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My darling pet - reversed

Chapter Text

Oz zog sich den Stuhl wieder an das Bett und nahm Platz. Sanft strich er Lindsey über die Wange. „Tut mir leid, musste dich alleine lassen. Aber ich hab mich beeilt.“ Es war seltsam. Er war noch nie ein Mann vieler Worte gewesen. Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold. So lebte er. Doch die Ärzte hatten gesagt, es würde helfen, wenn er mit Lindsey sprach. Also sprang er über seinen Schatten.

Sie stellten keine Fragen. Weder die Ärzte noch die Schwestern. Oz war froh darüber. Wenigstens musste er da nicht reden. Ihm waren längst die Gesprächsthemen ausgegangen. Er wusste nicht, worüber er noch reden sollte. Er hatte Lindsey von seinen Erlebnissen erzählt, wo er überall gewesen war, nachdem er ihn mehr oder weniger verlassen hatte.

Eigentlich war er schon nicht gut, ein Gespräch aufrechtzuerhalten, wenn der andere Gesprächspartner antwortete. Mit Lindsey war es noch viel schlimmer. Er antwortete nicht, reagierte nicht, lag noch immer im Koma und irgendwie bezweifelte Oz, dass er ihn überhaupt hörte.

„Die haben gemeint, ich solle mit dir reden“, ließ er schließlich seinen Gedanken freien Lauf. „Aber ich weiß nicht worüber.“ Er seufzte leise. „Tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin“, flüsterte er schuldbewusst. Natürlich war das Blödsinn. Er hatte Lindsey immerhin das Leben gerettet. Per Zufall. Oz hatte nicht einmal gewusst, dass der andere Mann wieder in L.A. war, hatte nicht gewusst, was ihm zustoßen würde. Und doch gab er sich die Schuld an dem, was Lindsey zugestoßen war. Wären sie jetzt hier, wenn er bei ihm geblieben wäre? Wenn er sich nicht ohne ein Wort des Abschieds aus dem Staub gemacht hätte?

Zu viele Gedanken trieben ihr Unwesen, in seinem Bewusstsein und er war des Nachdenkens müde. Er war überhaupt müde. Er hatte bis auf die kurze Unterbrechung am Abend, wo er nach langem Überlegen und Zweifeln doch zur Bandprobe gegangen war, an Lindseys Bett gesessen. Die Band wusste nichts davon, wusste nicht, dass er Stunde um Stunde im Krankenhaus verbrachte. Sie hatten sich beschwert, dass er nicht erreichbar sei. Seither ging Oz sporadisch nach draußen und schaltete sein Handy ein, was immer mit einem schlechten Gewissen verbunden war, weil er Lindsey alleine ließ. Was wenn er aufwachte?

Doch er wachte nicht auf. Stunden waren zu Tagen geworden, Tage zu Wochen, mittlerweile zählte er schon Monate. Der Vierte hatte begonnen. 13 Wochen. Und seit 13 Wochen bangte er, obwohl er es selbst nicht verstehen konnte. Oz' Gedanken drifteten ab, zurück zu der kurzen Zeit, die er bei Lindsey verbracht hatte, mit ihm. Sie hatten sich kaum kennen gelernt. Zu verstört war er gewesen, nach den Ereignissen in der Gefangenschaft.

„Die machen sich Sorgen um dich.“ Behutsam strich er über Lindseys Hand. Er wirkte so blass, so zerbrechlich. „Haben nichts zu mir gesagt. Erzählen mir immer, es wären auch schon Leute nach mehreren Monaten im Koma aufgewacht und hätten ihr Leben einfach wieder aufgenommen, als wär' nichts gewesen. Aber ich seh' die Blicke, die sie auf dich werfen. Die glauben nicht, was sie mir sagen. Willst du ihnen nicht das Gegenteil beweisen?“

Verdammt. Reden war anstrengend. Es war spät. Er wollte schlafen. Einfach nur schlafen. Man hatte ihm angeboten, ein weiteres Bett ins Zimmer zu stellen, aber Oz hatte abgelehnt. Er mochte Krankenhäuser nicht. In einem Krankenhausbett zu schlafen, obwohl er gesund war, war ein viel zu abwegiger Gedanke, als dass er ihn wirklich in Erwägung ziehen wollte.

Oz ließ sich nach vorne sinken, kam mit Kopf und Arm auf der Matratze zu liegen, eng an Lindsey. Die Haltung war unbequem, aber besser als richtig im Sitzen zu schlafen. Er erlaubte sich, endlich einzudösen. Sein Schlaf war unruhig. Wie schon seit Wochen.

~*~

Der nächste Tag brachte keine Veränderung. Außer dass Oz einen steifen Nacken hatte und sich einfach miserabel fühlte. Er trank Kaffee, saß bei Lindsey am Bett und las ihm aus der Zeitung vor, weil er nicht wusste, worüber er noch reden sollte. „Es geht nicht darum, was Sie reden“, hatten die Ärzte und Schwestern gesagt. „Nur darum, dass er Ihre Stimme hört.“ Das war ziemlich am Anfang gewesen. Sie waren längst dazu übergegangen, ihn beim Vornamen zu nennen und zu duzen. Immerhin verbrachte er mehr Zeit hier als das Personal selbst.

Oz döste ein wenig vor sich hin, als er von einer Bewegung unter seiner Hand aus dem Halbschlaf gerissen wurde. Er blinzelte und war mit einem Schlag hellwach, als er erkannte, dass sich Lindsey tatsächlich bewegt hatte. Nicht nur bewegt. Er war wach.

Der junge Mann war unfähig, sich zu bewegen. So lange hatte er darauf gewartet, dass Lindsey erwachte, jetzt, da es so weit war, wusste er nicht, was er tun solle, wusste nicht einmal, was er sich erhofft hatte. Er hatte nie an die Zukunft gedacht. Jeder Gedanke daran schien verschwendete Energie. Es dauerte einen viel zu langen Moment, bis er endlich begriff, dass Lindsey Panik hatte, bis er den Ausdruck in seinen Augen sah. Er stand auf, beugte sich etwas vor, um sein Gesicht in Lindseys Sichtfeld zu bringen. Blaue Augen schossen in seine Richtung, bohrten sich in die seinen, flehten ihn um Hilfe an.

„Hey. Beruhig dich“, murmelte Oz leise. „Alles in Ordnung. Du bist im Krankenhaus.“ Ihm war als würde Lindsey ihn stumm anbrüllen, seine Augen ihm entgegen schreien, dass nichts in Ordnung war. „Lindsey!“ Oz legte eine Hand an die stoppelige Wange des anderen Mannes. „Ganz ruhig. Niemand will dir etwas tun. Du bist in Sicherheit.“ Die Hand des Mannes ruckte leicht, doch er schien nicht die Kraft aufbringen zu können, um sie zu heben. Er verdrehte die Augen, bäumte sich etwas auf.

Es dauerte einen Moment, bis Oz endlich bemerkte, was falsch war. Ganz offensichtlich versuchte Lindsey gegen die Maschine zu atmen, die ihn bislang bei dieser Tätigkeit unterstützt hatte. „Hey, hey!“ Er nahm Lindseys Gesicht in beide Hände, zwang ihn, ihm erneut in die Augen zu sehen. „Lindsey!“ Wieder schossen die blauen, panisch aufgerissenen Augen in seine Richtung. „Ist Okay. Gleich kommt jemand. Aber versuch dich zu beruhigen. Bitte. Du kannst nicht gegen die Maschine atmen, hörst du? Hör auf, dagegen zu arbeiten.“ Er hatte längst den Alarmknopf gedrückt. Jeden Moment würde eine Schwester kommen und wissen, was zu tun war. Lindsey zitterte.

„Bitte“, flüsterte Oz. Tränen stiegen in seine Augen und er wusste nicht einmal warum. Tatsächlich wurde die Tür geöffnet. „Er ist wach!“, informierte er die eintretende Schwester. Sie kam rasch näher, warf einen Blick auf Lindsey, wandte sich wieder zum Gehen. „Sie müssen etwas tun!“, erboste sich Oz. Sie schien allen Ernstes wieder gehen zu wollen. Die Frau ignorierte ihn, eilte auf den Gang, Stimmengewirr wurde laut.

Keine Minute später eilten ein Arzt und zwei weitere Schwester herein, unsanft wurde er von Lindsey weg gedrängt, angewiesen, den Raum zu verlassen. Doch Oz blieb. Er konnte nicht gehen, sein Körper gehorchte nicht.

Sie alle redeten auf Lindsey ein und Oz hatte keine große Mühe, sich vorzustellen, wie sich Lindsey fühlen musste. Die Situation musste ihn doch völlig in Panik versetzen. Schlimm genug, dass er beim Aufwachen völlig verwirrt gewesen sein musste, nein da steckten auch noch Schläuche in Mund und Nase, der Geruch nach Krankenhaus hing schwer in der Luft und für seine Begriffe musste es sich anfühlen, als würden die Maschinen ihn umbringen wollen. Oz schlang die Arme um seinen Körper. Er fühlte sich so überflüssig und nutzlos, im Moment. Zu gerne wollte er dem anderen Mann helfen. Aber er wusste nicht wie.

Sie hatten ihm wohl zuerst ein Beruhigungsmittel in die Adern gespritzt, denn rasch wurde der sich aufbäumende Körper schlaff. Oz ärgerte sich ziemlich darüber. Lindsey hatte wochenlang im Koma gelegen und kaum war er erwacht hatten sie nichts Besseres zu tun, als ihn wieder in den Schlaf zu zwingen! Das war nicht richtig. Andererseits war er fast froh, dass sie das getan hatten, als kurz darauf würgende Geräusche erklangen, als sie den Tubus entfernten. Es hätte sich mit Sicherheit noch schlimmer angehört, wenn der Patient dabei voll bei Bewusstsein gewesen wäre.

Es dauerte scheinbar eine Ewigkeit, bis die in Weiß gekleideten Menschen endlich von Lindsey abließen. Sie redeten auf Oz ein, erklärten ihm allerhand, doch die Worte perlten von ihm ab wie Wasser von Latex. Er konnte sich einfach nicht darauf konzentrieren. Sie verließen den Raum, baten ihn, bei weiteren Problemen sofort den Alarm zu drücken. Oz nickte schweigend, wartete, bis sie gegangen waren, und trat dann langsam wieder an das Bett. Blaue Augen blickten unter halb geschlossenen Lidern an die Decke. Zögernd ließ er sich neben Lindsey auf das Bett sinken, strich sanft über seinen Arm.

„Na? Das war ja wohl kein schönes Erwachen“, murmelte er bedauernd.

~*~


Was für ein grausamer Ort. Er wollte nicht hier sein. Er wollte zurück an den anderen Ort, wo er zuvor gewesen war, wo es kaum Schmerzen gegeben hatte, wo alles friedlich und dunkel gewesen war. Doch es schien, als konnte er nie mehr dorthin zurückkehren. Das war nicht schön. Überhaupt nicht. Er wollte nicht hier sein. In einem Körper, der nicht wirklich gehorchte. Das war nicht richtig. Nichts war richtig.

Wo er bis vor kurzem gewesen war, hatte er keinen Körper gehabt. Er war frei gewesen, ungezwungen. Er wollte zurück. Dieser Ort war böse und die Leute hier waren böse und er wollte nicht hier sein. Nein, wirklich nicht.

Eine Stimme drang an sein Ohr. Schöne Stimme. Beruhigend. Eine bekannte Stimme. Er hatte sie zuvor schon vernommen, nur aus der Ferne, gedämpft und doch unverkennbar die gleiche Stimme. Dort, an dem anderen Ort. Erneut erklang die Stimme. Drängend. Bittend. Als hätte sie ihn etwas gefragt. Hatte sie etwas gefragt? Erwartete die Stimme eine Antwort? Sie hatte bisher nie eine Antwort erwartet. Nicht auf diese Weise. Warum jetzt? Das machte keinen Sinn.

Er driftete ab, wollte zurück. Aber die Stimme ließ ihn nicht gehen. Er hätte weinen wollen, doch der Körper gehorchte ihm nicht. Er wollte diesen blöden, eigenwilligen Körper nicht. Er wollte wieder frei sein. Warum ließ man ihn nicht in Ruhe? Warum ließ man ihn nicht gehen? Einfach zurück.

Wieder bohrte sich diese Stimme in seinen Geist, stechend, zwingend. Na schön. Dann würde er eben hinhören. Vielleicht gab sie dann Ruhe. Vielleicht durfte er dann wieder gehen. Er konzentrierte sich. Selbst das war anstrengend. Zuvor hatte er sich nicht konzentrieren müssen, es war schön gewesen, ruhig. Aber nein. Er wollte doch zuhören. Hören, was die Stimme wollte.

„Lindsey.“ Hm. Lindsey. Lindsey? Lindsey … So vertraut und doch so fremd. Lindsey. Da war etwas, irgendwo in seinem Bewusstsein. Doch es wollte nicht so recht an die Oberfläche. Warum nur war der Name so vertraut. Wer war dieser Lindsey? Wer. Wer? Erst langsam wurde er sich der Tatsache bewusst, dass die Welt nicht länger nur aus Stimmen und Dunkelheit bestand. Er hatte es zuvor nicht wirklich wahrhaben wollen, es verdrängt … da war mehr als Stimmen. Da waren Körper, Licht, Formen. Es war so verwirrend. Alles so verwirrend. Er wollte es nicht. Es war zu anstrengend. Er wollte zurück. Einfach zurück. Warum nur ließ die Stimme ihn nicht los? Warum war sie so grausam zu ihm? Was hatte er der Person, zu der die Stimme gehörte, angetan, dass sie ihn so quäl
en musste?

~*~


Oz versuchte weiterhin Lindseys Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und sein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, als er Tränen in den Augen des anderen Mannes glitzern sah. Behutsam wischte er die erste Träne mit dem Daumen weg, doch Lindsey reagierte nicht. Er verdrehte die Augen, dann schlossen sich seine Lider langsam. Panisch horchte Oz auf das stetige Piepen des Überwachungsmonitors. Doch Lindsey starb nicht. Er schlief ein.