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Edwards Weihnachtswunder

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Es war ein komisches Gefühl für ihn, durch die fast verlassenen Straßen von Gotham City zu schlendern, während fast alle Bewohner dieser Stadt zuhause mit ihren Liebsten waren und sich auf die anstehenden Festtage freuten.

Heute war Christmas Eve, der Weihnachtsabend. Heute Abend würden die Menschen sich mit ihren Familien zusammen setzen, ein festliches Dinner genießen und zusammen Spaß haben.

Er jedoch war alleine. Er hatte niemanden, mit dem er die Festtage verbringen konnte und eigentlich war ihm das auch recht so. Er war ein Einzelgänger. Doch wenn er so durch die Straßen schlich und die hellerleuchteten Fenster sah, hinter denen fröhliche Menschen mit ihren Familien waren, dann überkam ihn ein Gefühl der Sehnsucht und der Einsamkeit.

Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Familien, die hinter den weihnachtlich geschmückten Fenstern lebten, sich langsam aber sicher auf das Abendessen vorbereiteten und sich schon in Gedanken ausmalten, welche Jubelschreie es am nächsten Morgen geben würde, wenn sie die in der Nacht platzierten Geschenke unter dem opulent geschmückten Weihnachtsbaum fanden.

Warum er sich das antat und ausgerechnet an diesem Tag gegen sechzehn Uhr, als die Dämmerung schon eingesetzt hatte, draußen spazieren ging, konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Vermutlich war es seine Art, sich selbst zu quälen.

Vielleicht sollte er im neuen Jahr doch mal wieder mit einem Psychiater sprechen. Seit seiner Entlassung aus Arkham vor ein paar Monaten hatte er nicht mehr mit einem Seelenklempner gesprochen. Und eigentlich ging es ihm auch ganz gut damit. Die ganzen Psychopharmaka, mit denen er in der Irrenanstalt vollgepumpt worden war, vermisste er mit Sicherheit nicht. Auch nicht die vielen Gespräche mit dem Quacksalber, der mit ihm arbeiten sollte.

Ein ironisches Lächeln schlich sich in sein ernstes Gesicht, als er an den Arzt dachte. Der arme Tropf dachte vermutlich wirklich, er habe es nach vielen endlosen Jahren endlich geschafft, ihn zu heilen. Etwas, was kein anderer Arzt vor ihm je geschafft hatte. Er würde gerne das Gesicht dieses aufgeblasenen Wichtigtuers sehen, wenn ihm klar wurde, dass er ganz gekonnt ausgetrickst wurde. Er hatte ihm vorgespielt, dass er dank der hingebungsvollen Therapie und aufopferungsvoller Pflege ein neuer Mensch geworden war und nun ein neues Leben beginnen wollte.

Die Entlassungspapiere, die seine Genesung und geistige Gesundheit schwarz auf weiß dokumentierten, hatte er sogar eingerahmt und über dem Kamin aufgehangen. Wie leicht waren die armen Tölpel der öffentlichen Einrichtungen dieser Stadt doch hinters Licht zu führen. Es war ein wahres Trauerspiel.

In dieser Hinsicht musste er dem Joker auf jeden Fall recht geben. Gotham City war so dermaßen leicht zu manipulieren, dass es jeder Beschreibung spottete. Er würde es dem verrückten Clown zwar nie sagen, denn der würde sonst nur wieder einen seiner berühmt berüchtigten Höhenflüge bekommen.

Mit einem lautlosen Seufzen steckte er die Hände tief in die Taschen seines Mantels. Es war zwar schon den ganzen Monat zu warm für Dezember gewesen, aber ausgerechnet heute meinte das Wetter, sich doch noch auf Weihnachten einstellen zu wollen und blies ihm einen schneidend kalten Wind entgegen. An Schal und Mütze hatte er zwar gedacht, aber er bereute es, nur seine fingerlosen Handschuhe zu tragen.

Aus irgendeinem Fenster drang weihnachtliche Musik an seine Ohren. Er blickte sich verstohlen um und sah auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein hell beleuchtetes und halb geöffnetes Fenster, aus dem die Musik zu ihm herüber wehte.

Resigniert rollte er mit den Augen. Er konnte dieses Lied nicht mehr hören. Jedes Jahr wurde es auf allen Radiosendern den ganzen Monat lang hoch und runter gespielt. Selbst in Kaufhäusern war vor Wham und ihrem Last Christmas nicht sicher. Wenn er irgendwann mal einen Mord begehen würde, dann wäre es in der Weihnachtszeit und es würde dieser Song dabei laufen. Soviel war für ihn sicher.

Er ließ die Geräuschquelle hinter sich und näherte sich einem großen Shoppingcenter. Hier, wo man sonst kaum gehen konnte, weil sich die Menschen alle zur selben Zeit durch die Gänge quetschen, war keine Menschenseele zu finden. Die Geschäfte hatten alle bereits geschlossen und an den angebrachten Schildern in den Schaufenstern, die die Öffnungszeiten im Dezember anpriesen, erkannte er, dass fast alle Geschäfte nur bis zwölf Uhr mittags geöffnet hatten. Einige wenige hatten ihre Öffnungszeiten auch bis vierzehn Uhr verlängert.

So viel also zu seinem Plan, auf gut Glück her zu kommen und zu hoffen, dass er vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten käuflich erwerben konnte. Dieser blöde Feiertag am morgigen Tag hatte ihm da gehörig einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er gehörte zwar nicht zu den Menschen, die sich vor einem anstehenden Feiertag mit so viel Kram eindeckten, dass sie wochenlang davon leben konnten, aber er war doch ganz gerne auf Alles vorbereitet.

Er hasse Weihnachten. Ja, und er gab es auch offen zu. Er hasse diese Zeit des Jahres, wo sich alle Menschen so furchtbar lieb hatten und sich gegenseitig mit Geschenken überhäuften. Schon als Kind war er kein besonderer Freund von Weihnachten gewesen. Seine Mutter, eine Katholikin, legte zwar viel Wert auf Weihnachten, doch aus finanziellen Gründen – sein Vater war entweder arbeitslos oder versoff das Geld, welches seine Mutter verdiente – gab es weder ein Festessen, noch weihnachtliche Dekoration oder einen Weihnachtsbaum. Und am allerwenigsten gab es Geschenke.

Die Lektion, dass seine Familie arm war, hatte er schon im zarten Alter von sechs Jahren lernen müssen. Seine Schulkameraden erzählten stolz davon, was ihnen der Weihnachtsmann für Geschenke gebracht hatte und zeigten sie natürlich auch in der Klasse herum. Und er konnte nur stumm dasitzen, denn er hatte keine Geschenke bekommen. Ab und zu hatten zwar die Nachbarn Mitleid und schenkten ihm ein bisschen Schokolade, aber das war kein Ersatz. Natürlich glaubte er nicht an den Weihnachtsmann. Dass hatte er noch nie. Es waren immer die Eltern, die die Geschenke kauften und unter den Baum legten.

Und eigentlich wollte er auch keine Geschenke – zumindest keine materiellen. Alles, was er sich wünschte, war die Liebe und Anerkennung seiner Eltern. Er hätte so gern aus dem Mund seines Vaters gehört, dass er stolz auf ihn war. Anfangs gab ihm seine Mutter zwar so viel Liebe, wie sie imstande war zu geben, doch je mehr sein Vater trank und gewalttätig wurde, desto weniger Liebe hatte sie für ihren Sohn noch übrig.

Einmal, er war etwa zehn Jahre alt gewesen, hatte er kurz vor Weihnachten den Scotch- und Whiskey-Vorrat seines Vaters gefunden. Er hatte ihn im heruntergekommenen Schuppen mit den schiefen Wänden hinten im verwahrlosten Garten gefunden, als er auf der Suche nach etwas Holz war. Er hatte die Flaschen an sich genommen und war durch die Hintertür auf eine Nebenstraße gegangen und hatte die Flaschen über einem Gullideckel entleert. Danach hatte er die Flaschen wieder zurück gestellt. Als sein Vater ein paar Stunden später nach Hause kam und kurz darauf den Verlust bemerkte, war er wütend auf seine Frau losgegangen. Sein Sohn, der den Anblick des zusammen gekrümmten Körpers seiner Mutter nicht mehr ertragen konnte, ging dazwischen und schrie, dass er es gewesen war. Als Dank dafür, bekam er nun die ganze Wut des Vaters ab.

Spätestens seit diesem Vorfall hasste er Weihnachten und ging allen Dingen, die irgendwie damit in Verbindung standen, geflissentlich aus dem Weg. Und trotzdem – oder gerade deswegen – wünschte er sich nichts sehnlicher, als ein richtiges Weihnachtsfest. Allerdings hatte er diesem Wunsch noch nie Jemanden erzählt.

Auf dem Weg zurück zu seinem Appartement wandelten sich seine Trauer und Sehnsucht in Frustration und Trotz um. Er fand es ungerecht, dass alle Menschen außer ihm fröhlich in ihren geschmückten Wohnungen saßen, Wein tranken, allen möglichen kalorienhaltigen Kram in sich hinein stopften und so einen Quatsch wie Stille Nacht, heilige Nacht sangen.

Er versuchte sich einzureden, dass er gerne alleine war. So war es ihm am liebsten. Doch er wusste nur zu gut, dass er sich einsam fühlte. Ganz besonders an diesen familiären Feiertagen fühlte er sich Mutterseelenallein. Er hatte keine Familie mehr, die er besuchen konnte und auch keine Freunde. Niemand würde heute an ihn denken. Niemand würde ihn zu sich nach Hause zum Essen einladen. Niemand würde ein Geschenk für ihn haben.

Und warum auch? Er war schließlich nicht gerade die netteste und angenehmste Person in dieser Stadt. Er brauchte keine Freunde, die ihn insgeheim alle für verrückt hielten. Er brauchte auch keine Nachbarn, die hinter seinem Rücken über ihn tuschelten. Und doch wünschte er sich, dass er jetzt im Kreis seiner Freunde sitzen konnte – wenn er denn welche hätte. Er kannte natürlich ein paar Leute in der Stadt, aber er würde sie nicht als enge Freunde bezeichnen. Keiner von ihnen ahnte auch nur ansatzweise, wie es wirklich in ihm aussah und er hatte auch nicht vor, diesen Umstand zu ändern. Schon zu oft war er enttäuscht und emotional verletzt worden.

Gerade, als er auf seine Straße einbog, hörte er die Kirchenglocken, die verkündeten, dass es achtzehn Uhr war. Zwei Stunden war er nun ziellos durch die Stadt geirrt. Er war durchgefroren und deprimiert. In der Kirche würde der Pfarrer jetzt mit seiner Weihnachtspredigt anfangen. Vielleicht sollte er auch in die Kirche gehen. Er glaubte zwar nicht an Gott – welcher Gott würde schon seelenruhig dabei zusehen, wie sich seine Schöpfung gegenseitig fertig machte? – aber vielleicht konnte er in den Worten des Pfarrers ein klein wenig Trost finden.

Er dachte ein paar Sekunden darüber nach, schüttelte dann aber entschlossen den Kopf. Er beeilte sich, nach Hause zu kommen. Bloß weg von diesem ganzen Weihnachts-Quatsch, in seine sicheren vier Wände.

Sein Appartement war verhältnismäßig klein und verfügte neben einer Wohnküche und einem fensterlosen Badezimmer nur noch über ein Schlafzimmer. Er hatte definitiv schon mal größere, besser ausgestattete und bequeme Wohnungen gehabt, doch diese hier war so etwas wie ein echter Glücksgriff. Das Wohnhaus lag fast genau gegenüber dem Polizeirevier und so war immer bestens darüber informiert, was so in der Stadt los war. Er brauchte nicht einmal eine ausgeklügelte Technik, um sich in den Funk zu hacken. Und die Polizisten ahnten nicht einmal in ihren kühnsten Träumen, wie nah sie ihm doch waren.

Sein Appartement war dunkel und kalt. In dem kleinen Kamin war das Feuer mittlerweile ausgegangen. Aber das störte ihn wenig. Es gab keine Weihnachtsdekoration. Es gab auch keinen geschmückten Weihnachtsbaum. Es sah vielmehr so aus, als ob sein Appartement der einzige Ort in dieser verrückten Stadt, wo es kein Weihnachten gab.

Er warf seinen Mantel, den Schal, die Mütze und die Handschuhe achtlos über einen Sessel, nachdem er das Licht eingeschaltet hatte und ging dann zielstrebig auf einen Schrank im Küchenbereich zu. Im Vorratsschrank unter der Spüle hatte er für solche emotionalen Notfälle immer ein paar Flaschen vom besten schottischen Whiskey, den man bekommen konnte, gelagert. Und wenn heute nicht so ein Notfall war, dann wusste er es auch nicht.

Mit einer vollen Flasche bewaffnet setzte er sich auf die Couch und konnte dem Drang nicht widerstehen, seine E-Mails zu checken. Natürlich war sein virtuelles Postfach leer, als er sich eingeloggt hatte. Und es wurde Zeit für einen großen Schluck aus der Flasche.

Innerhalb der nächsten Stunde folgten viele weitere tiefe Schlucke, bis die Flasche fast leer war und er sich gerade noch so ins Bett schleppen konnte.