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Karma

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Auf den ersten Blick hätte man meinen können, es wäre eine Statue, die sich dort an die Hauswand drückte. Unbewegt, starr, geschützt durch die Dunkelheit. Minutenlang geschah nichts, ehe sich der Körper plötzlich von der Mauer löste, nur geringfügig, und näher an die Hausecke heranschlich. Dort verharrte die Gestalt erneut. Geduldig, ruhig, tödlich.

Die Haustür ging auf und zwei Männer traten heraus. Sie unterhielten sich, auf dem Weg zum Auto. Scheinbar unberührt verharrte der Wartende weiter im Schatten, ehe er sich plötzlich löste und mit zwei raschen Schritten bei den Männern war. Zu überrascht um zu reagieren, ging der erste Mann sogleich zu Boden, als ihn ein geschickter Schlag gegen die Kehle traf. Röchelnd und panisch ruderte er auf dem Asphalt herum, unbeachtet. Der zweite Mann hatte etwas mehr Glück. Es gelang ihm, eine Pistole zu ziehen und auf den Angreifer zu richten. Ein kurzes, kehliges Knurren erklang und mit einem blitzschnellen Handgriff hatte ihn der Angreifer entwaffnet. Ein kurzer Schmerzschrei hallte durch die Nacht, als sein Unterarm knirschend dem Druck des Mannes nachgab. Die Waffe fiel ihm aus der Hand und mit einem kurzen Knackgeräusch gab auch seine Wirbelsäule nach, hatte der raschen, unfreiwilligen Drehung seines Kopfes nichts entgegenzusetzen. Ohne einen weiteren Laut ging er zu Boden.

Der Angreifer bückte sich und hob die Waffe auf. Mit einem kurzen Schnauben warf er das Magazin aus und katapultierte die Kugel aus dem Lauf, ehe er die Waffe achtlos zu Boden fallen ließ. Im Vorbeigehen trat er dem noch immer um Luft ringenden Verletzten mit voller Wucht in die Kehle. Auch dieser Körper erschlaffte. Ohne einen Blick zurück entschwand der geheimnisvolle Angreifer in die Dunkelheit der Nacht.

Kaum um die Ecke gebogen, wurde er bereits erwartet. Dunkles Haar umrahmte ein ebenmäßiges Gesicht mit markantem, glattrasiertem Kinn. Stechende, kalte, grüne Augen richteten sich auf den kleineren Mann.

"Nachlässig”, kommentierte er trocken.

~*~

Mit einem Ruck fuhr Eliot hoch. Dunkelheit hing drückend im Raum und fast schon panisch schlug der Mann auf die Nachttischlampe, die sofort aufflammte und ihr Licht ausschickte. Er sah sich einen Moment um, ehe er zurücksank, auf die Matratze. Eliot holte tief Luft und fuhr sich über die Augen. Seufzend schob er die Beine über den Bettrand und setzte sich auf. Sein Blick fiel auf die Uhr, die neben dem Bett auf dem Nachttisch thronte. Als wolle sie ihn hänseln, schaltete die Uhr in diesem Moment mit einem kurzen Flackern um. 4:31 Uhr verkündete sie in hohnvollen, knallroten Zahlen.

Mit steinernem Gesicht stand Eliot auf und ging ins Badezimmer. Er blickte nicht auf seine Reflexion, als er die Tür des Spiegelschranks öffnete und eine kleine Pillendose hervorzog. Er schraubte den Behälter auf und schüttelte zwei der länglichen Tabletten in seine Handfläche, hob die Hand zum Mund, hielt auf halber Höhe inne. Mit der Zunge fuhr er sich über die Lippen, betrachtete die Tabletten eingehend, als würden sie ihm etwas wichtiges mitteilen. Kopfschüttelnd warf er sie in die Toilette und betätigte die Spülung. Die Pillendose knallte er zurück auf das kleine Regalbrettchen und warf die Tür zum Spiegelschrank zu. Erneut ohne einen Blick auf sein Spiegelbild zu werfen, wandte er sich ab und zog das T-Shirt über seinen Kopf. In der gleichen Bewegung schaltete er das Wasser in der Dusche an.

Eliot griff sich in den Nacken und wandte den Kopf mit leichten Bewegungen in beide Richtungen, während er die verspannten Muskeln unerbittlich knetete. Für einen Moment schloss er die Augen, hing Gedanken nach, Erinnerungen. Dann rutschte auch seine Hose zu Boden und er stieg in die Duschkabine, legte den Kopf in den Nacken und ließ das Wasser über sein Gesicht und seinen Körper rinnen.

~*~

“Wie haben Sie letzte Nacht geschlafen?”, erkundigte sich die junge Frau freundlich.

“Gut”, knurrte Eliot, ohne zu zögern.

“Und wie fühlen Sie sich?”

“Gut.”

“Worüber sollen wir heute reden?”

“Nichts.”

“Sind sie sicher?”

“Ja.”

“Wie Sie wollen.” Die Frau nickte und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Sie schlug ein langes Bein über das andere, legte ihren Notizblock auf ihrem Schoß ab und verschränkte die Finger ihrer Hände. Ihr Blick blieb dabei auf Eliot gerichtet, der sich keinen Millimeter bewegte. Starr wie eine Statue saß er auf dem Sofa, jeder Muskel im Körper zum Zerbersten gespannt.

Minuten verstrichen. Das einzige Geräusch im Raum war das Ticken der Uhr. Eliot wagte kaum zu atmen, aus Angst damit etwas zu verraten. Ihr irgendeinen Hinweis zu geben, ohne es zu wollen. Deshalb regte er sich keinen Millimeter, erlaubte seinem Gesicht keinen noch so winzigen Ausdruck, keine Mimik. Die Zeit schleppte sich dahin und noch immer starrte ihn die Frau mit diesem völlig neutralen Blick an.

“Dann kann ich ja gehen”, murrte Eliot schließlich missmutig und machte Anstalten, aufzustehen.

“Setzen.” Ihr Tonfall war ein klarer Befehl, der keinen Widerspruch duldete. Eliot biss die Zähne hart aufeinander, doch er gehorchte. “Ich werde für eine volle Stunde bezahlt und die volle Stunde werden Sie schön absitzen”, erklärte sie in neutralem Tonfall. “Wenn Ihnen doch nach Reden zu Mute ist ...”

“Nein.”

“Okay.” Sie zuckte die Schultern und nickte, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. Dann ging sie zurück zu Schweigen und ihn anstarren.

Eliot wollte zu gerne aufstehen, sich bewegen. Zumindest seine Haltung ändern. Doch er wollte ihr keinen Hinweis geben, auf das, weswegen er hier war: sein aufgewühltes Innenleben. Niemand wusste, was los war und dabei wollte er es belassen. Nicht einmal Nate wusste, warum er in letzter Zeit noch leichter reizbar gewesen war und weshalb jeder Tag für ihn ein noch größerer Kampf geworden war, als es bisher je der Fall gewesen war. Schwäche würde den Tod bedeuten. Er durfte sich keine Schwäche erlauben. Nicht vor Nate, nicht vor den anderen im Team und ganz sicherlich nicht vor dieser Frau.

Es war Nates Idee gewesen, ihn hierher zu schicken. Die durchaus ansehnliche Frau, die ihm gegenübersaß, war eine ehemalige Klientin. Sie wusste, mit wem sie es zu tun hatte, auch wenn sie für die Sitzungen und Medikamente einen anderen Namen verwendeten. Sie wusste, wer er war. Nate hatte ihr viel zu viel über ihn erzählt. Aber auch Nate wusste nicht alles. Niemand tat das. Nur er selbst. Und das war gut so.

Zu gerne hätte Eliot einen Blick auf die Uhr geworfen, doch er wollte den Kopf nicht bewegen. Seine Muskeln schmerzten, seine Augen brannten. Er war müde und die Tatsache, dass er hier festsaß, untätig, unbeschäftigt, half nicht, die Müdigkeit zu überspielen. Immer öfter wollte er gähnen, immer schwerer wurden seine Lider, immer anstrengender wurde es, die Haltung zu bewahren. Hinlegen, schlafen. Wie einladend das Sofa wirkte ...

Ein Ruck ging durch Eliots Körper und er riss den Kopf wieder hoch. Verwirrt sah er sich um. Seine Augen trafen auf ihre. Sie lächelte nicht. Sie zeigte gar keine Reaktion, schwieg ihn nur weiterhin an. Eliot biss sich auf die Unterlippe und schwieg ebenso.

Mit Folter konnte er umgehen. Physischer Schmerz war ihm einerlei und er ertrug weit mehr als jeder andere Mensch. Psychische Folter perlte für gewöhnlich ebenso an ihm ab, aber das hier war anders. Er spürte längst, wie er zerfiel, wie seine Mauern bröckelten und bröselten, alles um ihn herum einzustürzen drohte. Und er wusste nicht einmal warum, oder was sie machte.

“Ich trage weder einen Knopf im Ohr, noch gibt es hier Kameras oder Aufnahmegeräte”, meinte sie nach einer Weile ruhig. “Nate sitzt draußen im Wartezimmer, aber das weißt du selbst. Obwohl er vor Neugierde vermutlich platzt, werde ich ihm nichts sagen. Das fällt alles unter die Schweigepflicht zwischen Arzt und Patient. Du bist hier sicher, Eliot. Du und jedes Geheimnis, das du mir preisgibst. Ich werde nicht über dich urteilen. Aber du musst endlich anfangen zu reden. Was ist los?”
Eliot schüttelte nur schweigend den Kopf. Sie hatte ja keine Ahnung. In das vertrauensvolle Du zu wechseln und ihm zu versichern, dass er hier sicher war, würde nichts bewirken. Das wusste er. Nichts und niemand würde ihn retten können. Niemals.

~*~

Suspendiert. Eliot schnaubte und schlug mit der Faust gegen die Mauer. Es knirschte, Putz bröckelte von der Wand, Blut tropfte von seinen Knöcheln, als er die Hand kraftlos sinken ließ. Er war nie ein guter Teamspieler gewesen und es gab viele Gründe, warum er es immer bevorzugt hatte, alleine zu bleiben. Das Dilemma, in dem er sich nun befand, war einer davon.

Obendrein hatte Nate tatsächlich die Frechheit besessen, ihn zu suspendieren. Ihn! Dabei war er der Einzige, der sie womöglich retten konnte. Aber er dürfe erst wieder im Hauptquartier auftauchen, wenn er seinen Kram in Ordnung gebracht hatte. Es gab nichts, was er in Ordnung bringen konnte. Gar nichts. Und vor allem wusste Eliot, dass es keinen Ort gab, an den er fliehen konnte. Die Welt war nicht groß genug, um vor ihm zu flüchten.

Mit zittrigen Fingern griff Eliot in die Innentasche seiner Lederjacke und zog den Zettel hervor, faltete ihn auf. Ein einziges Wort stand auf dem Papier, geschrieben in schwarzen, großen Buchstaben: “Rache.” Nicht mehr und nicht weniger. Kein Absender, kein Hinweis, gar nichts. Doch all das brauchte Eliot auch gar nicht. Er wusste, von wem der Zettel war. Auch wenn er noch keine Gewissheit hatte, er wusste es einfach.

Und er wusste, was er tun musste.

~*~

Eliot schaltete das Licht ab und zog die Tür hinter sich zu. Festen Schrittes verließ er das Haus, das sein Heim gewesen war, in den letzten Jahren. In der Einfahrt stand ein Motorrad. Er stieg auf, setzte den Helm auf und startete die Maschine. Als er mit aufheulendem Motor um die nächste Straßenecke bog, zerriss ein ohrenbetäubender Knall die Stille der Abendstunden. Flammen leckten über den Garten, das Haus, verzehrten alles, was sich ihnen in den Weg stellte und vernichteten innerhalb kürzester Zeit alles, was Eliot in den letzten Jahren mit viel Geduld und Liebe zum Detail aufgebaut hatte.

~*~

Ihn aufzuspüren war härter gewesen als Eliot je gedacht hätte und es hatte viel zu lang gedauert. Viel zu viel Zeit war verstrichen, Zeit die er für seine Pläne hätte verwenden können, und da Eliot von der Bildfläche verschwunden war, konnte er nicht einmal mit Gewissheit sagen, wie es Nate und den anderen ging, ob sie in Sicherheit waren, ob sie noch lebten. Er konnte nicht an beiden Orten gleichzeitig sein, um ein Auge auf sein ehemaliges Team haben zu können und er konnte niemandem trauen, niemanden beauftragen, die anderen im Auge zu behalten und ihm zu berichten, was vor sich ging.

Aber all die Mühen hatten sich ausgezahlt. Sie standen einander gegenüber, kalte blaue Augen bohrten sich in ebenso kalte grüne Augen. Dutzende von Waffen waren auf ihn gerichtet, doch das störte Eliot nicht.

“Eliot Spencer.” Der Mann schenkte ihm ein knappes Nicken.

“Damien Moreau”, gab Eliot mit einem ebenso knappen Nicken zurück.

“Alter Freund.” Damien grinste und trat zurück. Seine Leibwächter gaben den Platz frei und er setzte sich auf einen Stuhl.

Eliot wurde weiterhin von sämtlichen Schusswaffen im Raum anvisiert. Er wartete, schweigend.

“Was führt dich hierher?”

“Deine Einladung”, gab Eliot ruhig zurück und hob die Hand zu seiner Brust, um den Zettel hervorzuholen.

Geradezu panisch ließen sämtliche Anwesenden die Sicherungen ihrer Waffen klicken und wichen einen halben Schritt zurück.

Eliot hielt in der Bewegung inne, ließ nach einem kurzen Blickwechsel mit Damien die Hand langsam wieder sinken, damit die Leute wieder entspannen konnten, ehe sich womöglich noch ein Schuss löste. Eliot war schnell, aber auch er war in dieser Situation hoffnungslos unterlegen. Zu viele Gegner, zu viele Waffen.

“Hältst du das für nötig?”; erkundigte sich Eliot leise. “Ich bin hier.”

“Genau das ist das Problem. Das nimmt mir den Spaß, Eliot. Versteh doch ... ich hatte eigentlich mehr Widerstand erwartet. Das hier ist ...” Damien wedelte mit der Hand herum, “langweilig”, beendete er schließlich.

“Tut mir leid, wenn ich dich enttäusche”, gab Eliot sarkastisch zurück und hob die Hände, um sie vor der Brust zu verschränken. Waffen ruckten, nervöse Finger am Abzug zuckten, krampften.

Eliot hielt erneut in der Bewegung inne und schickte einen wütenden Blick in die Gesichter seiner Gegner, soweit ihm das gelang, ohne sich zu bewegen. Einige Männer schluckten merklich, andere hoben die Waffen noch etwas höher, als würden diese sie vor seiner Wut bewahren.

“Vorsicht, Eliot. Die Jungs sind ein bisschen nervös, nachdem du bei unserer letzten Begegnung nicht wenige von ihnen in einen Sarg verfrachtet hast.”

“Das kommt davon, wenn man mich in die Enge treibt”, gab Eliot ungerührt zurück. “Ich würde sagen, sie hatten eine faire Chance.”

“Natürlich würdest du das. Nun, so sehr ich unsere kleinen Gespräche zu schätzen weiß, ich hab noch ein paar Sachen zu erledigen. Du darfst so lange meine Gastfreundschaft genießen, Eliot.”

“Zu gütig.”

“Bringt ihn nach unten.”

Die Männer warfen sich nervöse Blicke zu.

"Keine Sorge, er wird euch keine Probleme machen. Nicht wahr, Eliot? Falls doch, muss ich nämlich ...”

“Ich mach keinen Ärger”, herrschte Eliot den anderen Mann zwischen zusammengebissenen Zähnen an. "Lass sie in Ruhe.”

“Gerne. Solange du brav bleibst. Wir reden später weiter.” Damit winkte Damien ab.

Eliot wartete darauf, dass sie ihn abführen würden, doch stattdessen spürte er ein kurzes Stechen im Nacken. Irritiert pflückte er den Pfeil aus seinem Muskel und starrte ihn an. Ein Betäubungspfeil, wie man ihn für Tiere verwendete.

“Was ...” Eliot schwankte und versuchte Halt zu finden. Seine Beine gaben nach und er sank in die Knie, kaum noch in der Lage, seinen Oberkörper abzustützen. Er hob den Blick, blinzelte. Alles war verschwommen.

Ein Mann mit einem Blasrohr trat neben Damien, der ihm grinsend wie zum Abschied zuwinkte und dann wurde die Welt um ihn zunehmend dunkel und schließlich schwarz.