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Überraschende Wendung

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Ariana Henley schmunzelte, als sie nach ihrem Telefonat mit Sarah zurück ins Pandora ging. Wie kam ihre Freundin nur darauf, dass sie ein Date mit Julian haben könnte? Er war ihr bester Freund. Sie kannte ihn, seit sie denken konnte. Schon immer hatte sie in ihm eine Art Bruder gesehen. Einen Moment überlegte sie, ob er das genauso sah, verwarf den Gedanken aber schnell, als sie bemerkte, dass er sich mit einer Blondine unterhielt. Erleichtert atmete sie auf, bevor sie sich umdrehte und in Richtung Bar lief. Julian schien beschäftigt zu sein und vielleicht würde sich mehr aus der Begegnung entwickeln. Das wollte sie ihm nicht ruinieren, indem sie die beiden unterbrach.

Sie entdeckte einen freien Barhocker und steuerte darauf zu. Kaum hatte sie Platz genommen, erschien eine große Gestalt vor ihr.

„Caipi?“, fragte eine männliche Stimme.

Überrascht musterte Ariana den Barkeeper. Groß und breitschultrig. Schlank, aber muskulös. Seine blonden Haare standen wild in alle Richtungen, als wäre er gerade erst aufgestanden. Es gab mit Sicherheit viele, die versuchten, eine Frisur wie diese mithilfe von Gel hinzubekommen. Bei ihm wirkte es natürlich. Er sah genau so aus wie der typische Surfer im Fernsehen.

„Das bestellst du jedes Mal“, fügte er hinzu.

„Und du erinnerst dich daran, weil …?“ Sie ließ den Satz unbeendet, wartete neugierig, während sie mit dem Finger eine ihrer unbändigen Locken hinter ihr Ohr schob.

„Das wüsstest du wohl gern“, scherzte er, bevor er sie intensiv betrachtete. „Na gut, ich verrate es dir.“ Langsam lehnte er sich näher, bis ihn nur Zentimeter von ihrem Ohr trennten. Sein Atem streifte ihre Haut. Unwillkürlich beschleunigte sich Arianas Puls. „Fotografisches Gedächtnis.“

Was? Blinzelnd wich sie zurück.

„Du hast wohl mit was anderem gerechnet.“

Arianas Stirn legte sich in Falten.

Er lachte und lehnte sich gegen den Tresen. Sein fröhlicher Ton ließ sie relaxen. Erst hatte sie gedacht, er wolle sich über sie lustig machen, doch so wirkte er nicht. Ein schelmisches Grinsen umspielte seine Lippen, seine blau-grauen Augen funkelten amüsiert.

„Ich vergesse selten etwas“, erläuterte er. „Aber an dich erinnere ich mich besonders gut.“

Charmeur. „Verrätst du mir auch den Grund?“, erwiderte sie, während sich ein Lächeln auf ihre Lippen stahl.

Er hielt ein Glas hoch, griff nach einer Flasche Wodka und sah sie fragend an.

Ariana wollte gerade nicken, überlegte es sich aber anders. „Nein, warte. Ich glaube, ich probiere heute mal was Anderes“, entschied sie aus einem Impuls heraus. Sie hatte sowieso beschlossen, ihre Verhaltensweisen zu ändern. Wieso nicht beim Trinken anfangen? Und bei Männern könnte sie gleich weitermachen. Als düster und mysteriös konnte man ihr Gegenüber nicht bezeichnen. Vom Aussehen und seiner Art her war er das genaue Gegenteil ihrer früheren Partner. Vielleicht sollte sie das als Zeichen sehen und sich auf einen Flirt einlassen?

Erfreut betrachtete er sie. „Und das wäre?“

„Hm, keine Ahnung. Was würdest du mir empfehlen?“

Er überlegte einen Moment, sah von ihr zu den Alkoholflaschen und hielt einen Finger in die Höhe. „Ich glaube, ich habe genau das Richtige für dich.“ Er begann etwas zu mischen und fügte Früchte hinzu. Bei genauerem Hinsehen erkannte Ariana Limetten und frische Erdbeeren. Dekoriert wurde das Ganze mit etwas Grünem, bevor er das Glas vor ihr abstellte. Ariana schnupperte daran. Minze. Auf seinen erwartungsvollen Blick hin, nahm sie einen Schluck. Es schmeckte fruchtig und nach Wein.

„Daran könnte ich mich gewöhnen“, murmelte sie zufrieden.

Ihre Reaktion wurde mit einem strahlenden Lächeln belohnt. Oh ja, er sah definitiv gut aus.

„Bedeutet dein Sinneswandel…“ Er deutete auf ihr Getränk. „… dass du auch in anderen Bereichen offen für Neues bist?“

Schmunzelnd hob Ariana eine Augenbraue.

„Ich habe dich schon länger nicht mehr mit diesem Wolf gesehen …“

Bei dem Gedanken an ihren Ex verfinsterte sich Arianas Miene. „Leo ist Geschichte.“

„Gut für dich. Mir ist sowieso schleierhaft, was du an dem fandest.“

„Mir auch“, gestand sie und trank das halbe Glas auf einmal leer.

„Ich habe um 1 Uhr Feierabend, falls du möchtest, dass ich dich auf andere Gedanken bringe.“

Bevor Ariana fragen konnte, wie er das genau meinte, hörte sie eine Stimme.

„Das würde ich mir gut überlegen. Valentin hält sich für Casanova.“

Überrascht drehte Ariana sich um. Der Rest ihrer guten Laune verschwand schlagartig, als sie erkannte, wer vor ihr stand.

„Aber ich würde ihn eher als Weiberheld bezeichnen“, fügte die junge Frau hinzu.

„Nadira“, rief Valentin theatralisch. „Du brichst mir das Herz!“ Seine Hände vor den Oberkörper gehalten, mimte er, als würde ihm ein Dolch in die Brust gerammt. „Erst weist du meine Liebe ab, jetzt ruinierst du mir auch noch meine Chancen bei der nächsten holden Maid.“ Sein gespielt verzweifelter Gesichtsausdruck ließ Ariana schmunzeln.

Ein Kichern erklang. Ariana erstarrte und stellte fest, dass sie der Hexe den Rücken zugedreht hatte. Keine gute Idee. Vor allem bei einem Mitglied von Lorraines Clique. Als Beraterin konnte sie zwar nicht verzaubert werden, aber Magie war nicht der einzige Weg, jemanden zu verletzen. Lorraine hatte das bei ihrer Auseinandersetzung mit Sarah bewiesen. Ariana erinnerte sich zu gut, wie ein liebeskranker Verehrer der Hexe mit einer Bierflasche auf ihre Freundin losgegangen war. Nur weil Nadira netter als ihre Anführerin wirkte, bedeutete das nicht, dass sie keine Menschen manipulierte.

Die Hexe schien ihr Unbehagen zu spüren und machte einen Schritt zur Seite. „Sorry, ich wollte nicht …“ Sie brach ab, seufzte und sah schüchtern zu Boden.

Ariana ertappte sich dabei, wie sie etwas Aufmunterndes sagen wollte. Schockiert presste sie ihre Lippen zusammen. Das fehlte gerade noch.

„Schon okay, ich werde es überleben“, verkündete Valentin und zwinkerte ihr zu. Ariana fragte sich, ob er die Spannung zwischen ihnen nicht bemerkte. Und wieso scherzte er überhaupt mit der Hexe? Mochte er sie etwa? Oder stand er unter ihrem Bann? Nein, Sarah hatte erzählt, dass Nadira Frauen bevorzugte. Außerdem manipulierte die Clique nur Prima Vista. Ariana bezweifelte, dass ein normaler Mensch im VIP-Bereich des Pandoras arbeiten würde.

„Sorry, die Pflicht ruft“, unterbrach Valentin Arianas Gedanken und deutete auf eine Gruppe junger Männer, die etwas bestellen wollten. „Ihr kommt ohne mich klar?“ Er zeigte von einer zur anderen und wieder zurück. Die Art und Weise, wie er sie dabei ansah, zeigte Ariana, dass ihm die Spannung nicht entgangen war. „Streitereien und Zickenkriege sind in meinem Bereich strengstens verboten.“

„Keine Sorge, Val, wir werden uns benehmen“, versprach Nadira und nahm auf dem Barhocker neben Ariana Platz, während Valentin sich seinen Kunden widmete.

„Musst du ausgerechnet hier sitzen?“, zischte Ariana, als er außer Hörweite war.

Mit großen Augen starrte Nadira sie an. Erneut ertönte ein Seufzer, den Ariana aufgrund der Geräuschkulisse mehr sah als hörte. Einen Moment wirkte die Hexe traurig, sogar ein wenig verletzlich. Sie sank in sich zusammen und spielte nervös mit ihren Händen. Sofort überkam Ariana ein schlechtes Gewissen. Doch als sie überlegte, ob sie sich entschuldigen solle, streckte Nadira die Schultern durch und sah sie geradeheraus an.

„Es ist ein freies Land. Ich kann sitzen, wo ich möchte. Und wenn dir das nicht passt, kannst du ja gehen.“

Überrascht betrachtete Ariana sie. Vielleicht besaß die Hexe doch mehr an Rückgrat als sie gedacht hatte. Gut für sie.

Während Ariana überlegte, was sie machen sollte, brachte Valentin Nadira ein Glas. Mit dem gleichen Getränk, das vor ihr stand.

„Das drehst du wohl jeder an“, sagte sie.

Valentin zuckte mit den Schultern und verschwand erneut. Das Pandora füllte sich langsam, wodurch er mehr zu tun bekam.

„Eigentlich trinke ich das fast immer“, lenkte Nadira ein.

„Ich dachte, ihr mögt nur Hexencocktails“, stichelte Ariana.

„Lorraine und Elaine bestellen die immer, ich stehe da gar nicht so drauf“, erwiderte Nadira. „Und auf die beiden auch nicht.“ Sie brach ab und schüttelte den Kopf leicht. „Äh, so habe ich das nicht gemeint.“ Sie fuhr sich durch die Haare, schob ein paar kurze, blonde Strähnen aus ihrer Stirn. „Ich wollte damit sagen, dass ich sie eigentlich nicht besonders mag, oder eher ihr Verhalten.“

„Das fällt dir ja früh auf.“

„Besser spät als nie“, konterte Nadira.

Das stimmte natürlich, trotzdem war Ariana nicht gewillt, der Hexe so schnell zu vergeben oder ihr zu vertrauen. Auch nicht, wenn ihr Instinkt ihr mitteilte, dass Nadira die Wahrheit sagte.

„Ich habe nichts mehr mit ihnen zu tun“, murmelte Nadira.

Ariana betrachtete sie, bemerkte, wie die Finger der Hexe ihr Glas umklammerten. Ihre Augen fixierten es, als wäre es das Wichtigste der Welt. Konzentrierte Nadira sich darauf, weil sie befürchtete, Ariana würde ihr nicht glauben? Und weshalb sollte sie das interessieren?

„Warum erzählst du mir das?“

Nadira zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Mit wem soll ich sonst darüber reden?“

Ariana schluckte. Nadira klang einsam. Macht Sinn, wenn sie wirklich nichts mehr mit ihren Freundinnen zu tun haben will.

„Und du kennst Sarah. Vielleicht …“ Sie brach ab und schüttelte den Kopf. „Vergiss es. Du schuldest mir nichts, wieso solltest du jemandem wie mir helfen?“ Sie schob ihr Glas von sich und stand auf. Bevor sie davonlaufen konnte, legte Ariana eine Hand auf ihren Arm und hielt sie zurück. Sie wusste nicht einmal, warum sie es tat. Nadira hatte recht. Es gab keinen vernünftigen Grund, ihr auch nur zuzuhören. Verwundert sah Nadira sie an.

Ariana schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Vielleicht habe ich eine Schwäche für fehlgeleitete Hexen“, schlug sie vor.

Nadiras Lippen zuckten. Langsam hellte sich ihre Miene auf.

Ariana spürte ein Flattern in ihrer Magengegend. Überrascht verharrte sie. Gefiel ihr Nadira mehr, als sie angenommen hatte? Ihr Blick wanderte über den Körper der Blondine. Schlank und sportlich, fast Modelmaße. Ihre kurzen Haare fielen ihr leicht ins Gesicht. Und wenn sie lächelte, verwandelte sich ihr Aussehen von gut zu atemberaubend. Arianas Herzschlag beschleunigte sich. Tief durchatmend versuchte sie, den Gedanken zu verbannen. Sie musste vorsichtig sein, durfte der Hexe nicht zu früh vertrauen nur weil sie sexy war.

Nadira setze sich zurück auf den Barhocker. Als sie begann von ihren Erfahrungen mit Lorraine zu berichten, erschienen zwei dunkle Schatten über ihnen.

„Dürfen wir die Ladies zu einem Drink einladen?“, säuselte eine Stimme an Arianas Ohr. Ein Hauch von Alkohol traf ihre Nase, als sie sich umdrehte. Stirnrunzelnd betrachtete sie den Mann, der sie grinsend ansah. Relativ groß, breite Schultern, Goldketten und ziemlich viele Brusthaare, die am Rand seines Muskelshirts herausschauten. Klasse. Darauf stand sie überhaupt nicht. Am meisten schreckte sie jedoch sein Blick ab. Lüstern und von sich eingenommen. Prolet, schoss es ihr durch den Kopf.

„Danke, wir haben schon was“, sagte Nadira und hielt ihr Glas demonstrativ in die Höhe. Arianas Finger umklammerten ihr eigenes, das fast leer war.

Leider entdeckte das auch der Kerl, der ihr viel zu nahe stand. „Du könntest Nachschub gebrauchen.“

„Nein, danke“, presste sie hervor und wendete sich ab. In dem Moment legte sich eine Hand auf ihren Oberarm. Irritiert wich sie zurück.

„Hey“, protestierte Nadira und schob seinen Arm zur Seite. „Wir haben kein Interesse.“

„Ach komm“, entgegnete der Mann, der neben ihr stand. „So wie ihr euch aufgebrezelt habt, seid ihr nicht hier, um allein zu bleiben.“

Fassungslos starrte Ariana ihn an. „Weil wir uns schick anziehen, heißt das automatisch, dass wir auf der Suche nach einem großen, starken Mann sind?“, fragte sie spöttisch.

Das Grinsen auf den Gesichtern der beiden zeigte ihr, dass sie ihren Ton nicht bemerkt hatten. Entweder besaßen sie so gut wie keine Gehirnzellen oder der Alkohol hatte alle lahmgelegt. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.

„Was sie damit sagen möchte ist, dass wir keine Männer brauchen“, erläuterte Nadira.

Verwirrt starrten die Kerle sie an. Das ist ihnen wohl zu hoch, dachte Ariana.

„Genau“, fügte sie hinzu und legte ihre Hand demonstrativ auf Nadiras. Die Stirn ihres Gegenübers legte sich in Falten.

Nadira blickte zu Ariana und verdrehte vielsagend die Augen. Dabei sah sie so süß aus, dass Ariana schmunzeln musste. Männer brauchte sie wirklich nicht, vor allem, wenn sie eine Frau wie diese an ihrer Seite hatte. Ohne darüber nachzudenken, lehnt sie sich vor und presste ihre Lippen auf die der Hexe.

Erst wirkte Nadira verdutzt, doch schon bald öffnete sich ihr Mund auf eine einladende Weise. Ariana folgte der Aufforderung. Wie von selbst ging ihre Zunge auf Erkundungstour. Sie vergaß alles um sich herum, nahm nur noch wahr, wie weich sich Nadiras Lippen anfühlten und wie gut sie schmeckte.

Ein Räuspern brachte sie zurück in die Realität. Überrascht realisierte sie, was sie tat. Mit rasendem Puls löste sie sich von Nadira.

„Falls ihr das nur gemacht habt, um eure Verehrer loszuwerden, das ist euch gelungen“, sagte Valentin und deutete um sie. Keine Spur der Idioten. Gut. „Wenn nicht … macht ruhig weiter“, fuhr er fort. „Ich, für meinen Teil, könnte euch den ganzen Abend zuschauen.“

Ihre Wangen gerötet, senkte Nadira den Kopf. Erneut spürte Ariana ein Flattern in ihrem Magen. Wie süß sie aussah.

„Und falls ihr doch männliche Gesellschaft wollt, ihr wisst ja, wann ich Feierabend mache …“, fügte er hinzu.

„Valentin!“, rief Nadira entrüstet und schlug spielerisch nach seinem Arm.

„Was? Das kannst du mir wohl kaum verübeln!“

Lachend sah Ariana von ihm zu Nadira und musste ihm recht geben. Aber das behielt sie lieber für sich. Sie verspürte keine Lust, die Hexe zu teilen.

„Nachschub?“, fragte er und deutete auf Arianas Glas.

„Du willst wohl, dass wir noch länger bleiben“, witzelte sie.

Valentin zuckte mit den Schultern. „Möglich.“