Actions

Work Header

Schmetterling und Nachtfalter

Chapter Text

 ~ 1. ~

Dunkelheit. Strömender Regen. Ein junger Mann in langem Mantel schließt gerade eine Tür ab und überquert langsam die Straße, um auf den gegenüberliegenden Bürgersteig zu gelangen. Auf einmal hört man, wie ein Wagen heranzukommen scheint. Der junge Mann schaut sich um. Doch nichts ist zu sehen. Immer noch herrscht Dunkelheit. Dennoch ist das Geräusch eines Fahrzeuges zu hören. Es scheint sich schnell zu nähern... plötzlich blitzt kurz vor dem jungen Mann gleißendes Licht auf... und das Auto fährt ihn an und rollt über ihn hinweg ohne anzuhalten...

 

„NEIN! NEIN! THOMAS!“

Schreiend und schweißgebadet fuhr das schwarzhaarige Mädchen vom Bett auf. Es dauerte einige Minuten, bis ihr klar wurde, dass sie schon wieder einmal von dem Unfall geträumt hatte, in dem ihr langjähriger Lebensgefährte zu Tode kam. Immer wieder suchte dieser Alptraum sie heim. Aber wen wunderte es? Schließlich lag es erst vier Monate zurück, dass sie Zeugin dieses schrecklichen Unglücks geworden war. Zwar hatte sie sofort einen Notarzt über ihr Handy gerufen und versucht, ihrem Freund so gut es ging zu helfen, aber umsonst. Thomas starb auf dem Weg zum Krankenhaus in ihren Armen und sie bekam die Bilder dieser Unglücksnacht nicht aus dem Kopf.

Die Zeit nach Thomas’ Tod war ihr unwirklich erschienen und sie konnte sich zeitweise nicht mehr auf den Beinen halten. Wenn ihr nicht ihre Familie und die ihres Freundes geholfen hätte, so wäre sie wohl immer noch nicht fähig, wieder am Leben teilzunehmen.

Das Schlimmste war jedoch die Erkenntnis, dass Thomas wohl vorsätzlich von jemandem umgebracht worden war. Aber sie und die zwei Passanten, die zufälligerweise durch diese Straße gehen mussten, hatten in der Dunkelheit und in dem gleißenden Licht weder den Autotyp noch das Kennzeichen erkennen können, geschweige denn gesehen, wie der Fahrer aussah. Es war alles so rasend schnell gegangen in dieser Nacht... und weil man keine Anhaltspunkte dafür fand, wer Grund gehabt hätte, Thomas zu töten, legte die Polizei den „Fall Marquardt“ schon sehr bald zu den Akten mit der lapidaren Begründung, dass man nichts machen könne... Derjenige, der Thomas ermordet hatte, wurde also nicht einmal für seine Tat zur Verantwortung gezogen... das war so widerlich...

In Erinnerung daran schüttelte sich die junge Frau innerlich und knipste die Nachttischlampe an. Dann schaute sie sich erstaunt um. Ach richtig, sie war ja gar nicht zu Hause, sondern im Gästezimmer ihrer Cousine Nathalie. Es war überhaupt ein Wunder, dass sie sich aufgerafft hatte, nach Toronto zu fliegen, aber sie dachte, dass ihr ein wenig Abstand gut tun würde. Doch selbst hier suchte der Alptraum sie heim. Wahrscheinlich würde sie Thomas’ Tod nie überwinden...

 

~~*~~

 

Dr. Nathalie Lambert wirkte unruhig, als Nick und Schanke sie in der Pathologie aufsuchten, um die Informationen über die Tote abzuholen, die man vor wenigen Tagen nachmittags im Park auf einer Bank gefunden hatte.

„Die Frau hatte einen Herzinfarkt“, erklärte Nathalie.

„Ist sie etwa daran gestorben?“ fragte Schanke. Die Pathologin nickte, worauf er leutselig meinte: „Wenn sich nur all unsere Fälle so leicht aufklären würden!“

„Dann können die Angehörigen die alte Dame wohl bald beerdigen“, meinte Nick.

„Aber sicher“, erwiderte Nathalie.

„Hab schon lang nichts mehr gegessen“, sagte Schanke und bewegte sich in Richtung Tür. „Ich hole mir einen Donut. Soll ich euch auch etwas mitbringen?“

„Nein danke!“ antwortete Nathalie, während Nick nur wortlos den Kopf schüttelte. Er wartete, bis sein Kollege den Raum verlassen hatte und wandte sich dann wieder der Pathologin zu.

„Was ist los, Nat? Du scheinst heute irgendwie nicht bei der Sache zu sein.“

„Ich mache mir Sorgen um Corinne, meine Cousine. Sie ist heute Nachmittag mit der Maschine aus Frankfurt angekommen und wirkte nicht gerade so, als ob man sie allein lassen könnte. Ich wäre jetzt lieber bei ihr als hier.“

„Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass irgendetwas mit deiner Cousine ist? Hat sie vielleicht vor kurzem etwas Schreckliches erlebt?“

Nathalie starrte Nick erschrocken an, dann meinte sie: „Deine Fähigkeiten erstaunen mich immer wieder.“

„Es stimmt also, dass deine Cousine einen Schock erlitten hat?“

„Ja, das kann man sagen. Ihr Lebensgefährte ist vor vier Monaten von einem Auto überrollt worden und es sieht ganz so aus, als ob das vorsätzlich geschehen wäre“, erzählte Nathalie. „Corinne wollte ihn an diesem Abend vom Geschäft abholen und wartete bereits auf der anderen Straßenseite, als es geschah. Sie hat alles mit angesehen...“

„Das ist wirklich tragisch“, meinte Nick mitfühlend. „Hat man den Mörder erwischt?“

„Nein, der Fall wurde zu den Akten gelegt, da weder Fahrer noch Wagentyp oder Kennzeichen zu erkennen gewesen waren...“

„Das ist ja unglaublich!“

„Das finden wohl alle seine Freunde und Bekannten, denn Thomas Marquardt, so hieß Corinnes Partner, war sehr beliebt und es gibt eigentlich niemanden, der ihm den Tod gewünscht geschweige denn davon profitiert hätte. Wie soll man da denjenigen finden, der den jungen Mann auf dem Gewissen hat?“

„Mir scheint, die Kollegen sind nicht engagiert...“, murmelte Nick. „Vielleicht könnte ich einmal mit Corinne reden? Möglicherweise kann ich in ihren Gedanken sehen, wer es gewesen ist?“

„Bitte, Nick, die Ärmste hat schon genug durchgemacht“, ermahnte ihn Nathalie. „Ihr Vater rief vor einigen Tagen an und meinte, ich solle dieses Thema so weit wie möglich vermeiden. Corinne ist immer noch ein wenig durcheinander...“

„Warum lässt er seine Tochter dann nach Toronto fliegen?“

„Hm... ihren Eltern war es gar nicht recht, dass sie mich besucht. Am liebsten würden sie sie bei sich im Hause in ihrem alten Kinderzimmer einsperren, um sie zu beschützen“, sagte Nathalie. Ein leichtes Lächeln glitt über ihre Züge. „Weißt du, Nick, meine Cousine ist sehr eigenwillig und macht, was sie für richtig hält. Ihren Eltern erklärte sie, sie wolle in Toronto ein wenig Abstand gewinnen, zumal hier eine Fachtagung stattfindet, die sie interessiert. Corinne glaubt, sie könne sich am besten ablenken, wenn sie sich in die Berufstätigkeit stürzt.“

„Na ja, ich wünsche ihr viel Erfolg dabei“, erwiderte der Vampir.

In ebendiesem Augenblick kam Schanke zurück, hörte den letzten Satz und fragte: „Wem wünscht du viel Erfolg, Nick?“

„Nathalies Cousine...“

„Du hast eine Cousine?“ wandte sich Schanke erstaunt an die Pathologin. „Davon wusste ich ja gar nichts.“

„Du brauchst auch nicht alles über mich zu wissen“, erwiderte Nathalie.

„Natürlich nicht... ich wollte dir auch keineswegs zu nahe treten“, meinte Schanke in entschuldigendem Ton. „Ich interessiere mich nun mal für meine Kollegen. – Hat deine Cousine etwa irgendwas zu verbergen, muss man sie verstecken oder so?“

Nathalie brach in Lachen aus. Sie konnte dem gutmütigen Detective nicht böse sein.

„Aber nein“, erklärte die Pathologin dann. „Ich bin überzeugt, dass viele Männer Corinne sehr attraktiv finden. Ich denke, sie wäre dein Fall.“

„Oh, ich bin glücklich mit meiner Myra verheiratet“, wehrte Schanke ab. „Verrätst du mir vielleicht auch, was deine Cousine nach Toronto führt?“

„Sie will an einer Fachtagung über den Sinn und Unsinn der optischen Kunst teilnehmen. Ich glaube, sie hält sogar einen kleinen Vortrag.“

„Deine Cousine ist also schön und klug“, meinte Schanke beeindruckt. „Ich muss gestehen, ich bin neugierig auf sie geworden. Meinst du, Nick und ich könnten sie einmal sehen?“

„Bitte!“ rief der Vampir seinen Kollegen zur Ordnung. „Die junge Dame ist doch kein Ausstellungsstück!“

„Lass gut sein, Nick“, meinte Nathalie. Sie hatte sich gerade gefragt, ob es Corinne nicht wirklich gut tun würde, Don Schanke kennenzulernen. Mit Sicherheit fand sie ihn amüsant. Es wurde allmählich Zeit, dass Corinne wieder unter Menschen kam. Sie hatte sich schließlich lange genug in ihrem Schmerz vergraben. Ihre Reise hierher bedeutete doch wohl, dass sie selbst den Wunsch hegte, aus ihrer Isolation herauszukommen...