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Die Konkubine - 1. Teil

Chapter Text

Die Konkubine

 ~ Erster Teil ~

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Die folgende Geschichte erzählt etwas aus der menschlichen Vergangenheit des Lucien LaCroix, als er noch der römische Legat Lucius war.[1] Es schildert die Ereignisse, die schlussendlich dazu führten, dass er zum Vampir wurde.

Die Idee zu dieser Story wurde angeregt durch die kurzen Flashbacks über LaCroix‘ Vergangenheit als Römer in zwei zeitlich weit voneinander entfernten Folgen (Eine in Staffel 2 und eine in Staffel 3 von „Forever Knight“), in denen man kaum etwas über ihn erfährt.

Demnach war er ein römischer Offizier mit dem Vornamen Lucius. In der Serie wird er als „General“ angesprochen, ein Titel, den es in der römischen Armee zu dieser Zeit (1. Jh. n. Chr.) nicht gab. Der Titel „Legatus“ käme dem in etwa gleich, weshalb diese Anrede auch in der folgenden Story gewählt wurde.

Des Weiteren hatte er mit einer Frau namens Selene eine Tochter, welche Divia hieß und sehr an ihm hing. Es wird in der Serie vage gehalten, welche gesellschaftliche Stellung Selene bekleidete. In englischsprachigen Fankreisen geht man wie selbstverständlich davon aus, dass sie Betreiberin eines Bordells war. Dagegen spricht allerdings der Umstand, dass im Atrium des Hauses eine große Büste mit dem Abbild von Lucius steht. Sein Stand als Legatus weist ihn als einen Mann der Oberschicht aus, der eingedenk seiner hervorragenden Karriere sich bestimmt gehütet hätte, seine Büste in einem Freudenhaus zur Schau zu stellen. Üblicherweise tat man dies im Atrium seines eigenen Wohnhauses. Demnach könnte Selene auch seine Ehefrau gewesen sein, da sie in der Serie als Gastgeberin und Hausherrin fungiert. Das deutliche Missbehagen, das beider Mimik ausdrückt, als Lucius nach langer Zeit von einem Kampf in Gallien heimgekehrt ist und sie sich zum ersten Mal wiedersehen, passt dazu. Die Beziehung scheint ziemlich abgekühlt zu sein und lediglich die Vorstellung eines intimen Zusammenseins mit ihr zaubert ein Lächeln auf Lucius‘ Gesicht.

Wie das Verhältnis zwischen Selene und Divia ist, bleibt in der Serie ebenfalls im Dunkeln. Es sieht für den Zuschauer aber ganz so aus, als ob das Mädchen den Vater bevorzugt und sich für die Mutter überhaupt nicht interessiert.

Da die Story doch etwas länger wird, als ich anfangs vermutete, habe ich mich dazu entschlossen, sie in mehreren Teilen zu posten, um es sowohl für die Leserinnen und Leser als auch für mich etwas übersichtlicher zu machen.

Und nun wünsche ich euch viel Vergnügen bei der Lektüre dieser Geschichte.

Konstruktives Feedback ist immer willkommen.

Lucy

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1. Kapitel

 

Frühjahr 76 n. Chr.:

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An einem heißen Frühlingstag bewegte sich eine römische Legion in Richtung Attika auf die Hauptstadt Athen zu. Die Soldaten waren seit Stunden unterwegs gewesen, ohne Pause zu machen, da ihr Anführer, der Legat Lucius Marcellus, der für seine Härte und Unnachgiebigkeit bekannt war, noch vor Einbruch der Dämmerung vor den Toren Athens lagern wollte.

Der Hilferuf des Statthalters Fabius Maiorus Graeccus, der ebenfalls als harter Mann galt, ließ es ihn für angebracht halten. Zwar war es Fabius gelungen, die attischen Rebellen zurückzuschlagen und alle Häfen zu besetzen, dennoch rumorte es unter der einheimischen Bevölkerung, so dass man jeden Augenblick erneut mit Angriffen der Griechen rechnen musste.

Endlich war von weitem die Mauer der attischen Hauptstadt zu erkennen und Lucius, der selbst unter der Hitze litt, befahl endlich, eine kurze Pause zu machen, zumal die waldreiche Stelle, an der sie sich gerade befanden, ihm ein geeigneter Rastplatz zu sein schien.

Während sich die Männer niederließen, um sich auszuruhen und etwas zu sich zu nehmen, stieg Lucius vom Pferd, um sich ein wenig die Beine zu vertreten und sich in der Gegend umzusehen. Er überließ einem Soldaten das Tier, das dieser versorgte, während Lucius ein wenig herumspazierte. Nachdem er sich ein Stückweit von seiner Truppe entfernt hatte, erkannte er etwa 300 Meter vor sich eine Gruppe sehr großer, dichtbelaubter Bäume, die nahe beieinander standen. In der Hoffnung, innerhalb dieser Bäume ein schattiges Plätzchen zu finden, dass ihm ein wenig Abkühlung von der flirrend heißen Luft verhieß, ging er zielstrebig darauf zu.

Als Lucius näher an die Baumgruppe kam, sah er, dass das Laub tatsächlich sehr dicht zusammengewachsen war. Dennoch ließ er sich davon nicht abschrecken, sondern nahm sein Schwert aus der Scheide und schob damit das Grünzeug beiseite. Jetzt sah er, dass er zwischen den zwei Baumstämmen gut hindurchkommen würde und verschwand in dem Laub. Zu seiner Freude erkannte er, dass sich an diesem Ort ein kleiner Fluss befand. Gerade wollte er sich an dessen Ufer setzen, als er sich leise nähernde Schritte hörte. Rasch verbarg er sich hinter einem Baumstamm und wartete gespannt, wer nun kommen würde.

Einen Augenblick später trat eine kleine, in ein tiefblaues Kapuzengewand gehüllte Gestalt auf die Lichtung, schaute sich kurz nach allen Seiten um, zog dann das Gewand aus und ließ es neben sich zu Boden gleiten. Zum Vorschein kam ein schwarzhaariges Mädchen in einem hellblauen Kleid. Es trug die Haare hochgebunden am Hinterkopf, wie es in Griechenland gerade Mode war. Das Mädchen setzte sich nun an das Ufer des Flusses, zog seine Schuhe aus und tauchte die Füße in das Wasser. Mit einem Lächeln der Erleichterung schloss es die Augen.

Lucius, der seinen Blick nicht von dem Mädchen wenden konnte, kam zu dem Schluss, dass sie ebenso wie er einen Platz zum Ausruhen gesucht hatte. Was sprach dagegen, es ihr gleichzutun?

Er kam aus seinem Versteck hervor und näherte sich leise der kleinen Griechin, die ihn nicht zu hören schien. Dann ließ er sich unweit von ihr nieder, nahm seinen Helm vom Kopf und löste seine Schuhe ebenfalls von den Füßen, die er gleich darauf in das herrlich kalte Flusswasser tauchte. Das Geplätscher, dass er dabei verursachte, ließ die junge Frau erschrocken ihre Augen aufreißen und einen Blick neben sich werfen. Beim Anblick des römischen Offiziers weiteten sich ihre Pupillen und sie starrte ihn einen Moment sprachlos an. Lucius schenkte ihr ein freundliches Lächeln, schwieg aber ebenfalls.

Da die junge Griechin merkte, dass von dem Römer im Moment keine Gefahr auszugehen schien, beruhigte sie sich allmählich, behielt ihn jedoch die ganze Zeit im Blick.

„Bist du ein Gott?“ fragte das Mädchen schließlich fast ehrfürchtig.

Lucius lachte kurz laut auf und schüttelte den Kopf.

„Nein, das bin ich nicht! Wie kommst du denn auf diese Idee?“

„Deine Haare“, erklärte die Kleine in ernstem Ton. „Ich habe noch nie so helle Haare gesehen. Genauso müssen die Haare von Apollo beschaffen sein...“

„Ich versichere dir, Mädchen, dass ich nicht Apoll bin.“

Sie wandte ihren Blick von ihm ab und starrte auf ihre Füße, die sie immer noch im Wasser hatte. Lucius nahm belustigt zur Kenntnis, dass ihre Wangen eine leicht rosige Farbe annahmen. Offensichtlich war der Kleinen ihre Frage nun peinlich. Mit milder Stimme sagte er: „Ich bin zwar nicht Apoll, aber ich fühle mich durch den Vergleich doch sehr geschmeichelt.“

Das Mädchen schaute ihn daraufhin wieder mit leicht schräggestelltem Kopf an und schenkte ihm ein schüchternes Lächeln, das er erwiderte.

„Wie heißt du?“ fragte er.

„Mein Name ist Melina“, erwiderte das Mädchen. „Und wie lautet deiner?“

„Ich bin Lucius“, stellte er sich vor. „Lucius Marcellus.“

 „Lucius... der Leuchtende...“, murmelte sie und sah ihn versonnen an. „Dein Name passt zu deinen Haaren.“

Wieder lächelte sie ihn schüchtern an.

„Lucius, meinst du... meinst du, ich könnte mal...?“ begann sie zaghaft, brach dann jedoch ab und sah ihn nur mit großen Augen an.

„Was, Melina?“

„Ich... na ja, ich...“, stotterte sie und sah dann wieder verlegen auf ihre Füße. Ihre Wangen röteten sich noch etwas mehr als vorhin. „Ach, nichts...!“

„Du kannst mich alles fragen“, meinte Lucius in freundlichem Ton und beugte sich ein wenig zu ihr hin. „Hab keine Angst, ich fresse dich schon nicht auf, Mädchen.“

Melina lachte ein wenig, blickte aber weiterhin ins Wasser. Sie schien zu überlegen. Dann meinte sie nach einer Weile, während der sie immer noch ihren Blick gesenkt hielt: „Vielleicht hat mein Bruder recht, wenn er sagt, dass ich viel närrisches Zeug von mir gebe...“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass es närrischer ist als das, was die meisten anderen Leute auch sagen“, erwiderte Lucius. „Also, Melina, was möchtest du von mir wissen?“

Sie schüttelte den Kopf und flüsterte: „Du wirst mich gewiss auslachen...“

„Nein – Nein, ich werde nicht lachen. Ich verspreche es!“

Mittlerweile war Lucius doch recht neugierig geworden, was die Kleine von ihm wollte und weshalb es sie so verlegen machte. Sie schaute ihn jetzt erneut scheu an.

„Weißt du, deine Haare... sie sind so schön...“, wisperte sie.

Er schüttelte lächelnd den Kopf über diese Worte.

„Ich habe noch nie so helles Haar wie deines gesehen, Lucius“, fuhr sie leise fort. „Meist du... erlaubst du vielleicht, dass... dass ich es... berühre?“

Er starrte sie erst einen Augenblick überrascht an, dann lachte er verhalten. So einen merkwürdigen Wunsch hatte er nicht erwartet. Dieses Mädchen war einfach zu drollig.

Grinsend senkte er ihr sein Haupt entgegen und meinte: „Bitte!“

Melina schien zunächst sehr überrascht zu sein, dann jedoch hob sie ihre rechte Hand und strich ihm behutsam über das kurzgeschnittene Haar.

„Sie fühlen sich weich an“, murmelte sie und strich noch einmal darüber. Sie lächelte. „Du hast wirklich schönes Haar... so hell wie die Sonnenstrahlen...“

„Jetzt ist es aber gut“, meinte er und hob seinen Kopf wieder. Dabei sah er ihr direkt in die Augen. Sie waren groß und dunkel. Schöne schwarze Seen, in denen man sich verlieren konnte, wenn man nicht aufpasste. Unwillkürlich hob nun auch er seine Hand und strich ihr über die Wange. Mit solch einer Reaktion schien die kleine Griechin nicht gerechnet zu haben. Erschrocken wich sie ein wenig zurück.

„Na, na, Melina!“ ermahnte er sie mit leichter Ironie in der Stimme. „Zuerst solch ungewöhnliche Wünsche äußern und dann Angst davor haben, selbst berührt zu werden?“

„Ich habe nicht damit gerechnet“, entschuldigte sie sich und sah ihn mit ernstem Blick an. „Tut mir leid, Lucius, ich bin so etwas nicht gewohnt...“

„Tatsächlich nicht?“ wunderte sich der Römer. „Du bist doch sicher schon verlobt?“

„Nein, das kann man eigentlich nicht sagen“, erklärte sie. „Mein Vater möchte zwar, dass ich einen bestimmten Mann heirate, aber ich kann den Kerl nicht ausstehen.“

„Hast du das deinem Vater gesagt, Melina?“

„Ja“, sie nickte, ohne zu lächeln. „Aber er meinte, ich solle ihn erstmal besser kennenlernen.“

„Das klingt doch vernünftig“, meinte Lucius.

„Aber er ist mir von seiner ganzen Art her zuwider“, antwortete das Mädchen und blickte ihren Gesprächspartner traurig an. „Viel lieber möchte ich jemanden heiraten, den ich gern habe und der mir gefällt.“

Sie senkte den Blick erneut auf das Wasser und murmelte: „Eigentlich dürfte ich ja keine Forderungen an einen Mann stellen, aber... es ist doch bestimmt schöner, mit jemandem zusammen zu sein, den man richtig gern hat, oder?“

„Ja, das ist es“, stimmte Lucius ihr zu. „In Rom hält man das auch für das Beste, weshalb kaum ein Mann seine Tochter zwingen würde, jemanden zu heiraten, den sie absolut nicht mag.“

Melina schwieg. Sie schien immer noch bedrückt zu sein.

„Du solltest noch einmal mit deinem Vater sprechen, Melina“, meinte er in tröstendem Ton. „Ich bin sicher, dass er dich versteht.“

„Ich wünschte, es wäre so, aber das ist es nicht“, murmelte sie traurig. Jetzt erst schaute sie wieder zu Lucius hoch. „Er sagt, dass ich bestimmte Pflichten hätte und mich fügen solle. Weißt du, ich bin seine einzige Tochter.“

Lucius schüttelte den Kopf und schenkte dem jungen Mädchen einen mitleidigen Blick. Die Griechen waren schon ein seltsames Volk. Einerseits besaßen sie eine hohe Kultur, die bewunderungswürdig war, doch andererseits unterdrückten sie ihre Frauen und Töchter. Keine besonders gute Grundlage für eine Ehe. Wie sollten Menschen ihre Zuneigung füreinander entdecken und sich schließlich mit Liebe und Respekt begegnen, wenn nicht wenigstens Sympathie auf beiden Seiten vorhanden war?

„Was sagt eigentlich dein zukünftiger Ehemann dazu, Melina?“

„Ach, der!“ meinte das Mädchen wegwerfend. „Der sieht nur die Vorteile in einer Verbindung unserer beiden Familien. Für mich interessiert der sich überhaupt nicht. Er hat mich noch kein einziges Mal richtig betrachtet, sonst hätte ihn meine große Nase sicher abgeschreckt.“

„Was? Deine große Nase?“

Die Andeutung eines amüsierten Lächelns umspielte Lucius’ Mundwinkel, während er sich seine junge Gesprächspartnerin genauer ansah.

„Du hast keine große Nase“, stellte er fest und deutete mit dem Zeigefinger auf sein Riechorgan. „Das hier, Melina, das ist eine große Nase.“

„Ach, Lucius, du musst mich nicht aus Freundlichkeit belügen. Ich weiß, dass meine Nase zu groß ist. Mein Bruder hat das auch gesagt.“

„Ich bin sicher, dein Bruder wollte dich nur ärgern, Melina. Deine Nase ist in Ordnung.“

„Findest du das wirklich?“

Das Mädchen sah den Römer unsicher an. Dieser lächelte und gab ihr mit einem Finger einen Stups auf die Nase.

„Aber ja, Melina. Du hast ein niedliches Knollennäschen. Etwas anderes würde auch gar nicht zu dir passen... du bist ein hübsches Mädchen.“

„Du findest mich hübsch, Lucius?“

Die junge Griechin schien wirklich erstaunt zu sein. Lucius konnte es kaum glauben. Offenbar hatte ihr kein Mensch aus ihrem Umkreis je gesagt, wie anziehend sie wirkte. Er beugte sich wieder ein wenig näher zu ihr herab und antwortete in ruhigem Ton: „Ja, du bist sehr hübsch. Lass dir bloß von niemandem das Gegenteil einreden.“

Melinas Wangen röteten sich erneut. Sie senkte den Blick und lächelte. Dann schaute sie ihn wieder an und schwieg. Er konnte nicht anders, als ihr einen leichten Kuss auf die Wange zu drücken. Dabei fühlte er, wie heiß ihre mittlerweile rotglühende Wange war.

„Oh, Lucius“, hauchte sie kaum hörbar. Als er ihr über das Haar strich, schien sie jedoch wieder zu sich zu kommen. „Ach, das dürfen wir nicht...“

Sie zog ihre Füße aus dem Wasser, schnappte sich ihren Kapuzenumhang und trocknete sie damit ab. Dann schlüpfte sie schnell in ihre Schuhe und erhob sich.

„Ich muss jetzt gehen“, entschuldigte sie sich. Ein unüberhörbares Bedauern klang in ihrer Stimme. Ihr Blick war wieder traurig. „Es war schön, dich kennenzulernen, Lucius!“

Ehe er noch etwas erwidern konnte, hatte sie ihren Umhang übergeworfen, ihr Haupt mit der Kapuze verhüllt und war zwischen zwei Bäumen verschwunden.

Lucius seufzte. Er würde die kleine Griechin wahrscheinlich nie wiedersehen. Schade, denn ihre Gegenwart hatte ihm seinen Aufenthalt gerade etwas versüßt und die Zeit mit ihr war viel zu kurz gewesen. Nun ja, vielleicht könnte er sich später in einem Bordell trösten, sobald er das Gespräch mit dem Statthalter hinter sich gebracht hatte. Doch er wusste bereits jetzt, dass die Aufgabe, die vor ihm lag, äußerst unangenehm werden könnte...

 

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Melina eilte mit pochendem Herzen den verschlungenen Waldpfad zurück, der sie in den Garten ihres Elternhauses führte. Die Begegnung mit dem schönen, goldhaarigen Römer hatte sie doch sehr verwirrt. Dieser Lucius schien zu der Truppe zu gehören, die Fabius Maiorus Graeccus aus Rom angefordert hatte. Ihr Vater und einige andere der reichen Großgrundbesitzer hatten sich nämlich zusammengeschlossen und Fabius dazu aufgefordert, mit seinen Leuten aus Attika zu verschwinden.

Natürlich hatte sich Fabius nicht darauf eingelassen, worauf es zu einigen heftigen Kämpfen zwischen den römischen Besatzern und den griechischen Männern kam. Obwohl beide Seiten empfindliche Verluste erlitten, errangen die Römer einen strategischen Vorteil, da sie sich den Zugang zu allen Häfen erkämpften und diese besetzt hielten. Nur deswegen herrschte im Moment ein Waffenstillstand zwischen den attischen Bürgern und den römischen Besatzern.

Die Spione ihres Vaters berichteten jedoch, dass Fabius Boten nach Rom gesandt hatte, um den Imperator um Verstärkung gegen die Aufständischen zu bitten; und nun musste eine Legion bereits ganz in der Nähe sein, sonst wäre ihr Lucius nicht begegnet.

Melina wusste, dass es ihr eigentlich verboten war, das Grundstück zu verlassen, da sich die Stadt im Kriegszustand befand, aber ihre Sehnsucht danach, wenigstens einmal am Tag für sich allein zu sein, war größer als die Angst vor der Strafe durch ihren Vater oder davor, den Römern in die Hände zu fallen. Und so schlich sie wie bisher an ihren geheimen Lieblingsplatz im Wald, um im Fluss zu baden oder wenigstens einmal ihre Füße in das herrlich kalte Wasser zu tauchen. Bislang war sie dank der Hilfe der alten Quella, ihrer Amme, die jedes Mal, wenn sie verschwunden war, behauptete, ihr >Lämmchen< hätte sich wegen Kopfschmerzen hingelegt, nicht erwischt worden. Melina mochte sich gar nicht vorstellen, wie zornig ihr Vater werden würde, sollte er je herausbekommen, dass sie heimlich allein das Haus verließ. Doch glücklicherweise ahnte er bis heute nichts von ihrer Lieblingsstelle im Wald, da es ein Geheimnis zwischen ihr und Quella geblieben war.

Der alten Amme passte Melinas Verhalten zwar auch nicht und sie bat sie immer wieder eindringlich, endlich davon abzulassen, den verborgenen Fluss aufzusuchen, doch das Mädchen wollte nichts davon wissen. Dieser Ort war ihr seit dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren eine Stätte der Ruhe und Zuflucht geworden, an dem sie allein sein wollte.

Ihre Mutter war durch die Geburt ihres jüngsten Sohnes dermaßen geschwächt gewesen, dass sie ein paar Tage später starb. Ein Verlust, über den Melina niemand hinwegtrösten konnte.

Umso bitterer traf es sie, als ihr Vater letztes Jahr wieder heiratete. Er hatte es aus politischen Gründen getan, um einen starken Verbündeten für seinen Widerstand gegen die römischen Besatzer zu gewinnen. An Megara, der Schwester seines Bundesgenossen, einer dünnen Frau mit spitzem Kinn und ebensolcher Nase, lag ihm nicht viel. Er kümmerte sich kaum um sie und bekam deshalb auch nicht mit, wie gehässig und bösartig Megara innerhalb des Hauses zu den Sklaven und vor allem zu ihr war. Melina erschrak, als sie sah, mit welch giftigen Blicken die Stiefmutter ihren kleinen Bruder Kimon bedachte, der aufgrund dessen sofort zu weinen begann und in Quellas Arme flüchtete.

Jedenfalls war die neue Frau ihres Vaters bei niemandem besonders beliebt und Quella meinte, man müsse sich vor ihr in Acht nehmen.

Seit ein paar Tagen wusste Melina, dass Quella mit dieser Warnung recht gehabt hatte. Ihr Vater hatte sie zu einem Gespräch unter vier Augen zu sich gebeten. Dabei erklärte er ihr, dass er sich unlängst mit Megara unterhalten und diese ihn darauf hingewiesen hätte, wie vorteilhaft es doch wäre, wenn die Verwandtschaft zwischen ihm und ihrem Bruder Alexandros noch weiter gefestigt würde. Scheinbar hielt ihr Vater das für eine gute Idee, denn er eröffnete ihr, dass er sie mit Alexandros verheiraten wolle. Entsetzt hatte Melina dies abgelehnt und erklärt, dass der Bruder ihrer Stiefmutter ihr zuwider wäre. In strengem Ton ermahnte sie daraufhin der Vater, dass sie ihm zu gehorchen habe. Eine Verbindung ihrer beiden Familien sei ein großer Vorteil und Alexandros von guter Familie. Sie würde ihn sicherlich schätzen lernen, wenn sie ihn erst einmal besser kennengelernt habe.

Unter Tränen war Melina damals in ihr Gemach zurückgekehrt und hatte sich bei Quella ausgeweint. Die alte Amme konnte ihr aber auch keinen Trost geben, denn sie räumte ein, dass eine Tochter dem Vater gehorchen müsse und ihr wohl nichts anderes übrig bliebe, als Alexandros’ Frau zu werden.

Melina bat daraufhin ihren älteren Bruder Leandros, den Vater umzustimmen. Er versuchte es auch, aber Theodoros blieb hart. Das lag nicht zuletzt an Megara, die in letzter Zeit kaum von der Seite ihres Ehemannes wich und meinte, dass Kinder ihrem Vater vorbehaltlos zu gehorchen hätten und Melina, die sowieso viel zu sehr verwöhnt worden sei, sich zu fügen habe.

„Unsere Stiefmutter hat großen Einfluss auf Vater“, erklärte Leandros ihr dann später. „Sie hat nicht nur einen mächtigen Bruder, weshalb Vater sie überhaupt zur Frau genommen hat, sondern ist auch noch guter Hoffnung, was ihn überglücklich macht. Ich fürchte, du musst dich damit abfinden, Alexandros zu heiraten. Tut mir leid, Melina. Wenn ich einen Ausweg wüsste, würde ich diese Hochzeit verhindern.“

Nun ja, ihr Bruder hatte wenigstens versucht, Vater umzustimmen. Ihre einzige Hoffnung war nur noch, dass der Widerstand ihres Vaters, seines Verbündeten und ihrer Anhänger von den römischen Besatzern gebrochen wurde. Vielleicht machte dies die Hochzeitspläne ihres Vaters zunichte und sie konnte wieder unbeschwert leben.

Wer konnte es ihr also verdenken, dass sie ihren Lieblingsort im Wald aufsuchte, um dort eine Weile vor den Widrigkeiten des Alltags und ihrer unerfreulichen Zukunft an der Seite Alexandros’ zu flüchten?

Ein bitteres Lächeln umspielte Melinas Mund, als sie daran dachte, wie sehr ihr Vater toben würde, wenn er heute gesehen hätte, wie sie mit einem römischen Offizier zusammen am Ufer des kleinen Flusses gesessen und ihre Füße im Wasser gekühlt hatte. Jeder Römer galt ihm als hassenswerter Feind – und dabei hatten die Athener lange Zeit in friedlicher Koexistenz mit ihren Besatzern gelebt, die ihnen viel Freiheit ließen und ihre Kultur sogar dermaßen bewunderten, dass die meisten Römer griechisch sprachen. Sie schienen ein offenes Volk zu sein, weshalb Melina es nicht verstand, dass einige ihrer Landsleute sich strikt weigerten, die lateinische Sprache zu erlernen, obwohl dies Pflicht war und das Zusammenleben mit den Besatzern wesentlich erleichterte.

Ihr jedenfalls waren die Römer sehr sympathisch – und dieser Lucius war so freundlich gewesen. Er war ein sehr viel angenehmerer Zeitgenosse als der überhebliche Alexandros, der ebenso hässlich war wie seine spitzgesichtige Schwester.

Ach, wenn dieser unsinnige Krieg nicht wäre, könnten sie und Lucius bestimmt gute Freunde werden. Er gefiel ihr außerordentlich gut. Ein großer, kräftiger Mann, bei dem sich gewiss jede Frau gut geschützt fühlte. Schade, dass sie ihn wohl nie wiedersehen würde.

Mit traurigem Blick erschien sie an die Gartenpforte, an der Quella schon mit besorgtem Gesicht auf sie wartete.

„Endlich seid Ihr da, kleine Herrin“, flüsterte sie. „Euer Vater hat Euch vor einer halben Stunde zu sich gebeten und mittlerweile schon dreimal einen Sklaven geschickt, der fragte, wo ihr denn bliebet. Der Herr ist ziemlich ungehalten. Es muss um etwas sehr Wichtiges gehen, denn der Sklave erzählte mir, dass Euer Vater die ganze Familie sprechen wolle.“

„Wenn es so ist, sollten wir meinen Vater nicht länger warten lassen“, erwiderte Melina. „Komm, Quella, begleite mich zu ihm!“

„Aber Ihr könnt doch nicht so vor ihm erscheinen“, protestierte die Alte. „Euer Umhang ist unten ziemlich schmutzig.“

„Das lass nur meine Sorge sein, Quella! Komm jetzt, mein Vater wartet!“

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[1] Legatus Legiones = Anführer einer Armee (entspricht in etwa dem modernen Begriff „General“)