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Revolution

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Revolution

 

Deep Space Nine, 2380

Colonel Kira Nerys sah gedankenversunken aus dem Fenster ihres Büros ins All. Ein Frachter war gerade dabei anzudocken. Ein cardassianischer Frachter. Man sah sie recht selten inzwischen. Der Frachter kam ohne Zweifel von einer der Kolonien diesseits der cardassianischen Grenze. Cardassia war noch immer zu sehr mit dem Wiederaufbau beschäftigt, offiziell zumindest. Inoffiziell? Wer wusste das schon so genau. Die Cardassianer beeindruckten sie hin und wieder mit ihrem ameisengleichen Gemeinschaftssinn. Sie konnte nicht behaupten, dass sie es bewunderte. Ein ganzes Volk, das auf ein gleiches Ziel hinarbeitete, erweckte Unruhe in ihr. Bajoraner waren nicht so. Sie stritten, rauften sich zusammen, erreichten für eine Weile großartige Dinge als Gemeinschaft, und stritten sich dann erneut. So sollte es ihrem Gefühl nach sein. Leute, die mit ‚wir’s um sich warfen als sei ihre ganze Gesellschaft eine einzige homogene Masse machten sie nervös. Sie hatte instinktiv das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimmte. Wahrscheinlich hatte sie deshalb so lange gebraucht, um die Föderation zu mögen. Sie vertraute perfekten Dingen nicht. Gut nur, dass sie inzwischen wusste, dass der große Bruder durchaus nicht perfekt war.

Bajor war wieder einmal dabei, über den Beitritt zu diskutieren. Kira wusste bereits, dass es zu keinem Ergebnis führen würde. Davon abgesehen war ein viel interessanteres Thema für die meisten Bajoraner die Wahl des neuen Kai.

Sie drehte sich um, als jemand hinter sie trat. Als sie die braunhaarige Frau erkannte, lächelte sie flüchtig. Es war Mael Kora, ihre neue Sicherheitschefin. Kira hatte sie gegen etliche Einwände in einem Anfall von Rebellion ernannt.  Mael war eine kleine, zierliche Frau, mit fahlblauen Augen, die viele Leute verunsicherten. Menschen neigten dazu, sie im ersten Moment zu unterschätzen, aber das hielt nicht lange an. Die Frau hatte eine fast unhöfliche, kompromisslose Direktheit, die andere Leute schnell vor den Kopf stieß, aber Kira schätzte das. Vielleicht, weil sie selbst einmal genauso gewesen war.

Mael war kein Mitglied des bajoranischen Militärs gewesen, bevor Kira sie eingestellt hatte. Es gab Gerüchte, dass sie für den Geheimdienst gearbeitet hatte, aber niemand gab das zu. Sie hatte jedenfalls etliche Kontakte in die Föderation, was sich bereits einige Male als nützlich erwiesen hatte. Maels Vater war ein bekannter Widerständler gewesen, dessen Zelle die Cardassianer über Jahre hinweg gejagt hatten. Kira hatte Geschichten über ihn gehört, noch bevor sie sich Shakaar angeschlossen hatte. Viele Bajoraner hatten Mael Ner und seine Gefolgsleute als Helden betrachtet. Leider war gerade dieser Ruhm umso mehr Ansporn für die Cardassianer gewesen, ihn zu fassen, und sie hatten es schließlich geschafft, ihn und die meisten seiner Anhänger gefangen zu nehmen und hinzurichten. Mael, nicht einmal sechs Jahre alt, hatte es geschafft mit ihrer jüngeren Schwester zu entkommen und sich in einem Kloster zu verstecken. Wie Kira hatte sie sich dem Widerstand angeschlossen, sobald sie eine Waffe halten konnte, aber anders als Kira war sie gefangen genommen worden und in einem Arbeitslager inhaftiert geblieben, bis die Cardassianer abzogen. Als sie Kira nach einer Stelle gefragt hatte, hatte sie offensichtlich nicht viel erwartet. Sie füllte den Posten des Sicherheitschefs jedoch hervorragend aus.

Auch wenn niemand Odo ersetzen konnte. Kira schluckte die Bitterkeit herunter, die in ihrer Kehle aufstieg. Sie hatte ihm gesagt, dass sie verstand, dass er ging. Sie tat es, in gewisser Weise. Ein anderer, völlig selbstsüchtiger Teil von ihr konnte nicht nachvollziehen, warum er sie für ein Volk von Mördern verließ. So sehr sie auch versuchte, sich von etwas anderem zu überzeugen, sie hielt die Wechselbälger nicht für wirklich rehabilitierbar. Die Stimme der Vernunft in ihr schrie, dass es nur zum Desaster führen würde, sie zu heilen.

Vielleicht hatte Kira Mael ernannt, weil sie so anders war als Odo. Vielleicht hatte sie sie auch ernannt, weil der von der Sternenflotte ernannte Sicherheitsoffizier sie zur Weißglut getrieben hatte. Es herrschte noch immer Funkstille mit Admiral Necheyev, seit Kira ihn gefeuert hatte. Kira bedauerte es nicht. Im Gegenteil, sie hatte sich lange nicht mehr so gut gefühlt, wie an diesem Tag. Sie hatte es genossen, ausnahmsweise einmal eine völlig irrationale, gefühlsgetriebene Entscheidung zu treffen.

„Jemand von dem Frachter, der gerade angedockt hat, will dich sprechen“, sagte Mael. „Ein Cardassianer, er sagt, ihr kennt euch.“

Kira runzelte die Stirn. Ihr fielen mehrere Cardassianer ein, die sie im Laufe des Krieges kennen gelernt hatte. Sie hatten zusammen gekämpft. Einige von ihnen hatte sie widerwillig respektieren gelernt. „Von dem cardassianischen Frachter?“, versicherte sie sich.

„Nein, er ist mit den Terelianern gekommen. Sein Name ist Garak.“

Kira blinzelte überrascht, verblüfft sowohl von dem Namen, als auch der Art seiner Ankunft. „Garak? Was bei den Feuerhöhlen will er von mir?“

.

Garaks Lächeln war noch immer so schleimig, wie Kira es in Erinnerung hatte. Sie erinnerte sich daran, dass er im Krieg auf ihrer Seite gekämpft hatte. Es war notwendig, damit sie sich nicht von der intensiven Abneigung beherrschen ließ, die sie empfand.

Sie mochte den Cardassianer nicht. Das Volk, dem er angehörte, war nur zum geringeren Teil der Grund. Kira hasste Garaks servile Art, die, wie sie sehr wohl wusste, nicht mehr war als eine Fassade. Es war schwer, jemandem das ‚schlicht und einfach’ abzunehmen, den sie ohne eine Gefühlsregung hatte morden sehen. Selbst wenn es sich bei den Opfern um ihre Gegner handelte. Er war wie eine hübsche, giftige Schlange. Beim ersten Anblick war man vorsichtig, aber nach einer Weile begann man, ihr zu vertrauen und wurde nachlässig, und genau zu diesem Zeitpunkt biss sie zu. Genau das war die Essenz der Cardassianer, der Hauptgrund, warum sie sie hasste.

„Colonel Kira. Was für eine Freude, Sie wieder zu sehen.“

„Nicht meinerseits“, sagte sie knapp. „Sie wollten mit mir sprechen. Was wollen Sie, Garak?“

„Was für eine unerwartete Feindseligkeit, Colonel. Dabei sind wir in der Vergangenheit so gut miteinander ausgekommen. Ich habe Besseres von Ihnen erwartet.“ Aus Garaks Mund war es offensichtlich, dass er nicht das Geringste von ihr erwartet hatte, noch nie. Soviel er sich auch verbeugte und ihr schmeichelte, Kira hörte in seinem Tonfall immer nur die alte cardassianische Arroganz.

„Sagen Sie, was Sie wollen“, sagte sie ärgerlich.

„So ungeduldig. Ich habe niemals die bajoranische Abneigung gegen zivilisierte Konversation verstanden.“ Garak hob beschwichtigend die Hände, offensichtlich sah er den Zorn in ihr brodeln. „Schon gut. Alles, was ich will, ist, ihnen eine Nachricht zu übergeben. Ich bin nur ein bescheidener Botschafter.“

An Ihnen, Garak, ist nicht das Geringste bescheiden. Kira sagte es nicht laut. Stattdessen atmete sie einmal tief durch. Die Jahre hatten ihr ein wenig Diplomatie beigebracht. „Sie haben etwas von der cardassianischen Regierung auszurichten?“

„So ist es. Es ist weder sonderlich skandalös noch überraschend, nehme ich an.“ Er reichte ihr ein Datenstäbchen. „Es ist die übliche Bitte um Freigabe der Handelswege an die Föderation.“

Kira nahm das Datenstäbchen widerwillig. Freigabe der Handelswege, was für ein Witz. Ja, die Cardassianer hatten diese Forderung nun schon mehrere Male gestellt. Dabei waren sie selbst es gewesen, die die Grenzen geschlossen hatten. Das Handelsembargo war die Antwort der Alliierten auf eine völlige Verweigerung konstruktiver Gespräche nach dem Ende des Krieges. Solange sich an der Haltung der cardassianischen Regierung nichts änderte, war die Antwort auf die Bitte vorhersagbar.

„Und sie haben Sie geschickt, weil...“

„Ich mich erboten habe.“ Garak lächelte sein unehrliches Lächeln. „Sie werden mir nicht glauben, aber nach einigen Monaten in meiner Heimat hatte ich Heimweh nach dieser kleinen Raumstation. Davon abgesehen, Cardassia ist ein recht düsterer und ungastlicher Ort geworden.“

„Bei all Ihrem angeblichen Patriotismus sind Sie Ihren Heimatplaneten ja schnell müde geworden.“

Kira meinte einen Funken Ärger in Garaks Augen zu erkennen, aber er fand in seiner Mimik keinen Widerhall. „Sie wissen doch, was man über Patriotismus sagt, Colonel. Wer wahrhaft im Dienst seines Volkes handelt ist nicht im Ort gebunden, sondern allein im Geist.“

Kira schnaubte verächtlich und hielt das Datenstäbchen gegen das Licht. Es sah authentisch aus. „Ihr Verständnis von Patriotismus hat mich schon immer eher beunruhigt, Garak.“

„Ein Gefühl, das ich aus vollem Herzen erwidern kann, Colonel. Es war wie immer ein faszinierendes Erlebnis, Sie wieder zu sehen. Ich gehe davon aus, Sie haben keine weiteren Ansprüche an mich.“

„Nein. Es sei denn, Sie hatten sonst noch etwas zu sagen.“

Garak lächelte. Auf den ersten Blick erschien es wie reine Höflichkeit, aber Kira sah den Spott nur all zu deutlich. Er sah sie wie die meisten Cardassianer als ihm unterlegen an, und spielte seine Spielchen mit ihr zu seiner Unterhaltung. Er versteckte es nur besser, als die meisten anderen Cardassianer. Wenn sie ehrlich war, war sie ein wenig überrascht von dem Mangel an Undurchsichtigkeit, den er für seine Verhältnisse diesmal an den Tag legte.

„Eine Menge, aber ich befürchte, es würde sie nicht besonders interessieren, Colonel. Wenn es ihnen nichts ausmacht, werde ich nun gehen und das Ambiente genießen. Auf dieser Station ändert sich alles so rasend schnell. Man ist einige wenige Monate fort und erkennt kaum noch etwas wieder. Es ist ein äußerst spannendes Phänomen.“

„Wenn Sie meinen“, erwiderte Kira kühl. „Bitte, ich halte Sie sicher nicht ab.“

Garak deutete eine Verbeugung an. „Ich wünsche Ihnen noch einen ebenso interessanten Tag, wie ich ihn sicherlich haben werde. Auf Wiedersehen.“

Als er gegangen war, runzelte Kira die Stirn. Sie nahm sich vor, Julian zu fragen, ob er in der letzten Zeit etwas von dem ehemaligen Schneider gehört hatte. Ezri hatte ihr erzählt dass die beiden noch immer Kontakt hielten, wenn auch sporadisch.

Die Tür ging auf und Chief Mael sah herein. „Wie sieht es aus, ist dein Cardassianer weg?“

Kira grollte. „Er ist in keinster Weise mein Cardassianer, und jeder Tag an dem er in der Dunkelheit des Universums verschwindet, ist ein Tag zu spät.“

Mael lachte. „Du bist viel zu leicht zu ärgern, Nerys. Lass den Löffelkopf keine Spielchen mit dir spielen. Du bist besser als er.“ Sie wurde ernst. „Soll ich ein paar Leute abstellen, damit sie ihn im Auge behalten?“

Kira zögerte einen Moment, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Ich kann ihn nicht leiden, aber ich glaube nicht, dass er wirklich Probleme machen wird. Er ist nur eine furchtbare Nervensäge, das ist alles.“

Mael runzelte die Stirn, aber nickte. „Was immer er sonst ist, er ist ein Cardi“, sagte sie. „Die machen immer Probleme.“  

Cardassianisches Strafarbeitslager Mantissek, 17 Jahre früher

Elim Garak taumelte, als die Wachen ihn auf die Transporterplattform stießen. Seine Verhandlung war erst zwei Tage her, und er hatte noch immer Schmerzen von dem Verhör davor. Niemand hatte daran gedacht, ihn zu heilen. Warum auch? Er war ein verurteilter Mörder. Man konnte behaupten, dass der Mord in Selbstverteidigung verübt worden war, doch das war nicht das, was er gestanden hatte. Er hatte gestanden, Barkan Lokar aus Eifersucht umgebracht zu haben. Das war leider nicht einmal völlig gelogen. Elim hatte Lokars Frau Palandine geliebt, seit sie zusammen in Bamarren gewesen waren. Es war nur zu einfach gewesen, eine Affäre mit ihr zu beginnen, während ihr Mann auf Bajor war. Nicht nur, weil er sie liebte und sie einsam war, sondern auch, weil er Barkan verabscheute, und dies die perfekte Form der Rache darstellte. Leider hatte ihr Mann es herausgefunden. Im Nachhinein war Elim klar wie unglaublich töricht das Ganze gewesen war, doch es war nun einmal geschehen. Es hatte ihn seine Karriere gekostet, Tains Unterstützung, und hatte ihm am Ende eine lebenslange Gefängnisstrafe eingebracht. Vor einem Monat war er noch der inoffizielle Erbe von Enabran Tain gewesen, stellvertretender Leiter des obsidianischen Ordens, der zweitmächtigste Mann Cardassias. Nun war er nichts – und das alles wegen einer Frau, die nie auch nur daran gedacht hatte, wegen ihm ihren Mann zu verlassen. Er war ein Narr. Vielleicht verdiente er sein Schicksal allein für seine Dummheit.

Elim wusste, wo sie waren. Mantissek war eine geschlossene Strafkolonie auf einem gerade eben bewohnbaren Planeten. Es bedeutete, es gab keine wirklichen Gefängniswärter dort. Alle Gefangenen in dem Lager waren zu lebenslänglich verurteilt worden. Einige von ihnen übernahmen die Rolle von Wärtern, für das Versprechen, dass ihre Strafe dadurch verkürzt wurde. Es passierte nie, auch wenn sie das nicht wussten. Sie wurden regelmäßig vorher von den anderen Gefangenen umgebracht. Es gab mehrere solcher Lager, sie hatten sich als sehr effizient erwiesen. Dieses war eine Erzabbauanlage. Im Orbit eines nahegelegenen Planeten war eine bemannte Raumstation, wo das Erz verarbeitet wurde. Das Lager hatte sehr wahrscheinlich ein Frachtschiff, welches gerade genug Triebwerksenergie hatte, um die Station zu erreichen. Nur eine oder zwei Personen innerhalb des Lagers hatten die Berechtigung, dieses Schiff zu bedienen, die anderen würden sterben, wenn sie versuchten, den Planeten zu verlassen. Es war ein Ort ohne Wiederkehr.

Elim starrte zu Boden um nicht das Grinsen der Männer im Raum sehen zu müssen, als der Transporter sich aktivierte.

Er erschien in einem kahlen Raum vor zwei Frauen. Eine von ihnen war eine blonde Bajoranerin, die einen Phaser trug, also war sie offensichtlich eine Wärterin. Als wenn ihre Präsenz an sich nicht schon Überraschung genug wäre! Bajoraner waren eher selten in diesen Lagern. Wenn sie eine Straftat begingen, die diese Strafe verdiente, wurden sie meist sofort hingerichtet. Er hatte jedoch keine Zeit, dieses Rätsel zu lösen.

„Zieh dich aus“, befahl die Bajoranerin kühl. „Während du das tust, sag mir deinen Namen und warum du hier bist.“

Elim zögerte nur einen Moment, bevor er gehorchte. Diese Frau würde ihn vielleicht nicht sofort umbringen, aber sie konnte weitaus Schlimmeres tun, wenn sie wollte. Einen Moment lang war er versucht zu lügen, aber dann verwarf er den Gedanken. Sicher kannten sie seinen Namen bereits. Es spielte keine Rolle mehr. „Elim Garak“, sagte er. „Ich wurde wegen Mordes verurteilt.“

„Elim Garak?“

Elim sah auf. Der Tonfall der Bajoranerin war eine Mischung aus Unglauben und Schadenfreude. Sie lachte. Ihr Lachen gefiel ihm nicht. Es beunruhigte ihn. Sie klang so, als würde sie ihn kennen, und das war… es war nicht möglich. Er hatte seit Ewigkeiten nicht mehr seinen eigenen Namen benutzt.  

Die Cardassianerin richtete einen medizinischen Tricorder auf ihn, und ihm wurde klar, dass sie eine Ärztin sein musste – oder zumindest jemand mit medizinischem Wissen, der diese Rolle hier übernahm.  

„Ich brauche nicht lange, um ihn zu heilen“, sagte sie. „Nur oberflächliche Verletzungen. Ein paar Nervenschäden, aber nicht permanent. Ich kann ihm etwas dafür spritzen.“

„Das Implantat zuerst, Dr. Komar“, sagte die Bajoranerin.

Elim wurde klar, dass das die Methode war, mit der sie die Gefangenen im Lager hielten. In anderen Lagern benutzten sie Chemikalien, um die Gefangenen abhängig zu machen. Dies war besser, als er gedacht hatte. Implantate konnten entfernt werden.

Dr. Komar nahm einen Injektor und trat hinter ihn. Elim senkte den Kopf, als sie ihn gegen seinen Nacken presste. Er holte scharf Luft, als Schmerz sein Rückgrat entlang schoss.

„Das Implantat hat sich mit deinem Rückenmark verbunden.“, sagte die Bajoranerin emotionslos. „Wenn du versuchst, dieses Lager zu verlassen, wird es einen Energiepuls in dein Gehirn leiten und du stirbst. Wenn du versuchst mich anzugreifen, werde ich dafür sorgen, dass du Schmerzen hast wie nie zuvor. Wenn es dir gelingen sollte, mich umzubringen, sterben alle in diesem Lager.“ Sie lehnte sich gegen die Wand und lächelte kalt. „Mein Name ist Gul Raghman. In diesem Lager ist mein Wort Gesetz. Dass ich hier bin und aussehe wie eine beschissene Bajora habe ich deinem Vater zu verdanken, Elim Garak. Wie es aussieht ist heute mein verdammter Glückstag.“ Sie lachte erneut. „Ich werde eine Menge Spaß mit dir haben.“

Elim schloss die Augen. Er war erledigt. Als wenn sein Leben nicht schon beschissen genug war, war er nun der Gnade einer Frau ausgeliefert, die mit Tain noch eine Rechnung offen hatte. Nicht nur das, sie wusste auch, wer er wirklich war. Etwas, das ihm sagte, dass sie eine ehemalige Agentin des obsidianischen Ordens war. Eine, die zu einem Zeitpunkt in der Vergangenheit eine ausreichende Sicherheitsstufe besessen hatte, um herauszufinden, dass Tain einen illegitimen Sohn hatte. Was hieß, dass sie ein Profi war. Ein Profi, der etwas dermaßen vermasselt hatte, dass Tain sie genug hasste, um sie mit dem Aussehen einer Bajoranerin in ein solches Lager zu verdammen – es war fast eine Garantie, dass sie vergewaltigt und umgebracht werden würde. Elim kannte sie nicht, aber er kannte ihren Namen. Es gab einen Legat mit dem Namen Raghman, der vor einigen Jahren gestorben war. Ja, er war voll und ganz erledigt.    

Er fühlte, wie die vergangenen Tage ihren Tribut forderten. Elim hatte alles verloren, was ihm etwas bedeutete, er war gefoltert worden, und er hatte tagelang nicht geschlafen. Dies war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er hatte sich immer für einen Kämpfer gehalten, aber mehr als das war er ein Überlebenskünstler. Er wollte überleben, und Schmerzen vermeiden, wenn es ging. Er brach in die Knie. Es war das, was Tain gewollt hatte. Nach seinem Verrat – oder dem, was sein Vater dafür hielt - hatte er Elim am Boden sehen wollen. Elim hatte ihm diesen Wunsch nicht erfüllt. Er hatte gestanden, ja, aber er hatte sein Urteil mit Stolz und Verachtung akzeptiert. Er war Patriot, ja, aber eben deswegen widerte die Korruption des Gerichts ihn an. Wenn Tain es gewollt hätte, hätten sie ihn mit einem Klaps gehen lassen. Da Tain es nicht wollte, hatten sie zu Gunsten der Familie geurteilt, die Ansehen und einen Namen hatte. War Elim jemals naiv genug gewesen, zu glauben, dass die cardassianische Justiz unfehlbar war? Wenn, so schien es Jahrhunderte her zu sein. Nun schließlich waren von seinem Stolz nur noch Scherben übrig, und alles was er fühlte war Verzweiflung. „Ich bin nicht mein Vater“, sagte er heiser. „Ich bedeute ihm nichts. Er ist der Grund, warum ich hier bin. Ich kann Ihren Wunsch nach Rache verstehen, Gul, aber wenn Sie mich verletzen, werden sie ihm nicht wehtun. Im Gegenteil, es ist nur das, was er will.“

„Ich würde an deiner Stelle das Gleiche sagen“, erwiderte sie amüsiert.

„Wäre ich hier, wenn ich ihm auch nur das Geringste bedeuten würde?“, rief er verzweifelt. „Er hätte nur ein Wort sagen müssen, und meine Anklage wäre vom Tisch gewesen! Sie wissen das!“ Elim verharrte. Einige schreckliche Augenblicke lang hatte er den Gedanken, dass dies alles nur eines von Tains Spielen war. Er hatte noch nie zuvor ihre Verwandtschaft zugegeben, nicht einmal unter Folter.

Die Frau musterte ihn nachdenklich. „Das stimmt allerdings. Nach allem was er getan hat, um dich zu seinem Nachfolger zu machen, hätte ich gedacht, dass du ihm mehr bedeutest. Du musst ihn sehr enttäuscht haben.“

Elim zuckte zusammen.

„Was hast du getan?“, sagte sie sanft. „Sag es mir.“ Ihre Augen glänzten.

Elim konnte sich denken, was sie fühlte. Sie wollte hören, was seinen Vater so wütend gemacht hatte. Er würde ihr den Wunsch erfüllen, wenn es seine Haut rettete. „Ich habe mich in eine Frau verliebt“, sagte er heiser. „Sie war verheiratet. Er befahl mir, die Affäre zu beenden, aber ich habe es nicht getan. Ihr Ehemann überraschte uns. Er versuchte, mich umzubringen, aber ich war schneller. Der Mann war ein einflussreiches Regierungsmitglied. Mein Vater sah es als Verrat an.“

„Zu erwarten.“ Gul Raghman grinste schadenfroh. „Lass mich das zusammenfassen. Du, der illegitime Sprössling den er überleben ließ, obwohl du sein Ruin hättest sein können – der Niemand, den er sein Leben lang gefördert hat, seine einzige Chance auf einen Nachfolger – hast all dein Erbe weggeworfen, für eine Frau? Du hast ein Regierungsmitglied ermordet, für eine Frau? Nicht nur das, du hast es so schlampig getan, dass du dafür angeklagt wurdest? Das ist wundervoll. Ich danke dir.“

Die Worte waren wie ein Schlag in den Magen. Elim hatte es nicht wirklich so gesehen, aber nun wurde ihm klar, dass sie absolut Recht hatte. Die meisten Cardassianer verstießen ihre illegitimen Kinder, oder brachten sie gleich nach der Geburt um. Sein Vater hatte das nicht getan. Er hatte ihm eine falsche Identität gegeben, ihn in seinem Haus aufgezogen. Vielleicht hätte er Elims Mutter heiraten können, aber das hätte Elim zu einem Ziel für alle gemacht, die seinem Vater schaden wollten. Elim hatte das immer gewusst, er hatte akzeptiert dass ihre Verwandtschaft für immer ein Geheimnis bleiben musste. Als sein Vater ihm gesagt hatte, dass er sich von ihm verraten fühlte, hatte Elim das nicht wirklich verstanden. Was hatte schließlich seine Beziehung mit Palandine mit seiner Arbeit zu tun? Er hatte einen dummen Fehler gemacht, aber Verrat? Nun verstand er es jedoch. Er hatte alles zerstört, was sein Vater für ihn aufgebaut hatte. Er hatte nicht den obsidianischen Orden verraten, aber seine Familie, sein Erbe. Ihm wurde klar, dass er Tain nie wirklich als Vater angesehen hatte. Wenn überhaupt, dann als Mentor, aber nicht als Vater. Tain hingegen hatte ihn immer als Sohn betrachtet, den Sohn, der sein Werk fortführen würde. Sentimental in gewisser Weise, und Elim hatte immer geglaubt dass Tain jenseits aller Sentimentalitäten war. Ein Irrtum. Offensichtlich hatte sich Tain in dieser Hinsicht Sentimentalität erlaubt. Elim hatte das nur nie verstanden, und nun war es zu spät. Nach allem, was geschehen war, würde ihn Tain für seine eigene Schwäche nur umso mehr hassen. Ihm war übel.

Raghman musterte ihn. Ihr Blick enthielt eine Mischung aus Genugtuung und Mitleid. „Enabran hat bekommen, was er verdient hat. Er hat nie jemandem vertraut, jeden als entbehrlich angesehen. Er hat diese Rolle so gut gespielt, dass selbst sein Sohn es geglaubt hat. Es ist auf gewisse Weise poetische Gerechtigkeit.“ Sie lächelte boshaft. „Zu deinen Ungunsten muss ich gestehen, dass ich eine bösartige Frau bin. Hinzu kommt, auch wenn du nicht glaubst, dass du deinem Vater etwas bedeutest – ich weiß es besser. Ich bin sicher, wenn er nicht ohnehin geplant hat, dich zurück zu holen, wird er sich bald genug dazu entscheiden. Schließlich kann er keine weiteren Söhne zeugen.“

Elim sah zu ihr hoch. Das hatte selbst er nicht gewusst. Er fragte sich, wer diese Frau war, und warum er nie von ihr gehört hatte.

Raghman ließ ihren Blick über ihn wandern, und Elim war sich plötzlich sehr bewusst, dass er nackt vor ihr kniete. „Es gefällt mir, wie du aussiehst.“ Sie trat zu ihm und ging vor ihm in die Hocke. Ihre Augen waren kristallblau. Die Farbe mochte künstlich sein, aber Elim bildete sich ein, dass es nicht so war. Die Raghman-Familie war aus den Südprovinzen, und die Farbe kam dort häufig vor. Sie fuhr mit ihrem Finger sein Gesicht entlang, und er zwang sich, nicht zurück zu weichen. „Du siehst ihm nur wenig ähnlich. Es ist nicht offensichtlich. Du hast die Stirn von deiner Mutter, nehme ich an. Hat er deine Augenfarbe ändern lassen? Du wirst dich wahrscheinlich nicht daran erinnern, wenn es so ist.“ Ihre Hand wanderte über seinen Hals zu seiner Brust. „Es gibt jedoch Gemeinsamkeiten.“

Elim schwieg. Was sollte er dazu sagen? Er hatte nie besonders darüber nachgedacht, und seine Mutter hatte nie etwas dazu gesagt. Wenn sein Onkel ihm nicht auf dem Sterbebett die Wahrheit gesagt hätte, er hätte sie wahrscheinlich nie erfahren.

„Gut“, sagte sie abrupt, und stand auf. „Heilen Sie ihn, und geben Sie ihm etwas Angemessenes zum Anziehen. Ich werde jemand schicken, der ihn in die Mine bringt.“   

Elim hatte fast vergessen, dass die Ärztin noch da war. Er war beinahe erleichtert, als Raghman sich umdrehte und ging. Wie es schien, würde sie ihn erst einmal in Ruhe lassen. Er war jedoch nicht dumm genug, sich selbst zu belügen. Er wusste, es würde nicht so bleiben.

Subraumnachricht, 2376

Mein lieber Garak,

ich weiß nicht, ob dieser Brief Sie überhaupt erreichen wird. Alle Kommunikation in den cardassianischen Raum ist in letzter Zeit so gut wie unmöglich geworden. Mir wurde gesagt, dass das Subraumrelay auf Cardassia VI noch hin und wieder Verbindung mit den äußeren Kolonien herstellen kann, somit hoffe ich, dass diese Nachricht irgendwie zu Ihnen durch kommt. Colonel Kira berichtete mir, dass Sie die letzten Kämpfe auf dem Planeten gesund überstanden haben. Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Ich muss gestehen, ich vermisse unsere wöchentlichen Mittagessen und Diskussionen.

Ich weiß nicht, wie viele Neuigkeiten aus dem Rest des Alphaquadranten Sie noch erreichen, aber hier auf der Station hat sich seit Ihrer Abreise etliches verändert. Sie haben sicher gehört, was mit Captain Sisko passiert ist. Colonel Kira hat nun das Kommando übernommen. Miles hat eine Lehrstelle an der Akademie der Sternenflotte angenommen, und Commander Worf  ist als neuer Botschafter der Föderation nach Quo’nos gegangen. Odo hat die Station ebenfalls verlassen, er wird versuchen ein dauerhaftes Friedensabkommen mit den Gründern zu verhandeln. Wir können nur hoffen, dass er damit Erfolg haben wird. Die Situation ist noch immer angespannt, auch wenn bislang alles ruhig ist. Alle warten, was als nächstes passieren wird. Es scheint fast unwirklich, dass der Krieg nun vorbei ist.

Wie ich bereits erwähnt habe bekommen wir nicht viele Berichte von Cardassia. Ich kann nur annehmen und hoffen, dass der Wiederaufbau langsam in Gang kommt. Die letzten Statistiken, die wir bekamen, waren sehr erschreckend. Ich wünschte, ich könnte irgendwie helfen. Bitte melden Sie sich, wenn es irgendwie möglich ist. Es würde mich beruhigen, von Ihnen zu hören.

Julian Bashir, Deep Space Nine