Actions

Work Header

Der Cellist - Erster Akt

Chapter Text

New York liegt in Trümmern, die ganze Welt ist bis auf ihren Kern erschüttert, und Clint braucht zwei Tage, ehe er ihm aufgeht, dass etwas nicht stimmt.

Es vergehen zwei weitere Tage, ehe er sich eingesteht, dass das Gefühl seinen Ursprung tatsächlich in ihm selbst hat, dass es nichts Eingebildetes, keine Illusion, kein Überbleibsel fremder Kontrolle ist.

Das New Yorker Hauptquartier gleicht einem Friedhof kurz nach der Zombie Apokalypse – SHIELD Agenten eilen durch die Gänge, mit leeren Gesichtern und einem unheiligen Brennen in den Augen. Es ist gleichzeitig totenstill und in endlosem Aufruhr, und Clint hat Natasha zuletzt vor drei Tagen gesehen.

Sicher, er könnte einen der anderen Agenten fragen, aber er kennt diese Leute nicht, vertraut keinem einzigen von ihnen (sie vertrauen ihm nicht mehr) … nicht so, wie er Tasha vertraut. Und Phil.

Agent Coulson.

Phil hat ihn nicht debrieft.

Phil debrieft ihn immer.

Zugegeben, Clint will nicht wirklich darüber reden, was passiert ist. Er erinnert sich praktisch an nichts, selbst wenn seine Alpträume in den letzten vier Nächten ärgerlich eindringlich waren, voller Farben und Gerüche und Laute (Schreie) aber das ist nicht der Punkt.

Clints Leben als SHIELD Agent besteht zu neunzig Prozent daraus, seine Vorgesetzten zu ignorieren, bis Phil in beliebiger Form Kontakt mit ihm aufnimmt und ihm androht, ihm den Hintern zu versohlen, wenn er kein artiger Junge ist.

So würde es zumindest Clint beschreiben. Agent Coulson würde ganz ohne jeden Zweifel andere Worte wählen, und diese noch viel zweifelloser ohne auch nur einen Hauch von Mimik vortragen; seine Stimme kontrolliert, verdächtig sanft, überraschend menschlich … und Clint würde sich einen Hauch von Zuneigung in dieser Stimme einbilden und Phil spielerisch darüber informieren, dass er ihn auch liebt.

Aber niemand hat versucht, mit Clint über seine Zeit unter Lokis Fuchtel zu sprechen, er hat niemanden ignorieren müssen, und Agent Coulson hat keinen Kontakt mit ihm aufgenommen. In keiner Form.

Es nagt an ihm, diese Abweichung von der Norm, macht ihm mehr zu schaffen als das zerstörte New York, mehr als die leeren Plätze in der Cafeteria, mehr als seine Alpträume.

Fünf Tage nachdem Loki von seinem Bruder nach Asgard überführt worden ist, bricht Clint durch den Lüftungsschacht in einen der Videoüberwachungsräume ein und ist sich der Ironie der Situation nicht einmal wirklich bewusst.

Es ist erschreckend einfach, und Clint nimmt sich vor, diese Lücke im Sicherheitsprotokoll bei nächster Gelegenheit anzusprechen. Es geht nicht an, dass jeder Hinz und Kunz durch das Ventilationssystem kriechen kann, wenn ihm danach ist. Clint musste nicht einmal Bewegungssensoren außer Kraft setzen. Er fühlt sich unterfordert.

Drei Stunden später hat er gefunden, was er sucht. Phils Gesicht flackert über den Bildschirm, entschlossen, so unglaublich ruhig, selbst im Angesicht eines wahnsinnigen Gottes, eine Waffe in den Armen, die aussieht, wie etwas aus einem Comic.

Loki bringt ihn um.

Clint starrt auf den Bildschirm, blinzelt, spult zurück. Loki bringt ihn um.

Agent Coulson, professionell bis zuletzt, unerschütterlich, mit einer gähnenden Wunde in der Brust, und Clint will sich einbilden, dass er lediglich ohnmächtig geworden ist, aber …

Tasha hat ihm kein Wort gesagt. Wäre Coulson lediglich verletzt … Sie hätte es ihm erzählt. Sie hätte es ihm erzählt, und Clint hätte Coulson bis ans Ende aller Tage damit aufgezogen, hätte ihn nie vergessen lassen, dass er dem wahnsinnigen Gott nicht gewachsen war.

Aber Tasha hat nichts gesagt, hat ihm verschwiegen, was passiert ist. Ihr Schweigen sagt Clint laut und deutlich, dass Agent Coulson … dass Phil ihn nie wieder debriefen wird.

 

07 Tage

Tony marschiert durchs New Yorker Hauptquartier von SHIELD, die Sonnenbrille auf der Nase, ein herablassendes Grinsen in den Mundwinkeln, und ein Gefühl in der Magengegend, das andeutet, dass er sich möglicherweise bald übergeben möchte.

Dabei ist er nüchtern.

Aber vielleicht ist das das verdammte Problem.

SHIELD Agenten kommen ihm in den Gängen entgegen, gesichtslose Ameisen ohne auch nur einen Hauch von Charakter. Tony weiß, dass es unfair ist, aber er kann nicht aufhören, sie dafür zu verachten, dass sie nicht Agent Coulson sind.

Dabei mochte er den Mann nichtmal.

Wäre Pepper hier, würde sie ihn jetzt ohne jeden Zweifel darauf aufmerksam machen, dass er Phil Coulson sehr wohl mochte. Der Mann hat sich nichts von ihm gefallen lassen, hat Tony behandelt wie ein verzogenes Kind, und Tony respektiert nicht nur die Menschen in seinem Leben, die ihn derartig behandeln, er liebt sie.

Pepper und Rhodey sind Paradebeispiele für Tonys verdrehte Psyche, sind die zwei Menschen in seinem Leben, die immer für ihn da waren, ganz egal, wie dumm, unmöglich oder selbstzerstörerisch er sich auch verhalten hat … und Tony wird jetzt sofort mit dieser ungesunden Selbstanalyse aufhören und sich stattdessen darauf konzentrieren, wütend auf Fury zu sein.

Fury ist ein weiterer Mensch, der sich nichts von Tony gefallen lässt, aber in seinem Fall ist Tony sich relativ sicher, dass er dem Mann nichts als pure Antipathie entgegen bringt.

Fury will Tony nicht für die Beerdigung bezahlen lassen.

Zugegeben, es war eine seiner spontaneren Ideen, aber nur, weil er sich keine Woche Zeit gelassen und in Ruhe darüber nachgedacht hat, ob er es seinen Finanzen tatsächlich zumuten kann, Phil Coulson ein Begräbnis zu ermöglichen, das sämtliche Pharaonen vor Neid erblassen lassen würde, heißt das noch lange nicht, dass es eine schlechte Idee war.

Pepper fand sie gut. Pepper hatte plötzlich Tränen in den Augen und hat genickt, hat ihm die Hand an die Wange gelegt und ihn auf diese spezielle Art angesehen, und Tony wusste, dass es eine gute Idee war.

Fury hat trotzdem Nein gesagt.

Fury hat Tony darüber in Kenntnis gesetzt, dass Agent Coulson bereits beigesetzt wurde, dass es eine anonyme Zeremonie war, und jetzt bitte kein Wort mehr an diese Sache verschwendet werden muss.

Verschwendet. Tony hätte ihn beinahe angefallen.

Er marschiert durch SHIELDS endlose Gänge, Wut und Übelkeit in seinen Eingeweiden, und etwas, das sich anfühlt wie Trauer. Aber Tony trauert nicht, um niemanden, niemals, also kann es keine Trauer sein, und jetzt hat er sich verlaufen.

Der Gang sieht aus wie alle anderen. Zahlen an den Türen markieren sie für die Eingeweihten, zu denen Tony nicht gehört, und der Ameisenstaat scheint sich abgesprochen zu haben. Tony ist allein in diesem Gang, kein einziger gesichtsloser Agent könnte ihm als Navigationssystem dienen.

Also tut Tony das einzig Vernünftige, öffnet die erste Tür, die sich ihm bietet, und findet sich mit Clint Barton konfrontiert.

Clint wirkt mindestens so überrascht, ihn zu sehen, wie Tony es ist. Er schnellt aus dem Stuhl, auf dem er gesessen hat, macht zwei Schritte durch den Raum und stellt die Musik aus, die von der Anlage in der Ecke des Zimmers gespielt wird.

Tony ist von diversen überbezahlten Musiklehrern im Laufe der Jahre genügend gefoltert worden, um eine von Bachs Suiten für das Cello zu identifizieren. Ein unangenehm greller Geistesblitz macht ihn darauf aufmerksam, welche Tür er soeben geöffnet hat.

Agent Coulsons Büro ist aufgeräumt, ordentlich bis in die letzte Ablage. Aber eine traurige Pflanze neben dem Fenster, die unerwartete Musikanlage und ein überraschend farbenfroher Kunstdruck an der Wand machen darauf aufmerksam, dass hier tatsächlich ein menschliches Wesen gearbeitet hat.

Clint steht mitten im Zimmer, reglos, die Finger seiner linken Hand über seinen Oberschenkel gefächert, die rechte zur Faust geballt, und starrt auf einen Punkt links von Tonys Kopf. Tony braucht einen Moment, um sich zu sammeln.

„Barton.“

Clint sieht ihm in die Augen, nur eine Sekunde lang, und Tony zuckt beinahe zusammen. „Ich wollte nicht stören.“

Eigentlich wollte er es spöttisch sagen, überheblich und distanziert, aber seine Stimme klingt tatsächlich entschuldigend, sanft und vorsichtig, und Clints Schultern heben sich unter einem viel zu tiefen, viel zu kontrollierten Atemzug.

Aber ehe Tony in Panik geraten kann, hebt Clint das Kinn, kommt auf ihn zu und schiebt ihn rückwärts aus dem Zimmer.

„Schon gut. Ich bin hier fertig.“

Tony sagt ihm nicht, dass er sich verlaufen hat, aber Clint bringt ihn trotzdem in die Lobby hinunter, und sie trennen sich voneinander mit einem nichts sagenden Nicken und einem weiteren Blick, der in sekundenschnelle alles projiziert, das sie nicht aussprechen können.

 

Bruce ist in der Küche, als Tony nach Hause kommt, unterhält sich leise mit JARVIS, während er sich einen Obstsalat macht, und Tony muss einen Moment lang in der Tür stehen bleiben und starren.

Er hat Bruce bei sich aufgenommen – selbstverständlich hat er ihn bei sich aufgenommen, wo soll der Mann denn sonst auch hin – und irgendwie hat er damit gerechnet, dass Bruce sich in dem Labor verbarrikadieren würde, das Tony ihm zur Verfügung gestellt hat, und erst dann wieder auftauchen würde, wenn die nächste Apokalypse ansteht – wütend und gereizt und grün.

Aber Bruce hat einen geregelten Tagesablauf. Er legt Wert auf sein Frühstück, auf die New York Post … und aus irgendeinem Grund auf Tonys Gesellschaft.

Er hat außerdem einen siebten Sinn dafür, wenn Tony hinter ihm steht und ihm Löcher in den brillanten Schädel starrt.

Bruce wendet ihm das Gesicht zu, nur kurz, und schenkt ihm ein Lächeln, genau so kurz, dann konzentriert er sich wieder auf den Apfel unter seinen Händen. „Guten Morgen, Tony.“

Tony verdrängt das absurde Gefühl von Surrealismus und räuspert sich. „Guten Morgen.“

„Du bist früh auf.“

Tony bewegt sich in die Küche hinein, tritt an die dekadente Kaffeemaschine heran und nimmt sie in Betrieb. „Ich hatte einen Termin mit Fury.“

Ein weiterer Blick über die Schulter, und diesmal ist Bruces Lächeln ein wenig angespannt, aber es erreicht noch immer seine Augen. „War der Direktor sich dieses Termins bewusst?“

Tony grinst unwillkürlich. „Nicht direkt.“

Er starrt auf seinen fertigen Kaffee, verharrt einen Moment vor der Maschine und setzt sie schließlich ein weiteres Mal in Betrieb. Bruce mag seinen Kaffee schwarz und mit Zucker – eine tragisch simple Kombination, aber Tony hat sich damit abgefunden.

Nicht jeder kann Berge von Milchschaum bevorzugen, mit Sirup und Schokosplittern und einem Keks. Der Keks ist wichtig.

Tony trägt die Kaffeetassen zum Küchentisch hinüber, holt sich den obligatorischen Keks und wartet darauf, dass Bruce sich zu ihm setzt.

Pepper ist in Malibu, noch mindestens eine Woche lang, und er vermisst sie, ist Bruce unwillkürlich dankbar dafür, dass er ihm in diesem viel zu großen, viel zu leeren Haus Gesellschaft leistet, wenn auch nur zum Frühstück.

Tony beobachtet ihn dabei, wie er das Messer, mit dem er das Obst geschnitten hat, abspült, das Brett abwischt, und schließlich sogar die Milchflecken beseitigt, die Tony neben der Kaffeemaschine hinterlassen hat.

„Ich habe Haushälter für sowas“, macht Tony ihn aufmerksam.

Bruce nickt friedlich. „Ich nicht.“

Er trägt zwei Schüsseln an den Tisch heran, stellt eine davon vor Tony ab und legt einen Löffel hinein. In den sieben Tagen, seit er bei Tony wohnt, hat er noch nie versucht, Tony irgendwas in die Hand zu drücken, und Tony weiß nicht, ob es reiner Zufall ist, oder ob Pepper ihn heimlich gecoacht hat.

Dementsprechend weiß er erst recht nicht, wie er Bruce sagen soll, dass er kein Problem damit hätte. Denkt er zumindest. Nicht bei Bruce.

Er starrt auf die Schüssel hinab.

„Du hast noch nicht gefrühstückt“, macht Bruce ihn aufmerksam.

Jetzt starrt Tony ihn an.

„Ich habe JARVIS gefragt. Ich habe außerdem Anweisungen von Miss Potts, dich zu füttern, wann immer sich die Möglichkeit bietet.“

Ein Lächeln gleitet über seine Züge, flüchtig, ein bisschen traurig. „Sie scheint der Auffassung zu sein, dass du nicht in der Lage bist, für dich selbst zu sorgen. Ich habe nicht gewagt, ihr zu widersprechen.“

Tony nickt, ganz automatisch. Bruce ist wirklich brillant, in jeder Lebenslage. Tony hat Jahre gebraucht, ehe ihm aufgegangen ist, dass man Pepper nicht widerspricht. Man tut es einfach nicht.

Also zieht er die Schüssel an sich heran, nimmt den Löffel in die Hand und fängt an zu essen, während Bruce sich ihm gegenüber am Tisch niederlässt, die Zeitung aufschlägt und den Kaffee trinkt, den Tony ihm gekocht hat.

 

10 Tage

Steve ist langweilig.

Er schämt sich ein bisschen dafür, aber er kann sich einfach nicht helfen.

Fury sieht es nach wie vor nicht gern, wenn er das Internet unsicher macht, oder schlimmer noch, das Hauptquartier verlässt. Er hat alles gelesen, was SHIELDs Bücherei ihm bietet, und die Sandsäcke im Trainingsraum sind … kaputt. Alle.

Seit vorgestern schon.

Steve ist bereit, die Wände hochzugehen. Also macht er es sich zur Aufgabe, das Hauptquartier zu erkunden, Stockwerk für Stockwerk für Stockwerk.

Er legt einen Lageplan in seinem Kopf an, macht es sich zur Aufgabe, über sämtliche Notausgänge, Aufzüge, Treppen und tragende Wände Bescheid zu wissen, über alle Feuerlöscher, Feuermelder, und wo sich die Zugänge zum Ventilationssystem befinden.

Es ist eine gute Übung, das nervöse Kribbeln verschwindet fast aus seinen Fingerspitzen – und dann ist da Musik.

Steve bleibt stehen und blickt sich um. Es ist ein Flur im vierten Stock, sieht nicht anders aus als alle anderen Flure … mit der kleinen aber feinen Ausnahme, dass er hier allein ist.

Im SHIELD Hauptquartier ist man nicht allein. Niemals. Höchstens einsam.

Einen Moment lang fragt Steve sich, ob er das Absperrungsband übersehen, die Seuchenwarnung ignoriert, die Evakuierungssirenen schlicht überhört hat – dann gewinnt seine Neugier.

Er folgt der schlichten, traurigen Melodie den Flur hinab, bleibt vor einer nummerierten Tür stehen, zögert einen Augenblick – und öffnet sie.

Seit Steve aufgewacht ist, ist beinahe kein Tag vergangen, ohne dass ihn das ein oder andere überrascht hätte, aber Agent Barton mit einem Cello zwischen seinen Knien, die Augen geschlossen und so konzentriert, dass er sein Eindringen nicht bemerkt hat … Steve beißt sich auf die Unterlippe.

Eine Sekunde später schlägt Clint die Augen auf, und Steve weiß nicht, wie es angehen kann, aber er erschrickt sich derartig, dass ihm das Cello aus den Händen gleitet.

Steve weiß erst recht nicht, wie es angehen kann, aber er ist zu langsam, das Cello fällt, kommt mit einem dumpfen Krachen auf dem Boden auf und … das war kein gutes Geräusch.

Einen Sekundenbruchteil später kniet er neben Agent Barton am Boden, aber er wagt es nicht, das Instrument anzufassen, sieht dabei zu, wie Clint es vorsichtig vom Boden aufhebt.

Zwei Saiten sind gerissen, irgendetwas ist verbogen und … da ist etwas abgebrochen.

„Ich …“ Steve weiß nicht, was er sagen soll. „Das tut mir so leid.“

Clint zuckt nur mit den Schultern. „Ist schon gut.“

Seine Augen sind leer. Steve kennt diesen Gesichtsausdruck, hat ihn im Krieg viel zu oft gesehen, weiß, dass für Clint nicht nur dieses Instrument kaputt gegangen, dass mehr, viel mehr in ihm zu Bruch gegangen ist, und er will sich selber ohrfeigen.

Clint ist Teil seines Teams, ist seine Verantwortung, und er hat … er hat alles auseinander laufen lassen. Er hat sich nicht gekümmert.

Zugegeben, es ist keine zwei Wochen her, dass sie die Welt gerettet haben, und seitdem durfte er sich ohne Babysitter nicht vom Hauptquartier entfernen, konnte keinen Schritt tun, ohne sich überwacht zu fühlen aber … Aber er ist verdammt nochmal keine fünf Jahre alt und er will verdammt sein, wenn er sich diesen Unsinn ein zweites Mal gefallen lässt.

 

„Steve!“ schalmeit es durch die Leitung, und Steve hält das Telefon ein wenig von seinem Ohr weg. Er hatte sich zurecht gelegt, was er sagen wollte, hatte sich vorgenommen, ruhig und gelassen und höflich zu bleiben und sich zu keiner anderen Anrede als Mister Stark hinreißen zu lassen – und jetzt … jetzt hat Tony ihn völlig aus dem Konzept gebracht.

„Steve, Freund, Kumpel, Kampfgefährte, was kann ich für dich tun?“

Im Hintergrund hört Steve eine Stimme, die er für Doktor Banner hält, und die Tony darüber informiert, dass er sein Koffein-Level für die Woche überschritten hat. Er räuspert sich.

„Ich habe Agent Bartons Cello kaputt gemacht“, entfleucht es ihm in einem einzigen, großen Atemzug.

Tony ist einen Moment lang verdächtig still. „Ok, ich habe alles versucht“, sagt er dann. „Dieser Euphemismus erschließt sich mir nicht.“

Steve öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Ihm geht auf, was Tony damit meint und ihm schwellt vor Empörung die Brust. „Das war kein Euphemismus!“

Tony räuspert sich hörbar. „Oh. Und jetzt?“

Steve beißt sich wieder auf die Unterlippe.

„Oh“, macht Tony ein weiteres Mal. „Oh, oh, Steve, Baby. Du willst den philanthropischen Milliardär in mir ausnutzen. Und es hat kaum zwei Wochen gedauert! Ich bin so stolz auf dich!“

Steve ist überfordert. Tony macht sich über ihn lustig, aber er klingt amüsiert und freundlich, seine Stimme ist warm, und Steve … Steve will darauf reagieren und weiß nicht wie.

„Ich“, sagt er heiser, schluckt trocken, versucht es ein weiteres Mal. „Ich … ja.“

Am anderen Ende der Leitung lacht Tony ihn aus, aber er macht es liebevoll, und Steve schließt die Augen. „Kannst du mich bei SHIELD abholen, bitte?“

„Alles für unseren Captain. Weiß Fury Bescheid?“

Steve beißt die Zähne zusammen. „Nein.“

„Umso besser.“

Steve hätte nie gedacht, dass Tony Stark ihm derartig schnell derartig sympathisch werden würde.

 

„Sie können hier nicht ständig einfach einfallen -“

„Offensichtlich kann ich das sehr wohl, abgesehen davon bin ich eingeladen worden. Versuchen Sie nicht, mir weiszumachen, Sie wüssten nicht Bescheid – Ich weiß, dass Sie ihm eine Wanze untergeschoben haben, so wie ich Sie kenne vermutlich anal, Sie kontrollsüchtiger Freak -“

„Mister Stark, lassen Sie mich Ihnen versichern, dass Captain Rogers völlig unangetastet ist, in jeder Hinsicht, und jetzt machen Sie, dass Sie hier raus kommen! Ihre Anwesenheit ist nicht erwünscht und ich gestatte Ihnen schlicht nicht, den Captain von der Basis zu entfernen!“

Fury klingt fuchsteufelswild, und Steve marschiert ein wenig schneller, ignoriert die Hitze in seinen Wangen, und kommt um die letzte Ecke vor der Lobby, gerade rechtzeitig, um bezeugen zu können, wie Doktor Banner sich vor Tony schiebt, ruhig, subtil, und doch reicht die simple Geste aus, Fury einen Schritt zurückweichen zu lassen.

Tony grinst wie ein diabolisches Honigkuchenpferd. Er legt Bruce die Hand auf die Schulter, drückt kurz zu, und Steve … Steve wird von seinen Emotionen bezüglich dieser Dynamik abgelenkt, als Tony ihn erblickt, sein Grinsen an Leuchtkraft gewinnt, an Schärfe verliert, und er mit ausgebreiteten Armen auf ihn zukommt.

„Und da ist auch schon der werte Captain! Steven, komm an meine Brust!“

 

Im Prinzip ist Tony davon ausgegangen, dass Captain Rogers ihn mit einem spartanischen Händedruck abspeisen würde, hat dieses ganze Theater lediglich veranstaltet, um Fury nur noch mehr aufzuregen – aber Steve weiß das nicht. Ganz offensichtlich weiß Steve das nicht.

Dementsprechend kommt Tony in den unerwarteten Genuss, von Captain America umarmt zu werden.

Es ist überwältigend und warm und ganz schrecklich gemütlich. Tony will an dieser Brust einziehen. Liebe Güte.

„Wow“, nuschelt er gegen Steves linken Brustmuskel. „Hiermit hab ich nicht gerechnet.“

Steve lässt ihn los, ein wenig zu hastig, und Tony taumelt rückwärts und wird von zwei kräftigen Händen an seinen Schultern festgehalten.

Steve starrt auf ihn hinab, beide Hände auf seinen Schultern, und Tony blinzelt überrascht zu ihm auf. Steve ist rot geworden.

Tony weiß nicht wohin mit sich und seinem inneren sechzehnjährigen Mädchen.

„Mister Stark“ kommt Furys diabolische Stimme von hinten, und vor ihm schnellen Steves Augen in die Höhe, plötzlich eiserne Entschlossenheit im Blick.

Tony ist direkt ein bisschen beeindruckt.

„Direktor“, sagt Steve, respektvoll wie nur was und doch so anmutsvoll aggressiv, dass Tony Wonneschauer über den Rücken laufen. „Ich habe Tony hergebeten, und wenn es keine Umstände macht, würde ich die Basis gern mit ihm und Doktor Banner verlassen.“

Tony ist hin und her gerissen. Entweder, er bleibt wo er ist – unter Steves Händen und im Angesicht all dieser herrlichen Rebellion – oder er dreht sich um und guckt zu, wie Fury einen Hirnschlag bekommt.

Nach ein paar Sekunden intensivsten Nachdenkens dreht Tony sich um neunzig Grad und behält Beides im Blick. Er ist nicht umsonst ein Genie.

Fury sieht aus, als sei er zum Massenmord bereit. „Captain Rogers -“

„Sir, bei allem Respekt – ich bin nicht Ihr Gefangener. Mister Stark und Doktor Banner sind Teil meines Teams, und wenn Sie uns nicht zutrauen, ein paar Stunden unbeaufsichtigt in der Stadt zu verbringen -“

Fury seufzt so tief, dass Tony beinahe Mitleid mit ihm bekommt.

„Erlaubnis erteilt, Captain“, sagt Fury und macht scheuchende Handbewegungen. „Gehen Sie.“

Tony sieht Steve nicken, dann festigt sich sein Griff an Tonys Schulter, und er schiebt Tony mit sich aus der Lobby. Bruce folgt ihnen auf dem Fuße.

„Das hat Spaß gemacht“, sagt Tony heiter, sobald sie draußen in der Sonne stehen. „Was jetzt?“

„Ich hatte gehofft, du könntest mir sagen, wo ich ein neues Cello für Agent Barton herbekomme“, sagt Steve, und Tony findet seine naive Unschuld so herzerfrischend, dass er es nicht übers Herz bringt, sich über ihn lustig zu machen.

„Ok, Steve, nein. Neuer Plan. Wir fahren zu mir nach Hause. Ich frage JARVIS, und in der Zwischenzeit erklärst du mir, wie zum Teufel du Agent Bartons Cello kaputt gemacht hast.“

 

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Phils Büro war“, sagt Tony leise, setzt sich neben Steve an den Küchentisch und reicht ihm eine Tasse Kaffee. Er behauptet zumindest, dass es Kaffee ist – Steve ist nicht überzeugt.

Eine Milchschaumhaube ragt zwei Zentimeter über den Rand der Tasse, weiße Schokoladensplitter bedecken besagte Milchschaumhaube, und Tony hat eine klare Flüssigkeit in die Tasse gegeben, ehe er sie Steve ausgehändigt hat.

Was er mit dem Keks soll, ist Steve ebenfalls nicht völlig klar.

Er schickt einen fragenden Blick in Richtung Doktor Banners, der ihm gegenüber sitzt, und kryptisch in seine eigene Tasse lächelt, die völlig frei von Milch und Keksen zu sein scheint.

„Phils Büro?“ hakt Steve nach, dann kommt ihm sein Supersoldaten-Gedächtnis zur Hilfe. „Oh.“

Tony nickt, tunkt seinen eigenen Keks in eine Milchschaumhaube epischer Proportionen, und Steve macht es ihm zaghaft nach.

„Ich hab ihn neulich schon durch Zufall da gefunden“, sagt Tony, nachdem er von seinem Keks abgebissen hat, und Steve zieht die Stirn kraus.

„Phil mochte Cello-Musik“, fügt Tony nach einer Weile hinzu. „Oder zumindest Cello-Musiker. Seine letzte Freundin war …“ Er verstummt, und Steve blickt auf und mustert ihn prüfend. „Was?“

„Wie gut kennst du Agent Barton?“

Steve hebt hilflos die Schultern. „Praktisch gar nicht. Seit Thor Loki mitgenommen hat, habe ich nicht wirklich mit ihm gesprochen.“

Er senkt den Kopf, hinabgedrückt von seinem schlechten Gewissen, und Tony tätschelt ihm die Schulter. „Wir waren alle ziemlich nachlässig, was die postapokalyptische Verbrüderung angeht, Steve, mach dir keine Vorwürfe.“

Steve blinzelt, blinzelt ein weiteres Mal – aber Tonys Hand liegt noch immer auf seiner Schulter, Tony ist noch immer nett zu ihm und … dieser Kaffee ist fabelhaft. Die klare Flüssigkeit, die Tony in die Tasse gegeben hat, war offenbar Pfefferminz-Sirup, Milchschaum ist eine famose Sache, und die Schokosplitter sind sündhaft lecker.

Steve versteckt sich und seine verwirrten Emotionen also hinter seiner Kaffeetasse – eine Strategie, die nur einen winzigen Fehler aufweist: Tony wischt ihm grinsend den Milchschaum von der Nasenspitze, als er wieder auftaucht.

Sir, meldet sich mit einem Mal JARVIS zu Wort, Ich habe die Daten zusammengetragen, die Sie angefordert haben. Ich habe außerdem Agent Bartons Akte entnommen, dass Agent Coulson ihn persönlich rekrutiert hat und jahrelang sein Handler war.

Steve stellt seine Kaffeetasse mit einem Tok auf den Küchentisch. „Tony …“

„Was?“ gibt Tony mit unschuldigem Augenaufschlag zurück. „Sag nicht, diese völlig lautere Information ist nicht hilfreich. Tragisch und herzzerreißend – sicherlich – aber vor allem hilfreich. Diese emotionslosen Schaufensterpuppen bei SHIELD haben offenbar nicht vor, etwas dagegen zu unternehmen, dass Barton gefühlsmäßig vor die Hunde geht. Also werden wir unsere eigene emotionslose Schaufensterpuppe losschicken, damit sie ihnen Feuer unterm Hintern macht. JARVIS!“

Sir?

„Sei doch so gut und finde raus, wo Fury Agentin Romanov hingeschickt hat.“

 

11 Tage

Natasha weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Peter Parker ist so ziemlich das Entzückendste, das ihr je untergekommen ist, aber das macht seine Mitschüler auch nicht erträglicher.

Sie kann ehrlich nicht sagen, wie lange sie diese Mission durchhalten wird. Jeder Schreibtischhengst könnte ihren Job vermutlich besser machen als sie. Denn erstens müsste sich besagter Schreibtischhengst nicht konstant zusammenreißen, niemanden umzubringen, er würde sich auch nicht ebenso konstant Sorgen um zurückgelassene Kollegen machen.

Einzig die leise Vermutung, dass ursprünglich Phil Coulson für diesen Einsatz vorgesehen war, hat sie bisher davon abgehalten, sich bei Fury zu beschweren. Aber allzu lange wird sie das auch nicht mehr aufhalten.

Diese Bengel versuchen ständig, ihr unter den Rock zu gucken, dabei spielt sie hier die Schuldirektorin. Unfassbar, eigentlich.

„Ah, Miss Manorov“, ertönt mit einem Mal eine schrecklich bekannte Stimme von der Tür zu ihrem Büro, und da steht doch tatsächlich Tony Stark und grinst sie zu gleichen Teilen nervös und unverschämt an. „Ich bin hier, um ihrer Schule schrecklich viel Geld zu spenden. Und vielleicht sogar Captain America. Sehen Sie, ich hab ihn direkt mitgebracht. Dürfen wir reinkommen?“

Und damit zieht dieser furchtbare Mensch Steve Rogers durch die Tür, macht die Tür hinter sich zu und tritt an Natashas Schreibtisch heran.

„Stark“, zischt sie ihn an, und sie will ihn darauf aufmerksam machen, dass er gerade dabei ist, ihre Tarnung aufs Schärfste zu gefährden. Dann fällt ihr Blick auf Rogers’ Gesicht. „Was ist passiert?“

„Es geht um Barton“, sagt Steve ernst, und Natasha macht sich mit einem Ruck gerade, macht sich gar nicht erst die Mühe, kalt und emotionslos zu wirken – sieht nicht ein, wieso sie das tun sollte. Nicht jetzt. „Was ist passiert?“

Steve wirkt schrecklich zerknirscht. „Ich habe sein Cello kaputt gemacht.“

„Steve“, sagt Tony, und Natasha beobachtet mit steigender Faszination, wie er Rogers die Hand auf die Schulter legt, und Rogers sich unter seiner Hand entspannt. „Wir haben darüber gesprochen, Steve. Das Cello ist im Prinzip egal. Wir kaufen ihm ein neues Cello. Das ist nicht das Problem.“

Natasha legt den Kopf schief. „Was ist das Problem, Stark?“

Tony blickt ihr direkt in die Augen. „Er vermisst seinen Phil.“

Natasha schluckt. „Hat Fury es ihm endlich gesagt?“

Tonys Mimik erstarrt. „Sie haben es ihm nicht gesagt?“

Sie schüttelt den Kopf, starrt auf ihre Schreibtischauflage. „Meine Befehle -“

„Ihre Befehle“, unterbricht Tony sie scharf. „Oh, das ist fabelhaft.“

„Tony“, sagt Steve leise, und diesmal ist es Tony, der sich entspannt.

Natasha hat keine Ahnung, was zwischen diesen Beiden vorgefallen ist, aber sie ist extrem beeindruckt.

„Warum genau sind Sie hier?“ erkundigt sie sich professionell, und Tony verengt seine Augen zu Schlitzen. „Wegen Barton. Er hat eine ungesunde Cello-Obsession entwickelt. Und da Sie ihn am längsten kennen, hätten wir gern, dass Sie uns einen Tipp geben, was zum Teufel wir tun sollen.“

Natasha kann nicht anders, als ihn anstarren. „Deswegen sind Sie hier?“

Tony blinzelt zurück, verständnislos. Natasha ist so nahe an entsetzt, wie es nur menschenmöglich ist, als sie ihren Blick von ihm ab und auf Steve wendet und feststellt, dass der Captain sich für ihn aufregt. „Deswegen sind wir hier, ganz Recht. Tony hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um herauszufinden, wo Fury Sie hingeschickt hat, falls es Sie interessiert, und jetzt hätten wir gern, dass Sie Barton helfen.“

Natasha zieht die Stirn kraus und schweigt.

Auf der anderen Seite des Schreibtischs macht Tony Steve im Flüsterton darauf aufmerksam, dass JARVIS Fragen sich nicht wirklich damit vergleichen lässt, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, aber Natasha hört ihnen gar nicht richtig zu.

Diese Männer machen sich Sorgen um Clint. Nicht darum, ob er einsatzfähig ist, ob er eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, ob er auch dann noch ein Ziel auf zwei Meilen Entfernung treffen kann, wenn er eine Gehirnerschütterung hat und mit schwerem Blutverlust kämpfen muss, sondern um Clint.

Damit hat sie nie gerechnet.

Sicher, sie hat ihnen im Einsatz vertraut, weiß, dass sie sich blind darauf verlassen kann, dass diese Zwei sie unter allen Bedingungen beschützen werden … aber echtes, persönliches Interesse an ihrem Wohlbefinden? Überaus unerwartet.

„Er wird nicht darüber reden wollen“, sagt sie leise, und hat sofort die volle Aufmerksamkeit ihrer Gegenüber. „Der Einzige, mit dem er je geredet hat – und das unter Protest – war Agent Coulson.“

Kurz tritt angespannte Stille ein, dann lehnt Natasha sich in ihrem Stuhl vor und blickt Tony fest ins Auge. „Er muss aus dem Hauptquartier raus. Wenn er bleibt, wird er sich abkapseln, jeden Tag in Coulsons Büro verbringen und …“

Tony nickt, ehe sie weiter ins Detail gehen kann. „Ok, kein Problem.“

Sie blinzelt ihn an. „Kein Problem?“

„Ja – was? Bruce wohnt schon bei mir, ich schätze, ich hab auch noch genug Platz für Barton.“

Kurz kämpft Natasha mit einem Lächeln, dann lässt sie es einfach zu. „Sind Sie sicher, Stark? Clint hat ungewöhnliche Schlafgewohnheiten.“

Er grinst. „Wenn jemand ungewöhnliche Schlafgewohnheiten hat, dann bin das ich.“

Natasha nickt ihm zu. „Nur zu wahr. Also ist es abgemacht: Sie holen ihn aus dem Hauptquartier raus, besorgen ihm ein neues Cello, und ich werde sehen, wann ich hier weg komme.“

Tony blickt sich mit plötzlich erwachtem Interesse in dem simplen Büro um. „Jetzt, da Sie davon sprechen – Was genau machen Sie hier eigentlich?“

„Das geht Sie nichts an, Stark.“

„Wie schnell Sie vergessen, wer Ihre Freunde sind, Miss Manorov. Dafür kriegen Sie jetzt aber auch keinen Captain America von mir.“