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After Dark

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John war außer sich vor Wut.

Hilflos hatte er mitangesehen, wie die Sanitäter Sherlock auf die Transportliege geschnallt und aus der Wohnung getragen hatten. Er hatte sich ans Fenster gestellt und mit zusammengepressten Lippen beobachtet, wie sein bester Freund in den Krankenwagen geschoben worden war; wie sich das Blaulicht gegen die Häuserwände in der Baker Street geworfen hatte, das Plärren der Sirenen in den Ohren.

Noch immer hörte er den grauenhaften Laut, den Sherlock ausgestoßen hatte, als er unter den Schmerzen, welche die Wunde in seiner Brust verursachte, zusammengebrochen war.

Ich glaube, ich habe innere Blutungen. Mein Puls rast. Vielleicht müssen Sie mich wiederbeleben.

Es war unglaublich, wie Sherlock es trotz allem immer noch fertig gebracht hatte, den Sanitätern seinen Zustand so akkurat mitzuteilen.

Und dass er wenige Minuten zuvor Marys Fall angenommen hatte.

Mary.

John wandte sich seiner Frau zu, die noch immer reglos im Raum stand und ihn wachsam beäugte, sich des brodelnden Vulkans unter Johns Haut mehr als bewusst.

John, Magnussen ist alles, was jetzt zählt. Du kannst Mary vertrauen, sie hat mein Leben gerettet.

Sie hat auf dich geschossen.

Widersprüchliche Botschaften, gebe ich zu.

Mary vertrauen? Wie sollte er dieser Frau vertrauen? Seine eigene Ehefrau hatte auf seinen besten Freund geschossen. Und dann kannte John offensichtlich nicht einmal ihren wahren Namen! Wer zum Teufel war diese Frau überhaupt?!

Seine Finger strichen von außen über den USB-Stick in seiner Hosentasche. Der Stick, der mit den Buchstaben A.G.R.A. beschriftet war. Angeblich Marys Initialen. Er sog scharf die Luft ein, verzog grimmig den Mund.

„John...“

„Sei still!“, schnauzte John. „Du hast auf ihn geschossen! Du hast... nach allem...! Wie konntest du das tun?!“

Ein präzise gesetzter Schuss, um mich außer Gefecht zu setzen. Um damit Zeit zu gewinnen, bis mein Schweigen sichergestellt ist.

Sherlocks Worte hallten in Johns Kopf wider und schäumten die Wut in seinem Inneren auf. Er war so unglaublich wütend auf Mary für das, was sie getan hatte, dass es ihn all seine Kraft kostete, sie nicht zu packen und zu schütteln. Aber das letzte bisschen Vernunft, das ihm geblieben war, hielt ihn zurück. Vielleicht war es auch sein Überlebensinstinkt.

Immerhin war Mary eine Auftragsmörderin. Eine ausgezeichnete Schützin, wie er selbst gesehen hatte. Vermutlich sogar besser als John. Eine Verbrecherin, die behauptete, Gefühle für ihn zu haben. Gefühle, die – laut Sherlock – dazu geführt hatten, dass sie den Consulting Detective lediglich mundtot machen wollte, statt ihn direkt zu töten.

Aber sie hatte ihn getötet. Vor wenigen Tagen war Sherlocks Herz stehengeblieben, nachdem Marys Kugel seine Brust durchdrungen hatte. Es grenzte an ein Wunder, dass es nach wenigen Minuten wieder zu schlagen begonnen hatte.

Selbst wenn Sherlock daran glaubte, dass das alles von Mary geplant gewesen war, John wusste es besser. Einen solchen Schuss zu wagen und zu erwarten, dass das Opfer überlebte, war im besten Fall als Glücksspiel zu bezeichnen – und dafür musste man bereit sein, zu verlieren.

Du hast kalkuliert.

Oh nein, Sherlock. Sie hat dich erschossen! Sie hat dich erschossen und ist abgehauen, um sich selbst zu schützen. Sie hat dich erschossen und hatte nicht vor, mich, ihren Ehemann, in ihr dunkles Geheimnis einzuweihen. Sie hätte es mit ins Grab genommen, wenn wir sie nicht hätten auffliegen lassen.

Das ist keine Liebe, sondern purer Selbsterhaltungstrieb!

Vertrauen... Es war John noch nie leicht gefallen, Vertrauen zu anderen aufzubauen. Und Mary hatte spektakuläre Arbeit geleistet, das Vertrauen in andere, welches nach Sherlocks Sprung vom St Bartholomew Krankenhaus in Scherben gelegen und welches John in mühevoller Kleinarbeit neu aufgebaut hatte, in seinen Grundfesten zu erschüttern.

Vertrauen war keine Option, die Mary Morstan noch offenstand. Der Gedanke, dass diese Frau erst seit einem Monat seinen Familiennamen trug; dass sein Kind in ihr heranwuchs, ließ bittere Galle in seinem Rachen brennen.

„Es ist, wie Sherlock gesagt hat. Ich habe es getan, damit der Verdacht nicht auf dich fällt.“

John stieß ein ungläubiges Lachen aus und fuhr mit der flachen Hand über sein Gesicht, kniff sich in die Nasenwurzel und schüttelte den Kopf. „Du bist verrückt! Wie kannst du behaupten, dass du das alles für mich getan hast? Sherlock... Er könnte sterben! Diesmal wirklich! Und... ich kann nicht... ich kann nicht glauben, dass du mich noch einmal durch diese Hölle gehen lassen wolltest, nur um dich selbst zu schützen!“

„Um uns zu schützen, John! Dich und mich! Unsere Ehe, unser Kind!“

„Das ist doch Quatsch! Wie kaltblütig musst du sein, um mit dem Wissen, meinen besten Freund ermordet zu haben, weitermachen zu wollen, als wäre nichts geschehen?“

„John...“, versuchte Mary einzuwenden, doch der Doktor ließ sich nicht unterbrechen.

„Du hättest mich das alles ein zweites Mal durchmachen lassen! Hättest mitangesehen, wie mich der Verlust fertigmacht und dir hinterrücks ins Fäustchen gelacht, weil niemand dich auch nur verdächtigt hätte!“ Aufgebracht fuhr sich John mit beiden Händen durch die Haare, über das Gesicht und verschränkte die Arme schließlich vor der Brust, wie um zu verhindern, dass sie unkontrolliert um sich schlugen.

„Geh!“

„Was? Aber... kommst du... nach?“

„Nein. Ich werde gleich ins Krankenhaus fahren. Komm bloß nicht auf die Idee, mir zu folgen. Ich will dich nicht in seiner Nähe sehen.“

„Aber...“ Mary unterbrach sich, seufzte genervt und richtete den Blick an die Zimmerdecke. „Ich hatte schon immer den Eindruck, dass du ihn mehr liebst als mich...“, murmelte sie, ein verräterisches Zucken in den Mundwinkeln, jedoch keine Spur von Amüsement. Es war vielmehr Resignation.

„Es ist wirklich keine gute Idee, mich jetzt auch noch zu reizen. Verschwinde einfach, okay?! Es ist vermutlich besser, wenn wir uns eine Weile nicht sehen. Ich werde morgen vorbeikommen, um ein paar meiner Sachen zu holen.“

„Und wo willst du bleiben? Hier?!“

„Nicht länger dein Problem, Mary!“

Marys Mund schnappte zu. Einen Moment noch fixierte sie John mit ihrem durchbohrenden Blick, als ob sie auf diese Art einen Einblick in sein Innenleben erhaschen könnte. Aber hatte es sie je interessiert, wie es tatsächlich in ihm aussah?

„Was ist mit unserem Kind?“, fragte sie schließlich und das Drängen, die unausgesprochenen Schuldzuweisungen in ihrer Stimme, waren unüberhörbar.

John seufzte schwer und verlagerte sein Gewicht unruhig von einem Bein auf das andere. „Ich weiß es nicht.“ Es war nicht nur, dass dieses Thema unangenehm war, weil John glaubte, die Beziehung zu Mary sei nicht mehr zu retten, sondern auch, weil das Leben dieses ungeborenen Menschen, der für die ganze Misere nichts konnte, davon abhing. Es war ein abscheuliches Gefühl, als Vater versagt zu haben, ehe er überhaupt die Gelegenheit hatte, einer zu sein.

Mary schulterte ihre Ledertasche und wandte sich ab, zögerte jedoch einen Moment und sah noch einmal zu John. Dieser erwiderte ihren Blick mit grimmiger Entschlossenheit, bis sie schließlich aufgab und die Wohnung verließ.

Angespannt lauschte John auf die Schritte im Treppenhaus; auf das leise Klacken der Haustür, als diese ins Schloss gezogen wurde. Erst dann stieß er die Luft, die er unbewusst angehalten hatte, aus seiner Lunge. Ein Zittern ging durch seine Glieder, als die Anspannung wich, nur um ihn umgehend wieder zu packen. Sorge wusch wie ein Eimer Eiswasser über ihn hinweg. Er holte das Handy aus der Hosentasche und scrollte durch seine Kontakte, bis er bei Mycroft Holmes angelangte.

Das Freizeichen erklang zweimal, bevor abgehoben wurde.

„John.“

„Mycroft, hast du es schon gehört?“

„Was? Dass mein Bruder sich selbst einen Rettungswagen gerufen hat, nachdem er mit einer offenen Wunde in der Brust durch die nächtlichen Straßen Londons gestromert ist? Ja... ist mir nicht entgangen.“

„Spar dir deinen Sarkasmus, okay? Wie geht es ihm?“, fragte John, zu erschöpft für die Wortgefechte mit dem älteren Holmes.

„Den Umständen entsprechend. Sein Zustand ist bedenklich, aber nicht kritisch. Diesmal gibt es jedoch besseres Sicherheitspersonal, das ihn notfalls ans Bett fesselt, falls er erneut auf so eine dumme Idee kommen sollte!“

Perplex starrte John auf den dunkelgrauen Ledersessel, auf dem Sherlock kurz zuvor noch gesessen hatte. Schon öfter hatte er Mycroft aufgrund von Dingen, die Sherlock getan hatte, wütend erlebt, aber diesmal schien sogar etwas wie ernsthafte Sorge in der Stimme des Regierungsbeamten mitzuschwingen. Es musste Sherlock wirklich schlecht gehen, um solch eine Reaktion bei seinem großen Bruder auszulösen.

Befangen schluckte John gegen den Kloß an, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Wut und Angst tauchten ihn in ein Wechselbad unkontrollierbarer Empfindungen, die ihn hilflos nach Luft schnappen ließen und seinen Magen in einem ungnädigen Schraubstockgriff hielten. Er konnte den Gedanken, Sherlock erneut zu verlieren, einfach nicht ertragen.

„Ich fahre zu ihm.“

„John, das—“, noch ehe Mycroft etwas erwidern konnte, hatte John aufgelegt. Als er das Handy zurück in seine Hosentasche schob, streifte er den darin enthaltenen USB-Stick.

Alles über meine Vergangenheit ist da drauf. Wenn du mich liebst, lies es nicht, wenn ich dabei bin.

Warum nicht?

Weil du mich danach nicht mehr lieben wirst.

John zögerte, überlegte, ob er einen kurzen Blick riskieren sollte; ob das, was auf dem Stick war, seine Gefühle für Mary tatsächlich noch mehr schädigen konnte als ihr abscheulicher Versuch, Sherlock zu töten. Letztendlich entschied er zu warten. Dafür war später immer noch Zeit. Im Moment zählte Sherlock und Sherlock allein.

Er schlüpfte in seine Jacke und eilte die Treppen hinunter, trat auf die Straße und winkte das erstbeste Taxi heran.

Die Fahrt zum Krankenhaus dauerte eine gute Viertelstunde. Mit jeder verstreichenden Minute wurde John ein wenig nervöser. In seinem Kopf spielte sich die Fahrt des Ambulanzwagens, in dem Sherlock abtransportiert worden war, in einer Dauerschleife ab. Mehrere Hände, die an dem reglosen Körper herumhantierten, Messungen durchführten, Medikamente verabreichten und alles daran setzten, den Patienten lebend in die nächstgelegene Notaufnahme zu bringen.

Jede Minute zählte. Jede Minute sank die Wahrscheinlichkeit, dass Sherlock die Prozedur überstehen würde. Aber er lebte. Das wusste er glücklicherweise von Mycroft.

Immer wieder musste sich John sagen, dass Sherlock in guten Händen war. Dass man alles daran setzte, ihn zu retten. Dass er lebte. Und dennoch flackerte das Bild eines blutverschmierten Gesichts vor seinem inneren Auge auf. Das Bild von Sherlocks leblosem Körper auf dem Gehweg vor dem St Bartholomew Krankenhaus.

Leichenblass.

Ohne Puls.

Nieselregen, der das Blut auf dem Kopfsteinpflaster verteilte.

Die ohrenbetäubende Stille in Johns Kopf.

John barg das Gesicht in seinen Händen und atmete mehrmals tief durch. Versuchte sich zu beruhigen, seine Mitte zu finden, verfehlte sie jedoch immer wieder um mehrere Meilen.

Sein Herzschlag hallte laut in seinem Inneren wider. Ein wenig zu schnell, ein wenig zu zittrig, wie er distanziert feststellte. Die letzten Haaresbreiten zwischen Schock und posttraumatischer Belastungsstörung. Er klammerte sich mit aller Kraft ans Hier und Jetzt, um nicht in die Knie zu gehen.

Bitte, Gott, lass ihn leben!

 

*

 

Am Empfang der Notaufnahme teilte man ihm mit, dass nur Familie und Angehörige zugelassen seien und dass man ihm keine Informationen geben könne.

„...richtig“, murmelte John, dem die Richtlinien der Krankenhäuser kurzfristig entfallen sein mussten. Vielleicht war er es aber auch nur gewohnt, sich immer selbst um Sherlocks Verletzungen zu kümmern, so dass ihm gar nicht in den Sinn gekommen war, man könne ihn abweisen. Schließlich kannte niemand Sherlock Holmes so gut wie John Watson. Allein deswegen erschienen ihm die Regeln in diesem Moment wie eine Farce; wie ein lächerlicher Versuch, ihn von Sherlock fernzuhalten.

Einer plötzlichen Eingebung folgend straffte er die Schultern und sah der Frau am Empfang fest in die Augen. „Ich bin sein... sein Freund. Sein Partner. Lebenspartner.“

Die Frau blinzelte träge und kräuselte ihre dünnen Augenbrauen in einer komplizierten Bewegung ihrer Stirn. Ganz offensichtlich glaubte sie ihm (zurecht) kein Wort. Dass alle Welt Sherlock und John vom ersten Tag an für ein Paar gehalten hatten, hatte ihr offensichtlich keiner mitgeteilt.

„Können Sie das beweisen?“

John überlegte kurz, ob er ihr seinen Ehering zeigen sollte, entschied jedoch dagegen. Unter Umständen würde sie verlangen, die Gravur an der Innenseite zu sehen, auch wenn das seiner Meinung nach ein unverschämter Eingriff in seine Privatsphäre wäre. Aber Sherlock trug schließlich keinen Ring und das zu erklären war wesentlich trickreicher.

„Verlangen Sie das von anderen Paaren auch?!“, fragte er echauffiert, weil er sich nicht anders zu helfen wusste.

„Selbstverständlich“, erwiderte sie mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck. „Bringen Sie mir ein Dokument, das Ihre Aussage bestätigt und ich lasse Sie zu Ihrem... Partner.“ Die Frau musste die Anführungszeichen nicht einmal in die Luft zeichnen, um sie deutlich in dem letzten Wort mitschwingen zu lassen.

Zähneknirschend wandte sich John ab und ging zum Wartebereich hinüber, klappte einen der Plastiksitze hinunter und setzte sich. Er zückte sein Handy und schrieb eine Nachricht an Mycroft.

Sie lassen mich nicht zu ihm. Ich muss wissen, ob es ihm gutgeht, Mycroft!

John presste die Oberkante des Handys gegen seine Stirn und seufzte gepeinigt.

Stimmengewirr und die übliche Geräuschkulisse eines Krankenhauses umgaben ihn. Ein Telefon klingelte. Aus dem Augenwinkel nahm John wahr, wie die Frau vom Empfang wenig später zu ihm hinüberkam und nervös die Hände knetete.

„Sind Sie Doktor Watson?“

„Ja?“

„Mr Holmes ist noch in der OP. Er wird anschließend in den Raum dreihundertneunundfünfzig gebracht, dritte Etage. Dort können Sie im Wartebereich Platz nehmen.“

„Oh, okay... danke.“

Danke, Mycroft!

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und ging zurück an ihren Platz, doch John war bereits aufgesprungen und zum nächsten Fahrstuhl gehechtet.

 

+++

 

tbc