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Leonard nippte an seinem neuen Alien-Getränk, das von der Farbe an trüben Apfelsaft erinnerte, und verzog nach dem ersten Schluck scharf den Mund. Er hatte am Tresen Platz genommen und irgendwas mit echtem Alkohol bestellt. Die Erfindung von Synthehol war wohl die blödeste Idee, die jemand je gehabt hatte. Das Zeug schmeckte nicht mal annähernd wie Alkohol.

San Francisco hatte den Vorteil, dass sich hier nicht nur der Hauptsitz der Sternenflotte als auch die gleichnamige Akademie befand, sondern auch dass Außerirdische zum Stadtbild gehörten. Leonards Gesöff stammte von einem anderen Planeten und war definitiv von der harten Sorte. Das hatte er jetzt nötig.

Er fragte sich, warum Menschen heute überhaupt noch heirateten. Das war so altmodisch. Und es funktionierte eh nicht. Leonard nahm frustriert einen großen Schluck und schüttelte sich.

Nach seiner Scheidung schien ihm die Aussicht, als medizinischer Offizier ins All zu fliegen, um möglichst großen Abstand zwischen sich und seine Ex zu bringen, geradezu verlockend. Er verfügte über ein Quartier in den Wohnblöcken für die Kadetten. Man konnte zwar auch andernorts wohnen, aber als Single bot es sich an, die Wohnmöglichkeit in unmittelbarer Nähe des Medizinischen Corps zu nutzen. Dennoch hielt Leonard es nicht auf dem Areal mit dem munteren Sternenflotten-Nachwuchs aus.

Dass er auf dem Barhocker mit zusammengesunkenen Schultern einen traurigen Anblick abgab, war ihm gleich. Leonard war zu sehr in seinem Kummer versunken, dass ihn weder die Musik noch die Party, die weiter hinten in der schlauchartigen Bar stattfand, interessierte. Er machte sich an einem neuen Drink zu schaffen, als sich ein junger Mann mit einem theatralischen Stöhnen an den Tresen warf und etwas bestellte.

„Hi“, sagte der Typ, während er auf seine Bestellung wartete, „Wurdest du versetzt?“

„Wer?“ Leonard sah irritiert auf. Der Man sah gut aus. Ihm gefielen die honigfarbenen Haare und das kecke Grinsen. Er meinte, ihn schon mal gesehen zu haben.

„Na, dein Date?“

„Welches Date?“ Leonard stand noch immer neben sich. Er richtete sich leicht auf, sich langsam bewusst werden, was für einen Eindruck er machen musste.

„Du siehst aus, als würdest du auf jemanden warten. Ich nahm an, du wurdest sitzen gelassen.“ Der junge Mann streckte seine Hand aus. „Jim.“

„Leonard.“ Er nahm sie und schüttelte sie behäbig. „Ich warte auf niemanden. Niemand wartet auf mich...“

„Das ist… tragisch“, erwiderte Jim frohgemut. Der Barkeeper stellte sein Glas, das ganz nach Bier aussah, vor ihm ab. Er nahm es auf und hielt es Leonard zum Prost entgegen. „Zumindest hast du etwas, um dich aufrecht zu halten.“

„Auf das echte Zeug!“

Jim stimmte mit ein und ließ sein Glas an Leonards klingen.

Leonard leerte den Rest seines Alien-Gesöffs mit einem Zug. Er gewöhnte sich an den Geschmack.

„Da verträgt einer was“, kommentierte Jim nicht unbeeindruckt.

Leonard bemerkte die Begeisterung nicht und ging automatisch in die Defensive. Seine Frau – Ex-Frau – hielt nicht viel von seiner Vorliebe für Fusel. „Alkoholmissbrauch und Alkoholismus sind nicht das gleiche. Alkoholismus hat die gleichen Symptome wie Alkoholmissbrauch, der Unterschied ist die körperliche Abhängigkeit.“

„Schlechten Tag gehabt?“, fragte Jim mitfühlend.

„Wohl eher ein schlechtes Jahr...“, grummelte Leonard.

„Dann bist du hier genau am richtigen Ort, um dich abzulenken.“

„Was ist denn hinten los?“ Leonard machte einen Kopfbewegung in Richtung der hinteren Räumlichkeiten, aus denen Musik und angeregtes Geschwätz zu hören war. Im vorderen Barbereich war es hingegen angenehm ruhig, gerade richtig, um sich entspannt zu unterhalten. Leonard wurde bewusst, dass Jim eine willkommene Erweckung aus seiner trüben Lethargie war.

„Ich hatte einen heißen Flirt, der mir ein bisschen zu heiß geworden ist.“ Jim grinste amüsiert.

„So etwas gibt es?“ Leonard dämmerte es langsam, dass er ihn schon mal gesehen und von ihm gehört hatte. Der Mann war für seine Bettgeschichten bekannt – und für seine Missachtung von Autoritäten.

„Andere Spezies sind zwar immer interessant...“, Jim zischte durch die Zähne, „Aber auch gefährlich. Besonders wenn das Gegenüber männlich ist.“

Leonard war plötzlich ganz Ohr. Jim war gutaussehend und fesselnd. Er würde ihn nicht von der Bettkante stoßen. „Ist männlich ein Problem?“

Jim machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Im Prinzip nicht, auch wenn ich Frauen bevorzuge. Es ist nur ein Risiko, wenn man praktisch nichts über die Sexualität einer fremden Spezies weiß. Ob man kompatibel ist und wenn ja, wie man verhütet beziehungsweise sich schützt.“ Er zwinkerte und lachte, bevor er wieder von seinem Bier trank. Der Schaum bescherte ihm einen weißen, leichten Schnurrbart, den er mit der Zunge genüsslich verschwinden ließ. „Er hatte Tentakel und Stacheln...“

„Das kann… ansprechend sein“, meinte Leonard überlegend.

„Nächstes Mal studiere ich die medizinische Datenbank, bevor ich losgehe...“

„Und du jemanden aufreißt.“ Leonard musterte ihn. Er bedauerte, dass er früh geheiratet hatte und spekulierte, was er alles verpasst haben musste. Monogamie mochte nicht immer ideal sein, aber mehr sorgte auch meistens lediglich für verletzte Gefühle.

„Ich muss sagen, ich bin froh, kein Vulkanier zu sein“, gab Jim zu, „Ich könnte nicht so lange ohne Sex leben.“

Leonard fragte sich, woher er vom Pon Farr wusste. Das war wenigen Menschen bekannt. Der Geschlechtsakt war bei den Vulkaniern ein Tabuthema und wurde nicht in der Öffentlichkeit diskutiert geschweige denn mit Menschen geteilt. Womöglich hatte Jim mal einen Vulkanierin oder einen Vulkanier vergeblich angegraben. „Also bist du vor deinem Verehrer – oder wie man das sagen soll – geflohen? Oder hat dich der Durst an die Bar getrieben?“

Jim überlegte einen Moment, in dem er neckisch den Kopf zur Seite lehnte. „Beides. Wie wär‘s mit einer neuen Runde?“ Er deutete auf ihre leeren Gläser.

„Deswegen bin ich hier“, erwiderte Leonard trocken.

Jim teilte dem Barkeeper mit, dass sie beide Leonards unbekanntes, extraterrestrisches Getränk haben wollten. Als diese fertig waren, schlug er vor auf die andere Seite gegenüber dem langgezogenen Tresen auf einem der Ledersofas Platz zu nehmen. In dem abgedunkelten Licht konnte man nicht sehen, wie abgenutzt manche Sitzfläche war.

Leonard taumelte kurz, als er sich vom Barhocker erhob. Der Alkohol entfaltete angenehm seine Wirkung. Er folgte Jim zur Sofareihe mit den kleinen, flachen Tischen und setzte sich.

„Es gibt nichts, was man nicht mit einem guten Tropfen heilen kann“, erklärte er und trank von dem Drink.

„Da könntest du recht haben, Len!“, sagte Jim und tat es ihm nach.

Leonards schaute wegen des ungewohnten Spitznamens irritiert zu ihm. Jim hatte für sie einen Zweisitzer gewählt, dass jetzt ihre Knie leicht zusammenstießen, als sich Leonard auch körperlich zu ihm wandte. Er fühlte sich wie ein Teenager, der bei der Aussicht auf Sex nervös wurde und feuchte Hände bekam. Leonard hatte lange ausnahmslos mit seiner Frau geschlafen und die wenigen sexuellen Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht waren aus den Zeiten vor seiner Ehe. Er war sich nicht einmal sicher, ob Jim tatsächlich mit ihm flirtete oder er sich bloß gut mit ihm unterhielt. Andererseits war dafür das Gespräch schon recht sexlastig. Leonard war mehr als verwirrt.

„Was machst du überhaupt hier? Das ist nicht der typische Laden für Kadetten.“ Das war einer der Gründe, warum er sich dafür entschieden hatte. Mit den Sternenflottenfrischlingen verbrachte er schon zu viel Zeit.

„Komm schon, du kannst nicht in San Francisco leben und nicht in eine der exotischeren Lokalitäten abzusteigen! Ich bin absolut dafür, neue Welten zu entdecken und auszuprobieren, was noch niemand zuvor ausprobiert hat!“ Jim feixte amüsiert.

„Wie Alien-Syphilis?“, fragte Leonard sarkastisch.

„Deshalb wollte ich ja einen Blick in die medizinische Datenbank werfen…“

„Man kann nicht alles wissen. Die Informationen sind teilweise recht dürftig, erst recht was Reproduktion und Sexualität angeht“, warnte Leonard.

Jim zuckte mit den Schultern. „Einer muss immer der erste sein.“

„Ja, tolle Aussicht, als Patient Null in die Medizingeschichte einzugehen“, knurrte Leonard missmutig bei der Vorstellung.

„Dafür sind wir doch bei der Sternenflotte.“

„Erinnere mich nicht daran, ich hasse fliegen und den Weltraum ganz allgemein. Ich könnte mich auch in eine Dose auf hoher See begeben.“ Erst jetzt fiel Leonard auf, dass Jim einfach geschlussfolgert hatte, dass er ebenfalls im Dienst der Föderation stand.

„Das hält dich offensichtlich nicht davon ab, trotzdem auf die Enterprise oder ein anderes Schiff zu wollen. Verlorene Wette? Mutprobe?“

Leonard seufzte. „Der größtmögliche Abstand zwischen mich und meine Exfrau...“

„Okay...“ Jim verzichtete darauf, weiter in dem Thema herumzustochern. Leonards Körpersprache war eindeutig abweisend und verspannt.

„Ja… Es ist… kompliziert.“

„Weißt du, was ein großer Vorteil der Sternenflotte ist?“

„Keine Ahnung?“ Leonard spielte mit, da Jim ihn offenkundig ablenken wollte.

„Die knappen Uniform-Kleider für die weiblichen Offiziere!“

„Im Sommer wäre ich auch nicht abgeneigt, solche Uniformen zu tragen“, überlegte Leonard laut. War das schon der Alkohol, der aus ihm sprach?

„Ja, warum gibt es keine Uniform-Shorts? Ich würde auch die Kleider anziehen. Die Beinfreiheit und das freie Schwingen...“

Leonard öffnete entsetzt den Mund. „Du gehörst zu den unhygienischen Menschen, die auf Unterwäsche verzichten?“

„Unterwäsche ist so 21. Jahrhundert.“ Jim lächelte frech. „Nur manchmal. Keine Aufregung. Es sei denn, du findest es aufregend...“ Er nahm den Bund seiner Hose und drückte sie nach unten, sodass man seine Haut sehen konnte. Ob er tatsächlich keine Unterhose trug, konnte Leonard nicht erkennen, aber er kam nicht mehr aus dem Starren heraus. Oh ja, Jim flirtete doch mit ihm. Er musste es schon mit dem Zaunpfahl sagen beziehungsweise ihm zeigen, damit er es schnallte.

„Du kannst dich bestimmt vor Anfragen kaum retten“, meinte Leonard atemlos.

„Ich blitzte schon oft ab. Glaub‘s mir. Es ist nur eine Frage, wie man damit umgeht. Ich habe auch kein Problem damit, allein nach Hause zu gehen. Aber wie sieht‘s bei dir aus? Du bist doch frei und interessiert?“ Jim war direkt und offenherzig.

„Ich...“

Als Entscheidungshilfe legte Jim seine Hand auf Leonards Knie und rutschte etwas näher. Die Gedanken an das, was passieren könnte, ging Leonard im Kopf herum. Er beugte sich langsam mit leicht geöffneten Lippen vor, während er Jim unablässig in die Augen schaute. Sein Atem stockte. Leonards Blick wanderte zu Jims rosigen Lippen. Das war der Moment, in dem er wusste, was passieren würde.

Jim sprang unvermittelt auf, als er eine laute Stimme von hinten hörte. „Scheiße!“ Er packte Leonard am Arm und zog ihn auf die Beine. „Wir müssen gehen.“