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Ein Mädchen von edlem Geblüt

Chapter Text

Anmerkungen der Autorin:

Die menschliche Vergangenheit von Janette, Nicks langjähriger Gefährtin, ist überaus traurig:

Ihr Vater, Marquis du Charmeaux, der sich nicht zu ihrer Mutter und ihr bekennen will, fädelt eine Ehe zwischen seiner Geliebten und einem seiner Vasallen ein. So wächst Janette als Tochter des Monsieur Gaston de Brullac auf. Und so lange ihr leiblicher Vater am Leben ist, geht das auch gut, denn er hält seine schützende Hand über sie. Doch nach dem Tod des Marquis beginnt der gesellschaftliche Abstieg Janettes…

Disclaimer: Alle Personen aus „Nick Knight“ gehören den Machern dieser Serie.

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~§~

Frankreich, Anno Domini 1088:

„Bastien! Ich verlange, dass diese Person auf der Stelle vom Schloss verschwindet!“

Marquise Adéle, eine große, hagere Frau mit spitz hervorstehenden Wangenknochen, einem ebensolchen Kinn und einer langen Nase, deutete mit vor Wut verzerrtem Gesicht auf ihre Zofe, die ihr zu Füßen kniete und das Gesicht in den Händen verbarg, den Kopf weinend zu Boden gesenkt. Adéles Mann, Marquis du Charmeaux, blickte betreten auf die 18-jährige Odette, die unverkennbar guter Hoffnung war, und wünschte sich, zusammen mit dem jungen Ding vor seiner Furie von Gattin zu fliehen. Da das jedoch unmöglich war, ohne dass es sich nachteilig für ihn auswirkte, musste er sich nun mit den Konsequenzen seiner Handlungen auseinandersetzen.

„Ich bitte Euch, meine Liebe, wohin soll das Mädchen denn gehen?“, versuchte er mit sanfter Stimme seine aufgebrachte Frau zu beruhigen.

„Das ist mir gleich!“, brüllte Adéle. „Der Anblick ihres aufgeschwellten Körpers, der Eure Frucht trägt, ist mir zuwider! Ich will sie nicht mehr sehen, Bastien, schafft sie mir aus den Augen!“

Getroffen schaute der Marquis einen Moment zu Boden, dann wandte er sich der jungen Zofe zu und sagte leise, indem er eine Hand nach ihr ausstreckte: „Kommt, mein Kind. Es ist besser, wenn Ihr geht.“

Immer noch schluchzend erhob sich Odette langsam und ging auf den Marquis zu. Jenen Mann, der immer so freundlich zu ihr war. Vor ein paar Monaten hatte er sie eines Abends in ihrer Kammer besucht und ihr erzählt, wie einsam er sich fühle. Mit seiner Frau Adéle, einer Dame aus königlichem Geschlecht, verband ihn lediglich das Interesse, ihre beiden Familien miteinander zu verbinden, sowie die Liebe zu ihrem gemeinsamen Sohn Guisbert. Und dann hatte Marquis du Charmeaux ihr gestanden, wie sehr sie ihm gefalle… nun ja, sie fand ihren Herrn auch sehr hübsch. Sein schwarzes Haar, seine vollen Lippen und die wasserblauen Augen in dem sanften, ovalen Gesicht im Zusammenspiel mit seiner liebenswerten Art verzauberten sie derart, dass sie sich ihm immer wieder hingab. Sie genoss die Zärtlichkeiten, mit denen Bastien, so durfte sie ihn in den heimlichen Stunden ihres intimen Zusammenseins nennen, sie verwöhnte und hatte geglaubt, es würde immer so weitergehen. Doch dann merkte sie, dass sie ein Kind erwartete. Zwar versuchte sie, dies zu verbergen, aber Marquise Adéle bedachte sie bereits seit einiger Zeit mit misstrauischen Blicken. Heute endlich hatte Odette es nicht länger ausgehalten und ihrer Herrin gestanden, dass sie ein Kind unter ihrem Herzen trug. Wohlweislich verschwieg sie jedoch, wer der Vater des Ungeborenen war. Aber das schien die Marquise ohnehin nicht zu interessieren. Vielmehr begann Adéle, sie lautstark zu beschimpfen, hatte sie mit den Worten „falsche Schlange“ und „Hure“ bedacht und ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie von ihrem Verhältnis mit Bastien wisse. Durch das Geschrei seiner Frau angelockt, erschien Marquis de Charmeaux wenig später in deren Gemach. Doch das war Odette auch kein Trost, wusste sie doch, dass dieser sanfte Mann sich gegen seine hochmütige Frau nicht durchsetzen konnte. Deshalb war die junge Zofe beinah dankbar, als er mit ihr jetzt das Zimmer seiner Gattin verließ und in den großen Saal hinunterging.

„Meine kleine Odette, hab keine Angst“, flüsterte Bastien ihr zu und legte ihr dabei väterlich einen Arm um die Schultern. „Wir finden schon eine Lösung für das Malheur.“

„Woher wusste Eure Gattin nur, dass ich Euer Kind in meinem Leib trage?“, schluchzte die junge Zofe leise.

„Dieses Schloss hier hat Augen und Ohren – und ein Maul, das zu viel plappert“, murrte der Marquis ärgerlich. „Mach dir keine Sorgen, kleine Odette. Meiner Frau Gemahlin ist unser Verhältnis gleichgültig. Sie fürchtet nur, dass dein Kind…“

Bastien hielt inne und sah einen Moment lang auf den Bauch seiner Geliebten, den er unwillkürlich behutsam streichelte. Sanft und leise fuhr er fort: „Sie sieht unser Kind als Bedrohung für den Erbanspruch ihres Sohnes, Liebste. Nur deshalb will sie, dass du vom Schloss verschwindest. Sie verlangt, dass niemand etwas davon erfährt, dass du mein Kind bekommst.“

„Dann… dann wusste sie schon länger davon?!“, entfuhr es Odette erschrocken und sie starrte ihren Geliebten ängstlich an.

„Ja, sie sprach mich vor einigen Tagen darauf an“, antwortete Bastien und nickte. „Und sie gab mir recht deutlich zu verstehen, dass ich dafür sorgen solle, dich möglichst weit aus ihrem Gesichtskreis zu entfernen. Ansonsten werde sie Maßnahmen ergreifen müssen…“

„Will sie mich am Ende gar umbringen lassen?“, fragte Odette von Furcht erfüllt und begann leicht zu zittern. Bastien zog sie an sich und streichelte sie behutsam.

„Nein, so weit würde Adéle nicht gehen“, flüsterte der Marquis beruhigend auf die junge Frau ein, die ihn fest umklammerte, dabei ihr Gesicht weinend an seiner Brust barg und immer noch zitterte. „Sobald du an einem anderen Ort bist, besteht keine Gefahr mehr für dich.“

„Aber wo soll ich denn hin, Herr? Meine Eltern sind tot und ich habe keine anderen Verwandten mehr!“

Von draußen kommend näherten sich eilige Schritte und die fröhliche Stimme eines Knaben rief: „Vater! Wo bleibst du denn? Du hast versprochen, mir zu zeigen, wie man mit dem Schwert kämpft!“

Ehe Odette sich aus den Armen ihres Geliebten lösen konnte, stand der siebenjährige Guisbert vor ihnen und starrte sie zuerst überrascht und dann mit bösem Blick an.

„Was hast du mit Mutters Zofe zu schaffen?“, fragte der Junge ärgerlich und bohrte jetzt seine Augen in diejenigen seines Vaters. Bastien bemerkte zum ersten Mal, wie ähnlich sein Sohn Adéle war. Dasselbe spitze Kinn, die lange Nase und der kalte Blick, der nun hochmütig seinen Vater und dessen Geliebte musterte. „Die Dienstmagd sollte ihrer Pflicht nachkommen und du solltest dein Versprechen mir gegenüber halten!“

„Es tut mir leid, Guisbert, aber deine Mutter verlangt, dass die arme Odette das Schloss verlässt. Du siehst, mein Sohn, dass das Mädchen meiner Hilfe bedarf“, antwortete Bastien.

„Warum denn? Sie kann doch allein gehen!“, gab der Knabe mitleidlos zurück. „Und wenn sie Mutter verärgert hat, dann sollte sie keine Zeit verlieren, um zu verschwinden.“

„Schluss damit, Guisbert!“, fuhr Bastien den Siebenjährigen an. „Als Herr hat man gewisse Pflichten gegenüber Untergebenen! Dazu gehört auch, sich in einer Notlage um sie zu kümmern. Und das tue ich jetzt! Odette bedarf meiner Hilfe und die bekommt sie auch. Wir werden unseren Unterricht auf einen anderen Tag verschieben müssen, bis ich für Odette eine neue Bleibe gefunden habe.“

Der Knabe schob seine Unterlippe trotzig vor, während seine Augenbrauen sich noch mehr zusammenzogen und sein Gesicht rötlich anlief. Dann setzte er sich plötzlich in Bewegung und eilte, ohne seinen Vater oder Odette noch eines Blickes zu würdigen, die Treppe hinauf. Bastien sah ihm einen Moment hinterher und murmelte: „Hm, vermutlich glaubt er, seiner Mutter beistehen zu müssen.“

„Das könnt Ihr Eurem Sohn doch nicht vorwerfen“, gab Odette leise zurück. „Es spricht für ihn, wenn er seine Mutter beschützen will.“

„Vermutlich hast du recht“, meinte Bastien, doch im Inneren zweifelte er daran. Aber nun war nicht die Zeit, sich mit Guisbert auseinanderzusetzen. Vielmehr galt es, Odette in Sicherheit zu bringen. Und er wusste auch schon, bei wem…

 

~§~

 

Gaston de Brullac, von niedrigem Adel und Vasall des großen Landbesitzes, das sein Lehnsherr Bastien du Charmeaux ihm übertragen hatte, wunderte sich nicht wenig, als einer seiner Diener ihm meldete, dass die Kutsche des Marquis gerade in den Burghof eingefahren war. Sofort eilte er persönlich heraus, um seinen Lehnsherrn zu begrüßen.

„Herzlich willkommen!“, sagte Gaston und verneigte sich leicht. Dabei musterte er die kleine Schönheit mit dem dunkelblonden Haar und den sanften, haselnussbraunen Augen überaus neugierig. Das junge Mädchen, welches in einen weiten Mantel gehüllt war, gefiel ihm ausnehmend gut.

„Vielen Dank, mein lieber Brullac“, erwiderte der Marquis und lächelte, als er bemerkte, mit welch wohlgefälligen Blicken der Vasall seine Begleiterin bedachte. „Darf ich Euch mit Odette Deloirs bekannt machen? Sie stand bis vor kurzem in den Diensten meiner Gemahlin, bedarf jetzt jedoch einer neuen Bleibe. Vielleicht könntet Ihr uns dabei behilflich sein?“

„Sehr gern“, versprach Gaston, verneigte sich erneut vor Bastien und machte dann eine Geste mit der Hand, die die beiden Ankömmlinge einlud, in sein Haus zu kommen.

Brullac führte sie in den Speisesaal, setzte sich dann mit ihnen gemeinsam an den großen Tisch und befahl seinen Dienern, eine Mahlzeit für die Gäste und ihn aufzutragen. Danach wandte er sich in freundlichem Ton an Odette und fragte: „Ihr sucht also eine Unterkunft? Darf ich erfahren, warum Ihr nicht länger in den Diensten von Marquise du Charmeaux bleiben wollt?“

„Sie wünscht es nicht“, gab das Mädchen wahrheitsgemäß zu und lief rot an.

„Meine Gattin war ungerecht zu Odette“, fühlte Bastien sich jetzt verpflichtet zu erklären.

Gaston warf ihm einen verwunderten Blick zu, worauf Charmeaux seiner Begleiterin stumm aus ihrem Mantel half und somit klar zu erkennen war, in welchem Zustand sie sich befand.

„Oh, ich verstehe…“, murmelte Brullac. „Vermutlich lässt es sich mit den strengen Moralvorstellungen der Marquise nicht vereinbaren, weiterhin ein Mädchen in ihren Diensten zu behalten, das den Freuden der Liebe nicht abgeneigt war.“

Der Hausherr lächelte nun breit, als er fortfuhr: „Nun, meine liebe Odette, mir ist nichts Menschliches fremd und in meinem Hause ist genügend Platz für Euch und Euer Kind, wenn Ihr wollt.“

Das junge Mädchen, das seine Lider niedergeschlagen hielt, wagte kaum, Brullac anzusehen. Doch es flüsterte kaum hörbar: „Ich danke Euch, mein Herr.“

Gaston lächelte sie an, dann wandte er sich wieder an Charmeaux: „Das ist doch sicherlich in Eurem Sinne, Herr?“

„Ja, natürlich“, beeilte der Marquis sich zu sagen. „Aber ich möchte Euch nach dem Essen noch einmal unter vier Augen sprechen, Brullac. Die ganze Angelegenheit ist… nun ja… ziemlich delikat… Ich habe Euch einen Vorschlag zu machen…“