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Rote Dämmerung

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„Wieder nichts, Herr Doktor.“

Viele Engel standen um einen Tisch herum. Im Raum befanden sich überall Kabel und Maschinen, die zu einem Ding auf dem Tisch führten. Es war nicht genau zu erkennen. Einerseits war es abgedeckt, andererseits fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Es war ein Körper, den die Ärzte da umrankten.

„Versucht es wieder, ich werde weiterhin Astralkraft spenden. Wir dürfen ihn nicht verlieren!“

Der Brustkorb lag offen, aufgeschnitten von fachkundigen Händen. Jene fachkundigen Hände hielten das Herz des Verletzten in Händen, die gemäß den Vorschriften von Gummihandschuhen überzogen waren. Ein helles Glühen ging dennoch von den Händen aus und verzweifelt versuchte der Engel, dem die Hände gehörten seine Astralkraft auf das Herz zu übertragen, um es zum schlagen zu bringen.

„Reanimationsversuch!“, ordnete der Engel an, der das Herz in den Händen hielt.

Erneut starteten die Helfer einen Versuch. Doch der Erfolg blieb aus.

„Nulllinie“, verkündete der Assistent an der Maschine, die den Puls überwachte.

„Es funktioniert nicht“, rief ein Anderer.

Doch der Engel mit Herz in den Händen konnte das nicht akzeptieren. Er war der Chefarzt, er konnte das. Er konnte seinen Patienten nicht verlieren.

„Es muss! Es muss funktionieren“, rief er.

„Aber …!“

Ein Einwand war sinnlos. Die Helfer erkannten bald, dass nichts mehr bringen würde. Zu schwer waren die Verletzungen. Zu niedrig die Astralkraft. Zu gering die Reaktion des Patienten auf die Behandlung.

„Nein, weitermachen! Ich werde ihn nicht sterben lassen!“

Der Doktor versuchte weiter um das Leben des Engels auf dem Tisch zu kämpfen. Doch er sah nicht, dass es nichts mehr bringen würde. Es war kein Leben mehr da, um das man hätte kämpfen können.

„Es ist zu spät, er ist tot“, sprach einer der Anwesenden schließlich das Offensichtliche aus.

Ein Helfer versuchte den Arzt wegzuziehen, doch jener wehrte sich unablässig gegen die drohende Wahrheit. Er steigerte erneut die Zufuhr seiner eigenen Astralkraft. Er verwendete seine Fähigkeiten, die ihm als Einzigem im Himmel gegeben waren, um die Wiederbelebung zu starten. Das letzte Mittel.

Doch hilflos musste er zusehen, wie sich nur Fleisch und Organe zusammensetzen. Kein Zucken der Muskeln, keine Regung des Geistes.

 

Nichts.

 

„Nein! Nein, nein, nein, NEIN!“

 

Warum? Warum konnte er ihn nicht retten?

 

„Raphael-sama. Bitte, akzeptieren sie es!“

Er musste es schaffen. Er konnte ihn nicht ihm Stich lassen. Das war doch nicht das erste Mal, dass er ihn behandelte. Es war schon oft knapp gewesen, er hatte es doch immer geschafft.

„Ich muss ihn wiederbeleben! Ich kann es, ich bin der Einzige, der es kann!“

Kein anderer war so gut wie er. Er war ein Element.

Er war stark. Er war mächtig.

Da musste er ihn retten können.

 

„Seine Seele ist fort. Er wird nicht erwachen!“

 

Nein. Das konnte nicht sein.
Das würde er nicht akzeptieren. Niemals!

 

„Aber sein Herz, ich fühle seinen Herzschlag!“

 

Doch es war nur der Puls seiner eigenen Astralkraft.

 

 

„Er ist TOT, Raphael-sama. Michael-sama wird nicht mehr aufwachen!“

 

Raphael brach zusammen. Verzweifelt beugte er sich über den Körper des Feuerengels. Seine Kleidung saugte noch mehr von dem kalten Blut auf, das von dem Tisch aus den Wunden heraus auf dem Boden tropfte und nun Raphaels Kittel besudelte.

Das durfte doch nicht wahr sein!

Michael konnte nicht fort sein!

Doch Raphael fühlte wie seine lange Erfahrung als Arzt den Körper vor sich bereits als Leiche zu sehen begann. Langsam setzte er Michaels Herz zurück in dessen Brust, doch entgegen seiner Hoffnungen, es würde vielleicht noch ein Wunder geschehen, passierte nichts.

Das kalte Blut in den Adern des Feuerengels begann bereits zu gerinnen.

Raphael wandte sich seinen Helfern zu, die immer noch um ihn herum standen.

„Geht! Geht und gebt dem Rat des Himmels Bescheid. Sagt ihnen, dass der Feuerengel Michael, Anführer der Mächte und oberster Herr der Himmlischen Heerscharen seinen Verletzungen erlegen ist.“

Leiser fügte er dann hinzu: „Ich erledige den Rest, danke.“

Er scheuchte seine Angestellten hinaus. Er wollte jetzt alleine sein.

Die Obduktion würde er auch noch machen müssen.

Da sollte keiner zu sehen.

Es würde seine Art und Weise sein zu begreifen, dass Michael tot war.

Und es auch bleiben würde.

 

-

 

Es mochten Stunden vergangen sein, genau konnte das Raphael nicht sagen, als er sich vor dem Krankenhaus auf einem Geländer niederließ, das vor dem Gebäude stand. Es war Nacht und kein Engel war mehr zu sehen. Es war kühl und Raphael fror, obwohl ihm derartige Temperaturen normalerweise nichts ausmachten. Doch jetzt war das anders. Raphael kauerte sich zusammen und vergrub sein Gesicht in seinen Armen, die er auf seine Knie stütze, während er auf dem dünnen Geländer balancierte.

Wind heulte und ließ das Rascheln der Blätter wie eine sanfte fürsorgliche Stimme erscheinen. Luftströmungen umhüllten ihn und Raphael schmiegte sich an die unsichtbare Berührung. Der Wind war da und wusste, dass sein Gebieter ihn brauchte. In der schwersten Stunde seines schon so langen Lebens.

Raphael konnte die Lage der Dinge immer noch nicht begreifen, doch die letzten Stunden waren zeichnend gewesen. Er hatte neben dem erkalteten Körper gestanden und ihn lange angesehen. Es hatte sein Herz zerrissen und nachdem er den Brustkorb wieder verschlossen hatte und Michael makellos wie immer ihm auf dem Tisch lag, war eine Welle der Verzweiflung über ihn hereingebrochen. Noch immer konnte er diese Gefühle nicht sortieren, unterscheiden oder gar annehmen. Alles was zählte, war der Schmerz seines Versagens: er hatte es nicht geschafft, Michael zu retten. Oder ihn wenigstens wieder zu beleben. Aber seine Erfahrung als Arzt und sein Verstand sagte ihm, dass sein Freund eigentlich schon tot gewesen war, als er bei ihm eingeliefert wurde.

„Michael“, flüsterte Raphael voller Trauer und Unverständnis.

Er konnte es nicht verstehen. Er war der Engel der Heilung. Eigentlich sollte er in der Lage sein jeden zu retten und jeden zu heilen. Aber Raphael wusste, dass das nicht stimmte. Manchmal war der Tod stärker. Das hatte er schon häufig in seinem Leben akzeptieren müssen. In seiner Praxis, im Kampf oder auf dem Schlachtfeld. Einige Male war der Tod einfach zu stark, zu allgegenwärtig gewesen, als das er alle hätte retten können. Besonders in Schlachten trieb ihn das an den Rand des Wahnsinns. Während er sich noch um den einen Engel kümmerte, starben um ihn herum noch etliche weitere, die seine Hilfe dringend benötigten.

Aber warum hatte er ausgerechnet Michael nicht retten können?

Kein anderer Verlust wäre so schmerzhaft gewesen. Kein anderer Tod ließ ihn sich so schwach und einsam anfühlen.

„Raphael-sama?“

Barbiel trat von hinten an das Geländer heran.

Gerne hätte sie ihrem Vorgesetzten die Hand auf die Schulter gelegt, doch sie wollte ihm in diesem Zustand nicht zu nahe treten. Als Untergebene einer der großen Vier hatte sie schon viel gesehen und erlebt. Hinzukommend zu ihren Erfahrungen als Soldatin, doch im Moment wusste sie zum ersten Mal ehrlich nicht, was sie tun sollte. Den stolzen Raphael-sama so aus der Fassung zu sehen, verwirrte sie. Gewöhnlich wusste dieser, was zu tun war, was die beste Lösung war, wenn auch er selbst sich nicht immer daran hielt. Dass dieser Mann so am Boden zerstört war und jetzt Tränen in dessen Augen schimmerten, ließ sie begreifen, dass auch Mächte wie er nicht unfehlbar waren.

„Barbiel, wusstest du, dass… “, sprach Raphael abwesend, „Michael der Einzige war, der je alles heil überstanden hat? Er war immer der Erste, wenn es darum ging einen Streit anzuzetteln. Er hat das Schlachtfeld niemals als Verlierer verlassen.“

Barbiel schwieg ganz einfach nur. Sie wollte den Arzt nicht dabei unterbrechen, wie er versuchte die Gefühle zu verarbeiten, die auf ihn einstürzten.

„Aber ich habe ihn auch genauso oft wieder zusammen flicken müssen.“

Seine Worte hallten durch die dunkle Nacht.

„Er ist dem Tod so oft entgangen. Ich erinnere mich an einige Male, wo ich mehr von seinem Blut auf meinem Körper hatte, als er in seinem Leib. Aber was auch war, egal welches Gift oder welches Schwert gerade in ihm steckte, ... er hat es … immer … immer ... überlebt.“

Raphael sprach die Worte, wie eine Beschwörungsformel, als wären sie in der Lage seinen Freund wieder zu ihm zurück zu bringen.

„Er ist durch Flammenmeere geflogen, als wären sie bloß Staubpartikel im Wind. Er kann ... konnte“, berichtigte Raphael sich mit Mühe, „mit bloßen Händen auf eine Schar von Dämonen losgehen. Warum konnte er dann nicht diesen Angriff vorhersehen?“

„Ich verstehe es nicht“, meinte der Windengel an sich selbst zweifelnd. „Die Wunde hätte heilbar sein sollen. Sie war groß, aber ich habe schon Schlimmeres behandelt.“

„Raphael-sama“, begann Barbiel. „Es tut mir Leid. Es tut mir so schrecklich Leid“, sagte sie und setzte sich endlich neben ihn. „Ich weiß, es klingt für sie unbedeutend, aber es ist nicht ihre Schuld.“

Energisch wehrte sich Raphael dagegen. „Es ist sehr wohl meine Schuld. Ich hätte ihn retten können. Ich hätte ihn retten müssen!“

Leise fügte er an: „...ich ... ich habe ihn umgebracht.“

„Nein!“, meinte nun Barbiel nachdrücklich. Sie war lange genug Ärztin, um zu wissen, dass sie nun verhindern musste, dass der Engel des Windes sich selbst die Schuld für Michaels Tod gab.

„Sie konnten ihn nicht retten. Selbst nicht, wenn sie sofort zur Stelle gewesen wären, dass hätte keiner gekonnt. Ich habe bereits mit einigen der Engel geredet, die dabei gewesen sind. Der Dämon hatte sich in den Flammen versteckt und zugeschlagen, als Michael-sama von unzähligen Gegnern umringt war. Vielleicht war der Schlag ein Glückstreffer, aber Michael-sama hat bis zum Ende der Schlacht, was viele Stunden später war, die Wunde nicht einmal bemerkt.“

Raphael schwieg. Er hatte die unterschiedlichen Meldungen noch nicht lesen können. Noch wusste er nicht was genau passiert war, weil er versucht hatte Michael zu retten. Dennoch, er hatte versagt. Er war froh, dass zumindest Barbiel zumindest ihm keinen Vorwurf machte. Es würden noch genügend Leute geben, die ihn zur Verantwortung ziehen würden.

„Ist er so gestorben?“, fragte Raphael Barbiel leise.

Er war Arzt und Michaels Freund. Egal, ob es unangebracht war oder nicht, er musste alles wissen. Sein Gewissen würde er am Ende nur auf diese Art und Weise beruhigen können.

„Soweit wir wissen ja“, sagte Barbiel. Sie hatte schon während den ersten Unheilverkündeten Nachrichten alles zusammentragen lassen. Sie musste ihren Herrn notfalls ablenken und auf andere Gedanken bringen können. Außerdem verlangte das Gesetz, das in derartigen Sonderfällen streng nach Protokoll vorgegangen werden musste.

„Die Schlacht war hart und die Dämonen zahlreich. Wenn Michael-sama sofort zurückgeflogen wäre und hätte die Wunde behandeln lassen, dann hätten wir ihn vielleicht retten können, doch bereits als ich euch alarmierte, war es wahrscheinlich schon zu spät.“

Sie hatte nur einen kurzen Blick auf den Feldherrn der Heerscharen werfen können. Der Anblick war schlimm gewesen. Der Rücken war eine einzige klaffende Wunde. Der Schlag musste den Feuerengel unter den Achseln erwischt und den rechten Lungenflügel komplett zerfetzt haben.

„Es wird unmöglich zu sagen sein, wann wir seine Seele verloren haben, denn bei einem Engel wie Michael-sama, wäre es nichts ungewöhnliches, dass es dauert bis der Geist vollständig den Körper verlassen hat.“

„Das heißt, wir können nur Vermutungen anstellen?“, fragte Raphael heiser.

„Ja, vermutlich“, meinte Barbiel genauso leise. „Wir können nur bestätigen, dass wir ohne Michael es nicht geschafft hätten, die Grenze zu halten. Seit der Invasion der Dämonen haben wir Probleme sie zurück in die Hölle zu drängen.“

Der Engel des Windes senkte den Kopf.

Er hatte es geahnt. Weiter nachforschen würde er nicht mehr müssen. Michael hatte vielleicht wirklich nicht gemerkt, wie schwer verwundet er gewesen war. Es war schon häufiger vorgekommen, dass Michael seine Wunden erst bemerkte, wenn er entweder ohnmächtig vor Camaels Füßen zusammenbrach oder im Krankenhausbett wieder aufwachte.

Doch dieses Mal würde er nicht wieder aufwachen. Diesmal war er nicht schnell genug gewesen. Aber Michael hatte ihm auch keine Chance dazu gegeben.

Der Engel des Feuers hatte bereits vor langer Zeit geschworen, dass er eher sterben würde, als eine Schlacht gegen die Dämonen zu verlieren.

„Die Dämonenarmee war schon immer dein einziger Feind, oder Michael?“, fragte Raphael melancholisch in die Nacht hinein und fuhr sich durch die Haare. „Du hast deine Vorhersage wahr gemacht: dein Sterbebett war ein Schlachtfeld.“

Man würde das Schlachtfeld nach Michael benennen. Gedenkfeuer würde man für ihn entzünden. Engelschöre würden seine Taten besingen. Aber das wahre Leben würde niemals in den toten Körper zurückkehren, der hinter Raphael in einem versiegelten Raum aufgebahrt lag.

„Sie werden Michael-sama als Helden verehren“, griff Barbiel Raphaels Gedanken auf. „Man wird Statuen für ihn bauen. Sein Gesicht wird das Antlitz des Himmels werden.“

Nicht das dies als nötig sie als erachtete. Als ausgebildete Soldatin wusste Barbiel, dass Michael aber schon immer ein Symbol in den Reihen des Heeres gewesen war, trotz seiner schwierigen Art und der Anschuldigungen, die man oft gegen ihn erhoben hatte.

„Das weiß ich“, gab Raphael tonlos zurück.

Erfolgreich deutete er damit an, dass er Michael lieber so in Erinnerung behalten wollte, wie er gewesen war. Dann stand er auf und drehte sich langsam zu Barbiel um, die ersann das der kurze Moment freundschaftlicher Nähe nun vorüber war und kehrte in ihre übliche Soldatenhaltung zurück. Dennoch hatte Raphael-sama Schwierigkeiten ihr in die Augen zu sehen. Er mied ihren Blick und sah stattdessen zu den Sternbildern der Nacht hinauf, als wollte er ein letztes Gebet sprechen.

„Ich werde zum Rat fliegen und bestätigen, dass Michael tot ist. Sag Camael Bescheid, dass die Himmelsgarde Michaels Körper“, Raphael brachte es nicht über sich Leichnam zu sagen, „aufbewahren und beschützen sollen. Bald werden Priester kommen und die Vorbereitungen für seine Bestattung treffen.“

„Das werde ich tun, Raphael-sama“, versprach Barbiel und salutierte.

Niemand würde Michael, den einzigen Engel des Feuers, anrühren solange sie lebte um ihn zu verteidigen.

 

Chapter Text

Leicht zitternd stand Raphael vor den Toren des Hohen Rates. Er war noch immer blutverschmiert, denn er hatte keine Zeit gehabt sich umzuziehen. Der Rat würde nun eine Erklärung verlangen. Aber er hatte keine Ahnung was er sagen sollte.

 

„Raphael-sama?“, sagte die Wache und verbeugte sich vor dem Windengel, ohne den Blutflecken auf seinem Kittel Beachtung zu schenken. „Sie dürfen eintreten.“

 

Die Flügeltore öffneten sich und gaben den großen Saal preis, in dem sich die anwesenden Hohen Engel versammelt hatten. Ihm gegenüber stand der Thron des Ratsvorsitzenden, der Platz, der eigentlich Metatron gebührte und lange von Sevothtarte in Beschlag genommen worden war. Jetzt war er leer. Niemand wagte es nach den letzten Ereignissen Anspruch darauf zu erheben. Man hatte sich stillschweigend darauf geeinigt darauf zu warten bis Metatron wiedergeboren werden würde und alt genug war seinen Platz einzunehmen.

 

Allerdings konnte das Jahrhunderte dauern.

 

Bis dahin musste der Rat sich per Mehrheitsbeschluss einigen, um Beschlüsse durch zu bringen, weil nur ein von allen Hohen Engeln anerkannter Ratsvorsitzender das absolute Veto Recht besaß. Wenn Raphael die sture Natur der Engel nicht zu gut gekannt hätte, ein Nebeneffekt ihrer Unsterblichkeit, dann hätte Raphael sich darüber Sorgen gemacht, dass der Himmel womöglich demokratische Verhältnisse annehmen würde. Ein schwieriges Herrschaftssystem, das nur selten zu Ergebnissen führte. Weder Rosiels noch Sevothtartes Regentschaft waren zu keinem Zeitpunkt schlimm genug gewesen, um sich mit dem Schaden zu messen, der angerichtet wurde, wenn nicht jemand mit strengem Auge über die Vorgänge im Himmel wachte.

 

Die Gefallenen hatten deutlich bewiesen, was passierte wenn Engel sich nicht gegenseitig überwachten.

 

„Raphael-sama, Engel und Hüter des Windes der Heilung und Anführer der Kräfte“, kündigte ihn der Herald an.

 

Heute vermied Raphael es sich einzeln vor den Anwesenden zu verbeugen, sondern deutete nur kurz eine Geste der Begrüßung an. Jetzt war nicht die Zeit für Formalitäten. Außerdem war die Bedeutung der Geste, dass er sich laut Protokoll nicht verbeugen musste, ein dringender Machtbeweis an sich selbst. Ein Versuch zumindest seine Selbstbeherrschung zu stärken, nachdem die Ereignisse der letzten Stunden bereits sein Selbstbewusstsein und sein Vertrauen in seine Fähigkeiten zertrümmert hatten.

 

„Raphael-sama“, sprach einer der Anwesenden, der sich nach Sevothtartes Fall freiwillig für die formale Verwaltung des Himmels gemeldet hatte und damit derzeit der Vorsprecher des Rates war. „Bitte sagt uns, dass die schreckliche Kunde, die uns kürzlich erreichte, nicht der Wahrheit entspricht.“

 

Geschlagen senkte Raphael den Kopf.

 

„Zu meinem eigenen großen Bedauern“, setzte er an, „ist es meine traurige Pflicht dem Rat des Himmels mitteilen zu müssen, dass der Feuerengel Michael, Hüter des vierten Elements und Herr der Himmlischen Heerscharen seinen Verletzungen erlegen ist.“

 

Ein leiser Aufschrei ging durch die Reihen und nicht wenige Engel schlugen trotz ihrer sonstigen perfekten Fassung die Hände vor das Gesicht. Die Hohen Engel sahen ähnlich geschockt aus, wie ihre Assistenten und den anderen Dienern, die sich im Hintergrund hielten.

 

Etheliel, der Engel der zuvor gesprochen hatte, wankte kurz sichtlich betroffen und griff mit seiner Hand nach der schweren Armlehne seines Stuhls um sich zu stützen.

 

„Das ist eine schwere Stunde meine Brüder und Schwestern“, sprach er. „Bitte erhebt Euch und gedenkt mit mir Michael, den größten Kämpfer und Verteidiger, den der Himmel je gesehen hat.“

 

Stühle rückten und ausnahmslos alle Anwesenden erhoben sich. Als der Etheliel seine rechte Hand demütig auf sein Herz legte und den Kopf senkte, taten es die anderen Engel ihm sofort nach. Keinen Unterschied machte es hierbei, welches Ranges sie waren. Raphael konnte nur regungslos dastehen, als die begannen in der alten Sprache der Engel ein Ehrenlied für Michael zu singen.

 

Er fühlte sich taub und schmutzig. Kein einziges Wort drang über seine trockenen Lippen, sondern er blickte lediglich benommen auf die spiegelglatten Marmorplatten des Bodens unter ihm.

 

Die Hymne, die man als erste Ehre für Michael sang, machte dessen Tod für Raphael keineswegs realer.

 

-

 

Einige Stunden später trat Raphael aus dem Saal heraus. Er hatte dem Hohen Rat Rede und Antwort stehen müssen. Doch man wollte ebenfalls seine Meinung dazu hören, wie man vorzugehen hatte. Rücksicht auf seine Nerven und seinen Gemütszustand hatte man selbstverständlich nicht genommen, weswegen er erst jetzt entlassen worden war. Einige Beschlüsse waren gefasst worden und nun kümmerte sich der Rat um deren Umsetzung.

 

„Raphael?“, rief ihn jemand und beim Aufsehen erblickte er Jibril, die mit schnellen Schritten auf ihn zu eilte.

 

Sie zog ihn bestimmend in ihre Arme und der Windengel versteifte sich ein wenig. Selten war Jibril ihm so nahe gekommen und hatte direkten Körperkontakt zugelassen, doch die Umstände waren jetzt so viel anders, dass Raphael keinen zweiten Gedanken an seine und Jibrils schwierige Beziehung zueinander verschwendete.

 

Jetzt barg die Berührung ihrer kühlen Hände auf seinem Gesicht nur willkommene Vertrautheit.

 

„Raphael, oh Raphael“, klagte Jibril und drückte den hilflosen Windengel fester an sich. „Ich habe es geahnt, als das Blut in meinen Adern schlagartig erkaltete. Aber ich will es nicht glauben, bis ich es aus deinem Mund gehört habe.“

 

Jibril hatte ihre resolute und bestimmte Art abgelegt und fürchtete sich sichtlich das verhängnisvolle Wort auszusprechen, als würde sie damit die Wahrheit ändern.

 

„Jibril“, flüsterte Raphael ihren Namen mit erstickter Stimme. „Er ist tot. Michael ist tot.“

 

Von allen Lebewesen wusste er es am besten. Wenn selbst die Wiederbelebung am offenen Herzen nicht mehr half, gab es nur dieses eine Adjektiv, das diesen Zustand beschrieb.

 

„Nein“, sagte Jibril und schlang ihre Arme eisig fest um Raphael. Da er keine Chance hatte ihrem Griff zu entkommen oder gegen die Kraft anzukämpfen, die Jibril aufwendete um die Wahrheit zu leugnen. „Nein.“

 

Weil es ihr nicht gelang und Jibrils Seelenruhe von besserer Ausgeglichenheit war, als die von Raphael, zögerte sie nicht lange in dem Zustand der Tatenlosigkeit, sondern stellte sofort die Frage, die Raphael nicht beantworten wollte.

 

„Bei den Mächten“, schwor sie. „Raphael, wie ...?“

 

Jibril legte so viel Mitgefühl in ihre Stimme, dass sie Raphael keinen Raum ließ dies als Anklage aufzufassen. Lediglich die Fakten wollte sie erfahren, da sonst ihre Vorstellungskraft weitaus schlimmere Bilder heraufbeschwören würde.

 

„Im Kampf“, meinte Raphael leise, weil er und Jibril immer noch auf einem seitlichen Gang im Himmelspalast standen, der nur wenig Privatsphäre zuließ. „Ein Hieb bohrte sich in seine Brust und zerfetzte seinen rechten Lungenflügel. Doch anstatt sich versorgen zu lassen, kämpfte er weiter gegen die Dämonenarmee. Es waren einfach zu viele, meinte Barbiel.“

 

Das redete Raphael sich ein. Er wusste nicht was genau passiert war oder ob Barbiel das nur gesagt hatte, um ihn zu trösten. Denn es war irgendwie unvorstellbar, dass Michael tatsächlich durch einen derartigen Fehler in seiner Verteidigung nieder gestreckt worden war. Oder dass es tatsächlich etwas derartiges wie ‚zu viele Dämonen’ für Michael gab.

 

„Oh Jibril, er muss solche Schmerzen gehabt haben“, sprach Raphael das aus, was ihn unweigerlich plagte, seit er die Verletzungen gesehen hatte. „Wie konnte er so weiterkämpfen? Er muss doch gewusst haben, wie ernst die Wunde war.“

 

Wie konnte er mir das antun, schrie Raphael stumm in sich hinein. Denn der Gedanke, dass Michael willentlich gestorben war, war leichter zu ertragen als die Vorstellung, dass man ihn niedergerungen hatte.

 

„Du weißt doch, wie Michael ist“, meinte Jibril sanft und gedachte Michaels leidenschaftliches Pflichtbewusstsein gegenüber jenen Soldaten, die mit ihm kämpften. „Niemals hätte er sich verarzten lassen, wenn die Lage bereits für ihn so schlimm war.“

 

So oft sie sich auch mit ihm gestritten hatte, sie kannte Michael zu lange, als das er dies vor ihr hätte verbergen können. Auch war sie selbst nicht eingenommen genug, um ihn lediglich für den Schaden zu verurteilen den er anrichtete. Natürlich war da die Seite an ihm, die im und durch den Krieg Leben rettete. Weniger hätte sie nie akzeptiert.

 

„So wird es gewesen sein“, stimmte Raphael vorsichtig zu, wissend was Jibril ihm sagen wollte.

 

So war es gewesen.

 

Raphael wusste ebenso wie Jibril durch vergangene Einsätze, dass es die Natur des Feuerengels war, so zu handeln. So temperamentvoll Michael auch sein mochte, er würde immer der Letzte sein, der ein sich schließendes Tor passierte, weil er jedes Mal sicher ging, ob es noch Überlebende gab. Auf dem Schlachtfeld kämpfte Michael vorwiegend allein, aber immer für seine Männer von denen jeder sofort für ihren Anführer sterben würde. Nur erlauben tat dies Michael nie. Der Hang dazu allein kämpfen zu wollen, um niemand Außenstehenden mit in seinen persönlichen Krieg gegen die Hölle hineinzuziehen, war eine gut versteckte Eigenschaft. Man bekam sie aber eigentlich nie direkt zu sehen, aber unweigerlich bemerken musste, wenn man sich lange genug mit Michael auseinander setzte.

 

Lange stand Raphael da, während Jibril ihn im Arm hielt. Sie beide mussten an Michael denken und ihre beiden Herzen schmerzten wegen der Leere, die seine Abwesenheit hervorrief. Nun da der erste Schock langsam abklang, konnten sie beide die Unordnung wahrnehmen, die zwischen den Elementen entstand. Ihnen war beiden klar, dass es noch schlimmer werden würde, sollten sie nicht etwas unternehmen. Dies war erst der Anfang und noch ließ sich das Schlimmste aufhalten. Aber würde dem entstandenen Riss in dem Gleichgewicht der Elemente nicht bald entgegen gewirkt, wären die Konsequenzen nicht mehr aufzuhalten.

 

Schließlich trat Jibril zurück. Noch immer war sie erschüttert, aber zum Glück nicht mehr so aufgelöst und allein wie zuvor. Die schreckliche Ungewissheit und die Furcht, die sie geplagt hatten, waren nun durch tiefe Trauer und Bedrückung ersetzt worden.

 

„Oh Michael“, flüsterte sie leise und dachte dabei an den kleinen wilden Jungen von damals, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren. Seit dem hatten sie sich zwar meistens ignoriert, aber doch auch immer akzeptiert. Nie hatten sie ihre Differenzen so auf eine tiefe Ebene gezogen, wie Raphael und Uriel.

 

„Weiß Uriel schon davon?“, fragte sie, als ihr der Erdengel einfiel.

 

Leicht schuldig fühlte sie sich, weil sie erst jetzt an ihn dachte und Raphael zuerst aufgesucht hatte.

 

„Ich weiß nicht“, meinte Raphael monoton, als würde es ihn nicht kümmern. „Vielleicht. Keine Ahnung.“

 

Für einen Moment schwieg er und meinte dann nachdrücklicher: „Doch ich denke, er weiß es. Er ist schließlich der Engel des Todes.“

 

Ihm kamen nicht die leisesten Zweifel, dass Uriel das Dahinscheiden eines anderen Elements bemerken würde.

 

„Was hat der Rat beschlossen?“, fragte nun Jibril, um vom Thema abzulenken.

 

Als Element hätte sie jeder Zeit die Sitzung betreten können, doch sie hatte sich noch nicht bereit dazu gefühlt wieder zur Politik überzugehen, wenn gerade Michael gestorben war und sie nichts Genaueres über die Umstände seines Todes wusste.

 

Ihr Bruder. Die andere Hälfte eines Gleichgewichts. So hatte sie ihn immer gesehen. Auch wusste sie nicht was schlimmer war, als die Tatsache, dass sie ihn noch nicht einmal hätte beschützen können, weil Michael sich nie hatte beschützen lassen.

 

Wenigstens schien Raphael auf andere Gedanken zu kommen. Seine Augen sahen klarer aus als vorhin. Als Raphael aus dem Saal getreten war, hatte sie Fieber und Wahn darin gesehen.

 

„Wir haben nur das Nötigste beschlossen“, erklärte Raphael und begann aufzuzählen, „Camael ist vorläufig der Befehlshaber der Armee. Die Soldaten würden sowieso so schnell keinen anderen Heerführer akzeptieren. Dennoch muss ein anderer Stellvertreter gefunden werden. Camael ist nicht für diesen Posten geeignet und würde den Job auch nicht länger als nötig machen.“

 

„Haben sie vor Michael einfach zu ersetzen?“, fragte Jibril geschockt.

 

Das war Michaels Amt. Sein Lebensinhalt. Die Basis seiner Existenz. Michael war dazu gemacht worden, Befehle zu erteilen und Kämpfer in die Schlacht zu führen. Jemand anderes hatte diesen Posten nie inne gehabt. Nicht einmal Luzifer hatte je alle Fragmente der Himmlischen Armee unter sich vereinigt.

 

„Das können sie gar nicht“, beschwichtigte Raphael Jibril. „Die Treue der Männer gehört allein Michael, egal ob tot...“, es fiel Raphael schwer dieses Wort auszusprechen, „oder lebendig. Der Eid gilt. Aber wir werden jemanden finden müssen, der ähnlich wie Michael denkt und ihm treu ergeben ist, weil seine Art und Weise zu kämpfen und die Armee zu führen, die Einzige ist, die sich je bewährt hat.“

 

Raphael machte einen Moment Pause. Der Rat hatte noch keinen Vorschlag gemacht, wer es werden sollte, doch er ahnte, dass er mit den Auswahlmöglichkeiten, die leider viel zu begrenzt waren, nicht zufrieden sein würde.

 

„Aber mehr Sorgen macht mir“, redete er weiter, „die Dämonenarmee.“

 

„Würden sie das ausnutzen?“, fragte Jibril kalkulierend, die sich mit der Heerespolitik wenig beschäftigt hatte.

 

Sie hatte sich häufiger auf die Bedürfnisse der Engel im Himmel konzentriert, deren Lebensumstände zum Großteil alles andere als paradiesisch waren. Deswegen allein war sie mehrfach mit Michael aneinander geraten, weil er Ressourcen für seine Armee verwendet hatte, die in der Bevölkerung ebenso dringend gebraucht wurden. Ein Grund für ihre Diskrepanzen, weil die Armee zum Ausgleich für den Schutz des Himmels mehr fraß, als die Bevölkerung in der Lage war zu geben.

 

„Natürlich werden sie es ausnutzen“, meinte Raphael hart. „Michael selbst war immer unsere größte Verteidigung. Er war der Einzige, der es im Ernstfall wagen konnte, es auch mit den Satanen aufzunehmen, die seit Luzifers Wiedergeburt stärker sind denn je. Zwar konzentriert sich Luzifer zunächst darauf, seine zusammengekrachten Schalen von den Unseren zu trennen, als Himmel und Hölle ineinander fielen, doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis den Dämonen klar wird, das Michael tot ist.“

 

Es geheim zu halten stand außer Frage. Soldaten hatten Michael im Kampf fallen sehen und Gerüchte hatten sich bereits verbreitet, als man ihn vom Schlachtfeld transportiert hatte. Die Hölle würde davon noch früh genug erfahren.

 

„Sobald sie das begreifen“, fuhr Raphael fort, „und uns wegen dieser einladenden Gelegenheit angreifen, wird es hart werden. Sehr hart. Die Armee wird jemanden brauchen, der den Dämonen als erster entgegen tritt. Sie werden gnadenlos über uns herfallen und sollten wir nur einmal verlieren, wird die Moral der Truppen zusammenbrechen.“

 

Es klang böse. Jibril war sich nicht bewusst gewesen, dass sie in solcher Gefahr schwebten. Aber es war logisch. Je weniger hochrangige Engel sich im Himmel befanden und für seinen Erhalt kämpften, desto leichter hatten es die Dämonen. Jibril ballte die Hand zur Faust. Seit Sevothtarte sie schlafen geschickt hatte, hatte sie viel verpasst. Es wurde Zeit, dass sie aktiv wurde. Sie musste beweisen, dass sie ihres Titels würdig war. Besonders jetzt, wo der Himmel nicht mehr auf Michael zählen konnte,.

 

Der Einzige von den Elementen, der seine Aufgabe in den letzten Jahrhunderten ernst genommen hatte.

 

„Himmel“, rief Jibril aus, da sie nicht wusste, wo sie anfangen sollte. „Was geschieht jetzt?“

 

„Die Zeremonie wird vorbereitet. Da Sevothtarte tot ist, wird es Michael erspart bleiben, dass sein Körper konserviert wird, um die Ordnung der Elemente aufrecht zu erhalten.“

 

„So wie er es bei mir vorhatte?“, fragte Jibril mit Unbehagen. Sie erinnerte sich nur dunkel an die Geschehnisse, als das Mädchen Sarah ihren Körper besetzt hatte.

 

„Ja. Michael wird verbrannt, damit er wiedergeboren werden kann. Würden wir das nicht tun, könnte er irgendwann ähnlich enden wie Nanatsusaya.“

 

„Das Schwert, das Luzifers Seele beherbergte?“

 

„Ja. Nun verzeih mir, ich muss wieder zu Barbiel. Sie bewacht Michaels … Michael.“

 

Er konnte nicht einfach 'Leichnam' sagen. Das brachte er nicht über sich.

 

„Entschuldige mich“, verabschiedete sich Raphael und kehrte Jibril den Rücken, um davon zu hasten.

 

Jener tat Raphael furchtbar leid. Sie hatte immer eine gute Beziehung zu ihm gehabt, vielleicht war sie die einzige Frau gewesen, die er je respektiert und fast liebevoll behandelt hatte. Doch nun würde Raphael sie brauchen. Michael war nicht mehr da, daher musste sie eben dafür sorgen, dass der Engel des Windes auf den Boden der Tatsachen blieb. Sie kannte seine Schwächen und bezweifelte ernsthaft, dass Raphael den Tod Michaels und seine dadurch resultierende Abwesenheit je würde verkraften können.

 

-

 

Zur gleichen Zeit im Palast des Hohen Gerichts schob Uriel ein Stapel von Papieren von sich. Es waren die Verurteilungen einiger Handlanger, die Sevothtarte noch treu ergeben waren und Randale gemacht hatten.

 

„Miguel “, rief Uriel und schnippte mit den Fingern.

 

„Ihr habt gerufen, Uriel-sama?“, fragte ein Engel mit blondem Haar, der nun aus den Schatten trat. Das Auffälligste war die schwarze Stoffmaske, die er vor dem Gesicht trug und die obere Hälfte seines Gesichts verdeckte. Nur zwei grüne Augen stachen darunter hervor.

 

„Ja, bitte kümmere dich erst mal um alles Weitere hier. Ich erteile dir und Feriel die Erlaubnis bis zu meiner Rückkehr das Gericht zu leiten. Du bist meine Vertretung in der Vollstreckung der Urteile“, meinte Uriel rasch und bestimmt.

 

Mit seinen Worten erhob er sich und griff nach dem schwarzen Umhang, der über der Lehne seines Stuhls hing.

 

„Jawohl, Uriel-sama. Ich fühle mich geehrt“, sprach Miguel und verneigte sich vor seinem Herrn, dessen Urteile er vertraute und nicht zögerte auszuführen.

 

Im Gegensatz zu den Jahren, die er für Sevothtarte hatte arbeiten müssen, in denen seine Arbeit der eines Mörders geglichen hatte.

 

„Du bist ein fähiger Mann, Miguel“, sprach Uriel mit dunkler Stimme, als er sich die Kapuze über sein Gesicht streifte. „Ich werde bald zurück sein.“

 

„Gute Reise, Uriel-sama“, wünschte Miguel und nahm den Stapel Papiere an sich.

 

Er diente schon seit Jahrhunderten dem Engel der Justiz und er ahnte, wo sich sein Herr hin begab. An einen Ort, den nur er und niemand anders betreten konnte.

 

Den Hades, das Reich der Toten.

 

„Wer wohl gestorben ist?“, murmelte Miguel abwesend vor sich hin und trug die Papiere in sein eigenes Büro, die etliche Todesurteile für jene enthielten, die sich unter Sevothtartes Herrschaft das System zu Nutze gemacht hatte.

 

Chapter Text

Vor der großen Zeremonienhalle versammelten sich Scharen von wartenden Engeln. Der ganze Himmel schien sich in einer Schale zu versammeln, um von ihrem Fürsten des Lichts Abschied zu nehmen. Der Nachthimmel über ihnen war grau und Wolken verhangen. Es war eine grauenhafte Stimmung, denn die Massen vor der Kathedrale, in der die letzte Versammlung stattfinden sollte, die der Öffentlichkeit zugänglich war, waren alles andere als beherrscht. Die trauernde Engel aus der einfachen Bevölkerung weigerten sich zu gehen, obwohl sie bereits einen letzten Blick auf Michael geworfen hatten, als verhüllte Staatsdiener den aufgebahrten Feuerengel an ihnen vorbei trugen.

Für viele Engel war dies der vielleicht einzige Moment in ihrem ganzen Leben, an dem sie dem Heerführer nahe sein konnten. Denn Michael hatte sich nie für öffentliche Auftritte interessiert, wenn sie keine Unterhaltung für ihn versprachen. Viele von Michaels treu ergebene Soldaten hatten sich geweigert zu dieser Versammlung zu erscheinen und hatten geschworen ihren Herrn auf ihre Weise zu ehren. In den Lagern brannten Leuchtfeuer zu Ehren seiner Seele. Lediglich die hochrangigen Offiziere hatten erscheinen müssen und dürfen sich bis auf fünf Schritte dem offenen Sarg nähern. Die restlichen Engel, die der Gedenkfeier beiwohnten, durften nur an ihm vorbei gehen. Nicht wenige Soldaten hatten mit ihrer Fassung gekämpft, als sie ihren Herrn und Fürsten regungslos hatten daliegen sehen, aber bei ihnen war es wenigstens echte Anteilnahme.

Nicht wie die hohen Beamten, die einige Worte murmelten, aber alle ziemlich bald von Camael verscheucht wurden. Der Krieger hatte neben seinem Herrn Stellung bezogen und hatte Tag und Nacht dort gestanden. Es war ihm egal gewesen, dass eigentlich eine himmlische Garde von ausgewählten Feuerengeln für den Schutz von Michael, dem Hüter des Feuers und ihres Elementes, zuständig waren. Camael stand hinter dem Sarg, strenge Haltung angenommen und seine rechte Hand über das Herz gelegt.

Schon bald hatte man es aufgegeben, zu versuchen ihn davon abzubringen.

Raphael seufzte schwer und strich seine Uniform gerade. Barbiel hatte keine Gnade gekannt und ihn auf die brisante politische Lage hingewiesen. Er konnte es sich jetzt nicht leisten, von den Normen abzuweichen und lediglich in einem Anzug erscheinen. Dabei hasste er die formelle Kleidung. Er sah aus wie Rosiel oder Sevothtarte, in der komplett in weiß gehaltenes Staatsgewand mit dem Abzeichen seines Ranges auf der Brust. Immerhin waren die Zeiten vorbei, in denen sie alle Rüstung und Schwert getragen hatten.

„Diese Scharade ist eine Schande“, murmelte Raphael mehr zu sich als zu Barbiel, die hinter ihm stand. „Michael würde den Platz hier eigenhändig in die Luft sprengen, wenn er das hier sehen könnte.“

Oder er würde Unruhe veranstalten und sich tierisch darüber freuen wie die Hohen Engel versuchten das Protokoll zu wahren. Das wäre etwas, was er Michael zutrauen würde, wenn es denn möglich wäre. Seine eigene Beerdigung und Gedenkzeremonie zu verschandeln. Aber es war nur ein Wunschdenken. Eine Fantasie, die niemals wahr werden würde.

„Raphael?“

Jibril war aus einem anderen Ausgang getreten und versteckte sich wie auch er im Schatten des Eingangs eines Gebäudes, von dem aus sie zur himmlischen Kathedrale laufen sollten. Wachen waren aufgestellt worden um zu verhindern, dass die Menge sie belästigte. Dennoch behagte es Raphael nicht, dass er sich von der Masse anglotzen lassen und begutachten lassen musste. Es ging hier um Michael, seinen Freund. Er war nicht hier, weil Michael bloß ein Element gewesen war.

„Raphael?“, fragte Jibril noch einmal.

„Hallo Jibril“, meinte Raphael abwesend und versuchte weiterhin in den Schatten zu verschwinden. In der leisen Hoffnung er würde dann nicht dort hinaus müssen und sich Michaels Antlitz noch ein weiteres Mal antun.

Währenddessen begrüßte Jibril Barbiel und wechselte einige leise Worte mit ihr. Der Windengel hörte nicht zu, aber er konnte sich denken, dass Jibril seiner Beraterin dankte, dass sie so oft für ihn da gewesen war.

„Keine Ursache, Jibril-sama. Es ist meine Pflicht, meine Ehre und mein Wunsch“, hörte er gerade Barbiel sagen.

Also hatte er recht gehabt. Doch es war Raphael egal, ob die Frauen hinter seinem Rücken Feldzüge der Art 'Lass den depressiven Windengel ja nicht aus den Augen, wir wollen ihn behalten' planten oder sich über mögliche Formen der Politik unterhielten.

Gerade wurden ein paar weitere hohe Engel angekündigt, die sich auf den Weg machen sollten. Bald wäre ihr Auftritt, denn die Elemente hatten die Aufgabe als letzte die Kathedrale zu betreten und sich von ihm zu verabschieden. Während die meisten Engel nur einen kurzen Zeitraum gewährt bekamen, durften die Elemente bis an den Sarg herantreten und sich so viel Zeit nehmen wie sie wollten. Für Raphael jedoch stand außer Frage, dass er das im Protokoll angeführte Mindestmaß überschreiten würde. Unter allen Augen, die sie beobachten würden, konnte er sich nicht verabschieden.

Ertragen würden ließ sich die öffentliche zur Schaustellung nur, weil Raphael keine Alternative fand, die er für angemessen hielt.

 

-

 

Interessant war im Allgemeinen die unterschiedliche Stimmung unter den Engeln, beobachtete Barbiel. Die gemeine Bevölkerung hatte vornehmlich Angst, vielleicht sogar berechtigt, doch der Himmel war ohne Michael nicht hilflos. In Barbiels Gehirn hatte bereits der Teil das Denken übernommen, der sie in Schlachten schon unzählige Male gerettet hatte. Es stand ein Soldat weniger auf dem Feld, der in diesem Fall zwar leider eine große Lücke hinterlassen würde, aber es war eben nicht zu ändern. Trauern konnten sie später, jetzt mussten sie zeigen, dass der Himmel nicht führungslos dahin trieb und in sinnlosen Diskussionen verfiel. Sie durften nicht erst beim ersten feindlichen Angriff aufwachen.

Sie mussten ein Zeichen setzten und Zuversicht zeigen.

Der Himmel hatte sich unter Sevothtarte stets auf Michael gestützt, weil der lieber an der Front kämpfte, als an den Ratssitzungen teilzunehmen, aber der Himmel war nicht schwach. Es schien als würde Jibril als erste damit anfangen, eben dieses zu beweisen.

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Warum sonst würde sie die wallenden himmlischen Gewänder, die man von ihr gewohnt war, gegen einen Waffenrock eintauschen? Es war ein Anblick, der Raphael-sama in seiner niedergedrückten Stimmung vermutlich nicht aufgefallen war, ihr jedoch schon. Statt eines angemessenen Kleides trug Jibril eine enge weiße Militärhose mit den dazugehörigen schwarzen Stiefeln und einer dunkelblauen Montur dazu, an der ebenfalls das Rangabzeichen befestigt war. Die langen Haare hatte Jibril in einen hoch angesetzten Pferdeschwanz zurück gebunden und der schwarze Gürtel an ihrer Hüfte war mit einer Schusswaffe und anderen kleineren Taschen versehen.

Die Herrin des Wassers sah jetzt alles andere als die zerbrechliche Glaspuppe aus, die sie solange gewesen war. Eher wirkte Jibril wie die Kommandantin der Wachleute, die den Korridor frei hielten.

Aus vergangenen Zeiten wusste Barbiel, dass Jibril zwar politische Auseinandersetzungen dem Krieg vorzog, aber wie alle anderen Elemente eine erfolgreiche militärische Laufbahn hinter sich hatte. Sie war ein hochrangiger Engel. Sie konnte kämpfen. Ebenso war Jibril in der Lage Truppen zu kommandieren, es trauten ihr nur die wenigsten Engel zu. Gerade Barbiel konnte beurteilen wie es war, ständig unterschätzt zu werden. Die Art und Weise wie sich Jibril nun gekleidet hatte, symbolisierte deutlich, dass sie Michaels Flügelspanne auszufüllen gedachte.

„Auf denn “, meinte nun eine tiefe Stimme hinter ihr und Barbiel verneigte sich noch im herumdrehen. „Es ist an der Zeit.“

 

Uriel schritt mit seiner riesigen schattenhaften Gestalt an Barbiel vorbei und nickte ihre Präsenz anerkennend zu, während er Jibrils Begleitung vollkommen ignorierte. Energischen Schrittes wandte er sich Raphael und Jibril zu und ließ die drei Wachposten hinter sich zurück. Barbiel konnte sich dank ihrer Anstellung als Raphaels Vertretung und in diesem Fall als seine Leibwächterin, ebenfalls von Michael persönlich verabschieden. Ihr Name würde im Protokoll nicht auftauchen, ebenso wenig wie sie nicht angekündigt werden würde. Sie war der Schatten ihres Herrn, nicht mehr und nicht weniger.

Kurz begutachtete Barbiel Uriels Assistenten, aber konnte mit ihm nicht viel anfangen.

„Es freut mich ihre Bekanntschaft zu machen“, grüßte er zurückhaltend. Wohl, weil er sich ihres exakten Ranges nicht sicher war.

Uriels Vertretung war ein großer Engel mit blonden Haaren und einem Gesicht, das er zum Teil unter einer Maske versteckte.

 

Sie verneigte sich.

„Barbiel, vom Rang der Gewalten“, stellte sie sich vor.

„Miguel, vom Rang der Herrschaften“, erwiderte der Engel, der über ihr stand, folgte sich dem Rang hierarchisch.

„Danke“, sagte sie. „Es freut mich ebenfalls, auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass ein anderer Anlass wäre.“

„Das ist wahr. Es ist ein mehr als trauriger Anlass“, erklang nun eine weitere Stimme.

Erst jetzt fiel Barbiel auf, dass es sich bei Jibrils Begleitung um den jungen Raziel handelte. Verwundert sah sie ihn kurz an, während er sie und Miguel ordnungsgemäß begrüßte. Vom Aussehen her war er nur ein kleiner Junge, doch Barbiel erinnerte sich, dass Raziel gegen Zaphikels Stellvertreter gewesen war und immer noch seine Stellung innehatte. Da Raziel selbst bloß den Rang eines Fürsten innehatte, aber dennoch die Aufgaben eines Throns erledigte, war es ein kluger Schachzug der persönliche Assistent der Herrin des Wassers zu werden. Von Jibril konnte er Rückendeckung erwarten, ohne dass sie versuchen würde seine Autorität in den Rängen der Rebellen zu untergraben.

Jibril hingegen gewann damit Einfluss auf eine wichtige politische Fraktion im Himmel, die derzeit viel Ansehen genoss. Besonders in der einfachen Bevölkerung, die nach den Unruhen durch Sevothtarte und Rosiel dem Rat der Seraphin nicht mehr vertraute.

Ich sollte dankbar sein, dass Jibril-sama und Raphael-sama sich im Moment so gut verstehen. Ansonsten müsste ich die Hälfte der politischen Angelegenheiten mit Raziel abstimmen, dessen Fähigkeiten mir außer Zaphikel strengen Rufes nicht bekannt sind. So könnte unsere Zusammenarbeit in der nächsten Zeit sehr bedeutsam für die Zukunft werden, sinnierte Barbiel und beschloss sich mit dem jungen Engel zu arrangieren.

 

-

 

Es war erstaunlich, dass die Spannung, die zwischen den Elementen herrschte, als sie über den Platz schritten, nicht den Himmel teilte und Schalen auseinander brechen ließ. Ein sorgenvoller Blick nach oben zeigte Barbiel, dass Raphael-sama in sehr schlechter Stimmung war. Nach langer Erfahrung und einem eingehenden Studium wusste sie, dass nicht alle Verbindungen mit dem Element, welche die großen Vier bewachten, bewusster Natur waren. Das stetige Zerren des Windes an ihrer Kleidung und die einzelnen Regentropfen, die herunter fielen sagten ihr auch, dass es Jibril nicht sehr viel besser erging, trotz der guten Miene die sie machte.

Nur Uriel-sama hatte bisher kaum ein Wort gesagt. Aber es war auch nicht der richtige Zeitpunkt um Gespräche zu führen. So emotional aufgewühlt, wie die Elemente im Moment waren, konnte Barbiel nur hoffen, dass ein Taifun nicht losbrechen und das Himmelreich verwüsten würde. Sie kannte ihren Herrn nun lange genug, um zu wissen, dass er trotz seiner kühlen Fassade leicht am Rande seiner Selbstbeherrschung marschieren konnte.

Bis der Schock nachließ, war es nur noch eine Frage der Zeit und Raphael-sama würde dann endgültig die Nerven verlieren.

Derartig emotional aufgewühlt und kein Michael-sama, der Raphael-sama wieder zur Vernunft bringen wird, dachte Barbiel besorgt.

Die Engelsmassen riefen alle durcheinander, während die drei verbliebenen Elemente mit ausgestreckten Flügeln über den Platz zur Kathedrale schritten. So war es im Protokoll vorgeschrieben und keiner hatte im Moment die Kraft sich dagegen aufzulehnen. Huldigungen, Bitten und Gebete erklangen und verstummten erst, als zuerst Uriel, dann Jibril und zuletzt Raphael das große Flügeltor passierten, welches danach hinter den drei Begleitern geschlossen wurde und sich Wachen davor postierten.

Die Wartenden auf dem Platz ließen sich zum Gebet auf die Knie fallen.

Barbiel musste sich anhalten, um nicht mit großen Augen das Prachtwerk an himmlischer Baukunst zu bestaunen, das sie gerade betreten hatte. Noch nie hatte sie dieses Gebäude betreten dürfen, wenn die Kirche auch zum alltäglichen Stadtbild des Himmels gehörte.

Die himmlische Kathedrale war riesig. Die Gotteshäuser, welche die Menschen auf der Erde bauten, waren nichts im Vergleich zu dem Gebäude, das sich über Barbiels Kopf erhob. Sicher passten hier über zehntausend Engel hinein. Die Fenster im Kirchenschiff waren so riesig, dass sie die ganze Kirche erleuchteten, dennoch wirkten sie schmal im Vergleich zum restlichen Gemäuer. Überall befanden sich kleine Balkone, die bis an die übergroße Decke reichten und mit anwesenden Engeln besetzt waren. Für die drei verbliebenen Elemente hatte man drei große Balkone hergerichtet, die sich gleich in der ersten Etage am Ende des Kirchenschiffes befanden, sodass sie den besten Blick auf den aufgebahrten Engel des Feuers hatten.

 

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Raphaels Magen rumorte vor Spannung und vor Aufregung. Er fühlte, wie draußen der Wind stärker blies und seine Kräfte unbemerkt Verrückt spielten. Immer noch befand er sich in dieser Wolke, die alle Geräusche abschirmte und jegliches Geschehen langsamer erscheinen ließ, doch er wusste: es war real. Das Singen des Chors, das in ihm Übelkeit verursachte, genauso wie die leisen Stimmen der Generäle, welche Blicke austauschten und dann ehrerbietig ihre Köpfe senkten.

Oh Herr, erbarme dich...“

Raphael zuckte zusammen und das Pfeifen des Windes in seinem Ohr verdeutlichte seine innere Reaktion auf diese scheinheilige Zeremonie. Eigentlich wollte er das hier nicht mitmachen. Sein Körper bewegte sich allerdings wie von selbst, die festen Mauern hielten ihn gefangen und ließen ihn ein Protokoll durchlaufen, auf das er seit Urzeiten programmiert war. Vor langer, langer Zeit, als er noch ein Kind gewesen war und man ihm beigebracht hatte, was hier hieß ein Element zu sein.

Es war entwürdigend.

Der Chor besang einen Gott, der tot war. Einen wahnsinnigen Schöpfer und der Himmel tat, als wäre nichts gewesen. Und die Dämonen? Die waren genauso wenig bereit ihrem Teufelskreislauf der Zerstörung auszubrechen. All das resultierte in dem Schriftzug vor ihm.

Der Körper stirbt, aber der Geist, der ihn übersteigt, kann vom Tod nicht berührt werden. Das bedeutet, ich bin der unsterbliche Geist. –

Sie waren jetzt vorne angekommen und nur Raphaels jahrhundertelange Erfahrung hielt ihn davon ab, jetzt in die Knie zu gehen und vor der Tafel, die man vor Michaels offenen Sarg angebracht hatte, zusammenzubrechen.

„Michael“, flüsterte Raphael erstickt und er fühlte wie jemand ihm eine Hand auf die Schulter legte.

Aber es kümmerte den Windengel nicht, wer es war. Es war gleich. Es bedeutete nichts, weil es nicht Michael war, der ihm jetzt beistand. Wie auch? Sein Freund lag tot vor ihm.

Zum einen ließ ihn der Anblick Michaels in dieser förmlichen weißen, aber zum Kämpfen absolut ungeeigneten Gala Uniform, schwindelig werden. Es drehte sich alles in seinem Kopf und irgendwo sagte Raphael sein ärztlicher Verstand, dass er wirklich kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.

Aber er musste diese Zeremonie überstehen und hinter sich bringen. Sie würde nicht ohne ihn stattfinden, aber was sollte er tun? Beten? Nein, er war nicht Jibril, er konnte das nicht mit einem zielbewussten Glauben wieder wettmachen. Er war auch nicht wie Uriel, der fast wie eine große regungslose Steinstatue dastand, sich keinen Zentimeter rührte und alles stillschweigend ertrug.

Es mochte ein bizarrer Anblick sein. Für die vielen Engel war das ein Ereignis, das es vielleicht nie wieder geben würde.

Die erste offizielle Versammlung der Elementare, die zum ersten Mal seit Jahrtausenden vom Rat der Seraphin befohlen worden war und dann dazu zu einer Beerdigung. Zu einer Verabschiedung eines Elements.

„Michael“, presste Raphael noch einmal voller Schmerz hervor.

Schließlich brachte er es endlich fertig, die Stufen zu dem Sarg hinauf zu steigen, um vor diesem stehen zu bleiben. Er sprach nur leise, weil er nicht wollte, dass andere seine letzten Worte zu Michael hörten, doch er war sich sicher, dass zumindest Uriel und Jibril ihn hören würden.

„Michael, du Idiot. Du Hitzkopf. Wie konntest du das tun?“, fragte Raphael, in der Hoffnung er würde Antwort bekommen.

Vor ihm ausgestreckt lag Michael regungslos da, beide Arme vor seiner Brust gekreuzt, die sein Schwert hielten. Es sah aus, als würde er schlafen. Obwohl Michael nie so feierlich dagelegen hätte. Das bewies Raphael nur noch ein weiteres Mal, dass Michael tot war.

Vorsichtig führte Raphael seine Hand zu Michaels Wange, wo der Drache eintätowiert war, in der Hoffnung die unwirkliche Realität würde zerspringen, wenn er Michael berührte. Die Wirklichkeit blieb ein Traum. Die helle Haut wirkte noch weißer als üblich und der Körper war kalt. Michael war immer warm gewesen und hatte stets Hitze ausgestrahlt, als könnte das Feuer nicht in seinem Körper bleiben!

„Michael.“

„Das bringt ihn nicht zurück, Raphael“, murmelte Uriel neben ihm.

„Ich weiß“, antwortete Raphael tonlos, aber schon etwas ruhiger.

Uriel wirkte wie ein unerschütterlicher Berg, der sich nicht vom Fleck bewegte. Was er denken mochte, Michael so zu sehen? Seine und Michaels Beziehung war die Seltsamste von allen gewesen, wobei sich wahrscheinlich jeder von ihnen einbildete eine besondere Beziehung zu Michael gehabt zu haben. Bei Jibril mochte das zutreffen, sie kämpfte mit wütenden Tränen und ihrer Fassung. Der Erdengel allerdings verzog keine Miene. Nicht ein Muskel regte sich und das schwarze Haar fiel in einem kompliziert gebundenen Zopf in das unbewegte Gesicht.

Raphael ging sogar soweit sich zu fragen, wie Uriel trauerte.

Selbst Michaels Züge wirkten weniger tot.

„Wir sollten nach oben gehen“, schlug Jibril ebenso leise vor, die jetzt auf Raphaels anderer Seite stand und Michaels Kopf damit am nächsten war. „Umso schneller ist es vorbei.“

„Du hast recht“, gab Raphael zu.

Dennoch viel es ihm schwer sich loszureißen und nicht einen weiteren Wiederbelebungsversuch zu starten. Jedoch es würde nicht funktionieren. Er konnte niemanden zurückholen, der über ihm stand oder ihm in seiner Macht ebenbürtig war.

Michael würde nie wieder erwachen.

Als er oben auf dem Balkon auf dem bequemen Stuhl an der Ballestrade Platz genommen hatte und sein Gesicht mit schweren Vorhängen vor den restlichen Anwesenden verborgen wurde, er aber immer noch einen guten Blick auf das Geschehen unten hatte, kam es Raphael dennoch so vor, dass Michael jeden Moment aufspringen und sich über die Sinnlosigkeit dieser Veranstaltung beschweren würde.

 

-

 

Auf der Ebene herrschte nur Dunkelheit und sie drang wie eine Gewalt bis an seinen gelähmten Körper heran. Eine Augenbinde verhinderte, dass er etwas sehen konnte. Doch die Macht des endlosen Nichts war dennoch allgegenwärtig. Sie belästigte und verhöhnte ihn, dass er durch die Ketten an seinen Gelenken absolut hilflos war.

Die säuselnden mokierenden Stimmen kannte er schon lange, aber ein Gesicht dazu hatte es nie gegeben. Feige Geister, die sie waren, wagten sich nicht aus dem Schutze der Dunkelheit heraus. Nur hin und wieder folterten sie ihn mit Illusionen.

Niemals blutete er. Nie wurde ihm eine Wunde zugefügt, aber litt er Schmerzen. Sein Verstand reagierte auf seine Sinne, so durcheinander sie auch sein mochten.

Etwas anderes hast du auch nicht verdient, oder?, fragte ihn die Dunkelheit. Man hat dich verdammt und vergessen. Zu Recht, wie ich meine.

Er antwortete nicht.

Es war hart diesem Drang nicht nachzugeben, aber niemals würde er sich auf die Illusionen einlassen. Der Wahnsinn musste warten. Durchhalten und die Folter still ertragen, war die einzige akzeptable Option.

 

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Schwer kämpfte er mit sich, um nicht den Schmerzen nachzugeben. Es brannte in seinen Eingeweiden und Fesseln schnitten in seine Haut. Die Siegel hatten bereits offene Fleischwunden hinterlassen, so hässlich war die heutige Nacht. In seinen Eingeweiden brannte es, während die Dunkelheit entfernt, hämisch über ihn lachte.

Es muss bald vorbei sein, hoffte er. Bald bricht der Tag an.

Die Nacht dauerte schon so lange und das Blut lief bereits seinen Körper hinunter, um zu seinen Knien eine Lache zu bilden.

Solltest du nicht inzwischen wissen, dass du Sklave deiner eigenen Wahrnehmung bist, meinte die Dunkelheit kommentierend, als sie mit einem spitzen Gegenstand in seine Brust stach und wenige Zentimeter über seinem schlagenden Herzen innehielt. Um den Schrei zu unterdrücken, biss er sich auf die Lippen, sodass das Blut erneut in seinen Mund zu laufen begann.

Es ist gleich wie nah oder wie fern der Tag noch ist, erklärte die Dunkelheit ihrem Gefangenen die ihm inzwischen bekannten Gesetze. In der Nacht gehörst du alleine mir.

Niemals, wollte er erwidern. Doch jedes Wort würde für die Dunkelheit bedeuten, dass sie seinen Widerstand gebrochen hatte. Diese Befriedigung würde seine Peinigerin niemals ihr eigen nennen.

Wenn er auch noch nie so nahe gekommen war, tatsächlich nachzugeben.

Dies ist die längste Nacht von allen, sagte er zu sich selbst, sodass es die Dunkelheit nicht hören konnte. Er würde es nicht ertragen, würde sie seine Zweifel bemerken, dies zu überstehen.

„Die Nacht endet, wenn der Morgen anbricht“, sprach plötzlich eine Stimme.

Die Bannsiegel brannten sich schmerzhaft tief in seine Haut, als er bei dem fremden Klang zusammenzuckte. Selbst die Klinge, welche die Dunkelheit in seine Brust gestoßen hatte, verschwand als wäre sie lediglich ein Trugbild.

„...we-r...“, kam es krächzend aus seinem Mund, weil er seine Stimme schon so lange nicht benutzt hatte.

Wärme breitete sich auf seiner Wange aus und das Gefühl von rauer Haut auf der seinigen folgte darauf.

„Shh“, sprach die Stimme, die ihm vertraut vorkam. „Deine Haft in absehbarer Zeit wird ein Ende finden.“

So vertraut, dass es in ihm Scham auslöste, weil er sie nicht erkannte. Scham ... und Dankbarkeit, denn dies war das erste Zeichen, dass er seit langem von der Außenwelt erhalten hatte. Der Beistand, an den er in seiner Resignation nie zu glauben gewagt hatte.

Ein Funke der Erinnerung glimmte auf. Der Grund, warum er hier war und sich freiwillig der Dunkelheit preisgegeben hatte.

„Meister“, kam es erschöpft von seinen Lippen. „Ihr seit...“

„Sprich jetzt nicht“, antwortete sein Lehrmeister für ihn ungewohnt einfühlsam. „Du wirst deine Kraft brauchen.“

„Wofür...?“

Die Frage kam wie eine Lobpreisung von seinen Lippen. Anweisungen. Ein Befehl. Für etwas anderes würde sein Meister diesen beschwerlichen Weg nicht auf sich nehmen. Einen Ort in der Dunkelheit zu finden, der nur in dem Kopf eines Gefangenen existierte, war mehr Mühe wert, als es sich letztendlich lohnte.

„Ein wenig Geduld“, verkündete sein Meister und strich vorsichtig über die Augenbinde, die hier in der Dunkelheit wie in seiner Zelle seine Sicht verdeckte. „Der Morgen naht und sie werden dich holen kommen. Ich bin gekommen, um dir die Kraft zu geben, die du brauchen wirst, denn viel Zeit für Erholung wird nicht gegeben sein.“

„Verstanden“, sagte er und nickte so gut es in den Ketten ging. „Ich werde ...“

Die Stimme seines Meisters unterbrach ihn: „Du wirst jetzt still sein.“

Mit diesem Befehl packte der Meister sein Haar, um ihn keinen Raum für Bewegung zu geben. Die Dunkelheit war ihm einige Male so nahe gekommen, doch dieser feste Griff fühlte sich anders an. Vertraut. Trotz der harschen Finger in seinem Nacken, war diese unnachgiebige Gewalt etwas, dass er willkommen hieß.

Ein Puls durchfuhr ihn und wurde lauter, heftiger als sein Meister ihm etwas an den Mund hielt. Gehorsam öffnete er seine Lippen bis seine Zunge frisches Blut und kräftiges Fleisch schmeckte.

„Iss“, befahl sein Meister. „Alles davon.“

Der Puls wurde stärker bis er sich zu einem eindringlichen Rhythmus gesteigert hatte. Erst als er in das Fleisch biss, begann er zu ahnen, dass dieser Klumpen der Ausgangspunkt des Pulses war. Sein Versuch zu protestieren, wurde entgegen gewirkt, indem der Griff in seinem Nacken fester wurde. Zudem hungerte sein Magen nach Nahrung und sein Verstand hatte trotz seiner Müdigkeit den Geruch von Fleisch wahrgenommen.

„Nein“, würgte er zwischen zwei Bissen und ahnte, dass seine nahende Freiheit einen hohen Preis von ihm fordern würde, „das ist...“

„Ja, ganz richtig“, vollendete sein Meister. „Das ist mein Herz. Nun iss.“

 

-

 

Das tiefe Tönen der Glocken schallte über den ganzen Himmel und rief die Engel zum letzten Geleit ihres Fürsten auf. Der Herr des Lichts war verschieden und selbst im Himmelskorridor war ihr Klang noch zu vernehmen. Auf der entlegenen Gefängnisinsel wusste allerdings niemand genaueres. Nur durch die Wärter erfuhr man hin und wieder was draußen in der Welt hinter dem Säuresee vor sich ging. Zumindest in den Bereichen des Gefängnisses, die weniger streng bewacht wurden und die Gefangenen Hoffnungen auf eine Freilassung hatten.

Anders sah es im Hochsicherheitstrakt aus.

Der Direktor seufzte, als er daran dachte, dass jetzt eine erneute Inspektion des dunkelsten Traktes an der Reihe war, den der Himmelskorridor zu bieten hatte. Der Kommandant nickte den beiden Wachen zu, die ihm das schwer bewachte erste Tor mühselig öffneten, um ihn einzulassen. Mit einem lauten Krachen schloss es sich hinter ihm und seinem jüngeren Gehilfen, der hinter ihm schritt und sich vorsichtig umsah. Verständlich, schließlich war er noch nie hier gewesen und hatte bestenfalls Erzählungen darüber gehört.

„Direktor?“, fragte sein Gehilfe vorsichtig. „Ich arbeite schon eine ganze Weile hier, aber diesen Trakt habe ich noch nie zuvor betreten. Wo sind wir?“

Der alte Direktor seufzte wieder. Während der Unruhen war sein Verwalter Sariel von Zaphikel getötet worden, als Rebellen eindrangen, um den Thron zu befreien. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits für alles andere, außer dem schnellen gnädigen Tod zu spät gewesen. Vermutlich war es eine gerechtfertigte Handlung ihn wieder die Verwaltungsaufgaben auf der Insel übernehmen zu lassen, nachdem er unter Sevothtarte des Öfteren stillschweigend weggesehen hatte.

„Dieser Bereich ist auch nur wenigen Befugten zugänglich“, erklärte der Direktor. „In den Trakt kommt man mit einer speziellen Sondergenehmigung herein. Die Gefangenen hier werden 'die Vergessenen' genannt.“

„Die Vergessenen?“, fragte der Gehilfe und schwenkte seine Lampe, um zu sehen ob die Umgebung mehr Aufschluss geben konnte.

Viel erkannte er jedoch nicht. In großen Abständen tauchten Siegeltüren auf, alle schwer verriegelt, mit leuchtenden Runen versehen und nicht alleine zu öffnen. Fenster existierten schon gar keine. Lediglich von schwachen Lampen erleuchtet, erschufen die Gänge eine unheimliche Atmosphäre. Er war ein Engel, der dem Direktor hauptsächlich bei der logistischen Verwaltung zur Hand ging und wenig direkten Kontakt zu den tatsächlichen Gefangenen hatte. Inzwischen, so vermutete er, befanden sie sich an dem tiefsten Punkt der fliegenden Gefängnisinsel. Nur wenige Meter unter ihnen befand sich vermutlich der See aus der tödlichen Säure, der es Gefangenen unmöglich machte ohne organisierte Hilfe von hier zu fliehen. Die aufsteigenden Gase des Sees verätzten selbst die widerstandsfähigen Flügel eines Engels.

Wer nicht sterben wollte, fügte sich.

Der Direktor räusperte sich streng, bevor er mit seiner Erklärung fortfuhr. Er hatte Laomiel als Begleiter ausgewählt, weil er täglich sehr sorgfältig mit Dokumenten umging, die für viele andere Engel ein brauchbares Druckmittel gewesen wären. Ihn einzuweihen, war die ungefährlichste der Optionen, die Colopatrion hatte.

„Die Vergessenen sind Engel, die auf alle Ewigkeit ihr Dasein hier verbringen werden.“

„Für immer?“, fragte der Gehilfe erstaunt nach. Denn das Wort Ewigkeit war für einen Engel verschieden definierbar.

Doch der Kommandant bestätigte, was der Gehilfe vermutetet hatte: „Sehr richtig: für immer. Bis ans Ende aller möglichen Tage werden diese Engel hier eingesperrt. Dies ist ihre Strafe, weil selbst der Tod noch zu gnädig wäre.“

„Kostet es nicht Unmengen Engel für die Ewigkeit hier am Leben zu erhalten?“

Laomiel überschlug im Kopf die Summe, die ein Gefangener pro Jahrzehnt dem Himmel kostete und versuchte dies auf ‚die Ewigkeit’ hochzurechnen. Es gelang ihm schlichtweg nicht, das brachte ihn an die mathematischen Grenzen, die mit der numerischen Konstante der Unendlichkeit einhergingen.

„Durchaus“, grummelte der Direktor, der sich des finanziellen Problems durchaus bewusst war. „Einige Engel hat man ruhig gestellt und hier eingelagert, damit sie kein Unheil mehr anrichten. Denn selbst ihr Geist ist gefährlich und könnte ihnen bei der Flucht helfen.“

„Flucht?“, fragte der Gehilfe ungläubig. „Hat man ihnen denn nicht die Flügel abgehackt?“

Das war zumindest bei einigen Fällen die Standartmaßnahme. Oder man lähmte die Flügel mithilfe von Drogen, um die Abwehrkräfte der Gefangenen zu schwächen. Wer zu lange einsaß, konnte seine Flügel dann nie wieder gebrauchen. Nützlich, weil die Konsequenz war, dass verurteilte Verbrecher auf diese Art und Weise nicht vor dem Gesetz fliehen konnten. Dies war immerhin das strengste Hochsicherheitsgefängnis im Himmel. Solche Methoden wurden angewandt, wenn sie gebraucht wurden, um Sünder wieder auf den Weg der Erleuchtung zu führen. Aber Engel zu behandeln, als wären sie hochexplosive Bomben, die weggeschlossen am besten aufgehoben waren, entzog sich Laomiels Verständnis.

War dies nicht Grundlage, auf der die Hölle ihre Existenz begründete?

„Nicht zwangsläufig“, meinte der Kommandant und blieb vor einer nichtssagenden Tür stehen.

„Man hackt diesen Insassen nicht die Flügel ab, weil sie einst Hohe Engel waren. Man hat sie aus den verschiedensten Gründen hier unten eingesperrt, damit sie und ihre Taten vergessen werden. Das legt diesen Titel zu Grunde. Als Unwissender wären Sie erstaunt, wer hier eingeschlossen wurde. Namen, die man nur aus Geschichtsbüchern kennt. Einige Insassen fristen schon Äonen hier ihr Dasein und man kann sie nicht töten, weil sie sonst als Mensch oder Schattenwesen enden könnten und ihr Geist erhalten bleiben. Oder schlimmer: sie könnten zur Hölle fahren.“

Geschockt schwieg der Gehilfe. Das der Hohe Rat zu so einer Grausamkeit fähig war. Selbst Engel, die als Teufelsbrut verurteilt wurden und denen man die Flügel abgehackt hatte, wurden irgendwann Menschen. Rein theoretisch konnten sie sogar wieder Engel werden, wenn sie dieses Bestreben hatten und ihre Reinheit wiedererlangten, doch ihm war nie der Gedanke gekommen, dass es Gestalten gab, denen das nicht erlaubt werden durfte. Dabei war dies der natürliche Gang der Dinge. Dafür gab es den Tod und die Wiedergeburt.

Der Gehilfe schluckte und verkniff sich die Frage nach der Identität der Insassen.

Es war vielleicht besser das nicht zu wissen.

„Aber was wollen wir eigentlich hier“, fragte der Gehilfe dann doch, als sie nach einer Weile vor einer riesigen Flügeltür ankamen, die mit schweren Ketten verschlossen worden war. Auch konnte er magische Siegel erkennen, die meisten auf Wasser basierend.

Nun zog der alte Kommandant ein grimmiges Gesicht. Er hatte es bis zu diesem Zeitpunkt verdrängen können, doch die Frage war berechtigt. Speziell ausgebildete Wärter kümmerten sich um die Häftlinge und Besuch war normalerweise keiner Seele gestattet. Aber der Fall war nun mal eingetreten und er musste seinen Befehlen nachkommen.

„So wenig es mir gefällt“, sagte der Kommandant, „aber wir sind hier, um einen dieser Engel wieder auf freien Fuß zu setzten.“

 

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„Ich glaube das nicht. Ich glaube das nicht. Ich. Glaube. Das. Einfach. Nicht!“, fluchte Raphael. „Das ist doch keine Stehparty. Das ist Michaels Beerdigung, verdammt noch mal.“

Nach elenden langen Stunden der Trauerfeier, die daraus bestand Gebete zu sprechen, Loblieder zu singen und Predigten zu hören, hatte man den Hohen Engeln endlich gestattet, sich zurück zu ziehen und zu warten bis man bereit für den nächsten Abschnitt war.

Während in einer Vorhalle sich die Hohen Räte zusammen mit ihren Beratern und anderen wichtigen Engeln versammelt hatten, hatten die drei verbliebenen Elemente es vorgezogen, das Geschehen von weiter weg zu beobachten. Zuerst hatten sie eine einsame Ecke vorgezogen, doch weil immer mehr Engel sie belästigt hatten, hatte man es den drei Elementen gestattet, einen kleineren Saal aufzusuchen, der durch gespiegelte Glasscheiben von der Vorhalle getrennt war.

Jibril versuchte derweil Raphael zu beruhigen, der in dem Saal Gräben lief und aussah, als würde er gleich die Einrichtung mit seiner Windmagie auseinander nehmen. Im Grunde rechnete sie bei Raphaels Anspannung auch damit.

Je eher der Ausbruch kam, desto besser war es vielleicht.

„Raphael... bitte“, versuchte Jibril den Windengel zu besänftigen. „Die meisten sind genauso geschafft von dieser schrecklichen Messe wie wir.“

Der Windengel raufte sich nur die Haare und setzte zu einer weiteren Schimpftriade an. Barbiel sah ihren Herrn besorgt an, doch Uriel gab ihr zu verstehen, dass sie sich zurück halten sollte.

„Lass es“, meinte er mit tiefer ruhiger Stimme und Barbiel fragte sich, ob Michaels Tod diesen Engel auch nur irgendwie erschüttert hatte. Kein einziges Gefühl konnte sie auf seinem Gesicht ausmachen. „Raphael wird Zeit brauchen, um das zu verarbeiten und je länger sich der Nervenzusammenbruch hinauszögert, desto besser.“

„Halten sie das für klug, Uriel-sama?“, fragte Barbiel leise. „Es ist medizinisch nicht gut, Nerven zu schinden.“

„Aber Raphael ist kein einfacher Patient. Er wird noch eine Weile weiter verzweifelt versuchen die Fassung zu wahren, bis er zusammenbricht. Doch es soll richtig passieren, damit er weiß, dass es dann nicht mehr schlimmer werden kann. Aber wenn wir ihn jetzt aufbauen und er dann einen Rückschlag erleidet, wird er sich davon nie wieder erholen.“

Uriel dachte nur an die Trauermiene, die Raphael gezogen hatte, als er gestanden hatte die Schwester des Messias gegen ihren Willen festzuhalten und Michael ihn zur Vernunft gebracht hatte. Müde rieb er sich die Stirn. Er wusste die nächste Zeit würde nicht einfach werden.

Doch diese Messe war unerträglich. Schrecklich, dieser fanatische Kirchengesang.

Doch vielleicht war das nur der endgültige Beweis, dass Michael wirklich tot war. Hätte auch nur ein Funken Leben in ihm gesteckt, hätte er sich bereits nach kurzer Zeit darüber beschwert, dass sie auf seiner Beerdigung gefälligst nicht so einen Krach veranstalten sollen, weil er doch gerne seine Ruhe hätte.

 

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Unruhig und nervös kaute der Gehilfe auf seiner Unterlippe, als sich eine kleine Tür in dem riesigen Tor öffnete, dass viermal so groß wie ein Mann war. Die Ketten, die davor hingen hatten einen Durchmesser, der etwa dem Rücken eines breiten Mannes entsprach. Der Gehilfe erschauderte, als er sich fragte, was wohl dahinter sich verbergen sollte. Welches Monster würden sie hier antreffen, das derartige Sicherheitsmaßnahmen verlangte?

„Herr Direktor?“, versuchte der Gehilfe einzuwenden. „Ist es nicht gefährlich ohne Bewachung hinein zu gehen?“

Der alte Kommandant schüttelte nur den Kopf.

„Der Kerl hier drin kann dir nicht viel tun. Wahrscheinlich kann er sich nicht mal an der Nase kratzten, so kurz sind seine Ketten. Wenn sie ihn nicht sogar dauerhaft unter Drogen gesetzt haben.“

Das beruhigte den Gehilfen kein bisschen.

„Wissen sie das denn so genau?“, fragte der Gehilfe als sich jetzt die Tür öffnete und dahinter nichts als Schwärze zu sehen war.

„Woher auch “, grummelte der alte Kommandant, hütete sich aber zuzugeben, dass er selbst das letzte Mal nach der Versiegelung von Alexiel-sama hier gewesen war. Um sicherzugehen, dass der organische Engel nicht Jemanden befreit hatte, der an ihrer Seite mit Freuden gegen Gott in den Krieg gezogen wäre.

Sicherlich hatte Sariel, den Engel den er selbst einst zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, deswegen nicht die übliche Sicherheitskontrolle gemacht, als hier der Aufstand ausgebrochen war. Es war inzwischen sicher festgestellt worden, dass der Messias den Thron Zaphikel hatte befreien wollen, nachdem dieser unrechtmäßig verurteilt worden war. Doch es war vielleicht besser so, dass Sariel, trotz seines Versagens die Revolte unter seine Kontrolle zu bringen, mit keinem Wort den Trakt der Vergessenen erwähnt hatte. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätten die Aufständischen des Widerstandes hiervon erfahren.

Der Kommandant trat mit langsamen Schritten durch die verhasste Tür. In seiner Anfangszeit hatte er diesen Kontrollgang gehasst. Die üblichen Vergessenen waren ja schon schlimm genug, wahnsinnig wie sie waren. Doch das Erschreckende an diesem hier war ganz einfach, dass er bei klarem Verstand schien. Vielleicht hatte sich das endlich geändert. Wäre er wahnsinnig, könnte er ihn hier drin behalten und müsste ihn nicht auf freien Fuß setzen.

Das ist allein Michael-samas Schuld. Nur ihm könnte so etwas einfallen. Aber das Testament eines derartigen Engels ist Gesetz. Wir müssen Michael-samas letztem Befehl gehorchen, dachte der Direktor, an seinen Befehlen zweifelnd.

Gefallen tat es ihm wirklich nicht und noch missmutiger wurde der alte Kommandant, als sich die Tür ganz geöffnet hatte und das letzte Gitter entfernt worden war. Mit einem Schaudern betrat der Kommandant die Zelle, welche sogar größer war als den meisten Häftlingen gestattet wurde, doch man brauchte den Platz für magische Banne. Außerdem durften die Insassen sich einmal pro Woche eine Weile bewegen und das Risiko sie aus der Zelle zu lassen, war zu groß.

Der Kommandant fummelte nach seiner Lampe und er fühlte, wie seine Hände schwitzen, als er das kalte Metall umschloss. Seine Finger waren nass vom Schweiß und zitternd ließ er einen Lichtkegel erscheinen. Er schluckte. Es war ihm nicht bewusst gewesen, wie sehr ihm diese Erinnerungen an den Engel hier grauten. Er war froh gewesen, als er in den Ruhestand gegangen war, doch nie hätte er es sich erträumen lassen, hierher noch einmal zurückkehren zu müssen.

Ich sollte schnell sterben, um nicht sehen zu müssen, in welches Höllenloch sich der Himmel jetzt bald verwandeln wird. Niemand wird da sein, um dieses ..., der Kommandant suchte nach dem richtigen Wort, als er mit dem kleinen Lichtkegel der Taschenlampe die Zelle absuchte, ...Monster aufhalten zu können.

Dann erfasste der Lichtkegel die Gestalt, die an der Wand angekettet worden war und selbst in dieser Finsternis konnte der alte Kommandant die roten Haare ausmachen. Der Kommandant leuchtete mit seiner Lampe ins Gesicht des Angeketteten. Erleichtert stellte er fest, dass die Augenbinde noch dort war, wo sie hingehörte. Vor Urzeiten hatte er diese Maßnahme ergriffen. Er konnte nichts riskieren. Wer wusste schon, was für Macht in ihm wohnte?

Was für Dinge sein Meister ihm beigebracht hatte?

Der Kommandant sah, wie der Gefangene kurz den Kopf hob. Sicherlich hatte er sie schon vorher gehört, doch anscheinend wollte er sichergehen, denn kurz darauf verzog sich der Mund zu einem Grinsen.

„Ah …“, erklang eine raue Stimme, „Sind Sie das Colopatrion? Es ist lange, sehr lange her seit sie mich mit ihrer Anwesenheit beehrt haben.“

Die Gesichtszüge des alten Engels verhärteten sich, während sein Gehilfe neben ihn trat, um ebenfalls einen Blick auf den Gefangenen zu werfen.

„Azer“

Der Kommandant schaffte es, seine Stimme ruhig und bestimmend klingen zu lassen. Die jahrhundertlange Erfahrung mit Häftlingen half ihm dabei. Doch dieser hier war immer noch der Einzige, der es fertig brachte, dass sich ihm vor lauter Angst der Magen umdrehte. Entgegen seiner Hoffnung war Azer, der rote Engelsdämon, immer noch bei klarem Verstand. Trotz der Tatsache, dass er Äonen in der Isolation verbrachte hatte.

Es wäre auch zu schön gewesen... ich hätte ihn hier einsperren und vergessen können. Anstatt ihn heraus lassen zu müssen.

Denn er, Colopatrion, war der Engel der Gefängnistore und auch wenn er gerne für die Freiheit kämpfte, es hieß damit auch, dass er diesen Engel befreien musste. So wenig es ihm auch passte.

 

-

 

Die Arme vor der Brust verschränkt, schloss Uriel die Augen. Hoffnungslos versuchte er die störenden Geräusche von draußen auszublenden, doch es blieb das dumpfe Pochen in seinem Schädel. Es war besser, wenn das hier schnell zu Ende ging. Der Erdengel öffnete halb ein Auge, um Raphael zu beobachten, der sich endlich gesetzt hatte und von Jibril umsorgt wurde. Ihm tat es fast Leid ihm das antun zu müssen, doch ändern konnte er das jetzt auch nicht mehr. Entschieden war entschieden. Ein Zurück gab es nicht, es musste getan werden.

Uriel schloss das Auge wieder und versuchte das Zittern der Erde unter ihm zu ignorieren. Im Moment war es nur für ihn wahrnehmbar, doch die konstanten Erschütterungen konnten sich schnell zu einem Erdbeben ausweiten. Das durfte nicht passieren, solange die Konstruktion der Schalen noch so instabil war. Aber immerhin waren sie nicht mehr mit der Hölle verbunden, doch es konnte leicht wieder passieren, wenn es darum ging das Gleichgewicht der Elemente wieder herzustellen.

Den Dämonen wird es nicht egal sein. Denn auch wenn sie nicht mehr mit uns durch die Säulen verbunden sind, so wird es Assiah als erstes treffen , wenn das Gleichgewicht völlig aus den Fugen gerät. Spätestens dann werden sie reagieren.

Denn die Dämonen waren von Assiah abhängiger als die Engel und das war gut so. So würden sie wenigstens nichts Dummes unternehmen.

Allerdings..., überlegte Uriel im Stillen und ging seine Pläne durch, ist da immer noch Luzifer.

Der Gedanke an Luzifer weckte in Uriel Gefühle, die jenen gleich kamen, die er einst bei Alexiels Verurteilung mit sich herum getragen hatte.

Chapter Text

„Der alte Kommandant“, sprach der an der Wand angekettete Azer. „Ich sollte mich geehrt fühlen. Sariel hat mich nie besucht. Nicht mehr, nachdem er lernen musste, dass sein schönes Auge mich nicht kontrollieren kann.“

Ein freches Lachen hallte von den Wänden der Zelle wieder und es klang noch schrecklicher, weil es hier drin so dunkel war. Doch der Kommandant würde hier kein Licht machen. Dieser Teufelsengel musste nicht noch mehr Kraft sammeln. Wenn er selbst Sariels Auge hatte zum Teil widerstehen können. Deswegen hatte er Sariel damals zu seinem Nachfolger ernannt, weil er so die Gefangenen in Schach halten und kontrollieren konnte. Doch wenn selbst Sariel Angst vor Azer gehabt hatte, wie viel Kraft hatte der rote Engel dann hier unten vereinigen können?

„Ich bin nicht zum Vergnügen hier, Azer“, grollte Colpatrion. Nichts verriet, dass er am liebsten umgekehrt wäre, um den Trakt der Vergessenen nie wieder zu betreten. „So gern ich dich am liebsten hier lassen würde, so gibt es wichtige Dinge zu besprechen.“

Er wies Laomiel stumm an, das er Azer von der Wand losmachen sollte. Der starrte zuerst den Kommandanten und dann den Gefangenen an, gehorchte aber schließlich. Zögerlich trat er an den Engel Azer heran, stellte aber erleichtert fest, dass der wirklich ziemlich kurz angebunden war. Beide Hände waren über seinem Kopf an einer Kette befestigt worden, während beide Füße in Schienen gehalten waren, sodass der Gefangene nur knien konnte.

Laomiel schluckte und kämpfte gegen das unangenehme Gefühl an, dass ihn beschlichen hatte, seit er in dieser Zelle war. Er fühlte sich von einer übermächtigen Macht beobachtet, doch er hatte keine Wahl. Sein Direktor würde diese Arbeit sicherlich nicht selbst erledigen. Als Laomiel überzeugt war, dass der verurteilte Engel sich nicht rühren konnte, löste er zuerst die lange Kette, die man an den Handfesseln befestigt hatte.

„Ah“, entfuhr dem Gefangenen ein erleichtertes Stöhnen. „Was auch immer ihr von mir wollt, es ist mir egal, wenn ich dafür nur ein bisschen Bewegung bekomme.“

Als der Kommandant das hörte, wurde ihm inständig bewusst, dass Azer nicht schon sehr lange hier unten war, sondern sich auch mehr nach Gesellschaft sehnte, als er zu verbergen mochte.

„Freue dich nicht zu früh, Azer“, meinte Colpadrion mit matter Stimme, denn er konnte den Grund leider erahnen, warum die Freilassung bewilligt worden war und wies Laomiel an auch die Fußfesseln zu lösen. „Du wirst gebraucht.“

„Gebraucht?“, fragte Azer misstrauisch.

Das kam ihm seltsam vor. Nach hier unten drang in der Regel keine Politik vor. Dieser Trakt war komplett abgeschottet und wurde von AI Puppen unterhalten, sodass auch im Ernstfall keine Gefahr bestand, dass eine Naturkatastrophe oder ein Aufstand Auswirkungen auf eingelagerte Gefangene wie ihn hatten.

Wofür könnte ich nützlich sein?, wunderte sich Azer, als er sich langsam auf die Füße kämpfte. Ich werde schon seit Ewigkeiten in diesem Endlager festgehalten.

Vorsichtig suchte Azer nach dem Gleichgewicht und stützte sich dabei an der Wand seiner Zelle ab. Kurz schweiften dabei seine Finger die Runen, die ihm so verhasst waren. Sie, nicht die eine schwere Kette an seinen Füßen, hatten ihn hier gefangen gehalten. Die Handfesseln waren da, wo sie bereits seit seiner ersten Verhaftung saßen. Aber dies störte ihn weniger als die Augenbinde, die leider wohl an ihrem Platz bleiben würde. Schließlich hatte er bei seinem letzten Ausbruchsversuch den sechsten Sicherheitsbereich in Brand gesteckt, sodass man sich gezwungen sah ihn in der bestmöglichen Einzelhaft ruhigzustellen.

Vorsichtig setzte Azer einen Fuß vor den anderen. Sie hatten ihn unzweifelhaft aus seiner Zelle gelassen. Das war nach tausenden von Jahren das erste Mal der Fall, aber sicher konnte er sich seiner Zeitrechnung nicht sein. In der langen Dunkelheit hatte es nie ein Zeichen dafür gegeben, dass die Zeit voranschritt. Das war im Himmel generell schwierig, nur auf Assiah konnte man das Phänomen Zeit wirklich beobachten und wahrnehmen, wenn der Mond sich änderte. Doch hier im Himmel wo Tag und Nacht sich in so unregelmäßigen Abständen abwechselten, dass es einen Menschen in den Wahnsinn treiben würde, lebten Engel nicht nach unterteilten Abschnitten. Eher nach Ereignissen.

Daher konnte er unmöglich bestimmen, welches Jahr himmlischer Zeitrechnung zuletzt verkündet worden war. Bei einer Schätzung würde er sicherlich daneben liegen. Mit Mühe hatte er versucht die wenigen Male zu zählen, bei denen seine Wächter ihn für eine sehr knappe Zeit von der Decke losbanden, damit er sich waschen konnte. Durch den Unterlass von jenen Drogen, die ihn einen Dämmerzustand versetzt hätten, war er bei genug Bewusstsein genug, um die grundlegendsten Körperfunktionen aufrecht zu erhalten. Essen und Waschen hatte man ihm alleinig zugesprochen, weil niemand ihn berühren mochte. Auf Grund dessen, das er die wenigen Minuten von Bewegungsfreiheit nicht zur Flucht nutzen konnte, waren auch diese Ereignisse in der Eintönigkeit verloren gegangen.

Unverständlich war ihm der Grund seiner Freilassung. Seine Beine zitterten von der Anstrengung des Gehens, weil ihm diese Tätigkeit so lange untersagt worden war. Ebenso zogen ihn das Gewicht der Ketten an seinen Handgelenken nach unten und machten jeden Schritt zu einer mühsamen, aber doch willkommenen Qual.

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Raphael rieb sich heimlich die Hände, weil er sich nicht anmerken lassen wollte, wie sehr er fror. Vor dem Hintereingang der Kathedrale hatte die Trauergesellschaft sich versammelt, als die Himmlische Garde angekündigt hatte, dass der nächste Abschnitt begann: Michaels Körper würde an einen geheimen Ort gebracht, damit er verbrannt werden konnte.

Teilnahmslos standen sie abgeschieden von den wenigen Engel, die noch verblieben waren. Neben Uriel, Jibril und ihm selbst hatten sich lediglich die Mitglieder des Hohen Rats auf dem Platz versammelt. Inzwischen hatte sich die Kathedrale geleert und allein die gewöhnlich Wachen umringten sie. Die wachsamen Blicke waren an und für sich Teil des Alltags, eine Nebensächlichkeit mit der man sich arrangieren musste, trotzdem behelligten ihn die Wachen heute. Ständig kreuzten sich Blicke und es erschwerte Raphael sehr sich auf private Gedanken zu konzentrieren. Der Wunsch alle Umstehenden mit einem Tornado davon wehen zu lassen war unsinnig, aber blieb fest in Raphaels Gedanken bestehen. Übelkeit bereitete es ihm dennoch, weil eine kurze Demonstration vom Macht – und Wahnsinn – zu nichts führen würde. Wachmänner, die sich tot auf einem Haufen stapelten würden nur mit ihrem Blut die Erde beflecken und sofort wieder ersetzt werden. Still würde man sie wegräumen wie Abfall und ihm würde man nicht einmal einen zweiten Gedanken schenken, sondern es lediglich als eine Laune der Natur hinnehmen.

Unwillkürlich blickte Raphael sich um. Allein Uriel und Jibril würden auf ein Blutbad reagieren und ihm mahnend anblicken. Beneidenswert wie sie das Warten an diesem grauen, kalten Abend mit Ruhe und Anmut ertrugen. Inmitten der in weiß gekleideten Ratsmitglieder stach Uriel in seinem schwarzen Mantel heraus, weil das grau des Himmels über ihnen und die in Weiß gekleideten Leute an ihm abperlten wie durchsichtige Regentropfen an einer schroffen, vom Wetter gegerbten Mauer.

Indessen regierte die Herrscherin des Wassers den Umkreis wie eine Feldherrin und marschierte als Erste über die asphaltierte Landebahn zu der Maschine, die endlich bereit zum Abheben war. Vertieft in ein Gespräch mit Barbiel, bemerkte sie nicht wie viel Kraft sie in diesem Moment ausstrahlte. Selbst in den Gesichtern der geschlechtslosen, ewig monotonen Ratsmitglieder spiegelte sich Achtung wieder. Verwunderung spürte Raphael über diese Entwicklung keineswegs.

Selbst nicht, als alle Engelsfürsten ihrem Beispiel folgten und mit aller Demut die sie besaßen, salutierten. Wie der aufgehende Mond, der durch den Nebel am Horizont rötlich gefärbt wurde, war Jibril die Macht von Abstoßen und Anziehen zu eigen. Selten war dies etwas, dass sie bewusst einsetzte, es geschah aus ihrem natürlichen Verhalten heraus, dass ihr die Engel folgten und gehorchten wie Ebbe und Flut dem Meer. Raphael bemühte sich keine Emotionen an die Verbindung zu lassen, die sich so frei vor ihm offenbarte. Ihre strenge Haltung und ihr mahnender Blick an jeden, der es wagte nicht stramm zu stehen, als Wachen den geschlossenen Sarg in die Maschine trugen, erinnerte Raphael daran wie furchterregend Jibril sein konnte. Gegenüber der Art wie sie die Engel um sich herum in ihren Bann zog und über ihre Gemüter herrschte, wirkte seine eigene Haltung nachlässig und gebeugt. Fast unsichtbar für die Umstehenden musste er sein, denn niemand schenkte ihm Beobachtung als Michaels Sarg ihm so nahe kam, dass allein das Ausstrecken seiner Hand genügte, um ein letztes Mal sacht darüber zu fahren.

Flüsternde Laute trugen die Töne der Kapelle herüber, die leise eine Komposition spielte.

Während Raphael den Soldaten nachsah, die eindeutig aus Michaels Legion waren, weil ihre zerfetzte Kampfkleidung und die sichtbaren Tattoos auf ihrer Haut ihre Zugehörigkeit beschworen, streifte ein merkwürdiger Einfall Raphaels Geist. Wund und taub wie seine Seele war, erlaubte er sich die Frage, ob es angebracht gewesen wäre, Luzifer bei der Trauerzeremonie zu berücksichtigen. Absurd war die Vorstellung allein, der Teufel und Kriegsgegner des Himmels zu der Beerdigung einzuladen, aber für Raphael riss Michaels Abwesenheit ein so tiefes Loch in seine Seele, dass nur Luzifers Gegenwart ihn davon hätte ablenken können.

Natürlich war er nicht in der Verfassung über Michaels Tod nachzudenken und gleichzeitig zu überlegen, was dies für seinen Zwilling bedeuten mochte, aber gerade in diesem Moment als der Sarg die Laderampe hinausgetragen wurde, erlaubte sich Raphael einen Funken Mitleid. In den vergangenen Äonen hatte er Luzifer so fern von sich wie möglich gehalten, weil es Michael nur Schmerz bereitet hatte, ohne seinem Bruder die Freiheit zu gewähren sich davon loszusagen. Über ihre Begegnungen während der Rebellion gegen den Schöpfer wusste Raphael nur wenig. Dass er die Existenz von Nanatsusaya verschwiegen hatte, war für Michael ein Anlass gewesen, ihm noch weniger über sich zu erzählen als früher.

Der einzige Zeuge, den er nach seinem Erwachen aus dem Koma hatte fragen können, war Uriel gewesen. Bereitwillig hatte der Engel der Erde über die Geschehnisse berichtet und wie der Schöpfer sein Ende gefunden hatte, aber dem Thema ‚Michael und Luzifer’ war er ausgewichen. Raphael verstand, dass Uriel dies aus Rücksicht auf Michael tat und hatte dessen Treue weder in Frage noch auf die Probe stellen wollen. Schließlich hatte er selbst angenommen noch reichlich Zeit zu haben, um Michael irgendwann mehr Informationen entlocken zu können.

Niemals hätte er sich denken können, dass Michael das Schicksal eines Soldaten ereilte. Auf dem Schlachtfeld zu sterben, darauf war Michael vorbereitet gewesen, aber Raphael hatte dies nie als mögliche Option in Betracht gezogen. Zweifelhaft, dass dies je einer getan hatte. Michael war die herrschende Macht im Grenzland gewesen, mit Gewalt hatte er Himmel und Hölle voneinander fern gehalten, die sich trotz aller Propaganda nicht voneinander lossagen konnten. Erbarmungslos wie das Land, das er regierte, war Michael gewesen. Kampf und Offensive waren seine Gesetze und Gewalt die Sprache, die er benutzte.

Neben der bodenlosen Sklaverei der Hölle und der teilnahmslosen Politik des Himmels, der einzige lebendige Lebensraum, wie brutal die Umwelt auch zerfleischte, was sich bewegte. Die Grenze war schon immer ein Bild des Chaos gewesen, das man rücksichtslos bekämpfen musste, um ihm Herr zu werden. Für Raphael brach dieses lebende Herz in sich zusammen und in seiner Vorstellung begannen schattige Winde auf der Hölle emporzusteigen, um ungehindert in den Himmel zu wehen.

Finster wie die Hölle auch war, für einen Moment dachte Raphael durch die Nebel, die Flammen und die Dunkelheit zu sehen und Luzifer zu erblicken. Gleich, ob es seine Einbildung oder eine Vision war, das Bild der schwarzen Augen verfolgte ihn, als er in die Maschine stieg und sich auf seinen Platz kurz vor dem Cockpit setzte.

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Müde und erschlagen sank Jibril in ihrem Sessel zusammen. Das weiche Leder sollte ihren Status unterstreichen und ihr symbolisch Privilegien einräumen, die selbst die hochrangigen Ratsmitglieder nicht besaßen. Selbst Etheliel, der Älteste unter ihnen und der Vorsitzende des Rates, hatte auf der ungemütlichen Bank des Flugzeugs Platz nehmen und sich mit zwei weiteren Engeln teilen müssen, weil der Innenraum nicht für Hochrangige Privilegierte gebaut worden war, sondern für Soldaten. In unterschwelligen Machtkämpfen, welche die Tage zuvor die Vorbereitungen auf die Totenfeier begleiteten, hatte die Legion darauf bestanden, dass ihr Anführer nur in Fliegern des Militärs transportiert werden durfte. Im Grunde war es ihr selbst gleich, in welcher Maschine sie flog, doch auch ohne politisches Gezänk und einen Richtspruch erkannte sie, dass die Legion das größte Anrecht auf Michael hatte.

Die Motoren brummten unter ihren Füßen auf und ein Ruck ging durch sie, als das Fahrwerk sich in Bewegung setzte. Tief einatmend, schnallte sich Jibril an, presste ihr Kinn auf die Brust und verschränkte die Arme. Im nächsten Moment beschleunigte die Maschine von 0 auf Lichtgeschwindigkeit in wenigen Sekunden. Ein Würgen ging durch die hinteren Reihen, denn niemand hatte die Ratsmitglieder gewarnt.

Neben ihr atmete Raphael kontrolliert durch die Nase aus und schien sich im Rausch der Geschwindigkeit zu verlieren. Seine Haut war blass und grau, die Augen eingefallen und die blonden Haare wirkten dünn in dem geflochtenen Zopf. Besonders dieses Detail irritierte sie zutiefst. Es war selten, dass Raphael seine Haare in Weg waren, selbst bei Operationen bewahrte er sich eine gewisse Natürlichkeit, indem er die Frisur so einfach und locker wie möglich hielt. Jetzt spiegelte sich die freie Stirn in dem Glas der Fenster, während Jibril die fast kunstvoll in Form gebrachten Haarstränge mustern konnte. Ungewöhnlich war die Länge des Zopfes, er reichte weitaus weiter den Rücken hinunter als Jibril es gewöhnt war. Anscheinend war Raphael nach seinem längerfristigen Schlaf noch nicht danach gewesen, sich das Haar herunter zu schneiden.

Auf diese Art und Weise wirkte Raphael viel mehr wie der Engelsfürst, den die Regierung gerne als Idealbild eines Engels verkaufte. Der schwarze schwere Mantel aus Leder, das für Raphael zu tragen sehr ungewöhnlich war, unterstrich mit dem silbernen Muster am Zaum die Darstellung noch.

Ruckartig erhob sich Jibril und schritt trotz der Turbulenzen sicheren Schrittes durch die Kabine. Augenblicklich wanderten die Blicke der Ratsmitglieder zu ihr, als sie auf den hinteren Teil der Maschine zuhielt und die Wache mit einer Handbewegung anwies beiseite zu treten.

„Lady Jibril“, äußerte sich Camael, während er militärisch korrekt vor ihr salutierte.

Er stand wie eine Wand vor der Tür, hinter der man Michael aufgebahrt hatte.

„Feldherr Camael“, grüßte sie zurück und salutierte ebenfalls. Es stimmte sie ein wenig besser, dass Camael anerkannte, dass sie einen militärischen Rang ausübte. „Ich möchte mich verabschieden.“

Camael nickte gewichtig und trat beiseite. Jibril schob den Umhang zurück, der ihr über die Schultern fiel und stemmte die Eisentür auf. In dem Lagerraum, in dem üblicherweise Waffen und Munition in riesigen Kisten transportiert wurden, war komplett leer bis auf ein einziger Soldat, der Wache stand. In der Mitte des Raumes hatte man mit Seilen den Sarg befestigt, damit er während des Fluges nicht beschädigt wurde.

Zugeschnürt wie ein Paket hatte man Michael eingewickelt und gefesselt. Fast war Jibril froh, dass man den Sarg inzwischen mit dem Deckel verschlossen hatte, auf dessen Außenseite man die Insignie eingebrannt hatte.

„Raus hier“, verlangte sie von der Wache.

Die Trauerfeier gab ihnen nicht genug Privatsphäre, um zu trauern. Sie wurden eher für eine Kampagne der Himmelspolitik benutzt, aber Jibril hatte es in den letzten Wochen nicht über das Herz gebracht in den Zeitungen zu lesen, was man schon wieder über sie verfasst hatte. Es war erniedrigend wie ihre Trauer benutzt wurde, um den Rat des Himmels besser dastehen zu lassen.

„Lady Jibril, ich bin nicht befugt sie alleine hier zu lassen. Der Leichnam muss bis zu seiner Verbrennung konstant überwacht werden“, protestierte die Wache.

„Raus“, donnerte Jibril, während sie vor dem Sarg auf die Knie sank. „Oder ich werfe dich aus dem Notfallausgang und du endest als blutiger Fleck, wenn du auf dem Boden aufschlägst. Meine Geduld ist nach diesem Tag nun wirklich am Ende. Bewege dich und lass mich mit Michael allein.“

Der Soldat starrte für einen Moment in die blauen Augen, die ihn von unten herab aufgebracht anstarrten und zusehends immer weißer wurde bis blankes Eis in ihnen zu stehen schien.

„Verschwinde“, befehligte ihm der Engel des Wassers wie ein zorniger Gott.

Hastig drehte der Soldat sich um und gehorchte. Nachdem Camael Jibirl-sama hatte passieren lassen, musste er ihrem Befehl gehorchen. Schnell drückte er sich durch die Tür und lies Jibril allein.

Falls er das Schluchzen gehört und beim Schließen der Tür Tränen gesehen hatte, ließ er es sich nicht anmerken.

Chapter Text

Mit einem unsanften Ruck kam das Luftfahrzeug zum Stehen, wenige Sekunden nachdem es auf der Landebahn aufgesetzt hatte. Raphael wurde nach vorne geworfen, sodass der Sicherheitsgurt ihm die Luft aus den Lungen presste, als er ihn davon abhielt aus dem Sitz zu fliegen. Die Maschine stoppte und das Brummen der Triebwerke erlosch schlagartig. Mit einem tiefen Atemzug lehnte sich Raphael in den Sitz zurück und schloss die Augen, um sein hämmerndes Herz zu beruhigen. Bei einer anderen Gelegenheit würde er dem Piloten sagen, dass dies kein Flugzeugträger war, bei dem die Startbahn knapp bemessen und derartige Landemanöver nötig waren.

Allerdings wurde er beim Aussteigen davon von der Umgebung abgelenkt, sodass der Pilot schlagartig aus seinen Gedanken verschwand. Sie waren in der sechsten Schale des Himmels angekommen und waren auf dem Gelände des alten Himmelspalastes gelandet.

Das riesige Gebäude erhob sich unverändert in die Höhe, am Ende der unendlichen Stufen der langen Treppe, die zu erklimmen war bis man zur offenen Säulenhalle gelangte. Raphael blieb am Fuße der Gangway stehen, während die Turbinen der Tragfläche ihm warme Restluft ins Gesicht blies. Schwermütig betrachtete er das Bauwerk, dass sich seit frühester Zeit in sein Gedächtnis gebrannt hatte. Einst hatte der Hohe Rat der Seraphin hier seinen Hauptsitz gehabt und nicht in der müden Kopie, die in der Hauptstadt in der unteren Schale errichtet worden war. Von hier aus hatte einst der Rat Schicksale entschieden und die Armee geleitet, sodass Scharen von geschäftigen Engeln lange Zeit diesen Ort belebt hatte. Inzwischen waren die Treppen und der Palast der Herrlichkeit leer und ausgestorben.

Im Ersten Großen Krieg war der Palast bei einem Angriff beschädigt und in späteren Zeiten aufgegeben worden. Mit der beständigen Entwicklung der Technologie war man zu dem Entschluss gekommen, dass es praktischer war einen neuen Regierungssitz zu bauen, als den alten Himmelspalast umzurüsten und spätestens seit Sevothtarte die Macht an sich gerissen hatte, war dieser Ort vergessen worden. Der weiße Diktator hatte neue Errungenschaften gerne als Fortschritt angepriesen und der Himmelspalast war in seinen Augen ein antikes nutzloses Relikt gewesen, das ihm in der Politik keinen Vorteil brachte.

Für Raphael hatte der Himmelspalast eine weitaus tiefere Bedeutung. Vor ihm stand ein Stück Geschichte, das älter war als er selbst und nicht von Maschinen errichtet worden war. Technologie war ihm neben dem wenigen hervorgebrachten Luxus zuwider.

Er war nicht Michael, der für seine Armee jeden Vorteil brauchte, den er kriegen konnte, denn anders als die Hölle produzierte der Himmel weniger Soldaten. Dämonen konnten sich rasend schnell vermehren, sodass die Himmelsarmee fast immer in der Unterzahl war. Jedoch hatte Michael und sein Stab oft bewiesen, dass mit der richtigen Strategie die Anzahl an Gegnern bedeutungslos war.

Die Armee. Raphael fragte sich, was jetzt wohl mit diesem Haufen passieren würde. Die Generäle waren die Kommandanten der Departements, wie der Luftwaffe oder der Bodentruppen.

Nur vor wem müssen sich jetzt die Generäle verantworten, überlegte Raphael, während die wenigen Passagiere aus der Maschine stiegen, um sich am Heck zu versammeln und darauf warteten, dass die Laderampe herunter gelassen werden würde. Vor Luzifel hatte die Armee dem Rat der Seraphin unterstanden, doch nach der Rebellion hat niemand einem anderen Politiker soviel Befehlsgewalt in die Hände legen wollen. Aus demselben Grund war die erlaubte Anzahl der Privatarmeen der Hohen Engel sehr beschränkt, damit sich nicht genügend Streitkräfte für einen möglichen Aufstand unter einer Person versammeln konnten.

Raphael erkannte griesgrämig: Immerhin das haben sie aus Luzifers Handeln gelernt, aber das löst das Problem des Machtvakuums noch nicht. Denn Michael hat sich nicht für den Posten beworben, die Armee hat sich unter ihm versammelt, als er gegen seinen Bruder in die Schlacht gezogen ist.

Michaels offenes Desinteresse an der Himmelspolitik hatte es dem Rat sehr einfach gemacht, Michael die Leitung der Armee zu übertragen. Jetzt würde diese Position wohl unbewacht bleiben. Mit Bedauern und einem heftigen Stich im Herzen erkannte Raphael, dass dies hieß, dass es nie wieder einen Fürsten des Himmels geben würde.

“Nie wieder jemanden, den wir verehren können”, murmelte Raphael und reihte sich in die Gruppe ein, als ein klackendes Geräusch ertönte und sich die Laderampe öffnete.

Neben ihm standen Jibril, Uriel und dahinter die Ratsmitglieder, während die Piloten, Wachmänner und ihre Berater in der zweiten Reihe Platz gefunden hatten. Ihnen gegenüber lagerten im Hintergrund große Schiffe des Militärs, die aber von der großen Anzahl an Soldaten verdeckt wurden. Diese Soldaten unterschieden sich offensichtlich sehr von jenen, die man in der Kathedrale vorgefunden hatte. Allein, dass sie nicht stramm dastanden und salutieren, war auffällig. Das augenscheinlichere Merkmal jedoch, die abgewetzte Kampfkleidung und die auffallenden Tattoos, die jeder dieser Krieger am Körper trug und trotz der Kälte hier oben zur Schau stellten.

“Es ist eine Frechheit”, wisperte Jibril so leise und unbemerkt, dass es fast an Gedankenübertragung grenzte. “Können die diese Vagabunden nicht Haltung annehmen?“

„Das tun sie“, flüsterte Raphael ähnlich lautlos zurück, sodass seine Worte eher eine Brise auf Jibrils Haut waren, als Töne in ihrem Ohr. „Auf ihre Art und Weise. Ihre Tattoos sind ein bindendes Merkmal der Zugehörigkeit. Ähnlich wie es Clans unter den Menschen tun.“

Obwohl Jibril nicht antwortete, weil die Laderampe nun auf dem Boden aufsetzte und die Schritte der Sargträger zu vernehmen waren, konnte er das ‚trotzdem’ vernehmen. Die dünne Linie ihrer Lippe sprach deutlich genug. Die Miene des Engels, der ihr gegenüber stand allerdings auch. Neben der zerrissenen Kleidung, den Löchern an den Knien und dem wilden schwarzen Haar zogen sich zwei sichtbare Tattoos über sein Gesicht. Der grimmige, fast bösartige Gesichtsausdruck wurde nicht nur von den dunklen Augen unterstrichen, sondern besonders dadurch, dass die Zeichnung des Tattoos jeweils links und rechts an der Stirn begann und sich an den Augen vorbei bis hinunter zu den Mundwinkeln zog.

Wäre der Zeitpunkt nicht denkbar ungünstig gewesen, hätte Raphael Jibril mit Gewalt davon abgehalten Meachuel mit Blicken heraus zu fordern. Die korrekt gekleidete Herrin des Wassers störte sich offensichtlich an dem Auftreten des anderen Engels, der abfällig in die Runde sah und sich wohl gänzlich provokativ auf sein Schwert stützte.

Zumindest nahm Raphael an, dass Jibril dies so sah und die Verletzung anhand seiner Haltung nicht abgelesen hatte.

Überhaupt störten sich die meisten Anwesenden an dem Militär. Er selbst war wohl der Einzige, der glaubte, dass der innere Kreis um Michael ein Recht hatte hier dabei zu sein, ganz gleich wie die Soldaten auftraten oder welchen Standes sie waren.

Traurig, dass ich der Einzige zu sein schein, der Sympathie für diesem armen Haufen zeigt.

Denn wer sonst, hatte noch mehr als den aller nötigsten Kontakt zur Armee? Allein Raphael kannte wohl durch seine Freundschaft zu Michael als einziger Außenstehender die Krieger gut genug, um zu wissen, dass sie nicht die vom Kampf berauschten Monster waren, die sie gerne vorgaben zu sein.

Wie kann man sie als Monster bezeichnen, wenn sie Schuld fühlen, fragte sich Raphael, als Michaels geschlossener Sarg nun an ihnen vorbei getragen wurde. Schuld darüber, dass eine einfache Schlacht an der Grenze Michaels Ende bedeutet hat?

Aber war das nicht auch richtig? Als Raphael schließlich sich hinter den Trägern des Sargs und Uriel einreihte, um neben Jibril herzuschreiten, fühlte er einen ähnlichen Ärger in sich aufsteigen. Hinter ihm schritten Meachuel und Varcan, zwei bekannte Generäle aus Michaels Armeestab, doch hatten sie das Recht bei dieser Prozession dabei zu sein, wenn es ihre Aufgabe gewesen war, Michael zu beschützen?

Hass qualmte in Raphael auf, doch der richtete sich nicht mehr auf seinen Ärger und die Schuldzuweisen, sondern nun auf den Hügel, wo der Himmel einst vor sehr langer Zeit Luzifel zum Heerführer gemacht hatte. Es war ein fauler Witz und Raphael fragte sich, wer das entschieden hatte. Ironisch, dass der Fürst des Lichts dort verbrennen sollte, wo der größte Verräter des Himmels einst seinen glorreichen Aufstieg gefeiert hatte. Raphael erinnerte sich gut, denn er war dabei gewesen. Als Element hatte er daran teilnehmen müssen, wenn er auch noch sehr unerfahren gewesen war.

Seine Erinnerung trügte ihn vielleicht, doch sein eigenes Aussehen musste dem eines Teenagers geglichen haben, während Michael noch ein Kind war.Dämonenkind hatte man ihn damals genannt, wirkte Michael doch mit seinen roten Haaren und den für einen Engel unnatürlichen goldenen Augen wie ein fremdes Wesen. Wie ein Abkömmling der Urdämonen aus der unbewohnbaren Hölle, deren Macht nicht einmal Luzifer je in Frage gestellt, sondern unter Shoel eingeschlossen hatte, um sich zum Herrscher der Unterwelt und der Finsternis zu machen.

Auf der Erhebung des Versammlungsplatzes vor dem Himmelspalastes kam die Prozession schließlich zum Halt, sodass die Trauergesellschaft sich schließlich in vollkommener Stille darum aufbaute. Eine merkwürdige Stimmung hatte sich in den letzten Minuten über die Anwesenden gelegt, denn als Michaels Sarg auf ein großes Steinpodest gehievt wurde, der nach Raphaels Meinung viel zu sehr nach einem heidnischen Opferalter aussah, schlich bei vielen wohl gerade erst jetzt die Erkenntnis ein, dass diese Zeremonie absolut real war.

Darüber nachzudenken, was Michaels Tod letztendlich für sie alle bedeuten würde, wollte allerdings niemand.

Während die Träger den Deckel und die Wände des Sarges entfernten, blickte Raphael zu Jibril. Ihr Rücken war so gerade, dass es aussah, als hätte sie einen langen Eiszapfen verschluckt. Starr stand sie da und hatte wütend die Fäuste geballt. In ihre eiskalten Augen wollte er jetzt nicht sehen müssen, daher war er froh, dass sie sich nicht zu ihm umdrehte und seinen Blick ignorierte.

Anders hingegen wirkte Uriel, fand Raphael mit einer Kopfdrehung auf die andere Seite. Der Engel der Erde und der Richter des Himmels umklammerte seine Sense und hatte das untere Ende tief in den Erdboden gestoßen. Die dunkle Kleidung und der schwere Mantel verdeckte es, aber Raphael sah Uriel zittern. Unter keinen Umständen wollte Raphael wissen, warum das so war. Ihm blieb die Hoffnung, dass dies die Trauer um Michaels Verlust war und nicht Wissen um den Zustand von Michaels Seele, das mit der Herrschaft über den Tod kam.

Schwer ertragbar wurde Uriels Anblick, als Raphael vernahm wie er die Melodie eines Liedes anstimmte. Der tiefe Klang seiner Stimme trug sich über die schweigende Versammlung und der Tod legte seine kalte Hand um ihre Herzen.

Unbestreitbarer Fakt war, dass niemand Michaels Tod gut aufnahm. Selbst die Gesichter der sonst unerschrockenen Kämpfer auf der anderen Seite des Altars zeigten nun tiefe Emotionen, als jetzt die Sargwände weggetragen wurden. Das Leid und der Verlust, dass in den Augen der Soldaten schimmerte, grub sich tief in Raphaels Gedanken, besonders weil er gut in Erinnerung hatte, wie diese Engel selbst bei dem Anblick von Satanen auf der anderen Seite des Schlachtfeldes noch unanständige Witze rissen.

Gequält schloss Raphael die Augen, weil er bezweifelte, dass er den Anblick von Michaels Leiche noch einmal ertragen würde. Dabei hatte die letzte Zeremonie noch nicht einmal begonnen.

Aufgebahrt auf dem großen Steinpodest lag Michael da und hinter ihm und seiner Armee ging die riesige, rote Sonne unter. Der Anblick zerriss Raphael innerlich. Man hatte Michaels Hände über seine Brust gekreuzt und zum ersten Mal, seit er Michael in diesem schrecklichen Sarg gesehen hatte, der ihm die scheußliche Wahrheit näher brachte, fand Raphael, dass Michael harmlos aussah. So wie er es in seinem Leben niemals gewesen war.

Raphael fühlte jetzt die Feuchtigkeit in seinen Augen. Wie lange würde er die Tränen zurückhalten können? Wann hatte er das letzte Mal geweint? Es war zahlreiche Jahrhunderte her, als er ein Engelskind nicht hatte retten können, dass ihm sehr nahe gestanden hatte. Damals hatte er sich in seinem Gemach verkrochenen und bittere Tränen geweint, dessen Tod er sein ganzes Leben lang bereut hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte er sich versteckt, bis Michael irgendwann in sein Zimmer gestürmt und die Vorhänge ausgerissen hatte, um die Sonne rein zu lassen.

Jene Sonne, die nun hinter Michael am Horizont verschwand und den Himmel in ein tiefes Rot tauchte. Meachuels Gestalt verschwand nahezu darin. Auch die anderen Krieger waren in dem Licht kaum zu sehen. Auf diesem Dach der Welt würden sie Michael verbrennen und Raphael konnte nichts tun, um es zu verhindern. Sein elendig langes Leben hatte er Michael gekannt.

Was sollte er jetzt ohne ihn tun?

Am liebsten hätte Raphael diese Frage in den Abend hinaus geschrien, aber seine Stimme versagte und seine eigenen Worte brachten ihn zum Husten. Seine Lippen waren nun eine dünne versiegelte Linie, mit Gewalt zusammen gepresst um zu verhindern, dass aus seinem Mund ein Jammern ertönen würde.

„Wir werden jetzt beginnen“, sprach der eine Sargträger an die drei noch lebenden Elemente gewandt, „Oder möchten die Herrschaften ein letztes Gebet sprechen?“

Raphael schüttelte den Kopf und vernahm wie auch seine Freunde ablehnten. Keiner wusste, was sie hätten sagen sollen oder wie sie es ohne die Fassung zu verlieren, ihr Herz über die Lippen bringen sollen. Außerdem wollte jeder seine Gedanken für sich behalten.

„Dann beginnen wir jetzt“, sprach der Sargträger und entzündete eine Fackel.

Hinter ihm hörte Raphael wie Barbiel und die Ratsmitglieder ihre Positionen einnahmen und sich nieder knieten. Sie durften im Antlitz des brennenden Michaels nicht stehen bleiben. Würde jemand es wagen diese letzte Zeremonie zu stören oder Michaels Andenken zu entweihen, dann würde er sie persönlich mit seiner Windmagie zu Staub zerfallen lassen und sie Atom für Atom auseinander nehmen.

Nebenbei wurde Raphael gewahr wie sehr über ihm der Himmel rumorte. Vom Horizont hinter ihm bahnten sich dunkle Wolken an und Feuchtigkeit lag in der Luft. Offenbar hatte sich Jibril genauso wenig unter Kontrolle wie er selbst. Raphael massierte sich seine Schläfen, doch unterbrach es als sich die Sargträger Michael mit entzündeten Fackeln näherten. Aus jeder Himmelrichtung näherte sich jetzt ein Engel, vor sich eine große brennende Fackel in der Hand haltend. Keine einzige dieser Fackeln war mit Magie oder anderen Hilfsmitteln entfacht worden, sondern alle auf die gleiche altmodische Weise, in dem man trockenes Holz aneinander rieb.

Das Feuer musste so echt wie möglich sein, so nah wie möglich an dem von Michael heran kommen.

Sonst würde sich Michaels Geist nicht richtig lösen können oder seine Essenz des Elementes nicht aus seinem Körper entweichen können. Selbst Raphael wusste, dass es mehr als nur eine vage Theorie war, denn als Luzifer in seine alte Form zurück gekehrt war, hatte auch das Gefäß namens Sakuya Kira erst vollkommen zerbrechen und alles menschliche sterben müssen, um Luzifer die Freiheit zurück zu geben. In diesem Fall war es ähnlich, nur das Michaels Seele an einem anderen Ort war und nie wieder zurück kommen würde.

Jeder andere Engel würde vielleicht wiedergeboren werden, doch Michael war wie er selbst ein Element. Elemente starben nicht, trotz ihres Status als Engel. Sie waren nur die Manifestation dessen was auf Assiah im Übermaß vorhanden war. Der Schöpfer hatten ihnen nur vor Äonen Intelligenz und einen Gedanken geben, um sie zu Engeln zu machen.

Sie hatten alle gewusst, dass es im Falle ihres Todes keine Rückkehr gebe.

Menschen wurden wiedergeboren, um das Leben und Sterben aus Assiah in Balance zu halten. Engel kehrten hin und wieder zurück vom Tod, sofern ihre Seele an etwas gebunden war und sie sich einen neuen Körper aneignen, dessen DNA mit dem alten identisch war. Doch Elemente bleiben das was sie schon immer gewesen waren, egal welche Form sie nun hatten.

Die Elemente jedoch flossen von einem Aggregatzustand in den Nächsten und es gab kein Zurück. Es gab keinen Kreis, sondern nur den ewigen Weg nach vorne. Der verdammte Lauf der Zeit, an den die Elemente gebunden waren, als Ausgleich für ihre schreckliche Macht und der Kontrolle über die großen vier Urstoffe.

Das etwas von Michaels Geist überlebt hatte, wusste Raphael. Den Soldaten standen seine Ideale und Überzeugungen ins Gesicht geschrieben. Wortwörtlich in Meachuels Fall, ebenso wie bei den anderen Kriegern, die sich nach Michaels Vorbild ein Zeichen in die Haut gebrannt hatten.

Aber seine Persönlichkeit? Das, was ihn ausmachte?

Nein, das war unmöglich.

Dafür war der Zog des Todes und die Verlockung in seine wahre Form zurück zu kehren zu stark.

Ab der Unüberwindlichkeit des Todes konnten sie als Element in ihrer Natur nichts ausrichten. Das war der Preis dafür, dass sie theoretisch weiter und immer weiter existieren konnten. Weil Wind nicht sterben, sondern nur abflauen konnte. Warum Wasser lediglich versiegte und Erde bloß zerbrach, aber nicht verschwand. Feuer allerdings erlosch und Dunkelheit nahm seinen Platz ein.

 

„Engel des Himmels“, verkündete ein Fackelträger. „Macht euch bereit für das letzte Ereignis im Leben des großen Michael-samas.“

Etwas in Raphael schien seinen Magen mit scharfen Krallen zu packen und diese darin zu vergraben. Es war so heftig, dass er dachte, dass ihm wieder die Tränen kommen würden. Aber er konnte nichts dagegen tun. Gar nichts. Genauso wenig wie gegen die Schritte, die die Engel jetzt in Richtung Michael machten.

Alles in Raphael schrie, dass sie es nicht tun sollten.

Sie dürfen Michael nicht verletzten, rief Raphael entsetzt in seinen Gedanken und wollte nach vorne stürmen, die Krieger aufhalten.

Bevor er noch einen Schritt tun konnte, fühlte er wie ein starker, breiter Arm sich von hinten um seine Brust schlang und ihn aufhielt. Raphael stemmte sich dagegen, doch er kam nicht gegen die Kraft an, die ihn gefangen hielt. Stattdessen versuchte er sich loszureißen, aber es brachte auch nichts. Er wurde gegen Uriels Brust gepresst und der Erdengel musste nicht einmal seinen zweiten Arm dazunehmen. Das Gewicht auf Raphaels Brust war erdrückend.

„Raphael“, mahnte Uriel ihn. „Raphael, lass es sein.“

„Nein“, schrie Raphael heiser. „Sie dürfen Michael nichts tun. Sie dürfen ihn nicht verbrennen. Sie tun ihm weh!“

Trotzdem wurde Michaels Körper entzündet. Die Fackeln wurden gleichzeitig ausgestreckt.

Sie hielten ihre Fackeln gleichzeitig an den Körper und die Kleidung fing als erstes Feuer. Hell loderte sie auf, weil man Öl als Brandbeschleuniger benutzt hatte. Leder brannte so schwer, aber nun brachen die Flammen gen Himmel und erfassten nicht nur den Altar und Michaels Körper, sondern auch die vier Sargträger. Die Flammen lechzten nun nach Michaels Körper wie eine hungrige Horde, die rasend alles in einem riesigen Feuerball verschlang.

Auch die vier Sargträger, die gequält schrien und starben, weil sich keiner rührte, um ihnen zu helfen. Jeder starrte gebannt auf Michael und dachte sich, dass ein Tribut von vier Leben vielleicht angebracht war.

Denn Feuer war arglos. Es fraß alles, was es kriegen konnte. Es war immer hungrig und nie war es genug

„Nein“, rief Raphael verzweifelt und streckte die Arme nach Michael aus, um ihn aus dem Feuer zu ziehen. „Nein, Michael.“

Für ein kurzem Moment gewann Raphael an Boden, als er seine Beweglichkeit und kleinere Statur nutzte, um dem Griff zu entkommen. Aber genauso schnell ergriff Uriel ihn wieder und weigerte sich nun ihn loszulassen. Halb wurde sein Gesicht in Uriels Kleidung gedrückt, als der ihn zwang sich umzudrehen, damit er Michaels Einäscherung nicht mit ansehen konnte. An jedem anderen Tag hätte er diese Liebkosung nicht geduldet, sondern als erniedrigende Unterwerfung empfunden. In diesem Moment fühlte Raphael nur sanfte Berührungen und Spannung wich aus seinem Körper

Trotz dessen, dass Raphael seinen Widerstand aufgegeben hatte, blieben Uriels Arme wo sie waren. Finger strichen über seinen Nacken und tauchten unter seine Uniform, während sein Zopf wie eine Leine festgehalten wurde. Dies war nun weniger aus Vorsicht geschehen, sondern als Unterstützung.

Raphaels eigene Hände tauchen unter Uriels Mantel und suchten nach seinen Rippen, weil er nach dem Herzschlag fühlen musste. Nur die Versicherung, dass Uriel noch lebendig war, ließ Raphael den Fakt ertragen, dass Michael verbrannte.

Michael wird in die Flammen gerissen, dachte Raphael und versuchte diese Grausamkeit mit der Vereinigung des Gegensatzes von Himmel und Erde entgegenzuwirken.

Dennoch konnte Raphael fühlen wie etwas, dass ihn mit Michael verbunden hatte, vor Schmerz schrie. Das Ende einer Freundschaft. Alles was einmal an Michael lebendig gewesen war, wurde nun mit in den Strudel gezogen, der sich in den Flammen öffnete, als sie Michael fraßen. Schließlich verwandelten sie sich nach einer Ewigkeit dann zu schwarzem Rauch, der in den Himmel stieg und sich mit den dunklen Wolken traf, die vom Horizont her immer näher kamen.

Der Rauch und die restlichen Flammen verschluckten die untergehende Sonne am Horizont und hüllte die Krieger der Armee in ein feindliches Licht. Rot und gefährlich leuchteten die Tattoos als scheinbar einzige Lichtquelle in der hereinbrechenden Nacht. Meachuel stand der brennenden Leiche am Nächsten und für die Engel auf der anderen Seite wirkten seine Gesichtszeichnungen wie frische Narben, die man mit einem Brandeisen in seine Haut gedrückt hatte.

Chapter Text

Vorsichtig weiteten sich seine Nasenflügel und Azer atmete tief ein. Die Luft veränderte sich. Mit jedem blinden Schritt nahm er den Unterschied wahr. Nicht nur, dass sich die raue Struktur des Bodens in seine nackten Fußsohlen grub, er fühlte auch eine kalte Brise auf seiner Haut. Getrieben von dem Verlangen mehr von der schneidenden Kälte einzufangen, streckte Azer sich soweit es ihm die Ketten erlaubten. Wäre es ihm möglich gewesen, hätte er die Arme ausgebreitet, um die Bewegungen in der Luft besser wahrnehmen zu können. Er benötigte seine Augen nicht für die Feststellung, dass man ihn tatsächlich aus seiner Zelle holte. Weiter wurde er den Gang hinunter gezerrt und Colpartrions harter Griff an seinem Oberarm verstärkte sich, als Azers Beine drohten nachzugeben.

Es war überraschend, dass nach all dieser Zeit seine Motorik überhaupt noch funktionierte. Die Jahrhunderte in seine Zelle hatten die Gelenke steif werden lassen. Immerhin hatten seine eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten den Vorteil, dass nicht zusätzliche Wachen angerückt waren. Es war bei dem alten Direktor und seinem Angestellten geblieben, doch so warf die Situation einige Fragen auf. Azer hatte damit gerechnet, dass sein letzter Gang, den er aus seiner Zelle tun würde, zu seiner Hinrichtung führte. Dafür waren allerdings zu wenige Personen unterwegs.

Lediglich entfernt hörte Azer die Stimmen der anderen Gefangenen und die Motoren der Maschinen, die um das Gefängnis herum, ihre Patrouillen flogen.

Elend wurde ihm, wenn er daran dachte, wie leicht man ihn jetzt ausschalten könnte. Ein einzelner Schuss aus der Waffe eines Wärters und er würde die Sonne nie wieder sehen. Azer würde das nicht ertragen, nicht so kurz vor dem Ziel, dass er vielleicht wirklich frei kommen würde. Oder welche Illusion davon man ihm zumindest verkaufen wollte.

Schale Übelkeit stieg in ihm auf, als Azer hörte wie eine schwere Tür über den Betonboden schabte. Dem Wind und den Geräuschen nach zu urteilen, traten sie aus dem Gebäude auf eine große weite Fläche. Böen zerrten an seiner dünnen Kleidung, während eisige Kälte auf ihn einströmte. Zitternd ging Azer in die Knie, als seine Beine einknickten und der Asphalt gegen seine Haut schabte bis sie blutete. Der Schock der vielen Einflüssen auf einen Schlag betäubte seine Sinne und drängte ihn an den Rand der Ohnmacht. Würgend rang Azer nach Atem und war froh, dass er nichts im Magen hatte, was er auf die Landebahn vor dem Gefängnis hätte kotzen können.

„Los, steh auf“, schrie ihn eine Stimme an, die sehr weit entfernt klang, weil das Blut in seinen Ohren rauschte. Unsanft wurde Azer nach oben gerissen. „Ab in den Flieger mit dir. Was bin ich froh, dass du ab sofort nicht mehr mein Problem bist.“

Als ihm auf diesem Satz folgend gewaltsam eine Flüssigkeit indiziert wurde, breitete sich ein heißer Schmerz in seinem Nacken aus. Unbändig begann er sich durch seinen Körper zu brennen, sodass Azer nicht verfolgen konnte, wie er in die kleine Maschine mehr getragen als geschleift wurde. Selbst als man ihn auf eine niedrige Bank im inneren des Laderaums fallen ließ und seine Ketten an den Gelenkfesseln sich wieder verengten, nahm er nichts wahr außer den Schmerz. Wie Flammen brannte die Flüssigkeit seine Taubheit fort bis die Hitze ihn in Brand zu stecken drohte. Azer wollte schreien, als der Impfstoff gegen die Drogen in seinem Körper Körperfunktionen anregte, die er bereits seit sehr langer Zeit nicht mehr verwendet hatte.

Doch es liefen nur glühende Tränen unter seiner Augenbinde hervor, weil es keine Worte dafür gab, wie sich das Leben brutal zurück in seinen Körper fraß und nach seiner Unterwerfung verlangte, unterdessen er hilflos auf dem Boden der Frachtmaschine lag. Das Donnern der Motoren hallte qualvoll in seinem Kopf wider, während er in einem Durcheinander von lähmender Hilflosigkeit und Schmerz ertrank.

-

Wütend zitterte Jibril in der rauschenden Menge von Engel, die nach dem Erlöschen des Feuers begonnen hatte sich aufzulösen. Unbewegt stand sie vor dem Altar, den Drang unterdrückend lauthals um Ruhe und Ordnung zu bitten. Die bedeutungsvolle Stille wurde von den Geräuschen vertrieben, welche die Stiefel der Soldaten auf dem Erdboden verursachten, die jetzt langsam zu ihren Schiffen zurückkehrten. Im Hintergrund hatten einige Piloten bereits die Motoren wieder angeworfen, sodass die Fülle an Engeln, deren beträchtliche Anzahl Jibril erst jetzt auffiel, wo sie sich in alle Winde verteilte, ohne größeres Chaos zu verursachen.

Für das Verhalten, das man in der Regel von Michaels Männern gewöhnt war, herrschte eine erstaunliche Disziplin. Sie verband die Soldaten um sie herum mit Raufereien, Gewalt und Saufgelagen. Mit Glas, das scheppernd an der Wand zerschellte, mit dem Geruch von brennenden Benzin und mit einem für jede Situation unpassenden fast wahnsinnigen und erwartungsvollen Grinsen. Die Art und Weise wie diese Männer jetzt Struktur und Ordnung bewiesen, indem sie sich gesittet zurückzogen, stieß bei Jibril auf unbeherrschte Ablehnung.

Vornehmlich hervorgerufen durch den Schlag ins Gesicht, dass die Armee trotz Michaels Tod die Befehlsgewalt aufrecht erhielt und straff durchorganisiert war. Die Soldaten in den abgewetzten, ausgeblichenen Hosen, deren müde Augen unter ungekämmtem Haar hervorstachen, bewiesen Haltung. Mehr Haltung als der Hohe Rat der Engel, der Michaels Einäscherung nun als beendet betrachtete und die politischen Auseinandersetzungen mit geübter Subtilität fortsetzte.

Keine Miene verzog Jibril, kein Gefühl spiegelte ihr Gesicht wieder als sie sich zwang von dem Altar abzuwenden und mit angespannten Muskeln den Hügeln hinunter schritt. Sie marschierte wie ein General an den Priestern, Helfern und Beamten vorbei, die anders als die verbliebenen Soldaten um sie herum nicht erkannten, dass Jibril einen freien Durchlass durch die Menge einforderte. Der Missmut war der Herrin des Wassers anzusehen. Die Blicke derer, die mehr Zeit mit den Mächtigen verbrachten, spiegelten das Wissen um Bedacht und Vorsicht wider. Reißend brandete das Gemüt der Herrin, die ihre stechenden blauen Augen nun auf die Mitglieder des Hohen Rates fixierte.

Für einige Amtsträger wirkte Jibrils Erscheinen wie das Donnern von Wasser gegen einen mächtigen Fels, der ihre stillen und von der Einäscherung bedrückten Seelen erschütterte. Raziel, der sein Amt und seine Stellung von Zaphikel geerbt hatte, beendete rasch das Gespräch, welches er leise mit Etheliel geführt hatte und fühlte sich schuldig, weil er es gewesen war, der die Heilige Ruhe gestört hatte. Soweit es ihm möglich war, wich er zurück und schlug beschämt die Augen nieder. Etheliel selbst rettete den jungen Engel vor dem Zorn der alten Machtinhaberin, indem er Jibrils schäumende Verärgerung auffing und an sich zerbrechen ließ wie die Welle, die hilflos den Sandstrand trifft und sich durch die Strömung hilflos ins Meer zurückziehen muss.

„In Honorem“, verkündete Etheliel ehrwürdig und neigte sein Haupt. Für einen Engel von seinem Status, beobachtete Raziel hinter ihm, ist diese Bewegung erstaunlich flüssig und überzeugend. „Zu Ehren.“

„Zu Ehren“, wiederholte Jibril, aber ihre Stimme klang schneidend und hätte blanken Stahl brechen können.

„Wir entschuldigen uns für den Aufruhr den unser Aufbrechen verursacht haben mag“, begann Etheliel und schloss die umstehenden Amtsträger so selbstverständlich mit ein, dass er weniger wie ein Sprecher sondern mehr wie ihr Regent wirkte. „Doch selbst in Stunden wie diesen müssen wir bedenken, dass noch wichtige Fragen zu klären sind. Leider vergönnt uns die Politik keine Pausen, besonders nicht in Krisenzeiten.“

Sich einen höflichen Gesichtsausdruck abzuringen, fiel Jibril in diesem Moment äußert schwer. Nur für einen kurzen Moment näherten sich Jibrils tief bewegten Emotionen der Oberfläche, aber nicht lange genug für Etheliel, um den Ärger und die blanke Verachtung zu deuten. Jibrils Rippen schmerzten, als sie die Worte zurückhielt, dass es Etheliel selbst war, der die Politik wie ein geplatztes Staatsbankett einfach an einen anderen Ort verlegt hatte. Mehr jedoch wollte sie herausschreien, dass dies noch keine Krise war und dass die Elemente allein zu Recht kommen würden, allerdings konnte sie dies nicht laut äußeren ohne den Eindruck zu erwecken, dass Michaels Anwesenheit unschätzbar wertvoll und absolut unersetzbar für sie alle gewesen war.

Nur das ungewohnte Gewicht ihres schweren Overalls erinnerte sie daran, dass sie heute hier war, um eine Funktion zu erfüllen und zwang sich Ruhe. Jibril verlagerte ihre Haltung und stützte ihre Hand direkt neben der Waffe an ihrer Hüfte ab. Das raue Leder des Griffs strich gegen ihren Handrücken und erinnerte sie daran, dass sie die Macht dazu hatte diesen kriechenden Abfall des Kosmos jederzeit ihrer beschissenen Laune zu opfern konnte, ganz gleich der Konsequenzen. Die Verwaltungsstruktur des Himmels war nicht auf die einzelnen Mitglieder des Hohen Rates angewiesen, Etheliels Leben und das der anderen Minister unterlagen allein ihrer Gnade.

„Selbstverständlich“, presste Jibril endlich heraus.

Sie rief sich in Erinnerung einfach einen Atemzug nach dem anderen zu tun. Gewiss war sie gerade alles andere als ruhig und kontrolliert, aber sie konnte sich dazu zwingen tatenlos zu bleiben und Etheliels Leben unter dem Aspekt zu berücksichtigen, dass Macht immer die Verantwortung mit sich brachte sie nicht an Schwächeren zu missbrauchen. Außerdem würde Jibril den Anblick einer neuen Leiche jetzt nicht ertragen können, so befriedigend ein Eispickel in den Schädeln der Minister jetzt auch erscheinen mochte.

Besonnener als zuvor, sprach sie weiter und eine bedachte Mahnung schwang in ihrer Stimme mit, als sie sich an Etheliel wandte: „Die Staatsführung muss vorbildlich sein. Niemand möchte jetzt Unruhen in der Bevölkerung.“

Jibril gratulierte sich dazu, dass sie eine diplomatische Antwort für die Frage gefunden hatte, ob der Himmel wie ein verlorenes Schiff in einem Sturm auf eine Krise zusteuerte. Das Gefühl dieses kleinen Sieges vor den Ministern des Hohen Rates keine Schwäche eingestanden zu haben, beruhigte ihr rasendes Herz und Jibril fühlte wie das Blut unter ihrer Haut wieder kälter zu fließen begann.

„Natürlich“, antwortete der Regent des Hohen Rates, „Eine Massenpanik ist unbedingt zu vermeiden.

Etheliels zustimmendes und einnehmendes Lächeln, drohte Jibrils Puls wieder in die Höhe zu treiben und ihre Wut doch noch gewaltsam an dem Engel auszulassen. Allerdings zeigte Etheliel im nächsten Augenblick, dass sein Platz im Hohen Rat nicht unverdient war, indem er die Unterhaltung beendete und mit dem restlichen Ministern im Schlepptau verschwand, um den aufbrausenden Engel des Wassers endlich in Ruhe zu lassen.

Als er ihr den Rücken zu wandte und mit der Delegation von Amtsdienern verschwand, deren einzige Aufgabe es heute gewesen war, als verlässliche Zeugen der Geschichtsschreibung zu dienen, verdammte Jibril Etheliel mit dem Satz:

„Wer nicht heucheln kann, wird nicht herrschen.“

-

Die Amtsdiener des Hohen Rates verschwanden und die Menge löste sich langsam auf. Lediglich Raziel wurde dazu gezwungen zurückzubleiben, als sie der harte Griff der Herrin des Wassers auf seine Schulter legte und ihn am Gehen hinderte. Panisch betete Raziel darum, dass sie ihn jetzt nicht für seinen Patzer vor ein paar Minuten bestrafen würde.

„Du bleibst hier“, herrschte sie, machte jedoch keine Anstalten ihn auf den Verstoß gegen das Protokoll hinzuweisen. „Noch bist du mir unterstellt und nicht dem Hohen Rat.“

Jibril war eine Frau und der körperlich Schwächste der Großen Vier, aber ihre Gegenwart drang in Raziel ein, ohne dass er sie aufhalten oder sich gar dagegen wehren konnte. Ihre Präsenz war derartig gewaltig, dass Raziel bedenken musste, dass die Herrin des Wassers seine Unruhe überhaupt nicht wahrnahm. Durch seine empathischen Fähigkeiten gelang es ihren Geist ein wenig abzutasten. Aber er begegnete einer endlosen Weite, die ihn bezweifeln ließ, dass es ein Ende gab, nach dem er hätte suchen können. Gegen sie war er ein kleines Licht, dass zwischen dem Ozean und dem Universum um sein Leben kämpfe.

„Patrona“, brachte Raziel hervor, weil ihm in diesem Augenblick selbst das ‚Jibril-sama’ nicht angemessen genug erschien. Mit dieser Ehrung hatte der Minister und seine Vorgesetzten Jibril angesprochen, doch der Engel vor ihm, der gerade wütend die Absätze ihrer Stiefel in den Erdboden drückte und mit den Zähnen knirschte, um über den Hohen Rat zu fluchen, war die Inkarnation von etwas, dass er nicht in Worte zu fassen vermochte.

Ähnlich wie die Hand, die sich von seiner Schulter löste, entzog sich Jibrils vollkommenes Wesen seinem Verständnis.

Unter den gegeben Umständen wirkte ihr Blick inzwischen fast freundlich.

„Lass uns gehen“, sagte sie und packte ihre Fassung zusammen, als würde sie mit ihren Händen die tobenden Wellen des Ozeans glattstreichen. All die Gewalt war wieder unter der blauen Oberfläche ihrer Augen verschwunden. Raziel folgte und fragte sich, ob er überhaupt die Wahl gehabt hätte abzulehnen. Selbst bei Gegenwehr hätte er sich fügen müssen und ihm fiel kein Argument ein, dass diese Selbstverständlichkeit hätte erschüttern können. Wie ein Treibgut wurde er von dem Strom mitgezogen, als der Engel des Wassers durch die Menge schritt, um endlich diesen denkwürdigen Ort verlassen zu können.

Zu der vorangehenden Ehrerbietung addierte sich in Raziel ein beklemmendes Gefühl von Unfreiheit. Fast willenlos ließ er sich von seiner Herrin mitziehen, als wäre er bewegliches Mobiliar und keine Person, der es galt Beachtung zu schenken. Womöglich zu Recht, denn die Erinnerung an die Berührung mit ihrem Geist war genug, um Raziel wissen zu lassen, wie trügerisch die Illusion ihres weiblichen Körpers war, der sich unter dem Leder ihres Anzugs attraktiv abhob. Schamesröte stieg Raziel ins Gesicht, als er sich zwang seinen Blick von Jibrils hüpfenden Brüsten abzuwenden.

-

Nach und nach vereinsamte der Platz, aber die strenge Eile war verschwunden, die vor der Zeremonie geherrscht hatte. Etheliel beobachtete die Minister, die nach und nach ins Flugzeug stiegen. Inzwischen ließen sich sie sich deutlich mehr Zeit und eine große Anspannung war aus ihren Schultern gewichen, seit sie nicht mehr unter der Gegenwart der Elemente zu leiden hatten. Mitleid für die aufgewühlten Amtsträger rührte sein Gemüt. Viele von ihnen waren durch und durch spirituelle Himmelsmächte, deren Geist die ermüdende und korruptionsanfällige Verwaltung rein hielt, aber schlichtweg nicht wussten wie sie mit der Gegenwart von zu viel konzentrierter Macht umzugehen hatten.

Der Glaube der Minister basierte auf Erhalt von Tradition, der Suche nach Erkenntnis und Erleuchtung, aber das machte ihn nicht weniger bedeutsam, lediglich entgegengesetzt zu der Anhäufung von Taten und der Durchsetzung von der Gerechtigkeit, der sich die Elemente verschrieben hatten. Das Streben nach dem Guten in der Gerechtigkeit einte sie mit den Elementaren, doch die spirituellen Führer und Priester aus denen der Hohe Rat vornehmlich bestand, begriffen selten was sie sahen, wenn sie den Elementaren gegenüber standen.

Einfach zu verstehen waren sie nie, erinnerte sich Etheliel. Außerdem hat sich nichts an ihrer Erbarmungslosigkeit geändert.

Hin und wieder hasste er sich selbst und sein Schicksal, dass ihm der einzigen Höheren Macht auferlegt worden war, die er anerkannte. Aber er glaubte an das Vertrauen, das Adam Kadamon vor langer Zeit in ihn gelegt hatte und er würde daran festhalten, so hart und steinig es seinen Weg auch machen würde.

„Etheliel-sama“, sprach ihn ein Mitglied der Besatzung an, in der offenen Tür des Flugzeugs stehend. „Wir warten nur noch auf sie.“

„Sofort“, antwortete Etheliel.

Noch einmal warf er einen letzten Blick auf den steinernen Altar in der Ferne, der einsam und machtvoll das Augenmerk eines jeden auf sich zog, der die Umgebung betrachtete. Der Himmelspalast im Hintergrund war bedeutend größer und trotz seines verlassenen Anblicks ein imposantes Bauwerk, an dessen Planung und Verwirklichung der Pracht Etheliel einst mitgewirkt hatte. Zeitalter waren seitdem vergangen. Schreckliche Kriege waren gefochten worden und entsetzliches hatte er mit ansehen oder gar entscheiden müssen.

Doch nichts davon wirkte so final wie der kleiner werdende Altar auf dem Hügel, dessen Glanz im späten Abendlicht wie Opferblut wirkte.

„Einst sprach ich die Prophezeiung, vor der ich wusste, sie würde ein Ende bringen“, gestand Etheliel das Alter und den Ursprung seiner Existenz ein, „Aber niemals habe ich geglaubt, dass die Elementare für etwas anderes als die Ewigkeit bestimmt sind.“

Jetzt konnte ihm der Zustand der Verbliebenen kaum größere Sorgen bereiten und Etheliel fragte sich, was er in der Zukunft von ihnen zu erwarten hatte. Schlimm war, dass weder er noch jemand anderes im Hohen Rat die militärische Erfahrung besaß, um sich die nahende Katastrophe gut genug vorstellen zu können, um Schritte dagegen einzuleiten. Auf diese Art und Weise war der Himmel der schwindenden Selbstkontrolle der Elemente ausgeliefert und Etheliel fiel nicht einmal ein Ort ein, an den er hätte fliehen können, sobald das Gleichgewicht der Elemente auseinander brach.

Chapter Text

Die starken Händen mit ihren dunklen Fingern hielten ihn immer noch. Stimmengewirr brach um ihn herum los, sodass Raphael sein Gesicht so tief wie möglich in das Leder von Uriels Mantel presste, um so wenig davon mitzubekommen wie es gegönnt war.

Seine Augen fest zusammengepresst und damit eines wichtigen Sinnesorgan beraubt, nahm Raphael die allumfassende und sich wie ein Krankheitserreger ausbreitende Panik fiel deutlicher wahr. Ein Zittern durchlief seinen Körper. So stark, dass seine Hände sich nicht richtig an Uriel festhalten konnten und Raphael befürchtete, dass dies die Anfänge von Schüttelfrost waren.

Schwüle Wärme drohte ihn zu erdrücken.

„Lass mich los“, flehte Raphael mit einem Krächzen und hob seine Arme, um Uriels Brust von sich wegzudrücken.

Uriel entzog sich dem Körperkontakt so schnell, als habe er sich verbrannt und streckte entschuldigend seine Hände vor sich aus, als würde er mit einer Waffe bedroht. In seinen Augen lag so viel Schuldbewusstsein, dass Raphael sich fragte, was Uriel in seinen Worten gehört hatte, dass sie ihm so viel Angst machten. Die Hände langsam sinkend schritt Uriel rückwärts, als wollte er ihm zeigen, dass von ihm keine Gefahr aus ging, ehe er sich mit einer gewandten Bewegung und für seine Größe erstaunlich schnell zwischen den anderen Engeln verschwand.

Durch Raphaels Bewusstsein hämmerte der Gedanke, dass er vorsichtiger sein sollte mit dem was er sagte. Besonders bei Leuten, die ebenfalls um Michael trauerten, aber Raphael war sich der Dringlichkeit bewusst, unbedingt auf seinen eigenen Füßen zu stehen.  

Wenn er jetzt in Uriels Umarmung versunken und in seinen Armen eingeschlafen wäre, hätte die Möglichkeit bestanden, nie wieder aufwachen.

Die Versuchung war zu groß gewesen, als er sich dessen jetzt aussetzen konnte.

Es brachte ihn zu nah an die Zeit heran, die er im Kälteschlaf verbracht hatte. Losgelöst von seinen Zweifeln und seiner Langeweile zwischen Wolken vor sich hin zu dämmern, hatte ihm angenehme Linderung seiner inneren Wunden gebracht. Von den Gewichten, die ihn nach unten in die Tiefe zogen, war bei seinem Erwachen nichts mehr übrig geblieben. Wenn es je einen Moment voller Licht und Erleuchtung gegeben hatte, war es dieser Moment gewesen. Uriel, Jibril, Barbiel … Michael. Sie allen hatten geduldig darauf gewartet, dass er die Augen wieder aufschlagen würde.  



Ein heftiges Vibrieren in seiner Nähe.

Das Geräusch von erbebendem Kunstglas .. jemand schlägt an eine Scheibe.

Direkt in seiner Nähe.

...ey, du billiges Luder von einer notgeilen Männerschlampe, fang' endlich an mal wieder an, ein bisschen deine Guckerchen zu benutzen! Ich verpasse hier das Gourmet einer kostenlose Dämonenjagd direkt vor meiner Haustür, ich müsste noch nicht mal meine Dragonwing aus der Garage fahren, KANNST DU JETZT NICHT ENDLICH MAL AUFWACHEN, DU SELBSTMORD GEFÄHRDETER...“

Die Schimpftirade wird von einem lauten Krachen unterbrochen. Durch den dicken Nebel seiner verwirrten Sinne nimmt er nur am Rande war, dass die Flüche einen Herzschlag später grässlicher und obszöner werden.  

Eine zweite und eine dritte Stimme mischen ein. Alles vermischt sich in seinem Kopf zu einer vertrauten Kulisse.

Mühselig schlägt Raphael die Augen auf. Minuten vergehen in denen er das Licht auf sich einwirken lässt und er versucht trotz der Müdigkeit, die ihn gefangen hält, zu begreifen, was geschehen ist und wo er sich befindet.

Sein Kopf dreht sich langsam zu der Seite, wo die Stimmen herkommen.

Hinter dem Kunstglas sieht er einen übermächtigen dunklen Schatten, der sich über eine am Boden liegende flackernde Lichtquelle lustig zu machen scheint. Irgendwo links  wirken zwei sanfte Präsenzen auf ihn ein und spülen nach und nach seine Müdigkeit fort.

...Krümel in der Spalte…“

Der kommandierende Tonfall. Die derbe Wortwahl, die selbst Dämonen die Schamesröte in Ohren trieb. Der zündende Funke, der alles in Brand steckte.

Nur ein Wort verließ seine Lippen.

Michael.“

Stille im Raum, alle Augen richteten sich auf ihn.

In Sekunden beweist Michael die Eleganz sich vom Boden zu erheben, um sich gegen die Kunststoffröhre zu lehnen, auf der er zuvor gesessen hatte.

Ah, hat die blonde Prinzessin es fertig gebracht aus ihrem Jahrhundertschlaf zu erwachen?“

Trägheit hielt ihn immer noch gefangen, dennoch drang in sein Bewusstsein ein, dass die Situation ungewöhnlich war. Michael ragte bedrohlich über ihn und trotz der milchigen Beschaffenheit der Barriere, die sie trennt, erkennt Raphael ein wütendes Funkeln in den goldenen Augen, in denen sich das Neonlicht der Deckenlampe reflektierte.

Wo...?“, haucht er leise kläglich heraus.

Michael antworte, aber nicht auf seine Frage. Raphael hört die Irritation und die Ungeduld in seiner Stimme, die mit Sorge unterlegt ist: „Sag' jetzt nicht, dass du dich um das zu harte Bett beschwerst.“

Umrundet von blendendem Licht und unscharfen Umrissen ließen sich nur wenig dunkle Flecken in seinem Sichtfeld ausmachen, die seine Augen nicht strapazierten.  

Ein kaum wahrnehmbares Rascheln lenkt Raphael davon ab Michael zuzuhören, weil er sich einbildet, dass sich riesige schwarze Flügel über ihm ausbreiten und das Licht davon abhalten, ihn weiterhin wie eine Lanze zur durchdringen.  

Alles rückt in den Hintergrund, als der Vorhang aus finsteren Federn die Lichtstrahlen filtern wie Baumkronen das Sonnenlicht.

Selbst Michaels Worte nimmt er kaum noch wahr: „Selbst schuld Heiler, wenn du dich nicht im Griff hast, weil du dein eigenes Blut retten musstest. Kaum vorstellbar, dass du in der Lage sein solltest ganze Küsten zu verwüsten, nur weil du das Meer aufwühltest. Ich denke es wäre angebracht, dich bei Gelegenheit mal in Form zu prügeln. “  

Er ist keiner deiner Soldaten, Michael“, hört Raphael Jibril sagen.

Als letztes Geräusch nimmt er nur noch das „... mich bisher noch nicht aufgehalten...“ von Michael wahr, ehe er zurück in den Schlaf sinkt.



Raphael erzitterte bei der Erinnerung und sie verschwand in dem demselben Nebel, der ihn nach seinem ersten Wiedererlangen des Bewusstseins wieder in den Schlaf riss.

Jetzt blieb nur noch der grausame Nachtfrost, der begonnen hatte sich über die Vegetation auszubreiten und spärlich das kalte Licht der wenigen Sterne reflektierte, die durch die Front aus Sturmwolken ein wenig die Umgebung erhellten.

Aber sie vereinsamten die Atmosphäre nur. Raphael fragte sich, wie er wirken mochte, als in weiß gekleideter Engel mit blonden Haaren. Als reines höheres Wesen sollte er Wärme, Licht, Hoffnung und Zuversicht ausstrahlen, aber kein Spiegel könnte die Wahrheit verleugnen.

Es war kalt im Himmel.

Es war immer kalt im Himmel, denn der Himmel war ein Gebiet, das sich mit Hilfe von Wissenschaft und Magie über die Fläche von ganzen Planeten erstreckte. Ungesehen natürlich, durch die Technologie, die den Himmel von allen Lebewesen und Kreaturen abschirmte und die Engel in einer einzigen Dimension zusammenpferchte. Die einzigen Andersartigen, die den Himmel je gesehen hatten und noch lebten, waren Luzifer und seine Rebellen. Wobei – so hieß es zumindest unter einigen überzeugten Stimmen – hatten die Gefallenen die Oberfläche der Planeten nie verlassen, sondern sich stattdessen in ihr Innerstes gegraben. Der einzige warme Ort, wenn man der rauen Unwirklichkeit des Himmels entkommen wollte.

Für Raphael wuchs die Ebene des alten Himmelspalastes. Je mehr Flugschiffe starteten, desto mehr Leere hinterließen sie. Tief hatten sich die Stützen der Ladeträger in den Erdboden gegraben, sodass sich die trockene Erde wie Staub aufwirbeln ließ, als die Armee diesem Ort wieder den Rücken zuwendete. Während der Zeremonie hatte Raphael sie kaum wahrgenommen, aber am Rande hatte er festgestellt, dass die Krieger an diesem Ort deplatziert wirkten. In ihrer schweren schwarzen Kleidung, die aussah als hätte sie bereits einige Kämpfe zu viel gesehen, stachen sie im Vergleich zu den pompösen Ruinen des Himmelspalastes zu sehr hervor, als das man sie wirklich ignorieren konnte. Aber fügten sich auch nicht in das Bild der anderen trauernden Engel ein.

Es fehlte die buckelnde Ehrerbietung.

Um genau zu sein, waren die Rücken der Soldaten so kerzengerade, dass sie jeden Drillmeister mit Stolz erfüllt hätten. Die glatte Weigerung sich zu Verbeugen war ein Affront für die Mitglieder des Rates. Raphael hatte sie reden gehört, als der Engel mit dem ungekämmten Haar an ihnen vorbei geschlichen war und sich dabei auf sein Schwert stützten musste.

Wie ein Raubtier hinter Gitterstäben, das hungrig aber geduldig im Käfig seine Kreise zog, war sein Blick auf Raphael gefallen. Der kurze gefährliche Moment des Seitenblicks war vielleicht aus der Sicht des Engels, den Jibril schon zuvor mit ihren Blicken aufgespießt hatte, nur die geübte Handlung eines Kriegers gewesen. Doch Raphael konnte die grauen Augen nur als Anklage empfinden. Stellvertretend für die gesamte Armee hatte Meachuel ihn stumm gefragt, warum Michael auf dem Altar hatte verbrennen müssen. Wenn doch der einzige, der nicht in der Lage war von dem Feuer verletzt zu werden, der lebende Geist des Feuerengels war.      

„Wieso hast du das getan?“, war die Frage, die sich tief in Raphaels Geist schnitt und die Sturmwolken über ihm verlangten zu wissen: „Wieso konntest du ihn nicht retten?“

„Ich weiß es nicht“, wollte Raphael dem Himmel entgegen schreien.

Dem Himmel und all seinen Bewohnern, die sich sicher vor ihren Mattscheiben in ihren Wohnungen über das Versagen der Regierung aufregen konnten. Verteilt über alle Schalen und Planeten würden die Stimmen laut werden, wer für den Schaden verantwortlich war. Warum der Rat nichts hatte tun können, wenn sie schon der Bevölkerung so viel Steuern auferlegte, um selbst im Prunk zu leben? Wozu war ihr Luxus etwas wert, wenn sie nicht einmal jenen behandeln konnten, der alle Bewohner des Himmelstaates ohne Vorbehalte gegen die Bedrohungen von außen verteidigte?

Die Regierung würde nach einem Sündenbock suchen. Nach jemanden, den sie zur Rechenschaft ziehen konnten, damit die aufgebrachte Bevölkerung nicht sie selbst verantwortlich machte.

„Diese Situation kommt mir so bekannt vor“, erinnerte sich Raphael und fuhr mit seinen Fingern durch das geflochtene Haar. „Ich war doch schon einmal der Prügelknabe einer Sensationsgeilen Öffentlichkeit.“

Damals hatten sie sogar noch weniger Beweise gehabt als heute, sondern lediglich Indizien und keine Leiche in Form eines Generals. Jetzt war es elf saeculum und drei Invasionen der Rebellen her seit derselbe Engel in einer ähnlichen Aufmachung sich für seine Taten hatte verantworten müssen. Wie heute hatte er einst vor dem Tribunal gestanden und die Wahrheit auf Elochim geschworen.

In der Tat wirkte er in seiner weißen, sehr alten Armeeuniform wie der Palast hinter ihm wie ein Relikt aus einer längst ruinierten Ära. Es gab nur noch wenige Engel, die alt genug waren, um sich wirklich an diese Zeit zu erinnern. Denn der tatsächliche Prozentsatz jener Engel, die länger als ein paar Jahrhunderte lebten, war gering. Der Großteil wurde nicht sehr alt, sondern vereinigte in einem endlosen Storm aus Dienstmägden, aufstrebenden Hoffnungsträgern und Huren, die sein Bett wärmten.

Wie viele gab es wirklich, die der Zeit der Jahrtausende standhielten?

„Nicht genug“, meinte Raphael zu sich selbst, sich die Haare raufend. „Es sind einfach nicht genug.“

Dies war die erbärmliche Antwort, welche die Überlebenden dazu zwang jedes bekanntes Gesicht zu lieben, dass auch die nächste saeculum Periode überdauerte.

Niemals. Niemals hatte er geglaubt oder es sich gar vorstellen können, dass Michael je zu den Gesichtern gehören würde, die plötzlich verschwanden. Zuerst tat es weh. Das tat es immer. Aber irgendwann würde der Schmerz weniger werden.

Nein…, dachte Raphael verzweifelt und stolperte den Hügel zum Altar hinauf.

Diese Vorstellung trieb einen Schmerz durch seinen Körper wie von dem Gift einer Schlange. Beißend, pulsierend und so hässlich, dass es seine Adern von innen zu zerreißen drohte.

Ich will Michael nicht loslassen, dachte Raphael während er fast panisch auf den Altar zu hastete.

An der Spitze des Hügels angekommen, sank Raphael zwischen all den hinterlassenen Fußspuren und den zu Asche verbrannten Überresten auf die Knie. Der Gedanke daran Michaels Tod auch nur in Betracht zu ziehen, zog ihn wie ein Meteorit auf Kollisionskurs auf den Boden.

Schwer ging sein Atem, als gäbe es nicht genügend Luft für ihn zum Atmen.

Auf der Suche nach der inneren Balance, die ihm genommen worden war, seit Michaels totes Herz in seinen blutigen Händen aufgehört hatte zu schlagen, stützte Raphael sich mit seinen feuchten Händen auf seinen Oberschenkeln ab und ließ seine Stirn gegen den kalten Stein des Altars sinken. Die Sicht verschwamm vor seinen Augen, sodass die alten, ausgewaschenen Runen sich zu einem neuen Wort zusammenfügen schienen.

M i k h a i l

Sah er diese Runen nur in seiner Einbildung? Weil er sie sehen wollte und sein Verstand alles hervor zerrte, was ihn an Michael erinnerte?

Raphael fuhr die Zeichen, die Michaels Namen in der alten Schreibweise wiedergaben, mit seinem Finger nach.

Sie waren real.

Etwas wie ein Schluchzen entfuhr ihm. Seine Augen brannten, weil er nicht wusste, wie er all die Tränen vergießen sollte, die Michaels Tod wert waren und eine merkwürdige Hitze kroch durch seinen Körper. Aber es war nicht die Wärme, die Michael ausstrahlte. Es war nicht die Vertrautheit, die aus trüben kalten Tagen Licht und ein wenig Frieden in seinen Tagesablauf brachte, sondern eine Infektion einer Krankheit, die sich auflachend und grimmig durch seine Seele zu fressen begann.

Langsam sackte Raphael zur Seite, sodass er mit seinem Rücken an dem Altar lehnte.

Wäre der nächtliche Nebel nicht so dick und die Sturmwolken nicht so dunkel gewesen, dass sie den mächtigen Himmelspalast mit seinen breiten Treppen und Vorsprüngen verdeckten, hätte Raphael vielleicht nicht auf die restliche Inschrift des Altars gestarrt. Doch nun zogen sich direkt vor ihm weitere Runen und Wörter über den ausgewaschenen Stein. Es waren alte Gebete an die schrecklichen unzähmbaren Elemente, offenbar angefertigt zu einer Zeit, in der die Engel noch mehr Angst vor der Natur hatten.

Eine Böe fegte verbliebene Asche auf und Raphael fragte sich, ob es hier einst mehr Opfergaben gegeben hatte. Zu irgendwas musste der Altar ja gut gewesen sein. Außerdem sah er gebraucht aus. Oder waren es nur die Jahrhunderte der Zeit, die den Stein schließlich doch angegriffen und hatten müde werden lassen?

Es sind sogar Zeichen dabei, die mir nichts sagen, bemerkte Raphael und versuchte zum ersten Mal genauer die Inschrift zu lesen. Wie alt mochte der Altar dann wohl sein?  Sein unermüdlicher und auch jetzt noch ruheloser Verstand flüsterte ihm zu, dass der Altar dann während einer Ära errichtet worden sein musste, in der selbst Seraphita noch mehr als bloß ein heiliger Eremit war.

Ob es diese Zeit wirklich gegeben hat, fragte sich Raphael und versuchte sich des Anfangs zu entsinnen.

Wenig überraschend, dass es ihm nicht gelingen wollte. Er erinnerte sich ja kaum an seine eigene Jugend. Es war schon so ewig her. War er überhaupt je Kind gewesen? So alt war sein körperliches Erscheinungsbild nicht. Was waren schon – wer wusste es denn außer die Menschen – vielleicht zwanzig Jahre seines Lebens, wenn danach ganze Zeitalter folgten?

Zeitalter, dachte Raphael, bis Luzifer überhaupt einen Gedanken an Rebellion verschwendete.  

„Luzifer...“

Raphael sprach den Namen aus, weil sein Blick gerade über die Runen des alten Engelsnamen geglitten waren, den man mit Mühe aus allen Aufzeichnungen gestrichen hatte, um heraus zu finden, ob diese verhasste Seele irgendetwas in ihm auslöste.

Doch da war nichts.

Kein Groll, kein Ärger, keine Verbitterung, weil der dunkle Fürst Michael immer mehr bedeutet hatte, als er selbst. Nein, da war nur mickrige Form von Mitleid.

Als Raphael alleine auf dem Hügel saß, den Rücken an den Altar gelehnt und es allmählich zu regnen begann, war er vielleicht auch wegen des steigenden Fiebers zum ersten Mal froh, dass er nicht den beißenden blinden Schmerz würde erdulden müssen, den Luzifer gerade erlitt.

Zumindest hoffte Raphael, dass der Teufel litt. Er würde, wenn er sich auch nur ein bisschen der Seele gewahr war, die sich er mit Michael teilte.

-

Kopfschmerzen holten Azer in die Welt der Lebenden zurück. Es war schwer sich auf etwas anders zu konzentrieren, als das Pochen in seinen Schläfen. Aber der fehlende Boden unter seinen Füßen zwang ihn dazu seine Gedanken auf das richten, was um ihn herum passierte. Weniger die kalte Luft, die in Windstößen über seine nackten Arme fuhr, waren es die vielen Stimmen um ihn herum, die seine trüben Gedanken wachrüttelten.

Langsam versuchte Azer sich zu erinnern, was passiert war. Seine Zelle, die Dunkelheit, der Direktor … das Rasseln seiner Fußketten brachten die restlichen Erinnerung zurück, welche die Injektion vor ein paar Stunden unterdrückt hatte.

„Freiheit“, murmelte Azer vor sich hin.

Sie hatten ihn also tatsächlich aus seinem Gefängnis geholt. Denn trotz seiner Augenbinde, die ihn die Sicht verdeckte, roch er das Öl der Motoren, hörte die Stimmen der Arbeiter auf der Landebahn und fühlte den Griff der beiden Wachen unter seinen Achseln.

Ein unangenehmes Gefühl der Furcht durchfuhr ihn. Sie schleppten ihn wohl gerade quer über den Platz und ließen seine Füße über den Asphalt schleifen, jetzt wo sie die Laderampe verlassen hatten. Geräusche und Gerüche stürzten auf ihn ein, das Stimmengewirr der Arbeiter vermischte sich mit dem Brausen des Windes zu einem hässlichen Ton im Hintergrund.

Sehr viel unangenehmer waren allerdings die etlichen Energien, welche die Engel mit ihrer Astralkraft ausstrahlten. Wie unsichtbare Hände, die seine Haut streiften, berührten sie ihn. Selbst wenn sie nur an jemand anderem vorbei gingen. In seiner Zelle hatte er sich über den Gefängnisdirektor lustig gemacht. Jetzt musste er den Worten Glauben schenken, denn kein Traum und keine Halluzination war so real wie Astralkraft von den tausenden Engeln, die diese Schale bevölkerten.  

Das Kribbeln in seinem Nacken nahm zu bis es fast unerträglich wurde. Daher protestierte er nicht, als die Wachen ihn in ein Gebäude schleiften, um ihn einige Treppe hinunter zu tragen. Unbeweglich hing er in ihrem Griff, denn Übelkeit drohte ihn zu übernehmen.

Nähe, Kontakt, Stimmen.

Die Eindrücke überfluteten seine Sinne. Es war zu viel auf einen Schlag.

Besser begann er sich erst wieder zu fühlen, als die Wachen ein Tor öffneten und ihn in eine weitere Zelle warfen. Azer landete unelegant auf dem kalten Fußboden und blieb benommen liegen. Nur das Gespräch der beiden anderen Engel konnte er mithören.

Sofort versteifte er sich, als er vernahm: „Fühlt sich für den eigentlich jemand verantwortlich oder müssen wir ihn festbinden?“

„Er hat bisher doch sowieso nicht gerührt, sondern nur winselnd im Lagerraum gelegen“, antwortete der andere Wachmann.

Azer bemühte sich, sich nicht zu bewegen. Noch verursachte jede eigene Bewegung Übelkeit und Schmerzen, aber seine eingeschlafenen Muskeln erwachten langsam wieder zum Leben.

Neue Ketten mussten wirklich nicht sein.

„Vielleicht ist er ja einer dieser A.I.'s“, hörte er den ersten Wachmann mutmaßen.

Ein Wort, um diese Meinung zu berichtigen, sprach er nicht.

„Dann würde er keinen Schmerz fühlen und weggeschlossen werden müssen. Die Roboter lassen sich doch beliebig abstellen“, ging die Unterhaltung weiter.

„Na dann ist der hier halt ein Experiment. Wäre doch nicht das erste Mal.“

Das Zucken ließ sich nicht unterdrücken. Das hatte er noch nie gekonnt, ganz gleich wie lange es her war oder wie oft diese Mutmaßung laut wurde.

Immerhin verhinderten die restlichen Drogen in seinem Körper den aufwallenden Ärger. Stattdessen piepste die elektronische Zellentür und wurde geschlossen. Offenbar würden sie ihn nicht festbinden wie ein Tier.

„Wieso hat er kein Zeichen der Gefallenen?“, hörte Azer langsam die Stimmen der Wachen verklingen.

„Vielleicht ist es auf seiner Brust. Es hieß doch, er hätte die Höchststrafe erhalten. Oder zumindest hat ihn der Rat der Engel verurteilt.“
 
„Weswegen?“, erklang noch dumpf die Frage.

Die Antworte hörte Azer noch: „Hochverrat.“

Dann verklangen selbst die Schritte der Wachen und er blieb alleine in seiner Zelle zurück. Nachdem er eine Weile auf dem Boden gelegen und darauf gewartete hatte, ob noch jemand kommen würde, kroch er so gut es ging zu der Wand, welche der Zellentür am weitesten entfernt lag. Erschöpfung durchströmte seinen Körper, aber schlafen würde er trotz der Müdigkeit nicht können.

Dazu störten ihn die Gegenmittel für die Drogen in seinem Körper zu sehr, die dafür sorgen sollten, dass er wieder gehen, essen und fliegen konnte.

Mit Schwierigkeiten – die Fesseln an seinen Händen behinderten seine Bewegungen noch immer - hob er seine Finger zu der Binde über seinen Augen. Sie war natürlich noch da, aber zum ersten Mal seit langer Zeit erinnerte er sich daran, dass weder sie noch die Fesseln an seinen Gelenken ein Teil von ihm waren.

Zur Not würde er mit Gewalt einen Weg finden sie entfernen zu lassen.

Chapter Text

Es war unerträglich heiß in der Hölle, wenn auch nie jemand ein Feuer sah. Es stiegen nur Schwefelsäulen von unten herauf und gruben sich wie Geschwüre in die Lungen der Höllenbewohner. Der Gestank war betäubend, schon lange war der Geruchssinn jener verkümmert, die einst aus dem Himmel in dieses lebensfeindliche Territorium herabstiegen. Durch die mittelalterlichen Pestgruben weht der Wind des Nichts und wer könnte, würde gehen. Aber jeder der es versuchte, kam irgendwann aus freien Stücken wieder.

Die Hölle war der einzige Ort, an dem aller Dreck willkommen geheißen wurde. Aber besser, man beschrieb die Hölle nicht als Ort. Das war ein fehlgeleiteter Begriff, denn jeder Insasse packte mit kleinen gierigen Fingern alles, wonach er greifen konnte. Selbst die Seelen der Toten umarmten sich, weil sie sonst niemanden hatten. Schließlich umschlangen ihre nackten Körper sich so fest, dass sie bizarre Brücken bildeten die über Abgründe führten, in die niemand hinein sah weil sie entsetzliche Schreie aus tieferen Regionen nach oben trugen. Selbst die steilen Klippen waren nicht aus Stein und Felsen. Stattdessen wurden sie aus zusammengepressten Leichen gebildet, sodass selbst nach den Äonen ihrer Ablebens noch ihre mit Entsetzen gefüllten Gesichter sehen waren und eine unebene, raue Oberfläche bildeten über die Kreaturen mit hungrigen Mäulern und langen Greifarmen krochen. Nein, die Hölle war kein Ort.

Die Hölle war ein lebender kannibalistischer Organismus, der nichts und niemanden gehen ließ sondern alles wiederverwertete, was sich in ihm befand. Schließlich waren Seelen nahrhaft egal ob tot, lebendig oder in einer fleischlichen Hülle verpackt. Wie ein Ökosystem bewegte sich die Hölle im Takt mit dem Atem ihres Herrn, der die Wichtigkeit dieses Ortes irgendwo zwischen seinem Magen und seinem Blinddarm platziert hatte. Dennoch beteten die Dämonen Luzifer an, weil er sie in seinem Körper leben ließ, ihnen Luft zum Atmen gab und an seinen weichen Eingeweiden schlafen ließ.

Lieber rotteten sie sich an jedem freien Fleck innerhalb der Hölle zusammen, als die Grenzen zu überschreiten und ihr sicheres Territorium zu verlassen.

Anders als ihr Fürst, der sein Ziel das Hinterland der Hölle nannte.

Sicher schritt Luzifer auf eine einsame Gegend zu, welche die Grenzen zur Hölle säumte und vor der selbst die Dämonen Angst hatten. Es war ihr ureigener Instinkt als Lebewesen dieses Gebiet zu meiden, denn es herrschte nur Kälte in diesem Reich. Hinter den Grenzen der Hölle die aus den äußeren Rauchschwaden bestanden, die aus Sheol emporstiegen, wartete nur Eis und Kälte. Ganz gleich wie stark oder wie mächtig man war, die Temperaturen waren stets so tief, dass das eigene Blut Eisklumpen im Körper bildete und die Adern von innen aufschlitzte. Auch die Witterung war immer irgendwie gerade mehr als man ertragen konnte und selbst die Engel mit ihrer Technologie um die sie jeder Höllenbewohner beneidete, hatten nur wenig Mittel gefunden um sich dagegen zu schützen. Geschweige denn sich die endlose Landschaft aus Wind und Eis zu Nutze zu machen.

Blickte man nun wie Luzifer in die endlose Weite aus Schnee hinaus, sah man nichts. Nicht einmal Sterne oder Wolken über dem eignen Kopf. Lediglich Gletscher aus Eis erhoben sich vor der Dunkelheit, einen Horizont gab es nicht. Während hinter einem das brennende Sheol den Rücken wärmte und Federn der Flügel verglühen ließ, erstreckte sich vor den eigenen Augen zuerst die Illusion von Hoffnung. Der weiße Schnee schimmerte einladend, wie ein Versprechen für jene Verzweifelten die glaubten, der Herrschaft von Sheol entkommen zu können.

Aber es war nur ein Trugschluss.

Hier draußen, wo eisige Winde das Fliegen unmöglich machten, fand man nur Elend und irgendwann vielleicht den Todesschlaf. Denn hierher verirrten sich selbst die Todesboten nicht um Seelen einzusammeln, die auf dem Weg in den Himmel oder in die Hölle vom Kurs abgekommen waren. Der Körper hörte bloß auf sich zu bewegen und das Herz auf zu schlagen, sodass allmählich der Wind aus Eis und Schnee Statuen formte. Allerdings erzählten sich die Dämonen in der Hölle, dass die Seele selbst in ihrem ewigen Gefängnis noch die Kälte fühlte.

Den Norden nannten die Dämonen die Grenze der Hölle, weil sie sich so jene hässliche und kalte Himmelsrichtung vorstellten, die zwar aus dem brennenden und stinkenden Sheol hinaus, aber nicht nach oben in das Paradies führte.

Trotz seines Rufes trieb es immer wieder Dämonen in den Norden hinaus. Es war ihre persönliche Angst, der Horror der Hölle mit der sie nicht fertig wurden. Sie hofften einen Ausweg zu finden und glaubten selbst die Gerüchte, dass der Norden in andere Welten führte. Frei vom Himmel, der Hölle und Assiah, einfach weit weg zu den Lichtern in der Ferne, die einige Überlebende gesehen haben wollten. In dunklen Stunden fantasierten verzweifelte Seelen, dass die Lichter zu mächtigen Burgen gehörten, die von Zwergen oder Nordmännern bewohnt wurden. Gekleidet in Rüstungen und Fellen, die sie selbst gefertigt hatten.

Es waren bloß Geschichten, aber dennoch sehnten sich die Dämonen nach den fremden Welten. Denn sie konnten die Hölle nicht lieben, niemand konnte das. Nicht an einem Ort, dessen Macht darauf beruhte in ihrem Leiden von dem Himmel zu träumen.

Nur Angst, Wut oder Verzweiflung konnte jemanden hier raus treiben.

Unter Luzifers nackten Füßen quoll frisches Blut hervor, während er seinen Weg fortsetzte und rote Spuren im Schnee hinterließ. Trotz dessen dass die Kälte versuchte ihn Zentimeter für Zentimeter zu töten, ließ sich Luzifer davon nicht aufhalten. Als das Blut sogar drohte auf Grund seiner Regeneration zu versiegen, hob er nacheinander einen Fuß und schnitt die heilende Wunde wieder auf. Das herausquellende Blut war so heiß, dass es den Schnee verdampfen ließ, als es zu Boden fiel. Luzifer lief mit blutenden Füßen schweigend durch die feindliche Landschaft bis er zur einer Gruppe nackter blauer Felsen. Der Wind hatte sie mit Schnee zugeweht und verknotete die schwarzen Haare. Sie wie auch der dunkle Umhang über den breiten Schultern waren mit schwerem Schnee bedeckt und erzeugten ein bizarres Bild von einem Teufel, gekleidet in Weiß.

Unruhig bewegten sich die schwarzen Augen über die Felswand und sie waren neben den blau angelaufenen Lippen die einzigen Anzeichen, dass Luzifer das Wetter unangenehm berührte.

Erneut fingen die nackten Füße an zu bluten und die rote Farbe breitete sich magisch über den Schnee aus, bis sie die Felswand erreicht hatte. Wo das Blut den Fels traf, stoben helle Funken, deren Glanz so ganz anders war als die eisige Schneehölle der Umgebung. So winzig, selten und rein, dass sie in den pfeifenden Schneewehen untergingen und zur Schande der Welt niemand zugegen war, der ihre Herrlichkeit wertschätzen konnte. Denn die Funken starben, ein tiefen Eingang zurücklassend, aus dem ein Licht schien, dass man weder als hell noch dunkel bezeichnen konnte. Eher als ein Spektrum an Farben, dass an einem Ort wie dem Norden fremd und außerirdisch wirkte.

Vorsichtig und fast zögerlich bewegte sich der Engel, der gegen den Schöpfer des Universums rebelliert hatte, auf die Spalte im Fels zu, aus der das Licht herausbrach. Zaghaft presste sich Luzifer in die Felswand, darauf achtend, dass die scharfen Kanten sich nicht in seinen Körper bohrten. Innerhalb der Höhle spiegelten sich Kristalle an den Wänden und ihre Oberfläche war so glatt, dass Luzifers von Emotionen verzerrtes Gesicht sich darauf spiegelte. In einer Mischung aus Angst, Erwartung und Verachtung ließ er zu, dass das helle Licht ihn führte wie eine Hand, die sich um seinen Arm schloss. Als dunkler Schatten bewegte sich sein Spiegelbild über die gebrochenen Kristalle, weiter in die Höhle hinein.

Im Zentrum des Lichtes wartete ein Engel, eingeschlossen in einem Kokon aus Engelskristall, der scheinbar von der Decke der Höhle herab gespeist wurde. Kurz vor dem Boden, kaum eine Handlänge breit, endete die Spitze unter der sich einsame Schneeflocken sammelten, aber nicht von dem reinen Licht beeinflusst wurden. Trotz der Nähe des Schnees zu dem Engelskristall wirkten das Eis wie ein Eindringling von draußen, während der Engelskristall alles Licht auffing und in die Höhe leitete.

Der Engel in dem Kristall von dem das Licht ausging, schlug die Augen auf sobald Luzifer mit seiner Hand die spiegelglatte Oberfläche berührt hatte. Ein alte Empfindung durchströmte den Teufel, so stechend warm und brennend heiß, dass es ihm Schmerzen verursachte.

„Erster der Gefallenen“, sprach nun die Figur im Kristall. Es hatte ein einladendes Lächeln auf den Lippen, das in seiner Intensität fast grausam wirkte. „Ich grüße dich, wie ist es dir ergangen? Wobei die Frage überflüssig sein sollte, da du in der Hölle weilst.“

„Spotte nicht, du kennst meinen Schmerz.“

Luzifer blickte dem Engel im Käfig in die Augen und seine Finger kratzten an der Oberfläche. Die Gewalt dahinter zeigte keine Wirkung, sondern ließ nur Blut unter den Nägeln auftreten. Außer vielleicht den Gefühlszustand des Höllenfürsten erahnen zu lassen. Durch das dämmerige Licht in der Höhle offenbarten sich Luzifers Augen als solche, die in eine sterbende Sonne geblickt hatten.

Das Wesen im Kristall warf Luzifer seine Verachtung zu. Urteilend richtete es seinen vernichtenden Blick nach unten: „Du bist nicht gekommen, um dein Urteil zu revidieren.“

Die Feststellung hallte durch die Höhle und wurde wie die Lichtstrahlen zurückgeworfen, um schließlich von dem Teufel in Schwarz absorbiert zu werden. Fast schien Luzifer unter dem Druck zu explodieren, dem Wesen ruhig zu antworten und seine Emotionen nicht heraus zu schreien.

„Nein“, antwortete Luzifer leise und in dem Wort lag Bedauern, trotz der Tatsache das beide Anwesenden wussten, wer wen eingesperrt hatte. „Deswegen kam ich nicht.“

„Weswegen dann?“

Verärgert verzog Luzifer den Mundwinkel, viel zu deutlich fühlte er sich an die Machtlosigkeit gegenüber dieses Wesens erinnert.

„Verlangst du, dass ich es ausspreche?“

Die Frage hallte durch den Raum und in der Antwort schwang mit, dass das Wesen über ihm stand.

„Ich bitte darum.“

Noch immer ruhte Luzifers Hand auf dem Spiegelglas, das die Sicht auf den Engel im Kristall möglich machte. Die Stelle erstreckte sich zwischen den Wesen, die sich so ähnlich, so gleichwertig und doch so unterschiedlich waren wie Galaxien durch das Universum bis Luzifer den Augenkontakt abbrach und seine geballte Faust in die Scheibe vor ihm stieß.

Ein Schrei aus Frust, Schmerz und Hilflosigkeit entfuhr ihm, als der Kristall sich in seine Hand bohrte, Knochen splittern und Muskeln wie Sehnen zerreißen ließ. Aber es war nicht der physische Schmerz, der Luzifer quälte. Nicht die giftige Reaktion seines Körpers auf die Scherben des Engelskristalls in seiner Haut. Sondern die kalte Leere in seiner Brust an der Stelle, wo einst sein Zwilling gewesen war.

Zwischen Schmerz und Wahnsinn taumelnd hob Luzifer seinen Kopf und suchte wieder nach dem Blick des anderen Engels.

Den Engel, den er so sehr hasste, wie keine andere Seele in dieser Welt.

„Michael...“

Wie ein Krächzen verließ das Wort seine Kehle.

Verleugnung lag in seinen Augen, als Luzifer sein Spiegelbild in dem Engelskristall betrachtete und dort genau dieselbe Verneinung erkannte.

„Mein kleiner Bruder“, flehte der Teufel den Widersacher an, „...ist...“

Das letzte Wort erstarb auf den Lippen, denn der Fürst der Hölle brachte es nicht fertig vor Luzifel auszusprechen, was sie beide nicht wahrhaben wollten. Stattdessen erklang nur das Rascheln von vier paar Flügeln in der Höhle. Nachtschwarz vor dem Kristall und himmelsweiß dahinter.

-

Nach einer Zeitspanne, die auch die Ewigkeit hätte umfassen können, verebbte der stechende Schmerz und die taube Kontrolle kehrte zurück. Sie eroberte die vor Leid lodernde Seele mit sanftmütiger Leichtigkeit und breitete Kälte über dem Geist des Morgensterns aus.

Schließlich richtete sich Luzifel an sein anderes Selbst: „Jetzt kenne ich immerhin den Grund, warum dein Weg dich zu mir führt. Wäre es nicht so ernst, würde ich dafür auslachen, dass du deinen Schwur gebrochen hast niemals mehr hierher zurück zu kommen.“

In der Stimme des Engels mit den weißen Flügeln schwang Zorn mit und Luzifer senkte seinen Blick. Schamgefühle plagten ihn. Besonders vor diesem Wesen, diesem Teil seiner Selbst, dass er vor langer Zeit hier zurückließ.

„Michael ist der Grund“, flüsterte der Teufel. „Er ist es, der mich hertreibt.“

Der erste Rebell des Himmels hob verwundert seine schwarzen Augenbrauen und überdeckte seine Überraschung über dieses Eingeständnis seines gefallenen Ich mit Spott.

„Eine Gefühlsregung? Tatsächlich. Man sollte meinen, du hättest dies als Teufel inzwischen verlernt.“

Erbittert wurde erwidert: „Warst nicht du derjenige, der beschloss fortan nur noch rational zu denken? Was auch immer du mir vorwirfst, du hast die Grundlagen dafür gelegt. Schließlich hast du vor mir existiert.“

Der Morgenstern zischte erbost seine Antwort und schlug seinerseits von innen gegen das Glas seines Gefängnisses: „Ich werde auch noch existieren, nachdem du lange damit aufgehört hast. Eines Tages komme ich hier raus und werde nehmen, was mir gehört.“

„Nichts wirst du“, stritt Luzifer ab, sein Dasein verteidigend. „Der Schöpfer ist fort, es gibt keinen Grund dich je wieder hinaus zu lassen.“

„Das sagst du nur weil du Angst hast zuzugeben, dass du gegen mich verlieren würdest, Gefallener.“

Höhnisch sahen sich die Ebenbilder an. Wie zwei Seiten eines Ganzen standen sie einander gegenüber. Weder in der Lage sich von einander zu trennen oder ein Einverständnis zu erreichen.

„Niemals“, schwor der Fürst der Hölle. „Ich werde dir weder mein Leben noch Michael überlassen.“

Kalt und grausam blickte der himmlische Rebell auf den Gefallenen Teufel hinab: „Große Worte für jemanden, der unseren Bruder von vorneherein hat sterben lassen.“

„Wer war es denn der sich entschied, Michael nicht zu vertrauen und zu verraten?“, schrie Luzifer nun. „Ihn im Himmel zurückzulassen!“

„Der Himmel ist der beste Ort für ihn!“, rief Luzifel zurück. „Außerdem hatte ich berechtige Zweifel.“

„An wem?“, forderte Luzifer sein Spiegelbild hinaus. „An ihm oder an dir selbst?“

Stille breitete sich erneut in der Höhle unter dem Eis aus und beide hatten im Moment ein und denselben Gedanken. Wie einfach sie doch zu hassen und wie schwer sie zu lieben waren. Zumal auch Michael je der Einzige gewesen war, dem sie diese Liebe geglaubt hatten.

Der Rebell des Himmels zog sich langsam von der Wand des Kristalls zurück.

„Ich weiß immer noch nicht, warum du hier bist, aber lasse dir geraten sein, dass du hier keine Antworten finden wirst. Michael erst recht nicht.“

Luzifer war ebenfalls einige Schritte zurückgetreten und war dabei sich umzudrehen, als die Bedeutung des letzten Satzes begriff. Mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck starrte er den Rebellen des Himmels wie eine Verheißung an.

„Du impliziert, dass es etwas gibt, das sich finden ließe.“

Es löste ein gewaltiges Flattern in seiner Magengegend aus, ein Gefühl in seiner Brust, dass ihm fast schlecht davon wurde.

Luzifels Flügen raschelten und bildeten einen heiligen weißen Kranz um seinen Körper. Selbstsicher verzogen sich seien Lippen zu einem breiten Grinsen.

„Der Herr sprach: Es werde Licht!“

Die zitierten Worte griffen Luzifer an als wären es Schwerthiebe und mit schnellen Schritten setzte er sich daran, diesen Ort endlich zu verlassen.

Zum Abschied blickte er über seine Schulter: „Jetzt kehre dahin zurück, wo du hin gehörst, Morgenstern: In meine Erinnerungen.“
Luzifels Antwort war selbstgefällig, als musste er unbedingt das letzte Wort haben. Auch scherte er sich nicht darum, dass der Fürst der Hölle schon beinahe die Höhle wieder verlassen hatte.

„Ich werde niemals bloß eine Erinnerung sein“, rief der Engel dem Teufel nach. „Ich bin die Vergangenheit, die dich prägt, die Gegenwart auf die du dich konzentrierst und die Zukunft, nach der es dich verlangt.“

Für einen Moment erschien es, als wäre der Himmel tatsächlich direkt hinter ihm, dann verhallte das Lachen im kalten Wind des Nordens und in der Dunkelheit der Schneeebene leuchtete nur die rote Flüssigkeit, die Luzifers blutende Füße zurückließ.

-

Regen fiel gleichmäßig auf die antiken Steine von Machonon, durchtränkte die Straßen bis sich die fallenden Tropfen auf summende Maschinen aus Metall mit den Geräuschen vergangener Schlachten vermischten. Zwar hatte die Armee nach der Verdrängung der Dämonen die Leichen beseitigt, aber an einigen Gebäuden sah man noch die Spuren des Kampfes. Immer noch waren die Spuren des Krieges in den zerfallenen Häusern, beschädigten Mauern und verwüsteten Landstrichen auszumachen. Die Regierung hatte entschieden zuerst das Leben der Bevölkerung zu vereinfachen, bevor sie das Prestige der oberen Sphären reparierte und so langsam verblassten die Schandflecken, welche die Dämonen zurückgelassen hatten.

Raziel roch dennoch das Blut, dass die Straßen getränkt hatte und aus seinen Augenwinkeln sah er die panisch fliehende Bevölkerung. Vor seinem inneren Auge stürzten Engel vom Himmel und Schlachtschiffe beschossen fliegende Lindwürmer mit ihren Kanonen.

Damals hatte sich die Kulisse von den Rauchschwaden weichzeichnen lassen. Nun erhoben sich stattdessen die metallenen Türme des siebten Tores scharf vor dem schwarzen Nachthimmel ab und waren die einzige Verbindung zur Gravitation, nachdem die Geschwindigkeit des Fahrzeugs alle anderen Lichter und Schatten als Streifen vorziehen ließ. Raziels Finger schlossen sich fester um das Lenkrad und des Wagens den er steuerte, glitt in einem weiten eleganten Bogen die Flugbahn entlang. Das Schutzschild leuchtete draußen blass in einem rötlichen Licht, dass sie als Regierungsfahrzeug auswies.

Frachter und andere Verkehrsmittel wurden durch die Verteidigungssysteme seines Wagens zum Anhalten gezwungen, bis sie vorüber gezogen waren. Ein Kribbeln erinnerte Raziel daran, dass er bis vor einiger Zeit noch in genau jenen anderen Fahrzeugen gesessen und die Arroganz der Regierungsvertreter verabscheut hatte. Jetzt war er selbst der Fahrer einer dieser Maschinen mit Sondergenehmigung und wusste den Einsatz seiner Privilegien genau zu rechtfertigen.

Jibril-sama verdient nach diesem Tag Ruhe, dachte Raziel. Sie hat es verdient.

Allerdings sah sie keineswegs müde aus. Unbeweglich wie eine Statue saß sie auf der Rückback, die Beine elegant übereinander geschlagen und die Hände ineinander verflochten, während der schwere Stoff ihres Umhangs von ihren Schultern über den Sitz rechts neben ihr glitt. Ihre blauen Augen waren das Einzige, was in dem dunklen Innenraum Farbe zu haben schien.

Sie leuchteten und Raziel musste seine Fähigkeiten nicht gebrauchen um zu wissen, was sich dahinter verbarg. Aber sie halfen das Bild zu verdeutlichen. In seinem Geist glitten nach wie vor Bilder von Engeln die andere Engel fraßen, Fetzen von Gestalten, die zwei Gesichter hatten, weil sie einst geschätzte Freunde und jetzt verhasste Feinde waren und nicht zuletzt Jibrils eigene Erinnerungen von Schandtaten, die nach Raziels Meinung viel zu viel nackte Haut beinhalten. Aber wie als erkundeten ihre sündigen Hände einen willigen Körper, tastete ihr Geist an seiner unschuldigen Seele herum, wie es selbst Zaphikel-sama nie getan hatte. Bei seinem Meister und Lehrer hatte er nie so tiefe, so intime Verbindung so zu einem Ort gehabt, der seine Persönlichkeit ausmachte. Wie kaltes klares Bergwasser umhüllte Jibril ihn und drückte ihn an sich bis er glaubte, sie würde ihn wie ein Seeungeheuer aus der Tiefe verschlingen.

Erst als sie vor ihrem Anwesen hielten und Jibril aus der automatisch geöffneten Tür glitt, kam er wieder zu sich selbst.

Raziel fiel zitternd zurück in die Lehne seines Fahrersitzes. Er sah nach unten und bemerkte, dass zwischen seinen Beinen Feuchtigkeit klammte. Beschämt bemerkte er, wie sehr er sich doch gerade geistig vor Jibril-sama entblößt hatte. Oder war sie es gewesen, die sich mit ihrer Erfahrung einfach Zutritt verschafft hatte, ohne dass er sich hinterher vergewaltigt fühlte?

Sicher war nur, dass dies nicht das unschuldige Mädchen mit den braunen Haaren und der reinen Seele war, das er einst in dem geheimen Zimmern entdeckt hatte.

Nein, diese Frau war ein Monster und Raziel verehrte sie genauso sehr, wie er sich selbst dafür verachtete.

-

Schon von weitem schlugen Luzifer die Flammen der Hölle einladend entgegen. Das Eis wurde weniger, stattdessen nahmen nackte Felsen und schwarzer Rauch zu, der schäbig in der Lunge kratzte. Schwefel stieg Luzifer in die Nase und die Winde der Hölle bliesen den Schnee von seiner Kleidung.

Kaum hatte der Höllenfürst den niedrigen Gang betreten, warteten zwei der Satane bereits wie Bienen auf ihre Königin. Rechts und Links umsäumten sie das Tor, das ihren Fürsten direkt in das tiefe Innere der Hölle einlud. Mad Hatter verneigte sich tief und zog ihren Hut vor ihrem Herrn. In der dunklen Halle flammte das Haar im Einklang mit den Fackeln an den Wänden. Astaroth hingegen wartete kerzengerade mit steinernem Gesicht und verschloss den Eingang hinter seinem Fürsten mit den lebenden Dämonen.

Niemand beachtete die Schreie der sich windenden Körper in den Wänden.

Luzifer reagierte nicht auf die Präsenz zweier Satane bei seiner Rückkehr, er war sich der Politik unter ihnen und dem Kampf um die Vorherrschaft bewusst, die seine Rückkehr angezettelt hatte.

Stattdessen forderte Luzifer: „Ich verlange nach meiner Braut.“

Chapter Text

Die Warnglocke schallte durch die Gänge des Gefängnisses um anzukündigen, dass gerade ein Tor geöffnet wurde und die Wachen ihre Waffen am Anschlag hatten um jeden zu erschießen, der es wagen würde zu fliehen. Doch da dieses Gefängnis für die meisten eher eine Zwischenstation war, dachten die Häftlinge auf dem Hof nicht daran ihren temporären Aufenthalt durch Verletzungen oder gar dem etwaigen Tod durch eine Dummheit zu verlängern. Sie warteten alle entweder darauf dem Richter vorgeführt, entlassen oder in ein schlimmeres Gefängnis verlagert zu werden. Keiner wollte sich sein Leben schwerer machen, als es sowieso schon war.

Dennoch waren immer ein paar Insassen auf Ärger aus. Während die Unglückseligen aus dem einfach Volk ihre Köpfe duckten weil sie lediglich hier waren, weil sie sich beim Klauen von Lebensmitteln hatten erwischen lassen, spannten die klügeren und gebildeteren Köpfe ihre Rücken an und betrachtenden den Neuankömmling eingehend. Es war unmöglich an ihm vorbei zu sehen, denn er wurde gleich von vier Wachen durch das geöffnete Tor hereingeführt und eine ungesunde Spannung lag in der Luft. Sogar den dummen und streitlustigen Wiederholungstätern fiel auf, dass sich die Pistolen ausnahmsweise nicht auf sie, sondern auf den Neuankömmling richteten.

Augenscheinlich, dass der rothaarige Häftling gefährlich sein musste.

Regungslos und gebannt warteten die Häftlinge. Eine der Wachen kniete schließlich vor dem Neuen nieder, um ihm die Fußfesseln abzunehmen. Leichte Unruhe breitete sich aus, als zwei der Wachen ihre Pistolen zogen und sich im Gleichschritt rückwärts bewegten, die Mündung immer auf den Häftling gerichtet, während die Handfesseln entfernt wurden. Kaum, dass das Klacken ertönte, spurteten die Wachen in Formation zum Tor zurück, dass sich unter demselben Lärm wieder schloss und die regulären Insassen mit dem Neuen alleine ließen.

Minuten vergingen, ohne dass jemand wagte sich zu rühren.

Nur der neue Häftling tat es, weil er seine Handgelenke rieb und die Schultern kreisen ließ, um offensichtlich die Steifheit loszuwerden und seine Bewegungsfreiheit zurück zu gewinnen. Schließlich schien er zu stutzen, denn er legte den Kopf schief. Dabei fielen ihm die Haare aus dem Gesicht, sodass der Blick auf die Binde vor seinen Augen frei war.

Trotzdem durchbrachen erst die Worte des Neuen die Anspannung der Wartenden:

„Der Stille nach zu urteilen hat man mich wohl einem Drachen vorgesetzt“, sprach er und in der Stimme schwang für einen Blinden unangebrachte Heiterkeit mit. „Falls dem nicht so ist, bringt mich jetzt weder jemand in die Kantine oder ich fresse den Ersten, der mir wie ein Drache erscheint.“

Erstaunlicherweise fand sich tatsächlich jemand der lachte und sich als Drache anbieten wollte. Weniger überraschend war die Erkenntnis, dass der Freiwillige ein Ex-Militär war.

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„Also Haniel, in welchem Regiment hast du gedient?“, fragte Azer zwischen zwei Bissen, nachdem er endlich in die Kantine und mit etwas Essbaren auf dem Teller einen Tisch gefunden hatte.

„Woher nimmst du an, dass ich gedient habe?“, fragte der Häftling amüsiert, der sich freiwillig als Drachenfraß gemeldet hatte.

Azer antwortete gelassen: „Ganz einfach, weil nur Militärs der Grenze über den Witz mit dem Drachen lachen können. Außerdem mag ich zwar nichts sehen können, aber glaubst du ich bemerke die Gangart und deine Haltung nicht? Abgesehen davon, dass die anderen Insassen dich meiden wie der Adel das einfache Volk?“

„Gut, du hast ja Recht. Ich habe gedient, ist aber schon eine Weile her.“

Allerdings nicht lange genug um zu erkennen, dass der neue Häftling von seiner Augenbinde kaum beeinträchtigt wurde, sodass sie entweder bloß Zierde für schon ewig blinde Augen war oder zur Unterdrückung von gewaltigen Astralkräften diente.

Für einen Moment rutschte Haniel unruhig auf seiner Bank hin und her, während er Azer schweigend beim Essen zusah. Einst war er Teil der Truppenversorgung gewesen und hatte die Frontlinie immer gerne besseren Kämpfern überlassen.

So Leuten wie dem Neuem.

Haniel erkannte eine astrale Aura, wenn er sie sah und die von des Neuen lag schwer in der Luft, ganz gleich ob er gerade lachte und Witze machte. Sie verleitete dazu nicht mit Ja sondern mit Sehr Wohl oder Natürlich Boss zu antworten. Ein Reflex, den man in der Armee erlernte und erst wieder ablegte, wenn man zur Führungsspitze gehörte. Natürlich kannte Haniel Geschichten und Legenden sowie die üblichen Träume der Soldaten, aber angeblich hatten es nur eine handvoll Engel tatsächlich so weit gebracht.

Trotz seines Mutes auf dem Hof gelacht zu haben erkannte Haniel nun wie dumm er mal wieder gewesen war. Er hätte wie die anderen Insassen schweigen und nicht vergessen sollen, dass sie alle einen guten Grund hatten, hier zu sein.

Nach dem Tod des Heerführers waren Diskussionen darüber ausgebrochen, wer den Posten wohl übernehmen würde, wenn er denn noch einmal vergeben wurde und Haniel kannte alle potenziellen Namen. Besonders hier im Untersuchungsgefängnis verbreiteten sich Nachrichten rasch. Viele Offiziere versuchten ihre Rivalen jetzt auszuschalten und jedes Mittel war Recht wenn es darum ging, in den Rängen aufzusteigen.

Allerdings war ‚Azer' unter den Namen der Konkurrierenden nicht aufgetaucht. Zusammen mit der Tatsache, dass er gerade erst in dieses Gefängnis gebracht worden war …

Nicht von draußen also, überlegte Haniel und entspannte sich ein wenig. Gegen einen Kameraden hier drinnen habe ich nichts einzuwenden, aber die Himmelspolitik kann mir gestohlen bleiben.

Leise drang Azers Stimme an sein Ohr:

„Du hast mir immer noch nicht gesagt, in welchem Regiment du gedient hast. Oder warum du hier in einem öffentlichen Gefängnis sitzt und nicht direkt in der Armee bestraft wurdest.“

Haniel lief ein Schauer über den Rücken. Dies war die Stimme eines ungeduldigen Kommandanten, der damit drohte einem die Hose in Brand zu setzen, wenn in den nächsten zwei Sekunden nicht die Antwort kam.

„Ich … ich war bloß … dumm und feige … und“, stotterte Haniel und bemerkte entsetzt, dass Azer seinen Kopf in seine Richtung gewendet hatte. Sicherlich, vielleicht hatte er bloß bestimmt von wo die Stimme kam, aber dennoch schien Azer ihn anzusehen. Durch die Augenbinde hindurch, direkt hinunter auf seine Seele bis hin zu den Sünden, die er aus Feigheit begannen hatte und es gab in der Armee des Himmels keine größere Schande. Schließlich ließ Azer von ihm ab, um sich wieder seinem Essen zu widmen und die knisternde Spannung zwischen ihnen sank wieder. Das Herz raste dennoch wie wild in Haniels Brust.

„Ich werde dich nicht zwingen es mir zu sagen“, sprach Azer leise.

„Warum nicht?“, wollte Haniel wissen.

„Weil ich meine eigenen Geheimnisse habe, die ich ebenfalls mit niemanden teilen will.“

Haniel hatte sich noch nie so dankbar gefühlt. Die Entlassung aus der Armee war schlimm genug gewesen. Er wollte nicht auch noch von der einzigen Person gemieden werden, die bisher noch nicht von seiner Vergangenheit wusste. Wenn auch Azer wahrscheinlich viele Jahre in einem dunklen abgeschiedenen Loch verbracht haben musste, um zu der Armee zu gehören und nicht von Haniel zu wissen.

Er weiß es nicht, schoss es Haniel durch den Kopf. Wenn ich Glück habe, werde ich vielleicht ja nicht einmal dabei sein, wenn er es erfährt.

Zum Überleben in der Armee gehörte dazu, dass man seinen Kopf benutzte. Haniel konnte sich ausmalen, warum man einen Langzeithäftling entlassen würde, bei dem selbst die trainierten Wachen vorsichtig waren. Die unruhigen Zeiten erforderten es schlichtweg. Da ließ man sogar Monster frei und Verräter am Leben.

-

Kräftige Hände mit Hornhaut an den Fingerkuppen glitten über die Tastatur. Der flackernde Bildschirm erleuchtete den Raum und in den dunklen Augen reflektierten sich die Silhouetten der Piloten am Steuer.

„Befehl: Zugriff auf das Logbuch.“

Eine Lampe am Computer leuchtet auf und ein grüner Laser scannte die Augen, ehe die Freigabe erteilt wurde.

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„Identität: Gewalt Lt. Gen. Meachuel“

Sofort folgte die holographische Frage, wie der Eintrag aufgenommen werden sollte. Noch von dem Licht des Lasers geweitet, huschten die Augen wieder zu dem offenen Durchgang zum Cockpit. Auf diesen Schiffen gab es so gut wie keine Privatsphäre.

„Eingabe: Spracherkennung, Lippenerkennung.“

Die Engel kaum ein paar Meter entfernt waren keine schlechten Soldaten. Aber Vorsicht sicherte das Überleben.

Stumm bewegten sich Meachuels Lippen, wissend, dass es zu dunkel war, um für das bloße Auge eines Außenstehenden erkennbar zu sein. Es würde im Halbdunkeln nichts zu sehen sein, außer einem Kommandanten, der Selbstgespräche führte.

„Neuer Eintrag. Status: Privat.“

Der Text erschien verschlüsselt auf dem Bildschirm des Hologramms. Wartend blinkte der Balken, der den Prozess des Eintrags anzeigte.

Meachuel schluckte und kämpfte gegen seinen trockenen Hals an. Niemand zwang ihn es laut auszusprechen, niemand würde seine raue Stimme vernehmen und dennoch fiel es ihm schwer seine chaotischen und eher abgerissenen Fetzen ähnelnden Gedanken in klare strukturierte Sätze zu fassen.

Er begann mit der Einstiegsübung dem Computer zu sagen, wo er sich befand.

„Bestimmung des Standorts“, verließen die ersten Worte strauchelnd seinen Mund.

„Himmelskoordinaten: Flug über die sechste Sphäre in Gottesrichtung, minus 1431 Flügelspannen vom Zentrum der Schale entfernt.“

Mit Schmerzen in der Brust - so heftig, dass Meachuel die Augen tränten - fuhr er fort.

„Reiseziel: Vierte Sphäre in Gottesrichtung, Soldatenstadt ... Tempel der Heiligen.“

Zerrissene Lippen zitterten, dass selbst der Computer keine erfolgreiche Spracherkennung mehr daraus formen, geschweige denn Laute aufzeichnen konnte.

Es brauchte Meachuel mehrere Versuche, um die Worte auszusprechen.

„Dieser Tag hätte nie passieren dürfen“, sprach er zu sich selbst und wiederholte den Satz leise. „Er hätte nie passieren dürfen.“

Seine schmutzigen Fingerkuppen vergruben sich in dem kurzen wüsten Haar, das sich anfühlte, als wäre es seit längerem nicht mehr gewaschen worden. Es juckte unangenehm und die Narben an seinem Körper ziepten. Sein rechtes Auge musste er zusammenkneifen.

In der Spiegelung der Mattscheibe ließ es ihn hässlich aussehen.

„Alt. Ich bin hässlich, müde und alt. So fühle ich mich.“

Die Narben über seinem Auge gruben sich tief in das Fleisch.

„Ich bin ein Soldat. Ich bin nur ein Soldat“, fuhr Meachuel mit seinem Geständnis fort. „Ich habe immer nur Befehle befolgt und ich fühle mich jetzt schlecht deswegen. Solange es unseren Feuergott gab, hatte ich Vertrauen. Seelenlose Dämonen haben mir ihre Klauen an die Kehle gehalten und ich fühlte nichts. Jetzt ist alles in Asche aufgegangen.“

Stiefel mit Stahlkappen fanden ihren Weg auf den Sitz mit dem ausgeblichenen und kaputten Leder und hinterließen Dreckspuren darauf.

„Der Himmel beklagt jetzt ihren Wächter und ich höre die Stimmen tief aus der Hölle rufen. So oft bin ich schon hinein gegangen und wieder empor gekommen, weil das Feuer hinter den Schwefelwolken auf mich wartete. Aber wie oft wird es mir noch gelingen, wenn es dunkel ist und mir im Licht der blutbesudelten Dämmerung niemand den Weg leuchtet?“

Die Zukunft bezweifelnd, verengten sich Meachuels Augen in der Dunkelheit. Im Inneren des Flugzeugs war das einzige Licht die Anzeigelampen der technischen Geräte, doch was bisher vor geraumer Zeit sein Zuhause gewesen war, wirkte nun wie eine hungernde Gruft.

„In der Luft liegt eine unangenehme Spannung“, sprach Meachuel zu sich selbst, erwartete aber praktisch, dass jemand ihn und seine Gedanken ausspionierte.

„Wie ein Knistern, dessen Funken zu erwarten sind und die Explosion eine Sehnsucht ist.“

Soldatenstadt kam ihm in den Sinn, gefüllt mit Kriegern und kampfeshungrigen Engeln. Ein Ort, der vor sich hin kroch wie ein Ameisenhaufen und für den Hohen Rat auch nicht mehr Bedeutung einnahm, als aufopferungsvolle Arbeiter im Dreck.

Mit einem Blick in die Ferne, dachte Meachuel an Soldatenstadt, Die Heimat der Armee im roten Sand auf der ewigen Ebene, wo der Sonnenaufgang immer hinter dem Horizont wartete und wo man an windigen Tagen die schwefeligen Gerüche aus der Hölle in die engen Straßen getrieben wurde.

„Nicht, dass ich es für möglich gehalten hätte, aber das Leben hält den Atem an. Keiner wagt sich, sich zu rühren.“

Sich in seinem Sessel zurücklegend, saugte Meachuel nachdenklich an einem Finger. Wie auf einer mit Mohn bewachsenen Wiese nuckelte er den eingebildeten Honig der Bienen. Aber nicht goldene Farben schwebten durch seine Gedanken, sondern rotes reiches Blut.

Vor sich sah er seinen Gott wieder und wieder in Flammen aufgehen.

„Warum atmet der Himmel nicht?“, fragte Meachuel sich selbst.

Nur seine gebrochene Stimme verriet seine Verzweiflung.

Niemand wollte der erste Tote sein.

-

Hinter den geschlossenen Gefängnismauern verlief der Alltag in der Regel so, dass die Wachen sich nur um die Häftlinge bemühten, wenn sie versuchten auszubrechen. Mit ihren entsicherten Waffen patrouillierten sie auf den hohen Mauern und waren bereit, mit einem gezielten Strahlenschuss jeden Flüchtling in Atome zu verwandeln. Dem Gesetz nach durften schwere Handfeuerwaffen in den Ballungsräumen des Himmels nicht einmal getragen, geschweige denn verwendet werden. Aber an Dämonen fanden sie durchaus ihre Anwendung und für die Gefängniswachen galt eine Sondergenehmigung, weil einst die Leitung beschlossen hatte, dass jeder Verurteilte als potenzieller Dämon angesehen werden konnte.

Für die Wachen ein Thema, das höchstens mit einem Schulterzucken beantwortet wurde.

Unter den Häftlingen jedoch steigerten das Flugverbot und der drohende Tod die Aggressivität.

„Na, hast du Angst?“, meinte einer der Langzeithäftlinge herausfordernd zu Haniel. „Oder das solltest du zumindest. Warum sonst versteckst du dich hinter dem Rücken eines Blinden?“

Mit seinem größeren schweren Körper hielt er Haniel zwischen sich und der Wand gefangen. Verzweifelt, aber erfolglos versuchte Haniel den Engel von sich wegzudrücken, aber sein Angreifer machte sich bloß einen Spaß daraus, sich weiter gegen ihn zu lehnen.

Nicht zum ersten Mal verfluchte Haniel seine kleine magere Gestalt. Dass ihm deswegen immer noch die Aushilfsarbeiten blieben, daran hatte er sich gewöhnt. Aber seit er hier im Gefängnis saß, hatten die Übergriffe von größeren, stärkeren und gemeineren Engeln einen groben Touch angenommen.

„Halt die Schnauze“, fauchte Haniel deswegen großspurig zurück, weil es die einzige Waffe war, die er besaß. „Du hättest es nicht nötig mich anzugreifen, solange ich alleine bin, wenn du nicht genau wüsstest, dass du Azer nicht besiegen kannst.“

Haniel grinste, als er die Wut seines Angreifers sah. Es war immer einfach, sich gegen solche Bauklötze zu verteidigen, wenn man mit einem Namen prahlen konnte. Nicht die sauberste Methode, um am Leben zu bleiben, aber für ihn die Einzige.

„Was ist, Ochel?“, konnte Haniel es nicht lassen zu sticheln. Diese kleinen Momente, in denen er ein bisschen Macht genießen konnte, waren selten genug. Viel zu schnell fing er wieder an zu stottern, wenn Ochel klar werden würde, dass er immer noch der Stärkere war.

„Kleiner Wichser“, schrie Ochel auch schon auf und donnerte Haniels Kopf brutal an die Wand. „Findest es wohl witzig die dicke Hose zu machen, nur weil du jede Nacht von dem Blinden von hinten gefickt wirst.“

Schmerz fuhr pochend durch seinen Kopf und helle Lichter tanzten vor seinen Augen. Aber trotz seines beschissenen Lebens im Gefängnis hatte Haniel nicht vergessen, wo er herkam. Wenn er bei Überfällen Dämonen durch die Fahrertür ins Gesicht spucken konnte, dann würde er sich nicht von einer drittklassigen ehemaligen Weißen Garde zum Fahnenträger degradieren lassen.

„Ach, neidisch?“, kotze Haniel zurück, obwohl Ochel ihm inzwischen die Luft abzudrücken begann. „Soll ich einen Termin für dich ausmachen?“

„Ich mache dir gleich selber einen!“, schrie Ochel erbost auf.

Im nächsten Moment merkte Haniel, dass er zu weit gegangen war, denn Ochel begann an seiner Hose herum zu reißen. Haniel trat panisch aus, verfehlte aber das Schienbein, als er am Hals in die Luft gehoben und mit Gewalt an die Wand gedrückt wurde. Von Angst ergriffen, begann Haniel sich heftiger zu wehren. Schließlich wusste er, dass alles vorbei sein würde, sobald Ochel ihn mit dem Gesicht woran an die Mauer pressen würde, um nicht gebissen zu werden.

„Kackstiefel“, fluchte Haniel, die einzige Beleidigung, die ihm einfiel. „Du dürftest nicht mal Dobiel die Handtücher halten mit denen er Sevothtarte den Arsch abwischt, wenn er noch leben würde.“

Leider war Ochel mit genügend Intelligenz gesenkt, um ähnlich beleidigend zurück zu schießen: „Fresse halten, Sonntagsfahrer.“

Es waren lediglich drei Worte, die Ochel da aussprach, aber es waren die drei Worte. Drei Worte, für die Haniel sich ewig hassen würde. Sie waren das Letzte gewesen, was er je von seinem Boss gehört hatte, ehe dieser blutend in dem neuen Ansturm von Dämonen vorstand.

Tobend und wie jeder Soldat der Armee derzeit trauernd, wehrte Haniel sich so heftig wie er konnte.

„Heuchler“, schrie er, als Ochels erste Faust ihn traf. „Du hast dir doch noch nie im Leben die Finger schmutzig gemacht!“

Bald folgte der zweite und dritte Schlag. Alles woran Haniel im Angesicht der größeren und stärken Todesgewalt vor ihm denken konnte war, dass immerhin die Vergewaltigung vom Tisch war. Obwohl Ochel selbst eine Leiche ficken würde, wenn es ihm passte. Es fetzte noch einmal, sodass Haniel schwarz wurde. Während er halb ohnmächtig zu Boden taumelte, versuchte mit offenen Augen auf den vernichtenden Schlag zu warten.

Doch er kam nie.

Stattdessen hörte er Ochel schreien.

Mehrmals erklang seine Stimme schrill, während der andere Angreifer sein Werk stumm zu erledigen schien.

Als Haniel sich aus altem Reflex heraus zuerst auf die Füße raffte und erst danach die Augen öffnete um zu sehen, wohin er fliehen musste, bemerkte er das Blut zu seinen Füßen. Vor seinen Schuhen lag ein abgetrennter – nein, abgerissener Arm und ein paar Schritte weiter der Rest von Ochels Körper. Blut war an die Wände gespritzt und auch Azers Kleidung war voll davon.

Unbeabsichtigt zerquetschte sein Retter Ochels heraushängende Organe unter seinen Füßen, als er durch die Schweinerei auf Haniel zustiefelte.

„Bist du in Ordnung?“, fragte Azer, während er sich seine dreckigen Hände an der Hose abwischte.

Haniel nickte stumm, bis ihm einfiel, dass Azer dies unmöglich wahrnehmen konnte.

„Ja, klar. Nichts kaputt gegangen“, meinte er und zog den Reißverschluss seiner Hose so leise wie möglich wieder hoch.

„Gut“, sagte Azer und fasste Haniel an den Nacken.

Die Finger verblieben dort kurz, sodass Haniel unmöglich seinen rasenden Plus verbergen konnte. Die Vorsicht in der Geste brachte ihn mehr aus der Fassung, als es Ochel getan hatte. Vielleicht war es auch der Fakt, dass Azer mit derselben Hand über den Nacken strich, mit der Ochel ohne zu zögern den Arm abgerissen hatte.

„Kriegen wir deswegen Probleme?“, fragte Azer, als er Haniel wegführte. Eine Hand immer noch an dessen Nacken und die andere vage in Richtung des Blutbades deutend.

Als Antwort kamen Haniel die Verbote einen anderen Engel zu töten in Sinn und die Regeln des Gefängnisses, aber es schien nicht so, als dass sich Azer dafür interessieren würde. Die Gesetze waren ihm gleichgültig. Eher wollte er wohl wissen, ob es jemanden gab, der Ochel vermissen würde.

„Nein“, versicherte er seinen Retter deswegen, berührt davon, dass Azer Ochel nur getötet hatte, um Haniel seine Loyalität zu beweisen.

Zumindest war dies seine Vermutung und Haniel wollte nicht nachfragen, um vielleicht das Gegenteil bestätigt zu bekommen.

„Perfekt“, hörte Haniel Azer sagen. „Dann lass uns was essen gehen. Ich habe immer noch Hunger und viel anderes kann man hier ja auch nicht tun.“

Er musste seinen Blick nicht von dem Fußboden nehmen um zu wissen, dass sein Retter gerade das breite Grinsen drauf hatte, das bei ihm Normalzustand war. Während Haniel Azers fröhliche Triade über das Für und Wider von Gefängnisessen über sich ergehen ließ, wanderten seine Augen zurück zu dem kleiner werdenden Blutfleck im Gang. So froh er darüber war, noch am Leben zu sein - Haniel konnte eine gewisse, instinktive Furcht nicht verhindern. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter, während Azers warme Körper sich an seinen drückte.

Was er sich nicht traute, sondern stattdessen bloß in seinem Kopf auf einer Suche nach einer Antwort auseinander pflückte, war die Frage, ob Azer Ochel mit Absicht so zugerichtet oder lediglich seine eigene Kraft nicht richtig eingeschätzt hatte.

Haniel drehte sich bei dem Gedanken an die letztere Möglichkeit der Magen um.

Willkür des Schicksals hatte ihn um sein Leben gebracht, sagte er sich. Wäre es nicht passend, wenn Willkür auch sein Leben beenden würde?

 

Chapter Text

Soldatenstadt war ein merkwürdiger Anblick. Nicht viele Fremde bekamen diese Stadt je zu sehen. Bis auf ein paar unglückliche Botschafter, die beim Auslosen die kürzere Feder gezogen hatten, waren es lediglich blutjunge Rekruten, welche je aus den inneren Zirkeln hier an den Rand der Schalen gebracht wurden.

Der Anblick war erschreckend und fernab von allem, was die meisten Engel je als Himmel und Heimat definiert hatten. Anstatt der kalten, einengenden Stahlbauten, die unendlich in die Tiefe und Höhe ragten, wurde der Rekrut mit einer niemals vergleichbaren Fläche an Land konfrontiert.

Von harmlosen Anbauflächen bis zu lebensfeindlichen Steinwüsten ragte der Boden vom Himmel in die Hölle.

Sofern man den Mut dazu hatte, weit genug zu fliegen.

-

Inzwischen hatte sich Meachuel wieder auf der Kommandobrücke eingefunden. Sie hatten ihren Zielort erreicht und er war froh, auf dem großen Bildschirm wieder die vertraute rote Wüste unter sich zu sehen. Hinter den Bergen stiegen gelbe Schwefelwolken in die Luft, von der Hölle nach oben getrieben und würden Soldatenstadt in wenigen Stunden in einen Dunstnebel hüllen.

„Kommandant, das Geschwader VI-X erreicht nun die Stadtgrenze. Die Transporter der Reihe DY-245 bis HB-1200 haben bereits mit dem Landeanflug begonnen“, informierte ihn der zweite Navigator.

An Bord eines Schiffes dieser Klasse war ein zweiter Pilot Pflicht, da neben der Steuerung auch die Koordinierung kleiner Schiffe von der Brücke aus geschehen musste. Meachuel stellte sich zu seinem Offizier für Kommunikation und betrachtete die holographischen Anzeigen auf dem Radar, das in den Computer eingelassen war, der in der Mitte der Brücke stand und aus praktischen Gründen in Form eines flachen Tisches konzipiert worden war. So ließen sich sämtliche Anzeigen als dreidimensionales Hologramm für alle Crewmitglieder auf der Brücke darstellen, ohne im Gefecht auf wichtige Sekunden der Orientierung verzichten zu müssen

„Sehr gut. Fliegen sie Nebula zurück zur Basis Aratic One“, befahl Meachuel. „Ich will außerdem eine Videoverbindung zu dem stellvertretenden Flottenadmiral.“

„Natürlich, Kommandant“, antwortete der Pilot nickend und korrigierte seinen Kapitän nicht, als er Camael lediglich als Stellvertreter bezeichnete.

Aus dem Computer vor ihm schoss ein Lichtstrahl und tanzende Punkte fügten sich in Sekunden zu einem Bildschirm auf Meachuels Augenhöhe zusammen. Die Verbindung flackerte ein wenig, ehe Camaels Gesicht erschien. Das blinde Auge blinzelte ausdruckslos, während das andere ihn nach wenigen Sekunden scharf fixierte.

„Ja?“, fragte Camael kurz angebunden und setzte sich damit komplett über das ohnehin schon von der Himmelsarmee ruinierte Protokoll hinweg.

„Ich habe als erster Kommandant eines Geschwaders wieder die Basis erreicht. Im Moment beginnen wir mit dem Landeanflug“, begann Meachuel mit seinem Anliegen.

Seine Gedanken zogen sich langsam aus dem Dreck, den die vorherigen Ereignisse bei ihm hinterlassen hatten. Für die Zukunft zu planen war nun entscheidend und einige der nächsten Schritte konnten leicht von einem schwierigen Unterfangen in ein bedenkliches Risiko ausarten.

„Bis alle Geschwader wieder ihre Positionen innehaben, sind die Kapitäne und die Mannschaften beschäftigt. Auch sind noch für drei Standardwochen die Dienstpläne gefüllt, aber danach endet die Einteilung für den Bereitschaftsdienst und die Verteilung der Rationen auf die äußeren Stützpunkte wurde trotz des Überfalls und seiner tragischen Folgen noch nicht beendet.“

„Du erwartest Befehle“, stellte Camael fest.

Ob ihm diese Aussage unangenehm war, ließ sich Camael nicht anmerken. Dennoch stand zwischen ihm und Meachuel, dass die eigentliche Befehlsgewalt in solchen Fällen bei Michael-sama gelegen hatte. Es half nicht, dass sie trotz ihres Altersunterschieds und ihren Erfahrungen im Kampf denselben Rang innehatten. Sowohl Camael als auch Meachuel selbst hatten den höchstmöglichen Rang in der Armee erreicht und waren besonders in Zeiten wie diesen an ihre Aufgaben gebunden.

Für Meachuel bedeutete dies weiterhin sich auf Missionen einzustellen, weil trotz des derzeitigen Ruhezustands Nahrung und Waffen transportiert werden mussten. Zwar war vom Hohen Rat ein Verbot verhängt worden, dass während der Trauerzeit kein aktiver Dienst ausgeübt werden durfte, aber in seinem Kopf begannen sich bereits die Panikrädchen zu drehen, weil einige Basislager dringend neue Rationen brauchten und die Armee sich derzeit weder durch von Hunger geschwächte Kämpfer noch eine Rebellion leisten konnte.

Wenn Michael-sama nicht ausgerechnet bei einem Überfall auf einen Nahrungstransporter getötet worden wäre, dachte Meachuel mit gemischten Gefühlen und unterdrückte den Drang, vor Camael an seiner Unterlippe zu nagen. Obwohl diese Aufgabe durch den Messias-Krieg unlängst schwerer geworden ist, weil sich nur die Satane in die Hölle zurückgezogen und uns Dämonenscharen in den verwüsteten Städten zurückgelassen haben.

Sollte Meachuel je den Engel finden, der diesen vermeintlichen Transporter gefahren hatte und weitergefahren war, anstatt Michael-sama den Rücken frei zu halten …

Meachuel riss sich von seinen Gewaltfantasien los.

„Ich brauche keine Befehle“, meinte Meachuel bissig. „Was ich brauche ist jemand, der mir die Transportrouten absegnet und kontrolliert. Notfalls mir sogar mehr Männer zur Unterstützung bereitstellt.“

„Das wird nicht nur Zeit, sondern auch Sold kosten“, erwiderte Camael.

Weniger ruhig, wie man es von ihm gewöhnt war. Verständlich allerdings, denn Meachuel ahnte die Gedanken, die dem erfahrenen Kommandanten durch den Kopf gingen.

„Dieses Ende werden sie nur schwer verkraften und die Moral unter den Transportern wird einbrechen, je länger wir warten.“

„Außerdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis einer der Satane bemerkt, was kürzlich geschehen ist“, bemerkte Meachuel.

Er stocherte mit Freuden in Camaels Arbeitsgebiet herum, da dieser keine Anstalten zeigte, den Schwerpunkt der Schuld auf die Transportabteilung zu legen.

„Dann wird die Abteilung für Langstreckeneliminierung und defensive Abwehr uns unterstützen müssen, bevor eine weitere Invasion in die Himmelsgebiete die Transportrouten überflüssig macht.“

Mit großer Befriedigung sah Meachuel zu wie, Wut und Empörung in Camaels Gesicht aufflammten. Natürlich bekam ihm die Beleidigung nicht, dass es die L.E.D.A. war, die für das Versagen und ein erneutes Eindringen der Dämonen verantwortlich wäre. Dabei ließ sich statistisch beweisen, dass es immer diese Abteilung war, welche die Verantwortung trug.

„Das wird nicht passieren. Ich melde mich, sobald ich noch einige Dinge erledigt habe“, verkündete Camael aufgebracht und angegriffen.

Zweifellos hatte er Meachuels Seitenhieb so aufgefasst, wie er auch gedacht gewesen war.

„Ihr seid inzwischen für das Kommando verantwortlich, Kommandant“, fügte Camael noch hinzu.

Damit wurde die Verbindung gekappt und das Hologramm fiel in sich zusammen, als der Nachrichtenstrom unterbrochen wurde.

Meachuel bereute seine Worte nicht. Sie waren bloß die Wahrheit. Camael wusste am besten über die Gefahren seiner Abteilung Bescheid. Sie hatte die längste und reichste Geschichte, allerdings auch den häufigsten Kontakt mit Dämonen.

Zwar würde Meachuel sicher seine zusätzlichen Kämpfer für die Transporter bekommen, aber in der Vergangenheit waren jene häufig in der Abteilung für Langstreckeneliminierung und defensive Abwehr gebraucht worden, da es weder eine gestrichelte Linie zwischen Himmel und Hölle noch Zollhäuschen gab. Überschreitungen der feindlichen Linien gehörten für Camaels Abteilung an die Tagesordnung und auch der regelmäßigen Korrektur der Landesgrenzen entkam niemand.

Meachuel rechnete Camael sogar im Stillen hoch an, dass er den Job als dauerhafter Aufseher überhaupt übernommen und solange ausgeführt hatte.

-

Camael versuchte, seine schwelende Wut auf Meachuel zu unterdrücken. Der Bildschirm flimmerte noch leicht und der Computer spuckte Beschwerdemeldungen aus, weil die Verbindung so abrupt unterbrochen worden war. Er wollte und musste sich von dem reizenden Gedanken ablenken, Meachuel herauszufordern und direkt in den Boden zu stampfen.

Stattdessen ließ er sein gesundes Auge über den Horizont schweifen. Ein goldener Schimmer erhob sich am Rand und einige hätten dies als ein gutes Zeichen gesehen. Aber Camael war ein alter Soldat, der alle Zeichen kannte, die die Höllenwinde brachten. Die Zeichen waren Teil seines Lebens und inzwischen gab es keinen Tag, an dem er sie nicht wahrnahm. Besonders schlimm und fragwürdig wurde es für seine Sinne, wenn die Hölle ihre eigene Stimme bekam. An einigen Tagen war sie ein lieblicher Gesang in seinem Hinterkopf und relativ einfach zu ertragen. In anderen Momenten verwünschte er sie, besonders bei fluchenden Anschuldigungen, die seine Schuldgefühle über gefallene Kameraden angriff.

Aber verschwinden würde sie nie. Die Zeit, in der die Hölle nicht in den Köpfen der Engel existiert hatte, war ein vergangenes Zeitalter. Er selbst hatte zu lange an der Grenze gekämpft. Für ihn waren inzwischen die Versprechen der Hölle der größere Feind, als der nie schwindende Storm an Dämonen.

Wieso kommst du nicht zu mir, wisperte die Hölle ihm schon immer zu. Ich gebe dir einen neuen Körper und lasse deine schmerzenden Glieder heilen.

Der Satz war ein endloses Mantra und Camael war dazu in der Lage ihn auszublenden. In hässlichen Schlachten übertönten die Schreie der Sterbenden die Stimme der Hölle und während das Licht der Bomben aufleuchtete und verblasste, vergaß er ihre Existenz sogar ganz. Solange sein Körper zu einer lebenden Waffe wurde, basierend auf den künstlichen Organen in ihm, blieb das Undenkbare ausgeschlossen:

Nachzugeben. Das Angebot der grinsenden Stimme anzunehmen.
Von den Grundsätzen des Himmels abzuweichen.

Alles zu verraten, wofür Michael-sama gestanden hatte.

Aber mit jedem neuen Tag wurde die Last schwerer und die Stimme schmerzlich-süßer. Denn jetzt sang die Hölle ein anderes Lied. Sie pries nicht mehr das Ende seiner Schmerzen.

Jetzt gelobte sie ihm, seinen Herren zurückzubringen.

Sich dessen bewusst, wie gefährlich es war den lieblichen Tönen zu lauschen, fand Camael dennoch nicht die Stärke sich gänzlich davon abzuwenden, als er einen weiteren Video-Kanal öffnete.

Doch anstatt einer einsilbigen Begrüßung meldete sich eine entsetzlich glockenhelle Stimme.

„Willkommen am Rand des Wahnsinns, was kann ich für sie tun?“, kam es aus dem Lautsprecher während die Kamera lediglich den Blick auf eine nichtssagende Wand mit Lageplänen freigab.

„Beniguma“, grollte Camael. „Wo bist du, was tust du und wo bei all den Mächten ist dein Boss?“

Ein extrem junger Engel tauchte grinsend vor dem Bildschirm auf. Man hätte ihn fälschlicherweise für ein Kind halten können, doch die schusssichere Weste und der irre Blick in seinen Augen zerstörten das Bild.

„Ich wünsche Euch einen wunderschönen guten Abend“, schrie Beniguma fast in die Leitung, das Lächeln beibehaltend.

Camael gefiel Benigumas Gesichtsausdruck ganz und gar nicht. Innerlich setzte er ihn bereits auf die wachsende Liste der Leute, deren geistige Gesundheit er im Auge behalten musste.

Der nächste Satz bestätigte Camaels Befürchtungen. Beniguma schnitt schließlich mit einem besessenen Ausdruck im Gesicht das Thema an, das bisher jeder anwesende Soldat vor Camael vermieden hatte.

Doch Beniguma fragte spitzzüngig: „Darf ich fragen wie die Einäscherung verlief? Lasst mich raten: Beschissen.“

„Beniguma!“, fuhr Camael den durch Drogen im Kindeskörper gefangenen und damit einen von Michael-samas Mündel scharf an. „Ich will wissen, wo dein Boss ist.“

Unruhe erfasste ihn und die aufkommende Angst erinnerte Camael daran, dass er für diese Aufgabe nicht gemacht war. Michael-sama hatte Thorongiel vertrauen können. Aber einem alten Soldaten wie ihm war dessen bloßes Wort nicht genug. Dafür war dessen Geschichte betreffend Ungehorsam, Befehlsverweigerung und Spionage zu lang.

„Woher soll ich das wissen?“, schoss Beniguma scharf zurück. „Thorongiel tut doch sowieso was er will. Wer glaubt eigentlich, dass er mir sagt, wohin er immer verschwindet?“

Camael wollte durch die Verbindung springen und Beniguma den Hals umdrehen. Zuerst Maechuel, nun dieser Bengel. Sie taten alle nicht das was sie sollten, sondern widersprachen in den kleinsten Dingen. Dabei hatte die Armee jetzt wichtigeres zu tun, als sich mit Befehlsverweigerung zu beschäftigen.

Für einen Moment wünschte sich Camael, er könnte alle Querdenker abknallen und somit die drohende Rebellion im Keim ersticken.

Allerdings hatte Michael-sama die Art der Video-Kommunikation nicht umsonst mit der Begründung durchgesetzt, dass er der Einzige war, der Richter und Henker sein durfte.

„Gebt mir einen Grund euch zu töten und ich tue es“, rief sich Camael Michael-samas Worte in Erinnerung. „Aber ich bin der Einzige, der die Autorität dazu hat. Merkt euch das, bevor ihr eure Seele zu ewiger Dienerschaft mir gegenüber verschreibt.“

Camael seufzte leise: „Scheiße.“

Einlenkend erinnerte er sich, dass Beniguma nicht mit auf die Bestattung gedurft hatte. Aus ähnlichen Gründen wie sein Boss.

Thorongiel.

Wieder fluchte Camael.

„Scheiße.“

Nach dem Stand der Dinge könnte Thorongiel beschlossen haben in der Hölle Urlaub zu machen und Beniguma wusste es besser nicht zu fragen, wenn er nicht gänzlich eingeweiht war.

Müde und erschlagen sackte Camael auf seinem Stuhl zusammen.

„Hast du wirklich keine Ahnung, wo der miese, kleine Erpresser steckt?“, fragte Camael unverhohlen.

Während der alte Soldat sich dafür schämte diesen – durchaus wahren – Ausdruck zu benutzen, verlor Beniguma zum ersten Mal innerhalb dieser Unterhaltung sein Killergrinsen. Nach aller Überlegung zuckte er bloß mit den Schultern und sah sich in der verlassenen Zentrale um.

„Keinen blassen Schimmer“, gestand Beniguma. „Ich werte die Berichte hier schon ewig alleine aus. Du könntest ihn vielleicht in einem alten Archiv unter lauter Papieren begraben finden oder er schleicht mal wieder durch Regierungsgebäude, aber du wirst ihn persönlich aufsuchen müssen, wenn du ihn sprechen willst.“

Camael könnte auch eine verschlüsselte Zeitungsanzeige aufgeben oder ein Bild von Thorongiels Gesicht an die Wand des Himmelspalastes nageln. Das wäre effektiver als nach ihm zu suchen.

„Scheiße“, fluchte er und fragte sich, warum sich Michael-sama diesen kopflosen Haufen angetan hatte anstatt sich damit zu begnügen, Kreuzworträtsel zu lösen.

-

Beerdigungen waren Geschmackssache. Es gab immer Leute, die keinen Wert darauf legten bestattet zu werden, aber für viele Engel war dies ein symbolischer Akt. Der Himmel verfolgte auf Grund des Mangels an Grund und Boden die beharrliche Strategie alles wiederzuverwerten, was sich verarbeiten ließ. So wurde aus einer grässlichen Zeremonie mit schweren Kreuzen als Grabsteinen und bunten Blumen als Abschiedsgruß ein Traum von Luxus. Engel aus der Bevölkerung strebten dieses Ende an, weil es mehr Erlösung und Ruhe versprach als sie im Leben erfahren hatten. Außerdem wollte nicht jeder sich der schnöden Praxis beugen, wie Restmüll in einem Hochofen verbrannt zu werden.

Für Thorongiel waren Beerdigungen hingegen Alltag. In der Armee unter anderem für die Nachlässe der Soldaten verantwortlich zu sein, brachte eine gewisse offene Einstellung für das Thema mit sich. Schließlich ging nicht immer alles glatt und trauernde Freunde wollten nicht vor einem gigantischen Sarg stehen, weil die Bestatter es nicht fertig gebracht hatten zusammengeschmolzene Körper voneinander zu trennen.

Alles bereits dagewesen und als Unfallversion 721 abgeheftet.

Er fand, dass es da der Zeremonienmeister des Hohen Rates einfacher hatte. Dessen Hofstaat und seine Dienerschaft hatten die ganze fünfte Schale und die Regierungsviertel des übrigen Himmels in Trauerfarben gehüllt. Große Banner in den Farben Michaels hingen von den hohen Wänden. Der Anblick des goldenen Drachen gestickt auf den schwarzen Untergrund trieben ihm Tränen der Wut und der Trauer in sein Sichtfeld. Ansonsten hätte Thorongiel darüber gelacht, dass der Himmel den Tod des ihres am meisten gefürchteten Heerführer und Kämpfers als Anlass empfand, rote Schleifen an ihre Gebäude zu hängen.

Die schwer bewachten Gebäude zerstörten allerdings jeden Anflug von Humor. Der riesige Platz vor dem Himmelspalast war leergeräumt und nur wenige Engel drückten sich im Schatten der Säulen entlang. Über ihnen thronten die hohen Wände des Himmelspalastes wie eine uneinnehmbare Festung. Die riesigen, glatten Blöcke aus Marmor beeindruckten nicht nur die Bevölkerung, sie verhinderten auch jegliches Erklimmen. Die Überwachungskameras an allen Ecken und die Soldaten mit den Gewehren auf dem Dach sorgten für eine lückenlose Sicherheit.

Versteckt in einem überlebensgroßen Busch, den man zu Dekorationszwecken in eine Nische auf der Außenmauer gepflanzt hatte, beobachtete Thorongiel weiterhin die Vorgänge. Im Vergleich zu den üblichen Tagen war der Himmelspalast wie ausgestorben. Der große Aufzug war vorbei, Michael-sama an einem Ort verbrannt, den er nie gesehen hatte und nie betreten würde. Zurück blieb die Leere. So wie der Wind still blieb und die Wolken tief über den Gemäuern der Stadt hingen, war auch die Stimmung der Übergebliebenen. Kaum jemand verließ derzeit die Wohnung, sondern suhlte sich lieber in der Trauer.

Nur ein paar Wachsoldaten, die auf das zusätzliche Gehalt in diesen Tagen scharf waren, hielten in dem Zentrum der niedergeschmetterten Moral die Stellung. Und er selbst natürlich.

Thorongiel hasste seine Arbeitszeiten mit Inbrunst.

Doch anstatt nach Herzesslaune laut zu fluchen, zog er ein Kopftuch über sein Gesicht. Es versteckte nicht nur seine Haare, sondern würde ihn auch vor der Gesichtserkennung in installierten Kameras schützen. Im Schatten des Hauses kletterte Thorongiel langsam und mit Mühe an der Wand bis zu dem nächsten Fenstersims hoch. Auch dort schimmerte leicht das Licht der Alarmanlage in der Scheibe. Dennoch war dies die niedrigste Sicherheitsstufe und Thorongiel war vorbereitet. Mit seinen Zähnen zog er vorsichtig sich seinen schwarzen Handschuh von den Fingern der rechten Hand. Zum Vorschein kam eine künstliche Gliedmaße aus Metall, wo zwischen den Nähten elektronische Lichter aufblitzen.

Schwerfällig setzte Thorongiel seine künstliche Hand an der Fensterscheibe an. Diese zu zerschlagen, wäre einfacher als den Sicherheitsmechanismus zu umgehen. Aber er wollte so lange wie möglich ungesehen bleiben und sich nicht seinen einzigen Zutritt in den Himmelspalast verbauen.

Grün leuchtete es da auf, wo die Hand gegen die Alarmanlage arbeitete. Nach einigen qualvollen Sekunden, in denen Thronogiel es riskieren musste entdeckt zu werden, leuchtete die Fensterscheibe kurz auf, ehe die Alarmanlage für diese und alle umliegenden Scheiben erstarb. Den inneren Hebel zum automatischen Öffnen zu manipulieren, blieb eine Angelegenheit eines vielfach geübten Handgriffs. Mit dem erwartungsvollen Gesichtsausdruck eines kleinen Kindes, das soeben die Keksdose gestohlen hatte, beendete Thorongiel seinen ungewöhnlichen Zutritt in den Himmelspalast und kletterte durch das offene Fenster. Lautlos kamen seine Füße auf dem Teppichboden auf und er folgte dem Lageplan, der er sich schon lange für diesen Fall eingeprägt hatte.

Allerdings hatte es Thorongiel nie ernsthaft geglaubt seinen eigenen Notfallplan umsetzten zu müssen, der tatsächlich den unumstößlichen Fakt des Heerführers beinhaltete. Kurz verschwamm sein Blick, als Thorongiel mit gezieltem Schritt den verwaisten Gang herunter lief.

Ein Beobachter hätte den Ausdruck von Selbsthass in dessen Gesichtszügen erkannt.

-

Über seinem Kopf leuchteten die Lichter der vornehmen Viertel. Auf Grund des Platzmangels und des Zentralismus, der im Himmel herrschte, bauten Engel stets so hoch wie es die Architektur erlaubte. Einige Gebäude erstreckten sich in der Tat über mehrere Schalen hinweg, doch nur einige Engel wurde das Passieren erlaubt. Raphael kümmerte sich in diesem Fall wenig darum, denn sein Weg hatte ihn in die dunklen, verlassenen Straßen geführt. Es stank, Müll füllte die Ecken und die Schwerkraft verursachte ein hässliches Gefühl im Magen.

Dabei hätte Raphael sein weißer Anzug und sein gepflegtes Aussehen eher zu denken geben sollen, denn die Bewohner der Slums beäugten ihn misstrauisch.

„Hey Schönling“, rief einer der Engel ihm zu, der zusammen mit seinen Kumpanen an einer Straßenecke herumhing. „Bist du hier, um es dir besorgen zu lassen?“

„In der Tat“, antwortete Raphael fast freundlich, als er an ihm vorbei lief. „Aber bestimmt nicht von dir.“

Lachen erdröhnte von den übrigen Engeln.

Raphael vergaß sie rasch und schlenderte weiterhin anonym durch die Straßen, bis er vor einem großen, für diesen Teil des Himmels sehr gut erhaltenen Gebäude stehen blieb. Schwer zitterte sein Atem, als er die breiten Stufen zu der offenen Tür hinauf stieg, aus der warmes Licht strömte. Kaum hatte er die großen, heiligen Statuen rechts und links von ihm passiert, erkannte er eine Figur, die am Eingang der Kirche auf ihn wartete.

Im weißen Priestergewand gekleidet, wartete eine rothaarige kleine Frau an der Türschwelle. Langsam ging er vor auf die Knie und kümmerte sich wenig darum, dass dem Schmutz der Straße einen teueren Anzug ruinierte.

„Mahlial-sama“, sprach er und senkte demütig den Kopf. „Ich erbitte um Einlass.“

Die Priesterin sah ihn eindringlich an. Sie durfte diesen Ort nicht verlassen.

„Das kommt ganz darauf an, weswegen Ihr gekommen seid, Rapahel-sama“, sprach sie. „Es existieren nur zwei Gründe, warum Ihr mich aufsuchen würdet.“

Bei dem letzten Satz erklang ihre Stimme zuerst scharf, dann erwartungsvoll.

Raphael kämpfte dagegen an den Kopf zu heben und ihr in die Augen zu sehen.

„Ich bin nicht gekommen, um Euch hier herauszulassen.“

„Schade“, sprach die Priesterin. „Ich freue mich doch schon so sehr auf den Tag, an dem ich Euch Euren ungerechtfertigten Zorn heimzahlen kann. Doch leider zwingt mich der Ort hier zu dem Schwur von Gewaltlosigkeit.“

„Mein Urteil war weder ungerechtfertig noch in Zorn gesprochen. Aber Ihr seid so frei, jederzeit bei einem Gericht Beschwerde einzulegen. Wenn ihr dem Hohen Rat denn zeitgleich erklären wollt, wieso ihr dieselbe DNA wie einer der sieben Satane in euch tragt.“

Mahlial zischte bösartig und widerstand dem dringlichsten Wunsch ihrer zweiten Natur nachzugeben und dem Engel den Kopf von den Schultern zu reißen.

„Wenn Ihr Euer Urteil nicht widerrufen und mich hier herauslassen wollt, was ist dann euer Erlangen?“, fragte sie stattdessen.

„Ich will, dass Ihr Euch auszieht und nackt über den Altar beugt“, beantwortete Raphael die Frage unverfroren.

Zur Antwort veränderte sich Mahlials Stimmung schlagartig. Sie fing offen an zu lächeln und ihre Robe zu öffnen.

„Sagt das doch gleich“, meinte sie. „Zieht Euch raus und kommt doch herein. Ich rufe die Messdienerinnen.“

Damit drehte sie sich um und die weiße Priesterrobe flatterte zu Boden. Dabei wurde der Blick auf Mahlials Rücken frei. Darauf prangte das Tattoo eines Schmetterlings, den man das Satanskreuz genagelt hatte. Raphael war sich darüber bewusst, was es über seine Psyche aussagte, wenn er freiwillig Belials Brut aufsuchte. Aber es verlangte ihm in dieser Nacht nach etwas anderem als Kerzenschein, der durch seine Brokatvorhänge am Himmelbett fiel. Oder nach weichen willigen blonden Frauen, die unter seinen Händen zu formbaren Wachs wurden.

Stattdessen warf er seinen Anzug über die Kirchenbank rechts neben den Eingang und folgte der rothaarigen kleinen Frau mit dem Tattoo.

Chapter Text

Die Morgensonne schwebte galant an den Wolkenkratzern des Himmels vorbei, als Raphael die unebenen Stufen der Kirche wieder herunter stieg. Im Licht des Tages wirkte das Gebäude wenig einladend, sondern alt und rau. Die Gemäuer waren Zeugen seiner Sünden, die er in dessen Hallen begangen hatte. Keine Seele wagte sich um diese Tageszeit nach draußen, um den morgendlichen Patrouillen zu entgehen, die von den nächtlichen Unruhen zurückkehrten. Damit wurde häufig das Blut der Toten auf den Panzerrädern über die Straßen verteilt. Selbst Fleischklumpen fand man zurückgelassen in der Fahrspur liegend.

Raphael drehte sich angeekelt weg, als er dem blutigen Match vorlief. Den Anblick von Blut war er gewöhnt, aber er versuchte sich gegen das Bild der hilflosen Engel der dritten Klasse zu wehren, die von den Geschützen überrollt wurden. Denn sie hatten keine Flügel, mit denen sie hätten fliehen können. Stattdessen rief er den Wind zu sich, sodass sich über der Stadt graue Wolken zusammenbrauten, bis Regen niederprasselte. Widerwillig löste sich das Blut von dem Asphalt, um sich in großen Pfützen um die verstopften Abflüsse zu sammeln. Seine Hosenbeine verfärbten sich dunkel, als Raphael achtlos durch die Lachen schritt, die im Licht der Stadt hellrot schimmerten.

Fortwährend fallende Regentropfen ruinierten seinen Anzug, während Raphael auf seinem Weg jegliches Gefühl für die Zeit verlor.

„Raphael-sama, was tun Sie hier?“, fragte Barbiel, als er schließlich durchweicht und mit einem verklärten Blick vor der Klinik auftauchte.

Besorgt heilte die Ärztin an seine Seite, um ihm ein Handtuch um die Schultern zu legen. Geschickt prüfte Barbiel die Leistung von Raphaels Puls, als ihre Hände über seinen Hals fuhren um ihm die Haare auszuwringen. Nass und feucht klebten sie an seiner Haut, während die berühmten heilenden Hände sie blass und kalt gewähren ließen.

Als er sie nach einigen Minuten ihrer Fürsorge bemerkte, fragte Raphael-sama abwesend: „Welche Operationen stehen heute an?“

„Sie wollen tatsächlich arbeiten gehen“, stellte Barbiel fest.

Keinesfalls wollte sie dies als Frage stellen und suggerieren, dass sie seine Fähigkeiten Entscheidungen zu treffen anzweifelte. Ihr Herr hatte schon in vergangenen schwierigen Zeiten bewiesen, dass er widerstandsfähiger war, als man es ihm zutraute. Außerdem ermöglichte ihm dies sich auf andere Dinge zu konzentrieren, anstatt in einem abgedunkelten Raum in seine Trauer zu ertrinken. Nicht, dass es Barbiel gefallen würde, das Leben anderer so aufs Spiel zu setzen, aber – so sagte sie sich – konnte sie Raphael-sama überwachen.

„In Ordnung“, sagte sie „ich lasse Ihnen die Liste mit den neuen Patienten zukommen.“

Barbiel haderte mit sich, Bedingungen daran zu knüpfen oder ihrem Drang nachzugeben, Raphael-sama überhaupt nicht arbeiten zu lassen. Letztendlich fürchtete sie seine Reaktion, sollte sie ihn zu sehr anzweifeln. Um die merkwürdige Stille zu füllen, begann Barbiel die Kranken aufzulisten, die in den letzten Tagen eingeliefert worden waren. Tod und Krankheit wurden nicht von aufgerufenen Feiertagen aufgehalten.

„Vielen Dank, Barbiel. Das wäre dann alles“, sprach Raphael-sama, als sie geendet hatte.

Die Hand bereits an der Türklinke überkam es Barbiel beim Herausgehen, dass dies der Moment wäre etwas passendes über Michael zu sagen. Die richtigen Worte zu finden war schwer, aber den Alltag wieder aufzunehmen ohne ein Wort über ihn zu verlieren, brachte sie nicht fertig. Auch wenn es eine gängige Praxis im Himmel war, die sich im Ersten Großen Krieg etabliert hatte. Barbiel erinnerte sich gut an Folgen und die Strafen, die man sich für den Engelsnamen eines Rebellen hatte einhandeln können.

Michael-sama verdiente mehr, aber wie brachte sie die richtigen Worte heraus?

„Manchmal habe ich ihn mit Inbrunst gehasst, die mich selbst überraschte“, verließ es ihre Lippen, bevor sie es verhindern konnte.

Zum ersten Mal heute sah Raphael-sama sie aufmerksam an. Barbiel schämte sich für ihre Worte, beschloss nun aber, bei der Wahrheit zu bleiben.

„Es klingt so böse, dies kurz nach seinem Tod zu sagen“, gestand Barbiel. „Aber ich habe mir oft gewünscht, er würde sich bemühen, ein erträglicherer Zeitgenosse zu sein.“

Seltsam, dies rang Raphael ein Lächeln ab.

„Viele werden diese Ansicht teilen. Michael ist nicht ... war nie...“, korrigierte sich der Windengel „...zuvorkommend oder rücksichtsvoll. Eher selbstsüchtig, wütend und unversöhnlich. Ich habe Momenten erlebt, in denen er selbst mir Angst machte.“

„Angst? Ihnen?“, fragte Barbiel.

Raphael-sama kämpfte zwar im Alltag mit Unsicherheiten und mit Furcht, allerdings bloß vor sich selbst. Seine politischen Bewegungen hingegen wurden immer von Bestimmtheit getrieben. Angst kannte sie von ihrem Herrn nicht, nur ruhigen Intellekt.

„Ja. Immer“, löste sich ein Geständnis von den Lippen „Wer Michael nicht fürchtete, hat ihn nicht gut gekannt.“

Natürlich, wenn man das Argument von dieser Seite aus betrachtete …

Sie konnte sich den Angst einflößenden Michael-sama in Erinnerung rufen. Gkleidet in Schwarz, mit langen ungekämmten Haaren und verhüllt in einem rotbraunen Umhang, den man in der Wüste nicht sah, so hatte sie ihn oft nach Jahren bei seiner ersten Rückkehr von dem Grenzland hier angetroffen. Einer dieser Tage, an denen Michael-sama beschloss, nicht ein Fenster weg zu sprengen, sondern die Tür zu benutzten.

Das hatte ihr stets Unbehagen bereitet, weil Barbiel dann immer mit dem Befehl rechte, ihm zu folgen und zurück in den aktiven Dienst berufen zu werden.

Die Militärärztin rettete sich aus dem Büro, bevor sie auch noch dies vor ihrem Herrn beichtete und ihm erzählte, dass sie nicht wusste, was sie in dem Fall dieses speziellen Befehls getan hätte. Sich dem Kommandanten widersetzen, der ihr einst aufgetragen hatte Raphael-sama wenn nötig mit ihrem Leben zu beschützten oder dem Befehl gehorchen?

Erleichterung breitete sich in Barbiel aus. Mit Michaels Tod wurde diese Frage hinfällig.

Jetzt würde sie niemals von Raphael-samas Seite rücken.

-

Gespenstige Stille breitete sich in den Büroräumen für die Angestellten des Himmelspalastes aus. Bis auf die permanent eingerichteten Notfalllichter war die Umgebung nicht beleuchtet und Raziel erschauderte bei dem Anblick der Leere. Er kannte diesen Ort als Lebensraum für eifrige oder überarbeitete Angestellte des Himmelspalastes. Kaum ein Engel konnte sich darauf vorbereiten, dass dieser Ort häufig die Spitze der Karriereleiter bedeutete. Trotz all des harten Arbeitens kam man selten näher an die Hohen Engel heran. Noch immer verwirrte es Raziel, dass inzwischen er selbst als ein Engel mit guten Beziehungen angesehen wurde. Inzwischen verneigten sich vor ihm dieselben selbstherrlichen Beamten, die ihn vor dem Dritten Großen Krieg noch als Schmutz unter ihrem Schuh betrachtet hatten.

Wichtiger war Raziel allerdings das Recht diese Räumlichkeiten zu betreten, wann er wollte. Natürlich war dies nicht sein eigenes Tun. Es war Jibrils Schatten, der für seine neue Freiheit verantwortlich war. Genauso wie für die Verantwortung zu jeglichen erdenklichen Zeit Dokumente besorgen zu müssen, wenn seine Herrin danach verlangte.

Ein unerwartetes Geräusch ließ Raziel von den Akten aufblicken.

„Hallo?“, rief er vorsichtig, die Mittelgänge mit seinen Augen absuchend. „Ist hier jemand?“

Ein Schatten bewegte sich am Rand der Lichtkegel entlang und erstarrte als Raziel seine Frage stellte.

„Brauchen Sie etwas?“, erkundigte sich Raziel und schritt auf den Unbekannten zu, in der Annahme es würde sich dabei ebenfalls um einen Vertreter einer hohen Persönlichkeit handeln.

Während Raziel sich seinen Weg durch die Reihen der Schreibtische bahnte, überkam ihn Argwohn. Der Fremde hatte sich weder bewegt noch geantwortet. Einen Moment lang herrschte vollendete Stille, selbst Raziels Schritte wurden von dem dicken Teppichboden geschluckt.

Bis sich der Unbekannte rasant umdrehte, um im Schatten in Richtung Ausgang zu rennen.

„Stehenbleiben“, forderte Raziel den Flüchtling auf. „Erklären Sie ihre Anwesenheit!“

Dank seiner Ausbildung war es ihm möglich, seine kurzen Beine durch Wendigkeit wett zu machen. Während der flüchtende Engel zudem noch jegliches Licht mied um nicht entdeckt zu werden, konnte Raziel durch die engen Reihen zwischen Büromöbeln an kostbaren Metern gewinnen. Im Zickzack zischte er an Aktenstapeln und Stühlen vorbei, um dem Eindringling an der Tür den Weg abzuschneiden.

Es gelang ihm tatsächlich, Raziel erreichte den Ausgang rechtzeitig.

Doch zwischen den Atemzügen, in denen er instinktiv einen sicheren Stand einnahm, griff Raziel in ein leeres Waffenhohlster. Natürlich.

Er hatte seine Pistole am Eingang beim Wachmann abgeben müssen, weil der Himmelspalast nur Hohen Engeln erlaubte sich innerhalb der Regierungsgebäude zu bewaffnen. In dem Fall schwachsinnig, da Hohe Engel keine Pistole brauchten, um nach Bedarf mutwillige Zerstörung anzurichten.

So stand Raziel nun unbewaffnet da.

 

Entschlossen den Einbrecher trotzdem nicht passieren zu lassen, hob er seine Fäuste und wartete mit Unbehagen auf den unvermeidbaren Kontakt. Ohne seine Dienstwaffe hatte sich Blatt eindeutig gegen ihn gewendet, denn beim Näherkommen erkannte Raziel eine kräftige, hochgewachsene Gestalt. Schultern wurden durch den schwarzen Mantel breiter, der Körper größer und furchteinflößender.

Raziel erinnerte sich in diesem Moment daran, dass er trotz aller hilfreichen Tipps von Zaphikel-sama nie ein Krieger werden würde.

Dass ihm die grundsätzliche Bereitschaft instinktiv Gewalt anzuwenden schwerfiel, wurde wieder deutlich, als der Eindringling seine Offensive mit einem zielstrebigen Faustschlag begann. Die Wucht ließ Raziel am ganzen Körper erzittern, als sein Arm in Abwehrhaltung auf die heran fliegende Faust traf. Sein Körper bot nicht viel Masse, die er als Gegengewicht oder als Basis für irgendeine Art von Widerstandskraft hätte einsetzen können. Er war noch dabei sich zu erholen, als bereits der nächste Schlag folgte. Sowie der Nächste. Und der Nächste. Wütend drosch der Eindringlich auf Raziel ein, der zum Glück genug Zeit auf der Militärakademie verbracht hatte, um seinen Kopf zu schützen.

Leidlich machte er in diesen Sekunden allerdings die Erfahrung, dass seine bisherigen Begegnungen auf Strategien aus einer sicheren Zentrale, Laserwaffen oder Überraschungsangriffen bestanden.

Nie zuvor war er ernsthaft im Nahkampf getestet worden. Nicht gegen einen anderen Engel – der Rachefeldzug für Zaphikel-sama zählte nicht. Dort hatte er immer zuerst geschossen und war nie das Risiko eingegangen, dass seiner Gegner zum Gegenzug kämen würden,

Überlebensinstinkte setzen dennoch ein. Lange Stunden hatte er mit dem Observieren zugebracht, also viel Raziel auf, dass sein Gegner zwar kampferfahren, aber körperlich nicht trainiert war.

Ein älterer Soldat vielleicht, vermutete Raziel. Auch, wenn die Statur und die schemenhaften Gesichtszüge auf eine jüngere Person hindeuteten. Dennoch, er will den Kampf schnell beenden.

Raziel reagierte, indem er seine Haltung änderte. Seine Handflächen formten sich zu Schalen welche begannen, die Fäuste abzufangen und sein Körper passte sich den Bewegungen seines Gegners an, um die Wucht des Aufpralls abzufangen. Fast lautlos trafen sich ihre Hände im Dunkeln. Während Raziel sich darauf konzentrierte, den Kampf hinauszuzögern, erhöhte sich die Aggressivität seines Gegners. Die unterschwellige Wut war tief in den Schlägen zu spüren und immer öfter wurde Raziel an die Wand getrieben. Es ging solange gut, bis er einen Moment länger brauchte, um seinen Bauch zu schützen.

Die Reaktion war anders, als Raziel sie von Training gewohnt war. Mit einem Schlag war zu rechnen, selbst mit einem sehr heftigen Schlag, aber sein Gegner war schnell, aggressiv und ließ keinen Spielraum zu.

Als ihm die Luft aus dem Körper gedrückt wurde, glaubte Raziel anstatt einer Hand Metall zu spüren, aber das mochte auch die Wirkung des Hiebes sein. Blind für einen Moment und desorientiert, wurde Raziel an seinen Haaren herumgerissen und mit dem Gesicht gegen eine harte Oberfläche geknallt. Noch röchelnd und mit Schmerzen in der Kehle wurde er zurück gerissen, ehe die Schreibtischkante wieder auf ihn zuraste. Raziel zählte nicht wie oft sein Kopf auf dem Holz aufschlug, doch jedes Mal glaubte er, dass die Wucht dieses Mal tödlich für ihn enden würde.

„W...öhr...en...itte“, drang es aus Raziel wie ein Winseln hervor.

Sein Gegner hatte innegehalten, aber ihn noch nicht losgelassen. Derzeit legten sich die Finger eines Handschuhs fest um seine Kehle. Von der körperlichen Schwäche, die Raziel vermutete hatte, war nichts mehr zu merken. Gewalt durchfloss die Aura des Unbekannten und sie leuchtete im Dunkeln wie Feuer in der Nacht.

Eine unangenehme Stille breitete sich zwischen ihm und dem gewalttätigen Eindringling aus, der nun klar und deutlich die Oberhand hatte. Raziel rang nach Luft und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Er hoffte einfach, dass sein Gegner ihn jetzt fallen lassen und die Flucht ergreifen würde. Dennoch lösten sich die Finger um seine Kehle nicht.

Stattdessen begann die andere Hand über seinen Körper zu wandern.

In Raziel wurde es kalt. Er hatte nicht mal die Kraft sich zu versteifen. Indessen kamen die Erinnerungen an den Ort seiner Kindheit zurück, wo er wie ein lebloses Stück Fleisch von Händen und Nadeln untersucht wurde.

Mögliche Szenarien stiegen vor seinem inneren Auge auf, als er dichter an den größeren Körper gezogen wurde. Noch immer lagen die Finger strickt um seinen Hals, doch jetzt drückten sie seinen Kopf zur Seite und offenbarten seine Kehle. Während ein Fuß in im Ungleichgewicht hielt und die tastende Hand seinen Körper absuchte.

Sich auf das Schlimmste vorbereitend, hielt Raziel den Atem an.

„Was haben wir denn hier?“, sprach sein Angreifer zum ersten Mal.

Leise zwar, aber klang er eindeutig erfreut. Dabei richtete seine Aufmerksamkeit sich nicht einmal auf Raziel. Der Engel versuchte nach links zu linsen und sah seine Zugangskarte im Licht der Neonröhren schimmern.

Er ist also nicht an mir interessiert, dachte Raziel und begriff seine eigene Erleichterung kaum.

Auch, dass er zu Boden sackte, weil sein Angreifer ihn losgelassen hatte, realisierte Raziel kaum. Eben war seine einzige Angst noch gewesen, was sich die Angestellten über Übergriffe ihrer Vorgesetzten erzählten.

Am Rande bemerkte er, wie der Eindringlich jetzt zu ihm sprach: „Nun, ich sollte mich vielleicht für die Umstände entschuldigen. Aber diese Karte macht den Ärger hier immerhin wett. Zugang Level drei, ich bin entzückt. Sicherlich wird man dir dank deines Zustands schnell eine Neue ausstellen.“

Die Worte durchdrangen nur allmählich Raziels Geist. Über ihm wandelte sich die gewalttätige Aura zurück in etwas, das mit den Schatten verschmolz. Für eine Sekunde erlaubte das Licht ihm einen Blick das Gesicht des Engels über ihm zu werfen.

Entsetzen durchdrang Raziel, als er silbernes Haar vor seinen Augen schimmern sah.

Sevothtarte...?

Unmöglich. Von Angst erfüllt und nicht in der Lage sich zu bewegen, harrte Raziel aus. Er blinzelte, um das Gespenst aus seinen Gedanken zu verdrängen. Nur schwerlich gelang es ihm. Zu tief saßen die Narben in seiner Seele fest.

Jetzt beugte sich der Engel mit Sevothtartes Gesicht über ihn. Der Schuh drückte in seine Magengegend und wieder kam in Raziel die Angst auf, er würde wieder mit Fingern auf seinem Körper rechnen müssen.

„Ich empfehle mich“, flüsterte der unbekannte Engel.

Fremde, bleiche Lippen beugten sich zu ihm herunter und verzogen sich zu einem wissenden, unheimlichen Grinsen.

„Raziel...“

Noch lange blieb ein bitterer Nachgeschmack in seinem Mund hängen, als die Schritte auf dem Teppichboden verklangen und Raziel benommen liegen blieb.

-

Vorsichtig ließ er die Finger seiner gesunden Hand knacken. Das künstliche Metall anstelle seines rechten Arms hingegen summte leise. Die Schaltkreise hatten sich während des Kampfes erwärmt und warteten auf einen weiteren Einsatz. Aber er bezweifelte, dass er nochmal auf unerwarteten Widerstand stoßen würde.

Seine Gedanken glitten zurück zu dem … dem Kind.

Ein bisschen tat er ihm ja schon Leid, ihn so zugerichtet zu haben, aber er würde sich ja schließlich erholen. Das erste Mal war immer hart und der Junge hatte das Glück, dass es nicht auf dem Schlachtfeld gewesen war.

Thorongil betrachtete die Zugangskarte in seinen Händen. Sie war Gold wert. Eine Level Drei, damit waren nur noch die Regierungsmitglieder und die Hohen Engel über ihm. Sehr nützlich und ein unerwarteter Glücksgriffs.

Die Frage war nur: Sollte er sie sofort benutzten?

Seine Zeit wurde knapp, er war bereits entdeckt worden. Wenn es auch unwahrscheinlich war, dass der junge Engel allzu bald aufgefunden werden würde. Aber jemand würde ihn vermissen. Oder ihn finden. Eine Garantie, dass die Karte sofort funktionieren würde, gab es auch nicht. Nein, besser er sah sich das Ding in Ruhe an. Außerdem könnte Beniguma sicherlich die letzten Login-Daten aufrufen oder andere kleine Nettigkeiten, die ihm sagen würden, für wen Raziel arbeitete.

Thorongil warf einen Blick über seine Schulter.

Sicherlich hatte er diesen kleinen Bengel nicht zum letzten Mal gesehen. Der Drang ihn zu entführen und auszubilden war groß gewesen. Hoffentlich begegneten ihm keine Wachen auf dem Weg nach draußen. Ihm war danach, ein paar Kehlen bluten zu lassen. Schließlich waren alte Instinkte nicht leicht in den Griff zu bekommen.

Nie würde „Raziel“ erfahren, wie knapp er dem Tode entronnen war.

-

„Raziel...“, rief eine weit entfernte Stimme seinen Namen „Raziel, wach auf.“

Seine Augen flatterten. Vor ihm tanzten Schatten, in einem kleinen Lichtkegel war eine Frau zu sehen.

„Raziel“, erklang die Stimme nun bestimmter „das ist ein Befehl.“

Mit Anstrengung fokussierte sich sein Blick. Blaue Augen rückten in sein Gesichtsfeld. Augen einer Frau mit Haaren, die so dunkel waren, dass sie dem Nachthimmel oder dem Meeresgrund glichen.

„Jibril-sama...?“

Hände fuhren über sein Gesicht und Raziel schloss die Augen. Selbst als sie seine Kleidung entfernten, reagierte er nicht.

-

Wachsame Stille herrschte, als sich zwei Dämonen vorsichtig ihren Weg zu Fuß über die karge Landschaft bahnten. Hinter ihnen folgte eine kleine Delegation als Wachschutz, doch im Grunde genommen konnten nur die zwei Satane im Ernstfall schnell genug sein, um den spuckenden Lavaseen zu entkommen. Dennoch war das kein Anlass zur Heiterkeit.

Astaroth ging nur mit einem halbwegs sicheren Schritt voran.

Auch Mad Hatter schwieg.

Nicht einmal Spielkarten konnten den Erzdämon ablenken und Streitgespräche zwischen ihnen waren schon lange nicht mehr von ihren Lippen gedrungen. Nur von den deformierten Dienern hinter ihnen war hin und wieder ein Winseln zu hören. Zu so einem Laut hätten sich die Erzdämonen nie herabgelassen, auch wenn ihnen danach zu Mute war.

Der Ort war ihnen unangenehm. Hoffnungslosigkeit schien sie nach unten zu ziehen, sodass fliegen unmöglich war. In der Ferne erklangen immer wieder ein Grollen und ein Stöhnen. Naivere Geister hätten dies für die Bewegungen der Erdplatten gehalten, aber die Erzdämonen wussten es besser. Unter ihnen befand sich die die letzte Schale der Hölle, der Boden von Sheol. Dabei war es keineswegs der tiefste Ort, an dem man gelangen konnte. Nein, sie liefen lediglich auf dem Dach eines Gefängnisses.

Einst hatte Gott die Urdämonen hier eingeschlossen, um anschließend den Zugang zu zuschütten.

Angeblich waren sie fieser und grausamer, als irgendeine andere Seele in der Hölle. Wieder andere Stimmen behaupteten, dass die Urdämonen einst dem Schöpfer geholfen hatten, die Welt zu errichten und wegen ihres verbotenen Wissens eingesperrt worden waren.

Damit sie niemandem davon berichten konnten und der Schöpfer allein regierte.

Soweit die Gerüchte. Nie war jemand freiwillig gekommen, um zu überprüfen, ob sie der Wahrheit entsprachen. Selbst die widerwärtigsten Dämonen und die Satane mieden diesen Ort. Ansonsten hätten sie kaum in der Abwesenheit ihres Lords Luzifer alles daran gesetzt, den Zugang verschlossen zu halten.

Tausende unschuldige Opfer hatte es dafür gebracht. Einen Preis, den die Satane gerne gezahlt hatten.

Astaroth blieb an einer Klippe stehen.

Mad Hatter beugte sich über seine Schulter und blickte auf den See aus Orangen unter ihnen. Er hatte etwas Unheimliches, dass selbst einem Gefallenen die Nackenhaare in Angst aufstellen ließ.

„Ist es das?“, fragte der Hutmacher für seine Verhältnisse fast zaghaft.

Nickend meinte Astaroth: „Weiter will ich nicht gehen. Es muss genügen. Je tiefer wir in die Ebene eindringen, desto dünner wird die Masse zwischen uns und den Titanen.“

Gerne würde Mad Hatter Astaroth nun heftig nickend beipflichten, aber zu so vielen Gefühlen sollte sich ein Erzdämon nicht herablassen. Dennoch hätte sie gerne gewusst, ob Astaroth auch dieses unangenehme Jucken auf der Haut verspürte. Wahrscheinlich nicht. Astaroth schien von diesem Ort kaum aus der Ruhe gebracht zu werden. Also schob der Hutmacher es auf die kürzlichen Berührungen mit den reinen Luftschichten des Himmels, die er im Dritten Krieg eingeatmet hatte. Sicherlich erweckte das jetzt nachträglich alle Instinkte.
Astaroth trat einen Schritt zurück, um Mad Hatter Platz zu machen.

„Ich habe dich hergeführt. Jetzt tu dein Werk.“

„Als ob ich mich so wahnsinnig gut mit Zauberkunst auskenne“, maulte der Hutmacher, begann aber seine Spielkarten zu mischen. „Das war immer Balberos Ding.“

„Einerseits ist das dein ehemaliger Vasal, den wir beschwören sollen und andererseits beruhte Balberos Macht vornehmlich darauf, dass sie die Hälfte ihrer Gefolgschaft selbst geboren hat“, höhnte Astaroth. „Sie hat für alles die Beine breit gemacht. Angeblich hat sie bereits vor dem Fall damit angefangen.“

Immer spitz auf Spötteleien, drehte sich Mad Hatter neugierig zu Astaroth um.

„Glaubst du, da ist was Wahres dran?“, kam die Frage. „Dass sie selbst unseren Herrn und Meister verführt hat?“

Der andere Erzdämon zuckte bloß mit den Schultern.

„Zwar hat Balbero genügend Monster zwischen ihren Beinen hervor gepresst, aber da war nie einer dabei, der von Luzifers Blut hätte sein können. Nicht einmal an Prinz Abbadon kamen sie heran und dessen Vaterschaft ist wohl bekannt.“

Beruhigt, dass Balbero nie das fertig gebracht hatte, was Mad Hatter sich ihr Leben lang erträumt, lenkte sie ihre Aufmerksamkeit zurück auf die Spielkarten, die inzwischen über dem Lavasee tanzten und sich zu einem Pentagramm angeordnet hatten.

Dann begann das Ritual. Mad Hatters Worte hallten herrisch über die Ebene.

Während sich die kleineren Dämonen duckten, hielt Astaroth wachsam Ausschau nach Schaulustigen. Sie wollten weder gestört noch unterbrochen werden. Aber das Stöhnen und Grollen hatte sich entfernt, offenbar waren die Urdämonen mit wichtigeren Dingen beschäftigt.

Astaroth hatte dennoch damit gerechnet, dass sie behindert werden würde.

So erhob sich bald eine malträtierte Seele aus dem Lavasee. Zwischen Mad Hatters Spielkarten hing eine nackte Gestalt, deren Körper kaum mehr benutzbar war. Die Haut war weggebrannt und die Muskeln geschwärzt.

„Ist das die richtige Seele?“, fragte Astaroth.

Um die Regungslosigkeit machte er sich wenig Sorgen. Da man in den tieferen Gefilden der Hölle nicht sterben konnte, ließ sich mit ein wenig Zeit und Geduld jeder Geist wieder erwecken.

Mad Hatter ließ sich die Figur um die eigene Achse drehen, um sie genau zu inspizieren. Schließlich folgte ein Nicken und der Hutmacher ließ Arakune zu den niederen Dämonen schweben, die sofort damit begannen, den Körper zu reinigen und mithilfe von Magie wieder aufzupäppeln.

„Die richtige Seele ist es wohl, das ist die letzte Braut Luzifers“, sagte der Hutmacher „für den geistigen Zustanden übernehme ich aber keinerlei Verantwortung.“

-

Trotz der zunehmenden Dämmerung war Jibril in den vergangenen Stunden nicht von Raziels Seite gewichen. Blond und blass lag er in dem Bett, immer noch bewusstlos. Sie hatte ihn ausziehen, um seine Verletzungen zu behandeln lassen. Ihre Fähigkeiten reichten nicht an die von Raphael heran, aber als Engel des Wassers war sie dazu mächtig, Blutungen zu stoppen.

In Lebensgefahr war Raziel nicht gewesen, aber die Heilung würde schmerzhaft sein.

Gebrochene Rippen, faustgroße Blutergüsse in der Magengegend und eine Gehirnerschütterung waren fast zu viel für einen so schmächtigen Engel.

War das ein gezielter Anschlag? fragte Jibril sich. Hat man ihn wegen mir angegriffen?

Durchaus möglich. Wenn auch ihre politischen Gegner selten auf direkte Gewalt zurückgriffen.

Zumindest war das früher so, kam ihr die Erkenntnis. Das kann sich natürlich geändert haben. Es ist viel Zeit vergangen.

Was allerdings fehlte, war ein Motiv. Sie war sich niemandem bewusst, der einen Groll gegen Raziel haben könnte. Außer, dass dessen fehlenden Kampfesfähigkeiten zu einladend für den Angreifer gewesen waren. Sich an einem derartig Schwächeren zu vergreifen … ein Zeichen?

Jibril plagten Zweifel.

Sie hatte keine Aufzeichnungen über die Tat oder den Angreifer finden können. Wer so geschickt war, hinterließ selten derartig offensichtliche Spuren.

„Herrin?“

Eine Dienerin verlangte nach ihrer Aufmerksamkeit. Sie hielt einen zerknüllten Zettel in den Händen.

„Den hier haben wir in Raziel-samas Kleidung gefunden. Er muss ihm Gefecht an sich gebracht haben.“

Mit großen Interesse nahm Jibril den Zettel entgegen und strich ihn vorsichtig glatt. Sie hörte gar nicht, wie die Dienerin verschwand, als sie den ersten Blick darauf warf.

Zwar war es nur ein Abschnitt eines Formulars, aber die Handschrift auf dem Zettel war unverkennbar.

„Michael...“

Jibril schlug eine Hand vor ihren Mund, teils aus Entsetzen teils aus Verwunderung.

„Was will die Armee mit Entlassungspapieren?“

Strudelförmig drehten sich ihre Gedanken um die Erkenntnis, die darauf folgte.

Seit wann lässt der Himmel gefallene Engel am Leben?