wenn du damit eine Viertelstunde früher aufgetaucht wärst, hätte ich mich nämlich nicht von einem minderbemittelten Footballspieler anscheißen lassen müssen.“
„Ok, das Zeug ist also unter Footballspielern beliebt?“, wollte Ash nun wissen.
„Die fressen das Zeug wie Bonbons. Der gute Drew deckt sich entweder bei mir oder meinem Kumpel Damon mit den Pillen ein und vertickt die dann gegen einen geringen Aufpreis an seine Kumpels. Lief auch bisher immer ganz zuverlässig, nur dass der Kerl, der mir die Oxys bisher besorgt hat, letzte Woche wegen Rezeptfälschung in den Knast gewandert ist. Aber was erzähle ich dir das eigentlich?“ Frank wedelte mit seiner Hand durch die Luft. „Wie wäre es mit 20 Mäusen pro Pille, in Ordnung?“
Ash riss überrascht die Augen auf, angesichts der unerwartet hohen Summe, die da plötzlich vor ihrem geistigen Auge erschien. Sie war schon fast geneigt, einfach zuzustimmen, aber so jemand wie Frank würde natürlich versuchen, jemanden derart unerfahrenes wie sie über den Tisch zu ziehen... „30“, antwortete sie schlussendlich, in der Hoffnung, dass der noch sichtlich angetrunkene Drogendealer ihre anfängliche Überraschung nicht bemerkt hatte.
„25. Und das ist mein letztes Wort“, gab Frank zurück. „Du bekommst dann also 750 für die Pillen, wenn ich mich nicht irre.“
Während Frank sich bemühte, aus seinem Campingstuhl hochzukommen – anscheinend war er deutlich betrunkener, als er bisher gewirkt hatte – während Ash versuchte, die von Frank angegebene Summe zu überprüfen. Schlussendlich zog sie ihr Handy aus ihrer Hosentasche, um dessen Taschenrechnerfunktion zu nutzen. Sie war zwar eine begeisterte Hobbychemikerin, aber dort kam man ja kaum aus dem einstelligen Zahlenbereich heraus. Von derart komplizierten Kopfrechenaufgaben wie 30 mal 25 gar nicht erst zu sprechen. Zu ihrer eigenen Überraschung durfte Ash einige Tastendrücke später feststellen, dass Frank mit dem Kopfrechnen selbst volltrunken deutlich weniger Probleme hatte als sie selbst.
„Willst du das Geld cash auf die Hand, oder möchtest du es direkt mit deinem Einkauf verrechnen?“, grummelte Frank, der inzwischen endlich auf die Beine gekommen war, aber immer noch ein wenig schwankte.
„Einkauf?“, antwortete Ash irritiert. „Ach so, ja“, schob sie dann hinterher, als ihr einfiel, dass Franks Hauptgeschäft ja nicht darin bestand, Drogen zu kaufen, sondern sie zu verkaufen. „Ähm, du hast nicht zufällig Hustensaft?“
„Was bringt man euch in der Schule eigentlich bei?“, begann Frank nun wieder zu schimpfen, dass Ash erschrocken zusammenzuckte. „Verkauft mir den starken Stoff und will im Tausch dafür den schwächeren Stoff. Sowas ist mir auch noch nicht untergekommen“, lachte er dann.
Angesichts seiner Stimmungsschwankungen war Alkohol vermutlich nicht die einzige Substanz, die Frank heute konsumiert hatte. Oder war das die Wirkung dieses undefinierbaren Bohnenzeugs, das er vorhin im Two Whales in sich reingeschaufelt hatte? Andererseits konnte Ash das auch herzlich egal sein, so lange sie ihr Geld und ihren Stoff bekam.
„Ok, wie viel willst du? Einen Pint? Zwei? Fünf?“
In Ashs Kopf begann es wieder zu rotieren. Ein amerikanisches Pint war doch weniger als ein englisches, oder? Warum hatten die Angelsachsen und ihre Nachfahren in der Neuen Welt nicht einfach, wie alle anderen zivilisierten Völker auf diesem Planeten auch, das metrische System einführen können? Und eigentlich waren ihr Tabletten auch lieber... „Eins sollte erst mal reichen“, murmelte sie dann.
Frank nickte. „Ok, also ein Pint Hustensaft und 400 Dollar. Und ich leg noch ein Tütchen Gras drauf, weil ja schließlich Probierwochen sind, nicht? Ich wette, Price, diese verdammte Göre, hat dir diesen Unsinn erzählt...“ Der Dealer schwatzte einfach weiter, während er in seinem Wohnwagen verschwand und die Tür hinter sich zu zog.
Ok, also 350 Dollar für einen halben Liter (plus minus 50 Milliliter) Hustensaft, laut Ashs Handy. Faszinierender Preisunterschied. Aber Frank hatte schon Recht, im Vergleich zu dem Premium-Heroin, das sie ihm da gerade verkauft hatte, war der Stoff, den sie bevorzugte, deutlich weniger Potent, von daher...
Frank tauchte überraschend schnell wieder aus seinem Wohnwagen auf, darum bemüht, weder das Geldbündel, noch die Braunglasflasche mit dem Hustensaft, noch das Plastiktütchen mit dem grünen Inhalt, noch die neue Bierflasche, fallen zu lassen. „So, da.“ Er drückte Ash alles außer der Bierflasche in die Hand. „Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich muss diesen bescheuerten Footballspieler zurückpfeifen, bevor der bei der Konkurrenz einkaufen geht.“ Der Dealer drehte sich ohne Abschiedsworte um und ließ sich nach einigen unsicheren Schritten wieder auf seinen Campingstuhl fallen. Dass neben dem Stuhl ein altmodisches Klapphandy – wahrscheinlich eines dieser für Drogendealer typischen Wegwerfmodelle – lag, fiel Ash erst jetzt auf.
Schulterzuckend verstaute Ash ihr neues Eigentum in dem verschlissenen Rucksack, den sie üblicherweise mit sich herumtrug, wenn sie ihn nicht gerade irgendwo liegen ließ, und machte sich dann mit einem – angesichts ihres überraschend gut verlaufenen Deals mit Frank wenig überraschenden – Lächeln auf den Lippen auf den eher kurzen Rückweg zur Bushaltestelle.

„Hey, Missy, kann ich dich irgendwo hin mitnehmen?“
Ash zuckte zusammen. Sie hatte gerade auf ihrem Handy die Uhrzeit und anschließend nochmals den Busfahrplan überprüft und dabei festgestellt, dass sie immer noch knapp vierzig Minuten auf den Bus warten durfte, als sie eine Stimme hinter sich vernahm. Als sie sich umdrehte, sah sie den Mann mit Schnauzbart, den sie kurz zuvor schon im Diner gesehen hatte, auf dem Parkplatz stehen, ihr mit einer Geste signalisierend, dass sie zu ihm kommen sollte.
Ash machte einen ersten Schritt Richtung Parkplatz, hielt dann aber wieder inne. Sie hatte den Mann schon einmal gesehen! Aber konnte es wirklich sein? War es wirklich möglich, dass dort einer der beiden Männer, die sie letzte Nacht in ihrem Traum gesehen hatte, da einfach so plötzlich vor ihr stand?
Rein logisch war es einfach nicht möglich. Ash war sich absolut sicher, diesem Mann noch nie zuvor begegnet zu sein. Und doch hatte sie von ihm geträumt, und doch stand er nun dort, auf dem Parkplatz und bot ihr eine Mitfahrgelegenheit an.
Ash setzte sich wieder in Bewegung. In ihrem Traum war dieser Mann Soldat gewesen und während einer Patrouille mit seinem Trupp in eine Sprengfalle geraten – und dabei ganz offensichtlich jemanden verloren, der ihm sehr nahe stand. Vielleicht ergab sich ja eine Möglichkeit, herauszubekommen, ob ihr Traum wirklich der Realität entsprach. Wenn nicht, konnte sie alles getrost als Zufall abtun, wohingegen sie lieber gar nicht erst darüber nachdachte, was wäre, wenn sich ihr Traum als wahr herausstellte...
„Keine Sorge, ich beiße nicht“, ermutigte der Schnauzbartträger sie. „David Madsen“, fügte er dann mit ausgestreckter Hand hinzu, als Ash endlich vor ihm stand.
„Ash Begby.“ Ash nahm die angebotene Hand und schüttelte sie.
„Ich nehme an, du musst hoch zur Schule?“
Ash nickte.
„Ok. Ist zwar nicht ganz meine Richtung, aber ich lasse Mädchen in deinem Alter nur äußerst ungern alleine in der Gegend herumstehen. Insbesondere nicht in solch zwielichtiger Gesellschaft.“ David warf dem Wohnwagen einen vielsagenden Blick zu.
„Ja, ich habe schon gehört, dass dieser Frank ein … ähm … äußerst zwielichtiger Drogendealer sein soll“, bestätigte Ash. Dass sie gerade noch Geschäfte mit Frank getätigt hatte, musste David ja nicht wissen. „Es ist jetzt aber auch nicht so, dass ich mich nicht verteidigen könnte. Mein Vater war in seiner Jugend in einige Kneipenschlägereien verwickelt und hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, mir ein paar seiner Tricks beizubringen.“ Hoffentlich verstand der Pornobalken den Wink mit dem Zaunpfahl, dass sie sich wehren würde, falls er versuchen sollte, sie anzugrapschen. Andererseits... Hatte sie gerade ernsthaft zugegeben, dass ihr Vater in den frühen Neunzigern einer der berüchtigsten Kneipenschläger in Edinburgh gewesen war?
„Wenn er seiner Tochter beigebracht hat, sich selbst verteidigen zu können, ist er ein guter Vater“, nickte David, hielt dann aber plötzlich inne. „Warte, was? Kneipenschlägereien?“
Ash winkte ab. „Ist jetzt nicht so wichtig.“
David schnaubte und deutete auf seinen Sportwagen. „Also, soll ich dich jetzt mitnehmen oder nicht?“
Ash hielt noch für einen Moment inne, nickte dann aber. „Ja, gerne.“

„Du gehst also auf die Blackwell Academy?“
Sie saßen bereits zehn Minuten schweigend nebeneinander, als sich David endlich um Smalltalk bemühte, wenn auch mit einer Frage, die Ash wenige Minuten früher bereits beantwortet hatte. Dennoch war sie froh, dass David das langsam beklemmend werdende Schweigen zwischen ihnen brach.
„Ja. Aber erst seit ein paar Tagen“, antwortete Ash. „Ich bin erst vor etwa einem Monat mit meinen Eltern in die Staaten gezogen.“
„Hm“, grummelte David. „Schottin, oder?“
Ash nickte. „Edinburgh.“
Es folgte wieder Schweigen.
Ash biss die Zähne zusammen. Eigentlich war sie kein Mensch, der von sich aus mit Smalltalk begann. Insbesondere nicht mit wildfremden Personen. Wären in den letzten Tagen nicht so viele Mitschüler von sich aus auf sie zugekommen und hätten sie angesprochen, hätte sie auch bei weitem nicht so viele Kontakte geknüpft, wie es der Fall gewesen war.
„Und was machen Sie so? Beruflich meine ich.“ Na wer sagte es denn. Erst schaffte sie es einen zwielichtigen Dealer ein einträgliches Geschäft mit einem Dealer einzufädeln, und nun bekam sie sogar Smalltalk mit einem Mann mit noch viel zwielichtigerem Schnauzbart auf die Reihe. Vielleicht war sie ja doch auf dem richtigen Weg.
David schwieg für meinen Moment. „Zu meiner Schande muss ich gestehen, im Moment arbeitslos zu sein“, antwortete er dann.
Ash konnte nicht einschätzen, ob er eher traurig oder eher frustriert klang. „Das … tut mir leid für Sie.“
„Es ist … schwierig, wieder in der Heimat Fuß zu fassen, wenn man so lange Soldat war. Und dabei sollte man gerade von einem Land wie dem unseren erwarten, dass es sich besser um seine Veteranen kümmert“, knurrte David.
Fuck. Er war also wirklich Soldat gewesen! Aber auch das konnte nur ein Zufall sein. Sie musste irgendwie herausbekommen, ob ihr Traum in der Realität wirklich genau so stattgefunden hatte, wie sie ihn gesehen hatte. „Sie haben sicher einige gute Freunde verloren, während Ihres Militärdienstes.“
David nickte nur stumm, antwortete aber nicht. Ash biss die Zähne zusammen. Alte, oder auch nicht ganz so alte Wunden wieder aufzureißen war wohl keine gute Idee, wenn man Smalltalk treiben wollte.
„Kurz vor dem Ende meines zweiten Auslandseinsatzes ist mein Freund Phil Becker ums Leben gekommen. Eine Antifahrzeugmine, die wir übersehen haben“, begann David dann doch, zu erzählen. „Wir standen uns sehr nah.“
Scheiße, scheiße, scheiße! Wie konnte das sein? Sie konnte doch nicht einfach so von Ereignissen Träumen, von denen sie bis dahin nichts wusste!
„Dann ist der Rabe das Spirit Animal der jungen Ash. Es ist also wahr … Der Rabe ist zurückgekehrt … Dann würde alles so viel Sinn ergeben...“, kamen ihr plötzlich die Worte des verwirrten Hausmeisters wieder in den Sinn. Sie war sich bisher in allen ihren Träumen absolut sicher gewesen, nicht nur eine teilnahmslose Beobachterposition einzunehmen, sondern ein Rabe zu sein. Und dass sie von zwei Raben verfolgt wurde, seitdem sie von ihren Träumen geplagt wurde, würde sie auch direkt viel weniger wundern...
Sie musste noch einmal mit Samuel sprechen, sobald sie dazu Gelegenheit hatte. Es würde Ash absolut nicht verwundern, wenn der Hausmeister noch deutlich mehr wusste, als er ihr bisher erzählt hatte.
„Es wäre mir aber auch ganz recht, jetzt das Thema zu wechseln“, hörte Ash Davids Stimme neben sich. Sie musste wohl einige Minuten geschwiegen haben, da sie, des an den Fenstern vorbeirauschenden Waldes nach zu schließen, schon deutlich näher an der Blackwell Academy sein mussten, als zu dem Zeitpunkt, an dem Ash gedanklich abgeschweift war.
„Klar, kein Problem“, antwortete Ash. „Sie gehen häufiger ins Two Whales, nehme ich an?“
„Ja, tue ich. Die Pancaces dort sind wirklich hervorragend“, bestätigte David.
„Die Bedienung scheint Sie zu mögen“, schmunzelte Ash – bis sich der Gedanke in ihren Kopf schlich, dass sie mit dieser Aussage vielleicht doch schon wieder zu sehr ins private vorgestoßen war.
„Das sollte sie auch. Schließlich habe ich sie letzte Woche zum Essen ausgeführt“, lachte David, wurde dann aber wieder ernster. „Sie ist eine gute Frau, auch wenn das letzte Jahr wirklich schwer für sie war.“
In Ashs Kopf begann es zu rattern. Wenn Joyce Price eine Tochter hatte, dann musste es doch auch einen Mr. Price geben, oder? Aber allem Anschein nach ging sie mit anderen Männern aus... Plötzlich kam Ash das Gespräch zwischen Chloe und Eliot, dessen Ende sie am Vortag mitbekommen hatte, wieder in den Sinn.
„Sei doch froh, dass es ihr endlich leid tut, dass sie sich nach Seattle verpisst hat, nach … der Sache mit deinem Dad.“
Das klang schon fast so, als wäre etwas schlimmeres von statten gegangen, als eine Scheidung. „Das ist jetzt sicher indiskret, aber wissen Sie, ob es auch einen Mr. Price gibt?“, platzte es schlussendlich aus Ash heraus. „Ich habe nämlich gestern Chloe, die Tochter von Joyce kennengelernt und … und...“, schob sie dann noch leicht stammelnd hinterher, bis David ihre Ausführungen mit einer Geste beendete.
„Ich habe ja schließlich davon angefangen. William Price ist vor etwa einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Die Wochen und Monate danach waren für die beiden wirklich nicht leicht, nach dem zu urteilen, was Joyce mir darüber erzählt hat. David wirkte ernsthaft betrübt.
„Ouh“, kam es von Ash. Sie hatte wirklich nicht vorgehabt, ein derart betrübliches Thema anzuschneiden.
„Joyce geht es inzwischen wieder besser, ihr Leben geht weiter. Ob das auch auf ihre Tochter Chloe zutrifft, bezweifle ich dagegen“, führte David weiter aus.
„In welchem Sinne?“
„Anstatt sich mit ihrem Leben und ihren Problemen auseinanderzusetzen, sucht sie lieber Zuflucht in Drogen und bei … diesem Individuum“, knurrte David.
„Eliot?“
„Ja. Glaub mir, der nutzt Chloe nur zur Befriedigung seiner Triebe aus, anstatt sich wirklich um sie zu sorgen. Da wette ich meinen Ford Torino drauf.“ David tätschelte zärtlich das Armaturenbrett seines Autos. „Ich glaube, sie braucht einfach wieder eine Vaterfigur in ihrem Leben“, fügte er seufzend hinzu.
Ash nickte nur stumm. Sie konnte zwar nicht einschätzen, wie zutreffend Davids Einschätzungen waren, aber wenn Chloe einen derartigen Verlust hatte durchmachen müssen, wunderte es sie direkt deutlich weniger, dass sie lieber kiffend vor der Schule stand, statt sich um ein pünktliches Erscheinen zum Unterricht zu bemühen.
„Aber genug davon. Wir sind nämlich gleich da“, verkündete David.
„Ok, vielen Dank fürs Mitnehmen.“ Ash war erleichtert, als das Auto auf den Parkplatz Blackwells rollte. Mehr Drama hätte sie auf dieser Autofahrt auch nicht verkraftet.
„Kein Problem, Missy. Wie gesagt, ich kann es nicht gutheißen, wenn Mädchen in deinem Alter in der Nähe von zwielichtigen Drogendealern herumstehen müssen.“ David stellte den Motor ab und zog die Handbremse an.
„Ähm, ich muss jetzt auch los, weil wegen … Unterricht“, bemühte sich Ash, die Flucht zu ergreifen, bevor David wieder in seinen Monolog über Vaterfiguren verfallen konnte – oder sie noch einmal mit 'Missy' ansprach. „Ähm. Also noch mal danke fürs Mitnehmen. Auf wiedersehen.“ Schneller als David gucken konnte, war Ash aus dem Auto gesprungen und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Ein eleganter Abgang ging zwar anders, aber für den Moment war ihr das egal.
Erleichtert durchatmend sah sie sich auf dem Parkplatz um, während David wieder den Motor des Autos anließ und langsam los fuhr.
Zu Ashs Überraschung konnte sie in der hintersten Ecke des Parkplatzes niemand geringeren als Chloe Price ausmachen, die wieder einmal rauchte. Ash drehte sich nochmals zu Davids davonfahrendem Auto um. Er schien Chloe nicht bemerkt zu haben, ansonsten wäre er garantiert noch einmal zurück gekommen, um Chloe einen Vortrag über Vaterfiguren und zwielichtige Drogendealer zu halten.
Gerade als Ash zu der Überlegung ansetzte, ob sie Chloe ansprechen oder lieber in Ruhe weiter rauchen lassen sollte, sah sie, dass Chloe ihr zuwinkte. Blieb ihr also zumindest diese Entscheidung erspart...
„Hi“, grüßte Ash knapp, als sie an Chloe herangetreten war.
„Hi. Ash, richtig?“, antwortete Chloe, genauso knapp wie sie angesprochen war.
Ash nickte.
„Hast eine Spritztour mit Sergeant Pepper unternommen?“ Chloe blickte in die Richtung der Ausfahrt des Parkplatzes.
„Ich war für einen Arztbesuch unten in Arcadia. Er hat mich dann auf dem Parkplatz am Two Whales aufgesammelt, weil er ein armes, kleines Mädchen nicht unbeaufsichtigt in der Nähe eines zwielichtigen Wohnwagens spielen lassen wollte. Weil es natürlich viel weniger zwielichtig ist, von jemandem eine Mitfahrgelegenheit angeboten zu bekommen, der einen Pornobalken im Gesicht hat“, erläuterte Ash. „Na ja, wenn ich ehrlich bin, war ich froh, nicht noch eine Dreiviertelstunde auf den Bus warten zu müssen.“
Chloe nickte, während sie einen Zug an ihrer Zigarette, die dem Geruch nach zu urteilen diesmal lediglich schnöden Tabak enthielt, nahm. „Ekliger Typ. Macho. Versucht sich, an meine Mutter ranzuschmeißen.“
„Ihr scheint es zu gefallen, so weit ich das im Diner mitbekommen habe.“ Ash zuckte mit den Schultern.
Chloe blickte für einen Moment dem Rauch ihrer glimmenden Zigarette hinterher, bevor sie antwortete. „Warst also im Diner?“
„Jepp. Essen war gut. Ich hatte auch ein bisschen Smalltalk mit deiner Mutter, bevor Mr. Madsen reinspaziert ist.“
„Nicht Mr. Madsen. David Dödel wird ihm noch am ehesten gerecht“, korrigierte Chloe. „Und meine werte Mutter hat sicher sicher mal wieder über ihre schwer erziehbare Tochter ausgelassen, oder?“
„Na ja... Sie hat erzählt, dass du mal jemanden angezündet hast, im Chemieunterricht...“, gab Ash nach einigem Stottern zu.
Chloe winkte ab. „Ach, die alte Geschichte. War ein Unfall.“
„Apropos Unfall...“ Ash hielt inne. War es wirklich sinnvoll, das Thema anzusprechen? Oder riss sie damit nur alte Wunden wieder auf? Aber jetzt war es eh zu spät. „Tut mir leid, was mit deinem Vater passiert ist.“
Chloe nuckelte schweigend an ihrer Zigarette. „Danke … glaube ich.“ Dann schwieg sie wieder.
Ok, es war ganz eindeutig ein Fehler gewesen, das Thema anzusprechen. Zeit für einen schnellen Themenwechsel, beschloss Ash. „Ich hab hier übrigens noch was für dich.“ Sie ließ ihren Rucksack von der Schulter gleiten und begann, darin herumzukramen. Wenige Augenblicke später warf sie Chloe das Tütchen mit dem Gras, das Frank ihr gegeben hatte, zu.
Chloe fing das Tütchen zwar mühelos auf, ließ dabei jedoch beinahe ihre Zigarette fallen. „Womit habe ich das denn verdient?“, fragte sie mit breitem Grinsen.
„Ich hatte vorhin ein kleines … Geschäft mit Frank. Und da ja Rabatt-Wochen sind...“ Ash zwinkerte.
„Ok, sicher, dass du mit dem Zeug nichts anfangen kannst?“
„Mir ist nach wie vor nicht danach, nackt durch den Wald zu rennen“, antwortete Ash.
„Ganz wie du meinst.“ Chloe steckte das Tütchen schulterzuckend ein. „Will ich wissen, wie du Frank dazu gebracht hast, dir Gras zu schenken?“
„Durch ein … für beide Seiten einträgliches Geschäft“, antwortete Ash mit schelmischen Grinsen. „Außerdem scheint dein Stiefvater in spe ein Problem damit zu haben, dass du dich in der Nähe von solch zwielichtigen Gestalten wie Frank herumtreibst.“
„Sonst noch irgendwelche Ratschläge, die David ausrichten lässt?“, frotzelte Chloe.
„Na ja, deinen … Bekannten, Eliot, scheint er auch nicht sonderlich zu mögen.“
Chloe schwieg wieder für einen Moment, bevor sie antwortete. „Da sind er und Max ja anscheinend einer Meinung“, murmelte sie dann, deutlich nachdenklicher als noch kurz zuvor.
„Dieser Max ist auch ein … Bekannter von dir, nehme ich an?“
Chloe lachte. „Max, oder mit vollem Namen Maxine, ist eine gute Freundin aus Kindertagen, die vor etwa einem Jahr recht überraschend weggezogen ist und dann den Kontakt abgebrochen, sich aber vor ein paar Tagen genauso überraschend wieder bei mir gemeldet hat.“
„Ah, ich glaube, da hast du dich doch gestern mit Eliot drüber unterhalten, oder?“, wollte Ash wissen. „Und sorry, ich wollte da eigentlich nicht lauschen.“
„Kein Problem“, winkte Chloe ab. „Ja, haben wir. Max hat auch vor, sich am Wochenende mal hier blicken zu lassen. Ich denke, wir werden da dann auch noch mal über das Thema Eliot sprechen. Sie klang irgendwie deutlich überzeugender als der Pornobalken.“ Chloe klang ein wenig verunsichert.
Ash nickte. „Das sind aber auch Themen, in die ich mich nicht einmischen möchte.“
„Klar.“ Chloe ließ die glimmenden Überreste ihrer Zigarette fallen, um sie sogleich auszutreten. „Nun denn. Ich muss zusehen, dass ich nach Hause komme.“
„Ok, ich hab eh noch Hausaufgaben zu erledigen“, stimmte Ash zu. „Ich denke mal, man sieht sich.“
„Das will ich doch hoffen.“ Chloe winkte zum Abschied mit dem Gras-Tütchen.
Ash schmunzelte, während sie sich auf den Weg zum Wohnheim machte. Erste gute Tat des Tages: Check.

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 Zwischenspiel 3

 

Schwarze Augen blitzten ihm mit schelmischem Blick aus der Fensterscheibe entgegen. Er war jedoch nicht hergekommen, um sein eigenes Spiegelbild zu betrachten, sondern jenes vergangener Ereignisse, wie er es so oft zu tun pflegte. Es war an der Zeit, seinen Blick durch die Scheibe hindurch zu fokussieren, auf die Ereignisse in dem Raum hinter dem Fenster.

Ein Mann mit vollem braunen Haar und eckiger Brille brütete, hinter seinem protzigen Schreibtisch sitzend und einige Dokumente studierend, über seinem neuesten Streich, dass sein Werk die Mächtigen zum Erbeben bringe.

Ein zaghaftes Klopfen an der Tür ignorierte er, genauso das stumme aufgleiten der selbigen. Erst die leisen Schritte eines Kindes ließen ihn aufblicken. Schweigend und sichtlich zitternd trat der blonde Junge, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, auf den Schreibtisch seines Vaters zu, ein Blatt Papier beinahe wie ein Schutzschild vor sich haltend.

Erst der fragende Blick des Vaters brachte den Jungen dazu, sich von dem Blatt zu trennen und es mit zitternden Händen zu überreichen. Schweigend nahm der Vater das Blatt entgegen und studierte die Worte und Zahlen, die darauf geschrieben waren, eingehend, so wie er es zuvor mit den Geschäftszahlen auf seinem Schreibtisch getan hatte.

Langsam erhob er sich und trat um seinen Schreibtisch herum, seinen Blick immer noch auf das Blatt Papier geheftet, bevor er es schlussendlich zerknüllte und auf seinen Schreibtisch warf, als er endlich vor seinem Sohn stand. Zugleich ängstliche, fast schon flehenden wie auch hoffnungsvolle Augen sahen ihm entgegen.

Der Vater packte seinen Sohn an den Haaren und schlug seinen Kopf, das Gesicht voran, einmal, zweimal, dreimal feste auf die Tischplatte. Dann ließ er wieder los. Der Sohn taumelte mit blutender Nase einige Schritte zurück, sackte schlussendlich zusammen und verschwand damit hinter dem Schreibtisch, aus dem Sichtfeld des Fensters. Und doch war sein Winseln nicht schwer zu erahnen, als sein Vater mehrfach mit mit seinem rechten Fuß ausholte und zutrat.

Danach kehrte er wieder hinter seinen Schreibtisch zurück, um sich wieder seinen Plänen zu widmen. Eine oder zwei Minuten vergingen, bevor der Junge wieder auf die Beine kam und einem Bild von düsterem Grame gleich aus dem Raum humpelte.

 

 

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Kapitel 4

 

Them Crooked Vultures – Dead End Friends

 

Gedankenverloren beobachtete Ash die beiden fetten, zerrupften Raben, die neugierig zum Fenster hereinguckten, während Ms. Grant zum dritten Mal in Folge versuchte, zu erklären, was hinter dem Begriff „Mol“ steckte. Für jemanden, der, die richtigen Chemikalien vorausgesetzt, aus dem Stand heraus Drogen kochen konnte, waren derartige Grundlagen natürlich vollkommen uninterssant, und dem Unterricht mehr Aufmerksamkeit als den Tieren vor dem Fenster zu schenken aus Ashs Sicht dementsprechend nicht unbedingt nötig.

Ash hatte sich in den vergangenen Wochen daran gewöhnt, dass es allem Anschein nach zwei Raben waren – es waren ganz eindeutig immer die beiden gleichen Vögel, die ihr über den hüpften (oder wahlweise flatterten) – die ihre Gegenwart zu schätzen wussten. Genauso, wie sie sich an ihre teilweise doch etwas bizarren Träume, die in irgendeiner Art und Weise mit den Raben zusammenzuhängen schienen, gewöhnt hatte. Die meisten ihrer Raben-Träume der letzten Wochen waren eh recht nichtssagend bis wirr gewesen, im Sinne von Raben, die durch Arcadia Bay flogen und hin und wieder ihren Schabernack mit den Bewohnern trieben.

Ihr letzter Traum dagegen, war wieder … anders gewesen. Klarer, so wie in ihrer ersten Woche in Arcadia Bay. Und verstörender. Was kein gutes Anzeichen war, nicht nur, weil die Personen, die sie in ihren Träumen sah, dazu neigten, sehr bald auch in ihrem realen Leben aufzutauchen und sie auf die Begegnung mit einem Freund häuslicher Gewalt gerne verzichten konnte. Nein, Ash war sich auch ziemlich sicher, den Jungen, der in ihrem Traum von seinem eigenen Vater derart übel zugerichtet worden war, schon mehr als einmal getroffen zu haben...

 

„Meinst du, das Blut geht aus dem Hemd auch wieder raus?“ Ash machte große Augen, als sie das blutverschmierte Flanellhemd sah, das Dana ihr vor die Nase hielt. Es war zwar ein schon recht abgewetztes Hemd, das Ash aus dem hintersten Winkel ihres zugegebenermaßen nicht sonderlich gut ausgestatteten Kleiderschranks gezogen hatte, aber sie hatte trotzdem vor, es nach dieser Aktion noch weiter zu tragen.

„Erstens ist das nach wie vor kein Blut, sondern nur Farbe und zweitens ist diese Farbe nach wie vor ohne Probleme abwaschbar.“ Dana legte das Hemd zusammen und drückte es Ash in die Hand. „Kann ich sonst noch etwas für dich tun? Du weißt ja, wenn es um Halloween geht, helfe ich immer gerne.“

Ash fand, dass 'helfen' noch zurückhaltend formuliert war – schließlich hatte Dana sie schon fast genötigt, an der schulinterne Halloween-Party, an deren Organisation sie beteiligt war, teilzunehmen. Andererseits war es auch höchst amüsant, zu sehen, mit welcher Begeisterung Dana bei der Sache war und jedem mit seinem Kostüm half, der sie darum bat.

Partys waren zwar nach wie vor nicht Ashs Ding, aber da Samantha unbedingt teilnehmen wollte – wohlgemerkt, nachdem Nathan Prescott ihr erzählt hatte, dass er dort anwesend sein würde, weil der Vortex-Club in die Organisation der Veranstaltung involviert war – hatte Ash beschlossen, dass Samantha eine adäquate Begleitung nicht schaden konnte. Zumal auch einige ihrer Schulbekanntschaften wie Steph und Mikey angekündigt hatten, hinzugehen.

„Kann ich die Axt hier haben?“ Grinsend zog Ash eine Plastikaxt aus dem Karton mit Danas umfangreicher Kostümsammlung und fuchtelte damit herum. „Du weißt ja, als Axtmörder braucht man eine Axt.“

„Klar“, schmunzelte Dana. „Falls du...“ Sie wurde von einem Klopfen an ihrer Zimmertür unterbrochen. „Oh, das muss Juliet sein, die wollte heute auch noch vorbei kommen“, erklärte Dana. „Ist offen!“

Tatsächlich war es Juliet, die die Tür des Wohnheimzimmers aufriss und „Süßes oder Saures!“ rief. Ash hatte bisher noch nicht allzu viel mit Danas bester Freundin aus Kindertagen zu tun gehabt, was ihr aber auch ganz recht war, da Juliet zeitweise sehr neugierig und aufdringlich sein konnte. Was ganz sicher nichts damit zu tun hatte, dass sie immer auf der Suche nach Material für die Schülerzeitung, die sie herausgab, war.

„Ich hätte gerne Süßes“, frotzelte Ash.

Zu ihrer Überraschung kramte Juliet sogleich einen Schokoriegel aus der Tasche ihrer Jeansjacke hervor. „Klar doch, Süße.“ Juliet zwinkerte.

„Öhm. Danke, nehme ich an?“ Ash nahm den Schokoriegel entgegen.

„Ash, richtig?“, wollte Juliet nun wissen.

Ash nickte nur stumm, da sie bereits einen ersten Bissen des Schokoriegels im Mund hatte.

„Du kommst doch sicher auch zur Halloween-Party, oder?“

„Klar“, bestätigte Ash, während sie den angebissenen Schokoriegel so gut es ging wieder seine Plastikverpackung zurück stopfte und ihn dann in einer der Taschen ihrer Cargohose verschwinden ließ.

„Ihr Kostüm ist auch schon fast fertig“, verkündete Dana stolz.

„Jepp. Deswegen will ich auch gar nicht weiter stören.“ Ash winkte zum Abschied mit ihrer Axt. „Man sieht sich.“

„Ja, spätestens am Sonntag“, schmunzelte Dana, bevor sie sich Juliet zuwandte. „Also, ich hab da ja so ein Gerücht über dich und Zachary gehört...“

Ash atmete erleichtert aus, als sich Danas Zimmertür hinter ihr geschlossen hatte. Da war sie um die tägliche Dosis an Klatsch, Tratsch und Gerüchten wohl so gerade noch einmal herum gekommen.

 

Ash schlenderte gemächlich an der Sporthalle vorbei. Ihr Chemielehrbuch lag noch in ihrem Spind, also musste sie sich, obwohl der Unterricht schon vor einer Stunde offiziell geendet hatte, wohl oder übel noch einmal zurück ins Schulgebäude bequemen, um herauszufinden, wie genau denn nun die Aufgaben drei bis sieben auf Seite 47 lauteten, die sie bis Montag erledigt haben sollte.

Doch wie zu erwarten wurde Ash auf ihrem Weg zum Schulgebäude einmal mehr aufgehalten: Chloe Price stand, direkt neben einem 'Rauchen verboten'-Schild, an die rote Backsteinmauer der Sporthalle gelehnt und fröhnte wieder einmal dem Drogenkonsum.

„Ash“, grüßte Chloe mit einem knappen Nicken.

„Chloe“, antwortete Ash genauso knapp. Nahm Chloe eigentlich auch mal am Unterricht teil, oder kam sie nur zur Schule, um in Ruhe rauchen zu können? „Wie läuft's?“

Chloe zuckte mit den Schultern. „Nicht groß anders als sonst auch. Außer, dass jetzt regelmäßig ein Pornobalken bei uns zum Abendessen aufschlägt.“ Chloe verdrehte die Augen. „Was mich aber überraschenderweise dazu anspornt, mehr Zeit in der Schule zu verbringen.“

Ash schmunzelte. „Sag ihm das aber bloß nicht, sonst fängt er wieder damit an, dass dir eine Vaterfigur ja anscheinend gut tut und er vielleicht bei euch einziehen sollte.“

„Gotteswillen, jetzt mal doch nicht den Teufel an die Wand.“ Chloe nahm noch einen tiefen Zug an ihrem Joint, bevor sie ihn achtlos zu Boden warf. „Eliot ist im Anmarsch, weshalb ich gerne von hier verschwinden würde. Im Idealfall so, dass es nicht zu offensichtlich ist, dass ich ihm aus dem Weg gehe.“ Chloe nickte unauffällig in die Richtung, aus der Ash gerade gekommen war. Tatsächlich marschierte Eliot, in Sportkleidung und mit einem Lacrosse-Schläger über der Schulter, auf sie zu. Anscheinend war er jedoch in Gedanken versunken und hatte sie noch nicht bemerkt.

„Klar. Ich wollte eh noch mal zurück ins Schulgebäude, ein Buch aus meinem Spind holen. Kannst gerne mitkommen“, schlug Ash vor.

„Klar, gerne.“

Die beiden setzten sich in Bewegung. Die Grünfläche vor dem Haupteingang war beinahe ausgestorben. Lediglich Steph und Mikey saßen zusammen mit einer weiteren Mitschülerin mit Brille und schwarzen Haaren an dem Picknicktisch, den sie üblicherweise für ihre D&D-Sitzungen in Beschlag nahmen. Mikeys Körpersprache nach zu urteilen lief es gerade gut für ihn und seinen Zauberer Elamon.

„Nerds“, kommentierte Chloe schmunzelnd.

„Nette Nerds wohlgemerkt“, ergänzte Ash.

„Absolut. Erinnere mich auf dem Rückweg daran, dass ich noch eine DVD von Steph abholen muss“, bat Chloe.

„Klar, kein Problem.“ Ash drückte die Tür des Haupteingangs, vor der sie inzwischen angekommen waren, auf.

Kaum, dass sie die ansonsten leere Eingangshalle betreten hatten, sprang ihnen sofort eine kleine Gruppe Menschen ins Auge. Einer der Anwesenden war unverkennbar Direktor Wells, der sich angeregt mit einem, den bereits ergrauenden braunen Haaren nach zu urteilen, nicht mehr ganz jungen Anzugträger mit Brille unterhielt.

Schweigend und eher abwartend folgten zwei Schüler dem Gespräch. Dem einen war Ash bereits bei ihrem Treffen mit Frank kurz begegnet – wenn sie sich recht erinnerte, hieß er Drew und war dem Vernehmen nach der große Bruder von Mikey. Die andere anwesende Schülerin dagegen war niemand geringeres als Rachel Amber, die den beiden Neunankömmlingen sogleich ein Lächeln schenkte.

Ash hatte sogar den Eindruck, dass Rachels Blick weniger ihr, sondern eher Chloe galt – auch wenn diese das ihr zugeworfene Lächeln bisher noch gar nicht registriert hatte. Zu sehr war sie damit beschäftigt, beim Anblick des Anzugträgers ganz offensichtlich zu erschaudern.

Nun wandten sich ihnen auch Direktor Wells sowie der Anzugträger zu, um sie kurz mit einem Nicken zur Kenntnis zu nehmen – und jetzt war es auch an Ash, zu erschaudern. Der Mann im Anzug war niemand geringeres als Nathans Vater!

Chloe tat ihr bestes, Ash an der Gruppe vorbei, in den Korridor zu den Klassenräumen zu bugsieren. „Hast du den Mann im Anzug gesehen? Das war Sean Prescott“, flüsterte Chloe, sobald sie sich ansatzweise außer Hörweite glaubte. „Dem Kerl gehört die Schule quasi.“

„Nathans Vater, oder?“, fragte Ash, bemüht darum, beim Aufschließen ihres Spindes nicht zu sehr zu zittern, obwohl immer mehr Bilder aus ihrem letzten Traum in ihr Bewusstsein fluteten.

Chloe nickte. „Hat wahrscheinlich mal wieder Wells, diesen Schluckspecht, geschmiert, damit der wegen der Vortex-Party am Sonntag kein Theater macht.“

„Vortex-Party? Ich dachte, das wäre eine von der Schule organisierte Veranstaltung? Wenn ich mich recht erinnere, hatte sogar Ms. Grant angekündigt, kommen zu wollen...“

Chloe winkte ab. „Die Party des Vortex-Clubs findet im Anschluss an diese Schulveranstaltung in der Sporthalle statt. Limo trinken und Kekse essen reicht Leuten wie Drew North halt nicht. Was ich auch irgendwo nachvollziehen kann, wenn ich ehrlich bin.“ Chloe schmunzelte.

Ash nickte. Dass Sean Prescott Direktor Wells schmierte, damit „sein“ Vortex-Club die Sporthalle für eine Party, bei der wahrscheinlich in größerem Umfang mehr oder weniger legale Drogen konsumiert wurden, machte irgendwo Sinn – schließlich war es auch Wells, der im Zweifelsfall den Kopf hinhalten musste, falls überraschend die Polizei vor der Tür stand. Vorausgesetzt, dass die nicht auch von Prescott geschmiert wurde....

Inzwischen hielt Ash ihr Chemiebuch in Händen und bedeutete Chloe, dass sie wieder gehen konnten. Sich vorsichtig umsehend und betont unschuldig schlenderte Chloe einige Schritte voran in die Eingangshalle, ließ dann aber ihre Maske fallen und bedeutete Ash, dass Prescott, Wells, Drew und Rachel inzwischen verschwunden waren.

Doch anstatt schleunigst zum Ausgang zu eilen, so wie es Ash von ihr erwartet hatte, baute sich Chloe vor dem Süßigkeitenautomaten auf und musterte ihn eingehend. Leise fluchend schlug sie mehrfach gegen die Plexiglasscheibe des Automaten. Neugierig blickte Ash ihr über die Schulter, um zu sehen, was ihre Mitschülerin da trieb. Tatsächlich hing ein halb herausgefallener Schokoriegel im Automaten, auf den es Chloe wahrscheinlich abgesehen hatte. Aber auch verzweifeltes Rütteln am Automaten brachte keinen Erfolg.

Für einen kurzen Moment überlegte Ash, Chloe den Schokoriegel anzubieten, den sie kurz zuvor von Dana bekommen hatte. Andererseits: Angebissene Schokoriegel zu verschenken war auch nicht unbedingt die feine, schottische Art...

Bevor Ash einen Entschluss fassen konnte, hatte sich Chloe mit Anlauf gegen den Automaten geworfen. Und zu Ashs großer Überraschung war diese Aktion sogar von Erfolg gekrönt! Kurz darauf hielt Chloe ihr stolz ihren erbeuteten Schokoriegel unter die Nase. „Na, wer sagt es denn. Habe ich also doch das Zeug zur Piratin“, schmunzelte sie verschmitzt, bevor sie die Verpackung des Schokoriegels aufriss und das längliche Stück Schokolade mit drei hastigen Bissen verschlang.

„Ah, du denkst also über eine Karriere als Piratin nach, falls Plan A nicht klappt?“, frotzelte Ash.

„Ich hatte mal einen Plan A?“, fragte Chloe, immer noch kauend. „Na ja, Max und ich haben uns immer als Piraten verkleidet, als wir noch klein waren. Von Max hatte ich dir doch mal erzählt, oder?“, fuhr sie als sie den Kampf mit dem Schokoriegel schlussendlich gewonnen hatte.

Ash nickte. Chloe und ihre beste Freundin aus Kindertagen waren also des öfteren als Piraten verkleidet auf Schatzsuche. Ash wusste nicht genau, warum, aber diese Erkenntnis ließ ihr eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

„Max kommt übrigens heute aus Seattle runter nach Arcadia Bay. Vielleicht kommen wir auch zu der Halloween-Party am Sonntag. Max brennt, warum auch immer, total dafür, mal meine Schule von innen zu sehen.“ Chloe zuckte mit den Schultern.

„Ich hoffe doch, dass ihr dann standesgemäß als Piraten verkleidet auftaucht“, schmunzelte Ash.

„Arrrrhh“, bestätigte Chloe.

Als Ash und Chloe aus dem Schulgebäude traten, war Eliot immer noch da. Er stand, ausgelassen mit Warren Graham schwatzend, vor dem Sportgebäude.

„We are the hollow men

We are the stuffed men

Leaning together

Headpiece filled with straw. Alas!“, zitierte Ash.

„Von wem ist das“, wollte Chloe, nicht unbeeindruckt von dem zitierten Gedicht wissen.

„Eliot.“

Chloe machte große Augen.

„Ach so, nein“, lachte Ash, als sie Chloes Überraschung bemerkte. „Thomas Stearns Eliot. Nicht Eliot Eliot.“

„Gott, und ich dachte schon, dass er in seiner Freizeit Gedichte über sich selber schreibt“, meinte Chloe erleichtert.

„Na, vielleicht schreibt er ja auch Gedichte über dich“, frotzelte Ash.

Chloe erschauderte. „Nein, danke.“

Inzwischen hatte Eliot sie bemerkt und winkte mit seinem Lacrosse-Schläger, was Chloe zu einem entnervten Ausatmen veranlasste. „Geh weg! Geh endlich weg!“, knurrte sie durch ihre zusammengebissenen Zähne, während sie zurück winkte. Und tatsächlich drehte Eliot endlich ab.

„Zwischen euch läuft es im Moment nicht so wirklich, nehme ich an?“, wollte Ash wissen.

„Das kann man durchaus so formulieren, ja“, antwortete Chloe. „Eliot war der einzige, der sich wirklich für mich interessiert hat, nachdem mein Vater gestorben und Max einfach verschwunden ist, deswegen komme ich mir schon ein bisschen undankbar vor, ihn jetzt einfach so hängen zu lassen. Aber er kann manchmal so … besitzergreifend und egozentrisch sein. Und er ist halt nicht Max. Oder so.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Was im Übrigen nicht heißt, dass David Dödel recht hatte“, schob sie dann mit erhobenem Zeigefinger hinterher.

„Ok, das sind aber auch Sachen, in die ich mich nicht einmischen möchte“, ließ Ash verlauten. „Themenwechsel: Ich sollte dich daran erinnern, deine DVD von Steph abzuholen.“ Sie deutete zu der D&D-Gruppe am Picknicktisch, zu der sich nun auch Drew North gesellt hatte.

„Hey, Leute.“ Ash und Chloe hatten sich vor dem Picknicktisch aufgebaut, auf dem ein Spielplan und Mikeys Figur standen. Mikey war jedoch in eine Diskussion mit seinem Bruder verwickelt – dem ersten Eindruck nach eine Nachbesprechung des letzten Footballspiels der Schulmannschaft – während sich Steph hinter ihren Spielanleitungen verschanzt hatte und die dunkelhaarige Brillenträgerin gelangweilt an ihrem Handy daddelte.

Ein mehrheitlich gemurmeltes „Hi“ kam ihnen entgegen, ohne dass jemand von seinen Tätigkeiten abließ. Bis, wider erwarten, Drew North das Wort ergriff. „Dich habe ich doch schon mal irgendwo gesehen“, meinte er, mit gerunzelter Stirn an Ash gewandt.

Drews Kontakt zum örtlichen Drogendealer anzusprechen war, insbesondere in Gegenwart seines kleinen Bruders, wahrscheinlich keine gute Idee, also bemühte sich Ash redlich, ihre ja auch eher kurze und unerfreuliche Begegnung an Franks Wohnwagen unter Auslassung einiger Details zu beschreiben. „Ja, auf dem Parkplatz vor dem Two Whales, weil wir beide da … zufällig einem gemeinsamen Freund über den Weg gelaufen sind. Ist schon ein paar Wochen her.“

In Drews Gehirn begann es, sichtlich zu arbeiten. Dann riss er die Augen weit auf. „Ach ja, ich erinnere mich!“ Er warf Mikey einen Seitenblick zu, dann wanderte sein Blick zu seiner Armbanduhr. „Ich muss jetzt auch los, zum Trainig. Mach es gut, kleiner Bruder.“ Drew wuschelte Mikey durch die Haare. „Und zeig es diesem Dur... wie auch immer“, schob er noch im Gehen hinterher.

„Duurgaron! Er heißt Duurgaron! Und natürlich werde ich ihn fertig machen!“, rief Mikey seinem Bruder hinterher.

„Das hast du beim letzten Mal auch gesagt“, frotzelte Steph, die nun wieder hinter ihrem D&D-Buch hervorlugte. „Ach, hallo Chloe. Hab dich erst gar nicht gesehen. Warte mal, ich hab da was für dich.“ Sie begann, in ihrem Rucksack zu kramen, der neben ihr auf dem Boden stand. „So, hier, der Star-Trek-Film von vor einem halben Jahr. Macht dann fünf Mäuse“ Steph hielt Chloe die DVD entgegen.

„Ah, eine gute Wahl. Chris Pine ist ein toller Schauspieler“, kommentierte Mikey, während Steph und Chloe DVD gegen Geld tauschten.

„Ach, ist dem so?“ Steph setzte ein vielsagendes Grinsen auf.

„Was soll das denn jetzt wieder heißen?“, grummelte Mikey.

Nun meldete sich auch die Brillenträgerin zu Wort: „Kann es endlich mal losgehen? Ich habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.“ Sie deutete auf den Spielplan.

„Ach so, ja, sorry. Ich glaube, ich habe euch auch noch gar nicht vorgestellt. Brooke, das sind Chloe und Ash. Chloe und Ash, das ist Brooke.“ Steph wedelte ein paar Mal zwischen den drei Personen hin und her, während sich Chloe und Ash zu Steph, Mikey und Brooke auf die Bänke des Picknicktischs gesellten.

„Du bist doch die Irre, die letzte Woche im Chemieunterricht naszierenden Wasserstoff hergestellt hat, um ihn dann direkt wieder abzufackeln, oder?“, wollte Brooke nun von Ash wissen, die daraufhin nur stumm nickte. „Du hättest dabei fast Warren getötet! Was für eine Ironie, dass er dich anschließend gefragt hat, ob du mit ihm ins Autokino fahren willst.“

„Und ich bekomme den Ärger, wenn ich Leute anzünde“, grummelte Chloe.

„Öhm“, stammelte Ash. „Er stand halt etwas ungünstig. Und falls es dich tröstet: Ich kann mit Autokinos nicht so wirklich was anfangen. Und den Affen lässt er vielleicht am besten dann raus, wenn niemand dabei ist.“

Steph schmunzelte, angesichts von Ashs Wortwahl, und Brooke wirkte jetzt deutlich zufriedener, als sie mit ihren Fingern auf den Spielplan trommelte. „Dann ist ja gut. Also, können wir dann jetzt...“

Sie wurde vom Klingeln eines Handy unterbrochen, welches Chloe auch sogleich aus ihrer Hosentasche kramte. Es handelte sich um ein eindeutig schon recht betagtes Modell eines Aufklapphandys, das mit diversen Stickern und Aufklebern verziert war.

„Hey, Maxipad, was gibt's?“

Während Chloe ihrem Anrufer zuhörte, formte Steph mit ihrem Mund sehr eindeutig den Begriff „Gaaaayyy“, woraufhin Mikey fünf Finger hochhielt. Doch Steph schüttelte den Kopf und hielt alle zehn Finger hoch. Mikey stimmte mit einem Schulterzucken zu.

„Was, schon hier? Ach, so spät schon?“ Chloe versuchte, einen Blick auf Mikeys Armbanduhr zu erhaschen. „Oh, fuck. Bin sofort da.“ Mit einem Tastendruck beendete sie den Anruf. „Sorry, Leute, ich muss los, jemanden vom Busbahnhof abholen.“ Chloe sprang auf.

„Klar, kein Ding“, bestätigte Steph. Doch das bekam Chloe schon nicht mehr mit, da sie bereits Richtung Parkplatz entschwunden war.

„So, jetzt aber“, forderte Brooke, wieder auf den Spielplan deutend.

Doch Ash war von zwei Raben abgelenkt, die es sich, ohne dass es bisher jemand mitbekommen hatte, am Kopfende des Tisches bequem gemacht hatten.

„Ah, da sind ja mal wieder deine beiden Freunde“, schmunzelte Steph. „Die scheinen dich ja echt zu mögen.“

„Da haben sie auch allen Grund zu“, antwortete Ash, während sie die Reste des Schokoriegels aus einer der zahlreichen Taschen ihrer Hose hervor holte, ihn in zwei zumindest ansatzweise gleichgroße Stücke brach, und jedem der beiden Raben ein Stück entgegen hielt. Zur allgemeinen Überraschung nahmen die Raben das Geschenk begierig an und schlangen es, schneller als man gucken konnte, herunter.

„So, jetzt können wir anfangen“, verkündete Steph schlussendlich und holte eine weitere Charakterfigur hinter ihrem aufgeklappten Buch hervor. „Also, Ash, das ist ab jetzt dein Charakter, ein Halblingsalchemist...“

 

„Du starrst sie schon wieder an.“

„Tu ich gar nicht!“

„Doch, Maxipad, das tust du. Wenn du auf Rachel Amber stehst, kannst du mir das ruhig erzählen. Steph hier kann dich sicher mit ihr verkuppeln.“ Chloe Price wackelte mit den Augenbrauen, während sie Steph freundschaftlich auf die Schulter klopfte.

„Und was, wenn ich gar nicht auf Frauen stehe?“ Stephs skeptischem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, kaufte sie der Person, die die sagenumwobene Maxine seine musste, ihre Aussage absolut nicht ab.

Ash hätte einiges dafür gegeben, während der Konversation, die sie da gerade mehr oder weniger unfreiwillig aus einigen Schritten Entfernung mit angehört hatte, Max' Gesichtsausdrücke – oder auch nur ihr Gesicht im allgemeinen – beobachten zu können, aber Max stand nun einmal mit dem Rücken zu ihr, und Ash wollte auch nicht allzu offensichtlich um die Gruppe herumstreifen. Mal davon abgesehen, dass sie direkt neben dem Tisch mit den Süßigkeiten stand und einen hervorragenden Blick auf die als recht aufreizendes Teufelchen verkleidete Rachel Amber hatte, die sich angeregt mit einigen Lehrkräften unterhielt.

Es hatte sich tatsächlich gelohnt, zur schulinternen Halloween-Party zu kommen. Insbesondere, wenn man bedachte, dass es Süßigkeiten und Softdrinks umsonst gab, war die dem Anlass angemessen dekorierte Eingangshalle der Schule relativ leer. Nur hier und da standen kleine Grüppchen aus Schülern und Lehrern herum und unterhielten sich bei gedämpfter Hintergrundmusik. Wahrscheinlich war es den meisten Schülern wichtiger, sich auf das größere Event an diesem Tag – der Vortex-Halloween-Party – angemessen vorzubereiten.

Auch Nathan war, zusammen mit seinem Harem, der aus Samantha, Kelly Davis und einer recht großen Blondine, deren sehr flauschig aussehende Pixie-Frisur Ash gerne einmal gestreichelt hätte, bestand, zeitig wieder gegengen. Was Ash aber nur recht sein konnte, da sie jetzt wenigstens in Ruhe in der Ecke stehehn und Jelly Beans essen konnte. Lediglich für Dana, die, wahrscheinlich wegen des geringen Andrangs, geknickt in der Ecke stand, tat es ihr leid.

„Ok, wenn Kerle also eher dein Fall sind, dann fordere ich dich dazu heraus, diesen attraktiven Axtmörder dort drüben zu küssen.“ Ash zuckte vor Schreck zusammen, als Chloe geradewegs auf sie deutete.

Chloe versuchte doch nicht gerade ernsthaft, sie als Jungen zu verkaufen, oder? Andererseits: Ashs Pferdeschwanz war unter einer Waschbärfellmütze, die sie in einem Umzugskarton, der noch in einer dunklen Ecke ihres Zimmers stand, gefunden hatte, versteckt und ihr weites, blutverschmiertes Flanellhemd versteckte ihre nicht ganz so weite Oberweite auch ganz gut. Und ihre nicht unbedingt weiblich-weichen Gesichtszüge taten wahrscheinlich ihr übriges, um sie zumindest auf den ersten Blick als Mitglied des männlichen Geschlechts durchgehen zu lassen.

Nun drehte sich auch Max zu Ash um und trat einige Schritte auf sie zu. Währenddessen beobachtete Steph, die mit einer langen Kutte mit Kapuze und einer nichtssagenden Maske, die sie für das Gespräch mit Chloe und Max abgenommen hatte, irgendeinen ihrer Aussage nach sehr bekannten D&D-Charakter darstellen wollte, mit einem faszinierten Funkeln in den Augen das Geschehen.

Inzwischen hatten sich sowohl Chloe wie auch Max vor Ash aufgebaut – und endlich wusste Ash, warum ihr die beiden in ihren Piratenkostümen so verstörend bekannt vorgekommen waren: Die beiden waren die als Piraten verkleideten Kinder in einem ihrer ersten Träume gewesen!

„Und was, wenn dieser Axtmörder gar nicht geküsst werden möchte?“, wandte Max nun gegen Chloes Vorschlag ein.

„Du bist doch nur ein Angsthase!“

„Gar nicht wahr!“

„Dann fordere ich doch nochmals heraus: Küss ihn jetzt!“ Erwartungsvoll sah Chloe ihre Jugendfreundin an.

Und diese trat nun tatsächlich weiter auf Ash zu. Ihre Körper berührten sich schon fast, als Max sanft ihre Hände auf Ashs errötende Wangen legte, die immer noch zu Überrascht war von der Einsicht, wer da gerade direkt vor ihr stand, als dass sie auch nur einen Laut hervorbringen konnte. Ganz davon abgesehen hatte sie doch noch nie jemanden geküsst, da würde sie sich jetzt doch garantiert total blamieren! Und warum, verdammt noch mal, war ihre wichtigste Sorge, dass ihre Kussfertigkeiten für ihr Gegenüber nicht ausreichend waren, und nicht, dass sie kurz davor stand, eine Frau zu küssen?

Nun kam auch Maxines Gesicht immer näher – und zu Ashs großer Überraschung vermeinte sie, auch in ihren wasserblauen Augen einen Funken des Wiedererkennens aufblitzen zu sehen. Dann trafen sich ihre Lippen und Ash zog es beinahe den Boden unter den Füßen weg.

Max' Hände lösten sich von Ashs Wangen und schoben ihr sachte die Waschbärfellmütze vom Kopf, um dann sogleich zu den Knöpfen ihres Hemdes zu wandern und diese, einen nach dem anderen, aufzuknöpfen, ohne sie dabei auch nur einen Moment aus dem Kuss zu entlassen. Gott sei Dank hatte sie noch kurzentschlossen ein weißes T-Shirt unter dem Hemd angezogen!

„Jetzt geht es aber ab, hier“, hörte Ash Chloe neben sich feixen.

Schlussendlich brach Max den Kuss, nicht ohne vorher noch das Hemd graziös von Ashs Schultern gleiten zu lassen.

„Chloe, ich glaube, du musst mir da etwas erklären“, forderte Max nach eingehender Musterung ihrer Kusspartnerin, nicht ohne einen Schmollmund zu ziehen und ihre Arme demonstrativ vor der Brust zu verschränken.

„Ich weiß, das war fies“, gestand sich Chloe ein. „Aber Ashley ist meines Wissens in Großbritannien ein gar nicht mal so unüblicher Jungenname.“ Sie grinste verschmitzt. „Sind wir trotzdem noch BFF-Piraten?“

„Chlobär, du weißt doch, dass ich zu deinem Dackelblick nicht nein sagen kann“, bestätigte Max und ließ sich von Chloe widerstandslos in eine Umarmung ziehen.

„Mal davon abgesehen, dass Ash ihre Rolle auch sehr hervorragend gespielt hat“, konnte sich Steph nun nicht verkneifen. „Wenn du jemanden zum reden brauchst, weißt du ja, wo du mich findest“, fügte sie leise an die immer noch verdatterte Ash gewandt hinzu.

„Klar. Aber ich komm schon irgendwie klar, glaube ich“, nuschelte Ash, während sie sich wieder das Hemd überstreifte und die Waschbärfellmütze aufsetzte.

Chloe hatte Max zwischenzeitig wieder losgelassen und machten nun Anstalten, nicht nur Steph und Mikey, sondern auch Ash in ihre kleine Gesprächsrunde mit einzubeziehen.

„Wo wir ja gerade von Rachel Amber sprachen: Der Lehrer, mit dem sie sich gerade unterhält, ist Arndt Eistert, oder?“, begann Max das Gespräch.

Chloe warf einen knappen Blick über die Schulter und bestätigte dann Maxines Frage. „Japp. Ist der Fotografielehrer hier. Geht meines Wissens nach nach diesem Schuljahr offiziell in Rente. Muss man den kennen?“

„Na ja, er hat in den Sechzigern und Siebzigern einige recht bekannte Fotos geschossen. Ich finde es aber auch faszinierend, dass er immer noch als Lehrer tätig ist“, erläuterte Max

Chloe verschluckte sich beinahe an ihrer Cola. „Warte, was? Will ich wissen, wie alt der ist?“

„Höllisch alt. Mitte 80 oder so. Ist, glaube ich, Jahrgang 1927.“

„'Höllisch'? Wer sagt sowas?“ Chloe schmunzelte.

„Öhm“, stammelte Max. „Hipster in Seattle. Ist ansonsten aber eher so ein Cali-Ding.“ Max wirkte für einen Moment, als würde sie etwas neben sich stehen.

Mit einem knappen „Ah“ nahm Chloe Max' Erläuterungen zur Kenntnis. „Höllisch... Könnte man sich eigentlich mal merken, den Begriff.“