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Kurzurlaub

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***

Es war noch so früh, daß Adsche und Brakelmann nicht mehr beim Frühschoppen waren, aber auch noch nicht zum Nachmittagsbier zurückgekommen. Zum Mittagessen hatte sich heute auch niemand eingefunden, und so nutzte Shorty die Gelegenheit, um in aller Ruhe seine Gläser zu polieren und seinen Gedanken nachzuhängen. Klar, lukrativ war das nicht, aber insgeheim liebte er diese ruhigen Momente. Und letztendlich reichte es zum Leben, was wollte man mehr. Außerdem fing gerade erst die Sommersaison an, und auch wenn Büttenwarder ein wenig Abseits der Tourismusströme lag – der ein oder andere durstige Radfahrer verirrte sich doch immer mal wieder in den Dorfkrug, und ab und an hatte er in der Ferienzeit sogar Übernachtungsgäste. Gerade stellte er das letzte Glas beiseite und überlegte, ob er sich selbst vielleicht ein Lütt un Lütt auf der Sonnenterrasse gönnen sollte, als ein Wagen auf den Dorfplatz fuhr. Er dachte zuerst an Schönbiehl, aber dann sah er, daß es zwar die gleiche Marke, aber ein auswärtiges Kennzeichen war. Der Motor lief noch, unschlüssig, und dann setzte der Wagen wieder zurück und parkte auf einem der drei Parkplätze neben dem Gebäude. Shorty hob nachdenklich eine Augenbraue. Touristen? Vielleicht würde das heute doch noch ein Tag, den er mit Gewinn abschließen konnte.

Wenige Minuten später öffnete sich die Tür und zwei Gäste betraten den Dorfkrug. Shorty grüßte mit einem sparsamen Moin und ließ die beiden sich erst einmal umschauen. Seiner Erfahrung nach war es besser, Fremde erst einmal ankommen zu lassen – sonst hatte man sie schnell verschreckt, wie scheues Wild, das sich in ungewohnter Umgebung unsicher fühlte. Erst nachdem die beiden den Blick durch die leere Gaststube hatten schweifen lassen, fragte er „Darf’s was sein?“

Der kleinere der beiden Männer räusperte sich. „Jo … ‘n kleines Pils für mich.“ Der andere, der etwas weiter zurückgeblieben war, runzelte die Stirn. „Und einen Kaffee für ihn.“

Shorty nickte. Der kleinere, der bestellt hatte, setzte sich an den Tresen und sein Kumpel folgte ihm zögernd. Irgendetwas sagte Shorty, daß der andere nicht unbedingt der Typ war, der normalerweise am Tresen saß. Überhaupt sah er nicht danach aus, als würde er sich oft in Dorfgaststätten aufhalten.

„Auf der Durchreise?“ fragte er, als er den Kaffee abstellte und sich zum Zapfhahn drehte.

„Nee, eigentlich suchen wir was für die Nacht. Haben Sie noch Fremdenzimmer?“

Shorty nickte.

„Sehr schön.“ Der Gast zögerte einen Moment, bevor er fortfuhr: „Wir hätten gern ein Doppelzimmer für drei Nächte.“

„Mhm …“ Shorty schob das Bierglas über den Tresen. „Ich hab‘ auch zwei Einzelzimmer frei.“

Interessiert beobachtete er, wie sein Gesprächspartner langsam rot anlief, während der andere mit einem leichten Lächeln in seinem Kaffee rührte. „Wir brauchen nur eins.“

Aha. Shorty drehte sich zum Schlüsselbrett um. „60 Euro die Nacht, Frühstück gibt’s hier unten, so ab acht.“

Beide nickten, und der kleinere streckte die Hand nach dem Schlüssel aus.

„Sie müssen dann noch den Meldeschein ausfüllen.“

***

Als die beiden sich verabschiedeten, warf Shorty einen Blick auf das Formular. Ein Professor Dr., soso. Sowas kam hier auch nicht alle Tage vorbei. Ob die zwei wohl … aber vielleicht waren sie auch einfach nur sparsam veranlagt.

„Wir hätten auch übers Wochenende nach Paris fahren können.“

„Du hast gesagt, du willst ein ruhiges, erholsames Wochenende.“

„Aber doch nicht hier! Ist der Ort überhaupt auf der Landkarte?“

„Jetzt hör schon auf zu maulen, bloß weil dein Navi –“

Shorty lauschte den Stimmen, bis die beiden im ersten Stock in den Flur gebogen waren. Er war nicht umsonst fünfmal verheiratet gewesen – diese Art von Gesprächen kannte er ganz genau.

***

Sie hatten ausgepackt, einen kleinen Rundgang durch den Ort gemacht, den Boerne mit einigem Widerstreben als recht idyllisch bezeichnet hatte, und waren zum Abendessen zurück zum Dorfkrug. Was anderes gab es hier nicht. Das war schon immer so gewesen, daran erinnerte Thiel sich noch. Auch wenn seine Erinnerung an die Ferien, die er hier mit seiner Mutter verbracht hatte, recht verschwommen waren. Zurück in ihrem Zimmer hatte Boerne erstmal versucht, mit seinem Smartphone Kontakt zur Außenwelt herzustellen, und er war schonmal nach unten gegangen, um einen Blick in die Speisekarte zu werfen.

„Soll’s was sein?“ Der Wirt sah ihn fragend an.

„‘n Bier.“ Er schwang sich auf einen der Hocker an der Theke. Der Rest der kleinen Gaststube war schon gut gefüllt, und wenn sie nicht gleich Freundschaft mit den Einheimischen schließen und sich an einem der drei Tische dazu setzen wollten, blieb nur noch die Theke. Was aber auch reichen sollte, selbst fürs Essen. Er studierte die handgeschriebene Karte an der Wand. Hausmannskost, das war doch mal eine nette Abwechslung zu den Restaurants, die Boerne sonst so bevorzugte. Was ihn daran erinnerte … er drehte sich auf dem Hocker weg von der Theke, aber da war kein Boerne. Von wegen „nur noch fünf Minuten“.

„Beziehungskrise?“, fragte der Wirt und grinste leicht.

„Nein, ich …“ Er stockte und fragte sich, ob er jetzt wirklich mit einem Wildfremden über Boerne reden wollte. War wohl so eine Art Berufskrankheit von Barkeepern, Leute zum Reden zu bringen. Er räusperte sich. „Mein Freund wollte eigentlich gleich nachkommen.“

Der andere nickte wissend. „Kenn‘ ich. Ich war fünfmal verheiratet.“

Langsam wünschte er sich wirklich, Boerne würde endlich … In dem Moment öffnete sich die Tür schwungvoll. Boerne sah sich kurz um, runzelte die Stirn und schritt dann zielstrebig zur Theke.

„Einen Mojito für mich.“

Thiel rollte die Augen. War es echt nötig, die Eingeborenen vorzuführen? Er wollte schon etwas sagen, als der Wirt ihm zuvorkam.

„Limetten und Minze sind heute leider aus. Aber ich kann eine Zitrone zerquetschen, mit Rum aufgießen und einen Beutel Pfefferminztee reinhängen, wenn Sie wollen.“

Boerne verzog angewidert das Gesicht, während Thiel unauffällig in sein Bier grinste.

„Vielen Dank, ich bin allergisch gegen Zitronen. Dann bleibe ich lieber bei nichts“, entgegnete Boerne eisig, nachdem er sich wieder gefangen hatte.

„Nur gegen Zitronen?“ fragte der Wirt skeptisch. „Aber Limetten gehen?“

„Das müssen Sie schon mir überlassen.“

„Er ist Arzt und kennt sich da aus“, warf Thiel ein in dem etwas verspäteten Versuch, Boerne beizustehen, was ja nun irgendwie zu seinen Verpflichtungen gehörte, auch wenn Boerne sich zugegebenermaßen selbst in diese Lage manövriert hatte. Erst als er das leichte Glimmen in den Augen des Wirts sah, wurde ihm klar, daß das ganz eindeutig der falsche Hinweis gewesen war.

Er hatte ja schon öfter erlebt, daß Menschen, kaum daß sie das Wort „Arzt“ hörten, anfingen, von ihren Wehwehchen zu erzählen, aber so eine detaillierte Krankengeschichte hatte er noch nie gehört. Bei dem Thema wurde der Wirt – Shorty, wie sie inzwischen wußten – offensichtlich gesprächig. Boerne hatte sich irgendwann in sein Schicksal gefügt und ein Bier bestellt. Eigentlich war es ganz amüsant, dem Gefecht zuzusehen. Er wußte ganz genau, daß Boerne am liebsten darauf hingewiesen hätte, daß er Rechtsmediziner war und Shortys Pfeifen im rechten Ohr und Zwicken im linken Unterbauch gar nicht zu seinem Fachgebiet gehörten. Andererseits hätte er damit ja quasi sagen müssen, daß er auf einem medizinischen Gebiet kein Experte war. Thiel unterdrückte ein Lächeln. Na, dann mußte er da eben durch. Vielleicht gab es dafür morgen Cocktails im Angebot.

In einer Atempause bestellte er schnell das Tagesgericht, und Boerne griff erleichtert nach seinem Bier, während Shorty die Bestellung in die Küche weitergab.

„Sieht aus, als hättest du einen Freund gefunden.“

Boerne warf ihm einen grimmigen Blick zu, aber es lag nicht viel Überzeugung dahinter.

„Sieh’s als … Feldstudie. Ist doch mal was anderes. Richtig exotisch hier.“

Boerne seufzte.

„Außerdem ging es doch hauptsächlich darum, daß wir … zusammen wegfahren.“ Er sah in sein Bier. „Oder?“

Als er wieder aufsah, hatte sich Boernes Gesichtsausdruck verändert. Einen Augenblick lang lächelten sie sich an, bis Shorty wieder um die Ecke bog, im gleichen Moment, als sich die Tür öffnete und zwei weitere Gäste in die Gaststube schlurften. Ja, schlurfen war in dem Fall das richtige Wort. Er hatte noch nie jemanden so undynamisch gehen sehen.

„Moin“, grüßte Shorty knapp.

„Gedeck“, kam die Antwort genau so knapp zurück.

„Wie sieht’s denn aus mit Barmitteln?“

„Och Shorty … nur ’n ganz kleinen … für Adsche und mich, da ist doch noch’n bißchen Platz auf’m Deckel.“

Der Neuankömmling zeigte mit zwei Fingern eine winzige Größe an und sein Kumpel nickte bekräftigend.

„Wo du schon unsere Plätze weggegeben hast.“

„An zahlende Gäste“, betonte Shorty, drehte sich dann aber doch zum Zapfhahn. „Na meinetwegen, weil ich heute gute Laune hab‘. Einen.“

Die beiden quetschten sich an den Tresen, links und rechts von ihnen. Der größere und bis eben noch schweigsamere von beiden musterte Boerne interessiert. „Ich bin Adsche. Und wer bist du?“

Boerne zuckte kurz zurück. „Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne.“

„Na denn Prost.“

Boerne lächelte gequält und versuchte unauffällig, von seinem neuen Nachbarn ab und näher zu Thiel zu rücken. Ein Bedürfnis, das er nur zu gut verstehen konnte. Aber leider gab es kaum Möglichkeiten, irgendwohin wegzurücken. In dem Moment kam ihnen zum Glück der Wirt zu Hilfe.

„So, jetzt belästigt mal nicht die zahlende Kundschaft.“ Er schob zwei Bier und zwei Schnapsgläser über den Tresen. „Bei Kuno ist noch Platz.“

Adsche und sein Kumpel zogen brummelnd ab, während Thiel kurzentschlossen auch einen Schnaps zum Bier bestellte.

Ein Wochenende in Büttenwarder. Das konnte doch nicht so schwer sein?

* tbc *