Actions

Work Header

Red Silver

Chapter Text

„Und du glaubst tatsächlich daran, dass du es noch länger aushältst?"

Sie warf sich ihr schwarzes, langes Haar hinter ihre Schulter, während sie sich ihren beigen Trenchcoat richtete und die Schlüssel in die Hand nahm. Die Frage, die von ihr in den Raum geworfen wurde, war mehr eine Feststellung für sich, als wahrhaftes Interesse.

„Namie-san, sorgt sich da etwa jemand?", säuselte jemand mit schwarzen Haaren, der amüsiert hinter seinem Laptop hervor schaute. Sie zischte daraufhin, bevor sie genervt die Augen verdrehte.

„Du weißt genauso gut wie ich, dass ich mir erst Sorgen um dich mache, wenn Seijis Leben von deinem abhängig ist."

Damit wandte sie sich ab, ergriff die Türklinke und verließ das Apartment, bevor er antworten konnte. Die Tür knallte dabei erbarmungslos, was eindeutig Namies schlechter Laune zuzuschreiben war.

Izaya seufzte.

Er wusste, sie würde heute auf Jagd gehen. Die unausgesprochene Einladung mitzukommen, konnte er dabei nicht ignorieren. Es war ihre Art ihm zu zeigen, dass sie sich trotzdem Sorgen machte, auch wenn sie es vielleicht nicht offen zugeben würde. Und dennoch musste er ihre Einladung ablehnen.

Er wäre nicht Izaya Orihara, wenn er bereits nach einer Woche auf Jagd gehen musste.

„Namie-san, Namie-san…", sagte er tadelnd in den leeren Raum, bevor er sich aufrichtete und seine müden Knochen streckte.

Dennoch konnte er den ansteigenden Durst in seiner Kehle nicht mehr viel länger ignorieren. Es kitzelte tief in seinem Rachen und kroch langsam seinen Hals hinauf; wie ein Drache der Feuer speien wollte. Es war wie ein Hunger, den man zu lange ignoriert hatte. Und leider war es heute sehr extrem ausgeprägt. Das schien selbst seine Sekretärin Namie Yagiri gemerkt zu haben.

Izaya seufzte erneut.

Dann besser heute Abend.

Die nächsten Tage waren vollgepackt mit Terminen, da konnte er es sich nicht leisten, vor Blutdurst den nächstgelegenen Menschen zu überfallen. Das kam nicht gut fürs Geschäft und ganz sicher nicht für seinen Ruf.

Während er sich seinen schwarzen Plüschmantel über die Schultern zog, schnappte er sich zwei seiner etlichen, in der Wohnung verteilten Handys. Er erwartete immerhin noch einen Anruf von einem seiner Klienten. Und er konnte seinen Beruf nur wegen seinem Lebensstil nicht vernachlässigen.

Pah, Lebensstil

Izaya zog eine Grimasse. Vampir zu sein, war nicht unbedingt ein Lebensstil, sondern eher wie eine unabwendbare Krankheit. Wie Diabetes. Einmal gehabt, wirst du es nicht mehr los, sondern musst dein Leben der Krankheit anpassen. Nur, dass es schon immer sein Leben gewesen war.

Izaya schüttelte schnell den Kopf, bevor er die Klinke ergriff und in die Dunkelheit trat.

.

Es war Spätherbst, die Bäume färbten sich in bunte Kunstwerke und die Luft wurde klirrend kalt, sodass sich die meisten Leute auf den Straßen warm anzogen, doch für Izaya war es nicht wirklich kalt. Es fühlte sich immer gleich an. Es war nie zu heiß oder zu kalt. Er fror nie, oder schwitzte. Es mochte Vorteile haben, doch Izaya hatte es schon immer gehasst. Gehasst, dass er manche Dinge nicht fühlen konnte. Gehasst, dass er nicht wusste, wie sich seine geliebten Menschen fühlten. Dass er nicht immer nachempfinden konnte, was in ihnen vorging.

Und die größte Frage, die er sich immer stellte, würde immer dieselbe sein.

Wie war es wohl ein Mensch zu sein?

Deshalb seine Berufung.

Informationshändler unter Menschen sowie Vampiren. Menschen faszinierten ihn. Sie handelten so völlig unterschiedlich, so völlig bizarr in einigen Situationen, dass es ihn verrückt machte. Sie konnten noch so gleich aussehen oder dieselbe Tätigkeit nachgehen – ihr Charakter war es nicht. Und genau dieses Niveau suchte er. Interessante Charaktere, die etwas zu bieten hatten.

Izaya trat aus dem Taxi, das er sich bestellt hatte und befand sich nun in Ikebukuro, den Stadtteil, den er von Tokyo am Liebsten mochte. Hier hatte er beinahe sein halbes Leben verbracht. Mal ganz davon abgesehen, dass Shizuo ihn gefühlte tausend Mal um den Block gejagt hatte. Der schwarzhaarige Mann grinste lasch und setzte sich seine Kapuze auf, damit er sich nicht um andere Leute sorgen brauchte. Helles Kunstfell rankte sich am Rand der Kapuze, wodurch sein Gesicht noch einmal extra verdeckt wurde. Seine sonst rostbraunen Augen leuchteten dunkelrot im Schatten seiner Verdeckung.

Heute wollte er nicht auffallen.

Heute wollte er auf Jagd gehen.

„Guten Abend der Herr, ein Tisch für eine Person?", fragte der Angestellte höflich und verneigte leicht den Kopf, als Izaya eines der exklusiveren Restaurants von Ikebukuro betrat.

Der Informant blieb an der Türschwelle stehen und betrachtete den Herrn von Kopf bis Fuß, was jedoch nur in einigen Sekunden geschah. Der junge Mann – er mochte nicht viel älter als zwanzig sein, trug – wie alle anderen Angestellten des Geschäfts – ein schwarzes Hemd mit einer weißen Weste, dazu eine bordeauxrote Fliege, die ihm ausgezeichnet stand, wie Izaya feststellte. Er hatte seine original schwarzen Haare braun gefärbt, was bereits am Ansatz auffiel, doch er vertuschte es, indem er seine kurzen Haare geschickt auf die andere Seite platzierte. Er verströmte einen frischen Duft, vermutlich hatte er heute Morgen geduscht. Jedoch nahm Izaya noch etwas anderes an ihm war: Den Duft einer Frau. Innerlich strich Izaya ihn von seiner potenziellen Opferliste.

Gerademal drei Sekunden waren innerhalb seiner kleinen Analyse vergangen, doch inzwischen merkte selbst der junge Angestellte, dass Izaya etwas zu lange beim Antworten brauchte, denn er hob fragend die Augenbraue. Izaya blinzelte kurz.

„Guten Abend. Schon in Ordnung, ich setze mich an die Bar, wenn das keine Unannehmlichkeiten verursacht?", säuselte Izaya schließlich in seiner besten Ausgeh-Stimme, die jeden um den Finger wickeln konnte, während er die Kapuze vom Kopf nahm. Er sah daraufhin, wie der junge Angestellte ihn perplex angaffte. Erst überrascht und dann mit einem Blick, der bedeutete, dass er ihn kennen musste. Izaya verengte die Augen.

„Nein, nein, Sie dürfen sich setzen, wo es Ihnen beliebt!", beeilte er sich zu sagen, als er sich von Izayas bedeutsamen Blick eingeschüchtert fühlte.

„Vielen Dank.", antwortete er mit einem Engelslächeln, bevor er sich auf dem Weg zur Bar machte.

Seltsam.
Wer war dieser Angestellte bloß…?
Izaya hob wachsam den Blick und besah sich die Bar. Es war nicht viel los.

Nur hier und da verweilten einige junge Männer und tranken Sake, um ihre Sorgen verschwinden zu lassen. Von der Bar aus hatte man den besten Blick über das gesamte Lokal. So konnte er sich potenzielle Opfer gezielter aussuchen. Der Informant setzte sich schließlich an einen der freien Barhocker und stützte sich mit seinen Armen ab auf dem Tresen ab.

„Sie möchten etwas trinken, der Herr?", wurde er von einem Cocktail mischenden Barkeeper angesprochen, der ihn mit einem gelangweilten Blick ansah.

„Einen Scotch bitte. Mit drei Eiswürfel und zwei Schuss Zitrone."

Er nickte lediglich als Bestätigung, doch zu Izayas Überraschung lief er in den hinteren Teil des Lokals davon, anstatt ihm den Scotch zu servieren. Neugierig blickte Izaya ihm hinterher. Dank seiner Sinne als Vampir konnte er besser sehen und besser hören, als seine geliebten Menschen – wenn er nur wollte. Und das verschaffte ihm einen deutlichen Vorteil. Als er seine Ohren spitzte, konnte er tatsächlich einen kleinen Teil der Konversation heraushören.

„…Kunde wartet, Neuling. Mach dass du an die Arbeit kommst."

Niemand antwortete dem Barkeeper, also ging Izaya davon aus, dass derjenige stumm geantwortet hatte.

Dann war Stille.

Es dauerte noch etwa eine halbe Minute, bevor sich etwas hinter dem dunkelroten Vorhang bewegte, hinter dem der murrende Barkeeper verschwunden war. Oh nein…

Izayas Nasenflügel bebten, als er den einmaligen Geruch ausmachen konnte, der nur einem Menschen gehörte. Wieso hatte er das vorher nicht schon bemerkt?

„Guten Abend. Was wünschen Sie zu trinken?"

Mit einer lauten und dunklen Stimme, die Izaya leider nur zu gut kannte, tauchte ein großer, blonder Mann hinter dem Vorhang auf. Izayas Augen weiteten sich und seine Instinkte setzten ein.

Nicht jetzt.

Nicht hier.

Er war auf Jagd.

Er konnte es sich nicht leisten, Katz' und Maus zu spielen. Nicht, wenn der Hunger an ihm nagte, wie Ratten an einem verrotteten Stück Käse.

Und bevor Izaya sich selbst dran hindern konnte, war er bereits vom Barhocker aufgesprungen und stand festgefroren an Ort und Stelle, wie ein Reh im Lichtkegel. Der „Neuling", der von dem Geräusch abgelenkt wurde, hob nun doch den Kopf, bevor er sich seinen Kunden erst genauer ansah. Ihre Blicke trafen sich.

„Izaya…", kam es knurred von ihm und das erweckte einige Leute an der Theke aus ihrer Trunkenheit, wodurch sie von ihrer Tätigkeit zu ihnen herüber sahen.

„Shizu-chan! So sieht man sich wieder!", erwiderte Izaya euphorisch und ablenkend zugleich, und versuchte sich innerlich zu beruhigen.

Er durfte nicht flüchten.
Nicht heute und nicht hier.
Er hatte etwas anderes zu erledigen.
Izaya setzte sich wieder ganz gemächlich auf seinen Barhocker, als sei nichts gewesen. Ein schelmisches Grinsen bedeckte sein Gesicht, während er den „Neuling" genaustens unter die Lupe nahm.

Shizuo Heiwajima.

Er war groß und schlank, hatte blond gefärbtes Haar und trug eines seiner Bartender Outfits, die er vor einigen Jahren von seinem jüngeren Bruder geschenkt bekommen hatte. Sein Gesicht war grimmig verzogen, so wie immer, wenn die beiden sich begegneten. Einige Bartstoppeln zierten seine untere Gesichtshälfte, woraus Izaya schloss, dass er schon länger nicht mehr den Rasierer gesehen hatte. Braune Augen waren verengt und starrten ihn scharf an, so als ob er gleich einen Mord begehen würde – von Izayas bevorstehenden „Jagd" mal ganz abgesehen.

Es verwunderte Izaya, dass er überhaupt hier war. Erstmal in einem der teuersten Lokale Ikebukuros und dann auch noch hinter einer Bar. Hatte er ihn nicht schon oft genug von dieser Position verjagt? Außerdem, was war mit Tom Tanaka? Izayas Blick ging zurück zu Shizuos Händen und in seiner rechten Hand hatte er bereits ein Glas, um vermutlich eines der meist genommenen Getränke zu servieren, doch das Objekt in seiner Hand würde bald nicht mehr existieren, dass wusste Izaya ganz genau.

„Verschwinde aus Ikebukuro, du Mistkerl…", flüsterte Shizuo ihm wutgeladen zu und sein Blick flackerte nebenbei zu einem der Angestellten, der am Eingang stand. Izaya folgte dem Blick und stellte trocken fest, dass es derselbe Mann war, der ihn begrüßt hatte.

„Warum sollte ich? Ich bin nur hier um ein Glas Scotch zu genießen. Bist du nun ein Bartender und kannst meinen Wunsch erfüllen oder hast du dich nur als einer verkleidet?"

Izaya brauchte nicht einmal die speziellen Sehfähigkeiten seines Vampir-Seins, um die große Wutader auf Shizuos Stirn zu entdecken. Der blonde Mann knirschte mit den Zähnen und musste sich zusammen reißen, um das Glas in seiner Hand unversehrt auf den Tresen abzustellen. Oh Wunder, es war doch heile geblieben.

„Es kann kein Zufall sein, dass du hier bist, du Pest! Also empfehle ich dir, Ikebukuro sofort zu verlassen, sonst kannst dich auf was gefasst machen!", drohte Shizuo erneut und begann am ganzen Körper zu zittern.

„Kein Scotch? Also war es doch nur eine Verkleidung? Shizu-chan, ich wusste gar nicht, dass du Karneval feierst. Seit wann interessierst du dich für die westliche Kultur?", fuhr Izaya fort, als hätte er die Drohung in Shizuos Stimme gar nicht wahr genommen.

Izaya liebte diese kleinen Spielchen.

Dieses Risiko.

Jedes Mal wenn sie aufeinander trafen, konnte Izaya nicht anders. Es machte zu viel Spaß.

Auch wenn sein Durst von Minute zu Minute stärker in seiner Kehle brannte.

„I-ZA-YA!"

Auf Izayas letzte Provokation hin, schien Shizuo der Kragen geplatzt zu sein und er langte bereits über den Tresen mit seiner Hand hinweg, um den Informanten am Mantel zu erwischen. Doch Izaya war schon lange vom Barhocker aufgestanden und ausgewichen. Daraufhin erschien bereits der junge Mann der ihn begrüßt hatte, an seiner Seite.

„Gibt es ein Problem?"

Obwohl die Frage vor allem an Shizuo gewandt war, musste Izaya antworten.

„Ihr Mann dort drüben ist gar kein Bartender. Er kann mir nicht einmal einen Scotch servieren. Wirklich schade."

Doch bevor der Angestellte darauf etwas erwidern konnte, nahm Shizuo plötzlich Anlauf und sprang mit einem Satz über die Anrichte der Bar hinweg. Überrascht konnte Izaya fast nicht mehr ausweichen, und stolperte die drei kleinen Treppenstufen hinunter, die zur Bar geführt hatten. Sofort als er seine Balance wieder hatte, hechtete er ungeachtet der anderen Anwesenden durch die Tür hinaus ins Freie. Dabei musste er sich zusammen reißen, wie ein Mensch zu laufen. Denn es erwies sich nicht immer als ganz einfach, sein Tempo zu verlangsamen.

Shizuo war ihm trotz des „langsamen Laufens" dicht auf den Fersen. Izaya war schon immer schneller, als Shizuo es je sein konnte, doch heute hatte er nicht vor gehabt, zu flüchten. Es ärgerte ihn, dass Shizuo ihn dazu zwang.

Er zischte.

„Bleib stehen, du Bastard!", rief Shizuo dicht hinter ihm.

Izaya ignorierte die gesprochene Drohung, doch was er nicht ignorieren konnte, waren die geworfenen Gegenstände, die auf es auf ihn abgesehen hatten. Ein Straßenschild, ein Getränkeautomat und ah – ganz neu – Mülleimer. Aber nicht die kleinen Mülleimer, die man im Haushalt benutzte, sondern die großen Müllcontainer, die von der Müllabfuhr abgeholt wurden.

Izaya sprang gerade noch rechtzeitig zur Seite, bevor der Container ihn treffen konnte. Das Objekt kam mit einem lauten Knall auf dem Asphalt auf, zersplitterte in seine Einzelteile und er hörte die Leute kreischen. Es war bekannt, dass die beiden seit eh und je Erzfeinde waren. Und es war auch bekannt, dass Shizuo irgendwelche monströse Kräfte in sich verbarg, die niemand verstand.

Doch Izaya weigerte sich vehement, ihn als einen Menschen zu akzeptieren. Shizuo war kein Mensch und Shizuo war kein Vampir.

Also war ein Monster.

„Du Bastard! Bleib stehen, damit ich dir das Gesicht polieren kann!", rief Shizuo plötzlich von der Seite. Izaya hatte nicht aufgepasst. Er konnte gerade noch die Faust erkennen, bevor diese ihn streifte und der Informant von dem Druck des Schlages in eine Betonwand prallte.

Izayas Kampfinstinkte erwachten, als er aus dem Putz der Wand sprang und aller Spaß aus seinem Gesicht wich. Seine Sinne schärften sich, während er sich seine schmerzende Wange rieb. Blut hatte sich in seinem Mund gesammelt und er spuckte es verächtlich zur Seite. Direkt vor ihm stand das Monster und blickte ihm mit einem furiosen Blick an.

Die Tatsache, dass Izaya seinen Schlag hingenommen hatte, wie einen Sandsack, überraschte Shizuo zwar für einen kleinen Augenblick, jedoch kam die Wut schneller zurück und übernebelte logische Denkvorgänge. Immerhin konnte er mit seinen Fäusten Leuten Zähne heraus schlagen oder die Nase brechen – oder sogar noch Schlimmeres. Doch zu Izayas Glück schien Shizuo immer noch nicht aufgefallen zu sein, dass Izaya anders war. Nun, es war auch das erste Mal, dass der blonde Mann ihn wirklich erwischt hatte… Abgesehen von ein oder zwei streifenden Fausthieben.

„Ich weiß ganz genau, warum du dort warst, du elendiger Parasit! Du kannst mich nicht in Ruhe lassen, stimmt's?", begann der Shizuo schließlich und trat einige Schritte in Izayas Richtung. Dieser wechselte daraufhin unauffällig in eine Kampfstellung und bereitete sich vor auf das, was eventuell kommen mochte.

„Aber Shizu-chan, wie eingebildet! Die Welt dreht sich doch nicht immer nur um dich!", konterte Izaya und gestikulierte mit seinen Armen in der Luft. Shizuo zischte abfällig.

„Du wolltest, dass ich gekündigt werde. Nur darauf hattest du es abgesehen! Gib es zu!"

Shizuo war vollgepumpt mit Adrenalin und Izaya sah einfach für mehrere Sekunden stumm zu, wie er wild ein- und ausatmete und grinste unverschämt. Dann – es waren vielleicht zehn Sekunden vergangen, in denen nichts geschah – kam ein letzter Atemzug, bevor der blonde Mann tief seufzte. Und als er den Blick hob, war jegliches Kampffieber aus seinen Augen verschwunden. Shizuo schien sich damit abgefunden zu haben, dass der Informant nicht aufhören würde.

Izaya verengte die Augen.

„Verschwinde von hier, Izaya-kun…"

Der blonde Mann fischte sich seine Zigarettenpackung aus seiner Weste und vollzog einen bekannten Move, sodass eine Zigarette nach oben kam. Shizuo dachte wohl, der Kampf war vorbei, aber wenn es nach Izaya ging, war er noch lange nicht vorbei.

Oh nein.

Bevor Shizuo auch nur blinzeln konnte, schnellte Izaya mit seinen Vampir-Reflexen vor dessen Körper und packte den anderen kurzerhand an seinem weißen Hemd. Man sah gerade noch, wie Shizuos Augen sich entsetzt weiteten und er die unangezündete Zigarette aus seinen Mund fallen ließ, bevor sich der Informant in Bewegung setzte und die Gegend vor seinen Augen verschwamm. Innerhalb weniger Sekunden hatte er den ehemaligen Bartender in eine abgelegene Seitengasse transportiert und drückte ihn mit unmenschlicher Gewalt an die Wand. Vampire verfügten über starke Muskelkraft wenn sie wollten oder wenn es die Situation erforderte – doch es war das erste Mal, dass Izaya sie gegen Shizuo einsetzte.

„Du hast ja keine Ahnung, Shizu-chan…", begann Izaya mit unheimlich gesenkter Stimme, drückte seine Finger noch ein Stückchen enger in seine Kehle, als sowieso schon.

Shizuo öffnete langsam seine braunen Augen und knurrte, während er seine eigenen Hände an die des Flohs legte. Doch Izaya spürte nichts.

„I-za-ya…!", kam es von ihm, jedoch klang sein Name nur wie der heisere Hauch eines Flüsterns.

„Izaya, Izaya…kannst du eigentlich auch noch etwas anderes sagen, außer meinen Namen? Oder bist du etwa so besessen von mir?"

Izaya grinste bitter und beobachtete ganz genau, was sein Erzfeind tat. Der blonde Mann atmete mit jeder Sekunde langsamer und es schien ihm anhand des Sauerstoffmangels immer schwerer zu fallen, die Augen offen zu halten.

„S-Seit…seit…wann…hast du…"

Shizuo versuchte offensichtlich eine Frage zu stellen, doch er kam vor Anstrengung nicht dazu, sie zu beenden.

In dem einen Moment, traf es Izaya wie ein Schlag.

Es war, als käme alles auf ihn zu.

Alles, was es an Shizuo gab.

Alles, was Shizuo ausmachte.

Seine braunen Augen, die aussahen wie das Sommerfell eines Rehs. Seine leicht gebräunte Haut, die noch aus dem vergangenen Sommer existierte. Sein Geruch, pikant, leicht rauchig und mit einer feinen Note Vanille. Sein Atem, hektisch und doch flach. Sein Puls, der erst schnell raste und dann nach und nach langsamer wurde.

Und dann sein Blut!

Izaya konnte es hören.

Wie es unruhig floss; wie es von seinem Herzen durch die Adern gepumpt wurde. Es bettelte ihn an, flehte ihn an.

Izaya wurde starr.

Seine Augen leuchteten in einem hellen Rot, glitzerten wie Rubine in der dunklen Nacht, während seine Saugzähne langsam zum Vorschein kamen. Es kitzelte in seiner Kehle, begann zu brennen und der Durst wurde unerträglich.

Nein.

Nicht hier.

Nicht Shizuo.

Doch innerlich war ihm bereits bewusst, dass es zu spät war. Zu spät, um abzuwenden, was nun passieren sollte.

Ohne seinem Körper überhaupt dem Befehl gegeben zu haben, näherte sich Izaya Shizuos Halsschlagader, drückte dabei seinen schmächtigeren Körper an den größeren von Shizuo. Sie pumpte von allen Adern am stärksten und schrie quasi danach, von seinen Zähnen durchbohrt zu werden. Ein letztes Mal schluckte Izaya angesammelte Spucke hinunter und versuchte sich seinem Körper zu widersetzen, doch es klappte nicht. Ohne eigenen Willen nahm Izaya langsam seine Hände von Shizuos Kehle, neigte Shizuos Kopf sanft zur Seite und liebkoste mit seiner Zunge die Halsschlagader. Er strich langsam hinauf, bis er bei seinem Ohr war.

Er hörte sein Opfer stöhnen und das war das letzte was er für die nächsten Minuten hörte, bevor er die Zähne in Shizuos Hals vergrub und der Blutrausch ihn übernahm.

Doch was dann kam, überraschte ihn.

Es fühlte sich nicht nur sättigend an, sondern auch, als ob eine geballte Ladung an Volt durch seinen gesamten Körper gejagt wurde. Noch nie hatte er so etwas gespürt. Noch nie hatte sein Körper so reagiert. Izaya konnte ganz genau die Energie seines Opfers spüren, die ihn erfüllte; die ansteigende Wärme, die sich in seinen Adern ausbreitete wie ein Lauffeuer.

Was war das?

Wieso fühlte ich mich so?

Wieso kann ich nicht aufhören?

Es war, als wäre er nicht mehr, als eine Maschine. Als würde er von jemand anderen gesteuert werden.

Wieso konnte er nicht aufhören?

Er musste aufhören!

Doch Izaya saugte und trank, als würde sein Leben davon abhängen.

Warum?

Wieso konnte er nicht aufhören?

Weil es absolut köstlich schmeckte.

So köstlich wie noch nie.

Izaya erschrak bei seinen eigenen Gedanken.

Nein!

Nein.

Das stimmte nicht!

Es…

Er…

Er würde nicht noch länger Blut von diesem Monster trinken!

Shizuo war ein Monster.

Kein Mensch!

Mit aller Gewalt schaffte Izaya es irgendwann, sich von Shizuo loszureißen, während sein eigener Atem durch seine Lunge hechtete, wie schon seit Jahren nicht mehr. Zitternd stand er im Dunkeln der Seitengasse, während etwas Blut von seinen Lippen hinunter auf den Boden tropfte und erst dann blinzelte Izaya hinunter zu seinem Opfer.

Shizuo lag bewusstlos auf dem Boden vor ihm und war blass wie eine Leiche. An seinem Hals sah man noch die zwei Einstiche, die seine Zähne verursacht hatten.

Er hatte ihm zu viel Blut abgenommen.

Izaya ging in instinktiv in die Hocke – wie er es jedes Mal nach einer Mahlzeit tat – und fuhr sanft mit Zeige- und Mittelfinger über die zwei Einstiche. Es war eine Art Ritual, dass er jedes Mal vollzog, um sich damit bei seinem Opfer zu bedanken. Gleichzeitig ließ er damit die Spuren verschwinden, die auf ihn hindeuteten. Immerhin waren Vampire in der Öffentlichkeit immer noch ein Mythos, der nicht existierte und nur zum Abschrecken der kleinen Kinder galt. Es gab sie fast überall und sie lebten unter den Menschen, wie jedes andere Lebewesen auch. Und doch wusste angeblich keiner, dass es sie gab. Aber Izaya wusste ganz genau, dass selbst in den Reihen der Regierung Vampire existierten. Izaya schüttelte kurz den Kopf und beeilte sich mit dem Ritual abzuschließen, doch als er die Finger von Shizuos Hals nahm, waren die Einstiche immer noch da.

Izayas Augen weiteten sich.

Wie zwei blutige Augen starrten die Punkte ihn an und Izaya wurde unruhig. Nicht nur der Umstand, dass er von Shizuo Heiwajima Blut getrunken hatte, nein! Jetzt konnte er nicht einmal mehr seine eigenen Spuren verwischen! Was zum Teufel war hier los?

Das war noch nie passiert in seinen 26 Jahren als Vampir!

Aufbrausend stand Izaya auf und fuhr sich unruhig durch die Haare.

Sollte er ihn doch besser gleich umbringen?

Nein! Verdammt, Orihara! Geh doch gleich gegen all deine Prinzipien!", flüsterte Izaya plötzlich wütend zu sich selbst und stand völlig unschlüssig in der Seitengasse.

„Beruhige dich, Orihara…!", murmelte er dann und nahm die Hand an seine Stirn.

Noch nie hatte er in Erwägung gezogen, sein Opfer umzubringen. Nein, das war ihm zuwider.

All seine Opfer erinnerten sich danach nicht mehr an das leckere Mahl, dass sie ihm beschert hatten. Meistens taten sie es als einen Schwächeanfall ab und gingen nicht einmal zum Arzt. Und wenn sie doch zum Arzt gingen, konnte selbst dieser nur einen Mangel an Blutkörperchen feststellen. Die Patienten würden mit einer Medikamentenverschreibung nach Hause geschickt werden. Shizuo Heiwajima würde zwar nicht zum Arzt gehen, doch das Problem mit dem Mal an seiner Halsschlagader blieb trotzdem.

Doch bevor Izaya weiter nachdenken konnte, lenkte ihn ein plötzliches Geräusch von der Seite ab. Es klang wie eine umgeworfene Blechdose aus einer Mülltonne. Konnte eine Katze gewesen sein, doch Izaya wusste sofort, dass es kein Tier war.

Er roch sie.

50 Meter entfernt waren sie wachsam positioniert, bereit, ihn mit ihren Geschossen zu durchbohren.

Zu viele.

Drei Scharfschützen auf dem Dach, sechs zu Fuß, davon vier mit Pistolen und zwei mit Schwertern. Es waren zu viele. Egal welche Tricks er nun auf Lager hatte, alleine konnte er sich nicht um diese Maden kümmern – nicht mit solch einem Mangel an Konzentration. Izaya zischte wütend und blickte zurück auf Shizuo. Er konnte ihn nicht mitnehmen, aber er konnte ihn auch nicht liegen lassen, so wie er da auf dem Präsentierteller lag – also was tun?

„Jetzt!", kam es plötzlich an seine Ohren, bevor der erste Schuss fiel. Die Kugel traf ihn an seiner Schulter, bevor er sich schützen konnte. Damit wurde ihm die Entscheidung genommen, als er durch den feuerartigen Schmerz beinahe in die Knie gesunken wäre.

Dann blieb nur noch eines übrig.
Blitzartig wandte er sich um, setzte seine Kapuze auf und verschwand ohne einen Laut in den dunklen Schatten der Gasse. Dabei hinterließ er das erste Mal ein Opfer, das ihn verraten würde.

Izaya verfluchte sich selbst.