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Magie

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Gunn hatte sich zwei Finger gebrochen.

Die anderen beiden hatte er sich gestaucht, nur der Daumen war verschont geblieben. Die rechte Hand. Seine Hand. Er starrte auf seine rechte, die aussah, als trüge er einen abgeschnittenen Fäustling. Man hatte seine Finger mit einer strammen Bandage fixiert, damit die Knochen in Ruhe zusammenwachsen konnten. Er hatte geglaubt, die Ärztin wollte ihm die Blutzufuhr abschnüren, als sie seine Finger schiente. Er spürte den pochenden Fluss in seiner Hand wie bei einem Blutstau.

Ungelenk und mit so wenig Druck wie möglich versuchte er den Schlüssel herumzudrehen, um den Motor zu starten. Zum Glück hatte er keinen offenen oder mehrfachen Bruch. Ein einfacher Bruch, wie die Ärztin gesagt und ihm zuversichtlich zugelächelt hatte. Die Schmerzmittel taten ihr übriges. Er hatte nur ein dumpfes Gefühl in der Hand, als sein Truck ansprang.

Während der Fahrt durch die Nacht ruhte seine Hand auf dem Oberschenkel, ruhig gestellt und professionell bandagiert. Er wunderte sich, dass in all der Zeit, die er nun schon bei Angel Investigatons arbeitete, nie mehr passiert war. Gut, er war gewürgt, geschlagen, geprellt, geschnitten, gestochen und vieles mehr geworden, aber noch nie hatte er sich etwas gebrochen, nicht seit er zwölf war. In seinem Gedächtnis blitzte der Fahrradunfall auf. Er hatte den Gips gehasst. Dass er sich nicht kratzen konnte und noch mehr, dass er nicht laufen geschwiegen denn Radfahren konnte.

Gunn hielt an der Ampel. Links auf der Nebenspur dröhnte ihm laut HipHop entgegen. Er warf einen abfälligen Blick auf den Fahrer. Der Schwarze konnte sich noch genau an den Augenblick erinnern, als er seine Knochen knacken hörte. In dem Moment war alles klar. Sein Gegner war ihm ausgewichen und er hatte nicht mehr rechtzeitig reagieren können, war zu verbissen, zu wütend, um schnell und aufmerksam zu sein. Seine rechte Hand prallte gegen den Container und seine Knochen brachen.

Der Schmerz war höllisch. Er schrie, während er sich ohne nachzudenken auf den Boden fallen ließ. Sein Gellen erfüllte die ganze Halle. Er wünschte sich, dass Fred da gewesen wäre. Sie hätte ihn gestreichelt. Allein ihre Berührung hätte seinen Schmerz gelindert, da war sich Gunn sicher.

Er wusste nicht mehr, wie er genau es letztendlich ins Krankenhaus geschafft hatte, aber es war ihm gelungen. Er hatte irgendeine Geschichte erzählt, um seinen Unfall zu erklären.

Das besorgte Gesicht von Fred tauchte in der Spiegelung der Frontscheibe seines Wagens auf. Die verschiedenfarbigen Lichter der Nacht verzerrten es zu einem bunten Popart-Bild. Eine falsche Wunschvision von seiner Freundin. Unbewusst wollte er eine Faust ballen, aber die Bandage hinderte ihn daran. Die Ampel sprang auf Grün. Er lenkte mit seiner linken Hand und fuhr den Weg zum Hyperion wie gewohnt, nur eben einhändig.

Er fühlte, dass er neben sich stand. Eine ungewöhnliche Ruhe lag über ihm, als wäre das Unglück gar nicht ihm passiert und er wäre nur ein unbeteiligter Zuschauer gewesen.

Das Hyperion tauchte vor ihm auf. Er öffnete die Eingangstür und schob sich hindurch. Das erste, was er erblickte, waren Fred und Wesley, die sich über irgendwas berieten, von dem er wahrscheinlich nichts verstand, von dem er aufgeben hatte, es verstehen zu wollen. Gut, das er noch gedanklich gefangen war, denn sonst wäre seine Laune augenblicklich in den Keller gesunken, obwohl die beiden sich nicht einmal privat unterhielten. Aber das spielte längst keine Rolle mehr. Er wusste, was Wesley empfand. Er konnte die Chemie zwischen ihnen spüren.

Er war nicht blind.

„Was ist passiert?“, fragte Angel mit Besorgnis und deutete auf den Verband. Die Stimme des Vampirs drang durch den Mantel der Betäubung und löste die Blase, in der er sich befand, langsam auf. Dennoch sah Gunn an ihm vorbei, zu Wesley und Fred, die ihn noch nicht entdeckt hatten.

„Gunn? Alles in Ordnung?“ Angel trat in sein Gesichtsfeld, direkt vor ihn. Der Schwarze blinzelte, hob seine Augenbrauen kurz, ehe er einatmete. „Ja, ja, das... ich habe meine Gang besucht. Wir sind ein paar Vampiren begegnet“, log er die Hand hebend. „Sie haben es schwer bereut.“ Sein Lächeln war matt und aufgesetzt.

„Du hättest anrufen sollen“, erinnerte ihn Angel, „Wir hätten dich ins Krankenhaus gebracht. Wie bist du überhaupt hierher gekommen? Hast du dir hoffentlich ein Taxi genommen? Du bist doch nicht gefahren!“

Gunn sah ihm in die Augen. Seine Fürsorge war echt. Es war noch gar nicht so lange her, da war er sich sicher, dass er einem Vampir niemals vertrauen könnte, von Freundschaft mal ganz abgesehen, aber es hatte sich wirklich etwas wie Loyalität und Vertrauen zwischen ihnen entwickelt. Von dem anfänglichen Hass auf alle Vampire kam die Einsicht, dass man, wie die Menschen auch, nicht alle über einen Kamm scheren konnte.

„Ich wurde gefahren. Es geht mir gut. Nur das Axtschwingen muss in nächster Zeit jemand anders für mich übernehmen. Ich sehe mich schon den Papierkram machen“, scherzte Gunn mit einem Grinsen auf den Lippen und klopfte Angel mit der linken den Oberarm.

„Charles“, rief Fred und kam auf ihn zugelaufen. „Was ist passiert?“ Sie küsste ihn hastig und trat zurück, um ihm ja nicht noch mehr weh zu tun. Sie sah ihn mit ihren rehbraunen Augen an. Ihre Hände tätschelten sanft seine Arme. „Was machst du nur?“

„Ich musste eine Lektion erteilen. Weiter nichts. Es geht mir ausgezeichnet“, wiegelte Gunn seine Verletzung ab, während er sie blöd-glücklich anschaute. Wenn sie ihn so ansah, war alles perfekt. Ihr sanfter Blick, ihre weichen Hände und ihre Stimme versetzten ihn in seinem beneidenswerten Glückstaumel. „Hör auf Angel und ruf uns an, wenn du Schwierigkeiten steckst“, mahnte sie, schlang ihre Arme um ihn und drückte ihm noch einen Kuss auf seine Lippen. Dann nahm sie zurück, als sie gemerkt hatte, dass sie seine gebrochene Hand zwischen ihnen eingeklemmt hatte.

„Tut es sehr weh?“, fragte Fred, schob ihn weiter in die Lobby und dirigierte ihn zu der Coach. „Nein, alles bestens. Ich habe Schmerzmittel bekommen.“ Gunn ließ sich sanft von ihr in die Polster drücken. „Was ist überhaupt passiert? Erzähl. Warte, ich mache dir erst mal einen Tee,“ rief Fred und wirbelte zur Küchenzeile.

„Sieht übel aus“, sagte Wesley, der sich zu ihnen gesellt hatte. „Ja“, murmelte der Schwarze und starrte auf seine rechte Hand. „Dann bist du wohl für einige Wochen außer Gefecht gesetzt.“ „Ja“, sagte Gunn wieder und sah dem Engländer in die Augen, aber er konnte keine Häme oder etwas ähnliches feststellen.

„Sieh es doch mal so, du kommst nicht dreckig, stinkend oder mit irgendwelchem Dämonenschleim besudelt zurück. Du kannst eine ruhige Kugel schieben, während wir schuften müssen“, versuchte Angel seinen bedrückten Freund aufzumuntern. „Hört sich sehr verlockend an“, grummelte Gunn.

Fred hatte eine Tasse Tee aufgebrüht und kam nun damit zu ihnen. Gunn umfing die warme Tasse dankbar mit seinen Händen, wobei er die Finger seiner rechten gezwungenermaßen ausgestreckt ließ. „Geht es?“ Die junge Frau hockte sich neben ihm auf die Coach, als sie sich plötzlich an den Bauch fasste und das Gesicht verzog.

„Was ist mit dir? Geht es immer noch nicht besser?“ Gunn lehnte zu seiner Freundin hinüber. „Vielleicht solltest du doch mal zum Arzt gehen, Liebes.“ „Nein. Es ist sicher nur ein kleiner, bedeutungsloser Virus. Das lohnt sich gar nicht“, erklärte Fred den Kopf schüttelnd, während sie sich weiterhin den Bauch hielt und lächelte. „Du brauchst den Tee mehr als ich“, flüsterte er ihr liebevoll zu, rückte näher und streichelte ihr mit seiner gesunden Hand den Rücken.

„Angel, kommst du mal bitte, ich muss dir etwas zeigen.“ Mit diesen Worten führte Angel Wesley von den beiden weg und zu ihren gemeinsamen Untersuchungsergebnissen. Soll das Liebespaar eine Weile für sich sein, dachte er innerlich seufzend.