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Das andere Wagnis

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Vorspiel
34. Prago der Coroma 21.459 da Ark
(10. Mai 1347 NGZ)

Bostich lehnte sich vor. »Es ist also soweit?«

»Ich habe die letzten Testläufe heute Morgen persönlich überwacht«, erklärte Terkis Kark selbstbewusst und unterstrich ihre Worte mit raschen Gesten aller vier Arme. »Wir haben keine Probleme mehr entdeckt.« Sie warf einen raschen Seitenblick auf Kommandantin Gherada, die zustimmend den Kopf neigte. »Die Serienproduktion kann beginnen, Begam.«

Obwohl sie Zivilistin war, sprach sie den Imperator mit seinem militärischen Titel an – so hatte es sich im arkonidischen Untergrund eingebürgert. Bostich selbst begrüßte das; es förderte die Effizienz.

Er sah ein wenig ratlos auf das knapp 30 Zentimeter kleine Fremdwesen mit der gelblichgrünen Lederhaut hinab, das ihm stolz und erwartungsvoll entgegenblickte. Terkis Kark, Laktrote der Hyperphysik und Hyperingenieurin mit Spezialgebiet Halbraumtechnologie, leitete das Projekt Goldan. Bostich hatte bisher nicht viel persönlich mit ihr zu tun gehabt, aber sie war eine von Aktakuls talentiertesten Wissenschaftlern. Dass sie eine Breheb'cooi war – ein Fremdwesen, keine Arkonidin –, durfte ihn nicht beeindrucken. Doch es fiel ihm schwer, völlig darüber hinwegzusehen.

Welchem Arkongeborenen wäre es anders gegangen?

Bostich war stets stolz darauf gewesen, Verdienst über Herkunft zu stellen. Zu viele Arkoniden ruhten sich auf den Errungenschaften ihrer Vorväter aus, anstatt sich ihres Erbes würdig zu erweisen. Und auch wenn es ihm gelegentlich gegen das tief verwurzelte Standesbewusstsein ging – als Imperator hatte er das Erforderliche zu tun, ohne falsche Rücksichten.

Zugegeben: Herrscher über Arkon und die Welten der Öden Insel war er derzeit nur dem Titel nach. De facto war er nichts als der Oberbefehlshaber einer Flüchtlingsflotte, die sich in abgelegenen Sonnensystemen vor der Terminalen Kolonne verstecken musste. Doch er konnte nicht aus seiner Haut. Er war der Imperator, mit jeder Faser seines Wesens, und er würde entsprechend handeln.

Er gönnte der umweltangepassten Swoon einen wohlwollenden Blick und ein knappes, anerkennendes Nicken. »Akibah Alor wird den Einbau auf der JIMMERIN überwachen«, bestimmte er. Der Chefwissenschaftler der GOS'TUSSAN, ein Protegé Aktakuls, war ihm in Abwesenheit seines Ka'Marentis ein zuverlässiger wissenschaftlicher Ratgeber gewesen. »Laktrote, du wirst auf der Konferenz die Vorstellung des Orters übernehmen. Alor steht dir zur Seite.«

Terkis Karks Augen blitzten überrascht auf; sie wurde noch gelber im Gesicht. Dann verneigte sie sich tief, offenbar geschmeichelt. Als Vertreterin des Kristallimperiums aufzutreten – wie oft bekam eine Breheb'cooi eine solche Gelegenheit?

»Sehr gerne, Begam!«, strahlte sie. Die Verehrung für den Imperator war ihr ins fremdartige kleine Gesicht geschrieben.

Bostich unterdrückte sein Missbehagen und wandte sich an die Kommandantin des Experimentalschiffs. Anders als die Zivilistin Terkis Kark hatte Gherada Netruas vorschriftsmäßig Haltung angenommen: die Beine gespreizt, die Rechte gegen die linke Schulter gepresst, der Blick starr geradeaus.

»Sek'athor, du übernimmst ab sofort das Kommando über die JIMMERIN.«

»Jawohl, Begam!«, antwortete sie sofort. Doch für einen Augenblick glitt ein Schatten über das Gesicht der zierlichen Arkonidin.

Das aufregende Kommando gegen eine Spazierfahrt einzutauschen das gefällt ihr wohl nicht, spottete Bostichs Extrasinn und fügte kritisch hinzu: Sie fühlt sich ein wenig zu wohl!

In der Tat: Sie ließ ihre Enttäuschung viel zu deutlich sehen. Und sie war nicht einmal eine Adelige; nur eine Essoya.

Das ging nicht an.

Bostich zog die Brauen zusammen. »Vergiss dich nicht«, tadelte er sie scharf. Ihr betretener Blick war befriedigend.

»Ich bitte um Verzeihung, Begam!« Sie versuchte, durch ihn hindurchzustarren, wie man es auf der Akademie lernte. Doch ihr Blick flackerte ein wenig.

Gut.

Bostich musterte sie aus zusammengekniffenen Augen und entschloss sich, über ihren Lapsus gnädig hinwegzusehen. Er wandte sich ab.

»Gib Hermalon Bescheid«, befahl er der Swoon. »Und dann ...« Er lächelte süffisant und ließ den Satz in verheißungsvolles Schweigen münden.

Terkis Kark bestätigte den Befehl und versicherte, dass die benötigten Geräte innerhalb des vorgesehenen Zeitraums zur Verfügung stehen würden. Er gönnte ihr erneut ein anerkennendes Nicken.

»Wegtreten«, befahl er, und die beiden Frauen zogen sich zurück.

Nachdenklich tippte der Imperator das Holodisplay seines Schreibtischs an und überflog noch einmal die Dossiers, die er in den letzten Tagen und Wochen immer wieder studiert hatte. Akon, Archetz, Olymp, Rudyn ... Báalols, Überschwere, Jülziish.

Die Blues!

Die Erbfeindschaft zwischen Arkon und den Blues bestand, seit vor zweitausend Jahren eine Bluesflotte den Planeten Arkon III vernichtet hatte. Es war das Ende nicht nur von Tiga Ranton, der Dreiplanetenkonstellation des Arkonsystems, sondern auch für lange Jahrhunderte das Ende der galaktischen Bedeutung Arkons gewesen. Und nun hatte ein arkonidischer Imperator die Blues an den Verhandlungstisch geholt und sie zu Verbündeten gemacht. Zu Mitarbeitern.

Es war ihm leichter gefallen, als er erwartet hatte. Konnte es sein, dass fast 37 Arkonjahre nach der Wiederherstellung von Tiga Ranton das alte Trauma an Macht verloren hatte?

Oder vielleicht war er nur besser darin, das Notwendige zu tun, als er selbst gewusst hatte.

Er hatte die Mittel genutzt, die ihm zur Verfügung standen – auch jene, die ihm nicht leicht von der Hand gingen. Diplomatie! Verhandlungen! Kompromisse! Aber der Erfolg gab ihm Recht. Der Völkerbund war jetzt und hier stärker, als er seit Jahrhunderten gewesen war. Und seine Arkoniden profitierten davon.

Bostich rief sich zur Ordnung und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Dossiers. Sein Blick blieb an den Angaben zur Liga Freier Terraner hängen, und er verzog missmutig das Gesicht.

Terra. Immer und immer wieder Terra.

Das Galaktikum, der Kampf gegen TRAITOR ... So vieles hing von Terra ab. Und Terra hielt sich – natürlich! – wieder einmal bedeckt.

Terranische Alleingänge ...

Bostich biss die Zähne zusammen.

Terra verteilt Geschenke in Friedenszeiten, hatte Rhodan gesagt, damals, als es angefangen hatte. Aber nicht, wenn vielleicht ein Krieg bevorsteht. Und genau diese Politik hatte Terra konsequent verfolgt: Ausgerechnet unter der Bedrohung TRAITORS begannen sie plötzlich, peinlich genau auf ein quid pro quo zu achten, wie sie es nannten.

Sie waren nicht besser als ein Mehandor, der versuchte, die günstigsten Bedingungen zu erschachern, für sich selbst und nur sich selbst das Beste herauszuholen.

Bostich knirschte mit den Zähnen. Terra verweigerte sich ihm. Das konnte er nicht dulden.

Das würde er nicht dulden. Und das Galaktikum gab ihm die Mittel, die er brauchte. Zeit, Terra zu zeigen, wie die Dinge standen. Zeit, Klarheit zu schaffen – ein für allemal.

Bostich lächelte kalt. Alles war bereit; er hatte nur den Stein anzustoßen. Er würde ...

Handeln, nicht träumen!, forderte der Extrasinn.

Der Imperator presste die Lippen zusammen und nickte sich selbst zu.

»Dann also los«, murmelte er, setzte ein Datum an die vorgesehene Stelle des Dokuments und aktivierte die Komverbindung. »Schickt die vorbereiteten Einladungen ab«, befahl er mit harter Stimme.

»Ja, Begam«, kam unverzüglich die Bestätigung.

Bostich lächelte schmal. Damit war es geschehen: Die Ereigniskette war ausgelöst. Und ganz gleich, was Terra jetzt tat – er war darauf vorbereitet.

Er lehnte sich zufrieden zurück.