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Erkenntnisse und Entscheidungen

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Als Colonel Everett Young die Augen öffnete, fühlte er sich kein bisschen erholt. Camile und er hatten noch darüber gewitzelt, dass drei Jahre im Kälteschlaf mehr als genug Erholung sein würden. Doch die Stasiskapsel hatte offenbar nicht nur seine körperlichen Funktionen, sondern auch seine Erschöpfung eingefroren. Es schien, als hätte er sich eben erst von Rush und Eli verabschiedet.
Mit einem tiefen Atemzug schüttelte er ein leichtes Gefühl von Verwirrung von sich, die das Erwachen aus dem Kälteschlaf mit sich brachte, und trat aus der kleinen Kammer. Es war still um ihn herum und nur seine Stasiskapsel und die Notbeleuchtung spendeten ein dämmriges Licht.
Waren sie bereits da?
Wieso war er als einziger wach?
Sollte das Schiff nicht erst alles hochfahren, bevor sie erwachten?
Es hatte eine festgelegte Reihenfolge für das Erwachen gegeben.
Eli hatte doch die Programmierung...
Eli!
Youngs Herz stolperte und schlug dann schneller, als er sich an den jungen Mann erinnerte, der überzeugt von seinen eigenen Fähigkeiten den Platz in der letzten Kapsel übernommen hatte. In dem Wissen, dass ein Versagen sein Tod bedeuten würde.
Hatte er es geschafft?
Mit einem flauen Gefühl im Magen ging Young zu der Kapsel die zuletzt übrig gewesen war.
Zu der Kapsel, in der Eli sein sollte.
Zu der Kapsel, die leer und offen stand, als er davor trat.
War Eli vor ihm aufgewacht? Aber dann hätte er Young doch begrüßt mit seinem typischen Grinsen und einem seiner üblichen Sprüche. Er würde energiegeladen hier herumlaufen und aufzählen, was alles zu tun war. Und sich darüber freuen, dass sie es geschafft hatten, dass er Recht behalten und sie alle gerettet hatte.
Suchend schweifte Youngs Blick über die Innenseiten der Kapsel, als könnte Eli sich dort irgendwo verstecken, doch alles was er im schwachen Licht der Notbeleuchtung entdeckte, waren kleine Kristalle an der Außenseite, die aussahen, als wären sie durchgebrannt. Durchgebrannt und unbrauchbar.
„Nein! Verdammt!“ Mit einem wütend hilflosen Aufschrei schlug Young gegen den Rahmen der toten Stasiskapsel, spürte den Schmerz kaum. Er hätte nie zulassen dürfen, dass Eli allein zurückblieb. Das war nicht seine Aufgabe gewesen. Er hätte warten müssen, hätte zum Schluss derjenige sein sollen, der draußen blieb. Doch er hatte sich von Elis Entschlossenheit überzeugen lassen und er hatte selbst nicht sterben wollen, wenn es diese kleine Hoffnung gab.
Young atmete zittrig ein, aus, dann wieder ein und noch einmal aus, auch wenn es schwer fiel. Er versuchte, sich zu beruhigen und nahm nun auch das fliegende Auge wahr, das vor ihm am Boden lag. Er hob die kleine Kugel auf und ging zu der Stasiskapsel, in der sich Rush befand. Der Mann stand noch genauso dort wie vor einigen Augenblicken, als sie das Gerät eingeschaltet hatten. Einige Augenblicke, die Jahre zurück lagen. Mit geradem Rücken und erhobenem Kopf. Das braune Haar aus der Stirn gestrichen und Wangen und Kinn von einem stoppligen Bart bedeckt, der von grau durchzogen war. Die Destiny hatte sie alle älter gemacht und die Anspannung, die Rush kontinuierlich ausstrahlte, hatte er selbst in dieser Situation beibehalten.
Im Glas der Kammer konnte er auch schwach sein eigenes Spiegelbild erkennen. Noch immer waren seine schwarzen Haare eine Handbreit zu lang, sodass sie wild gelockt nichts mehr mit einem Militärschnitt zu tun hatten. Seine schwarze Uniform war abgetragen von der Zeit auf der Destiny und er fühlte sich so müde, dass er sich nichts sehnlicher wünschte als ein Bett.
Young atmete erneut tief ein, um sich zu sammeln und wurde dabei daran erinnert, dass die Destiny nur langsam erwachte, denn die Luft war schwer und kühl. Aber es war nicht eisig, also war die Lebenserhaltung schon einige Zeit vor seinem Erwachen angegangen. Er hatte keine Ahnung, was sonst funktionierte und was als nächstes passieren würde, außer dass sie hoffentlich gerade einen Stern ansteuerten, sollten sie denn tatsächlich ihr Ziel erreicht haben.
Es half nichts. Er brauchte Rush und so beendete er den Kälteschlaf des Wissenschaftlers genau so, wie Eli es ihm gezeigt hatte. Ein leises Zischen erklang, das Licht in der Kapsel ging an und das Glas klärte sich. Wenige Augenblicke später öffnete sie sich und Rush schlug die Augen auf. Kein Blinzeln, kein Taumeln. Er stand einfach nur regungslos da, schien sich zu besinnen und zu sammeln.
„Wir leben noch.“ Es sollte wohl nur eine kühle Feststellung sein, aber Young konnte Verwunderung und auch Erleichterung in den Worten hören. Ihm entging auch das leicht amüsierte Zucken der Mundwinkel nicht.
Er nickte nur knapp, während Rush aus der Kapsel trat und sich umsah. „Wir sind die ersten, nehme ich an. Gut. Ich muss als erstes in den Interfacekontrollraum und unseren Status herausfinden. Die anderen müssen noch warten.“ Rush war während seines Monologes zu der defekten Stasiskapsel gegangen und betrachtete sie nun misstrauisch. „Wo ist Eli?“
Zur Antwort hielt Young das fliegende Auge hoch. „Er war nicht da. Nur das hier. Ich muss...“ Young räusperte sich bevor er weiter sprach. „Ich möchte mir das hier erst ansehen, bevor wir weiter machen und alle anderen wecken.“
Rush nickte langsam, sein Gesicht zu einer neutralen Maske verschlossen. „Statuskontrolle, dann die Aufnahmen.“

Der Weg in den Kontrollraum kam Young wie eine Ewigkeit vor. Als sie ihn schließlich im Licht der Notbeleuchtung erreichten, machte Rush sich sofort an die Arbeit während Young sich verwundert umsah. Unter den Konsolen lagen Decken, eine Matratze und unzählige Dinge verstreut. Unter anderem Medizin und Verbände, offenbar aus TJs Vorräten. Auch ein Raumanzug lag in der Ecke. Es wirkte, als hätte Eli die meiste Zeit hier drinnen verbracht. Der Raum war ein einziges Chaos. Young schluckte Fragen diesbezüglich, die Rush sicher auch nicht beantworten konnte, und sah ihm stattdessen dabei zu, wie er ein paar Eingaben an einer der Konsolen machte.
„Wie sieht es aus?“, wollte Young ungeduldig wissen, als Rush von sich aus nichts sagte.
„Auf den ersten Blick gut“, kam schließlich die etwas zögerliche Antwort. „Alle Systeme arbeiten planmäßig. Lebenserhaltung, Antrieb... Wir sind auf direktem Weg in einen Stern und sollten ihn in etwa vier Stunden erreichen. Nur...“
„Was nur?“
„Diese Zeitangabe kann nicht stimmen und das Energielevel auch nicht. Aber wir sind definitiv am Rande der angesteuerten Galaxie.“
„Was ist mit der Zeitangabe?“, fragte Young sofort alarmiert nach.
„Es sind nur 27 Monate vergangen, gerade einmal mehr als zweidrittel der berechneten Zeit. Und unsere Energie ist bei weitem nicht so verbraucht, wie wir es kalkuliert hatten. Ganz ehrlich, Colonel, diese Angaben machen keinen Sinn.“ Rush sah ihn offen an und Young wusste nicht, ob Rushs deutliche Verwirrung ihn beunruhigen sollte oder nicht.
„Vielleicht ist hier eine Antwort drauf.“ Er reichte dem Wissenschaftler das fliegende Auge, der es wortlos entgegen nahm und die Daten herunter lud.
Young stellte sich schweigend neben ihn, während der Monitor flimmerte und dann Elis fröhliches Gesicht erschien. Er wirkte müde aber enthusiastisch. Genauso, wie Young ihn zuletzt gesehen hatte.

// „Tag 1. Rush und Young sind vor etwa einer Stunde in Stasis gegangen. Destiny ist vollkommen still und es ist fast ein wenig gruselig, so allein hier zu sein.“ Eli sah kurz nach links und rechts und lehnte sich dann verschwörerisch näher bis sein leicht rundliches Gesicht den ganzen Monitor ausfüllte. „Und jeden Moment tauchen fiese Killeraliens aus dem Nichts auf und übernehmen die Kontrolle.“ Er sah sich noch einmal hastig um, schüttelte sich und sprach dann normal weiter. „1700 Seiten! Das soll wohl ein Witz sein. Tja, Zeit an die Arbeit zu gehen...“ //

Das Bild wechselte und Eli sah müde aus, als er erneut in die Kamera sprach.

// „Tag 3. Ich habe kaum gegessen und geschlafen und ich habe gerade einmal etwas mehr als die Hälfte geschafft. Bisher war noch keine Lösung für mein Problem dabei. Diese technischen Abhandlungen lesen sich aber auch nicht gerade wie ein Bestsellerabenteuer. Bei meinem Glück steht es irgendwo auf den letzten 50 Seiten... Es ist ganz schön einsam hier und hatte ich schon erwähnt, dass diese Stille gruselig ist?“ //

Das Bild wechselte erneut und Eli grinste in die Kamera, die Müdigkeit noch deutlicher zu erkennen als zuvor. Unter seinen Augen lagen deutliche Schatten. Er saß am Boden der Stasiskapsel, umgeben von Kristallen und Einzelteilen.

// „Tag 6. Hiermit bin ich offiziell der größte Experte in Sachen Antikerstasiskapseln im ganzen Universum... na okay, zumindest unter den Menschen. Ich will nie wieder in meinem Leben Text sehen. Nur noch Zahlen. Zahlen sind toll. Zahlen sind super. Aber ich hab das Problem endlich gefunden. Ich habe die anderen beschädigten Kapseln dieser Sektion untersucht und keine von denen wäre reparierbar, aber zumindest aus einer konnte ich ein Ersatzteil ausbauen und wenn alles funktioniert, bin ich schon in Kürze genauso Tiefkühlkost wie alle anderen...“//

// „Tag 9. Es hat länger gedauert, als ich gedacht habe, aber jetzt ist es Zeit, auf Wiedersehen zu sagen. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Ich hab das Diagnoseprogramm ein paar Mal drüber laufen lassen und getestet ohne Ende, aber alles sieht gut aus. Das System ist stabil und ich liege noch super im Zeitplan. Ich werde jetzt alles abschalten und tja, hoffen, dass alles gut geht und ich zum richtigen Zeitpunkt mit allen anderen aufwache. Wenn es doch nicht funktioniert... Wow, ich bin nervös. Aber hey, ich bin ein Genie. Kein Grund zur Sorge. Alles wird super laufen, ein Kinderspiel. Wir sehen uns auf der anderen Seite...“ //

Der Monitor erlosch und Young sah zu Rush, der genauso überrascht wirkte, wie er selbst. Wenn Eli in Stasis gegangen war, wieso war er dann jetzt nicht hier? Young bezweifelte, dass Eli vor ihnen aufgewacht war und jetzt irgendwo auf dem Schiff herumlief, ohne sich zu melden.
Mit etwas Verspätung flimmerte der Monitor erneut und Eli erschien noch einmal, ein Ausdruck der Angst im Gesicht.

// „Tag... keine Ahnung.“ Er fuhr sich in einer müden Geste durch die wirren Haare und wirkte abgelenkt. „Der FTL-Antrieb ist aus und meine Stasiskapsel hatte einen Kurzschluss. Das System ist durch geschmorrt und ich kann von Glück reden, dass ich nicht mit gegrillt wurde. Kaum zu glauben, aber wir befinden uns auf dem Weg in einen Stern.“ Eli dirigierte das fliegende Auge von sich weg, so dass man erkennen konnte, dass er auf dem Observationsdeck stand. Jenseits des großen Panoramafensters befand sich nicht nur die Dunkelheit des Alls, sondern auch ein Stern. Dann schwenkte die Kamera wieder zu Eli. „Das da hinter mir ist ein Ausreißerstern. Ich werde ihn nutzen, um noch einmal unsere Energiereserven komplett aufzuladen und dann... muss ich einen Weg finden, das Problem mit der Stasiskapsel zu lösen, denn die, die ich repariert habe, ist jetzt wirklich unbrauchbar. Ich weiß, ich sollte Sie wecken, irgendwen, aber...“
Er schüttelte den Kopf, griff nach dem fliegenden Auge und das Bild erlosch kurz, bevor es Eli an einem anderen Ort zeigte. Mittlerweile wirkte er vollkommen erschöpft und es war mehr als deutlich, dass er nicht genug gegessen hatte.
„Okay, das war es dann also. Mehr kann ich nicht tun. Wenn alles funktioniert, dann werden sie sich gerade wundern, warum wir schon da sind. Vielleicht haben sie auch schon Destinys Logs durchgesehen. Ich mach es kurz: Ich schätze, Destiny wurde von der elektromagnetischen Strahlung einer Sonneneruption des Sterns beeinflusst, auf den wir getroffen sind. Was auch immer die Ursache für das Abschalten des FTL-Antriebs war, so viel Glück kann keiner haben.“ Elis Blick wanderte kurz zur Seite, bevor er den Kopf schüttelte und weiter sprach. „Ich habe die letzten Wochen damit verbracht, ein paar Reparaturen am Schiff zu erledigen, wie schon erwähnt, Destiny erneut voll aufzuladen und den FTL-Antrieb neu zu programmieren. Wir sollten jetzt doch um einiges schneller da sein. Sie werden sich sicherlich fragen, wieso ich niemanden geweckt habe. Aber dafür gibt es verschiedene Gründe. Vielleicht...“ Erneut wanderte sein Blick zur Seite, während er mitten im Satz abbrach. Irgendetwas schien ihn abzulenken.
„Na ja, jedenfalls ist jetzt alles getan, was ich tun konnte, doch mein Hauptproblem der Stasis bleibt. Auch mit der erneuten Aufladung kann ich nicht für den Rest der Strecke wach bleiben. Und ehrlich, ich glaube, das würde ich auch gar nicht durchstehen. Aber ich habe eine Lösung gefunden... zumindest hoffe ich das. Es ist meine letzte Chance, so wie ich das sehe...
Bei meinen Arbeiten in den letzten Wochen habe ich eine weitere Stasissektion gefunden. Sie hat nur wenige Einheiten und liegt in einem abgelegenen Technikbereich, der ebenfalls vor unserer Ankunft beschädigt wurde. Der Teil des Schiffes hat einen Riss in der Hülle, der noch nicht repariert wurde und den ich auch nicht reparieren konnte. Es gibt also keine Atmosphäre. Aber eine der Kammern funktioniert definitiv. Nur ist dieser Teil nicht mehr mit dem System verbunden. Finden Sie mich. Holen Sie mich da raus, denn ich werde nicht automatisch mit ihnen aufwachen...“ //
Er schien noch etwas sagen zu wollen, schüttelte aber nur den Kopf und flüsterte ein schwaches „Viel Glück“ bevor das Bild erlosch und auf dem Monitor nur noch die üblichen Diagramme und Daten zu sehen waren. Es gab keine weiteren Aufnahmen im Speicher.

Für einen Moment herrschte Stille. Young war sprachlos, dann wandte er sich an Rush. „Können Sie ihn finden?“, wollte er von dem Wissenschaftler wissen, der sofort begann, auf der Konsole herum zu tippen.
„Was zum Teufel hat Eli da nur die ganze Zeit getan? ... Ich hab’s.“ Rush rief eine Karte des Schiffs auf und zeigte auf eine weit abseits gelegene Sektion. „Dort muss er sein. Bis dahin sind wir nie gekommen, aber es gibt eine schwache Energiesignatur von dort, die da vorher eindeutig nicht war und es ist ein beschädigter Bereich.“
„Helfen Sie mir in den Raumanzug und lotsen Sie mich dort hin. Ich werde Eli suchen, in der Zeit wecken Sie die erste Sektion und schicken TJ, Greer und Scott zu mir. Die anderen sollen Ihnen hier helfen.“
Rush prüfte kurz, ob der Raumanzug aufgeladen war, dann half er Young hinein.
Sie verließen gemeinsam den Raum, doch nach kurzem trennten sich ihre Wege. Während Rush wieder zu den Stasissektionen ging, folgte Young den Anweisungen, die er bekommen hatte.
Die Luft wurde langsam besser, je länger die Lebenserhaltung in Betrieb war. Das Atmen fiel leichter. Young verspürte den Drang zu rennen, was der schwere Anzug jedoch effektiv unterband. Es gab auch keinen Grund, sich zu beeilen. So lange Eli in Stasis war, war alles in Ordnung und wenn er es nicht geschafft hatte, dann spielte Zeit auch keine Rolle mehr. Doch gerade diese Ungewissheit war es, die Young zur Eile trieb. Er musste wissen, dass es dem jungen Mann gut ging, dass sie es alle geschafft hatten. Nicht wegen des Opfers eines einzelnen.
Während er die Gänge im Licht der Notbeleuchtung durchquerte, machten seine schweren Schritte die Stille um ihn herum nahezu greifbar. Es schien erneut eine Ewigkeit zu vergehen ehe er ein verriegeltes Schott erreichte. Mit Kreide war ein großes Kreuz darauf gezeichnet. Dahinter musste sich die beschädigte Sektion befinden.
„Rush, hier ist Young. Ich hab es gefunden und geh da jetzt rein.“
„Warten Sie kurz...“, kam prompt eine Antwort über das Funkgerät.
Es gab eine kleine Pause, dann erklang TJs Stimme. „Colonel?“
„TJ, ist alles in Ordnung?“
„Ja, soweit gab es keine Komplikationen beim Aufwachen. Greer und Scott sind auch hier.“
„Gut, lassen Sie sich von Rush alles erklären und den Weg zeigen. Warten Sie am zweiten Schott vor der verriegelten Sektion. Ich rufe Sie, sobald ich zurück bin.“
„Verstanden, Sir.“
Young schaltete das Funkgerät ab und verstaute es sicher, bevor er den Helm aufsetzte und die Magnetschuhe einschaltete, weil er nicht wusste, ob es auf der anderen Seite Schwerkraft gab. Nachdem er sich sicher war, dass alles funktionierte, schloss er das Schott hinter sich und öffnete jenes vor sich. Sofort setzte ein starker Sog ein, der erst nachließ, als die Atmosphäre entwischen war. Dann setzte er sich in Bewegung. Er hatte sich bereits auf eine Suche eingestellt, doch Eli hatte deutliche Spuren hinterlassen. Entlang der Wand zog sich eine weiße, wackelige Kreidelinie. Das machte Young Sorgen. Genauso wie der Zustand der Sektion. Der Riss, der im Boden klaffte, war riesig und die Schäden im Inneren waren ebenfalls nicht zu übersehen. Hier gab es keine Energie mehr und damit auch keine künstliche Schwerkraft. Die Stasiskapseln mussten also autark funktionieren, sonst hätten sie Eli nichts genutzt.
Mühsam schritt er voran, eine Hand immer an der Wand, dem weißen Strich folgend bis dieser schließlich an einer halb geöffneten Tür abbrach. Der Spalt war gerade breit genug, dass er im Anzug hindurch kam. Der Raum dahinter war klein und enthielt exakt vier Stasiskapseln. Nur an einer von ihnen leuchteten die Kontrollkristalle schwach. Als Young davor trat, musste er seinen Blick jedoch erst nach unten korrigieren, um Eli zu entdecken. Die Raumanzugverhüllte Gestalt des jungen Mannes hockte halb zusammengesunken am Boden der Kapsel. Das sah nicht gut aus. Aber er hatte auf der letzten Aufnahme des fliegenden Auges auch nicht mehr sonderlich kräftig gewirkt. Was in den Wochen, in denen Eli wach gewesen war, wohl alles passiert war? Offenbar hatte er auf jeden Fall an den Nahrungsrationen gespart.
Doch es brachte nichts, darüber zu rätseln. Er musste Eli jetzt da einfach nur raus holen und dann konnten sie später alle Fragen klären. Youngs Herz schlug viel zu schnell, als er den Schalter fand und die Stasis beendete. Es dauerte einige Augenblicke, dann fuhr das Gerät herunter. Die Kammer öffnete sich und Elis Körper wurde von der Schwerelosigkeit erfasst. Die Kammer hatte offenbar ihr eigenes kleines Schwerkraftfeld generiert.
Young griff sofort nach dem Jüngeren und hielt ihn an den Armen. „Eli. Eli! Sind Sie wach?“
„Colonel, ... mich gefunden“, erwiderte der schwach und kaum verständlich, ein kraftloses Grinsen auf den Lippen hinter dem spiegelnden Visier des Raumanzuges.
„Ja, ich hab Sie. Halten Sie durch. Können Sie laufen?“
Eli schüttelte schwach den Kopf. Er musste mit letzter Kraft in diese Kapsel gekommen sein.
„Okay, kein Problem. Wir kriegen das auch so hin. Halten Sie einfach noch ein wenig durch.“
Eli nickte, die Augen halb geschlossen. Dank der Schwerelosigkeit zog Young Eli mit wenig Mühe aus dem kleinen Raum und brachte ihn zurück zum Schott. Unterwegs funkte er Rush an. „Ich hab Eli. TJ soll sich bereithalten. Stellen Sie die Atmosphäre wieder her sobald ich das Schott hinter mir geschlossen habe.“
„Verstanden.“
„Eli, reden Sie mit mir. Bleiben Sie wach.“
„Hmmm. Bin müde“, nuschelte der nur zur Antwort und sagte sonst nichts weiter.
Young war erleichtert, als er das Schott endlich erreichte und es hinter sich schließen konnte. Er ging in die Knie und zog Eli mit sich zu Boden.
„Jetzt, Rush!“ Die Schwerkraft setzte wieder ein und aus den Belüftungsschlitzen war ein lautes Zischen zu hören. Es schien ewig zu dauern, bis er das Geräusch des sich öffnenden Schotts hörte.
„TJ!“
„Ich bin hier.“
Young löste seinen Helm und dann auch Elis, noch bevor die blonde Frau zu ihm getreten war.
„Eli, können Sie mich hören? Was ist passiert?“, wollte die Sanitäterin dann an den Colonel gewandt wissen, während sie sich neben ihn kniete und an Elis Hals nach einem Puls suchte.
„Keine Ahnung. Wir müssen ihn aus dem Anzug bekommen und zur Krankenstation bringen. Scott! Greer!“
„Ja, Sir!“ Die beiden jungen Männer waren direkt hinter TJ gewesen und traten nun näher. Gemeinsam richteten sie Eli vorsichtig auf und befreiten ihn von dem Raumanzug.
„Alles okay, nur müde“, nuschelte Eli dazwischen immer wieder, hatte aber offenbar keine Kraft bei dem Unterfangen zu helfen. Er konnte kaum die Augen offen halten.
Young trat einen Schritt zurück und beobachtete das ganze aufmerksam, während er begann sich aus seinem eigenen Anzug zu schälen.
Eli war am Leben. Alle hatten die Reise überstanden, aber etwas stimmte nicht. Das konnten nicht nur Müdigkeit und zu wenig Nahrung sein. Als Elis linker Unterarm von dem Anzug befreit wurde, wurde das noch viel deutlicher. Die Haut war von den Fingerspitzen bis zum Ellenbogen rot, von Brandblasen überzogen und teilweise verschorft.
„Oh mein Gott.“ TJ schlug erschrocken die Hände vor den Mund. Greer und Scott bemühten sich, sich zu beeilen und gleichzeitig so vorsichtig wie nur möglich zu sein, nicht wissend, was Eli noch an Verletzungen trug. Young riss sich von dem Anblick los und schälte sich endlich vollends aus seinem eigenen Anzug und ließ ihn zu Boden sinken. Die konnten sie später holen, wenn sich alles beruhigt hatte.
„Young, bitte kommen.“ Rushs Stimme erklang über das Funkgerät, das sich an TJs Gürtel befand. Young ließ es sich geben und antwortete, während sie sich endlich auf den Weg zur Krankenstation machten. Greer und Scott stellten zum Glück erst einmal keine Fragen, während sie Eli zwischen sich trugen.
„Young hier.“
Eine kurze Pause entstand, dann kam wieder Rushs Stimme. „Haben Sie ihn?“
„Ja, aber er ist in keinem guten Zustand. Wir bringen ihn auf die Krankenstation.“
„Überlassen Sie das den anderen und kommen Sie wieder her. Das dürfte Sie interessieren. Rush over.“
Young verdrehte die Augen und seufzte ungehört. Es hatte sich nichts geändert. Alles war beim Alten.
„Verstanden, over.“ Er schaltete das Funkgerät aus und gab es TJ zurück.
„Wie ist er da runter gekommen und woher stammen die Verbrennungen?“, wollte sie wissen, während sie immer wieder besorgte Blicke zu Eli warf.
„Wenn ich das wüsste. Während wir geschlafen haben, ist wohl einiges passiert. Kümmert euch um ihn. Vielleicht wird er wach genug, um ein paar Antworten zu geben.“ Young trennte sich nur widerwillig von der kleinen Gruppe, doch bei TJ war Eli in guten Händen und er konnte für den jungen Mann auch nichts weiter tun. Begleitet von der Stille der leeren Gänge lief er zum Interfacekontrollraum zurück um sich mit Rush zu treffen.
„Also, was gibt es?“
„Ich habe die Zeit genutzt und im Log recherchiert. Zumindest habe ich jetzt eine grobe Zusammenfassung aus Sicht der Destiny.“
„Und?“, wollte Young ungeduldig wissen.
„Wir hatten die letzte Galaxie hinter uns gelassen und etwa zu einem Viertel die Strecke zur nächsten geschafft, da hat eine Störung den sowieso schon lädierten FTL-Antrieb überlastet. Offenbar handelte es sich um Sonnenwinde eines Sternes der laut den Daten der Vorhutschiffe dort gar nicht sein sollte.“
„Ein Ausreißer?“ Young erinnerte sich an den Begriff, den Eli in seiner Aufnahme erwähnt hatte.
„Ja, ein Ausreißer. Ein Stern der sich schneller als seine Nachbarn bewegt und sich schließlich sogar von seiner Muttergalaxie löst. Jedenfalls haben dessen elektromagnetische Felder Energieschwankungen in der Destiny verursacht. Eine Energiespitze hat Elis instabile Stasiskammer zu einem Kurzschluss gebracht und ihn wohl geweckt. Danach war Eli offenbar extrem beschäftigt: Er hat Reparaturen an ein paar Systemen vorgenommen, die Destiny erneut zu hundert Prozent aufgeladen, neue Kursberechnungen eingegeben und weitere Reparaturen mit Hilfe der Roboter unternommen. Bevor er in Stasis gegangen ist, hat er noch Anweisungen für Planeten eingegeben: Nahrung, Wasser, Rohstoffe.“
„Wie lange war Eli draußen?“
„Laut diesen Eingaben? Sieben Wochen mindestens, aber ich kann es nicht genau sagen.“
„Das erklärt, warum wir schon da sind, aber nicht, warum Eli in so einem schlechten Zustand ist.“
„Was für ein Zustand?“, wollte Rush wissen und Young erkannte offene Sorge in der Stimme des Wissenschaftlers.
„Er hat starke Verbrennungen und war kaum ansprechbar. Ich hab keine Ahnung, wie er es so geschafft hat, in die Stasiskammer zu kommen. TJ kümmert sich jetzt um ihn.“
„Gut, hoffen wir, dass es ihm bald besser geht. Nur er kann uns sagen, was er die ganze Zeit getan hat.“
„Ja. Gibt es sonst noch etwas? Was ist mit den anderen, die schon wach sind?“
„Ich habe sonst nur Chloe geweckt und sie war vorhin auf dem Weg zur Krankenstation. Mit den anderen sollten wir wirklich warten, bis wir den Ladeprozess hinter uns haben.“
„Einverstanden. Dann werde ich jetzt Kontakt mit der Erde aufnehmen.“
„Jetzt?“, wollte Rush skeptisch wissen.
„Ja, es ist noch Zeit, bis wir da sind und es dauert nicht lange. Sie sollten wissen, dass wir bereits wach sind und Sie wollen doch sicher auch wissen, ob in der Zwischenzeit ein neuer Ikarusplanet gefunden wurde und wie der Stand der Dinge allgemein ist.“
„Sicher“, entgegnete Rush.
Young wandte sich ab und hatte den Raum schon halb verlassen, als Rushs Stimme noch einmal erklang. „Aber wissen Sie was seltsam ist, Colonel? Elis Aufnahme zeigt den Moment als er aus der Stasis kommt und kurz bevor er in die nächste geht, doch nichts dazwischen. Man sollte meinen, dass bei seiner stoischen Dokumentation auch Material über die Wochen dazwischen existieren sollte.“
„Ja, sollte man meinen.“ Young wusste worauf Rush hinaus wollte. Das Auge, das sie gefunden hatten, war sicherlich nicht das einzige. Aber gerade jetzt hatten sie keine Zeit dafür und Eli würde ihnen sicherlich später alles erklären. Jetzt musste er erst einmal zur Erde.
Er zog sein Funkgerät aus seiner Halterung und schaltete es ein.
„Scott, Greer, bitte kommen.“
„Ja, Sir?“, erklang kurz darauf Scotts Stimme.
„Wie geht es Eli?“
„Lässt sich schwer sagen, aber er ist stabil und schläft. TJ kümmert sich um die Wunden. Chloe ist ebenfalls hier und hilft ihr dabei.“
„Gut. Nehmen Sie Greer und treffen Sie mich im Kommunikationslabor.“
„Verstanden, Sir.“
Als er den besagten Raum erreichte, lag dieser genau so still wie alles andere auf der Destiny. Greer und Scott trafen nur kurz nach ihm ein.
„Sie nehmen Kontakt zur Erde auf?“, wollte Scott wissen und Young nickte kurz.
„Wir sollten Sie zumindest wissen lassen, dass wir wieder wach sind. Da ich allerdings nicht weiß, wer am anderen Ende ist, brauche ich sie zur Überwachung. Sollte irgendetwas nicht stimmen, brechen Sie die Verbindung sofort ab. Ich sollte maximal eine Stunde fort sein. Wir wissen immer noch nicht, wie der Flug durch einen Stern die Kommunikationssteine beeinflusst. Sollte ich nicht die Verbindung unterbrechen, tun Sie es.“
„Ja, Sir“, kam die zweistimmige Antwort und Young ließ sich an dem Tisch nieder, auf dem das Gerät stand. Er holte es aus seiner Hülle, schaltete es ein und legte nach nur kurzem Zögern einen Stein auf die leuchtende Plattform. Nichts geschah.
„Was ist passiert?“, wollte Scott wissen und Young zuckte leicht mit einer Schulter.
„Nichts, offensichtlich.“ Er nahm den Stein wieder runter, wischte ihn sauber und schaltete das Gerät aus.
„Glauben Sie, es ist etwas passiert, auf der Erde?“
„Keine Ahnung. Dafür kann es dutzende Gründe geben und es bringt nichts, darüber jetzt zu spekulieren. Wir probieren es noch einmal, wenn wir auf der anderen Seite des Sterns sind. Machen Sie eine Bestandsaufnahme der Nahrungsmittel und ruhen Sie sich dann aus. Bis wir aufgeladen haben, bleibt nicht viel zu tun.“
„Ja, Sir.“
„Wegtreten.“ Die beiden Männer verließen den Raum und Young blieb noch einen Moment sitzen. Er war müde. Es gab tatsächlich unzählige Gründe, warum die Verbindung eben nicht funktioniert hatte. Das Gerät auf der Erde war gerade aus. Niemand erwartete sie, also gab es auch keinen Grund, es ständig an zu haben. Aber würden sie dann ein Jahr warten müssen, bis das Heimatplanetenschutzkommando wieder mit ihnen rechnete und jemanden an die Steine setzte? Der Krieg gegen die Luzianer Allianz konnte aber auch für ihre Seite schlecht laufen und es gab gar kein Kommando mehr. Es brachte wirklich nichts, sich mit dieser Frage verrückt zu machen. Sie mussten es später einfach wieder versuchen.
Mit nur noch wenig Energie ging Young zur Krankenstation, um nach Eli, Chloe und TJ zu sehen. Die beiden Frauen saßen links und rechts eines Bettes in dem Eli lag und unterhielten sich leise, während Eli schlief oder noch immer bewusstlos war. Seine linke Hand war bis zum Ellbogen bandagiert und sein merklich schlanker gewordener Körper steckte unter einer dünnen Decke. Auf seiner Stirn lag ein feuchter Lappen, während an seiner rechten Hand eine Infusion hing.
Als Young eintrat, sahen Chloe und TJ sofort zu ihm.
„Wie geht es ihm?“
„Schwer zu sagen. Neben den Verbrennungen hat er einige kleinere Schürf- und Schnittwunden, leichtes Fieber und er hat offensichtlich ziemlich abgenommen. Er ist dehydriert und erschöpft genug um immer noch bewusstlos zu sein. Wir werden mehr wissen, wenn er aufwacht, aber ich denke, dass er wieder gesund wird.“
„Gut. Das ist gut.“ Young lächelte erleichtert, sah dabei aber weiter auf Eli. Sein Gewissen würde sich wohl erst beruhigen, wenn Eli wieder grinsend vor ihm stand.
„Sie sehen erschöpft aus“, kommentierte Chloe nach einer Weile des Schweigens, was TJ dazu brachte ihn prüfend zu betrachten.
„Wann haben Sie das letzte Mal geschlafen, Colonel?“
„Wir haben gerade zwei Jahre geschlafen, TJ.“
„Ich meinte richtig geschlafen, nicht eingefroren.“
„Ich weiß es nicht.“
„Dann gehen Sie jetzt. Rush hat gesagt, dass wir die nächsten Stunden eh nichts machen können. Also schlafen Sie endlich.“
Young setzte zu einem Widerspruch an, aber ihm fiel kein Argument ein. Also schwieg er und nickte zustimmend.
„Zwei Jahre? Sollten es nicht drei sein?“, fragte Chloe etwas verspätet und sah ihn verwirrt an. Das zeigte ihm, wie erschöpft er war, denn eigentlich hatte er das noch nicht preisgeben wollen. Aber es brachte nichts, das zu verheimlichen, es würden sowieso alle erfahren.
„Wir sind unterwegs unerwartet auf einen Stern gestoßen, der vorher nicht zu sehen war. Eli hat es geschafft, die Destiny aufzuladen und unsere Reise zu beschleunigen. Mehr wissen wir bisher aber auch nicht.“
Der Blick der beiden Frauen wanderte verwundert zu Eli. Der würde auf jeden Fall unzählige Fragen über sich ergehen lassen müssen, sobald er wieder wach war.
„Ich werde mich eine Runde aufs Ohr hauen. Wenn irgendetwas ist, wecken Sie mich.“ Er deutete in eine Ecke des Raumes, wo Betten durch dünne Trennwände separat lagen. Im Moment wollte er nicht zu seinem Quartier. Dafür müsste er erst durch das halbe Schiff und am Ende würde er doch wieder hierher zurückkehren. Den Weg würde er sich sparen.
Eine bleierne Schwere erfasste seinen Körper, sobald er lag und unter den leisen Stimmen der anderen dauerte es nicht lange, bis er eingeschlafen war, obwohl seine Gedanken rotierten.
-
Young erwachte vom Klang verschiedener Stimmen. Er fühlte sich nicht wirklich besser, eher wie erschlagen. Als er die Augen öffnete, stand TJ neben ihm und lächelte matt.
„Hey, du siehst immer noch fertig aus“, meinte sie leise und vertraulich und Young seufzte.
„Ja. Wie lange hab ich...?“
„Etwa sechs Stunden. Nicht annähernd genug, aber Destiny ist aufgeladen und wir sind zurück im FTL. Rush will wissen, wie es weiter gehen soll.“
„Okay, ich komme. Gib mir nur ´ne Minute.“
„Lass dir Zeit.“ Sie verschwand wieder und Young streckte sich unauffällig. Definitiv, der Schlaf hatte nur wenig gebracht, obwohl er auch schon mit weniger ausgekommen war. Seine Reserven waren restlos aufgebraucht.
Als er schließlich hinter der Trennwand hervor kam, waren TJ, Rush, Chloe, Scott und Greer um Elis Bett versammelt, der noch immer nicht wach war. Sie sahen auf, als er zu ihnen trat.
„Wie sieht es aus?“, fragte er allgemein in die Runde und Scott antwortete als erster.
„Eli hat offenbar eine Liste seines Verbrauchs geführt. Verglichen mit den Listen, die vor der Stasis gemacht wurden, hat sich unser Bestand nur minimal verringert. Das Problem, das wir in naher Zukunft Nahrung und Wasser auffüllen müssen, besteht nach wie vor.“
„Destiny steuert die nächst möglichen Kandidaten an. So lange muss eben rationiert werden. Es hilft sicher auch, wenn wir nicht gleich alle aus der Stasis holen. Nur das nötigste Personal“, warf Rush ein und Young musste ihm Recht geben, wenn auch widerwillig. Der Gedanke, die Leute einfach in Stasis zu lassen, behagte ihm nicht, aber im Moment ging es wirklich nicht anders. Wenn sie alle wach waren, würden ihre Vorräte einfach zu schnell schwinden, egal wie sehr sie rationierten.
„Okay, machen sie eine Auflistung, wen Sie brauchen.“
„Außerdem erklären die Aufzeichnungen zumindest zum Teil, wieso Eli in so einem schlechten Zustand ist, wenn sie vollständig sind. Er hat schon am Anfang gerade einmal das nötige Minimum zu sich genommen und in den letzten Tagen hat er dann fast gar nichts mehr gegessen“, fügte TJ hinzu.
„Er wusste nicht, ob er das Stasisproblem in den Griff bekommt und nachdem zumindest die Energie kein Problem mehr war, hat er versucht, es so irgendwie zu schaffen. Er wollte so lange wie möglich durchhalten“, erklärte Rush trocken, was neue Fragen aufwarf.
„Was für ein Stasisproblem?“, sprach Greer aus, was allen ins Gesicht geschrieben stand.
„Als bereits alle schliefen und nur noch wir drei übrig waren“, Young machte eine Handbewegung, die Rush, Eli und ihn selbst umfasste, „stellte sich heraus, dass eine Kammer einen größeren Defekt hatte, als die anderen. Eli ist draußen geblieben und hat sie repariert. Was danach passiert ist, kann nur er beantworten.“
Betretenes Schweigen trat ein, das schließlich durch Rush gebrochen wurde. „Wir sollten uns an die Arbeit machen. Mit etwas Glück wird es bis zu unserem nächsten Halt hoffentlich nicht allzu lange dauern und dann sollten wir ein funktionierendes Team bereitstehen haben.“
„Rush hat Recht. TJ, gehen Sie mit ihm und überwachen Sie alles. Greer und Scott, haben Sie die Raumanzüge schon geholt?“
„Nein.“
„Gut, dann holen Sie diese und prüfen Sie sie. Sie sollten einsatzbereit sein. Danach kommen sie wieder zu den anderen. TJ, Sie helfen Rush. Chloe bleibt bei Eli. Wenn sich etwas an seinem Zustand ändern sollte, melden Sie sich sofort bei TJ.“
Er bekam von allen Seiten Bestätigungen und der Raum leerte sich. Am liebsten wäre er selbst bei Eli geblieben, um ihn zu wecken. Er wollte wissen, was passiert war, wollte sich entschuldigen, dass er das zugelassen hatte und er wollte von Eli selbst hören, das alles in Ordnung war. Und zwar von einem Eli, der nicht halb weggetreten war, sondern der klar denken konnte.
Mit einem letzten Blick zu dem ohnmächtigen Mann verließ er den Raum, obwohl er keine Ahnung hatte, was er machen sollte. Schlafen stand nicht zur Debatte. Er sollte wohl das Erwachen der anderen mit überwachen. Immerhin mussten sie auch Militärpersonal wecken. Wenn es auf einen Planeten ging, war das unverzichtbar. Aber seine Füße trugen ihn unbewusst in eine andere Richtung, was er erst bemerkte, als er sich bei Elis Quartier wiederfand. Es sah unordentlich aus, aber halbleer, denn immerhin befand sich der Großteil des Inventars noch im Interfacekontrollraum. Bei allem, was passiert sein musste, hatte Eli sicher anderes im Kopf gehabt, als Ordnung zu halten. Er war eben doch noch ein Junge, egal wie sehr er sich in der Zeit auf der Destiny entwickelt hatte.
Rushs Worte kamen ihm wieder in den Sinn. Gab es vielleicht ein weiteres fliegendes Auge, auf dem alles aufgenommen war, was Eli in der gefundenen Aufnahme weggelassen hatte? Oder hatte er einfach nicht daran gedacht, diese einsamen Wochen zu dokumentieren? Letzteres schien ihm fast unmöglich. Selbst unter den stressigsten Umständen schien er immer daran zu denken.
Young ließ seinen Blick noch einmal genauer durch den Raum gleiten, doch da lag keine der kleinen Kugeln. Wahrscheinlich hatte er sich hier überhaupt nicht aufgehalten. Selbst wenn es irgendwo Aufnahmen gab, es war Elis Privatsphäre. So neugierig er auch war, so lange es keine Auswirkungen auf die Destiny und die Menschen an Bord hatte, musste er diese respektieren.
Abrupt wandte er sich ab und machte sich auf den Weg zum Kommunikationslabor. Er würde erneut versuchen, Kontakt aufzunehmen. Er hatte Pflichten zu erfüllen und konnte sich nicht mit Dingen befassen, die er jetzt nicht ändern konnte.
Mit dem Funkgerät kontaktierte er Scott. „Scott, bitte kommen.“
„Ja, Sir?“
„Wie ist Ihr Status?“
„Wir haben die Anzüge zurück gebracht. Sie sehen gut aus, aber einen genauen Check-up müsste Park übernehmen... oder jemand, der sich da genauso gut auskennt. Außerdem haben wir den dritten Anzug gefunden. Da klebt eine Notiz dran, dass er defekt ist.“ Scott hatte offenbar für einen Moment vergessen, dass die Wissenschaftlerin nach ihrer Erblindung nur noch bedingt einsetzbar war.
„Verstanden. Gehen Sie jetzt zu TJ und wählen Sie fünf unserer Leute aus, damit Rush nicht nur Wissenschaftler weckt. Und schicken Sie Greer zu mir ins Kommunikationslabor.“
„Ja, Sir.“
Als Young bei den Steinen ankam, war Greer bereits dort und wartete auf ihn.
„Wenn etwas nicht stimmt, schalten Sie sofort ab“, mahnte er noch einmal, dann legte er einen Stein auf das eingeschaltete Kommunikationsgerät. Es dauerte ein paar Augenblicke, doch diesmal funktionierte die Verbindung. Als er blinzelnd die Augen öffnete, fand er sich auf der Erde wieder. Zumindest sah es so aus. Er saß auf einem Stuhl, irgendwelche Berichte vor sich auf dem Tisch, daneben das Kommunikationsgerät und ein Monitor. Offenbar steckte er im Körper eines jungen Sergeants.
Die Wache an der Tür war auf sein verändertes Verhalten aufmerksam geworden. „Identifizieren Sie sich.“
„Colonel Everett Young.“ Er nannte seine Kennnummer und stand langsam auf. Verwunderung zeichnete sich auf dem Gesicht des Wachmannes ab, bevor er seine Gesichtszüge unter Kontrolle bekam.
„Ich muss mit Colonel Telford sprechen“, forderte Young, während er hoffte, dass der Mann tatsächlich noch hier war.
„Warten Sie bitte einen Augenblick.“
Der Wachmann verschwand und kehrte kurze Zeit später zurück, um ihm anzudeuten, ihm zu folgen. Young kannte den Weg, denn er war ihn schon öfter gegangen und offenbar hatte sich hier nichts geändert.
Der Wachmann führte ihn durch einige Gänge, benutzte den Fahrstuhl und deutete schließlich auf eine offen stehende Tür, die zu einem Büro führte. Doch dort saß nicht wie erwartet David Telford sondern General Jack O’Neill über einem Stapel Papiere. Als Young hereinkam, schob er die Unterlagen beiseite und stand auf, um ihn zu begrüßen. Er hatte sich in den letzten zwei Jahren kaum verändert. Graue, kurze Haare, ein rundliches Gesicht vom Bürojob. Für ihn war die Zeit da draußen im Einsatz vorbei, doch Young war sich sicher, dass O’Neill noch immer ein nicht zu unterschätzender Gegner wäre.
„General.“
„Everett, sind Sie das wirklich?“
„Ja, Sir.“
„Setzen Sie sich. Was ist passiert? Ist etwas schief gelaufen? Wir haben Sie frühestens in einem Jahr erwartet.“
Young ließ sich auf dem freien Stuhl am Schreibtisch nieder, während O’Neill sich ebenfalls wieder setzte. „Schief gelaufen würde ich es nicht nennen. Wir haben die nächste Galaxie erreicht.“
„Wirklich? Ich dachte, die drei Jahre wären das Minimum, was sie benötigen würden.“ O’Neill zeigte deutliche Verwunderung und Young konnte es nachvollziehen. So wirklich verstanden hatte er das alles auch noch nicht.
Er war sich nicht sicher, ob er die defekte Stasiskammer erwähnen sollte und ließ das Thema erst einmal weg. Das war nicht wichtig für die Erklärung. „Eli... Mister Wallace wurde durch einen Kurzschluss seiner Stasiskammer frühzeitig geweckt. Destiny hat im leeren Raum einen Stern gekreuzt, der ursprünglich von den Vorhutschiffen nicht aufgezeichnet wurde. Ihm ist es gelungen, alle Energiereserven noch einmal vollständig aufzufüllen und Reparaturen am Antrieb vorzunehmen, für die vor dem Sprung keine Zeit blieb. Dadurch konnte er die Effizienz erhöhen und den Sprung beschleunigen. Das ist zumindest das, was wir den Aufnahmen eines fliegenden Auges entnehmen konnten. Mister Wallace ist momentan auf der Krankenstation und nicht bei Bewusstsein. Dr. Rush, Lt. Johannsen und Lt. Scott sind damit befasst ein Team aus Wissenschaftlern und Militär zu wecken, welches sich mit weiteren Reparaturen an der Destiny und dem Auffüllen der Vorräte befassen wird. Sobald dies geschehen ist, werden wir auch die restliche Crew aus der Stasis holen.“ Young endete seine kurze Zusammenfassung und sah O’Neill offen an.
„Da hatten Sie mehr als nur etwas Glück, Everett. Mister Wallace wird eine Menge Fragen zu beantworten haben, wenn er wieder wach ist.“
„Ja, Sir. Das wird er. Was ist in der Zwischenzeit auf der Erde passiert? Wie ist die Situation mit der Luzianer Allianz?“
„Wir konnten ihnen einige schwere Schläge verpassen und sie zurückdrängen. Leider haben sie noch lange nicht aufgegeben und man sollte sie nicht unterschätzen, aber es ist leichter geworden“, entgegnete O’Neill, wirkte dabei aber angespannt.
Young stutzte. „Und die Nachschublinie?“
„Ich will ehrlich sein, da sieht es nicht ganz so positiv aus. Langara verweigert nach wie vor jegliche Kooperation in diese Richtung. Es wurde zwar ein neuer potenzieller Ikarus-Planet lokalisiert, aber die Bedingungen auf dem Planeten sind extrem, weshalb es nahezu unmöglich ist, eine Basis zu errichten. Andere Kandidaten wurden in dieser Galaxie noch nicht gefunden.“
„Was ist mit der Pegasus-Galaxie?“
O’Neill zögerte, schien etwas abzuwägen und zu einem Entschluss zu kommen. „Vor etwa einem halben Jahr hat man Atlantis wieder in die Pegasus-Galaxie geschickt. Das Wraith-Problem besteht dort nach wie vor und wir bekommen es nur langsam unter Kontrolle. Doch die Gelder die in dieses Projekt fließen, wurden stark begrenzt und zusätzlich bei Ikarus gekürzt. Atlantis ist zurzeit nur mit wenigen Wissenschaftlern besetzt und die haben mit anderen Projekten alle Hände voll zu tun... Wie gesagt, wir haben sie erst frühestens in einem Jahr zurückerwartet.“
Sie starrten einander einige Augenblicke an, bis O’Neill schließlich als erster weg sah.
„Die haben beschlossen, es auszusitzen und abzuwarten, ob sie überhaupt wieder von uns hören. Sie haben uns aufgegeben, weil ein paar Politiker beschlossen haben, dass wir das Geld nicht wert sind“, stellte Young trocken fest, nur wenig überrascht. Ein Gefühl des verraten Seins machte sich unerwünscht in ihm breit.
Dass O’Neill ihm nicht gleich antwortete, bestätigte seine Worte deutlich genug.
„Everett, wir haben Sie nicht aufgegeben. Aber uns sind die Hände gebunden. Sie wissen, wie Politiker sind. Die denken an Wahlkämpfe und ihr Ansehen. Jetzt wo Sie sich zurück melden, kann man das sicher neu verhandeln.“
„Sicher, und wie lange wird das dauern?“ Young hob eine Augenbraue und stand auf. „Dass wir eine Verbindung erreicht haben, war reines Glück, nicht wahr? Sie haben nicht mit uns gerechnet, schon gar nicht jetzt. Die Steine waren nicht wegen uns eingeschaltet.“
O’Neill schwieg und Young rieb sich erschöpft über die Stirn. Das war nicht das, was er hatte hören wollen, aber es war besser als all die anderen Szenarien, die er sich im Bezug auf die Luzianer Allianz ausgemalt hatte.
„Ich muss zurück. Sie wissen jetzt, dass wir da sind und erhalten später einen ausführlichen Bericht.“
O’Neill nickte und sagte auch weiter nichts, offenbar wohl wissend, dass es nichts gab, was an der Situation etwas ändern konnte.
Young salutierte minimal und ließ sich von der Wache vor dem Büro zu den Steinen zurück bringen.
Als er die Verbindung beendete, fand er sich in seinem eigenen Körper auf der Destiny wieder. Greer saß ihm gegenüber und sah ihn abwartend an.
„Ich bin zurück. War irgendetwas?“
„Nein, Sir. Alles ruhig.“
„Gut. Gehen wir zurück zu den anderen.“
-
In der Stasissektion war außer Brody und Volker niemand anzutreffen. Die beiden standen an einer Konsole und waren in ein Gespräch vertieft, als Young und Greer den Gang betraten. Ein Großteil der Kammern war geöffnet. Camille gehörte zu denen, die noch schliefen. Young überlegte, sie ebenfalls wecken zu lassen, aber sie war im Moment mit ihren Fähigkeiten nicht wirklich von Nutzen. Sollte sie ihm das Übel nehmen, konnte er sich damit später immer noch beschäftigen. Jetzt galten andere Prioritäten.
„Wo sind Rush und die anderen?“, wollte Young wissen, nachdem er die beiden Männer begrüßt hatte und sicher war, dass auch sie unter keinen Nachwirkungen der Stasis litten.
„Rush ist auf der Brücke, da gehen wir auch gleich hin. Scott hat sein Team ausgesucht und ist mit denen irgendwo auf dem Schiff unterwegs“, meinte Brody.
Young schloss sich den beiden Wissenschaftlern an und gesellte sich direkt zu Rush, der an einer Konsole irgendwelche Eingaben machte.
„Sie waren auf der Erde?“, wollte Rush leise wissen, während die anderen beschäftigt waren und für einen Moment niemand auf sie achtete.
„Ja“, entgegnete Young knapp. Er überlegte, was er sagen sollte, doch zuletzt hatte sich die Offenheit zwischen ihnen ausgezahlt. Und früher oder später würde Rush sowieso alles erfahren, genau wie alle anderen an Board.
„Schlechte Nachrichten?“
„Relativ. Die Luzianer Allianz scheint so weit unter Kontrolle zu sein, aber wie erwartet haben sie nicht mit uns gerechnet. Um genau zu sein, haben sie uns abgeschrieben. Sie haben zwar einen potentiellen Ikarus-Planeten gefunden, aber er eignet sich nicht für die Errichtung einer Basis. Außerdem hat der Senat den Geldhahn abgedreht und eine weitere Suche wurde ausgesetzt.“
„Wieso wundert mich das nicht?“, meinte Rush gelassen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich gegen die Konsole. „Was passiert jetzt?“
Young brauchte nicht lange zu überlegen. Er hatte sich immerhin den ganzen Weg hierher Gedanken machen können „Vorerst wohl gar nichts. Die wissen jetzt, dass wir wieder da sind. Wir werden sehen, was sie mit der Information tun. In der Zwischenzeit machen wir weiter wie bisher. Wenn wir nach Hause wollen, müssen wir selbst einen Weg finden. Letztlich lief es doch schon die ganze Zeit darauf hinaus. Selbst mit einem Ikarus-Planeten wäre die Verbindung eine Einbahnstraße. Wir hätten die Versorgung gebrauchen können, aber wir sind jetzt in einer neuen Galaxie. Hoffentlich in einer, in der wir nicht auf feindliche Außerirdische stoßen. In dem Fall können wir uns also ganz darauf konzentrieren, uns selbst zu versorgen und das Schiff zu reparieren. Und zwar so zu reparieren, dass eine Anwahl der Erde wieder möglich wird. Als es darum ging, die Stasiskammern zu reparieren, brauchten wir nur das richtige Material zu besorgen. Das sollte doch mit einem Großteil des Schiffs machbar sein. Für all die Systeme müssen sich doch Anleitungen in der Datenbank finden.“
„Sicherlich nicht für alles, aber das meiste sollte dort zu finden sein, ja. Der Plan gefällt mir.“ Rushs Mundwinkel zuckten verräterisch nach oben.
„Das dachte ich mir.“
Sie wurden unterbrochen, als sich der FTL-Antrieb abschaltete. Das bereits bekannte Gefühl, das damit einherging, war noch immer seltsam.
„Planet?“, wollte Young knapp wissen und Rush zuckte mit der Schulter.
„Sieht so aus. Finden wir es heraus.“
Sie gingen direkt in den Torraum, wo sie auf Scotts Team trafen.
Corporal Barns stand an der Kontrollkonsole. „Es wird nur ein Tor angezeigt, Sir.“
„Wählen Sie und schicken Sie ein fliegendes Auge durch.“
„Ja, Sir.“ Gespanntes Schweigen machte sich breit, während Chevron für Chevron aufleuchtete, eine Verbindung hergestellt wurde und das fliegende Auge im Ereignishorizont verschwand. Young und Rush traten zu Barns, als die ersten Daten und Bilder geschickt wurden.
„Sauerstoff, Kohlendioxid, Wasserstoff... Das Verhältnis ist nicht optimal, aber es ist atembar, keine Toxine. Kalt ist es allerdings ziemlich. In den Raumanzügen wäre es wohl am angenehmsten.“
„Die sind momentan keine Option. Wir müssen uns einfach warm anziehen und dürfen nicht zu lange bleiben. Varro, James, Greer, Johns gehen mit mir durch. TJ, Sie überwachen alles von hier. Scott hat das Kommando.“
„Es gibt Vegetation, also wird gerade so etwas wie Winter sein. Neben den Wasservorräten sollten Sie auch Ausschau nach Essbarem halten. Es könnte sein, dass es Lebewesen gibt“, meinte Rush mit einem nachdenklichen Blick auf die Videoaufnahmen.
„Okay.“ Young deutete Barns an, das Tor abzuschalten. Sie mussten erst alles zusammen suchen. Das dauerte zum Glück nicht lange. Eine halbe Stunde später befand er sich mit einem kleinen Team auf dem Planeten in Mitten einer Winterlandschaft wie aus einem Bilderbuch. Die Luft war merklich dünner als sie es gewohnt waren, aber es würde eine Weile gehen. Sie würden Pausen einlegen müssen.
Der Himmel über ihnen war mit grauen schweren Wolken verhangen, aus denen es weiche Flocken schneite. Doch es gab definitiv Tageslicht. Die Frage war nur, wie lange, das so sein würde.
Sie testeten den Schnee direkt am Tor, der dort in einer halben Meter dicken Schicht lag. Tatsächlich erhielten sie brauchbares Wasser.
„Greer, bleiben Sie hier und koordinieren Sie den Transport. Mit jeder Ladung wird das Team getauscht. Achten Sie auf TJs Anweisungen. Ich will niemanden unnötig auf der Krankenstation haben.“
„Ja, Sir.“
„Varro, Sie kommen mit mir. Wir werden uns in der näheren Umgebung ein wenig umsehen.“ Er bekam ein bestätigendes Nicken von dem geübten Fährtenleser. „Haben Sie hier irgendwelche Spuren entdeckt?“
„Nein, noch nicht. Aber wenn es hier schon die ganze Zeit so schneit, dann hat das wenig zu bedeuten. Leichte Spuren verschwinden darunter sehr schnell.“
„Okay.“ Young warf einen prüfenden Blick in die Runde. Sie waren umgeben von verschneiten Bäumen und befanden sich an einem leichten Hang. Abgesehen von der Lichtung, auf der sich das Stargate befand, sah alles gleich aus.
„Bergauf oder ab?“, wollte Varro wissen. Ohne Spuren war es fast egal.
„Bergauf“, entschied Young und ging los. Sie kamen nur langsam voran, da sie immer wieder in den tiefen, lockeren Schnee einsanken. Es war schon seltsam, wie ähnlich diese Planeten der Erde waren, obwohl sie sich am anderen Ende des Universums befanden.
„Wie geht es Ihren Verletzungen?“ Young hatte gar nicht mehr an die Folgen des grauenvollen Sturzes auf Novus gedacht. Erst jetzt, wo er sah, dass Varro sich noch nicht wieder ganz so geschmeidig bewegte wie sonst, fiel es ihm wieder ein. Vielleicht hätte er ihn nicht mitnehmen sollen. Andererseits ging er davon aus, dass Varro erfahren genug war, um zu sagen, wenn er der Meinung war, eine Mission zu behindern.
„Die Schulter ist noch ein wenig steif, aber der Rest ist wieder in Ordnung. Tamara hat mich gut zusammengeflickt“, entgegnete Varro ohne zu zögern.
„Das ist gut. Sie haben uns da einen verdammten Schrecken eingejagt.“
„Ja, und ich schulde Ihnen was dafür, dass Sie mich da nicht liegen lassen haben.“
„Sie haben TJ mittlerweile mehr als einmal gerettet und sind ein Teil der Crew geworden. Sie schulden mir nichts.“
Varro erwiderte darauf nichts, so ließ auch Young das Thema ruhen, obwohl ihm wegen TJ noch einige Fragen auf der Zunge lagen. Aber das konnte auch warten.
Nach etwa einer halben Stunde blieb Young schließlich stehen. „Wir sollten bald umkehren. Hier finden wir nichts.“ Der ganze Ausflug war Zeitverschwendung gewesen, wie es schien. Aber trotz der Kälte und der schweren Luft, war Young froh darum, denn die Chance vom Schiff zu kommen, hatten sie selten.
„Ja, das...“ Varro unterbrach sich und lauschte. „Hören Sie das?“
Young lauschte und konnte es dann tatsächlich hören. Ein leises Rauschen, gedämpft durch den vielen Schnee. „Ein Fluss?“
„Könnte sein. Sollen wir uns das noch anschauen?“
„Ja, vielleicht schwimmt da unser Abendessen.“
„Wäre nicht zu verachten.“
Sie liefen weiter und folgten dabei dem Geräusch, das stetig lauter wurde. Bald klang es eher wie ein Tosen und als sie einige Bäume hinter sich brachten, konnten sie schließlich die Quelle erkennen. Direkt vor ihnen brach der Boden in einem steilen Hang ab und zu ihrer rechten ergoss sich ein halb unter Schnee und Eis verdeckter Fluss in den Abgrund.
Young ging vorsichtig näher. Durch den Schnee war es fast unmöglich, den Boden richtig einzuschätzen. Schließlich war er nah genug an der Kante, um den Fuß des Hanges zu erkennen. Es ging höchstens zehn Meter nach unten. Varro trat vorsichtig neben ihn.
„Mit Seilen käme man da unter normalen Umständen ziemlich leicht runter, aber der Aufwand bei diesen Bedingungen ist zu groß. Ich spüre die ungewöhnliche Luft langsam. Wir sollten umkehren.“
„Ja, dieser Planet hat wenigstens unsere Wasservorräte aufgefüllt. Nahrung bekommen wir hoffentlich auf dem nächsten.“
Young wandte sich um und sah nur kurz aus dem Augenwinkel eine Bewegung, bevor alles ganz schnell ging. Er hatte nicht einmal Zeit, eine Warnung zu rufen. Er stieß Varro beiseite und fühlte im nächsten Moment einen harten Aufprall. Er wurde in die Luft geschleudert und sein Verstand schrie, dass er zu nah an der Kante war. Er hörte Schüsse, das wütende Brüllen ihres Angreifers, die Luft, die an seinen Ohren vorbeirauschte, während er fiel. Dann raubte ihm der harte Aufprall fast alle Sinne. Schmerz flutete seinen Körper, eisige Kälte drang in seine Haut und herab rutschende Schneemassen nahmen ihm den Atem. Schließlich wurde alles schwarz um ihn und er verlor das Bewusstsein.