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Kartenlesen für Anfänger

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Kartenlesen für Anfänger


 

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Arthur war schon immer ein Ass in Mathe, und 'er + raus aus dieser Stadt = gut' war lange Zeit die beste Gleichung für sein Leben gewesen. Es war, und das wusste er, der unausweichliche Traum jedes gelangweilten Jungen, der in Blake's Peak, Pennsylvania, Einwohnerzahl der letzten Volkszählung zufolge 9.101, aufwuchs. Diese Zahl treibt Arthur sowohl aus einem mathematischen Empfinden als auch aus einem metaphorischen heraus zum Wahnsinn. Dass die Zahl nicht zu sauberen 9.100 Einwohnern abgerundet worden war, ergibt für ihn keinen Sinn, genauso wenig wie dass seine Mutter ihm früher immer gesagt hat, der Grund sei, dass er diese zusätzliche, am Ende der Zahl baumelnde Eins war, und dass er so besonders war, dass niemand es ertragen könnte, ihn wegzulassen... egal, seine Mutter ist vor neunzehn Jahren gestorben, und die Zahl ist noch immer unsauber und äußerst ärgerlich.

Drei Monate nach seinem Highschool-Abschluss hat Arthur Blake's Peak verlassen. Sein Auto war bis zum Platzen mit Kisten voller Kleidung und Bücher vollgestopft gewesen. Sein Großvater, der ihn aufgezogen hatte, seit seine Eltern gestorben waren, hob vage eine Hand zum Abschied und sagte irgendetwas, das Arthur nicht ganz mitbekam, größtenteils deswegen, weil er nicht zuhörte. Arthur stellte sicher, dass der Tank voll war, und als ihm das Benzin mitten in Massachusetts ausging, tankte er wieder voll, die Augen auf den Horizont gerichtet, als wartete dahinter eine Belohnung auf ihn.

Wenn man TV Guide glauben konnte, dann hätte die Highschool die aufregendste, und damit die melodramatischste, Zeit seines Lebens sein sollen. Er hätte, in beliebiger Reihenfolge, jemanden schwängern, Football-Star werden, als Hurenbock abgestempelt werden, und einem Schulchor beitreten müssen. Für Arthur war alles ein bisschen anders gewesen. Die Zeit auf der Highschool war genauso unbemerkenswert gewesen wie die Jahre in der Mittelschule, die wiederum schlimmer gewesen war als die Grundschule. In der Grundschule hatten sie immerhin noch Buntstifte benutzen dürfen und große Pausen gehabt. Arthur hat nicht unbedingt negative Erinnerungen an die Highschool. Er war nicht sonderlich beliebt, aber er wurde auch nicht gemobbt, er hatte nicht unbedingt viele Freunde, dafür aber ein paar gute, und er hatte hart für die guten Zeugnisse gearbeitet, die ihn aus der Kleinstadt heraus- und in eine Welt hineinkatapultieren würden, in der die Leute samstagabends mehr taten, als in den Park zu gehen und Haschisch zu rauchen.

Mit seinem Abschluss in Rechnungswesen hatte er sich in New York City ein neues Leben aufgebaut. Vielleicht war es nicht ganz das Leben, von dem er geträumt hatte, als er siebzehn gewesen war und Zahlen in sein Notizbuch gekritzelt hatte, aber wenn Arthur es mit Blake's Peak, Einwohnerzahl 9.101, verglich, musste er nicht lange überlegen, um zu wissen, was besser war. Eigene Wohnung – passt. Richtiger Kaffee – passt. Dates mit Leuten, deren vollgepinkelte Batman-Unterhosen er im Kindergarten nicht zu Gesicht bekommen hatte – passt.

Aber das sollte mal einer der Wirtschaft erklären. Das sollte mal einer dem schwächelnden Herzen seines Großvaters erklären.

Und so kommt es, dass Arthur im Alter von eindunddreißig Jahren, mit einem Auto, das bis zum Platzen mit Kisten voller Kleidung und Bücher vollgestopft ist, und mit halbleerem Tank nach Blake's Peak zurückkehrt.

 

 

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Das Haus seines Großvaters, das Haus, in dem er groß geworden ist, steckt voller Leichen. Wortwörtlich. Sein Großvater hatte Tierskelette gesammelt, größtenteils Vogelskelette, die von der Decke und den Wänden hängen, während Arthur um sechs Uhr morgens versucht, Kaffee zu machen und eine Scheibe Toast runterzukriegen. Arthur beherrscht eine Menge von Ausweichmanövern, um sich den Kopf nicht an einem toten Schnabel zu stoßen. Sein Großvater war ein Mensch, dem Veränderungen zuwider gewesen waren, also befinden sich alle besonders lästigen Skelette – diejenigen, mit denen Arthur beim morgendlichen Herumtasten am ehesten zusammenstoßen könnte – an Stellen, an die sein Körper sich erinnert. Es ist lediglich eine Erinnerung seiner Sinne, die ihn dazu bringt, sich nach links und nicht nach rechts zu schlängeln, sich in der Tür zur Küche zu ducken, und das Büro gar nicht erst zu betreten.

Es stimmt schon, Arthur könnte die Skelette wegwerfen. Sein Großvater ist tot und das Haus gehört jetzt ihm. Aber Arthur verändert nicht einmal die kleinste Kleinigkeit, denn während es auf dem Papier und dem Gesetz zufolge seins ist, ist es das eigentlich nicht wirklich, war es noch nie. Arthur hat vor, das Haus zu verkaufen und zurück nach New York zu ziehen, sobald jemand sich auf eine seiner Bewerbungen hin meldet und sagt, ja, wir würden Sie gerne einstellen. Können Sie Montag anfangen?

Arthur wartet nur auf diesen Anruf. Er wartet montags darauf, und dienstags, und mittwochs. Genauso wie donnerstags, freitags, samstags, und sogar sonntags.

In der Zwischenzeit will der Lebensmittelladen seines Großvaters geführt sein, mit dem Arthur seine Rechnungen bezahlt und seinem Namen gerecht wird. 'Stein & Sohn' steht auf dem großen roten Schild, das letzten März nach jahrelanger Vernachlässigung neu gestrichen worden war. Arthur ist da, wenn sie öffnen, und Arthur ist da, wenn Yusuf hereingeschlurft kommt und die Liste mit den zu erwartenden Warenlieferungen durchgeht. Yusuf und Arthur sind befreundet, seit sie acht sind, und obwohl Arthur Yusufs fehlendes Verlangen, Blake's Peak zu verlassen, nie verstehen wird, weiß er ihn zu schätzen, besonders, da Yusuf im Gegensatz zu ihm weiß, was im Laden getan werden muss. Alles, was Arthur über Stein & Sohn weiß, ist das, was er seinem Großvater abgeguckt hat, also so wenig wie irgend möglich.

 

 

„Deine Aufgabe ist es, rumzustehen und gut auszusehen, besonders zu den geschäftigen Zeiten“, sagt Yusuf fröhlich, während er die Listen mit einem Bleistift durchgeht.

Arthur tut, als würde er das nicht ernst nehmen, aber Yusuf hat recht. Arthur ist zum Star der Kasse und des Scanners geworden. Ältere Damen und gehetzte Mütter lieben Arthur, und sie stellen sich an der Schnellkasse an, obwohl sie mehr als sechzehn Artikel haben.

Arthur wird nicht zum Kassieren gezwungen. Als Besitzer hat er das Privileg, den ganzen Tag in seinem Büro zu sitzen und Papierflieger zu basteln. Aber Arthur hasst es, sich nutzlos zu fühlen, während Yusuf den Laden führt. Wenn er an der Kasse sitzt, hat er wenigstens etwas zu tun. Er sieht methodisch zu, wie die Preise auf dem Bildschirm aufleuchten, gibt die Artikelnummern fehlerlos ein, und es mag vielleicht nicht ganz das sein, wofür er studiert hat, wofür er in der Highschool stundenlang gelernt hat, aber wenigstens ist es Arbeit. Es ist mehr, als New York ihm momentan zu bieten hat, angesichts der Personalkürzungen seines ehemaligen Arbeitgebers.

Aber es gibt Tage, an denen er es hasst, an denen er den Gedanken daran, aus dem Bett zu rollen und die altbekannte Strecke vom Haus seines Großvaters zum Laden seines Großvaters zu fahren, dahin, wo er hergekommen ist, nicht ertragen kann. Sein Großvater, dessen Blick kalt wurde, als er ihm gesagt hatte, dass er vielleicht nicht nur Mädchen, sondern auch Jungs mag. Sein Großvater, der kaum mit ihm gesprochen hatte, außer um ihn zu fragen, wann er endlich gehen würde.

Blake's Peak ist voller Gespenster, und Arthur hat tödliche Angst, er könnte eines von ihnen werden.

 

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Es gibt ein Gutes an Arthurs Rückkehr in seine Heimatstadt. Wie jeder weiß, nimmt man in New York City die U-Bahn oder geht zu Fuß, aber Arthur liebt es, Auto zu fahren. Er liebt es, Seitenstraßen entlangzufahren, während die Sonne untergeht und alles sich in weichen, milchigen Schatten verliert. Dann ist er ganz allein mit den Bäumen, allein mit dem schwachen Scheinwerferlicht, allein mit der Musik im Radio. Beim Autofahren kann Arthur besser denken, und es ermöglicht seinen Händen, diese Art von traumsicherer Routine von Bewegungen auszuführen, die er am meisten schätzt. In letzter Zeit hat er allerdings etwas Neues für sich entdeckt.

Egal, wen man in der Highschool gefragt hätte, ob Arthur eines Tages Biker werden würde, wäre jedermanns Antwort nein gewesen, selbst Yusufs. Arthur sei viel zu geradeheraus, um irgendwelche wilden Fantasien zu hegen, hätten seine Lehrer gesagt. Sie meinen, Arthur ist zu langweilig, hätten seine Klassenkameraden hinzugefügt. Aber seine Rückkehr nach Blake's Peak straft sie alle Lügen, denn Arthur besitzt nun eine brandneue 2011 Kawasaki Ninja 250R und eine dazugehörige Fahrerlaubnis.

Es ist eine geschmeidige japanische Maschine, und der Typ beim Händler – tätowiert, freundlich, und unheimlich sachkundig – hatte sie als das perfekte Anfängermotorrad angepriesen. Obwohl Arthur auch nur bei dem Gedanken daran, in irgendeinem Bereich als Amateur angesehen zu werden, zusammenzuckt, behagt ihm der Gedanke, vor der gesamten Stadt ins Gras zu beißen, weil er zu wenig Erfahrung hat, noch weniger. Also ist die Ninja gut genug für ihn, klein und kompakt, ohne kümmerlich zu wirken, und sie spricht auf die kleinste Berührung an.

Er holt sie jeden Abend raus, wenn das Wetter gut ist, und fährt die Straßen, die aus Blake's Peak hinausführen, meilenweit entlang. Er hält an einer Raststätte ungefähr zwanzig Meilen westlich, wo er eine Suppe und einen Salat bestellt, und wenn der Himmel schwarz wird, fährt er zurück.

 

 

Das ist seine Routine. Das ist es, was ihm hilft, auf dem Boden zu bleiben. Das Beben des Motorrads zwischen seinen Schenkeln, die angenehme Griffigkeit des Lenkers, die kühle Luft, die Arthurs Nacken umspielt, wo unter seinem Helm ein Streifen Haut sichtbar ist.

Und dann ist da noch Eames.

 

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Ein Apfel, zwei Orangen, und eine Großpackung Kondome.

„Morgen“, sagt Eames mit der rauen und belegten Stimme von jemandem, der um sechs Uhr früh schon auf sein muss.

„Hey“, gibt Arthur zurück, während er die Artikelnummer für Äpfel eingibt. Es ist irgendwie ein Zeichen dafür, wie weit er es gebracht hat, dass er bei Eames' Anblick inzwischen nicht mehr die gleiche jugendliche Verlegenheit verspürt wie damals, obwohl er diese Aussage vielleicht doch noch mal revidieren muss, als Eames die Augen weiter öffnet, als wäre er endlich aufgewacht, und sich dazu herablässt, ihm ein halbes, selbstgefälliges Grinsen zu schenken. Arthur erwidert sein Lächeln nicht, aber er nickt immerhin, und er achtet darauf, dass sich ihre Finger nicht berühren, als er den Zwanzig-Dollar-Schein von Eames entgegennimmt.

Immer professionell bleiben, denkt er, und der Schein ist warm, als hätte er schon lange zerknittert in Eames' Hosentasche gesteckt.

„Bist du heute der einzige an der Kasse?“, fragt Eames und lässt seinen Blick über die vier unbesetzten Kassen neben Arthurs wandern.

Arthur wirft Eames' Kram in eine Tüte und reicht sie ihm. „Yusuf ist im Lager und Takahashi füllt die Regale auf. Ich habe keine Ahnung, wo zur Hölle Nash sich rumtreibt, aber er taucht bestimmt in einer Stunde oder so stockbesoffen hier auf.“

Eames schnaubt. „Ich hätte den schon vor Ewigkeiten gefeuert.“

„Mein Großvater mochte ihn“, sagt Arthur mit einem Schulterzucken.

„Man soll zwar nicht schlecht von den Toten reden, aber dein Großvater hatte beschissenen Geschmack.“ Eames lässt seinen Blick nachdenklich auf Arthur ruhen. Das ist genau das an Eames, was Arthur in der Highschool immer so aus der Fassung gebracht hat, als Eames im zweiten Jahr als Austauschschüler aus England kam, und was sich nie ganz verflüchtigt hat. Als Arthur Eames zum ersten Mal getroffen hat und ihn in den Umkleiden beinah über den Haufen gerannt hätte, als sie zusammen Sport gehabt hatten, war dieser abschätzige Blick das erste gewesen, was ihm an Eames aufgefallen war. Die Eindringlichkeit dieses Blicks ist mit den Jahren nur stärker geworden, und an seinem Grund hat sich etwas Erwachsenes und Vielsagendes abgesetzt.

Arthur hebt die Augenbrauen. „Hier hast du deinen Kassenzettel“, sagt er und schiebt ihm ihn hin.

„Ah ja. Danke“, sagt Eames und stopft ihn in eine seiner Hosentaschen, in denen Arthur eine ganze Kolonie von Kassenbons, Handynummern und zerbröselten Süßigkeiten vermutet. „Man sieht sich, Arthur. Du musst mir unbedingt mal dein neues Motorrad zeigen. Eine Kawasaki, stimmt's?“

„Jap“, sagt Arthur. Eames betreibt eine kleine Werkstatt in der South Street, in dem Teil der Stadt, in den Arthur sich fast nie verirrt. Irgendwie klar. Als sie jünger gewesen waren, war Eames immer der Beste im Werkunterricht gewesen. Er hatte Ersatzteile gestemmt und die Verdrahtung ohne Anweisung des Lehrers hinbekommen. Bei der Arbeit war ein Ausdruck von Freude auf sein Gesicht getreten, echte Freude, unbefleckt durch die Schlüpfrigkeit seines üblichen Grinsens. Arthur hatte vielleicht nicht gerade ein ausgeprägtes Gespür für Menschen besessen, aber selbst er hatte diese Freude erkannt.

Oder vielleicht war es auch eher so, räumt er ein, dass es schwer war, sie zu übersehen, wenn man Eames jeden Tag stundenlang anstarrte.

Eames hebt zwei Finger zum Abschied, als er mit seiner Tüte davonschlendert, und Arthur versucht nicht darüber nachzudenken, wofür er eine Großpackung Kondome braucht. Eine Großpackung, also echt. Als gäbe es in Blake's Peak so viele Leute, die man vögeln wollen würde. Ganz zu schweigen von einer, die man so häufig vögeln wollen würde.

 

 

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Arthur nimmt sich einen Tag frei, um zurück nach New York zu fahren. Er hat ein Vorstellungsgespräch für eine Stelle als Buchhalter in einem mittelständischen Computerunternehmen, und der Raum, in dem das Gespräch stattfindet, ist blau gestrichen, mit langen gelben Streifen, von denen ihm übel wird, während er sich zum Lächeln zwingt, und dazu, zu glucksen und an den richtigen Stellen anerkennend zu lachen. Arthur ist gut darin, die Leute zu bezaubern. Ein Talent, das er von seiner Mutter geerbt hat, oder zumindest behaupten das alle. Und wenn er seine Stimme weicher werden lässt, würde niemand vermuten, dass er in Wahrheit ein Häuflein Wut ist, an der Grenze zum Wahnsinn.

Um zwei Uhr morgens kommt Arthur in Blake's Peak an, und steigt mit zerknitterter Krawatte und verkrampften Beinen aus dem Bus. Er fährt mit dem Motorrad zurück zum Haus seines Großvaters, zwängt sich an den Skeletten vorbei und fällt ins Bett.

Die Bettlaken müssten mal wieder gewaschen werden, denkt er, als er daran schnuppert. Es gibt eine ganze Liste solcher Dinge, die getan werden müssten. Die Rechnungen müssten bezahlt werden, er muss seine Tante Griselda anrufen, um zu fragen, ob sie ihm ein paar der Familienerbstücke abnehmen würde, er muss die nächste Ladung Bewerbungen abschicken, und den Verkauf des Hauses vorbereiten.

Stattdessen schläft er mit angezogenen Beinen ein, die Haare zwischen Kissen und Wange geklemmt, sodass seine Haut morgens von verräterischen Furchen überzogen ist, und seine Haare eine absolute Katastrophe sind und in alle Richtungen abstehen. Arthur verbringt eine halbe Stunde mit einer Tube Gel im Badezimmer, und gerade, als er sich mit der Hand zum fünfzehnten Mal durch die Haare fährt, um sicherzustellen, dass er ansehnlich ist, fällt sein Blick auf die Kakerlaken.

„Oh, verdammte Scheiße“, stöhnt Arthur.

Das Haus ist schon alt und an der einen oder anderen Stelle schon ein bisschen morsch. Im Keller leben Mäuse und im Einbauschrank wohnt eine Ameisenkolonie, und jetzt hat er auch noch Kakerlaken im Badezimmer und wer weiß wo noch. Arthurs Großvater hat nicht nur Skelette gesammelt, sondern auch Wörterbücher – wenn man es genau nimmt, hat Arthurs Großvater so ziemlich alles gesammelt, weshalb das Haus ja auch so vollgestopft ist – also greift Arthur sich eine gebundene Ausgabe des OED und knallt sie auf die erste Kakerlake, die ihm unter die Augen kommt. Die zweite und dritte flüchten erschrocken vor dem Lärm. Arthur denkt daran, wie wütend sein Großvater wäre, wenn er von diesem eklatanten Missbrauch von Sprache und Bildung wüsste, diesem Angriff auf jegliche Literatur, und Arthur verspürt ein nüchternes, flüchtiges Gefühl von Befriedigung.

 

 

Auf dem Weg zur Arbeit ruft er den Kammerjäger an.

Fürs Frühstück bleibt ihm keine Zeit.

 

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„Arthur, jetzt mal ehrlich, wann hattest du zuletzt Spaß?“, fragt Ariadne, als er bei der Party zu Yusufs und ihrem zweiten Hochzeitstag auftaucht. „Du kriegst schon Falten auf der Stirn, und außerdem machst du den Kindern Angst.“ Sie streckt die Hand aus, um seine Stirn zu berühren und er ächzt.

„Ich weiß, Ari, ich weiß.“

„Wir könnten Minigolf spielen gehen. Das magst du doch.“

„Ich mag Minigolf, stimmt“, gibt Arthur zu. „Aber dafür müssten wir in die Stadt fahren. Was, wenn ich so darüber nachdenke, das beste wäre, was wir tun könnten.“

„Findest du Blake's Peak wirklich so furchtbar?“, fragt Ariadne, und Arthur weiß nicht, wie er es ausdrücken soll, sodass sie ihn versteht. Ariadne, die in der Highschool für kurze Zeit mit Arthur zusammen war, die er freundschaftlich zum Abschlussball eingeladen hat, die gelacht und ihm Blätter ins Haar gesteckt hat, als er gesagt hat, dass er so viel aus seinem Leben machen will wie möglich. Die gleiche Ariadne, die Yusuf einen Tag nach ihren Abschlussprüfungen angesehen und festgestellt hat, dass sie seit Ewigkeiten in ihn verliebt war. Ariadne arbeitet im Büro des Bürgermeisters, wo alle wissen, dass sie Saitos Nachfolgerin werden wird, wenn er in den Ruhestand geht, und sie und Yusuf sind glücklich, so unglaublich glücklich.

Yusuf taucht siegessicher aus der Küche auf. „Ich habe den Alkohol gefunden!“, verkündet er, und Ariadne verdreht die Augen, weil sie genau weiß, was ihnen bevorsteht. Yusuf und Alkohol ist eine böse Mischung, und sie werden alle noch wochenlang betrunken sein.

Als Arthur den ersten Schluck von Yusufs Rumgemisch nimmt, klingelt es an der Tür. „Das ist bestimmt Eames“, sagt Ariadne, und Arthur verschluckt sich an seinem Alkohol.

„Ihr habt Eames eingeladen?“

„Sag das nicht so schockiert. Er beißt nicht.“ Sie hält inne. „Na ja, okay, ich hab mal von diesem einen Mal zwischen ihm und Tommy Greyson gehört, aber das war nur ein Gerücht, und Tommy ist am nächsten Tag wie auf Wolken gegangen.“

„Tommy?“, wiederholt Arthur, als er sich an den bestaussehenden Typen in ihrer Abschlussklasse erinnert. „Moment, Moment, warte mal. Ich wusste nich mal, dass ihr mit Eames befreundet seid.“

„Man verpasst viel, wenn man in der Großstadt rumspaziert“, erwidert Ariadne und tippt ihm an die Stirn, bevor sie zur Tür geht. Als sie zurückkommt, folgt Eames ihr mit einer großen Flasche Jack Daniel's auf dem Fuße, und sein Lächeln wird breiter, als er Arthur lang ausgestreckt auf der Couch sitzen sieht, während eine von Ariadnes und Yusufs Katzen ihre Krallen an seinem Bein schärft.

„Hat die Katze ein Glück“, sagt Eames.

Arthur blinzelt zu ihm auf. „Tut mir leid, hast du etwa auch das Bedürfnis, mein Bein zu malträtieren?“, sagt er, und er denkt, Eames und nicht beißen? Aber hallo.

Eames setzt sich neben Arthur und reicht Yusuf den Jack Daniel's, der ihn anerkennend entgegennimmt. Er trommelt mit den Fingern auf seinen mit Jeans bekleideten Oberschenkeln herum, und Arthur sieht einen Fleck Motoröl auf Eames' Hosenbein. Zumindest hofft er, dass es Motoröl ist. Er reißt seinen Blick los, als Eames leise lacht. „Hast du was Interessantes entdeckt, Arthur?“, fragt er, und ja, Arthur versteht, warum Tommy Greyson sich von Eames überall dort beißen lassen würde, wo er will.

Arthur kippt den Rest von Yusufs Drink hinunter. Er stellt das leere Glas auf den Couchtisch. „Also, wie geht’s dir so?“, fragt er. „Ich hab dich in letzter Zeit nicht im Laden gesehen.“ Er sieht Eames mit zu Schlitzen verengten Augen an. „Oder kann es vielleicht sein, dass du in einer der großen Ketten eingekauft hast, weil in dem Fall: Fick dich.“

„Mmm“, sagt Eames und lehnt sich zurück. Er spreizt die Beine und Arthur kann sehen, wie muskulös seine Oberschenkel sind. „Viel zu tun in der Werkstatt. Ich hab größtenteils von Fast Food gelebt.“

Einige Minuten vergehen. Arthur sieht zur Decke, dann auf den Boden, dann zu Yusuf und Ariadne, die eng umschlungen miteinander tanzen, über die Worte des jeweils anderen kichern und so süß sind, wie man nur sein kann.

„Wir liefern auch aus“, sagt Arthur schließlich.

„Ach ja?“, erwidert Eames, ohne zu zögern, als hätten diese beiden Wörter die ganze Zeit nur darauf gewartet, gesagt zu werden, und dann lacht er wieder. „Das wäre schön.“

„Ich weiß nicht mal, wo du wohnst“, sagt Arthur. Er ist schon ein bisschen betrunken, aber nicht betrunken genug, um mit Eames zu reden. Eames, der Sprunghafte, der Fremde aus dem Ausland, das Mysterium der Rosa Parks High. Er reibt sich über die Augen und hält inne, als Eames einen Stift nimmt, der auf dem Couchtisch liegt, und nach Arthurs Hand greift. Mit den Zähnen zieht Eames den Deckel vom Stift. Er setzt die Spitze auf Arthurs Handfläche auf und lächelt vor sich hin, bevor er mit sicherer und weicher Handschrift schreibt.

„Meine Adresse“, sagt er, als er fertig ist. Seine Finger fahren Arthurs Handgelenk hinauf, bis zu der Stelle seines Arms, die unter seinen hochgekrempelten Ärmeln zu sehen ist. Er fährt mit dem Stift über die Haut an dieser Stelle. „Und das ist meine Telefonnummer.“

„Okay.“ Arthurs Stimme klingt gedämpft und heiser. Er räuspert sich und versucht, etwas erwachsener zu klingen. „Ich werd mich melden.“

„Das dürfte nicht all zu schwer sein“, stimmt Eames zu. „Wir leben in einer ziemlich kleinen Stadt.“

 

 

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Die Bäume biegen sich unter dem beständigen Wind, und der kalte Frühlingsregen weht in Arthurs Richtung, sodass er auf Arthurs Helm prasselt und ihm die Sicht verwischt, während er in Richtung Westen fährt. Das ist die Art von Wetter, bei der normalerweise niemand vor die Tür geht, nicht mal im Auto, aber Arthur liebt den Regen und er liebt den Kick, den das Gefühl von Wasser unter seinen Reifen in ihm auslöst. Seine Hände rutschen wegen des Wassers, das seine Handschuhe überzieht, auf dem Lenker herum, aber er hat keine Angst. Er verspürt nur anhaltenden und ausdrucksstarken Frieden, und er legt sich verwegener in die Kurve mit den drei Felsbrocken, als er vielleicht sollte.

Er erreicht die Tankstelle, als der Himmel sich verdunkelt, und als er hineinstiefelt, den Helm abnimmt und sein nasses, unordentliches Haar schüttelt, sieht er, wie Eames gerade einen Kaffee bezahlt.

Arthur läuft an ihm vorbei. Er geht zu einem der Kühlschränke und nimmt sich eine Flasche Root Beer. Er trägt sie zum Tresen, wo Eames mit dem Kassierer redet, während er seinen Kaffee trinkt und so sehr lacht, dass sein Adamsapfel hüpft. „Hey, Arthur“, sagt er, als Arthur seinen Geldbeutel öffnet, um sein Root Beer zu bezahlen. „Du hast mich gar nicht angerufen.“

„Das ist ja komisch“, sagt Arthur. „Ich hab dich auf die Liste für die Auslieferungen gesetzt. Yusuf hätte dich anrufen müssen.“

„Ja, und genau aus dem Grund habe ich meine Nummer ja auch groß auf Yusufs Arm geschrieben.“

Arthur weiß, dass er sich dümmer stellt, als er ist. Er weiß, dass Eames mit ihm flirtet, dass das die Art von beiläufigem Interesse ist, die zu verschwitztem Sex über Eames' Werkstatt oder zu einem Grapscher im Arbeitsbereich führen könnte. Aber wenn Arthur eine Eigenschaft von seinem Großvater geerbt hat, dann ist es seine Vorsicht. Er macht keinen Fehler zweimal. Er hat sich einmal an Eames verbrannt, und das kann Arthur entschuldigen – wie man eben alberne Fehler aus Highschoolzeiten, auf die man mit einem verschwommenen, photographischen Schmerz zurücksieht, entschuldigt –, aber er kann den Druck von Eames' Hand auf seinem Unterarm nicht vergessen, als er ihn für einen verzweifelten Kuss zu sich herangezogen hat. Abgesehen davon, dass sich herausstellte, dass die Verzweiflung nur von Arthur ausging.

Verbitterung bringt einen nicht weiter. Eames hat also bei diesem Kuss kein Feuer gefangen. Eames hat also nicht das ganze nächste Jahr damit verbracht, Arthur hinterherzuhecheln und seine Bücher für ihn zu tragen. Und wenn schon. Schwärmereien in der Highschool sind immer etwas unglaublich Albernes, und außerdem hätte es eh nicht funktioniert. Arthur hatte immer vorgehabt, fürs Studium wegzugehen, und Eames hatte immer vorgehabt, zu bleiben und seine Werkstatt zu eröffnen, um die mechanischen Bedürfnisse von Blake's Peak, Einwohnerzahl 9.101, zu befriedigen.

Das ist Arthur scheißegal.

Wenn man von den Augenblicken absieht, in denen es ihm nicht egal ist.

„Fährst du zurück in die Stadt?“, fragt Eames, und als Arthur sich endlich zu einem widerwilligen Ja durchringt, fährt er fort: „Sollen wir zusammen fahren? Ich würde wirklich gern sehen, wie dein Mädel sich so macht.“

„Ich finde es wahnsinnig anstößig, wenn jemand sein Fahrzeug als Frau bezeichnet, weißt du“, sagt Arthur.

„Du findest es schon anstößig, wenn jemand atmet“, merkt Eames an, und er folgt Arthur nach draußen in den Regen, dorthin, wo er sein Motorrad abgestellt hat. „Es ist blau“, sagt er überrascht, und Arthur verspürt das Bedürfnis, die Ehre seiner Farbauswahl zu verteidigen, weil es an Blau wirklich nichts auszusetzen gibt, genausowenig wie an jeder anderen Farbe, die nicht das stereotypische Schwarz oder Rot ist. Aber Eames klingt nicht, als würde er sich lustig machen. Es klingt eher, als wäre er total entzückt. „Ah, verdammt noch mal, das hätte ich mir denken können. Dir hat es schon immer Spaß gemacht, allen den Stinkefinger zu zeigen.“

„Es ist wirklich erleuchted, was du von mir denkst“, sagt Arthur. Er sieht zu, wie ein Regentropfen Eames' Nase hinunterläuft und auf seine Oberlippe tropft. Er sieht weg und startet sein Motorrad. „Pack dich auf deins und dann los.“

Neben jemandem Motorrad zu fahren, ist etwas ganz anderes, als mit jemandem im Auto zu sitzen. Es ist zum Beispiel beinah unmöglich, sich zu unterhalten, während man mit 160 km/h durch die Gegend rast. Also schweigen Arthur und Eames, während sie das Netz von Autobahnen und kleineren Straßen befahren, die zurück nach Blake's Peak führen, aber das heißt nicht, dass Arthur auch nur eine Sekunde lang vergisst, dass Eames da ist. Unmöglich, wo Eames' schnittige schwarze Ducati doch jedes Mal aufblitzt, wenn Arthur nach links sieht, oder wo Arthur doch das Heulen von Eames' Motor hören kann, das die Stille der inzwischen kühlen Aprilnacht durchbricht.

Eames' Lederjacke schmiegt sich eng an seine Schultern, und Arthur kann nicht anders, als hinzusehen, und in dem Moment, in dem er feststellt, in welche Richtung seine Gedanken gerade wandern, beschließt er, es ein bisschen runterzufahren. Er hat keinen Grund, früh zuhause zu sein, und er ist sowieso schon klatschnass, also muss er nicht vorm Regen nach drinnen fliehen. Eames versteht ihn ohne Worte. Er fährt langsamer, um sich an Arthurs Geschwindigkeit anzupassen. Sie fahren gemeinsam in die Stadt, und Eames fährt tatsächlich mit Arthur bis zum Haus seines Großvaters, obwohl Eames auf der anderen Seite der Stadt wohnt und das ganz und gar nicht auf seinem Weg liegt. „Nacht“, sagt Eames, als Arthur vom Motorrad steigt. Er sagt es leise und fröhlich, als wäre das hier so was wie ein Date gewesen.

„Stopf nicht immer alles in deine Hosentaschen“, gibt Arthur zurück. „Besorg dir einen verdammten Geldbeutel.“

Arthur“, sagt Eames.

An der Tür dreht Arthur sich noch einmal um. Er lässt sich zu einem Lächeln erweichen. Es ist schwierig, es zu unterdrücken, mit dem ganzen Regen und dem engen Leder um Eames' Schultern und Eames' geduldigem Gesichtsausdruck. Es ist fast wie in einem Film, voller Sepia und Stille, wo alles sich in Zeitlupe bewegt und alles einen Grund hat. Arthur kann nicht anders, er ist ergriffen. „Gute Nacht, Eames“, antwortet er. „Komm gut nach Hause.“ Er hebt zwei Finger zum Abschied und hört, wie Eames lacht.

 

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Er hat eine neue Nachricht auf dem Anrufbeantworter. Sie ist von Ariadne, die nachfragen möchte, ob sie ihren Lieblingsschal vor ein paar Tagen bei ihm vergessen hat. Arthur ruft sie zurück, um ihr zu sagen, dass er ihn nirgends gesehen hat, tut ihm leid, dann löscht er ihre Nachricht. Es befinden sich keine weiteren auf dem Anrufbeantworter.

Nach einiger Überlegung nimmt er den Hörer in die Hand und wählt die Nummer für ein Ferngespräch. „Hallo, Arthur Stein am Apparat. Ich habe mich für die Stelle in Ihrer Finanzabteilung beworben und wurde vor zwei Wochen zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Gibt es schon irgendetwas Neues bezüglich des Einstellungsverfahrens?“, fragt er.

„Oh, wir haben bereits jemanden eingestellt, Sir“, sagt die Frau am anderen Ende mit munterer und freundlicher Stimme. „Aber wir sind dankbar für Ihre Bewerbung.“

„Ach so“, sagt Arthur langsam.

Am Abend wärmt er die übriggebliebenen Gnocchi aus der Feinkostabteilung von Stein & Sohn auf. Er sollte wirklich mal Kochen lernen, denkt er, denn sein Repertoire besteht momentan vor allem aus Pasta, Salaten, und aus hastig improvisierten Sandwichs. In New York City war es nicht schwierig gewesen, preiswerte Mahlzeiten zu bekommen, und das Gute daran, einen Lebensmittelladen mit Feinkostabteilung zu besitzen, ist, dass er das, was nicht gekauft wird, mit nach Hause nehmen kann. Arthur setzt sich mit den Gnocchi vor den Fernseher und verbringt den restlichen Abend damit, Quizshows anzusehen, und boshafte Schadenfreude zu verspüren, wann immer jemand die einfachen Fragen bei Jeopardy! nicht beantworten kann.

Als er aufsieht, steht Eames vorm Fenster und starrt ihn durch die Scheibe hindurch an.

„Verdammte Scheiße noch mal“, sagt Arthur und fährt zurück. Er steht auf und öffnet die Tür. „Du kranker Stalker“, fügt er hinzu, und man muss Eames zugute halten, dass er zumindest schuldbewusst guckt, bevor er hereinkommt.

„Deine Klingel ist kaputt“, sagt er. „Und ich habe versucht zu klopfen, aber du hast dich anscheinend grade so sehr über Alex Trebek empört, dass du mich nicht gehört hast.“

„Ich hab nicht mit Besuch gerechnet“, sagt Arthur. Außer Ariadne und gelengtlich Yusuf besucht ihn niemand. Abgesehen vom Kammerjäger oder den Gläubigern seines Großvaters, aber letzteres hat er inzwischen so ziemlich geregelt. Eames lungert auf der Türschwelle herum und Arthur starrt ihn an, bis ihm auffällt, oh, Eames scheint doch ein paar grundlegende Manieren zu besitzen. „Du darfst reinkommen“, sagt Arthur, und geht zurück ins Wohnzimmer, wo Jeopardy! inzwischen vom Glücksrad und Vanna Whites nackten Schultern abgelöst wurde. Er macht es sich auf der Couch wieder unter einer Decke bequem und stellt die Gnocchi auf seinen Schoß.

„Wie...“ Eames blinzelt. „Wie urig.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass du was anderes erwartet hattest“, sagt Arthur. „Von einem Kassierer.“

„Ariadne hat mich vorgewarnt, dass du diesbezüglich ziemlich steif bist“, sagt Eames. Er setzt sich ans andere Ende der Couch, und aus irgendeinem Grund wirft Arthur einen Blick auf seine Socken, die absurderweise pink sind. „Die waren im Angebot“, sagt Eames leichthin, als er Arthurs Blick bemerkt. „Die Typen aus der Bar lieben sie. Sagen sie zumindest meistens, bevor sie meinen Schwanz in den Mund nehmen.“

 

 

„Danke für dieses Bild“, gibt Arthur trocken zurück.

„Kein Problem, Schatzi“, sagt Eames. „Ich würde sagen, nach dem, was zwischen uns war, muss mir nichts peinlich sein, hmm?“

Es gibt nicht viel, das Arthur in dieser Stadt gern miterlebt hätte, aber das Jahr, in dem Eames verkündet hat, dass er zweifellos und absolut schwul ist und jeden interessierten männlichen Bewohner der östlichen Küste abgeknutscht hat, gehört definitiv dazu. Das Ganze hat anscheinend einen ganz schönen Skandal ausgelöst, und Arthur wünschte, er hätte den Gesichtsausdruck seines Großvaters gesehen, als ihm klar wurde, dass dieser Eames – kontaktfreudig, beliebt, Footballspieler –, an dem Arthur sich seiner Meinung nach ein Beispiel hätte nehmen sollen, in Wahrheit kompromisslos auf Schwänze stand.

„Was war daran so lustig?“, fragt Eames.

„Gott, nichts“, sagt Arthur, aber er schüttelt sich trotzdem. „Warum bist du überhaupt hier? Wegen dem, was zwischen uns war?

„Eigentlich bin ich hier, um dich zu fragen, ob du mit mir durchbrennen willst.“

Arthur starrt ihn an.

„Ich hab ein paar Freunde. Dom und Mal. Sie wollen in drei Wochen in Kalifornien heiraten.“

„Richte ihnen meine Glückwünsche aus“, unterbricht Arthur ihn.

„Sei nicht gleich so fies“, schilt Eames. „Sie leben in New York, aber sie wollen vor der Hochzeit noch mal was Großes, was Tolles machen, und da sie beide Biker sind wie wir-“ - an dieser Stelle verspürt Arthur einen unfreiwilligen Funken von Freude darüber, als Teil dieser Gruppe angesehen zu werden, in dieses dehnbare Pronomen 'wir' miteinbezogen zu werden - „wollen sie einen Roadtrip machen. Ich wollte mich anschließen.“ Eames legt den Kopf auf die Seite und sieht Arthur an. „Und ich habe mir gedacht, dass du dich vielleicht auch anschließen willst.“

„Jetzt mal von vorne, warum sollte sich irgendjemand dem letzten Abenteuer eines Ehepaars anschließen wollen?“, sagt Arthur. „Das schreit ja geradezu nach drittem Rad am Wagen. Und außerdem ist es armselig.“

„Ich weiß, deshalb frage ich ja dich, ob du mitkommen willst“, sagt Eames. „Was das betrifft, warum ich überhaupt mit will... ich habe meine Gründe.“ Er lächelt Arthur strahlend an. „Wenn du lieb zu mir bist, sag ich's dir vielleicht sogar.“

„Du hast jemanden geschwängert, richtig“, sagt Arthur, „und jetzt versuchst du, wegzulaufen.“

„Arthur, ich bin schwul.“

„Ich würd's dir trotzdem zutrauen“, sagt Arthur.

Eames ignoriert die Anklage, ein bösartiger Befruchter schwuler Männer zu sein. „Hey, wenn du nicht willst, kannst du es auch einfach sagen. Ich dachte nur, dass du es mal nötig hättest abzuschalten. Ich hab mit Ariadne geredet, und sie hat gesagt, dass du ein absolutes Wrack wirst, wenn du noch länger in Blake's Peak bleibst. Ich dachte, ich würde dir einen Gefallen tun.“

Arthur macht eine flüchtige Handbewegung. „Wir kennen uns nicht mal richtig – die Aussicht auf eine Urlaubsreise mit dir und ein paar deiner Sadomaso-Freunde begeistert mich nicht so wahnsinnig.“

„Mal und Dom sind keine Sadomasos“, widerspricht Eames. „Nicht dass du weißt, was das überhaupt heißt, Arthur, du mit deinen bis oben hin zugeknöpften Poloshirts und deiner parfümierten Satsuma-Bodylotion, Himmel noch mal. Und ja, wir reden nicht mehr so viel miteinander, aber ich weiß ja nicht, ob du dir den Kopf an diesem großen Stein namens New York angehauen hast und unter Gedächtnisverlust leidest, weil wir kannten uns mal. Wir waren mal Freunde“, fügt er hinzu und Arthur schweigt.

 

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Er hat nicht viel in Blake's Peak, aber er hat hier mehr als irgendwo anders.

Wenn Arthur daran denkt, dass das, was er in New York hatte, inzwischen nur noch ein verwischter Fingerabdruck an der Wand seiner alten Wohnung ist, der jeden Tag mehr verblasst, fühlt er sich manchmal leer. Das war mal sein ganzes Leben, diese Stadt, dieser Punkt auf der Landkarte, und er vermisst es mit einer Traurigkeit, an deren scharfen Kanten man sich schneiden kann. Das war sein Zuhause, und Blake's Peak kann da nicht mithalten. Zuhause ist nichts, was man mit sich trägt, wo immer man hingeht. Es ist etwas, das man zurücklässt, und nie wiederfindet.

Wenn ihr Ziel im Osten läge, würde er ja sagen. Sofort. Ohne darüber nachzudenken. Arthur würde aufs Gaspedal treten und nicht ein einziges Mal anhalten. Aber Eames möchte nach Westen, wie ein Pionier, der nach einer verheißenden Siedlung Ausschau hält, und im Westen gibt es nichts, das Arthur sehen will. In Blake's Peak hat er wenigstens ein Haus, Freunde, und eine verlässliche Einkommensquelle. Hier hat er Straßen, die er in- und auswendig kennt, Frequenzen, auf die sein Radio eingestellt ist. Im Westen hat er nur -

Eames.

Dass Eames ihn als Freund sieht, hat Arthur überrascht, da er sie während der Highschool als alles gesehen hat, nur nicht als das. Sie waren freundlich zueinander, klar, und sie haben sowohl in Englisch als auch in Geschichte nebeneinander gesessen, was in ihrem beengten Klassenzimmer hieß, dass sich ihre Beine manchmal berührten, wenn sie gleichzeitig versucht haben aufzustehen. Manchmal hatten sie miteinander geredet, über ihr Wochenende, über den letzten Film, den sie gesehen hatten, worüber Jungs halt so reden, und Eames hatte Arthur im Werkunterricht geholfen, wenn er gemerkt hatte, dass Arthur keine Ahnung hatte, was er gerade tat – Arthurs Faszination für Autos und Motorräder war erst später entstanden. Aber sie waren nie Freunde gewesen, weil Eames immer wie eine Zahl gewesen war, die Arthur nie ganz berühren konnte, wie ein Teil des Graphen, an den Arthur sich versuchte anzunähern wie eine Asymptote, ohne ihn je zu erreichen. Nicht mal an diesem einen Abend, an dem sie auf einer von Tommy Greysons Partys gewesen waren und Eames Arthur ihn im Pool geküsst hatte, als niemand hingesehen hatte.

Es war Arthurs erster Kuss gewesen, und als sie sich aneinander gerieben hatte, hatte sie nur der hauchdünne Stoff ihrer Badehosen voneinander getrennt. Nein, Moment, Eames hatte gar keine Badehosen getragen. Eames war mit Jeans in den Pool gesprungen, und der raue Stoff hatte an Arthurs Haut geschabt, sodass er am nächsten Tag mit roten Striemen auf seinen Oberschenkeln und einem albernen Grinsen auf dem Gesicht aufgewacht war, das verblasst war, als Eames ihn in der Schule wie immer behandelt hatte, soll heißen, als wäre verdammt noch mal nichts gewesen.

Und jetzt – dreizehn Jahre zu spät – sagt Eames, komm mit mir nach Westen, und Arthur würde ihn am liebsten schlagen, so absolut und unglaublich abstrus ist das alles.

Aber die Bäume schwanken unter dem Gewicht des Regens, und im Haus seines Großvaters ist nichts als verletztes Schweigen, wenn Arthur durch die Flure geht.

Stein & Sohn kommt auch ohne ihn aus. Yusuf kriegt das schon hin. Die Angelegenheiten seines Großvaters können warten. Arthur hat den komplizierten Teil schon mit seinen Anwälten ausklamüsert. Er hat Ersparnisse auf dem Konto, und für ihn als Besitzer eines Geschäftes kommt jeden Tag mehr dazu, da er einen Anteil am Unternehmen hat und, oh Gott. Arthur denkt darüber nach, dann versucht er wieder, nicht darüber nachzudenken, bis er schließlich in einem Zustand ruheloser Panik neben den Skeletten und den zerfallenen Wörterbüchern und den Styroporboxen, die in der ganzen Küche verteilt sind, auf- und abgeht.

Jetzt, dreizehn Jahre zu spät, muss Arthur es drauf ankommen lassen und es wagen. Um vier Uhr morgens tromelt er gegen Eames' Tür, und die Brust wird ihm eng, weil er Angst hat, nicht mehr rechtzeitig zu kommen. Es regnet immer noch, und Arthurs Mantel hat fünfhundert Dollar gekostet und ist kein bisschen wasserdicht, aber Eames öffnet die Tür schließlich in Boxershorts. „Was zur Hölle?“, sagt er. „Besitzt du keine Uhr, Arthur?“

„Falls das Angebot noch steht“, sagt Arthur, „würde ich es gerne annehmen.“ Seine Haare sind klatschnass und hängen platt herunter, und er hat alles, was ihm wichtig ist, in einem Rucksack, der sich furchtbar mit seinem Mantel beißt, was ihm im Innersten ein bisschen wehtut, aber Eames lässt seinen Blick einfach nur über den Rucksack, den Mantel, und ihn wandern, und lächelt.

„Komm in drei Stunden noch mal“, sagt er.

„Was? Ich bin da, ich bin bereit, alles gepackt.“ Arthur sieht Eames an, sein nervtötendes Grinsen. „Komm schon, lass mich wenigstens rein und auf deiner Couch schlafen.“

„Nur, wenn du Frühstück machst, bevor wir aufbrechen“, sagt Eames.

„Nur, wenn du eine Magen-Darm-Tragödie erleben willst“, gibt Arthur zurück.

„Es ist, als wärst du nie weg gewesen“, sagt Eames bewundernd, während er die Tür weiter öffnet, um Arthur hereinzulassen.

 

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Die Straße im Zwielicht.

Arthurs Hände fühlen sich kalt an in seinen Handschuhen und seine Finger halten den Lenker steif umklammert, aber Eames ist neben ihm, in seiner Lederjacke und seinen dicken, abgetragenen Stiefeln. Der Regen lässt langsam nach, und es riecht nicht nach Erde, sondern nach nassen, feuchten Blättern, gemischt mit den chemischen Abgasen der nahegelegenen Klebstofffabrik. Die Sonne geht in scharfem, rötlichem Silber auf. Arthur atmet tief ein, während er und Eames schweigend die Route 78 hinunterrasen und sich mit jeder Minute weiter von Blake's Peak entfernen. Zu dieser Zeit sind noch nicht viele Auto- oder Motorradfahrer unterwegs, schon gar nicht mitten im Nirgendwo. Es fühlt sich irgendwie unheimlich an, wie die Straße sich ausdehnt und erstreckt, und den Horizont, der ein ebener, goldener Strich ist, immer weiter zurückdrängt. Arthur fühlt sich, als gäbe es nichts außer dem Druck des Atems in seinen Lungen, und dem Anblick von Eames genau vor ihm.

Sie fahren ungefähr eine Stunde lang schweigend nebeninander her, aber dann hält Eames plötzlich am Straßenrand. Arthur hält neben ihm und stellt einen Fuß auf die Erde, um das Gleichgewicht zu halten, während er den Motor laufen lässt. Eames nimmt seinen Helm ab, blickt Arthur forschend an und fragt: „Alles klar bei dir?“

Arthur ist vielleicht kein erfahrener Biker, aber er ist auch nicht gerade die Prinzessin auf der Erbse.

„Das hast du jetzt gesagt, nicht ich“, sagt Eames fröhlich.

„Was soll das überhaupt heißen?“, grummelt Arthur. Er hat eine abgetragene Armbanduhr am linken Handgelenk. Sie hat mal seinem Vater gehört und ist einer der wenigen Gegenstände, die aus den Trümmern gerettet werden konnten. Jetzt wirft er einen Blick darauf und sieht, dass es auf acht Uhr zugeht. Bald ist es Zeit für seinen morgendlichen Kaffee zum Aufwachen und zum Erfrischen der Lebensgeister. Den hatte er in seinen Überlegungen ganz vergessen. Unterwegs bestimmt nicht der Mensch die Kaffeepausen, die Kaffeepausen bestimmen den Menschen. „Lass uns weiterfahren“, fügt er hinzu. „Wollen wir uns nicht in der nächsten Stadt mit deinen Freunden treffen?“

„Die kommen eh viel zu spät“, sagt Eames. „Mach dir keine Sorgen. Dom und Mal würden nicht mal rechtzeitig zu einem Treffen kommen, wenn es dort kostenlose Goldbarren gäbe.“

Arthur sieht ihn fragend an.

„Du wirst sie mögen, da bin ich mir sicher. Besonders Mal. Sie wird bestimmt einen Narren an dir fressen, wart's nur ab“, sagt Eames. Er leidet ganz offensichtlich nicht unter Koffeinentzug. Vielleicht, denkt Arthur säuerlich, liegt das ja daran, dass er die letzten paar Stunden in einem bequemen Bett geschlafen hat, während Arthur sich auf der hässlichen alten Couch zusammengerollt hat, deren Federn ihm in den Rücken gedrückt haben. Er könnte schwören, dass er diese Couch auf Mrs Pattersons privatem Flohmarkt gesehen hat, als er sechzehn war.

Eames setzt seinen Helm wieder auf. „Na ja, solange du nicht zu erledigt bist und du dir den Arsch noch nicht wundgesessen hast, fahren wir weiter.“

„Bitte denk nicht zu viel über meinen Hintern nach“, gibt Arthur zurück, aber er meint es nicht wirklich so, und er muss sogar ein bisschen grinsen, als er wieder auf sein Motorrad steigt. Eames startet zuerst – er kennt den Weg. Arthur folgt ihm zurück auf die Straße.

Gegen zehn machen sie bei McDonald's eine Frühstückspause. Eames bestellt einen Kaffee und zwei McMuffins Sausage & Egg. Arthur bestellt einen Kaffee und, nachdem er die Karte wehleidig studiert hat, einen Salat. Eames verdreht die Augen, als er Arthurs Essen auf dem Tablett sieht, aber Arthur zuckt mit den Achseln. Nur weil sie unterwegs eine eingeschränkte Auswahl haben, heißt das ja nicht, dass er nur Müll essen muss. Sie setzen sich an einen Tisch weiter hinten, neben einem Vater und einer Mutter, die versuchen, ihre Kinder dazu zu bringen, ihre schläfrigen Augen zu öffnen und zu essen. Arthur hat nur einen kurzen Blick für sie übrig, während Eames ungeniert reinhaut. Arthur schlürft seinen Kaffee und streckt seine verkrampften Beine.

„Bin gleich wieder da“, sagt Eames, als er fertig ist. „Pinkelpause.“

Arthur winkt ab. „Ich glaube, wir wissen bald ziemlich genau über die Pinkelpausen des jeweils anderen bescheid.“

„Aber Arthur, das ist ja das schönste, was du je zu mir gesagt hast“, spöttelt Eames und sein Ellbogen streift Arthurs, als er von der Bank rutscht.

Als Eames weg ist, erlaubt Arthur sich ein paar beunruhigte Augenblicke. Was zur Hölle tut er hier eigentlich noch mal? Ist das wirklich eine gute Idee? Er sieht auf sein Handy und schickt Yusuf eine kurze Nachricht, und als sie abgeschickt ist, denkt er darüber nach, wo die Nachricht hingeht, und dass er noch nicht so weit von Blake's Peak entfernt ist. Noch könnte er umkehren und zurückfahren – wenn er weiterfährt, könnte das schwierig werden. Aber dann kommt Eames von der Toilette zurück, mit verwuschelten Haaren und falsch zugeknöpftem Hemd, und Arthur seufzt innerlich. Er hat seine Entscheidung getroffen. Es nützt nichts, jetzt ganz wischiwaschi zu werden, und ganz abgesehen davon hat er lauter Kosmetikartikel in Reisegröße in seinem Rucksack, die er sonst für nichts gebrauchen kann. Und er hat im Baumarkt extra ein Navigationsgerät gekauft, falls irgendetwas schief geht. Es wäre ein Jammer, den Kram nicht zu benutzen.

„Bist du bereit?“, fragt Eames. Arthur ist sich sicher, dass Eames' ständige übertriebene Sorge ihm noch ganz schön auf die Nerven gehen wird. Das weiß er jetzt schon. Aber er steht auf und wirft seine Serviette auf den Tisch.

„Wir können“, sagt er.

 

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Dom und Mal erwarten sie in einer Stadt namens Brighton, etwa eine Stunde westlich von dort, wo sie gefrühstückt haben. Sie haben vor einem kleinen Supermarkt mit einem unstet flackernden Neonschild geparkt, und sie stehen neben einer riesigen roten Yamaha mit ebenso großem Beiwagen. Mal lächelt, als Eames und Arthur neben ihnen halten. Arthur nimmt sie neugierig in Augenschein und blinzelt, als er sieht, dass sie hochschwanger ist.

„Ich hab doch gesagt, ein letztes Abenteuer“, murmelt Eames Arthur zu, als sie bremsen. „Bevor die Hochzeit und das Baby kommen und sie sich irgendwo niederlassen müssen. Nicht, dass ich ihnen nicht zutrauen würde, das Baby in die Kofferraumbox zu stecken und trotzdem wie die Verrückten zu fahren, aber sag ihnen nicht, dass ich das gesagt habe.“

„Hi“, sagt Dom. Er kommt auf sie zu und schüttelt Arthur die Hand. „Ich bin Dom Cobb.“

„Ich heiße Mal“, sagt Mal mit leichtem französischem Akzent. Sie lehnt sich nach vorn, um Arthur auf beide Wangen zu küssen. Er hat nicht damit gerechnet, und es entsteht ein unbeholfenes Gewirr von Körperteilen und einige Verwirrung, wobei er sich eindeutig unbeholfener anstellt, während Mal das Ganze gnädig hinnimmt. In New York kannte er ein paar Frauen, die einen auf der Arbeit mit eleganten Wangenküssen begrüßt haben, aber es versteht sich von selbst, dass das in Blake's Peak eigentlich nie vorkommt, wo es erschreckend selten geschieht, dass man neue Leute trifft, die man beeindrucken möchte. Den meisten Leuten, die Arthur kennt, genügt ein Brummen zur Begrüßung.

Aber Mal. Mal duftet nach Öl und Salz und Schweiß, und Arthur erkennt die Liebe in Doms Blick, wenn er sie ansieht.

„Schön, dich kennenzulernen“, sagt Arthur ehrlich, und ein durchtriebenes Lächeln tritt auf Mals Gesicht.

„Schön, dass du uns begleitest. Eames wäre sonst sicher vollkommen unerträglich“, sagt sie, und Eames versucht zu widersprechen, aber sie unterbricht ihn einfach. „Versuch nicht, es zu leugnen, mein Lieber. Du würdest abends auf der Suche nach Gesellschaft durch die Bars ziehen, und dich dann an meiner Schulter darüber ausweinen, dass es in diesem Land einfach keine vernünftigen Jungs mehr gibt. Furchtbar, ganz furchtbar.“

„Soll das etwa heißen, dass Arthur ein vernünftiger Junge ist?“, fragte Dom geradeheraus, und Arthur spürt, wie die Hitze seinen Nacken hinaufkriecht.

„Hey, das reicht jetzt“, sagt Eames. „Wir haben noch drei Wochen bis zur Hochzeit. Nehmt mir nicht meine gesamte geheimnisvolle Ausstrahlung.“

„Eames, manchmal wünschte ich mir, du wärst ein einziges Geheimnis“, erwidert Mal. „Insbesondere wenn das deine dreckigen Socken miteinbeziehen würde, die immer in meinem Hotelzimmer verstreut sind. Aber kommt, es wird wieder kalt. Ich muss auf die Straße, um mich aufzuwärmen.“

Arthur lässt seinen Blick über Eames, Dom und Mal wandern, und sagt sich, dass sich hier eine Geschichte verbirgt, eine gute wahrscheinlich. Er würde gern fragen, wie sie sich kennen gelernt haben, aber Mal hat jetzt schon Hummeln im Hintern, und Dom überprüft gerade ein letztes Mal ihre Vorräte, und fährt mit einer Hand beschützerisch über ihren Bauch, als sie sich zu ihm beugt, um zu fragen, ob er auch ja daran gedacht hat, ihre Bonbons einzupacken. Sie sind ein offenes und ungezwungenes Paar, und Arthur kann sich vorstellen, warum Eames sich so gut mit ihnen versteht. Vielleicht gehört das einfach dazu, wenn man Biker ist, diese unendliche Freundlichkeit und Entspanntheit. Falls ja, hat Arthur noch einen langen Weg vor sich.

Er schnaubt leise, als er seinen Helm wieder aufsetzt. Er sieht, wie Eames ihn anlächelt. „Was?“, fragt er. „Hab ich was im Gesicht?“ Zur Sicherheit fährt er sich mit der Hand über den Mund. Dieser Scheißsalat. Er hatte gedacht, damit könnte er nichts falsch machen.

„Nein, ich mein nur, deine Haare. Du hast eine Helmfrisur“, sagt Eames.

„Du ja wohl auch“, merkt Arthur an.

„Ja, aber du bist Arthur“, gibt Eames zurück. „Ich glaube, ich hab dich noch nie ohne deine perfekt gestylte Buchhalterfrisur gesehen.“ Bis auf dieses eine Mal im Pool, aber das sagt er nicht, und Arthur wirft Eames einen ungeduldigen Blick zu, als er auf sein Motorrad steigt.

„Ich bin kein Buchhalter mehr“, sagt er.

 

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Sie übernachten in einer Stadt, die so klein ist, dass Arthur in der Dunkelheit nicht mal den Namen auf dem Schild erkennen kann. Es gibt ein einziges Motel am Ort, und Dom und Mal bezahlen ihr Zimmer, während Eames Arthur ansieht und fragt: „Wollen wir teilen? Ist billiger.“

„Klar doch“, sagt Arthur, obwohl er sich seit dem College kein Zimmer mehr geteilt hat. Selbst seine romantischen Begegnungen in New York sind nie über Nacht geblieben, was irgendwie ziemlich vielsagend ist, jetzt, wo er darüber nachdenkt. Er hat noch nie einen richtigen Freund oder eine Freundin gehabt. Arthur, du bist mitten in deiner Mid-Life Crisis, denkt er, als der Rezeptionist ihm eine Schlüsselkarte reicht und er zu dem Zimmer im zweiten Stock geht. Dom und Mal kichern gerade über irgendetwas, und Mal schenkt Eames und Arthur ein glückseliges Lächeln, bevor Dom sie begrapscht und sie in ihrem Zimmer verschwinden, vermutlich, um leidenschaftlichen, verliebten Sex zu haben. Arthur ist nicht eifersüchtig, überhaupt nicht.

Arthur beansprucht die Dusche als erster. Eames überlässt sie ihm ohne Widerspruch. Er lässt sich schwer aufs Bett fallen, ohne seine Stiefel auszuziehen. Er zappt durch die Fernsehsender, während Arthur seine Handtücher und seine Kosmetikartikel in Reisegröße mit einer Art von Befriedigung richtet. „Nur aus Neugierde, wie viele verschiedene Outfits hast du dabei?“, fragt Eames. „Und wie viele davon haben mehr gekostet als Mals Verlobungsring?“

„Ich habe sogar ein T-Shirt dabei. Zwei, wenn du's genau wissen willst“, sagt Arthur.

„Du warst schon immer der bestgekleidete Junge der Schule“, sagt Eames. „Es war übrigens niemand überrascht, als rauskam, dass du nicht hetero bist.“

„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, sagt Arthur, „und außerdem ist das ziemlich komisch, du bist nämlich viel schwuler als ich, und da wäre nie jemand drauf gekommen.“

„Lustig, nicht wahr?“, stimmt Eames ihm zu, und Arthur greift seine Badsachen und geht ins Badezimmer. Er schließt die Tür mit dem Fuß. Beim Ausziehen kann er das Plärren des Fernsehers hören, nur unterbrochen von Eames' gelegentlichem Lachen, während er sich durch die Wiederholungen irgendwelcher Sitcoms zappt. Arthur lässt dieses Lachen von seiner Haut abperlen, als er die Dusche andreht, wartet, bis das Wasser warm genug ist, und sich dann unter den Strahl stellt.

Es fühlt sich wunderbar an. Arthur kommt mit einer Menge Dreck zurecht. Es ist schließlich nicht so, als hätte er in New York in der Park Avenue gelebt, und abgesehen davon gibt es im Haus seines Großvaters ein echtes Kakerlaken-Problem, ganz zu schweigen von den Ameisen und den Ratten, aber das Gefühl, selbst dreckig zu sein, kann er nicht ausstehen. Er wäscht sich den Straßenstaub von der Haut und aus den Haaren, seift sich gründlich ein, und steht dann eine Zeitlang einfach nur da, umgeben von Wärme und Wasserdampf, bis seine Finger schrumplig werden und es nebenan still geworden ist.

Als Arthur aus dem Badezimmer kommt, gibt Eames sich gerade eine Spritze.

„Was ist das?“, fragt Arthur ausgesprochen ruhig.

„Oh, hab ich dir das nicht gesagt? Ich bin ein Junkie. Eigentlich bin ich nur mitgekommen, um in so vielen Staaten wie möglich zu fixen, und dann deinen Körper zu verkaufen, wenn mir das Geld ausgeht.“ Eames verzieht kein einziges Mal die Miene, während er das sagt. Er injiziert sich den Rest der Flüssigkeit. Dann zieht er die Nadel aus seinem Arm und zielt mit der leeren Plastikkanüle auf den Mülleimer. Er trifft.

„Eames“, sagt Arthur.

„Ganz ruhig“, erwidert Eames. „Ist nur Insulin.“

Arthur lässt die Luft langsam entweichen. „Du hast – Diabetes?“, fragt er.

„Typ I, erst kürzlich diagnostiziert.“

Arthur weiß nicht, was er dazu sagen soll, also sagt er gar nichts. Das ist Eames' Sache, nicht seine. Nur weil sie zusammen unterwegs sind, heißt das nicht, dass Arthur das Recht hat, neugierige Fragen zu stellen, und es liegt ein harter Glanz auf Eames Gesicht, der ihn so oder so davon abgehalten hätte.

 

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„Wir haben Eames bei einer Orgie kennen gelernt“, sagt Mal.

Arthur bildet sich einiges darauf ein, dass er nicht mal mit der Wimper zuckt. Sie sind gerade mal zwei Tage unterwegs, und schon hat er sich an das Leben in Sünde und Verdammnis gewöhnt, über das sein Großvater immer so gewettert hat. Oh yeah.

Eames unterbricht sie. „Falsch, es war nur so eine Art Orgie.“

„Wir kann eine Orgie nur so eine Art Orgie sein?“, fragt Arthur ihn. Sie sitzen zu viert an einem Tisch in einer Raststätte in Maryland, einer dieser allgegenwärtigen Dreh- und Angelpunkte der patriotischen Amerikana, wo Taylor Swift gespielt wird, während die Kellnerinnen ihnen Pancakes servieren, die größer sind als ihre Lungen.

 

 

„Dann, wenn Dom sich im letzten Augenblick verkrampft und sich nicht von mir vögeln lassen will“, sagt Eames sachlich. Arthur sieht hinüber zu Dom, der einfach nur entnervt wirkt, und dann zu Mal, die so aussieht, als würde sie gleich vor Lachen übersprudeln. Vor ihr steht ein kleiner Berg angefangener Pancakes – die Kriegsbeute einer Schwangeren. Okay, denkt Arthur, und entspannt sich einfach. „Er war schon damals in Mal verliebt, aber er wollte es nicht zugeben“, sagt Eames.

„Oh, ganz ohne Zweifel“, sagt Mal.

„Es handelt sich hier um eine grobe Fehleinschätzung meiner Person“, sagt Dom.

„Anfangs war er total eifersüchtig auf mich“, sagt Eames leichthin. „Weil ich nämlich charmant bin und weiß, wie man sich zu bewegen hat, und ihm nur das Herumstolzieren und das elektrische Bügeleisen blieben. Aber ich würde mal sagen, es hat sich alles zum Guten gewendet.“

„Wann war das?“, fragt Arthur. „Weil wenn du mir jetzt sagst, dass es in Blake's Peak eine Art von Orgien gibt, dann werde ich richtig sauer.“

„Ich war auf Geschäftsreise“, sagt Eames. „Um ein paar Sonderteile für die Werkstatt zu besorgen. Na ja, Geschäfts- und Vergnügungsreise, wie sich herausgestellt hat.“ Er grinst dreckig, und Arthur wirft Mals Schwangerschaftsbauch einen argwöhnischen Blick zu, aber auch das ist etwas, das er nicht ansprechen will, noch nicht. Es ist ein langer Weg, und er hat gerade mal einen Fuß aus der Tür gesetzt. Einige der Puzzleteile fügen sich aber inzwischen zusammen, über dies und das, und er versteht inzwischen, warum ihre Mahlzeiten immer auf die Minute genau sind, und warum selbst richtig wilde Biker sich an einen Tagesplan halten müssen.

„Womit verdient ihr euer Geld?“, fragt Arthur Mal und Dom.

„Mit Träumen größtenteils“, sagt Mal.

„Damit, zu verhindern, dass Eames sich mit jeder Geschlechtskrankheit unter der Sonne ansteckt“, sagt Dom.

„Ich meine-“ Arthur beißt seine Anmerkung gerade noch so zurück. Er schluckt sie hinunter. „Ich meine, das klingt großartig“, beendet er den Satz. Mal lächelt ihn an und klaut ihm dann seinen letzten Pancake, während Eames ihm einen Blick zuwirft, der so viel sagt wie, Siehst du, du bist lernfähig.

 

&

 

Arthur rennt

--- er rennt

----- er setzt im Rennen auf dem Boden auf.

Wenn sie schon bei Träumen sind – das ist der erste, der ihm einfällt. Er war – anders als Eames, der die Initialen der Schule auf seiner Jacke trug und im Footballteam auf der Position des Wide Receivers spielte – in der Highschool kein Sportler gewesen. Jetzt, wo Arthur darüber nachdenkt, ist das irgendwie seltsam, wo Eames doch englisch ist und American Football dort, wo er herkommt, nicht gerade beliebt ist. Aber so ist Eames eben, anpassungsfähig, immer gewillt, etwas Neues auszuprobieren, und Arthur hat ihn früher immer beim Training auf dem Feld gesehen, wenn er von der Schule zum Copy Shop ging, wo er einen Nebenjob hatte. Arthur hatte nie ein besonders großes Verlangen verspürt, eine Sportart auszuüben, und er stand nicht so auf organisierten Sport im Team, aber er lief gern.

Seine Füße auf dem Asphalt, der brennende Schweiß auf seiner Haut, das Beißen in seinen Muskeln. Er hatte im College mit dem Joggen aufgehört, als er das Fitnesscenter für sich entdeckt hatte, und in New York joggte er nicht in der Öffentlichkeit, weil er die vielen Leute nicht mochte, aber die Träume kamen immer wieder.

Gerade ist er aus genauso einem Traum erwacht, und sein Herz hämmert ein Muster gegen seine Rippen. Die Laken kleben auf seiner Haut. Er hört, wie Wasser gegen die Fensterscheibe des Motelzimmers trommelt. Es regnet schon wieder.

Er wirft einen Blick auf Eames.

Eames ist, wie nicht anders erwartet, kein angenehmer Bettnachbar. Er ist laut. Er schnarcht. Er wirft sich dauernd hin und her. Er kratzt sich. Aber Arthur starrt ihn trotzdem an, die Hand, die über seinen nackten Bauch gebreitet ist, das Laken, das bis hinunter zu seinen Hüften gerutscht ist, seine Tätowierungen. Gott, seine Tätowierungen. Sie sind über Eames gesamte Brust verteilt, lauter Schnörkel und Muster, die Arthur nur jetzt so genau betrachten kann, mitten in der Nacht, weil Eames tagsüber immer etwas drüber hat. Meistens seine Lederjacke, was jetzt nicht so schlimm ist, aber Arthur gefällt er so besser.

 

 

Eames' leicht geöffneter Mund löst etwas Altbekanntes in Arthur aus, und Himmel, es ist wirklich, als wären sie wieder in der Highschool, wo er zusehen musste, wie Eames einfach alles mit diesem Mund angestellt hat – wie er die Lippen im Matheunterricht um seinen Stift gelegt hat, wie er sie sich beim Mittagessen in der Kantine abgeleckt hat, wie er sie am Spind zu einem spitzbübischen Grinsen verzogen hat. Arthur hatte damals mit peinlichen Reaktionen auf diesen Mund zu kämpfen gehabt, und jetzt geht es ihm nicht besser.

„Scheiße“, sagt er leise, haucht es in die Dunkelheit. Eames schläft nicht nur nervig, sondern auch tief und fest, also schiebt Arthur eine Hand unter seine Laken und betet.

Es fühlt sich wunderbar an, eine Hand um seinen Schwanz zu schließen, aber den Blick auf Eames ruhen zu lassen, während er schläft, macht es noch besser. Arthur weiß, dass er etwas Verbotenes tut, und es ist, als würde dieses Wissen seinen Körper erst richtig aufwecken. Sein Schwanz zuckt und seine Hoden schwellen an. Er versucht, sich dafür zu schämen, aber als er einen flüchtigen Blick auf Eames' Zunge erhascht und Eames mit leiser rauer Stimme vor sich hinmurmelt, von der Arthur weiß, dass sie sich unglaublich gut an seiner Haut anfühlen würde, wenn Eames ihm beim Vögeln schmutzige Dinge zuflüstern würde, ist ihm alles egal.

Arthur reibt sich mit einer Hand, langsam, methodisch. Er lässt kein einziges Mal mit dem Blick von Eames ab. Er denkt an diesen einen Kuss vor all den Jahren, und daran, wie sich dieser absolut unmöglich schöne Mund auf seinem angefühlt hat. Und dann denkt er daran, wie sich dieser Mund auf anderen Teilen seines Körpers anfühlen würde, wie es sich anfühlen würde, wenn er ihm einen blasen würde, und Arthur verliert seinen regelmäßigen Rhythmus.

Er legt sich so hin, dass seine Vorderseite gegen das Bett drückt und nutzt die Reibung, um sich zum Höhepunkt zu bringen, ruckt gegen die Laken, einmal, zweimal, bevor er sich am gesamten Körper anspannt und kommt. Er versucht, leise zu sein, aber entgegen all seiner Anstrengungen entfährt ihm ein leichtes Keuchen, ein ersticktes Staccato seines Atems. Eames entfährt ebenfalls ein Geräusch, und es macht Arthurs Orgasmus noch intensiver. Er zittert und bebt, während er kommt.

Er wirft einen Blick auf Eames.

Er schläft immer noch.

Gott sei Dank, denkt Arthur, und in diesem Moment bricht die Verlegenheit über ihn herein, weil er auf einem nassen Fleck liegt und seine Hände mit seinem eigenen Sperma verklebt sind. Er ist zu alt für diesen Mist, und für den stolpernden Gang ins Badezimmer, wo er sich die Hände wäscht und sich die Oberschenkel mit Klopapier abwischt.

Er krabbelt wieder ins Bett und rutscht ein wenig nach links, um nicht auf dem nassen Fleck liegen zu müssen. Er geht davon aus, dass er die restliche Nacht über die Decke anstarren wird, während er vor sexueller Frustration brodelt, aber er schläft ziemlich bald ein. Als er aufwacht, spritzt Eames sich gerade Insulin. Als Arthur sich regt, sieht er zu ihm auf. Seine Wimpern sind verklebt vom Schlaf. Sein Blick faul. Träge. Eames offenbart nie mehr von sich selbst als nötig, weshalb Arthur sich immer fühlt, als würde er kleine Splitter von ihm stehlen, heimlich.

„Gut geschlafen?“, fragt er.

„Wunderbar“, erwidert Arthur, und er hat Glück, dass er so ein guter Lügner ist, denn er weiß wirklich nicht, wie er diese Reise sonst überstehen sollte.