Chapter Text
Dem Kater sei Dank
1.
Charles ist friedfertig.
Charles ist geduldig.
Charles urteilt nicht vorschnell.
Doch obwohl Charles so ein pazifistischer, geduldiger und gutmütiger Mann zu sein scheint, ist er gerade so wütend wie noch nie!
„Was fällt Ihnen ein?! Haben Sie eine Ahnung, was für eine Katastrophe Ihre Taten auslösen können? Es könnte alles zugrunde gehen, nur wegen Ihnen! Und wissen Sie überhaupt, wen Sie vor sich haben? Wie konnten Sie es überhaupt wagen? ...“
Er schreit diese Worte hinaus, brüllt mit aller Kraft, doch alles was zu hören ist, ist ein schrilles „Meooooooooooooow!“
Charles Francis Xavier, seines Zeichens ein Mann, blaue Augen, zu roter Mund, gelähmt und noch mit vollem Haar, ist klein und voller Fell. Charles Xavier ist ein Kater.
Ein weiteres Mal lässt er einen verzweifelten Schrei los, doch der ist nicht verständlicher als der vorherige. Hank neben ihm versucht es ebenfalls, faucht sogar ein wenig, aber die erhoffte Reaktion bleibt aus.
Die Mutantin vor ihnen, die dafür verantwortlich ist, dass sie jetzt inmitten all ihrer Klamotten sitzen, blickt sie ruhig und furchtlos an. Natürlich furchtlos, denn was können schon zwei kleine Kater tun? Vor allem, wenn sie verletzt sind.
Charles kann sich kaum bewegen, sein Hintern schmerzt wie die Hölle. Das ist natürlich insofern eine gute Nachricht, da er sein Hinterteil überhaupt wieder spüren kann, doch er wäre lieber weiterhin ein gelähmter Mann, als ein verletzter Kater.
„Beruhigen Sie sich, Xavier, McCoy.“
Langsam beugt sich die Frau hinunter, streckt ihre Hand vorsichtig aus ...
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Es ist bereits ein halbes Jahr seit dem Vorfall auf Kuba her und Charles trotz der Warnung aller Ärzte bereits wieder unterwegs auf der Suche nach Mutanten. Er will keineswegs mehr mit der CIA zusammenarbeiten, doch nun da Erik sein Feind ist, ist es unumgänglich so viele Mutanten wie möglich zu finden und zu schützen. Es war ein Fehler diese Kinder mit in einen Krieg hinein zu ziehen und Charles will verhindern, dass das noch einmal passiert. Stattdessen will er sie schützen, ihre Kräfte fördern und sie vor der Regierung verstecken.
Charles hat in ihre Köpfe gesehen, hat all ihre Gedanken verfolgt und musste sich stark beherrschen sie nicht einfach zu ändern. Ihre Ideen, was man alles mit den Mutanten machen könnte, die sich freiwillig gezeigt hatten, hätten Shaw Konkurrenz gemacht.
Die Welt ist noch nicht bereit für die Mutanten. Sie müssen im Geheimen operieren und versuchen einen Weg zu finden, wie und wann sie sich möglichst gefahrlos, für Mutanten und Menschen, zeigen können.
Erik hat ihm die Augen geöffnet. Wenigstens ein bisschen.
Menschen werden immer Angst vor Mutanten und ihren Kräften haben. Wahre Freundschaft wird es im Einzelfall geben, aber nie global und das schränkt ihre Handlungsmöglichkeiten ein.
Denn im Gegensatz zu Erik will Charles die Menschen trotzdem nicht bekämpfen, will so weit es geht mit ihnen zusammenleben. Immerhin stammen sie von ihnen ab, sind zu einem hohen Prozentsatz immer noch Menschen.
Aber er liebt sie nicht bedingungslos.
Menschen wie Moira, die ihnen offen und voller Selbstvertrauen begegnen, die akzeptiert er, die begrüßt er als Freunde. Doch genauso wie unter den Mutanten gibt es von dieser Sorte nur eine Minderheit unter den Menschen. Sie müssen sich arrangieren. Irgendwie.
Charles hat seine Pläne Alex, Sean und Hank vorgestellt und vorgeschlagen, ihnen die Möglichkeit gelassen auszusteigen. Doch mit dem Aussehen von Hank kann man schlecht untertauchen.
Sie sind alle geblieben.
Sie haben nichts mehr zu verlieren.
Genauso wie Charles.
Ohne seine Schwester, ohne seinen besten Freund und ohne die Fähigkeit zu gehen ist es ihm, als wäre ein tiefes und schwarzes Loch in seine Seele gerissen worden. Er muss es stopfen, sonst zieht es den kümmerlichen Rest seiner Seele mit in das Nichts, lässt eine leere Hülle zurück.
Und so stopft er es mit Bitterkeit und jeder Hoffnung, die ihm bleibt. Mit dem Wunsch und Willen so viele Mutanten zu retten wie möglich, vor Erik zu retten und ihm gleichzeitig zu beweisen, dass er den falschen Weg gewählt hat.
Seine Ärzte sagen, dass es eine minimale Heilungschance gibt, würde er doch nur ruhig bleiben und in einer Kur Schritt für Schritt um seine Beine kämpfen.
Aber wenn er schon verliert, dann richtig. Er hat keine Geduld, sieht viel zu viel Arbeit vor sich.
Seine Lähmung wird ihn für immer an seine Fehler erinnern.
An den Fehler sich zwischen den Krieg von Menschen zu stellen.
An den Fehler sich einem Menschen so anzuvertrauen, wie er es bei Erik gemacht hat.
An den Fehler seine Kräfte zurückzuhalten, wenn er damit doch alle retten könnte, egal für wie unmoralisch das die Menschen halten mögen, die er liebt.
An den Fehler sich von einer menschlichen Organisation wie der CIA benutzen zu lassen.
Charles Xavier hat einen Haufen Fehler gemacht.
Er wird sie nie wieder gut machen können und das will er sich selbst demonstrieren.
Deshalb flieht er aus der Klinik und schont sich nicht.
Deshalb sind sie jetzt hier, er und Hank, um eine Mutantin zu rekrutieren, oder wenigstens zu warnen.
Sie ist eine Frau mittleren Alters mit der Fähigkeit Menschen und Mutanten zu verwandeln, indem sie sie berührt. Es ist nicht einfach, sie muss sich konzentrieren und es werden größtenteils Katzen, aber sie kann es und wer weiß, wann man solch eine Fähigkeit gebrauchen kann.
Hank ist mit dabei, um die Frau auch zu überzeugen und natürlich, um auf Charles aufzupassen. Seit dem Vorfall auf Kuba ist er erwachsen geworden. Er ist nicht länger ein intelligenter Junge, sondern ein furchtloser Mann, der in die Zukunft sieht. Er hat mit der Vergangenheit abgeschlossen, weiß ebenfalls, dass man nichts mehr ändern kann.
Sie sind in einem Wagen mit verdunkelten Scheiben gekommen, Hank in einen großen Kapuzenmantel eingehüllt. Sie wollen den Nachbarn ja keinen Schrecken einjagen und doch ist es bitter, ihn so verstecken zu müssen. Hoffentlich nicht mehr allzu lange.
Die Mutantin, Myria Clee ist ihr Name, hört sich ihre Geschichte und ihre Argumente ruhig an.
Als Charles geendet hat, fragt sie nach Erik und seinen Plänen. Wer ist er? Was macht er?
Ihre Stirn legt sich in Falten, doch Charles hält sich davon ab, ihre Gedanken zu lesen. Sie müssen ihr Vertrauen gewinnen, auch wenn es sich als Fehler herausstellen könnte.
Und das tut es.
Ms. Clee tritt nahe an sie heran, ihre Miene entschlossen.
„Ich werde Ihnen helfen.“
Und mit diesen Worten, ohne dass Charles dank seiner Zurückhaltung irgendetwas ahnen würde, fasst sie die beiden Männer fest an den Armen und ihre Welt beginnt sich zu drehen, die Luft ist erfüllt von Katzengeschrei.
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„Verdammt!“
Myria Clee sieht ihre blutende Hand wütend zurück.
Ha, ist dieser Katzenkörper doch noch zu etwas nütze.
Charles ist stolz auf Hank, der sich fauchend und kratzend dazwischen geworfen hat. Er ist unverletzt und er kann sich bewegen. Charles dagegen hat das Gefühl, als würde er jeden Augenblick das Bewusstsein verlieren. Die Schmerzen scheinen Überhand zu nehmen.
Aber er kann nicht ohnmächtig werden. Er kann nicht!
Myria wickelt ein Taschentuch um den blutenden Kratzer. Aus dem Augenwinkel beobachtet sie die beiden Kater.
„Sie können sich beruhigen. Ich tue Ihnen nichts. Na gut, nichts mehr.“
Sie dreht sich wieder um und sie sieht ernst an, kommt jedoch nicht näher.
Gut, denkt sich Charles grimmig. Notfalls würde er sogar die Krallen ausfahren können.
„Sie wollen den Grund wissen, warum ich Sie in Katzen, pardon, Kater verwandelt habe, nachdem ich versprochen habe zu helfen?“
Die einzige Reaktion sind hasserfüllte Katzenaugen, fest auf sie fixiert.
„Es gibt zwei Gründe. Zum einen ist ein Katzenkörper robuster und heilt besser und schneller. Auf diese Art und Weise kann vielleicht die Lähmung rückgängig gemacht werden. Natürlich nicht, wenn Sie dauernd herumzappeln, Mr. Xavier.
Zum anderen sehe ich als Voraussetzung für die Lösung des Problems der Mutanten eine Einigung der Mutanten. Und diese ist dank diesem Zwist zwischen Magneto und Ihnen momentan nicht möglich.“
Zwist?
„Meeeeeeooooooow!“
Charles lässt seinen Frust hinaus. Ist er jetzt etwa schuld? Das ist eine Grundsatzdiskussion und kein Streit um die Fernbedienung!
„Sie fragen sich jetzt sicher, wie ich das zu ändern gedenke. Zu recht natürlich. Meiner Meinung nach kann nur eine direkte Konfrontation so ein Problem lösen.“
Eine direkte Konfrontation?
Die hatten sie bereits und das Resultat war eine Schlägerei, eine Schießerei und ein gelähmter Charles.
Also nein, danke.
Charles knurrt.
„Da ich jedoch weiß, dass Sie sich niemals mit ihm zusammensetzen würden, um sich mit ihm auszusprechen, versuchen wir einen anderen Weg.“
Mit Erik zusammensetzen?
Ein Teil von ihm freut sich bei dem Gedanken, schließlich vermisst er Erik. Doch ein anderer Teil, ein größerer, verspürt nur einen immensen Blutdurst, den Wunsch Erik so zu verletzen, wie er ihn verletzt hat. Physisch und psychisch.
Also nein, es ist definitiv keine gute Idee sie zusammen zu bringen.
Misstrauisch betrachten die Kater Myria Clee, wie sie in einem großen Bogen um beide herumgeht und von einem Schrank einen riesigen Katzenkorb holt.
„Keine Sorge. Sie werden in gute Hände abgegeben, das verspreche ich.“
Es ist fast schon lächerlich mit anzusehen, wie eine erwachsene Frau mit dicken Handschuhe und einem Köcher Jagd auf zwei Kater macht, einer davon kaum fähig zu laufen.
Die Schränke sind zu niedrig, um sich darunter zu verstecken, die Tische zu hoch, um darauf zu springen. Zwischen den Stühlen ist gut, doch die kann sie hochheben. Die Couch kann sie verrücken und Charles ist der erste, der einknickt.
Hank will ihn beschützen und wird prompt ebenfalls gefangen genommen. Typisch!
Die Jagd hat ziemlich lange gedauert und sie alle drei erschöpft. Charles fühl sich allerdings eher halb tot, als halb lebendig und das obwohl er doch als Optimist ausgezeichnet worden ist.
Gut, seit Kuba eher ein Realist, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es ihm schlecht geht.
Hank stupst ihn an, versucht ihn wach zu halten, ihm Wärme zu spenden und ihn so weit es geht zu beschützen. Immer wenn Myria in ihre Nähe kommt, stellt er sich fauchend an den Rand des Korbes, das Fell gesträubt. Sie aber verdreht nur die Augen und erledigt, was sie scheinbar erledigen muss.
Charles wundert sich, was genau sie eigentlich vor hat und warum Hank selbst als Kater noch blau leuchtet je nach Lichteinfall, doch fängt der Käfig um sie herum an sich zu drehen und verschwindet im Dunkeln.
Als Charles das nächste Mal aufwacht, fühlt er sich nur ein wenig besser. Sein Hintern mag vielleicht nicht mehr so schmerzen wie zuvor, doch dafür meldet sich sein Magen.
Er stößt einen kläglichen Schrei aus.
Hank ist sofort bei ihm, stupst ihn besorgt an und miaut mit.
„Schreit nur.“
Jetzt erst bemerkt Charles, dass der Korb sich bewegt. Sie hängen in der Luft, nur gehalten von Myria, die scheinbar irgendwelche Treppen hinunter läuft.
„Sie können schreien, so viel Sie wollen, das ist mir egal. Je lauter, desto besser. Aber da Sie wohl beide Hunger haben, sollte das kein Problem darstellen, nicht wahr? Versuchen Sie nur bitte nicht allzu heiser zu sein später. Sie müssen noch viel und lange schreien.“
Irritiert sehen Charles und Hank sich an. Was hat diese Verrückte vor?
„Wissen Sie, Magneto war vor zwei Tagen selber schon bei mir, doch meine Kräfte haben ihn wohl nicht zu Genüge beeindruckt, aber ich hätte sowieso abgelehnt. Ich war mir, nachdem was er erzählt hat fast sicher, dass Sie mich ebenfalls bald aufsuchen werden. Man sollte beide Seiten einer Medaille kennen, bevor man sich für die Münze entscheidet, finden Sie nicht? Jetzt habe ich beide Seiten gehört und das hier ist meine Entscheidung.“
Eine Türe öffnet sich und Myria hört auf zu sprechen.
Es muss Abend sein, denn es ist dunkel draußen. Regen plätschert auf den Korb, während die Mutantin ihn weiter trägt und die beiden Kater wieder anfangen zu schreien. Kann ihnen denn niemand helfen?
Wenn Charles doch nur seine Fähigkeiten in vollem Maße hätte. Die Gedanken von Menschen kann er nicht richtig erkennen und erst recht nicht beeinflussen. Die „Gedanken“ von Katzen sind zwar hörbar, aber ein diffuses Chaos. Nur Hanks Gedanken sind klar wie eh und je, allerdings bieten sie keine Überraschung.
Hunger ... Furcht ... was machen wir? ... Alex und Sean werden uns suchen ... Xavier sieht aus als würde er bald sterben ... Angst ... muss stark sein ...
Charles streckt eine Pfote nach ihm aus und tappt ihm beruhigend auf den kleinen Kopf. Zusätzlich projiziert er zuversichtliche Gedanken:
Wir schaffen das, Hank! Wir finden einen Weg zurück in unsere alten Körper und ich werde sicher nicht sterben. Keine Sorge, Hank, sie hat wenigstens nicht vor uns umzubringen.
Nein, umbringen wird sie sie nicht, sie hat etwas ganz anderes mit ihnen vor. Und alles was ihnen bleibt, ist zu warten ... und zu warten. Hank legt sich nahe an Charles, als würde er ihn wärmen wollen. Sein Optimismus scheint zu dem Jungen durchgedrungen zu sein, selbst wenn er so echt ist wie seine Fähigkeit zu gehen im Moment. Aber es bringt nichts, wenn sie Panik bekommen, es gibt bessere Zeitpunkte dafür.
Fortsetzung folgt ... ;)
