Actions

Work Header

Der große Wurf

Chapter Text

~Prolog bei Jonas Untergang~

»Ich nehme alles zurück«, sagte Aktakul. »Habe ich je gesagt, dass es hier langweilig geworden ist, seit die Geheimniskrämer abgezogen sind? Ich nehme es zurück!«

Die Geheimniskrämer waren Malcolm S. Daellian und die Algorrian, die bis vor einigen Wochen in einem Sperrgebiet auf Jonathon einen so genannten Kontext-Wandler gebaut hatten – was immer das auch sein mochte. Das Projekt war so geheim, dass weder Tifflor als militärischer Kommandant des Forschungsstützpunktes noch Aktakul als wissenschaftlicher Leiter darüber informiert waren.

Zu Beginn seiner Zeit hier auf Jonathon hatte Tifflor sich in erster Linie mit Aktakul herumgestritten, doch bald hatte er die Frustration des Arkoniden über die ständigen Sonderregelungen für das Geheimprojekt nachfühlen können. Mittlerweile verstanden sie sich gut genug, um sich das Leben nicht übermäßig schwer zu machen, und selbst Aktakuls gelegentliche Proteste der terranischen Kommandantur gegenüber – die er seinem arkonidischen Stolz wohl schuldig war – waren nur noch mehr oder minder pro forma.

Tifflor schmunzelte. »Man könnte fast meinen, du wärst nicht froh, ihn hier zu sehen.«

Tifflor und Aktakul saßen, wie so oft, am Abend noch auf ein Gläschen zusammen. Dieser Abschluss des Tages – bei Sonnenuntergang oder später – hatte sich bei ihnen eingebürgert, nachdem Tifflors Kommandantur vor etwa acht Monaten in den Photon Tower umgezogen war. Die beiden ungleichen Männer waren vielleicht nicht unbedingt Freunde zu nennen – zu groß waren die politischen Unterschiede –, doch sie waren ... ja, was eigentlich? Zwei Männer, die es sich gelegentlich erlaubten, sich in Gegenwart des anderen zu entspannen, ohne dabei zu befürchten, sich eine Blöße zu geben.

Aktakul verzog das Gesicht. »Versteh mich nicht falsch. Ich habe ihn viel zu lange nicht gesehen. Aber Gaumarol ist nicht der Mann, der einfach so vorbeischaut und dann wieder geht, ohne dass sich etwas ändert. Ich wette mit dir um meine letzte Flasche ariganischen Schaumwein, dass es hier bald wieder mit dem Frieden vorbei ist.«

Gaumarol. Nein, Tifflor hatte nicht vergessen, dass Aktakul mit dem Imperator befreundet war, dass er gar als der einzige echte Freund Bostichs galt. Nicht vergessen – das Wissen nur beiseite geschoben, seit er sich mit Aktakul zusammengerauft hatte. Sie verstanden sich gut; warum an Dinge rühren, die nur Unfrieden stiften konnten? Denn Bostich – Bostich war kein guter Mann. Ein kompetenter Staatsmann, ein begnadeter Stratege und auf seine Weise sogar ehrenhaft, aber alles andere als ein guter Mann: Ein eiskalter Pragmatiker der arkonidischen Schule, durch kein Mitgefühl gemäßigt. Wenn er solches empfand, so ließ er nicht zu, dass es seine Politik beeinflusste.

Nun würde der Mann, der einst Terra annektiert hatte, der den Terror auf Ertrus und die Zerstörung von Baretus zu verantworten hatte, der Mann, der Tifflor einst hatte töten lassen wollen, hierher kommen ... Der Mann, der Reginald Bull der Infiniten Todesstrafe unterworfen hatte! Zweimal war Bull im Zuge der Folter getötet und wiederbelebt worden, um ihm Einzelheiten der Verteidigung des Solsystems zu entreißen. Und ausgerechnet der Mann, der dafür verantwortlich war, würde nun als Vorsitzender des Galaktikums nach Jonathon kommen, um sich persönlich über den Stand der Dinge in der Enklave zu informieren.

Kein Wunder, dass Tifflor sich dabei ein wenig mulmig fühlte.

Er hatte Bostich einmal gehasst wie keinen zweiten. Im Spiel um die Vormachtstellung in der Galaxis hatte Bostich es genossen, Terra zu isolieren und zu demütigen – bis Tifflor den Spieß umgedreht hatte ... Allerdings war das lange vor TRAITOR, noch vor SEELENQUELL gewesen, bevor Bostich und die Terraner das erste Mal gezwungen gewesen waren, gegen einen stärkeren Gegner zusammenzuarbeiten. Seitdem hatte sich so ziemlich alles geändert. Tifflor konnte nur hoffen, dass auch bei Bostich der alte Hass abgeklungen war – sonst würden die nächsten Tage sehr ungemütlich werden!

»Du hast noch ariganischen Schaumwein? Und das hast du mir vorenthalten? Aber Aktakul! Ich bin schockiert!« schalt Tifflor humorig. Das hochprozentige Getränk mit dem harmlosen Namen, hergestellt aus der Frucht der ariganischen Schaumdotterblüte, war berüchtigt, aber auch köstlich. Und zweifellos eine angenehmere Aussicht als ein Besuch von Bostich. »Die Wette kannst du aber vergessen. Ich müsste ja töricht sein.«

»Dann wird es auch nichts mit dem Schaumwein«, gab Aktakul trocken zurück. Er lehnte sich im Sessel zurück und dehnte die Glieder. »Es hat sich viel verändert, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe«, murmelte er nachdenklich. »Vorsitzender des Galaktikums ... Gaumarol, was hast du vor?«

Denn Bostich hatte immer etwas vor. Es lag in seiner Natur, immer um ein paar Ecken mehr und ein paar Bogensekunden weiter zu denken als andere – oder es zumindest zu versuchen! Das immerhin hatte er mit einem anderen Arkoniden gemein, den Tifflor gut kannte und der ebenfalls einmal auf dem Kristallthron gesessen hatte. Jetzt hatte Bostich sich die Sache des Galaktikums zu eigen gemacht – und schien dabei auch noch Erfolg zu haben. Ausgerechnet der Mann, der seinerzeit Tifflors jahrelange Aufbauarbeit im alten Galaktikum von Mirkandol süffisant lächelnd zunichte gemacht hatte. Divide et impera! Ausgerechnet der absolutistische Herrscher Arkons war zum Vorsitzenden gewählt worden. Tifflor wünschte sich, er wäre dabei gewesen. Bei Gelegenheit würde er die Einzelheiten aus Bully herausholen müssen – oder vielleicht besser aus Fran Imith, die in dieser Hinsicht sicherlich einen kühleren Kopf bewahrt hatte.

Immerhin: der Mann, der den Niedergang des alten Galaktikums zu verantworten hatte, stand nun für das neue ein!

Und vielleicht war es ja genau das, was sie brauchten.

Das ist das Problem mit dem Ruf, den die LFT hat, dachte Tifflor. Wenn wir zur Zusammenarbeit aufrufen, tun wir nur das, was wir immer tun. Wenn er es aber tut, merken alle auf.

Nein, Tifflor konnte die Wahl Bostichs nicht kritisieren. Er musste Bostich für vergangene Verbrechen nicht vergeben, um sich einzugestehen, dass er heute ein respektabler Staatsmann war, der weit über sein früheres Selbst hinausgewachsen war: auf den eigenen Vorteil bedacht, sicherlich – aber nicht mehr um jeden Preis. Mit einem selbstironischen Lächeln wurde er sich klar, dass er sich einer arkonidischen Tugend befleißigte, wenn er so dachte – Pragmatismus.

»Was meinst du, dass Bostich hier vorhat?«, fragte Tifflor neugierig. Aktakul musste Bostich besser kennen als jeder andere; wenn es jemanden gab, der eine zuverlässige Einschätzung abgeben konnte, dann war er es.

Aktakul kratzte sich mit dem Zeigefinger an einer seiner buschigen weißen Augenbrauen. »Ich weiß nicht, was er denkt«, sagte er langsam; er würde sich hüten, womöglich verfängliche Aussagen zu treffen! »Aber er hat sich als Vorsitzender des Galaktikums vereidigen lassen. Du solltest wissen, was das Wort eines Arkoniden gilt.«

Tifflor nickte nachdenklich. Der Imperator mochte ein Fuchs sein, der jederzeit jeden übers Ohr zu hauen bereit war, wenn es ihm nützte, aber den altarkonidischen Ehrenkodex nahm er überaus ernst. Sein Wort brechen würde er nie. Wenn er geschworen hatte, sich nach bestem Wissen und Gewissen für das Neue Galaktikum einzusetzen, dann würde er das auch tun. Und was er konnte, wenn er wirklich wollte, hatte er mit dem rasanten Aufstieg Arkons in den Jahrzehnten seiner Herrschaft mehr als bewiesen. Diese Energie, dieser Wille im Dienste des Galaktikums – das konnte nur Gutes heißen. Jedenfalls, solange es gegen einen gemeinsamen Feind wie TRAITOR ging! Wenn er nun noch dazu zu bringen war, darüber hinaus seine Verantwortung allen Völkern der Galaxis gegenüber ernst zu nehmen ...

Tifflor schüttelte die Wunschträume ab. Freilich: Was Bostich in Friedenszeiten für das Beste hielt, war nicht unbedingt das, was andere Völker dafür halten mussten. Bostichs bestes Wissen und Gewissen waren keine Garantie dafür, dass das Resultat dem Galaktikum zusagen würde! Aber diese Zukunft war noch fern; es gab dringlichere Probleme. »Ich bin jedenfalls gespannt«, gab er zu.

»Wir haben hier gute Arbeit geleistet, oder?«

Tifflor lächelte. »Das kann man sagen. Jonathon ist der beeindruckendste Wissenschaftsbetrieb, der mir je untergekommen ist. Wenn Bostich sehen will, was Zusammenarbeit bewirken kann, ist er hier am richtigen Ort.«

Aktakul grinste und verschränkte die Arme vor seiner Tonnenbrust. »Ja, nicht wahr?« Er war beileibe nicht der Mann, sein Licht unter den Scheffel zu stellen! »Und seit die Geheimniskrämer mitsamt ihrer algorrianischen Fehlkonstruktion abgezogen sind, habe ich sogar das Gefühl, einigermaßen die Kontrolle zu haben über das, was hier vorgeht!« Seine Augen funkelten.

»Darauf Prost«, sagte Tifflor und hob sein Glas. Aktakul erwiderte die terranische Geste. »Ich hoffe aber doch, dass das Ding keine Fehlkonstruktion ist! Dafür hat es uns schon viel zuviel Ärger gemacht.«

Aktakul verzog das Gesicht. »Ich traue diesen Algorrian alles zu. Der Ärger hat uns aber auch genützt, nicht wahr?« Er spielte darauf an, dass es die Beinahe-Katastrophe beim Testlauf des Kontext-Wandlers gewesen war, die sie dazu gebracht hatte, sich zusammenzuraufen: Ihre Zusammenarbeit war keineswegs von Anfang an so glatt verlaufen! Doch wenn man sich nicht gerade mit ihm streiten musste, weil er sich bei irgendeiner Kleinigkeit quer stellte, hatte sich der Arkonide als äußerst umgänglich herausgestellt. »Ich weiß nur nicht, was Gaumarol davon ...« Er verstummte mitten im Satz und wandte sich verlegen ab, als habe er zuviel gesagt.

Tifflor wurde sich klar, dass Aktakul sich fragte, wie Bostich auf die gute Beziehung seines engsten Freundes zu dem terranischen Kommandanten reagieren würde. Doch Tifflor hatte keinen Zweifel: Wenn etwas ihm nützen konnte, dachte der Imperator pragmatisch genug, die Quelle dieses Nutzens nicht zu hinterfragen. Tifflor zögerte, aber dann sagte er es doch: »Solange es nützt ...«

Und er war sich nicht sicher, warum Aktakul ihn daraufhin so stechend ansah.