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Omnia quae scripta sunt

Chapter Text

 

Gesucht wird eine Lehrkraft für eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 4 und 18.
Voraussetzungen sind: Lust am Reisen, Ungebundenheit, ein abgeschlossenes Studium in Pädagogik und mindestens einem anderen Fach, so wie Erfahrungen mit dieser Altersgruppe

Die junge Frau las die Anzeige mittlerweile zum dritten Mal. Sie war irgendwie merkwürdig. Warum wurden Ungebundenheit und Reiselust noch vor die akademischen Merkmale gestellt? Aber andererseits war sie ihr auch direkt ins Auge gesprungen und ließ sie seitdem nicht mehr los. Schlimmer noch, ihr Gefühl sagte ihr, dass sie sich auf diese Anzeige bewerben sollte, ja es sogar musste, und auf ihr Gefühl hatte sie sich bisher immer verlassen können.
Sie seufzte, legte die Zeitung beiseite, zog den Laptop heran und fing an eine Bewerbung zu schreiben.

~.~

„Und? Bist du schon weiter gekommen?“
Daniel Jackson hob den Kopf, als er die Stimme seines besten Freundes Jack O'Neill hörte und lehnte sich erstaunt zurück.
„Jack, was treibt dich denn her?“
„Die Sehnsucht.“ Jack lachte über die skeptisch hochgezogene Augenbraue Daniels. „Nein, es war eher Langeweile. Außerdem macht es mir Spaß, dir beim Verzweifeln zuzusehen und wenn ich mir dich so ansehe weiß ich, dass du noch keinen Schritt weiter bist.“
Daniel seufzte. „Stimmt. Keiner der Bewerber erfüllt auch nur annähernd die Voraussetzungen. Es war sogar einer dabei der meinte, er könne seinen Lebensabend auf einer ruhigen Südseeinsel verbringen und nebenbei ein paar Kindern lesen und schreiben beibringen.“
Jack lachte. „Was ist daran so schlimm?“
„Jack, der Mann war über 80.“
„Das ist alt. Gibt’s nicht ein maximal Alter für Reisen durch das Gate?“
„Keine Ahnung, aber er würde wahrscheinlich einen Herzinfarkt bekommen, wenn er die Wahrheit erführe.“
Jack zuckte nur kurz mit den Schultern und ließ sich dann auf einen Stuhl am Konferenztisch des Stargate Centers fallen, an dem sich Daniel mit einem Haufen von Akten breit gemacht hat. Mit leicht schräg gelegtem Kopf betrachtete er einen der Stapel und einer plötzlichen Eingebung folgend, griff er einen Folder aus der Mitte des Stapels. Er warf einen kurzen Blick hinein und schob ihn dann Daniel zu. „Was ist mit der?“
Daniel runzelte die Stirn, warf einen ebenso kurzen Blick wie Jack auf den Lebenslauf und nickte dann langsam. „Könnte passen.“

~.~

Zögernd betrat die junge Frau die prunkvolle Hotelhalle. Nachdem sie sich kurz umgesehen hatte, ging sie direkt zur Rezeption und lächelte den Angestellten dahinter leicht unsicher an.
„Guten Tag. Mein Name ist Victoria de Lantis. Ich bin hier mit einem Dr. Daniel Jackson verabredet.“
Der Mann hob den Kopf und lächelte freundlich. „Natürlich. Einen Moment bitte. Ich rufe Dr. Jackson an und frage, ob er Sie empfängt.“ Schon hatte er den Hörer abgenommen und eine Nummer gewählt, kurz darauf wandte er sich wieder an die Frau. „Ms. de Lantis? Dr. Jackson hat jetzt Zeit für Sie. Der rechte Aufzug. 3. Stock. Suite 302.“
Sie nickte dankbar und machte sich auf den Weg. Während der Aufzug in den 3. Stock fuhr, fragte sie sich – nicht zum ersten Mal –, was das nur für ein Job war, wenn das Vorstellungsgespräch in einem Hotel stattfand. Aber sie wusste, dass sie sich keine Gedanken über negative Vorkommnisse machen musste. Denn in dieser Richtung war sie nicht so leicht zu überraschen.
Vor der Tür zur Suite 302 blieb sie kurz stehen und atmete tief durch. Sie würde es schaffen, dessen war sie sich sicher. Sie hob die Hand und klopfte an.

Gespannt beobachtete Daniel die Frau als sie das Zimmer betrat. Ihre Erscheinung war ebenso beeindruckend wie ihr Lebenslauf. Sie war schlank, bestimmt über einen Meter fünfundsiebzig groß, hatte dunkelbraune, fast schwarze, lange Haare und leuchtend grüne Augen, die ihn angespannt ansahen. Kurz veränderte sich ihr Blick, dann wirkte sie gelöster und ruhiger als zuvor. Daniel erhob sich von seinem Stuhl und streckte ihr die Hand entgegen.
„Ms. de Lantis. Schön, dass Sie kommen konnten. Bitte nehmen Sie Platz.“
Sie kam der Anforderung nach und lächelte leicht. Sie war neugierig, was nun kommen würde. Der Mann vor ihr wirkte unscheinbar: die dunkelblonden Haare waren leicht verwuschelt und mit seiner Brille erinnerte er sie an einen ihrer Professoren in Yale, einen Mann der irgendwie verrückt gewesen war. Doch die Augen des Mannes vor ihr drückten eine Lebenserfahrung aus, die für jemanden seines Alters schwer vorstellbar war. Er lächelte leicht und warf dann einen kurzen Blick in die Akte die vor ihm lag.
„Also, bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, Ms. de Lantis, muss ich sagen, was mich am meisten an Ihrem Lebenslauf beeindruckt hat, waren Ihre Sprachkenntnisse. Korrigieren Sie mich ruhig, wenn ich etwas vergessen sollte. Sie sprechen also fließend Mexikanisch, Deutsch, Italienisch, Französisch, Tschechisch, natürlich Englisch und dann noch etwas das Sie als Quisiw bezeichnen. Was genau ist das?“
Victoria lächelte und gab bereitwillig Auskunft. „Das ist die Sprache der Quisiwam. Einem Stamm der amerikanischen Ureinwohner der im heutigen Texas und Mexiko beheimatet ist.“
Daniel schwieg beeindruckt, denn diese Information war sogar für ihn nicht zu finden gewesen. „Und wie kommt diese Sprachvielfalt zustande?“
„Durch meine Abstammung. Meine Vorfahren waren Deutsche, Italiener, Franzosen, Tschechen, Mexikaner und Quisiwam. Und da alle wollten, dass ich mein kulturelles Erbe pflege, musste ich mit jedem in dessen Muttersprache sprechen.“
„Recht ungewöhnlich und sehr beeindruckend.“
Sie zuckte kurz mit den Schultern. „Mein Dad sagte immer, ich wäre eine echte Amerikanerin, von allem ein bisschen.“
Daniel grinste. „So kann man es natürlich auch sehen. Nun gut Ms. de Lantis“, er zögerte kurz bei dem kaum wahrzunehmenden Verziehen ihres Gesichtes bei der Art wie er ihren Namen aussprach. Offenbar falsch. „Haben Sie was dagegen, wenn ich Sie Victoria nenne?“
„Überhaupt nicht“, war ihre fröhliche Reaktion.
„Gut. Also Victoria, worum es geht, ist folgendes…“

~.~

Angespannt stand Victoria mit ein paar anderen Personen in dem Raum, den Dr. Jackson als Gateraum bezeichnet hatte und wartete darauf, dass das so genannte Stargate zum Leben erwachte. In der einen Woche, die sie nun schon im SGC war und auf ihre Abreise wartete, hatte sie den Stargate-Alarm schon oft gehört, aber sie hatte es noch nie 'in Aktion' erlebt. Aber das würde sie heute tun und sie würde hindurch gehen. Unsicher knabberte sie an ihrer Unterlippe und drehte eine Haarsträhne zwischen ihren Fingern. Sie war sich immer noch nicht zu hundert Prozent sicher, dass dies die richtige Entscheidung gewesen war, auch wenn ihr Gefühl ihr das praktisch entgegen schrie. Immerhin ging es darum alles hinter sich zu lassen was sie kannte. Was ihr das Abschiednehmen aber entschieden erleichtert hatte, war die Tatsache, dass sie nicht einfach verschwinden musste, ohne ihrer Familie zu sagen wo genau sie hinging. Glücklicherweise verschaffte die Militärangehörigkeit und der Rang ihres Vaters ihm und ihrer Mutter den Unbedenklichkeitsstatus, der notwendig war um zu erfahren, dass sie nach Atlantis ging. In die Sagen umwobene Stadt Atlantis, auf der sich seit einigen Jahren ein Expeditionsteam befand. Mittlerweile konnte man die Stadt allerdings nicht mehr als Expeditionsbasis bezeichnen, sondern als Kolonie der Erde. Einige der Teilnehmer hatten sich zu Paaren gefunden und angefangen fern der Heimat eine Familie zu gründen. Und dies war eben der Grund, warum sie hier war. Der Internationale Aufsichtsrat hatte entschieden, dass die vielen Kinder, die es mittlerweile in Atlantis gab, einen Lehrer brauchten. Sie mussten mehr lernen, als nur den Kampf ums Überleben gegen irgendwelche Gegner. Sie sollten ihr Erbe kennen und es auch in einer anderen Galaxie bewahren können.
Und dies würde nun ihr Job sein.

„Mann, Sheppard ist echt ein verdammter Glückspilz.“
Daniel warf seinem Teamkollegen Lieutenant Colonel Cameron Mitchell einen fragenden Blick zu. „Wie meinen Sie das, Cameron?“
„Na ist doch klar. Sehen Sie sich doch mal die Kleine da an. Beine bis zum Hals und eine Figur zum Niederknien. Und die wird nach Atlantis geschickt, während wir nur noch mit ekligen glibrigen grünen Flops zu tun haben, seitdem die Ori besiegt sind. Irgendwie echt nicht fair.“
Daniel lachte. „Tja, vielleicht ist das eine Entschädigung dafür, dass Atlantis ungefähr 3 Mio. Lichtjahre von der Erde entfernt ist?“
Mitchell grinste leicht und drehte sich dann, mit vor der Brust verschränkten Armen, komplett zu Daniel um. „Geben Sie es zu, Doc. Sie waren mehr von ihrem Aussehen beeindruckt, als von ihren Fähigkeiten.“
Daniel schnaubte. „Als ob. Diese Frau hat mehr auf dem Kasten, als man ihr aufgrund ihres Aussehens zutrauen würde. Sie spricht fließend sieben Sprachen, kann mehrere Kampfsportarten und hat einen höheren IQ als McKay.“
Mitchell nickte bewundernd. „Okay.“
„Außerdem ist sie eine der letzten Quisaw.“
„Eine was?“
„Quisaw. Sie gehört einem kleinen Indianerstamm an, der mittlerweile fast ausgestorben ist. Bei den Quisiwam gilt nur die mütterliche Linie. Ihre Urgroßmutter ist eine der Stammesältesten und somit ist Victoria eine der letzten Bewahrerinnen ihres Erbes.“
Mitchell schüttelte grinsend den Kopf. „Doc, wenn man Sie so hört, könnte man fast meinen, Sie wären in die Kleine verknallt. Lassen Sie das bloß nicht Vala merken.“
„Mich was nicht merken lassen?“
Mitchell und Daniel drehten sich um und sahen sich Vala Mal Doran gegenüber, deren Frisur heute aus vielen kleinen Zöpfen bestand, in denen kleine Perlen und Federn eingeflochten waren.
„Ach gar nichts. Was ist mit deinen Haaren passiert?“
Sie fuhr sich über ihren Kopf. „Toll nicht? Ich hab mich gestern ein wenig mit Victoria vergnügt.“ Vala sah Mitchells Gesichtsausdruck und grinste. „Nicht so wie du denkst, Cam. Du bist echt ein Ferkel. Nein, ich hab mich entschlossen, mit ihr und ihrer Zellengenossin eine kleine Abschiedsfeier zu schmeißen. Bei der Gelegenheit hat sie mir die Haare im Stil ihres Volkes gemacht. Ich find das toll.“
Daniel konnte nur nicken, doch dann... „Vala, das heißt nicht Zellengenossin, sondern Zimmerkameradin.“
Vala winkte ab. „Ach was. Ist doch fast dasselbe.“
Bevor Daniel noch was sagen konnte, kam der Kommandeur der Basis, General Landry, die Treppe von seinem Büro in den Kontrollraum hinunter und blickte fragend in die Runde. „Sind wir dann soweit?“
Daniel drehte sich um und nickte. „Ja Sir. Das Gepäck der Leute sollte in drei Tagen da sein. Die Daedalus ist seit einer Woche unterwegs, das heißt sie werden mit dem Nötigsten zurechtkommen, bis der Rest auch da ist.“
„Gut. Und wie macht sich unsere kleine Indianerin?“
Daniel, Mitchell und auch Landry beugten sich ein wenig vor, um durch das große Sichtfenster in den Gateraum sehen zu können. Victoria stand in der hintersten Ecke des Raumes und blickte mit großen Augen auf das Stargate.
„Nun ja, sehr begeistert sieht sie aber nicht aus“, stellte Mitchell fest.
Landry grinste. „Das kommt noch. Walter, bereit machen die Mittelstation anzuwählen.“
Sofort begann Sergeant Walter Harriman, der selbsternannte Hüter des Gates, mit der Eingabe der Adresse der Mittelstation der McKay-Carter-Gatebrücke, welche die Milchstraße mit der Pegasusgalaxie verband. Landry beugte sich zum Mikrofon und ließ sich in den Gateraum durchstellen.
„Ladies und Gentlemen. Bitte räumen Sie die Rampe. Wir wählen die Mittelstation an. Ich wünsche Ihnen viel Glück und eine gute Reise. Mögen wir einander gesund wieder sehen.“
Genau in diesem Moment aktivierte sich das Gate und alle, bis auf Victoria, die eh schon in der hintersten Ecke gestanden hatte, wichen einen Schritt zurück.
„Na dann los.“

 

tbc...

Chapter Text

 

 

„Was ist für heute angesagt?“
Elizabeth Weir, die Leiterin Atlantis, schaute auf und sah Rodney McKay, den CSO, unruhig vor ihrem Schreibtisch stehen.
„Rodney, ist Ihnen etwa langweilig?“
Er brachte das Kunststück fertig, zu nicken und gleichzeitig den Kopf zu schütteln, was zugegebener Maßen ziemlich witzig aussah. „Nun ja, irgendwie schon ein wenig.“
Elizabeth grinste. „Viel ist nicht geplant. In wenigen Minuten sollte eine Gruppe Neulinge von der Erde kommen. Ein paar Marines, einige neue Mitglieder für Ihr Team und auch die vom IOA geforderte Lehrkraft wird dabei sein. Ich habe allerdings keine Ahnung, auf was für eine Person sie sich letzten Endes geeinigt haben, also fragen Sie mich gar nicht erst.“
„Na dann bin ich ja mal gespannt.“
Elizabeth nickte leicht. „Ich auch. Können Sie bitte Sheppard in den Konferenzraum holen? Wir müssen die Einsatzpläne der nächsten Woche durch gehen.“
Rodney nickte. „Ich werde versuchen ihn zu holen. Aber irgendwie ist der Gute in letzter Zeit ein wenig unleidig geworden.“
„Nun ja. Vielleicht denkt er, bei all den Paaren, die sich hier gefunden haben, dass er immer alleine bleiben wird?“
„Gut möglich. Aber anderseits ist Sheppard der Archetyp eines Weiberhelden, auch wenn er es nie vor anderen zugeben oder zeigen würde.“
„Dazu sage ich jetzt nichts. Also Rodney bitte schicken Sie Sheppard in den Konferenzraum. Teyla und Ronon sind bereits benachrichtigt.“
Rodney nickte und machte sich dann auf die Suche nach Sheppard, um den er sich, auch wenn er es niemals offen zugeben würde, mittlerweile wirklich Sorgen machte. Elizabeth hatte schon Recht. Jeder fand in Atlantis jemanden, der zu ihm passte, auch wenn es vielleicht nur für kurze Zeit war. Einzig Sheppard schien allein zu bleiben.
Genau in dem Moment, in dem Rodney den Kontrollturm verließ, betrat John ihn durch eine andere Tür. Er war für die wöchentliche Sitzung der Führungsebene auf dem Weg zum Konferenzraum, als die Alarmsirenen losgingen, was eine Gate-Aktivierung von außen bedeutete. Er warf einen Blick nach oben, wo Chuck, der Hüter des Gates auf dieser Seite, saß, dessen Gesicht jedoch Gelassenheit ausdrückte. Er bemerkte Johns Blick und grinste.
„Makro-Codierung. Die Neuankömmlinge von der Erde sind gleich da.“
John zuckte nur mit den Achseln. Schon wieder Neuankömmlinge. Das bedeutete für ihn, dass er schon wieder Leute in die Eigenschaften der Wraith einweisen durfte, die die von ihnen ausgehende Gefahr nicht ernst nehmen wollten. Ihnen die politische Lage in der Pegasus-Galaxie erklären und ihnen Dinge beibringen, die für ihn mittlerweile schon alltäglich waren. Es war doch alles irgendwie eh nutzlos. Vielleicht sollte er Elizabeth um ein wenig Urlaub bitte. Sich einfach eine Matte und einen Jumper schnappen, zum Festland fliegen und ein wenig Surfen gehen. Das wäre eine gute Idee. Aber freie Tage oder Urlaub gab es schon lange nicht mehr. Der letzte freie Tag hatte in einer Katastrophe geendet, so wie eigentlich alle zuvor. Vielleicht sollten sie nicht immer alle am gleichen Tag frei haben.
'Memo an mich. Elizabeth sagen, dass nicht immer alle gleichzeitig frei machen sollten. Und das nicht auf jeder Fremdwelt unsere Feiertage in die Gegend geschrien werden. Ach, das kann ich Rodney auch persönlich sagen', dachte John frustriert. Gerade als er die Stufen zum Torraum heraufging, kamen die ersten Neuen hindurch. Das waren seine „Frischlinge“. Zwanzig neue Soldaten, die er in Teams einteilen durfte. Danach kam Rodneys Zuwachs, irgendwelche Wissenschaftsfreaks und auch noch ein paar Ärzte für Keller. Als letztes trat eine Person in den Raum, die zugegebenermaßen in der offiziellen Pegasus-Uniform, bestehend aus schwarzen Cargo Pants und einer Lederjacke mit dem Logo der Expedition, extrem gut aussah. Er konnte nicht erkennen, welche Farbe die Aufnäher am Kragen hatten, denn an den Farben konnte man schon im Vornherein erkennen, zu welcher Abteilung jemand gehörte. Schwarz stand für die Militärs, Gelb für die medizinische Abteilung, Blau hatten alle Wissenschaftler, Grün die Techniker und Rot waren alle Zivilisten bzw. die Expeditionsleitung. Mittlerweile hatte John aber das Gefühl, dass es immer mehr Rot in Atlantis zu sehen gab und weniger andere Farben. Was daran lag, dass immer mehr Familienangehörige, meist Ehepartner und/oder Kinder nach Atlantis kamen und so natürlich auch mit den Jacken samt Aufnäher versorgt wurden. Aber wo war er stehen geblieben? Er fuhr sich kurz durch die verwuschelten dunklen Haare und sah dann wieder die Frau vor sich. Ach ja, Uniform-heiß-Farben. Farben = Zugehörigkeit. Wer war sie? Er musste wohl näher an sie heran gehen. Denn sonst würde er sich heute den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrechen. Und er hasste es, wenn sich ein Gedanke in seinen Kopf festgesetzt hatte und er keine Antwort darauf fand.

Victoria blickte sich in dem großen Raum um. Es war so unwirklich. Vor einer halben Stunde war sie noch in einer anderen Galaxie gewesen. Eine halbe Stunde, das hatte sie früher für den Weg von der Wohnung ihrer Eltern zur Schule gebraucht. Und zwar zu Fuß. Sie drehte den Kopf leicht nach links und zuckte zurück. Wie immer wenn sie irgendwo fremd oder nervös war, hatte sie in ihre besondere Sicht, wie sie es nannte, gewechselt. Sie erkannte dann, ob Menschen gute Absichten hatten oder nicht. Meist erkannte sie die Absichten eines Menschen schon lange, bevor dieser selbst wusste, was er tun würde. Ihre Urgroßmutter, die ebenfalls eine besondere Gabe hatte, nannte dies die Seele eines Menschen anhand seiner Aura erkennen. Victoria hatte schon alle Schattierungen von Auren gesehen. Dunkel graue, fast schwarze bei Leuten, mit denen sie während ihres Praktikums zu tun gehabt hatte, und dann helle und reine, meist bei kleinen Kindern, weil noch keine schlimmen Gedanken ihre Seelen beschmutzten. Nur selten hatten Erwachsene eine helle Aura, aber dieser Mann, der nun auf sie zukam, seine Aura strahlte so hell, dass sie fast versucht war, eine Hand schützend vor ihre Augen zu halten. Was natürlich nichts gebracht hätte, da sie eine Aura nur vor ihrem inneren Auge sehen konnte. Die Aura des Mannes war besonders ungewöhnlich. Einerseits war sie hell, aber in ihrem Inneren verbarg sich ein dunkler Fleck. Der jedoch nicht von schlechten Taten, sondern eher von Trauer, Einsamkeit und erlittenen Schmerzen zeugte. Außerdem war die Aura nicht weiß oder in grauen Schattierungen. Sie hatte eine hellblaue Färbung, wodurch der dunkle Fleck noch mehr hervor stach. Schnell wechselte sie wieder in ihre normale Sicht, was man nur erkannte, wenn man es wusste. Denn der Wechsel zwischen Auren-Sicht und normaler Sicht zeigte sich nur dadurch, dass sich die Farbe ihrer grünen Augen intensivierte. Aber auch mit ihrer normalen Sicht war sie von dem Mann mehr als angetan. Verwuschelte schwarze Haare und bläulich-grüne Augen, die ein wenig melancholisch in die Welt blickten.

John ging näher an die Frau heran, die ihn mit ihren grünen Augen fixierte. Irgendwie hatte er das Gefühl, das ihr dieser eine Blick alles über ihn offenbarte. Was kein sehr angenehmer Gedanke war. Gerade als er sich ihr vorstellen wollte, erklang über ihm Elizabeths Stimme: „Colonel, dürfte ich bitten?“
Er wusste genau, wenn sie ihn mit Colonel ansprach, dann war Elizabeth in einem Zustand in dem man sich besser nicht mit ihr anlegte.
„Komme“, er lächelte die Frau entschuldigend an und machte sich auf den Weg zum Konferenzraum.
„John.“
Er schaute hinauf. „Was?“
„Bringen Sie die junge Dame direkt mit.“
Er schaute zurück und sein Lächeln wurde breiter. Zivilistin also. Na das waren doch mal gute Nachrichten. Er winkte ihr, ihm zu folgen und zögernd kam sie seiner Aufforderung nach.

Victoria folgte dem Mann, von dem sie nun wusste, dass er John hieß, die Treppe nach oben in einen großen Raum. Hier warteten bereits zwei Männer und zwei Frauen auf sie. Sie hatte mehr unbeabsichtigt wieder in ihre Auren-Sicht gewechselt und wurde erneut überrascht. Zum zweiten Mal an diesem Tag sah sie eine farbige Aura. Eine der Frauen hatte eine weiße, helle Aura, jedoch mit einem feurig roten Kern, der sie fast wie ein böses Auge anzufunkeln schien. Schnell schaute sie zu den Anderen und war fast erleichtert, die helle Aura freundlicher Menschen zu sehen. Jedoch hatten auch ihre Auren den dunklen Kern erlittener Schmerzen. Beruhigt darüber, dass alles in Ordnung war wechselte sie wieder die Sicht und lächelte die Anwesenden freundlich an. Bei dem Mann, der seine Haare in einer höchst abenteuerlichen Frisur trug stutzte sie kurz. Das konnte unmöglich sein. Er trug die Haare, wie sie einst die Krieger der Quisiwam getragen hatten. Aber ein Quiwo hier? In einer fremden Galaxie? Wie war das möglich? Sie wusste, dem würde sie noch auf den Grund gehen.
„Ms. de Lantis nehme ich an?“ Victoria blickte zu der Frau, die am Kopfende des großen Tisches saß. Das also war Elizabeth Weir, die Leiterin von Atlantis. Sie nickte und Elizabeth bedeutete ihr Platz zu nehmen. „Wir werden nur kurz die Einsätze der nächsten Tage besprechen und dann kommen wir zu dem Grund für Ihr Hiersein.“
Victoria nickte erneut und nahm neben John, genau gegenüber des Quiwo und der Frau mit der eigenartigen Aura, Platz.
„Ich finde, wenn wir schon alle so entspannt beieinander sitzen, sollten wir uns auch vorstellen.“ John lächelte Victoria an und sie konnte nicht anders, als dieses Lächeln zu erwidern. Rodney und Elizabeth bemerkten, wie John den Neuankömmling musterte und seufzten innerlich. Vielleicht hatte er dieses Mal Glück. Zu wünschen wäre es ihm. Zu oft hatte er in den letzten Jahren Gefühle für jemanden entwickelt und war dann enttäuscht worden. „Also, ich bin Lieutenant Colonel John Sheppard. Militärischer Leiter von Atlantis. Das sind Dr. Rodney McKay, Leiter der Wissenschaft und Forschung. Teyla Emmagan und Ronon Dex stammen beide von Planeten hier in der Pegasus-Galaxie. Ich denke, Elizabeth Weir ist als Leiterin von ganz Atlantis hinreichend bekannt.“
Elizabeth grinste. So konnte auch nur John sie alle vorstellen. Sie wandte sich direkt an ihn.
„Also John, was ist für die nächsten Tage geplant?“
Innerhalb der nächsten halben Stunde besprachen sie Dinge, über die Victoria nur staunen konnte. Sie hörte Begriffe wie Wraith und Genii und fühlte sich, als wäre sie die Einzige in der ganzen Galaxie, die keine Ahnung hatte, was vor sich ging. Was wahrscheinlich auch zutraf.
„Nun. Da das geklärt ist. Kommen wir zu dem Grund für Ihr Hiersein Ms. de Lantis.“
„Victoria reicht völlig“, warf sie schnell ein, da auch Elizabeth ihren Namen nicht korrekt aussprach. „Ich hab da eine Frage“, schaltete sich Rodney ein. „Heißen Sie echt 'de Lantis'? Wie in Atlantis?“
Victoria zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Außerdem wird der Name französisch ausgesprochen. Also ohne das 's' am Ende. Nur da es mir viel zu blöd ist, alle ständig darauf hinweisen zu müssen, ist mir Victoria lieber.“
„Ich denke das ist kein Problem.“ John lächelte sie freundlich an und ein leichter Schimmer überzog ihre Wangen.
„Okay. Also Victoria, Sie sind auf Forderung des IOA hier. Atlantis hat sich in den letzten Jahren extrem verändert. Es befinden sich immer mehr Kinder in der Stadt. Und diese Kinder müssen unterrichtet werden, was Ihre Aufgabe ist.“
Victoria nickte Elizabeth zu. „Ich weiß. Dr. Jackson hat mich bereits informiert.“
Elizabeth nickte, aber sie war leicht skeptisch über die wirklichen Qualifikationen dieser jungen Frau, die vor ihnen saß. „Soviel ich weiß, bestand das IOA auf ein abgeschlossenes Studium. Nur bin ich nicht darüber informiert worden, worum es sich da bei Ihnen handelt.“
Victorias Lächeln schwand. Sie erzählte nicht gern, in was sie alles einen Abschluss hatte. Es erschreckte viele und/oder sie wurde für einen Freak gehalten.
„Victoria?“
Sie seufzte, es ließ sich wohl kaum vermeiden. „Angefangen hab ich mit Geschichte, dann hab ich noch Politik, Mathematik, Physik und Wirtschaftsrecht drangehangen.“
„Und alles abgeschlossen?“, frage Elizabeth erstaunt und auch die anderen im Raum waren über die Anzahl der Studienfächer überrascht.
Sie nickte langsam. „Ja.“
John lachte auf. „Rodney, ich glaub, die haben endlich jemanden gefunden, der intelligenter ist als Sie.“
Rodney verschränkte die Arme vor der Brust und schaute leicht beleidigt zu Victoria. „Pft. Das muss erst noch bewiesen werden.“
Sie wusste nicht, welcher Teufel sie ritt, aber Victoria hatte das Gefühl, noch einen drauf setzen zu müssen. „Außerdem hab ich verschiedene asiatische Kampfkünste studiert und besitze in vieren auch den höchsten Meistergrad.“
Rodney schüttelte den Kopf. „Nicht sehr beeindruckend. Um auf etwas draufhauen zu können muss man nichts im Kopf haben.“
Victoria beugte sich leicht vor, wissend, dass das nächste ihr Sieg sein würde. „Und ich spreche sieben Sprachen. Fließend. Seit dem ich klein bin.“
Rodney zog fragend eine Augenbraue hoch. „Wie klein?“
Sie lächelte. „Wann lernen Kinder zu sprechen?“
„So im Alter von anderthalb bis zwei Jahren.“
„Da haben Sie ihre Antwort.“ Die Anderen hatten den Schlagabtausch gespannt beobachtet und waren einfach nur begeistert von der jungen Frau, die in der Lage war Rodney Paroli zu bieten. „Ach so, bevor ich‘s vergesse. Meinen High-School-Abschluss hatte ich mit 15.“
John legte ihr eine Hand auf den Arm und grinste Rodney an. „Sie ist intelligenter als Sie.“ In seiner Stimme schwang so etwas wie Bewunderung mit.
„Ja, mag sein“, meinte dieser leicht beleidigt.
Victoria blickte nach vorne, versuchend die Hand auf ihrem Arm so gut wie möglich zu ignorieren, was ihr nicht wirklich gelang. Sie merkte seine Berührung, so wohl physisch als auch psychisch. Seine Aura schien in sie zu fließen und sich mit ihrer zu verweben. Etwas, das sie bisher noch nie erlebt hatte und auch nicht zulassen durfte. Es war gegen die Gesetze des Stammes! Sie versuchte ihre psychische Abwehr zu verstärken und zeitgleich auf das zu achten, was Elizabeth über ihre genauen Aufgaben sagte.
„Ich denke, das Beste wird sein, wenn Sie den Kindern eine gesunde Grundbildung vermitteln. Also ein wenig Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Politik, Geschichte. Im Grunde alles, was nötig ist, damit sie auch auf der Erde einen Job finden würden oder aufs College gehen könnten. Über die beste Einteilung der Klassen müssen Sie sich Gedanken machen. Ich will Ihnen da keine Vorschriften machen. Sie haben also so gesehen mehr oder weniger freie Hand, ich hätte nur gerne regelmäßig Berichte von Ihnen. Und nun denke ich, wäre es gut, wenn Sie jemand zu Ihrem Quartier bringt und Ihnen anschließend den Raum zeigt, den wir als Klassenzimmer vorgesehen haben.“
John lächelte Elizabeth breit an. „Ich mach das gerne.“
„Das habe ich mir schon fast gedacht“, meinte Elizabeth mit einem Grinsen, das ihre Lippen sanft umspielte.
Victoria stand lächelnd auf und blickte in die Runde. „Danke sehr für die Begrüßung“, sie hob ihren Rucksack, den sie bei Betreten des Raumes abgestellt hatte, auf und blickte zu John. „Können wir?“
Er nickte und konnte ihr gar nicht schnell genug folgen.

Ronon blickte den Beiden nach und ein kleines Schmunzeln zierte sein Gesicht. „Irre ich mich, oder ist Sheppard ganz scharf auf die Kleine?“
Teyla neigte nachdenklich den Kopf und nickte dann langsam. „Ich glaube, es ist nicht zu übersehen, dass John gewisse Sympathien für Victoria entwickelt.“
„Aber habt ihr nicht auch das Gefühl, dass mit ihr irgendetwas seltsam ist?“
„Wie meinst du das Ronon?“
Er zuckte mit den Achseln. „Ich habe keine Ahnung. Aber sie hat irgendetwas an sich, dass mir nicht ganz normal erscheint.“
Elizabeth blickte nachdenklich in die Luft. „Nun, ich glaube, wir müssen einfach abwarten, wie sich alles entwickelt. Und zwar in jeder Hinsicht.“
Rodney nickte. „Gut, wenn es sonst nichts mehr gibt. Ich bin in meinem Labor und versuche Radek davon abzuhalten wieder irgendeinen Unfug zu treiben, der uns vielleicht umbringen könnte.“
Elizabeth blickte Rodney nachdenklich an. „Sie wissen schon, dass Radek nach Ihnen der zweitklügste Mann auf dieser Basis ist.“
„Mann vielleicht, aber nicht mehr Mensch“, kam es trocken von Ronon.
Mit einem beleidigten „Haha sehr witzig“ verschwand Rodney aus dem Raum und ließ die Anderen schmunzelnd zurück.

„Wie ist es eigentlich so, all die Jahre von der Erde weg zu sein? Seine Familie nicht mehr sehen zu können? Seine Freunde?“ Victoria schaute John fragend von der Seite an, während sie nebeneinander hergingen.
„Nun ja. Meine Familie hat es mir übel genommen, dass ich zum Militär ging, also haben die mich nicht besonders vermisst. Und Freunde hatte ich auch nie wirklich viele, da ich auch schon früher sehr viel auf geheimen Missionen unterwegs war. Da hat man allenfalls ein paar gute Bekannte, aber wirkliche Freundschaften kommen nicht zustande.“
Sie nickte. „Ich kenn das. Meinem Vater ging es früher ähnlich. Mittlerweile hat es sich aber gebessert.“
„Ihr Vater ist beim Militär?“
„Ja. General de Lantis. Er arbeitet im Pentagon. Daher wurde ihm und meiner Mutter auch gestattet zu erfahren, wo ich wirklich hingehe. Ich glaube andernfalls hätte ich die Stelle nicht angenommen.“
Sie gingen einen Moment lang schweigend nebeneinander her. Aber es gab eine Frage, die Victoria wirklich auf der Seele brannte. „John, wie kann es eigentlich sein, dass es in dieser Galaxie Menschen gibt?“
„Nun, Rodney oder Elizabeth könnte Ihnen das wahrscheinlich sehr viel besser erklären als ich, aber ich werd‘s versuchen. Also, natürlich ist die einfachste Erklärung Evolution. Sie haben sich einfach entwickelt. Aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Tatsache ist, dass es ein Volk gab, das wir Antiker nennen. Die haben vor Millionen von Jahren auf der Erde gelebt. Sie waren die Erbauer der Stargates. Doch sie wurden von einer Seuche heimgesucht, die sie zwang, den Planeten zu verlassen. Sie verließen die Erde mit ihrer Stadt und suchten sich in einer anderen Galaxie eine neue Heimat. Sie fingen an die Galaxie zu bevölkern. Doch es kam zum Krieg mit einem mächtigen Feind und sie waren gezwungen ihre Stadt zu verlassen. Sie versenkten die Stadt im Meer und gingen durch das Gate zur Erde zurück, in der Hoffnung eines Tages wieder kommen zu können. Aber sie kamen nicht. Sie starben alle auf der Erde. Und wir kamen irgendwann nach Atlantis, welches immer noch auf dem Meeresgrund lag. Wir entdeckten die Stadt neu und damit leider auch den Feind, den die Antiker so lange erfolglos bekämpft hatten. Nun versuchen wir, in der Galaxie für Ordnung zu sorgen. Manche Menschen in der Pegasusgalaxie sind Nachfahren der Antiker. Was gut ist, denn nur Menschen mit einem gewissen Gen sind in der Lage, die Technologien der Antiker vollständig zu nutzen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass sie hergebracht wurden. Es gibt noch ein anderes Volk, dass vor vielen Jahren, und wenn ich viel sage, meine ich zehntausende oder so. Also, dieses Volk kam aus einer anderen Galaxie her, nachdem es sich mit seinen Kumpels gezofft hat. Diese Kumpels haben lange Zeit in der Milchstraße für Ordnung gesorgt. Menschen auf andere Planeten gebracht um sie damit zu schützen und so weiter. Vielleicht hat dieses Volk ein paar Menschen mit nach Pegasus gebracht. Wir wissen es nicht genau. Aber jeder Planet birgt ein weiteres Geheimnis.“
„Oder einen neuen Feind.“
„Oder das. Aber die Feinde werden immer geringer, weil wir immer besser wissen, worauf wir zu achten haben.“
„Ich verstehe. Sie sagten, Ronon käme von hier. War sein Volk dem unseren ähnlich?“
John blieb verwundert stehen. „Wie meinen Sie das?“
„Nun ja. Sind denn auf allen Planeten die Entwicklungsstände gleich weit? Im Geschichtsstudium haben wir darüber diskutiert, was passiert wäre, wenn es das finstere Mittelalter nicht gegeben hätte. Wie weit wir uns entwickelt hätten, wenn die Kirche nicht Jahrhunderte lang die Wissenschaft für Teufelswerk gehalten und daher verboten hätte? Und da hab ich mich gefragt, ob es überall so war.“
„Ganz und gar nicht. Wir finden die unterschiedlichsten Zivilisationen. Einige sind fortgeschrittener als wir, andere wiederum nicht. Aber genau das macht das alles so spannend.“
„Aha.“
John schaute sie fragend an. „Das war aber noch nicht alles, oder?“
Sie winkte ab. „Ach wahrscheinlich spinne ich nur ein bisschen. Wegen der Reise durch das Gate und der ganzen neuen Eindrücke.“
„Kann gut sein.“
Er ging weiter und warf ihr ab und an einen nachdenklichen Blick zu. Diese Frau war nicht ganz normal. Nicht im Sinne, dass sie verrückt war. Nein, irgendetwas Besonderes war an ihr. Etwas, dass er nicht greifen konnte, aber ständig präsent war. Nach ein paar Minuten blieb er vor einem Schott stehen.
„So, wir sind da. Das ist die Tür zu Ihrem Zimmer. Soll ich Ihnen schnell alles erklären und dann noch das Klassenzimmer zeigen, oder wollen Sie sich erst einmal einrichten und wir treffen uns später?“
„Ich denke, jetzt wäre hervorragend.“

Nachdem sie sich kurz alles hatte zeigen lassen und auch das Klassenzimmer ihre Zustimmung gefunden hatte, war sie eigentlich so weit, sich einfach in ihr Zimmer zurück zu ziehen und den morgigen Tag abzuwarten. Aber etwas ließ sie zögern.
„Hören Sie“, sie blickte auf und sah, dass John etwas auf dem Herzen hatte und nicht genau wusste, wie er es sagen sollte. „Eigentlich bin ich nicht der Mensch, der sich anderen aufdrängt. Aber ich treff mich gleich mit meinem Team zum Mittagessen und wollte fragen, ob Sie vielleicht Lust hätten mich zu begleiten. Dann würden Sie auch direkt schon mal die Kantine kennen lernen und vielleicht sind auch ein paar Familien mit ihren Kids da. Wäre eine gute Gelegenheit sich mit ein paar von ihnen bekannt zu machen.“
Sie lächelte ihn an. „Ich komme gerne mit.“

John und Victoria saßen an einem Tisch in der Ecke und warteten auf sein Team. Sie hatte darum gebeten, in der Ecke zu sitzen, da sie sich nicht sehr wohl fühlte wenn etwas hinter ihr passierte. Er hatte es, auf eine verdrehte militärische Art und Weise, verstanden. Und so saßen sie nun da. Beide entspannt zurück gelehnt, während sie ihren Blick schweifen ließ und dabei ihre Auren-Sicht aktiviert hatte. Irgendwie schockte sie es nicht mehr, wenn sie eine hellblaue Aura sah. Das schien in Atlantis auf ziemlich viele Menschen zu zutreffen. Irgendwann musste sie einmal erfahren, was diese Menschen so besonders machte. Sie war noch dabei, verschiedene Möglichkeiten zu überdenken, als ein Schatten auf ihren Tisch fiel und sie aufblicken ließ. Vor ihnen standen Ronon, Teyla und Rodney. Sie schaute fragend zu John. „Das ist ihr Team?“
„Jap. Die Besten der Besten“, meinte er mit einem selbstgefälligen Grinsen.
Ronon stellte sein Tablett ab, das sich fast vor lauter Essen bog und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen. „Heute nicht der übliche Tisch?“
„Nein, Victoria hat mich darum gebeten in der Ecke sitzen zu können. Sie schien sich nicht ganz wohl zu fühlen mit dem offenen Raum im Rücken.“
„Kann ich verstehen. Ich hab Jahre gebraucht, bis ich nicht mehr alle paar Sekunden über die Schulter geblickt und jederzeit damit gerechnet habe, dass ein Wraith hinter mir steht“, meinte Ronon leicht lächelnd. Fasziniert betrachtete Victoria seine Haare und auch die Tätowierung am Hals und den Handgelenken, all dies waren die eines Quiwo. Sie musste ihn einfach irgendwie testen. Sie brauchte auf diese Frage eine Antwort. Dann würde es ihr zumindest in dieser Beziehung besser gehen. Als sie sah, wie Ronon nach seinem Besteck griff, kam ihr eine Idee. Sie erinnerte sich an ein Quisiwam Ritual, dass ihr ihre Urgroßmutter beigebracht hatte und welches immer vor dem Essen vollzogen wurde. Sie legte ihre Hände flach auf den Tisch, die Handflächen offen nach oben. Dann schaute sie Ronon fest in die Augen. „Für Speis und Trank sei gedankt.“
Ronon schaute kurz erstaunt, dann legte er seine Hände in der gleichen Position auf den Tisch und zwar so, dass sich ihre Fingerspitzen gerade berührten. „Alles wird geteilt, keiner möge hungern.“
Sie drehte ihre Hände um, so dass sich nun ihre Handflächen berührten. „Hunger und Leid möge aus deinem Leben verband werden.“
Er neigte den Kopf und hob seine Hände zusammen mit ihren hoch. Nun bildeten ihre verbundenen Hände eine gerade Linie, die senkrecht zur Tischplatte war. „Das wünsche ich dir ebenfalls.“
Victoria lächelte, neigte den Kopf und murmelte: „Du hast den Segen nötiger, Bruder.“
John, Teyla und Rodney hatten ihre Handlungen mit fragendem Blick verfolgt und als Victoria und Ronon ihre Hände voneinander lösten, war John der Erste, der seine Sprache wieder fand. „Und was war das gerade?“
„Ein kleiner Test meinerseits“, gab Victoria offen zu.
„Ein Test?“ John schaute erstaunt zwischen den beiden hin und her, die sich mit einem freundlichen Lächeln anschauten.
„Ja, ein Test. Um meinen Verdacht Ronon gegenüber zu bestätigen.“
„Und hat er bestanden?“
Ronon grinste. „Ich lebe noch. Also werde ich wohl bestanden haben.“
„Leben? Wieso Leben. Warum muss sich bei euch immer alles um den Tod drehen?“
„Entschuldigungen Sie, Dr. McKay. Aber wenn Ronon nicht genau die vorgeschriebenen Bewegungen und den richtigen Wortlaut verwendet hätte, dann hätte ich davon ausgehen müssen, dass er ein Hochstapler ist. Und dann wäre es meine Pflicht gewesen, mich um ihn zu kümmern.“
„Und warum das?“
Victoria blickte Teyla, von der die Frage gekommen war, freundlich lächelnd an. „Teyla, du bist eine Anführerin. Die Anführerin deines Volkes.“
Teyla warf John einen fragenden Blick zu, doch der hob nur abwehrend die Hände. „Ich hab ihr nichts erzählt.“
„Hat er wirklich nicht. Nein, ich erkenne es an deiner Haltung und wie die Anderen, die ebenfalls von dem gleichen Planeten stammen wie du, dich behandeln. Sie behandeln dich mit Respekt und Hochachtung. Das ließ mich erkennen, dass du ihre Anführerin warst oder noch bist. Also, ihr kennt doch bestimmt Rituale, die in vorgeschriebener Reihenfolge erbracht werden müssen? Zeremonien um das Essen zu segnen, oder einen geliebten Menschen zu verabschieden.“ Teyla nickte. „Nun, was würde geschehen, wenn du plötzlich einen dir gänzlich Unbekannten in der Kleidung deines Volkes sehen würdest?“
„Ich würde ihn auf die Probe stellen. Herausfinden, ob er wirklich zum Volke Athos gehört.“
Victoria nickte. „Und was würde geschehen, wenn sich herausstellen würde, dass er die Rituale nicht beherrscht?“
Teyla nickte verstehend. „Ich verstehe. Wir würden ihn zur Verantwortung ziehen.“
„Deswegen habe ich den kleinen Test mit Ronon gemacht. Ich hatte den Verdacht, dass er vielleicht meinem Volk angehört. Und eben dies hat er mir eben bestätigt.“
„Wie Ihrem Volk? Sind Sie nicht Amerikanerin?“ Rodney schaute interessiert auf.
„Schon, aber nicht ganz. Meine Urgroßmutter ist eine Indianerin. Eine der letzten noch lebenden Quisaw und da bei den Quisiwam nur die weibliche Linie zählt, werden ihre Aufgaben irgendwann auf mich übergehen.“
„Wie das?“
„Sie hat nur Söhne und meine Mutter eignet sich nicht besonders für die Aufgabe“, war Victorias einfache Antwort.
„Und Ihr Test hat nun was bewiesen?“
Sie lächelte Rodney freundlich an. „Er hat bewiesen, das Ronon zum Stamm der Quisiwam gehört. Er ist ein Quiwo, ein Krieger meines Volkes.“
„Ich dachte, du stammst von Sateda?“ John schaute Ronon verwundert an.
„Tu ich ja auch. Aber dieses Ritual ist schon immer in meinem Volk vorhanden gewesen. Niemals durften wir die Worte vergessen. Wenn wir nur einen Finger falsch hielten, wurden wir dafür bestraft.“
Victoria nickte. „Nur so lernen Kinder, dass eine falsche Bewegung zur falschen Zeit ihren Tod bedeuten kann.“
„Und schon wieder sind wir bei dem Thema. Kann nicht mal eine Mittagspause vergehen, ohne dass ihr darüber reden müsst?“
John lachte, beugte sich zu Victoria und tat so, als wolle er ihr etwas zu flüstern, was aber natürlich trotzdem alle am Tisch verstanden. „Wissen Sie, unser Rodney hat einen empfindlichen Magen. Er hat‘s nicht so mit Leichen.“
Ronon und Teyla brachen in lautes Gelächter aus, doch bevor Rodney antworten konnte, tauchte Radek völlig aufgelöst an ihrem Tisch auf.
„Rodney, wir haben ein Problem.“
Victoria blickte auf und erkannte die Flagge auf der Jacke des Mannes. Sie lächelte und sagte dann: „Dobrý den. Jak se máte?“ (Guten Tag. Wie geht es Ihnen?)
Radek blickte verwundert auf die Frau, die ihn im perfekten Tschechisch angesprochen hatte.
„Docela dobře.“ (Danke. Gut.)
Die Beiden wechselten noch ein paar weitere Belanglosigkeiten auf Tschechisch, wobei Radek immer mehr zu strahlen schien, so sehr freute er sich, endlich jemanden gefunden zu haben, mit dem er sich in seiner Muttersprache unterhalten konnte. Rodney war mittlerweile aufgestanden und schob sich in Radeks Blickfeld. „Also was ist das Problem?“
„Ich zeig‘s Ihnen am besten.“ Er drehte sich zu Victoria. „Es hat mich gefreut.“
Sie nickte. „Ebenfalls.“
Kaum waren die Beiden weg, wurden ihr erneut fragende Blicke zu geworfen. Sie seufzte.
„Ja, ich kann Tschechisch. Genauso wie Deutsch, Italienisch, Französisch und Mexikanisch. Nicht zu vergessen natürlich die Sprache der Quisiwam. Das bin ich, Victoria der Freak.“
'So ziemlich jedenfalls.'
„Wow. Also, ich bin absolut begeistert. Und all die Sprachen haben Sie als Kleinkind gelernt?“ Teyla schaute Victoria erstaunt an. Sie nickte.
„Durch meine Verwandten. Es waren und sind deren Muttersprachen und ich sollte mit ihnen in ihrer Sprache reden.“
„Interessant.“
Die vier unterhielten sich noch eine Weile über die verschiedensten Dinge, bis Teyla auf einmal etwas einzufallen schien. „Oh nein. Ich habe ganz vergessen Ihnen etwas auszurichten. Elizabeth bittet Sie darum, sich bei Dr. Keller zu melden. Sie ist die Leiterin der medizinischen Abteilung. Das hätte eigentlich schon vor Stunden passieren sollen.“
„Und was steht mir da so bevor?“
„Ach nichts Schlimmes. Eine kleine Impfung gegen Krankheiten der Pegasus-Galaxie und eine kleine Gen-Therapie“, sagte John mit einem beinahe freudigen Grinsen.
„Gen-Therapie? Wirklich?“
John nickte. „Es geht darum, dass einige der Geräte der Stadt das Gen der Antiker erfordern. Wir haben eine Möglichkeit entwickelt, dieses Gen künstlich herzustellen und verabreichen es jedem Neuankömmling. Es funktioniert nicht bei allen. Aber diejenigen, bei denen die ATA-Therapie wirkt, können jegliche Technologie benutzen die von den Antikern entwickelt wurde.“
Victoria schaute in die Runde. „Und Sie alle haben diese Therapie bekommen?“
Sie schüttelten synchron den Kopf.
„Nein, bei uns aus dem Team hat nur McKay die Spritze bekommen. Bei Ronon und Teyla funktioniert es aus einigen Gründen nicht und ich hab das Gen schon von Geburt an“, erklärte John.
„Gibt es noch andere wie Sie? Die das Gen schon immer hatten?“
John nickte. „Ja einige. Zum Beispiel Major Lorne da drüben.“
John zeigte auf einen Mann, der etwa sein Alter zu haben schien. Victoria wechselte die Sicht und auch Major Lornes Aura schimmerte hellblau. Ein sanftes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Nun hatte sie zumindest eine Antwort auf diese Frage erhalten. All die Menschen, die sie mit einer blauen Aura gesehen hatte, hatten das Gen von Geburt.
„Nun, vielleicht sollten wir Sie schnell zu Dr. Keller bringen. Nicht das ich von Elizabeth noch einen auf den Deckel bekomme, weil ich die Vorschriften nicht eingehalten habe.“
Victoria schaute John ängstlich an. „Das würde sie doch nicht wirklich machen, oder? Wenn es hilft, dann sag ich einfach, dass es meine Schuld sei.“
John lachte und erhob sich. „Keine Bange. Ich weiß schon, wie ich mit Elizabeth umgehen muss. Na dann los. Bringen wir Sie zum Doc.“

 

tbc...

Chapter Text

 

 

Ängstlich betrat Victoria die Krankenstation. So wie es aussah, war zurzeit keiner hier. Sie wollte sich schon wieder umdrehen, als sie eine Stimme aus einem der hinteren Räume hörte.
„Moment. Bin gleich da.“ Keine Minute später kam eine Frau in den Hauptbehandlungsraum, die nicht viel älter sein konnte, als Victoria. „Sie müssen Victoria sein. Die Lehrerin. Ich hätte Sie eigentlich schon früher erwartet.“
Victoria lächelte leicht entschuldigend. „Ich hatte John gebeten mir einiges zu zeigen. Dabei ist der Termin in Vergessenheit geraten.“
Dr. Keller winkte ab. „Ach, nicht so schlimm. Sie werden sich in der kurzen Zeit schon nichts eingefangen haben.“
„Na da bin ich aber erleichtert.“
Dr. Keller zeigte auf eine Liege. „Setzen Sie sich, ich hol schon mal Ihren Cocktail.“

Als Dr. Keller zurückkam, blickte Victoria sie ängstlich an. „Sind eigentlich alle Spritzen nötig?“
„Wie meinen Sie das?“
„Nun ja, zum Beispiel diese Gen Therapie. Muss wirklich jeder die Spritze bekommen? Gibt es nicht eine Möglichkeit diese zu umgehen?“
„Warum? Sie schlägt eh nur bei 40% der Behandelten an. Den anderen geschieht gar nichts.“
„Aber es gibt doch gewisse Eigenschaften, die in den Genen verankert sind. Könnten die nicht durch eine Gentherapie zerstört werden? Besteht diese Gefahr nicht?“
Dr. Keller runzelte die Stirn. „Die genaueren Auswirkungen hätte Ihnen Dr. Beckett erklären können. Er hat die Therapie entwickelt. Aber ich kann nur so viel sagen, dass noch keiner nach der Therapie auf einmal eine Glatze hatte oder extrem verdummt wäre.“
„Darum geht es mir auch nicht.“
„Worum dann?“
Victoria atmete tief durch. Eigentlich durfte sie nicht über ihre Gabe reden. Aber so wie es schien, hatte sie keine Wahl. Entweder sie riskierte es, ihre Gabe zu verlieren, indem sie die Gentherapie durchlief oder sie machte sich verdächtig, indem sie sich weigerte. Nach einem weiteren tiefen Atemzug fällte sie die Entscheidung.
„Sagen wir mal so. Ich habe eine Verantwortung meinem Volk gegenüber. Ich bin eine der letzten Trägerinnen der wichtigsten Gaben. Und wenn ich mir jetzt diese Spritze geben lasse, könnte ich Gefahr laufen, eben diese Gabe zu verlieren und mein Volk zu enttäuschen. Verstehen Sie das?“
Dr. Keller nickte langsam. „Natürlich. Das verstehe ich. Dann also nur den Standard-Impf-Cocktail.“
Victoria nickte dankbar. „Danke Doc.“
„Kein Ding.“

„Und Doc? Wie war die heutige Erfolgsquote?“
Jennifer Keller musste grinsen, als Elizabeth von einer Erfolgsquote sprach. Es war aber wirklich ein Erfolg, wenn einer, dem sie die Genspritze gab, anschließend auch die Technologien benutzen konnte. Denn es war wieder einer mehr, der das Antiker-Gen an seine Nachkommen weitergeben konnte.
„Von den 36 Neuankömmlingen haben zehn einen direkten Nutzen aus der Therapie ziehen können. Weitere fünf zeigten leichte Anzeichen.“
„Na das ist doch gut. Fünfzehn von 36. Nicht schlecht.“
„Entschuldigen Sie, Elizabeth. Wir haben zwar 36 Neuankömmlinge, die sich auch alle haben impfen lassen, aber nur 35 haben die Antiker-Gen-Therapie bekommen.“
„Was? Warum das denn?“
Jennifer atmete tief durch. Sie musste Victoria melden. Das war sicher, aber ob sie auch den Grund verraten durfte? „Victoria de Lantis hat die Gen-Therapie abgelehnt.“
„Gerade sie als Lehrkraft sollte in der Lage sein, alle Technologien nutzen zu können.“ Elizabeth runzelte nachdenklich die Stirn.
„Nun ja. Sie schien Angst davor zu haben“, erklärte Jennifer.
„Wie kann man denn vor etwas Angst haben, bei dem nicht sicher ist, ob es überhaupt wirkt?“
„Genau das ist das Problem. Sie scheint eine Gabe zu haben. Ein Erbe ihrer Vorfahren und sie will dieses Erbe nicht verlieren. Was ich persönlich verstehen kann.“
Elizabeth nickte langsam. „Wenn das so ist. Aber was das für eine Gabe ist, hat sie nicht gesagt?“
Jennifer schüttelte den Kopf. „Nur das sie eine der letzten ihres Volkes sei, die diese Gabe noch besitzt und das sich ihr Volk auf sie verlassen würde. Was meint sie eigentlich mit ihr Volk?“
Elizabeth verschränkte die Hände ineinander. „Rodney war eben kurz hier. Offenbar gab es einen kleinen Zwischenfall beim Mittagessen. Victoria hat Ronon einem Test unterzogen. Dabei kam raus, dass Ronon ebenfalls ein Angehöriger ihres Stammes ist“, als Jennifer sie mit fragendem Blick anschaute, lächelte Elizabeth und gab ihr eine Erklärung. „Victoria ist ein Spross der amerikanischen Ureinwohner und Ronon anscheinend auch. Aber das war nicht der Grund, warum Rodney hier war. Offenbar wollte sie herausfinden, wer oder was Ronon ist und hätte er den Test nicht bestanden, hätte sie ihn angegriffen. Es hätte einen von beiden das Leben kosten können, wenn er nur den kleinen Finger falsch bewegt hätte. Das bereitete Rodney Sorgen und mir ehrlich gesagt auch. Wir waren beide der Ansicht, dass Victoria irgendwie eigenartig sei, aber das? Und dann noch dieses Gerede über ihre Gabe. Vielleicht mache ich mir unnütz Gedanken. Aber wir wissen aus erster Hand, dass eine Gabe auch eine Gefahr darstellen kann. Ich befürchte immer wieder aufs Neue, dass Teyla nicht als die zurückkehrt, als die sie losgegangen ist, wenn sie auf die Wraith treffen könnten. Und nun sollen wir noch so eine Person in Atlantis haben? Beängstigend.“
Jennifer nickte. „Und was sollen wir jetzt tun?“
Elizabeth seufzte. „Leider können wir gar nichts tun. Außer abwarten, wie sich Victorias Gabe zeigt. Dann ist hoffentlich immer noch Zeit zu entscheiden.“
Jennifer konnte nicht anders, als erneut zu nicken. Was sollte sie auch sagen?

~.~

Als Victoria an diesem Morgen die Augen aufschlug konnte sie kaum glauben, dass sie bereits drei Monate auf Atlantis war. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Sie war froh, mal wieder, auf ihr Gefühl gehört zu haben. Die Stelle als Lehrerin der Kinder in Atlantis war einfach ein Traum. Die Kids waren nett und auch die Eltern machten keine Probleme. Was ihr ein wenig Kopfzerbrechen bereitete, waren die Blicke, die ihr Elizabeth und auch Rodney oder Dr. Keller ab und an zuwarfen. Als schienen sie auf irgendetwas zu warten. Als schienen sie darauf zu warten, dass sie austickte. Also hatte Dr. Keller ihnen von ihrer Gabe erzählt und nun dachten sie es wäre irgendwas Schlimmes. Aber wusste John auch davon? Victoria hoffte nicht, denn in den vergangenen Monaten war die Anziehung zu ihm immer stärker geworden. Merkte er denn gar nichts? Jedes Mal, wenn sie sich nur leicht berührten, musste Victoria sich zusammen reißen, dass ihr nicht ein verräterischer Laut entschlüpfte. Die Verwebungen ihrer Auren wurde immer intensiver. Er musste doch irgendetwas merken! Gedankenverloren zog sie sich an und machte sich dann auf den Weg in die Kantine. Vielleicht waren Ronon und Teyla ja auch da. Sie unterhielt sich gerne mit dem Quiwo und der Athosianerin. Sie waren beide grundehrliche Menschen und wenn sie etwas sagten, dann war es genau das, was sie auch dachten. Sie verstellten sich nicht und das war eine Eigenschaft, die nicht viele Menschen hatten. Auch wenn Victoria immer noch nicht hinter den Grund für den rötlichen Schimmer von Teylas Aura gekommen war, sagte sie sich, dass das irgendwann bestimmt noch geschehen würde.

Ronon umkreiste John und beobachtete ihn genau. Sie hatten sich zu einer ihrer Trainingseinheiten getroffen und normalerweise waren sie inzwischen auch beinahe ebenbürtige Gegner, doch irgendetwas schien John abzulenken. Er wirkte unkonzentriert und Ronon hatte bereits einige Treffer landen können, denen John normalerweise mit Leichtigkeit ausweichen konnte. Ronon ließ den Trainingsstab sinken und schaute John fragend an.
„Was ist mit dir los Sheppard? Du bist schon seit einigen Tagen total unkonzentriert.“
John wischte sich den Schweiß von der Stirn und ließ anschließend die Schultern kreisen.
„Ich weiß es nicht genau. Irgendetwas beschäftigt mich, aber ich kann nicht genau sagen was es ist.“
„Ist es, weil wir schon seit einiger Zeit nichts mehr von Todd gehört haben?“
John grinste leicht schief, schüttelte aber dann den Kopf. „Ich bin wahrscheinlich der letzte, der etwas gegen das Bündnis mit der Wraith-Allianz sagt. Aber ich bin der Ansicht, wenn wir nichts von ihm und seinen Kumpels hören, ist das nur gut. Nein, es hat nichts mit Todd und seinen Leuten zu tun. Irgendetwas hier in Atlantis stört meine Gedanken.“
Ronon grinste. „Dann kann ich dir vielleicht sagen, was es ist. Beziehungsweise wer. Dich beschäftigt Victoria.“
John schaute seinen Freund entgeistert an. „Was? Nein! Du spinnst doch.“
„Ach komm schon. Wir alle haben es gesehen. Vom ersten Moment an warst du fasziniert von der Frau.“
John ließ sich nachdenklich auf eine der Bänke in der Trainingshalle sinken und Ronon setzte sich neben ihn. „Mag sein das du Recht hast. Aber irgendwie, ich weiß auch nicht. Jedes Mal wenn wir uns berühren“, er bemerkte Ronons Blick und schüttelte den Kopf. „Nicht so wie du denkst. Kleine Dinge, z.B. wenn sich unsere Arme beim Essen berühren oder wenn wir am Trainieren sind. Dann hab ich so ein seltsames Gefühl, ich kann’s nicht genau erklären. Es ist als würden meine Knochen in Feuer getränkt, aber auf die gute Art, verstehst du?“
Ronon nickte. Ja, er verstand seinen Freund ganz genau. Dasselbe hatte er damals mit Melena erlebt und erlebte es nun Amelia erneut. „Ich will dir ja nicht zu nahe treten Sheppard, aber warum hast du bisher nicht irgendwas in diese Richtung unternommen?“
„Vielleicht weil ich ein gebranntes Kind bin?“, auf Ronons fragenden Blick seufzte er. „So sagen wir, wenn jemand eine schlechte Erfahrung gemacht hat und nun alles scheut, was erneut in diese Richtung führen könnte.“
„Also spielst du auf deine Ex-Frau an?“
„Ja, und Chaya. Und jede andere Frau, die ich in den letzten Jahren getroffen und für die ich Gefühle entwickelt habe.“
„Nun, so gesehen kann ich verstehen, warum du vor Gefühlen zurückschreckst. Aber, ganz ehrlich? Das ist kein Leben. Wir machen uns mittlerweile alle Sorgen um dich. Selbst McKay ist der Ansicht, dass dir etwas fehlt. Vielleicht ist Victorias Ankunft hier kein Zufall. Vielleicht haben die Götter sie dir geschickt, damit du endlich auch anfängst zu leben.“
„Wann bist du denn gläubig geworden?“
Ronon lachte. „War ich schon immer. Aber erst die letzten Wochen und die vielen Gespräche mit Victoria und Teyla haben mich wieder daran erinnert. An die Religion meiner Eltern und Vorfahren.“
„Ihr unterhaltet euch?“
„Eifersüchtig?“ John schüttelte vehement den Kopf und Ronon lachte. „Na sicher. Es hat sich einfach so ergeben. Wir haben uns vor ein paar Wochen zufällig hier getroffen und da hat sie uns gefragt, ob wir ihr einiges über diese Galaxie erzählen könnten.“
„Ach so. So war das.“ John senkte den Kopf. „Also, was soll ich deiner Meinung nach tun? Denn irgendetwas muss ich tun. Es macht mich noch wahnsinnig.“
Ronon stand auf, hielt John eine Hand hin und half ihm auf. „Also, als erstes wirst du sie einladen. Lad sie ein einen Tag mit dir auf dem Festland zu verbringen. Zeig ihr dein kleines Sommerhäuschen, wie du es nennst. Nimm sie mit, damit sie auch mal wieder was anderes sieht. Sie ist nun schon so lange hier, war aber noch nie außerhalb von Atlantis.“
„Aber es kann noch ewig dauern, bis wir mal wieder frei haben.“
„Nein“, Ronon schüttelte den Kopf. „Elizabeth hat dir für deinen Geburtstag frei gegeben, erinnerst du dich? Und dein Geburtstag ist in drei Tagen. Also wirst du Victoria für diesen Tag einladen. Verbring einen ruhigen Tag mit ihr. Und vielleicht ergibt sich ja was.“
„Und wenn nicht?“ John wirkte beinahe ängstlich, dass dies der Fall sein könnte.
„Wie heißt es doch bei euch? Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, grinste Ronon seinen Freund an, in dem Wissen, dass dieser sich viel zu oft die Dinge verbat, die er wollte und das Glück und Wohlbefinden der anderen vor das eigene stellte.
„Hast ja Recht.“

Vor sich hin summend verließ Victoria ihr Klassenzimmer. Sie hatte wirklich den besten Job der Welt. Sie arbeitete mit Kindern, die ihr keinerlei Probleme machten und die Leute, mit denen sie sonst zu tun hatte waren wirklich nett. Aber…, sie schüttelte den Kopf. Nein, es gab kein aber. Sie war für ihre Gefühle selbst verantwortlich. Und wenn sie der Meinung war, dass sie sich zu John hingezogen fühlte, dann lag es natürlich zum einen an seinem guten Aussehen, aber auch an dieser komischen Sache mit ihren Auren. Ach, das war etwas, über das sie sich irgendwann Gedanken machen konnte. Nun musste sie erst einmal zu Elizabeth, die ihren Bericht erwartete. Langsam ging sie in Richtung Transporter. Diese Aufzüge waren schon was Lustiges. Sie brachten einen von einem Ende der Stand ans Andere und das in Sekundenschnelle. Sie wollte den Aufzug aktivieren, als sie eine Stimme hinter sich hörte.
„Victoria. Hey warten Sie.“
Sie drehte sich um und sah John auf sich zu joggen. „Hallo John. Wie geht es Ihnen?“
„Sehr gut. Hätten Sie vielleicht eine Sekunde für mich?“
„Natürlich“, sie verließ den Transporter und lächelte ihn an. „Worum geht es?“
„Nun ja. Ich wollte Sie fragen, ob Sie mich vielleicht aufs Festland begleiten wollen?“
„Wann? Jetzt? Dr. Weir wartet auf mich.“
„Nein“, John lächelte. „In drei Tagen hab ich einen freien Tag und ich dachte, es wäre für Sie vielleicht ganz nett, mal was anderes zu sehen, als die immer gleichen Wände von Atlantis.“
Sie lächelte ihn an. „Ich würde mich wirklich darüber freuen. Aber jetzt muss ich mich wirklich sputen. Dr. Weir erwartet mich wirklich.“
„Natürlich“, John deutete auf die Transportertür. „Nach Ihnen. Ich muss zufällig in die gleiche Richtung.“

Elizabeth sah von ihrem Büro aus, wie John und Victoria gemeinsam die Treppe zum Kontrollraum hinaufgingen. Sie zog eine Augenbraue hoch. Sollte John endlich seinen Dickkopf überwunden haben? Sollte er endlich einen Schritt in die richtige Richtung gemacht haben? Gemeinsam betraten die Zwei ihr Büro und sie lächelte. „Was kann ich für Sie tun, John?“
„Ach, ich habe nur eine unbedeutende Bitte. Ich bräuchte einen Jumper.“
„Jetzt?“ Elizabeth schaute ihn wirklich erstaunt an. Auch wenn er oftmals das Bild des sorgenlosen Piloten gab, so stellte John diese Anfragen meist früh genug, damit sie über seine Abwesenheit informiert waren.
„Nein. An meinem freien Tag. Ich würde gerne einen Ausflug zum Festland machen. Mal aus der Stadt rauskommen. Frische Luft schnappen.“
Elizabeth nickte. „Ist genehmigt. Und nun, Victoria, wie liefen die letzten Wochen?“
Victoria reichte Elizabeth ein Datenpad. „Da drauf habe ich ein paar Berichte über die Fortschritte der einzelnen Schüler gespeichert. Ich plane demnächst eine Art Halbjahreszeugnis auszustellen. Das sollte den Älteren, wenn sie es wollen, die Möglichkeit geben Atlantis zu verlassen und sich auf der Erde zu bewerben. Dr. Jackson meinte, das Stargate Center wüsste eine Möglichkeit, dass die Noten allgemein anerkannt werden.“
„Gut. Und sonst noch was?“
Victoria zögerte. „Ich möchte Sie bitten, mir in drei Tagen frei zu geben.“
Elizabeths Blick wanderte von ihr zu John und wieder zurück.
„Ich fragte Victoria, ob sie mich begleiten möchte. Immerhin ist sie noch nie aus der Stadt rausgekommen.“
Elizabeth nickte lächelnd. Natürlich war das nicht der einzige Grund. Aber sie würde John nicht auf das Offensichtliche hinweisen.
„Natürlich. Kein Problem Victoria. Wenn Sie wollen, rede ich auch mit den Eltern.“
„Das wäre wirklich klasse.“ Victoria lächelte und erhob sich. „Ich muss dann auch schon wieder los. Meine…“, sie wurde vom Ertönen einer Alarmsirene unterbrochen. „Was ist das?“
John und Elizabeth sprangen auf, gingen Richtung Kontrollraum und Victoria folgte ihnen langsam.
„Chuck? Was ist los?“
Der junge Techniker schaute auf. „Wir haben eine unplanmäßige Aktivierung von außen.“
„Haben wir noch Teams draußen?“ John schaute Chuck fragend an und dieser schüttelte den Kopf.
„Major Lorne ist vor einer halben Stunde zurückgekehrt.“
Elizabeth aktivierte ihren Ohrhörer, mit dem jeder in Atlantis ausgestattet war. „Sicherheitsteam sofort in den Gateraum.“
John öffnete sofort den Verschluss seines Waffenholsters und bedeutete Victoria auf der Brücke, die Elizabeths Büro mit dem Kontrollraum verband zurückzubleiben. Von dort schaute mit großen Augen zum Stargate hinunter. Nachdem Chuck gesagt hatte, es würde sich um jemanden namens Todd handeln, öffnete er den Gate-Schild und die greifbare Anspannung verließ zumindest zum Teil den Raum während John und Elizabeth zur großen Treppe gingen um den Ankommenden zu begrüßen. Als Victoria die Gestalt sah, die durch das Tor trat, wich sie einen Schritt zurück, obwohl sie sich doch mit Sicherheit außerhalb jeder Gefahrenzone befand. Aber dieser Mann, nur mit Mühe verwendete sie diesen Ausdruck, machte ihr Angst. Er hatte leicht verzerrte Gesichtszüge und auch seine Stimme klang verzerrt. Instinktiv wechselte sie ihre Sicht und wich noch weiter zurück. Die Aura dieses Mannes war flammend rot. Ebenso rot wie der Kern von Teylas Aura. Also musste sie in irgendeiner Weise eine Verbindung zu diesem Mann haben. Ein Gedanke, der ihr absolut nicht geheuer war.

„Todd mein alter Freund. Wie geht’s dir?“
Todd verneigte sich leicht. „Sheppard. Dr. Weir. Ich fürchte, ich bin mit schlechten Nachrichten gekommen.“
„Ist ja ganz was neues“, gab John sarkastisch von sich.
„Nun ja“, Todd nickte langsam. „So wie es aussieht, hat Michael seine letzte Niederlage überwunden. Er sammelt neue Mitstreiter um sich. Baut seine Flotte wieder auf.“
„Oh mein Gott.“ Elizabeth zeigte Richtung Konferenzraum. „Komm doch bitte mit und informier uns genau.“

John warf einen Blick zurück und entdeckte Victoria, die geschockt zu ihm hinunter blickte. Ihre grünen Augen leuchteten, so wie am Tag ihrer Ankunft, als sie ihn gemustert hatte. Er lächelte sie entschuldigend an und folgte dann Elizabeth und Todd.

 

tbc...

Chapter Text

 

Wie in Trance lief Victoria durch die Gänge der Stadt. Diese Person, dieser Todd, jagte ihr eine ungemeine Angst ein. Und dann auch noch diese unheimliche rote Farbe seiner Aura. Dies alles machte ihr eine unglaubliche Angst. Sie fühlte sich wie kurz nach ihrer Ankunft in Atlantis. Als jedes Geräusch Panik in ihr auslöste. Dabei hatte sie geglaubt, dass sie das überwunden hatte. Aber nun, durch eine einzige Begegnung hatte sich all ihr angesammelter Mut in Luft aufgelöst.
„Hey Victoria.“
Sie fuhr erschrocken zusammen und drehte sich um. Hinter hier waren Ronon und Teyla aufgetaucht. Als sie Teyla sah, musste sie wieder an Todds Aura und deren Ähnlichkeit mit Teylas denken. Wenn sie jetzt nicht sofort von hier verschwand, dann würde sie anfangen zu schreien.
„Hey Leute. Tut mir leid. Ich hab keine Zeit, wirklich.“ Sie fuhr herum, rannte zu ihrem Zimmer und schloss sich darin ein.
Teyla und Ronon schauten ihr erstaunt nach.
„Was hat sie nur?“
„Ich weiß es nicht. Ich kann nur hoffen, dass Sheppard keinen Mist gebaut hat“, gab Ronon nachdenklich von sich.
„Inwiefern denn?“
„Ich schlug ihm vor, dass er Victoria einladen soll seinen Geburtstag mit ihm auf dem Festland zu verbringen. Vielleicht hab ich sie ja auch falsch eingeschätzt“, erklärte er.
„Das glaube ich nicht.“ Teyla schüttelte den Kopf. „Auch ich war der Ansicht, dass sie etwas für ihn empfindet. Und ich glaube auch nicht, dass es etwas mit der Einladung zu tun hat. Irgendetwas hat ihr Angst gemacht.“
„Und was?“
„Ich weiß es nicht.“

 

„Also, was hat Michael vor?“
Todd schaute sich um. „Wo ist der Rest deines Teams Sheppard? Sie sollten auch dabei sein.“
Elizabeth nickte und aktivierte ihr Headset. „Chuck, rufen Sie Teyla, Ronon und Rodney in den Konferenzraum.“
Wenige Minuten später gingen die Türen auf und die drei kamen herein.
„Na super. Unser Freund ist wieder da. Was ist diesmal los?“, meinte Rodney trocken, auch wenn ein wenig Panik in seiner Stimme mitschwang.
„Vielleicht solltet ihr euch setzen“, erklärte John.
Die drei setzten sich und blickten gespannt zu Todd.
„Wie ich bereits Dr. Weir und Sheppard sagte, befinden wir uns alle in großer Gefahr.“
„Was ja ganz was neues ist.“
„Rodney“, kam es warnend von Elizabeth.
„Was denn? Todd wäre wohl kaum hier, wenn es nicht was Schlimmes wäre.“
„Dr. McKay hat recht. Ich finde, wir sollten einander nur sehen, wenn Probleme auftauchen, die eine Seite alleine nicht beheben kann.“
„Gute Idee. Also, worum geht es?“
„Michael.“ John beobachtete die Reaktion seines Teams. Und sie war bei allen gleich. Schock, Wut und in unterschiedlichem Maße auch Angst. Sie alle hatten schon mehrfach unter Michael leiden müssen. Und eigentlich hatten sie geglaubt ihn nach dem letzten Gefecht ein für alle Mal losgeworden zu sein.
„Es sieht so aus, als wäre Michael dabei, verschiedene Klonlabore wieder aufzubauen“, fuhr Todd mit seiner Erklärung fort, die veränderte Atmosphäre des Raumes durchaus wahrnehmend.
„Klonlabore?“, erkundigte sich Elizabeth, den Klang dieses einen Wortes überhaupt nicht mögend.
„Ja. Wir hatten früher einige Labore, in denen wir Soldaten klonen konnten.“
„Natürlich“, mischte sich Rodney ein. „So konnten die Wraith immer neue Soldaten erschaffen und das in kürzester Zeit.“
„Stimmt“, nickte Todd. „Sofern die Anlage richtig funktioniert. Und das tun sie momentan alle noch nicht.“
„Warum?“
„Nun. Auch wenn es nicht den Anschein hatte, so gab es doch schon immer verschiedene Fraktionen innerhalb der Wraith. Königinnen kämpften gegeneinander um ihre Territorien zu vergrößern. Und nachdem die Labore gebaut wurden, sahen viele in der Zerstörung der Labore der anderen Fraktionen eine Möglichkeit die Machtverhältnisse zu verändern. Daher sind die meisten, wenn nicht sogar alle, mehr oder weniger zerstört.“
„Okay. Gehen wir davon aus, dass Micheal Erfolg hat und die Labore wieder in Betrieb nehmen kann. Von wie vielen Soldaten reden wir?“, fragte John.
Todd zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht genau. Ich war nie in einer der Einrichtungen. Aber anhand dessen, was wir in den Schiffswerften gesehen haben, dann bauen Michaels Leute an mindestens 20 Basisschiffen.“
„20?“ Schock waberte wie Nebel durch den Raum und würde von den empfindlichen Sinnen des Wraiths wahrgenommen, woraufhin er bitter grinste.
„Zusätzlich zu den 10 die er schon hat.“
„Moment“, John hob eine Hand, „willst du damit sagen, dass Michael demnächst über 30 Basisschiffe verfügt?“
„Genau das und nichts anderes.“ Todd neigte zustimmend den Kopf.
Elizabeth faltete die Hände und holte tief Luft. Sie versuchte trotz Todds Ankündigung die Ruhe zu bewahren. „Was schlägst du uns vor?“
Todd beugte sich vor und fixierte die Anwesenden mit seinen Blicken. „Nun, ich finde, dass die Werften im Moment die angreifbarsten Ziele sind. Sie könnten mit Hilfe ein paar eurer Schiffe und unserer Jäger leicht vernichtet werden. Und ansonsten wäre etwas, das Sheppard als Guerillataktik bezeichnete angeraten.“
„Das nenn ich einen guten Plan.“ John lachte. „Also, wir tauchen auf, zerstören die Schiffe und verschwinden so schnell wir können.“
„Moment, Moment, Moment. Das hat beim letzten Mal schon kaum funktioniert.“ Rodney fuchtelte wie wild mit den Armen. „Damit würde jeder Einsatz wieder ein Selbstmordkommando. Das kann nicht euer Ernst sein.“
„Rodney“, Elizabeth sah ihn ernst an, „ich teile Ihre Ansicht über die Gefahren der zukünftigen Missionen. Aber momentan ist Michael noch angreifbar. Wenn er erst einmal seine Schiffe fertig hat und die Labore auf voller Kraft arbeiten, dann haben wir keine Chance mehr. Wir müssen jetzt handeln.“
Todd nickte. „In diesem Fall ist schnelles Handeln angebracht. Ich denke, ich werde eine Woche brauchen um meine Leute zu instruieren.“
„Gut. Dann sollten wir, wenn du soweit bist, unseren Angriff koordinieren“, stimmte John dem Wraith zu.
Todd nickte und erhob sich. „Also dann, in einer Woche.“

Als Todd gegangen war, saßen sie noch im Konferenzraum zusammen.
„Also, Michael ist wieder da. Den hat gewiss niemand vermisst“, meldete sich Ronon zu Wort.
„Nein. Kann wirklich niemand behaupten“, John dachte kurz nach. „Und in Anbetracht der Umstände sollte ich vielleicht meinen freien Tag eher damit verbringen zu arbeiten.“
„Oh nein John, das werden Sie nicht.“ Elizabeth erhob sich. „Sie werden Ihren Geburtstag so verbringen, wie Sie es geplant haben. Und damit ist die Diskussion zu diesem Thema beendet.“
Damit ging sie und auch Rodney hinaus. Ronon und Teyla blickten gespannt zu John.
„Und? Hast du Victoria eingeladen?“, erkundigte sich Ronon ehrlich interessiert.
„Wie bitte?“, John schrak aus seinen Gedanken.
„Victoria?“
„Oh ja. Ich hab sie eingeladen und sie hat zugesagt. Aber in Anbetracht der Umstände…“
„Wie Elizabeth schon sagte. Verbring deinen Geburtstag so wie geplant“, redete Ronon seinem Freund ins Gewissen.
„Wenn sie ja gesagt hat, dann frage ich mich…“, begann Teyla.
„Was denn?“
„Nun. Ich frage mich, was dann vorhin mit Victoria los war, als Ronon und ich sie trafen.“
„Nun ja, wir waren beide bei Elizabeth, als Todd eintraf. Vielleicht hat er sie einfach erschreckt?“, bat John als Erklärung an.
„Das war nicht nur Angst. Da war noch etwas anderes in ihren Augen. Etwas, das ich nicht genau beschreiben kann“, meinte Teyla nachdenklich.
Ronon lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme hinterm Kopf und lächelte John an.
„Nun, an deiner Stelle würde ich zu ihr gehen und mit ihr reden. Immerhin hat sie heute zum ersten Mal einen Wraith gesehen. Und dabei ist Todd noch nicht mal ein ganzer Wraith. Durch seine Wandlung sind wieder menschliche Züge zu Tage getreten. Aber trotzdem kann der Anblick eines Wraith ziemlich erschreckend sein.“
John nickte langsam. „Hast ja recht. Vielleicht sollte ich gehen.“
„Auf jeden Fall“, stimmten seine Freunde ihm zu.

 

~.~

 

Victoria saß auf ihrem Bett, die Arme um die an die Brust gezogenen Knie geschlungen und starrte in die Luft. Diese Aura, sie ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Immer wenn sie die Augen schloss, dann sah sie dieses leuchtende Rot. Die Farbe Rot hatte sie bisher immer gemocht, aber nun? Nun würde sie immer dieses beklemmende Gefühl bekommen, wenn sie die Farbe sah. Sie wollte sich gerade auf ihrem Bett nach hinten fallen lassen, als das Signal ihrer Tür ertönte. Seufzend erhob sie sich und öffnete die Tür. Sie seufzte erneut, als sie sah, wer vor ihr stand. „John, kann ich etwas für Sie tun?“
„Das gleiche wollte ich Sie fragen“, gab er ehrlich zu. „Ronon und Teyla meinten, dass Sie irgendwie komisch gewesen wären, als sie Sie trafen.“
„Ich war nur in Gedanken“, versuchte sie ausweichend zu erklären.
„Natürlich“, meinte John sarkastisch. Doch dann lächelte er leicht. „Tut mir leid. Aber ich hab einfach das Gefühl, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Sie können mir vertrauen.“
Victoria nickte. „Das weiß ich. Aber ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich darf es nicht.“
„Hat es vielleicht etwas mit Ihrer Gabe zu tun?“
„Sie wissen davon?“, fragte sie entsetzt.
„Elizabeth und Dr. Keller haben mir davon erzählt.“
„Und Sie gebeten, ein Auge auf mich zu haben, stimmt’s?“ Dass ihre Stimme leicht aggressiv klang, konnte sie in diesem Moment nicht verhindern. Aber sie konnte nicht noch mehr Probleme gebrauchen.
„Nun ja. Mag sein. Aber, ich mache mir auch so Gedanken um Sie.“
„Und warum?“
„Nun“, John zögerte und schaute sie dann, über sich selbst verärgert, böse an. „Ich mach mir nun mal Gedanken um Sie. Können wir es für den Moment dabei belassen?“
„Meinetwegen“, stimmte sie zu, über jede Entschuldigung sich nicht weiter mit Gefühlen oder deren Unangebrachtheit beschäftigen müssen erleichtert.
„Also, hat es nun etwas mit Ihrer Gabe zu tun?“ Nur leider ließ ihr Gegenüber es nicht zu, dass das eigentliche Thema ebenso vom Tisch war.
Victoria senkte den Kopf und holte tief Luft. „Ja, okay?“ Sie schaute John aus ihren grünen Augen fest aber auch bittend an. „Aber ich kann nicht mehr darüber sagen.“
„Das verstehe ich. Wirklich. Aber wenn Sie der Meinung sind, Sie bräuchten jemanden zum Reden, dann bin ich für Sie da.“
„Das weiß ich wirklich zu schätzen. Aber machen Sie sich meinetwegen keine Umstände.“
John ergriff ihre Hand und Victoria hatte Mühe nicht die Augen zu schließen. Dieses Gefühl. Schon wieder. Sie war verärgert über sich selbst, dass sie es nicht schaffte ihre Schutzwälle aktiv zu halten, aber irgendwie wurde sie auch besänftigt. Die Angst in ihrem Inneren nahm ab und machte angenehmer Wärme Platz.
„Hör mir zu Victoria. Sich um jemanden Sorgen zu machen, macht niemals Umstände. Ich lass dich jetzt allein. Ruh dich aus. Manchmal sieht die Welt dann gleich besser aus.“
„Werde ich machen“, sie drückte kurz Johns Hand. „Danke John.“
Er schüttelte den Kopf. Er war erleichtert über den Umstand, dass sie seine Verwendung der persönlichen Anrede unkommentiert ließ.
„Kein Problem. Also, wir sehen uns“, damit drehte er sich um und ließ Victoria in Gedanken zurück.

 

Am nächsten Morgen betrat Ronon die Kantine und entdeckte Victoria, die alleine an einem Tisch saß. Er lächelte und ging zu ihr.
„Darf ich mich zu dir setzen?“
Sie schaute auf. „Natürlich Ronon“, sie zögerte kurz und holte tief Luft. „Ich wollte mich auch noch bei dir entschuldigen.“
„Wofür?“
„Dafür, dass ich gestern so überstürzt abgehauen bin. Ich war einfach entsetzt über diesen Todd.“
„Dein erster Wraith.“ Er nickte. „Sie können wirklich ein wenig beängstigend sein. Allerdings muss ich sagen, dass Todd kein ganzer Wraith mehr ist.“
„Wie das denn?“ Victoria war erstaunt. Wenn Todd kein ganzer Wraith mehr war, wie sah dann so einer aus? Und wie war so etwas möglich?
„Nun, Dr. Beckett hatte die Idee, die Bedrohung der Wraith durch eine Therapie auszulöschen. Nach einigen Versuchen und ebenso vielen Fehlschlägen hatten wir endlich Erfolg. Eine kleine Gruppe der Wraith unterzog sich der Therapie und ist nun unser Alliierter.“
„Und wie sieht diese Therapie aus?“ Schon wieder eine Therapie, dachte die junge Frau. Irgendwie spielten hier alle ständig Doktor Moreau und sie konnte nur hoffen, dass dies alles nicht irgendwann extrem nach hinten losging.
„Ähm, also.“ Ronon kratzte sich den Nacken. Diese Frau wollte wirklich alles wissen und er war mal wieder derjenige, der sich über eine Antwort Gedanken machen durfte. „Die Wraith müssen sich nähren. Das heißt, sie saugen den Menschen die Lebensenergie aus. Durch die Behandlung müssen sie sich nicht mehr nähren. Sie können normale Dinge zu sich nehmen.“
„Verstehe. Und die wahren Wraith, die sehen anders aus?“
„Allerdings. Durch die Therapie treten wieder menschliche Züge zu Tage.“
„Okay, dann will ich niemals einen richtigen Wraith treffe“, stellte sie entschieden für sich fest. Denn wenn die richtigen Wraiths noch unheimlicher aussahen als Todd, dann würde sie nach einer solchen Begegnung wahrscheinlich nie wieder ohne Albträume schlafen können.
„Und wenn es nach mir geht, wird es auch nie dazu kommen.“ Victoria und Ronon blickten auf und sahen John mit breitem Grinsen am Tisch stehen. „Darf man sich dazu setzen?“
„Natürlich.“ Victoria zeigte auf einen der Stühle. „Ronon klärte mich gerade über die Therapie der Wraith auf. Und das Todd einer eurer Alliierten ist.“
„Allerdings. Uns verbindet eine recht ungewöhnliche Geschichte. Er hat mir einst das Leben gerettet“, erklärte John leicht lächelnd.
„Nachdem er dich fast getötet hat, Sheppard“, warf Ronon ein.
„Was?“, fragte Victoria entsetzt.
„Nun ja, wir waren gefangen und es war die einzige Möglichkeit zu entkommen. Er nährte sich an mir und gab mir nach erfolgreicher Flucht das Leben zurück.“ John hoffte, dass mit dieser einfachen Erklärung die Geschichte der Gefangenschaft im Genii Kerker abgehandelt war und er nie wieder darüber reden musste. Denn dies war eine Episode seines Lebens in Atlantis, an das er nur sehr ungern erinnert wurde.
„Wow, das ist total abgefahren“, meinte die junge Frau, sich nicht vorstellen könnend, wie das gewesen sein muss.
„So kann man es natürlich auch sehen. Aber es zu erleben war etwas, das ich niemandem wünsche und auch niemals wieder erleben möchte.“
Victoria nickte verstehend. Auch sie hatte einiges erlebt, dass sie niemandem wünschte.
„Guten Morgen.“ Victoria blickte bei Teylas Begrüßung auf und sofort hatte sie wieder die Aura des Wraith vor Augen. Sie sprang auf und lächelte sowohl Ronon, als auch John entschuldigend an.
„Tut mir wirklich leid. Aber ich muss mich sputen. Die erste Unterrichtsstunde beginnt in wenigen Minuten.“ Damit verließ sie die Kantine und Ronon blickte ihr stirnrunzelnd hinterher.
„Was war das denn bitte?“
Auch John hatte Victorias Abgang beobachtet. Sie war vollkommen normal gewesen, bis Teyla aufgetaucht war. Ihr Erscheinen hatte Victoria erschreckt. Sie hatte mit einem Mal wieder so gewirkt wie am Tag zuvor, als er bei ihr im Zimmer gewesen war. Ängstlich, nein eigentlich schon fast panisch. Irgendetwas war eindeutig nicht normal. Und wenn es tatsächlich etwas mit ihrer Gabe zu tun hatte, dann interessierte es ihn wirklich, wie sich ihre Gabe äußerte.
„Leute, ich muss ganz schnell was klären.“ Er stand auf und begab sich direkt zu Elizabeths Büro.

„Elizabeth, wir haben ein Problem.“
„Inwiefern denn?“ Sie schaute auf, nicht wissend was als nächstes geschehen würde. Denn wenn John mit einem Problem auf sie zukam, dann bedeutete das meist, dass die Stadt kurz davor war in ihre Einzelteile zerlegt zu werden. Er versuchte die kleinen Dinge meist vorher zu klären. Wofür sie ihm wirklich dankbar war.
„Nun, seit gestern verhält sich Victoria ein wenig seltsam“, erklärte er.
„Inwiefern seltsam?“ Also doch kein ‚gleich explodiert die Stadt und wir werden alle sterben‘-Szenario.
John setzte sich und holte tief Luft. „Naja, sie hat Todd gesehen, was an sich schon beängstigend sein kann. Aber seit dem verhält sie sich auch Teyla gegenüber merkwürdig. Sie weicht jeder Begegnung mit ihr aus und wenn sie sie sieht, dann bekommt sie so einen Ausdruck totaler Panik. Ich hab Victoria gefragt und sie hat zugegeben, dass es etwas mit ihrer Gabe zu tun hat. Aber was genau es ist, wollte sie mir immer noch nicht sagen. Was ich mittlerweile wirklich verstehen kann. Denn wenn ihre Gabe immer die Auswirkung hat, dass sie Menschen meidet, dann würde ich es an ihrer Stelle auch nicht unbedingt an die große Glocke hängen wollen.“
Elizabeth nickte. „Verstehe, auch wenn es mir ein wenig widerspricht, muss ich Sie um etwas bitten. Ich will, dass Sie Victoria bei dem kleinen Ausflug ein wenig auf den Zahn fühlen. Versuchen Sie herauszufinden, wie sich diese Gabe äußert. Wir müssen wirklich wissen, ob sie eine Gefahr für uns darstellt.“
„Ich weiß“, seufzte John. „Auch wenn ich nicht glaube, dass sie eine Bedrohung ist.“
Elizabeth schüttelte den Kopf. „Tut mir wirklich leid, John, aber in dieser Beziehung sollten Sie auf mich hören. Sie haben Gefühle für Victoria, etwas das ich toll finde, aber leider wird dadurch auch Ihr Urteilsvermögen getrübt. Und wir müssen uns wirklich sicher sein.“
John erhob sich. „Ich weiß, ich weiß. Also, ich bin dann weg. Und ich verspreche, dass ich versuchen werde etwas herauszufinden.“

 

„Ronon? Kann ich dich kurz stören?“
Ronon erhob sich vom Boden der Trainingshalle und lächelte Victoria an. „Natürlich. Um was geht es?“
„Nun, ich habe mich gefragt, warum John als einziger aus eurem Team übermorgen frei hat.“
Ronon lachte. „Elizabeth war der Meinung, dass John es verdient hat, an seinem Geburtstag frei zu bekommen.“
„Er hat übermorgen Geburtstag?“
„Jawohl. Und seinen Geburtstag verbringt er damit, sich einen schönen Tag auf dem Festland zu machen“, grinste der Satedaer.
„Oh Gott. Und ich hab kein Geschenk für ihn.“ Victoria ließ sich erschüttert zu Boden sinken. „Das ist mir jetzt echt peinlich.“
„Also weißt du.“ Ronon setzte sich neben sie. „Allein das du ihn begleitest ist schon ein Geschenk für ihn. Er hatte es in den letzten Jahren nicht besonders leicht. Und deine Gesellschaft hilft ihm, ein wenig davon zu vergessen.“
„Mag sein. Trotzdem würde ich ihm gerne etwas schenken.“ Sie dachte kurz nach. „Ich hab da eine Idee. Aber dafür brauch ich deine Hilfe.“
„Mach, was immer du willst mit mir“, grinste er. Er ahnte, dass der Wunsch der jungen Frau seinem Freund unbedingt etwas schenken zu wollen einen tieferen Grund hatte, als sie sich vielleicht eingestehen wollte.
„Das klang jetzt aber echt seltsam“, meinte Victoria lachend.
„Ronon, bereit für deine nächste Stunde?“
Victoria drehte sich um und sah Teyla in der Tür stehen. Sie senkte den Blick, nicht in der Lage, Teyla länger anzuschauen.
„Ronon, ich komm nachher auf dich zurück.“ Sie stand auf und ging mit gesenktem Kopf an Teyla vorbei, grüßte sie aber trotzdem „Teyla“.
Die Athosianerin blickte ihr hinter her und schüttelte den Kopf. „Langsam mache ich mir wirklich Gedanken um sie.“
„Also ich nicht“, gab Ronon zu. „Bevor du kamst, war sie ganz normal. Sie schien sich zwar Sorgen darüber zu machen, dass sie für Sheppard kein Geschenk hätte, aber sie wirkte ausgeglichen.“
„Also hat es irgendwas mit mir zu tun.“ Ronon legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Es wird sich schon alles klären. Und nun, Meditation Lektion Nummer 3.“
Teyla lächelte. „Wenn du wieder einschläfst...“
„Dann darfst du mich hauen, so wie immer.“
Lachend ließen sich Teyla und Ronon im Meditationssitz nieder.

 

Nach ihrer letzten Unterrichtsstunde machte sich Victoria mit einer Liste auf den Weg zu Ronons Zimmer. Nachdem er ihr geöffnet hatte, lächelte sie ihn fragen an.
„Hey Ronon. Kannst du mir die Dinge, die hier drauf stehen, heute noch besorgen?“
Er warf einen Blick darauf und nickte. „Klar, ist kein Problem. Auch wenn es ziemlich spät werden könnte.“
„Kein Ding. Ich werde eh die ganze Nacht wach bleiben, damit ich das bis übermorgen noch fertig bekomme.“ Sie senkte den Kopf und fuhr sich verlegen durch die Haare. „Kann ich dich um noch etwas bitten? Kannst du Teyla in meinem Namen um Entschuldigung für mein Verhalten bitten? Ich würde es ja selber machen, aber ich kann es einfach noch nicht. Irgendwann wird sie es verstehen. Aber im Moment kann ich es nicht erklären. Sag ihr einfach, dass es nichts mit ihrem Verhalten zu tun hat.“
„Werde ich machen“, eigentlich war Ronon nicht jemand, der solche Nachrichten weitergab. Es war der Meinung, dass jeder seine Probleme selbst beheben sollte. Aber die junge Frau vor ihm war ihm in den letzten Monaten wirklich ans Herz gewachsen und er konnte sehen, dass sie mit ihrem Versprechen, alles irgendwann zu erklären, wirklich ernst meinte. „Sie hat sich schon gefragt, was sie getan haben könnte, um dich gegen sich aufzubringen.“
„Nichts. Wirklich! Also, ich bin den ganzen Tag in meinem Zimmer.“ Sie nickte Ronon zu und ging dann davon.

 

Als Ronon Victorias Zimmer betrat, staunte er nicht schlecht. Überall standen Kerzen herum und an den Wänden und auf dem Boden waren kunstvoll gewebte Teppiche verteilt. Er fühlte sich, als wäre er in eine andere Welt versetzt worden.
„Krass.“
„Was?“ Victoria drehte sich an ihrem Schreibtisch um und nahm die Kopfhörer ab. „Oh entschuldige Ronon, aber ich höre beim Arbeiten gerne Musik.“
„Kein Problem. Hast du die gemacht?“ Er deutete auf die Teppiche.
„Ja, unter anderem. Sehr zum Leidwesen der Familie meines Vaters, hab ich mich schon immer mehr zum Erbe meiner mütterlichen Seite hingezogen gefühlt. Vielleicht, weil meine Urgroßmutter meine Begabung recht früh erkannte und sie auch fördern wollte. Sie hat mich im Alter von sechs zu ihrer Nachfolgerin bestimmt.“
„Eine große Verantwortung für so einen jungen Menschen“, gab er zu bedenken.
„Ach was. Auch nicht mehr, als sein Leben lang gegen die Wraith kämpfen zu müssen“, lächelte sie.
„Kann sein.“
„Also, hast du alles bekommen?“
Ronon nickte. „War nicht ganz einfach, aber ich hab‘s geschafft.“ Er besah sich die Gegenstände, die auf dem Tisch lagen und runzelte die Stirn. „Und was wird das, wenn du fertig bist?“
„Verrat ich nicht.“ Victoria lachte. „Keine Panik, du wirst es sehen. Jeder wird es sehen. Das verspreche ich.“
„Okay, dann werd ich dich mal wieder alleine lassen. Aber schlaf auch ein wenig. Ich hab mal gehört, dass es einer Frau nicht besonders gut steht, wenn sie Tagelang wach war.“
Victoria lachte, stand auf und umarmte Ronon. „Ich danke dir wirklich.“
„Wofür sind denn Freunde da?“
„Sind wir das denn?“, fragte sie unsicher. Denn aufgrund ihrer Begabung und auch der ersten Begegnung mit dem Satedaer und dem Test den sie ihn unterzogen hatte, war sie sich nicht ganz sicher gewesen, wie sie nun zueinander standen.
Ronon nickte langsam. „Für mich schon.“

 

Nervös lief John in seinem Zimmer auf und ab. „Was mach ich eigentlich?“
„Also meiner Meinung nach, machst du dich grade zum Affen.“
John drehte sich um und funkelte Ronon an, der es sich auf Johns Sofa bequem gemacht hatte. „Danke, vielen Dank. Wirklich. Aber, wenn ich Elizabeth Auftrag erfüllen will, muss ich Victoria hintergehen. Eine Person, die mir wirklich viel bedeutet.“
„Dann lass es.“ Ronon konnte nicht wirklich ein Problem darin sehen. Victoria war ein grundehrlicher Mensch und wenn sie etwas nicht sagen konnte oder wollte, dann gab es dafür einen guten Grund.
„Das kann nicht dein Ernst sein?! Du gibst mir doch recht, dass Victorias Verhalten Teyla gegenüber wirklich seltsam ist. Und dann immer dieses Gerede über ihre Gabe. Du willst doch auch wissen, was es damit auf sich hat.“
„Natürlich.“ Ronon lächelte. Beinahe jeder, der von dieser ominösen Gabe wusste wollte wissen um was es sich genau handelte. „Aber ich vertraue Victoria. Sie wird zu gegebener Zeit ihr Geheimnis offenbaren. Und ich weiß auch, dass sie heute Nacht nicht viel schlafen wird, so wie auch schon die letzte Nacht.“
„Was? Warum das denn? Und woher weißt du das schon wieder?“ John konnte diesen kleinen, feinen Hauch von Eifersucht nicht aus seiner Stimme fernhalten.
„Nun ja, ich war gestern bei ihr.“ Ronon lachte über Johns Gesichtsausdruck. „Keine Panik, Mann. Sie bat mich, einige Sachen für sie zu besorgen und nun sitzt sie an einem Geburtstagsgeschenk für dich. Und wie ich sie einschätze, wird es etwas wirklich Außergewöhnliches werden.“
„Ach wirklich?“ Nun war John noch neugieriger und sein angeborener Entdeckersinn war geweckt. Beinahe war er versucht aus einem fadenscheinigen Grund bei der jungen Frau vorbeizuschauen und so vielleicht einen Hinweis darauf zu bekommen, was sie ihm schenken wollte.
„Klar. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf, dann versuch ein wenig zu schlafen. Frauen stehen nicht so sehr auf Augenringe bei einem Date.“
„Das ist kein Date“, versuchte John abzulenken.
„Natürlich“, lachte Ronon. „Red dir das ruhig weiter ein, wenn‘s dir dann besser geht. Wir beide, und auch alle anderen, wissen, dass es das sehr wohl ist.“ Ronon erhob sich und nickte seinem Freund leicht zu. „Gute Nacht, Sheppard.“
Als John wieder alleine war, ging er noch ein wenig in seinem Zimmer auf und ab. Sein Freund hatte Recht. Das morgen, das war ein Date. Ein Date mit einer wunderschönen und intelligenten Frau. Und dass sie meinte, eine besondere Gabe zu haben, machte sie für ihn nur noch interessanter.

 

tbc...

Chapter Text

Aufgeregt stand Victoria am nächsten Morgen in der Jumper-Bucht und wartete auf John. Er hatte ihr angeboten gemeinsam mit den Anderen zu frühstücken und dann aufzubrechen, aber sie hatte sich den Tag nicht durch Teyla und den Gedanken an ihre Aura vermiesen wollen. Also hatte sie abgelehnt und stattdessen vorgeschlagen, man könne sich doch in der Bucht treffen. Und nun stand sie hier und wartete darauf, dass John auftauchte.
„Guten Morgen.“
Sie drehte sich um und lächelte, als sie John sah. „Guten Morgen.“
„Und bereit für deinen ersten Jumper-Flug und einen kleinen Ausflug?“
Sie nickte. „Ich freu mich wirklich darauf, mal raus zu kommen. Und meine Kinder haben sich beinahe überschlagen vor Freude, als sie erfuhren, dass sie diese Woche weniger Unterricht haben würden.“
John stockte kurz, doch dann lächelte er. „Schon verrückt. Wie du eben von den Schülern als deine Kinder gesprochen hast.“
„Ich weiß“, lachte sie“, aber ich hab die Bande wirklich ins Herz geschlossen.“
„Kann ich verstehen. Also, dann wollen wir mal. Das hier sind die Jumper. Sie wurden ebenfalls von den Antikern gebaut und nur jemand mit dem Gen kann sie fliegen. Also wird es für dich keine Soloausflüge geben, da du dich ja immer noch weigerst die Therapie zu machen“, hänselte er sie.
„Und dabei wird es auch bleiben. Weißt du eigentlich alles über mich?“
John lachte auf und schaute ihr dann tief in die Augen. „Ich habe manchmal das Gefühl, als wüsste ich alles und gleichzeitig nichts“, er stockte und räusperte sich dann. „Ähm, die Jumper. Das hier ist meiner, wie ich gerne sage. Eigentlich sind alle Jumper gleich, aber McKay weiß immer ganz genau welchen wir sozusagen als Erstes erweckt haben. Diese Kiste hat uns schon durch so einige Gefahren gebracht.“ John stieg ein und Victoria folgte ihm. „Wie du siehst, gibt es einen Passagier- und einen Cockpit-Teil. Allerdings sitzen die Teams meist im Cockpit. Wir haben hier an Bord ein eigenes DHD, mit dem wir das Stargate anwählen können. In dem Fall hat der Kontrollraum keine Gelegenheit den Wahlvorgang abzubrechen.“
„Ist das nicht gefährlich?“ Victoria wollte sich gar nicht ausmalen, welche fatalen und eventuell auch tödlichen Auswirkungen diese Tatsache haben konnte.
„Hat uns schon ein paar Mal vor einige Schwierigkeiten gestellt“, gab er zu. „Aber auch unseren Arsch gerettet, weswegen McKay und Zelenka nichts dagegen unternehmen. Wenn du willst, können wir dann los. Und McKay hat gnädiger Weise erlaubt, dass du dich auf seinen Platz setzten darfst.“ John zeigte auf den Platz des Co-Piloten und nahm, nachdem er sich auch gesetzt hatte mit dem Kontrollraum Kontakt auf. „Kontrolle, hier Jumper Eins, bitten um Öffnung der Jumper-Bucht.“ Er drehte sich wieder zu Victoria. „Das Dach lässt sich öffnen, so kommen wir aus der Stadt raus wenn wir Dinge in der näheren Umgebung untersuchen oder einfach nur ans Festland wollen.“
„Jumper Eins, Dach ist offen. Freigabe zum Start. Viel Spaß Colonel. Und alles Gute zum Geburtstag.“
John verzog leicht das Gesicht und flog dann los. „Das war eben Amelia, Ronons Freundin.“
„Ich weiß. Ich hab sie schon kennen gelernt. Irgendwie scheinst du nicht darüber begeistert zu sein, dass du heute Geburtstag hast.“
„Nun ja, nachdem Todd da war, hatte ich mich eigentlich entschieden zu arbeiten. Wir stehen kurz davor wieder riesen Probleme zu bekommen. Aber Elizabeth meinte, weil mein Geburtstag sei, hätte ich es verdient. Ist ja auch egal. Was willst du alles sehen? Wir hätten Zeit einen Überflug über das ganze Festland zu machen.“
Victoria schaute aus dem Sichtfenster und genoss den Anblick des unter ihnen entlang fliegenden Ozeans. „Ronon meinte, du hättest dir ein Häuschen gebaut, stimmt das?“
„Es ist nicht viel mehr als ein Unterschlupf. Teylas Leute haben mir dabei geholfen. Er ist groß genug um meine Surfausrüstung zu lagern.“
„Du surfst?“, fragte sie interessiert.
„Du etwa auch?“ Verwundert zog er eine Augenbraue hoch.
„Ich war nie besonders gut darin. Aber vielleicht kannst du es mir ja beibringen“, sie lächelte ihn an. „Außerdem würde ich gerne sehen, wie du deine Freizeit verbringst.“
„Du meinst die wenige, die ich habe. Aber von mir aus gerne.“ John änderte ein wenig die Richtung und zehn Minuten später landete er den Jumper auf einer kleinen Lichtung in der Nähe des Strandes. „Die haben wir irgendwann geschaffen, als ich anfing öfters herzukommen. Es ist nah genug an Atlantis, dass sie einen noch erreichen können. Aber gleichzeitig weit genug weg, dass sie es nur im äußersten Notfall tun. Und das ist meine kleine Hütte.“
Victoria staunte nicht schlecht. Das, was John als kleine Hütte bezeichnete, war in Wahrheit ein Strandhaus mit drei Zimmern, welches jedes für sich genommen, bereits größer war als ihre halbe Wohnung in Boston. In einem befanden sich verschieden große Surfbretter und auch eine Ausrüstung zum Kitesurfen.
„Also das nennst du klein?“
John kratzte sich am Kopf. „Liegt wohl ein wenig an meiner Herkunft.“
„Ach ja?“
„Sagen wir einfach, dass meine Familie viel Geld hat. Warte, ich hol schnell die Matten raus. Der Sand sieht zwar bequem aus, ist aber voller kleiner scharfer Steine.“
Victoria war erstaunt, wie bereitwillig er ihr das alles erzählte, denn normalerweise war John, was seine Vergangenheit anging mehr als verschwiegen und daher fragte sie sich, ob er das mit Absicht tat, damit sie vielleicht auch mehr von sich erzählte.
Wenige Augenblicke später war er wieder da und rollte zwei Matten auf dem Sand aus. Victoria ließ sich lächelnd nieder und zog ihre Umhängetasche, die sie die ganze Zeit nicht abgelegt hatte, auf ihren Schoß.
„John, würdest du dich kurz zu mir setzen?“ Er kam ihrer Bitte nach und sie lächelte. „Ich habe vorgestern von Ronon erfahren das heute dein Geburtstag ist und du deswegen frei hast. Ich finde es immer schrecklich, wenn ich Leuten, die ich kenne und mag nichts zum Geburtstag schenke. Deswegen habe ich Ronon gebeten einige Dinge für mich zu besorgen, was er auch geschafft hat. Nur irgendwie war in ganz Atlantis kein Geschenkpapier aufzutreiben.“
„Das ist wirklich Mangelware bei uns.“ John lachte. „Aber du hättest mir nichts schenken müssen.“
„Aber ich wollte es.“ Sie zog etwas aus ihrer Tasche und reichte es John. „Ich hoffe es gefällt dir.“
Er faltete den Gegenstand auseinander und staunte nicht schlecht. Es war ein wahres Kunstwerk, auch wenn er nicht wusste, was genau es war.
„Wow, das ist wunderschön.“
„Das ist ein Nemanwi. Man kann ihn auf verschiedene Weise nutzen. Als Wandbehang, als Teppich oder Decke. Oftmals wird ein besonders gelungener Nemanwi sogar als Teil der Zeremoniengewänder getragen. Das Muster ist ein traditionelles Quisiwam-Muster, auch wenn ich ein paar Elemente der Antiker mit eingefügt habe.“
„Den hast du gemacht? In zwei Tagen? Das ist Wahnsinn.“ Er betrachtete sich das Stoffstück genauer und konnte sich kaum vorstellen, wieviel Arbeit darin steckte. Der Nemanwi war in dunklem Blau gehalten mit Mustern in einem helleren Türkis und war bestimmt über anderthalb Meter lang und etwa halb so breit.
„Ach was“, sie lächelte. Er musste ja nicht wissen, dass sie ein bereits angefangenes Stück lediglich umgearbeitet und fertiggestellt hatte. „Aber du hast was verloren.“
„Was denn?“ Sie deute auf seinen Schoß, auf dem ein kleines, kunstvoll geknüpftes und mit Perlen versehenes Armband lag.
„Das ist ein Mamori-Armband“, erklärte sie. „Es soll dich vor Gefahren schützen.“
„Das kann ich wirklich brauchen.“ Er nahm das Armband auf und hielt es Victoria hin. „Kannst du es mir umbinden?“
„Natürlich.“ Sie beugte sich vor um das Mamori um sein rechtes Handgelenk zu knoten. Als sie sich wieder aufrichten wollte, legte John ihr eine Hand an die Wange. Sie schloss kurz die Augen, als seine Aura anfing in sie zu fließen. Sie durfte sich nicht gehen lassen. Durfte eine vollkommene Verschmelzung nicht zu lassen. Das wäre gegen die Gesetze ihres Volkes! Nur ein Quiwo durfte diese Erfahrung machen! Nur ein Quiwo durfte mit einer Quisaw verschmelzen! Sie öffnete die Augen und sah Johns ernstes Gesicht vor sich.
„Ich danke dir wirklich. Das sind zwei wunderbare Geschenke.“ Er beugte sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf den Mund. Und in dem Moment, in dem sich ihre Lippen berührten, ließ sie alle Vorsicht fahren. Sie Regeln und Gesetzte ihres Volkes spielten mit einem Mal keine Rolle mehr. Sie merkte, wie sie sich ihm komplett öffnete, alle Schutzwälle fallen ließ und plötzlich alle seine Gefühle spürte. Seine Ängste, Sorgen aber auch glückliche Gedanken, all das setzte sich in ihrem Geist fest. Sie wollte den Kuss vertiefen, um ihm Trost zu geben, aber auch weil sie es wirklich wollte. Weil sie sich endlich eingestand, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Aber als sie den Kuss vertiefen wollte, merkte sie, dass John nicht mehr da war. Sie öffnete die Augen und sah ihn ein paar Meter von sich entfernt stehen. Der Nemanwi lag zwischen ihnen, wo John ihn bei seinem Aufspringen hatte fallen lassen. Sie senkte den Kopf. Sie konnte seinen fassungslosen Blick nicht ertragen. Konnte die Vorwürfe darin nicht ertragen.
„Es tut mir leid“, wisperte sie.
„Was zur Hölle war das gerade?“ John fuhr sich durch die Haare. „Was ist da gerade passiert?“
„Ich wollte wirklich nicht, dass das geschieht, das musst du mir glauben. Ich hätte es verhindern müssen. Aber ich konnte es einfach nicht.“
„Hör auf dich zu entschuldigen und erklär mir, was das gerade war“, fuhr er sie an.
„Vielleicht solltest du dich setzen“, sagte sie vorsichtig.
„Ich steh lieber.“ Seine ganze Haltung sprach davon, dass er kurz davor war einen strategischen Rückzug anzutreten und das wäre nicht möglich, wenn er sich setzte.
„Na gut“, sie holte tief Luft und strich sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Du weißt, dass ich eine Gabe habe. Ich weiß auch, dass ihr euch alle Gedanken darüber macht, was das sein könnte und ob ich für Atlantis eine Gefahr darstelle. Das eben war ein Teil dieser Gabe.“
„Also ist deine Gabe, dass ich mich wie ein kompletter Idiot fühle?“, fragte er kühl und sarkastisch.
„Nein!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin eine Quisaw, eine Beschützerin meines Volkes. Die Quisaw sind alle mit einer besonderen Gabe ausgestattet. Ein paar von ihnen konnten in die Zukunft sehen, um rechtzeitig vor Gefahren warnen zu können. Meine Gabe ist sehr viel unmittelbarer. Ich sehe die Aura von Menschen und kann anhand dieser Aura feststellen, ob der Mensch dem ich begegne eine Gefahr darstellt oder nicht. Das was du da eben erlebt hast, war etwas, dass wir als Naquiera bezeichnen. Eigentlich ist es einer Quisaw nicht gestattet dies mit jemand anderem als einem Quiwo zu teilen. In früheren Zeiten wurden die Quisaw, welche die gleiche Gabe hatten wie ich, mit dem stärksten Quiwo vermählt. Sie gemeinsam sollten für den Schutz des ganzen Stammes sorgen. Es ist immer noch bei Strafe verboten das Naquiera mit jemandem zu teilen, der nicht zum Stamm gehört. Denn, wenn es passieren sollte, dann muss die Quisaw der Person alles erzählen. Sie darf keine Geheimnisse vor ihm haben, weil es sowieso nicht möglich wäre. Durch das Naquiera werden alle Geheimnisse geteilt, ohne dass man es verhindern könnte und das könnte den ganzen Stamm in Gefahr bringen.“
John kam langsam näher. Victoria so zu sehen, wie sie da wie ein Häufchen Elend auf der Matte saß, berührte sein Herz. Sie machte sich wirklich Vorwürfe für das was geschehen war. Er ließ sich ihr gegenüber auf die zweite Matte fallen. Er wollte nach ihren Händen greifen, um sie zu trösten, hatte aber gleichzeitig Angst davor was passieren könnte. Würde er wieder diese ungeheure Menge an Gefühlen spüren wie bei dem kurzen Kuss? Gefühle, von denen er nun wusste, dass sie alle zu dieser jungen und wunderbaren Frau gehörten, die vor ihm saß.
„Okay, also du kannst Auren sehen. Wie muss ich mir das vorstellen?“, fragte er in der Hoffnung, dass er sie dadurch auf andere Gedanken bringen konnte. Sie hob den Blick und er erkannte, dass ihre grünen Augen einen unnatürlichen Glanz angenommen hatten.
„Wie seh ich aus?“
„Niedergeschlagen, traurig. Du machst dir Vorwürfe für etwas, das nicht deine Schuld ist. Für etwas, dass einfach passiert ist.“
„Das meine ich nicht“, sie lachte kurz. „Meine Augen, wie sehen sie aus?“
„Wie Slimer“, versuchte er die Farbschattierung zu beschreiben.
Sie lachte erneut. „Ich kann mir vorstellen was du meinst.“ Sie senkte den Kopf und als sie ihn erneut hob, hatten ihre Augen eine andere Färbung. „Und nun?“
„Wie Jade. Deine Augen, sie verändern sich“, erkannte er.
„Genau“, sie nickte langsam. „Wenn ich in die Auren-Sicht wechsle, dann hab ich die ‚Slimer-Farbe‘“, sie seufzte frustriert auf. „Oh man, meine Gran wird mich so was von töten, wenn sie wüsste, was ich dir alles erzähle.“
„Deine Urgroßmutter lebt noch?“, fragte er erstaunt.
„Sie ist bereits über 100, aber fit wie ein Turnschuh.“, sie seufzte. „Aber nach dem Naquiera spielt eine Geheimhaltung eh keine Rolle mehr. Also kann ich dir auch alles erzählen. Wenn ich die Aura eines Menschen überprüfe, dann sehe ich den Umriss des Menschen, aber in den Farben der Aura. Anhand der Farbe kann ich erkennen, ob er Freund oder Feind ist.“
„Und was siehst du bei mir?“ So langsam begriff er, was sich wirklich alles hinter der jungen Frau verbarg und sie wurde nur noch faszinierender für ihn. Allein die Vorstellung anhand von Auren erkennen zu können ob einem der Gegenüber wohlgesonnen war. Das bot so viele Möglichkeiten. Alleine die Vorstellung, nie wieder bei Verhandlungen über den Tisch gezogen werden zu können, weil man schon vorher wusste, womit zu rechnen war. Die Möglichkeit hatte durchaus was für sich.
„Als ich dich das erste Mal sah, fiel mir als erstes deine Aura auf“, holte sie ihn aus seinen Gedanken. Dann lachte sie kurz auf. „So eine Aura hatte ich bisher noch nie gesehen. Die meisten Erwachsenen haben eine gräuliche Aura, weil Leid, Lügen und schlechte Handlungen sie verändert haben. Aber deine Aura ist vollkommen rein. Sie leuchtet geradezu und zeigt, dass du ein guter Mensch bist. In ihrem Inneren allerdings ist ein dunkler Kern, der mir zeigt, dass du in deinem Leben viel Leid ertragen musstest. Du hast Freunde verloren, bist enttäuscht worden, hast Schmerzen erlitten. Das zeigt der Kern. Aber das wirklich außergewöhnliche ist die Farbe deiner Aura.“
„Warum?“
„Sie ist blau. Blau wie der Himmel unter dem wir gerade sitzen“, erklärte sie mit blitzenden Augen. Immer noch fasziniert von dem Umstand. „Nachdem ich erfahren habe, dass du das Antiker-Gen besitzt habe ich mir andere angesehen, die so sind wie du. Auch deren Auren sind blau. Also ist dieses Blau ein Zeichen für das natürliche Gen.“
„Wow. Sozusagen ein Gen Radar.“
Sie schmunzelte. „Wenn du willst.“
„Und warum meidest du Teyla?“ Sie fing an zu zittern und John ließ jede Vorsicht fahren und nahm sie in den Arm. Er merkte wie sie ruhiger wurde und strich ihr leicht über den Kopf. „Was ist los?“
„Bereits am ersten Tag bemerkte ich, dass Teylas Aura ebenso ungewöhnlich war wie deine. Ihre hat einen flammendroten Kern. Etwas, das ich bisher ebenfalls noch nie gesehen hatte. Aber dann sah ich vor ein paar Tagen Todd. Er…, seine Aura war komplett rot. Es hat mich einfach erschreckt und seitdem, muss ich immer wenn ich Teyla sehe, an Todds Aura denken.“ Zum Ende hin war sie immer leiser geworden.
„Flammendrot also, schwer vorzustellen.“ In seiner Stimme schwang der Versuch mit ihr Trost zu spenden.
Victoria hob den Kopf. „Hast du Herr der Ringe gesehen? Saurons Auge?“ Als John nickte lächelte sie leicht. „Dann weißt du, was ich gesehen habe.“
„Gruselig.“
„Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl loswerden kann“, gab sie zu. „Ich mag Teyla wirklich. Aber warum hat ihre Aura einen roten Kern, der wie die Aura eines Wraith ist?“
„Das kann ich dir erklären.“ John seufzte. „Weißt du, alle Völker der Pegasus Galaxie hatten unter den Wraith zu leiden. Aber am Schlimmsten hat es wohl die Athosianer getroffen. Die Wraith nutzten sie als Versuchskaninchen. So geschah es, dass einige Athosianer Spuren von Wraith-DNS in sich tragen. Teyla ist eine von ihnen. Auch sie hat eine Gabe. Sie kann die Anwesenheit von Wraith spüren und sich in ihre Gedanken einklinken. Was nicht ganz ungefährlich ist, weil diese Verbindung auch umgedreht werden kann und Teyla dann von einem Wraith kontrolliert wird.“
„Deswegen auch Elizabeth Sorge was meine Gabe betrifft“, erkannte die junge Frau.
Da es weniger eine Frage war, konnte John nur nicken. „Nimm es ihr bitte nicht übel. Als Leiterin von Atlantis macht sie sich einfach Gedanken um alles.“
„Keine Panik. Ich hätte wahrscheinlich ähnlich reagiert.“ Sie holte tief Luft und richtete sich leicht auf. „Also, nachdem ich es geschafft habe deinen Geburtstag durch meine Unfähigkeit mich zu kontrollieren versaut habe, willst du jetzt bestimmt zurück fliegen.“ Sie schaute ihn unsicher an, doch er lächelte nur.
„Wieso? Ich finde, das alles macht dich nur noch interessanter.“ Er zog sie wieder an sich. „Nur eine Frage. Wenn ich dich wieder küsse, muss ich mich dann wieder auf so was gefasst machen wie eben?“
„Was?“, kam es leise von ihr.
„Nun ja“, er zögerte kurz. „Da wir beide eh schon totgeweiht sind, weil du mich eingeweiht hast, dann sollten wir es doch auch ausnutzen.“
Immer noch perplex über das, was er gesagt hatte, reagierte sie zunächst nicht, als er sie erneut küsste. Aber schnell hatte sie sich gefangen und erwiderte den Kuss. Wieder verschmolzen ihre Auren und Gedanken, aber weil er schon mit so etwas gerechnet hatte, überraschte es ihn nicht. Im Gegenteil, das Wissen, dass es ihre Gefühle für ihn waren, machte den Kuss nur noch intensiver.
„Das ist so cool!“ Er lehnte seinen Kopf an ihren und gemeinsam schauten sie auf das Meer hinaus.
„Hör zu John. Ich weiß, dass du Elizabeth darüber Bericht erstatten musst. Sie hat dich gebeten auf mich zu achten, aber…“
„Ich weiß. Ich darf ihr nichts verraten. Und das werde ich auch nicht. Ich werde ihr einfach sagen, dass du keine Gefahr für uns bist.“
„Und falls sie dir nicht glauben sollte“, sie holte tief Luft, „dann werde ich erneut ein Gesetz brechen.“
„Du willst mit Elizabeth dieses Naquiera machen?“, fragte John verwundert. Nach allem, was er bisher erfahren hatte, was das etwas, das man einfach nicht tat. Auch war die Vorstellung, dass Elizabeth die Gefühle Victorias erspüren würde nicht unbedingt angenehm. Er wollte der einzige sein, der diese Erfahrung machte.
„Wenn ich keine andere Wahl habe“, gab sie zu. „Ich hoffe, ich muss es nicht machen. Denn wenn, dann wüsste sie, was ich für dich empfinde. Und das geht eigentlich niemanden etwas an. Niemanden außer uns beide.“
„Und was empfindest du für mich?“, erkundigte er sich neugierig.
Sie richtete sich leicht auf und schaute ihn ernst an. „Vielleicht erschreckt es dich, aber durch das Naquiera ist mir etwas klar geworden, dass ich die ganze Zeit vor mir selbst verbarg. Nämlich dass ich dich liebe.“ Sie holte tief Luft und lächelte unsicher. „Tut mir leid.“
„Das muss es nicht. Wirklich. Denn ich empfinde ähnlich.“
Sie kuschelte sich wieder an ihn. „Irgendwie ist es hier wunderschön. Am liebsten würde ich für immer bleiben.“
John lachte laut auf. „Du machst dir vom Festland falsche Vorstellungen. Im Landesinneren gibt es einen aktiven Vulkan, die Tiere hier sind alle höchst giftig und zu essen gibt es auch nicht viel.“
„Und warum sitzt du dann so entspannt am Strand?“ Sie wusste, dass er abenteuerlustig war, aber für so leichtsinnig hatte sie ihn dann doch nicht gehalten.
„Weil die Lichtung wo der Jumper steht und dieses Stück Strand gesichert sind. Wir haben einfach einen Zaun darum gezogen“, erklärte er.
„Warum auch nicht“, feixte sie und setzte sich dann auf. „Also was ist, gibst du mir jetzt Surfstunden, oder nicht?“
„Wenn du willst.“ John legte den Kopf leicht schief, hätte aber auch nichts dagegen gehabt, noch länger einfach so am Strand sitzen zu bleiben.
„Aber klar.“ Von Anfang an hatte sie vorgehabt ihn zu bitten, sie mit zum Festland zu nehmen und hatte daher ihren Bikini, den sie auf der Erde im letzten Moment noch in ihr Gepäck geschmuggelt hatte, unter ihre normale Kleidung gezogen. Eine Tatsache, die ihr nun zugutekam.

 

Als die Dämmerung hereinbrach und die zwei sichtbaren, der insgesamt fünf, Monde des Planeten am Himmel erschienen, machten John und Victoria sich auf den Rückweg in die Stadt. Während des Fluges schaute er immer wieder zu ihr rüber und lächelte sie an. Ihre dunklen Haare waren durch das Wasser und das Trocknen im leichten Wind, der über den Strand ging, gelockt und er fand, dass sie noch schöner war, als sonst.
„Was ist? Hab ich irgendwas im Gesicht?“
Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein, hast du nicht. Du bist einfach wunderbar.“ Er nahm eine Hand von der Steuerung und legte sie auf ihre. Als er ihre Armbänder sah, musste er lächeln. Bereits beim Surfen war ihm aufgefallen, dass auch sie Mamori-Armbänder trug. Allerdings trug sie nur eines an der linken Hand. Als er sie nach dem Grund gefragt hatte, hatte sie nur lächelnd den Kopf geschüttelt. Aber nun erkannte er den Grund. Ihre Armbänder waren identisch und wenn sie sich an der Hand hielten schien es, als würden sie eine Einheit bilden. Durch diese Armbänder waren sie miteinander verbunden. Er ließ ihre Hand los, als er merkte, dass sie leicht vom Kurs abgekommen waren.
„Also, was hast du heute noch vor?“, fragte sie schmunzelnd.
„Ich dachte an ein kleines, intimes Picknick am Nordpier“, gestand er ehrlich. „Aber wie ich die Anderen kenne, werden sie in der Kantine eine Party für mich schmeißen.“
„Macht ihr bei jedem Geburtstag so viel Aufwand? Stell ich mir bei den vielen Leuten schwer vor“, überlegte sie laut.
„Stimmt. Große Partys gibt es eigentlich nur bei Teamleitern. Und da ich beides bin, also Team- und Abteilungsleiter wird so gut wie jeder da sein.“
„Na da freu ich mich aber“, meinte sie leicht sarkastisch.
Sie schauten nach vorne und kaum war Atlantis wieder im Sichtfeld, meldete sich auch Victorias Funkgerät. John schaute sie aus den Augenwinkeln wissend an. „Ich wette, dass das jemand ist, der dich dazu bringen will, mich zu meiner Party zu bringen.“
„Ach lass ihnen doch ihren Spaß. Sorg lieber dafür, dass wir sicher landen.“
„Baby, dieses Ding könnte ich ihm Schlaf landen.“
„Ja klar.“ Sie aktivierte ihr Headset. „Ja?“, sie hörte kurz zu, nickte und gab dann ihre Zustimmung.
„Und hatte ich recht?“, fragte er, die Antwort jedoch schon kennend.
„Jap. Elizabeth Worte waren, dass ich mich festlich anziehen, dich abholen und dann in die Kantine bringen soll.“
„Meine Rede“, er seufzte. „Ach was soll‘s. Das war bisher der beste Geburtstag meines Lebens, also wird mich eine Party schon nicht umbringen.“
„Sag ich doch“, meinte sie lachend. Und John merkte, wie ihn dieses leichte, ehrliche Lachen beruhigte und auch ihm leichter zu Mute wurde. So als würde sich ihre Laune auf ihn übertragen.

 

Nachdem sie gelandet waren, standen sie noch kurz in der Jumper-Bucht. Beiden fiel es schwer, sich von einander zu verabschieden. Victoria seufzte irgendwann leicht genervt auf.
„Meine Gran hatte mich gewarnt, dass das eine Nebenwirkung des Naquiera sein kann.“
„Was?“ Die Verwunderung war ihm deutlich anzusehen.
„Na, das man nicht voneinander loskommt.“ Sie löste sich von ihm. „Na gut. Neuer Versuch. Du gehst zu Elizabeth und ich in mein Zimmer. In einer Stunde komm ich dich abholen. Sei bis dahin geschniegelt und gebügelt. Ihr Befehl, nicht meiner.“
„Alles klar.“ Sie wollte sich umdrehen, als er sie zurück zog, ihr einen Kuss gab und dann lächelte. „Damit du mich nicht vergisst.“
„Könnt ich nie“, offenbarte sie ihm ehrlich.

 

tbc...

Chapter Text

 

 

Vor sich hin summend, den Nemanwi über eine Schulter geworfen, ging John die Treppe aus der Bucht zum Kontrollraum hinunter, damit er bei Elizabeth Bericht erstatten konnte. Wie erwartet war sie noch in ihrem Büro.
„Hey“, sie blickte von ihrem Rechner auf und sah John lächelnd im Türrahmen stehen.
„Hallo“, sie lächelte ebenfalls. „War der Ausflug schön?“
„Schön und aufschlussreich.“ Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Ich kann berichten, dass von Victoria keinerlei Gefahr ausgeht.“
„Ist das sicher, oder nur Ihr Gefühl? Nicht, dass ich nicht Ihrem Instinkt vertraue, aber in diesem Fall, nun ja.“
John lachte. „Es ist sicher. Sie hat es mir erklärt, ich habe es verstanden und versprochen darüber zu schweigen.“ Er erhob sich wieder. „Ich werd dann mal auf mein Zimmer gehen. Victoria und ich sind später noch zum Essen verabredet.“
Elizabeth nickte und schaute ihm hinterher. Das Leuchten in Johns Augen stimmte sie glücklich, allerdings machte sie sich auch deswegen Gedanken. Was war, wenn er sich irrte. Wenn Victoria es irgendwie geschafft hatte ihn zu täuschen? Elizabeth schüttelte den Kopf. Wenn sie schon nicht mal mehr John vertrauen konnte, wem wollte sie dann noch vertrauen? Seufzend machte sie sich an die letzten Berichte. Sie wollte das noch fertig bekommen, bevor sie auf die Party gehen würde. Und was Victoria betraf, so würde sie sie einfach noch ein wenig länger im Auge behalten.

 

Genau eine Stunde später stand Victoria vor Johns Zimmer und betätigte den Sensor, der wie eine Klingel funktionierte. Als die Tür aufging und sie seinen Blick sah, musste sie lächeln. Sie hatte gewusst, dass es eine gute Idee gewesen war, dieses Oberteil anzuziehen. Es einzupacken war wieder so eine Entscheidung ihres Gefühls gewesen und es war richtig gewesen darauf zu hören. Das grüne Top lag eng an und auch wenn es vorne hochgeschlossen war, so war der Rücken dennoch komplett frei von Stoff.
„Und? Bereit für die Party?“ Sie feixte beim Anblick des noch immer erstarrten Johns. „Hey, lebst du noch?“ Sie wedelte mit einer Hand vor seinen Augen hin und her.
„Du siehst super aus“, kam es leise von ihm. Die robusten Hosen waren in keinem Fall ein Stilbruch zu dem wirklich atemberaubenden Oberteil, stellten sie doch ein Eingeständnis dessen dar, dass in Atlantis jederzeit ein Notfall passieren konnte.
„Danke, aber jetzt komm. Die Anderen warten auf dich.“ Sie wollte ihn mit sich ziehen, doch er hielt sie zurück. „Was ist denn?“
„Das muss ich machen, sonst werd ich noch verrückt.“ Er zog sie an sich und sie verfielen in einen leidenschaftlichen Kuss. Als sie sich lösten, holte er tief Luft. „Wird es jemals anders?“
„Was?“
„Naja, das ich bei einem Kuss deine Gefühle spüre?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nie wieder.“
„Das heißt, ich bin dir für immer ausgeliefert?“
„So kann man es auch sehen“, feixte sie, während sie zusammen Richtung Kantine gingen. „Aber, würdest du etwas ändern wollen?“
Er schüttelte den Kopf und hauchte einen Kuss auf ihre verbundenen Hände. „Nein, nie wieder.“

 

Als sie gemeinsam den Raum betraten, veränderte sich schlagartig die Atmosphäre im Raum. Viele hatten gewusst, dass Victoria eine gutaussehende Frau war. Sie war einfach eine Person die auffiel. Aber sie nun mit diesem Oberteil zu sehen, sie neben John zu sehen, den sie glücklich anlächelte. Das sorgte dafür, dass dieses Bild sich bei vielen für immer festsetzte. Als nach und nach die Leute auf John zutraten um ihm zu gratulieren, zog sich Victoria ein wenig zurück. Sie suchte den Raum nach Teyla ab und als sie sie entdeckte, holte sie tief Luft. Sie musste es hinter sich bringen. Am liebsten hätte sie John bei sich, aber sie musste lernen solche Dinge alleine zu bewältigen, wenn sie ihm und seiner Aufgabe gerecht werden wollte. Sie ging auf die Athosianerin zu und schaute sie unsicher an.
„Teyla, hast du vielleicht einen Moment Zeit für mich?“
Teyla nickte Victoria zu. Sie konnte sehen, wie viel Kraft es die andere Frau kostete, sie überhaupt angesprochen zu haben und sie wollte es ihr nicht noch schwerer machen. „Um was geht es?“
„Ich wollte mich bei dir entschuldigen.“ Sie fing an nervös ihre Finger zu kneten. „Für mein Verhalten in den letzten Tagen. Ich weiß jetzt, dass auch du eine Gabe hast. Dass du dadurch Dinge gesehen und erlebt hast, die dir Angst machen. Also hoffe ich, dass es dir als Erklärung reicht, wenn ich dir sage, dass ich etwas gesehen habe, das ich nicht verstand und deswegen deine Gesellschaft mied. Aber mir ist die Freundschaft mit dir wichtig und ich will versuchen meine Angst zu überwinden. Aber das werde ich nicht können, wenn ich dich meide. Daher hoffe ich, du nimmst meine Entschuldigung an.“
Teyla sah, dass Victoria es wirklich ernst meinte und nickte. „Natürlich. Ich verstand nicht, was ich dir getan haben könnte, aber Ronon sagte bereits, dass es nichts mit meinem Verhalten zu tun hat.“ Sie lächelte. „Ich verzeihe dir. Denn wie du schon sagtest, eine Gabe kann etwas erschreckendes sein.“
Victorias Blick wurde verträumt. „Also, eigentlich finde ich meine im Moment einfach nur klasse.“ Sie drehte leicht den Kopf und lächelte John an. Auch über diese Entfernung konnte sie spüren, was er fühlte. „Momentan macht sie mich glücklich.“
Teyla ergriff Victorias Hand und drückte sie leicht. „Das freut mich. Ich freue mich für euch beide. John war so lange einsam. Ihn nun glücklich zu sehen, macht viele hier ebenfalls sehr glücklich.“
„Na dann sind wir doch alle glücklich.“ John trat zu den beiden Frauen und umarmte Victoria von hinten. „Hier alles klar?“
Sie nickten. „Wir haben alles geklärt.“
„Na super.“ John schaute sich suchend um. „Hey, ich hab gehört, es soll auch Torte geben. Wo zur Hölle ist die?“
Teyla und Victoria lachten und machten sich gemeinsam mit John auf die Suche nach der Torte.

~.~

Unruhig warf sich Victoria in ihrem Bett hin und her. John war bereits seit zwei Tagen mit seinem Team unterwegs, um – gemeinsam mit Todds Truppen – Michaels Schiffswerften anzugreifen. Eigentlich sollte er in einigen Stunden zurück sein, aber plötzlich war die junge Frau von einer ungeheuren Unruhe ergriffen worden. Irgendetwas stimmte nicht. Sie setzte sich in ihrem Bett auf und griff nach ihrem Mamori-Armband. Sofort war die Verbindung noch stärker als zuvor. Seit Johns Geburtstag hatten sie jede Nacht gemeinsam in ihrem Zimmer geschlafen, was die Verbindung des Naquiera noch festigte. Sie wusste, die letzte Stufe würde erfolgen, wenn sie miteinander schliefen, was bisher noch nicht geschehen war. Aber allein das momentane Maß ihrer Verbindung teilte ihr mit, dass etwas nicht stimmte. Sie horchte in sich. Nein, sie schüttelte den Kopf, noch war alles in Ordnung. Aber in ein paar Stunden würde es ganz anders aussehen. Sie musste sie warnen! Aber die einzige Möglichkeit Johns Team zu erreichen bestünde darin einen Jumper zu nehmen, zu einem Stargate in ihrer Nähe zufliegen und so ihre Tarnung zu riskieren. Aber sollte sie wirklich wagen, dass der Mann den sie liebte Schmerzen erlitt und vielleicht starb? Sie holte tief Luft. Wenn sie sich jetzt beeilte, dann würden sie ihn noch kurz nach seiner Gefangenahme finden. Er hätte nicht zu viel zu erleiden. Sie warf einen Blick auf den Nemanwi, den sie für ihn gemacht hatte, und der seit Beginn der Mission auf dem Bett lag und stand auf. Sie würde Elizabeth warnen, auch wenn es bedeutete, dass sie ihr alles erklären müsste. Sie wusste, dass Elizabeth noch im Kontrollraum war. Sie hatte ihn seit Beginn der Mission nur für wenige Augenblicke verlassen und das nur, weil Dr. Keller damit drohte ihr ein Schlafmittel zu verpassen, wenn sie nicht endlich ein wenig schlief. Was sie dann auch tat, und zwar an ihrem Schreibtisch. Also war auch die Leiterin von Atlantis nicht vollständig überzeugt von der Mission und machte sich daher große Sorgen, auch wenn sie wusste, dass es die beste Möglichkeit war Michael schweren Schaden zuzufügen. Victoria zog sich schnell eine Hose und ein T-Shirt an. Als sie in ihre Schuhe schlüpfte, wurde sie von einer Welle des Schmerzes ergriffen und sie keuchte auf. Ihr lief wirklich die Zeit davon. So schnell sie konnte rannte sie zum Kontrollraum.

 

„Elizabeth, ich muss Sie sprechen.“
Elizabeth schaute von einem Datenpad auf und runzelte die Stirn. Eigentlich war Victoria immer die Ruhe in Person. Sie nun dermaßen aufgelöst zu sehen, passte so gar nicht zu ihr.
„Natürlich, gehen wir doch in mein Büro.“
Victoria folgte ihr und kaum hatte sich die Glastür hinter ihnen geschlossen, sprudelte sie los: „Sie müssen Notfallteams aufstellen. John und seine Leute sind in großer Gefahr. Die Mission ist verraten worden. Sie laufen Gefahr gefangen genommen zu werden. Wenn das geschieht, wird man sie foltern. Sie sollen den Standort von Atlantis verraten, werden sich aber weigern. Sie werden sterben!“
Elizabeth atmete erschrocken ein. Wenn das wirklich stimmen sollte, dann war die komplette Stadt in großer Gefahr. Aber woher hatte Victoria diese Informationen?
„Hören Sie mir zu Victoria“, versuchte sie die junge Frau, die angefangen hatte unruhig hin und her zu gehen, zu beruhigen. „Ich verstehe ja, dass Sie sich Sorgen machen. Das ist ganz normal, wenn ein geliebter Mensch auf eine Mission geht. Aber ich sehe nicht ein, warum wir deswegen Notfallteams losschicken sollten. In ein paar Stunden sind John und die Anderen zurück und Sie werden sehen, dass alles in bester Ordnung ist.“
Victoria holte tief Luft um den Schmerz in sich zu unterdrücken. Sie hatte keine andere Wahl. Sie musste es Elizabeth zeigen. „In ein paar Stunden werden sie tot sein. Glauben Sie mir Elizabeth! Wenn wir nicht sofort etwas unternehmen, wird es keine Rettung mehr geben. Weder für sie noch für uns!“
„Woher wollen Sie das wissen?“ Elizabeth war von der Vehemenz in Victorias Worten wirklich erstaunt. Das war mehr als nur die Sorge um einen geliebten Menschen erkannte sie.
Die Dunkelhaarige ergriff Elizabeth Hand und schaute ihr fest in die Augen. „Ich werde es Ihnen zeigen“ und das tat sie. Zeigte ihr, was sie gesehen hatte. Was sie im Moment fühlte. Sie öffnete ihr ihren Geist, verschloss sich aber gleichzeitig, damit keiner von Elizabeth Gedanken in sie drang. Denn die gingen sie wirklich nichts an. Als sie erneut von Schmerz erfasst wurde, ließ sie Elizabeth Hand los, damit sie es nicht mitbekam. Dieser Schmerz war persönlicher. Sie merkte, wie John voller Verzweiflung an sie dachte. Es war zu spät, sie waren gefangen worden. Ihr traten Tränen in die Augen. Sie hatte ihre Chance verpasst.
„Was war das?“ Erschüttert stand Elizabeth vor ihr. Victoria wusste, sie musste sich zusammen nehmen. Musste ihr eine Erklärung geben. Das hatte Elizabeth verdient.
„Das war meine Verbindung zu John. Sie besteht seit seinem Geburtstag. Sie ist ein Teil meiner Gabe. Meine Gabe dient dazu, mein Volk und jene die ich liebe zu beschützen. John weiß nicht, wie stark die Verbindung mittlerweile ist. Vielleicht ahnt er es, ich weiß es nicht. Aber was ich weiß ist, wenn wir nicht sofort aufbrechen, dann ist der Mann den ich liebe bald tot. Bitte Elizabeth“, sie schaute die andere flehend an. „Bitte helfen Sie mir!“
Elizabeth ließ sich auf ihren Stuhl fallen, sprang aber sofort wieder auf.
„Okay, ich werde Ihnen vertrauen.“ Und das tat sie wirklich. Was sie empfunden und gesehen hatte, das war keine Täuschung. Das war echt! Sie ging zurück in den Kontrollraum. „Amelia, wecken Sie Major Lorne und die Leiter der Marine-Teams vier und fünf. Wir müssen eine Rettungsmission durchführen.“
Amelia schaute erschrocken von ihrem Terminal auf. Die einzigen Teams, die momentan unterwegs waren, waren die Teilnehmer an der großen Mission. Also wusste sie sofort, dass auch Ronon in Gefahr war. Aber sie war zu sehr Soldatin, als dass sie sich etwas anmerken ließ.
„Natürlich Ma’am“, kam sie sofort Elizabeth Befehl nach, die sich sofort wieder an Victoria wandte.
„Ich kann verstehen, dass Sie mit wollen, aber ich kann es Ihnen nicht gestatten. Sie verfügen über keinerlei Erfahrung, was die Einsätze auf Fremdwelten anbelangt und das könnte zu einer zusätzlichen Belastung für alle werden.“
„Ich verstehe Ihre Bedenken. Wirklich. Aber nur ich kann sie sicher finden. Und die Teams von hier zu leiten würde zu viel Zeit kosten. Zeit, die unsere Leute nicht haben“, erklärte sie ihrer Vorgesetzten, denn das war Elizabeth nun einmal.
Diese dachte kurz nach und nickte dann. „Gut, Sie werden mit Major Lorne gehen. Bleiben Sie immer bei ihm. Keine Alleingänge!“
Victoria nickte erleichtert. „Danke. Ich hol schnell meine Sachen“, und schon war sie wieder verschwunden.

 

Als sie in den Konferenzraum trat, wo Elizabeth die Teams darüber informierte was sie erfahren hatte, zogen die anwesenden Marines erstaunt eine Augenbraue hoch. Sie hatten alle schon davon gehört, dass Victoria, die trotz ihrer Größe beinahe zerbrechlich wirkte, eine Meisterin des Kampfes sein sollte. Und jetzt betrat nicht eine Lehrerin den Raum, sondern eine Kriegerin. Sie war eine Frau, die bereit war für jene die sie liebte zu kämpfen und notfalls auch zu sterben. Sie hatte ihre langen Haare in einige geflochtene Zöpfe zurückgebunden, trug eine Lederweste und enge schwarze Hosen. An ihrem Gürtel hingen mehrere Dolche und in der Hand hielt sie ein Katana-Schwert. Major Lorne nickte ihr zu. Er war zuerst nicht begeistert gewesen Victoria mit zunehmen. Aber so wie sie da stand wusste er, dass sie zur Not auch alleine zurecht kommen würde. Auch Elizabeth betrachtete Victorias Erscheinung. Natürlich kannte sie deren Akte, trotzdem hatte sie beinahe vergessen, dass Victoria nicht nur eine Lehrerin war. Sie war eine Quisaw, eine Hüterin ihres Volkes und ein Meisterin des Kampfes. Mit einem Mal war sich Elizabeth sicher, dass sie alle wieder sehen würde.
„Nun gut. Sie wissen alle Bescheid. Victoria wird Sie begleiten und Ihnen sagen, wo Sie hin müssen. Viel Glück.“
Die Marines verließen als erstes den Konferenzraum, gefolgt von dem armen Techniker, der als ihr Pilot fungieren sollte. Major Lorne trat neben Victoria und lächelte leicht.
„Wie geht es Ihnen?“
„Es geht.“ Sie holte tief Luft. „Ich muss durch die Schmerzen einen klaren Kopf behalten, was nicht einfach ist. Aber ich werde es schaffen.“
„Sie sehen bereit aus. Also, wollen wir dann?“ Sie nickte und folgte ihm in die Jumper-Bucht. Sie würden als erstes den Treffpunkt, den ihnen Todd genannt hatte ansteuern. Von dort aus würden sie weiter suchen. Victoria hoffte inständig, dass sie sich nicht überschätzte und dass die Verbindung zu John nicht abriss. Sollte er sterben, so würden sie die Anderen niemals finden. Er war ihre einzige Hoffnung. Als der Jumper in den Gate-Raum hinabsank, schickte sie ihre Gedanken hinaus. Sie hoffte, dass John diese Nachricht erhielt. Sollte ihre Verbindung irgendwann vollständig sein, würden sie so kommunizieren können. Im Moment konnte sie nur Gefühle schicken, in der Hoffnung, dass er sie verstand. Major Lorne warf der neben ihm sitzenden Frau einen nachdenklichen Blick zu. So langsam verstand er, was es mit dem Gerücht um ihre „Gabe“ auf sich hatte und er beneidete sie absolut nicht. Aber er würde sie auch nicht ablehnen, immerhin war es eine Möglichkeit seine Freunde wieder zu finden. Daher nickte er seinem Team und einem Teil der Marines, die sich ebenfalls in dem Jumper befanden, aufmunternd zu.
„Okay, es geht los.“

 

Als sie am anderen Ende der Galaxie aus dem Stargate kamen, tarnten die Piloten sofort ihre Jumper. Durch die Tarnung wurden sie für die Sensoren der Wraith unsichtbar, was ihnen einige Zeit verschaffen sollte. Victoria griff mit der rechten Hand nach ihrem Mamori-Armband, schloss die Augen, holte tief Luft und schickte ihre Gedanken hinaus.
„Hier war noch alles in Ordnung. Sie sind zur ersten Schiffswerft aufgebrochen“ Sie öffnete die Augen und schaute Major Lorne entschuldigend an. „Wir müssen wohl jede Station ihrer Mission anfliegen.“
„Kein Problem. Wenigstens haben wir Unterstützung bei der Suche, das macht die Sache einfacher“, versuchte er ihr Mut zuzusprechen während er die nächste Adresse anwählte, doch sie schüttelte den Kopf.
„Uns läuft die Zeit davon. Wir haben zu lange gewartet. Er wird bereits schwächer.“
„Wer?“
„John.“ Ihre Verzweiflung war beinahe greifbar, als sie seinen Namen nannte.
Lorne richtete den Jumper aus, damit sie durch das Gate fliegen konnten und schaute Victoria unsicher an. „Nur so eine Frage. Was sollte passieren, wenn Colonel Sheppard stirbt?“
„Dann werden wir die Anderen nie finden. Ich habe nur zu ihm eine Verbindung.“
„Dann sollten wir uns besser beeilen.“
Sie nickte dankbar und Lorne flog den Jumper durch das Gate.

 

Nachdem vierten Sprung richtete sich Victoria plötzlich auf.
„Er ist nah.“ Sie schaute sich um und deutete auf einen Punkt, der im Sichtfenster leicht rötlich wirkte. „Dorthin müssen wir.“
Das Headup-Display erschien und Lorne seufzte.
„Bei Vollspeed ist das ein Flug von zwei Stunden, aber näher ist kein Stargate dran.“ Er aktivierte die Funkverbindung zum anderen Jumper. „Okay, wir haben Koordinaten. Jetzt heißt es Gas geben. Wenn wir landen, dann im Tarnmodus und Kampfbereit“, und schon machte er sich auf den Weg, in der Hoffnung noch rechtzeitig anzukommen.

 

Besorgt schaute sich John in der Zelle, die er sich mit McKay, Teyla und Ronon teilte, um. Sie war von der guten alten Sorte, mit robusten Gittern und Schlössern. Nichts, was sich so einfach knacken ließ. Außerdem waren sie alle mittlerweile schon zu schwach und verletzt um noch einen Ausbruch zu versuchen. Wobei sich Ronon von einem gebrochenen Bein wahrscheinlich nicht aufhalten ließ. John merkte, wie ihm schwindelig wurde. Seine Foltermeister hatten ganze Arbeit geleistet. Sie hatten ihm ein paar Finger, einen Fuß und mehrere Rippen gebrochen. Zudem hatte er einige Schnittwunden, die dabei waren sich zu entzünden und zum Teil noch von der Gefangennahme kamen. Er wollte es nicht zugeben, aber mittlerweile hatte er keine Hoffnung mehr. Er glaubte nicht mehr, dass auch nur einer von ihnen diesen Kerker lebend verlassen würde. Er dachte an Victoria und blickte auf das Armband. Es würde ihn beschützen, hatte sie gesagt. Jetzt konnte er nur noch darüber lächeln. Nichts und niemand würde ihn beschützen. Er würde in diesem Ratenloch noch drauf gehen. Und scheinbar dachten selbst Ronon und Teyla ähnlich. Hatten sie zu Anfang noch versucht einen Ausweg zu finden, waren auch ihre Verletzungen mittlerweile zu ernst, als das sie es schaffen könnten. Plötzlich merkte er etwas. Es war schon seit einigen Stunden immer wieder aufgetreten. Ein leichtes Ziehen in seinem Kopf. Wie ein beginnender Kopfschmerz, aber nicht unangenehm, im Gegenteil. Aber nun merkte er es erneut und diesmal war es auch deutlicher. Victoria! Sie suchte nach ihm. Versuchte ihn zu finden. Aber er wusste, selbst wenn sie ihn finden würde, wäre sie niemals rechtzeitig hier um ihn zu retten. Er ließ den Kopf hängen. Endlich hatte er die Eine gefunden. Die perfekte Frau und dann geschah so eine Scheiße. Das Leben war einfach nicht fair! Er hustete und merkte, wie etwas an seinen Lippen hängen blieb. Er wischte sich mit der unverletzten Hand über die Lippen. Als er das Blut an seinen Fingern sah, verzog er das Gesicht. Innere Blutungen, das hatte ihm zu seinem Glück noch gefehlt. Er schloss die Augen. Wenn er einfach aufgab, dann würde es vielleicht schneller gehen. Er besah sich die beiden Wraith, die vor ihrer Zelle Wache standen. Glückliche Bastarde. Sie würden noch ewig leben, während er hier drinnen langsam verreckte.

 

Als seine Sicht zu schwinden begann, meinte er zu sehen, wie einer der Wraith von einem Dolch getroffen zu Boden ging. Sein Kumpel folgte ihm ziemlich schnell, getroffen von dem Feuer einer P-90. Das konnte nicht sein! Wie hatte man sie gefunden? Er versuchte seine Sicht wieder klar zu bekommen, als die Tür aufflog.
Durch das im Kerker herrschende Halbdunkel, meinte er einen Geist zu sehen. Er glaubte Victoria zu sehen, aber das war unmöglich. Sie konnte nicht hier sein! Kurz darauf meinte er zu schweben. Schemen flogen an ihm vorbei, beugten sich über ihn, bewegten ihn. Und immer wieder hörte er Victorias Stimme, die ihm etwas zuflüsterte: „Verlass mich nicht. Bitte! Nun, wo ich dich endlich gefunden habe. Bleib bei mir. Folge meiner Stimme zurück ins Reich der Lebenden.“

 

tbc ...

Chapter Text

 

 

„Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt?“ Elizabeth schaute Victoria scharf an, die gerade mit Lorne und seinen Leuten vom Einsatz zurückgekommen war. Sie hielt noch immer das Katana in der Hand und Elizabeth konnte sehen, dass sie sich Sorgen um John machte, der kurz nach seiner Befreiung das Bewusstsein verloren hatte und bisher noch nicht wieder aufgewacht war. Aber Elizabeth musste auch dafür sorgen, dass ihre Leute das taten, was sie ihnen sagte. Und Victorias Alleingang war etwas, dass sie absolut nicht tolerieren konnte! „Also?“
Victoria senkte leicht den Kopf und kratzte sich über die Wange. „Ja, das hatten Sie.“
„Also? Warum haben Sie sich dann nicht daran gehalten?“
Victoria zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Ich hatte das Gefühl, als würde mir die Zeit davon laufen, wenn ich mich nicht beeilen würde.“
„Ich will ja nicht behaupten, dass ihr Handeln nicht dafür sorgte, dass unsere Leute wieder zurückgekommen sind. Aber wenn, und ich sage ausdrücklich wenn, ich jemanden, auch Sie, auf einen Einsatz schicke, dann muss ich mir sicher sein können, dass die Leute das tun was ihnen gesagt wird.“
„Das verstehe ich. Wirklich. Aber ich hatte doch Erfolg, oder?“, meinte Victoria mit leichtem Trotz in der Stimme.
Elizabeth schüttelte langsam den Kopf. Sie hatte nicht gewusst, dass es noch jemanden gab der so Dickköpfig war wie John. Aber scheinbar hatte sie sich dabei geirrt. Victoria schien genauso Dickköpfig zu sein, auch wenn es bisher nicht aufgefallen war. Da hatten sich ja scheinbar zwei gefunden. Sie seufzte. „Okay, dieses eine Mal lasse ich Ihnen diesen Alleingang noch einmal durchgehen. Und sollten Sie, was sehr unwahrscheinlich ist, jemals noch einmal auf einen Einsatz gehen, werde ich bei einem erneuten Verstoß gegen einen Befehl nicht zögern Ihnen jegliches Verlassen der Stadt zu verbieten oder Sie sogar aus der Stadt verweisen. Haben wir uns verstanden?“
„Ja Ma‘am“, meinte Victoria leise. Sie wusste, dass sie sich falsch verhalten hatte. Aber nach ihrem Quisaw-Kodex hatte sie richtig gehandelt. Sie hatte alles dafür getan, dass ihr Quiwo überlebte. Und sie hatte ihn verdammt noch mal auch gerettet und nicht nur ihn! Sie hatte auch alle anderen sicher nach Atlantis zurückgebracht. Und irgendetwas in ihr trieb sie dazu, das auch Elizabeth zu sagen. „Aber Sie müssen auch zugeben, dass ich Erfolg hatte.“
Elizabeth schüttelte den Kopf. Das würde sie nicht weiterbringen.
„Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Noch so ein Fehler, noch so ein Alleingang von Ihnen und ich werde Sie wieder auf die Erde schicken. Und jetzt gehen Sie. Schauen Sie nach John.“
Victoria nickte und verließ Elizabeth Büro in Richtung Krankenstation.

 

Langsam schlug John die Augen auf, schloss sie schnell und öffnete sie dann wieder. Halb erwartete er immer noch in seiner Zelle zu sein. Aber die Wände der Krankenstation von Atlantis stellten sich nicht als Halluzination heraus.
„Colonel, endlich sind Sie wieder wach.“ Er drehte leicht den Kopf und sah Jennifer an seinem Bett stehen.
„Wie lange bin ich schon hier?“, fragte er mit schwacher Stimme.
„Seit fünf Tagen. Sie waren wirklich schlimm zugerichtet. Schlimmer als alle anderen.“
„Konnte mich einfach nicht benehmen“, versuchte er zu feixen.
„So kennen wir Sie ja“, lachte Jennifer. „Also, wie fühlen Sie sich?“
„Als wäre ich von einem Laster überfahren worden.“ Als er eine Bewegung neben sich bemerkte, drehte er den Kopf in die Richtung und wollte sich ruckartig aufsetzen, wenn Jennifer ihn nicht daran gehindert hätte.
„Sachte, sachte.“
„Wie lange ist Victoria schon hier?“, verlangte er zu wissen.
„Ebenso lange wie Sie. Sie wollte Sie einfach nicht alleine lassen. Nicht mal für eine halbe Stunde um zu duschen oder sich umzuziehen.“
„Also doch kein Geist“, murmelte er.
„Wie bitte?“ Jennifer war sich nicht ganz sicher ob sie ihn richtig verstanden hatte.
„Ich dachte, ich hätte einen Geist gesehen. In der Zelle. Aber das war sie. Dieses verrückte Weib ist mich retten gekommen.“ Stolz aber auch Unglauben schwang in seiner Stimme mit.
„Nicht nur das, was Major Lorne so erzählt. Kaum waren sie gelandet, ist Victoria aus dem Jumper gesprungen und hatte die ersten Wraith bereits erledigt, bevor die Marines überhaupt ans Aussteigen denken konnten. Lorne meinte, er hätte noch nie jemanden so kämpfen sehen. Wie ein Teufel muss sie durch die Reihen der Wraith gewütet sein. Scheinbar blieb den Marines nichts weiter übrig, als alle aus ihren Zellen zu holen.“
„Also sind die Spuren an ihr?“
Jennifer nickte. „Spuren von Wraith. Wie gesagt, sie wollte sich nicht mal waschen.“
„Sie ist schon unglaublich, oder?“ John betrachtete ihre Erscheinung und runzelte die Stirn. Erst jetzt bemerkte er ihre Kleidung. So sah sie also aus, wenn sie als Quisaw auf dem Kriegspfad war. Jennifer nickte.
„Nicht viele Menschen wären bereit soweit für jemanden zugehen. Sie müssen ihr viel bedeuten.“
„Wir sind Seelenverwandt.“ John seufzte und versuchte eine bequemere Haltung zu finden.
„Versuchen Sie noch ein wenig zu schlafen.“ Jennifer merkte, wie seine Augen immer kleiner wurden, kannte aber seinen Dickkopf, weswegen die folgende Antwort kaum eine Überraschung war.
„Doc, ich hab fast eine Woche geschlafen. Das ist wirklich lang genug. Außerdem will ich mitbekommen wenn sie aufwacht.“
„Das kann ewig dauern“, gab die Blonde zu bedenken. „Sie hat in den letzten Tagen kaum geschlafen.“
John schüttelte vorsichtig den Kopf. „Nein, ich glaube, sie wird bald wach.“
„Na gut. Ich hab noch was zu tun. Sollte irgendwas sein, einfach rufen.“
„Klar Doc.“
Damit verschwand Jennifer in irgendeinem Winkel der Krankenstation.

 

Gespannt beobachtete John in den nächsten Minuten, wie Victoria aufwachte, sich über die Augen fuhr und dabei noch mehr Wraith-Überreste auf ihrem Gesicht verteilte.
„So siehst du also aus, wenn du auf dem Kriegspfad bist. Erinner mich bitte daran, dich niemals wütend zu machen.“
Ruckartig drehte sie sich und schaute ihn mit großen Augen an.
„Du bist wach. Endlich. Ich dachte schon…“ Sie brach ab und holte tief Luft. „Oh mein Gott. Ich dachte schon ich hätte dich verloren.“
John richtete sich leicht auf. „Du hast mich gefunden, was viel wichtiger ist. Wie hast du Elizabeth nur dazu überreden können?“
„Ich hab eine Regel gebrochen. Hab ihr eine meiner Visionen gezeigt. Und als ich dann noch sagte, dass es einfacher wäre euch zu finden, wenn ich Major Lorne begleiten würde, hat sie zugestimmt“, erklärte sie ihm.
„Und so hast du dich dann in Xena verwandelt?“
„Wie bitte?“ Er zeigte auf ihre Kleidung. „Oh das meinst du. War das, was einer Kampfkleidung am nächsten kam.“
„Nicht, dass es mir nicht gefällt. Steht dir wirklich. Aber du solltest die Wraithgedärme loswerden und ein wenig schlafen“, erklärte er ihr lächelnd, da sie aber nicht wirklich viel geschlafen hatte in den letzten Tagen, verstand sie nicht direkt, was er ihr sagen wollte.
„Hä?“
„Victoria, geh duschen und leg dich ein wenig hin. Ich bin wach, Keller hat ein Auge auf mich und das Essen kommt auch in ein paar Minuten. Also, es wird mich schon nicht umbringen, wenn du mich für eine Zeitlang alleine lässt.“
„Okay, wenn du meinst.“ John nickte. „Na gut.“ Sie stand von dem Stuhl, auf dem sie die ganze Zeit gesessen hatte, auf und griff darunter. Als John das Schwert sah, stieß er einen Pfiff aus.
„Man oh man. Und damit kannst du wirklich umgehen?“
Victoria warf einen Blick auf die Klinge, die ebenso wie sie noch immer voller Blut war. „Offensichtlich.“
„Ich will mich wirklich niemals, niemals mit dir anlegen“, sagte John lachend. „Au, das tat weh. Scheiß gebrochene Rippen.“
Victoria beugte sich vor und gab ihm lächelnd einen Kuss. „Ich bin bald wieder da. Versprochen.“
John griff nach ihrer Hand und ihre Armbänder legten sich aufeinander. „Lass dir ruhig Zeit, ich lauf dir nicht weg.“
„Haha.“

 

~.~

 

„Ach kommen Sie schon, Doc. Wie lange muss ich das blöde Ding denn noch tragen?“
Jennifer drehte sich um und sah John vor sich, der genervt auf seinen Gehgips zeigte.
„Colonel, das hatte wir doch schon alles. Noch mindestens drei Wochen. Dann werde ich Ihren Fuß röntgen und anschließend werde ich weiter sehen. Und selbst wenn ich Ihnen dann schon den Gips abmache, werden Sie keinesfalls in der Lage sein, auf Einsätze zu gehen.“
„Ich weiß Doc. Ich will nur endlich wieder richtig laufen können.“ John war sich bewusst, dass er beinahe wie ein kleines, schmollendes Kind klang, aber er das entsprach einfach seiner derzeitigen Laune.
„Das werden Sie auch. Aber frühestens in einem Monat. Also gehen Sie jetzt.“ Jennifer deutete auf den Ausgang und lupfte eine Augenbraue.
„Ist ja schon gut.“ Nun tatsächlich schmollend ging er hinaus. Nicht, dass Jennifer noch auf den Gedanken kam eine ihrer überlangen Nadeln auszupacken. In den letzten Wochen hatte er damit wirklich genug Bekanntschaft geschlossen.

 

Immer noch von der Unterhaltung mit Keller frustriert, humpelte John in Richtung Konferenzraum. Zum Glück waren die Brüche seiner Finger nicht so schlimm gewesen und bereits soweit verheilt, dass mittlerweile ein einfacher Verband genügte. Auch wenn sein Team im Moment keine Außeneinsätze durchführen konnte, so mussten sie doch Entscheidungen treffen, weswegen er auf dem Weg zu einer Besprechung war. Entscheidungen, welche die Zukunft ihres Teams betrafen. Bei Teylas Untersuchungen hatte Keller herausgefunden, dass Teyla bereits im dritten Monat schwanger war. Elizabeth hatte sofort reagiert und Teyla mitgeteilt, dass sie zu ihrem eigenen Schutz zumindest bis zur Geburt von Außeneinsätzen freigestellt wäre. Somit würde in ihrem Team, wenn es denn wieder einsatzfähig wäre, eine Person fehlen. Denn es war immer besser, wenn man in Vierer-Teams unterwegs war. John hatte zwar bereits eine Idee, wen man als Teylas Ersatz einsetzen könnte. Aber er war sich nicht sicher, ob diese Idee wirklich gut war. Es könnte zu Komplikationen kommen. Aber es wäre andererseits auch eine Bereicherung. Wenn man es richtig anstellen würde. Irgendwie musste er es schaffen Elizabeth diese Idee richtig zu verkaufen. Nachdenklich betrat er den Konferenzraum, wo alle bereits auf ihn warteten.
„Sie kommen spät, John“, empfing ihn Elizabeth.
„Sorry, war noch beim Doc. Wollte wissen, wann endlich der Gips abkommt.“
„Und?“
Er setzte sich und seufzte. „Mindestens noch einen Monat Gips. Anschließend vorsichtiges Training, aber noch keine Einsätze.“
Elizabeth nickte. „Okay. Also fallen Sie, genauso wie Ronon, noch mindestens zwei Monate aus. Teyla, Sie sind ja noch länger nicht einsetzbar. Was auch der Grund ist, warum ich Sie als Team hergebeten habe. Wir müssen einen Ersatz für Teyla finden und wenn er nur vorübergehend wäre. Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, wen aus Atlantis ich Ihnen zuteilen könnte und mir fiel nur eine Person ein, die über genug Kampferfahrung verfügt, damit ich ihr diese Einsätze zutrauen würde.“
„Von wem reden wir hier?“, kam es von Rodney, der einen Arm nach den erlittenen Stichverletzungen immer noch in einer Schlinge trug, auch wenn es völlig überflüssig war. Elizabeth schaute in die Runde und seufzte: „Ich dachte an Victoria.“ Gespannt wartete sie auf Reaktionen. John hatte den Kopf gehoben und lächelte leicht. Genau das war auch seine Idee gewesen. Doch hatte er sie nicht äußern wollen. Denn wie hätte das denn ausgesehen? Vorzuschlagen, die eigene Freundin solchen Gefahren auszusetzen. Wer tat denn so was? Elizabeth deutete sein Schweigen falsch und schaute ihn entschuldigend an.
„John, ich weiß genau, dass Sie bestimmt nicht besonders glücklich darüber sind, aber…“
Er hob die Hand und brachte Elizabeth damit zum Schweigen. „Natürlich mach ich mir auch Gedanken, wie es weitergehen könnte. Auch ich hatte über Victoria als Teylas Ersatz nachgedacht. Ohne sie wäre mein Team heute nicht hier. Aber gleichzeitig weiß ich auch genau, was uns da draußen erwartet. Wie kann ich es wagen vorzuschlagen, dass sich meine Freundin diesen Risiken aussetzt?“
„John, Sie und Ronon sind die besten Kämpfer, die wir haben und wenn Sie beide und Teyla mit Victoria trainieren würden, dann sehe ich keinen Grund, warum sie es nicht schaffen sollte. Allerdings nur unter der Bedingung, dass Sie es schaffen sie ihm Zaum zu halten. Ich habe es ihr bereits nach der Rückkehr von dem Einsatz gesagt. Sollte Sie noch einmal gegen einen Befehl verstoßen, dann werde ich sie entweder nie wieder auf einen anderen Planeten in dieser Galaxie lassen, oder sie sogar für immer auf die Erde zurückschicken. Verstanden?“ John nickte langsam. Das waren wahrlich harte Worte von Elizabeth. „Gut, dann werden Sie sie von unserer Idee informieren. Mal sehen, was sie dazu sagt.“
„Aber, sie ist nur eine Lehrerin“, kam es von Rodney.
„Diese Lehrerin hat Ihnen ihren Wissenschaftler-Hintern gerettet. Also kann sie so schlecht nicht sein“, mischte Ronon sich trocken ein.
„Das meinte ich damit auch nicht.“ Rodney schüttelte den Kopf. „Was ich meinte war, wenn Victoria mit uns auf Einsätze geht, wer unterrichtet dann die Kinder? Denn das ist, wenn ich Sie daran erinnern darf, ihre eigentliche Aufgabe hier auf Atlantis.“
„Ich weiß.“ Elizabeth nickte langsam. „Ich werde eine Nachricht an General Landry schicken und ihn bitten, einen Ersatz für Victoria zu schicken, der vielleicht auch für immer bleiben kann. Denn Victorias Berichte haben mir gezeigt, dass die Arbeit für eine Person alleine kaum bis gar nicht zu schaffen ist. Ich glaube, nein, ich bin zuversichtlich, dass ich General Landry unsere Lage begreiflich machen kann.“
Die Vier nickten und erhoben sich langsam. Elizabeth hielt John jedoch noch kurz zurück. „Reden Sie so schnell wie möglich mit Victoria. Wir brauchen eine Antwort.“
John nickte. „Ich sehe, was ich tun kann.“

 

Vor Victorias Zimmer angekommen blieb er stehen und holte tief Luft. Er schüttelte kurz lächelnd den Kopf. Nein, es war nicht mehr nur Victorias Zimmers. Es war nun mittlerweile auch seines. Erneut holte er tief Luft. Victoria zu überzeugen würde nicht einfach werden. Sie kämpfte eigentlich nicht gerne, nur wenn sie dazu gezwungen wurde. So wie als sie gekommen war um ihn, Teyla, Ronon, Rodney und die anderen zu retten. Vielleicht würde er sie mit diesem Argument überzeugen können. Das ihr Einsatz zu ihrer aller Sicherheit beitragen würde. Hoffentlich glaubte sie ihm das. Er öffnete die Tür und lächelte beim Eintreten. Inzwischen war dieses Zimmer ein deutliches Zeichen für ihre Beziehung. Indianischer Wandschmuck hing neben seinen Johnny Cash und Surf-Postern. Man konnte wirklich sagen, dass sie mittlerweile zusammen wohnten, auch wenn er offiziell immer noch sein altes Zimmer hatte. Er humpelte um die Ecke und entdeckte Victoria an ihrem Schreibtisch. Offenbar war sie mal wieder dabei Arbeiten zu korrigieren. Elizabeth hatte ganz recht. Selbst wenn Victoria nicht mit ihnen auf Einsätze gehen sollte, so brauchte sie dennoch Unterstützung. Für sie allein war es einfach zu viel. Als hätte sie seine Anwesenheit gespürt, drehte sich Victoria um und zog die Kopfhörer ab.
„Hey, schon wieder da?“ Sie schaute auf seinen Fuß und lächelte leicht. „Und wie ich sehe, noch immer mit Klumpfuß.“
John nickte, ging zu ihr und gab ihr einen Kuss. „Der Doc sagt, dass das noch etwa einen Monat so bleiben wird.“
„Na super“, seufzte sie. „Und während ihr euch auskuriert, wird Michael immer stärker.“
„Um den kümmern sich Todd und seine Jungs“, erklärte John, setzte sich auf das Sofa und klopfte neben sich. „Komm her, ich muss mit dir reden.“
Sie stand auf und setzte sich zu ihm. „Das klingt gar nicht gut.“
„Nein. Es ist nichts Schlimmes. Oder vielleicht doch“, er zögerte kurz. „Du hast ja bestimmt auch schon mitbekommen, das Teyla schwanger ist.“
„Oh ja.“ Victoria schaute ihn mit strahlenden Augen an. „Ist das nicht super?“
„Ja, ganz super“, der leichte Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Tatsache ist, es gibt das ungeschriebene Gesetz, das jedes Team aus vier Personen bestehen muss. Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, wer wohl in unser Team passen würde und Elizabeth anscheinend auch. Und wir sind uns beide einig, was die Person betrifft.“
„Und für wen habt ihr euch entschieden?“
„Für dich.“ John schaute sie unsicher an. „Hör zu, ich weiß wie du zum Kämpfen stehst. Ich würde dich nicht bitten, wenn es nicht…“
„Okay“, wurde er von ihr unterbrochen.
„Wie bitte?“ So einfach hatte er sich das nicht vorgestellt.
„Ich werde es machen. Ich werde Teyla in eurem Team ersetzen. Ich sehe Atlantis mittlerweile als meine Familie, als meinen Stamm an. Und als Quisaw ist es meine Aufgabe meine Familie zu beschützen. Egal was ich persönlich davon halte. Also werde ich meine Aufgabe erfüllen.“
„Hör zu Vica“, er schaute sie ernst an und benutzte denn Spitznamen, den er ihr gegeben hatte, „du musst das nicht machen, wenn du nicht willst.“
„Doch das muss ich.“ Sie stand auf und schaute ihn ernst an. „Es ist meine Pflicht. Aber was ist mit meinen Schülern?“
John ergriff ihre Hand und zog sie wieder neben sich.
„Elizabeth ist gerade dabei eine Nachricht ans SGC fertig zu stellen, in der sie die Situation erklärt. Sie wird nicht um einen Nachfolger für dich bitten, sondern um eine zweite Lehrkraft, da wir beide der Ansicht sind, dass die Arbeit für dich alleine ein wenig zu viel sein könnte.“
„Ach wo“, meinte sie lachend. „Ich hab schon immer davon geträumt alleine für die gesamte Ausbildung von mindestens 50 Kindern verantwortlich zu sein. Aber was den Neuling betrifft, meinst du, ich könnte einen Vorschlag machen?“
„Kannst es ja versuchen. Aber an deiner Stelle würde ich mich beeilen.“
Victoria sprang auf und rannte zu Elizabeths Büro.

 

„Elizabeth?“ Victoria stürmte in Elizabeth Büro und blieb nach Luft schnappend vor ihr stehen. „Haben Sie bereits die Nachricht ans SGC abgeschickt?“
Elizabeth schaute von ihrem Computer auf und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich war kurz davor. Worum geht es denn?“
„Nun ja, John hat mir von den geplanten Veränderungen erzählt und“, sie zögerte kurz. „Ich wüsste da jemanden, der vielleicht genau der Richtige für den Job wäre.“
„Gut, ich höre.“ Gespannt lehnte sie sich zurück und lauschte Victorias Erklärung und je mehr sie hörte, um so sicherer war sie sich, dass die junge Frau richtig lag. Dies wäre die perfekte Ergänzung für diese Aufgabe.

 

„Sir?“ General Landry hob den Kopf und schaute Harriman abwartend an.
„Was ist denn Sergeant?“
„Wir haben eine Nachricht aus Atlantis erhalten.“
„War das etwa der wöchentliche Bericht?“
Harriman schüttelte den Kopf. „Nein. Dr. Weir bittet darum eine neue Lehrkraft nach Atlantis zu schicken.“
„Warum? Was ist denn mit Ms. de Lantis? Ist ihr etwa etwas zugestoßen?“
Harriman schüttelte erneut den Kopf. „Nein, offenbar ist Teyla schwanger und nach der Befreiung von Colonel Sheppard und seinen Leuten sehen sie Ms. de Lantis wohl als guten Ersatz für Teyla. Zudem sind es anscheinend mehr Schüler in Atlantis, als bisher erwartet.“
Landry schüttelte nachdenklich den Kopf. „Es war bereits unglaublich schwer eine Lehrkraft für Atlantis zu finden. Wie sollen wir da eine zweite auftreiben?“
„Nun, Ms. de Lantis nannte uns einen Namen.“
„Und wie lautet der?“
„Jean-Phillipe de Lantis, ihr Cousin. Der anscheinend genauso Studienabschlüsse gesammelt hat wie sie.“
Landry nickte langsam. „Okay, schicken Sie Dr. Jackson zu ihm. Wenn er bereit ist den Auftrag anzunehmen und wenn er unseren Anforderungen entspricht, schicken wir ihn nach der vorgeschriebenen Quarantäne über die Mittelstation nach Atlantis. Die Daedalus kann sich bei ihrem nächsten Flug um seine Sachen kümmern.“

 

~.~

 

Nervös lief Victoria im Gateraum auf und ab. Vor einer Woche hatten sie die Nachricht erhalten, dass Jean-Phillipe die Stelle als zweite Lehrkraft angenommen hatte. Also hatte er nur noch die Quarantäne im SGC zu überstehen. Und diese Zeit war nun vorbei. Heute würde ihr Cousin, ihr bester Freund, ihr JP nach Atlantis kommen. Sie lächelte, als sie merkte, wie John neben sie trat.
„Also dein Cousin kommt heute an. Weiß er über dich Bescheid?“
Sie nickte und ergriff seine Hand. „Meine ganze Familie weiß darüber Bescheid. Aber er ist mein Cousin väterlicherseits und somit hat er mit meiner indianischen Seite wenig zu tun. Väterlicherseits wird gerne ein wenig über mein indianisches Erbe gelächelt. Aber nicht JP. Er hat immer gesagt, ich soll so bleiben wie ich bin und mein Ding durchziehen.“
„Das hört man doch gerne. Du nennst ihn also JP?“
Victoria nickte in dem Moment, als sich die Chevrons des Gates aktivierten. „Er will gerne von jedem so genannt werden. Irgendwie hat meine ganze Familie Probleme mit ihren Namen.“ Sie trat einen Schritt zurück, als sich das Gate aktivierte. „Du wirst ihn mögen.“
John zuckte mit den Schultern. Er würde sich überraschen lassen.

 

Als der Neuankömmling durchs Tor trat zog John eine Augenbraue hoch. Die Verwandtschaft zwischen Victoria und ihm war nicht zu leugnen. Er war groß gewachsen, hatte schwarze Haare aber blaue, statt grüne, Augen. Er blickte sich suchend mit großen Augen um. Dann fiel sein Blick auf Victoria und er fing an zu lächeln.
„Vicky.“ Er breitete seine Arme aus, ging auf sie und John zu, umarmte sie und wirbelte sie im Kreis herum. „Du hast dich so gar nicht verändert.“ Er zögerte kurz, ließ seinen Blick schweifen und bemerkte Johns Haltung gegenüber Victoria. Für JP war die Situation eindeutig. „Obwohl etwas ist anders. Hi, ich bin JP.“
John reichte ihm die Hand und lächelte. „Lieutenant Colonel John Sheppard. Militärischer Kommandeur von Atlantis.“
„Ein Militär?“ JP warf einen schnellen Blick zu seiner Cousine und wackelte dann vielsagend mit den Brauen. „Ach Vicky, dein Vater wäre so stolz auf dich.“
Victoria lachte und versetzte JP einen Stupser gegen die Schulter. „Mensch halt die Klappe. Wir werden dich jetzt zum Doc bringen, damit du die Impfungen bekommst.“
JP verzog das Gesicht. „Muss das sein?“
John schüttelte den Kopf und blickte Victoria fragend an. „Was hat deine Familie nur gegen Impfungen?“
„Ich hab kein Problem mit Impfungen, das weißt du genau. Und JP hat schon immer Angst vor Spritzen.“
JP verzog das Gesicht. „Mensch Vicky. Musst du das so laut herumposaunen?“
„Was denn? Weiß doch eh jeder.“
John folgte den beiden lächelnd. Es war angenehm zu beobachten, wie gut sich Victoria und JP verstanden, auch wenn sie sich immer noch kabbelten. Nachdem sie JP in der Krankenstation abgesetzt hatten, gingen John und Victoria in ihr Zimmer zurück. Sie schaute in sein immer noch lächelndes Gesicht.
„Was ist?“
Er trat einen Schritt auf sie zu und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Es ist schön zu sehen, wie sehr du dich über JPs Hiersein freust.“
„Natürlich. Ich hätte ihn nicht vorgeschlagen, wenn ich ihn nicht für die beste Wahl halten würde.“
„Meinst du, er wird es mit uns aushalten?“ John ahnte, dass JP für Victoria am Wichtigsten war und es daher ungemein wichtig war, dass es ihm gut ging.
„Nun ja“, Victoria tat so, als müsse sie scharf nachdenken, „solange wir ihn von allen Wraith fernhalten, wird alles gut werden.“
John grinste. „Du kannst dir sicher sein, dass ich das unter allen Umständen verhindern werde. JP wird in Atlantis nichts geschehen.“
Sie lächelte und gab ihm einen leichten Kuss. „Ich weiß, dass du so etwas nicht garantieren kannst. Aber danke trotzdem.“
Er strich ihr am Hals entlang, küsste sie leidenschaftlich und sie erschauderte. Sie wusste, was er wollte. Sie konnte es fühlen. In den letzten Wochen hatte sie sich immer von ihm ferngehalten. War ihm ausgewichen. Aber nun war auch sie dazu nicht mehr in der Lage. Alles in ihr strebte nach der Vollendung des Naquiera. Aber sie musste ihn vor den Folgen warnen. Musste ihn warnen, dass der Abschluss des Naquiera alles, was er bisher erlebt hatte, in den Schatten stellen würde.
„John“, sich mühsam von ihm lösend, holte sie tief Luft. „John, ich muss dir was sagen.“
Er schüttelte den Kopf. „Oh nein. Bitte weis mich jetzt nicht zurück. Ich hab einfach nicht die Kraft noch länger zu warten.“
„Das wollt ich gar nicht. Aber es ist wichtig. Das Naquiera...“ Während er weiterhin Küsse auf ihrem Hals verteilte, versuchte sie die richtigen Worte zu finden um ihm begreiflich zu machen, was passieren konnte, aber ihr Widerstand wurde immer geringer.
„Drauf geschissen“, kam es von ihm, als er sie Richtung Bett schob.

 

tbc ...

Chapter Text

 

 

‚Ich hätte ihr vorhin zuhören sollen‘, schoss es John durch den Kopf. ‚Das war absolut heftig.‘
Victoria lächelte und gab ihm einen Kuss. „Ich wollte dich ja warnen, aber du warst nicht zu bremsen.“
John richtete sich leicht auf und schaute sie entgeistert an. „Hast du eben gehört, was ich gedacht habe?“
Sie nickte langsam. Die Vollendung des Naquiera führte dazu, dass sich die Quisaw mit ihrem Quiwo über Entfernung per Gedanken verständigen konnte. Dies war der größte Schutz für den Stamm. Sie setzte sich auf und vergrub ihre Hände in ihrem Schoß, die Decke um ihre Hüfte geschlungen.
„Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dich vor der Vollendung warnen, aber irgendwie hatte ich nie den Mut dazu. Du warst verletzt und auch deine Reaktion nach dem ersten Kuss, das beides hat mich irgendwie davon abgehalten.“
Er rutschte neben sie und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Hör mir zu Vica. Dass ich nicht mehr mit meinen Gedanken allein sein soll, macht mir wirklich Angst. Aber du hattest bereits einmal erwähnt, dass mit dem Naquiera einige Veränderungen einhergehen. Also mach dir keine Sorgen. Ich liebe dich und zwar mit allem was dazu gehört.“
Sie lächelte ihn an und ließ ihren Kopf an seine Schulter sinken. „Also erstens, deine Gedanken gehören dir. Ich kann sie nicht lesen. Wir können über Gedanken miteinander kommunizieren. Das ist was völlig anderes. Du kannst es dir wie telefonieren vorstellen. Wenn du etwas mit mir teilen willst, schickst du mir die Gedanken einfach zu. Aber ich werde nicht permanent in deinem Kopf herumspuken.“
„Okay, also kein permanentes Gedankenchaos. Gut zu wissen.“ Seine Erleichterung war beinahe greifbar.
„Und noch was“, sie lächelte ihn an. „Ich liebe dich auch.“
Seine Augen leuchteten, als er anfing sie zu küssen. Ja, er liebte sie und im Gegensatz zu damals, mit seiner Ex-Frau Nancy, hatte er auch nicht das Gefühl irgendetwas vor ihr geheim halten zu müssen, selbst wenn er es gekonnt hätte. Er war ihr erwählter Quiwo, auch wenn er nicht zu ihrem Volk gehörte. Aber eine Quisaw, besonders die höchste Quisaw des Stammes, durfte einen Quiwo von außen erwählen wenn sie es für angebracht hielt, auch wenn es bisher noch nie vorgekommen war.
Gemeinsam ließen sie sich wieder nach hinten sinken und selbst wenn sie jemand hätte erreichen wollen, hätte er keinen Erfolg gehabt.

 

Einige Monate später

Als Victoria nach einem ihrer Einsätze neben John durch das Gate trat, kam direkt ein Marine auf sie zu, der ihr ihr Katana abnahm. Sie wusste, vor dem nächsten Einsatz würde es wieder geputzt und poliert in der Waffenkammer hängen. Sie wusste nicht, wer das übernahm, aber ab und an erledigte sie diese Aufgabe auch selbst. Es hatte irgendwie etwas Beruhigendes für sie. Sie lächelte John an und wollte mit ihm schon den Gateraum verlassen, als Elizabeth aus ihrem Büro auftauchte.
„Victoria, ich muss mit Ihnen reden.“
Victoria schaute John fragend an, doch er zuckte nur mit den Schultern. Elizabeth hatte ernst geklungen, dabei war bei ihrer Abreise noch alles in bester Ordnung gewesen.
Er trat neben Victoria in Elizabeth Büro und entdeckte JP, der sich langsam umdrehte und Victoria ernst anblickte. Jeder Schalk war aus seinem Blick gewichen.
„JP? Was machst du denn hier?“ Victoria schaute ihren Cousin erstaunt an. Ihr war zwar nicht entgangen, dass er sich hervorragend mit der Expeditionsleiterin verstand, aber eigentlich war das bisher auf die Mahlzeiten und gelegentliche freie Nachmittage beschränkt gewesen. Ihn nun im Büro zu sehen ließ ihre Alarmglocken angehen.
„Vicky, du solltest dich setzen.“
„Was ist los?“, kam es von ihr, wobei sie zwischen jedem Wort eine kurze Pause machte.
JP senkte den Kopf. Er ahnte, was diese Nachricht für seine Cousine bedeuten würde. Welche Entscheidungen nun vor ihr lagen. Elizabeth seufzte und blickte Victoria traurig an.
„Victoria, als Sie unterwegs waren, haben wir eine Nachricht von der Erde erhalten. Wir haben leider schlechte Neuigkeiten für Sie.“
Victoria riss die Augen auf. „Was?“
Elizabeth seufzte erneut. „Ihre Großmutter ist letzte Nacht verstorben.“
Victoria wurde blass und sie begann am ganzen Körper zu zittern. John umarmte sie fest und schaute die beiden anderen fragend an.
„Welche Großmutter?“, fragte er JP. Dieser seufzte.
„Die Quisaw ist letzte Nacht im Alter von 109 gestorben. Ihr Sohn, der Quiwo Antonio Martinez bittet um die Anwesenheit seiner Enkeltochter bei den Trauerzeremonien.“
Victoria löste sich langsam von John. Sie schniefte und ihr liefen Tränen die Wangen hinunter, die sie versuchte wegzuwischen.
„Ich werde gehen. Ich muss gehen. Sie brauchen mich.“
Elizabeth nickte. „Natürlich. Gehen Sie ruhig.“ Nachdem Victoria eilig das Büro verlassen hatte, seufzte Elizabeth. „John, ich möchte Sie darum bitten, dass Sie Victoria begleiten.“
„Hatte ich so wie so vor.“ Glaubte Elizabeth etwa, dass er Victoria in dieser Zeit alleine lassen würde? Nur mit Zwang hätten sie ihn in Atlantis halten können.
„Gut. Bleiben Sie solange es nötig ist und richten Sie Victorias Familie unser Beileid aus.“

 

John und Victoria saßen nebeneinander im Flugzeug, das sie nach Del Rio in Texas bringen sollte. Von dort aus würden sie mit einem Wagen über die mexikanische Grenze und ein bis zwei Stunden ins Hinterland fahren. Diese Information waren die einzigen Worte die Victoria seit ihrer Abreise von Atlantis gesagt hatte. Seit drei Tagen, denn auch sie mussten sich an die eintägige Quarantäne auf der Mittelstation halten, starrte Victoria schweigend vor sich hin. John ahnte, was in ihr vorging. Sie hatte einen der ihr wichtigsten Menschen verloren und hatte keine Gelegenheit gehabt, in den letzten Augenblicken bei ihrer Großmutter zu sein. Er wusste jedoch nicht, was er von Victorias Schweigen halten sollte. Es war, als würde sie seinen Trost nicht haben wollen. Als würde sie ihn ausschließen. Und wenn er ehrlich war, so hatte er bereits versucht per Gedanken zu ihr durchzudringen, doch sie hatte ihn tatsächlich abgeblockt, etwas das bisher noch nicht vorgekommen war. Er griff nach ihrer Hand und als sich ihre Armbänder berührten, schaute sie auf. Er lächelte leicht.
„Hör zu Vica. Ich bin für dich da, also schließ mich bitte nicht aus.“
Sie schüttelte den Kopf, wollte was sagen, musste sich aber ob ihres langen Schweigens erst einmal räuspern. „Du hättest mich nicht begleiten müssen.“
„Das seh ich anders. Als mein Dad starb, war es eine große Erleichterung für mich, das Ronon bei mir war, auch wenn ich es nicht zugeben wollte.“
„Ronon war mit dir auf der Beerdigung deines Vaters?“ Sie schaute ihn ungläubig an. „Ist ja auch egal. Glaub mir, ich bin dir dankbar, aber meine Familie wird es anders sehen. Sie werden nicht erfreut über unsere Beziehung sein. Besonders nicht darüber, dass wir das Naquiera vollzogen haben.“
„Woher sollten sie es wissen?“, fragte er sie mit schief gelegtem Kopf.
„Sie werden es wissen.“ Sie blickte aus dem Fenster und seufzte. „Also mach dich auf ziemlich miese Stimmung gefasst.“
John verzog leicht das Gesicht. „Keine Panik, damit komm ich zurecht.“
Doch Victoria hatte da so ihre Zweifel. John hatte es wahrscheinlich noch nie mit einem ganzen Stamm enttäuschter Amerikanischer Ureinwohner zu tun gehabt. Wenn dann noch Trauer mit in die Mischung kam, konnte niemand den Ausgang vorhersehen.

 

Als sie am Internationalen Flughafen von Del Rio in den öffentlich zugänglichen Bereich traten, hörten sie plötzlich eine laute Stimme, die Victorias Namen rief. Sie drehten sich suchend um und zum ersten Mal, seit sie die Nachricht erhalten hatte, zeigte sich so was wie ein Lächeln auf Victorias Gesicht.
„Niño!“ Sie lief auf einen jungen Mann zu, fiel ihm um den Hals und verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter. John verfolgte die Handlung mit skeptischem Blick. Dieses „Kind“ war beinahe zwei Meter groß und hatte ein Kreuz, bei dem jeder Schwimmer neidisch werden würde. Er hatte tief schwarze Haare, dunkle Augen und olivfarbene Haut. Mit den Tätowierungen an den Handgelenken und am Hals zeigte er deutlich was er war. Er war ein Quiwo und stolz darauf. John trat langsam näher und kam genau in dem Moment bei dem Paar an, als der Junge Victoria einen zärtlichen Kuss auf die Wange gab. John kniff die Augen zusammen und räusperte sich. Als wären sie bei etwas verbotenen ertappt worden, fuhren die Beiden auseinander und Victoria lächelte John entschuldigend an.
„Tschuldigung. Niño, John Sheppard. John, mein Cousin Niño Martinez.”
Die beiden Männer reichten einander die Hand und John merkte, wie er lächelte. Ein Cousin. Also, da musste er sich wohl keine Gedanken machen. Doch als hätte Niño seine Gedanken gelesen, legte er Victoria einen Arm um die Schultern, zog sie an sich und grinste.
„Großcousin bitte. Ich würde doch nie etwas Illegales machen. Euer Flug hatte Verspätung, wir müssen uns echt beeilen.“
Er drehte sich um und ging Richtung Parkhaus davon. John ergriff Victorias Hand und stellte die Gedankenverbindung her.
‚Was meint er damit?‘
‚John nicht jetzt.‘
‚Doch! Ich will es wissen. Warum hab ich das Gefühl, als stelle er sich vor, wie du nackt aussiehst? Und was sollte der Spruch von wegen Illegal?‘
Victoria seufzte.
‚Er war es.‘
‚Was?‘
‚Der Quiwo, der vom Ältestenrat für mich ausgesucht wurde. Ihn sollte ich heiraten um die Sicherheit des Stammes zu sichern.‘
‚Aber. Du, ich, Naquiera.‘
Victoria nickte und zog ihre Gedanken zurück. Sie legte John eine Hand an die Wange und gab ihm einen sanften Kuss.
„Deswegen wollte ich auch nicht, dass du mitkommst. Ich wollte das alleine regeln. Also mach dich schon mal darauf gefasst in ein Familiendrama zu geraten.“ Sie beschleunigte ihre Schritte, holte ihren Cousin ein und sprach ihn an. „Hey Niño, du hättest wirklich nicht extra herkommen müssen. Wir hätten auch einen Wagen mieten können.“
Niño ergriff ihre Hand und lächelte. „Mach dir keinen Kopf. Bin selbst erst kurz vor euch aus New York gelandet. Dad und Manuél haben das Auto gestern hergebracht.“ Er wandte sich an John und erklärte. „Manuél ist mein kleiner Bruder. Er wohnt in Del Rio. Deswegen war er schon früher bei unserer Familie.“ Niño verlud ihr Gepäck und hielt Victoria die Beifahrertür auf. „My Lady.“
Sie warf John einen entschuldigenden Blick zu und stieg ein. Niño lächelte herablassend und setzte sich hinters Steuer. John seufzte. Niño tat ihm beinahe leid. Er kämpfte einen Kampf, der für ihn bereits verloren war. Denn eine Sache über das Naquiera hatte Victoria ihm besonders klar gemacht. War das Naquiera einmal vollendet, so war es nicht mehr rückgängig zu machen. Versonnen drehte John an seinem Mamori-Armband. Er überlegte, was wohl auf ihn und Victoria zukommen würde. Wenn es so ähnlich wie damals bei ihm und seinem Vater ablief, dann würde es wirklich äußerst hässlich werden. Aber, sie würden nach der Beerdigung wieder verschwinden. Würden sich dem Zorn der Familie entziehen. Als sie durch ein Schlagloch fuhren, wurde John auf seinem Sitz hin und hergeworfen, was ihn aus seinen Gedanken holte. Er blickte nach vorne, wo Niño und Victoria in eine Unterhaltung vertieft waren. Niño warf Victoria einen langen Blick zu und lächelte.
„Ich hab gestern mit Dad telefoniert. Der Rat will in zwei Tagen die Zeremonie durchführen.“
Victoria senkte den Kopf. „Das wird nicht geschehen.“
„Was? Belleza, die Zeremonie ist wichtig.“
„Um was geht es?“ John beugte sich nach vorne und schaute die Zwei fragend an.
„Die Zeremonie d’el connubio“, antwortete ihm Victoria.
„Eine Eheschließung?“ John war sich nicht sicher, ob seine Sprachkenntnisse ihn das richtig hatten übersetzen lassen.
Niño schüttelte den Kopf. „Es ist mehr als das. Victoria wird ihr Erbe als höchste Quisaw antreten und ich werde ihr Quiwo. Dies ist seit Nonna Victorias Fähigkeiten erkannte und sie zur Nachfolgerin bestimmte entschieden.“
„Ihr wollt einen Tag nachdem ihr eure Großmutter begraben habt eine Hochzeit feiern?“ Ungläubig schaute John zwischen den Beiden hin und her.
Niño grinste schief. „Für die Quisiwam hängen Leben und Tod eng zusammen. In dem wir heiraten, ehren wir unsere Vorfahren.“
Victoria seufzte, griff nach Johns Hand und drückte sie, dann schaute sie Niño ernst an.
„Ich kann die Zeremonie nicht mit dir vollziehen Niño. Denn ich habe meinen Quiwo bereits erwählt.“
Niño trat so heftig auf die Bremse, dass sie alle in ihren Sitzen nach vorne geworfen wurden. Als das Auto zum Stehen gekommen war, blickte er Victoria böse, aber auch ungläubig, an.
„Du hast was?“
Sie nickte. „Ich habe einen Quiwo erwählt. Und es ist auch nicht mehr zu ändern.“
„Du hast das Naquiera vollzogen? Mit einem Fremden? Hast du denn alles vergessen, was man dir beigebracht hat? Wie konntest du so leichtsinnig sein? Hast du eine Ahnung, was das für Auswirkungen hat?!“
Victoria sank immer tiefer in ihrem Sitz nach unten. John kannte ihren Gesichtsausdruck sehr gut. Genauso hatte sie auch nach ihrem ersten Kuss ausgesehen. So absolut voller Schuld und Selbstvorwürfe. Er merkte ihre Gefühle beinahe körperlich und traf eine Entscheidung.
„Moment mal Niño. Meinen Sie nicht, dass es Victoria bereits schwer genug hat? Sie weiß das alles, was Sie ihr gerade an den Kopf geworfen haben. Sie ist sich dessen voll und ganz bewusst. Und leicht fällt ihr das alles bestimmt nicht. Das können Sie mir glauben.“
Niño drehte sich auf seinem Sitz um und funkelte John an. „Was hast du eigentlich zu melden? Du hast absolut keine Ahnung, wovon wir hier reden.“
„Doch das hat er“, kam es leise von Victoria.
„Du hast ihn eingeweiht? Ihn? Einen Weißen, der absolut…“, Niño unterbrach sich selbst, schaute von John zu Victoria und entdeckte die verbundenen Mamoris. „Er?! Er ist dein erwählter Quiwo? Was zeichnet ihn denn aus? Was macht ihn besonders? Warum hast du ihn statt mir gewählt?“ Niño wusste, dass er sich wie ein eifersüchtiger Freund anhörte. Aber so fühlte er sich nun mal. Sein Leben lang hatte er auf den Tag gewartet, an dem Victoria endlich ihm gehören würde. Und nun, wo es schließlich soweit war, war sie bereits vergeben. Victoria blickte zu John und zog fragend eine Augenbraue hoch. Er dachte kurz nach und nickte dann. Sollte sie Niño ruhig alles erzählen. Vielleicht würde er dann verstehen und in diesem Fall war das Geheimhaltungsabkommen zweitrangig. Sollte je jemand erfahren, dass sie einen Außenstehenden eingeweiht hatten, würde ihnen schon etwas einfallen.
Victoria griff mit ihrer rechten Hand nach Niños und lächelte ihn traurig an. Dann fing sie an ihm alles zu erzählen. Von Atlantis, den Wraith, den Antikern und davon, dass John zu den wenigen Menschen auf der Welt gehörte, die das Gen von Geburt an besaßen. Außerdem war bei ihm das Gen sehr viel stärker ausgeprägt, als bei anderen.
„John trägt ein ebenso wichtiges Erbe in sich, wie ich. Vielleicht war es Schicksal, das ich diesen Job annahm, auch wenn ich weiß Gott noch andere und auch bessere Möglichkeiten hatte. Ich bin mit ihm glücklicher, als ich es jemals zuvor war“, schloss sie ihre Erklärung.
Niño seufzte, aber dann sah er die Blicke, die sich John und Victoria zuwarfen. Unter all ihrer Trauer war sie wirklich glücklich.
„Na gut. Zu ändern ist es ja eh nicht mehr. Aber ich werde dir nicht dabei helfen den Ältesten die Situation zu erklären.“
„Niño!“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, du hast dich da reingeritten, also find selber einen Ausweg aus der Sache.“ Sie drückte tröstend seine Hand, woraufhin er lächelte. „Aber ich stell euch gerne meinen Wagen als Fluchtauto zur Verfügung.“
John grinste dankbar und zur Not gab es immer noch den Asgardtransporter an Bord der Prometheus, der sie rausholen konnte.
„Danke Mann. Aber wir sollten, glaub ich, weiter fahren.“
Victoria und Niño nickten. Er startete das Auto und fuhr weiter nach El Remolino, einem kleinen Dorf mit knapp 800 Einwohnern, in dessen Nähe die größte Siedlung der Quisiwam lag.

 

John stand am Rand des Zeremonienplatzes und holte tief Luft. Niños Reaktion im Auto hatte ihnen eine gute Vorstellung von dem gegeben, wie die Anderen auf ihre Beziehung und Victorias Entscheidung reagieren würden. Und so war es auch gewesen. Alle hatten ihre Wut mit ihrer Trauer kaschiert, aber John war sich sicher, sobald die Bestattungszeremonien vorbei wären, würde die volle Macht der Vorwürfe auf sie einprasseln. John verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schaute in den Nachthimmel. So viele Sterne hatte er bisher nur in Afghanistan gesehen. Aber damals war er im Einsatz gewesen und hatte wenig Zeit gehabt sich den Nachthimmel zu betrachten. Aber hier, in diesem kleinen Kaff in der Einöde Mexikos, konnte er die Aussicht voll und ganz genießen.
‚Apropos Aussicht genießen‘, dachte er, als Victoria aus der Hütte ihrer Großmutter trat. Als sie im Dorf angekommen waren, hatte sich Victoria umgezogen und war wieder zu einer Quisaw geworden. Sie trug ein Wildlederoberteil, das knapp unter ihrem Bauchnabel endete, und einen Wildlederrock, der bis zu ihren nackten Füßen reichte und an beiden Beinen bis zur Mitte der Oberschenkel geschlitzt war. Ihre langen Haare, die sie eigentlich immer offen oder mal in einem Pferdeschwanz trug, waren in eine kunstvolle Flechtfrisur verwandelt worden. Victoria entdeckte John und kam langsam auf ihn zu.
„Und? Lebst du noch? Tut mir leid, dass ich dich allein gelassen habe.“
„Kein Ding“, winkte er ab. „Ich hab mich ganz gut mit deinem Dad unterhalten.“
„Oh. Meine Eltern sind da?“ Sie schaute sich suchend um, konnte aber niemanden entdecken.
John nickte. „Seit ein paar Stunden.“ Er bemerkte, das Victoria etwas hinter ihrem Rücken versteckte. „Was hast du da?“
„Was? Ach das? Das ist gar nichts.“
„Vica“, sagte er langsam und sie wurde rot.
„Na gut. Ähm, bei den Quisiwam gibt es für jeden Anlass bestimmte Kleidung und jeder, der teilnehmen will, muss diese Kleidung tragen. Und besonders du als mein Quiwo musst dich daran halten.“
John seufzte. „Was kommt auf mich zu?“
Victoria reichte ihm das Bündel und er faltete es auseinander. Zum Vorschein kamen braune Wildlederhosen und ein aus schwarzem Leder bestehendes Oberteil. An beiden waren Federn, Perlen und Fransen in verschiedenen Farben angebracht. Victoria lächelte. „Dazu wird normalerweise ein Nemanwi getragen.“
John verzog leicht das Gesicht, als er an den Nemanwi dachte, den Victoria ihm geschenkt hatte und der jetzt auf ihrem Bett in Atlantis lag. Sie interpretierte seinen Gesichtsausdruck richtig und lächelte.
„Keine Sorge, ich hab ihn eingepackt. Oh, und noch was. Die Quisiwam tragen nur im Winter Schuhe. Du wirst also wohl die nächsten Tage barfuß rumlaufen müssen.“
„Okay“, meinte er langsam. Erst langsam begriff er, was es wirklich hieß ein Quiwo zu sein. Seine Vorstellung war bisher immer von Ronons Erscheinungsbild geprägt gewesen und dabei hatte er vergessen, dass dieser aus einer anderen Welt stammte. Die Traditionen der Satedaer hatten sich ein wenig weiter entwickelt. Das Gefühl beiseite schiebend schaute er sie fragend an. „Sei ehrlich Vica. Wie geht’s dir?“
Sie lächelte unsicher und kuschelte sich an ihn. „Ganz ehrlich? Momentan halte ich mich durch die Vorbereitungen für die Bestattung und dem anderen Kram aufrecht. Aber ich glaube, wenn das vorbei ist, werd ich wahrscheinlich einfach zusammenbrechen.“
Er gab ihr einen Kuss auf den Scheitel und umarmte sie noch fester. Einige Minuten standen sie so da, dann räusperte sich John. „Ich hab’s dir heute schon einmal gesagt, aber ich wiederhol mich gerne. Wenn du mich brauchst, dann bin ich für dich da.“
„Danke“, sie nickte langsam. „Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann.“ Sie holte tief Luft. „Ich muss wieder rein. Meine Onkel Eleazar und Nico werden später zu dir kommen und dir die genauen Abläufe für morgen erklären.“
John tat so, als würde er mit einem Mal extreme Schmerzen erleiden. „Warum ausgerechnet Nico und Eleazar? Ich hab das Gefühl, das Eleazar mich wirklich hasst.“
„Ach komm, John. Eleazar hasst dich nicht, genauso wenig wie Nico und die anderen. Sie sind nur einfach ein wenig misstrauisch gegenüber Fremden.“
Victoria lächelte, als John sie umarmte. Dass ihre Onkel aber in der Hauptsache enttäuscht waren, behielt sie für sich. Sie wollte nicht, dass John sich verpflichtet sah ihren Kampf mit ihren Verwandten austragen zu müssen. Das war ihre Aufgabe.
„Okay, dann geh mal wieder rein. Und Vica? Du siehst absolut heiß als Indianerin aus.“
Sie drehte sich um und ging wieder in die Hütte. John lehnte sich an einen Baum und lächelte. Oh ja, er liebte sie wirklich und er würde alles für sie tun. Er zog sich sogar für sie wie ein Idiot an. Aber was tat man nicht alles für die Liebe? Er blickte in den Sternenhimmel und seufzte. Irgendwo dort war Atlantis. Irgendwo dort würde Rodney wieder ein scheinbar unlösbares Problem lösen, Ronon wie ein Verrückter trainieren, Elizabeth die Teams briefen die auf Einsätze gingen und Teyla versuchen in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft einen ruhigen Kopf zu bewahren. Er war gerade mal drei Tage weg und schon vermisste er sie alle. Er blickte sich um und schüttelte den Kopf. Nein, er gehörte einfach nicht mehr auf die Erde. Sein Leben, seine Heimat, seine Freunde, das alles war mittlerweile in Atlantis und so würde es auch bleiben. Er hoffte, dass er Victoria dazu überreden konnte auch für immer dort zu bleiben. Er wollte sie einfach nicht verlieren. Konnte es auch nicht.
Durch das Erscheinen von zwei Männern wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Es waren Victorias Onkel Eleazar und Nico.
„Colonel.“ Sie nickten ihm zu und setzten sich dann vor ihm auf den Boden. Er wusste genau, würde er stehen bleiben, so wäre dies ein Zeichen von Unhöflichkeit und er wollte es sich auf gar keinem Fall mit diesen beiden Männern verscherzen. Also ließ er sich langsam auf den Boden sinken, immer darauf bedacht, die Kleidung, die Victoria ihm gegeben hatte nicht zu beschmutzen.
„Colonel, auch wenn dies noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür ist, müssen wir über eine Sache reden. Victoria hat uns bereits erzählt, dass sie Niño nicht heiraten kann, weil sie das Naquiera bereits mit Ihnen vollzogen hat. Wir wissen auch, dass Sie nicht hier bleiben können, da Sie Soldat mit einem aktiven Auftrag sind. Aber Sie müssen sich über eines im Klaren sein. Victorias Platz ist ab sofort hier. Sie muss den ihr zugewiesenen Platz in unserer Gemeinschaft einnehmen. Auch wenn das bedeutet, dass sie ihren Quiwo wegschicken muss. Aber es bleibt ihr keine andere Wahl.“
John schüttelte den Kopf. „Vica ist eine großartige Frau, die einen eigenen starken Willen hat. Und wir leben in einer Zeit, in der Frauen nicht mehr in irgendwelche Rollen gezwungen werden. Also, sollten wir nicht Vica die Entscheidung überlassen, wo sie in Zukunft leben will?“
Nico und Eleazar schüttelten verneinend den Kopf. „Victoria ist die höchste Quisaw. Es ist ihre Pflicht, ihre heilige Aufgabe, unser Volk zu führen. Und wir werden es nicht zulassen, dass ein Gringo sie daran hindert. Sie wissen wie das mit Pflichten und Aufträgen ist. Also, wir werden Ihnen jetzt sagen was Sie morgen machen werden. Sie werden als Victorias Kollege an der Zeremonie teilnehmen. Danach werden Sie von Niño zum Flughafen gebracht und Sie werden dahin verschwinden, wo Sie hergekommen sind. Victoria hingegen wird bei uns bleiben und ihr Volk anführen, so wie es immer ihre Bestimmung war.“
John setzte sich leicht auf. „Und wenn ich mich weigern sollte?“
Eleazar und Nico lächelten kalt. „Das würden wir Ihnen nicht raten.“
„Und wie wollen Sie Victoria mein Verschwinden begreiflich machen?“
„Überlassen Sie das ruhig uns.“ Das Lächeln der beiden Männer wurde noch kälter und John rann ein Schauer über den Rücken. Diese Beiden meinten es wirklich ernst und mit ihnen war auch nicht zu spaßen. Er nickte langsam, um die Männer in Sicherheit zu wiegen. Er wollte in Ruhe über das alles nachdenken. Eleazar und Nico standen auf, nickten ihm zu und gingen wieder zurück zum Ältestenrat, der die letzten Vorbereitungen für die Beisetzung traf. John schaute in den Nachthimmel, aber anders als noch vor ein paar Minuten spendeten ihm die Sterne diesmal keinen Trost. Sie zeigten ihm nur, wie alleine er auf dieser Welt war.

 

Als Victoria in die Hütte kam, in der sie immer schlief wenn sie ihre Familie besuchte, entdeckte sie John, der bereits schlafend auf dem schmalen Bett lag. Als sie diese Hütte bekam, war sie noch so jung gewesen, dass ein breiteres Bett einfach nicht notwendig gewesen wäre. Aber nun, nun war sie nicht mehr allein und würde es auch nie wieder sein. Sie hatte eine neue Heimat, hatte den Mann gefunden den sie liebte und sie würde mit ihm nach Hause gehen. Nach Hause, nach Atlantis. Als sie in Johns Gesicht blickte, runzelte sie die Stirn. Irgendetwas schien ihn auch in seinen Träumen zu verfolgen. Irgendetwas schien ganz und gar nicht zu stimmen. Sie überlegte, was geschehen sein könnte, aber nichts schien ihr so dramatisch, dass John unruhig schlief. Die Jahre beim Militär hatten ihn zu einem Mann gemacht, der jederzeit und überall einschlafen konnte. Er schlief dann immer wie ein Stein, wachte aber sofort auf sobald er ein, scheinbar verdächtiges, Geräusch hörte. Diese Seite an ihm hatte schon zu ein paar amüsanten Situationen zwischen ihm und Victoria geführt, wenn sie noch länger am Arbeiten gewesen war. Aber diesmal, sie schüttelte den Kopf. Er hatte so ruhig gewirkt, als sie ihm vorhin die Klamotten gebracht hatte. Lag es vielleicht daran, was er tragen musste? Welche Erwartungen an ihn gestellt wurden, weil er ihr Quiwo war? Das konnte sie sich eigentlich nicht vorstellen. Eleazar und Nico hatten ihr gesagt, er hätte die Regeln für die Zeremonie verstanden und würde sich daran halten. Also was war los mit ihm? Sie zuckte mit den Schultern, zog sich aus und legte sich vorsichtig neben ihn auf das Bett. Sofort drehte sich John auf die Seite und legte einen Arm um sie. Sie kuschelte sich an ihn und schloss die Augen. Er war ein Teil von ihr und sie wusste nicht, was sie tun würde sollte sie ihn jemals verlieren.
‚Ich liebe dich John‘, dachte sie und schickte diese Gedanken in seine Richtung.
„Liebe dich auch, Vica“, murmelte er und sie lächelte leicht. Natürlich war er durch ihr Erscheinen wach geworden.
„Alles in Ordnung?“ Sie drehte sich in seinen Armen um und schaute ihn an. In seinen Augen war ein Ausdruck, den sie nicht recht deuten konnte. Er nickte langsam und gab ihr einen tiefen Kuss.
„Natürlich. Bei mir ist alles bestens. Und bei dir?“
„Ich halte mich ganz gut, wie man so schön sagt.“
John nickte und gab ihr noch einen Kuss. „Vielleicht sollten wir schlafen. Der morgige Tag wird wirklich anstrengend.“
„Vielleicht hast du recht.“ Sie kuschelte sich in die Kissen und schloss die Augen. „Meinst du, Elizabeth erlaubt es uns ab und an auf der Erde Urlaub zu machen?“
„Hast deine Familie wohl wirklich vermisst?“
„Natürlich.“
John seufze. „Ich werde mit ihr reden, wenn wir wieder da sind.“
„Das ist gut“, kam es leise von ihr, da sie bereits am Einschlafen waren. „Ich hab sie wirklich alle total vermisst.“
John beobachtete, wie Victoria einschlief und fällte eine Entscheidung. Es würde nicht leicht für ihn werden, aber es musste so sein.

 

Niño trat neben John und gab ihm einen leichten Schubser gegen die Schulter. John löste den Blick von Victoria, die mit einigen anderen Frauen, die meisten davon angeheiratete Tanten und Cousinen von ihr, die rituellen Tänze vollführte, mit denen die Quisiwam ihre Toten verabschiedeten. Die Beerdigung war fast vorbei und John wusste, dass seine Zeit ablief.
„Hey Mann, du siehst beinahe aus wie einer von uns.“ John schaute an sich herunter und lächelte. Die Kleidung passte wie angegossen und es war ihm auch nicht unangenehm sie zu tragen. „Besonders der Nemanwi ist super.“
„Den hat Victoria als Geschenk für mich gemacht.“
Niño runzelte die Stirn. „Hat sie dir erzählt, was es bedeutet, wenn eine Quisaw einen Nemanwi in Kombination mit einem Mamori-Armband verschenkt? Besonders wenn sie ein identisches Armband trägt?“
John schüttelte den Kopf, gespannt darüber, was Niño ihm erzählen würde. Niño betrachtete die Symbole auf Johns Nemanwi und lächelte.
„Ein Nemanwi ist wie ein Strauß Blumen. Der Schenkende drückt damit aus, dass er Interesse an der anderen Person hat. Der Beschenkte kann das Angebot annehmen oder ablehnen. Aber er wird den Nemanwi immer behalten. Ihn zurück zugeben ist das Schlimmste, was man tun kann. Wenn dann eine Quisaw einem Quiwo ein Mamori-Armband schenkt und es ihm an das rechte Handgelenk bindet, dann ist dies mehr als nur ein Angebot. Es ist ein Versprechen. Das Versprechen immer für den anderen da zu sein. Ich mag es vielleicht nicht gut finden, dass sie dich gewählt hat. Aber das liegt nur daran, dass mein Stolz verletzt wurde. Ich habe mein Leben lang meine Gedanken immer nur auf Victoria gerichtet. Sie war alles was ich immer wollte. Ich habe keine anderen Frauen bemerkt und wenn, dann hab ich sie mit Victoria verglichen. Sie war für mich schon immer die schönste Frau auf der Welt und wird es vielleicht auch immer sein. Aber irgendwie war da immer so ein Gefühl, als würde sie mich nie richtig wahrnehmen. Und letzten Endes stimmte es ja auch. Sie hat dich gefunden. So wie sie dich ansieht, so hat sie bisher noch nie jemanden angesehen. Also, lass dich bitte nicht zu einer Dummheit hinreißen.“
„Ist es auch eine Dummheit, wenn man damit etwas Richtiges tut?“, fragte John nachdenklich, sich mit einem Mal der vollen Bedeutung von so etwas einfachem wie einem Geschenk bewusst werdend.
„Kommt drauf an, für wen es das Richtige ist. Ich hab mir heute die Symbole auf deinem Nemanwi genau angeschaut. Einen Teil kann ich nicht entziffern, aber die Quisiwam-Symbole stehen für Liebe, Loyalität und Schutz.“
„Die anderen stammen von den Antikern. Ich kann nicht so gut antikerisch, aber ein Kollege hat mir gesagt, dass sie genau das Gleiche ausdrücken.“
Niño nickte langsam. „Dann solltest du dir vielleicht mal darüber Gedanken machen, was das wirklich zu bedeuten hat. Wenn sie dir einen Nemanwi schenkt, auf dem in zwei Sprachen das Gleiche steht. Wenn sie dich so bedingungslos liebt, dass sie sich den Zorn der Ältesten zuzieht, in dem sie die Beziehung zu dir nicht verheimlicht. Was glaubst du, was das dann bedeutet?“
John seufzte und fing die Blicke von Eleazar und Nico auf. Er wusste, er hatte nicht mehr viel Zeit.
„Hör zu Niño, ich danke dir. Wirklich. Und es tut mir leid, dass du nicht das bekommen hast, was du dir wünschst.“
Niño winkte ab. „Ach was. Ich seh die ganze Sache so, dass mir nun eine ganze Welt voller hübscher Frauen zur Verfügung steht.“
John lächelte und schaute erneut zu Victoria. Der Tanz war beinahe vorbei. Danach würde der Leichnam auf ein hohes Holzgestell gelegt und anschließend verbrannt werden. Die Asche wurde einfach dem Wind überlassen. Der Wind würde, nach dem Glauben der Quisiwam, den Verstorbenen zu seinen Vorfahren bringen, wo er auf sein neues Leben warten würde. Niño seufzte, denn auf ihn kam die schwere Aufgabe zu, seine eigene Großmutter anzünden zu müssen.
„Ich werd dann mal.“
John nickte ihm zu und als er wieder alleine war, zog er sich langsam in die Schatten der Hütten zurück. Er würde schnell seine normale Kleidung anziehen und dann mit seinem Handy im SGC anrufen und um einen Sondertransport auf die Prometheus bitten. Er sollte wirklich so schnell wie möglich verschwinden. Hier auf der Erde hatte er wirklich nichts mehr verloren. Er war so auf seine Schritte konzentriert, dass er nicht bemerkte, wie ihm zwei Personen folgten.
Eleazar und Nico beobachteten wie er in Victorias Hütte verschwand, kurz darauf in seiner normalen Kleidung wieder heraustrat, ein kurzes Telefonat führte und anschließend, nach einem kurzen Blick Richtung Zeremonienplatz, in der Dunkelheit verschwand. Sie lächelten einander zu und drehten sich um. Der Gringo hatte doch mehr Verstand, als sie gedacht hatten. Und so würde Victoria den ihr zustehenden Platz einnehmen, ohne jedwede Ablenkung.

 

 

tbc...

Chapter Text

 

 

John trat durch das Stargate in Atlantis, warf einem Marine seine P90 zu und ging direkt durch die Gänge zu seinem Zimmer. Seit über zwei Monaten, seit seiner Rückkehr nach Atlantis, war er nicht mehr in Victorias Zimmer gewesen. Er wollte nicht an die glücklichen Stunden erinnert werden, daher hatte er auch das Mamori abgenommen. Und obwohl Niño ihm gesagt hatte, dass man niemals einen Nemanwi zurückgeben durfte, hatte er seinen in der Siedlung bei El Remolino zurück gelassen. Er wollte nicht mehr an sie erinnert werden. Er wollte alles vergessen. Sie vergessen. Einfach nur weiter leben. Wobei man seinen momentanen Zustand weniger als Leben, sondern vielmehr als ein einfach nur noch existieren bezeichnen konnte. In seinem Zimmer angekommen pfefferte er die Schutzweste in die eine und seine Schuhe und das Headset in die andere Ecke, danach ließ er sich auf sein Bett fallen und schloss die Augen. Zwei Monate. Seit zwei Monaten war er bereits wieder auf Atlantis und nichts hatte sich geändert. Michael gewann immer noch an Stärke und er vermisste Victoria so sehr, dass es schon beinahe wehtat.

 

Elizabeth hatte, zusammen mit JP, Johns Abgang beobachtet und drehte sich Kopfschüttelnd um. Es war John anzusehen, dass er litt. Er war übermüdet, reizbar und brachte sich immer und immer wieder in unnötige Gefahren. Er war nur in wenigen Momenten scheinbar so wie früher und das war, wenn er bei Teyla und ihrem Sohn war. Teyla hatte kurz nach Johns Rückkehr einen gesunden Jungen zur Welt gebracht und ihn Torren John genannt. Nach ihrem Vater und seinem Patenonkel. In Torrens Gegenwart hielt er sich mit seinen Launen zurück. Sie alle machten sich Gedanken um John und das war auch der Grund, warum Elizabeth JP in ihr Büro gebeten hatte.
„JP, haben Sie irgendwelche Nachrichten von Victoria erhalten?“ Er setzte sich und schüttelte den Kopf.
„Ihr Vater ließ mir über das SGC nach der Beerdigung eine Nachricht von ihr zukommen. Darin ließ sie mich wissen, dass ich doch bitte dafür sorgen soll, dass der Mistkerl seine gerechte Strafe bekommt und für immer in der Hölle leiden soll. Das waren ihre Worte, nicht meine oder die ihres Vaters. Ich weiß nicht, was in Mexiko passiert ist, aber offenbar war es ziemlich schlimm.“
Elizabeth nickte nachdenklich. „Auch aus John war nichts herauszubekommen. Er sagte nur, dass ihm etwas klar geworden wäre und das Victoria auf der Erde bleiben würde.“
„Und genau das verstehe ich nicht. Victoria hat mich irgendwann mal in ihr ganzes indianisches Erbe eingeweiht. Wenn sie sich mit jemandem verbindet, so wie es bei ihr und John der Fall war, dann ist dieses Band unauflösbar. Sie können sich niemals trennen, selbst wenn sie es wollten. Es wäre, als würde man versuchen eine Hälfte von sich selbst herauszureißen. Etwas, das nicht möglich ist und einen nur unglücklich macht. Und genau das ist der Grund, warum ich nicht glaube, dass die beiden sich freiwillig getrennt haben. Wie schon gesagt, irgendetwas muss passiert sein und es war bestimmt nichts Gutes.“
Elizabeth nickte nachdenklich. JPs Beschreibung passte genau zu Johns Verhalten der letzten Wochen.
„Und was schlagen Sie jetzt vor?“
JP zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Wir müssten erst einmal herausfinden, was genau passiert ist. Und ich glaube nicht, dass John uns irgendetwas erzählen würde. Ich schätze ihn nicht als jemand ein, der seine Gefühle anderen mitteilt.“
„Nein, das kann man von John wirklich nicht sagen. Also bleibt uns wahrscheinlich nichts anderes übrig als abzuwarten.“
„Wird wahrscheinlich das Beste sein. Vielleicht...“, JP wurde in diesem Moment von der Aktivierung des Gates unterbrochen. „Erwarten wir jemanden?“
Elizabeth schüttelte den Kopf und ging mit schnellen Schritten in den Kontrollraum. „Chuck, was ist los?“
„Unplanmäßige Aktivierung von außen.“ In diesem Moment erschien auf seinem Bildschirm ein Code und er runzelte die Stirn. „Komisch, es ist Victorias persönlicher Code. Und er kommt von der Mittelstation.“
Elizabeth nickte. „Lassen wir sie rein. Vielleicht klärt sich nun alles auf.“ Sie verließ den Kontrollraum und ging die Treppe zum Gate hinunter. JP folgte ihr, denn auch er war auf eine Erklärung gespannt. Als Victoria durch das Gate trat, wichen er und Elizabeth allerdings einen Schritt zurück. Die Frau, die vor ihnen stand, schäumte vor Wut. Ihre grünen Augen glühten gefährlich und beide waren sich sicher, dass sie in diesem Moment nicht in Johns Haut stecken wollten.
„Wo ist er?“, fragte Victoria mit gefährlich ruhiger Stimme.
„Ähm, er ist in seinem Zimmer“, kam es zögernd von JP.


Victoria nickte und stürmte durch die Gänge zu Johns Zimmer. Jeder der ihr begegnete schreckte vor ihr zurück, denn mit dieser Furie wollte sich keiner anlegen. Vor Johns Zimmer blieb sie stehen und holte einmal tief Luft. Nicht um sich zu beruhigen, ganz im Gegenteil. Sie führte sich vor Augen, was John getan hatte und die Wut kochte erneut in ihr hoch. Die Wut, die bereits seit Wochen in ihr kochte. Sie wollte die Tür öffnen, merkte aber, dass sie von innen blockiert war. Sie zischte und wartete. Bestimmt würde John durch das Signal alarmiert, welches ertönte, wenn jemand herein wollte, zur Tür kommen. Nach beinahe einer Minute öffnete sich tatsächlich die Tür und John stand vor ihr. Als er sie sah, riss er die Augen auf und trat einen Schritt zurück.
„Vica? Was machst du denn hier?“
„Ja genau Vica. Die Vica, die du ohne jedes Wort mitten in Mexiko zurück gelassen hast. Und was ist dir eigentlich eingefallen den Nemanwi dazulassen?! Nachdem Niño dir gesagt hat, was ein Nemanwi bedeutet. Besonders was er in unserem Fall bedeutet!“ Sie schubste ihn in sein Zimmer und registrierte zufrieden, wie sich die Tür hinter ihr schloss. Es musste wirklich nicht jeder mitbekommen, was sie ihn an den Kopf zu werfen hatte.
„Hör mal Vica, es tut mir leid.“
„Komm mir nicht mit es tut mir leid. Du bist einfach abgehauen. Hast im SGC angerufen und dich weg porten lassen. Und ich stand da und wusste nicht was los war. Gab‘s einen Notruf aus Atlantis? Ist irgendetwas passiert, dass deine sofortige Anwesenheit erforderte? Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als ich erfuhr, dass es nichts dergleichen war. Das du einfach nur abgehauen bist. Was ist passiert? Hast du dich bei meiner Familie unwohl gefühlt? Hab ich dich durch irgendetwas unter Druck gesetzt?“ Sie steigerte sich immer weiter in ihre Wut hinein. „Ich versteh es einfach nicht.“
John seufzte. Sie hatte wirklich keine Ahnung, was passiert war. Sie sah nur, dass er verschwunden war. Sie verdiente wirklich eine Erklärung.
„Vica, es tut mir echt leid. Aber ich hielt es für das Beste zu gehen und dich bei deinem Volk zu lassen. Sie brauchen dich. Das ist mir klar geworden.“
„Mein Volk ist mittlerweile Atlantis“, fauchte sie ihm entgegen. „Meine erwählte Familie ist hier. Natürlich war es schön die Anderen mal wieder zu sehen, aber hier bin ich nun zu Hause.“
„Aber, du hast eine Aufgabe. Auf der Erde. Als Quisaw deines Volkes. Sie verlassen sich auf dich.“
„Das ist mir egal“, schrie sie ihm entgegen.
„Sollte es aber nicht. Und das wurde mir sehr deutlich gesagt“, meinte John um Ruhe bemüht.
„Von wem?“ Sie wollte wirklich gerne wissen, wer es schaffte einen so willensstarken Menschen dazu zubringen einen Teil von sich selbst zurück zulassen.
„Was?“
„Wer hat dir den Floh ins Ohr gesetzt, dass es besser wäre, wenn ich dort bliebe? Wer hat dafür gesorgt, dass ich die schlimmsten Monate meines Lebens erfuhr?“
„Eleazar und Nico“, sagte er langsam. „Sie kamen am Tag vor der Zeremonie zu mir und sagten mir, dass es für dich und mich das Beste wäre, wenn ich ginge.“
„Verdammt John!“ Sie merkte, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. „Du bist ein Soldat und da machen dir zwei alte Männer, die erkennen, dass sie eben nicht alles kontrollieren können was sie kontrollieren wollen, wirklich Angst?“
„Du hättest ihre Gesichter sehen sollen“, versuchte er sich an einer Erklärung.
„Das habe ich! Glaub mir, ich habe diesen Ausdruck in den letzten Wochen sehr oft gesehen. Denn ich…“, sie spürte, dass ihre Zeit abgelaufen war. Sie rannte an John vorbei in sein Bad und schaffte es gerade noch sich über die Kloschüssel zu beugen, ehe sie sich übergab. Das war ja wirklich prima. Sie wusch sich den Mund aus, ließ sich an der Wand nach unten sinken und legte eine Hand auf ihren Bauch.
‚Tut mir Leid, Kleines. Mom und Dad sollten sich wirklich nicht streiten.‘
John war ihr langsam gefolgt und beobachtete sie nun besorgt. Victoria war noch nie so erschöpft gewesen. Auch wenn sie von anstrengenden Einsätzen zurückkamen, so hatte sie immer noch vor Energie gestrotzt. Aber nun wirkte sie angeschlagen und unglücklich. Er setzte sich neben sie und seufzte.
„Warum bist du wieder hier, Vica?“
Sie schaute auf und lächelte traurig. „Glaub mir, das war nicht leicht. Ich musste mich gegen den Ältestenrat durchsetzen und dem IOA klarmachen, dass ich meine Stelle nicht gekündigt habe. Danke übrigens dafür, dass es alle glaubten. Aber ich hatte bei all dem Unterstützung.“
„Wer?“
„Niño. Als er erfahren hat, was genau los ist, hat er sich bereit erklärt mir zu helfen. Außerdem ist er verliebt.“
„Ach echt?“ Diese Nachricht freute John wirklich.
Victoria nickte. „Er hat in New York eine Kollegin, die anscheinend schon immer auf ihn stand. Nur hat er es erst jetzt bemerkt, weil seine Gedanken nicht mehr auf mich fokussiert waren. Er hat mir geholfen nicht durchzudrehen.“
„Was genau ist passiert?“
Sie fuhr sich durch die Haare und John registrierte erst jetzt richtig, dass sie eine neue Frisur hatte. Ihre Haare, die sonst immer bis zur Taille gereicht hatten, waren nun zu einer frechen, knapp schulterlangen Frisur geschnitten. Es war, als wollte sie damit ein Zeichen setzen. Eine Quisaw hatte keine kurzen Haare, so waren nun einmal die Regeln. Sie seufzte.
„Ich bin hier, weil ich dir etwas sagen muss. Natürlich war ich wütend darüber, dass du mich einfach so zurück gelassen hast. Aber, das ist nur einer der Gründe. Ich gehöre zu dir. Für immer und ewig. Wir sind durch das Naquiera miteinander verbunden. Und nicht nur dadurch.“
„Wie meinst du das?“
Sie ergriff seine Hand und verband ihre Gedanken mit seinen. Und er spürte es. Spürte, was sie ihm nicht sagen konnte, weil sie nicht wusste, wie er darauf reagieren würde. Er zog seine Hand zurück und schaute sie ungläubig an.
„Du bist…?“ Sie nickte. „Von mir?“
„Natürlich von dir, du Idiot! Von wem denn sonst? Hör zu, wenn du die Verantwortung nicht tragen willst, dann kann ich das verstehen.“ Sie versuchte die Enttäuschung aus ihrer Stimme herauszuhalten. „Aber ich will, dass unser Kind seinen Vater kennt und das geht nicht, wenn ich auf der Erde bleibe. Ich will, dass es mit Mutter und Vater aufwächst. Wir wissen beide, wie es ist wenn der Vater auf Grund seines Berufes wenig anwesend ist und das will ich ihm ersparen. Ich will hierbleiben, damit unser Kind beide Elternteile hat. Ich…“
John unterbrach jeden weiteren Redeschwall, indem er sie an sich zog und küsste. Innerlich seufzte Victoria. Dies war der bestmögliche Ausgang, den sie sich vorgestellt hatte. John legte seine Stirn gegen ihre und lächelte.
„Mein Gott, ich werde Vater. Das ist so unfassbar!“
Victoria lachte. „Glaub mir, diese Phase hab ich bereits hinter mir. Jetzt bin ich in der ‚Oh Gott mir ist schlecht, ich glaub ich muss kotzen‘-Phase.“
„Ich glaub, die fängt grade bei mir an. Ich, oh Gott.“ Er atmete tief durch. „Was sagt deine Familie dazu?“
„Niño ist total begeistert und hat sich schon für den Job als Patenonkel beworben. Meine Eltern sind glücklich, auch wenn sie es nicht so toll finden einen unehelichen Enkel zu bekommen. Und der Rest weiß es noch nicht. Als ich es erfuhr, bin ich aus El Remolino abgereist. Nun da ich weiß, was Eleazar und Nico getan haben, kann ich auch ihr Verhalten verstehen. Sie wollten unbedingt, dass ich mich einer Zeremonie unterziehe, die mich zur offiziellen Anführerin des Stammes gemacht hätte. Aber mir war von Anfang an klar, dass ich wieder nach Atlantis zurückgehe. Und die Quisiwam verdienen ein Oberhaupt das immer da ist. Es wäre ihnen gegenüber einfach nicht fair gewesen. Also hab ich mich mit ihnen gestritten und bin zu Niño nach New York gegangen.“
John holte tief Luft. „Nun ja, ich kann nicht unbedingt behaupten, dass ich es so schlimm finde wenig mit den Beiden zu tun zu haben. Aber, ich will ehrlich zu dir sein. Schon Wochen vor der Abreise hab ich mir über etwas Gedanken gemacht. Kannst du aufstehen? Ich will dir etwas zeigen.“ Er erhob sich und reichte ihr die Hand. Sie ließ sich von ihm aufhelfen und folgte ihm in sein Zimmer. Er dirigierte sie zum Sofa und fing an, etwas in einer Schublade zu suchen.
„Was machst du da?“
„Moment noch. Ah, da ist es ja.“ Er kam zu ihr und setzte sich. „Also, es tut mir leid, dass ich den Nemanwi bei dir gelassen habe. Dann hab ich das Mamori abgenommen, weil es mich einfach zu sehr an etwas erinnert hat, von dem ich dachte ich hätte es für immer verloren. Nun da ich weiß, dass es nicht so ist, bitte ich dich es mir wieder umzubinden.“ Er reichte ihr das Armband und sie band es lächelnd um sein rechtes Handgelenk. Er holte tief Luft. „Okay, vor dem nächsten hab ich ein wenig Angst. Einer aus McKays Team war etwa einen Monat vor der Beerdigung zu einer Hochzeit auf der Erde. Der Typ ist ein echter Ire aus Cork. Wir Sheppards haben ebenfalls irische Vorfahren und ich bat ihn, etwas für mich zu besorgen. Auf jeden Fall hat O’Shea es mir eine Woche vor der Beerdigung gegeben und ich hab immer auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, der irgendwie nie eintrat.“
„Warum erzählst du mir das alles?“ Victoria wusste nicht, was er mit dieser weitausschweifenden Erklärung bezweckte, erkannte aber an seinem Gesichtsausdruck, dass es wichtig für ihn war.
„Weil ich will, dass du weißt, dass ich das Folgende nicht der Umstände wegen mache, sondern weil ich es schon lange wollte.“ Er griff in seine Hosentasche, holte ein kleines Schmuckkästchen heraus und öffnete es. Als Victoria den Inhalt sah, wurde sie blass.
„John, das ist…“
„Ein Gladdagh. Ein irisches Symbol der Verbundenheit. Da ich ihn dir aber nicht einfach nur als Freundschaftsring schenken wollte, hab ich O’Shea gebeten, einen Diamanten einarbeiten zu lassen.“ Er holte den Ring aus dem Kästchen und nahm Victorias Hand. „Vica, ich liebe dich von ganzem Herzen und bitte dich mich zu heiraten, damit ich für dich und unser Kind da sein kann.“
Sie starrte immer noch gebannt auf das diamantene Herz, das von einer Krone und Händen aus Silber umrahmt wurde. Sie kannte die Bedeutung dieses Ringes. Sie wusste nicht woher, aber sie kannte sie. Sie hob den Kopf und John sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. Unfähig etwas zu sagen nickte sie nur und John war es, als fiele eine tonnenschwere Last von seiner Seele, als er ihr den Ring an den linken Ringfinger schob. Sie umarmte ihn und sie hielten sich immer noch fest, als sich die Sprechanlage in Johns Zimmer aktivierte.
„Colonel Sheppard sofort im Kontrollraum melden!“
Sie schaute ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Seit wann sind denn die privaten Zimmer mit den Kommunikationssystemen der Stadt verbunden?“
„Nur meins. Ich bin in den letzten Monaten nicht immer an mein Headset gegangen. Also hat Elizabeth Rodney gebeten, diese Veränderung vorzunehmen.“
Sie nickte verstehend und erhob sich. „Also los. Treten wir der Meute gegenüber.“

 

Elizabeth konnte nicht verhindern, dass sie eine gewisse Erleichterung verspürte, als sie John und Victoria gemeinsam in den Gateraum treten sah. Also hatten sie ihre Differenzen beheben können. Es würde endlich wieder so etwas wie Normalität in der Stadt einkehren können.
„Also, was ist los?“, erkundigte sich John, als sie bei den anderen angekommen waren.
Rodney deutete auf einen der Bildschirme, die hinter den Kotrollkonsolen waren, und wie wild blinkte.
„Die Sensoren der Stadt sind angesprungen. Wir hatten in den letzten Tagen ja ein paar Probleme damit und keine Sekunde zu spät hab ich sie wieder zum Laufen gebracht.“
„Wer war das?“, erklang Radeks Stimme unter einer der Konsolen.
„Okay, Radek hat dabei geholfen. Aber darum geht’s nicht. Die Sensoren haben entdeckt, dass ein Schiff in der Nähe des Planeten aus dem Hyperraum gekommen ist, sich aber nicht weiter annähert.“
„Ist es eines von unseren?“ Der kleine Funken Hoffnung in Elizabeth Stimme blieb niemandem verborgen und daher tat es Rodney wirklich leid, den Kopf schütteln zu müssen.
„Tut mir leid Elizabeth. Es ist ein Basisschiff und wir kennen nur einen Wraith der uns freundlich gesonnen ist und unseren Aufenthaltsort kennt.“
„Todd“, antwortete Elizabeth.
„Genau, aber der hat sich schon länger nicht mehr gemeldet“, gab Rodney zu bedenken.
Victoria blickte auf den Schirm und seufzte. „Wenn es Todd wäre, würde er sich dann nicht melden? Uns irgendwie bescheid sagen, dass er es ist?“ Sie schaute fragend in die Runde.
„Nun eigentlich schon. Aber, wie Rodney schon sagte, wir haben schon länger nichts mehr von ihm gehört. Eigentlich seit dem gescheiterten Plan Michaels Einrichtungen zu zerstören. Wir haben auch nie rausgefunden, wer die Mission damals verraten hat“, erklärte Elizabeth.
„Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass es Todd gewesen sein soll.“
„John, ich weiß, dass Todd so was wie Ihr Freund ist. Aber er ist auch ein Wraith“, sagte Elizabeth.
„Ein Wraith, der sich nicht mehr nähren muss. Ein Wraith, der uns schon mehrmals geholfen hat“, rief John ihr ins Gedächtnis.
„Vielleicht sollten wir später darüber diskutieren, wer die Mission verraten hat und die Stadt tarnen?“, fragte Victoria vorsichtig.
„Nun ja, da gibt es ein kleines Problem. Die Umschaltung von Tarnung auf Schild dauert etwas länger, und wenn wir wirklich angegriffen werden sollten, bekommen wir den Schild vielleicht nicht schnell genug aufgebaut“, erklärte Chuck.
„Aber wollt ihr wirklich das Risiko eingehen, entdeckt zu werden?“
Rodney schüttelte den Kopf. „Das wäre nicht gut.“
„Genau.“ Elizabeth nickte Chuck zu. „Aktivieren Sie die Tarnung der Stadt.“
Chuck nickte und kam sofort dem Befehl nach.

 

Die nächsten Minuten standen sie angespannt um den Bildschirm und beobachteten, wie das Basisschiff nun doch immer näher kam und schließlich in einen geosynchronen Orbit ging.
„Das ist gar nicht gut.“, meinte John langsam. „Vielleicht sollte ich schon mal die Sicherheitsteams alarmieren.“
Elizabeth nickte ihm zu und nachdem er Victorias Hand leicht gedrückt hatte, verließ er den Kontrollraum. Victoria verschränkte die Arme und dachte nach. So hatte sie sich ihren ersten Tag auf Atlantis nicht vorgestellt. Sie schaute auf ihren Ring und lächelte. Nun hatte sie noch mehr, für das es sich zu kämpfen lohnte. Sie würde ihr Möglichstes tun, um die Stadt und ihre Anwohner zu verteidigen.
„Dr. Weir, wir empfangen eine Nachricht. Nur Audio“, gab Amelia zu verstehen, die ebenso wie Chuck Dienst hatte.
„Stellen Sie sie durch.“
Amelia nickte und sofort klang eine verzerrte Stimme durch den Raum, die die meisten sofort als Michaels identifizierten.
„Ich weiß, dass Sie sich auf dem Planeten befinden. Ein Freund hat es mir verraten. Sie haben etwas, das ich haben möchte.“
Da das Leugnen ihrer Anwesenheit wohl sinnlos war, nickte Elizabeth Amelia zu, die sofort einen Kanal öffnete. „Und was ist das, wenn ich fragen darf?“
Ein kaltes Lachen ertönte. „Händigen Sie mir Teyla Emmagan und ihren Sohn aus. Wenn Sie mir ausliefern wonach ich verlange, dann werde ich versprechen Ihnen kein Leid zuzufügen. Sollten Sie sich jedoch weigern, so sehe ich mich leider gezwungen, die Stadt zu vernichten. Sie haben eine Stunde Zeit“, damit brach die Verbindung ab.
„Damit hat sich die Tarnung erledigt“, meinte Rodney trocken.
„Okay, sofort auf Schild umschalten.“ Elizabeth seufzte. „Michael kann doch nicht wirklich glauben, dass wir unsere eigenen Leute ausliefern?“
„Er ist ein Wraith“, kam es trocken von Ronon, der inzwischen zu ihnen gestoßen war. „Die denken nicht so wie wir.“ Er nickte Victoria kurz zu. Er war wirklich froh, dass sie wieder da war, dann wandte er sich wieder an Elizabeth. „Also, was machen wir?“
Sie dachte kurz nach und fällte dann eine Entscheidung.
„Wir werden jeden, der nicht unbedingt gebraucht wird oder nicht mit einer Waffe umgehen kann auf die Alpha-Basis evakuieren. Wer helfen will, ist herzlich willkommen. Aber er muss auch kämpfen können. Wir werden diese Stadt verteidigen, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln.“
„Aber, es ist doch nur ein Basisschiff. Kann John das nicht mit den Drohnen aus dem Stuhl abschießen?“, fragte Victoria ängstlich.
„Das wird er auch tun, aber die Wraith neigen leider zu Kamikazeangriffen, was bedeutet, sie werden in ihren Jägern auch direkte Angriffe auf die Stadt fliegen und sich in die Stadt porten. Und diese Wraith müssen wir bekämpfen“, erklärte Rodney, in dessen Stimme unterdrückte Panik mitschwang.
Victoria nickte verstehend. „Okay, ich geh mich umziehen.“
„Victoria, Sie sind erst seit knapp einer halben Stunde wieder da. Vielleicht sollten Sie auch auf die Alpha-Basis gehen.“
Victoria schüttelte bei Elizabeth Aussage den Kopf. „Mir geht es gut. Ich werde kämpfen. Atlantis ist jetzt auch meine Heimat. Und die werde ich verteidigen.“ Damit verließ sie den Kontrollraum, ging so schnell sie konnte in ihr Zimmer und zog sich um. Sie zog das gleiche Outfit an, wie damals, als sie John und die Anderen gerettet hatte. Dann ging sie in die Waffenkammer und holte ihr Katana. Sie dachte kurz nach und lief wieder in ihr Zimmer, schnallte sich ihre Dolche um und nahm das zweite Katana, welches bisher nur als Dekoration gedient hatte, an sich. Sie schnallte sich das Rückenholster um, das sie einst von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte, und steckte die Schwerter in die Scheiden auf ihrem Rücken. Sie blickte in den Spiegel, band sich die Haare zu einem hohen Pferdeschwanz und nickte sich selbst zu. Sie war die Quisaw von Atlantis und sie würde es verteidigen. Mit allen Mitteln, die sie hatte.

 

Als sie in den Konferenzraum trat, teilte John gerade die Sicherheitsteams ein. Ihr Eintreten quittierte er mit einem Stirnrunzeln, unterbrach aber nicht die Einteilung. Dann entließ er die Soldaten und alle Freiwilligen, die sich gemeldet hatten. Als Major Lorne an ihr vorbeiging, nickte er Victoria zu. Er war froh, dass sie wieder da war. Sie war eine der besten Kämpferinnen, die er kannte und auch John schien sich wieder besser auf die Sache konzentrieren zu können.
Nachdem der letzte den Raum verlassen hatte, blickte Victoria John lächelnd an.
„Und, wo soll ich meinen Posten beziehen?“
„Auf der Alpha-Basis. Du wirst zusammen mit JP und den anderen evakuiert.“
Sie blickte ihn ungläubig an. „Das kann nicht dein Ernst sein! Warum? Ich kann kämpfen, das habe ich oft genug bewiesen. Und mein Platz ist in Atlantis.“
Er schüttelte den Kopf. „Vergiss es! Du wirst nicht hierbleiben. Ich werde nicht erlauben, dass du so ein Risiko eingehst.“
„Ach auf einmal ist es ein Risiko? Was hat sich geändert? Was ist der Unterschied zu den Malen, als ich mit euch auf Einsätzen war und wir Wraithsoldaten begegnet sind? Was hat sich verändert?“
Sie blickte ihn wütend an und er seufzte. „Es hat sich alles verändert. Ich werde nicht zulassen, dass du mein Kind in Gefahr bringst. So einfach ist das.“
Victoria schüttelte den Kopf und versuchte ihm ihren Standpunkt klar zu machen. „Ich bin die Quisaw meines Volkes. Meine Aufgabe ist es, mein Volk zu beschützen, egal unter welchen Umständen. Und das werde ich auch tun. Ich werde die Stadt und meinen Quiwo nicht verlassen.“
„Vica, bitte.“
„Nein“, sie verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. „Du bekommst mich hier nicht weg.“
John blickte sie ernst an und erkannte, dass eine Diskussion mit ihr fruchtlos sein würde. „Wenn du Atlantis beschützen willst, dann wirst du meinen Befehlen folgen müssen.“
„Damit hab ich keine Probleme.“
„Okay“, er nickte langsam, „dann befehle ich dir hiermit, dich auf die Alpha-Basis zu begeben und dort für den Schutz der Leute zu sorgen.“
„Vergiss es.“ Sie konnte seinen Versuch sie auszutricksen durch aus anerkennen, aber sie würde nicht weichen. Unter keinerlei Umständen!
„Vica!“
„Nein!“, schrie sie ihn an. „Ich werde nicht gehen!“
„Und ich werde nicht zulassen, dass du dich und unser Kind durch deine Dickköpfigkeit in Gefahr bringst“, gab er ebenso laut zurück.
Victoria wirbelte herum um und ging Richtung Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um und schaute John traurig an. „Ich habe das Gefühl, als würdest du mir nicht vertrauen. Meinen Fähigkeiten nicht vertrauen. Ich bin schwanger, John, nicht krank. Und diese Tatsache wird mich beschützen. Ich werde hier bleiben. Ob es dir gefällt oder nicht.“ Damit ging sie hinaus. Sie bemerkte weder Elizabeth noch die Anderen, die die letzten Worte ihres Streites mit John mitbekommen hatten. Langsam ging sie in Richtung Stuhlraum. Ob John wollte oder nicht, sie würde in Atlantis bleiben und für seinen Schutz sorgen. Das war ihre Aufgabe als Quisaw. Wenn es notwendig war, musste sie den Quiwo beschützen. Außerdem lag in der Nähe des Stuhlraumes auch einer der Schildemitter und sie wusste, dass der Schild nur funktionierte, wenn er Energie von allen Emittern bekam. Also würde sie dort ihren Posten beziehen.

 

Elizabeth betrat langsam den Konferenzraum und entdeckte John, der niedergeschlagen am Konferenztisch lehnte. „Ist es wahr?“
Er hob den Kopf und sie seufzte. Er sah wieder genauso aus, wie in den letzten Monaten. Niedergeschlagen und ohne Hoffnung. „Was?“
„Ist Victoria wirklich schwanger?“ Er nickte langsam. „Oh mein Gott.“ Elizabeth blinzelte kurz. „Und Sie wissen es seit wann?“
„Seit sie mich vorhin in meinem Zimmer zur Sau gemacht hat. Sie weiß es etwa zwei Monate.“
„Und was wollen Sie tun?“
John lächelte leicht. „Ich habe sie gebeten mich zu heiraten. Das hatte ich schon vor, bevor wir zur Beerdigung ihrer Großmutter gereist sind.“
„Und?“ Elizabeth schaute ihn gespannt an und war ehrlich genug zu sich selbst um zuzugeben, dass sie neugierig auf den neuesten Tratsch war.
„Sie hat ja gesagt.“
„Das freut mich, John.“ Sie lächelte breit.
„Ja, ganz super.“ Er fuhr sich über die Haare und verschränkte dann die Arme. „Kaum bin ich verlobt, werden wir angegriffen. Was wir wahrscheinlich nicht überleben werden, auch wenn bisher nur ein Basisschiff über dem Planeten kreist. Und dann schaffe ich es noch, dass meine Verlobte sauer auf mich ist.“
Elizabeth legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter. „John, Sie sind ein Mensch, der sich immer um andere sorgt. Was nicht unbedingt eine schlechte Eigenschaft ist. Aber Victoria ist genauso. Wenn ich es richtige verstanden habe, also das was sie gesagt hat und auch ihr Verhalten, so hat sie Atlantis als ihre neue Heimat, ihren neuen Stamm auserkoren und als Quisaw des Stammes, muss sie ihn beschützen. Selbst wenn sie hochschwanger wäre. Das ist einfach ihre Natur.“
„Aber, wie kann ich es denn wollen, dass sie ihr Leben und das unseres Kindes riskiert, indem sie sich in Gefahr begibt?“, fragte er und sie konnte erkennen, dass das sein wahres Problem war.
„Sie wollen es ja auch nicht. Und daher wird Ihnen auch niemand einen Vorwurf machen. Mein Rat? Suchen Sie Victoria, entschuldigen Sie sich bei ihr und dann sorgen Sie dafür, dass sie bei dem Angriff in Ihrer Nähe ist. So können Sie immer ein Auge auf Sie haben.“
John nickte langsam. „Vielleicht haben Sie recht.“
„Natürlich habe ich das“, lächelte sie. „Aber bei einer Sache haben Sie unrecht.“ Er runzelte die Stirn. „Zwei weitere Basisschiffe sind aus dem Hyperraum aufgetaucht. Sie sind weiter weg und werden noch etwa einen Tag brauchen, bis sie die Stadt erreichen.“
„Und so lange wird Michael nicht warten.“
„Unwahrscheinlich. Also, gehen Sie Colonel. Klären Sie das mit Victoria“, er ging zur Tür, wurde aber von Elizabeth noch einmal auf gehalten. „Und John? Ich freue mich wirklich für Sie.“
Er nickte dankbar und machte sich auf die Suche nach Victoria.

 

tbc...